Die Evangelische Bibelgemeinde (EBG) Aarau hatte sich entschieden, Ende November eine Evangelisation durchzuführen, und sorgte also dafür, dass ein entsprechender Flyer in diverse Briefkästen in Aarau verteilt würden – so auch eines Freundes von mir, woraufhin wir entschieden, die Abschlusskonferenz ihrer Vortragsreihe am Sonntag zu besuchen. Ihn interessierte es, und ich gehe nicht «meine alte Freikirche» allein besuchen.
Ich wusste natürlich, dass einige mich kennen, und andere weniger, wusste aber auch nicht, wer denn alles dort sein würde. Einzelne erkannten mich ohne Weiteres – dann hiess es «hallo Angi!» (ein Spitzname, mit dem ich zu EBG-Zeiten immer vorgestellt wurde), während sie sich meiner Begleitung vorstellten – und andere sahen mich an und waren unsicher. Ist auch schon lange her, und ich war mir ja auch nicht bei allen sicher.
Der Ort selbst fasst wohl rund 200 Personen, und während mehr als die Hälfte der Plätze belegt waren – einige auch durch Kinder – so blieben trotzdem einige mehr leer. Ein Grossteil der jüngeren Frauen sass mit Kind (von Baby über Kleinkind zu grösseren Kindern) da, und ein zweiter, kleinerer Raum hatte Sofas und diente den Müttern und ihren Kindern als Rückzugsort. Meine Begleitung beschrieb die EBG, vermutlich nicht zuletzt deswegen, als «enorm familienfreundlich». Ergibt natürlich auch Sinn, eine Gemeinde, die so viele Kinder hat, ist aber auch nicht ganz selbstverständlich.
Vom Gitarrenchor ohne Gitarren
Bei unserem Eintreffen hatte der Gesang bereits begonnen, also setzten wir uns und sangen mal mit. Dieses Mal darf ich mich nicht beschweren, dass mir die Lieder wieder zu hoch waren – ich war ja zu spät und nicht eingesungen, auch wenn ich mich langsam frage, ob es in der EBG eher Alt bis Mezzosopran und weniger Sopranstimmen gibt für viele Lieder, die letzteres erfordern würden, hat; mich selbst eingeschlossen. Dazu gab es tatsächlich noch einen Chor: «Geschwister», also Glaubensgeschwister, seien extra aus Bern angereist, um an diesem Morgen zu singen. Nachmittags wechselten dann der Männerchor (Aarau) und der «Gitarrenchor» ab mit ihrem Gesang. Der Gitarrenchor hatte keine Gitarre dabei, weswegen ich mich mehrfach fragte, ob ich es falsch verstanden hatte, bis ein Prediger selbst einen entsprechenden Witz darüber machte, dass sie diesmal eben keine Gitarre dabeihätten. Die Lieder handelten, besonders anfangs, primär von Lob und Dank, mit nur einem kleinen Teilsatz im Stil von «komm auch du» in einer der Strophen. Ich hätte tatsächlich viel mehr und viel evangelistischere Lieder erwartet – es gibt im Singbuch ja extra ein Kapitel von Liedern mit dem Titel «Evangelisation».
Eine grösstenteils übliche Einleitung
Die Moderation begann also, und nach einem Lied des Chores wurde gebetet. Dies so wie üblich: Zuerst wurde Gott gedankt, dass man selbst «durch das Blut reingewaschen» wurde, eine sehr übliche Formulierung, dann ein Beten um den Segen für den «Bruder», der predigen würde, sowie «uns», damit wir «verstehen», was Gott uns mitteilen will, sowie ein nicht unübliches «öffne Herzen» (für Gottes Wort). Dabei kann man interpretieren, dass es um Personen geht, die noch «ungläubig» sind, also vermutlich meine Begleitung und mich, aber es können genauso gut Gläubige gemeint sein, die beispielsweise wegen eigenen Stolzes gerade etwas Mühe haben, die Predigt für sich anzunehmen. Ein wenig angesprochen fühlte ich mich natürlich trotzdem.
Die Predigt machte an diesem Morgen Philipp Grossenbacher, ein Prediger, den ich in meiner EBG-Zeit sehr gut kennenlernte (s. Aussteigerbericht EBG). Heute ginge es um Psalm 71, morgens um die erste Hälfte, nachmittags die zweite, und die «nachfolgenden Brüder» dürften dann anknüpfen, wo sie wollten. Philipp begann also, über den Psalm zu sprechen, dass er aufgrund des Inhaltes annähme, es sei ein Psalm von David (was durchaus der Annahme vieler anderer entspricht, aber wissen tun wir es nicht), und basierte seine Predigt auf dieser Annahme. So sprach Philipp darüber, dass die im Psalm beschriebene «Zuflucht» für uns heute «der Herr Jesus Christus» sei, und es keine andere Zuflucht und keinen anderen Weg zum «ewigen Leben» gäbe. Relevant hierbei: die Formulierung, dass «religiöse Taten» nicht reichen. Beispielsweise, in die Kirche zu gehen. Auch dies eine sehr übliche Herangehensweise aller Freikirchen, das Betonen, dass die persönliche Beziehung mit Gott ausschlaggebend sei. Dies machte ein anderer Prediger – der hier nicht gepredigt hatte – übrigens auch im persönlichen Gespräch mit meiner Begleitung: Er erzählte (auf die Frage, ob er eine Ausbildung zum Prediger gemacht hätte), dass er täglich die Bibel lese und eine persönliche Beziehung zu Gott führte. Im Rahmen der Freikirchenszene ist das natürlich sehr üblich.
Erstaunt hat mich bereits sehr früh, wie sehr Philipp über Jesus als positive Zuflucht geredet hat, und im Verlauf der Predigt, wie wenig er über Gott als strafenden Gott sprach. Dies kam tatsächlich erst viel später, bei einem Zeugnis eines anderen. Zuvor sprach Philipp darüber, dass David sicherlich auch Zweifel hatte, und «sich durchringen» musste.
Wenn Tod Gottes Plan ist
Dann diskutierte er, ob jemand zuschanden komme, wenn er auf Gott vertraue, und nahm Stephanus aus der Apostelgeschichte 7 als Beispiel. Wer nicht nachlesen möchte: Nachdem Stephanus eine Rede zum Thema «Gott» hielt und gegen Ende seine Zuhörer als «halsstarrig und unbeschnitten an Herzen und Ohren» (Apostelgeschichte 7, Vers 51, gemäss Lutherbibel 2017) bezeichnete, wurden die anderen (hier: die damalige religiöse Elite) wütend, und steinigten ihn draussen. Er aber sah «die Herrlichkeit Gottes», ehe er starb. Philipp thematisierte dies, indem er erklärte, dass Stephanus nicht zuschanden wurde – er ist zwar gestorben, aber er konnte in die Herrlichkeit Gottes kommen: «Er isch heigange», nach Hause gegangen, eine Formulierung, die in der EBG für gläubige Verstorbene verwendet wird. Gott helfe uns dann schon «zur richtigen Zeit». Ich weiss ja, es entspricht der Weltanschauung der EBG, aber etwas wild fand ich es schon: ein Beispiel eines gesteinigten Mannes zu verwenden, um zu sagen, dass Gott zur richtigen Zeit hilft. Vielleicht wilder daran: Dass ich weiss, dass ich genau das auch mal geglaubt habe. Schön für die Glaubenden ist natürlich die Sicherheit, die man dadurch hat: Egal, wie schlecht es einem geht, Gott steht immer irgendwie dahinter, auch wenn man dann doch stirbt – danach kommt ja dann das ewige Leben.
In diesem Kontext des Gottvertrauens einigermassen erwartbar ist auch das Beispiel von Isaaks «Schlachtung», oder fast-Schlachtung, durch Abraham, mit der Aussage «Abraham glaubte, da nichts zu hoffen war». Ich fand diese Unterscheidung interessant – für mich hängen die beiden sehr stark miteinander zusammen, aber Philipp scheint bewusst zu unterscheiden. Ausserdem habe ich mich, vermutlich das erste Mal, gefragt, ob es Kindern guttut, dieses Beispiel in einer Predigt zu hören. Je nachdem ist es fast, als würde den eigenen Eltern gesagt werden, «wenn ihr eure Kinder umbringen sollt, weil Gott es sagt, macht das; es kommt schon gut». Ich glaube, mich hätte das als Kind irgendwie belastet.
Neben dem bewährten Gottvertrauen («er hat uns schon alle bewahrt», mit allgemeiner Zustimmung) thematisierte Philipp dann kurz Hiob – «die anderen sehen, wie wir uns in schwierigen Zeiten verhalten». Ich vermute, er hatte da schon zu lange geredet, denn er führte mit einem «da können wir jetzt nicht auf alles eingehen» über zu einem Tipp für ebendiese schwierigen Zeiten: Es gäbe immer Grund zu loben und danken, beispielsweise dafür, «dass alles gut lief mit der Evangelisation», dass wir «noch Glaubensfreiheit in der Schweiz» hätten. Die EBG erwartet, wie viele andere Freikirchen, dass diese Glaubensfreiheit in der Endzeit – in welcher wir uns übrigens befinden, ich glaube, da sind sich alle Freikirchen einig – nach und nach abnehmen wird, und in den Jahren kurz vor dem Jüngsten Gericht bzw. Jesu’ Zweiten Kommen besonders inexistent sein wird.
Ein ungesetzlicher Vorschlag
Zudem schlug er vor, dass die Gläubigen doch die «Verheissungen» Gottes aufschreiben sollen, damit sie es dann in eigenhändiger Schrift lesen können. Zum Beispiel, indem sie es auf Zettel schreiben und diese dann herausholen, wenn die schlechten Zeiten da sind. Er schloss diesen Teil ab mit «Ich möchte euch nicht ein Gesetz vorschreiben, aber mach’s doch einfach mal für dich persönlich». Die EBG wird in der Freikirchenszene von denen, die sie kennen, nicht ungern als «gesetzlich» bezeichnet. Dies hat nichts zu tun mit dem geltenden (z.B. Schweizer) Recht, und alles zu tun mit der Auslegung der Bibel, und deren Einfluss auf das Alltagsleben. In der EBG fühlte es sich häufig so an, als müsse man gewisse Dinge tun oder eben lassen, weil es nicht sehr biblisch war – sozusagen mehr Regeln als die Bibel vorschreibt, wie die Tatsache, dass ich mit dem Schlagzeug spielen aufhören «musste», weil es sich um ein «teuflisches Instrument» handle, oder Frauen keinen Schmuck tragen (Ausnahme: Ehering). Dies hatte ich in meinem Artikel zur Gemeinde für Christus letztes Jahr (Artikel zur GfC) etwas mehr thematisiert. Als Philipp also diesen Gesetzeskommentar machte, fragte ich mich, ob die Kritik an der Gesetzlichkeit hier angekommen war.
Zum Zeitdruck und den Zeugnissen
Der erwartete Zeitdruck, dass man sich möglichst demnächst bekehren sollte, kam hier fast unbemerkt gegen Ende, mit einem beiläufigen «schauen wir auf Gott, solange wir noch da sind». Anschliessend wechselte es mit einem «Das Wort ist frei, Brüder» zum Zeugnis. Dass nur Männer Zeugnisse ableg(t)en, war natürlich zu erwarten.
Wenn Gott zermalmt
Einer erzählte, dass er für den ersten Evangelisationsabend um ein einleitendes Gebet gebeten wurde, und sich erst noch aufregte, wie wenig Menschen anwesend waren – er habe gedacht «was ist das für ein Zeugnis nach aussen mit so wenig Menschen?». Fairerweise darf man sagen, und den Gedanken hatte er selbst auch, dass am betroffenen Tag unerwartet viel Schnee gefallen war und das wohl auch einen Einfluss darauf hatte, dass viele Menschen nicht auftauchten. Er habe sich gefragt: «Was haben wir zu bieten?» seine Antwort, kurz zusammengefasst: Gott. Denn: Im Gebet, das er so begann, «wie man ein Gebet so anfängt», sei er in die Gegenwart Gottes gekommen und habe gemerkt, dass es nur auf ihn ankommt. An und für sich auch ein schönes Erlebnis. Er führte weiter aus, dass Gottes Gnade ewiglich währe, gegen jene, die es annähmen. Die anderen seien Gottes Feinde, mit welchen er «grob» umgehe. Ein Fels für Gläubige sei eine Zuflucht, die anderen werden vom Felsen zermalmt. In solchen Fällen frage ich mich immer, ob sie mich (mit)meinen. Nach dieser halben Drohung endete er sein Zeugnis mit «Werden wir es [gemeint: die Gnade] annehmen?», und ein neues Lied folgte. Ausserdem, denke ich, darf gesagt werden, dass es sich bei diesem «Bruder» auch um einen Prediger handelt, der einfach dieses Mal nicht gepredigt hatte. Oder zumindest nicht dafür eingeteilt war.
Gnade für verhärtete Herzen?
Was diese Gnade angeht, so nahm er den Pharao (von Moses, s. 2. Mose 7) als Beispiel. Dieser hätte Zeit gehabt, um Gottes Gnade anzunehmen, und es doch nicht getan. Dieses Beispiel ist natürlich nicht optimal, denn in genau dem Kapitel steht, dass Gott gesagt habe «Aber ich will das Herz des Pharao verhärten und viele Zeichen und Wunder tun in Ägyptenland» (2. Mose 7, 3, Lutherbibel 2017). Wenn Gott sagt, er lasse nicht zu, dass der Pharao ein «geöffnetes» oder meinetwegen «weiches» Herz habe, glaube ich nicht, dass wir ebendem Pharao das vorwerfen könnten – Gott hat es ja verhindert, laut Bibel. (Dies ist übrigens ein Kritikpunkt, der ab und an auch in den Kreisen der ehemaligen Freikirchler:innen thematisiert wird.)
Von Hunden und der Mittagspause
Ein Zeugnis betraf ein Erlebnis in Papua Neu Guinea. Er erzählte, wie ein Einheimischer sich hinter ihm vor Hunden versteckt habe, und fragte, warum jener dies wohl gemacht habe. Ich dachte «naja, ‘weil er wusste, Gott schützt ihn’ wäre jetzt ein wenig weit hergeholt», und ein Gemeindemitglied kommentierte «vielleicht war’s ihm egal». Sein Punkt war aber, dass die «Weissen» dort den Hunden nichts taten, und die Einheimischen eher noch, sodass die Hunde nicht auf die Weissen losgingen. Das war eher auch ein wenig weit hergeholt, aber auf jeden Fall passierte beiden nichts.
Die weiteren Zeugnisse waren eher «alltäglichere» Probleme, bei denen Gottes Gegenwart den Männern geholfen hatte, und das darauffolgende Lied war etwas evangelistischer mit dem Text: «Erwählet noch heute, wem ihr dienen wollt». Der Abschluss machte einer, der erzählte, es sei «nicht Mode, das Zeugnis mit sich zu tragen», da es darum ginge, dass man das «schon allein kann». Der Psalm sei genau das, was wir brauchen, und das würden wir «dann» sehen. Und darauf begann die Mittagspause.
Wie ich in dieser herausfand, lag der Grund für die Evangelisation in der sich weiterhin zuspitzenden Endzeit. Ein Gemeindemitglied, welches ich auch seit damals kenne, erwähnte relativ beiläufig, dass wir trotz der weltweiten Ereignisse «keine Angst zu haben brauchen». Ich fragte mich schon, wie sie zu aktuellen politischen Ereignissen standen, aber wenn diese in einer Glaubensgemeinschaft weniger thematisiert werden, finde ich das ehrlich gesagt nicht schlimm. Ansonsten verbrachte ich meine Mittagspause wie üblich, und traf einige Bekannte, die ich – verständlicherweise – schon lange nicht mehr gesehen hatte.
Theologie im Wandel?
Am Nachmittag ging es mit einem anderen Prediger, Ephraim, weiter. Den hatte ich zuvor nicht gekannt, oder wenn schon, dann nur am Rande. Er sprach darüber, was ihm besonders gefiel an Psalmen, denn «man sieht ins Herz, wir sehen ein Gebet eines Menschen.» Ich horchte auf – hiess das, die EBG begann, die Bibel als eher historisches Dokument zu sehen? Er relativierte seine Erkenntnis dann auch mit einem «es ist Gottes Wort, wohlverstanden!» und erklärte, dass der Psalmschreiber sich «nicht verstellte». Ich sehe seinen Punkt: In Psalmen sieht man die verletzliche Seite von Menschen, dieselbe Verletzlichkeit, welche die Mitglieder auch bei den Zeugnissen gezeigt hatten. Dann fühlt man sich natürlich weniger allein, was auch eine schöne Erfahrung ist. Die man allerdings auch ausserhalb der Freikirchenszene machen kann.
Das Vertilgen der Feinde und die gewaltvolle Sprache
Der Psalm beinhaltet einige Formulierungen, bei welchen ich mich fragte, wie diese thematisiert würden – besonders Vers 13: «Es sollen sich schämen und vertilgt werden, die meine Seele anfeinden; in Schimpf und Schande sollen sich hüllen, die mein Unglück suchen!» (Schlachter 2000). Bei der UK-Abschlusskonferenz letztes Jahr gab es vergleichbare Verse, wobei jene etwas gewaltvoller waren, und die gar nicht thematisiert wurden in der Predigt. Das bemängelte ich bei meinem Artikel zur UK-Konferenz auch. Dieses Mal aber wurde der gesamte Psalm diskutiert, auch diese von den Predigern als «alttestamentlich» bezeichneten Teile. Hier hiess es aber, dass mit «Feinden» nicht Menschen gemeint würden («denn unsere menschlichen Feinde sollen wir lieben», wie der Prediger meinte), sondern die «Gewaltigen», sozusagen die unsichtbaren Mächte «in der Luft», welche Gläubige angreifen würden. Gemeint: Der Teufel und was von ihm «gesteuert» wird. Jene Mächte sollen in Schimpf und Schande landen. Genau genommen: sich in Schande hüllen. Ephraim nutzte dies und erklärte, dass die «Selbstanklage in der Hölle sehr schlimm» sein würde, und jeder sich immer selbst anklagen würde. Ja, den Selbsthass möchte ich nicht, aber meiner Erfahrung nach kommt er eher noch davon, dass einem erklärt wird, alles an einem selbst sei falsch und sündhaft. Am Vormittag wurden die «Kämpfe» ebenso thematisiert, denn «unser Kampf ist nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit den Gewaltigen in der Luft», ein Glaubenskampf. Ich bin froh, dass sie das aktiv relativieren.
Was sich gehört, und wie man Unfälle vermeidet
Ephraim erzählte weiter, dass eine demütige Haltung sich «gehört für einen Christen», und dass ohne Gottes Hilfe nichts möglich war. Er erzählte, wie er einem Familienmitglied bei etwas geholfen hatte (Bäume fällen, als gelernter Forstwart), und er wusste, dass er das ohne Gott nicht geschafft hätte. Als ihm im Familienchat, in welchem auch ungläubige Verwandte waren, gedankt wurde, «durfte» er, wie er erzählte, auch Zeugnis ablegen (er habe es gern gemacht, aber ohne Gottes Hilfe ginge nichts).
Er erklärte, dass uns Gott durch das Wort (die Bibel), die Predigt, den Heiligen Geist, und das Gewissen lehre. Ich finde diesen letzten Punkt etwas schwierig, denn: Irgendwoher kommt dieses Gewissen, und wenn ich keinen Freikirchenhintergrund habe, könnte es ja sein, dass ich etwas mache, das hier «falsch» wäre, und ich das gar nicht so empfinde. Wie eben die Situation mit mir und meinem Schlagzeug.
Nach seiner Predigt sang erst der Männerchor («bist du noch am überlegen», wieder ein evangelistisches Lied) und dann wurde wieder um Zeugnisse gebeten, diesmal mit einem «Macht kurz, seid so gut.» Ein Deutscher erzählte, wie er auf der (deutschen) Autobahn einem Unfall knapp entkommen war, natürlich mit der mutmasslichen Begründung, dass Gott ihn bewahrt hatte. Ein nächster Mann erzählte, dass sein Kind auf einer Wanderung durch das Gebet neu Kraft für den Rest der Wanderung erhalten hatte.
Eine anscheinend doch vergebbare unvergebbare Sünde
Ein weiteres Zeugnis handelte von einem älteren Mann, der «die Sünde gegen den Heiligen Geist» begangen hatte und von einem Prediger seelsorgerisch betreut wurde. Gemäss Bibel: «wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.» (Markus 3, 29, Lutherbibel 2017). Der Mann habe ausgeführt, dass für alle Vergebung sei, ausser für ihn, und der Prediger habe nicht gewusst, was er ihm sagen sollte. Anscheinend habe er es am Ende seines Lebens doch wieder «gesehen». Für mich unerwartet: Dass die EBG predigt, dass er hier doch Vergebung erhalten kann. Finde ich nicht schlimm für ihn, aber bei genau dieser Stelle ist die «irrtumsfreie Bibel» dann doch sehr explizit. Ich komme nicht umher, mich zu fragen, warum genau diese Sünde plötzlich vergeben werden kann, wenn es bei allem anderen doch heisst «die Bibel ist klar». Man könnte die Bibel ja konsequent (statt nur wenn’s passt) relativieren.
Der Punkt des Mannes, der das Zeugnis ablegte: Solche Zweifel hätten wir alle, und Gott mache uns «wieder lebendig», und hole «uns raus».
Auch biblische Stellen wurden im Zeugnis thematisiert, einerseits Jesu Tod (bei welcher die Elite kommentierte «er hat auf Gott vertraut, der rette ihn», und Jesu blieb, denn «es hat ihm gefallen», «uns zu retten»), und andererseits Daniel, welcher so vorbildlich war, dass das Einzige, was ihm seine (menschlichen) Feinde vorwerfen konnten, sein Glaube war. Wie jene Feinde wollten unsichtbare Mächte auch «uns» fertig machen, und brächten viel Not und Unglück, doch Gott mache lebendig.
Der feste Baum
Auch hier wurde der Baum, der sich selbst immer mehr verankert, je mehr es stürmt und windet, thematisiert. Das letzte Mal, als ich das gehört hatte, war ich noch in der EBG, und telefonierte mit einem EBG-Mitglied. Ich habe diesen Baum aber in meinem Aussteigerbericht kurz thematisiert. Als Philipp dann denselben Baum aufgriff, kam ich nicht darum, mich angesprochen zu fühlen. Er erklärte, dass Gott Stürme in unser Leben schicke, damit wir fester verankert würden, und dass wir Blickkontakt mit Gott halten sollen. Er endete sein Zeugnis mit dem Wunsch, das Jahr gut abzuschliessen «wenn wir dann noch da sind», und «wenn nicht Herr Jesus vorher kommt». Hier war es also erneut: Der erstaunlicherweise doch subtile Druck, dass man sich bekehren sollte. Meine Begleitung bezeichnete dies später als «Stilbruch». Danach beteten noch zwei Männer («bitte unter 30»), und einer der beiden meinte beim Gebet «geh reinigend durch unsere Reihen». Da er in meiner Reihe sass und das Schweizerdeutsche («oisi Reihe») hier nicht in jedem Dialekt so stark unterscheidet zwischen Singular und Plural, konnte ich mir dieses Mal das Grinsen nicht ganz verkneifen. Aber er meinte sicher nicht (nur) mich (und meine Begleitung). Ansonsten hatte ich aber keine anderen «Auswärtigen» gesehen.
Das liebe Geld
Meine Begleitung hatte, wie er mir erzählte, entschieden, Geld in die Kollekte einzuwerfen, da es schliesslich (für uns in dem Sinne kostenloses) Mittagessen gäbe. Als er dann beim Zvieri (auch kostenlos!) bei einem Gemeindemitglied nachfragte, wo man das Geld denn einwerfen könne, meinte dieser «ah, das musst du nicht, das ist alles bezahlt.» Wir bedankten uns also recht herzlich und ich musste innerlich grinsen – «alles bezahlt», eine Formulierung, die für mich sehr stark an Jesu’ Opfertod erinnert, und ich vermute, dass auch dieses Gemeindemitglied daran dachte. Nachdem ich aber verschiedene Freikirchen besucht habe, muss ich betreffend Geld eins sagen: In der EBG wird und wurde nie nach Geld gefragt. Menschen geben häufig ihren Zehnten, das wurde aber in keiner Versammlung, in welcher ich war, thematisiert, sondern nur im Gespräch mit einer Bekannten, auf Nachfrage meinerseits, wobei sie sehr zurückhaltend war und mir das erzählte, als wäre es ein Geheimnis. Für mich ist es wichtig, dass Geld in der Kirche nicht im Zentrum steht, und die EBG macht das meiner Meinung nach gut. Vielleicht habe ich das auch teils wegen meiner Zeit dort verinnerlicht.
Die Frauen und die Männer: Ein Männerbild
Nicht weiter überraschend war, dass die Predigten sowie die Zeugnisse alle von Männern gemacht wurden, während die Frauen eher im Hintergrund waren – bei ihren Kindern, oder im Küchenteam – sowie die meisten Gebete von Männern gebetet wurden. Bei den Gebeten ist es tatsächlich weniger eng, und einmal fragte der Moderator nach «zwei Geschwistern», die beten sollten, woraufhin eine Frau betete. In allen anderen Fällen, in welchen der Moderator nach Gebeten fragte, formulierte er es als «zwei Brüder». Am Schluss sogar noch «zwei Brüder unter 30 Jahren», da diese sich eher zurückgehalten hatten bisher (vermutlich nicht zuletzt aus Schüchternheit).
Meiner Begleitung fiel aber, neben der klaren Rollentrennung, noch etwas ganz anderes auf – das mir, ehrlich gesagt, nicht aufgefallen ist und vermutlich auch nicht aufgefallen wäre – nämlich: die «gesunde Männlichkeit», die in der EBG gelebt wird. Sowohl bei den Zeugnissen als auch im privaten Gespräch zeigten sich Männer, allesamt Familienväter, sehr verletzlich und teilten durchaus intime Details aus ihrem Leben – sozusagen durch ihren Glauben an Gott oder der Vorstellung, «vor Gott» zu stehen, fähig, sich der Gemeinde zu öffnen. Mir wäre das nie aufgefallen, aber ich muss zustimmen: Es ist ein gesundes Bild, zumindest, solange es für die einzelne Person passt. Dass dieses Männerbild, das eines «traditionellen» aber dennoch verletzlichen Familienvaters, in vielen Freikirchen herrscht, ist mir vorher auch nie aufgefallen – vielleicht, weil wir in der EBG nie sehr geschlechterdurchmischt waren, und ich eigentlich erst jetzt «die männliche Perspektive» in dieser Szene besser zu verstehen beginne.
Ein Fazit
Im Verlauf der Predigt hatte ich immer wieder den Eindruck, dass mein Artikel zur UK-Konferenz (Artikel zur UK-Konferenz) letzten Jahres gelesen und verstanden wurde. Nicht zuletzt, weil Philipp plötzlich viel mehr über Gnade und Hoffnung sprach, statt, wie ich es eher noch im Kopf hatte, Sünde und Strafe (wie auch letztes Jahr thematisiert und formuliert). In Gesprächen stellte sich heraus, dass meine Arbeit bei Relinfo bekannt war: Sie haben sich informiert, was man denn über die EBG alles im Internet finden könne, und aktuell ist es natürlich so, dass das Allermeiste irgendwie von mir und somit Relinfo kommt. Mich kennen sie ja. Nach ihrer Meinung zu meinen bisherigen Berichten habe ich mich dann aber doch nicht erkundigt.
Theologisch besonders verändert haben sie sich, wie zu erwarten, nicht: charismatische Musik ist immer noch teuflisch, auch wenn es um Gott zu gehen scheint, Ehe soll zwischen Mann und Frau stattfinden, und übrigens gibt es nur zwei Geschlechter, wie sie in ihren neueren Ausgaben des «Lebenswortes», welches alle zwei Monate publiziert wird, diskutieren. Wenn sich das ändern würde, wäre ich ehrlicherweise auch (positiv) überrascht.
In dem Sinne: Schön, dass sie mich nicht rausgekickt haben. Sie meinten sogar, ich sei weiterhin willkommen, und liessen mich, wie früher, alle grüssen.
Angela Heldstab, 30.12.2024
Lexikoneintrag EBG
Umfassendes Freikirchenglossar:
Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus
Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.
Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.
Evangelisation: eine (Reihe von) Veranstaltung(en), die dazu dient, Personen zu Gott bzw. zum christlichen Glauben zu führen
Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc. Die EBG spricht sich entschieden dagegen aus und erklärt, dass Geistesgaben heute nicht mehr vergeben werden.
Geschwister: in vielen Freikirchen gängige Beschreibung von «Glaubensgeschwistern», d.h. Personen, die mindestens ähnlich an den christlichen Gott glauben; ähnlich bei «Bruder» und «Schwester»
Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»
Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung
Versammlung: in der EBG verwendete Beschreibung eines Gottesdienstes, mit der dahinterliegenden Begründung: Gott dient man jeden Tag
Wiedergeburt: Wenn der Heilige Geist im Menschen «ankommt»
Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half
2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, in der EBG ist es entschieden nicht gleichzeitig, wie in vielen anderen Gemeinden. Jesus komme dann als «Richter».