Christ In Us: Zwischen kriegerischer Wortwahl und herzlicher Fürsorge

Kurz nach 9 parkierten wir auf einem Parkplatz der Gemeinde «Christ In Us» an der Andhauserstrasse 52 in Berg in Thurgau. Diese Gemeinde bezeichnet sich als evangelische Freikirche, vertritt jedoch eine neocharismatische Theologie nach Art von Hillsong. Die Leitung liegt beim Ehepaar Matthias und Yvonne Gaam.

Die Adresse führte uns in ein kleines Industriequartier. Kaum hatten wir die Eingangstüre erreicht, wurden wir schon von einer sehr engagierten Begrüsserin in Empfang genommen. Wir nennen sie hier Lea. Ab dem Moment, in dem wir den Raum betraten, waren wir keine zehn Sekunden lang ohne ihre Gesellschaft. Zu Beginn schien uns das wie herzliche Fürsorge, doch schon bald fühlte es sich eher an wie eine Mischung aus Sicherheitsdienst und persönlichem Schatten.

Die Gemeinde trifft sich in ehemaligen Industrie- oder Fabrikräumen, die gemütlich eingerichtet wurden mit Sofas, kleinen Sitzecken, einem Billardtisch und einer Kaffee-Ecke, in der man Gipfeli, Snacks und Softdrinks für je einen Franken kaufen kann. Alle Warmgetränke sind gratis und werden von einem anderen Gemeindemitglied serviert. Wir bestellten je einen Kaffee und spürten da bereits eine erste Spannung zwischen Lea und der Dame an der Kaffeemaschine. An der Oberfläche wurde freundlich kommuniziert, allerdings vernahmen wir im Austausch zwischen den beiden einen genervten Unterton. Dieser Unterton begleitete uns durch den Besuch.

Fragen grundsätzlich nicht erwünscht
Während wir unseren Kaffee tranken, stellten wir der Lea Fragen zu der Gemeinde. Ursprünglich war die «Christ In Us» nämlich als Ministry Teil von Hillsong Konstanz, doch Gott habe ihnen gesagt, sie sollen eine eigene Gemeinde gründen. Auf die Frage, wem oder wie Gott diese Anweisung gegeben habe, kam nur die Antwort: Gott habe es ihnen einfach gesagt. Lea arbeitet ehrenamtlich bei der Gemeinde und war bereits Teil des Ministry. Je tiefer unsere Fragen gingen, desto schnippischer und defensiver wurden die Antworten. Viele Fragen wurden abgeblockt oder mit einem Unterton, der die Frage ins Lächerliche zog, beantwortet. Gerade bei einer klassischen Frage wie der Nachfrage, ob sie eine bestimmte Bibelversion verwendeten, erhielten wir die Antwort «ich weiss ja nicht, was für eine Bibel andere Gemeinden so brauchen». Fragen über LGBTQ+ Besuchende hingegen wurde ausgewichen. Auffällig war, dass kritische oder potenziell kontroverse Themen entweder umgangen oder in einem leicht abwertenden Ton kommentiert wurden. Solches Ausweichen kann in psychologischer Hinsicht als Schutzmechanismus interpretiert werden, um Spannungen zwischen eigenen Überzeugungen und externen Erwartungen zu vermeiden. Diese Gesprächsdynamik würde uns aber im Verlauf des Morgens noch mehrfach begegnen.

Die Gemeinde selbst ist eher klein: Laut Lea kommen normalerweise 20–30 Personen pro Gottesdienst, an diesem Sonntag war die Besucheranzahl inklusive uns 14. Dafür schienen sich alle zu kennen. Es wurde gelacht, geredet, Kinder flitzten quer durch den Eingangsbereich. Eine familiäre Atmosphäre also. Neubesuchende fallen auf. Mit diesen Eindrücken betraten wir den Gottesdienstraum

Füsse raus und Hände hoch
Um 10:30 begaben wir uns in den Gottesdienstraum. Dieser war schlicht gestaltet, wirkte aber sehr harmonisch mit den weissen und lilafarbenen Vorhängen an der Wand und den zwei grossen dunkelpinken Teppichen im Zentrum des Raumes. Ein grosses Holzkreuz war an einem der verbliebenen Industrie-Deckenapparate befestigt, um ein Umkippen zu verhindern. Die Bühne war klein und mit einem lilafarbenen Teppich ausgelegt. Vor Beginn zogen Yvonne und die Pianistin ihre Schuhe aus, um barfuss auf der Bühne zu sein. Das bewusste Barfusssein von Yvonne kann als symbolische Handlung gelesen werden, die Nähe, Spiritualität und Demut vermittelt und zugleich auch eine stille Hierarchiemarkierung in Bezug auf Gott darstellt.

Yvonne startete direkt ins Gebet – zumindest kam es uns so vor, denn wir merkten erst beim zweiten Satz, dass sie gerade vor der Gemeinde betete. Die Formulierung «Ich gebe den Gottesdienst in deine Hände, Gott» erinnerte uns stark an fundamentalistische Gemeinden, die diese Floskel oft in einem einleitenden Gebet verwenden.

Gleich nach dem Gebet folgte das Singen der Lieder, begleitet vom E-Piano. Die Liedtexte selbst wurden auf einer Leinwand in der Mitte der Bühne angezeigt, während die Pianistin und Yvonne auf der Bühne standen. Eine Kamera war aufgestellt und nahm die beiden vermutlich auf.

Als wir Yvonne zum ersten Mal auf der Bühne sahen, stand dort eine dunkelhaarige Frau in einem langen, hellbraunen Kleid. Ihre Haltung wirkte selbstsicher, und sie sprach mit einer ruhigen und sanften Stimme. Zuvor hatten wir uns über ihren Werdegang informiert: Als Teenager und junge Erwachsene lebte sie immer wieder auf der Strasse und konsumierte Heroin. Erst mit ihrer ersten Schwangerschaft gelang es ihr, von der Nadel loszukommen. Doch auch in den Jahren danach blieb ihr Leben von verschiedenen Abhängigkeiten geprägt, bis sie schliesslich zu Jesus fand. Heute ist sie Ehefrau, Mutter von vier Kindern und arbeitet neben ihrer Tätigkeit in der Gemeinschaft auch als Therapeutin, Seelsorgerin und Schuldirektorin.

Während des Singens zeigte sich eine deutliche emotionale Beteiligung eines Teils der Anwesenden: Etwa die Hälfte stand auf, hob die Hände, bewegte sich im Takt oder kniete nieder auf den Plätzen oder auf den Teppichen. Die andere Hälfte verhielt sich unauffällig. Dieser Kontrast im Ausdrucksverhalten prägte für uns die Atmosphäre – zwischen einer intensiven Form bei den einen und einer stillen Teilnahme bei den anderen. Im Nachhinein entdeckten wir, dass viele der besonders expressiven Teilnehmenden zum Gemeindeteam gehören. Solch sichtbare Hingabe kann einerseits authentischer Ausdruck von Spiritualität sein, andererseits auch als stilles Signal dienen, welche Ausdrucksformen in der Gemeinschaft erwünscht oder angesehen sind. Yvonne würde später auch explizit sagen, wenn man spüre (aufgrund des Heiligen Geistes), dass man auf die Knie gehen sollte, dann soll man auch tun – ansonsten bete man Gott nicht «in Wahrheit» an.

Wir sangen insgesamt vier Lieder. Die Lieder selbst kämen von überall, hatte uns Lea erklärt – mal sängen sie modernere Lieder, mal klassische Kirchenlieder. Bei einem Lied fiel uns die folgende Wortwahl auf: «to every soul held captive by depression, I speak Jesus». Während eine solche Zeile nicht die Einstellung einer Gemeinde widerspiegeln muss, so fällt sie doch auf. Wir fragen uns, wie die Gemeinde zu mentaler Gesundheit im Allgemeinen steht, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Yvonne auch als Therapeutin arbeitet. 

Nach den vier Liedern informierte Yvonne kurz über anstehende Termine. Sie erwähnte, dass am Vortag das Eröffnungsfest der christlichen Privatschule stattgefunden habe. Am 14. September werde das erste Jahresjubiläum von «Christ In Us» gefeiert, und am 25. September finde ein Gemeindeinfo-Abend statt, an dem transparent aufgezeigt werde, wie die Gemeinde strukturiert und organisiert ist. Bevor die Predigt dann begann, legte ein Mann – wie wir später feststellten, ihr Ehemann – ein Handy auf ein Stativ, mit entsprechender Ausstattung (ein Halter für das Handy), in der Mitte zwischen Publikum und Bühne, etwa auf Höhe der beiden Teppiche, und begann, die Predigt zu filmen.

Der Heilige Geist: eine absolute Notwendigkeit zur Hoffnung
Da das Mikrofon für die Predigt zunächst nicht richtig funktionierte, klopfte sie mehrfach sanft mit den Fingerspitzen darauf und rief leise: „Matthias?“. Sobald es eingeschaltet war, begann sie die Predigt mit den Worten:

«Manchmal scheint es, als würden wir denken, wir könnten ohne den Heiligen Geist Christen sein. Doch biblisch ist das nicht so. Wir brauchen den Heiligen Geist schon allein, um hoffen zu können. Worauf hoffen denn Menschen, die den Heiligen Geist nicht haben?»

Laut Yvonne hoffen Menschen, die den Heiligen Geist nicht haben (oder bei denen er «eingeschränkt wirkt») auf weltliche Dinge. Sie wünschten sich Dinge, die möglicherweise nicht Gottes Wille sind. Deshalb sei es richtig, zu beten, dass Gottes Wille geschehe und nicht, dass unsere persönlichen Wünsche erfüllt werden. Häufig zog sie Vergleiche zwischen der eigenen Gemeinde, der Welt und anderen Christen. Beim Erwähnen dieser «anderen Christen» hörten wir, wie ein Besucher hinter uns verächtlich schnaubte.

Ihre Aussagen untermauerte Yvonne mit der Projektion verschiedener Bibelstellen auf die Leinwand. Die Hälfte der Teilnehmenden hatten ihre eigene Bibel dabei.

Yvonne sprach darüber, dass wir nur aufgrund des Heiligen Geistes bedingungslos lieben könnten – wenn wir uns «einfach anstrengen», funktioniere es sowieso nur kurzfristig. Ausserdem handelte es sich immer wieder darüber, dass wir «die Kontrolle abgeben» sollten, an den Heiligen Geist, versteht sich. Hierbei handle es sich um einen Prozess, mit dem auch sie Tag für Tag beschäftigt sei.

Bei diesem Gottesdienst handelte es sich um «Teil 2» zum Heiligen Geist. Den Teil 1 letzte Woche hatten wir entsprechend verpasst. Sie bezog sich an einer Stelle explizit darauf, und sagte, wie letzte Woche gesagt, wenn jemand ohne Heiligen Geist den Namen Jesus brauche, dann «kommt [das] nicht gut». Was genau wie nicht gut kommt, lässt sie aus – das haben sie anscheinend ja schon letzte Woche besprochen, und wir fragen auch nicht.

Kriege müssen kommen!
Yvonne ging auf die aktuelle Weltlage ein: In Zeiten vieler Kriege würden wir unter anderem für Frieden beten. Jedoch sei es nicht immer Gottes Wille, für Frieden zu beten. Manchmal müssten Kriege geschehen. Umso wichtiger sei es, Frieden innerhalb der Gemeinde zu bewahren. Abgesehen davon, dass wir vom «Frieden innerhalb der Gemeinde» bisher nicht allzu viel gespürt hatten, zumindest zwischen der Dame an der Kaffeemaschine und Lea, fiel uns die Wortwahl auch als fast schon kriegsverherrlichend auf. Yvonne erklärte weiter, dass gemäss der Bibel «Kriege kommen müssen». Uns erinnerte das an ein Verständnis der «Endzeit», in welchem sich die Weltlage signifikant verschlechtert, ehe dann Jesus wieder kommt, ganz nach der Logik: Je schlimmer die Weltlage steht, desto näher ist Jesu Zweites Kommen und der Beginn der «Ewigkeit». Wenigstens waren die Kinder in ihrer separaten Kinderstunde, «die kleinen Löwen», auch wenn wir nicht wissen, was ihnen dort mitgeteilt wurde.

Der Heilige Geist sei daher notwendig, um den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, fuhr Yvonne fort; ohne ihn würden wir falsch beten. Für uns stellte sich an diesem Punkt die Frage: Entstehen Leid und Kriege, weil es Gottes Wille ist oder weil zu wenige Menschen den Heiligen Geist haben und deshalb Gottes Wille (der ja dann Frieden wäre) nicht geschieht? So einige Yvonnes Aussagen wirbelten in uns weitere Fragen auf.

Von Waffen und Geld, oder: Gaben des Heiligen Geistes
Geistlich gesehen sei jeder, der nicht an den Heiligen Geist glaube, «seelisch tot». Wenn man ohne den Heiligen Geist lebe, lebe man in Sünde. Der Heilige Geist gebe uns Gaben, denen wir treu bleiben sollten. Wenn jemand zum Beispiel die Gabe habe zu predigen, solle er dies auch tun. Sie habe bei sich selbst die Gabe des «Ermahnen» entdeckt, nachdem sich ihre Söhne darüber beschwert hatten, dass sie jeweils fremde Leute ermahnte. Sie zählte einige weitere Gaben auf.

Zwei Beispiele fielen uns dabei besonders auf: «Wenn deine Gabe ist, Waffenträger zu sein, solltest du dem treu sein». Sie bezog sich damit auf die Waffenträger, den wir im Alten Testament finden können. In diesem Kontext sorgte diese Formulierung bei uns für Stirnrunzeln, besonders, da sie bereits vorher kriegsverherrlichende Sprache verwendet hatte. Auch auf der Webseite finden wir solche Formulierungen, sie hätten Aufträge von Gott erhalten wie «rüstet mein Volk aus» und «trainiert mein Volk, dass sie sich als Soldaten in die Armee Gottes einberufen lassen». Es steht jeder Gemeinde offen, sich frei für jegliche Bibelverse zu entscheiden. Die kriegerische Ausdrucksweise hat uns befremdet, zumal die Formulierung „Gottes Armee“ gar nicht in der Bibel vorkommt. Wir fragten uns, ob diese selbstformulierten Aufträge die Einstellung der Gemeinschaft widerspiegeln – sowohl in Bezug auf das eigene Leben als auch auf den Umgang mit anderen.

Das zweite Beispiel war die Gabe des finanziellen Gebens, eine sehr hilfreiche Gabe, insbesondere für eine Gemeinschaft, die sich über Spenden und Zuweisungen finanziert. In ihrem Buch vertritt sie die Lehre, dass der Zehnte für «christliche Zwecke» verwendet werden sollte.

Wenn eine Therapeutin Therapie nicht empfiehlt
Der Heilige Geist teile jedem Menschen eine Gabe zu und kenne das Herz eines jeden besser als irgendein Mensch. «Da könnte auch ein Doktor in Psychologie nicht rankommen», meinte sie, sie übertrieb bewusst und erklärte, auch drei Doktortitel würden nicht reichen. Selbst nach 20 Jahren Verhaltenstherapie könnte ein einziger Trigger die ganze Arbeit zunichtemachen, verändern könne letztlich nur der Heilige Geist.

Dabei wurde viel Akzeptanz für die eigene Situation vermittelt, jedoch ohne die Aufforderung, sich bei Veränderungswunsch professionelle Hilfe zu suchen. Es wurde der Eindruck vermittelt, dass dies ohnehin nicht helfen würde. Diesen Punkt fanden wir besonders problematisch, da Verhaltenstherapie explizit erwähnt wurde. Es warf Fragen auf, wie hier der Stellenwert psychologischer Unterstützung im Vergleich zu geistlicher Hilfe eingeordnet wird. Bei der Recherche stiessen wir darauf, dass Yvonne in ihrer Praxis auch psychotherapeutische Unterstützung anbietet, darunter Verhaltenstherapie. Ob sie dabei wohl auch den Heiligen Geist um Hilfe bittet?

Durch den Heiligen Geist in die (richtige) Ewigkeit
Sie erklärte, in Freikirchen nicht unüblich, wir seien eine «neue Schöpfung», doch «wenn wir immer wieder ins Andere gehen, kommt er nicht wieder», und bezog sich damit auf den Heiligen Geist, der irgendwann aufhört zu kommen, wenn man zu oft «ins Andere» geht. Früher, im Verlauf des Gottesdiensts, hatte sie den Begriff «die Welt» gebraucht – ein Wort, mit welchem besonders fundamentalistische Gemeinden die «erretteten Christen» von «den anderen» unterscheiden, gern verbunden mit Abneigung gegenüber «der Welt». Dieser Heilige Geist diente zudem der Versiegelung. Sie erwähnte Offenbarung 7, 3 und Offenbarung 9, 4, in denen es darum geht, dass die «Knechte Gottes» versiegelt würden, und dass «nur die Menschen» gequält werden sollen, welche dieses Siegel nicht tragen würden. Dass der Heilige Geist für diese Versiegelung relevant ist, begründete sie mit Epheser 1, 13. Sie erklärte, dass wir «jetzt entscheiden» könnten, wo wir die Ewigkeit verbringen würden. Yvonne sprach nicht weiter über die Optionen – welche Möglichkeiten in der «Ewigkeit» zur Auswahl stehen, und wir gehen davon aus, dass die anderen Gemeindemitglieder zumindest eine ungefähre Vorstellung davon haben, was Yvonne damit meint. Schliesslich liegt ihr Buch, «Die Grundlagen des Evangeliums», in welchem sie die Hölle ausführlich behandelt, bei der Kaffeebar der Gemeinde auf.

Nur durch Radikalität zur Eintrittskarte
Weiter führte Yvonne das Gleichnis des Hochzeitfestes, welches wir im Matthäusevangelium 22, 2-13 finden – auch wenn sie die Stelle nicht explizit nannte – als Beispiel dafür an, was passiere, wenn jemand vor Gott komme, ohne den Heiligen Geist erhalten zu haben. Durch den Heiligen Geist erhielten wir alle den «Verlobungsring», doch wer ohne Verlobungsring an die Hochzeit käme, würde zu Recht herausgeworfen werden – denn «Gott ist gerecht», so begründet Yvonne. Wir hätten für diese Entscheidung auch «unser Leben lang Zeit». Wer den Heiligen Geist ignoriere, der betrüge diesen, ja, der Heilige Geist sei «weltlich gesprochen, unsere Eintrittskarte in den Himmel». Sie fragt noch ein wenig nach, ob wir Jesus hätten, und erklärt uns, dass wir danach im Lobpreis die einzelnen Bereiche unseres Lebens durchgehen sollten, um zu überprüfen, wo der Heilige Geist bereits wirke. Die Geschichte von Hananias und Saphira aus Apostelgeschichte 5 wird erwähnt, diese zeige «die Radikalität», welche von uns erwartet würde.

Nach etwas mehr als einer Stunde über den Heiligen Geist leitete Yvonne nahtlos zum Gebet über. Das heisst, dass sie direkt, ohne jegliche Überleitung, zu beten begann. Obwohl sie zu Beginn des Gottesdienstes betont hatte, dass man zu allen Themen in der Bibel unendlich lange sprechen könne, wirkte die Predigt inhaltlich eher repetitiv und kreiste um mehrere Beispiele zu denselben Themen. Der Gottesdienst endete erneut mit vier Gesangsliedern, bei denen sich die zuvor gezeigte Hingabe der Mitglieder deutlich wieder zeigte. Auch hier erstaunte mich wieder der Kontrast von klar positionierten Aussagen zu einem erneut sehr emotional geprägten Abschluss. Etwa die Hälfte kniete auf den Teppichen in der Raummitte, einige lagen sogar zwischen den Stühlen mit Gesicht und Oberkörper am Boden. Eine Teilnehmerin drehte sich um die eigene Achse zur Musik, bis die Stücke zu Ende waren.

Wir warteten noch auf ein offizielles Abschiedswort, doch stattdessen wurde eine Ballade eingespielt, während viele blieben, um weiter zu beten. Mit der Zeit lagen noch mehr Personen am Boden, bis nach und nach die Besuchenden den Raum verliessen und zurück in die Eingangshalle gingen.

Die Gabe des Ehefrau-Seins: Teil 1 (abgeblockt)
Wir begaben uns zurück in die Eingangshalle, wo es restlichen Kuchen von der Eröffnungsfeier der «Christlichen Privatschule» vom Vortag gab. Da betonte Lea stark, dass diese Schule nicht zu der «Christ In Us» gehöre, sondern ein eigenständiges Projekt von Yvonne sei. Interessanterweise wird jedoch die Schule auf der Webseite der Gemeinde vermerkt. Die Stimmung wechselte von intensiv zu locker. Um die letzten 1.5 Stunden Revue passieren zu lassen, sassen wir auf eines der Sofas in der Mitte, da kam auch schon Lea zu uns. Wir teilten unsere Eindrücke mit und tasteten uns wieder mit Fragen an sie heran. Ein Thema, das wir im Vorhinein recherchiert hatten und uns sehr interessierte, war das fünfteilige Kursangebot «(Ehe)Frauen Kurs». Unsere Frage an Lea, was man dort so lerne, wurde abgeblockt mit einem lachenden: «Tja, da musst du halt kommen und es dir selber ansehen». Für ein kostenpflichtiges Angebot schien das uns wenig überzeugend.

Wir merkten, dass unsere Fragerei Lea zunehmend skeptisch machte – obwohl sich diese inhaltlich kaum von den Fragen unterschied, die wir auch anderen Gemeinschaften stellen.  Irgendwann kamen keine informativen – oder brauchbaren – Antworten mehr, und so steuerten wir die Kaffee-Ecke an. Dort bedienten wir uns am Kuchen und kamen mit der Dame an der Kaffeemaschine ins Gespräch. Sie wollte genauer wissen, woher wir kamen und weshalb wir den weiten Weg ins Thurgau auf uns genommen hatten. Diese Frage haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach beantwortet. Neugierige Köpfe werden anscheinend nicht so gern gesehen, dachten wir uns.

Jeder ist willkommen, aber nicht jeder kann alles machen
Wir versuchten, mit Yvonne ins Gespräch zu kommen, doch sie war zunächst von einer anderen Besucherin in Anspruch genommen. Also positionierten wir uns allmählich näher in ihre Richtung, bis die Besucherin schliesslich ging und wir Yvonne ansprechen konnten. Wir bedankten uns für den Gottesdienst und erklärten ihr, dass wir uns für verschiedene Gemeinden interessieren. Auf unsere Frage, ob auch queere Menschen willkommen seien, ging sie zunächst nicht konkret ein. Wir präzisierten, indem wir ein Beispiel nannten: Ein Freund von uns, der queer ist, wurde in seiner Gemeinde nach seinem Outing aus dem Chor geworfen.

Yvonnes Antwort lautete: «Jeder ist herzlich willkommen; willkommen zu heissen ist eine Herzenshaltung, die jede Gemeinde vertreten sollte. Allerdings gibt der Heilige Geist jedem seine Gabe, der man treu bleiben muss und nicht jeder kann alles machen. Man solle sich auf seine zugeteilten Gaben konzentrieren.» Sie hielt ihre Antwort sehr offen und gab uns sehr viel Raum zur Interpretation. Erfahrungsgemäss würden Gemeinden, die queeren Personen gegenüber offen sind, dies auch klar kommuniziert, während fundamentalistische Gemeinschaften oft auf die Bibel verweisen oder kritischen Fragen ausweichen. Da sie letzteren Weg wählte, fällt es uns schwer, davon auszugehen, dass sie entsprechend offen wären, hätten sie einmal ein gleichgeschlechtliches Paar zu Besuch. Auch ihre Betonung auf die «Gabe» im Kontext dieses Beispiels war nicht klar. Würde sie sagen, dieser Freund hätte die Gabe gehabt, dann müsste man ihn bleiben lassen, weil es die Gabe des Heiligen Geistes wäre, oder würde sie eher sagen, «du lebst nicht im Einklang mit dem Heiligen Geist, deswegen kann dir diese Gabe nicht zuteil sein»? Es wurde aber schnell klar, dass wir hier nichts mehr von ihr erfahren würden, und so fuhren wir weiter im Gespräch.

Yvonne erwähnte im Gespräch, dass ihre jetzige Tätigkeit gar nicht ihr eigener Plan gewesen sei, sondern dass Gott ihr diesen Auftrag gegeben habe. Wäre es nach ihr gegangen, würde sie lieber selbstversorgend und weit entfernt von anderen Menschen leben. Diese betonte Demut wirkte jedoch etwas gespielt angesichts der mehrfach installierten Kameras im Gottesdienstraum und des Mikrofons auf der Bühne, über das sie während der Lieder recht performativ sang, während die Gemeinde lediglich nachsang.

Die Gabe des Ehefrau-Seins: Teil 2
Natürlich nutzten wir die Gelegenheit, die Kursleiterin Yvonne persönlich zu ihrem Ehefrauenkurs zu befragen. Sie berichtete, dass sie in ihrer Erfahrung als Paar- und Familientherapeutin folgendes festgestellt habe: Frauen heirateten oft, um jemanden zu haben, der Dinge für sie erledigt und eine Art «Schuldenliste» abzuarbeiten. Aus diesem Grund leite sie den Kurs, damit Frauen lernen, «Ehefrauen nach Gottes Herzen» zu werden.

Auf unsere Nachfrage, ob es auch einen Kurs für Männer gebe, in welchem sie diese bedingungslose Liebe erlernen könnten, verneinte sie mit der Begründung: Frauen seien egoistischer und nachtragender, Männer seien da lockerer.

Solche negativen Zuschreibungen können in einem Kurskontext nicht nur Erwartungshaltungen an Teilnehmerinnen formen, sondern auch internalisierte Geschlechterrollen verstärken.

Fazit
Der Besuch bei Christ In Us hinterlässt in uns gemischte Gefühle. Die Gemeinde wirkt nach aussen herzlich und familiär, bewegt sich auf der Freikirchenskala aber klar auf der radikaleren Seite. Das zeigt sich nicht nur in der Vision beziehungsweise dem Auftrag auf der Website, die vom «Rüstet mein Volk aus, damit sie Jesus nicht verleugnen werden! Trainiert mein Volk, dass sie sich als Soldaten in die Armee Gottes einberufen lassen!» spricht, sondern auch in der fehlenden Transparenz über Kursinhalte wie den Ehefrauenkurs, der zudem klare Rollenbilder betont. Passend zu den klaren Rollenbildern ist auch folgender Auftrag auf der Website zu finden: «Bereitet die Braut Christi vor, sodass sie makellos und ohne Runzeln dasteht, wenn Jesus wieder kommt!». Auffällig ist auch, dass neue Besuchende von einer Begleitperson kaum aus den Augen gelassen werden, was eher an Kontrolle als an Gastfreundschaft erinnert. Insgesamt entsteht so der Eindruck einer stark geschlossenen Gemeinschaft, die ihre eigenen Strukturen und Ziele konsequent verfolgt, aber nach aussen nur begrenzt Einblick zulässt. Auch das Ausdrucksverhalten der Betenden, mit dem Gesicht und Körper auf dem Boden, ist in der Freikirchenszene sehr unüblich.

Nona Poghosyan und Angela Heldstab, 14. August 2025

Lexikoneintrag «Christ in us Church»