Auf dem Smaranaa Festival 2026 – Erdgitternetz und die Wahrheit hinter dem System

Die Dame im weissen Kleid lächelt. Wie Schnee fallen ihre offenen Haare um ihr Gesicht. Sie könnte Frau Holle spielen, denn in ihren Augen sehen viele eine geheime Weisheit. Sie hält die Hände einer weinenden Frau. «Etwas Wunderbares wird geschehen», sagt sie ruhig, wie mit kosmischer Gewissheit. Ihr Gegenüber schluchzt ein «Danke» und setzt sich wieder an ihren Platz. In der Schlange hinter ihr warten noch 30 Leute auf ihre «Energieübertragung». Monika Cardinal, bekannt durch ihren YouTube-Kanal Smaranaa, überbrückt so die Verzögerung am Morgen des ersten Festivaltages, bedingt durch technische Probleme.

Eine interessante Kooperation

Kirchheim in Hessen ist einer von vielen kleinen Ferienorten. Mittig in Deutschland liegt die Gemeinde mit einem kleinen See, gerade gross genug für eine Wasserskianlage. Die Ferienhäuser reihen sich auf den Hügeln drumherum. Als würden sie alle das Geschehen beobachten. Denn was dem See die Show stiehlt, ist der riesige Tempel und Ashram Sri Vitthal Dham von Bhakti Marga. Von Weitem sieht er wie eine gewöhnliche Hotelanlage aus. Erst nahe fallen die Wandmalereien hinduistischer Gottheiten und Blumenketten auf. Doch nicht für Bhakti Marga sind die Parkplätze vollgestellt mit Autos aus ganz D-A-CH. Einmal jährlich findet in ihrer Eventhalle nämlich das «Smaranaa-Festival» statt. Dieses Jahr mit dem Thema «Erdgitternetz und die Wahrheit hinter dem System». Unter dem Begriff «Erdgitternetz» ist die esoterische Vorstellung zu verstehen, dass die Erde von energetischen Linien umspannt ist, die durch «Lichtarbeiter» aktiviert werden müssen. Ziel ist es dabei, das Bewusstsein der Menschheit zu erhöhen.

Der YouTube-Kanal «Smaranaa» hat aktuell ungefähr 109.000 Abonnierte. Inhaltlich scheinen die Ideen, die Monika Cardinal dort verbreitet, typisch für die Szene der New-Age-Spirituellen Verschwörungstheoretiker zu sein. Inhalte wie Manifestation, Esoterik, Channeling und Lichtarbeit treffen dort auf Theorien über Atlantis, die Corona-Pandemie und das Weltgeschehen. Das Festival am 20. und 21. Juni 2026 sei speziell für Personen, «die sich für Themen wie Bewusstsein, kosmische Zusammenhänge und die tiefere Natur der Realität interessieren. Für Menschen, die bewusst hinter den Schleier schauen möchten und keine „JA“-Sager sind.»

Der Festivalort bedarf zudem einer genaueren Einordnung. Im Jahr 2005 wurde die neuere, aus dem Hinduismus stammende, religiöse Bewegung Bhakti Marga von Paramahamsa Sri Swami Vishwananda gegründet. Die Gemeinschaft hatte nach eigenen Angaben Ende 2022 10.000 Anhängende und Ashrams in mehreren Ländern. Bhakti Marga gehört unter den neohinduistischen Gemeinschaften zu den umstrittensten. So berichten Ehemalige von massiver Guruverehrung, Konformitätsdruck und auch von sexuellen Avancen des Gurus Vishwananda gegenüber jungen Schülern. Aus Sicht von Relinfo ist jede sexuelle Beziehung zwischen spirituellen Meistern und ihren Anhängern missbräuchlich, da das Autoritätsgefälle keine wirklich freie Entscheidung für oder gegen die sexuellen Annäherungen der Meistergestalt zulassen. Zudem unterschreiben die Bhakti-Marga-Devotees eine ausführliche Erklärung, in welcher sie Gehorsam gegenüber Vishwananda und Exklusivität gegenüber seinen Lehren versprechen. Mehrere Publikationen von Medienhäusern bezeichnen Bhakti Marga offen als Sekte. Darüber hinaus ist es nicht das erste Mal, dass sie ihre Räumlichkeiten einem Event mit verschwörungstheoretischen Inhalten zur Verfügung stellen.

Tag Eins: Energiearbeit

Um 10 Uhr beginnt das Festival in der kahlen Eventhalle des Ashrams. Im Eingangsbereich stehen Bierzeltganituren und einige Pavillons. Dahinter neun Stuhlreihen und die Bühne. Platz wäre für schätzungsweise 150 Personen. Es sind jedoch nur drei Viertel der Plätze besetzt. Bis auf die spartanische Dekoration, das Smaranaa-Banner über der Bühne und ein KI-generiertes Engelvideo auf der Projektionsfläche deutet nichts auf ein esoterisches Event hin. Am Eingang erhielt jeder Teilnehmende ein Papierbändchen. Die Farbe dessen sagt aus, welche Art von Ticket die Person gekauft hat. Von denen gibt es verschiedene Preisklassen: Eintritt an beiden Tagen und Mittagessen für 199 Euro war ursprünglich die günstigste Option. Für 699 Euro hätte es zusätzlich eine energetische Vorbereitung, eine Goodie-Bag und persönliche Zeit mit Monika Cardinal gegeben. Kurzfristig vor dem Event wurde eine Option für 77 Euro hinzugefügt, die ebenfalls Eintritt an beiden Tagen gewährt, bloss ohne Mittagessen. Durch die Bändchen ist auch für alle erkennbar, wer wie viel für die Tickets bezahlt hat.

Aufgrund der technischen Probleme startet das Festival offiziell erst um 10:40 Uhr. Das Mikrofon funktioniert jedoch schon und so erzählt Monika Cardinal: Wir seien hier eine schöne, auserwählte Gruppe an Seelen, die heute durch ein Tor gehen würde. Auch würden wir nur die Informationen aus dem Festival wahrnehmen, die für uns persönlich wichtig sind. Sie fügt noch humorvoll hinzu: Das Gewitter in der vergangenen Nacht sei typisch und würde jedes Jahr vor dem Kongress auftreten, um die Luft für uns zu reinigen. Sie ergreift plötzlich die Hände einer Frau in der ersten Reihe und ruft, wer Energie wolle, sollte nach vorne kommen. Die Zuschauerschaft freut sich über das Angebot und schnell bildet sich eine lange Schlange. So wurde die Verzögerung spontan überbrückt. Eine Frau, die in meiner Nähe sitzt, wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht: «Ich finde das so wunderbar, dass sie (Monika Cardinal) das macht». Sie scheint mit ihrem Partner hier zu sein, wie viele andere auch. Im Publikum befinden sich deutlich mehr Frauen als Männer. Fast alle hier sind über 50 Jahre alt und gekleidet in bunt oder weiss. Es herrscht eine besinnliche und gelassene Stimmung. Nur ein Pärchen vor mir regt sich über die Ticketpreise auf.

Endlich kommt eine Frau namens Marlene Vogel auf die Bühne. Sie ist Yoga- und Ayurveda-Beraterin und hat einen eigenen Pavillon in der Halle. Im Laufe des Tages wird sie immer wieder Mantras singen und auf dem Harmonium spielen. Sie eröffnet den Tag mit dem Mantra «Ra Ma Da Sa Sa Se So Hung», was laut ihr der Herzöffnung dienen soll. Anschliessend erklärt Cardinal, dass dieses persönliche Zusammenkommen wichtig sei. Da dieses Wochenende die Sommersonnenwende stattfindet und sich ein Tor in ein neues Zeitalter öffnet, hätten wir einen leichteren Zugriff zum Universum als sonst. Sie eröffnet uns nun auch das Festivalprogramm, was bis jetzt noch nirgendwo zu finden war: Am Samstag würden wir hauptsächlich energetisch arbeiten und Sonntag Gastvorträge hören.

Meditationen nach Smaranaa

Monika Cardinal sprüht sich mit dem eigens entwickelten «888»-Energiespray ein und ruhige Musik ertönt. Um uns zu «reinigen und aktivieren» würde sie nun Erzengel Michael channeln. Das Publikum ist währenddessen angehalten, sich in einen meditativen Zustand zu begeben und anleiten zu lassen. Sie beginnt, aus der Perspektive des Engels zu sprechen. In dem Augenblick fährt draussen ein Krankenwagen mit lauten Sirenen vorbei. «Hör mich in deinem Herzen, in der Dimension der Liebe. Dort möchte ich dir begegnen. Mit jedem Wort, was ich spreche steigt die Energie an. So wie es für dich richtig ist.» Cardinal spricht die Anweisungen genau passend zur meditativen Musik. Sie hält eine optimale Balance aus Wort und Pause ein.

Wenn hier von «ansteigender Energie» gesprochen wird, ist es wichtig zu wissen: Die esoterische Szene um Smaranaa vertritt den Glauben, dass die Menschheit auf dem Weg ist von der dritten in die fünfte Dimension aufzusteigen. In ihrem Weltbild ist alles «Energie» und je höher diese Energie schwingt, desto höher die Dimension, auf der man sich befindet. Und desto näher ist man der «Quelle», wie die schöpfende Instanz häufig genannt wird.

Jede Meditation des heutigen Tages weist ein ähnliches Muster auf. Grundsätzlich sind sie klar von der weit verbreiteten buddhistischen Meditationspraxis zu unterscheiden und mehr als Gedankenreise zu verstehen. Das Ziel ist nicht primär wertfreie Beobachtung oder Einsicht. Vielmehr geht es hier darum, sich mit dem höheren Selbst, einem geistigen Wesen oder Quelle zu verbinden oder Energiearbeit zu leisten. Dazu wird häufig visualisiert und Anleitung gegeben. Die Konzentration auf den Atem wird meist nur zum Einstieg benutzt, um in einen Zustand der Ruhe zu gelangen. Gefühle, mentale Bilder oder körperliche Wahrnehmungen, die währenddessen auftreten, gelten als interpretierbare Zeichen. Ein typischer Ablauf für solche geführte Meditationen ist:

  1. Einstieg durch Konzentration auf den Atem/den physischen Körper.
  2. Gegebenenfalls Vorstellung selbst an einem schönen/energetischen Ort zu sein (z.B. Natur, aber auch Abstrakteres wie die Oberfläche der Sonne).
  3. Visualisierung oder mentales Herbeirufen des Wesens oder der Energie, die man um Hilfe bittet. Dies kann auch das höhere Selbst oder einfach «das Universum» sein.
  4. Schilderung/Visualisierung dessen, was man erreichen/lösen möchte. Alternativ könnte hier auch nach einer Botschaft gefragt werden, die dann durch spontane Eingebung oder aufkommende Gefühle empfangen werden soll.
  5. Baden/sich auffüllen mit positiver Energie/Liebe.
  6. Dankbarkeit beim Universum, höheren Selbst oder dem Lichtwesen, welches man um Hilfe gebeten hat.

Cardinal verwendet leicht verständliche Sprache und abstrakte Bilder wie «Licht strömt durch dein Kronenchakra». Jede Meditation dauert ungefähr eine halbe Stunde. Nach dem Channeling mit Erzengel Michael fragt Cardinal das Technikpersonal nach der Zeit. Die Antwort ist «11:11 Uhr». Die Halle bricht in Gelächter aus. Diese Nummer auf der Uhr zu sehen, gilt in der Esoterik häufig als gutes Zeichen, da es sich dabei um eine Engelszahl handelt.

Aktivierung des Herzmagnetfeldes

Nachfolgend soll das «Herzmagnetfeld» aller Anwesenden aktiviert werden. Cardinal erklärt, bei dieser Meditation könnten Wünsche erfüllt werden. Sie behauptet, die Sehkraft einer Frau hätte sich nach dieser Übung auf einem anderen Event verbessert. Diese Aussage wirft eine Frage auf, da Cardinal selbst eine Brille trägt. Doch diesen Widerspruch erklärt sie sofort: Sie tue einfach mehr für andere als für sich selbst. Sie warnt uns jedoch, nicht zu viel Druck oder Erwartungen aufzubauen, denn dies würde unsere Energie nur blockieren. Diese Übung sei ausserdem auch für Anfänger geeignet, denn sie würde einfach in uns «aktivieren», was wir dafür bräuchten.

Cardinal sprüht das eigens entwickelte «Venus-Energiespray» über ihren Kopf. Wir werden angehalten das Licht der Liebe einzuatmen, es durch unser Kronenchakra zu lassen und zu fühlen. Hier wird das Thema des Festivals «Erdgitternetz» aufgegriffen. Alle Knotenpunkte im Erdgitternetz seien jeweils ein Lichtarbeiter und so würden sie ein Netz von positiver Energie über den ganzen Planeten spannen. An einem Punkt in der Meditation werden wir aufgerufen, einen Lichtstrahl in unsere Fingerkuppen zu lenken, um die «Energiezellen» dort zu aktivieren. Damit sollen wir uns nun selbst vor die Augen kreisen und sie damit heilen. Am Ende erklärt sie noch, dass wir durch diese Aktivierung unserer Fingerkuppen nun auch Schmerzen aus anderen Körperteilen «rausziehen» könnten. In der Öffentlichkeit oder bei körperlichen Einschränkungen könnten wir unsere Finger auch einfach visualisieren.

Kurze Werbepause

Cardinal kündigt an, Anfang September gäbe es ein Retreat über vier Tage mit individueller Betreuung. Auch empfiehlt sie uns die Kupferarmbänder hier im Smaranaa-Shop-Pavillon. Sie würden den Körper entgiften und seien gut für die Gelenke. Besonders seien auch die hier erhältlichen und eigens entwickelten Aura-Sprays. Diese hat Cardinal auch gerade vor den Meditationen benutzt. Ihre Essenz würde sich der persönlichen spirituellen Entwicklung des Besitzers anpassen und Meditation erleichtern. Sie beantwortet auch gleich die Frage, warum jemand wie sie so ein Spray überhaupt noch brauchen würde. «Ich bin einfach manchmal faul.» Die Sprays «Venusenergie» und «888» werden zum Probieren durch die Reihen gereicht. Beide riechen sanft nach Rose und deutlich milder als ein konventionelles Parfüm. Cardinal erinnert uns noch daran, dass jeder in der Pause eine Karte im Smaranaa-Shop ziehen sollte. Die Produkte dort seien auf dem Festival auch günstiger als sonst im Onlineshop als «Dankeschön» an uns.

Lange Mittagspause

Es ist nun fast zwölf Uhr und eine zweistündige Mittagspause wird angekündigt. Abgesehen vom Essen in der Kantine von Bhakti Marga gibt es nicht viel zu tun. Ich schaue mir deswegen die Pavillons im Eingangsbereich genauer an. In einem wirbt Marlene Vogel für sich. In den anderen werden Massagen, eine Analyse der Augenfarbe und Duftöle angeboten. Ein Stand mit der Aufschrift «Nirmala Yoga Stiftung» erweckt namentlich den Eindruck, als würde eine grosse Organisation dahinterstecken. Ihren Followerzahlen auf Social Media nach wirkt dem allerdings nicht so.

Ich stelle mich in die Schlange zum Karten ziehen im grösseren Zelt mit dem Smaranaa-Shop. Auch hier sieht es bis auf die bunten Produkte eher kahl aus. Aus einer Schale ziehe ich meine persönliche Karte für das Festival. Sie hat die Nummer sechs und auf ihr steht: «Wenn du dich selbst mit Liebe annimmst, verändert sich alles. Du bist wertvoll. Genau so, wie du bist. Deine Liebe zu dir selbst ist der Schlüssel zu innerem Frieden, Heilung und echter Freude.» Eine universelle Aussage, über die jeder Mensch sich freuen kann.

Ich werfe einen Blick auf die angebotenen Produkte. Auf einem grossen Tisch liegen «energetisierte Mantras» in verschiedenen Farben aus. Sie sind auf stabiles Papier gedruckt. Ein kleines kostet fünf, ein grosses zehn Euro. Den Mandalas werden unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben wie «Lösen von Suchtverhalten oder Rauchen». Bei näherem Betrachten des Mandalas «Plejaden Siegel» fällt auf: Es sieht nur aus der Ferne komplex aus und hat sehr viele Asymmetrien. Das könnte dafürsprechen, dass es mit KI generiert wurde. Fairerweise sei gesagt, die Mandalas werden nicht als «handgemacht» oder «selbstgezeichnet» beworben. Besonders viel Auswahl gibt es bei den vorher beworbenen Aura-Sprays. Einige sind nach Alien-Arten benannt, eins heisst einfach «Jesus». Die reduzierten Preise sind 35 Euro für eine kleine Flasche (gross 55 Euro) im Unterschied zu online 39 Euro (gross 59 Euro).

Durch das Tor

Das Nachmittagsprogramm beginnt mit einem Mantra zum «Einschwingen». Anschliessend sollen sich alle in sieben Gruppen aufteilen, nach der Nummer, die auf der eigenen gezogenen Karte steht. In diesen Gruppen sollen wir nun für die nächste Meditation in der Hitze stehen bleiben. Einigen Älteren fällt das nicht leicht. Die Aufteilung in Gruppen fungiert hier als Personalisierung. Die Gruppenmitglieder strahlen sich gegenseitig an. Zu diskutieren, weshalb ausgerechnet sie alle die gleiche Karte gezogen hatten, wäre sicherlich interessant gewesen. Doch dazu kommen wir gar nicht, denn Cardinal beginnt die Meditation. Im Stehen sollen wir unsere Augen schliessen und die Verbindung unserer Füsse zum Boden spüren. Die ähnlich generischen Sprüche von den Karten jeder Gruppe werden während der Meditation verlesen. Im Gegensatz zu meiner Karte über Selbstliebe hat Gruppe Eins beispielsweise «Herzaktivierung – Dein Herz sendet Heilung in das Gitternetz der Erde.» Cardinal spricht eine kleine Meditation für jede Gruppe einzeln, bei welcher alle anderen auch stehen bleiben müssen, und behauptet am Ende die Kraft aller sieben zusammengebracht zu haben. Mit dieser Energie sollen wir zurück auf unsere Plätze gehen, denn sofort im Anschluss sei eine «noch tiefere» Meditation geplant. Einige weinen dabei. 

Fast ohne Unterbrechung geht es weiter: Wir werden aufgefordert, uns vorzustellen, wie unsere Seele Flügel bekommt und wir auf eine höhere Bewusstseinsebene steigen. Cardinal verkündet, dass nun das erste Tor der Sommersonnenwende vor uns erscheine. Wenn wir es durchschreiten, würde «alles Alte» von uns abfallen. Sie ruft erneut Erzengel Michael zur Unterstützung herbei. Wenn wir uns etwas wünschen, sollen wir es uns jetzt vorstellen, um es zu manifestieren. Cardinal spricht ruhig: «Die Energie deiner Urmatrix kommt zu dir zurück. So hast du alles hinter dir gelassen, was schwer ist.» Als wir gebeten werden aus dieser Meditation wieder zu erwachsen, meldet sich eine alte Dame in der ersten Reihe und ruft: «Ich möchte dir danken im Namen aller!» Und die Halle bricht aus in Applaus.

Cola aus dem Bhakti Marga «Strandcafé»

Das Strandcafé von Bhakti Marga liegt nicht am Strand, sondern am Asphalt, der an das Ufer des flachen Sees reicht. Ich stelle mich drinnen in die lange Schlange vorm Tresen, denn nur eine Stunde nach der Mittagspause ist nochmal eine Stunde Pause. Das Café ist ästhetisch eingerichtet und in milden, hellen Farben gehalten. Es ist voller Festivalbesucher und ein paar wenigen Touristen. Die Auswahl an Kaffee, Kuchen und gekühlten Getränken ist gross. Und es ist auch für jeden etwas dabei, nicht nur, weil sich die Mitglieder von Bhakti Marga grundsätzlich vegetarisch ernähren. Es gibt vegane, glutenfreie, koffeinfreie, zuckerfreie und sogar sojafreie Optionen. Bestellung und Bezahlung laufen mechanisch schnell ab. Auch kleinste Beträge können mit Karte bezahlt werden, was man in einem so kleinen Ort in Deutschland nicht unbedingt erwarten kann. Eine Frau mit Festivalbändchen sagt beim Bezahlen gelassen zu einer Devotee «Danke, bei euch ist es immer so frisch und so lecker. Ihr macht so wichtige Arbeit.» Die Devotee murmelt nur «Mmh-Mmh». Wie ihre Kollegen ist sie höflich und ruhig, aber nicht herzlich. Im Gegensatz zu den euphorischen Festivalbesuchern strahlen sie eine Art Leere aus. Ich kaufe mir eine Green Cola, zuckerfrei doch nicht mit chemischen Süssungsmitteln, sondern Stevia.

Mit meiner Cola entdecke ich draussen unter Bäumen ein Pärchen und eine Frau vom Festival, die sich unterhalten. Sie lächeln mir zu und ich setze mich zu ihnen. Andere, die auch ohne Begleitung auf dem Event sind, scheinen das gesehen zu haben und kommen auch dazu. So entsteht eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Sie sprechen viel über die Schönheit der Natur hier und an anderen Orten, wo sie in letzter Zeit waren. Alle stammen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Es wird festgestellt, dass weniger Menschen als im Vorjahr auf dem Festival sind, doch die Energie dafür dieses Jahr «stärker» wäre. Ein Mann hat dabei Tränen in den Augen: «Wenn man sich öffnet, bekommt man einfach so viel zurück».

Eine Frau setzt sich direkt neben mich. Enthusiastisch erzählt sie mir, sie würde die Energie der Plejaden bei mir sehen. Doch das wisse ich bestimmt schon. Zur Erklärung: Cardinal hat nicht nur ein Buch geschrieben, in dem sie die Plejaden gechannelt hat. Die Sterngruppe gilt in der zeitgenössischen Esoterik oft als hochentwickelte Spezies Aliens, die der Menschheit helfen. Bildlich dargestellt werden sie fast immer als blonde, blauäugige, junge und attraktive humanoide Wesen mit weisser Hautfarbe. Ich bitte die Frau neben mir, genauer zu erklären, wie sie das mit dem Energie sehen meint. Sie würde diese Energie einfach stark bei mir wahrnehmen und geht nicht weiter darauf ein. Ich frage auch, wie sie auf das Smaranaa-Festival gestossen ist. Sie sei selbst Energieheilerin und habe vor einer Weile begonnen mit «Monika» zu arbeiten. Das ist nicht das erste Mal, dass ich mitkriege, wie Cardinal von ihrem Publikum einfach mit Vornamen angesprochen wird. Doch seien sie keine Kolleginnen im herkömmlichen Sinne, sondern «Seelenschwestern», die energetisch zusammenarbeiten. Soweit ich verstanden habe, haben die beiden noch nie «in diesem Leben» miteinander gesprochen. Aufgrund meiner Plejaden-Energie empfiehlt sie mir ein Kartenset eines anderen Mediums namens Pavlina Klemm. Bei einem Problem «mit einem Jungen oder so» sollte ich einfach eine Karte davon mit der linken Hand ziehen und das darauf abgebildete Symbol auf meinen Körper zeichnen. Aufgrund der starken Energie zurzeit, würde das allein als Hilfe schon vollkommen ausreichen. Auf mich hat es so gewirkt, als würde sie das aufrichtig gut meinen. Wir begeben uns zurück zur Eventhalle und die Energieheilerin fügt noch erleichtert hinzu: «Zum Glück sind die Pausen so lang.» Die energetische Arbeit sei nämlich enorm anstrengend.

Durch noch ein Tor

Um 16 Uhr geht es weiter. Cardinal beginnt mit dem Hinweis, dass das «Plejaden-Salz» nun auch wieder vorrätig wäre. Dieses energetisierte Salz könnte man verwenden wie Kochsalz. Danach folgt noch eine weitere Meditation zur «Verjüngung und Zell-Regeneration». Sie läuft ähnlich ab wie die vorigen. Daher möchte ich hier einmal genauer auf die Wortwahl von Cardinal eingehen. Ein interessanter Satz aus dieser Meditation lautete: «Es sind die Strömungen deiner Seele, die deinen inneren Heiler jetzt ruft.» Bei genauerem Lesen dieses Satzes kommen Fragen auf. Wieso rufen «die Strömungen einer Seele» und nicht einfach die Seele an sich? Was sollen die Strömungen einer Seele sein? Warum muss der Heiler gerufen werden, wenn er doch in unserem Inneren sein soll, wie seine Bezeichnung andeutet? Diese und viele andere Formulierungen des heutigen Festivaltages klingen spirituell ohne eine tatsächliche Aussage zu haben. Ein weiteres Zitat aus dieser Meditation lautet: «Alles ist möglich. Wenn du möchtest, kannst du jetzt Grenzen überstreiten. Das wird heute für dich geschehen. Diese Möglichkeit wird sich ergeben.» Abgesehen von der inhaltlichen Doppelung ist hier noch das Detail «Wenn du möchtest» bemerkenswert. Wie ein Refrain wurde im Laufe des Tages bereits mehrmals betont, dass diese Meditationen einen so weit bringen werden, wie es individuell «richtig ist». Cardinal ist so in der Lage von Verantwortung zurückzutreten. Wenn ein Besucher das Gefühl haben sollte, dass die Meditationen bei ihr oder ihm nicht gewirkt hätten, war diese Person «einfach noch nicht bereit».

In der Meditation werden wir nun angeleitet, durch das «Tor der 888» zu gehen. Diese Zahl wurde gewählt, da die Quersumme vom 26.06.2026 drei Achten sein kann. Erneut sollen wir uns verbinden mit unserem Knotenpunkt im Erdgitternetz. Die zwei Personen, die im Smaranaa-Shop Zelt arbeiten und dort auch während des ganzen Programms sitzen, tuscheln und lachen dabei. Eine Frau hat mit ihren «Heilfingern», die wir jetzt auch benutzen sollen, heute schon mehrmals eine ziehende Bewegung neben ihren Ohren gemacht. Ich frage mich, ob sie Schmerzen hat. Sie applaudiert am Schluss trotzdem.

Fazit des ersten Festivaltages

Es wurde immer wieder betont, wie viel harte Arbeit wir am heutigen Tag für unsere persönliche Entwicklung und die des Planeten geleistet hätten. Von aussen gesehen sassen heute einfach hunderte Menschen in einem Dorf irgendwo in Deutschland still in einer leeren Halle. Es gab keine Reflektion, Kompromisse, tiefere Analyse, neue Erfahrungen. Natürlich ist Meditation erwiesenermassen für viele Menschen ein hilfreiches Werkzeug. Der Unterschied ist, dass herkömmliche Meditationstechniken nicht behaupten «die Welt zu retten». Dieses Event ist für die Teilnehmenden keine schöne Entspannung vom Alltag. Ihnen wird eine Transformation versprochen, die sich nicht nachweisen lässt. Für ein Event, was einen ganzen Tag lang gehen sollte, war die Programmzeit ohne Pausen nur dreieinhalb Stunden lang. Cardinal betont im Laufe des Festivals wiederholt, wie subjektiv die Wahrnehmung von jedem sei. Sowohl in der Meditation als auch bei neuen Informationen in Vorträgen. Und dies «soll so sein», da wir alle auf unterschiedlichen Wegen sind. Da das Manifestieren in seiner höchsten Ausprägungsstufe zu Cardinals Glauben gehört, kann jede Uneinigkeit darauf geschoben werden. Während Manifestation normalerweise als Werkzeug zur Wunscherfüllung vermarktet wird, ist mit höchster Ausprägungsstufe hier gemeint: Jeder manifestiert seine eigene Realität und übernimmt damit die volle Verantwortung für sich selbst. Warum dies weniger «Empowerment» auslöst als der erste Eindruck vermittelt, wird am zweiten Festivaltag noch deutlicher werden.

Dieser Bericht deckt nur Tag Eins des Smaranaa-Festivals ab. Mit Energiearbeit wurde hier ein emotionales Fundament gelegt. Am zweiten Festivaltag wird darauf aufgebaut, mithilfe von Gastvorträgen, die verschwörungstheoretische Wege einschlagen. Dies ist eine beispielhafte Veranschaulichung für die Entwicklung eines esoterischen in ein conspirituelles Weltbild. Das Wort «Conspirituality» setzt sich aus dem englischen Begriff Conspiracy (Verschwörung) und Spirituality zusammen. Der Bericht wird in Kürze online bei Relinfo erscheinen.

Marla Engelschalk, Juni 2026

Lexikoneintrag Smaranaa