Verschwörungstheoretische Gastvorträge – Tag 2 des Smaranaa-Festivals

«Die alte Welt geht unter», sagt die Festivalbesucherin ruhig und bestellt sich Apfelkuchen. Im Strandcafé von Bhakti Marga sieht die alte Dame mich freundlich an. Ihre Augen haben vielleicht schon zu Zeiten der Hippie-Bewegung so gestrahlt. «Aber das macht mir keine Angst. Ja, es werden Hungersnöte kommen. Doch wir können einfach Wildkräuter essen, Brennnessel, Löwenzahn, die reichen für uns alle.» Bevor ich etwas erwidern kann, fügt sie hinzu: «Uns wird gar nichts passieren, solange wir in der Liebe bleiben». Und das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was sich am zweiten Tag des Smaranaa-Festivals abspielen wird.

Erster Gastvortrag des Tages: Jo Conrad

Auch am Sonntag, dem 21. Juni 2026 steht die Hitze in der Eventhalle von Bhakti Marga in Kirchheim. Nach einer kurzen Verzögerung durch die Technik, wie bereits am Vortag, betritt Jo (Johannes) Conrad die Bühne. Er ist ein bekannter rechtsesoterischer Netzaktivist und engagiert sich in der Reichsbürgerbewegung. Und ausgerechnet er eröffnet den Festivaltag, wo es erst gestern noch um Licht und Liebe ging.

Ohne Notizen oder PowerPoint beginnt er betroffen ins Mikrofon zu sprechen: «Ich weiss gar nicht, was ich euch erzählen soll, nach dem was mit Peter geschehen ist.» Ein Raunen geht durch die Menge. Blicke werden gewechselt. Auf vielen Gesichtern ist Verwirrung zu erkennen. Niemand scheint sich sicher zu sein, wer mit «Peter» gemeint ist. Meine Sitznachbarn gehen davon aus, dass es sich um den Verschwörungstheoretiker Peter Denk handelt. Dieser sollte später am Tag als Redner auftreten.

Luzifermythos in der Esoterik?

Der Vortrag von Conrad wirkt wie ein grundlegender Crashkurs über spirituelle Verschwörungstheorien. Inhalte, die dem Publikum des Festivals längst bekannt sein dürften. Verstreut in Conrads Rede befinden sich jedoch Spuren einer interessant kombinierten Verschwörungstheorie, die in dieser Form noch weniger populär ist. Sie soll das Motiv der «dunklen Mächte» herleiten. Voraussetzung für diese Theorie ist der Glaube an eine liebevolle Quelle, ein Äquivalent eines allmächtigen Gottes. Jedes Lebewesen sei überall und immer mit dieser Quelle verbunden und würde von ihr mit Energie versorgt. Diese Idee verbindet Conrad mit dem christlichen Luzifermythos. Demnach hätten sich Engel von der Quelle gelöst, weil sie es selbst «besser machen wollten». Allerdings hätten sie dadurch auch keine Energie mehr erhalten. Somit müssten diese «gefallenen Engel» nun Energie von lichtvollen Wesen, wie medial begabten Menschen, abzapfen. Menschen, zu denen sich das Publikum des Smaranaa-Festivals dazuzählt. Menschen, die aufgrund ihrer Verbindung zur Quelle tatsächlich eine Seele hätten. Laut Conrad habe die Mehrheit der Bevölkerung nämlich keine. Trotz der christlichen Zusammenhänge betont Conrad, er sei «nicht religiös, sondern spirituell».

Es seien diese Gefallenen, die auf der Erde die Strippen ziehen. Doch sie seien nicht mächtiger als wir. Die Angst lasse es nur so wirken. Conrad betont enthusiastisch: Er selbst wurde vor Gericht gestellt, hatte eine Hausdurchsuchung und sei als rechts bezeichnet worden. Doch er lasse die Angst trotzdem nicht gewinnen. Er empfiehlt dafür einen Selbstschutz. Da die Angriffe der dunklen Mächte auf der feinstofflichen Ebene stattfinden würden, müsste man sich auch dort schützen. Die Visualisierung eines Schildes würde dabei helfen. Denn Energie folgt der Aufmerksamkeit. Da es auf der feinstofflichen Ebene dazu noch weder Raum noch Zeit gibt, könnten Lichtwesen wie Jesus zudem nicht überfordert sein, egal wie oft sie um Hilfe gebeten werden. Sollte jemand von uns zum Public Viewing der Männer-Fussball-WM gehen wollen, sei ein feinstofflicher Schutzschild unbedingt nötig.

Conrad schreibt die Technikprobleme der beiden Festivaltage den dunklen Mächten zu. Diese hätten übrigens deswegen ein besonderes Interesse an der technischen Entwicklung, weil ihr Abwenden von der Quelle sie sterblich gemacht habe. Im Gegensatz zu lichtvollen, beseelten Wesen ist für sie daher keine Reinkarnation möglich. Der Fortschritt von KI und das Interesse an längerem Leben durch Transhumanismus und Cyborgs sei ein verzweifelter Versuch sich zu verewigen.

Monika Cardinal unterbricht Conrad, da seine Vortragszeit vorüber sei. Verlegen sagt er noch, er hoffe einen roten Faden gehabt zu haben. Cardinal beruhigt ihn, indem sie antwortet: «Der rote Faden war perfekt.» Conrad sprach, scheinbar ohne Punkt und Komma. Beileid über Peter war dabei der einzige Anker. Während des gesamten Vortrags hat Conrad das Publikum jedoch nicht darüber aufklärt, wer mit Peter konkret gemeint war und ob es sich um einen Todesfall, Angriff oder andere Tragödie handelt. Er ging mit dem Publikum um wie mit einer grossen Freundesgruppe, die keinen Kontext braucht. Conrad sprach jedoch offen an, dass er noch gar nicht wisse, worüber er heute erzählen wolle. Er behauptete zwischen den Themen zu springen, da er sich «führen» lasse. Von wem oder was liess er offen.

Aktuelle psychologische Vorgänge nach Susanne Lohrey

In der anschliessenden kurzen Pause geht es nur um eins: Wer war mit Peter gemeint? Die Frage wandert durch die anwesenden Freundesgruppen, die Schlangen vor den Toiletten und den Shop-Pavillons. Es ist Susanne Lohrey, die gleich zu Beginn ihres Vortrags die Antwort offenbart: Es ist Peter Maier (Ordensname Swami Madhava) Leiter des Ashrams hier in Kirchheim. Vor zwei Tagen sei er unerwartet verstorben. Zuschauer vor mir loben leise die starke Stimme von Lohrey. Auch wenn diese zittert. Denn sie erklärt, dass Peter Maier ein guter Freund von ihr gewesen sei. Sie unterdrückt ihre Tränen dabei nicht. So wirkt sie bereits nach diesem kurzen Einstieg nahbarer als die anderen Speaker.

Das Thema ihres Vortrags heute sei «Die Veränderung der Menschen». Lohrey behauptet, medial begabt zu sein und häufig «Downloads» mit Informationen zu erhalten. So hätte Peter sie auch als Geistwesen noch einmal besucht, um sich zu verabschieden. Sie stamme fachlich zwar aus der Theologie und Germanistik, doch führe nun eine «psychologische Praxis». Fairer wäre es jedoch, sie als Coach und YouTuberin zu bezeichnen. Sie würde die Menschen aktuell in fünf Gruppen einteilen, die wie folgt betitelt hat:

  1. «kognitive Dissonanz», beinhaltet Personen, die an der «alten Welt» festhalten wollen.
  2. «Erschöpfung», diese Gruppe scheint von einer Strahlung geschwächt zu werden, die sie nicht weiter erklärt. Lohrey unterstreicht dies nur mit der Tatsache, dass alle Speaker in der vergangenen Nacht nicht gut geschlafen hätten. Dies sei ein weiterer Sabotageversuch der «dunklen Mächte» gewesen.
  3. «Ausflippen/Aggression» sei eine weitere Kategorie. Sie führt dafür Mobbing und Ausbeutung am Arbeitsplatz an und bezeichnet zusätzlich Ehrenamt als Propaganda.
  4. «Nase voll», ist die letzte Gruppe, die sie erwähnt, eine fünfte bleibt aus. Für diese vierte Gruppe sei es wichtig, nicht in Extreme zu gehen, sondern «wie Klein-Buddha in der Mitte zu sitzen».

In dieser unsystematischen Kategorisierung können sich viele im Publikum wiederfinden und nicken eifrig. Die Kunden ihrer Praxis, von denen sie viele als «hohe Tiere» bezeichnet, halten für Lohrey oft als Quelle für ihre Informationen her. So kann sie ihre Inhalte begründen, ohne sich genauer erklären zu müssen, wegen des Datenschutzes ihrer Klienten. Ihre Sprache ist zudem überfüllt von Metaphern, wie beispielsweise einer Wippe, auf der Narzissten und sensible Menschen jeweils auf einer Seite sitzen würden. Sie spricht sich auch für Balance in einer Szene aus, die häufig toxische Positivität propagiert. Es sei gerade eben eine schwere Zeit. Aktuell würden die dunklen Kräfte zwei Methoden anwenden: Einerseits «Leistung rausholen» und anderseits «Wenn’s mir schlecht geht, soll es dir auch schlecht gehen». Was gesprochen logisch klingt, offenbart beim Niederschreiben Schwammigkeit. Unsere Psyche könne durch die aktuellen politischen Turbolenzen derzeit nur bei «50 bis 60 Prozent sein». Doch wenn wir uns selbst ein paar Mal am Tag etwas Gutes tun würden, könne uns nichts passieren. Als Beispiele nennt sie kleine Alltagsfreuden wie neue Bettwäsche beziehen oder ein schönes Lied anzuhören. Des Weiteren empfiehlt sie im Moment zu leben und ein nicht-religionsgebundenes Gottvertrauen als «Psychohygiene» zu haben.

Die eigens formulierten Kategorien, Metaphern und das populärpsychologische Jargon kombiniert mit emotionaler Nahbarkeit und einfachen Lösungen heben Susanne Lohrey als auffällige Speakerin in der Esoterik hervor. Auch hat sie sich durch die Betroffenheit von Peter Maiers Tod und Anspielungen auf eine Erkrankung und Probleme mit den Kindern verletzlich und persönlich gezeigt. Ihre Vorträge, sowie «Sonntagsvideos» auf ihrem YouTube-Channel schliesst sie stets mit einem selbst geschriebenen Gedicht über das jeweils behandelte Thema ab. Ihre Lyrik ist leicht verständlich und nutzt Analogien als Rechtfertigung und Vereinfachung komplexer Themen und einer abstrakten Weltsicht.

Mittagspause

Zur Mittagszeit ist die Mensa des Ashrams fast leer. Die bunte Einrichtung kann ominös wirken, so ganz ohne Menschen. Zwei Frauen unterhalten sich leise neben mir. Eine stochert in ihrem Reis herum. Sie trauert um ihren Hund, den sie einschläfern lassen musste. Voller Schuld fragt sie sich, ob es nicht zu früh gewesen wäre. Ihr Gegenüber empfiehlt ihr, doch einmal zu versuchen die Seele des Hundes zu channeln, um endlich Klarheit zu haben. Es folgt Schweigen.

Ich gehe nach draussen und suche mir eine abgelegene Bierzeltganitur am See. Eine ältere Dame gesellt sich zu mir «Wie wunderbar, dass eine so junge Person aufwacht» sagt sie. «Mein Sohn ist auch gerade dabei, denn er besucht bald einen Shaolin-Tempel.» Hier wird klar, wie die Szene Einzelfälle generalisiert. Im Festival ordneten Einige schon meine Anwesenheit als Beweis dafür ein, dass die «Jugend endlich auch erwacht». Dabei war ich höchstwahrscheinlich die einzige Person unter 30.  Zudem wird die Konfessionslosingkeit und Individualität der Mitglieder deutlich. Es wirkt so, als ob eine Person, die sich für Themen wie Achtsamkeit oder Meditation interessiert oder beginnt christliche, buddhistische, hinduistische oder spirituelle Praktiken durchzuführen automatisch für «die richtige Sache gewonnen» wurde. Die Person muss dabei (noch) gar nicht esoterische oder verschwörungstheoretische Ideen vertreten. Islam und Judentum scheinen jedoch nicht dazu zu gehören, da diese niemals erwähnt werden. Dies wird noch deutlicher als Cardinal vor dem letzten Vortrag des Tages ein christlich inspiriertes Gebet anleitet, in dem Begriffe wie «Gottvater» und «Amen» verwendet werden. Am Vortag waren diese nirgends zu finden. Nach dem Gebet sollen wir zu unserem Sitznachbar «Friede sei mit dir» sagen. Zufällig sitzt Susanne Lohrey neben mir im Publikum. Ich sage den Satz zu ihr. Sie steht auf und setzt sich um ohne zu antworten.

Die Tagesschau mit Peter Denk

Peter Denk spricht selbstsicher wie ein Anwalt im Recht. Der Verschwörungstheoretiker lehnt sich lässig gegen den Stehtisch auf der Bühne. In seinem Vortrag ordnet er aktuelle politische Ereignisse ein und bezieht sich häufig auf die Aussagen eines Mediums namens Egon Fischer. Und mit einer Vision von Letzterem beginnt Denk den Vortrag auch: Am 27. Februar 2026 um 21 Uhr habe Fischer die Eingebung «Es hat begonnen» ohne weiteren Kontext erhalten. Im darauffolgenden Monat fand dann der Angriff auf den Iran statt. Denk lacht: «Kriege beginnen jetzt nur noch am Wochenende, weil da die Börsen zu sind.» Auslöser für den Angriff seien eine Liquiditätskrise von Konzern Blackrock und der Skandal um Jeffrey Epstein gewesen sein. Wie also einst der Osten zerfallen ist, so soll nach Peter Denk nun auch der Westen zerfallen. Anschliessend erklärt er, weshalb Krieg ein Geschäft sei. Die Verhandlungen im Iran hätten sich nämlich auf die Ölpreise ausgewirkt. Auch gäbe es weltweit «viele Pannen in Ölraffinerien». Diese seien beabsichtigt und sollen die Energiewende beschleunigen, welche Teil von der Agenda 2030 sei. Jede Art von Knappheit, gerade die von Öl, sei Macht. Es dient der Legitimation diese zusammenhangslosen Ideen mit einer universell und logisch klingenden Floskel abzuschliessen.

«80 Prozent von dem, was wir sehen, ist Bluff, irgendeine Art von Show» erklärt Denk und zeigt uns auf seiner PowerPoint die Karten, die er zu Donald Trump gelegt hat. Sein Fazit daraus sei, Trump ist weder ein Engel noch ein Reptiloid (Alienspezies die laut vielen Verschwörungstheoretikern unter den Menschen leben und denen meist bösartige Absichten zugeschrieben werden). Doch allgemein ist seine Rolle eher positiv, denn er soll das «alte System abreissen». Denk zeigt Bilder von Trump neben anderen Politikern heute und vor ein paar Jahren. Auf den aktuellen Bildern erscheint er kleiner. Denk schlussfolgert daraus: Donald Trump muss es doppelt geben.

Danach prophezeit er den baldigen Zerfall der NATO und Europäischen Union. Dazu erscheint eine Folie mit dramatischen, eindeutig KI-generierten Bildern. Beispielsweise Ursula von der Leyen ist dabei, im Auge Saurons aus dem Film Herr der Ringe. Daran führt er an, dass es bald eine KI-Diktatur mit einer einhundertprozentigen Datenüberwachung geben würde. Deswegen würden so viele KI-Rechenzentren gebaut werden. Auch Bargeld und das Geldsystem grundsätzlich solle zerstört werden. Doch die Elite würde auch «schlampiger werden, weil sie all ihre guten Leute gefeuert haben». Diese hätten angefangen kritisch zu denken. Viele Menschen im Publikum nicken immer wieder oder murmeln Zustimmung. Eine Frau sitzt allein mit mir in der letzten Reihe. Sie redet immer wieder vor sich hin «Ja, ja, so ist es».

Denk erklärt nun, weshalb es gerade Krieg in der Ukraine gäbe und uns in Deutschland keiner bevorstehe. Die Ukraine müsse einfach ihr negatives Karma abbauen. Sein medialer Freund meine zwar, Russland würde «bald zuschlagen», doch seien dann nur die betroffen, die es wirklich verdienen würden.

Die Aliens kommen

Denk erwartet öffentliche Alienrevelationen dieses Jahr im Juli am Nationalfeiertag der USA, dem Tag des Roswell-UFO-Ereignisses am 8. und dem Finalspiel der Männer-Fussball WM. Dafür sieht er zahlreiche Gründe. Trump würde über Aliens posten und die US-Massenmedien sprächen sogar schon von unterschiedlichen Alienspezies. Inhalte der Serie Star Trek seien weitgehend wahr. Die UFO-Abteilung der NASA und die US-Spaceforce besässen bereits Technik auf dem Stand des Raumschiffes Enterprise der Serie. Auch der neue Film «Disclosure» von Steven Spielberg sei eigentlich nur «Predictive Programming» für die Massen, um uns auf die Ankunft von Aliens vorzubereiten. Denn im Trailer des Films, der auch teure Werbezeit im Superbowl erhielt, ist die Ankündigung «diesen Sommer» zu lesen. Predictive Programming ist die verschwörungstheoretische Idee, dass die Elite das Volk durch Inhalte in der Popkultur unbewusst auf zukünftige Ereignisse vorbereitet.

Ganz beiläufig erwähnt Denk noch, er persönlich «kenne einen Erfinder von freier Energie». Durch diese könnte die Elite uns nicht mehr kontrollieren, da Öl zur Energiegewinnung ihr grösstes Druckmittel sei. Daher würden so viele Wissenschaftler, die an freier Energie forschen, einfach verschwinden. Freie Energie ist ein pseudowissenschaftlicher Mythos nach welchem es eine kostenlose und unerschöpfliche Energiequelle gäbe, die von der Elite unterdrückt wird.

Offene Fragerunde

Andere Grössen der Esoterik-Szene, wie Christina von Dreien, beantworten nur vorher ausgewählte Fragen. Das Smaranaa-Festival endet jedoch mit einer einstündigen «Panel-Diskussion» mit allen Gastvortragenden des Tages und Monika Cardinal selbst. Die Bezeichnung «Offene Fragerunde» wäre passender gewesen, da sich die Speaker nie widersprechen und so keine Diskussion zustande kommt.

Zu Beginn wird die Frage gestellt, warum es die «dunkle Seite» überhaupt geben würde. Conrad wiederholt den Luzifermythos aus seinem Vortrag nicht. Er argumentiert stattdessen damit, dass wir nun einmal in der Dualität leben würden. Andere Planeten hingegen, würden nur das Dunkle oder nur das Lichte erfahren. Lohrey nutzt wie üblich eine Metapher: Ein Apfel würde auch Faulen, doch dies sei nicht schlecht, sondern ein Teil des Lebenskreislaufs.  Auch wird nun nachgefragt, welche Kategorie in Lohreys Vortrag nun die fünfte gewesen wäre. Es seien «toxisch positive Leute».

Jemand lobt das lustige Bild von Ursula von der Leyen im Auge Saurons aus dem Vortrag von Peter Denk. Dieser erklärt dazu: Herr der Ringe beruhe auf den Ereignissen in Atlantis. Deswegen wäre die Buchreihe so erfolgreich. Viele Menschen würden sich beim Lesen unbewusst an ihr früheres Leben in Atlantis erinnern und resonieren daher mit dem Fantasy-Epos.

Als die Frage «Wie erkenne ich einen seelenlosen Menschen?» in den Raum gestellt wird, antwortet Cardinal: «Du spürst diese Kälte». Conrad empfiehlt im Anschluss sich telepathisch mit Mantras oder Psalm 91 vor solchen Menschen zu schützen. Cardinal erklärt auch, sie habe telepathisch mit ihrer Katze kommuniziert, indem sie sich vorstellte diese würde aus dem Napf fressen und dies sei dann auch tatsächlich geschehen.

Eine Frau aus dem Publikum erklärt: Sie mache sich Sorgen um ihre Familie, weil diese sich nicht für Spiritualität interessiere. Werden ihre Verwandten deswegen nicht in die fünfte Dimension mit ihr aufsteigen? Die fünfte Dimension ist ein esoterisches Konzept, eine Bewusstseinsebene, die ein Zustand von bedingungsloser Liebe und Harmonie sei. Demnach kann eine spirituell weit entwickelte Seele von unserer materiellen und dreidimensionalen Welt mit ihrem Bewusstsein in 5D aufsteigen. Beantwortet wird die Frage mit dem «freien Willen». Sie könnte nur für sich verantwortlich sein, nicht mal für ihre Kinder. Doch nach dem Aufstieg soll diese Ebene des Seins bestehen bleiben für alle, die noch mehr Zeit für ihre spirituelle Entwicklung bräuchten. Cardinal fügt jedoch noch hinzu: Niemand würde jemals verloren sein. «Beten ist der Schlüssel für alles. Beten und Segnen sind unsere wichtigsten Werkzeuge». Derartige Fragen werden häufig beantwortet mit den Phrasen «Jeder hat einen freien Willen» und «Jeder geht seinen Weg». So lässt sich Meinungsverschiedenheit rechtfertigen. Gespräche über komplexe Themen werden in diesen Kreisen nicht selten mit einem jener beiden Sätze kompromisslos beendet. Im Namen der Angehörigen von Radikalisierten, die mit diesen Worten bekannt sind, melde auch ich mich und stelle eine Frage. Es ist nicht meine Absicht damit zu schockieren, sondern zu illustrieren, wie weit diese Rechtfertigungen reichen:

«Wenn ein Kind in einem Kriegsgebiet aufwächst, hat es das dann manifestiert? Hat man in dem Alter schon einen freien Willen?» Die Antwort von allen vier Speakern ist: Ja. Es gäbe keine Zufälle. Die Seele wisse, worauf sie sich einlässt, bevor sie inkarniert. Als Beweis dafür werden Fälle von Kindern angegeben, die sich mutmasslich an ihr früheres Leben erinnern könnten. «Die Seele will damit Erfahrungen sammeln, was bereinigen.» Lohrey fügt hinzu, dass viele ihrer Klienten traumatische Erfahrungen gemacht und dadurch Reife gewonnen hätten. Laut Cardinal würden frühe Tode in Kriegsgebieten auch einfach dazu dienen, Karma abzubauen, ob von einer Seele oder einer Nation. Es sei letzten Endes ein Schritt in Richtung Erlösung. Doch erklärt sie mir auch, ich könne mir die Antwort aussuchen, mit der ich persönlich am besten Leben kann.

Als letztes wird eine Frage über die spirituelle Rolle von Deutschland gestellt. Cardinal betont die starke Resilienz des deutschen Volkes und wie sehr es gerade von allen Seiten angegriffen werden würde. «Uns wurden bewusst inszenierte Schuldgefühle aufgedrückt», erklärt Conrad. Man würde die Deutschen knechten und klein halten, da stets dazu bereit seien alle Schuld auf sich zu nehmen. Er regt sich auch darüber auf, dass man nicht einmal ausserhalb der WM eine deutsche Flagge aufhängen dürfe. Lohrey zitiert Goethe «Ich bin Teil jener Kraft, die stets das Böse will und das Gute schafft.» Ironisch, dass ihr Zitat von der Figur Mephisto, dem Teufel in der Tragödie Faust, stammt. In der esoterischen Logik ergibt es jedoch Sinn. Die angebliche Unterdrückung durch dunkle Mächte (das Böse) wird als spiritueller Katalysator umgedeutet, der Deutschlands phönixartige Wiederauferstehung (das Gute) erzwingen soll. Auf diese Transformation könnten wir auch heute noch vertrauen. Das Publikum applaudiert. Und ich habe eine Quelle der freien Energie gefunden: Goethe der sich im Grabe umdreht. Als Universalgelehrter stand er für empirische Forschung ein und war kein Patriot.

Fazit aus der dritten Dimension

In der Szene um das Smaranaa-Festival ist es seit Jahren kurz vor zwölf.  Ständig wird der Aufstieg der Menschheit in die fünfte Dimension oder Erstkontakt zu Aliens prophezeit. Doch wer in der Liebe bleibt, dem könne angeblich nichts bei all diesen Turbulenzen passieren. Dabei wirkte es gerade zum Ende der Fragerunde so, als hätten die Speaker eine politisch rechte Richtung eingeschlagen. Zwar wurden auf der Veranstaltung keine wortwörtlichen rassistischen, antisemitischen oder anderweitig diskriminierende Aussagen gemacht. Doch wenn jeder Mensch alle Aspekte seines Lebens auch schon im Kindesalter manifestiert, können Täter, Kriegs- und Kolonialmächte ihre Verantwortung einfach ablegen. Und Privilegierten wird der Eindruck vermittelt, ihre komfortable Lebenssituation sei kein Zufall, sondern das Resultat ihrer eigenen spirituellen Überlegenheit und Reinheit. Das Festival über Licht und Liebe ersetzt Empathie mit einer esoterischen Arroganz. So kann der Weg für Radikalisierung geebnet werden. Nach ihrer eigenen Logik haben Monika Cardinal und ihre Gastredner auch diesen Bericht manifestiert.

von Marla Engelschalk, Juli 2026