«Coffee with a Stranger» – Neue Missionierungsstrategie von Shincheonji

Die aus Korea stammende umstrittene Gemeinschaft Shincheonji, die seit ein paar Jahren in der Schweiz massiv junge Menschen mit christlichem Hintergrund rekrutiert, setzt zur Kontaktaufnahme mit ihrem Zielpublikum immer wieder neue Trends ein. In den letzten zwei Jahren wurden Foodsharing-Events organisiert, bei welchen die Interessierten für das «Bible Study», die einführenden Kurse von Shincheonji motiviert wurden, oder es wurden «After Work Hikes» angeboten, die am Ziel ebenfalls in Werbung fürs «Bible Study» mündeten.

«Coffee with a Stranger» als neue Methode

Neueste Strategie ist die Adaption des amerikanischen Konzepts «Coffee with a Stranger»: Junge Menschen werden auf der Strasse angesprochen mit der Legende, dass die Leute in der Schweiz ja eher verschlossen seien, und dass die Sprechenden dem durch «Coffee with a Stranger» entgegenwirken möchten. Zeigt sich die angesprochene Person interessiert, wird ein Termin vereinbart.

Shincheonji-Kaffee-Gespräch

Beim Kaffee-Treffen läuft das Anwerbe-Gespräch von Shincheonji im bewährten Stil ab: nach einleitendem Small Talk wird auf die private Ebene gewechselt und hier möglichst viel Information gesammelt. Unvermeidlicherweise kommt die «Gretchen-Frage»: Wie hält es die angesprochene Person mit der Religion? Wer darauf bekundet, mit Religion wenig anfangen zu können, fällt wie bisher aus dem Zielpublikum von Shincheonji heraus. Es erfolgt keine weitere Einladung, sondern eine höfliche Verabschiedung.

Motivation zum «Bible Study»

Personen, die sich an der Bibel interessiert zeigen, werden motiviert, das «Bible Study» zu besuchen. Dieses habe, so versichern es die Werbenden, ihnen ihre eigenen Fragen zur Bibel endlich klären können. Gemeint ist damit die spezifische Bibelauslegung von Shincheonji, die davon ausgeht, dass die Bibel verschlüsselt sei, sodass der Wortsinn der biblischen Texte nicht das eigentlich Gemeinte sei. Die wirkliche Bedeutung sei nur im «Bible Study» zu erfahren.

«Love Bombing» und «Sandwiching»

Dort werden Teilnehmende dann typischen Manipulationsmethoden problematischer Gemeinschaften ausgesetzt, z.B. dem «Love Bombing»: die Neuen werden mit Zuneigung überschüttet, um das Gefühl zu bekommen, die besten Freundschaften in ihrem Leben gefunden zu haben. Eine andere von Shincheonji angewandte Methode ist das «Sandwiching»: den Neuen werden mindestens eine, idealerweise zwei bisherige Mitglieder zugeteilt, die sich aber ebenfalls als Neue ausgeben. Als «Leaves», «Blätter» sollen sie die «Fruit», «Frucht» betreuen, indem sie die interessierte Person aushorchen, damit die Kursleitung «zufällig» zu ihrer Situation passende Aussagen machen kann, die dann wie ein göttliches Zeichen wirken. Im Kursraum sitzt die «Frucht» zwischen den «Blättern», was den kritischen Austausch zwischen Neuen verhindert. Um dies zu gewährleisten, sind die Plätze im Kurslokal angeschrieben.

Lügen gegenüber kritischen Angehörigen

Wenn die Bible-Study-Teilnehmenden in ihrem sozialen Umfeld auf Kritik stossen, wird ihnen geraten, ihre Angehörigen anzulügen, indem etwa behauptet wird, es ginge bei den abendlichen Treffen um einen Englisch-Kurs oder um sportliche Aktivitäten. Wenn die Teilnehmenden Hemmungen haben, ihren Liebsten die Unwahrheit zu sagen, wird ihnen die Lehre des Shincheonji-Gründers Man Hee-Lee unterbreitet, dass Shincheonji-Mitglieder ihre Angehörigen mit ihrem Einsatz miterlösen können, sodass diese auch in das Paradies, das Shincheonji auf dieser Erde errichten will, einziehen werden.

Indoktrination statt Studium

Insgesamt stellt das «Bible Study» gerade das nicht dar, was der Name versprechen würde, nämlich ein gemeinsames, ergebnisoffenes Studium der Bibel. Effektiv findet eine durch manipulative Methoden unterstützte Indoktrination in die Lehren von Shincheonji statt.

Georg O. Schmid, 18. Juli 2024

Lexikoneintrag Shincheonji