Matriarchat

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter Matriarchat eine Gesellschaftsordnung verstanden, die vorrangig von Frauen geprägt ist. Dabei wird oft von der Umkehrung des Patriarchats ausgegangen. Doch in der Matriarchatsforschung wird unter dem Matriarchat eher ein Gesellschaftstyp verstanden, der in allen sozialen und rechtlichen Beziehungen über die Abstammung der mütterlichen Linie organisiert wird, es wird dabei oft nicht geklärt, ob die zentrale Stellung den Müttern oder den Frauen allgemein zugeschrieben wird. In Matriarchaten soll zudem die religiöse Vorstellung einer Ahnfrau oder Grossen Göttin vorherrschen.

Synonyme: Mutterrecht, Gynaikokratie, Gynäkokratie

Seit dem 19. Jahrhundert wurde die Matriarchatsdefinition unter kulturellen, sozialen und religiösen Strömungen immer wieder mit anderen Vorstellungen und Inhalten aufgeladen. Wissenschaftsdiziplinen in diesen Bereichen verwendeten den Begriff in dem jeweiligen historischen und kulturellen Zusammenhang entsprechend ihrer Weltanschauung.

Die Anfänge der Matriarchatstheorien entstammten rechtshistorischen und ethnologischen Beiträgen des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte der Matriarchatstheorien beginnt mit Johann Jakob Bachofen (1815 – 1887). Obwohl Bachofen den Begriff «Matriarchat» nicht benutzte, gehörte das 1861 erschiene Hauptwerk Das Mutterrecht: Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur von Bachofen zu den einflussreichsten Büchern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Bachofen gehörte auch dem Evolutionismus an, der Vorstellung, dass alle Gesellschaften dieselben Evolutionsstufen durchmachen würden. Dementsprechend soll jede Gesellschaft in ihrer Anfangsphase mutterrechtlich organisiert gewesen sein, das heisst ein Matriarchat gewesen sein.

Die These der Existenz einer allgemeinen vorgeschichtlichen matriarchalen Kulturstufe wurde vom Ende des 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhundert vor allem in der englischen Urgeschichte und Archäologie vertreten. Dabei stand auch der Kult einer Grossen Göttin in Matriarchaten im Zentrum. In den 1930er Jahren hatten deutschsprachige Prähistoriker auch die Nähe zum Nationalsozialismus gesucht. Dabei wurden auch Matriarchatstheorien in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus ausgebildet. Der kulturelle Evolutionismus, welche meint, dass alle Gesellschaften die gleichen Evolutionsstufen erklimmen, wurde in der Ethnologie ab Mitte des 20. Jahrhunderts  abgelehnt.

Seit 1970 haben sich Feministen, welche dem kulturellen oder essentialistischen Zweig zuzuordnen sind, den Matriarchatsbegriff angeeignet, während Vertreterinnen des sozialen Feminismus eine kritische bis ablehnende Haltung zur Matriarchatstheorie einnahmen.

Heute jedoch ist es in wissenschaftlichen Kreisen zum Forschungskonsens gekommen, dass das Matriarchat als Mutterherrschaft spiegelbildlich zum Patriarchat historisch nicht nachweisbar ist. Ebenso umstritten ist die historische Spekulation aufgrund der alleinigen Basis der Interpretationen von Mythen und vergleichende Annahmen von heute existierenden Gesellschaften mit prähistorischen Kulturen.

Obwohl Matriarchatstheorien in den wissenschaftlichen Bereichen nicht mehr verfolgt werden, gibt es heute noch immer die Idee des Matriarchats. Sie wird in Büchern, Magazinen und auf den digitalen Netzwerken immer wieder angetroffen. Heute sind Matriarchate utopische Vorstellungen von friedlichen Frauengesellschaften.

Auch wenn Matriarchate als Gegenstruktur von Patriarchaten nicht anzufinden sind, gibt es einzelne Aspekte, welche in der Ethnologie noch immer thematisiert werden. Dazu gehören die Matrilinearität und Matrolokalität. Wenn beides gegeben ist: die Matrifokalität. Die Matrilinearität besteht beispielsweise, wenn Neugeborene der mütterlichen Verwandtschaftslinie zugeordnet werden und Erbschaften über die mütterliche Verwandtschaftslinie gehen. Matrilokalität besteht, wenn ein Paar nach ihrer Heirat in das Dorf oder in die Nähe der Verwandten der Frau zieht. In diesen Gesellschaften sind es aber trotzdem meistens nicht die Frauen, welche die höhere Macht innehaben, sondern dennoch die Männer. Aber hier weniger die angeheirateten Ehemänner, sondern meistens die Mutterbrüder. Doch auch in diesen Fällen ist zu beachten, dass nicht verallgemeinert wird, da die sozialen Strukturen wie in den meisten Gesellschaften hochkomplex sind. Es gibt eine grosse Variationsbreite der sozialen Strukturen und es gibt zum Teil grosse Unterschiede zwischen einzelnen matrilinearen Gesellschaften.

Als Alltagsbegriff wird Matriarchat oft von Medien in Bezug auf Gemeinschaften genannt, welche im allgemeinen Volksmund als Matriarchate bezeichnet werden. Hier dienen oft die Mosuo in China und die Minangkabau in Indonesien als Beispiele.

Heute begegnet man dem Matriarchatsbegriff vor allem noch in esoterisch und/oder feministischen Kreisen. Dort gilt das Matriarchat als positive, in früheren Zeiten weltweit verbreitete, friedliche Gesellschaft mit einem Kult der Grossen Göttin, welche als die Herrin über den ewigen Kreislauf von Leben und Tod gilt.

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