Heide Göttner-Abendroth

Heide Göttner-Abendroth wurde am 8. Februar 1941 in Langewiesen im damaligen Grossdeutschen Reich geboren. Während sie nach 1945 in der SBZ und dann in der DDR aufwuchs, interessierte sie sich schon früh für gesellschaftliche Zusammenhänge. Im Geschichtsunterricht lernte sie schon als Kind etwas über die Verhältnisse von Ökonomie und Kultur und Sozialordnung und Politik. Mit 12 flüchtete sie mit ihren Eltern in die BRD und war, so Heide Göttner-Abendroth, enttäuscht, dass das Schulsystem anscheinend zusammenhangslose Dinge unterrichtete.

Heide Göttner-Abendroth erklärt, dass sie offiziell Philosophie, Wissenschaftstheorie und Germanistik studierte, sich jedoch inoffiziell um ihren Wissensdurst nach gesellschaftlichen Zusammenhängen kümmerte, indem sie die Universitätsbibliotheken nutzte. Bald jedoch soll ihr bewusst geworden sein, dass sämtliche Philosophien und Kulturtheorien stets die Welt der Männer widerspiegelten, die als die Welt der ganzen Menschheit ausgegeben wurde aber eigentlich nichts mit ihr als Frau zu tun hatten. Diese Erkenntnis führte dazu, dass sie ihre weiteren Studien kritischer anging und dabei versuchte «hinter die Dinge» zu blicken, vermeintlich bemerkte sie dadurch zunehmend die «unglaublichen» Widersprüche im herrschenden Denken und Argumentieren und so soll ihr gesamtes Geschichts- und Weltbild umgestürzt sein, das ihr beigebracht worden war.

Göttner-Abendroht promovierte 1973 in Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität München und lehrte dort für zehn Jahre in denselben Fächern. 1976 war sie Teil der Frauenbewegung an der Universität, welche sich gegen die Unterdrückung von jungen Dozentinnen auflente, und schloss sich gegen die institutionalisierte Wissenschaft und die Benachteiligung der Frau in der Universität dem wissenschaftspolitischen Teil der Neuen Frauenbewegung an. 1976 wurde sie auch Mitbegründerin der Frauenforschung in Westdeutschland und moderne Matriarchatsforscherin. Da ihr die Universitäten zu patriarchal strukturiert schienen und die Matriarchatsforschung vermeintlich von den vorherrschenden männlich geprägten Kulturtheorien beeinflusst war gründete sie 1986 eine private Bildungsstätte mit Namen «Internationale Akademie HAGIA». Als Gründerin der Akademie HAGIA und als Matriarchatsforscherin bekam sie Angebote als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und Gastprofessuren in Montréal und Innsbruck.

Als Frauen- und Matriarchatsforscherin veröffentlichte Heide Göttner-Abendroth zahlreiche Artikel und Bücher. Ihr dreibändiges Hauptwerk Das Matriarchat (1988) und Die Göttin und ihr Heros (1980) wurden intensiv rezipiert, nicht nur unter Frauenbewegungen, sondern auch in wissenschaftlichen Kreisen, auch wenn diese Göttner-Abendroths Theorien heutzutage eher kritisch anschauen. In Das Matriarchat (1988) hat sie vermeintlich matriarchale Gesellschaften aus der ganzen Welt in der Geschichte und Gegenwart angeschaut und will aus deren sozialen Mustern reiche Erkenntnisse für ein humanes Zusammenleben gefunden haben.

Im Jahr 2003 organisierte und leitete sie den ersten Weltkongress für Matriarchatsforschung «Gesellschaft in Balance» in Luxemburg, 2005 den zweiten «Societies of Peace» in Texas und den dritten 2011 «Die Zeit ist reif. Wir gehen in eine lebenswerte Gesellschaft» in St. Gallen.

Heide Göttner-Abendroth kann im deutschsprachigen Raum als eine Pionierin der systematischen Matriarchatsforschung bezeichnet werden. Sie bedient sich der Methoden und Elemente aus Geschichtswissenschaften, Archäologie, Ethnologie, Anthropologie, Religionswissenschaft und Literaturwissenschaft. Dabei stützt sie sich auf J.J. Bachofens Theorien des Mutterrechts oder «Gynaikokratie». Gleichzeitig ist in ihrer Forschungsmethode die Forschung an Göttinnenmythen, welche sie als Ausdruck einer matriarchalen Kultur sieht, zentral. Göttner-Abendroths Werke habe nach wie vor grossen Einfluss auf die Frauenbewegungen und werden in wissenschaftlichen Kontexten kritisch diskutiert.

Heide Göttner-Abendroth beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Matriarchat in Vergangenheit und Gegenwart. Dabei ist sie teilweise Anhängerin der veralteten Evolutionstheorie von Lewis Henry Morgan. Diese Evolutionstheorie drückt im Grunde genommen aus, dass alle Gruppen oder Gesellschaften auf der Welt die gleichen Evolutionsstufen erklimmen und sich auf verschiedenen Stufen befinden können. Es handelt sich um ein universelles Modell, wonach alle Kulturen als «wilde Naturvölker» mit «Naturreligionen» anfangen und sich über die Phase der «Barbarei», in der Theorie die Stufe, wo Landwirtschaft und Viehhaltung betrieben wird, zur «Zivilisation» entwickeln. J.J. Bachofens und Henry Lewis Morgans Theorien beinhalten zudem die Auffassung, dass im frühsten Stadium der Kulturen, also demjenigen der «Naturvölker», eine matrifokale (matrilinieare und matrilokale) Gesellschaftsform vorherrschte. Nach diesem Modell sei die Entwicklung zum Patriarchat gleichzusetzten mit dem Erreichen der Phase der Zivilisation. Heide Göttner-Abendroth bedient sich teilweise dieser Theorien und geht davon aus, dass alle Kulturen eine matriarchale Gesellschaftsform durchgemacht haben. In einigen Kulturen soll sie auch gegenwärtig noch stärker sichtbar oder sogar intakt vorhanden sein.

Bei der Erforschung des vergangenen und gegenwärtigen Matriarchats bedient sie sich der Mythenforschung, der Patriarchats- und Ideologiekritik und greift interdisziplinär Elemente der Ethnologie, Archäologie, Geschichte, Religionswissenschaft und Literaturwissenschaft heraus, die nach vergleichender Analyse als Hinweise und Belege für das Matriarchat gelten können. Dabei möchte sie in einem Negativ-Verfahren die Brüche in der Forschung aufzeigen, welche auf das Patriarchat hinweisen und in einem Positiv-Verfahren die verschiedenen Hinweise auf matriarchale Lebensformen sammeln und zu einem einheitlichen matriarchalen Bild zusammenzufügen. In ihrer Patriarchatskritik steht im Grunde der Vorwurf im Vordergrund, dass das Patriarchat das Matriarchat als Problem sehe und dieses so schnell wie möglich vom Tisch nehmen möchte. Sie meint des Weiteren, dass absichtlich schwammige Begriffe wie «gynaikostatisch», «gylanisch», «mutterrechtlich» oder «gynaikokratisch» benutzt wurden um die Existenz von Gesellschaften, die von Frauen geschaffen wurden – eben Matriarchate – zu leugnen. Dies diene dazu gleichzeitig Schöpfungen und die Geschichte der Frauen unsichtbar zu machen. (Göttner-Abendroth 2011, 10)

Heide Göttner-Abendroths Matriarchatstheorie kommt von einer feministischen patriarchatskritischen Perspektive her. Dabei ist das Patriarchat als negatives Gesellschaftsmodell immer sichtbar. Göttner-Abendroth stellt fest, dass das Matriarchat bisher von Männern erforscht wurde, also J.J Bachofen und Lewis Henry Morgan, und kritisiert deren patriarchalen Blick auf die Matriarchatsforschung. Dabei behauptet sie, dass Morgan und Bachofen zwar gutes und genug Material zum Matriarchat, oder damals zum Mutterrecht, gesammelt hatten, aber dass keine klare Definition des Matriarchats und keine wissenschaftliche Begründung entstanden sei. Deswegen sei deren Forschung über das Matriarchat nicht wissenschaftlich genug. Göttner-Abendroth kritisiert zudem, dass Morgan und Bachofen Klischees über «das Wesen der Frau» reproduziert hätten. Als Hintergrund dieses Versagens vermutet sie di Tatsache, dass andernfalls durch die wissenschaftlichen Funde die patriarchale Ideologie und das patriarchale Weltbild zusammengebrochen wären.

Auch die Geschichtswissenschaft kritisiert Göttner-Abendroth. In der Geschichtswissenschaft kritisiert sie deren Definition von Prähistorie. (Göttner-Abendroth 2011, 10-12) Der Begriff der Prähistorie werde von der Geschichtswissenschaft, laut Göttner-Abendroth, auf alles in der Geschichte angewandt, was vor der «offiziellen» Geschichte zu datieren sei, und beziehe sich auf diejenigen Kulturen, welche von den Historikern nicht zu den geschichtlichen Gesellschaften gezählt werden. Göttner-Abendroth meint hier das patriarchale Muster der Geschichtswissenschaften zu sehen, da nur Gesellschaften als historisch gelten, welche schon patriarchalisch geprägt seien. Sie führt hier also den Vorwurf ein, dass die Wissenschaft der Geschichte schon in ihrer Struktur patriarchalische Einflüsse habe, wodurch matriarchale Gesellschaften gar nicht erst richtig angeschaut würden. Sie behauptet dabei auch, dass die Vorsilbe prä– in der Geschichtswissenschaft gleichgesetzt würde mit «vorläufig» und «wertlos». So sieht sie in der Historik eine patriarchale Herrschaftsideologie am Werk. Gleichzeitig solle die «eigentliche Geschichte» mit der Erfindung der Schrift begonnen haben, was ihrer Meinung auch zu kritisieren wäre, weil in ihrer Sicht schon von Beginn der Menschen angeschrieben wurde, nämlich mit symbolischen Hologrammen. Symbolische Hologramme jedoch sind wissenschaftlich gesehen keine Schrift, weil sie zwar Sinn enthalten, aber keine Sprache kodieren.

Kritik:

Heide Göttner-Abendroth behauptet, dass Universitäten eine patriarchale Agenda hätten. In den 80er Jahren waren Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern schon länger ein Thema. Auch wenn die Universitäten und andere Institutionen auch heute noch patriarchale Strukturen aufweisen können, ist zu beachten, dass sich seit dem frühen 19. Jahrhundert einiges für die Gleichberechtigung getan hat. Zu behaupten, dass Universitäten bewusst eine patriarchale Ideologie vorantreiben, könnte auch als Verschwörungstheorie angeschaut werden.

Göttner-Abendroth geht in den 80er Jahren auf die schon damals völlig veraltete und überholte Evolutionstheorie ein und bedient sich ihrer anscheinend willkürlich. Für Heide Göttner-Abendroth waren alle Kulturen in ihren «Anfangsphasen» matriarchalisch strukturiert, wobei diese Strukturen irgendwann vom Patriarchat verdrängt wurden. Diese Evolutionstheorie jedoch wurde schon zu der Zeit kritisiert, als sie aufgekommen war, und als Gegenmodell dazu wurde der Kulturrelativismus etabliert, der eine Universalität aller Kulturen verneint. Der Kulturrelativismus nimmt an, dass Kulturen eine eigene Entwicklung durchmachen. Das zeigt, dass Heide Göttner-Abendroth sich nicht umfassend mit den Theorien beschäftigt und sich solcher bedient, welche ihre Matriarchatstheorien bestärken, ohne deren Kritikpunkte zu thematisieren.

Die Geschichtswissenschaft verwendet heute eine Definition von Prähistorie, welche nicht zu der von Heide Göttner-Abendroth behaupteten Geschichtsdefinition von Prähistorie passt. Zudem behauptet Göttner-Abendroth, dass die Prähistorie in der Geschichtswissenschaft als weniger wichtig angeschaut wird, was so nicht korrekt ist, weil die Prähistorie einen eigenen Schwerpunkt in der Geschichtswissenschaft darstellt, der nochmals viele Epochen umfasst, wobei auch dort unterschiedliche Schwerpunkte gelegt werden können. Zudem wird auch in der Archäologie ein grosser Fokus auf die Prähistorie gelegt.

Die Matriarchatstheorie von Heide Göttner-Abendroth beginnt mit einer näheren Analyse des Wortes «Matriarchat». Dabei setzt Göttner-Abendroth mit «arché» ein, was vom Griechischen kommt und «Ur-Anfang» oder «Herrschaft» bedeuten kann. Mit den Worten «Archetyp», «Archäologie» oder «Arche Noah» wird die Bedeutung des Wortes für «Anfang» betont. Göttner-Abendroth erklärt, dass «Herrschaft» als weitere Übersetzung von «arché» eine spätere Bedeutung darstelle und erst mit dem Begriff «Patriarchat» (Vaterherrschaft) aufgekommen sei. Deshalb weist sie die Deutung, dass der Begriff «Matriarchat» eine «Mutterherrschaft» meine, als falsch und irreführend zurück. Der Terminus «Matriarchat» soll vielmer nach der in ihren Augen älteren Übersetzung von «arché» abgeleitet werden und damit bedeuten: Also «Am Anfang die Mütter».

Heide Göttner-Abendroth meint eine strukturelle Matriarchatsdefinition anzustreben. Da eine kulturgeschichtliche Methode nicht genug Erkenntnisse liefere, müsse noch auf anderen Wegen geforscht werden. Eine solche Option sieht sie in der ethnologischen Beschreibung heutiger Beispiele von matriarchalen Gesellschaftsformen oder «von Frauen geprägte Gesellschaften». Dabei schaut sie das Matriarchat auf der sozialen, der politischen, der weltanschaulichen und auf der ökonomisch-ökologischen Ebene an.

Insgesamt meint Göttner-Abendroth Wissenschaft in vier Punkten zu betreiben: 1. Eine wissenschaftstheoretische Begründung, 2. wissenschaftliche Methodologie und Interdisziplinarität, 3. Ideologiekritik und 4.wissenschaftliche Definition für Matriarchat.

Das typische Schema einer Matriarchalen Gesellschaft beschreibt Göttner-Abendroth folgendermassen: Die Religion einer matriarchalen Gesellschaft soll sich um Erdgöttinnen- oder Mondgöttinnen-Mythologien drehen. Matriarchale Gesellschaften haben Jahreszeitenfeste der Initiation, Hochzeitsfeste, feiern den Tod und die Wiederkehr. Die Familienstruktur sei zugleich Vorbild für die Staatstruktur: Die Gesellschaft sei durch eine Sippenstruktur mit Mutterrecht organisiert, z.B. als Stadtstaaten mit Priesterinnen als Repräsentantinnen. Dabei herrsche Matrilinealität (Familie bei und Erbe durch die Mutterlinie) und Matrilokalität (Familien leben in der Regel bei den Verwandten der Mutter). Des Weiteren sei die Ökonomie durch Garten- und Ackerbau geprägt, wobei die Bodenerzeugnisse Gemeinschaftsbesitz der Sippe seien. Göttner-Abendroth betont jedoch, dass ein «Matriarchat noch keineswegs gegeben sei, wenn nur das eine oder andere Kennzeichen vorkomme». Es müssen alle diese Strukturen gemeinsam vorliegen. (Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros. S.28). Heide Göttner-Abendroth erklärt, dass sie anhand umfangreicher Literaturrecherche in der Lage sei, die letzten noch existierenden Matriarchate zu erkennen und beschreiben. Diese fand sie in Ostasien, Indonesien, im pazifischen Raum, in Indien, Afrika und Amerika. Sie habe von diesen Gemeinschaften viel gelernt, dabei hatte sie auch persönliche Kontakte mit indigenen Frauen und Männern, welche sie an den beiden «Weltkongressen für Matriarchatsforschung» in den Jahren 2003 und 2005 traf. (Göttner-Abendroth 2011, 14-15). Dabei entstand Heide Göttner-Abendroths umfängliche Definition eines Matriarchats.

Heide Göttner-Abendroth definiert das Matriarchat auf vier Ebenen: die ökonomische Ebene, die soziale Ebene, die politische Ebene und die Ebene der Weltanschauung und Kultur.

Auf der ökonomischen Ebene (Göttner-Abendroth 2011, 15):

Matriarchate sind meistens Ackerbaugesellschaften. Land und Häuser sind Eigentum des Clans. Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt. Güter werden in lebhaftem Austausch, der den Verwandtschaftslinien und Heiratsregeln folgt, gehandhabt. Diese Systeme sollen verhindern, dass der Besitz bei einem Clan oder einer Person akkumuliert wird. Vorteile und Nachteile beim Anbau oder Erwerb werden durch soziale Regeln ausgeglichen. So wird von wohlhabenden Clans erwartet, dass sie ihren Wohlstand verschenken, indem sie das ganze Dorf einladen. Dafür haben sie «Ehre», das heisst soziales Ansehen, gewonnen.
Heide Göttner-Abendroth erklärt, dass matriarchale Gesellschaften aufgrund der geschilderten Struktur Beispiele für eine funktionierende Ökonomie des Schenkens seien. Sie definiert diese deshalb als «Ausgleichsgesellschaften auf dem Boden einer Ökonomie des Schenkens». Im Gegensatz dazu seien Patriarchate als Akkumulationsgesellschaften zu sehen, bei denen die Güter aller Menschen in den Händen von wenigen landen.

Kritik: In ihrer Forschung gibt es in Ackerbaugesellschaften das System der «Ehre», ein Schenksystem, das dafür sorgen soll, dass Wohlstand nicht akkumuliert wird. Als verwandte Systeme beschrieben werden «Potlatch» (Nordamerika) oder «Kula» (Trobriand-Inseln). Mit Schenkungen, oder wie das Konzept in der Ethnologie benannt wird, mit «Gaben», soll im Gegenzug Anerkennung erhalten werden. Die sogenannte Schenkökonomie wurde vom Ethnologen Marcel Mauss 1924 näher angeschaut. In der heutigen Ethnologie wird jedoch vielmehr anerkannt, dass die strukturelle Anwendung der Schenkökonomie auf Gesellschaften eine unangemessene und verzerrende Versachlichung von immateriellen Beziehungen verlangt. Damit widerspricht das Konzept Heide Göttner-Abendroths Behauptung, dass Ansehen nicht durch materiellen Wohlstand erreicht werden kann, indem dieses über das System der «Ehre» und «Gaben» erreicht werde. Zudem haben dennoch diejenigen mit mehr Wohlstand auch mehr «Ehre» und stehen so hierarchisch auf einer höheren Ebene als die Empfangenden der Gaben, welche in einer «inoffiziellen» Schuld zu den Gebenden stehen und somit auch einer hierarchischen Unterdrückung zum Opfer fallen können. Dies wurde auch von der Ethnologie als die Grenzen der Schenkökonomie thematisiert. Dazu kommt eine andere Kritik: Nur weil Land und Häuser Eigentum des Clans sind, heisst das nicht, dass sie frei zugänglich sind für alle Mitglieder des Clans. Vielmehr können auch bei nominellen Gemeinbesitz Arten von Privatnutzung und territoriale Ansprüche existieren.

Auf der sozialen Ebene (Göttner-Abendroth 2011, 16):

Matriarchale Menschen leben nach Heide Göttner-Abenroth in grossen Sippen zusammen. Alle sozialen Würden und politischen Titel werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein Matri-Clan besteht aus mindestens drei Generationen von Frauen: Clanmutter, Schwester, Töchter und Enkelinnen sowie die direkten männlichen Verwandten. Ein Matri-Clan lebt im grossen Clanhaus zusammen, das zehn bis hundert Personen je nach Grösse und architektonischen Stil umfassen kann. Frauen der Matrilinie verlassen das Clanhaus nicht, sondern werden von ihren Männern besucht (Besuchs-Ehe). Die Männer aus dem Clan gehen zu den anderen Clans um deren Frauen zu besuchen und bleiben dort von Abenddämmerung bis Morgengrauen. Die Liebesbeziehung ist frei für beide. Matriarchale Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Liebespartnerinnen, in deren Clanhaus sind sie nur zu Gast. Sie leben in ihrem mütterlichen Clanhaus. So definiert Göttner-Abendroth Matriarchate in dieser Beziehung als «matrilineare Verwandtschaftsgesellschaften». Patriarchale Gesellschaften definiert sie als «androzentrische Gesellschaften», d.h. der Mann steht an der Spitze und im Mittelpunkt, was ein starkes Machtgefälle zwischen Männern und Frauen erzeugt. In ihren Worten bestehen patriarchale Strukturen sowohl in der Familie wie auch in Gesellschaften aus untereinander Fremden. Diese bilden Herrschafts- und Interessensgruppen, die als Ego-Gruppen gegeneinander antreten und sich bekämpfen.

Kritik: 1. Die matriarchale soziale Gesellschaftsform, welche sie oben beschreibt, erinnern an Gesellschaftsformen der Tuareg. So wurden die Tuareg in früheren Literaturen beschrieben. Doch obwohl die Tuareg diese Form haben oder eher hatten, ist bekannt, dass auch sie Interessens- und Herrschaftsgruppen hatten, welche gegeneinander antraten und sich bekämpften. 2. Ihre Beschreibung einer sozial-matriarchalen Gesellschaft ist verallgemeinernd und gleichzeitig sehr eng definiert und an keinem Beispiel festgemacht.

Auf der politischen Ebene (Göttner-Abendroth 2011, 17):

In matriarchalen Gesellschaften werden Prozesse der Entscheidungsfindung entlang der Verwandtschaftslinie organisiert. Angelegenheiten, welche ein Clanhaus betreffen, werden von den männlichen und weiblichen Mitgliedern als Konsens, also einstimmig, entschieden. Kein Mitglied, das volles Stimmrecht hat, indem es mindestens 13-jährig ist, darf ausgeschlossen werden. Auch auf Dorfebene werden Entscheidungen nur mit Delegierten der Clanhäuser einstimmig gefällt. Heide Göttner-Abendroth argumentiert, dass auf diese Weise keine Klassen und Hierarchien entstehen können, was wiederum bedeutet, dass matriarchale Gesellschaften herrschaftsfrei seien. So seien matriarchale Gesellschaften auf politischer Ebene «egalitäre Konsesgesellschaften». Dem gegenübergestellt seien Patriarchate grundsätzlich «Herrschaftsgesellschaften». Dazu gehörten auch «formale Demokratien», da Minderheiten – manchmal 49% der Menschen – regelmässig stimmlos gemacht werden. Dazu seien sie von zahlreichen hierarchischen Institutionen durchsetzt, wie dem Militär, den Kirchen und Universitäten, den Konzernen, dem Kunstbetrieb, den Medien usw., die alle keineswegs demokratisch seien.

Kritik: Der Vergleich zwischen matriarchalen Gesellschaften als Sippen- oder Clangesellschaften und Staatsformen als patriarchaler politische Struktur geschieht nicht auf der gleichen Vergleichsebene. Einerseits sind in Clangesellschaften viel weniger Menschen involviert. Andererseits können auch innerhalb der oben genannten Institutionen unterschiedliche Strukturen herrschen, welche Heide Göttner-Abenroth alle in einen Topf wirft. Ein weiterer Aspekt ist, dass Demokratie, Militär, Kirchen, Universitäten, Konzerne, Kunst und Medien, die von Heide Göttner-Abendroth als negative Beispiele für patriarchale Herrschaftsstrukturen in diesen Staatsformen dienen, in der Mehrheitsgesellschaft als Teil des Befreiungsnarrativs von Fremdbestimmung oder autoritären Staatsstrukturen angesehen werden und nicht als Wege der Unterdrückung. Die von Heide Göttner-Abendroth beschriebene matriarchale politische Form zeugt zugleich von einer Starrheit für die Mitglieder, die aufgrund ihrer Geburt innerhalb einer bestimmten Verwandtschaftslinie und der damit verbundenen Rolle keine Freiheiten haben eigene Zukunftsideen zu verfolgen.

Auf der spirituellen Ebene (Göttner-Abendroth 2011: 18)

Matriarchale Glaubensformen können nach Heide Göttner-Abenroth nicht mit «Naturreligion» oder «Fruchtbarkeitskult» charakterisiert werden. Grundlegend zur Vorstellung ist der Wiedergeburtsglaube: In matriarchalen Gesellschaften wird davon ausgegangen, dass die Kinder die wiedergeborenen Ahnen und Ahninnen der Sippe sind. In diesem Sinne werden Frauen als die Wiedergebärerinnen geehrt, da sie sozusagen Tod in Leben umwandeln können. Leben und Tod werden somit zyklisch aufgefasst. Die Vorstellung vom Göttlichen ist nicht transzendent, sondern immanent. Das heisst, die ganze Welt ist göttlich, und zwar eine weiblich verstandene Gottheit. Der Kosmos ist als Urgöttin die Schöpferin, die Erde ist als Urgöttin die Mutter alles Lebendigen. Somit ist die Natur heilig. Alles ist spirituell. Es gibt keine Trennung in sakral oder profan, weshalb jede Handlung ein bedeutungsvolles Ritual sei. Auf der spirituellen Ebene definiert Heide Göttner-Abenroth Matriarchate daher «als sakrale Gesellschaften und Göttinkulturen». Patriarchate sind demgegenüber «profane Gesellschaften» mit ständig fortschreitender Profanierung des Heiligen.

Kritik: Erstens wird in der heutigen ethnologischen Debatte sowieso nicht mehr von «Naturreligionen» oder «Fruchtbarkeitskulten» gesprochen. Diese Begriffe sind mit dem Terminus des «Primitiven» veraltet. Dazu kommt wieder die gleiche Kritik, dass Heide Göttner-Abendroth verallgemeinert, indem sie bei allen matriarchalen Glaubensformen die Vorstellung einer Wiedergeburt der Ahnen und Ahninnen behauptet.

Fazit

Heide Göttner-Abendroth hat durch ihre Untersuchungen eine Definition des Matriarchats geschaffen, welche mehrere Aspekte beinhaltet, zugleich jedoch sehr einengend ist. Mit dieser Definition macht sie Matriarchate ausfindig und beschreibt sie. Alles was nicht matriarchal ist, ist ihrer Meinung nach patriarchal, was ein äusserst binäres und schwarz-weisses Denken zeigt! Durch ihre Aussage, dass ein Matriarchat nur gegeben ist, wenn alle Kennzeichen der Definition erfüllt sind, und durch ihre verallgemeinernden Konzepte hätte sie sich eigentlich eine Basis geschaffen, die es schwer macht, auch nur eine Gemeinschaft oder Kultur zu finden, welche matriarchal ist. Dennoch schreibt sie drei Bänder, welche matriarchale Gesellschaften auf der ganzen Welt in der Vergangenheit und Gegenwart beschreiben sollen, die zum Teil auch einige Aspekte ihrer Matriarchatsdefinition ausser Acht lassen.

Heide Göttner-Abendroth über die Mosuo:

Heide Göttner-Abendroth und ein Team von der Hagia Akademie reisten 1993 nach Südchina in das Gebiet der Mosuo in Yünnan am Lugu-See und den Naxi in Li chiang. Diese Reise diente dazu das Matriarchat bei den Mosuo zu entdecken. Die Mosuo seien allgemein als matriarchale Gesellschaft in Südchina bekannt, wobei verschiedene Forschungen jedoch erst in jüngeren Jahren das Matriarchat in dieser Gesellschaft erkannt haben sollten. Das Team von Heide Göttner-Abendroth stellten umfassende Forschungen an. Sie interviewten zwei Ethnologen, welche sich auf Minderheiten in China spezialisierten zu den Mosuo. Sie führten Interviews mit Frauen aus verschiedenen Generationen, mit jungen Mosuo-Männern und mit einzelnen Familien. Diese Interviews sind im 1998 erschienene Buch «Matriarchat in Südchina» von Göttner-Abendroth nachzulesen. Dabei verfasste sie nach den jeweiligen Interviewabschnitten Kommentare, wo die Interviews zitiert werden und ihre eigenen Nachforschungen zum Matriarchat ergänzend die matriarchalen Strukturen der Gemeinschaft wiedergeben. Zentral in ihren Berichten ist die matrilineare Organisation des Familienclans mit einem weiblichen Familienoberhaupt, das Konzept des Axiao-Liebeslebens oder «Besuchsehen» und das ökonomische System der Mosuo.

Ein Clan bestehe meistens aus mehreren Familien. In den Familienhäusern würde in der Regel vier Generation leben, alle in einem Haus gehören einer matrilinearen Familie an, d.h. Mütter, Töchter, Mutterbrüder und Söhne befinden sich in einem Haus. Die ökonomische Macht und die Verantwortung über Entscheidungen, die das Haus betreffen, liege bei dem Familienoberhaupt, welche durch ihre sozialen Fähigkeiten und durch ihre Klugheit meistens vom vorherigen Familienoberhaupt ausgesucht werde. Diese übergäbe die Verantwortung weiter an eine ihrer Töchter oder Grossenkelinnen, wenn sie sich zu müde oder zu alt für diese Rolle fühle. Bei grösseren oder wichtigeren Entscheidungen hole sich das Familienoberhaupt wenn möglich Rat vom früheren Familienoberhaupt. Es gebe auch Clanoberhäupter, welches meistens die älteste Person ist, hier spiele es keine Rolle, welches Geschlecht die Person hat.

Das Konzept des Axiao-Liebeslebens oder «Besuchsehen» sei eher bei jüngere Frauen aktuell. Ältere Frauen, meistens die älteste und zweitälteste Generation, interessieren sich nicht mehr dafür. Das Konzept der «Besuchsehe» funktioniere so, dass Männer und Frauen sich für gewisse Zeit in einer temporären «Ehe» befinden, in der der Mann die Frau in den Nächten in ihrem Clanhaus besuche und am Morgen jedoch wieder gehe. Während einer «Besuchsehe» werden nicht mehrere Beziehungen nebeneinander geführt. Die «Besuchsehe» dauere so lange an, wie sie für beide stimme. Kinder, welche aus diesen «Besuchsehen» entstehen, bleiben bei der Mutter oder beim Mutterclan. Dabei werden auch die Schwestern der Mutter als Mütter angesehen.

Die jüngeren Generationen der Frauen und Männer arbeiten auf ihren Feldern. Diese seien auch für ihren Lebensunterhalt wichtig. Des Weiteren seien die Frauen für die Hausarbeiten und Textilien zuständig und gehen auf den Markt, wo sie ihre Waren verkaufen. Die Männer sind auch für handwerkliche oder kunsthandwerkliche Dinge verantwortlich.

Heide Göttner-Abendroths Matriarchatsdefinition angewandt auf ihren Bericht über die Mosuo: (Göttner-Abendroth, Heide. 1998. Matriarchat in Südchina. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.)

Einerseits ist Heide Göttner-Abendroths Beschreibung der Mosuo nicht in allen Punkten mit ihrer Beschreibung einer matriarchalen Gesellschaft übereintreffend. Obwohl Göttner-Abendroth betont, dass alle von ihr genannten Merkmale anzutreffen sein müssen, um eine Gemeinschaft als Matriarchat zu bezeichnen, bezeichnet sie die Mosuo als Matriarchat.

Bei Göttner-Abendroths Matriarchatsdefinition herrscht auf ökonomischer Ebene ein Schenksystem, das aber bei den Mosuo, so wie es bei der Definition beschrieben wurde nicht anzutreffen ist. Die Mosuofrauen gehen auf den Markt, um ihre Waren zu verkaufen. (S. 60) Dieser Markt ist zudem nicht nur auf ihre Gemeinschaft beschränkt, sondern wird von mehreren Gemeinschaften in dieser Gegend genutzt. Dies veranschaulicht eine weitere Kritik an Heide Göttners Matriarchatsdefinition, nämlich dass es fast keine Gemeinschaften mehr gibt, welche komplett von der Globalisierung abgeschottet sind. Davon sind alle Gemeinschaften betroffen und passen sich an. Obwohl die Mosuo, nach den Beschreibungen von Göttner-Abendroth, eine Ackerbaugesellschaft sind und eine matrifokale Familienstruktur haben, wobei die ökonomische Macht beim weiblichen Familienoberhaupt liege, beschreibt Göttner-Abendroth, dass die Mosuo auch immer mehr von Touristen besucht werden und die Rede von weiteren Unterkünften für Touristen die Rede sei (S.74), was die ökonomische Situation auch bei den Mosuo ändert.

Auf der sozialen Ebene scheinen die Mosuo gänzlich nach der oben geschilderten Matriarchatsdefinition zu gehen. Auf der politischen Ebene ist das Hauptmerkmal, dass alle Entscheidungen in einem Konsens gefällt werden. In den Interviews, welche Heide Göttner-Abendroth mit einigen Mosuo geführt hat, kommt jedoch heraus, dass Entscheidungen meistens vom Familienoberhaupt im Interesse der Familie gefällt werden und dass bei grossen Entscheidungen, wenn möglich das frühere Familienoberhaupt um Rat gefragt wird. (S.80-82) Es wird nicht klar, ob Entscheidungen wirklich in einem Konsens mit der ganzen Familie gefällt werden. Auf der spirituellen Ebene wird beschrieben, dass es bei den Mosuo ganz klar eine Göttinnenverehrung gebe, wobei neben der Feuergöttin, die am Herd anzutreffen sei, Göttinnen in der Umgebung aufgesucht werden, um sie zu verehren. Auch gibt es bei den Mosuo den Brauch der Ahnen- und Ahninnenverehrung. (S.86/7,91) Ob aber der Glaube herrscht, dass die Kinder die wiedergeborenen Ahnen und Ahninnen der Sippe sind, und Frauen als Wiedergebärerinnen geehrt werden, welche Ahnen und Ahninnen wiedergebären, geht aus Göttner-Abendroths Beschreibung der Mosuo nicht hervor.

Die Mosuo in Filmdokumentationen (Galileo, VICE Asia, Arte):

Bei einer allgemeinen Recherche wird schnell klar, dass es keine einheitliche Lebensart bei den Mosuo gibt und dass viele unterschiedliche Berichte über die Mosuo vorliegen. Zwar wird die Gemeinschaft im Allgemeinen als eine der letzten Matriarchate aufgezählt, doch wie diese genau aussieht, darüber wird unterschiedlich berichtet.

Bei einer Galileo-Reportage aus dem Jahr 2018 wird beispielsweise behauptet, dass das verdiente Geld nicht wie bei Göttner-Abendroths Bericht dem weiblichen Familienoberhaupt, sondern dem Mutterbruder übergeben werde. Gleichermassen wird bei Galileo auch berichtet, dass die Männer für das Fischen und Kindererziehen und die Frauen für den Ackerbau zuständig seien. Des Weiteren erzählen die Mosuo den Galileo-Journalisten, dass mehrere Beziehungen oder Besuchsehen zur gleichen Zeit möglich seien, was sich von Heide Göttner-Abendroths Berichten unterscheidet.

Bei einer VICE Asia Reportage aus dem Jahr 2018 wird erzählt, dass die Mosuo einen tibetischen Buddhismus praktizieren, und dabei wird nichts von der Ahnen- und Ahninnen- oder Göttinnenverehrung gesagt. Eine Mosuo-Frau erzählt der Reporterin zudem, dass die Frau sich um die Erziehung der Kinder und den Haushalt kümmere und zugleich arbeite, um für die Familie Geld zu verdienen. Das Familienoberhaupt wird in dieser Reportage auch als weiblich vorgestellt, aber die interviewte Mosuo, welche auch Familienoberhaupt sei, meint, dass die grösseren Entscheidungen von den Onkeln und den älteren Brüdern gefällt werden, sie als Familienoberhaupt jedoch ihren Segen zu diesen Entscheidungen geben müsse, also das letzte Wort habe.

Bei einer Arte Reportage aus dem Jahr 2019 wird erklärt, dass das Familienoberhaupt bei Entscheidungsfindungen zwar alle Meinungen anhöre, jedoch am Ende selbst entscheidet, was das Beste für die Familie sei. Auch hier wird berichtet, dass nur Frauen Familienoberhäupter werden können. In der Arte Reportage bekommt das Herdfeuer im Haus wie bei Heide Göttner-Abendroths Bericht auch eine zentrale Rolle zugeschrieben. Das Feuer dürfe nie ausgehen und werde als Verbindung zu den Ahninnen und Ahnen gesehen.

Fazit

Obwohl es sehr unterschiedliche Berichte zu den Mosuo gibt, ist klar, dass die Hauptverantwortung der Gemeinschaft bei den Frauen liegt. In den drei Dokumentationen werden Frauen eine besondere Rolle als Familienoberhäupter zugeschrieben, als Bearbeiterinnen der Felder, es wird berichtet über die Wichtigkeit der Schwestern als gemeinsame Mütter in der Erziehung von allen Kindern und es wird über Besuchsehen berichtet. Doch obwohl die Dokumentationen von Matriarchat sprechen, geben sie keine Definition dieses Begriffs wieder. Stattdessen werden die Vorurteile und Erwartungen von Laien an ein Matriarchat gesammelt, welche dann im Verlaufe der Dokumentationen thematisiert und oft widerlegt werden. Dies zeigt die Komplexität dieses Themas. Man sieht, dass trotz Besuchen und Interviews mit Mosuo-Leuten das Matriarchat bei den Mosuo schwer zu fassen ist, nicht zuletzt, weil die Reportagen Unterschiedliches berichten.

Die Mosuo sind in erster Linie nicht unbedingt ein Matriarchat, sondern eine einzigartige Gemeinschaft, welche durch ihre Lebensweise mittlerweile viele Touristinnen und Touristen anlockt. Doch wie oben erwähnt, bleiben sie von der Globalisierung nicht unberührt, was bedeutet, dass viele Mosuo das Dorf verlassen und ein Leben ausserhalb der Gemeinschaft aufbauen. In den Reportagen werden nicht nur Vorurteile über eine allgemein gefühlte Definition von Matriarchat widerlegt, sondern auch die Schwierigkeiten, welche einige Mosuo mit der eigenen Gemeinschaft haben, thematisiert. Dies zeigt ein differenziertes Bild der Mosuo auf.

Heide Göttner-Abendroth jedoch hat eine andere Vorgehensweise als die Reportagen. Anstatt offen und mit der Erwartung, neue Erkenntnisse zu gewinnen, an die Mosuo heranzugehen, versucht sie ihre eigene Matriarchatsdefinition bei den Mosuo anzuwenden, was mit einer Form von Vorurteil verglichen werden kann. Dies wird bei ihren Interviews mit den Mosuo ersichtlich. Die Fragen drehen sich um ihre Idee von Matriarchat und wenn ein Aspekt nicht erwähnt wird, versucht sie diesen durch Suggestivfragen bei den Mosuo zu beschwören oder ignoriert ihn als wichtigen Aspekt eines Matriarchats. Dadurch verbiegt sie die Realität, was zu einer Romantisierung der Mosuo als das letzte Matriarchat führt.

Die Göttin und ihr Heros

Heide Göttner-Abendroths Matriarchatsforschung beinhaltet, wie oben erwähnt, die Mythenforschung. Dabei lautet bei Göttner-Abendroth die Devise, dass Mythen, Märchen, Legenden oder Sagen Nacherzählungen von früheren Realitäten seien, welche durch den Lauf der Zeit Legendenstatus bekommen haben. Dennoch habe jeder Mythos oder jede Mythologie einen Kern der Wahrheit, der nur herausgefiltert werden müsse. Märchen und Mythen seien Reste einer viel älteren Weltanschauung als die der patriarchalen Weltsicht.

Durch ihre Mythenforschung will Heide Göttner-Abendroth herausgefunden haben, dass viele Mythen und Märchen auf der ganzen Welt eine Art Wiedererzählung des gleichen Mythos seien, und zwar des Mythos über «die Göttin und ihr Heros».

Mythen und Märchen, so behauptet Göttner-Abendroth, vermittelten jedoch immer noch dieselbe spirituelle Botschaft aus einer matriarchalen Welt, weshalb sie auch so anziehend auf uns Menschen wirkten. Die Geschichten seien zugleich ein Indiz für die Existenz früherer Matriarchate, in welchen der Mythos zugleich Glaube und Realität gewesen sei.

Dies veranlasst Heide Göttner-Abendroth dazu, in der Mythenforschung in jedem passenden Mythos nach einer weiblichen Figur, welche «die Göttin» sein könnte, und nach ihrem männlichen Partner, welche «ihr Heros» sein könnte, zu suchen. Dabei schreibt sie die Mythen neu und/oder gibt ihnen eine «ursprünglichere» «wahrere» Bedeutung, die, so Göttner-Abendroth, vom patriarchalen Einfluss verdrängt wurde, so dass «nur noch» die patriarchale Version des Mythos weiterbestand.

Durch «die Göttin und ihr Heros» erklärt Heide Göttner-Abendroth die Spiritualität einer matriarchale Gemeinschaft. Dabei ist jedoch nicht klar, ob sie dabei von einem idealen theoretischen Matriarchat oder von existierenden Matriarchaten ausgeht. Heide Göttner-Abendroths Grundthese von «die Göttin und ihr Heros» lautet folgendermassen: In Matriarchaten herrscht ein Priesterinnenkollegium mit einer Oberpriesterin, welche meistens auch die Sippenmutter sei. Als «ihr Heros» habe sie einen Verwandten aus der Sippe, entweder der Sohn oder der Bruder, neben sich. Dieser erfülle rituelle Aufgaben und zusätzlich aber nur untergeordnete administrative Aufgaben. Die Oberpriesterin sei Repräsentantin der Muttergöttin, die als Herrscherin des Himmels, der Erde und der Unterwelt gilt. Der Mann hat nur eine Gestalt, welche sich in jeder Phase auf die matriarchale Göttin bezieht. Die Göttin wird bei zyklischen Jahresezeitenfesten durch ihre Priesterinnen oder durch ihre sakrale Königin repräsentiert. Der sakrale König oder Heros ist der Vertreter der Menschen, mit denen sich die Göttin in Gestalt der Priesterin verbindet, um ihrem Volk neues Leben zu schenken.

Fallbeispiel Frau Holle (Göttner-Abendroth 2011: 118-9):

Das Märchen «Frau Holle» soll eines der klarsten Beispiele einer verlorenen matriarchalen Weltanschauung von «die Göttin und ihr Heros» sein. Göttner-Abendroth meint, dass der Name «Holle» auf die uralte vorgermanische Erd- und Unterweltgöttin Hel oder Hella zurückgeht, die somit im Christentum zum Urbild der «Hölle», der Finsternis oder des Dämonischen schlecht gemacht worden sei. Im alteuropäischen Kult soll sie jedoch das Urbild des Guten, Fruchtbaren, Gerechten und Mütterlichen gewesen sein, genauso, wie Frau Holle im Märchen erscheint. Heide Göttner-Abendroth behauptet, dass auch Frau Holles Wohnort im Himmel oder im Wolkenhaus sei, aus dem sie das Wetter macht, dass sie gleichzeitig jedoch auch in der Unterwelt wohnt, im Garten Immergrün, einem unterirdischen Paradies. Im Märchen machen Gold- und Pechmarie eine Art Reise durch ihr Reich, bis sie sich bei Frau Holle einfinden. Göttner-Abendroth sieht darin eine Unterweltfahrt durch Frau Holles unterirdisches Reich. Die Begegnungen, welche Gold- und Pechmarie dabei machen – Himmelswohnung, irdische Fruchtbarkeit und paradiesische Unterwelt – seien «Kennzeichen der matriarchalen Grossen Göttin in ihren drei Erscheinungsformen als Mädchen, Frau und weise Alte». Die Göttin sei in diesen drei Erscheinungsformen Herrin über die drei Sphären der Welt (Himmel, Erde und Unterwelt) und regiert die Zyklen des Lebens und damit auch die Jahreszeiten. Der Sprung Goldmaries in den Brunnen sei ein Ritual, das die Einweihung einer jungen Frau in die Magie der Göttin aufzeigen soll. Im Märchen macht Goldmarie Hausarbeiten für Frau Holle, welche sie als fleissiges Mädchen zeigen, doch Heide Göttner-Abendroth meint, dass das Mädchen in dieser Zeit eigentlich als Priesterin in die Magie der Göttin eingeweiht worden sei. Die Hausarbeiten seien eine patriarchale Neuinterpretation des Mythos. Goldmarie lernt die Wettermagie der Göttin, die Kunst des Ackerbaus, die Veredelung von Pflanzen und Domestikation von Tieren, welches alles Merkmale der ökonomischen Ebene für ein Matriarchat seien. Goldmarie kehrt in die irdische Welt als Repräsentantin der Göttin und Priesterin zurück.

Fallbeispiel Adam und Eva (Göttner-Abendroth 1993: 96-7):

Die biblische Geschichte von Adam und Eva soll laut Heide Göttner Abendroth ein weiterer Mythos sein, der ursprünglich matriarchal war und dann vom patriarchalen Judentum umgedeutet wurde. Eva soll den früheren Namen Hawwa, Heba oder Hebe gehabt haben, der dann zu Eva oder Eve abgewandelt wurde. Weiter schreibt Heide Göttner-Abendroth: «Eva war die ‘Mutter allen Lebens’, die Erdgöttin von Jerusalem. Sie wohnte in ihrem Obstgarten-Paradies, […]. Alles Leben brachte sie nur mit der phallischen Schlange hervor wie die urtümlichen Göttinnen des einfachen Matriarchats. Später hatte sie auch einen Heros, er hiess Abdiheba (Adam), sein Name war eindeutig von dem ihren abgeleitet. Er war Fürst und Schutzheros des prä-israelischen Jerusalem Sie heiratete ihn jährlich, nachdem sie ihm den klassischen Liebes- und Todesapfel überreicht hatte, ebenso sicher tötete sie ihn, um ihm in ihrem Apfelparadies das ewige Leben und die ewige Jugend zu schenken. Der Name dieser Göttin nahm der jüdische Gott Jehova (Jehva = Eva) in Besitz und mit dem Namen ihr Paradies. Dabei wurde die Nymphen- und Liebesgöttin Eva zum sündigen Weib, das zu viel über Tod und Leben, symbolisiert im Apfel, wissen wollte. Sie wollte zu viel über ihr ureigenstes Wissen erfahren, das sie seit grauer Vorzeit besass! Dann wurde sie für ihre ureigene Handlung, die Apfelüberreichung, bestraft: Als ‘Männin’ dem Mann, ihrem eigenen Heros unterworfen, blieb sie fortan, nachträglich aus seiner Rippe gemacht, sein Hilfspersonal. Die Phallus-Schlange, ihr ureigenes Symbol der Kreativität aus Lust, wurde zum Prinzip des Bösen schlechthin, an dem sie durch ihre ‘verführbare Natur’ stets Anteil hatte.»

In dieser Interpretation des Mythos von Adam und Eva sieht man ganz klar, wie Heide Göttner-Abendroth eine «ursprünglichere» «wahrere» Bedeutung bei einem Mythos sucht, dabei das Konzept von «die Göttin und ihr Heros» anwendet und zugleich aufzeigt, wie das Patriarchat die matriarchale Bedeutung verdrängt hatte. Damit möchte Heide Göttner-Abendroth zeigen, dass in der Bibel eigentlich nur noch die patriarchale Version des Mythos existiert.

Es ist schon lange ist bekannt, dass der Name «Jehova» ein Missverständnis des Mittelalters darstellt, wogegen der alttestamentliche Gott effektiv «Jahwe» hiess. Als seine Frau wurde bis weit in die Königszeit hinein die semitische Göttin Ashera verehrt. Die moderne Archäologie in Israel-Palästina zeigt zudem, dass der Name «Jahwe» weit älter ist als die Geschichte von Adam und Eva, wodurch sich Heide Göttner-Abendroths Ausführungen als das enthüllen, was sie sind: unwissenschaftliche Spekulationen.

Bedenklich an dieser Geschichte ist insbesondere, dass Göttner-Abendroth als Person, die im Grossdeutschen Reich geboren wurde, hier dem Judentum dessen eigene Tradition zu «erklären» und zu «verbessern» versucht.

Im neusten Buch von Heide Göttner-Abendroth Symbolik von Erde und Kosmos – Matriarchale Mysterienfeste, Tarotkarten und Astrologie 2023 schlägt Heide Göttner-Abendroths Mythenforschung eine esoterische Richtung ein. Darin bespricht sie die Hintergründe der matriarchalen Mysterienfeste, welche ja in der Akademie Hagia nebst der Matriarchatsforschung zentral sind. Die Mysterienfeste sind eng verknüpft mit den matriarchalen Lebensstadien und somit mit der dreifachen Göttin. Nach der Besprechung der Mysterienfeste geht Göttner-Abendroth nochmal in neuen Bereichen auf die Suche nach der Göttin. In vorherigen Werken wurde ja der Mythos «die Göttin und ihr Heros» in Mythologien und Märchen der ganzen Welt herausgefiltert und auch in matriarchalen Gesellschaften wurde nach Überresten dieser Weltanschauung gesucht, wie der Bericht über die Mosuo zeigte. Nun möchte sie anhand der Tarotkarten und der Astrologie «die Göttin und ihr Heros» heraussuchen und die matriarchale Symbolik darin deuten.

Die Astrologie gehe auf die babylonische Kultur zurück und ist, so Heide Göttner-Abendroth, die matriarchale Symbolik des Kosmos. Die Fragen, welche sie sich zu Grunde legt, sind: Wie haben matriarchale Menschen den Himmel, Planeten und die Sterne gesehen? Wie haben sie diese verstanden und welche Bedeutung haben sie ihnen aus ihrer Erfahrung heraus gegeben? Da die Mysterienfeste nach Heide Göttner-Abendroths Vorstellung nicht nur die Erde spiegeln, sondern auch die Konstellationen des Sonnen- und Mondstandes, würden Mysterienfeste und Astrologie eigentlich zusammengreifen. Somit versucht sie, Horoskope und Sternbilder aus spiritueller matriarchaler Sicht zu deuten, welche in ihren Augen auch die einzige Art sei, Horoskope richtig zu interpretieren.

Sternzeichen

Wie in allen Weltanschauungen habe das Patriarchat schon vor langer Zeit, gesprochen wird vom alten Ägypten oder dem antiken Griechenland, auch in die Astrologie Einzug erhalten, worauf Horoskope patriarchal gedeutet wurden. Heide Göttner-Abendroth geht es nun um die Aufdeckung matriarchaler Symbole in Sternbildern. Dies versuchte sie zu erreichen, indem sie neue Bezeichnungen und Symbole von Sternzeichen anhand von archäologischen Methoden bestimmte. Dabei hat sie sich mittelalterliche Horoskope angeschaut und ist von diesen auf immer ältere Horoskope zurückgegangen, die sie auf matriarchale Symbole untersuchte.

Im Skorpion beispielsweise soll sie erkannt haben, dass das Sternzeichen nicht ein Skorpion, sondern eine Kobra zeige. So will sie in Dokumenten gefunden haben, dass das Sternzeichen ursprünglich eine Urschlange darstellte. Als weiteres Indiz für ihre Suche war, dass der Skorpion in der Astrologie dem Element Wasser zugeordnet wird. Worauf sie sich gefragt habe, was ein Skorpion mit dem Element Wasser zu tun habe. Die Urschlange jedoch habe auch eine Symbolik für den Ozean, der die ganze Erde umringt.

Planeten

Planeten haben nach Meinung von Göttner-Abendroth weibliche und männliche Eigenschaften. Die Symbolik von Mars und Venus sei Männlichkeit und Weiblichkeit, Krieg und Liebe. Aber laut ihren Forschungen fand sie heraus, dass alle Planeten in matriarchalen Symboliken weibliche und männliche Eigenschaften hatten und somit der Planet, der bei der Geburt im Sternkreis steht eine komplexere Symbolik habe.

Mars sei wahrscheinlich wegen seiner roten Erscheinung in der patriarchalen Astrologie dem Kriegsgott gewidmet worden. Göttner-Abendroth erläutert jedoch, dass in der matriarchalen Astrologie der Mars weder etwas mit Krieg noch mit einem Gott zu tun habe. Da ja Kriege und Zerstörungswillen kein Thema in matriarchalen Gesellschaften sei. In matriarchalen Gesellschaften werde dem Mars die Bedeutung des Lebenswillens der ganz jungen Wesen und deren ungestümes Wachstum zugeschrieben. In diesem Sinne seien als Titanenpaar des Planten Dione und Krios genannt. Dione als Tochter der Thetis und Mutter der Aphrodite, soll eine ganz andere Bedeutung auf den «roten Planeten» werfen. Rot werde im matriarchalen Verständnis mit der Farbe des frischen Lebens und der Liebe verbunden. Da Aphrodite, Göttin der Liebe und Tochter der Dione, in roter Kleidung erscheine, wenn sie nicht nackt sei, so sei sie die Rote Göttin, genau wie ihre Mutter Dione. Krios sei der Titan der männlichen Liebeskraft und des Wachstums und somit der passende Heros für die Rote Göttin Dione, die Titanin der erotischen Liebe. Aus der erotischen Verbindung der Dione und des Krios entspringe das Wachstum neuen Lebens, wodurch der Platen Mars für erotische Liebeskraft und Wachstum stehe.

Tarotkarten

Auch Tarotkarten seien in ihrer ursprünglichen Form eigentlich von matriarchalen Symbolen durchzogen. Je zwei Tarotkarten der Grossen Arkana sollen ein Mysterienfest des Jahreskreises abbilden. Gleichzeitig seien sie eine Bilderbibel «der Göttin und ihres Heros». Die eine Karte stelle dabei die Göttin dar während die zweite Tarotkarte den Heros darstelle, der den «königlichen Weg» der Göttin gehe. Zusätzlich gebe es zu jedem Jahreszeitenfest eine dritte Karte, welche den markanten Energieumschwung des Jahreszeitenwechsel ausdrücke.

  • Das Lichtfest:
    o Göttin-Karte: Die Mässigkeit
    o Heros-Karte: Der Narr
  • Das Frühlingsfest:
    o Göttin-Karte: Der Wagen
    o Heros-Karte: Der Herscher
    o Energiekarte: Der Turm
  • Das Maifest:
    o Göttin-Karte: Die Herrscherin
    o Heros-Karte: Der Hierophant
  • Das Sommerfest:
    o Göttin-Karte: Die Hohepriesterin
    o Heros-Karte: Der Mond
    o Energiekarte: Die Liebenden
  • Das Schnitterinfest:
    o Göttin-Karte: Die Kraft
    o Heros-Karte: Die Sonne
  • Das Herbstfest:
    o Göttin-Karte: Die Gerechtigkeit
    o Heros-Karte: Der Gehängte
    o Energiekarte: Das Rad des Schicksals
  • Das AhnInnenfest:
    o Göttin-Karte: Der Tod
    o Heros-Karte: Das Gericht
  • Das Winterfest:
    o Göttin-Karte: Der Stern
    o Heros-Karte: Der Eremit
    o Energiekarte: Der Teufel
  • Fest der Erscheinung/ Epiphanias:
    o Göttin-Karte: Die Welt
    o Heros-Karte: Der Magier

Beispiel: Die Karten des Lichtfestes

Göttin-Karte: Die Mässigkeit (S. 408)

In der Grossen Arkana hat die Karte Mässigkeit die Zahl XIV. Heide Göttner-Abendroth beginnt ihre Interpretation dieser Karte damit, dass die «Mässigkeit» eigentlich gar nicht zu dieser Karte passe. Denn die Gestalt in langem Gewand, die auf der Karte abgebildet sei, mit den roten ausgebreiteten Flügeln zeige nicht eine zurückgenommene, sich bescheidende Figur. Da die Flügel zur Sphäre des Himmels gehören, sei die Figur eine himmlische Gestalt. Der Himmel als das luftige Element sei auch durch die weisse Farbe des Kleides repräsentiert. In einigen Interpretationen dieser Karte werde in der Gestalt der Erzengel Michael gesehen. Göttner-Abendroth aber meint, dass das Bild nicht zum Erzengel Michael passen würde, da dieser ja normalerweise mit Speer und Drachen dargestellt werde. Stattdessen stelle die Figur die junge Weisse Göttin des Himmels dar. Auf ihrer Stirn sei das astrologische Zeichen der Sonne abgebildet und um ihren Kopf sehe man die Sonnenstrahlen. Damit sei sie die Lichtbringerin, welche mit ihrem geistigen Licht Inspiration schenke und zum Lichtfest erscheine, wie die Göttin Birgid, eine keltische Göttin Irlands. Da die Gestalt jedoch nicht fliegt, sondern auf der Erde steht, sei sie nicht nur mit der Luft sondern auch mit der Erde und dem Wasser verbunden, was mit dem Ufer und den Wasserlilien symbolisiert werde. Lilien seien übrigens auch die heiligen Blumen der Birgid. Auch das Element Feuer sei mit dem Berg im Hintergrund, auf dem ein helles Licht abgebildet ist, anwesend. Zudem sei das Feuer auch mit der roten Farbe der Flügel und deren Aussehen, wie Flammen, dargestellt. Göttner-Abendroth meint zu erkennen, dass die Flügel, wie die Schwingen des Phönix seien, der ja vom eigenen Feuer verzehrt wird, um danach aus seiner Asche als junger Phönix wieder aufzusteigen. Wie der Phönix hat auch die Weisse Göttin auf der Karte etwas mit der Umwandlung zu tun. Dies sei mit den zwei Kelchen symbolisiert, in welchen sie etwas hin und her giesst. Diese Substanz ist auf der Karte mit wellenartigen Linien dargestellt, diese stelle aber nicht Wasser dar, sondern stehen für das astrologische Zeichen des «Wassermanns». Da das Sternbild des Wassermanns zum Februar gehört, welches auch der Monat des Lichtfestes ist, sei diese Tarotkarte dem matriarchalen Lichtfest zugeordnet. Der matriarchale Name dieser Tarotkarte laute daher: «Die Göttin der Inspiration».

Die Heros-Karte: Der Narr (S.409)

In der Grossen Arkana ist der Narr die Karte 0. Die 0 sei eine närrische Zahl, denn einerseits bedeute sie nichts aber andererseits können sie eine andere Zahl verzehnfachen. Hier jedoch bilde sie den Anfang. Die Karte zeige einen jungen Mann in einem bunten Narrenkleid. «Er ist sichtlich in Verzückung, seine Augen sind zum Himmel gerichtet, und in der linken Hand hält er eine weisse Rose als Symbol seiner geistigen Liebe, die er der Göttin der Inspiration darbringen will.» (S.409) Die Göttin sei dargestellt als weisses Licht, das der Narr nicht direkt anblicken könne. Ihr Licht breche sich jedoch vielfarbig in seinem Narrenkleid und so trage er es in die Welt hinaus. Der Narr soll der Heros der Göttin sein, und von ihr inspiriert werden. Somit sei der Narr auch Dichter und Sänger, der wie auf der Karte abgebildet, auf einem Felsen in der Höhe schreitet. Beim nächsten Schritt würde er in die Tiefe stürzen, doch es geschehe ihm nichts, da er von der Göttin beschützt werde. Auf der Karte beschützt sie ihn in Gestalt eines Helfergeistes, des weissen Hündchens. «Dem Unschuldigen geschieht kein Leid, die Göttin führt ihn sicher durch die Gefahren, ohne dass er es bemerkt.» Heide Göttner-Abendroth erklärt, dass mit dem Narren die kindliche Offenheit für die Göttin gemeint sei. Diese Tarotkarte heisst für Göttner-Abendroth also «Der Heilige Narr.»

Im Buch Symbolik von Erde und Kosmos. Matriarchale Mysterienfeste, Tarotkarten, Astrologie 2023 erklärt Heide Göttner-Abendroth was die matriarchale Spiritualität ihrer Ansicht nach beinhaltet. Diese Spiritualität zeigt das matriarchale Weltbild von Heide Göttner-Abendroth. Heide Göttner-Abendroth erklärt, dass sich die Spiritualität auf die Erde, als Basis von allem anderen, bezieht. Göttner-Abendroth und ihre Anhängerinnen, so ihre Worte, feiern nicht eine abgehobene transzendente Gottheit, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts, sondern sie feiern die Erde selbst als die grosse allumfassende Göttin. Hier gibt es einen Widerspruch, der für Innenstehende vielleicht erklärbar wäre.

Zugleich wird das Universum als schöpferische Macht gefeiert. Des Weiteren erklärt Heide Göttner-Abendroth, dass der Kosmos, der Himmel oder das Universum die Erde beeinflusst, welche wiederum den Menschen beeinflussen. Zugleich meint Heide Göttner-Abendroth, dass sie keine Trennung von göttlich und weltlich, gut und böse, Geist und Materie oder Mensch und Natur suche, sondern alles eins sei. Denn wenn die Welt als göttlich betrachtet werde, dann sei alles in ihr und auf ihr selbst auch göttlich. Die Erde verkörpere auch die weiblich schöpferische Kraft, die man in ihr auch beobachten können, weshalb sie oft auch als «Mutter Erde» bezeichnet werde. Weiter gedacht, wäre das auch ein Widerspruch mit der ganzen Theorie des Matriarchats von Heide Göttner-Abendroth. Denn wenn alles göttlich ist, und es kein Böses gibt, dann wäre auch das Patriarchat göttlich und gut.

Heide Göttner-Abendroth erklärt, dass man in matriarchalen Kulturen immer die drei Lebensstadien gefeiert habe: die Jugend, die voll erblühte Frau und die reife Frau bis hin zur weisen Alten. Diese Dreiheit finde man auch in den grossen Göttinnen wieder. Diese Lebensstadien seien ungefähr drei Jahrzehnte. Die ersten drei Jahrzehnte der Jugend gehören zur weissen Phase , die nächsten drei Jahrzehnte der erblühten Frau gehören zur roten Phase und die letzte Phase sei die schwarze Phase. Dazu gehört auch der Glaube, dass das Leben nicht linear verlaufe, sondern in grossen Zyklen. Diese Symbolik spiegelt sich auch in den Mysterienfesten der Akademie.

Handbuch Gender und Religion, 2. Auflage, 2021, Hg: Anna-Katharina Höpflinger, Ann Jeffers, Daria Pezzoli-Olgiati:

Gender als Grundkonzept in der Religionsforschung:

Da sich Heide Göttner-Abendroth ursprünglich an einer Frauenbewegung festgemacht hatte und in ihren Büchern immer wieder vom Patriarchat die Rede ist, also Mann und Frau in irgendeiner Form immer Thema sind, macht es Sinn, kurz anzuschauen, wie Gender als Grundkonzept in der Religionswissenschaft angeschaut wird.

Im 2005 erschienen Handbuch Gender, Religion and Diversity beklagt Ursula King, dass die Religionswissenschaften eine Gender-Blindheit und die Gender-Studien eine Religionsblindheit aufwiesen (Höpflinger et al. (hsg.) 2021. Handbuch Gender und Religion Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 18). Die erste Edition des Handbuchs Gender und Religion und auch die zweite Edition zeigen, wie viel sich seither in diesem Gebiet getan hat. Im neusten, im Jahr 2021 erschienen, Handbuch werden «Gender» und «Religion» als theoretische Konzepte und ihre Relevanz für die Erforschung von Religion in der Geschichte und in der Gegenwart thematisiert. Zudem wird die Wechselbeziehung von Religion und Gender in öffentlich-medialen Diskursen angeschaut.

In der Basis geht es bei «Gender» darum zu erkennen, dass Geschlechtskonzepte immer kultur- und zeitspezifisch ausgeformt werden. Sie gehören zu den Konzepten, die Menschen- und Weltbilder prägen. Geschlecht ist laut Handbuch etwas Körperliches, etwas Leibliches und wird kulturell bestimmt. «Gender» versucht kulturelle Sichtweisen auf Geschlecht auch in Bezug zu unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Prozessen aufzudecken. Durch die Beobachtung der Wechselwirkung von «Gender» und «Religion» wird im Handbuch erkannt, dass religiöse Symbolsysteme eine grundlegende Rolle spielen in der Geschlechtsbestimmung. Zu den fundamentalen Fragen der Religion gehören: Was ist der Mensch? Wie wirkt sich sein Geschlecht auf alle immanenten und transzendenten Beziehungen, die das Leben ausmachen, aus? Dabei wird Religion als Teil von Kultur verstanden. «Religion» und «Gender» bestimmen, wie die Welt wahrgenommen wird. Gendervorstellungen können religiöse Weltbilder und religiöse Praktiken formen und Religionen können Geschlechtervorstellungen und -hierarchien begründen und legitimieren. (Höpflinger et al. (hsg.) 2021. Handbuch Gender und Religion Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 19-23)

Im Handbuch wird Heide Göttner-Abendroth als «Klassikerin» und «Pionierin» für eine systematischen Erforschung des Matriarchats wahrgenommen. Doch im Kapitel «Heide Göttner-Abendroth – Eine kritische Vorstellung der Klassikerin der Matriarchatsforschung» betont Stephanie Knauss, dass Göttner-Abendroths Methoden problematisch seien. Obwohl die Ansätze Patriarchatskritik, Kolonialismuskritik und Interdisziplinarität, so wie es Heide Göttner-Abendroth für sich auch beansprucht, wichtig für neue Erkenntnisse seien, gibt es einige Kritikpunkte am wissenschaftlichen Anspruch von Heide Göttner-Abendroth. Göttner-Abendroth zeige in einem Negativ-Verfahren die Brüche in der Forschung auf, um dann in einem Positiv-Verfahren die verschiedenen Hinweise auf matriarchale Lebensformen zu sammeln und zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen. Dabei sammle sie Mosaiksteinchen aus verschiedensten Quellen und Gesellschaften, um sie zu einem bestimmten idealen matriarchalen Bild zusammenzusetzen, und es bleibe fraglich, ob zum einen die Quellen überhaupt vergleichbar seien und ob die Steine zum «richtigen» Bild zusammengesetzt wurden. Göttner-Abendroth beginne ihre Matriarchatsforschung mit der Vorannahme, dass Matriarchate existierten und «nur noch» im Detail beschrieben werden müssen. Dies führe zu einem Zirkelschluss von Voraussetzung und Ergebnis. So klängen diese herausarbeiteten Matriarchate doch eher nach einer Wunschvorstellung. Knauss meint, dass sich Göttner-Abendroth der Problematik dieser Vorgehensweise jedoch nicht bewusst sei. (Höpflinger et al. (hsg.) 2021. Handbuch Gender und Religion Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 253-258)

Problematisch im Zusammenhang mit Gendertheorien sei auch Göttner-Abendroths Annahme einer Polarität der Geschlechter. Göttner-Abendroth beschreibt Frauen tendenziell als gut, hilfsbereit, ausgleichend, spirituell und Männer als unterdrückend, ausbeutend und aggressiv. Dabei bewertet sie alles, was mit mütterlicher Weiblichkeit zu tun hat, als positiv und gibt keinen Raum für Frauen, die nicht Mütter sind oder für non-binäre Menschen. Diese Beschreibungen zeigen, dass es Heide Göttner-Abendroth nicht gelingt, Diversität zu betonen und die Annahme eines universellen weiblichen Wesens zu vermeiden, obwohl sie dies versucht. Zudem trägt Göttner-Abendroth durch ihr Geschlechtermodell einer binären Ansicht auf Geschlechter bei und damit auf die Universalisierung von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität. (Höpflinger et al. (hsg.) 2021. Handbuch Gender und Religion Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 258-259)

Das Kapitel im Handbuch wirft auch einige Widersprüche auf, die in Göttner-Abendroths Matriarchatstheorie auftauchen. Zum einen kennen matriarchale Gesellschaften laut Göttner-Abendroth keine Gewalt, dennoch beschreibt sie in Die Göttin und ihr Heros (1997) Vorgänger-Nachfolger-Kämpfe um die Position des Heros/Königs und die Mondgöttin als Assoziation mit dem Kämpfertum. Zum anderen spricht sie von einem harmonischen Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern, doch beschreibt sie die Männer als Gäste der Frauen, welche davon abhängig sind, dass Frauen eine Beziehung initiieren und beenden, und gleichzeitig sind sie auch ökonomisch von den Frauen abhängig. Diese Merkmale sprechen nicht von einem ausgewogenen Verhältnis von Mann und Frau. Des Weiteren beklagt Göttner-Abendroth bei ihren Kritikern und Kritikerinnen Emotionalität und Unsachlichkeit, bringt aber selber eben dies in ihren eigenen Werken. Knauss schliesst ihre Kritik damit, dass Göttner-Abendroth von einer wertenden Sprache Gebrauch macht, wenn sie matriarchale oder patriarchale Gesellschaften beschreibt, und dass sie Kritik an ihren Theorien polemisch abwehrt, was auch nicht einer wissenschaftlichen Vorgehensweise oder Haltung entspricht. (Höpflinger et al. (hsg.) 2021. Handbuch Gender und Religion Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 259-260)

Wie ist Göttner-Abendroth im Hinblick auf die Kritik dennoch relevant für Gender-Studien in der Religionswissenschaft? Auch wenn ihre Wissenschaftlichkeit kritisiert wird, kommt ihr die Rolle einer Pionierin der systematischen Matriarchatsforschung zu. Dabei hat sie stark zur Erkenntnis der Notwendigkeit interdisziplinärer Methoden für die Untersuchung der Beziehungen zwischen Religion, Geschlecht und Gesellschaft beigetragen. Ihre Forschungen zeigen auf, wie Veränderungen des religiösen Kontextes nach ihren Theorien eine Veränderung der gesamten Gesellschaft nach sich ziehen könnte. Ihre Patriarchatskritik, wie auch ihre Kolonialkritik, sind wissenschaftlich interessant und tragen zu Diskussion alternativer Formen von Männlichkeit, zur Wertschätzung indigener Kulturen und zur Entwicklung humanerer Gesellschaften bei. Auch ihre Analysen der Transformation von Geschlechterrollen in mythischen Texten hat in Literaturstudien und der Hermeneutik bedeutend. Doch Göttner-Abendroths Gedankensprünge von ihren Analysen zu matriarchalen gegenwärtigen und historischen Gesellschaften und der These einer ursprünglichen, universalen matriarchalen Gesellschaftsform in der Vorgeschichte sind nicht nachvollziehbar. Gleichzeitig stellen sie aber auch ein Beispiel für die Fragen und Verwirrungen rund um Geschlecht und Matriarchat dar. (Höpflinger et al. (hsg.) 2021. Handbuch Gender und Religion Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 260-262)

Heide Göttner-Abendroth hat starke Statements und eine unnachgiebige Matriarchatstheorie entwickelt. Durch das Recherchieren über Heide Göttner-Abendroth und ihre Schriften fallen folgende Punkte auf, welche als Kritik zu ihr als Forscherin angesehen werden können und zum Teil auch verschwörungstheoretische Tendenzen haben.

Ein grosser Punk ist Heide Göttner-Abendroths Verhältnis zur Orientalismus und Kolonialismuskritik. Denn einerseits wird sie gelobt für ihre Kolonialsimuskritik. Diese fällt ihr aber auch nicht schwer, soweit sie den Kolonialsimus beim Patriarchat verorten kann. Doch gleichzeitig erweist sich Heide Göttner-Abendroth als moderne Anhängerin einer Evolutionstheorie (dass alle Gesellschaften in ihrer frühsten Form Matriarchate waren) und zeigt orientalistisches Denken (Verherrlichung und Romantisierung anderer Kulturen, welche ihrer Meinung nach heutige Matriarchate seien). Dies wird heute als eine Form des kolonialistischen Denkens kritisiert. Da dieses Denken oftmals den «edlen Wilden» beinhaltet. Sie romantisiert quasi archaische matriarchale Gesellschaften und gleichzeitig stellt sie, wie bei den Interviews mit den Mosuo festgestellt, Suggestivfragen und interpretiert die Aussagen der Mosuo anhand der eigenen Matriarchatsforschung. Für den Orientalismus in ihrer Forschung und Denkweise spricht auch, dass sie als westliche Frau indigenen Kulturen vorspricht, wie sie ihre eigene Tradition zu verstehen haben, indem sie Kulturen aus aller Welt vereinfacht darstellt damit sie diese passend in ihre Matriarchatstheorie kann. Zudem interpretiert sie antike Quellen nichtwestlicher Kulturen nach Belieben um und verwendet auch diese als Steinbruch für ihre Theorien.

Weitere Kritik:

  • Heide Göttner-Abendroth setzt die Existenz von Matriarchaten ihren Studien voraus und argumentiert innerhalb ihrer eigenen Theorie. Dabei kritisiert Kritiker, die ihre Methoden in Frage stellen und unterstellt ihnen eine verinnerlichte patriarchale Denkweise.
  • Heide Göttner-Abendroth sieht in den Universitäten patriarchale Strukturen und nennt sie patriarchale Institutionen.
  • Es zeigen sich Widersprüche bei Fallstudien zu einzelnen Kulturen, die nicht zu der Matriarchatsdefinition passen.
  • Unterschlagen von Fakten oder Materiealien, welche nicht zur Theorie des Matriarchats passen.
  • Spricht davon Wissenschaftlich zu arbeiten aber nimmt als Expertin zum Matriarchat eine Spiritualität aller Menschen als Fakt wahr und argumentiert davon aus, dass alle matriarchalen Kulturen eine Form der Göttin verehrt haben.
  • Vermischung von Wissenschaft und Glaube. (Matriarchatsforschung, Astrologie, Mysterienfeste, Göttin, Mythenforschung). Benutzung von Wörtern wie „Magische Symbole“, welche nicht wissenschaftlich gedeutet werden können.
  • Heide Göttner-Abendroth erklärt: Die Göttin sei immer da, sie sei die Welt, deshalb braucht man nicht mittels «unglaubwürdiger Dogmen an sie zu «glauben», denn Kosmos und Erde sind immer da. Dies ist ein Widerspruch in sich selbst.
  • Behauptet auf der Webseite, dass die Matriarchatsforschung nicht Männer untergraben solle. Männer werden aber andeutungsvoll immer wieder untergraben.

Rezeption auch auf Wikipedia:

Als öffentliche Person mit starken unnachgiebigen Meinungen hat Heide Göttner-Abendroth mit Gegenargumenten und mit Kritik zu kämpfen. Eine erste allgemeinere Rezeption findet man auf Wikipedia, einerseits auf der deutschen Wikipediaseite zu Heide Göttner-Abendroth und andererseits auf der deutschen Wikipediaseite «Geschichte zur Matriarchatstheorie», in der Heide Göttner-Abendroth als einflussreiche Matriarchatstheoretikerin erwähnt wird.

Die wissenschaftliche Kritik, die ihr auf den beiden Wikipediaseiten gegenübergebracht wird, soll folgend aufgezählt werden:

  • Felix Wiedmann: Da die dreifaltige Göttin und ihr Heros ursprünglich von Robert Graves (Dichter, 1895 – 1985) geprägt wurde, müsse ihre Mythenforschung als Produkt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts angesehen werden.
  • Christl M. Maier: Heide Göttner-Abendroth vereinfache die komplexen unterschiedlichen Mythen der um das Mittelmeer siedelnden verschiedenen Völker zum Mythos von der einen Göttin und ihres Heros, ohne einzelne Quellen oder einschlägige Fachliteratur auszuweisen.
  • Angela Schenkluhn: Das «Matriarchat» unter Heide Göttner-Abendroth unterliege einer in die Vergangenheit verlagerte Utopie, einer friedvollen «mythischen Zeit».
  • Helga Laugsch: «Sie stützt sich überwiegend auf Bachofen und Graves, distanziert sich spät und ideologisch etwas spärlich von ihnen. Ihr eigener Anteil an der Mytheninterpretation ist schwer auszumachen, da kaum gekennzeichnet. Philosophisch tätigt sie einen Zirkelschluss, indem sie ihre Ausgangsgröße (Matriarchat) mit demselben beweist.»
  • Stefanie Knauss: Heide Göttner-Abendroth zeige eine wertende Sprache und zugleich eine polemische Abwehr jeglicher Kritik an ihren Theorien, was sich mit dem wissenschaftlichen Anspruch, den sie für ihre Forschung behauptet stellt, nicht verträgt.
  • Dominique Stöhr: Auf den ersten Blick erscheint Heide Göttner-Abendroths «Modell eines Spirituellen Öko-Feminismus» verlockend, entpuppt sich jedoch auf den zweiten Blick als Utopie, die weder auf einer wissenschaftlichen Grundlage basiert, noch feministische Zielsetzungen verfolgt. «Was sich hier hinter dieser ‘frauenbewegten’ Forschung versteckt, sind schlichtweg Geschlechtsdualismen, die einem konservativen, biologischen Determinismus verhaftet sind und willkürlich alle positiven humanen Eigenschaften einem weiblichen Prinzip zuschreiben.»
  • Meret Fehlmann stellt in ihren Quellen eine gewisse «Gewaltorienttierung» fest, da sie immer wieder betone, dass in den Feierlichkeiten der Opfertod des Heros nicht nur imitiert wurde, sondern tatsächlich vollzogen wurde. Da dies aber als «freiwilliges Selbstopfer» geschehe, werde es von Göttner-Abendroth nicht als problematisch verstanden.
  • Helmut Birkhan stuft die von Göttner-Abendroth gegründeten Hagia Akademie als Ashram oder sektenähnliche Institution ein.

Susanne Heine ist Theologin und Religionspädagogin. Sie liest als Professorin am Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Universität Wien, und hatte verschiedene ehemalige Lehraufträge an Universitäten in Österreich, Deutschland und in der Schweiz inne. Sie gilt als Vertreterin einer feministischen Theologie und Philosophie.

Susanne Heine hat Göttner-Abendroths Interpretation des Mythos um die Gottheiten Anat und Baal aus dem westsemitischen Bereich näher betrachtet.

Heide Göttner-Abendroths Fassung ist von der Fassung des Mythos in den Texten aus Ugarit abhängig. Diese lautet: Baal ist der Brudergatte der Anat. Anat ist die Göttin, von welcher Baal als Atmosphärengott abhing. Er brachte den Regen, den Wind, das Gewitter und förderte die Ernte. Der Drache Yam und der Todesgott Mot waren seine Feinde. Um vor ihnen sicher zu sein, baute Baal sich einen Palast ohne Fenster. Aber Mot brachte Baal dazu, seinen Palast im Himmel zu verlassen und tötete ihn. Anat suchte Baal verzweifelt und fand ihn tot auf den Weiden. Sie klagte laut, und alle Götter jammerten mit ihr. Dann nahm sie den Leichnam Baals mit in ihre Wohnung und begrub ihn. Während Baal in der Unterwelt weilte, suchte Anat Mot auf. Sie ergriff ihn, riss ihm das Gewand herunter und forderte ihren Geliebten zurück. Mot gestand, ihn getötet zu haben, indem er Baal im Maul zerquetschte, wie das Schaf das reife Getreide. Da schlitzte Anat Mot mit ihrer Sichel auf, schüttelte ihn durch, zog ihm die Haut ab, drehte ihn durch die Mühle und verstreute sein Fleisch auf den Feldern. Mot überlebte diese Behandlung, weil er der Todesgott ist und nicht sterben kann. Aber er liess Baal aus der Unterwelt frei, dieser war jedoch vor Schreck noch wie gelähmt und flüchtete sich zu Anat. Da sie auch Kriegsgöttin ist, ermunterte sie ihn zum Kampf. Darauf kämpften Baal und Mot heftig miteinander, sie bissen sich wie Schlangen, sie stiessen sich wie zwei wilde Stiere. Zuletzt intervenierte Anat und schickte Mot in die Unterwelt zurück, weil seine Zeit abgelaufen sei. Baal brachte als Sieger das Leben auf die Erde zurück, nun «regneten die Himmel Öl und füllten sich die Wadis mit Honig». (Göttner-Abendroth. 1984. Die Göttin und ihr Heros. München: Verlag Frauenoffensive. S.79)

Göttner-Abendroths Interpretation des Mythos (Göttner-Abendroth. 1984. Die Göttin und ihr Heros. München: Verlag Frauenoffensive. S.81):

In Palästina heisse die Göttin Anat, Asherat, Ashtaroth oder Astarte. Anat bedeute «Herrin der Berge» und sie sei die Schwestergattin von Baal. Mot ziehe ihn jährlich in die Unterwelt herab und töte ihn dort. Daraufhin suche Anat ihn und entpuppe sich dabei als aggressive Göttin; Sie zwinge Mot zu einem Geständnis und behandele ihn wie das reife Getreide: Sie schlitze ihn mit ihrer rituellen Sichel auf (Mähen), drehe ihn durch die Mühle (Mahlen) und verstreue sein Fleisch auf den Feldern (Säen). Vermutlich sei es aber Baal selbst, den Anat als sterbenden Gott wie das reife Getreide malträtiere, den Baal ist der Geist des Getreides. Es sei egal wer er ist. In jedem Fall führe Anat die Serie der aktiven Göttinnen zum Gipfel und mache die Felder selbst. Sie sei die allmächtige Schöpferin und Verschlingerin, die Tod-im-Leben Göttin selbst. Dieser Mythos zeige, wie der Heros geopfert und in die Unterwelt geschickt wird und wieder in die Welt zurückkomme. Gleichzeitig soll die Reise des Heros die Ackerbaugesellschaft von Matriarchaten widerspiegeln.

In Israel heisse Anat Ashtaroth oder Astarte. Der jüdische Gott Jahwe hatte die grössten Schwierigkeiten sich gegen sie durchzusetzten, da er selbst zuerst eine Göttin, die Grosse Göttin des Orients, die als Monat am Himmel entlangzog, war. Ihr Name sei Iahu gewesen, «die Erhabene Taube». Als patriarchale israelische Stämme nach Palästina eindrangen sei Iahu zu Jahwe und die Taube, das Ursymbol des matriarchalen Eros, zum asketischen, frauenfeindlichen Heiligen Geist dieser Religion geworden.

Aus der Sicht einer feministischen Theologie und Philosophie (Heine, Susanne. 1989. Wiederbelebung der Göttinnen?. Göttingen: Vadenhoeck u. Ruprecht. Ab. S. 54):

Heine betont, dass Göttner-Abendroth in der ganzen Mythenforschung des vorherigen Mythos etwas Wesentliches unterschlägt und zwar, dass weder Anat noch Baal an der Spitze des Pantheons standen, sondern El und seine Gattin» Ascherat. Auch wenn Ascherat ein Name Anats sei; bei beiden Erscheinungsformen als Anat oder als Göttergattin des Els erscheint sie als sekundäre Rolle. Zentral im Mythos ist, dass Anat und Baal, Kinder des Götterpaares, in Konkurrenz zu ihren Eltern stehen. Aber dabei ist es nicht Anat, sondern Baal, der Herrscher über alles werden will, und Anat bleibt dabei seine Unterstützerin. Aus den Quellen, welche in Ra’s Schamra (früher Ugarit) gefunden wurden, kann die dominante Stellung der Göttinnen im Pantheon nicht belegt werden. Der Gesamtzusammenhang widerspricht somit der Selektion in der Matriarchatsforschung.
Des Weiteren wird Anat, obwohl von Heide Göttner-Abendroth auch explizit als aggressive Göttin bezeichnet, von der Matriarchatsforscherin nicht Gewalttätigkeit vorgeworfen, während Jahwe als gewalttätiger Gott bezeichnet wird. Zudem wird in den gefundenen Quellen dargestellt, dass Baal auf Frieden bedacht sei und dass er Anat auffordert, wiedergutzumachen, was sie in ihrem Wüten angerichtet hat. In der Matriarchatsforschung werden Frauen als Friedensbringerinnen oder Friedenserhalterinnen angesehen, doch Anat, obwohl auch sie als die Göttin und Baal als ihre Heros angeschaut wird, entspricht ganz klar nicht diesem Bild.

Neben dieser expliziten Kritik an der Auslegung des Mythos von Anat, Baal und Mot sieht Susanne Heine noch weitere Punkte an Heide Göttner-Abendroths Matriarchatsforschung, welche sich nicht wissenschaftlich vereinen lassen: Jede Forschung arbeitet mit Hypothesen, in denen sich das Interesse des Forschenden ausformuliert. Mit der Methode soll die Hypothese verifiziert werden können, aber falls sich die Hypothese nicht bewahrheiten lässt, muss sie falsifiziert werden können. Wird sie tatsächlich falsifiziert, lässt man die Hypothese entweder fallen oder modifiziert sie und fängt mit dem Prozess wieder von vorne an. So funktioniert Wissenschaft. Göttner-Abendroth verharrt jedoch in ihrem feministischen Interesse und der damit verbundenen Matriarchatsforschung in einem Zirkelschluss. Sie gibt ihr Interesse am Matriarchat schon als verifizierte Hypothese aus und lässt es als etwas objektiv Erwiesenes erscheinen. So entzieht sie sich der Möglichkeit kritisiert zu werden, da sie jegliche Kritik als Vorurteilsbesetztheit ansieht, die nicht wissenschaftlich sei. Susanne Heine findet hier eine Verbindung zu totalitären Systemen von «Rechts» und «Links», in anderen Worten, wer die Parteilinie nicht vertritt, taugt auch aus Wissenschaftler nichts. Heine betont jedoch auch, dass Göttner-Abendroth inhaltlich keine solche Ideologien vertrete und sie wolle ihr das auch nicht unterstellen, mutmasst jedoch, ob Göttner-Abendroth sich überhaupt bewusst sei, dass die formale Struktur ihrer Argumentation derjenigen totalitären Denk- und Gesellschaftssysteme entspricht. (S.92-93)

So wie Heide Göttner-Abendroth mit Kritik an ihrer Matriarchatsforschung umgeht, meint Heine, dass Göttner-Abendroth folgende Ansicht hat: «Wenn du, Frau, mir solidarisch sein willst, musst du meine feste Annahme teilen; wenn du, Mann, nicht zu jenen inhumanen Patriarchen zählen willst, musst du meine feste Annahme teilen.» (S.94) Heine jedoch betont, dass sie als Frau auch eine Solidarität gegenüber dem feministischen Interesse hege, jedoch das nicht heisse, dass sie die Matriarchatshypothese ohne kritische Prüfung annehme. Heine erklärt auch, dass sich umgekehrt ihre Solidarität auch nicht erpressen lasse durch Nötigung zur Übernahme der Matriarchatshypothese. Heine kritisiert somit Göttner-Abendroths Art und Weise mit sachlicher Prüfung und Kritik ihrer Matriarchatshypothesen.

Susanne Heine erklärt weiter, dass eine Polemik gegen wissenschaftliche Kritik oft verbunden mit dem Aufruf zur humanen Verantwortung der feministischen Positionen sei. So nennen viele dieser Vertreter und Vertreterinnen die Wissenschaft menschenfeindlich und in Göttner-Abendroths Fall, patriarchisch. Gleichzeitig argumentieren auch Matriarchatforscherinnen im Widerspruch zu dem, was sie an der Wissenschaft kritisieren, nach eben demselben kausallogischen Denkmodell und verstricken sich in verwirrende Argumentationen. (S.98)

Heine betont, dass bei genauer historischer Prüfung der Befund, ob es jemals ein Matriarchat gegeben hat, negativ ausgeht. (S. 111) Es gab und gibt jedoch matrilineare und/oder matrilokale Gesellschaftsformen. Doch diese Formen sagen über die soziale Stellung der Frau nicht aus, dass sie sozial bessergestellt war. Erst wenn sich diese Gesellschaftsformen mit einer häufigen Abwesenheit der Männer vereinbart, entsteht ein grösseres Gleichgewicht in der sozialen Stellung der Geschlechter. «Die Macht der Frauen war die Abwesenheit der Männer.» (S.112)

Wie Heide Göttner-Abendroth ist auch Susanne Heine jedoch der Meinung, dass patriarchale Systemmuster überwunden werden müssen. Doch Heine meint, dass es andere Argumente sein müssten, da sich die Argumente, die sich aus den Göttinnenmythen gewinnen lassen, allzu leicht gegen ihre Verfechterinnen kehren lassen könnten.

Patrick Reto Bieri lebte bis 2013 und lebt heute wieder seit 2023 in der Schweiz. Der Querulant behauptet von der Regierung verfolgt zu werden und in den Wahnsinn getrieben zu werden. Dabei sollen auch die «extremen Feministinnen» der «Hagia-Sekte» dahinter stecken.

Patrick Reto Bieri behauptet, dass das Ziel der «Hagia Sekte» sei, ein weltweites Matriarchat aufzubauen. Diese sei eine totalitäre feministische Nazi-Bewegung, welche von Heide Göttner-Abendroth gegründet wurde. Zu Heide Göttner-Abendroth behauptet Bieri, dass sie die Tochter eines ehemaligen SS-Führers sei. Heide Göttner-Abendroth’S Familie soll der DDR 1953 entkommen seien und sich wahrscheinlich in der Region um München niedergelassen haben. Bieri behauptet, dass dieser familiäre Hintergrund wahrscheinlich dafür Verantworlich sei, dass sich Heide Göttner-Abendroth als «Femi-Nazi» entpuppe.

Die «Hagia-Sekte» habe sich im Westen sehr verbreitet und habe hunderte von Millionen von Anhänger und Anhängerinnen. Er meint weiter, dass die «Hagia-Sekte» sich zuerst die USA unterwerfen musste, um die Weltherrschaft an sich zu reissen. Dabei haben sie sich das SARS-CoV-2 zu nutzen gemacht, das in der Schweiz hergestellt wurde. Nach ihrer Übernahme der USA solle die «Hagia-Sekte» sich nun Russland und China vornehmen wollen. Davor habe er den Präsidenten Putin 2023 über den Bischof Leonid in Buenos Aires und 2024 über die russisch orthodoxe Kirche in Zürich auch warnen wollen. «Sollte Russland nicht wissen, wer die ‘hagia’ ist, wird es weiterhin nur die Symptome bekämpfen und dabei viele Soldaten verlieren» So kommentiert Peter Bieri unter einem Beitrag von «Voice From Russia».

Links:

Facebook: Patrick Reto Bieri https://www.facebook.com/patrick.reto.bieri/?locale=de_DE
https://vimentis.ch/sektenanhaengerinnen-im-schweizer-staat/ 
https://voicefromrussia.ch/en/russia-is-voting-this-weekend/  (Artikel kommentiert von Bieri)
https://wgvdl.com/forum3/index.php?mode=thread&id=77942

Zurück zu Matriarchat