Kennenlernen mit technischen Schwierigkeiten
Am Sonntag, 05. Juni, sass ich gespannt und ausgerüstet mit Notizbuch und Stift vor meinem Laptop. Im Rahmen von Recherchen zur Spiritual Science Research Foundation, kurz SSRF, war ich auf die regelmässig stattfindende Online-Veranstaltung «Willkommen bei der SSRF – Spirituelles Kennenlerntreffen» gestossen, für welche ich mich dann auch gleich angemeldet habe. Gesagten Sonntagabend starrte ich also auf den sich endlos drehenden Ladekreis auf Google Meet, wo das Kennenlerntreffen stattfinden sollte. Doch trotz vermehrten Beitrittsanfragen wurde ich nicht in das Meeting hineingelassen – die Vermutung liegt nahe, dass die SSRF gerade mir als Relinfo-Mitarbeiterin keine Einsicht in die Gemeinschaft gewähren wollte. Bestätigen kann ich das jedoch nicht, es bleibt beim spekulativen Gedanken.
Nach mehr als einer halben Stunde Warten schrieb ich Frau Dombrowski eine Mail, in der ich ihr mein Problem schilderte. Sie schrieb mir am nächsten Tag zurück und erklärte, man habe technische Schwierigkeiten gehabt, welche das Meeting verunmöglicht haben. Als Entschädigung bot sie mir ein Online-Kennenlernen unter vier Augen an, für welches wir den 13. Juni fixierten.
Die Spiritual Science Research Foundation (SSRF)
Bevor ich vom Gespräch berichte, ein paar grundlegende Informationen zur SSRF:
Gegründet wurde sie vom indischen Hypnotherapeut Jayant Bhalaji Athavale, der 1942 im indischen Bundesstaat Maharasthra geboren wurde. Nachdem Athavale einen Bachelor in Medizin und Chirurgie (MBBS) absolviert und fünf Jahre lang in Spitälern in Mumbai gearbeitet hat, machte er von 1971 bis 1978 eine Zweitausbildung in klassischer Hypnotherapie in Grossbritannien.[1]
Während dieser Zeit fiel ihm auf, dass
[Er] In Seiner medizinischen Arbeit […] eine hervorragende Heilungsrate von 70 Prozent [erreichte], die restlichen 30 Prozent jedoch konnten nicht vollständig gesund werden. Nach einer Weile beobachtet Er, dass einige Seiner Patienten, mit denen Er kaum Erfolg hatte, nach der Anwendung von spirituellen Heilmethoden, wie z.B. dem Besuch heiliger Stätten, dem Aufenthalt in Gesellschaft spirituell hochentwickelter Menschen (Heiliger) oder dem Ausführen bestimmter religiöser Rituale, genesen konnten.[2]
Aufgrund dieser Beobachtung suchte Athavale zwischen 1983 und 1987 verschiedene spirituelle Meister in Indien auf, unter anderem Bhaktaraj Maharaj in Indore und Madhya Pradesh, der in der Tradition des Sai Baba von Shirdi stand. Von Ersterem wurde der SSRF-Gründer dann 1987 initiiert und in der Folge zur weltweiten Verbreitung seiner spirituellen Lehre beauftragt.[3]
Im Jahr 1990 gründete Athavale die Organisation «Sanatan Bharatiya Sanskruti Sanstha» (dt.: «Ewige indische geweihte Ordnung»), deren Name neun Jahre später zu «Sanatan Sanstha» verkürzt wurde. Die ultranationalistische Hinduvereinigung stand in Indien bereits mehrfach im Visier von Antiterror-Ermittler*innen. So vermutet man unter anderem, dass Mitglieder von Sanatan Sanstha 2008 an zwei Bombenanschlägen auf Filmtheater in der Provinz Goa beteiligt waren, weil sie die dort gezeigten Filme als «blasphemisch» empfunden haben.[4] International tritt die Gemeinschaft unter dem Namen «Spiritual Science Research Foundation» auf.[5]
Des Weiteren gilt die Gemeinschaft als hindu-fundamentalistische Organisation, die eine vom Hinduismus geprägte Gesellschaft anstrebt und traditionelle Riten und Bräuche nichtindischer Kulturen als spirituell unrein oder gar schädlich ansieht – eine systematische Abwertung anderer Kulturen.[6] Bspw. werden im SSRF-Artikel «Wie sollten wir grüssen?» verschiedenen Begrüssungsformen nach ihrer spirituell positiven bzw. negativen Wirkung (ab)gewertet:
Durch spirituelle Forschung erkannten wir aber, dass verschiedene Grussformen unterschiedliche spirituelle Wirkungen haben, die sich im täglichen Leben und auf unserem spirituellen Weg nützlich oder schädlich erweisen können, weil feinstoffliche Energien bei jedem Gruss ausgetauscht werden.[7]
Aufgezählt werden das Händeschütteln, die Verbeugung als japanischer Gruss, das Umarmen, der «Begrüssungskuss» sowie der «Namaskar»-Gruss (die etwas formellere Ansprache des bekannten «Namasté»). Ergebnis der eigens durchgeführten Forschung: Die aus dem indischen Sanskrit stammende «Namaskar»-Grussformel ist «spirituell am reinsten», alle anderen untersuchten Begrüssungsformen würden sich «spirituell nachteilig auswirken». Aufgrund Letzterem rät die SSRF, vor und während des Grüssens zu beten und chanten, da diese beiden Praktiken vor dem «Austausch negativer Energie» schützen sollen.
An dieser Stelle wichtig zu erwähnen: Die genannten Kontroversen hat Gerlinde in unserem Gespräch nicht erwähnt. Im Gegenteil, habe ich die Unterhaltung in die entsprechenden Richtungen lenken wollen, ist sie mir entweder ausgewichen, oder hat auffallend stark «verschönerte» bis falsche Aussagen getätigt, welche im Gegensatz zu den Erläuterungen auf der SSRF-Homepage stehen – Beobachtungen, die die Vermutung untermauern, dass ich als Relinfo-Mitarbeiterin bei der Anmeldung aufgeflogen bin.
Ihr neohinduistisches Weltbild weist stark ausgeprägte endzeitliche und utopische Züge auf, welche unter anderem durch die Überzeugung zum Ausdruck kommen, dass das gegenwärtige «Kali Yuga»-Zeitalter unmittelbar vor einem neuen, besseren «Zyklus» steht, das durch apokalyptische Ereignisse eingeleitet werden wird.[8]
Ebenfalls im Mittelpunkt steht die zu den modernen Naturwissenschaften stehende spirituelle Forschung, die sich esoterischer Methoden wie Pendeln und intuitiver Schau bedient, und zu deren Zweck Athavale die «Maharshi Universität der Spiritualität» in Goa gegründet hat.[9] Wie ich später im Gespräch erfuhr, ist das «die einzige Institution der SSRF, an der spirituelle Forschung betrieben wird, da man dort über alle nötigen Geräte verfügt». Zusammen mit den empfohlenen spirituellen Praktiken soll die Forschung zur Erreichung des übergeordneten Organisationsziels führen, welches von der SSRF wie folgt beschrieben wird:
Das Ziel der SSRF ist, die Gesellschaft und die gesamte Menschheit über die spirituelle Dimension und deren Einfluss auf unser tägliches Leben aufzuklären. Wir führen Forschungen über die spirituelle Dimension durch, veröffentlichen dieses Wissen, um damit den Menschen zu helfen, sie zu verstehen, wir empfehlen jenen, welche wissbegierig sind, dieses Wissen selbst zu erfahren, und begleiten alle, welche ein starkes Verlangen nach spirituellem Wachstum und nach Gottes-Realisierung haben, auf dem Weg zum Erreichen ihres Ziels.[10]
Kurz: Die SSRF erklärt alles aus der Perspektive einer «spirituellen Dimension», seien das Suchterkrankungen, Ekzeme, Unfruchtbarkeit, das Corona Virus oder Probleme in der Beziehung.[11] Da hinter solchen Dingen unter anderem spirituelle Ursachen vermutet werden, dient die «sechste Dimension» mit ihren inbegriffenen spirituellen Praktiken auch gleich als Lösungsansatz.
Das Kennenlern-Gespräch
Mit ebendiesem Organisationsziel im Hinterkopf klickte ich am 13. Juni um 14.00 Uhr auf den Google Meet-Link, den mir Gerlinde im Vorhinein per Mail zugeschickt hatte.
Nachdem sie ein Gebet gesprochen hatte, in welchem sie Gott dafür dankte, dass wir zu diesem Treffen zusammengefunden haben und über Spiritualität lernen dürfen, stellten wir uns gegenseitig kurz vor: Gerlinde kommt aus Wien und betreibt bereits seit über 10 Jahren spirituelle Praxis unter der Leitung der SSRF. Seither konnte sie «viele spirituelle Erfahrungen machen und sich in diesem Punkt weiterentwickeln», wodurch es zu «grosse Veränderungen» in ihrem Leben gekommen ist. Als Teil der spirituellen Praxis organisiert sie unter anderem die Kennenlern-Treffen und führt Livestreams auf YouTube durch. Ich erzählte ihr, dass ich Studentin sei und – zum Zwecke möglichst authentischer Antworten seitens meiner Gesprächspartnerin – mich nebst dem Interesse an der Wissenschaft für die Spiritualität begeistere. Da die Spiritual Science Research Foundation diese beiden Aspekte miteinander vereint, sei ich auf die Gemeinschaft aufmerksam geworden.
Ärgersuchende Vorfahr*innen
Im Zuge dessen fragte ich Gerlinde nach einem Artikel der SSRF, in welchem geschrieben wird, dass
[…] viele Probleme wie Dermatitis (Ekzem) ihre Ursache in der spirituellen Dimension haben und daher nur mit spirituellen Heilmitteln völlig geheilt werden können.[12]
Daraufhin erklärte sie mir, dass «bei Hautproblemen sowie anderen Schwierigkeiten sehr häufig spirituelle Ursachen wie z.B. Vorfahrenprobleme die Ursache sind, besonders dann, wenn mit der herkömmlichen Medizin keine Besserung erreicht werden konnte».
Die «Vorfahrenprobleme» haben mit der Loslösung des «feinstofflichen Körpers» zu tun, welcher nach dem Tod einer Person in das «Jenseits» übergeht, um von dort aus wiedergeboren zu werden. Hingegen bleibt der physische Körper auf der Erde zurück und zerfällt. Diese Überführung kann jedoch nur funktionieren, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten genug «spirituelle Energie» gesammelt hat, d.h. spirituell praktizierend gewesen ist. War dies nicht der Fall, ist sein/ihr «feinstofflicher Körper» auf der Erde gefangen. Des Weiteren kann es zu Komplikationen kommen, wenn der/die Verstorbene «Verhaftungen an die Nachfahr*innen oder einen bestimmten Ort», zu viel negatives Karma, eine letzte Aufgabe zu verrichten, junge Kinder hat oder aber zum Todeszeitpunkt selbst noch sehr jung war und deshalb «auf der weltlichen Ebene feststeckt bzw. an ihr festhält, obwohl er/sie eigentlich nicht mehr dorthin gehört». Da wir Lebende die Verstorbenen weder sehen noch hören können, machen die Vorfahr*innen auf sich und ihre Schwierigkeit aufmerksam, indem sie bei den Nachfahr*innen Probleme kreieren, bspw. in Form eines Ekzems. Erkennen Letztere ihr Leiden als ein ebensolcher Hilfeschrei, können sie spirituelle Praktiken ausführen und dem verstorbenen Menschen damit genug «spirituelle Energie» zuschicken, um den «feinstofflichen Körper» ins Jenseits aufsteigen zu lassen.
Selten kommt es auch vor, dass die Vorfahr*innen «lediglich» aus bösem Willen Probleme verursachen, ohne, dass sie dadurch auf die eigene Notlage hinweisen wollen. «Aber die meisten haben tatsächlich ein Problem und suchen deswegen Hilfe».
Diese «Vorfahrenprobleme», so Gerlinde weiter, können bis zu sieben Generationen zurückreichen. Es ist also wahrscheinlich, dass die allermeisten Menschen ein oder mehrere solcher Probleme haben, «beim einen ein bisschen mehr und beim anderen ein bisschen weniger stark ausgeprägt». Dabei lösen die Verstorbenen meist dieselben physischen und psychischen Probleme aus, mit denen sie selbst zu Lebzeiten zu kämpfen hatten, bspw. «Kinderlosigkeit, schwierige Schwangerschaften oder Formen von Sucht». Letzteres sei besonders hartnäckig, «weil der/die Verstorbene ein Bedürfnis hat, das er/sie selbst nicht mehr stillen kann». Er/Sie sucht sich dann ein/e Nachfahr*in «mit einem ähnlichen Interesse» aus, verstärkt dieses und hindert die betroffene Person an der Suchtbefreiung. Dies sei auch der Grund dafür, weshalb die Rückfallquote bei Suchterkrankungen so hoch ist – «die meisten Menschen beziehen den spirituellen Aspekt nicht in die Therapie mit ein», oder wenden nicht die richtigen Methoden an. Denn auch hier schimmert die eigene Besserstellung durch: Mit dem von der SSRF empfohlenem «Behandlungsprogramm in 3 Schritten zur Überwindung von Sucht» kann man sichergehen, dass ein Rückfall ausgeschlossen ist.[13]Schulmedizinische und psychologische Therapien werden zwar nicht explizit verboten, sie würden aber nicht gleichgut schützen.
Als Lösung für «Vorfahrenprobleme» sowie als präventive Massnahme empfiehlt die SSRF das Chanten des «Shri Gurudev Datta». Dieser «Schutz-Chant»[14] sollte «jeden Tag gechantet werden, wobei man sich langsam steigern kann – am Anfang 15 Minuten, dann bis zu zwei Stunden am Tag».
Der «achtfache Pfad» und die «Beseitigung von Persönlichkeitsfehlern (BPF)»
Auf die Frage, welchen Nutzen die SSRF-Lehren sonst noch mit sich bringen, macht mich Gerlinde auf den sogenannten achtfachen Pfad aufmerksam. Dieser beinhaltet «verschiedene Aspekte der spirituellen Praxis», deren Befolgung von der Gemeinschaft empfohlen wird. Dazu gehören: das Verrichten von Tischgebeten, das Chanten, die Erweckung spiritueller Emotionen, das eigene Ego, die «Satsang» (spirituelle Zusammenkünfte oder Treffen), «Tyag» (Opfergabe), «Satseva» (das aktive und bewusste Dienen der Wahrheit (Gott)) und der BPF-Prozess (Beseitigung von Persönlichkeitsfehlern).[15]
Letztgenannter Punkt meint das Arbeiten an «persönlichen Fehlern, denn die sind es, die einem von Gott oder dem eigenen göttlichen Kern trennen, oder einem Leid zufügen. Denn wenn wir uns unsicher fühlen, Ängste, Wut, Ungeduld, Eifersucht empfinden oder unordentlich sind (alles sogenannte Persönlichkeitsfehler), hindert uns das bei unserer spirituellen und persönlichen Entwicklung», so Gerlinde. Im Rahmen des BPF-Prozesses werden diese «Fehler» adressiert und versucht zu beseitigen, sodass es zu einem «Wachstum» der eigenen Person kommen kann. Zur Folge hat dies, dass man «sich selbst mehr wahrnimmt, seine eigentliche Kapazität erreicht, sich mehr in der Gegenwart fühlt und Glück von innen verspürt» – alles «Nebeneffekte von Spiritualität».
Hierbei stellt sich mir die Frage, wie weit man in der SSRF beim BPF-Prozess geht. Eigene Ängste oder gar Charaktereigenschaften als «Persönlichkeitsfehler» zu bezeichnen, sehe ich als problematisch an. Auch baut man so bei den betroffenen Personen einen gewissen Druck auf, «Fehler» zum Zwecke des «spirituellen Wachstums» beseitigen zu müssen.
Noch drei Jahr bis zur Apokalypse
Das «von innen verspürte Glück» könnte für einige Menschen jedoch bald ein zähes Ende finden – oder zumindest für eine Zeit unterbrochen werden. Denn wie bereits am Anfang erwähnt, vertritt die SSRF endzeitliche Überzeugungen. Dazu erzählt mir Gerlinde, dass die Tageszyklen (Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend, Nacht) «auch universell gelten und wir verschiedene Zeitzyklen durchwandern und gewisse Phasen durchleben».
Der Zeitraum zwischen 1999 und 2025 ist ein ebensolcher Zyklus, «der sich so auch gar nicht verhindern lässt». Dabei handelt es sich um eine «Übergangsphase», die ein «erhöhtes Level sogenannter Raja-Tama-Komponenten, d.h. spiritueller Unreinheiten» aufweist und zwischen 30 und 100 Jahre andauern kann – keine gute Phase also. Zur «Verunreinigung» kommt es, weil zu wenige Menschen spirituell aktiv sind und nicht an ihren «Persönlichkeitsfehlern» arbeiten, was vermehrt Naturkatastrophen, Pandemien und Kriege zur Folge hat. Auch sind die Menschen «im Ganzen betrachtet weniger rechtschaffen, gieriger und ausbeuterischer». Solche Konsequenzen seien «Methoden der Natur, um die Unreinheit wieder auszugleichen. Dies erleben wir jetzt schon die letzten zwei, drei Jahre, dass diese Komponenten (Raja-Tama) immer mehr rauskommen und es wird die nächsten zwei Jahre auch so bleiben. Dann ist der Höhepunkt da, bevor es vorbei ist. Danach geht es in eine ganz andere Richtung, dann kommt eine spirituell sehr schöne Zeit auf uns zu, in der weniger Menschen krank werden, es mehr Rechenschafft gibt und der durchschnittliche Mensch gute Absichten hat und wohlgesonnen ist», führt meine Gesprächspartnerin aus.
Zusammengefasst bedeutet dies: «Schlechte» und «gute» Zeiten wechseln sich zyklisch ab, dazwischen gibt es sogenannte Übergangsphasen, in denen es den Menschen aufgrund von Pandemien, Kriegen und anderen Desastern schlecht geht, bevor das Ganze in einem «Höhepunkt» endet. In dessen Rahmen wird es «eine Woche krachen und richtig schlimm sein, sowie zum Tod vieler Menschen kommen». Danach: Beginn des «göttlichen Königreiches auf Erden», welches selbstverständlich den eigenen hinduspirituellen Vorstellungen entsprechen wird.[16] Auf der SSRF-Homepage steht dazu geschrieben:
In naher Zukunft wird die Welt von Kriegen und Naturkatastrophen heimgesucht werden. Nur Spirituelle Praxis kann uns stärken, dieser drohenden Zerstörung und dem grossen Verlust an Menschenleben zu begegnen. Diese schlimmen Zeiten werden für die Menschheit den Weg zum Besseren ebnen. Infolgedessen wird sich die Welt einer tausendjährigen Friedenszeit und spirituellen Erwachens erfreuen. Viele der Forschungsergebnisse, die auf SSRF.org veröffentlicht sind, werden dazu beitragen, zukünftigen Generationen den Weg zu weisen, wie man ein spirituelles Leben lebt.[17]
Das Zitat verweist bereits darauf, wer das erhöhte «Raja-Tama»-Level und damit den unausweichlichen «Kaboom» überleben wird: Menschen, «die das Potenzial haben sich in diesem Leben weiterzuentwickeln, spirituelle Praxis betreiben oder ein spirituelles Level von mindestens 55% aufweisen[18]», verfügen über einen «göttlichen Schutz» und haben bei der Apokalypse dementsprechend nichts zu befürchten – eine (psychologische) Attraktivität von Gemeinschaften wie der SSRF. Nämlich suggeriert diese Vorstellung, dass man beim bevorstehenden Weltkrieg nichts zu befürchten hat, solange man sich an die von der Organisation geratenen Praktiken gehalten hat.
Das eigene Überleben hangt aber auch von anderen Faktoren wie bspw. dem Standort («einige Länder sind besser geschützt als andere») und den vorher getroffenen Untergangs-Vorbereitungen ab («dass man nicht in der Stadt, sondern in ländlichen Gebieten lebt»), zu welchen die Spiritual Science Research Foundation explizit auffordert[19].
Am Schluss dieses Gesprächsthemas weist Gerlinde daraufhin, dass sich die Prophezeiung (Zeitraum 1999-2025) «nicht zu 100% vorhersagen lässt, «weil jeder Mensch einen eigenen Willen hat und es immer Menschen geben wird, die nicht spirituell praktizieren werden» – ein Erklärungsversuch für frühere, nicht eingetroffene Ankündigungen. Nämlich erwartete die SSRF bereits Mitte der 2000er Jahre, dass zwischen 2013 und 2018 ein Dritter Weltkrieg mit dem Einsatz von nuklearen Massenvernichtungswaffen stattfinden und 2019 in eine bis 2024 dauernde «Übergangsphase» münden sollte. Um 2016 wurde dieser Ablauf dahingehend korrigiert, dass der Dritte Weltkrieg nun zwischen 2019 und 2023 dauern soll, wogegen die «Übergangsphase» verkürzt wurde.[20]
Zur Organisation und Struktur der SSRF
Gegen Ende unseres Gesprächs frage ich nach dem «Gruppengebilde» und den Standorten der Spiritual Science Research Foundation. Gerlinde erzählt mir, dass die SSRF «in den Ländern Deutschland, Australien, Kroatien, Serbien, Indien, Amerika und zwei, drei anderen Ländern registriert ist». Praktizierende hätten sie jedoch insgesamt etwa «in 40 Ländern», wobei sie in der Schweiz von lediglich «vier bis fünf» wisse. Vor dem Hintergrund, dass meine Gesprächspartnerin gewusst haben könnte wer ich bin und für wen ich arbeite, muss diese Angabe hinterfragt werden.
So etwas wie offizielle Mitglieder und damit eine Art Aufnahmeprozedur kenne die Gemeinschaft nicht. Da «die Erforschung der eigenen Person und das Kennenlernen des sechsten Sinnes» im Vordergrund steht, spielt auch die religiöse Ausrichtung oder sonstige «Backgroundinfos» der Praktizierenden keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Solange ein Bezug zur Geburtsreligion vorhanden ist, empfiehlt die SSRF, nebst den spirituellen Praktiken den «Chant gemäss der Geburtsreligion» zu singen, bspw. das «Jesus Christus oder Ave Maria im Christentum».
Und auch ansonsten habe die Gemeinschaft den Praktizierenden gegenüber «keinerlei Erwartungen». Jeder und jede pickt sich das heraus, was einem am meisten zusagt: «Wir haben Buddhist*innen dabei, die sich das eine oder andere herausnehmen, gewisse machen den BPF-Prozess, andere machen exakt den vorgegebenen Weg und befolgen alle Empfehlungen der SSRF. Wieder andere besuchen nur die Website, um sich über den aktuellen Forschungsstand zu informieren».
Was mir Gerlinde nicht gesagt hat: Solche Miteinbezüge von Praktiken anderer Religionen und Kulturen werden lediglich auf dem «Level 1» akzeptiert, wenn der/die Praktizierende spirituell noch nicht weit entwickelt ist. Danach gelten die Empfehlungen der SSRF.
Zwischen den Praktizierenden bestehe ausserhalb der Veranstaltungen und Workshops, die von spirituell weit entwickelten oder gar als heilig geltenden Personen durchgeführt werden, nur wenig bis gar kein Kontakt. «Ausser, man lernt jemanden an einem Event oder online kennen, der/die per Zufall in der Nähe wohnt», fügt Gerlinde hinzu.
Würde sich das, was mir Gerlinde erzählt hat, auch mit der SSRF-Realität decken, wären deren Vorstellungen und Praktiken wenig problematisch. Doch die Vermutung liegt nahe, dass sie die Dinge zum Zwecke eines positiven Relinfo-Berichts schön geredet, mir Informationen enthalten oder gar falsche Aussagen getätigt hat. Und es darf nicht vergessen werden, dass die SSRF und ihr Gründer schon mehrfach Negativschlagzeilen gemacht haben.
Asia Petrino, 01.07.2022
Weiterführende Links
Relinfo Lexikoneintrag zur SSRF: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/
Homepage SSRF: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/
Facebook SSRF: https://www.facebook.com/SSRFspirituality YouTube SSRF: https://www.youtube.com/user/SSRFINC
[1] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]
[2] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Über uns, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/%C3%BCber-ssrf-%C3%BCber-uns, [27.06.2022]
[3] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]
[4] Vgl. TRT Deutsch (2021): Sachsen-Anhalt: Radikale Hindu-Gruppe hinter Hotelkauf im Harz?, online: https://www.trtdeutsch.com/exklusiv/sachsen-anhalt-radikale-hindu-gruppe-hinter-hotelkauf-im-harz-7079199, [27.06.2022]
[5] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]
[6] Ebd.
[7] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Wie sollten wir grüssen?, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/sattvisch-leben-spirituelle-reinheit-im-alltag/wie-sollen-wir-gruessen/, [01.07.2022]
[8] Ebd.
[9] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Forschung, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/spirituelle-forschung/, [27.06.2022]
[10] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Über uns, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/%C3%BCber-ssrf-%C3%BCber-uns, [27.06.2022]
[11] Vgl. Homepage Spiritual Science Research Foundation, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/, [27.06.2022]
[12] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Dermatitis und spirituelle Heilung, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/dermatitis, [27.06.2022]
[13] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Vorbeugen von Sucht, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/suchtpr%C3%A4vention, [01.07.2022]
[14] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Was bedeutet der Chant «Shri Gurudev Datta»?, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/chant-sri-gurudev-datta-bedeutung, [27.06.2022]
[15] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Schritte der Spirituellen Praxis, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/spirituelle-praxis/schritte-der-spirituellen-praxis/, [27.06.2022]
[16] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: 3. Weltkrieg Vorhersagen, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/3-weltkrieg-prophezeiung, [01.07.2022]
[17] Vgl. Clarke, Sean: Willkommensgruss der Redaktion, Spiritual Science Research Foundation, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/uber-uns/willkommensgruss_redaktion/, [27.06.2022]
[18] Gerlindes Aussagen nach gelten in der SSRF Praktizierende mit einem «spirituellen Level über 70%» als heilig. Dabei kann man seine Heiligkeit nicht selbst erkennen, sondern «das erkennt jemand, der spirituell noch weiterentwickelter ist»
[19] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Bereiten Sie sich auf den 3. Weltkrieg vor, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/spirituelle-forschung/globale-probleme/bereiten-sie-sich-auf-den-3-weltkrieg-vor/, [27.06.2022]
[20] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]