Systemfehler: Einlass-Stopp bei Post-Corona Vortragsreihe in Thun

Neugierig beobachte ich die Mitfahrenden in meinem nur mässig gefüllten Bus zum KKThun. Nicht ahnend, was mich nur wenige Minuten später vor dem Eingang des Kultur- und Kongresszentrums erwarten wird: eine Menschenmasse. Mehrere hunderte Personen stehen ungeordnet vor dem Eingang. Das Foyer ist bereits gefüllt und es scheint als würde eine Einlasskontrolle stattfinden.

Wir alle möchten in den Saal, um Vorträge von Prof. Dr. Stefan Hockertz, Dr. med. Daniel Beutler  und  Dipl. Phys. Philippe Marti zu hören. Ersterer wurde in Deutschland angeblich enteignet und lebt seither in der Schweiz. Der Thuner Mediziner Daniel Beutler sollte über das Gute, das Schlechte und das Hässliche von Corona referieren während der Gymnasiallehrer Philippe Marti über die Grenzen der Wissenschaft sprechen wollte. Der Event wurde mit voller Unterstützung von Christian Oesch, dem Präsidenten des Schweizerischen Vereins WIR, in diversen Telegram Kanälen beworben.

Während ich warte sticht mir ein Plakat der FBS (Freiheitliche Bewegung Schweiz) ins Auge. Es wird für die Volksinitiative „Bargeld ist Freiheit“ geworben. Es laufen mehrere Leute mit Klemmbrettern durch die Masse, um Unterschriften zu sammeln. Mutmasslich für ein Initiative, welche auf einem Plakat neben jenem der FBS beworben wird. Dort wird aufgerufen, für die „Giacometti-Initative“ zu unterschreiben. Die angesprochene Menschenmasse, in der ich mich nun auch befinde, setzt sich vorwiegend aus Personen zwischen 40 und 60 Jahren zusammen. Einige waren etwas älter und jünger. Sie treten selbstbewusst auf, vielleicht weil sie „unter sich“ sind?

Nur wenige Personen wirkten wie Leute, die ausserhalb oder am Rande der gesellschaftlichen Normen leben würden. Jedoch konnte ich nicht übersehen, dass es Besucher mit „Anti-Covid-Gesetz“-Ansteckern auf ihren Jacken oder „NO 5G“-Aufdrucken auf ihren Rucksäcken gab.

Zu meinen Beobachtungen muss ergänzend hinzugefügt werden, dass lediglich jene Personen beschrieben werden können, die, wie ich, vor dem Eingang auf den Zutritt zur Vortragsreihe warteten. Wer alles schon drin war, konnte ich nicht beobachten – und das sollte auch so bleiben. Nachdem 700 Menschen der Einlass gewährt wurde, wurde er geschlossen. Es wurden Personen bevorzugt, welche sich zuvor für den Event angemeldet hatten. Wirklich kontrolliert wurde die Voranmeldung nicht, weshalb ich vermute, dass sich auch viele ohne Anmeldung hineingeschlichen haben. Nicht nur ich war vom Andrang überrascht: eine Dame vor mir fragte, ob sie hier richtig sei bei „dem Corona Zeug“.

Nach dem Einlass-Stop standen noch ca. 300 Personen vor dem Eingang. Einige beschwerten sich lautstark; verlangten von der Security die Feuerschutzverordnung, welche den Veranstaltungsort zur Schliessung der Tore nach 700 Personen zwang, zu missachten. Die Sicherheitsbeamten erklärten, dass dies nicht die Schuld des Kulturzentrums sei, sondern jene des Veranstalters. Dieser habe nach 700 Anmeldungen die Gäste nicht informiert, wodurch sich schlussendlich über 1200 Personen angemeldet haben sollen. Hinzu kamen Besucher wie ich, die ohne Voranmeldung auftauchten.

Ich hörte mich um und versuchte die Stimmung etwas einzufangen. Neben der allgemeinen Verärgerung über das Missmanagement gab es auch emotional enttäuschte Stimmen. Leute, die „ihn jetzt endlich mal in Person“ hätten erleben wollen. Andere beschwerten sich lediglich über die lange Anreise aus Fribourg oder Bern. Interessant war das von einigen aufgebrachte Verständnis. „Es wäre ja gut, dass es einen solchen Andrang gäbe.“

Ein sympathisch wirkender Mann neben mir, vermutlich etwa Mitte 60, hob gegenüber seiner Gesprächspartnerin hervor, dass der Andrang sicherlich auch damit zusammenhänge, dass jemand lokales spreche. Er fügte hinzu, dass er selbst ja eigentlich neutral sei, die hier besprochenen Dinge aber Themen seien, die „jeden interessieren“.

Die Worte dieses Mannes sind meines Erachtens sinnbildlich für einen grossen Teil der Post-Corona Bewegungen. Sie erklären Erfolgsgeheimnis und Gefahr dieser Bewegungen zugleich.

Sowohl die geografische Nähe mit all den lokalen Komponenten, als auch die emotionale Nähe mit der Behandlung von alltäglichen Problemen, bilden einen einfachen Einstieg.

Aufgrund meiner Beobachtungen wage ich die These, dass sich nur ein kleiner Teil der am KKThun erschienen Personen bewusst ist, welche Ideologien mitunter in diesen Bewegungen vertreten werden. Formate wie dieses ermöglichen es allerdings, dass Leute, die sich Gedanken zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation machen, sehr früh in Kontakt mit einer Bewegung treten, welche im schlimmsten Fall persönliche und gesellschaftliche Gefahren mit sich bringen kann.

Dinge zu hinterfragen, ist eine Errungenschaft, die von Gemeinschaften der Post-Corona-Bewegungen schamlos ausgenutzt wird. Wenn selbst im überschaubaren Thun eine Menschenmasse von über 1000 Personen auftaucht, um sich deren fragwürdiges Gedankengut anzuhören, ist dies ein Grund zur Vorsicht. Was an diesem Vortrag wirklich gesagt wurde, müssen wir uns wohl zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Kanal von „TransitionTV“ ansehen, einem von Christof Pfluger begründeten und mit Verschwörungserzählungen gespickten alternativen Nachrichtenkanal.

Trotz leicht zynischen Untertons konnte ich den Abend aber doch noch mit einem positiven Gedanken abschliessen. Denn ist es nicht ironisch, dass Post-Corona-Gemeinschaften, die Staatenverweigerern eine Plattform geben, die Politikerinnen und Politiker bedingungslos für unfähig erklären und die als Gegenpol des Mainstreams zur Umstrukturierung ganzer Systeme aufrufen, nicht einmal in der Lage sind 1000 Anmeldungen zu bewerkstelligen?

Eine nichts sagende, subjektive Momentaufnahme; aber irgendwie bezeichnend – hoffentlich.

SRF Impact Investigativ Doku zur Organisation «Inner Mastery International» von Alberto José Varela

«Inner Mastery International veranstaltet europaweit Retreats und vertreibt dort verschiedene halluzinogene Drogen wie Ayahuasca, Bufo Alvarius oder San Pedro. Die Sektenberatungsstelle Relinfo bezeichnet Inner Mastery International als problematische Gruppierung mit sektenähnlichen Strukturen. Wie unsere Recherche gezeigt hat, nutzt Inner Mastery International ihre Retreats auch in der Schweiz, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Dies mit dem Ziel, sie finanziell und emotional abhängig zu machen. Philippe begibt sich undercover in das Retreat, spricht mit ehemaligen Mitgliedern und konfrontiert die Organisation.» (Text: https://www.youtube.com/watch?v=Exv8-knZf3s&t=1472s)

Dies alles zu sehen in der am 20. September 2022 auf Kassensturz und YouTube erschienenen Dokumentation «Ayahuasca, Bufo, San Pedro – Wie ein Sekten-Guru seine Mitglieder mit Drogen abzockt» des SRF Investigativ Reporters Philippe Stalder.

Video abrufbar über: https://www.youtube.com/watch?v=Exv8-knZf3s&t=1472s

So retten wir die Welt: Selbstliebe und Utopie – Besuch beim Impulstag «Start ins Lichtzeitalter» am 4. September 2022 in Zürich

Weisshaarige Lichtfreunde

Es war ein wundervoller Sonntagmorgen in Zürich, die Sonne schien und zusammen mit 57 anderen Lichtbegeisterten fand ich mich zum Impulstag «Start ins Lichtzeitalter» im Kirchgemeindehaus Hottingen ein. Als ich eintraf, wuselten schon die meisten TeilnehmerInnen im Saal herum, vor allem Frauen, aber auch ein paar Männer waren unter ihnen. Was das Alter der TeilnehmerInnen anging, so war die vorherrschende Haarfarbe definitiv weiss. Nur wenige jüngere Leute nahmen an diesem Sonntag den Weg nach Zürich auf sich.
Auf der Bühne standen drei Stühle mit jeweils einem Tisch dazwischen, der mit einer sehr grellen hellblauen Samttischdecke geschmückt war. Dieselbe Farbe trug der Moderator und Organisator des Impulstages, ein alter dürrer Mann mit weisser Hose und besagtem Hemd. Er begrüsste uns alle herzlich und freute sich darauf, mit uns allen einen Lichtraum zu erstellen. Es wäre so schön, dass wir auch alle unsere Lichtfreunde mitgebracht hätten und so viel mehr Wesen anwesend seien, als wir auf der physischen Ebene sehen könnten.

Barfuss ins Lichtzeitalter

Als erstes ergriff Michael Leibundgut das Wort und bat darum, näher zusammenzusitzen. Er trug einen hellblauen Anzug, ein weisses T-Shirt mit einem Aufdruck, und er war barfuss. Neben ihm sass in der Mitte Tanja Konstantin in einem blauen, sehr langen, wallenden Kleid. Sie trug als einzige auf der Bühne Schuhe, denn auch Adriana Meisser neben ihr trug nichts ausser einem himbeerfarbenen, kurzen, enganliegenden Kleid.

Saint Germain, Equon und Maria Magdalena

Adriana begann mit der Vorstellungsrunde. Sie erzählte von ihrer engen Zusammenarbeit mit dem aufgestiegenen Meister Saint Germain und davon, in was für einer unglaublich spektakulären Zeit wir lebten. Ihr Kernthema war die Selbstliebe. Wir hätten kein Leben, wir seien das Leben.

Michael erklärte, dass in diesem Lichtzeitalter, das wir jetzt erlebten, der ganze Schmutz erst sichtbar wurde. All die Störinformationen wurden jetzt langsam sichtbar und aufgelöst. Dies sei nun der letzte Abschnitt der Erde mit den Menschen in ihrer physischen Form. Die Erde sei eigentlich ein Matriarchat und die Männer würden ebenso unter dem Patriarchat leiden wie die Frauen. Diese Erde sei nur ein Schulungsplanet für uns. Nach dem Ende von Atlantis waren wir in diese 3D-Körper gekommen und hatten den Grossteil unseres Sternenwesens zurücklassen müssen. Nun wurden wir langsam wieder zu dem Sternwesen, das wir eigentlich seien. Michaels geistiger Führer war Equon, einer der Plejaden.

Tanja erzählte, wie sie schon als Kind anderen Menschen helfen wollte und deshalb auch Medium geworden sei. Die weibliche Energie war ihr dabei schon immer sehr wichtig gewesen. Wir alle seien multidimensionale und multikulturelle Wesen von den unterschiedlichsten Sternen und Welten. Alle Menschen, die sich von Medien angezogen fühlten, hätten selbst auch mediale Fähigkeiten, betonte Tanja. Das war eine interessante Aussage, da sie vermutlich viele der Anwesenden angesprochen hatte. So scheint es doch wahrscheinlich, dass sich viele Anhänger von Medien selbst gerne als Medium verwirklichen wollen. Sie möchten die Stimmen der Meister gerne selbst hören.

Rette bloss keinen

Die Seele sei weder weiblich noch männlich. In früheren Leben waren wir alle schon beides. Da waren sich alle drei Referenten einig. Michael sagte, dass seine Chefetage ihm immer wieder sagte, in die Natur zu gehen. Als Medium würde man sich für höhere Wesen zur Verfügung stellen.

Die drei redeten weiter über die Liebe von der geistigen Welt, wie wichtig die Selbstliebe sei. Zudem müsse man sich aus dem Opfer-Täter-Retter-Kreislauf befreien. So müsse man sich Mühe geben und ja niemandem helfen. Nach der zustimmenden Reaktion des Publikums zu urteilen war ich wohl die einzige, welche diese Aussage für furchtbar egoistisch und problematisch hielt.

Lord Voldemort und Egozentrik in Reinkultur

Nach der Pause fragten die Referenten im Publikum, wo sie denn energetisch heute ansetzen sollen. Eine ältere Frau meldete sich und sagte, sie würde gerne alte Konditionierungen loswerden. Tanja riet ihr dazu, eine Affirmation an eine automatisierte Bewegung oder ein Armband zu knüpfen.

Eine weitere ältere Frau fragte, ob es denn überhaupt Sinn mache, die geistige Welt um Unterstützung bei Wünschen zu bitten. Sie umschrieb dabei Wladimir Putin, ohne jedoch seinen Namen zu nennen. Anscheinend würde es ihm Macht verleihen, wenn jemand seinen Namen nennen würde. Das klang ziemlich lächerlich für mich und erinnerte mich an Lord Voldemort aus Harry Potter, «Der, dessen Name nicht genannt werden darf». Adriana riet der Frau, bei sich selbst anzusetzen und zu sehen, was die aktuelle Situation in der Ukraine mir ihr mache. Michael ergänzte, dass Mitleid immer etwas mit einem selbst zu tun hätte. Es würde aus einem alten Leben kommen und man solle seinen persönlichen Umgang damit finden.
Wenn andere Menschen in einem Krieg leiden und sterben sollte ich, anstatt konkrete Hilfe zu leisten, einfach bei mir selbst Wunden aus vergangenen Leben heilen? Das klang für mich ziemlich egozentrisch.

Die Massenmedien seien nichts Sinnvolles und würden nur toxische Angst verbreiten. Michael betonte, dass es viel besser sei, Massenmedien nur begrenzt zu konsumieren und lieber in einer lichtvollen und guten Energie zu bleiben. Klar, dachte ich mir, jetzt sind wieder die Massenmedien schuld. Die Realität zu ignorieren klang für mich nicht besonders sinnvoll.
Die Wertschätzung und Dankbarkeit für die eigene Situation sei die beste Unterstützung für leidende Menschen. Bei diesen Aussagen musste ich die Augen verdrehen. Das ist ja wohl Egozentrik in Reinkultur. Warum einen Ertrinkenden aus dem Wasser retten, wenn man ihm auch zusehen und sich selbst bewusstwerden kann, wie viel Glück man doch hat, nicht selbst zu ertrinken?

Der Leuchtturm vom Zürcher HB

Die Fülle sei das Grundprinzip der Erde, Mangel und Krisen würden uns nur von den Massenmedien eingeredet werden. Manchmal sei es gut, bewusst absichtslos zu manifestieren und alles dem Universum zu überlassen. Adriana sagte, wir alle seien Leuchttürme mit unserem Licht und wir sollten dieses in die Welt strahlen. Auch mal am Zürich Hauptbahnhof zu stehen und sein Licht auf alle Menschen dort strahlen zu lassen, sei schon sehr viel wert.
Für Tanja sei Maria Magdalena ihr Leuchtturm, so sagte sie. Daraufhin trat der Moderator/Gastgeber auf den Plan und bat Maria Magdalena um Inspiration. Natürlich würde sie das gerne tun, antwortete Tanja und die Referenten schlossen die Augen.

Es grüsst euch Maria von Magdala

Ich war sehr gespannt, was jetzt passieren würde. Als Tanja, ich meine natürlich Maria Magdalena, zu sprechen begann, war ich ziemlich enttäuscht. Kein Lichtschimmer, kein Zungenreden, ja nicht mal einen Akzent hatte Tanja zu bieten. Sehr unspektakulär. Sie redete vom Samenkorn der Liebe, dass in uns allen keimen würde und davon wie wir uns auf uns selbst fokussieren sollen. Sie würde ihr Licht uns allen senden, JETZT. Tanja schrie «jetzt» beinahe, das tat sie mehrmals. Vielleicht war das ihre Strategie, uns vom Einschlafen abzuhalten, sehr clever. Denn Tanja redete viel, doch sagte sie eigentlich nichts damit und ich war froh, als sie mit den Worten «Es grüsst euch Maria von Magdala» endlich endete. Alle bedanken sich bei ihr und legten die Hände zusammen, wie bei einem Namaste-Gruss.

Während Tanja sprach, legte sich Adriana immer wieder die Hände auf die Brust. Trotz der sehr seifen Körperhaltung war ihr Gesichtsausdruck ergriffen und es rollten ihr sogar einige Tränen über die Wangen.

Equon und das Christuswesen

Michael betonte, dass zur Zeit ein Kampf um die Erde herrschen würde und dass wir alle die Macht hätten. Ausserdem sagte er, dass die Schwerkraft ein Segen der Erde sei, also nichts mit Naturwissenschaften zu tun hat. Wir alle seien Heiler unserer eigenen Seelen und dies sei ein gigantischer Schritt in die Multidimensionalität.

Mit einer Meditation lud Michael uns in eine höhere Lichtebene ein. Dann sprach er im Channeling vom Sternensystem Arktor und Jesus Christus, der dort als «Der, der uns die Liebe erklärte» bekannt sei. Michael klang bei seinem Channeling genauso unspektakulär wie Tanja zuvor. Seine Ausführungen wirkten wie ein gut auswendig gelernter Monolog eines Theaterschauspielers, was Michael übrigens vor seiner Karriere als Medium auch war.

Adriana hatte wieder Tränen in den Augen und zeigte eine in meinen Augen doch sehr übertriebene Ergriffenheit, sodass es auch jeder im Publikum mitbekam.

Michael meinte, dass Eindösen während der Meditation ganz normal sei, weil die Lichtwesen dann mit uns arbeiten würden. Naja, meiner Meinung nach ist Eindösen verständlich, wenn die Referenten ziemlich viel reden ohne etwas auszusagen.

Saint Germain und andere Kulturen

Nun war Adriana mit dem Channeling an der Reihe. Zu Beginn sagte sie, dass sie beide stehen müssten, sie und Saint Germain. Danach begann auch sie einen einstudiert klingenden Monolog herunter zu rattern, mit übertriebener Artikulation. Sie redete davon, dass wir alle Leuchttürme seien, nicht wie in anderen Kulturen. Das klang so, als würden sie mit ihrem Glauben über allen anderen stehen und alle anderen Kulturen seien nur eine dieser Verwirrungen, von denen die Referenten früher gesprochen hatten.

Nach weiteren Ausführungen, die im Grunde nicht viel mehr aussagten als «Liebt euch selbst», klatschte das Publikum begeistert und bedankte sich bei Adriana.

So sieht das Paradies aus

Nun war das leicht überalterte Publikum gefragt, als es darum ging, wie unsere Vision des Paradieses denn aussehen würde. Männer und Frauen sagten: «einen liebevollen Umgang mit mir selbst», «Frieden, Liebe, Ehrlichkeit und ein Kanal zum Göttlichen sein», «dass die Menschen mit der Erde in Musse sind». Das alles klang für mich sehr selbstbezogen, was auch nicht besonders überraschend war. Viel interessanter war jedoch die nächste Frage von Adriana ans Publikum, was wir für unsere Zukunftsvision tun würden. Eine ältere Frau antwortete, dass sie sich selbst in jedem Moment lieben würde. Eine andere sagte, dass sie sich bewusst machen würde, dass alle Menschen zu einer Menschenfamilie gehören und wir alle geliebt würden. Das begeisterte Publikum klatschte darauf laut. Die nächste Frau sagte, dass sich selbst zu lieben ja auch allen anderen Menschen helfen würde. Ein Mann ergänzte, dass der Frieden in ihm selbst beginnen würde. Bei diesen Antworten fühlte ich mich ziemlich unwohl. Ich sehe nicht ein was «Selbstliebe» für einen Nutzen für eine positive Zukunft haben soll, denn sich die Zukunft schön zu denken verändert die Welt noch lange nicht.

So verändern wir die Zukunft

Adriana fragte aber noch weiter, was wir den konkret tun würden. Nun war ich gespannt. Vielleicht hatte ich diesen Menschen ja Unrecht getan und sie würden sich doch aktiv für eine bessere Welt engagieren. Leider wurde ich jedoch enttäuscht. Eine Frau erzählte, wie sie eine Flöte gebaut hatte und nun immer für die Bäume und Blumen spielen würde. Ganz ähnlich sagte ein Mann, dass er für uns alle in der Natur trommeln würde. Wow, danke vielmals, dachte ich, das hilft wirklich, die Welt zu verändern. Ich konnte meine sarkastischen Gedanken nicht unterdrücken. Aber es kam noch mehr aus dem Publikum. Jemand sagte, sie lächele sich selbst an, jemand anderes gäbe Liebe in der Meditation weiter und würde Fremde auf der Strasse ansprechen. Eine weitere Frau sagte, sie würde eine Stilleminute vor Sitzungen halten. Bei der nächsten Aussage wurde ich hellhörig. Eine Frau erzählte von einem Jungen, denn sie getroffen hätte, der ihr erzählte, dass er gut andere Menschen glücklich machen könnte. Das Publikum klatschte anerkennend, und mir wurde fast schlecht. Meine späteren Recherchen haben meinen Verdacht nochmals bestätigt. So kann «People pleasing» bei Kindern ein Anzeichen von emotionalem Missbrauch und Trauma sein. Es hat mich schockiert, dass die Teilnehmenden und die Veranstalterschaft des Impulstages dies nicht bemerkt haben, vielleicht auch aus Unwissenheit.

Mit all den «wunderbaren» Inputs vom Publikum ging Tanja nun nochmals in ein Channeling. Sie redete mit ihrer Theaterstimme vom Lichtzeitalter und wie wir jetzt die Geschichte neu schreiben könnten. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte mich Tanja dann doch noch zum Lachen mit den Worten: «Segen über diesen Tag (Pause) der noch nicht zu Ende ist.»

Kulturelle Aneignung und Medizin

Nun war die Bühne frei für die Gastreferentinnen Catharina Roland und Coco Tache. Bevor die beiden überhaupt irgendetwas sagten, hüpften sie auf und ab und tanzten. Dann mussten uns alle in einen grossen Kreis stellen und eine Art schamanistischen Tanz aufführen und dazu singen. Dabei kam mir die aktuelle Debatte zur kulturellen Aneignung in den Sinn. Dieser Tanz würde sicher auch darunterfallen, genau wie andere Dinge, die an diesem Tag erwähnt wurden, wie die Bodhisattvas und das Om Shanti (beides buddhistisch).
Catharina und Coco erzählten vom Hilfswerk einer Freundin und wie toll das sei und dass der Humus die einzige Medizin sei, die der Mensch brauchen würde.

Die Matrix und das Wolkenherz

Catharina erklärte, dass unsere Bilder im Kopf die Realität bestimmen würden. Das Problem sei, dass die Matrix uns nur böse Bilder, Angst und Schrecken geben würde. Uns müsse bewusstwerden, dass wir göttliche Schöpferwesen seien und nur Positives manifestieren sollten.
Coco erzählte, wie sie mit dem Auto durch Frankreich gefahren sei und dort in Lourdes einen Marathonläufer getroffen habe. Das brachte mich zum Lachen, so sind Ferien mit dem Auto ja nicht gerade mit Umweltfreundlichkeit vereinbar. Sie erzählte, dass dieser Läufer dann auch in die Schweiz gekommen sei und bei seinem Zieleinlauf wäre ein Wunder geschehen. Sie hätten alle zusammen ein Herz aus Wolken manifestiert, dass dann auch sichtbar wurde. Davor hatten sie über schädliche Chemtrails gesprochen und als Kontrast sei dann das Wolkenherz entstanden.

Die beiden sprachen weiter darüber, wie alle Begegnungen mit Ablehnung uns heilen würde. Diese beiden Frauen wirkten auf mich leicht schräg. So gaben sie sich jung und hip, obwohl beide über fünfzig waren.

Utopie und Wunschdenken

Eine ältere Frau, mit merkwürdiger Frisur, schaltete Meditationsmusik ein und Catharina las eine Manifestation vor. Dazu mussten alle aufstehen und die Augen schliessen. Wir sollten uns alle unserer Schöpferkraft bewusstwerden und die folgenden Bilder in unserem Geist entstehen lassen. Wie Blumen sollten wir sie ins Quantenfeld schicken. Catharina forderte uns auf zu manifestieren: der Humus in der Welt ist wieder aufgebaut; das Immunsystem wird durch die Natur gestärkt; Geburten sind heilig; es gibt keine Angst vor dem Tod; die Menschen entfalten ihr Potential; die Menschen verbinden sich mit ihrer Kreativität; es gibt nur lokale Bio-Produkte; es gibt keinen Abfall mehr; die Wirtschaft beruht auf Fürsorge und Mitgefühl; alle Energie ist erneuerbar; es gibt eine unterstützende Gesellschaft; die Regierung wird von allen aktiv mitgestaltet; alle Menschen leben in Fülle; es gibt ein Schenk- und Tauschsystem; die Medien berichten nur lebensbejahend und positiv.

Catharina sagte, dass durch diese gemeinsame Manifestation jetzt Blumen ins Quantenfeld gepflanzt worden wären und dadurch diese Zukunftsvision bald Realität werden würde. Meiner Ansicht nach sind da gewisse Zweifel angebracht. Wenn sich die Welt durch Manifestieren verändern liesse, wäre sie schon längst ein Paradies.

Artenvielfalt und Blackout

Coco sagte, dass Artenvielfalt wichtig sei und wir als Teil der Natur auch auf Symbiosen angewiesen seien. Wir Menschen würden auch Symbiosen eingehen mit anderen Menschen. Ausnahmsweise konnte ich dabei nur zustimmen. Catharina fuhr dann allerdings fort, über ihre Humus-Events zu sprechen und wie diese die Menschen vernetzen würden. Es sei wichtig, seine Nachbarn zu kennen, wenn der Blackout kommen wird. Es sei wichtig dann zu wissen wo es Quellwasser gäbe, wer zuhause Samen hatte oder wer einen Ofen. Das klang mir, wie bei den Chemtrails, dann wieder sehr nach Verschwörungstheorie.

Das Geschenk zum Schluss

Zum Schluss des doch ziemlich speziellen Vortrags der beiden Gastreferentinnen hatten Coco und Catharina für alle Anwesenden noch ein grosses Geschenk. Ihre Praktikantin sollte uns alle mit ihrem Meditationsgesang beseelen. Danach erwähnte Coco noch, dass ihre Organisation Living Earth gemeinsam auf dem Weg mit der Mission der Liebe von Christina von Dreien sei.

Für einen runden Abschluss des Tages mussten wir uns alle nochmals in einen Kreis stellen. Michael, Tanja und Adriana sprachen jeweils eine kurze Meditation für uns. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits unerträglich warm im Saal, trotzdem mussten wir uns alle an den Händen halten. Das tat ich nur ungern, so war Corona ja nicht plötzlich verschwunden. Zum Abschluss mussten wir die Personen rechts und links noch umarmen, bevor wir endlich den stickigen, heissen Saal verlassen durften.

Jasmin Schneider, 8. September 2022

Drei Jahre Mitglied von Shincheonji – eine Aussteigerin berichtet

Victoria (Name geändert) wurde mit 18 Jahren von Shincheonji angeworben, machte während drei Jahren bei Shincheonji Zürich mit und ist vor einem Monat aus der Gemeinschaft ausgestiegen. Warum trat Victoria Shincheonji bei? Was hat sie erlebt? Welchen Tricks und Manipulationsmethoden war sie ausgesetzt? Wie schaffte sie den Ausstieg? Victoria beantwortet diese und andere Fragen im Interview mit unserer Mitarbeiterin Bernadette Jacober:

Wie bist du mit Shincheonji in Kontakt gekommen?

Ich kam zu einer Zeit zu Shincheonji, in der noch alles physisch stattgefunden hat (vor Corona). Shincheonji-Mitglieder gingen dabei auf grosse, öffentliche Plätze und Bahnhöfe und sprachen junge Menschen an. Ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit am Bahnhof Oerlikon und trug eine etwas markantere Sonnenbrille. Ich wurde von einer Frau auf die Sonnenbrille angesprochen und kam ins Gespräch mit ihr. Sie erklärte mir, dass sie eine Umfrage zu ihrem Studiengang mache und fragte, ob ich ihr dabei behilflich sein könnte. Ich sagte zu und wir trafen uns eine Woche später auf einen Kaffee. Wir sprachen darüber wer ich bin, was mich geprägt hat im Leben, was für Interessen ich habe, wie bin ich aufgewachsen bin und was ich über Gott denke. Ich wurde römisch-katholisch erzogen, bin mit dem Glauben aufgewachsen und habe diesen auch ausgelebt und ging in die Kirche. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich kein festes Fundament im Leben. Ich war weder links noch rechts, hatte tausend Fragen über das Leben, Religionen und Gott. Die Frau fragte mich, ob ich gerne die Bibel lesen und verstehen lernen möchte und da sagte ich sofort zu. Mir wurde gezeigt, wie man die Bibel liest, wie man sie in den Händen hält, was sie beinhaltet usw. Bald schon wurde ich zu Einzellektionen eingeladen, in denen überprüft wurde, wie gut ich das Gesagte annehmen und verstehen konnte. Ich wurde gefragt, ob ich an einem Bibelkurs teilnehmen möchte. Dieser würde bis zu sechs Monate dauern und zwei bis dreimal pro Woche a 2.5-3 Stunden stattfinden. Der Kurs würde an einer anonymen Adresse abgehalten, wobei man nur als Gruppe und nie als Einzelperson erscheinen durfte. Als Begründung wurde angefügt, dass die Bibel-Gruppe verfolgt wird. Für diese Sicherheit war auch der Kontakt untereinander in der Bibelgruppe verboten (Handynummern austauschen usw.) Man bekam immer einen Begleiter zugeteilt, ein vermeintlicher Shincheonji-Neuzugänger, der jedoch schon lange Mitglied war. Dieser begleitete einem durch den ganzen Kurs und fragte, was man in der Bibel-Stunde gelernt hatte. Auch über Privatangelegenheiten sprach man mit dieser Person und unternahm Aktivitäten in der Freizeit. Der Begleiter nahm eine Art Seelsorger-Rolle ein.

Wusstest du zu Beginn, dass es sich um Shincheonji handelt?

Nein, zu Beginn hiess es, es sei eine normale, neutrale Bibelgruppe. Während dieses Bibelkurses gab es bestimmte Regeln, die man befolgen musste. Die Treffen fanden in einer Art Hobbyraum eines Wohnblocks statt, wobei man im Eingang die Schuhe ausziehen und die Jacke aufhängen musste. Dann betrat man einen weiteren Raum, das Klassenzimmer, in dem man beten konnte und für sich war. Der Lehrer führte einem dabei in die Bibel-Lehre ein. In einem ersten Teil nahmen wir das Alte Testament durch, danach wurde die revelation (Offenbarung) in kleinen Schritten eingeführt. Eines Tages wurde dann erklärt, dass es sich bei dieser Bibelgruppe um Shincheonji handelt und Lee Man Hee dessen Anführer ist. Es wurde ein Bild von ihm gezeigt und erklärt, dass er Gott, Jesus und den Heiligen Geist in sich vereine. Viele konnten diese Offenbarung nicht annehmen und stiegen aus, während andere weiterfuhren. Wenn man geeignet war diese Struktur und die Lehren anzunehmen, begann man den services (Gottesdienste) beizuwohnen. Man wurde immer besser eingeführt und erhielt einen maintainer (Begleiter), der schon lange bei Shincheonji dabei war und der überprüfte, wie man sich macht. Von den Mitgliedern wird verlangt, dass sie sich nur noch in Schwarz-weiss zum service erscheinen sollen. Frauen müssen die Haare zusammengebunden tragen und dürfen keinen Schmuck tragen, damit man rein vor Gott steht. Nach dem Bibel-Kurs geht es zum service über. Dieser findet an einem anderen Standort, im Haupttempel, statt. Dabei handelt es sich um einen grossen Saal mit einer Art Altar vorne. Man sitzt am Boden, Frauen und Männer sind getrennt. Eine korrekte Haltung soll vor Gott eingenommen werden. Dazu sollten Bibel und Notizbücher links von einem liegen, das Handy soll ausgeschaltet bleiben. Auch nach dem service wird wieder darüber ausgetauscht, was man davon mitnehmen konnte. Nach Abschluss des Kurses (6 Monate) ist man gemäss Shincheonji im Geiste neugeboren, sofern man nicht aussteigt. Über die Personen, die aussteigen, wird nicht gesprochen. Es wird nur gesagt, dass ihr Geist nicht stark genug war oder der negative Geist einem angefallen habe. Die geistige Neugeburt soll anzeigen, dass man durch die Aufopferung von Jesu Christi gereinigt wird und man spirituell vom Tod ins Leben übergeht (pass overhand). Vor dieser Wiedergeburt sind gemäss Shincheonji alle Geister tot und von Gott nicht anerkannt. Ins Leben findet man nur durch die Lehren von Shincheonji. Nach der spirituellen Wiedergeburt muss man einen Test von 105 Fragen beantworten, wobei man jede Frage und Antwort eins zu eins abschreiben musste. Stunden an Arbeit. Ich war damals in einer Neuanstellung, wobei das alles sehr viel Kapazität beansprucht hat. Mittwochs und sonntags zu bestimmten Uhrzeiten gab es services, die man streng einhalten musste. Bei einer Verhinderung musste man sich für seine Abwesenheit rechtfertigten, da man Gottes Bedingungen nicht erfüllt.

Worum ging es in den Tests, die du absolvieren und abschreiben musstest?

Zu Beginn wird alles über deine Person und Persönlichkeit in Erfahrung gebracht. Es wird ein Lexikoneintrag zu deiner Person verfasst. Später geht es inhaltlich um den Bibelkurs, was man gelernt hat. Die Tests waren dazu da den Inhalt zu verinnerlichen. Man He Lee als der Auserwählte schrieb Briefe an seine members (Mitglieder) um in Kontakt zu bleiben. Darin ging es darum wie sehr man sich die Worte zu Herzen nehmen sollte, da man ansonsten nur ein oberflächlicher Gläubige ist.

Hattest du Kontakt zu andern Mitgliedern abgesehen von deinem Betreuer?

Zu Beginn hatte ich keinen Kontakt zu den Mitgliedern. Später dann schon, jedoch niemals mit den Leuten, die sich im gleichen Bibelkurs befanden und spirituell gleich weit waren. Dazu wurde erklärt, dass es um den Schutz des Geistes geht und man nicht von der Meinung eines anderen beeinflusst wird. Jedes Wort konnte eine Gefahr darstellen den eigenen Geist zu irritieren.

Hast du einen finanziellen Beitrag geleistet?

Eigentlich heisst es, dass man einen Zehntel seines Lohns abgeben soll. Ich persönlich war immer wieder nicht in der finanziellen Lage, diesen Beitrag leisten zu können. Viele haben das gemacht. Es war zwar freiwillig aber wenn man ein anerkanntes Mitglied sein will, dann gibt man mindestens den Zehntel, wobei viele noch sehr viel mehr gaben. Mich persönlich hat es gestört, dass man keine Quittung dafür bekam. Während man in der Kirche Steuern zahlt, wurde das bei Shincheonji nicht quittiert.

Hast du in dieser Zeit mit deinem Umfeld, deiner Familie über Shincheonji gesprochen?

Nein, das oberste Reglement war, dass keiner etwas davon erfährt und keiner, weder ich noch andere members in Gefahr kommen, da Shincheonjij verfolgt wird. Der Austausch mit andern könnte auch dazu führen, dass der Teufel einem von Shincheonji wegführt. Das wurde später zu einem grossen Problem in meiner Familie, wobei ich oft mit meinen Gruppenführern und Betreuer darüber sprach. Ich ging jeden Tag in den Tempel um die 3 Fragen zu belegen und abzuschreiben. Mittwochs musste ich jeweils eine Stunde früher gehen. Shincheonji erklärte, dass es legitim sei, das Umfeld anzulügen, sofern es Gott/Shincheonji dient. Ich sagte meinem Chef, dass ich einen Englischkurs belege, wobei ich keine schriftliche Bestätigung dafür vorlegen konnte. Meine Familie wurde misstrauisch und fragte warum ich immer so spät nach Hause komme. Der Sonntag war immer unser Familientag. In der Zeit bei Shincheonji verliess ich sonntags spätestens um 9:00 Uhr, 9:30 Uhr das Haus und war frühstens wieder um 13:00 Uhr zu Hause. Zu Corona-Zeiten, in denen der service online stattfand, durfte ich niemanden ins Zimmer lassen. Es hiess immer, dass es schon Fälle gegeben habe, wo nicht- Shincheonji-Mitglieder die services mitangeschaut haben und diese Informationen dann missbraucht hätten. Dies war auch der Grund dafür, dass man immer die Kamera angeschaltet haben musste. Das war für mich auch immer ein Streitpunkt, da ich nicht immer bereit war, die Kamera angeschaltet zu haben. Bei Shincheonji glaubt man, dass man für Gott/für das Licht arbeitet, während das eigene Umfeld im Dunkeln ist. Durch die eigene Mitgliedschaft bei Shincheonji kann man die Familie und das Umfeld aber auch erlösen und ins Licht führen.

Worum ging es bei den services?

Zu 90% ging es um die Offenbarung. Man He Lee kam während Corona ins Gefängnis, da er sich nicht an die Sicherheitsbestimmungen hielt. Uns wurde nur gesagt, dass in Südkorea der stärkste Geist von Shincheonji sei, da Man He Lee sich dort befindet. Die bösen Geister hätten ihn dabei angefallen und dadurch sei er ins Gefängnis gekommen.

Wurde euch verboten, sich im Internet über Shincheonji zu informieren?

Ja, schon zu Beginn des Bibelkurses wurde es verboten zu googeln, da es ja alles Negativschlagzeilen sind von Leuten geschrieben wird, deren Geist im Dunkeln ist, die zum Teufel gehören und nichts wahrhaftiges erzählen können. Eine Internetrecherche hätte eine grosses Gefahrenpotenzial, dass man aus dem Shincheonji-Geflecht hinausfällt. Das war für mich auch ein Grund meines Zweifels, da ich mich fragte warum man etwas verbieten muss.

Hattest du spezifische Aufgaben bei Shincheonji? Warst du beispielsweise am missionieren?

Nach meinem passover war ich genug stabil, um selber zu missionieren. Ich konnte mich jedoch nicht damit identifizieren und fühlte mich nicht wohl dabei andere Menschen anzusprechen und vorzugeben, dass ich eine Umfrage für mein Studium mache. In einer online-Sitzung während Corona wurde dann kommuniziert, dass man neu bei Shincheonji über soziale Medien und Apps wie Bubmle friends, Tandem usw. missionieren kann. Auch ich habe eine Person angeschrieben und zu Shincheonji gebracht. Beim Anschreiben werden Fragen gestellt wie: interessiert du dich für Gott? Was beschäftigt/interessiert dich? Was sind deine Ziele? Wo hast du Fragen im Leben? Viele haben negative Meinungen bezüglich Religion und Kirche. Da bleibt man hartnäckig dran, um den Schwachpunkt kennenzulernen und die Person nach Shincheonji-Schema zu bearbeiten. Man erstellt ein Lexikon über diese Person und rapportiert alles an die Gruppenleitung, die das wiederum weiterleitet. Dann setzt man sich mit jemandem aus dem Bible study, sowie der Gruppenführung zusammen und bespricht, was man die Person beim nächsten Gespräch fragen könnte, um noch mehr zu erfahren. Dabei wird man zum Seelsorger der fruit (Frucht), des Neulings. Man wird zum tree of life (Lebensbaum), der neue Früchte austrägt (Personen, die man zu Shincheonji bringt). Denn nur durch das Einbringen von neuen Mitgliedern wird man von einem oberflächlichen Gläubigen zu einem anerkannten Shincheonji-Gläubigen. Man bearbeitet die Person so lange, bis sie bereit ist für Shincheonji. Dann wird eine Einladung verschickt, beispielsweise zu einem online-Event bei dem man über Gott und die Welt spricht. In Online-Sitzungen wird man in Kleingruppen (outbreak sessions) eingeteilt, in denen man diskutiert. In der Gruppe befinden sich viele Shincheonji-Mitglieder, die sich als Interessierte ausgeben und positiv über den Kurs und die Gruppe sprechen.

Was war neben dem Internetverbot weitere Gründe für deine Zweifel?

Irgendwann kam für mich der Punkt, an dem ich den Stress nicht mehr bewältigen konnte. Die zwei fixen Termine in der Woche, an denen man zum service erscheinen musste, stellten einen grossen Stressfaktor dar. Das Lügen und die Rechtfertigungen gegenüber dem Umfeld waren sehr anstrengend. Ich habe mit meiner Betreuungsperson oft darüber gesprochen, dass es für mich zu viel ist immer diese Tests zu belege und alle anzulügen. Es wurde immer genau nachgefragt, wie viele Leute man schon zu Shincheonji gebracht hat, wo man in der Betreuung dieser Personen steht, warum man die Kamera nicht angeschaltet hat usw. Es wurde einem immer gleich geschrieben und angerufen. Es wurden immer Rechtfertigungen für alles gefordert. Das war ein grosser Druck. Es wurde auch immer gesagt, dass man nicht in die Ferien gehen sollte, da man sich nicht vom Geist der Kirche entfernen sollte um unseren Geist nicht zu schwächen und von unseren Wünschen abgelenkt werden und dadurch die Shincheonji-Bedingungen nicht mehr einhalten können. Ich habe das drei Jahre lang eingehalten und irgendwann gemerkt, dass mir das nicht guttut. In der Schweiz zu bleiben stellte für mich kein Problem dar, aber zu wissen dass ich nicht weg darf führte dazu, dass ich mich eingeengt fühlte. Ich sah Reisen als Teil der Selbstentwicklung.

Einmal habe ich auch versucht meine beste Kollegin zu Shincheonji zu bringen, da sie sich auch mit dem Glauben auseinandersetzt. Ich sollte sie durch den Kurs begleiten, wobei ich dem auszuweichen versuchte. Mein Raushalten wurde jedoch nicht akzeptiert und man rief mich während der Arbeit an, obwohl ich viel zu tun hatte und erklärte, dass ich keine Zeit habe. Ab da hatte ich genug. Es überschritt in meinen Augen alle Grenzen, dass ich mein Umfeld anlügen und mein Leben umstrukturieren musste um die Shincheonji-Zeiten einhalten zu können. Mir wurde es auch zu viel, dass ich mich immer im gleichen Umfeld und im gleichen Tagesablauf befand. Mir ging es mental aufgrund des Druckes nicht mehr gut und ich begann zu reisen. Zwar sind die Absichten dieser Menschen eigentlich gut aber meiner Meinung nach hat es nichts mit Gott zu tun. Shincheonji erklärte, dass es diese Struktur braucht, da sonst alles zusammenfallen würde. Ich habe realisiert, dass alle Personen gleich programmiert waren: unglaublich herzlich und freundlich. Gleichzeitig musste man aber über seine Mitgliedschaft bei Shincheonji lügen, viele gaben ihren Job oder ihr Studium auf, liessen Familie und Freunde hängen und opferten sich für Shincheonji auf. Für mich stimmte das nicht überein. Ich kam zum Schluss, dass Leute, die mental nicht genug stark sind, an Shincheonji klammert und durch das richtige Verhalten Anerkennung durch die Gruppe erfahren. Shincheonji hat immer propagiert, dass das Streben nach Anerkennung etwas Schlechtes ist, da man sich damit auf die Menschen und nicht auf Gott fokussiert. Dies ist meiner Meinung nach aber gerade bei Shincheonji passiert, dass man den Strukturen der Menschen folgte, was nichts mit Gott zu tun hatte. Als ich merkte, dass dies meine mentale Gesundheit immer stärker gefährdet, ging ich immer seltener hin. Irgendwann hiess es, dass ich zu oft gefehlt habe und es so nicht weitergehen könne und ich Shincheonji sonst verlassen müsse. Mit dem gewonnen Abstand begann ich darüber nachzudenken was es nun für mich bedeutet. Was wenn alles stimmt was Shincheonji erzählt und ich durch meinen Ausstieg meine Zukunft im Paradies verbaue und wieder in der Dunkelheit lande? Bei Shincheonji erzähle man sich, dass diejenigen, die sich von Shincheonji abgewendet haben, vom Blitz getroffen und von Zügen überfahren wurden. Für mich hatte das nichts mit Gott zu tun. Eine solch radikale Lebensführung, wie sie Shincheonji verlangt, sehe ich nicht als gottgewollt. Ich kam zum Schluss, dass Shincheonji menschliche Gesundheit – mentale wie auch physische – nicht akzeptiert. Ich begann zu googlen und las auf der Relinfo-Seite über Shincheonji, schaute Videos über Aussteiger auf der ganzen Welt und bemerkte, dass deren Geschichten immer dasselbe darüber erzählen wie Shincheonji vorgeht. Das war für mich eine Bestätigung meiner Zweifel. Ich nahm Kontakt zu der Frau auf, die mich vor drei Jahren angesprochen hat und eine duty (Plicht, Aufgabe) hatte. Im Gespräch sagte ich klar, dass ich genug habe und mit Shincheonji abgeschlossen habe. Ich zeigte auf, dass sie eine radikale Sicht auf Gut und Böse haben und man mich zum Lügen und Rechtfertigen zwingt. Interessant fand ich auch, dass ich am Abend nach dem service nicht mehr beten konnte. So erfüllt von Gottes Geist konnte ich daher durch Shincheonji nicht sein. Ich war während Monaten physisch dabei aber mental an einem anderen Ort. Ich begann in den Gesprächen im Anschluss irgend etwas zu erzählen, damit man nicht mehr nachhackte.

Seit deinem Ausstieg ist gerade mal ein Monat vergangen. Wie war die Reaktion?

Meine Betreuerin war sehr überrascht. Sie versuchte mich auch nicht zu beeinflussen, da ich sehr genau sagen konnte seit wann und warum es nicht mehr für mich stimmte. Es war ein monatelanger Prozess, der in meinem Innern stattfand. Ich hatte auch ein Gespräch mit meiner kleinen Schwester, die mir erklärte, dass ich sehr oft abwesend war und sie sich nicht an mich richten konnte. Ich wurde stutzig und merkte, dass das Umfeld, die Familie, sehr wohl mitbekam, dass etwas bei mir im Gange war. Gemäss Shincheonji sollten die Geister einem beschützen, dass die Familie nicht merkt, was vor sich geht.

Meine Kollegin, die ich mit Shincheonji bekannt machte erklärte mir später, dass sie das Abbild von Lee Man Hee nicht als Anführer von Shincheonji anerkennen konnte. Auch sagte sie, dass sie auf ihre Abwesenheit bei den services angesprochen wurde und an der Beerdigung eines Familienmitglieds darüber sprechen sollte, wann sie diese nachholen sollte. Der Drang Leute zu Shincheonji zu bringen war sehr hoch, da man ansonsten als oberflächlicher Gläubiger galt. Ein Kolleg, den ich zu Shincheonji brachte hatte zu dieser Zeit bereits ein Theologiestudium absolviert und wurde in den online-Sitzungen von den anderen separiert, da er sehr spezifische Fragen stellte. Dies stellte natürlich ein grosses Risiko für den Rest der Gruppe dar, da die Gruppenleiter von Shincheonji sonst in Verlegenheit gekommen wären, wenn sie eine Frage nicht hätten beantworten können. Er stellte mir viele Fragen und mir wurde von Shincheonji gesagt, dass ich nicht berechtigt sei Antworten zu geben, wenn ich das nicht mit jemand höherem von Shincheonji abgesprochen habe. Ich stritt mich mit ihm und unsere Wege trennten sich damals. Die Betreuerin sagte nach meinen Ausführungen nicht mehr viel und wollte nur wissen was ich der Frau, die ich zu Shincheonji gebracht habe schreiben würde. Damit wollte sie überprüfen, dass ich Shincheonji nicht schlecht rede. Ich schrieb ihr jedoch nicht, sondern fuhr am nächsten Tag zu ihr, sprach mit ihr und erzählte von meinen Erfahrungen. Ich erklärte aber auch klar, dass das meine Sicht auf die Dinge sind und nicht zwingend auch für sie stimmen muss. Eine Woche später trafen wir uns wieder und ich merkte, dass diese Freundschaft nicht bestehen würde. Sie wurde im Rahmen von Shincheonji geschlossen es fehlte ihr damit am Zwischenmenschlichen. Auffallend war auch, dass ich nach einigen verpassten Sitzungen von Shincheonji-Mitgliedern, die ich kannte und denen über den Weg lief, gekonnt ignoriert wurde. Ich merkte, dass diese Freundlichkeit und Herzlichkeit vorgespielt war. Bereits als sie noch nicht wussten, dass ich nicht mehr dabei war und nur einige Sitzungen verpasst hatte, war ich für sie bereits verloren. Diese Ignoranz bestätigte mich in meiner Entscheidung, Shincheonji den Rücken zu kehren. Ich merkte, dass diese Leute die ich bei Shincheonji kennengelernt hatte, mich anders behandelten, wenn ich dabei oder in ihren Augen eben nicht mehr dabei war. Für mich ist es deshalb nicht ein grosser Verlust. Klar habe ich auch positive Erfahrungen gemacht. Heute, nach meinem Ausstieg, habe ich aber ein anderes Bild von der ganzen Zeit bei Shincheonji.

Workshop Verschwörungstheorien

In Zusammenarbeit mit Dialogue en Route bietet Relinfo neu einen Workshop zum Thema Verschwörungstheorien an:
https://enroute.ch/de/angebote/relinfo-3/detail/

Der Workshop behandelt folgende Themen:

  • Wie erkenne ich eine Verschwörungstheorie? Typische Merkmale des Konspirationsglaubens.
  • Welches sind die aktuellsten und am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien?
  • Wo finde ich zuverlässige Fakten zu den einzelnen Theorien?
  • Wie gehe ich mit Menschen um, die an Verschwörungstheorien glauben?

Aufbau: Einleitung mit Vorstellung der typischen Merkmale von Verschwörungstheorien, Gruppenarbeit zu einer ausgewählten Verschwörungstheorie und den Fakten dazu, Auswertungsrunde mit Hinweisen für den Umgang mit Verschwörungsgläubigen.

Der Workshop eignet sich für Klassen in der Sekundarschule, im Gymnasium, in der Berufsschule, für Konfgruppen und für Gruppen im Religionsunterricht.

Dauer 1.5 Stunden, Kosten: Fr. 150.-

Buchbar über die Website von Dialogue en Route:
https://enroute.ch/de/angebote/relinfo-3/deals/

Das Gefährdungspotenzial der Post-Corona-Bewegungen Urig und Graswurzle

Das Gefährdungspotenzial der Post-Corona-Bewegungen Urig und Graswurzle

Urig und Graswurzle – das sind zwei Post-Corona-Bewegungen, die sich 2021 aus der Kritik an bestehenden Corona-Massnahmen herausbildeten und nun zwei schnell wachsende weltanschauliche Gemeinschaften darstellen. Gemeinsam ist den Bewegungen, dass sie in Lokal- bzw. Ortsgruppen organisiert sind, im Rahmen derer verschiedene Aktivitäten unternommen und Ideen geteilt werden. Der Unterschied der Bewegungen besteht vor allem in ihrer Organisationsstruktur: Während Urig vollkommen dezentral ist und jede Ortsgruppe einen eigenen Verein bildet, ist Graswurzle zentral organisiert und besteht aus einem grossen Verein, dem Prisca Würgler als Geschäftsführerin vorsteht.

Aufbau einer Parallelgesellschaft

Aber worum geht es bei Graswurzle und Urig? Während die Bewegungen zu Beginn programmatisch eng an die Coronapolitik, Permakultur und Esoterik geknüpft waren, lässt sich nun eine Hinwendung zu gefährlicher Alternativmedizin, Verschwörungsmythen und eigenen Bildungssystemen erkennen.

Problemtisch sind hierbei besonders zwei Aspekte: Zum einen verlautbaren die Bewegungen offen, eine Parallelgesellschaft aufbauen zu wollen. Es gehe nicht darum, die bestehenden Verhältnisse zu ändern, sondern darum, diese durch eine neue Gesellschaft obsolet zu machen. So sagt ein «wahrer Uriger» auf der Website von Urig Erstfeld, dass durch eine autarke Lebensweise und das Schaffen neuer Strukturen und Organisationen «das alte System» nicht mehr gebraucht werde[1].

Verschwörungsmythen als fester Bestandteil

Zum anderen war die verschwörungsideologische und esoterische Szene der Schweiz bis jetzt – zwar befeuert durch die Pandemie – eher von vereinzelten Akteuren im Netz geprägt. Diese vernetzten sich untereinander, aber erschienen dennoch vermehrt als Ausreisser, deren Inhalte meist stichprobenartig von Einzelpersonen angenommen wurden. Nun bestehen jedoch zwei Bewegungen, die die Inhalte dieser Verschwörungsideologen aufgreifen und in ihre Agenda einarbeiten. Es finden sich diverse Vorträge bei Urig und Graswurzle, bei denen offen über eine «Neue Weltordnung» und den «Great Reset» gesprochen wird[2]. Diese Verschwörungserzählungen zeichnen das Bild eines auf die Menschheit zukommenden Überwachungsstaats, einer Diktatur, die das Ziel einer Gleichschaltung der Menschheit verfolgt.

Selbstverteidigung und Waffengebrauch

Die Folgen der Verbreitung dieser Erzählungen lassen sich an den Inhalten von Graswurzle und Urig erkennen: Angeboten werden sogenannte Prepper-Kurse[3], bei denen man sich auf eine apokalyptische Krisensituation vorbereiten soll. Den Mitgliedern der Gruppierungen wird geraten, sich lokal so zu vernetzen, dass im Falle eines Stromausfalls und einer globalen Überwachung eine Kommunikation untereinander noch möglich wäre. Im Ernstfall sollen die Mitglieder sich zudem auch verteidigen können – es wird empfohlen, Selbstverteidigungstrainings zu absolvieren und den Umgang mit Waffen zu erlernen[4].

Aufbau problematischer Weltanschauungsschulen

Der gemeinsame Nenner vieler Verschwörungserzählungen ist die angebliche Manipulation der Presse und des Bildungssystems zugunsten einer unbekannten Elite, die sich an den Menschen bereichere. Auch diese Erzählungen schlagen sich in den Handlungen der Bewegungen nieder. Erstens herrscht unter Mitgliedern eine offene Abneigung gegen «Mainstream-Medien», teilweise wird sogar dazu geraten, den Kontakt zu Menschen abzubrechen, die diese noch konsumieren. Zweitens lassen sich auf der Homepage von Graswurzle bereits zehn Homeschooling-Projekte erkennen und es wird offen deklariert, ein alternatives Bildungssystem zu errichten[5]. Weltanschauungsschulen sind als hochproblematisch anzusehen, besonders wenn sie Jugendliche ohne Abschluss zurücklassen, der sie für ein Leben ausserhalb einer bestimmten Weltanschauungsgemeinschaft qualifiziert. Unterstrichen wird die Haltung der Bewegungen zum Bildungssystem von dem Video auf der Website von Urig Erstfeld, in dem ein «wahrer Uriger», wie es dort heisst, die Schule als eine «Zwangsindoktrinierungsanstalt» bezeichnet.

Gefährliche Alternativmedizin

Drittens werden in den Bewegungen, befeuert durch Verschwörungserzählungen, gefährliche Gesundheitstipps verbreitet, wie beispielsweise die Empfehlung, man solle Chlordioxid oder Wasserstoffperoxid einnehmen[6]. Darüber hinaus ist bei Graswurzle ein Vertreter der «Neuen Germanischen Medizin» eingeladen, der unter anderem dazu rät, Krebserkrankungen unbehandelt zu lassen[7]. Auf der Website von Graswurzle findet sich eigens ein Header mit dem Namen «Gesundheitswesen», unter dem diverse alternativmedizinische und alternativtherapeutische Angebote aufgeführt werden. Beim näheren Hinsehen lassen sich auch hier Bezüge zur «Neuen Germanischen Medizin» feststellen.

Rasante Verbreitung und ein potenziell grosses Publikum

Warum besitzt diese Entwicklung jedoch ein so hohes Gefährdungspotenzial?

Eine Erklärung kann unter anderem in der rasanten Ausbreitung der Bewegungen gefunden werden. Noch nie haben sich in der Schweiz weltanschauliche Gruppierungen, geschweige denn zwei auf einmal, so schnell verbreitet wie Graswurzle und Urig. Die beiden Bewegungen, die erst vor rund einem Jahr ins Leben gerufen wurden, besitzen zusammen bereits über 140 Lokal- bzw. Ortsgruppen in der ganzen Schweiz. Kein Wunder: Urig und Graswurzle sprechen ein potenziell grosses Publikum an. Neben den geschätzt 400.000 Personen in der Schweiz, die ein esoterisches Weltbild besitzen, werden auch die ungefähr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung angesprochen, die Verschwörungserzählungen vertreten[8]. Darüber hinaus können ökologisch Interessierte und Kritikerinnen und Kritiker der Pandemiepolitik als potenzielle Mitglieder verstanden werden.

Unabsehbare Konsequenzen

Nun erklären diese Bewegungen ganz offen, dass sie eine Parallelgesellschaft mit eigenen Schulen und eigenem Medizinalsystem errichten wollen. Sie wollen autark leben und sich aus den bestehenden Verhältnissen so gut wie möglich rausziehen. Die potenziellen Konsequenzen der Entstehung einer Gesellschaft mit mehreren zehntausend Mitgliedern, die Schulmedizin ablehnt und an diverse Verschwörungserzählungen glaubt, sind angsteinflössend. Auch die möglichen politischen Folgen einer solchen Entwicklung sind nicht zu unterschätzen: In den Kreisen von Graswurzle und Urig sind immer wieder Staatsverweigerer aktiv[9], die von der Teilnahme an Wahlen und von der Anerkennung von Polizei und Justiz abraten.

Hausbackene Elite

Was die Einschätzung der Bewegungen im Auge der Öffentlichkeit schwierig macht, ist das Spannungsfeld zwischen harmlosen Aktivitäten und hochproblematischen Inhalten, in dem sich Urig und Graswurzle befinden. Auf der einen Seite treffen sich die Mitglieder zum Stricken, Backen und Musizieren und auf der anderen Seite machen sie Stimmung gegen Medien, Regierungen und eine geheime Elite. Bei Veranstaltungen der Bewegung wird deutlich: Es herrscht ein Gefühl von «Wir gegen die Anderen», das sich oft in einem Erhabenheitsgefühl ausdrückt. Getreu dem Motto vieler Verschwörungsideologen, die hätten die Wahrheit erkannt und seien deshalb als elitär anzusehen.

Ein Appell

Wer sich für Graswurzle und Urig interessiert, sollte wissen, dass die harmlosen Aktivitäten nur einen Teil der Bewegungen ausmachen. Es muss mit Verschwörungserzählungen und gefährlicher Alternativmedizin gerechnet werden. Angehörigen wird geraten, mit Mitgliedern der Bewegungen in Kontakt zu bleiben, damit sie den Anschluss an die Aussenwelt nicht verlieren. Insgesamt müssen die beiden Post-Corona-Bewegungen ernstgenommen und ihre weitere Entwicklung beobachtet werden.

Julia Sulzmann

Quellen

[1] Frida. (2022). Es hat einen Namen: URIG. https://urig-erstfeld.com/2022/05/05/es-hat-einen-namen-urig/. Abgerufen am 20.07.2022

[2] Oesch, C. (2022). https://www.youtube.com/watch?v=mVkPMTMMasc

[3] https://www.urig-winterthur.ch/wp-content/uploads/2022/06/Flyer_Prepper-Worshop.pdf

[4] Oesch, C. (2022). https://www.youtube.com/watch?v=SwtuM670RdM

[5] https://graswurzle.ch/

[6] Oesch, C. (2022). https://www.youtube.com/watch?v=SwtuM670RdM

[7] http://www.relinfo.ch/2022/06/27/graswurzle-schafft-raum-fuer-gefaehrliche-alternativmedizin-felix-opprecht-und-die-germanische-neue-medizin/

[8] Roose, J. (2020). Sie sind überall. Eine repräsentative Umfrage zu Verschwörungstheorien. Forum empirische Sozialforschung. Berlin: Konrad Adenauer Stiftung.

[9] https://t.me/PERSON_wird_mensch/1369

Weitere Informationen

Lexikoneintrag Graswurzle

Lexikoneintrag Urig Vereine

Post-Corona-Bewegungen Urig und Graswurzle

Ende gut, alles gut?

Am 1. April dieses Jahres hat der Bundesrat die besondere Lage sowie die im Rahmen der Verordnung getroffenen Corona-Massnahmen bundesweit aufgehoben – letztere liegen nun wieder in der Hauptverantwortung der einzelnen Kantone. Damit wagt die Schweiz die Rückkehr in die normale Lage, auch wenn Bund und Kantone mit der geplanten Übergangsphase bis zum Frühling 2023 besonders wachsam bleiben[1].

So homogen und harmonisch dies klingen mag, hat sich dieser Schritt in Realität jedoch nicht vollzogen. Auch wenn die (verpflichtenden) Sicherheitsvorkehrungen weggefallen sind, sehen sich gewisse Personen bis heute von der Coronapolitik benachteiligt oder glauben gar, dahinter tiefgreifende gesellschaftliche Problemlagen erkannt zu haben. Basierend auf diesem Gedankengut sind in den letzten zwei Jahren verschiedene Zusammenschlüsse ins Leben gerufen worden, darunter die beiden Post-Corona-Bewegungen Urig und Graswurzle.

Die Urig-Bewegung

Der Name Urig ist zweierlei inspiriert: Einerseits benennt sich die Bewegung nach dem Kanton Uri, wo im Jahr 2021 die erste Ortsgruppe in Altdorf gegründet wurde. Andererseits bezieht sich Urig auf das gleichlautende Adjektiv «urig», mit welchem «urwüchsige» oder «urtümliche» Eigenschaften beschrieben werden. Von wem die Altdorfer Gruppe etabliert wurde, ist nicht bekannt – ganz allgemein ist die Bewegung sehr diskret, auf den Homepages der Lokalgruppen werden keine Namen oder sonstigen Personalien bekannt gegeben.

Genau genommen ist es falsch, von Urig als einer homogenen Gemeinschaft zu sprechen – zumindest von einem organisatorischen Blickwinkel aus betrachtet. Denn die Bewegung gestaltet sich in Form eines schweizweiten Netzwerkes, welches aus einzelnen Ortsgruppen[2] in mehreren Kantonen besteht. Eigenen Angaben zufolge gibt es mittlerweile 51 Lokalgruppen in folgenden 16 Schweizer Kantonen: Uri, Luzern, Zürich, Schwyz, Bern, Thurgau, St. Gallen, Freiburg, Solothurn, Ob- und Nidwalden, Glarus, Appenzell, Schaffhausen, Baselland und Aargau. Weitere Gruppen befinden sich in der Gründungsphase, werden aufgrund dessen aber noch nicht in der offiziellen Liste[3] aufgeführt. Die einzelnen Mitglieder tauschen sich via Telegram aus, der Kanal ist für Aussenstehende jedoch nicht zugänglich.

Die grosse Anzahl erklärt sich durch den Umstand, dass es nach dem Besuch einer Informationsveranstaltung sowie nach dem Durchlaufen einer zweiteiligen Schulung jemensch möglich ist, eine neue Urig-Ortsgruppe auf die Beine zu stellen[4]. Über die Themen der Schulung und deren allgemeine Gestaltung wird man jedoch erst nach einer Anmeldung bzw. bei einer Mitgliedschaft informiert.

Die von Urig vertretenen Werte und Ambitionen stehen auf den jeweiligen Lokalgruppen-Homepages in etwa überall gleich geschrieben: So wird der regelmässige Austausch unter den Mitgliedern und das Organisieren von Veranstaltungen zu Themen der Alternativmedizin und Esoterik als gemeinsames Ziel formuliert – letzteres mit Schwerpunkt auf dem Anbau und Verzehr von natürlichen Lebensmitteln und einer möglichst naturverbundenen, gesunden Lebensweise. Auf der Internetseite der «Muttergruppe» Urig Altdorf[5] kann man dazu folgende Selbstdarstellung lesen:

Urig ist primär eine Philosophie der Gemeinsamkeit von einzelnen, subsidiären Vereinen. Kein Verein ist dem anderen Rechenschaft schuldig. Jede Ortsgruppe ist souverän, konfessionell und politisch neutral.

Urig setzt auf nachhaltige Kreisläufe in der Landwirtschaft wie der Permakultur u.v.m.. Die Menschen dürfen bei uns lernen, wieder eigene Gärten anzulegen. Das Ziel ist, den ökonomischen und ökologischen Kreislauf möglichst klein und lokal zu halten. Wir unterstützen die Gewerbe aus der Region und bilden Gemeinschaften mit Bauern für die regionale Versorgung und die gegenseitige Unterstützung.

Urig bietet mit seinen dezentralen Ortsgruppen, komplementär zu den Gemeinden, viele lehrreiche und unterhaltsame Themen und Anlässe an. […] In den einzelnen Vereinen kann man neue Freunde kennenlernen und das Zusammenleben zwischen Alt und Jung wird unterstütz. Verschiedene Meinungen und Ideen werden im Urig wahrgenommen, wertgeschätzt und gefördert. […]

Urig animiert den Horizont zu erweitern und zeigt neue Wege in schwierigen Zeiten.

Des Weiteren wird in den meisten Ortsgruppen «gewichtelt»[6]: Im Sinne des von Urig vertretenen «Miteinander und Füreinander», bieten sich die Mitglieder gegenseitige Hilfe beim Einkaufen, bei der Gartenpflege, beim Hüten von Kindern und Tieren u.Ä. an – je nachdem, wer welche Interessen und Kompetenzen hat.

Was von der Bewegung ebenfalls stark gewichtet wird, ist das Recht auf Autonomie gegenüber dem gesellschaftlichen und medialen Mainstream.

Das Symbol der Vereine besteht aus einem Kreis, in dessen Rand die Worte «Urig» und «Ortsgruppe XY» eingetragen sind. Der innere Kreis ist halbiert, wobei in der oberen Hälfte das Schweizer Kreuz, in der unteren Hälfte links das jeweilige Wappen des Standortkantons und auf der rechten Seite dasjenige der Standortgemeinde gezeigt wird. Zur Veranschaulichung hier das Kennzeichen der Lokalgruppe Urig Glarus:

[7]

Es gibt Hinweise[8] darauf, dass im Rahmen von Aktivitäten und Veranstaltungen verschiedener Urig-Gruppen verschwörungsideologische Ansichten geteilt wurden und noch immer werden. Auch scheinen sich interne Strömungen auszubilden, die Lehren um baldige apokalyptische Ereignisse mit der Vorstellung verbinden, der eigene Urig-Verein sei eine Art Elite für kommende, bessere Zeiten. Dabei bleibt jedoch die Frage offen, inwieweit diese beiden Punkte auf die Bewegung im Gesamten zutreffen.

Die Graswurzle-Bewegung                     

Genau wie bei Urig, handelt es sich bei Graswurzle um eine esoterisch-ökologisch geprägte Post-Corona-Bewegung, die im Juni 2021 von Prisca Würgler und Christoph Pfluger gegründet wurde. Ihr Name leitet sich vom amerikanischen Begriff «grassroot movement» (dt.: Graswurzelbewegung) ab, welcher für eine von Privatpersonen geführte Kampagne sowie von Bürger:innen ergriffene politische oder gesellschaftliche Initiativen steht[10].

Im Rahmen der Coronapandemie hat sich Würgler besonders in der Anti-Massnahmen-Szene einen Namen gemacht. Vor der Gründung von Graswurzle war sie Primarlehrerin in Emmetten (Kanton Nidwalden), verlor die Stelle jedoch aufgrund ihrer Beteiligung an einer Altdorfer Kundgebung gegen die Maskenpflicht im Herbst 2020[11].

Obwohl auch Graswurzle zahlreiche, über die ganze Schweiz verteilte Lokalgruppen umfasst, können, im Gegensatz zu Urig, fundiertere Aussagen über die Bewegung im Gesamten gemacht werden. Denn ihre Selbstdarstellung besteht nicht aus einem Beschreibungs-Puzzle einzelner Gruppen-Homepages, sondern wird auf einer offiziellen Hauptseite zusammengefasst. Darauf zu finden ist eine Darstellung mit dem Titel «Die wichtigsten Werte von Graswurzle», welche folgende acht Erläuterungen umfasst:

Wir erfreuen uns an der Vielfalt des Lebens.

Wir tauschen unser Wissen und Können in der Gemeinschaft aus und lernen voneinander.

Ich bringe mich mit meinem Potential ein, um Veränderung zu bewirken.

Ich handle eigenverantwortlich und selbstbestimmt.

Wir vertrauen uns selbst, anderen und der Natur.

Wir fördern unsere Entwicklung und Entfaltung in der Gemeinschaft durch gemeinsames Tun.

Wir begegnen einander respektvoll und wertschätzend.

Wir vernetzen uns lokal und thematisch[12].

Das übergeordnete Ziel der Graswurzle-Bewegung ist es also, nicht einfach beim ursprünglichen Protest gegen die Coronapolitik stehenzubleiben, sondern mit dem Aufbau neuer gesellschaftlicher Strukturen einen Schritt weiterzugehen und so eine «Alternative zum bestehenden System»[13] bieten zu können:

Wer seine Energie in den Aufbau einer Welt steckt, wie er sie sich wünscht, verlässt den Widerstand. Nein sagen alleine genügt nicht. Nicht mitmachen ist der erste Schritt, der zweite geht in die Richtung, wohin du wachsen willst! Auch Pflanzen suchen ihren Weg immer ans Licht!

Fliessen Engagement und Energie in den Aufbau von Gemeinschaften, die im Kleinen leben, was wir uns im Grossen wünschen, dann gibt dies unserem Wunsch den nötigen Dünger.

[…] Alleine ist wenig zu verändern, aber im Zusammenschluss mit anderen kann jeder etwas bewirken. Durch Entfaltung des Individuums wächst der Gemeinsinn. Es entstehen Projekte der Kooperation. […][14]

Das kooperative Handeln der Bewegung spiegelt sich auch in ihrer Organisationsweise wider: Nebst den Lokalgruppen, die man in dieser Form auch bei Urig findet, bietet Graswurzle sogenannte Themengruppen in den Bereichen Freizeit/Sport, Gesundheitswesen, Jugend, Kunst und Kultur, Senioren und Familien sowie Schulen an[15]. Dabei wird der Austausch unter den Gruppen stark gefördert, beispielsweise im Rahmen von Veranstaltungen wie dem «ersten Strategietreffen der Lokalgruppenleiter»[16], an welchem rund 70 hauptverantwortliche Personen teilgenommen hatten. Die einzelnen Mitglieder können via eigenem «GraswurzleNETz»[17] miteinander kommunizieren (für Externe ist das Netz nicht zugänglich).

Des Weiteren arbeitet die Bewegung mit dem Onlinesender «Transition TV» zusammen, welcher sich ergänzend «zu der einseitigen und tendenziösen Berichterstattung, wie sie derzeit in den Hauptmedien zu finden ist»[18] positioniert. In dem Sinne berichtet der Sender auch «über Fakten, die in den Hauptmedien keinen Platz finden, punktuell und als Ergänzung»[19] – Fakten, die zu einem grossen Teil verschwörungsideologische Inhalte umfassen. In verschiedenen Videos ist Prisca Würgler zu sehen, wie sie über aktuelle Graswurzle-Veranstaltungen, -Entwicklungen und -Themen spricht.

Ganz allgemein scheint Würgler innerhalb der Bewegung zu einer Art Idol geworden zu sein – der wohl grösste Unterschied zur sich diskret haltenden Urig-Bewegung, deren Gründer:innen unbekannt bleiben. Sie setzt sich klar als Gesicht von Graswurzle in Szene, übernimmt Medienauftritte und ist bei wichtigen Lokalgruppen-Events[20] mit dabei.

Ähnliche Visionen und doch getrennte Wege

In Zukunft wird die Frage interessant bleiben, ob und inwiefern ein Austausch oder gar eine Zusammenarbeit zwischen Urig und Graswurzle besteht. Es scheint verwunderlich, dass sich die beiden Post-Corona-Bewegungen trotz anscheinend gleichen Wert- und Zielvorstellungen nicht zusammenschliessen und sogar an den gleichen Standorten eigene, separate Lokalgruppen errichten. Denkbar ist, dass (zu) bedeutsame Differenzen vorherrschen, wobei diese nicht zwingend den Bereich der Weltanschauung betreffen müssen. Sie könnten auch politischer oder sozialer Natur sein, die Art der Aktivitäten oder den Grad der Involviertheit betreffen. Auch liegt die Vermutung nahe, dass die eine Bewegung Strukturen aufweist, welche den Mitgliedern der anderen Gemeinschaft nicht behagen.

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass zwischen den beiden Bewegungen Kontakt besteht – zumindest scheint es zwischen den Hauptverantwortlichen ein reges Hin und Her zu geben. In welchem Ausmass dieser Austausch vonstattengeht, kann zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Asia Petrino, Text verfasst im Mai 2022


[1] Vgl. BAG: Coronavirus: Rückkehr in die normale Lage und Planung der Übergangsphase bis Frühling 2023, online: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/medienmitteilungen.msg-id-87801.html, [23.05.2022]

[2] Die beiden Begriffe «Ortsgruppe» und «Lokalgruppe» werden in diesem Artikel synonym verwendet.

[3] Vgl. Urig Muotathal. Miteinander und Füreinander, online: https://www.urig-muotathal.ch/ortsgruppen, [23.05.2022]

[4] Vgl. Urig Altdorf: Schulung für Ortsgruppen-Gründung, online: https://www.urig-altdorf.ch/kalender/, [23.05.2022]

[5] Vgl. Urig Altdorf: Über uns, online: https://www.urig-altdorf.ch/ueber-uns/, [24.05.2022]

[6] Vgl. Urig Hirzel: Uriger Wichtel, online: https://www.urig-hirzel.ch/uber-uns.html, [24.05.2022]

[7] Vgl. Urig Glarus. Miteinander Füreinander Gemeinsam, online: https://urig-glarus.com/, [24.05.2022]

[8] Siehe dazu u.a. den Abschnitt «Von geheimen Mächten zur Heilung durch die `Powertube`» in Relinfo: «Verdeckter Besuch bei der Ortsgruppe Urig Ruswil – Hochfrequenztherapie mit Martin Frischknecht», online: https://www.relinfo.ch/2022/02/28/verdeckter-besuch-bei-der-ortsgruppe-urig-ruswil-hochfrequenztherapie-mit-martin-frischknecht/, [24.05.2022]

[9] Das Symbol der Graswurzle-Bewegung. Vgl. Graswurzle, online: https://graswurzle.ch/, [24.05.2022]

[10] Vgl. Energieinstitut Vorarlberg (2015): Graswurzel-Bewegungen: so kann gesellschaftlicher Wandel gedeihen, online: https://www.energieinstitut.at/graswurzel-bewegungen-so-kann-gesellschaftlicher-wandel-gedeihen/, [24.05.2022]

[11] Epp, Carmen (2022): Maskengegnerin Prisca Würgler gründet Verlag mit Sitz im Kanton Uri. Luzerner Zeitung, online: https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/uri/altdorf-maskengegnerin-prisca-wuergler-gruendet-verlag-mit-sitz-im-kanton-uri-ld.2267486, [24.05.2022]

[12] Vgl. Graswurzle: Die wichtigsten Werte von Graswurzle, online: https://graswurzle.ch/, [28.05.2022]

[13] Vgl. Graswurzle, online: https://graswurzle.ch/, [25.05.2022]

[14] Ebd.

[15] Vgl. Graswurzle: Themengruppen, online: https://graswurzle.ch/themengruppen/freizeit-sport/, [25.05.2022]

[16] Vgl. Graswurzle: Begegnung von Mensch zu Mensch, online: https://graswurzle.ch/begegnung-von-mensch-zu-mensch/, [25.05.2022]

[17] Vgl. Graswurzle: Für Vereinsmitglieder, online: https://graswurzle.ch/intern/, [25.05.2022]

[18] Vgl. Transition TV. Wir gehen weiter: Über uns, online: https://transition-tv.ch/ueber-uns/, [25.05.2022]

[19] Ebd.

[20] Transition TV. Wir gehen weiter: Eine Graswurzle-Lokalgruppe bezieht eigene Räumlichkeiten – Prisca Würgler war bei der Einweihungsfeier mit dabei!, online: https://t.me/Graswurzle/28, [25.05.2022]

Probleme mit Vorfahren und Weltuntergangsdaten – Ein Gespräch mit Gerlinde Dombrowski von der SSRF

Kennenlernen mit technischen Schwierigkeiten

Am Sonntag, 05. Juni, sass ich gespannt und ausgerüstet mit Notizbuch und Stift vor meinem Laptop. Im Rahmen von Recherchen zur Spiritual Science Research Foundation, kurz SSRF, war ich auf die regelmässig stattfindende Online-Veranstaltung «Willkommen bei der SSRF – Spirituelles Kennenlerntreffen» gestossen, für welche ich mich dann auch gleich angemeldet habe. Gesagten Sonntagabend starrte ich also auf den sich endlos drehenden Ladekreis auf Google Meet, wo das Kennenlerntreffen stattfinden sollte. Doch trotz vermehrten Beitrittsanfragen wurde ich nicht in das Meeting hineingelassen – die Vermutung liegt nahe, dass die SSRF gerade mir als Relinfo-Mitarbeiterin keine Einsicht in die Gemeinschaft gewähren wollte. Bestätigen kann ich das jedoch nicht, es bleibt beim spekulativen Gedanken.

Nach mehr als einer halben Stunde Warten schrieb ich Frau Dombrowski eine Mail, in der ich ihr mein Problem schilderte. Sie schrieb mir am nächsten Tag zurück und erklärte, man habe technische Schwierigkeiten gehabt, welche das Meeting verunmöglicht haben. Als Entschädigung bot sie mir ein Online-Kennenlernen unter vier Augen an, für welches wir den 13. Juni fixierten.

Die Spiritual Science Research Foundation (SSRF)

Bevor ich vom Gespräch berichte, ein paar grundlegende Informationen zur SSRF:

Gegründet wurde sie vom indischen Hypnotherapeut Jayant Bhalaji Athavale, der 1942 im indischen Bundesstaat Maharasthra geboren wurde. Nachdem Athavale einen Bachelor in Medizin und Chirurgie (MBBS) absolviert und fünf Jahre lang in Spitälern in Mumbai gearbeitet hat, machte er von 1971 bis 1978 eine Zweitausbildung in klassischer Hypnotherapie in Grossbritannien.[1]

Während dieser Zeit fiel ihm auf, dass

[Er] In Seiner medizinischen Arbeit […] eine hervorragende Heilungsrate von 70 Prozent [erreichte], die restlichen 30 Prozent jedoch konnten nicht vollständig gesund werden. Nach einer Weile beobachtet Er, dass einige Seiner Patienten, mit denen Er kaum Erfolg hatte, nach der Anwendung von spirituellen Heilmethoden, wie z.B. dem Besuch heiliger Stätten, dem Aufenthalt in Gesellschaft spirituell hochentwickelter Menschen (Heiliger) oder dem Ausführen bestimmter religiöser Rituale, genesen konnten.[2]

Aufgrund dieser Beobachtung suchte Athavale zwischen 1983 und 1987 verschiedene spirituelle Meister in Indien auf, unter anderem Bhaktaraj Maharaj in Indore und Madhya Pradesh, der in der Tradition des Sai Baba von Shirdi stand. Von Ersterem wurde der SSRF-Gründer dann 1987 initiiert und in der Folge zur weltweiten Verbreitung seiner spirituellen Lehre beauftragt.[3]

Im Jahr 1990 gründete Athavale die Organisation «Sanatan Bharatiya Sanskruti Sanstha» (dt.: «Ewige indische geweihte Ordnung»), deren Name neun Jahre später zu «Sanatan Sanstha» verkürzt wurde. Die ultranationalistische Hinduvereinigung stand in Indien bereits mehrfach im Visier von Antiterror-Ermittler*innen. So vermutet man unter anderem, dass Mitglieder von Sanatan Sanstha 2008 an zwei Bombenanschlägen auf Filmtheater in der Provinz Goa beteiligt waren, weil sie die dort gezeigten Filme als «blasphemisch» empfunden haben.[4] International tritt die Gemeinschaft unter dem Namen «Spiritual Science Research Foundation» auf.[5]

Des Weiteren gilt die Gemeinschaft als hindu-fundamentalistische Organisation, die eine vom Hinduismus geprägte Gesellschaft anstrebt und traditionelle Riten und Bräuche nichtindischer Kulturen als spirituell unrein oder gar schädlich ansieht – eine systematische Abwertung anderer Kulturen.[6] Bspw. werden im SSRF-Artikel «Wie sollten wir grüssen?» verschiedenen Begrüssungsformen nach ihrer spirituell positiven bzw. negativen Wirkung (ab)gewertet:

Durch spirituelle Forschung erkannten wir aber, dass verschiedene Grussformen unterschiedliche spirituelle Wirkungen haben, die sich im täglichen Leben und auf unserem spirituellen Weg nützlich oder schädlich erweisen können, weil feinstoffliche Energien bei jedem Gruss ausgetauscht werden.[7]

Aufgezählt werden das Händeschütteln, die Verbeugung als japanischer Gruss, das Umarmen, der «Begrüssungskuss» sowie der «Namaskar»-Gruss (die etwas formellere Ansprache des bekannten «Namasté»). Ergebnis der eigens durchgeführten Forschung: Die aus dem indischen Sanskrit stammende «Namaskar»-Grussformel ist «spirituell am reinsten», alle anderen untersuchten Begrüssungsformen würden sich «spirituell nachteilig auswirken». Aufgrund Letzterem rät die SSRF, vor und während des Grüssens zu beten und chanten, da diese beiden Praktiken vor dem «Austausch negativer Energie» schützen sollen.

An dieser Stelle wichtig zu erwähnen: Die genannten Kontroversen hat Gerlinde in unserem Gespräch nicht erwähnt. Im Gegenteil, habe ich die Unterhaltung in die entsprechenden Richtungen lenken wollen, ist sie mir entweder ausgewichen, oder hat auffallend stark «verschönerte» bis falsche Aussagen getätigt, welche im Gegensatz zu den Erläuterungen auf der SSRF-Homepage stehen – Beobachtungen, die die Vermutung untermauern, dass ich als Relinfo-Mitarbeiterin bei der Anmeldung aufgeflogen bin.

Ihr neohinduistisches Weltbild weist stark ausgeprägte endzeitliche und utopische Züge auf, welche unter anderem durch die Überzeugung zum Ausdruck kommen, dass das gegenwärtige «Kali Yuga»-Zeitalter unmittelbar vor einem neuen, besseren «Zyklus» steht, das durch apokalyptische Ereignisse eingeleitet werden wird.[8]

Ebenfalls im Mittelpunkt steht die zu den modernen Naturwissenschaften stehende spirituelle Forschung, die sich esoterischer Methoden wie Pendeln und intuitiver Schau bedient, und zu deren Zweck Athavale die «Maharshi Universität der Spiritualität» in Goa gegründet hat.[9] Wie ich später im Gespräch erfuhr, ist das «die einzige Institution der SSRF, an der spirituelle Forschung betrieben wird, da man dort über alle nötigen Geräte verfügt». Zusammen mit den empfohlenen spirituellen Praktiken soll die Forschung zur Erreichung des übergeordneten Organisationsziels führen, welches von der SSRF wie folgt beschrieben wird:

Das Ziel der SSRF ist, die Gesellschaft und die gesamte Menschheit über die spirituelle Dimension und deren Einfluss auf unser tägliches Leben aufzuklären. Wir führen Forschungen über die spirituelle Dimension durch, veröffentlichen dieses Wissen, um damit den Menschen zu helfen, sie zu verstehen, wir empfehlen jenen, welche wissbegierig sind, dieses Wissen selbst zu erfahren, und begleiten alle, welche ein starkes Verlangen nach spirituellem Wachstum und nach Gottes-Realisierung haben, auf dem Weg zum Erreichen ihres Ziels.[10]

Kurz: Die SSRF erklärt alles aus der Perspektive einer «spirituellen Dimension», seien das Suchterkrankungen, Ekzeme, Unfruchtbarkeit, das Corona Virus oder Probleme in der Beziehung.[11] Da hinter solchen Dingen unter anderem spirituelle Ursachen vermutet werden, dient die «sechste Dimension» mit ihren inbegriffenen spirituellen Praktiken auch gleich als Lösungsansatz.

Das Kennenlern-Gespräch

Mit ebendiesem Organisationsziel im Hinterkopf klickte ich am 13. Juni um 14.00 Uhr auf den Google Meet-Link, den mir Gerlinde im Vorhinein per Mail zugeschickt hatte.

Nachdem sie ein Gebet gesprochen hatte, in welchem sie Gott dafür dankte, dass wir zu diesem Treffen zusammengefunden haben und über Spiritualität lernen dürfen, stellten wir uns gegenseitig kurz vor: Gerlinde kommt aus Wien und betreibt bereits seit über 10 Jahren spirituelle Praxis unter der Leitung der SSRF. Seither konnte sie «viele spirituelle Erfahrungen machen und sich in diesem Punkt weiterentwickeln», wodurch es zu «grosse Veränderungen» in ihrem Leben gekommen ist. Als Teil der spirituellen Praxis organisiert sie unter anderem die Kennenlern-Treffen und führt Livestreams auf YouTube durch. Ich erzählte ihr, dass ich Studentin sei und – zum Zwecke möglichst authentischer Antworten seitens meiner Gesprächspartnerin – mich nebst dem Interesse an der Wissenschaft für die Spiritualität begeistere. Da die Spiritual Science Research Foundation diese beiden Aspekte miteinander vereint, sei ich auf die Gemeinschaft aufmerksam geworden.

Ärgersuchende Vorfahr*innen

Im Zuge dessen fragte ich Gerlinde nach einem Artikel der SSRF, in welchem geschrieben wird, dass

[…] viele Probleme wie Dermatitis (Ekzem) ihre Ursache in der spirituellen Dimension haben und daher nur mit spirituellen Heilmitteln völlig geheilt werden können.[12]

Daraufhin erklärte sie mir, dass «bei Hautproblemen sowie anderen Schwierigkeiten sehr häufig spirituelle Ursachen wie z.B. Vorfahrenprobleme die Ursache sind, besonders dann, wenn mit der herkömmlichen Medizin keine Besserung erreicht werden konnte».

Die «Vorfahrenprobleme» haben mit der Loslösung des «feinstofflichen Körpers» zu tun, welcher nach dem Tod einer Person in das «Jenseits» übergeht, um von dort aus wiedergeboren zu werden. Hingegen bleibt der physische Körper auf der Erde zurück und zerfällt. Diese Überführung kann jedoch nur funktionieren, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten genug «spirituelle Energie» gesammelt hat, d.h. spirituell praktizierend gewesen ist. War dies nicht der Fall, ist sein/ihr «feinstofflicher Körper» auf der Erde gefangen. Des Weiteren kann es zu Komplikationen kommen, wenn der/die Verstorbene «Verhaftungen an die Nachfahr*innen oder einen bestimmten Ort», zu viel negatives Karma, eine letzte Aufgabe zu verrichten, junge Kinder hat oder aber zum Todeszeitpunkt selbst noch sehr jung war und deshalb «auf der weltlichen Ebene feststeckt bzw. an ihr festhält, obwohl er/sie eigentlich nicht mehr dorthin gehört». Da wir Lebende die Verstorbenen weder sehen noch hören können, machen die Vorfahr*innen auf sich und ihre Schwierigkeit aufmerksam, indem sie bei den Nachfahr*innen Probleme kreieren, bspw. in Form eines Ekzems. Erkennen Letztere ihr Leiden als ein ebensolcher Hilfeschrei, können sie spirituelle Praktiken ausführen und dem verstorbenen Menschen damit genug «spirituelle Energie» zuschicken, um den «feinstofflichen Körper» ins Jenseits aufsteigen zu lassen.

Selten kommt es auch vor, dass die Vorfahr*innen «lediglich» aus bösem Willen Probleme verursachen, ohne, dass sie dadurch auf die eigene Notlage hinweisen wollen. «Aber die meisten haben tatsächlich ein Problem und suchen deswegen Hilfe».

Diese «Vorfahrenprobleme», so Gerlinde weiter, können bis zu sieben Generationen zurückreichen. Es ist also wahrscheinlich, dass die allermeisten Menschen ein oder mehrere solcher Probleme haben, «beim einen ein bisschen mehr und beim anderen ein bisschen weniger stark ausgeprägt». Dabei lösen die Verstorbenen meist dieselben physischen und psychischen Probleme aus, mit denen sie selbst zu Lebzeiten zu kämpfen hatten, bspw. «Kinderlosigkeit, schwierige Schwangerschaften oder Formen von Sucht». Letzteres sei besonders hartnäckig, «weil der/die Verstorbene ein Bedürfnis hat, das er/sie selbst nicht mehr stillen kann». Er/Sie sucht sich dann ein/e Nachfahr*in «mit einem ähnlichen Interesse» aus, verstärkt dieses und hindert die betroffene Person an der Suchtbefreiung. Dies sei auch der Grund dafür, weshalb die Rückfallquote bei Suchterkrankungen so hoch ist – «die meisten Menschen beziehen den spirituellen Aspekt nicht in die Therapie mit ein», oder wenden nicht die richtigen Methoden an. Denn auch hier schimmert die eigene Besserstellung durch: Mit dem von der SSRF empfohlenem «Behandlungsprogramm in 3 Schritten zur Überwindung von Sucht» kann man sichergehen, dass ein Rückfall ausgeschlossen ist.[13]Schulmedizinische und psychologische Therapien werden zwar nicht explizit verboten, sie würden aber nicht gleichgut schützen.

Als Lösung für «Vorfahrenprobleme» sowie als präventive Massnahme empfiehlt die SSRF das Chanten des «Shri Gurudev Datta». Dieser «Schutz-Chant»[14] sollte «jeden Tag gechantet werden, wobei man sich langsam steigern kann – am Anfang 15 Minuten, dann bis zu zwei Stunden am Tag».

Der «achtfache Pfad» und die «Beseitigung von Persönlichkeitsfehlern (BPF)»

Auf die Frage, welchen Nutzen die SSRF-Lehren sonst noch mit sich bringen, macht mich Gerlinde auf den sogenannten achtfachen Pfad aufmerksam. Dieser beinhaltet «verschiedene Aspekte der spirituellen Praxis», deren Befolgung von der Gemeinschaft empfohlen wird. Dazu gehören: das Verrichten von Tischgebeten, das Chanten, die Erweckung spiritueller Emotionen, das eigene Ego, die «Satsang» (spirituelle Zusammenkünfte oder Treffen), «Tyag» (Opfergabe), «Satseva» (das aktive und bewusste Dienen der Wahrheit (Gott)) und der BPF-Prozess (Beseitigung von Persönlichkeitsfehlern).[15]

Letztgenannter Punkt meint das Arbeiten an «persönlichen Fehlern, denn die sind es, die einem von Gott oder dem eigenen göttlichen Kern trennen, oder einem Leid zufügen. Denn wenn wir uns unsicher fühlen, Ängste, Wut, Ungeduld, Eifersucht empfinden oder unordentlich sind (alles sogenannte Persönlichkeitsfehler), hindert uns das bei unserer spirituellen und persönlichen Entwicklung», so Gerlinde. Im Rahmen des BPF-Prozesses werden diese «Fehler» adressiert und versucht zu beseitigen, sodass es zu einem «Wachstum» der eigenen Person kommen kann. Zur Folge hat dies, dass man «sich selbst mehr wahrnimmt, seine eigentliche Kapazität erreicht, sich mehr in der Gegenwart fühlt und Glück von innen verspürt» – alles «Nebeneffekte von Spiritualität».

Hierbei stellt sich mir die Frage, wie weit man in der SSRF beim BPF-Prozess geht. Eigene Ängste oder gar Charaktereigenschaften als «Persönlichkeitsfehler» zu bezeichnen, sehe ich als problematisch an. Auch baut man so bei den betroffenen Personen einen gewissen Druck auf, «Fehler» zum Zwecke des «spirituellen Wachstums» beseitigen zu müssen.

Noch drei Jahr bis zur Apokalypse

Das «von innen verspürte Glück» könnte für einige Menschen jedoch bald ein zähes Ende finden – oder zumindest für eine Zeit unterbrochen werden. Denn wie bereits am Anfang erwähnt, vertritt die SSRF endzeitliche Überzeugungen. Dazu erzählt mir Gerlinde, dass die Tageszyklen (Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend, Nacht) «auch universell gelten und wir verschiedene Zeitzyklen durchwandern und gewisse Phasen durchleben».

Der Zeitraum zwischen 1999 und 2025 ist ein ebensolcher Zyklus, «der sich so auch gar nicht verhindern lässt». Dabei handelt es sich um eine «Übergangsphase», die ein «erhöhtes Level sogenannter Raja-Tama-Komponenten, d.h. spiritueller Unreinheiten» aufweist und zwischen 30 und 100 Jahre andauern kann – keine gute Phase also. Zur «Verunreinigung» kommt es, weil zu wenige Menschen spirituell aktiv sind und nicht an ihren «Persönlichkeitsfehlern» arbeiten, was vermehrt Naturkatastrophen, Pandemien und Kriege zur Folge hat. Auch sind die Menschen «im Ganzen betrachtet weniger rechtschaffen, gieriger und ausbeuterischer». Solche Konsequenzen seien «Methoden der Natur, um die Unreinheit wieder auszugleichen. Dies erleben wir jetzt schon die letzten zwei, drei Jahre, dass diese Komponenten (Raja-Tama) immer mehr rauskommen und es wird die nächsten zwei Jahre auch so bleiben. Dann ist der Höhepunkt da, bevor es vorbei ist. Danach geht es in eine ganz andere Richtung, dann kommt eine spirituell sehr schöne Zeit auf uns zu, in der weniger Menschen krank werden, es mehr Rechenschafft gibt und der durchschnittliche Mensch gute Absichten hat und wohlgesonnen ist», führt meine Gesprächspartnerin aus.

Zusammengefasst bedeutet dies: «Schlechte» und «gute» Zeiten wechseln sich zyklisch ab, dazwischen gibt es sogenannte Übergangsphasen, in denen es den Menschen aufgrund von Pandemien, Kriegen und anderen Desastern schlecht geht, bevor das Ganze in einem «Höhepunkt» endet. In dessen Rahmen wird es «eine Woche krachen und richtig schlimm sein, sowie zum Tod vieler Menschen kommen». Danach: Beginn des «göttlichen Königreiches auf Erden», welches selbstverständlich den eigenen hinduspirituellen Vorstellungen entsprechen wird.[16] Auf der SSRF-Homepage steht dazu geschrieben:

In naher Zukunft wird die Welt von Kriegen und Naturkatastrophen heimgesucht werden. Nur Spirituelle Praxis kann uns stärken, dieser drohenden Zerstörung und dem grossen Verlust an Menschenleben zu begegnen. Diese schlimmen Zeiten werden für die Menschheit den Weg zum Besseren ebnen. Infolgedessen wird sich die Welt einer tausendjährigen Friedenszeit und spirituellen Erwachens erfreuen. Viele der Forschungsergebnisse, die auf SSRF.org veröffentlicht sind, werden dazu beitragen, zukünftigen Generationen den Weg zu weisen, wie man ein spirituelles Leben lebt.[17]

Das Zitat verweist bereits darauf, wer das erhöhte «Raja-Tama»-Level und damit den unausweichlichen «Kaboom» überleben wird: Menschen, «die das Potenzial haben sich in diesem Leben weiterzuentwickeln, spirituelle Praxis betreiben oder ein spirituelles Level von mindestens 55% aufweisen[18]», verfügen über einen «göttlichen Schutz» und haben bei der Apokalypse dementsprechend nichts zu befürchten – eine (psychologische) Attraktivität von Gemeinschaften wie der SSRF. Nämlich suggeriert diese Vorstellung, dass man beim bevorstehenden Weltkrieg nichts zu befürchten hat, solange man sich an die von der Organisation geratenen Praktiken gehalten hat.

Das eigene Überleben hangt aber auch von anderen Faktoren wie bspw. dem Standort («einige Länder sind besser geschützt als andere») und den vorher getroffenen Untergangs-Vorbereitungen ab («dass man nicht in der Stadt, sondern in ländlichen Gebieten lebt»), zu welchen die Spiritual Science Research Foundation explizit auffordert[19].

Am Schluss dieses Gesprächsthemas weist Gerlinde daraufhin, dass sich die Prophezeiung (Zeitraum 1999-2025) «nicht zu 100% vorhersagen lässt, «weil jeder Mensch einen eigenen Willen hat und es immer Menschen geben wird, die nicht spirituell praktizieren werden» – ein Erklärungsversuch für frühere, nicht eingetroffene Ankündigungen. Nämlich erwartete die SSRF bereits Mitte der 2000er Jahre, dass zwischen 2013 und 2018 ein Dritter Weltkrieg mit dem Einsatz von nuklearen Massenvernichtungswaffen stattfinden und 2019 in eine bis 2024 dauernde «Übergangsphase» münden sollte. Um 2016 wurde dieser Ablauf dahingehend korrigiert, dass der Dritte Weltkrieg nun zwischen 2019 und 2023 dauern soll, wogegen die «Übergangsphase» verkürzt wurde.[20]

Zur Organisation und Struktur der SSRF

Gegen Ende unseres Gesprächs frage ich nach dem «Gruppengebilde» und den Standorten der Spiritual Science Research Foundation. Gerlinde erzählt mir, dass die SSRF «in den Ländern Deutschland, Australien, Kroatien, Serbien, Indien, Amerika und zwei, drei anderen Ländern registriert ist». Praktizierende hätten sie jedoch insgesamt etwa «in 40 Ländern», wobei sie in der Schweiz von lediglich «vier bis fünf» wisse. Vor dem Hintergrund, dass meine Gesprächspartnerin gewusst haben könnte wer ich bin und für wen ich arbeite, muss diese Angabe hinterfragt werden.

So etwas wie offizielle Mitglieder und damit eine Art Aufnahmeprozedur kenne die Gemeinschaft nicht. Da «die Erforschung der eigenen Person und das Kennenlernen des sechsten Sinnes» im Vordergrund steht, spielt auch die religiöse Ausrichtung oder sonstige «Backgroundinfos» der Praktizierenden keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Solange ein Bezug zur Geburtsreligion vorhanden ist, empfiehlt die SSRF, nebst den spirituellen Praktiken den «Chant gemäss der Geburtsreligion» zu singen, bspw. das «Jesus Christus oder Ave Maria im Christentum».

Und auch ansonsten habe die Gemeinschaft den Praktizierenden gegenüber «keinerlei Erwartungen». Jeder und jede pickt sich das heraus, was einem am meisten zusagt: «Wir haben Buddhist*innen dabei, die sich das eine oder andere herausnehmen, gewisse machen den BPF-Prozess, andere machen exakt den vorgegebenen Weg und befolgen alle Empfehlungen der SSRF. Wieder andere besuchen nur die Website, um sich über den aktuellen Forschungsstand zu informieren».

Was mir Gerlinde nicht gesagt hat: Solche Miteinbezüge von Praktiken anderer Religionen und Kulturen werden lediglich auf dem «Level 1» akzeptiert, wenn der/die Praktizierende spirituell noch nicht weit entwickelt ist. Danach gelten die Empfehlungen der SSRF.

Zwischen den Praktizierenden bestehe ausserhalb der Veranstaltungen und Workshops, die von spirituell weit entwickelten oder gar als heilig geltenden Personen durchgeführt werden, nur wenig bis gar kein Kontakt. «Ausser, man lernt jemanden an einem Event oder online kennen, der/die per Zufall in der Nähe wohnt», fügt Gerlinde hinzu.

Würde sich das, was mir Gerlinde erzählt hat, auch mit der SSRF-Realität decken, wären deren Vorstellungen und Praktiken wenig problematisch. Doch die Vermutung liegt nahe, dass sie die Dinge zum Zwecke eines positiven Relinfo-Berichts schön geredet, mir Informationen enthalten oder gar falsche Aussagen getätigt hat. Und es darf nicht vergessen werden, dass die SSRF und ihr Gründer schon mehrfach Negativschlagzeilen gemacht haben.

Asia Petrino, 01.07.2022

Weiterführende Links

Relinfo Lexikoneintrag zur SSRF: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/

Homepage SSRF: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/

Facebook SSRF: https://www.facebook.com/SSRFspirituality YouTube SSRF: https://www.youtube.com/user/SSRFINC


[1] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]

[2] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Über uns, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/%C3%BCber-ssrf-%C3%BCber-uns, [27.06.2022]

[3] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]

[4] Vgl. TRT Deutsch (2021): Sachsen-Anhalt: Radikale Hindu-Gruppe hinter Hotelkauf im Harz?, online: https://www.trtdeutsch.com/exklusiv/sachsen-anhalt-radikale-hindu-gruppe-hinter-hotelkauf-im-harz-7079199, [27.06.2022]

[5] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]

[6] Ebd.

[7] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Wie sollten wir grüssen?, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/sattvisch-leben-spirituelle-reinheit-im-alltag/wie-sollen-wir-gruessen/, [01.07.2022]

[8] Ebd.

[9] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Forschung, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/spirituelle-forschung/, [27.06.2022]

[10] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Über uns, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/%C3%BCber-ssrf-%C3%BCber-uns, [27.06.2022]

[11] Vgl. Homepage Spiritual Science Research Foundation, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/, [27.06.2022]

[12] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Dermatitis und spirituelle Heilung, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/dermatitis, [27.06.2022]

[13] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Vorbeugen von Sucht, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/suchtpr%C3%A4vention, [01.07.2022]

[14] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Was bedeutet der Chant «Shri Gurudev Datta»?, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/chant-sri-gurudev-datta-bedeutung, [27.06.2022]

[15] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Schritte der Spirituellen Praxis, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/spirituelle-praxis/schritte-der-spirituellen-praxis/, [27.06.2022]

[16] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: 3. Weltkrieg Vorhersagen, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/3-weltkrieg-prophezeiung, [01.07.2022]

[17] Vgl. Clarke, Sean: Willkommensgruss der Redaktion, Spiritual Science Research Foundation, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/uber-uns/willkommensgruss_redaktion/, [27.06.2022]

[18] Gerlindes Aussagen nach gelten in der SSRF Praktizierende mit einem «spirituellen Level über 70%» als heilig. Dabei kann man seine Heiligkeit nicht selbst erkennen, sondern «das erkennt jemand, der spirituell noch weiterentwickelter ist»

[19] Vgl. Spiritual Science Research Foundation: Bereiten Sie sich auf den 3. Weltkrieg vor, online: https://www.spiritualresearchfoundation.org/de/spirituelle-forschung/globale-probleme/bereiten-sie-sich-auf-den-3-weltkrieg-vor/, [27.06.2022]

[20] Vgl. Relinfo: Spiritual Science Research Foundation (SSRF), online: https://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/spiritual-science-research-foundation-ssrf/ , [27.06.2022]

Graswurzle schafft Raum für gefährliche Alternativmedizin – Felix Opprecht und die «Germanische Neue Medizin»

Wir sind aufgeregt, als wir bei der Haltestelle «Quellenstrasse» in Zürich die Tram verlassen. Mitten in der Stadt soll ein Vortrag von Felix Opprecht stattfinden, der sich zum Ziel gesetzt hat, die «Germanische Neue Medizin» zu verbreiten. Veranstaltet wird der Vortrag von den Graswurzle Gruppen der Kreise Fünf und Zehn in Zürich.

Graswurzle, eine als Verein organisierte Post-Corona-Bewegung, hat sich in den letzten Monaten vermehrt rechtem, verschwörungsideologischem und esoterischem Gedankengut zugewendet. Dass Felix Opprecht nun im Rahmen seiner «Swiss Tour 2022» mit Graswurzle zusammenarbeitet, ist trotzdem erschreckend. Denn die «Germanische Neue Medizin» (GNM), die er vertritt, ist bekannt als ein pseudowissenschaftliches Erklärungsmodell für Krankheiten, das von Ryke Geerd Hamer ins Leben gerufen wurde. Die Erfindung des 2017 verstorbenen, einstigen deutschen Arztes ist bekanntlich antisemitisch, homophob und rassistisch und verharmlost unter anderem Krebserkrankungen, die nach Hamer am besten unbehandelt bleiben sollen.

Aus diesem Grund sind meine Kollegin und ich aufgeregt und besorgt, als wir zu der Adresse laufen, die sich in einem Zürcher Hinterhof befindet. Eingeladen sind explizit Personen, die sich «ein alternatives Gesundheitssystem wünschen». Gekennzeichnet mit einem Ballon ist der Eingang schnell entdeckt und kurz vor 19:00 betreten wir einen kleinen Gemeinschaftsraum. Felix Opprecht steht bereits vor der Leinwand, auf der seine Powerpoint-Präsentation ablaufen wird. Am Eingang werden wir nach unseren Namen für ein Namensschild und nach einer Kollekte gefragt. Die Namen werden anhand einer durch die Voranmeldungen erstellten Liste überprüft.

Als alle angemeldeten Personen da sind, befinden sich circa 20 Personen im Raum, die wir im Durchschnitt auf Mitte/ Ende 50 schätzen. Wir sind mit Mitte 20 die mit Abstand jüngsten Anwesenden, das restliche Altersspektrum siedelt sich zwischen Mitte 30 und circa 70 Jahren an.

Eine Warnung vorweg

Opprecht wirkt selbstbewusst, als er zu sprechen beginnt. Vor dem eigentlichen Vortrag, in dem er die sogenannten «Fünf biologischen Gesetze» erläutern will, unterbreitet er einige Prämissen, die man beachten soll. Zunächst erklärt er, dass er normalerweise keine Live-Vorträge halte, er habe zu oft schlechte Erfahrungen mit Justiz und Polizei gemacht. Er bevorzuge das Online-Format vor allem deshalb, weil er im Zweifel schnell das Land verlassen könne. Mit einem Lächeln auf den Lippen spricht er von Dubai und keiner der Zuhörer scheint sich daran zu stören. Im Verlauf des Abends soll sich herauskristallisieren, warum den Anwesenden solche Aussagen nicht bitter aufstossen.

Als nächstes fragt Opprecht in die Runde, ob jemand der Anwesenden schulmedizinisch oder therapeutisch ausgebildet sei. Falls ja, wolle er niemandem auf die Füsse treten – er sei es jedoch gewohnt, dass es für die meisten Menschen schwierig sei, wenn jemand ihr Weltbild in 90 Minuten auf den Kopf stellt. Er betont zudem, dass er kein «Fachchinesisch» reden möchte, sondern die «Fünf biologischen Gesetze» so einfach wie möglich zu erklären versucht. Er sei schliesslich selbst nur Laie und wisse wie es sich anfühlt, von Inhalten erschlagen zu werden. Dennoch macht er deutlich, wie die Inhalte des heutigen Abends von den Anwesenden aufgefasst werden sollen: Er werde heute Abend ausschliesslich Fakten präsentieren, nein sogar naturwissenschaftliche Gesetze. Im Gegensatz zur Schulmedizin hantiere man hier nicht mit Theorien und bediene sich nicht verschiedener Naturwissenschaften. Die GNM sei selbst eine Naturwissenschaft.

Er beendet seinen «Vortrag vor dem Vortrag» damit, dass er hier niemanden überzeugen wolle. Er fordert uns Zuschauer dazu auf, im Anschluss an den Abend das Gesagte selbst zu überprüfen. Wer sich mit Verschwörungserzählungen und Fake News auseinandersetzt, der weiss: Hier tätigt Opprecht einen genialen Schachzug. Er gibt seinen Zuschauern das Gefühl, die Kompetenz zu besitzen, Gesagtes einwandfrei und alleine in die Kategorien richtig und falsch einzuordnen. Dies tut er in dem Wissen, dass die meisten Anwesenden keine wissenschaftliche Ausbildung haben und mit Begriffen wie «Korrelation» und «Kausalität» nur wenig anfangen können. Er weiss zudem, dass er sich hier in einer Gruppe befindet, die sich seit Langem ausschliesslich durch «Alternative Medien» informiert und dementsprechend Faktencheck-Websites und Nachrichten, die nicht ihrer Meinung entsprechen, als Fake News abtut. Wenn sie also einen Artikel in «20 Minuten» finden, in dem die Todesopfer von Hamers Methoden genannt werden, geht dies vollkommen spurlos an der Gruppenmitgliedern vorüber. Medien, denen sie vertrauen, zeigen sich höchstwahrscheinlich offen für alternative Medizin, weshalb eine Überprüfung schlussendlich einer Bestätigung gleichkommt.

Keine Krankheit ohne psychisches Trauma

Nachdem Opprecht sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer gesichert hat, beginnt er die «Fünf biologischen Gesetze» nach Hamer zu erläutern. Die detailreichen, sich teilweise widersprechenden Inhalte lassen sich auf wenige Kernaussagen herunterbrechen.

Grundlage der GNM ist Hamers Überzeugung, dass jede Krankheit, ausgenommen Unfälle oder Gewalteinwirkung von aussen, durch einen sogenannten «biologischen Konflikt» ausgelöst werden. Diesen definiert Opprecht als ein plötzliches Ereignis, das eine traumatisierende und isolierende Wirkung auf eine Person hat. Was das genau bedeutet, wird nicht näher erklärt. Interessant ist jedenfalls, dass hier ein psychisches Phänomen mit dem Begriff «Biologischer Konflikt» beziffert wird und die Deutungshoheit über das entsprechende Ereignis dem oder der Betroffenen selbst überlassen wird. Dies soll im weiteren Verlauf des Abends eine bedeutende Rolle spielen.

Bei manchen Krankheiten, so Opprecht, müsse dieser Konflikt gelöst werden, damit es einem besser gehe. Bei anderen Krankheiten sei es sogar besser, den Konflikt nicht zu lösen, weil dies meist mit starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergehe. So erklärt er beispielsweise einer Dame, die ihm von ihrem Tinnitus berichtet, dass bei der Lösung des Konflikts ein Hörsturz die Folge sei. Sie solle also im Grunde genommen den Tinnitus in Kauf nehmen, damit nicht noch Schlimmeres folge.

Es gebe aber auch Krankheitssymptome, die sich erst nach der Lösung eines Konflikts etablieren, in der sogenannten Regenerationsphase. Hierbei seien Krankheiten nur ein Zeichen dafür, dass eine Heilung bereits eingesetzt hat und der Körper keiner Therapie von aussen bedarf. Für meine Kollegin und mich ist unerträglich anzuhören, was als nächstes folgt: Zu den Krankheiten, die sich von selbst heilen würden, gehören neben Autoimmunkrankheiten unter anderem auch Krebs und Depressionen. Im Klartext bedeutet das, dass schwere Krankheiten und psychische Störungen, die selbst bei einer adäquaten Behandlung eine hohe Mortalität aufweisen, lieber in Ruhe gelassen werden sollen und von selbst verschwinden. Chemotherapie und medikamentöse Behandlungen würden hier mehr schaden als helfen, so Opprecht.

 «Viren existieren nicht»

Auf Nachfrage einer Zuschauerin hin erklärt Opprecht, wie aus der Sicht der GNM Covid zu erklären sei: Durch die kollektive Angst, ausgelöst durch Politik und Medien, hätten viele Menschen zur gleichen Zeit die gleichen Konflikte erfahren, die sich dann in ähnlichen Grippe-Symptomen manifestierten. Ursächlich für die seiner Ansicht nach vereinzelten Tode sei eine durch die Politik verursachte Todesangst, die sich schliesslich auf die Lunge auswirke. Jede Art von Konflikt könne nämlich spezifischen Symptomen zugeordnet werden. Der Mechanismus dahinter sei in der von Hamer vorgenommenen Dreiteilung von Psyche, Gehirn und Körper zu finden. Durch den «biologischen Konflikt», der psychisch wahrgenommen wird, finde ein «Einschlag» ins Gehirn statt. Es wird nicht näher erklärt, wie das funktionieren soll. Dieser Einschlag in einem bestimmten Areal des Hirns sei mit speziellen körperlichen Auswirkungen verbunden, da jeder Ort im Gehirn die Gesundheit anderer Organe und Körperteile steuere. So könnten durch bestimmte Konflikte beispielsweise Knochen brüchig werden, durch andere entstünden Herzinfarkte und wieder andere verursachten Hautkrankheiten. Während dies zwar aus medizinischer Sicht absolut unsinnig ist, folgt es immerhin einer gewissen Logik. Im Verlauf des Abends wird es aber immer unlogischer und abstruser. Bakterien und Viren (die es ja nach seiner Aussage eigentlich nicht gibt) seien für den Körper nie schädlich. Es gebe auch keine Schlaganfälle: Diese seien fehlgedeutete «Einschläge» in das Gehirn. Opprecht betont immer wieder die angebliche Unwissenheit und Dummheit von Schulmedizinern. Diese könnten nicht einmal einen Scan eines Magnetresonanztomografen (MRT) richtig interpretieren. Ironischerweise zeigt er bei diesem Satz auf ein Bild, bei dem es sich um einen Scan eines Computertomografen (CT) handelt, nicht um einen MRT Scan.

Medikamente als Ursache allen Übels

Im Allgemeinen sind Medikamente laut der GNM unsinnig, einige sind sogar schädlich. Sie würden gezielt eingesetzt, um die Menschen krank zu machen, damit die Pharmaindustrie davon profitiert. Nur in seltenen Ausnahmen seien Medikamente hilfreich. Bei einem Herzinfarkt müsse man im Zweifel eine Spritze Kortison direkt ins Herz geben. Opprecht kenne aber auch mindestens eine Person, die einen Herzinfarkt einfach «ausgesessen» habe. Er betont hier unverhohlen, dass er dies als persönliche Stärke interpretiert. Er selbst habe auch eine Krankheit unter unsäglichen Schmerzen «ausgesessen»: Leukämie. Die sei aber mittlerweile wieder verschwunden.

Opprecht erzählt in diesem Zusammenhang vom Tod seines Vaters, der seiner Meinung nach durch Morphium verursacht wurde. Sein Vater sei schon lange krank gewesen und habe unter starken Schmerzen gelitten, weshalb sein Arzt ihm Morphium gegeben habe. Opprecht habe schon damals gewusst, dass dies der sichere Tod des Vaters sei. Das teilte er auch seinen Geschwistern mit, die ihn – verständlicherweise – darauf hinwiesen, dass er Zimmermann sei und kein Arzt. Als der Vater dann, wie angeblich von ihm prophezeit, drei Wochen später verstarb, sah er sich bestätigt. Lachend fügt er hinzu: «Jesus war schliesslich auch Zimmermann!»

 Jubel und Begeisterung

Im Anschluss an den Vortrag entsteht automatisch eine rege Diskussion mit Opprecht, die Zuschauer haben viele Fragen. Diese sind jedoch keinesfalls kritischer Natur. Die Anwesenden wollen wissen, wie sie diese Erkenntnisse für sich anwenden können, wie die Konflikte genau funktionieren und was der Titel der weiterführenden Literatur ist. Wir sind sprachlos über das völlige Fehlen von kritischen Fragen nach einem Vortrag, der – wenn man alle darin genannten Regeln beachtet – zum Tod führen kann. Die Anwesenden zeigen sich begeistert von der Hetze gegen die Pharmaindustrie, von der scheinbaren Unsinnigkeit des Impfens und von der Aussage, dass der Körper sich in den meisten Fällen selbst heilt.

Zu Beginn entstand für uns ein bitterer Beigeschmack als niemand sich regte, als Opprecht offen die Möglichkeit anspricht, aufgrund von strafrechtlicher Verfolgung das Land zu verlassen. Im Verlauf der Diskussion wird deutlich, was zu diesem Verhalten führt. Die Anwesenden fühlen sich als die Verfolgten, als die, die die Wahrheit kennen und denen dennoch niemand glaubt. Eine Dame fragt, was Opprecht ihr für den Umgang mit Freunden empfehle, die ihr nicht glauben, wenn sie ihre Meinung über Corona teilt. Er antwortet trocken, dass er sich mit anders gesinnten Menschen gar nicht beschäftigt. Mit seiner Familie rede er nicht über seine Überzeugungen.

«Sie hatten keine Hirnblutung – Sowas existiert gar nicht!»

Opprecht tritt während des gesamten Vortrags selbstsicher auf. Das scheint die Anwesenden dazu zu bringen, mit ihm persönliche Gesundheitsinformationen zu teilen. Eine Gruppe von Menschen, in der typischerweise echauffiert abgewunken wird, wenn man nach der «sensiblen» Information des Impfstatus fragt, vertraut einem Mann Gesundheitsinformationen an, der keinerlei medizinische oder psychologische Ausbildung hat und lediglich die Erfindungen eines verurteilten Straftäters rezitiert. Neben der bereits genannten Dame, die unter ihrem Tinnitus leidet und der Opprecht empfiehlt, besser nichts dagegen zu unternehmen, betraut noch ein anderer Mann Opprecht und das Plenum mit seiner Krankengeschichte. Er litt letztes Jahr unter einer Hirnblutung und wurde deshalb operiert. Ich bekomme gar nicht mit, was der Herr für eine Frage zu seiner Erkrankung hat, da unterbricht Opprecht ihn schon und weist darauf hin, dass es keine Hirnblutungen gebe. Als der Mann dann verunsichert von dem Bild erzählt, dass der Neurochirurg ihm von seiner Blutung gezeigt hat, winkt Opprecht ab und sagt, dass es sich um ein Ödem im Hirn gehandelt habe, was lediglich der Ausdruck eines Heilungsprozesses sei. Der Mann, der ein Bein hinter sich herzieht, ist einer der ersten, der sich auf den Heimweg macht. Wir hoffen inständig, dass dieser Mann nicht denkt, er habe mit dem lebenswichtigen Eingriff im letzten Jahr einen Fehler begangen.

Ein Kommunikationskurs macht sich bezahlt

Opprecht erwähnt während des Vortrags, dass er vor seiner Beschäftigung mit der GNM einen Kommunikationskurs besucht habe. Mir scheint es, als hätte er das ein oder andere daraus mitgenommen und wende nun spezielle Techniken bei seinem Vortrag an. Denn auch wenn die Zuschauer seinen Inhalten grundsätzlich positiv gestimmt sind, gibt es einige Unklarheiten. Wie löst man den Konflikt, der ja unbewusst ablaufen soll? Welche Konflikte muss man lösen, welche nicht? Woher weiss man, welchen Konflikt man hat? Auf all diese Fragen weiss Opprecht nur begrenzt eine Antwort. Er verweist auf Hamers Bücher und kreiert das Narrativ eines verfolgten Genies, dessen Texte es sich zu lesen lohnt. Als eine Dame fragt, wie Hamer ursprünglich die GNM entwickelt habe, weicht Opprecht aus und erklärt stattdessen, man müsse einfach gewisse Listen Hamers auswendig lernen. Das einzige Mal, das Opprecht etwas zu Hamers Methoden erzählt, ist als er berichtet, wie Hamer die Akten von unzähligen Krebspatienten durchgegangen sei und dabei festgestellt habe, dass jeder einzelne von ihnen ein schlimmes Erlebnis vor dem Beginn der Krankheit zu verzeichnen hatte. In mir kocht es. «Korrelation bedeutet nicht Kausalität!» möchte ich schreien. Und obwohl die Antworten Opprechts generell nur wenig befriedigend wirken, scheinen Leute sich bestätigt zu fühlen. Wenn jemand eine simple Frage stellt, wiederholt Opprecht sie oft lediglich. Er redet so lange Nonsense bis die Person selbst eine Lösung vorschlägt und er dem Genannten zustimmt.

Das Grosse Finale

Als wären die vorherigen Inhalte des Abends nicht schon problematisch genug, tätigt Opprecht im Rahmen der Diskussion einige prekäre Aussagen. Zunächst erklärt er, dass es schwere psychische «Beeinträchtigungen» gebe, die durch einen doppelten «Einschlag» ins Gehirn entstünden. Er zählt gesammelt auf: Serienmörder, Pädophile und Homosexuelle. Es gebe aber eine gute Nachricht: Diese doppelten «Einschläge» seien bis zum 25. Lebensjahr reversibel, wenn man den zugrundeliegenden Konflikt löse. Nicht nur porträtiert Opprecht hier Homosexualität als Krankheit, er suggeriert darüber hinaus eine Umkehrbarkeit von sexueller Orientierung und dies explizit bei jungen Menschen. Die möglichen Ableitungen und Handlungen durch diese Ansicht sind bekannt und menschenverachtend.

Anschliessend weist er auf zwei weitere, seiner Ansicht nach bedenkliche, Entwicklungen hin.

Erstens sei die Einführung der Anti-Baby-Pille als eines der grössten Probleme unserer Welt anzusehen. Als er erläutert, was er damit meint, wird deutlich, dass er keine gesundheitlichen Konsequenzen des Präparats erklären will, sondern gesellschaftlich bedenkliche Veränderungen, die angeblich daraus resultieren. Die hormonelle «Veränderung» der Frau, die angeblich durch die Anti-Baby-Pille von statten gehe, verwandle eine Frau in einen Mann. Man solle sich mal darüber Gedanken machen, warum so viele Frauen heute ganz andere Sachen machen, als früher, beispielsweise Lastwagen fahren! Wir sind sprachlos, aber der zweite daraus abgeleitete Gedanke, den Opprecht ausspricht, ist mindestens genau so problematisch. Die Anti-Baby-Pille sei zudem dafür verantwortlich, dass durchschnittlich nur noch 1,8 Kinder pro Frau geboren würden. Um die Schweizer Kultur zu erhalten, müssten es jedoch 2,5 Kinder im Durchschnitt sein. Bei Muslimen hingegen würden vier Kinder durchschnittlich geboren – man solle sich also nicht wundern, wenn es 2050 nur noch Moscheen und keine Kirchen mehr gebe.

Opprecht, der sich während des Vortrags mehrmals dazu äussert, dass Spiritualität und Übersinnlichkeit nicht zu seinem Weltbild gehören, sorgt sich um die spirituelle Landschaft der Schweiz und schafft es, bei den Anwesenden damit Angst und Hass zu schüren.

 Die «Germanische Neue Medizin» und Graswurzle – eine potenziell lebensgefährliche Kombination

Die Inhalte der Germanischen Neuen Medizin sind nicht wissenschaftlich fundiert. Die «Neue Medizin» bedient sich falsch verstandener Psychoanalyse und weltanschaulich bedenklichen Positionen. Ryke Geerd Hamers antisemitische, homophobe, sexistische und rassistische Denkart wird von Felix Opprecht weitergegeben. Dass nun eine Zusammenarbeit mit Graswurzle stattfindet, ist hochgefährlich. Denn Graswurzle ist eine der am schnellsten wachsenden Bewegungen in der Schweiz mit über 80 Lokalgruppen und über 3000 Mitgliedern. Die Tatsache, dass alternativmedizinische Verfahren, die Chemotherapie und andere lebenswichtige Behandlungen ablehnen, nun bei Graswurzle willkommen sind, wirft einen dunklen Schatten auf die Bewegung und verdeutlicht die Dringlichkeit einer weiteren Beobachtung.

Julia Sulzmann, Juni 2022

Lexikoneintrag Germanische Neue Medizin GNM

Lexikoneintrag Graswurzle

https://www.20min.ch/story/anhaenger-von-umstrittenen-krebsheiler-touren-durch-schweiz-226626958892