Bericht von Baptiste Brodard
Der Bericht zur Prävention von gewalttätigem Extremismus in Verbindung mit dem Islam wurde vom Verein Tasamouh in Auftrag gegeben. Dieser Verein wurde 2016 aus der Initiative einer muslimischen Frau aus der Region Biel gegründet, mit dem Ziel der Prävention von gewalttätigem Extremismus. Finanziert wurde der Bericht vom Arbeitskreis Religion Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, der Katholischen Kirche Region Bern und der Christkatholischen Landeskirche des Kantons Bern.
Ziel des Berichtes ist es, umsetzbare Präventions- und Interventionsmassnahmen für öffentliche Institutionen, für die Zivilgesellschaft und auch religiöse Organisationen zusammenzutragen. Erstellt wurde der Bericht von Baptiste Brodard vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Fribourg, Sozialwissenschaftler und Doktor der Religionswissenschaften, Experte für zeitgenössischen Islam und muslimische Gemeinschaften in Europa. In seinem Bericht konzentriert Brodard mehrjährige Feldarbeit zusammen mit Konsultationen diverser Fachleute, Betroffener und Helfender.
Definition von Extremismus
Im islamischen Extremismus wird eine wahhabitische und wörtliche Leseart des Islams gelehrt. Gewalt wird als ein akzeptables Mittel zur Erreichung der Ziele gesehen. Beispiele für solche Gruppen sind der Islamische Staat, Al-Qaida oder Boko Haram. Volkssprachlich werden sie auch Dschihadisten genannt, wobei der Dschihad im Islam eigentlich als «Anstrengung» auf dem Weg zu Gott gesehen wird. Der Dschihad spielt sich traditionell auf einer sozialen und spirituellen Ebene ab, und militärisch ausschliesslich als Befreiungskrieg.
Psychosoziale Faktoren
In der Schweiz sind Ausgrenzung, Marginalisierung und Stigmatisierung wesentliche Faktoren im Extremismus-Prozess. Menschen die sich dem gewalttätigen Extremismus zuwenden, sind oft verzweifelt und denken, sie hätten nichts mehr zu verlieren.
Für manche Menschen in solchen Krisensituationen ist der Islam eine Quelle der Beruhigung, die ihnen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft helfen kann. So kann der Islam einen positiven Effekt in Krisen haben, Spannungen lösen oder auch die Jugend von Kriminalität fernhalten, was in Frankreich beobachtet wurde. In den USA wurden positive Effekte bei Häftlingen festgestellt, welche zum Islam konvertierten. Sie haben öfters gute Wiedereingliederungschancen und die Häftlinge halten sich häufiger von Kriminalität, Gewalt und Suchtverhalten fern. Es ist wichtig zu betonen, dass nur ein kleiner Anteil der Menschen in Krisensituationen, die sich dem Islam zuwenden, sich radikalisieren. Diese Menschen sehen in ihrer Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit den Dschihadismus als ihre letzte Alternative.
Abgesehen von den bereits erwähnten Faktoren können Menschen auch andere Gründe für den gewalttätigen Extremismus haben. Opportunismus, materielle Gründe oder auch die Aussichten auf Heirat und Gemeinschaft können Beweggründe sein.
Der Prozess der Radikalisierung ist immer ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren, wobei Ideologien und Weltanschauungen eine wichtige Rolle spielen. Was extremistische Gruppen vereint, ist eine besondere Leseart des Islams, eng verbunden mit wahhabitischer Ideologie, eine dualistische und manichäische Weltsicht, ein millenaristischer Glaube und eine verschwörungstheoretische Lesart der Welt. Wahhabitische und salafistische Ideologien fördern Gewalt und lehnen die Kontextualisierung religiöser Texte ab. Eine intolerante Weltsicht vereint sich mit Verschwörungstheorien.
Urbane Subkulturen
Im frankophonen Westen (Frankreich, Schweiz, Belgien) hat sich in den letzten Jahren eine muslimische Subkultur entwickelt, mit eigener Jugendsprache, in welcher es eine klare Einteilung zwischen haram (verboten) und halal (erlaubt) gibt. Es entsteht eine Kultur der Widersprüche, wo es normal wird, dass junge Männer ihren Schwestern und Müttern sagen, sie müssten das Kopftuch tragen, ihre Haare zu zeigen sei haram, und gleichzeitig mit ihren Freundinnen Nachtklubs besuchen. In diesen Fällen wird Religion als Identitätsstütze genutzt und dazu missbraucht, Verhalten zu legitimieren, dass von den Normen abweicht.
Dazu zählen beispielsweise auch Schlägereien oder Drogenkonsum. So «…wird der Islam letztlich als Werkzeug zur alternativen Identitätsbestätigung instrumentalisiert, die eine Opposition gegenüber dem Rest der Gesellschaft zum Ausdruck bringt.» (Brodard, 2022: 23)
Dschihadisten machen dieselben klaren Einteilungen in «haram» und «halal», «Gut» und «Böse», «Wir» und «die Anderen». Sie werten alle Sünden gleich, es gibt keine Abstufungen. So wird zum Beispiel Mord gleich gewertet wie der Konsum von Schweinefleisch.
Die oben beschriebene Subkultur hat einiges mit extremistischem Gedankengut gemeinsam. Bestimmte Mentalitäten und Subkulturen eignen sich als Nährboden für Extremismus.
Lehreinflüsse
Ein Problem der Muslime in Westeuropa ist ihre grosse Vielfalt. Viele verschiedene Moscheen kämpfen um Ansprüche und Legitimität, Muslime können zwischen einem pluralistischen Angebot wählen und durch das Internet werden noch mehr Interpretationen des Islams verfügbar. Das macht es den extremistischen Strömungen einfacher, sich zu verbreiten.
Im Wahhabismus gibt es zwei Hauptströmungen, die quietistische und die dschihadistische. Die quietistische Strömung lehrt, dass nur ein legitimer islamischer Staat Gewalt anwenden darf, um seine Ziele zu erreichen. Diese Form des Wahhabismus lehnt dschihadistische Gruppen zwar ab, fungiert jedoch oft als Türöffner für Extremismus. Auch diese Form des Wahhabismus fördert religiöses Sektierertum, wo alle anderen abweichenden Interpretationen des Islams ausgeschlossen werden. Der Koran soll wörtlich verstanden werden und nicht kontextualisiert werden. Der Zweck von religiösen Texten ist im Wahhabismus irrelevant.
Persönliche Einstellung
Die persönliche Einstellung eines Menschen ist der wichtigste Faktor auf dem Weg zum Extremismus. Meist liegt eine dualistische manichäische Weltsicht vor. Extremisten glauben exklusiv zu der einzig anerkannten Gruppe zu gehören, alle anderen Gruppen sollen abgelehnt und bekämpft werden. Alles wird in «Gut» und «Böse» eingeteilt, es gibt keine Nuancen.
Viele Muslime sprechen sich gegen Extremisten aus und bemühen sich deren Argumente zu widerlegen. Die Wirkung auf Extremisten ist oft eher klein, weil diese alle anderen Imame als Imame des Systems sehen, die nur westliche Interessen verfolgten. Jedoch helfen medial verbreitete Gegenreden zum Extremismus der öffentlichen Wahrnehmung des Islams in Europa.
Verschwörungstheorien
Im extremistischen Islam herrscht öfters der Glaube, in der Endzeit zu leben. Das bedeutet, dass der Antichrist (Dajjal) kommt und sich danach der Erlöser (Mahdi) öffenbaren wird. Im Unterschied zum Mehrheits-Islam glauben die extremistischen Strömungen, dass der Dajjal bereits hier ist in Form westlicher Mächte. Vermischt mit Verschwörungstheorien ergeben sich drei Gruppen: die satanischen Eliten (westliche Staaten), die versklavte Masse und die Widerstandskämpfer. Dschihadisten sehen sich als die Kämpfer für Freiheit und als diejenigen, welche die Welt retten müssen. Vor allem der «Islamische Staat» hat sich dieser Vorstellungen bedient, um junge Menschen zu rekrutieren. Allerdings gibt es nicht nur salafistisch-wahhabitische Gruppen, die diese Vorstellungen vertreten, sie kommen auch in schiitischem Kontext vor.
Manche Menschen sehen den Ursprung ihrer persönlichen Probleme in einer dämonischen Verschwörung gegen sich selbst durch Hexerei (Sihr) oder Geister (Dschinn). Die Welt erscheint ihnen böse, so flüchten sie sich in extremistische Gruppen.
Radikalisierungsförderliche Vorstellungen
- Das Gefühl, die Welt endlich so verstanden zu haben, wie sie ist, und der blinden Manipulation der Massen entkommen zu sein.
- Die Vision, dass die Welt von Korruption sowie von allgemeiner und globalisierter Ungerechtigkeit geprägt ist.
- Die Verbindung dieser Feststellung mit dem messianischen Glauben an das baldige Auftauchen oder die Präsenz des Antichristen, der vom daraufhin auftretenden Mahdi und vom wiederkehrenden Jesus bekämpft werden soll.
- Die Forderung, konkret Stellung zu beziehen, um zur «richtigen Seite» oder zur «erlösten Gruppe» zu gehören und gegen das Böse oder den Teufel Widerstand zu leisten, indem man auf der Seite Gottes steht.
- Die ideologische Implikation, sich der «geretteten Gruppe» anzuschliessen, selbst um den Preis schwerer Opfer (einige glaubten, im Projekt ‹Islamischer Staat› die lang ersehnte Rückkehr des Kalifats zu sehen).
Umfeld und Netzwerk
Das menschliche Umfeld, relationale Einflüsse und Netzwerke sind ein weiterer wichtiger Faktor in der Radikalisierung. Ein familiäres und freundschaftliches Umfeld kann als Bremse oder Zündstoff für Radikalisierung fungieren. Damit sich eine Person tatsächlich radikalisieren kann, muss sie sich physisch oder virtuell einer Gruppe anschliessen. Nur durch ein Kollektiv und die damit verbundenen Beziehungen bekommt eine Tat ideologische Dimensionen. Diese Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Netzwerk macht den Unterschied zwischen einer Einzeltat und einem terroristischen Akt.
Neue Subkultur
Früher war der Islam in westeuropäischen Arbeitervierteln ein Symbol für Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. Dieses Bild hat sich heute gewandelt, der Islam wird vielerorts mit Gewalt und Terror assoziiert. Terrorismus wird banalisiert und der Dschihad gar als Ergebnis eines eifrigen und authentischen Islams gesehen. Durch die allgemeine Verbindung von Islam und Gewalt wird letzteres normalisiert. In der Schweiz gab es zwar Fälle von Radikalisierung vor allem in Winterthur und Biel, trotzdem kann hier nicht von ghettoisierten Vierteln gesprochen werden, wo gewalttätiger Extremismus wütet.
Gefängnisse
Durch Forschungen in Gefängnissen in der Schweiz über mehrere Jahre hinweg konnte Baptiste Brodard feststellen, dass die Bezüge der Insassen auf den Dschihad und terroristische Gruppen «Protestcharakter» haben. Es scheint den Häftlingen mehr um eine Ablehnung des Systems zu gehen, als um eine Ideologie. Aber auch diese provokante Form kann Extremismus normalisieren oder legitimieren und so zum Problem werden.
In der Schweiz sind Gefängnisse bisher keine besonderen Rekrutierungs-orte für dschihadistische Gruppen. «Dennoch bleibt das Gefängnis ein besonders sensibles und risikoreiches Gebiet, das von Natur aus ‹radikal› ist, da es Ausgrenzung, Marginalisierung und soziales Leid verdichtet.» (Brodard, 2022: 33)
Auswirkungen des soziopolitischen Klimas
Islamophobie und Stigmatisierung von Muslimen in Westeuropa bieten eine Bühne für Extremisten, welche das entstehende Gefühl der Viktimisierung missbrauchen. So kann die Diskriminierung von Muslimen zur Radikalisierung von Jugendlichen beitragen. Junge Muslime, die auf Feindseligkeit stossen, neigen eher dazu, sich zu radikalisieren im «Kampf» gegen ihre «Feinde». So verstärken sich Extremismus im Islam und Islamophobie gegenseitig. Extreme Haltungen auf beiden Seiten schüren die Polarisierung, deren Ergebnis natürlich ein Konflikt ist (Brodard, 2022: 35). Die Prävention sollte diese Polarisierung auf beiden Seiten bekämpfen und so eine «Co-Radikalisierung» verhindern.
Lösungsvorschläge
Verschiedene Projekte versuchen, diesen Risiken entgegen zu wirken.
Die Kumon Y`All Association in Dewsbury (UK)
Diese Vereinigung wurde von einem Imam in einer Stadt gegründet, wo es viele Muslime aus dem indischen Subkontinent gab, und wo mehrere Jugendliche in dschihadistische Terrorakte verwickelt waren. Das Ziel von Kumon Y`All ist es, eine integrative Gesellschaft zu fördern und Aktivitäten für unterschiedliche soziokulturelle Gruppen zu organisieren.
Als vor einigen Jahren viele Jugendliche wegen der Muhammad-Karikaturen wütend waren, wollten diese die Polizeistation anzünden. Kumon Y`All lud alle zu Diskussionsrunden ein, wo kein Vorschlag jemals direkt abgelehnt wurde. Die Betreuer versuchten den Jugendlichen eher Anregungen zu besseren Ventilen für ihre Wut zu geben. Die Jugendlichen wurden zum Nachdenken angeregt und dazu, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und auch deren Auswirkungen.
Der Verein Tasamouh in Biel
Der Verein Tasamouh setzt sich dafür ein, den Zusammenhalt ethnisch-kulturell unterschiedlicher Gruppen in der Gesellschaft zu stärken, Integration zu fördern sowie die Beziehung zur eigenen Identität in den Herkunftskulturen und der lokalen Gesellschaft zu stärken. Zudem arbeitet Tasamouh auch direkt mit Personen, die von Radikalisierung bedroht sind, betreut und berät Jugendliche und Familien.
Bei einem Fall betreute der Verein einen Jugendlichen, der mit gewalttätigem Verhalten und extremistischen Äusserungen aufgefallen war. Tasamouh baute ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf und zeigte ihm dann alternative Sichtweisen und berufliche Perspektiven. Es entstand ein Dialog und Tasamouh unterstützte den Jugendlichen bei der Integration und seiner Identitätsfindung.
In einem anderen Fall ging es um eine erwachsene Person, die sich vom «Islamischen Staat» angezogen fühlte und zum Islam konvertierte. Tasamouh versuchte, deren problematische Sichtweise zu entschärfen und der Person zu helfen, ihre Identität zu finden. In Einzelgesprächen äusserte sich die Person radikal aus Angst, nicht «halal» zu sein, weil sie ihr Geschlecht gewechselt hatte. Diese Person war durch die eigene Sinnsuche und Informationen aus dem Internet in den Dschihadismus geraten.
Verringerung von Risiken
Auf lokaler Ebene geht es um die Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Muslimische Gemeinschaften und die nicht-muslimische Gesellschaft sollen sich kennen und respektieren lernen. Auf einer anderen Ebene sollten Massnahmen ergriffen werden, die gezielt Jugendliche ansprechen, welche potenziell betroffen sein könnten. Wichtig ist dabei vor allem «die soziale Integration durch Begleitung und Vermittlung zu fördern» (Brodard, 2022: 43) und die «Entwicklung der religiösen Bildung und des kritischen Denkens junger Muslime» (Bordard, 2022:43) zu verbessern.
Bekämpfung der Feindseligkeit gegenüber dem Islam
Die Ausgrenzung von Muslimen in der Gesellschaft begünstigt gewalttätigen Extremismus. Dagegen helfen könnte, den Islam bekannt zu machen, verschiedene Interpretationen aufzuzeigen und so den Nicht-Muslimen Angst und Vorurteile zu nehmen.
Bei Hassreden gegen den Islam fehlt es meist an einer theologisch fundierten Antwort seitens muslimischer religiöser Autoritäten oder Denker. Das führt vermehrt zu extremistischen Diskursen und Islamophobie, Feindseligkeit und Diskriminierung.
Daraus entsteht ein Diskurs, der von den Musliminnen und Muslimen verlangt entweder extremistisch zu werden, dem vermeintlich «wahren Islam» zu folgen, oder die Religion aufzugeben.
Religiöse Erziehung und theologischer Gegendiskurs
Die religiöse Erziehung ist eines der besten Mittel gegen Extremismus. Es braucht religiöse Instanzen und Gelehrte, an die sich Jugendliche wenden können, welche in der Lage sind, die dschihadistischen Auslegungen zu widerlegen.
Soziale Integration und Mediation
Ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt verhindert Extremismus. In Therapien von Betroffenen sollte es dann darum gehen, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben und bei einem intrakulturellen Ansatz gemeinsame Identitätsmerkmale zu finden.
Empfehlungen an öffentliche Einrichtungen und Verbände
Öffentliche Einrichtungen könnten nachhaltige Schulungen für Lehrpersonen, Fachleute der Sozialarbeit und Erziehende organisieren. Das ist wichtig, damit diese unterscheiden können zwischen echtem Risiko und radikaler Religionsausübung, die für die Gesellschaft jedoch ungefährlich ist.
Schulpersonal oder SozialarbeiterInnen könnten sich in ihrer Arbeit auf «identitätsstiftende» (kulturelle, religiöse, soziale) Ressourcen von Partnern (Personen und Organisationen) beziehen. Dabei soll eine Konkurrenz zwischen sozialen und religiösen Akteuren vermeiden und vielmehr Zusammenarbeit gefördert werden.
Empfehlung an die Kirchen
Kirchen könnten Jugendtreffs anbieten und dazu eine Begleitung, die für alle offen steht und offene Dialoge fördert. SozialarbeiterInnen sollten ein Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen aufbauen und sie bei der Suche nach ihrer Identität unterstützen.
Kirchen könnten thematische Begegnungen mit dem Islam möglich machen, muslimische Fachleute einladen und Toleranz, Verständnis und Zusammenleben fördern. In Vorträgen könnte die Vielfalt des Islam dargestellt werden.
Empfehlungen an islamische Organisationen und Zentren
Die wichtigste Rolle in der Präventionsarbeit gegen Extremismus fällt den muslimischen Organisationen zu. Sie sollten dabei zwei Zielgruppen ansprechen, zum einen die umgebende Gesellschaft, um dort den Islam vorzustellen sowie Dialog und Zusammenhalt zu fördern, zum anderen die muslimischen Menschen selbst, denen ein angemessener und kontextualisierter Islamunterricht angeboten werden sollte.
Prioritäten
- Die Einrichtung von Räumen für freie Diskussionen über den Islam und die Gesellschaft (Themenabende, Debatten, Vorträge, Filme…) wäre eine Priorität. Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, gutes muslimisches Fachpersonal einzuladen, welches auf alle Kritik gut antworten und Extremismus entkräften kann.
- Es gilt die Entwicklung einer Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern im Allgemeinen zu fördern, um ein korrekteres Bild des Islams zu vermitteln (Informations-, Diskussionskampagnen).
- Es können Kurse organisiert werden, welche die religiösen Lehren im Lichte der Lebenssituationen der Teilnehmenden kontextualisieren. Der Religionsunterricht darf keinesfalls oberflächlich sein oder gar eine wörtliche Lesart des Islams fördern.
- Es muss eine Verbreitung theologischer Gegendiskurse geben, die auf die Fragen der Muslime im Land und ihre Lebensumstände zugeschnitten sind. Dazu müssen muslimische Gelehrte entsprechende Gegendiskurse zum Extremismus entwickeln.
- Es sollten Workshops für Konvertierte im Speziellen und junge Muslime im Allgemeinen angeboten werden. Damit können diese Menschen besser betreut, ihre Fragen beantwortet und aktuelle Debatten thematisiert werden.
- Die muslimische Seelsorge sollte gestärkt werden, so dass es ein möglichst lückenloses Angebot auch in Spitälern, Asylbewerberheimen und Strafanstalten gibt.
- Imame und Religionslehrende sollten lokal ausgebildet werden. Solche Ausbildungen sind zurzeit nur im Ausland möglich. Leute in der Schweiz auszubilden ist aber wichtig, um der Lebensrealität in der Schweiz zu entsprechen, angepasst an den lokalen Kontext.
Schlussfolgerung
Es soll nochmal ausdrücklich gesagt werden, dass die grosse Mehrheit der Muslime sowohl in der Schweiz als auch im Rest der Welt islamistische Terroranschläge ablehnen. «Es ist jedoch heute erwiesen, dass religiöse Diskurse instrumentalisiert werden, um diese grenzenlose Gewalt im Dienste totalitärer ideologischer Kämpfe zu legitimieren, die im Übrigen häufig mit geopolitischen Strategien oder persönlichen Interessen verknüpft sind.» (Brodard, 2022: 56)
Extremismusprävention im Zusammenhang mit dem Islam kann nur in Zusammenarbeit mit muslimischen Organisationen funktionieren. Es braucht ihr Wissen und ihre Legitimität, um Argumente von Extremisten zu entkräften. Trotz dieser eigentlich so zentralen Rolle muslimischer Institutionen waren ihre Massnahmen bisher in der Schweiz nur mangelhaft. Besonders der Religionsunterricht für Jugendliche, die Vermittlung bei Identitätsproblemen und die Verbreitung ideologischer Gegenreden sind verbesserungswürdig.
Quelle
Brodard, Baptiste (2022): Prävention von gewalttätigem Extremismus in Verbindung mit dem Islam. Strategische Vision für die Schweiz, Biel.
Jasmin Schneider, Juni 2022