Zehnjähriges Jubiläum des Iman Zentrums in Volketswil

Vor kurzem habe ich von Herrn Kaser Alasaad eine Einladung zum zehnjährigen Jubiläum des Iman Zentrum Volketswil erhalten. Diese habe ich mit grosser Freude angenommen. Am 11. Juni fand dieser Anlass zum «Tag der offenen Moschee» und im Rahmen der Weiterbildung «Zürich Kompetenz» statt.

Baugeschichte

Am 6. Mai 2008 wurden zwei Grundstücke an der Juchstrasse erworben. Bereits einen Tag später, am 7. Mai 2008 wurde das Baugesuch eingereicht. Das Projekt wurde von Architekt Tony Marti entworfen, später war Akbar Hakimifard verantwortlich. Die Stiftung Islamisches Zentrum Volketswil wurde am 12. Dezember 2008 notariell beurkundet. Vier Tage später, am 16. Dezember 2008 wurde die SIZV gegründet. Die Gemeindebehörden von Volketswil erteilten am 14. April 2009 die Baubewilligung. Im Juni 2009 erfolgte die notarielle Beglaubigung des Grundstücks, sowie deren Uebertragung an die Stiftung. Mit der Grundsteinlegung und dem Spatenstich am 3. Mai 2010 begann der eigentlich Bau des Zentrums. Im Jahr 2012, am 9. Juli, wurde die Islamische Gemeinschaft Volketswil Zürich IGVZ gegründet, welche damit den Betrieb des Gebäudes übernahm. Die Nutzungsbewilligung durch die Gemeindebehörden Volketswil erfolgte am 13. Dezember 2012. Am 14. Dezember 2012 fand das erste Freitagsgebet statt. Die offizielle Einweihung fand am 30. Dezember 2012 statt.

Baubeschrieb

Das Iman Zentrum ist ein vierstöckiger Bau mit einem Bauvolumen von 11000 Kubikmetern. Die Fläche beträgt 2800 Quadratmeter. Der Gebetsraum für die Männer im Erdgeschoss bietet Platz für 500 Personen. Der Gebetsraum für die Frauen befindet sich im ersten Stock. Dort können 300 Frauen Platz finden. Neben der grosszügigen Eingangshalle beinhaltet der Bau auch diverse Räume für Schulungen und anderweitige Anlässe. Die Frauen haben ungehinderten Zugang zu allen Räumen des Zentrums. Neben zwei Gästezimmern ist mit einem Restaurationsbetrieb auch für die Verpflegung gesorgt. Auf dem zentrumseigenen Parkplatz können 75 Autos abgestellt werden. Mehrere Parkplätze sind eigens für Frauen reserviert und auch so gekennzeichnet. Ergänzt wird das Zentrum durch einen gepflegten Garten und eine Terrasse. Die Baukostenschätzung umfasst folgende Positionen: Grundstück 1,4 Mio. Franken, Baukosten 4,6 Mio. Franken, Inneneinrichtung 1,5 Mio. Franken, was einem Gesamtbetrag von geschätzten 7,5 Mio. Franken entspricht.

Interessante Führung

Die erste Begrüssung fand mit Kaser Alasaad (Imam), Beatrix Laila Oulouda (Stiftung Islamisches Zentrum Volketswil Zürich) und Fatima Elabed (Islamische Gemeinschaft Volketswil Zürich) im kleinen Kreis statt, da die Teilnehmerzahl beschränkt war.

Beatrix Laila Oulouda begann die Leitung der Führung durch die Moschee. Sie ist ehemalige Präsidentin und gleichzeitig auch Schulleitern der Schule ImanZentrum.

Sie erklärte, dass die Stiftung keinen Gewinn erstrebe und auch keinen Erwerbszweck erfülle. Der gesamte Bau sei mit Spendengeldern und ohne Unterstützung aus dem Ausland finanziert worden.

Die Führung beginnt im Erdgeschoss, im Gebetsraum der Männer. Vor den Gebeten wird jedes Mal eine rituelle Waschung vorgenommen von Gesicht, Ohren, Händen bis hin zu den Ellbogen und den Füssen. Die Waschräume befinden sich im Untergeschoss, wo auch Toiletten vorhanden sind. Die Schuhe werden vor Betreten des Gebetsraumes ausgezogen und in die vorhandenen Schuhablagefächer gepackt.

Die Gebete im Iman Zentrum werden in Arabisch und Deutsch abgehalten und alle Vorträge und der Unterricht werden auf Deutsch gehalten.

Heute wird uns auch ein wunderschönes Austellungstück, ein Miniatur Modellbau gezeigt, wo man Mekka, Medina und die erste Moschee sowie das Wohnhaus Mohammeds und seiner Frau Aisha anschauen kann. Ich finde dieses sehr schön gearbeitet und bringe in Erfahrung, dass selbiges aus Medina stammt.

Im Anschluss wird uns der Gebetsraum der Frauen gezeigt, der eine Etage höher liegt. Es wird erklärt warum die Frauen im Gebet getrennt sind von den Männern: Man könnte sich gegenseitig ablenken durch den Körperkontakt (Schulter an Schulter und Fuss an Fuss). Es wird erwähnt, dass es absolut normal ist, dass die Besucher auch Kinder mitnehmen, was Teils auch anspruchsvoll ist, da Kinder nicht immer ruhig sein können.

Der Gebetsraum, der offen ist (grosser Balkon zu den Männern), ist im Verhältnis kleiner als der darunter liegende. Die Erklärung hierfür ist aus alter Zeit. Für die Männer ist das Gebet in der Moschee empfohlen, wogegen es den Frauen freisteht, daran teilzunehmen oder nicht, weil die Frau früher meist Zuhause ihren Pflichten nachkam, während der Mann den Lebensunterhalt der Familie bestritt und schon draussen war.

Im Anschluss an diesen Eindruck durften wir die Bibliothek betreten, die Bücher in arabisch wie Deutsch führt. Es sind Korane und Geschichten/Berichte vom Propheten Mohammed. Jetzt ist der Moment, wo uns auch Herr Alasaad die Ehre gibt und die erste Sure des Korans in arabisch vorliest/singt. Er erklärt, dass die Farben, die in den Suren erkennbar sind, eine Hilfe für die Aussprache sind und es eine Ausbildung braucht, um diese zu beherrschen.

In der dritten Etage befinden sich Schulungsräume und ein Jugendraum. Es wird erklärt, dass der Jugendraum den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Verfügung steht, er wird vor allem an Wochenenden genutzt. Es sind auch Jugendliche willkommen, die keine Muslime sind.

Frau Fatima Elabed, Vorstandsmitglied der IGVZ (islamische Gemeinschaft Volketswil Zürich) stellt die IGVZ vor. Sie erzählt uns von den verschiedenen Angeboten, und dass alle BesucherInnen immer eine offene Tür finden. So werden z.B. regelmässig Führungen für Schulklassen der näheren und weiteren Umgebung gemacht. Sie hilft in der Frauengruppe mit, die monatliche Treffen und auch Familienausflüge organisiert.

Jetzt kommt der Moment, wo wir uns im Vortragsraum hinsetzen dürfen, und sich der Imam mit all seinen Aufgaben vorstellt.

Herr Kaser Alasaad kommt ursprünglich aus Syrien, wo er islamische Theologie studiert hat.  Seit 2014 lebt er in der Schweiz. Beruflich ist er als Imam der Islamischen Gemeinschaft Volketswil Zürich – ImanZentrum tätig. In der Schweiz absolvierte er diverse Weiterbildungen und ist zusätzlich zu seinem Beruf als Imam auch als Seelsorger bei der Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge (QuaMS) in den Bundesasylzentren der Asylregion Zürich wie auch in öffentlichen Institutionen aktiv. Ehrenamtlich engagiert er sich unter anderem als Helfer für arabische Flüchtlinge im Universitätsspital Zürich an der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik.

Kaser Alasaad ist Vorstandsmitglied der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich VIOZ, die er auch im Zürcher Forum der Religionen vertritt. Sein Ziel bei der Weiterbildung «Zürich Kompetenz» und der Mitwirkung im Zürcher Forum der Religionen ist es, mit allen anderen Religionsgemeinschaften zusammenzuarbeiten, um gemeinsam eine starke und kohärente Gesellschaft der Liebe, Toleranz und des Respekts aufzubauen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Im Anschluss an diese sehr eindrückliche Führung und den Vortragn des Imams gibt es einen offenen Austausch untereinander bei Kaffee und Kuchen.

Mein Fazit dieses Besuches ist überaus positiv. Bei Interesse kann ich einen Besuch in dieser Moschee sehr empfehlen. Die Leitung wie auch die Mitglieder haben einen offenen und sehr herzlichen Umgang mit jedem, auch mit Nichtmitgliedern und Menschen anderen Glaubens.

Ich bedanke mich an dieser Stelle für die Einladung bei Kaser Alasaad, Beatrix Laila Oulouda und Fatima Elabed. Das Jubiläum war eine sehr bereichernde Erfahrung.

Esther Wettler, Juni 2022

Lexikoneintrag Islamische Gemeinschaft Volketswil Zürich IGVZ

Sabbat-Schule und Präsenzkontrolle – Besuch eines Sabbatgottesdienstes der Siebenten-Tags-Adventisten in Marburg

Sabbat wie Zuhause

So früh musste ich schon lange nicht mehr aufstehen, um zu einem Gottesdienst zu gehen. Es war kurz vor halb zehn Uhr an einem Samstagmorgen, Sabbat, wie es die Adventisten nennen. Viele Gottesdienstbesucher waren schon da, doch einige Familien trudelten noch ein und begrüssten einander herzlich. Alle Mitglieder schienen sich sehr gut zu kennen und jede Abwesenheit wurde auch gleich bemerkt. So fiel ich sofort auf und wurde von einer Frau im mittleren Alter begrüsst und ausgefragt, was ich hier denn mache und von welcher Gemeinde ich kommen würde.
Viele Stühle standen in Reihen vor einem Podest, das mit Zimmerpflanzen geschmückt war. In der Mitte befand sich ein Rednerpult und der ganze Boden war mit einem grünen Teppich ausgelegt. Hohe Fenster liessen viel Licht und Luft in den Raum. Neben dem Podest stand ein Klavier und an der Wand hing ein grosses Kreuz. Der ganze Raum erinnerte mich mehr an ein gemütliches Wohnzimmer als an einen Kirchenraum.

Alles in Gottes Hand

«Morning has broken, like the first morning…» – Die Klaviermusik brachte alle zum Schweigen und der Gottesdienst konnte beginnen mit Hosea 2:20-22:
«An jenem Tage will ich einen Bund für sie schliessen mit den Tieren auf dem Felde, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm des Erdbodens und will Bogen, Schwert und Rüstung im Lande zerbrechen und will sie sicher wohnen lassen. Ich will dich mir verloben auf ewig, ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ich will dich mir verloben in Treue, und du wirst den HERRN erkennen.» (Lutherbibel, 2017)
Während der ältere, sehr aufgeweckte Mann die Bibelstelle vorlas, musste ich mich konzentrieren, um alles zu verstehen. Im hinteren Teil der Kirche sprachen einige Kinder sehr laut durcheinander. Doch der Redner auf dem Podest sprach davon, dass wir den Glauben daran nicht verlieren sollen, dass Gott in dieser Welt immer noch der Handelnde sei.

Spenden für die Mission

Es waren sehr viele Menschen im Gottesdienst, trotz der frühen Stunde. Viele ältere Leute, aber auch Familien mit Kindern. Sie alle erhoben sich nun und sangen gemeinsam ein deutsches Kirchenlied, dessen Text praktischerweise an die Wand projiziert wurde. Als sich alle wieder gesetzt hatten, wurden zwei Kindern Körbe in die Hand gedrückt und sie gingen durch alle Reihen um Spenden für die Mission einzusammeln. Der Redner kündigte an, dass zu einem späteren Zeitpunkt nochmals Spenden eingesammelt werden würden, dann für die eigene Gemeinde. Trotzdem dankte der Redner Gott schon mal für die erste Spendenrunde.

In der Sabbat-Schule

«Kommt herbei von nah und fern…» Im Anschluss an das nächste Kirchenlied begann der eigentliche Gottesdienst, so dachte ich zumindest. Doch zuerst sollten wir uns alle in zwei Klassen aufteilen und Bibelgespräche über die heutige Lektüre führen, die Familiengeschichte von Josef. Die nette Frau, die mich zu Anfang begrüsst hatte, drückte mir ein Studienheft zur Bibel in die Hand, damit ich schon mal reinschauen konnte. Alle Menschen in der Gruppe hatten ihre eigene Bibel dabei und der Redner von vorhin fungierte jetzt als Lehrer. Gelesen wurde zuerst 1.Mose 37:1-11. Der «Lehrer» fragte dann in die Runde, was sie von Josef denken. Josef sei selbstherrlich und verhasst, weil er vom Vater bevorzugt würde, so die Antworten. Darauf sagte der «Lehrer», dass Gott Gutes bewirken könne, auch in verfahrenen Situationen. Wie in einem Unterricht ging es weiter und der «Lehrer» stellte immer mehr Fragen an seine eifrigen Schüler. Es ging dabei zuerst darum, seine Kinder alle gleich zu lieben und keinen zu bevorzugen. Dann auch um die eigenen Schwächen und dass Gott diese zu Stärken machen könne. Schlecht über andere Menschen zu reden, würde auch negative Folgen für uns haben. Negative Gedanken hätten ja bereits negative Konsequenzen. Dazu fragte der «Lehrer» nach passenden Beispielen aus der Bibel. Ich kam mir vor wie in der Schule.

Die Suppe im Haar

Nun lasen wir weitere Teile, in denen es um die Gefühle von Josefs Brüder ging. Die Frage, die der «Lehrer» dann stellte, war, wie wir denn mit schlechten Gefühlen umgehen können. Ein jüngerer Mann antworte darauf, dass er sich dann mehrmals am Tag für eine Stunde ins Gebet zurückziehe. Eine interessante Lösung. Einige weitere Bibelstellen wurden zu Rate gezogen und die Gruppe kam zum Schluss, dass Vertrauen auf Gott, Durchhalten mit Gottes Hilfe und der Blick aufs grosse Ganze unabdingbar seien, um mit negativen Gefühlen umzugehen. Das alles würde nur funktionieren, wenn man Gott miteinbeziehe. Denn Gott sehe immer das Positive in uns und wir sollen nicht das Haar in der Suppe suchen. Da musste ich schmunzeln und dachte mir: «Suche nicht das Haar in der Suppe, sondern die Suppe im Haar.»

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Nun kam ein organisatorischer Teil, indem zuerst allen Mitgliedern gratuliert wurde, die in der letzten Woche Geburtstag hatten. Der Redner kündigte an, dass ab heute nach dem Gottesdienst endlich der «Potluck» wieder stattfinden würde. Das sei ein gemeinsames Essen, bei dem jeder etwas mitbrachte, erklärte mir die ältere Dame neben mir freundlich. Ausserdem würde die Kirchgemeinde nach dem Gottesdienst darüber abstimmen, ob der Gottesdienstbeginn eine halbe Stunde später sein soll. Es folgten weitere Ankündigungen zu Taufen und einem Gemeindeausflug in einen Tierpark, bevor noch einmal Geld für die Gemeinde eingesammelt wurde. Danach erhoben sich alle von ihren Plätzen, um für die Anliegen der Gemeinde und die abwesenden «Geschwister» zu beten. Es wurde genau registriert, wer nicht zum Gottesdienst erschienen war, jeder wurde namentlich erwähnt und ein Grund für die Abwesenheit genannt.

Gott nicht hinterfragen

Der Prediger war ein älterer Mann, aus einer anderen Gemeinde stammend und nur als Vertretung hier. Er begann mit Matthäus 20:1-17 «Von den Arbeitern im Weinberg». Die göttliche Ordnung sei nicht immer einfach zu begreifen, weshalb sie anhand von Alltagsgeschichten erklärt wurde, so der Prediger. Doch was sei nun Recht und wer entschiede, was Recht ist?
Jesus hatte gesagt so sei das Reich Gottes, wie in der Geschichte vom Weinberg beschrieben. Es gäbe verschiedene Wege in den Himmel, durch das Einhalten der Gebote oder durch das Recht Gottes und seine Einschätzung. Der Mensch sollte nicht nur seine Pflichten erfüllen, sondern auch den Sinn dahinter verstehen. Am Ende sei Gott der Souverän und er alleine würde entscheiden. Wer seien wir denn um Gott zu hinterfragen? Wir alle müssten Gottes Souveränität akzeptieren. Dabei sollten wir nicht neidisch auf andere sein, denn Gott würde uns alle einzeln begleiten und führen. Gott gäbe uns allen genau das, was wir persönlich brauchten, also sollten wir zufrieden sein. Der Prediger verwies auf das Johannes Evangelium, wo Petrus von Jesus gefragt wird, was ihn denn Johannes angehe. Petrus solle allein auf Jesus schauen und zufrieden sein. So sollten auch wir anderen handeln. Wir alle würden das Reich Gottes nicht verdienen, dorthin zu gelangen sie ein Akt der Gnade Gottes und genau auf uns abgestimmt. Es sei irrelevant wie lange jemand schon Christ ist, jeder würde ins Reich Gottes eintreten, denn der Himmel sei ein Geschenk Gottes. Gott wolle, dass wir zu ihm kommen und auf ihn vertrauen.

Unlucky potluck

«Komm atmet auf ihr sollt leben» – Mit diesem Lied endete die Predigt. Im Anschluss folgte ein Dankgebet und ein weiteres Lied: «Geht hin, ihr Gesegneten». Danach folgte die Abstimmung wegen des Gottesdienstbeginns und im Anschluss das «Potluck». Die ältere Dame neben mir beschwerte sich, dass dies jedoch nirgends vorher angekündigt worden sei und sie nun nichts dabeihatte. Anscheinend ging es fast allen so, weshalb nur eine einzige Person etwas dabeihatte.
Die Menschen strömten nun langsam aus der Kirche und ein junger Mann hielt mich auf. Er erzählte von ihrem Bibelkreis und lud mich herzlich dazu ein. Ich lehnte dankend ab und trat nach zweieinhalb Stunden Gottesdienst heraus in die Sonne.

Jasmin Schneider, Juni 2022

Lexikoneintrag Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten

Prävention von gewalttätigem Extremismus in Verbindung mit dem Islam – Strategische Visionen für die Schweiz

Bericht von Baptiste Brodard

Der Bericht zur Prävention von gewalttätigem Extremismus in Verbindung mit dem Islam wurde vom Verein Tasamouh in Auftrag gegeben. Dieser Verein wurde 2016 aus der Initiative einer muslimischen Frau aus der Region Biel gegründet, mit dem Ziel der Prävention von gewalttätigem Extremismus. Finanziert wurde der Bericht vom Arbeitskreis Religion Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, der Katholischen Kirche Region Bern und der Christkatholischen Landeskirche des Kantons Bern.

Ziel des Berichtes ist es, umsetzbare Präventions- und Interventionsmassnahmen für öffentliche Institutionen, für die Zivilgesellschaft und auch religiöse Organisationen zusammenzutragen. Erstellt wurde der Bericht von Baptiste Brodard vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Fribourg, Sozialwissenschaftler und Doktor der Religionswissenschaften, Experte für zeitgenössischen Islam und muslimische Gemeinschaften in Europa. In seinem Bericht konzentriert Brodard mehrjährige Feldarbeit zusammen mit Konsultationen diverser Fachleute, Betroffener und Helfender.

Definition von Extremismus

Im islamischen Extremismus wird eine wahhabitische und wörtliche Leseart des Islams gelehrt. Gewalt wird als ein akzeptables Mittel zur Erreichung der Ziele gesehen. Beispiele für solche Gruppen sind der Islamische Staat, Al-Qaida oder Boko Haram. Volkssprachlich werden sie auch Dschihadisten genannt, wobei der Dschihad im Islam eigentlich als «Anstrengung» auf dem Weg zu Gott gesehen wird. Der Dschihad spielt sich traditionell auf einer sozialen und spirituellen Ebene ab, und militärisch ausschliesslich als Befreiungskrieg.

Psychosoziale Faktoren

In der Schweiz sind Ausgrenzung, Marginalisierung und Stigmatisierung wesentliche Faktoren im Extremismus-Prozess. Menschen die sich dem gewalttätigen Extremismus zuwenden, sind oft verzweifelt und denken, sie hätten nichts mehr zu verlieren.
Für manche Menschen in solchen Krisensituationen ist der Islam eine Quelle der Beruhigung, die ihnen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft helfen kann. So kann der Islam einen positiven Effekt in Krisen haben, Spannungen lösen oder auch die Jugend von Kriminalität fernhalten, was in Frankreich beobachtet wurde. In den USA wurden positive Effekte bei Häftlingen festgestellt, welche zum Islam konvertierten. Sie haben öfters gute Wiedereingliederungschancen und die Häftlinge halten sich häufiger von Kriminalität, Gewalt und Suchtverhalten fern. Es ist wichtig zu betonen, dass nur ein kleiner Anteil der Menschen in Krisensituationen, die sich dem Islam zuwenden, sich radikalisieren. Diese Menschen sehen in ihrer Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit den Dschihadismus als ihre letzte Alternative.

Abgesehen von den bereits erwähnten Faktoren können Menschen auch andere Gründe für den gewalttätigen Extremismus haben. Opportunismus, materielle Gründe oder auch die Aussichten auf Heirat und Gemeinschaft können Beweggründe sein.

Der Prozess der Radikalisierung ist immer ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren, wobei Ideologien und Weltanschauungen eine wichtige Rolle spielen. Was extremistische Gruppen vereint, ist eine besondere Leseart des Islams, eng verbunden mit wahhabitischer Ideologie, eine dualistische und manichäische Weltsicht, ein millenaristischer Glaube und eine verschwörungstheoretische Lesart der Welt. Wahhabitische und salafistische Ideologien fördern Gewalt und lehnen die Kontextualisierung religiöser Texte ab. Eine intolerante Weltsicht vereint sich mit Verschwörungstheorien.

Urbane Subkulturen

Im frankophonen Westen (Frankreich, Schweiz, Belgien) hat sich in den letzten Jahren eine muslimische Subkultur entwickelt, mit eigener Jugendsprache, in welcher es eine klare Einteilung zwischen haram (verboten) und halal (erlaubt) gibt. Es entsteht eine Kultur der Widersprüche, wo es normal wird, dass junge Männer ihren Schwestern und Müttern sagen, sie müssten das Kopftuch tragen, ihre Haare zu zeigen sei haram, und gleichzeitig mit ihren Freundinnen Nachtklubs besuchen. In diesen Fällen wird Religion als Identitätsstütze genutzt und dazu missbraucht, Verhalten zu legitimieren, dass von den Normen abweicht.

Dazu zählen beispielsweise auch  Schlägereien oder Drogenkonsum. So «…wird der Islam letztlich als Werkzeug zur alternativen Identitätsbestätigung instrumentalisiert, die eine Opposition gegenüber dem Rest der Gesellschaft zum Ausdruck bringt.» (Brodard, 2022: 23)

Dschihadisten machen dieselben klaren Einteilungen in «haram» und «halal», «Gut» und «Böse», «Wir» und «die Anderen». Sie werten alle Sünden gleich, es gibt keine Abstufungen. So wird zum Beispiel Mord gleich gewertet wie der Konsum von Schweinefleisch.

Die oben beschriebene Subkultur hat einiges mit extremistischem Gedankengut gemeinsam. Bestimmte Mentalitäten und Subkulturen eignen sich als Nährboden für Extremismus.

Lehreinflüsse

Ein Problem der Muslime in Westeuropa ist ihre grosse Vielfalt. Viele verschiedene Moscheen kämpfen um Ansprüche und Legitimität, Muslime können zwischen einem pluralistischen Angebot wählen und durch das Internet werden noch mehr Interpretationen des Islams verfügbar. Das macht es den extremistischen Strömungen einfacher, sich zu verbreiten.

Im Wahhabismus gibt es zwei Hauptströmungen, die quietistische und die dschihadistische. Die quietistische Strömung lehrt, dass nur ein legitimer islamischer Staat Gewalt anwenden darf, um seine Ziele zu erreichen. Diese Form des Wahhabismus lehnt dschihadistische Gruppen zwar ab, fungiert jedoch oft als Türöffner für Extremismus. Auch diese Form des Wahhabismus fördert religiöses Sektierertum, wo alle anderen abweichenden Interpretationen des Islams ausgeschlossen werden. Der Koran soll wörtlich verstanden werden und nicht kontextualisiert werden. Der Zweck von religiösen Texten ist im Wahhabismus irrelevant.

Persönliche Einstellung

Die persönliche Einstellung eines Menschen ist der wichtigste Faktor auf dem Weg zum Extremismus. Meist liegt eine dualistische manichäische Weltsicht vor. Extremisten glauben exklusiv zu der einzig anerkannten Gruppe zu gehören, alle anderen Gruppen sollen abgelehnt und bekämpft werden. Alles wird in «Gut» und «Böse» eingeteilt, es gibt keine Nuancen.

Viele Muslime sprechen sich gegen Extremisten aus und bemühen sich deren Argumente zu widerlegen. Die Wirkung auf Extremisten ist oft eher klein, weil diese alle anderen Imame als Imame des Systems sehen, die nur westliche Interessen verfolgten. Jedoch helfen medial verbreitete Gegenreden zum Extremismus der öffentlichen Wahrnehmung des Islams in Europa.

Verschwörungstheorien

Im extremistischen Islam herrscht öfters der Glaube, in der Endzeit zu leben. Das bedeutet, dass der Antichrist (Dajjal) kommt und sich danach der Erlöser (Mahdi) öffenbaren wird. Im Unterschied zum Mehrheits-Islam glauben die extremistischen Strömungen, dass der Dajjal bereits hier ist in Form westlicher Mächte. Vermischt mit Verschwörungstheorien ergeben sich drei Gruppen: die satanischen Eliten (westliche Staaten), die versklavte Masse und die Widerstandskämpfer. Dschihadisten sehen sich als die Kämpfer für Freiheit und als diejenigen, welche die Welt retten müssen. Vor allem der «Islamische Staat» hat sich dieser Vorstellungen bedient, um junge Menschen zu rekrutieren. Allerdings gibt es nicht nur salafistisch-wahhabitische Gruppen, die diese Vorstellungen vertreten, sie kommen auch in schiitischem Kontext vor.

Manche Menschen sehen den Ursprung ihrer persönlichen Probleme in einer dämonischen Verschwörung gegen sich selbst durch Hexerei (Sihr) oder Geister (Dschinn). Die Welt erscheint ihnen böse, so flüchten sie sich in extremistische Gruppen.

Radikalisierungsförderliche Vorstellungen

  1. Das Gefühl, die Welt endlich so verstanden zu haben, wie sie ist, und der blinden Manipulation der Massen entkommen zu sein.
  2. Die Vision, dass die Welt von Korruption sowie von allgemeiner und globalisierter Ungerechtigkeit geprägt ist.
  3. Die Verbindung dieser Feststellung mit dem messianischen Glauben an das baldige Auftauchen oder die Präsenz des Antichristen, der vom daraufhin auftretenden Mahdi und vom wiederkehrenden Jesus bekämpft werden soll.
  4. Die Forderung, konkret Stellung zu beziehen, um zur «richtigen Seite» oder zur «erlösten Gruppe» zu gehören und gegen das Böse oder den Teufel Widerstand zu leisten, indem man auf der Seite Gottes steht.
  5. Die ideologische Implikation, sich der «geretteten Gruppe» anzuschliessen, selbst um den Preis schwerer Opfer (einige glaubten, im Projekt ‹Islamischer Staat› die lang ersehnte Rückkehr des Kalifats zu sehen).

Umfeld und Netzwerk

Das menschliche Umfeld, relationale Einflüsse und Netzwerke sind ein weiterer wichtiger Faktor in der Radikalisierung. Ein familiäres und freundschaftliches Umfeld kann als Bremse oder Zündstoff für Radikalisierung fungieren. Damit sich eine Person tatsächlich radikalisieren kann, muss sie sich physisch oder virtuell einer Gruppe anschliessen.  Nur durch ein Kollektiv und die damit verbundenen Beziehungen bekommt eine Tat ideologische Dimensionen. Diese Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Netzwerk macht den Unterschied zwischen einer Einzeltat und einem terroristischen Akt.

Neue Subkultur

Früher war der Islam in westeuropäischen Arbeitervierteln ein Symbol für Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. Dieses Bild hat sich heute gewandelt, der Islam wird vielerorts mit Gewalt und Terror assoziiert. Terrorismus wird banalisiert und der Dschihad gar als Ergebnis eines eifrigen und authentischen Islams gesehen. Durch die allgemeine Verbindung von Islam und Gewalt wird letzteres normalisiert. In der Schweiz gab es zwar Fälle von Radikalisierung vor allem in Winterthur und Biel, trotzdem kann hier nicht von ghettoisierten Vierteln gesprochen werden, wo gewalttätiger Extremismus wütet.

Gefängnisse

Durch Forschungen in Gefängnissen in der Schweiz über mehrere Jahre hinweg konnte Baptiste Brodard feststellen, dass die Bezüge der Insassen auf den Dschihad und terroristische Gruppen «Protestcharakter» haben. Es scheint den Häftlingen mehr um eine Ablehnung des Systems zu gehen, als um eine Ideologie. Aber auch diese provokante Form kann Extremismus normalisieren oder legitimieren und so zum Problem werden.
In der Schweiz sind Gefängnisse bisher keine besonderen Rekrutierungs-orte für dschihadistische Gruppen. «Dennoch bleibt das Gefängnis ein besonders sensibles und risikoreiches Gebiet, das von Natur aus ‹radikal› ist, da es Ausgrenzung, Marginalisierung und soziales Leid verdichtet.» (Brodard, 2022: 33)

Auswirkungen des soziopolitischen Klimas

Islamophobie und Stigmatisierung von Muslimen in Westeuropa bieten eine Bühne für Extremisten, welche das entstehende Gefühl der Viktimisierung missbrauchen. So kann die Diskriminierung von Muslimen zur Radikalisierung von Jugendlichen beitragen. Junge Muslime, die auf Feindseligkeit stossen, neigen eher dazu, sich zu radikalisieren im «Kampf» gegen ihre «Feinde». So verstärken sich Extremismus im Islam und Islamophobie gegenseitig. Extreme Haltungen auf beiden Seiten schüren die Polarisierung, deren Ergebnis natürlich ein Konflikt ist (Brodard, 2022: 35). Die Prävention sollte diese Polarisierung auf beiden Seiten bekämpfen und so eine «Co-Radikalisierung» verhindern.

Lösungsvorschläge

Verschiedene Projekte versuchen, diesen Risiken entgegen zu wirken.

Die Kumon Y`All Association in Dewsbury (UK)

Diese Vereinigung wurde von einem Imam in einer Stadt gegründet, wo es viele Muslime aus dem indischen Subkontinent gab, und wo mehrere Jugendliche in dschihadistische Terrorakte verwickelt waren. Das Ziel von Kumon Y`All ist es, eine integrative Gesellschaft zu fördern und Aktivitäten für unterschiedliche soziokulturelle Gruppen zu organisieren.

Als vor einigen Jahren viele Jugendliche wegen der Muhammad-Karikaturen wütend waren, wollten diese die Polizeistation anzünden. Kumon Y`All lud alle zu Diskussionsrunden ein, wo kein Vorschlag jemals direkt abgelehnt wurde. Die Betreuer versuchten den Jugendlichen eher Anregungen zu besseren Ventilen für ihre Wut zu geben. Die Jugendlichen wurden zum Nachdenken angeregt und dazu, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und auch deren Auswirkungen.

Der Verein Tasamouh in Biel

Der Verein Tasamouh setzt sich dafür ein, den Zusammenhalt ethnisch-kulturell unterschiedlicher Gruppen in der Gesellschaft zu stärken, Integration zu fördern sowie die Beziehung zur eigenen Identität in den Herkunftskulturen und der lokalen Gesellschaft zu stärken. Zudem arbeitet Tasamouh auch direkt mit Personen, die von Radikalisierung bedroht sind, betreut und berät Jugendliche und Familien.

Bei einem Fall betreute der Verein einen Jugendlichen, der mit gewalttätigem Verhalten und extremistischen Äusserungen aufgefallen war. Tasamouh baute ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf und zeigte ihm dann alternative Sichtweisen und berufliche Perspektiven. Es entstand ein Dialog und Tasamouh unterstützte den Jugendlichen bei der Integration und seiner Identitätsfindung.

In einem anderen Fall ging es um eine erwachsene Person, die sich vom «Islamischen Staat» angezogen fühlte und zum Islam konvertierte. Tasamouh versuchte, deren problematische Sichtweise zu entschärfen und der Person zu helfen, ihre Identität zu finden. In Einzelgesprächen äusserte sich die Person radikal aus Angst, nicht «halal» zu sein, weil sie ihr Geschlecht gewechselt hatte. Diese Person war durch die eigene Sinnsuche und Informationen aus dem Internet in den Dschihadismus geraten.

Verringerung von Risiken

Auf lokaler Ebene geht es um die Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Muslimische Gemeinschaften und die nicht-muslimische Gesellschaft sollen sich kennen und respektieren lernen. Auf einer anderen Ebene sollten Massnahmen ergriffen werden, die gezielt Jugendliche ansprechen, welche potenziell betroffen sein könnten. Wichtig ist dabei vor allem «die soziale Integration durch Begleitung und Vermittlung zu fördern» (Brodard, 2022: 43) und die «Entwicklung der religiösen Bildung und des kritischen Denkens junger Muslime» (Bordard, 2022:43) zu verbessern.

Bekämpfung der Feindseligkeit gegenüber dem Islam

Die Ausgrenzung von Muslimen in der Gesellschaft begünstigt gewalttätigen Extremismus. Dagegen helfen könnte, den Islam bekannt zu machen, verschiedene Interpretationen aufzuzeigen und so den Nicht-Muslimen Angst und Vorurteile zu nehmen.

Bei Hassreden gegen den Islam fehlt es meist an einer theologisch fundierten Antwort seitens muslimischer religiöser Autoritäten oder Denker. Das führt vermehrt zu extremistischen Diskursen und Islamophobie, Feindseligkeit und Diskriminierung.
Daraus entsteht ein Diskurs, der von den Musliminnen und Muslimen verlangt entweder extremistisch zu werden, dem vermeintlich «wahren Islam» zu folgen, oder die Religion aufzugeben.

Religiöse Erziehung und theologischer Gegendiskurs

Die religiöse Erziehung ist eines der besten Mittel gegen Extremismus. Es braucht religiöse Instanzen und Gelehrte, an die sich Jugendliche wenden können, welche in der Lage sind, die dschihadistischen Auslegungen zu widerlegen.

Soziale Integration und Mediation

Ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt verhindert Extremismus. In Therapien von Betroffenen sollte es dann darum gehen, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben und bei einem intrakulturellen Ansatz gemeinsame Identitätsmerkmale zu finden.

Empfehlungen an öffentliche Einrichtungen und Verbände

Öffentliche Einrichtungen könnten nachhaltige Schulungen für Lehrpersonen, Fachleute der Sozialarbeit und Erziehende organisieren. Das ist wichtig, damit diese unterscheiden können zwischen echtem Risiko und radikaler Religionsausübung, die für die Gesellschaft jedoch ungefährlich ist.

Schulpersonal oder SozialarbeiterInnen könnten sich in ihrer Arbeit auf «identitätsstiftende» (kulturelle, religiöse, soziale) Ressourcen von Partnern (Personen und Organisationen) beziehen. Dabei soll eine Konkurrenz zwischen sozialen und religiösen Akteuren vermeiden und vielmehr Zusammenarbeit gefördert werden.

Empfehlung an die Kirchen

Kirchen könnten Jugendtreffs anbieten und dazu eine Begleitung, die für alle offen steht und offene Dialoge fördert. SozialarbeiterInnen sollten ein Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen aufbauen und sie bei der Suche nach ihrer Identität unterstützen.
Kirchen könnten thematische Begegnungen mit dem Islam möglich machen, muslimische Fachleute einladen und Toleranz, Verständnis und Zusammenleben fördern. In Vorträgen könnte die Vielfalt des Islam dargestellt werden.

Empfehlungen an islamische Organisationen und Zentren

Die wichtigste Rolle in der Präventionsarbeit gegen Extremismus fällt den muslimischen Organisationen zu. Sie sollten dabei zwei Zielgruppen ansprechen, zum einen die umgebende Gesellschaft, um dort den Islam vorzustellen sowie Dialog und Zusammenhalt zu fördern, zum anderen die muslimischen Menschen selbst, denen ein angemessener und kontextualisierter Islamunterricht angeboten werden sollte.

Prioritäten

  1. Die Einrichtung von Räumen für freie Diskussionen über den Islam und die Gesellschaft (Themenabende, Debatten, Vorträge, Filme…) wäre eine Priorität. Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, gutes muslimisches Fachpersonal einzuladen, welches auf alle Kritik gut antworten und Extremismus entkräften kann.
  2. Es gilt die Entwicklung einer Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern im Allgemeinen zu fördern, um ein korrekteres Bild des Islams zu vermitteln (Informations-, Diskussionskampagnen).
  3. Es können Kurse organisiert werden, welche die religiösen Lehren im Lichte der Lebenssituationen der Teilnehmenden kontextualisieren. Der Religionsunterricht darf keinesfalls oberflächlich sein oder gar eine wörtliche Lesart des Islams fördern.
  4. Es muss eine Verbreitung theologischer Gegendiskurse geben, die auf die Fragen der Muslime im Land und ihre Lebensumstände zugeschnitten sind. Dazu müssen muslimische Gelehrte entsprechende Gegendiskurse zum Extremismus entwickeln.
  5. Es sollten Workshops für Konvertierte im Speziellen und junge Muslime im Allgemeinen angeboten werden. Damit können diese Menschen besser betreut, ihre Fragen beantwortet und aktuelle Debatten thematisiert werden.
  6. Die muslimische Seelsorge sollte gestärkt werden, so dass es ein möglichst lückenloses Angebot auch in Spitälern, Asylbewerberheimen und Strafanstalten gibt.
  7. Imame und Religionslehrende sollten lokal ausgebildet werden. Solche Ausbildungen sind zurzeit nur im Ausland möglich. Leute in der Schweiz auszubilden ist aber wichtig, um der Lebensrealität in der Schweiz zu entsprechen, angepasst an den lokalen Kontext.

Schlussfolgerung

Es soll nochmal ausdrücklich gesagt werden, dass die grosse Mehrheit der Muslime sowohl in der Schweiz als auch im Rest der Welt islamistische Terroranschläge ablehnen. «Es ist jedoch heute erwiesen, dass religiöse Diskurse instrumentalisiert werden, um diese grenzenlose Gewalt im Dienste totalitärer ideologischer Kämpfe zu legitimieren, die im Übrigen häufig mit geopolitischen Strategien oder persönlichen Interessen verknüpft sind.» (Brodard, 2022: 56)

Extremismusprävention im Zusammenhang mit dem Islam kann nur in Zusammenarbeit mit muslimischen Organisationen funktionieren. Es braucht ihr Wissen und ihre Legitimität, um Argumente von Extremisten zu entkräften. Trotz dieser eigentlich so zentralen Rolle muslimischer Institutionen waren ihre Massnahmen bisher in der Schweiz nur mangelhaft. Besonders der Religionsunterricht für Jugendliche, die Vermittlung bei Identitätsproblemen und die Verbreitung ideologischer Gegenreden sind verbesserungswürdig.

Quelle

Brodard, Baptiste (2022): Prävention von gewalttätigem Extremismus in Verbindung mit dem Islam. Strategische Vision für die Schweiz, Biel.

Jasmin Schneider, Juni 2022

Als «Gruftie» unter «Grufties» – Eindrücke vom 29. Wave Gotik Treffen an Pfingsten 2022 in Leipzig

Über Pfingsten 2022 fand nach zwei Jahren Corona-Pause wieder das Wave Gotik Treffen WGT in Leipzig statt, die grösste Veranstaltung der Gothic-Szene – auch Schwarze Szene oder früher «Grufties» genannt – im deutschen Sprachraum. Das WGT wurde im Jahr 1992 begründet und 2022 zum 29. Mal veranstaltet. Mitarbeitende von Relinfo waren schon fünfmal dabei: 2003 am 12., 2006 am 15., 2013 am 22., 2016 am 25. und nun 2022 am 29. WGT. Die Rekordteilnehmendenzahlen der 2010er Jahre, als teilweise über 20’000 Personen am WGT mitwirkten, wurden dieses Jahr nicht erreicht, aber mit insgesamt 15’000 Besuchenden wirkten die Veranstaltungsorte doch sehr gut gefüllt.

Alternde Jugendszene

Schon der erste Eindruck der zu den Veranstaltungen strömenden Angehörigen der Gothic-Szene machte deutlich: Das WGT ist in die Jahre gekommen, und mit ihm sein Publikum. Der Altersdurchschnitt war weit höher als in früheren Jahrzehnten, und der Schreibende fiel mit seinen bald 56 Lenzen nicht weiter auf. Jugendliche Goths waren auch 2022 nach wie vor anzutreffen, aber viel weniger zahlreich als in den 2000er Jahren, als unzählige Gruppen von Gruftie-Teenies zum WGT strömten. Dieser Augenschein bestätigt das, was von der Schwarzen Szene in der Schweiz zu hören ist, dass nämlich der Nachwuchs zurzeit weitgehend fehlt. Bei mancher Veranstaltung am WGT hat sich das Publikum altersmässig nicht so anders angefühlt als bei einem durchschnittlichen Sonntagsgottesdienst.

Gothic meets Halloween

Unterschiede zum Gottesdienst-Publikum gab’s natürlich beim Styling. Traditionelle Gruftie-Kleidung wie in den 2000ern war immer noch populär, die Ausdifferenzierung der Szene in den 2010er Jahren in Viktorianische Goths, Vampire Goths, Industrial etc. ist nur noch partiell zu beobachten, so war die Zahl der Steampunks deutlich geringer als Mitte der 2010er Jahre.

Sehr trendy sind demgegenüber Fantasy-Stylings, die sich an Serien wie Vikings, Game of Thrones oder The Witcher anlehnen. Kunstblut war oft zu sehen, manche Masken hätten ebenso gut an einer Halloween-Party getragen werden können wie am WGT.

Wikinger, Goten und Sachsen

Traditionell zum WGT gehört das Heidnische Dorf beim Torhaus Dölitz, das einen erweiterten Mittelaltermarkt mit Verkaufsständen, Konzerten und Reenactment Events darstellt. Das Heidnische Dorf, das gegenüber den 2000er Jahren deutlich angewachsen ist, war auch 2022 sehr gut besucht, die Neuheiden- und Mittelalterszene erfreut sich bei den Goths nach wie vor grosser Beliebtheit.

In vergangenen Jahren hiess das Heidnische Dorf mit Untertitel «Wikingerlager». 2022 war es als «Gotenlager» ausgeschrieben. Soll mit dieser Umbenennung kulturelle Aneignung vermieden werden? Die Bezeichnung als Gotenlager bezieht sich vermutlich darauf, dass «Goten» ein Spitzname für die Angehörigen der Gothic-Szene ist, denn das historische Volk der Goten hat mit dem Raum Leipzig wenig gemein. Der Beobachter fragt sich, weshalb das Heidnische Dorf nicht nach dem Bundesland als Sachsenlager benannt wird – als germanisches Volk waren die Sachsen ja ebenso prominent wie die Goten oder die Wikinger.

Wachsender Einfluss der nordischen Vorstellungswelt

Trotz des Wegfalls des Terminus «Wikinger» aus der Bezeichnung des Heidnischen Dorfes ist der Einfluss der nordischen Kultur auf das WGT immens gewachsen. So war beim Publikum der Mjölnir, Thors Hammer, das mit grossem Abstand am häufigsten getragene einzelne Symbol, vor allem als Anhänger an Halsketten, aber auch als Tattoo oder auf Kleidern. Andere gaben sich durch Symbole wie den Weltenbaum Yggdrasil, die Runenreihe Futhark oder den Knoten Walknut als Sympathisanten der nordischen Vorstellungswelt zu erkennen.

In den 2000er Jahren war das meistgetragene Symbol noch das Hexenpentagramm, der fünfzackige Stern, der mit einer Spitze nach oben in einen Kreis eingezeichnet ist. Gelegentlich war es immer noch zu sehen, andere trugen ein satanistisches Pentagramm mit zwei Spitzen gegen oben oder ein umgekehrtes Kreuz. Überraschend viele Teilnehmende präsentierten sich mit aufrechtem, christlichem Kreuz.

Weltanschauliche Literatur lieferte die Edition Roter Drache aus Meschede, die diverse Titel aus der nordischen Kultur und dem neugermanischen Heidentum im Angebot hat und mit je einem Stand in der Agra-Halle und im Heidnischen Dorf vor Ort war.

Partielle Diversität

Die Gothic-Szene präsentierte sich am WGT gendermässig sehr vielseitig, alle Sexualitäten waren gut vertreten und zeigten sich offen, aber in Sachen Hautfarbe war die Diversität erstaunlich gering und kein Abbild der Gesellschaft in Mitteleuropa. Fast alle Angehörigen der Schwarzen Szene waren weisser Hautfarbe, einzelne hatten asiatische Wurzeln, aber schwarze Schwarze waren kaum zu sehen. Für die Gothic-Szene gilt offenbar, was auch von der Mittelalterszene bekannt ist: sie wird von Menschen nichtweisser Hautfarbe als wenig attraktiv angesehen, oder sie fühlen sich gar nicht willkommen. Dabei Zusammenhänge zu vermuten mit dem wachsenden Einfluss der nordischen Vorstellungswelt und neugermanischer Ansätze unter Goths legt sich durchaus nahe, was für die Zukunft der Szene und des WGT wenig Gutes verheisst.

Georg O. Schmid, 9. Juni 2022

Christina von Dreien zwischen Flachweltlern und Post-Corona-Bewegungen – Christinas von Dreien neues Buch «Der Ungehorsam der Liebe»

Zu ihrem 21. Geburtstag am 15. April 2022 hat die Schweizer Jung-Esoterikerin Christina Meier alias Christina von Dreien ihren Fans ein Geschenk gemacht: es erschien – wegen Speditionsschwierigkeiten in Tschechien ein paar Tage verspätet – das fünfte Buch der Christina-von-Dreien-Buchreihe unter dem Titel «Der Ungehorsam der Liebe. Was wir Positives aus der gegenwärtigen Weltsituation lernen können». Ediert wurde das Buch genau wie die bisherigen vier Bände vom Govinda-Verlag, vom Umfang her gleicht das Werk mit bloss 123 Seiten dem vierten Band der Buchreihe, der unter dem Titel «Am Ende wird alles gut» im Herbst 2020 als schmales Bändchen erschien und sich damit optisch von den deutlich umfangreicheren drei ersten Bänden absetzte.

Erwachte sprachliche Begabung?

Die ersten beiden Bände der Christina-von-Dreien-Buchreihe wurden von Christinas Mutter Bernadette verfasst, von welcher sich Christina aber im Jahr 2019 trennte, um seither mit ihrer Managerin Nicola Good zusammenzuarbeiten (und dem Vernehmen nach auch zusammenzuwohnen). Der dritte und vierte Band der Buchreihe bestanden vorwiegend aus Mitschriften von Tagesseminaren, zusammengestellt von Christinas Verleger, dem Govinda-Gründer Ronald Zürrer, und zeigten den typischen dialektal geprägten, einfach strukturierten und volkstümlichen Sprachstil Christinas von Dreien. Der fünfte Band enthält nun neben Ausschnitten von Christinas von Dreien «Love Stream» genannten Webinaren auch Aufsätze, die spezifisch für die Publikation verfasst wurden und eine deutlich gehobenere und literarischere Diktion aufweisen. Hat Christina von Dreien inzwischen eine Begabung in der Beherrschung der deutschen Sprache entwickelt, die sich bisher nicht gezeigt hat? Oder ist die gewandtere Ausdrucksweise eher auf Nicola Good zurückzuführen, die im Band unter «Korrektorat» erwähnt wird?

Eine Frage des Weltbildes

Das Titelbild des Bandes führt mitten in eines der Themen, die im Band neu auftauchen: die Debatte ums richtige Weltbild. Das Cover zeigt auf dunkelblauem Hintergrund eine herzförmige Erde, von der pastellfarbige Strahlen ausgehen. Ein rosafarbener Strahl entspringt offensichtlich dem Alpenraum, damit möglicherweise Christina von Dreien selbst meinend. Die herzförmige Erde vereinigt zwei wesentliche Themen im Werk: Die Liebe, welche Christina von Dreien als stärkste Kraft im Universum sieht, und die Frage des richtigen Weltbildes. Christina von Dreien ist Hohlweltlerin, sie vertritt seit Jahren die ursprünglich auf den britischen Astronomen Edmund Halley (1656-1742) zurückgehende, im 19. Jahrhundert von der Theosophie aufgegriffene Theorie, dass die Erde im Innern hohl sei, und dass auf der Innenseite dieser Hohlkugel Ozeane und Kontinente liegen würden, die von einer kleinen Zentralsonne im Erdmittelpunkt beleuchtet seien. In diesen Hohlraum hätten sich, so die Theorie, an der Erdoberfläche untergegangene Kulturen und ausgestorbene Tiere, aber auch Ausserirdische zurückgezogen. Die Existenz dieser Innenwelt würde von Politik, Wissenschaft und Medien systematisch verheimlicht, was die Hohlwelt-These zur Verschwörungstheorie macht.

Christina von Dreien als Verschwörungstheoretikerin

Christina von Dreien greift seit Jahren diverse im Internet gängige Verschwörungstheorien auf und entwickelt sie teilweise weiter. Im neusten Buch räumt Christina von Dreien dies ein und meint: «Darum stört es mich nicht, wenn ich als «Verschwörungstheoretikerin» bezeichnet werde. Ich würde lediglich ergänzen, dass die unlichte Verschwörung leider keine Theorie ist, sondern eine bittere Wahrheit.» (s. 56f.) Doch nicht jede Verschwörungstheorie wurde von Christina von Dreien akzeptiert, so distanzierte sie sich in der Vergangenheit ausdrücklich davon, in einer irdischen Person einen Erlöser zu sehen, wie das die QAnon-Fans mit Donald Trump und andere Verschwörungsgläubige mit Wladimir Putin tun. Nicht eingetreten ist Christina von Dreien auch auf die zurzeit vermutlich am stärksten wachsende Konspirationsthese, die Flachwelt-Theorie.

Hohlweltler vs. Flachweltler

Flachweltlerinnen und Flachweltler glauben, dass unsere Erde eine Scheibe ist, mit dem Nordpol im Mittelpunkt und der Antarktis als Eiswand um die Scheibe herum. Sonne, Mond und Sterne sind vergleichsweise kleine Lichter am käseglockenartig gedachten Himmelszelt. Gravitation existiert ebensowenig wie Evolution, die Naturwissenschaften sind Fake und Teil eines grossen Betruges. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Verschwörungsfans der Flachwelt-Theorie geöffnet, so sind etliche ehemalige Hohlwelt-Gläubige zur flachen Erde konvertiert. Christina von Dreien ist diesen Schritt bisher nicht gegangen, er würde eine erhebliche Umstellung ihres Weltbildes voraussetzen, so würden Christinas Ausführungen über Kulturen im Innern der Erdkugel ebenso hinfällig wie die Erzählungen von Ausserirdischen, die von anderen Planeten stammen sollen. Für die Tatsache, dass Christina nach wie vor die in Sicht der Flachwelt-Gläubigen «dreckige Lüge von der Kugelerde» verbreitet, erfährt sie unter Verschwörungsfans zunehmend Kritik.

Flachwelt-Fans als Hemmschuh für die heile Welt?

Die unter Verschwörungsfans zwischen Hohlwelt- und Flachwelt-Gläubigen tobende Debatte ums rechte Weltbild hat nach Christina von Dreien gar eine heilsgeschichtliche Komponente. Schon länger vertritt Christina von Dreien die Ansicht, dass eine ausreichend grosse Zahl von Lichtarbeitenden, von «Erwachten», dazu führen würde, dass die übelwollenden Ausserirdischen, welche unsere Welt in ihren Klauen halten, abziehen müssten. Nun wäre dieses Quorum offenbar erreicht: «Nach meiner Einschätzung wäre die Anzahl der Menschen, die bereits aufgewacht sind, theoretisch mittlerweile ausreichend gross, damit sich die Zustände auf der Erde grundlegend verbessern könnten. Das Problem besteht derzeit jedoch darin, dass wir noch nicht alle in die gleiche Richtung ziehen, dass wir noch keine Einheit, sondern untereinander gespalten sind. Auch unter Menschen, die sich als erwacht bezeichnen würden, kommt es nach wie vor immer wieder zu Uneinigkeiten, Streitigkeiten und Konkurrenzkämpfen, und dies Konflikte bewirken, dass sie ihre Energien nicht in die gleiche Richtung bündeln. … Zum Beispiel gibt es Leute, die der Meinung sind, die Erde sei eine runde Kugel, während andere die Meinung vertreten, die Erde sei eine flache Scheibe oder ein Würfel oder sonst irgend etwas.» (s. 20)

«Kompatibles» Weltbild als Voraussetzung

In Details mag es, so Christina von Dreien, unter Lichtarbeitenden Dissens ertragen, nicht aber in der Frage des Weltbilds: «Selbstverständlich braucht es für eine grossangelegte gemeinsame Bemühung mit anderen Menschen gewisse grundlegende Übereinstimmungen. Das Weltbild etwa sollte kompatibel sein oder das zentrale Augenmerk auf die Liebe und den Frieden.» (s. 21)

Flachweltler als Agenten des «Unlichts»?

Wer der Etablierung der «Heilen Welt», die Christina von Dreien erwartet, dem «Aufstieg in die fünfte Dimension» entgegenwirkt, dient, so Christinas von Dreien dualistische Logik, nicht dem Licht, sondern dem «Unlicht»: «Solange die vielen Menschen, die weltweit schon ein Stück weit aufgewacht sind, untereinander zerstritten und gespalten bleiben und keine Einheit bilden, haben sie nicht ausreichend Kraft, um wirklich Grosses zu bewegen. Von der Anzahl her mögen wir mittlerweile genügend sein, aber noch nicht von der Geschlossenheit her. Das Problem ist nicht mehr, dass wir zu wenige sind, sondern dass wir uneins sind. Diese Spaltung unter den Lichtarbeitern ist vom herrschenden System durchaus gewollt und wird auch fleissig geschürt.» (s. 21)

Flachwelt-Bewegung als Ausrede?

Die lesende Person fragt sich, ob Christina von Dreien die Flachwelt-Bewegung argumentatorisch nicht auch gelegen kommt. Seit Jahren verbreitet sie Hoffnungen auf die baldige Etablierung der «Heilen Welt», auf den Aufstieg in die fünfte Dimension. Seit Jahren fordert sie ihre Fans dazu auf, für dieses Ziel zu meditieren, positiv zu denken und Treffen mit Gleichgesinnten zu veranstalten. Die Bilanz ist bisher mager, was zu Abgängen unter Christina-Fans geführt hat. Dass Christina nun einen Grund angeben kann, weshalb sich die von ihr befeuerten Erwartungen noch nicht erfüllt haben, könnte für sie auch ganz nützlich sein.

Heile Welt «ziemlich sicher» vor 2030

Trotz anhaltender Debatten ums rechte Weltbild hält Christina von Dreien daran fest, dass die Tage der übelwollenden weltbeherrschenden Ausserirdischen gezählt sind. In ihrem neusten Buch wagt sie sogar eine Prognose mit Jahreszahl, allerdings auch mit Einschränkung: Entscheidend «ist, wie gut es den aufgewachten Lichtarbeitern gelingen wird, ihre Meinungsverschiedenheiten hinter sich zu lassen, sich konstruktiv zu verbinden und eine geschlossene Einheit zu bilden. Diese Geschlossenheit der Lichtarbeiter ist ein sehr wirkungsvoller Weg, um die kollektive Schwingung der Menschheit zu erhöhen und das System des Unlichts zum Kippen zu bringen. Wann genau dieses Kippen passieren wird, weiss ich wie gesagt nicht. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass die unlichten Kräfte bis zum Jahr 2030 nicht mehr hier sein werden.» (s. 83)

Erneute Panikmache

Bis dahin erwartet Christina von Dreien aber schwierige Zeiten: «So, wie es aktuell aussieht, könnte es tatsächlich erst einmal nochmals schlimmer werden» (s. 80f.), und sie windet sich zwischen ihren Unheilserwartungen und dem fürs Positive Denken geltenden Verbot, mit Negativem zu rechnen: «Aus diesem Grund kann es nicht schaden, wenn wir uns auf eventuelle Stromausfälle oder Versorgungsengpässe vorbereiten und einige Notvorräte anlegen» (s. 81) «Wir können es ohne Angst einfach deswegen tun, weil es weitsichtig und klug ist und weil die gegenwärtige Weltsituation so aussieht, dass tatsächlich gewisse Gefahren drohen.» (s. 82) «Falls es am Ende dann doch nicht so schlimm kommt wie vermutet, umso besser. Dann können wir unsere nicht gebrauchten Notvorräte einfach verschenken.» (s. 83) Wer jeweils wortwörtlich umsetzt, was Christina von Dreien rät, hat im Verschenken ungebrauchter Notvorräte bereits Erfahrung, da Christina ihre Fans schon im Sommer 2020 zur vorsorglichen Lagerung von Lebensmitteln anhielt.

Wilde Warnungen vor der Covid-Impfung

Panik verbreitet Christina von Dreien in ihrem neusten Buch auch zum Thema der Covid-Impfung. Sie greift einige der umlaufenden Verschwörungstheorien zu diesem Thema auf, entscheidet sich aber nicht für eine, sondern vertritt mehrere gleichzeitig: «Meiner Meinung nach bezwecken die weltweiten Massenimpfungen unter anderem, die Menschen von ihrer Intuitionskraft und von ihrer Seele abzutrennen. Diese Substanzen können auch eine Veränderung der DNA bewirken. Es wäre übrigens nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass solche Veränderungen vorgenommen wurden: es geschah beispielsweise auch schon damals in Atlantis. Die Substanzen, die den Menschen injiziert werden, haben eine unterschiedlich schädliche Wirkung, denn nicht alle Impfchargen enthalten dieselben Substanzen. Alles in allem ist es ein grossangelegter Feldversuch. Aus meiner Sicht sollte man daher, wenn irgend möglich, Impfungen vermeiden.» (s. 116) Stringenter wirkt Christinas Sichtweise durch diesen Blumenstrauss an Verschwörungserzählungen nicht, vielmehr entsteht der Eindruck, dass Christinas übelwollende Weltherrscher nicht nur «unlicht», sondern auch etwas unterbelichtet sind, insofern sie nicht genau wissen, was sie eigentlich wollen.

Aufbau einer Parallel-Gesellschaft

Sehr explizit fordert Christina von Dreien in ihrem neusten Buch die Lichtarbeitenden dazu auf, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen und am Aufbau einer besseren Gesellschaft mitzuarbeiten, welche das «aktuelle System» ablösen soll: «Je mehr wir das System durchschauen, desto mehr Kraft gewinnen wir, um dieses System abzulösen. Dies beginnt damit, dass wir parallel zum noch herrschenden System eine neue Gesellschaft des Positiven aufbauen. Das aktuelle System kann nicht repariert oder zum Guten gewendet werden.» (s. 59f.)

Der Ungehorsam der Liebe: Vegetarismus, Kirchenaustritt, Abbestellung von Abonnementen

Weil sie nicht reformierbar und deshalb zum Untergang verdammt ist, gilt der bestehenden Gesellschaft gegenüber der «Ungehorsam der Liebe», welchen Christina von Dreien in den Titel ihres Buches gesetzt hat. Wie dieser konkret aussehen kann, beschreibt sie so: «Es kann sich auf allen Ebenen zeigen. Zum einen kann man auf der physischen Ebene ungehorsam sein, indem man beispielsweise aufhört, Fleisch zu essen, weil man nicht unterstützen möchte, dass Tiere grausam behandelt und umgebracht werden. Oder man tritt aus der Kirche aus, weil man festgestellt hat, dass die Ansichten und Handlungen der Kirche nicht mit den eigenen Überzeugungen vereinbar sind. Oder man kündigt die Abonnements von Zeitungen und so weiter, weil man entschieden hat, dass man sich ihrer manipulativen Berichterstattung nicht mehr länger aussetzen möchte.» (s. 47)

Christina von Dreien als Förderin der Post-Corona-Bewegungen

Die Lichtarbeitenden sollten sich, so Christina von Dreien, «mit gleichgesinnten Menschen zusammentun und unsere vereinten Kräfte darauf konzentrieren, schon jetzt gemeinsam eine Art positive Parallelgesellschaft aufzubauen. Es gibt so viele Menschen, die gute Ideen und gute Projekte für neue Formen der Politik, der Wissenschaft, der Medizin, der Landwirtschaft, der Bildung, der Kunst und so weiter haben – sogar mitten in den aktuellen Strukturen des Unlichts. In allen Lebensbereichen haben sich bereits gute Menschen platziert, die daran arbeiten, eine schönere und friedlichere Welt möglich zu machen. So gesehen hat das Licht das herrschende System längst schon unterwandert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis all diese Lichtarbeiter aufstehen werden und bis all diese vielen positiven Projekte sich nachhaltig durchsetzen werden.» (s. 58f.) Mit ihrer Aufforderung zur Etablierung einer Parallelgesellschaft unterstützt Christina von Dreien die Anliegen der Post-Corona-Bewegungen, ja, ihre Ausführungen lesen sich geradezu wie ein Aufruf, sich bei Urig oder Graswurzle zu engagieren: «Wenn wir in Zukunft in einer schöneren und heileren Welt leben wollen, wenn wir ein Stückchen näher an das Paradies kommen wollen, nach dem wir uns alle sehnen, dann müssen wir selber anpacken. … Ein essenzieller Schritt dabei besteht darin, dass wir uns vernetzen mit Menschen, die ebenso denken wie wir und die sich ebenfalls für das Positive, Liebevolle und Lichtvolle einsetzen möchten. Dieses Vernetzen der Lichtkräfte wird der Schlüssel für den globalen Wandel sein.» (s. 19, Hervorhebung im Original). Wird diese Empfehlung der Post-Corona-Bewegungen deren ohnehin starkes Wachstum noch beschleunigen? Denkbar ist dies angesichts der Zahl von über 22’000 Abonnierten in Christinas von Dreien Telegram-Kanal durchaus.

Georg O. Schmid, 2. Juni 2022

«Religion ist wichtiger als Liebe» – Besuche bei der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Frankfurt und Gießen

Ein Sonntag voller Nächstenliebe

Es war ein sonniger Sonntagmorgen und so ging ich zu Fuss zur Ahmadiyya Mosche in Gießen. Unterwegs entdeckte ich eine evangelische Freikirche, die wohl recht beliebt war, denn viele Menschen strömten hinein. Vor dem Tor kniete ein älterer Mann und bettelte um etwas Geld. All die FreikirchlerInnen zogen an ihm vorbei und blickten auf ihn herunter. Keiner half ihm oder gab ihm etwas, von wegen «Nächstenliebe». Aber diese interessante Beobachtung nur am Rande, denn in diesem Erfahrungsbericht geht es um ein Gespräch mit einem Imam der Ahmadiyya-Gemeinde in Frankfurt und dem Besuch der Ahmadiyya Moschee in Gießen, die zufällig einen Tag der offenen Tür veranstalteten.

Treffen mit dem Imam in Frankfurt

Klein aber renovierungsbedürftig
Die Nuur Moschee der Ahmadiyya Gemeinde in Frankfurt hatte ich mir etwas grösser vorgestellt. Mitten in einem Wohnquartier wurde sie von den meisten Einfamilienhäusern an Grösse leicht übertroffen. Begrüsst wurde ich sehr freundlich vom Imam der Gemeinde. Er war relativ jung, so um die 30, und bot mir auch gleich Getränke und Snacks an. Allem voran Datteln, denn der Ramadan war gerade erst zu Ende gegangen. Das Büro indem ich mich befand war schlicht und schon seit einiger Zeit nicht mehr renoviert worden. Das würden sie allerdings gerade in Angriff nehmen erklärte der Imam mir. Hinter seinem Schreibtisch standen Bücherregale voll von Übersetzungen des Korans in verschiedenen Sprachen, ausschliesslich Übersetzungen der Ahmadiyya, Bücher mit Hadithen und die Schriften von Mirza Ghulam Ahmad, dem Gründer und Messias der Ahmadiyya Bewegung. Der Imam setze sich hinter seinen Schreibtisch, von mir getrennt durch eine Plexiglaswand und so begann unser Gespräch.

Der Messias und die letzte Offenbarung Gottes
Der Imam erzählt mir von der Ahmadiyya und wie sie in Pakistan seit ihrer Gründung verfolgt und getötet werden. Der Grund dafür sei, dass alle anderen Muslime, die Ahmadiyya nicht als Muslime anerkennen würden. Die Ahmadiyya glaubt, dass Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908) geboren in Indien, der im Koran verheissene Messias sei. Die anderen Muslime würden ihn als Lügner bezeichnen und nicht anerkennen. Der Prophet Muhammad hatte den Messias im Koran prophezeit, er würde dann kommen wenn der Islam nur noch ein Wort und die Menschen keine richtigen Muslime mehr sein würden. Diese Zeit sei bereits gekommen und  Mirza Ghulam Ahmad sei dieser Messias. Denn er brachte die letzte Offenbarung Gottes und somit auch den Glauben zurück in die Welt.

Jesus in Indien
Der Imam erklärte mir, dass die Christen und auch die Muslime eine falsche Vorstellung von Jesus hätten. Dieser sei nämliche nur ein Prophet gewesen und starb keineswegs am Kreuz. In Wahrheit sei er am Kreuz nur ohnmächtig geworden, seine Jünger hätten ihn heruntergenommen und dann gesund gepflegt. Danach sei er, das würden mehrere Quellen beweisen, nach Indien gegangen und dort auch gestorben und begraben.

Religion ist wichtiger als Liebe
Die meisten Muslime seien vom wahren Glauben abgefallen und würden den Islam nur noch nach Aussen hin praktizieren. Sie würden die Gebetsbewegungen machen aber nicht mit dem Herz bei der Sache sein. Viele Muslime sind laut dem Imam also keine richtigen Muslime mehr, aber sie sind nicht die einzigen die vom Glauben abgefallen sind. Der Imam erklärte mir nämlich auch warum ein Ahmadiyya Muslim keine Ehe mit einem anderen Muslim oder einem Christen eingehen sollte. Dass die Ehe mit einem/einer SunnitIn oder SchiitIn nicht funktioniert liegt an deren Verleugnung des Messias und somit der Grundsätze der Ahmadiyya. Laut dem Koran ist es Muslimen eigentlich erlaubt eine Christin zu heiraten, dass sei aber laut dem Imam nicht in Ordnung. Begründung ist, dass die Christen heutzutage keine richtigen Christen mehr seien. Christen und andere Muslime hätten ihre Religion und ihre Heiligen Bücher über die Jahrhunderte verändert und verfälscht, so sei deren Kern verloren gegangen. «Religion ist wichtiger als Liebe», damit erklärte der Imam, dass ein Ahmadiyya Muslim nicht mit jemandem ausserhalb der Ahmadiyya in einer Ehe glücklich werden könnte.

Quantität statt Qualität
Die Ahmadiyya sieht es als ihre Aufgabe den Islam zu verbreiten und zu erklären. Der Imam erzählte, dass sie viel Jugend- und Sozialarbeit leisten und versuchen Menschen für ihren Glauben zu begeistern. Die Ahmadiyya baut sehr viele Moscheen überall auf der Welt und so auch in Deutschland. Diese sind meist sehr schlicht und oft schmucklos gebaut. Das sei Absicht, so der Imam, weil der Zweck der Moschee viel wichtiger sei als die Gestaltung.

Einheit unter dem Kalifen
An der Spitze der Ahmadiyya Gemeinde steht ein Kalif. Dieser wird von Gott geleitet und so gilt was er sagt. Jeder Muslim kann dem Kalifen einen Brief schreiben oder ihn um Rat fragen. Am Ende gibt es aber nur eine gültige Meinung. Der Imam erklärte, egal wo auf der Welt ich in eine Ahmadiyya Moschee gehen würde, alle Imame würden mir die selben Antworten geben. Ich fragte ob es nur eine einzige Art gäbe den Koran zu übersetzen und zu lesen oder ob sie verschiedene Übersetzungen zu Rate ziehen würden. Er sagte, dass sie ausschliesslich ihre eigene Übersetzung des Korans verwenden würden.

Offen für alle
Die Moscheen der Ahmadiyya seien immer offen für alle Menschen. Der Imam sagte mir, dass es gut sein könne, dass ich als Nicht-Muslima bei anderen Moscheen nicht willkommen sei. Die Ahmadiyya sei eben keine politische Gemeinschaft, sondern eine rein religiöse. So würden sie ausschliesslich durch Spenden finanziert werden unabhängig von irgendwelchen Staaten. Dabei verwies er auf die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion), die von der Türkei mitfinanziert wird. Der Imam betonte besonders, dass es mit der Ahmadiyya noch nie irgendwelche Probleme gab, auch keinen Extremismus oder Gewalt. Die Frauen seien in ihrer Gemeinde auch viel selbstständiger als in allen anderen muslimischen Gemeinden. Sie hätten ihre eigene Organisation die nur dem Kalifen selbst unterstellt sei. Diese Freiheiten für Frauen gäbe es nur bei der Ahmadiyya.

Das Nachmittagsgebet
Wahrscheinlich hätte unser Gespräch noch viel länger dauern können, doch dann war es Zeit für das Nachmittagsgebet. Der Imam sagte mir ich könne gerne zuschauen und ich war etwas irritiert als er mir sagte, ich müsse in der Moschee kein Kopftuch tragen. Ich tat es aber trotzdem, einfach weil es mir respektvoller vorkam. Viele Menschen waren nicht in der Moschee, nur drei ältere Männer. Der Raum war karg und sehr klein. Die Wände waren weiss, komplett schmucklos und an einer Wand befand sich ein Milchglasfenster. Nicht gerade eine besinnliche Atmosphäre. Der Boden war mit Teppich ausgelegt, doch jeder der betenden hatte zusätzlich seinen eigenen Teppich dabei. Das Gebet wurde still verrichtet, also konnte ich nur zusehen wie die Bewegungen des Gebetes ausgeführt wurden.

Vier Mal beten reicht
I
m Anschluss erklärte mir der Imam, dass die Bewegungen das Gebet intensivieren sollen. Er erklärte mir auch, dass jetzt im Sommer das Nachtgebet sehr spät gebetet wird, deshalb würden sie die Gebete 4 und 5 zusammennehmen, so dass es nicht zu spät würde. Dann wollte ich aber doch noch wissen, wo denn die Frauen beten können, denn der Raum der Moschee war doch sehr klein. In einem anderen Gebäude gäbe es einen Raum nur für Frauen, quasi eine Frauenmoschee, erklärte der Imam. Mit moderner Technik würde dann der Imam auch dort übertragen. Doch jetzt während Corona brauchten die Männer mehr Platz, also würden die Frauen momentan Zuhause beten. Natürlich würden diese freiwillig verzichten.

Der Abschied kam und der Imam gab mir viele verschiedene Bücher der Ahmadiyya mit, darunter eine Ahmadiyya Koran Übersetzung und auch «Jesus in Indien».

Tag der offenen Tür in Gießen

Bin ich hier richtig?
Als ich bei der Bait-us-Samad Moschee in Gießen ankam, war ich zuerst etwas verwirrt, denn ausser mir sah ich keine anderen Menschen oder irgendein Plakat, dass den Tag der offenen Tür bewarb.  Ich ging einmal um die relativ neu aussehende Moschee herum und traf dann auf einen der Mitglieder, der mich gleich zu den Frauen schickte. Es gab eine strickte Geschlechtertrennung am Besuchstag, die Männer waren im Erdgeschoss und die Frauen im ersten Stock der Moschee.

Der Ahmadiyya Islam
Ich wurde herzlich begrüsst, ausser mir war auch keine andere Besucherin da. Ich wurde in den Hauptgebetsraum der Moschee geführt, der modern und schlicht eingerichtet war. An den Wänden hatten sie mehrere Banner aufgebaut, die Auskunft über die fünf Säulen des Islams, den Messias der Ahmadiyya und über die Kalifen gaben. Die Frauen waren sehr offen und erklärten mir die fünf Säulen des Islams und sprachen über ihren Messias. Sie sagten einiges, dass ich schon vom Imam gehört hatte, wie der Messias gekommen sei und den wahren Glauben zurückgebracht hatte.

Konservativ und doch frei
Ein Umstand der mich bereits in Frankfurt irritierte war, dass ich auch diesmal in der Moschee kein Kopftuch tragen sollte. Die Frauen mit denen ich sprach trugen nämlich alle Kopftuch, waren hoch gebildet, hatten jedoch allesamt auch sehr konservative Einstellungen. Die Frauen führten mich dann in ein kleineres Nebenzimmer, wo ein paar Stühle und kleine Snacks bereitstanden. Nun sprachen die Frauen sehr offen zu mir. Eine Beziehung vor der Ehe zum Beispiel wäre undenkbar für sie gewesen, auch jemanden ausserhalb der Ahmadiyya zu heiraten wäre nicht möglich. Eine der Frauen sagte, ihr Mann sei ein Deutscher, der jedoch konvertiert sei. Anders wäre es auch gar nicht möglich gewesen. Sie betonten auch wieder, wie viele Rechte die Frauen in der Ahmadiyya hätten, wie sonst in keiner anderen Religion.

Als ich wieder ging hatten sich doch einige Eindrücke bestätigt, die ich bereits in Frankfurt gesammelt hatte, andere waren jedoch nochmals relativiert worden.

Meine Beobachtungen

Unbedeckt in der Moschee
Die beiden Besuche bei der Ahmadiyya waren sehr interessant und ich habe viele offene Menschen kennengelernt, die ihren Glauben lieben und auch bereit sind darüber zu diskutieren. Zuerst war ich sehr verwundert darüber, dass ich in der Moschee kein Kopftuch tragen sollte. Wenn ich eine Kirche betrete trage ich ja auch keinen Minirock und ein Mann sollte auch seine Mütze abnehmen. Genauso wird von mir in einer Moschee normalerweise erwartet, dass ich meine Haare bedecke. Es ist eine frage des Respektes in einem Gotteshauses. In keiner anderen Moschee in der ich bereits war, wurde mir jemals gesagt ich müsse keines tragen. Um so seltsamer erschien es mir das von einem Imam zu hören, aber auch von Kopftuchtragenden Frauen. Vielleicht will die Ahmadiyya dadurch offener auftreten als andere Muslimische Gemeinden, doch das ist jetzt nur Spekulation.

Fünf Mal beten ist zu umständlich
Ein weiterer Punkt der mich irritiert hat war, dass die Ahmadiyya offensichtlich zwei der fünf täglichen Gebete zusammennehmen. Der Grund dafür, welcher mir der Imam nannte, ist Bequemlichkeit. Schiiten legen einige Gebete zusammen, das war mir auch bekannt. Die Ahmadiyya versteht sich aber als sunnitisch und dort ist es keinesfalls erlaubt nur aus Bequemlichkeit  zwei Gebete zusammenzulegen. Warum die Ahmadiyya das trotzdem tut, kann ich nicht genau sagen. Wieder wäre meine naheliegendste Erklärung, dass sie attraktiv, offen und flexible wirken wollen. Was jedoch nicht ganz dazu passt, dass sie ja den Glauben zurückbringen wollen von dem die anderen Muslime abgefallen seien.

Geschlechterrollen
Der Imam erklärte mir auch, dass die Frauen in der Pandemie freiwillig darauf verzichtet hätten in der Moschee zu beten, damit die Männer mehr Platz hätten, also 2 Jahre lang. Das kam mir doch sehr seltsam vor und so machte ich auch darüber Nachforschungen. Ja es stimmt, dass Frauen im Islam nicht dazu verpflichtet sind in der Moschee zu beten, Männer schon. Trotzdem muss es den Frauen möglich sein auch in einer Moschee beten zu können. Es ist schon sehr patriarchalisch die Frauen aus der Moschee zu verdrängen. Dazu kommt noch diese strenge Geschlechterteilung am Besuchstag, an dem ich übrigens keinerlei Möglichkeiten hatte mich mit Männern zu unterhalten. All diese Erlebnisse haben doch ein sehr konservativ patriarchales Bild vermittelt, auch wenn der Imam und auch die Frauen immer wieder zu betonen versuchten, dass die Frauen in der Ahmadiyya mehr Rechte und Freiheiten haben würden als in jeder anderen Religionsgemeinschaft der Welt.

Jasmin Schneider, Mai 2022

Lexikoneintrag zur Ahmadiyya Muslim Jamaat

Besuch bei der Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft Zürich

Anreise

Regen peitscht mir ins Gesicht und ich versuche meinen roten Knirps dem Wind zu entreissen und mich gegen die Böen zu schützen. Der Gottesdienst, in der Christengemeinschaft «Menschenweihehandlung» genannt, beginnt freitags jeweils um 8.30 Uhr. Ich bin bereits etwas knapp in der Zeit und haste die engen Gässchen hoch. Ich erreiche die Untere Zäune 19 um 8.28 Uhr, öffne die Tür und trete in den Vorraum der Gemeinschaft. Zu meiner Rechten steht ein Tisch, auf dem Prospekte und Flyer ausgestellt sind, an der Wand hängt eine Schiefertafel, auf der die Gottesdienstzeiten vermerkt sind. Durch meinen Besuch in einem Seminar an der UZH, zu Anthroposophie in dieser Gemeinschaft, weiss ich schon, wo der Gottesdienst stattfindet. Ich haste die kleine Treppe zum Hinterhof hoch, durchquere den kleinen Platz, der von Grün umringt ist und öffne die Türe zum Vorraum des Weiheraums. An der Garderobe hängt bereits eine Jacke, sowie ein Schirm. Ich behalte meine Jacke an, lege meinen Schirm auf den Boden und öffne die Doppel-Holztür zum Altarraum.

Erste Eindrücke

An der linken Wand befindet sich eine helle Holzorgel und davor sind Holzstühle auf dem Parkett, in etwa 10 Reihen bis nach vorne rechts in den Altarraum gereiht. Bereits fünf Personen sind anwesend: ein Pärchen (etwa Mitte 50), ein älterer Herr ganz vorne (ca. 80 Jahre alt), ein etwa Mitte 40-jähriger Mann und eine Frau, die etwas jünger (35) scheint. Da alle ausser dem jüngeren Mann eine Jacke tragen, behalte ich auch meine an und setze mich zwei Reihen hinter das Pärchen und habe somit alle Personen im Blick. Es ist still im Raum. Ich versuche meinen Atem zu beruhigen. Die Leute sitzen in sich versunken da, ohne zu sprechen. An der Wand gegenüber öffnet sich eine Tür und eine ältere Dame betritt den Raum, grüsst die jüngere, schnappt sich eines der Sitzkissen, die gestapelt auf einem Stuhl stehen und setzt sich hinter sie. Ich sitze ruhig da und nehme den Raum in mich auf. Mir ist bekannt, dass dieser Weiheraum für die sieben erneuerten Sakramente der Christengemeinschaft errichtet wurde (Taufe, Konfirmation, Menschenweihehandlung, Beichte, Trauung, Priesterweihe, Ölung / Bestattung). Was sofort ins Auge sticht, ist die violette Bemalung des Altarraums. Hinter dem Altar ist eine Art Felsenhöhlen-Struktur in die Wand eingelassen und in dunklem Violett bemalt. Weiter oben läuft die Wand in einen Spitzbogen, der sich in ein Deckengeflecht eingliedert, das an ein grosses Spinnennetz erinnert. Die Decke dazwischen ist in einem helleren Blau-Violett gestaltet. Durch die Bemalung und die ansonsten schlichte Gestaltung des Raumes wird der Blick sofort auf den Altarbereich gelenkt. Auf dem Altar, ein steinerner Block, auf dem eine schwarz-weisse Decke liegt, sind sieben gleichgrosse Kerzenständer mit weissen, hohen Kerzen nebeneinander aufgereiht. Über dem Altar hängt ein etwa ein Meter hohes Bild, das einen gekreuzigten Jesus darstellt. Das Bild erinnert mich an Chagalls expressionistischen Darstellungen, die in denselben Weich-Zeichnungen gestaltet sind. Christus heller Körper löst sich aus dem dunklen Hintergrund, aus seiner rechten Körperhälfte scheint ein Blutstrahl zu fliessen und im Hintergrund ist verschwommen ein Gesicht erkennbar. Chagall galt allgemein als «Maler-Poet» und ich erinnere mich, dass sich die Christengemeinschaft stark an Goethe orientiert. Ich bin gespannt, was mich in diesem Gottesdienst erwartet und bereite mich auf einen Mix aus Christentum, Goethe, Steiner und Eurythmie vor.

Beginn des Gottesdienstes

Während ich den Raum weiter bestaune, geht an der gegenüberliegenden Wand neben der Tür, durch welche die ältere Frau gekommen ist, eine weitere Tür auf und eine etwa 50-jährige Frau mit kurzen, grauen Haaren betretet den Raum. In den Händen hält sie einen langen Stab, an dessen Ende ein Feuer brennt. Sie trägt eine schwarze Tunika, die bis zu ihren Füssen reicht, unter der ihre schwarzen Schuhe zum Vorschein kommen. Über den Schultern trägt sie eine Art weisse, kurze Kasel, die vorne und hinten abgerundet ist. Sie durchquert den Altarraum, steigt die drei Treppen zum Altar empor und zündet eine Kerze nach der anderen an. Die anwesenden Leute verfolgen das Geschehen still mit den Augen und die Frau verlässt den Raum wieder und schliesst die Tür hinter sich. Nach etwa einer Minute öffnet sich die Tür erneut und der Priester (Ortin, der uns damals eine Führung durch die Gemeinschaft gegeben hat) erscheint im Türrahmen, zu seiner Linken flankiert von der Frau, die zuvor die Kerzen entzündet hat und zur Rechten von einer weiteren Frau, ebenfalls älter, die ihre grauen Haare mit einer Klammer hochgesteckt trägt. Während die beiden Frauen dasselbe tragen, ist der Pfarrer, der die beiden Frauen weit überragt, in eine schwarze, bodenlange Tunika gehüllt, darüber trägt er ein weisses, längeres Hemd, das um die Hüfte mit einem schwarzen Tuch zusammengehalten wird. Um den Hals hat er eine schwarze Stola und auf dem Kopf trägt er einen schwarzen, hohen Hut, der mich an einen Bischofs-Hut erinnert. In den Händen hält er einen grossen, goldenen Kelch, über dem ein schwarzes Tuch liegt. Die Frau zu seiner Rechten trägt ein offenes Buch in den Händen. Die Frau zu seiner Linken hat den Feueranzünder durch eine kleine goldene Glocke ersetzt, mit der sie nun zu klingeln beginnt und in dessen Klang das Trio in Einklang Richtung Altar schreitet. Vor dem Altar angekommen, legt der Priester den Kelch auf dem Altar ab, während die eine Frau das Buch vor dem Priester ablegt und dieser daraus zu lesen beginnt. Ich werde Zeugin der Menschenweihehandlung, wie die Christengemeinschaft das Sakrament von Brot und Wein nennt. Der etwas eigenartige Name «Menschenweihehandlung» soll aussagen: «Mensch wirst du erst» (siehe Homepage Christengemeinschaft). Diese wird durch die Hilfe Christi und seine heilenden Kräfte ermöglicht und verläuft in vier Schritten: dem Sich-Öffnen für das Wort Gottes (Evangelium), der Hingabe der menschlichen Seelenkräfte (Opferung), die Wandlung der dargebrachten Substanzen von Brot und Wein (Transsubstantiation), sowie die Vereinigung des Menschen mit dem Göttlichen (Kommunion).

Evangelium und Opferung

Während des ganzen Gottesdienstes berührt der Priester nicht einmal das Buch. Nach der ersten Lesung nimmt die Frau das Buch, umkreist den Priester und legt es zu seiner Linken auf den Altartisch. Die Predigt hält der Priester mit dem Rücken zu den Anwesenden, während die Worte in einem Singsang im Gewölbe mit Hall verklingen. Mir fällt die spezielle Betonung der Worte, die Erhebung und Senkung der Stimme und die langsam gesprochenen und langgezogenen Worte auf. Während ich mich bei der «Rücken-Predigt» an meinen Besuch einer Beerdigung in der Pius-Bruderschaft erinnere, löst sich dieses Bild mit der eigenartigen Betonung des Priesters. Ich habe zuerst Mühe, dem Inhalt zu folgen, da ich nach einem Muster in seinem Sprechakt suche – ohne Erfolg. Also konzentriere ich mich wieder auf seine Worte. Der Priester preist die Trinität, wobei alle Anwesenden unisono mit der rechten Hand eine Bewegung auf Augen- und Brusthöhe vollziehen, die mir nicht bekannt ist. Zuerst meine ich eine Kreuz-Bewegung zu erkennen, die dann aber abgerundet erscheint und in etwas völlig anderes übergeht. Im Verlaufe des Gottesdienstes nimmt die Frau, welche die Kerzen angezündet hat, feierlich die schwarze Stola des Priesters ab und hält sie in den Händen. Ab und an dreht sich der Priester bei der Predigt um, erhebt seine Rechte in einer Art Schwur zum Himmel, während er die Linke in derselben Handhaltung nach links ausstreckt, während er Jesus preist und die Frau zu seiner Rechten (mit dem Rücken zur Gemeinde) jeweils einen Satz hinzufügt. Anschliessend dreht sich der Priester wieder zum Altar um und fährt mit der Predigt fort. In einem zweiten Teil des Gottesdienstes steigen die drei die Altartreppen hinab und drehen sich zu den Anwesenden. Die eine Frau hält dabei das Buch offen in ihren Händen, während der Priester eine Lesebrille hervorholt und aus dem Johannesevangelium zu lesen beginnt. Dabei handelt es sich um «Jesus und die Ehebrecherin» (Johannes 7,53-8,11). Während der Predigt ist es ruhig im Weiheraum, die Augen sind auf den Priester gerichtet. Die Frau, welche als letzte kam, hat zwischenzeitlich einen trockenen Hustenanfall, was jedoch keinen weiter zu stören scheint.

Transsubstantiation und Kommunion

Im Verlaufe der Predigt scheint der Pfarrer irgendwann das schwarze Tuch vom goldenen Kelch gehoben zu haben, der nun frei auf dem steinernen Altar steht. Die «Kerzen-Frau» bringt ein kleines Tablett mit zwei kleinen Glas-Kännchen, in dem einmal Wasser und im anderen Wein zu sein scheint. Der Priester giesst beides in den Kelch hinein, während dem er vom «Trank der Gesundheit» spricht. Als nächstes bringt dieselbe Frau ein Schwenkgerät und einen kleinen, dunklen Topf, aus dem der Priester Weihrauch hineinlöffelt, es entzündet und zum Rauchen bringt. Er pendelt das Gefäss in einer kreisenden Bewegung auf Bauchhöhe vor sich hin und um den Altar herum und gibt es anschliessend der Frau zurück. Nach einer weiteren Predigt-Einlage erhebt der Priester die Hostie, begleitet von seinem Singsang mit beiden Händen hoch über den Kopf und kniet sich nieder. Der Magen eines Anwesenden knurrt und ich muss schmunzeln. Das kleine Plättchen wird wohl keinen Hunger stillen können. Nun erheben sich alle und treten in einer Reihe nach vorne, der Altartreppe entlang. Ich bleibe auf meinem Platz sitzen und beobachte das Geschehen vorne. Mir scheint, als beobachte mich der Pfarrer, was mich nicht erstaunen würde. Ich falle bestimmt wie ein bunter Hund auf. Ich versuche dies jedoch zu ignorieren und konzentriere mich auf die Ereignisse. Der Priester beginnt aussen rechts bei der Frau mit dem schwarz-weissen Gewand und der hochgesteckten Frisur und legt ihr die Hostie in den Mund, spricht ein paar Worte und tritt zum Nächsten, wobei er wieder dasselbe vollzieht. Nachdem er die Runde beendet hat, wird ihm der Kelch gereicht und er tritt erneut von rechts an die Leute und lässt sie aus dem Kelch trinken, während er wieder seine Worte an sie richtet. Die Leute kehren an ihre Plätze zurück und ich werde gemustert. Nach der Kommunion wird der Gottesdienst mit einigen Worten des Priesters beendet.

Schluss

Nach ca. 45 Minuten schreitet das Trio aus dem Raum, in der gleichen Formation, wie es eingetreten ist. Die Tür schliesst sich hinter ihnen und die Anwesenden sitzen still da. Nach etwa zwei Minuten öffnet sich die Tür erneut und die Frau, welche die Kerzen entzündet hat, erscheint mit einem Kerzenlöscher und löscht eine Kerze nach der anderen und verlässt den Raum erneut. Ich bleibe sitzen und warte ab. Wenig später scheint es ein stilles Aufbruchssignal zu geben, da fast alle Anwesenden gemeinsam aufstehen, mir einen Blick zuwerfen und den Raum verlassen. Auch ich erhebe mich und folge dem älteren Herrn aus der vordersten Reihe, der mir die Türe aufhält, mich etwas skeptisch betrachtet und danach den Weiheraum verlässt. Ich schnappe mir meinen Schirm, gewappnet dafür, was die Welt draussen für mich bereithält und verlasse den Weiheraum. Ich durchquere erneut den Hinterhof, bediene mich im Vorraum noch mit einigen Flyer und Prospekten – aus reiner Neugierde – und trete vor die Tür. Der Regen hat mittlerweile aufgehört und nur die nassen Pflastersteine auf dem Weg zeugen vom morgendlichen Wolkenbruch.

Eindrücke

Bei meinem Besuch ist mir sofort die geringe Zahl an Anwesenden aufgefallen. Sechs Personen, mit mir sieben, ein Priester und zwei Helferinnen. Eine überschaubar kleine Runde. Überwiegend ältere Personen. Ob das nur daran liegt, dass es sich um einen Freitagmorgen handelt und der Rest der Mitglieder ihren beruflichen Verpflichtungen nachgeht? Ich bezweifle es stark.

Der Gottesdienst der Christengemeinschaft hat mich an die tridentinische Messe (römischer Messritus vor dem Trienter Konzil) erinnert. Dabei war insbesondere die Stellung des Priesters mit dem Rücken zur Gemeinde (ad orientem) ausschlaggebend für diese Einschätzung. Weiter ist das Gedankengut der Christengemeinschaft, dass es gewissen Personen vorbehalten ist, die Bibel zu verstehen nahe an der mittelalterlichen Vorstellung, dass Laien keinen Zugang zur Bibel haben sollen/können. Etwas befremdlich erschien mir der Mix aus eben diesem alten Katholizismus und einer esoterisch angehauchten Art und Weise. Für mich fühlte es sich anachronistisch an, einer solch liturgischen Abhandlung in einem Raum beizuwohnen, der durch die Architektur und Farbgebung an abstrakte, expressionistische Kunst und den Jugendstil erinnert.

Bernadette Jacober, 22.04.2022

http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/theosophische-gemeinschaften/die-christengemeinschaft/

Verdeckter Besuch bei der Ortsgruppe Urig Ruswil – Hochfrequenztherapie mit Martin Frischknecht

Vor einigen Wochen fing ich mit verschiedensten Recherchearbeiten zur 2021 entstandenen Urig-Bewegung an, da sich bei Relinfo die Nachfragen zu dessen Vereinsnetz mehrten. Doch trotz dem scheinbar immer grösser werdenden Interesse vonseiten Privatpersonen wie auch Medienschaffender, fand ich mich mit einem Mangel an zugänglichen und insbesondere objektiven Informationen konfrontiert – abgesehen von vereinzelten Medienberichten war es mir nur anhand der jeweiligen Ortsgruppen-Homepages möglich, Auskünfte über Urig zu erhalten.

Besonders aufgefallen ist mir dabei die Lokalgruppe Ruswil. Nebst der von mir besuchten Veranstaltung mit Martin Frischknecht bot und bietet die Gruppe auch Vorträge von Andreas Thiel an, der wegen islamophoben Aussagen bereits mehrmals in der öffentlichen Kritik stand.

Urig – Eine Post-Corona-Bewegung

Urig benennt sich nach dem Kanton Uri, wo 2021 der erste Verein in Altdorf gegründet wurde, sowie nach dem deutschen Wort «urig» für «urwüchsig» und «urtümlich». Mittlerweile gestaltet sich die Bewegung in Form eines schweizweiten Netzwerkes, das aus Ortsgruppen in Bern, Dübendorf, Glarus, Schwyz und anderen Standorten besteht. Nach dem Besuch einer zweiteiligen Schulung ist es jemensch möglich, eine neue Urig-Lokalgruppe zu gründen (vgl. Urig Altdorf).

Das gemeinsame Ziel ist der regelmässige Austausch unter den Mitgliedern und das Organisieren von Veranstaltungen vor allem zu Themen der Alternativmedizin und aus dem Bereich der Esoterik – letzteres mit Schwerpunkt auf dem Anbau und Verzehr von natürlichen Lebensmitteln und einer möglichst gesunden Lebensweise. Weiter fordern die Vereine das Recht auf Autonomie gegenüber dem gesellschaftlichen und medialen Mainstream.

Es gibt Hinweise darauf, dass bei Angeboten verschiedener Lokalgruppen verschwörungstheoretische Ansichten geteilt wurden und werden und sich interne Strömungen bilden, die Lehren um baldige apokalyptische Ereignisse mit der Vorstellung verbinden, die eigene Urig-Gruppe sei eine Art Elite für kommende, bessere Zeiten. Dabei bleibt jedoch unklar, inwieweit dies auf die Bewegung im Gesamten zutrifft.

Was den sozialen Aspekt betrifft, so führen alle Vereine auf der jeweiligen Homepage folgende Eigenbeschreibung auf (bei gewissen Seiten lässt sich das Zitat auf umgeschrieben Weise finden, der Inhalt bleibt aber stets derselbe):

Der Verein Urig setzt auf eine lokale und nachhaltige Entwicklung. Er fördert und unterstützt Aktivitäten, die zu mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung führen. Das Ziel ist, den ökonomischen und ökologischen Kreislauf so klein und lokal wie möglich zu halten. Der Verein besteht aus Menschen, die ihren individuellen Weg gehen und gleichzeitig ein Teil einer Gemeinschaft sein möchten. Dabei wollen wir uns unterstützen. Der Verein ist losgelöst von politischen und religiösen Ansichten. Jeder ist willkommen, der sich mit den Werten des Vereins identifizieren kann. Das Lokal der Geschäftsstelle Urig-Ruswil ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen können. (vgl. Urig Ruswil)

Weiter werden folgende Kernwerte in den Mittelpunkt gestellt (vgl. Urig Ruswil):

  • Regionalität – Nachbarn kennenlernen, Kontakt pflegen, einander unterstützen
  • Geselligkeit pflegen – Begegnungsort schaffen, Jung und Alt zusammenbringen und voneinander lernen
  • Autonomie – Selbstbestimmte Entscheidungen treffen
  • Gesundheit fördern – Natürliche Heilmittel anwenden und gesunde Ernährung herstellen
  • Den Menschen so akzeptieren und respektieren, wie er ist

Die Wichtigkeit dieser Leitprinzipien ist aus dem Wunsch von Urig zu erklären, in der isolierenden Zeit der Coronapandemie eine Nische für gemeinsame Aktivitäten und Treffen darzustellen. Viele Mitglieder stehen den Pandemiemassnahmen und Impfungen im Allgemeinen kritisch gegenüber.

Es bleibt schwierig, verallgemeinernde Aussagen über die gesamte Urig-Bewegung zu treffen – die verschiedenen Homepages sind unterschiedlich gestaltet, geben unterschiedlich viele Informationen preis und bieten meist nicht dieselben Veranstaltungen an.

Der Besuch

Die kostenlose Veranstaltung mit Martin Frischknecht als Vortragender fand am Mittwoch, 23. Februar 2021 in Ruswil statt und hatte die von ihm erfundene Hochfrequenztherapie mit dem Medizingerät «Powertube» zum Thema. Angemeldet hatte ich mich bereits fünf Tage zuvor über die Homepage der Ortsgruppe und direkt nach dem Eintragen in das Doodle wurde ich darüber informiert, dass Treffpunkt und Veranstaltungsort erst einen Tag vor dem Vortrag bekannt gegeben werden. Am Dienstag, dem 22. Februar 2021 erhielt ich dann gesagte Mail vom «Kernteam Urig-Ruswil», welche unter anderem folgende Hinweise beinhaltete:

[…] Wir haben Shuttlebetrieb und Fahrgemeinschaften. Bitte daran halten und keine Alleinfahrten zum Vortragsort. DANKE. Bitte Handy im Auto lassen oder in Schutzhülle mitführen. Wir freuen uns auf schöne gemeinsame Stunden mit Euch. […] Kernteam Urig-Ruswil

Hinfahrt und Vortragsort

Am Vortragstag begegnete ich um 19.00 Uhr am abgemachten Treffpunkt ca. acht Frauen, deren Alter ich zwischen Mitte 20 und Anfang 60 einschätzte. Ich war mir nicht sicher, den richtigen Ort gefunden zu haben und fragte eine der Frauen, ob ich hier richtig sei für den Vortrag von Herrn Frischknecht. Sie bejahte und teilte mich einer kleinen Fahrgemeinschaft zu, mit welcher ich zum eigentlichen, schätzungsweise 10 minütig entfernten Durchführungsort  fuhr. Ob beim Warten am Treffpunkt oder im Auto mit den drei anderen Frauen, man brachte mir nur rege Aufmerksamkeit entgegen. Vereinzelt wurde ich nach meinem Namen gefragt, von wo ich komme und wie ich von der Veranstaltung erfahren habe, abgesehen davon war ich jedoch ganz deutlich ein neues Gesicht in einer bereits bestehenden Gruppe.

Ausgestiegen sind wir dann auf einem Bauernhof. Da ich während der Fahrt mein Handy wie die anderen Anwesenden ausgeschaltet habe, hatte ich vor dem Verlassen des Autos keine Möglichkeit zum Nachschauen der genauen Adresse. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um die auf der Homepage Urig Ruswil angegebene «Geschäftsstelle» handelt.

Nachdem mein Name auf einer Teilnehmerliste durchgestrichen wurde, gelangte ich über eine schmale Treppe in ein offenes Stockwerk, das bis zur Hälfte durch eine Glaswand getrennt war. In der vorderen Raumhälfte befand sich eine kleine Küche, ein Tisch mit verschiedenen Getränken und Snacks und überall grosse Plakate, auf denen unter anderem Mitglieder der Lokalgruppe vorgestellt, neue Ideen für Veranstaltungen gesammelt und «gewichtelt» wurde. Hinter der Glaswand befanden sich mehrere Stuhlreihen, die alle auf eine Beamerleinwand ausgerichtet waren.

Gesamthaft schätze ich die Anzahl der Teilnehmenden auf 50 Personen, die Altersspanne zwischen Mitte 20 und Ende 80. Der Geschlechteranteil war relativ ausgeglichen, wobei viele der Anwesenden Paare zu sein schienen. Es herrschte eine ausgelassene, familiäre Stimmung, die sich auch in den Umarmungen als anscheinend übliche Begrüssungsform widerspiegelte. Eine Atemschutzmaske trug niemand und gelüftet wurde nur in der Pause.

Von geheimen Mächten zur Heilung durch die «Powertube»

Bevor die Veranstaltung um 19.30 Uhr offiziell startete, kam ich mit einem Urig-Mitglied aus einer anderen Lokalgruppe ins Gespräch. Er erklärte mir, dass sich die Bewegung vor allem über den Austausch der verschiedenen Ortsgruppen-«Kernteams» organisiert und dass es auch jene Mitglieder sind, die in Kontakt zur Graswurzle-Bewegung stehen. Die Gruppierungen seien parallel entstanden und vertreten in etwa dieselben Werte und Ziele, weshalb er eine bestehende, rege Kommunikation zwischen den beiden vermute – Genaueres konnte er mir jedoch nicht dazu sagen.

Für ihn sei Urig, so der Mann weiter, zu einer zweiten Familie geworden. Er freue sich immer sehr auf die gemeinsamen Aktivitäten und schätze das herzliche Mit- und Füreinander. Von der Bewegung erfahren habe er an einer Trychler-Demonstration gegen die damals bestehenden Corona Massnahmen, bei welcher ihm «fast die Tränen gekommen sind, weil er endlich Menschen mit derselben Einstellung gefunden hat». Denn mit vielen Personen aus seinem nahen Umfeld hat er sich aufgrund von Meinungsunterschiedlichkeiten bezüglich der Coronapandemie verstritten. Diese wollen nicht einsehen, dass Bill Gates, die Rockefellers, grosse Pharmakonzerne und die 5G-Technologie schuld am Ausbruch der Pandemie sind – schliesslich sei die Viruserkrankung ein Geheimplan der Elite zur Dezimierung der Weltbevölkerung, worüber aufseiten der öffentlich-rechtlichen Medien jedoch gelogen oder gar geschwiegen wird.

Als mit einer Glocke geschwungen wird, machen wir eine Fortsetzung unseres Gesprächs für in der Pause ab und setzen uns auf einen der Stühle. Eine Frau steht auf, begrüsst alle Anwesenden und erkundigt sich nach Urig-Mitgliedern, woraufhin etwa dreiviertel der Personen die Hand hochheben. Anhand einer zweiten Fragerunde entnehme ich, dass davon ungefähr die Hälfte der Lokalgruppe Ruswil angehören. «Ganz egal, ob Mitglied oder nicht, für den Abend sind alle Teil der Bewegung und damit in der Runde willkommen», reagiert die Frau auf die kurze Umfrage. Als letztes fragt sie nach «der Presse», verkneift sich einen Witz über die Medien und stellt dann den Gastvortragenden Martin Frischknecht vor, der mit Frau Katrin und Mutter Myrtha Frischknecht angereist war.

Seinen Vortrag im Nachhinein strukturiert wiederzugeben, ist eine Sache der Unmöglichkeit – ab diesem Zeitpunkt fing Herr Frischknecht nämlich in einem Wahnsinnstempo einen mehrstündigen Monolog an.

Besonderes Augenmerk lag dabei auf der von ihm erfundenen «Powertube», für welche man zwischen 2.100 und 1.750 CHF. (inkl. MwSt.) zahlt (vgl. Swisspowertube). In einem Heft mit dem Titel «powertube. Powertube TENS Therapie Technik», welches am Vortragsabend gratis zur Verfügung stand, wird die Wirkungsweise des Gerätes wie folgt beschrieben:

Die Hochfrequenzen der PowerTube®-TENS-Therapie-Technik haben auf den menschlichen Organismus folgende positive Wirkungen, welche u.a. auch durch Studien der Universität München* durch Prof. Dr. Dr. Parlar gestützt werden:

  • Erzeugung von Antistressproteinen* =Körperenergie wird erhöht
  • molekulare Strukturen werden geordnet
  • positive Wirkung bei Blockaden
  • körpereigene Regenerationskräfte werden mobilisiert
  • Entgiftung (Schwermetalle und Chlorphenole)*
  • Verbesserung des Fettsäure-Oxydationsprozesses*
  • zur Gesundheitsvorsorge und Prävention
  • Erhöhung der Sauerstoffsättigung im Blut (Dunkelfeldmikroskopie)
  • antiseptische Wirkung*

Ein disharmonischer molekularer Zustand der Wasserstruktur H2O im Organismus kann zu Krankheiten, Blockaden und anderen Beschwerden führen. Das PowerTube®-TENS*-Gerät wirkt (durch die Haut) auf die molekulare Zellstruktur ein. Die 3 Grundfrequenzen mit den dazugehörenden Obertonreihen «vibrieren» die Moleküle. Dadurch wird die molekulare Zellstruktur homogenisiert.

Darunter steht geschrieben:

Rechtlicher Hinweis: Die oben aufgeführten Darstellungen und Informationen sind ohne wissenschaftliche Beweise.

Das Zitat gibt die Vortragsweise Martin Frischknechts gut wieder: Er hüpfte von einem Thema zum nächsten, verlor sich immer wieder in Metaphern und persönlichen Erzählungen und warf mit Statistiken und naturwissenschaftlichen Begrifflichkeiten um sich herum. Ein angeblich wissenschaftlicher Beweis für die Wirkungsweise des Medizingeräts folgte dem anderen, wobei er das Zustandekommen der Daten und die genauen Quellenangaben nicht oder nur am Rande erwähnte. Bei mir lösten viele der gezeigten Statistiken und Untersuchungsergebnisse Stirnrunzeln aus – anhand einer Studie mit lediglich sechs Proband:innen zu behaupten, ein Gerät wie die «Powertube» könne Malaria heilen, erfüllt bei weitem nicht die Regeln der Wissenschaft und kann dementsprechend auch nicht als repräsentative Datenlage bezeichnet werden.

Doch nicht nur gegen Malaria kann mit der Powertube vorgegangen werden – im von Frischknecht verfassten Buch «Von der Vision zur Realität. Ein Leben für die Frequenztherapie» sind auf 20 Seiten (!) alle möglichen Krankheiten und die dafür zu behandelnden Körperstellen aufgelistet. Auch aus dem Publikum meldeten sich Personen, die das Gerät bereits besitzen und eingesetzt haben: So erzählte eine junge Frau, sie habe damit die Blutvergiftung der eineinhalbjährigen Tochter sowie ein Virus während ihrer Schwangerschaft behandelt und eine weitere Teilnehmerin berichtete von der schnellen Besserung nach der Blinddarmoperation ihrer Tochter. An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass die Powertube nach offiziellen Vorgaben nicht während einer Schwangerschaft verwendet werden darf, was Frischknecht jedoch mit einem Schwenker unter den Teppich kehrte und als unproblematisch einstufte.

Ziemlich am Anfang des Vortrags bat Herr Frischknecht einen Mann aus dem Publikum zu sich nach vorne. Um die stärkende Wirkung der «Powertube» vorzuzeigen, sollte dieser seinen Arm ausstrecken und sich im selben Augenblick abwechselnd den echten und dann wieder einen falschen Namen ausdenken. Frischknecht drückte den Arm wiederholt runter, wobei ihm dies eigenen Angaben nach nur dann gelingen konnte, wenn sich sein «Versuchskaninchen» auf den Falschnamen konzentrierte – wobei er bereits beim ersten Versuch falsch lag. Währen der gesamten Übung musste der Mann seinen Arm senkrecht nach oben ausgestreckt halten, was stark an den Hitlergruss erinnerte. Frischknecht meinte dazu, alle anwesenden Personen «wüssten ja, wie dies gemeint ist» und kam auf die Medien zu sprechen, die ihn immer wieder «fälschlicherweise als rechts einstuften». Er fügte hinzu, dass er durchaus als Rassist bezeichnet werden könne, da für ihn «alle Rassen gleich sind». Ich fragte mich, ob die Übung nicht auch mit einem waagrecht ausgestreckten Arm funktionieren würde und fühlte mich erschrocken darüber, dass niemand sonst von seinen Aussagen irritiert zu sein schien – im Gegenteil: wie ich aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte, zeigte jemand «aus Spass» den Hitlergruss und auch sonst hingen ihm die Leute förmlich an den Lippen.

Wo bleibt ihr Nobelpreis, Herr Frischknecht?

Martin Frischknecht scheint den Bezug zur Realität völlig verloren zu haben. Er selbst sieht sich als «den besten Physiker, Chemiker und Mathematiker» und wissenschaftlich belegte Fakten gleichzeitig als falsch an. Zwar versucht er, der «Powertube» mittels Studienergebnissen und Statistiken einen vernünftigen Anschein zu verpassen, die Beweise verlieren ihre Aussage mit einem zweiten, genaueren Blick jedoch gleich wieder. Könnte das Gerät wirklich das, was sein Erfinder behauptet, hätte dies weltweite Schlagzeilen ausgelöst. Doch in Frischknechts Augen steht der Nobelpreis nur deshalb (noch) nicht in seinem Schrank, weil ansonsten Ärzt:innen sowie Pharmakonzerne Riesenverluste einbüssen würden.

Ich sehe seine Frequenztherapie als hochproblematisch an, weil sie andere, schulmedizinische Behandlungen ausschliesst. Bei Krankheiten wie Krebs, Magersucht und Multiple Sklerose kann eine einseitige Therapierung mit einem solch alternativmedizinischen Gerät schnell tödlich enden.

Was die Urig-Bewegung betrifft, so müsste eine Aktivität ohne einen geladenen Gast besucht und ausführlichere Recherchen getätigt werden, um weitere Aussagen machen zu können. Doch genau Ersteres sagt bereits einiges über die Einstellungen der Lokalgruppe Ruswil aus – einen Herrn Frischknecht lädt man nicht ein, wenn man nicht hinter seinem Tun und Denken stehen könnte.

Ich war froh, als ich wieder zum Treffpunkt gefahren und aus dem Auto aussteigen konnte.

Asia Petrino, 28. Februar 2022

Links

https://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/urig-vereine/
http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/martin-frischknecht-forst/
https://urig-ruswil.ch/
https://www.urig-altdorf.ch/kalender/
https://swisspowertube.ch/de/
https://www.alpenparlament.com/
https://www.alpenparlament.tv/

Heino Fankhauser lebt – Verdeckter Besuch beim Ciné12 Stammtisch in Thun

Plötzlich fixiert er mich mit eisernem Blick und fragt mich: «Bist du geimpft?». Als ich sage, dass mir noch die Booster-Impfung fehle, erklärt er: «Gut, dann bist du noch zu retten.»

Vor nicht allzu langer Zeit wäre mir mehr als nur ein Schmunzeln entglitten, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mich bald mit einer Gruppe Menschen treffen würde, denen ich meine dritte Covid-19 Impfung verschweigen muss, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Alles beginnt mit dem Auftrag, einen Lexikoneintrag über ein bekanntes Gesicht der rechtsesoterischen und verschwörungsideologischen Szene der Schweiz zu schreiben: Heino Fankhauser.

Fankhauser machte sich besonders in den Jahren 2014-2018 einen Namen. In dieser Zeit bot er auf dem Youtube-Kanal[1] «ciné12tv» verschiedenen esoterischen, verschwörungsideologischen und rechten RednerInnen eine Plattform. Er selbst verbreitete auf diesem und anderen Kanälen seine kruden Vorstellungen über die Welt, bis er 2018 seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit ankündigte[2]. Es tauchen nach seinem Verschwinden noch zwei Videos auf «ciné12tv» auf, in denen er zu sehen bzw. zu hören ist.

Auf dem Telegramkanal «CINE12 news» wird fast täglich gepostet, jedoch geht nicht eindeutig hervor, ob Fankhauser der Verantwortliche für den gesamten dort platzierten Inhalt ist.

Um einen Lexikonartikel zu verfassen, war mir die Informationslage über die aktuelle Lebenssituation Fankhausers zu dünn. Ich wollte mehr erfahren. Ich stieß auf die Information, dass angeblich jeden Dienstag ein Ciné12 Stammtisch in Thun stattfindet. Vielleicht könnte ich ja dort mehr über Heino Fankhauser hören. Ich schrieb eine E-Mail via Kontaktformular auf der Ciné12 Website, auf die mir niemand antwortete. Auf der Website steht: «Alle sind herzlich willkommen und eingeladen!». Also beschloss ich, einfach hinzufahren.

Im Hinterzimmer

Es ist ein trüber Dienstag, als ich mich in mein Auto setze und die Adresse eines Lokals in Thun bei Google Maps eingebe.

Ich komme in dem gutbürgerlichen Restaurant an, dessen Adresse ich einem alten Eintrag der Ciné12 Facebook-Seite entnommen habe und frage eine Bedienung, ob ich hier richtig für den Ciné12 Stammtisch sei. Sie mustert mich erstaunt, zeigt mir dann jedoch freundlich den Weg. Der Stammtisch trifft sich nämlich nicht an einem normalen Tisch im Restaurant, sondern im Keller der Gaststätte. Durch mehrere Räume hindurch führt mich die Bedienung in einen kleinen Saal, den ich optisch irgendwo zwischen Partykeller und Tagungsraum verorte.

Es ist noch niemand da. Ein wenig erleichtert gehe ich wieder nach oben, da mich in der Zwischenzeit doch ein mulmiges Gefühl beschlichen hat. Wenn die Teilnehmenden ähnliche Überzeugungen wie Fankhauser haben, werde ich in dem Keller auf Menschen treffen, die den Schweizer Staat für eine Firma halten und in der Pandemie eine weitere, von der «Elite» ausgedachte, Geschichte sehen, um die Bevölkerung gefügig zu machen. «Schlafschaf»[3] würde ich in diesen Kreisen vermutlich genannt werden: Jemand der es nicht schafft, die «wahren» Zusammenhänge der Welt zu erkennen.

Nachdem ich circa 15 Minuten an der Bar verweilt habe, begebe ich mich erneut in den Keller. Die Tür ist verschlossen und ich höre Stimmen dahinter. Ich atme tief durch, öffne die Tür und sehe vor mir: Heino Fankhauser!

Zusammen mit drei anderen Personen sitzt er am Ende der langen Tafel, die den Raum fast vollständig ausfüllt. Ich stelle mich kurz vor und frage, ob ich am Stammtisch teilnehmen darf. Die Anwesenden bejahen und ich setze mich hin. Sie sehen mich einigermaßen irritiert an bis Fankhauser das Wort ergreift. Er sieht ungepflegt aus, man riecht ihn durch den ganzen Raum. Er scheint so zu leben, wie er es in seinen Videos behauptet[4]: Abseits des Systems.

Heino fragt mich, wie ich auf den Stammtisch gestoßen bin und ob ich mich dafür interessiere, was hier so besprochen wird. Ich habe das Gefühl, durch meine Recherche relativ gut das sagen zu können, was erwartet wird und er wirkt mir gegenüber wohlgesonnen. Plötzlich fixiert er mich mit eisernem Blick und fragt mich: «Bist du geimpft?». Als ich sage, dass mir noch die Booster-Impfung fehle, erklärt er: «Gut, dann bist du noch zu retten.» Er beginnt, mir zu erklären, dass ich offensichtlich Glück gehabt habe: Meine Wangen seien noch rosig. Aber ich dürfe mich auf keinen Fall boostern lassen, das sei die schlimmste Impfung von allen. Ich muss dabei an ein auf dem Ciné12 Telegram Kanal geteiltes Video denken, in dem ein junger Mann behauptet, er habe unter einem Mikroskop Würmer im Blut geimpfter Personen entdeckt.

Weitere Menschen betreten den Raum, denen ich mich erneut vorstelle. Es wird mir berichtet, dass diese Gruppe sich in einer relativ unveränderten Zusammensetzung seit Jahren trifft und sie es nicht gewohnt seien, neue Gesichter zu sehen. Außer mir sind vier Frauen und vier Männer im Raum. Ich schätze, dass die jüngste Teilnehmerin Ende 20 ist und der älteste Teilnehmer Mitte 50. Die Bedienung kommt in den Kellerraum und bedient uns dort, die meisten bestellen etwas zu essen. Es werden ausschließlich alkoholfreie Getränke bestellt.

Alles Heuchler – außer Heino?

Das zaghafte Gespräch, das entsteht, hat die Dynamik einer Lehrstunde mit Heino. Kritik an ihm oder gegenseitiges Korrigieren findet nicht statt.

Meist spricht Heino monologartig und erklärt gewisse «Zusammenhänge». Beispielsweise führt er aus, dass das Wegfallen einiger Covid-19 Maßnahmen in dieser Woche keine Freiheit bedeute, sondern nur dafür sorge, dass der Widerstand schwinde, weil alles wieder bequem würde. Insofern sei auch dieser Schritt reine Taktik der Elite. Die meisten Menschen seien zu schwach, um tatsächlich zu rebellieren und den kriegsähnlichen Zustand zu erkennen, in dem wir uns befänden. Die anderen Stammtischgäste fragen sich auch, wie viele nach «der Pandemie» noch aktiv sein werden.

Mir scheint, als wäre ihm diese Unterscheidung in starke und schwache Menschen sehr wichtig. Er tätigt mehrfach ähnliche Aussagen, in denen er unter anderem diejenigen verurteilt, die sich nicht vom System ablösen und immer noch dessen «Sklave» seien. Dabei scheint er zu vergessen, dass die meisten anderen im Raum – ihren eigenen Aussagen nach zu beurteilen – einem festen Job nachgehen und durch ihr soziales Netz in «das System» eingebunden sind. Für mich strahlen die anderen Teilnehmenden Unbehagen aus, wenn Heino solche harschen Aussagen trifft. Er bezeichnet alle, die zu viel Wert auf materielle Güter legen – und damit auch ein Dach über dem Kopf und eine feste Adresse besitzen – als Heuchler.

Zaghaftes Misstrauen

Als Heino und ein paar andere nach draußen zum Rauchen gehen, wende ich mich zwei Frauen zu, die außer mir mit Sicherheit die jüngsten Teilnehmerinnen sind. Ich spreche mit ihnen über Kinder, eines der Lieblingsthemen Fankhausers. Sie scheinen sich auch dafür zu interessieren, vor allem für den Druck, dem Kinder heutzutage ausgesetzt seien.

Die eine Frau kritisiert, dass man Kinder so abstrakt rechnen und denken lasse. Damit würden sie den Bezug zur Wirklichkeit verlieren und vergessen, was wirklich wichtig im Leben sei.

Ich frage mich, wie es um den wissenschaftlichen Fortschritt bestellt wäre, hätte man bei niemandem abstraktes Denken und Rechenvermögen gefördert, sondern, wie die Frau vorschlägt, ausschließlich Äpfel und Bananen zusammengezählt.

Nach Fankhausers eigenen Aussagen existieren um ihn herum eine oder mehrere Gemeinschaften, die ihre Kinder zuhause nach ihren eigenen Vorstellungen unterrichten. Ich frage deshalb vorsichtig ein wenig in diese Richtung nach, aber die Frauen lassen sich keine Informationen entlocken.

Fragen kommen allerdings nicht nur von meiner Seite: Die beiden interessieren sich sehr dafür, was ich mache, für mein Studium und wie ich auf Cine12 gestoßen bin. Es klingt durch, dass es sie schon etwas verwundert, dass ich mich den ganzen Weg von Bern auf den Weg gemacht habe. In Bern gebe es schließlich auch einige Bewegungen, sogar unter Studierenden, wie mir die eine Frau sagt. Dass die beiden vermutlich ahnen, dass ich mein Interesse nur vorgebe, wird besonders am Ende des Stammtischs deutlich. Sie fragen mich, ob ich vielleicht eine Seminararbeit oder so etwas im Rahmen meines Studiums schreiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt werden jedoch noch einige weitere Themen besprochen, bzw. wird von Heino zu verschiedenen Themen referiert.

Esoterischer Umsturz oder Desillusion?

Heino stellt im Verlauf des Abends immer wieder esoterische und spirituelle Bezüge her. So sagt er zum Beispiel, dass viele Menschen die wahren Zusammenhänge der Welt nicht erkennen würden, aber man die Wahrheit letztendlich in sich selbst finden müsse. Man solle in seinem Innern beginnen, wenn man das System verändern wolle. Die Verbindung solcher esoterischen Sehnsüchte mit politischen Umsturzphantasien ist charakteristisch für rechte Esoterik[5]. Heino erklärt, dass man anhand mehrerer Geschehnisse erkennen könne, dass ein neues Zeitalter bevorstehe. Unter anderem macht er das am «plötzlichen» Auftreten bestimmter Akteure fest, die vor der Pandemie keine Rolle gespielt hätten. Diese seien maßgeblich an der Implementierung einer Weltregierung beteiligt, die nun langsam voranschreite. Anschließend gibt er fast wörtlich einen Beitrag von Christina von Dreien aus dem März 2021[6] wieder: Das Coronavirus sei ein Instrument der Elite, das den Menschen Angst machen und sie somit gefügig für ihre Pläne machen soll. Corona heiße nichts anderes als Krone, man setze mit der inszenierten Pandemie dem bösen Plan der Elite die Krone auf. Es sei definitiv die Einleitung eines neuen Zeitalters zu erkennen und diese schwere Krise der Menschheit sei nur ein Indikator dafür, dass man ganz kurz vor einer großen Veränderung stehe.

Der Glaubenssatz, dass eine schlechte Situation einem Machtwechsel vorangeht, wird von Fankhauser seit Jahren vertreten. Dabei bezieht er sich immer auf einen aktuellen Missstand, der dann den großen Umbruch einleiten soll.

Ich frage mich, wie Fankhauser es schafft, seit Jahren diesem Glaubenssatz treu zu bleiben, wenn er sich nie bewahrheitet. 2018 sagt er zum Beispiel, dass die Elite, unter anderem viele Menschen in Regierungsämtern, auf dem Weg in das Gefängnis von Guantanamo seien. «Operation Gitmo» nennt er diese Unternehmung. Man habe Angela Merkel schon seit Wochen nicht gesehen[7]. Beim Stammtisch prophezeit er, dass spätestens 2030 ein neues Zeitalter beginne und stellt damit Bezüge zur Verschwörungserzählung der «New World Order» her.

Bei mir entsteht der Eindruck, dass Fankhauser seine Enttäuschung über das fehlende Eintreten einer wirklich neuen Welt durch den Hass an den «Heuchlern» entlädt, die den angeblichen Ernst der Situation nicht erkennen wollen.Die anderen Teilnehmenden schließen sich seinem Schimpfen über untätige und uneinsichtige Menschen an. Besonders scharf verurteilen sie meine Generation, die doch alle Informationen zur Verfügung habe, aber trotzdem nur den Mainstream konsumiere. Es handle sich um die mit Abstand dümmste Generation von allen.

Mir erscheint die ganze Situation skurril: Acht Personen, an der Spitze Fankhauser, der aussieht, als hätte er seit Tagen nicht geduscht, sprechen von dem Umsturz bestehender Verhältnisse. Sie sehen sich offensichtlich als besonders einzigartig an, eine Eigenschaft, die bei Menschen mit einer starken Verschwörungsmentalität intensiv ausgeprägt ist[8].

Die Mutter aller Verschwörungen

Im Verlauf des Abends greift Fankhauser einige weitere Verschwörungserzählungen auf, wie beispielsweise den systematischen rituellen Missbrauch von Kindern durch Personen in Machtpositionen. Er erklärt unter anderem, dass es das Römische Reich nicht gegeben habe und dass das Bundeshaus in Bern niemals 1894-1902 erbaut worden sein könne – damals habe es in der Schweiz schließlich lediglich Bauern gegeben.

Sein letzter Monolog hebt die Verbindung der verschiedenen Elemente seines Verschwörungsglaubens auf ein mir bisher unbekanntes Niveau an: Die Erde sei erstens eine Scheibe und zweitens würden wir in Midgard leben. Die Welt sehe in Wahrheit so aus, wie es in den nordischen Religionen beschrieben worden sei. Er gerät regelrecht in Rage, als er von der Existenz eines Firmaments berichtet und davon, dass alles was wir nicht sehen, göttlicher Natur sei. Es existiere kein Weltraum, um uns herum sei einfach ein großes Nichts, nur göttliche Energie.

Der Abend neigt sich dem Ende zu und Heino ist sehr daran interessiert, weiter mit mir in Kontakt zu bleiben. Als er vorschlägt, mich in einen E-Mail-Verteiler aufzunehmen, gibt eine Frau zu bedenken, dass dort eigentlich nur Menschen aufgenommen werden, für die jemand bürgen kann. So entkomme ich der Situation, Daten von mir angeben zu müssen.

Ein Rätsel lüftet sich jedoch noch, bevor der Abend zu Ende ist: Heino lädt mich ein, den Telegram-Kanal von Ciné12 zu verfolgen. Er poste dort fast täglich etwas. Somit wäre auch geklärt, dass Fankhauser für mindestens die Mehrheit der geteilten Inhalte auf dem Telegram Kanal ist, was weiter Aufschluss über seinen Verschwörungsglauben liefern kann.

Man verabschiedet sich und ich bin heilfroh, als ich wieder in meinem Auto sitze und diese Parallelgesellschafft verlassen kann.

22.02.2022, Julia Sulzmann

Quellen

[1] Ciné12tv. YouTube. 

[2] Fankhauser, H. & Würtenberger, B. Jenseits des Systems. FreeSpirit-TV Schweiz. YouTube. 06.05.2018 , siehe Infobox

[3] Nocun, K. & Lamberty, P. (2020). Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Lübbe. S.30

[4] Fankhauser, H. & Valentina. (2020). Valentina & Heino zum aktuellen Weltgeschehen (LIVE). YouTube. 17.09.2020

[5] Pöhlmann, M. (2021). Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen. Herder. S. 38

[6] https://christinavondreien.ch/news/newsletter/corona-als-chance, 26.03.2021

[7] Fankhauser, H. & Würtenberger, B. Jenseits des Systems. FreeSpirit-TV Schweiz. YouTube. 06.05.2018

[8] Nocun, K. & Lamberty, P. (2020). Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Lübbe. S.31

Lexikoneintrag Heino Fankhauser

«Erlöse mich von dem Bösen» von Sophie Jones – Eine Buchbesprechung

«Es gab für mich nur zwei Arten von Menschen: die, die treue Diener Gottes sind und mich meinem ewigen Leben näherbringen, und die, die es nicht sind

Sophie Jones, geboren 1995, erzählt in ihrem Buch die Geschichte ihrer Zeit bei den Zeugen Jehovas und skizziert den schwierigen Weg bis zu ihrem Ausstieg. In der Ich-Perspektive stellt sie mit jedem Wort ihre Gefühle dar. Es ist ein Buch über die Bräuche und Techniken der Zeugen Jehovas, aber auch ein Buch über das Erwachsenwerden. Das Buch ist in 20 Kapitel unterteilt, die alle verruchte und bibelbezogene Namen tragen wie: «Gefallener Engel» oder «Heiße Rache».

Jones erklärt spannend den langen Weg, der sie mit 18 Jahren zum Ausstieg aus der problematischen Gemeinschaft führt. Sie zeigt dabei, dass es sich nicht um einen graduellen Abfall von ihrem Glauben handelt, sondern sie sich den steinigen Weg durch den «gläsernen Irrgarten» (Rausch & Schüssler, 1998, S.48) der Sekte bahnt.

Mit dem mehrdeutigen Titel: «Erlöse mich von dem Bösen» zeigt Jones ihren großen inneren Konflikt während ihrer Zeit bei den Zeugen auf: Nicht nur will sie von den bösen Gedanken, die nicht zu den Zeugen Jehovas passen, erlöst werden, sondern auch von den Zeugen selbst. Die Unvereinbarkeit dieser Bedürfnisse schlägt sich in einem ständigen Kampf zwischen Schuld und Sühne, zwischen Stolz und Scham nieder.

 

Realitätscheck

Sophies Geschichte beginnt mit der Schilderung einer Kindheit, in der sie sich nüchtern als «wahrscheinlich recht glückliches Kind» (Jones, 2021, S.14) beschreibt. Es folgt jedoch relativ schnell das erste einschneidende Erlebnis ihres Lebens: Die Trennung ihrer Eltern. Beide Eltern sind Zeugen Jehovas. Weil keiner der Eltern untreu war, was neben dem Tod den einzigen validen Trennungsgrund innerhalb der Zeugen darstellt, muss einer der beiden die Gemeinschaft verlassen. Und so wird Sophies Vater ein Ausgestoßener.

Sie wohnt nun mit ihrer Mutter zusammen, die Sophie als fanatische Zeugin beschreibt. Im Alltag bedeutet das für Sophie zum Beispiel, dass ihre Mutter sie schlägt, wenn sie etwas in ihren Augen Unrechtes tun.

Wenn Sophie bei dem Buchstudium unaufmerksam ist und lieber etwas malt, ermahnt ihre Mutter sie streng und erinnert sie daran, dass es immerhin um ihr ewiges Leben gehe. Die ständige Angst um ihr ewiges Leben, das den Dreh- und Angelpunkt des Glaubens der Zeugen Jehovas darstellt, verfolgt Sophie. Aber nicht nur das: Sie erklärt, wie die ganzen biblischen Geschichten, die durchaus grausam sind, für sie wahr waren und sie schon als kleines Kind damit konfrontiert wird.  Sie hat ständig Angst vor Satan und der Strafe Gottes.

Die Grausamkeit des Glaubens zeigt sich besonders dann, als Sophies geliebte Oma stirbt. Schlimm genug, dass sie diesen wichtigen Menschen verliert. Schlimmer ist allerdings noch, dass sie weiß, dass ihre Oma nicht an einem besseren Ort ist, da sie keine Zeugin Jehovas war. Für sie sei sie eine der «Guten» gewesen, aber Jehova sehe das wahrscheinlich anders. Sie schreibt, wie viel leichter es gewesen wäre, ihre Oma im Himmel zu wissen, aber sie habe gewusst wo sie ist: «Hier unter der Erde» (Jones, 2021, S.55).

 

Vertrauensnotstand

Je älter Sophie wird, umso schwieriger wird es für sie, ihren Glauben mit ihrem Leben und ihren Interessen in Einklang zu bringen. Während es sie früher hauptsächlich irritiert hatte, dass sie nicht «Hexe Lilly» lesen durfte, machen sich jetzt Probleme wie Ausgrenzung durch Mitschüler oder eine nicht gestattete Neugier breit.

Als sie sich in der frühen Pubertät mit einer Freundin sexuell ausprobiert und die Mutter der Freundin sie erwischt, kommen zwei Älteste zu ihnen nach Hause und befragen sie dazu. Sophie und Hanna werden bloßgestellt und es wird eine Schuldige gesucht. Ihre Freundin schiebt die Schuld auf Sophie, und alle Anwesenden, auch Sophies Mutter, glauben ihr. Für Sophie bedeutet das einen massiven Vertrauensverlust. Sie fühlt sich beschämt und beschuldigt, sie fühlt sich sowieso schon «dreckig», da jegliche Form der vorehelichen Sexualität von den Zeugen Jehovas strengstens untersagt wird.

Sophies Alltag mit ihrer Mutter wird immer schlimmer und so entwickelt sie die Idee, zu ihrem Vater zu ziehen. Als dieser sie zurückweist, weil seine neue Frau nicht möchte, dass Sophie einzieht, ist sie am Boden zerstört.

 

Hölle auf Erden

Als Sophies Vater wenig später an Krebs erkrankt und sich die Situation zuhause mit ihrer Mutter zuspitzt, beginnt sie, sich selbst zu verletzen. Sophie beschreibt, wie ihre Mutter ihr so lange vermittelt, dass sie Niemandem etwas bedeute, bis sie es selbst glaubt. Sophies Mutter zeichnet unter anderem Streitgespräche von ihnen auf und gibt ihr immer wieder zu verstehen, dass sie kein guter Mensch sei. Die Art von Sophies Mutter, sie gleichermaßen zu überwachen und zu diffamieren, ist für Sophie so belastend, dass sie Suizidgedanken entwickelt.

Zudem fühlt sie sich ausgebrannt von den vielen Tätigkeiten für die Zeugen Jehovas und erkennt keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Sie schreibt:

« […] was ich in meinem Fall nicht sah, war etwas Großes: Mein Leben.  […] Sosehr ich es auch versuchte, ich konnte mir in meinem Kopf kein Bild malen, wie mein Leben in Zukunft aussehen würde. Ich hatte keine, dessen war ich mir sicher

Als sie circa 14 Jahre alt ist, versucht sie, sich zu suizidieren. Eindrücklich schildert Sophie:

«Ich fühlte mich wie innerlich tot, war es aber nicht. Und ich wusste: Egal, auf welche Art und Weise und wie oft ich es auch versuchen würde, es würde nicht funktionieren. Gott ließ mich nicht sterben. Und so versuchte ich auch nie wieder, mich umzubringen.»

Wie bei viel anderem in ihrem Leben verfolgen Sophie nach dem Suizidversuch Schuldgefühle. Dennoch verändert sich Sophies Verhältnis zu den Zeugen Jehovas: Sie ist zwar eine von ihnen, traut sich aber zum ersten Mal, ihre eigenen Gedanken zu haben und löst sich langsam innerlich ab.

 

Schuld und Sühne: Ein Doppelleben

Diese innerliche Ablösung ermöglicht Sophie, eine Art Doppelleben zu führen. Es entsteht um sie herum eine Clique Jugendlicher, allesamt Zeugen Jehovas, die sich so verhalten, wie andere Jugendliche auch: Sie trinken Alkohol, rauchen und sehen sich Filme an, in denen vorehelicher Sex vorkommt. Sophie merkt, dass kaum ein Zeuge Jehovas nach den Geboten der Gemeinschaft lebt. Sie fand es plötzlich cool, die Regeln zu brechen und wird sogar beim Ladendiebstahl erwischt. Sie versucht, Rechtfertigungen für ihren neuen Umgang mit dem Glauben zu finden: Jehova habe sie im Stich gelassen. Konnte Satan wirklich so schlimm sein, wie die anderen sagen?

Als sich Sophies Schulzeit dem Ende nähert, taucht für sie ein Hoffnungsstrahl auf: Sie könnte für ihre Ausbildung ausziehen. Sie ist zwar erst 16, aber da ihre Mutter scheinbar keine großen Probleme damit hat, ihre Tochter nicht mehr bei sich zu haben, kann sich Sophie eine Ausbildungsstelle und eine Wohnung in Leipzig besorgen.

Obwohl sie weiterhin ein Doppelleben führt, verspürt sie das Bedürfnis, jetzt alles besser zu machen und es noch einmal mit Jehova zu versuchen. Sie geht zu den Versammlungen in der Nähe ihrer neuen Wohnung und wünscht sich einen Neustart. Ausdruck des verzweifelten Versuchs, ihr Leben doch noch so zu führen, wie Jehova es von ihr erwartet, ist die Entscheidung zur Taufe. Das hat schwere Konsequenzen: Getaufte Zeugen dürfen keinen Kontakt mehr zu Ausgeschlossenen haben, das heißt, dass Sophie den Kontakt zu ihrem Vater abbrechen muss.

Nachdem sie sich mit 17 Jahren taufen lässt, bleibt die erhoffte Wirkung, nun ein gottergebenes Leben zu führen, aus. Sie lebt weiterhin ein Doppelleben und der Verlust ihres Vaters setzt ihr schwer zu. Als sie sich vertieft mit ihrem zukünftigen Leben als getaufte Zeugin beschäftigt, stellt sie fest, dass sie sich nicht mehr mit den Werten der Zeugen Jehovas arrangieren kann.

Und so trifft sie die, wie sie sagt, beste Entscheidung ihres Lebens. Sie steigt mit 18 Jahren aus der Sekte aus.

 

Fazit

Sophie Jones begeistert mit ihrer tiefgründigen Darstellung ihres Lebenswegs bei den Zeugen Jehovas. Sie schildert eindrücklich, wie sie versucht, sich von der Sekte zu lösen und dann immer wieder zurückgeworfen wird. An Sophies Schicksal wird deutlich: Die Zeugen Jehovas zu verlassen ist kein Kinderspiel. Umso beeindruckender, dass Sophie Jones es geschafft hat und sich nun zur Aufgabe macht, über diese und andere problematische Gemeinschaften aufzuklären.

07.02.2022, Julia Sulzmann

Quellen:

Jones, S. (2021). Erlöse mich von dem Bösen. Meine Kindheit im Dienste der Zeugen Jehovas. Lübbe. ISBN: 978-3-431-05016-5

Rausch, U., Schüssler, U. (1998). Zeugen Jehovas. Dokumente. Daten. Hintergründe. Knecht.

http://www.relinfo.ch/lexikon/christentum/zeugen-jehovas-2/