Frech und fromm – Willigis Jäger, 1925-2020, Benediktinerpater und Zenmeister

Am 20.März ist der Benediktinerpater und Zenmeister Willigis Jäger im Alter von 95 Jahren im Benediktus-Hof in Holzkirchen, Deutschland, gestorben.

Pater Willigis war der bekannteste der sog. „Zenediktiner“, d.h. der Benediktiner, die die Wege buddhistischer und christlicher Meditation aus tiefster Überzeugung miteinander verbanden.

In einem Gespräch zu seinem 90.Geburtstag sprach er im Rückblick auf seine Jugend, man habe ihn damals „fromm und frech“ genannt. Mir scheint, dieses Urteil habe über seine Jugend hinaus nichts von seiner Gültigkeit verloren. Erfahrungen mystischer Einheit mit dem Urgrund begleiteten ihn durchs ganze Leben. Ob auf buddhistischen oder christlichen Pfaden – Pater Willigis war eine fromme Seele.

Gleichzeitig ging er aber auch völlig unbeeindruckt seinen Weg, wenn man ihn zu disziplinieren suchte. Als die römische Glaubenskongretation, damals unter der Leitung von Kardinal Ratzinger, mit dem Vorwurf, er würde die eigene Erfahrung über die Dogmen stellen, über ihn ein Schreibe- und Redeverbot verhängte, hielt er sich einfach nicht ans kirchliche Verbot. Er referierte und publizierte unbeeindruckt weiter.

Von der Residenzpflicht in seinem Heimatkloster liess er sich entbinden. Er hörte aber nie auf, Mitglied seiner Klostergemeinschaft zu sein und wurde nun auch auf seinen Wunsch hin auf dem Friedhof seines Heimatklosters bestattet.

Die Bedeutung von Willis Jäger als Meister buddhistischer und christlicher Spiritualität kann kaum überschätzt werden. Unzähligen Zeitgenossen hat er uralte und trotzdem für die meisten neue Wege zu eigener spiritueller Erfahrung erschlossen. Der Mystik im allgemeinen und dem Zen-Buddhismus im Speziellen etwas ferner stehende Beobachter mussten sich fragen, ob dieses Nebeneinander, Miteinander und Ineinander östlicher und christlicher Spiritualität überhaupt möglich wäre. Nicht zuletzt auch das Leben von Willigis Jäger gab deutliche Antwort: Natürlich ist dies möglich. Es fragt sich nur, welcher Preis zahlt der Buddhismus und welcher Preis zahlt das Christentum, wenn wir sie so nahe nebeneinander rücken? Und es fragt sich auch, ob Willigis Jäger sich um das Ausmass dieser Kosten je wirklich sorgte.

Kritische Stimmen meinen, Buddhismus werde – so beinahe mit christlicher Mystik vereint – eindeutig pantheistisch, was er in seinem historischen Ursprung nie war, was sich erst im sog. grossen Fahrzeug angebahnt hatte. Das Christentum seinerzeit durchwehe – meinen kritische Stimmen – so deutlich von interreligiösen mystischen Erfahrungen geprägt auch ein pantheismusnaher Geist. Aber war dies schon mit dem Meister von Nazareth vorgegeben? Oder verlieren Jesus und Buddha in dieser Nähe zueinander nicht beide einen grossen Teil ihrer Eigenart?

All dies sind Kritikerperspektiven. Willigis Jäger war zutiefst von der letzte Einheit östlicher und christlicher Spiritualität überzeugt. Diese Überzeugung gewann er aus seiner eigenen Erfahrung. Er formulierte nicht nur seine Antworten auf spirituelle Fragen, er lebte seine Antworten engagiert, konsequent und für viele Zeitgenossen meisterhaft.

Prof. Georg Schmid, März 2020

«Der Virus ist aber nicht so gefährlich» – Christina von Dreien verbreitet Verschwörungstheorien zum Corona-Virus

In ihrem neuesten Newsletter nimmt die Toggenburger Trend-Esoterikerin Christina Meier alias Christina von Dreien die Corona-Virus-Krise zum Anlass, Verschwörungstheorien zu verbreiten und die gesundheitlichen Auswirkungen des Virus zu verharmlosen.

Das Corona-Virus sei, so behauptet Christina von Dreien, bewusst geschaffen worden: «Diejenigen Menschen, die auf der Erde das Sagen haben, die Fäden ziehen und die diese Macht nicht abgeben möchten, haben diesen Virus in die Welt gesetzt, um ihre Pläne weiter zu verwirklichen. Heisst doch Corona nichts anderes als Krone. Die Krone auf dem Plan, der Schlussstein.»

Typisch für Christina von Dreien ist nebst dem Verweis auf angebliche geheime Beherrscher dieser Welt das Vorgehen, aus einer sprachlichen Bezeichnung irgendwelche vermeintliche Zusammenhänge herauszuspekulieren. Dass aus dem Verborgenen operierende Weltherrscher einem clandestinen Projekt wohl kaum einen derart sprechenden Namen geben würden, das scheint Christina von Dreien nicht in den Sinn zu kommen. Allerdings zeigt sich dieser Widerspruch bei zahlreichen Verschwörungs-Fans, die davon ausgehen, dass Verschwörer ihre Taten selbst mit Botschaften und Anspielungen versehen, über welche die Öffentlichkeit ihnen auf die Schliche kommen kann.

Problematisch ist die Verharmlosung der Wirkungen des Corona-Virus durch Christina von Dreien. So behauptet sie in ihrem Newsletter: «Ich glaube nicht, dass das Coronavirus so gefährlich ist, wie es jetzt dargestellt wird. Ja, es sterben Menschen dran und jeder einzelne Fall ist traurig- doch allein bei der Grippewelle im Jahr 2017/18 sind laut Robert Koch Institut in Deutschland 25`100 Menschen gestorben. Jedes Jahr sterben (je nach Quelle) zwischen 15`000 und 40`000 Menschen an sogenannten multiresistenten Keimen, die sie sich erst im Krankenhaus zuziehen.»

Dass das Corona-Virus weniger gefährlich sein soll als behauptet, liege an einem Versagen der ansonsten unglaublich effizienten Verschwörer: «Der Virus ist aber nicht so gefährlich, wie diese Menschen es gerne gehabt hätten. Die Menschheit steht bei allem, was passiert, unter einem gewissen Grundschutz.»

Die Gefahren durch das Corona-Virus würden laut Christina von Dreien bewusst zu dramatisch dargestellt, um die Menschheit manipulieren zu können: «Dass man das Coronavirus als so gefährlich darstellt, hat aus meiner Sicht damit zu tun, dass man die Menschen in Panik versetzen möchte. So sinkt die Schwingung überall und Angst macht bekanntlich manipulierbar. Und so stimmen wir dann allen Massnahmen zu, die unsere Freiheit einschränken, weil wir glauben, sie seien notwendig.»

Angst vor dem Corona-Virus sei unnötig: «Ihr müsst keine Angst vor dem Virus haben. Natürlich kann man erkranken und wenn es schlimm kommt, sterben. Allerdings gibt es 100 andere Krankheiten, an denen ihr auch sterben könntet. Es kann sein, dass ihr sterbt- diese Möglichkeit besteht- aber das tut sie bei jeder Krankheit. Ausserdem kann euch allein eure Angst krank machen! Und das wird durch die Medien extrem geschürt und genau diese Angst ist beabsichtigt.»

Als 18-jährige Frau kann Christina von Dreien die Corona-Virus-Krise gut gelassen nehmen. Wie weit sie mit ihren Verharmlosungen aber ihrem Publikum einen Gefallen tut, das zu einem rechten Teil einer Risiko-Gruppe angehört, ist sehr die Frage.

Newsletter von Christina von Dreien zum Corona-Virus

Christ Embassy in der Krise?

Ein Augenschein bei Christ Embassy Thun am 1. März 2020

Christ Embassy – Boom oder Flop?

Weltweit sorgt der ursprünglich aus Nigeria stammende Freikirchenverband Christ Embassy für Furore: Massenveranstaltungen füllen grosse Konzerthallen, z.B. die O2 Arena in London, und der Christ-Embassy-Gründer Chris Oyakhilome, genannt Pastor Chris, kann illustre Gäste aufbieten wie den Heilungsevangelisten Benny Hinn, die mitwirken, wenn in den Heilungsgottesdiensten der Christ Embassy Menschen reihenweise aus Rollstühlen aufstehen oder von anderen wunderbaren Heilungen berichten.

In der Schweiz aber scheint der Zulauf eher mässig, manche Gemeinde stellte ihre Tätigkeit wieder ein, so die Christ Embassy Churches in Bern und Fribourg, und andere sind klein geworden, wie die Christ Embassy Thun.

Vom Delta Park in den Keller

Christ Embassy Thun wurde im Jahr 2004 begründet von Erika von Känel. Von Känel war eine Zeitlang in der Vineyard Gemeinde in Bern dabei, und wurde dann auf die Healing School von Chris Oyakhilome aufmerksam gemacht, welche sie kurz entschlossen besuchte. Wieder zurück in der Schweiz gründete sie die Christ Embassy Gemeinde in Thun, welche sich in den Räumen der ehemaligen Heimstätte Gwatt, heute Delta Park, versammelte. In dieser Zeit zählten sich mehrere Dutzend Menschen zur Christ Embassy Thun.

Das Mietverhältnis im Delta Park endete, und die Gemeinde wurde für ihre Gottesdienste Untermieterin eines Gymnastik-Studios an der Malerstrasse 4 in der Nähe vom Bahnhof Thun. In dieser Zeit besuchten wir die Gemeinde, und trafen dort noch gut 20 erwachsene Gemeindeglieder an.

In der Folge wechselte die Christ Embassy Thun ihren Gottesdienstort mehrfach, seit zwei Jahren feiert sie im Keller des privaten Wohnhauses der Pastorin Erika von Känel an der Spiezstrasse 80 in Gwatt. Am Gottesdienst vom 1. März 2020 nahmen neben vier Kindern noch sieben Erwachsene teil, die Pastorin mitgerechnet.

Alte Gartenstühle und ein neues Rednerpult

Eine ältere Dame wartete vor dem Wohnhaus von Erika von Känel, um allfällige Neulinge zu empfangen und in den Keller zu geleiten. Am 1. März besteht die Interessentenschaft aus meiner Frau und mir. Im Keller sind – wir sind infolge Parkplatzsuche fünf Minuten zu spät – die Anwesenden bereits im Lobpreis versammelt. Erika von Känel steht vorne und singt mit. An die Schrankwand, welche die ganze Front des Kellerraums einnimmt, wurde ein Leintuch gehängt, das nun als Leinwand dient. Dorthin werden von einer Mitarbeiterin an einem Laptop Youtube-Videos projiziert, die offensichtlich aus grossen Christ-Embassy-Gemeinden im Ausland stammen.

Vor der Schrankwand befindet sich ein aus Plexiglas bestehendes Rednerpult von Love Nation, der von Christ Embassy begründeten weltweiten Gemeindebewegung, der sich auch Gemeinden anschliessen können, die nicht Teil des Christ-Embassy-Verbands werden wollen. Dies ist in der Schweiz bei der umstrittenen YOU Church in Kloten der Fall, die Teil von Love Nation ist, nicht aber von Christ Embassy.

Neben dem Rednerpult steht ein E-Piano, das aber während des ganzen Gottesdienstes unbenutzt bleibt. Verfügt die Christ Embassy über niemanden mehr, der Klavier spielen könnte?

Die Anwesenden sitzen, soweit sie nicht zum Lobpreis aufgestanden sind, auf dunkelblauen Gartenstühlen, die meist je zu zweien aufeinander gestapelt verwendet werden. Wir werden von der Dame, die uns begrüsst hat, auf zwei Plätze gesetzt, meine Frau auf einen einfachen Gartenstuhl, ich auf einen doppelten.

Nebst der Pastorin, der Dame am Laptop und der Begrüsserin sind zwei Paare anwesend, wobei die Frauen und ein Mann begeistert mitmachen, während der zweite Mann die Sache offenbar eher aussitzt. Vier Kinder unterschiedlichen Alters spielen in der hintersten von vier Stuhlreihen und verlassen den Raum während des Gottesdienstes ab und an.

Kleine Gemeinde, grosser Informationsbedarf

Wie ich die Gemeinde überblicke, die von ihrer Grösse her ohne weiteres als Hauskreis durchgehen könnte, frage ich mich, wie es eine so überschaubare Gruppe zustande bringt, für einen derart hohen Beratungsaufwand bei Informationsstellen zu sorgen, wie es die Christ Embassy Thun in den 16 Jahren ihrer Geschichte getan hat.

Die Frage, weshalb das so ist, beantwortet Erika von Känel noch während der Lobpreiszeit: „Wir haben den Sieg!“ ruft sie mit einer Stimmgewalt, die für eine Aula ausreichen würde, aber im kleinen Keller unangebracht wirkt. „Wir sind bereits im Sieg. Niemand kann uns den Sieg nehmen, egal ob es die Schwiegermutter ist, der Nachbar, oder ein Bruder oder eine Schwester in der Church, es spielt keine Rolle.“

Dieser Sieg soll proklamiert werden, am besten schon frühmorgens. Wenn wir in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes proklamieren, dann haben unsere Worte schöpferische Kraft, lehrt Erika von Känel das Grunddogma der sog. Wort-des-Glaubens-Bewegung, zu welcher auch die Christ Embassy gehört.

Dem Bericht des Arztes nicht glauben

Botschaften, die nicht mit dem Wort Gottes übereinstimmen, die sollen hingegen nicht beachtet werden: „Let it be, lass es sein“. Dazu gehören, Pastor Chris lehrt das in seinem Buch „The Power of Your Mind“, und Erika von Känel wiederholt es, medizinische Diagnosen. Die Wort-des-Glaubens-Bewegung geht davon aus, dass Jesus am Kreuz nicht nur die Sünden getragen hat, sondern auch alle Krankheiten, so dass Gläubige nicht mehr krank sein sollten. Wer glaubt, kann in Anspruch nehmen, geheilt zu sein. Er kann seine Gesundheit proklamieren. Wenn er nun eine medizinische Diagnose erhält, widerspricht das dieser verheissenen Gesundheit. Erika von Känel meint: „Wenn der Arzt Bericht gibt im Spital, der nicht dem entspricht, was in Gottes Wort ist, glaube ich diesem Bericht nicht.“

Sich gesund denken resp. gesund proklamieren zu können ist gerade für kranke Menschen in schwieriger Situation eine attraktive Aussicht. Wer jeden Strohhalm ergreift, ist auch für solche Botschaften empfänglich. So stossen immer wieder Menschen mit hartnäckigen Beschwerden auf Erika von Känel und ihre Gemeinde, und setzen auf die Kraft der Proklamation. Tritt die erwünschte Besserung nicht ein, empfiehlt es sich nach den Vorstellungen der Christ Embassy, die Proklamationen zu intensivieren und „Gott herauszufordern“, etwa durch Fasten oder durch eine grosszügige Spende.

Gedankenkontrolle

Wichtig ist, nicht an die Krankheit zu denken. Pastor Chris lehrt: „That condition doesn’t fall in line with God’s definition of truth. So refuse to dwell on it. Reject it in Jesus‘ Name. Don’t think on it, and don’t voice it.“

Dies braucht Disziplin im Denken. Erika von Känel betont deren Wichtigkeit: „Jeder Gedanke von mir muss unter das Wort kommen. Wenn der Gedanke etwas anderes sagt, habe ich die Pflicht, die Gedanken zu stoppen.“

Negative Gedanken wie Zweifel können von Satan kommen. Deshalb meint Erika von Känel: „Ich erlaube gewisse Gedanken nicht, alles was niederdrücken und schwächen will.“ Wenn sich ein falscher Gedanke, z.B. Zweifel, meldet, dann rät Erika von Känel zu folgender lauthals vorgetragener Proklamation: „Ab, Satan, das gehört zu dir in die Hölle, aber nicht zu mir, raus!“

Besorgnis und Enttäuschung

All das ist geeignet, im sozialen Umfeld betroffener Personen Besorgnis auszulösen, was zu Nachfragen bei Informationsstellen führt. Dort melden sich auch enttäuschte Anhänger: Sehr oft wenden sich Menschen nach einiger Zeit wieder von der Christ Embassy ab, weil sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt haben. Gibt es auch Menschen, die sich durch die Christ Embassy Thun geheilt fühlen? Dass sie in grosser Zahl aus Dankbarkeit an deren Gottesdiensten teilnehmen würden, das kann jedenfalls eindeutig nicht gesagt werden.

Anweisungen von oben

Mittlerweile hat sich Erika von Känel schon recht warm geredet, doch eigentlich wäre immer noch der einleitende Lobpreis auf dem Programm. Sie hält inne und meint, dass ihre Autorität, ihr Senior Pastor bei der Christ Embassy, sie angewiesen habe, in Zukunft kürzere Gottesdienste durchzuführen. Sie solle sich an den vorgegebenen Ablauf bei Christ Embassy halten. Erika von Känel ist offensichtlich willens, sich nach diesen Vorgaben zu richten. Mit ihrem Gottesdienst im angekündigten Zeitfenster von zwei Stunden zu bleiben, wird ihr aber doch nicht gelingen.

Rhapsodie der Realitäten

Wegen der fortgeschrittenen Zeit wird auf ein weiteres Lobpreislied verzichtet. Wir gehen zum nächsten Programmpunkt in der Liturgie von Christ Embassy über, der Lesung aus der Rhapsodie der Realitäten.

Rhapsodie der Realitäten, im englischen Original Rhapsody of Realities genannt, ist ein Andachtsbuch für die tägliche Lektüre, welches von Pastor Chris monatlich in zahlreichen Sprachen herausgegeben wird. Eben ist die Rhapsodie für März 2020 erschienen, sie liegt erst elektronisch vor (auf einem kleinen Regal in der hinteren Ecke des Raums liegen noch die gedruckten Exemplare der Rhapsodie für den Monat Februar). Deshalb wird nun die Einleitung zur Rhapsodie des Monats März 2020 mit dem Beamer projiziert und von einem Gemeindeglied vorgelesen.

Inhaltlich bestätigt Pastor Chris die Vorstellung der Wort-des-Glaubens-Bewegung, dass der Gläubige mit seinem Wort Realitäten schaffen kann: „Du hast weit mehr Einfluss auf dein Schicksal, als du realisierst. Ob du lebst oder stirbst, erfolgreich bist oder versagst, reich bist oder arm, schwach bist oder stark, gross bist oder klein – es hängt viel mehr von dir ab als von Gott.“ Darauf zu warten, dass Gott etwas für uns tut, das wäre, so meint Pastor Chris, vielleicht vergeblich. Gott habe bereits alles getan, was nötig ist, dass wir das beste Leben haben können: „Dir wurde alles gegeben, was du benötigst, um siegreich, glücklich und erfüllt zu leben. Aber der Schlüssel liegt in deiner Antwort darauf.“

Der Schlüssel liegt im Aussprechen, in der Proklamation: „Jedes Mal, wenn du sprichst, formst du dein Leben und deine Zukunft entweder in Übereinstimmung mit Gottes göttlicher Versorgung und Bestimmung für dich oder in Abweichung davon. Wo du dich heute befindest – dein gegenwärtiger Zustand und dein Grundvermögen – ist das Resultat von dem, was du gestern gesagt hast.“

Pastor Chris betont die Kraft, die er in den Worten sieht: „Worte sind kraftvoll und wichtig, sie kreieren oder zerstören. Du bestimmst wie du dein Leben haben möchtest“.

„Werde radikal in deiner Bestätigung des Wortes“

Was ist aber zu tun, wenn es Probleme gibt, die sich nicht einfach wegproklamieren lassen? Dann ist Radikalität angebracht: „Wenn du Herausforderungen gegenüberstehst, bleibe vertrauensvoll in dem Herrn und werde radikal in deiner Bestätigung des Wortes. Während du sprichst, veranlasst der Heilige Geist, dass Dinge in Übereinstimmung mit deinen Worten geschehen; dazu benötigt Er deine Worte.“

Die theologische Konsequenz aus der Behauptung, dass der Heilige Geist unsere Worte benötigt, um handeln zu können, dass also Gott vom Menschen abhängig ist, erörtert Pastor Chris nicht weiter. Stattdessen betont er, das die Gläubigen immer wieder und mit Überzeugung sprechen sollten: „Ich bin gesund und stark, weil ich das Leben Gottes in mir habe!“

Die Gesundheit zu proklamieren ist aber nicht erst im Krankheitsfall angezeigt: „Warte nicht, bis erst Symptome in deinem Körper auftauchen, bis du solch kühne Deklarationen aussprichst. Sprich schon jetzt auf diese Weise und halte Krankheit von dir fern.“

Am Ende seiner Einleitung resümiert Pastor Chris: „Es liegt an dir, dein triumphierendes Leben und deine gesegnete Zukunft mit dem Wort Gottes auf deinen Lippen zu erschaffen.“ Pastor Chris delegiert die ganze Verantwortung für das Gelingen des Lebens an die einzelnen Gläubigen. Im Umkehrschluss heisst dies natürlich, dass derjenige, der keinen Erfolg hat, der nicht zu Wohlstand gelangt oder krank bleibt, selbst schuld ist. So wird verständlich, dass sich Menschen recht häufig enttäuscht von der Christ Embassy abwenden, – und auch, dass Erika von Känel von all den Abgängen offenbar nicht angefochten wird.

Positives Denken auf christlich

Viele Sätze von Pastor Chris lassen aufhorchen, etwa „Worte sind kraftvoll und wichtig, sie kreieren oder zerstören. Du bestimmst wie du dein Leben haben möchtest“. Solche Aussagen klingen heutzutage sehr vertraut, aber nicht aus christlichem Kontext, sondern aus dem Bereich der Esoterik. Sie könnten wortidentisch in einem der zahllosen Ratgeber für Positives Denken stehen, die in Massen dem esoterischen Buchmarkt entspringen. So etwa klingt das „Secret“, das Geheimnis, das Rhonda Byrne der Menschheit offenbart haben will, so gehen die Bestellungen beim Universum, die Bärbel Mohr und nach ihrem Tod ihr Ehemann Manfred Mohr propagiert, und ganz ähnlich funktioniert auch das „Erfolgreiche Wünschen“ des ehemaligen Schauspielers Pierre Franckh.

Erika von Känel gibt diese Parallelen durchaus zu, wenn sie meint: „Sogar Leute von dieser Welt kennen diese Dinge und wenden sie an. Es sind geistige Prinzipien. Der Leib Christi muss sie kennenlernen.“ Hier zeigt sich, wie Positives Denken seine eigenen Opfer schaffen kann. Würde Erika von Känel die Entwicklung ihrer Gemeinde realistisch betrachten, müsste ihr auffallen, dass die Kombination von christlicher Botschaft mit den Prinzipien des Positiven Denkens offensichtlich wenig erfolgreich ist. Doch kann ein solcher Gedanke zu ihr durchdringen, wenn sie doch kritische Resümees sofort als satanisch abweisen müsste? So spricht sie vor ihrer schrumpfenden Gemeinde weiter vom Sieg, den sie erringt, und wirkt in ihrer Verweigerung realistischer Wahrnehmung wie eine tragische Figur, die sich selbst im Weg steht.

Einbruch der Realität ins positive Wunschdenken

Während Erika von Känel darüber spricht, dass der Heilige Geist handelt, wenn der Gläubige Jesus anruft, bricht dem Gartenstuhl, auf welchem meine Frau sitzt, ein Bein weg. Sofort wird klar, weshalb die Gartenstühle zumeist doppelt gestapelt aufgestellt wurden: offenbar schon angejahrt, ist der Hartplastik der Stühle spröde geworden und hält der Sitzlast der stundenlangen Gottesdienste nur noch bedingt stand.

Zu den eben gehörten ausgiebigen Lobgesängen auf die Kraft der Worte verhält sich das Geschehen recht spannungsvoll: Proklamationen scheinen keine Unfälle mit Gartenstühlen zu verhindern und auch kein altes Mobiliar zu verjüngen. Der Kraft der Worte scheinen durchaus Grenzen gesetzt zu sein.

Yabba-dabba-du

Erika von Känel lässt sich durch das Missgeschick mit dem Mobiliar nicht beirren, schnell wird meiner Frau ein doppelter Stuhl gereicht, und der Gottesdienst kann weiter gehen.

Nun betont Frau von Känel die Wichtigkeit des Sprachengebets. Wer in Sprachen bete, also Zungenrede übt, der stärke seinen Glauben, deshalb soll so viel wie möglich in Sprachen gebetet werden. Regelmässiges Sprachengebet sei notwendige Voraussetzung für geistliches Wachstum. Erika von Känel empfiehlt, jeden Morgen eine halbe Stunde in Sprachen zu beten, bevor der tägliche Abschnitt aus der Rhapsodie der Realitäten durchgenommen wird.

Von sich selbst meint Erika von Känel, dass sie sehr oft in Sprachen sprechen würde. Diese Aussage illustriert sie mit ein paar Kostproben ihres Sprachengebets, das uns irgendwie an den Ausruf Yabba-dabba-du aus „Familie Feuerstein“ erinnert.

Wochenlang könnte sie Teachings über das Sprachengebet wiedergeben, behauptet Frau von Känel. Dies lässt sie für heute aber bleiben. Einem Mädchen kommt der Gottesdienst auch so schon lang vor, es wedelt auffällig mit einer Hunderternote herum, die offenkundig für die am Ende des Gottesdienstes eingezogene Kollekte bestimmt ist.

Heilungen von Gelähmten

Erika von Känel berichtet nun davon, wie Pastor Chris bei seinen Heilungsgottesdiensten hunderte von Menschen heile. Der Boden des Saales vibriere jeweils, wenn Pastor Chris in betrete, und gleich in diesem Augenblick seien die Kranken geheilt. Gelähmte würden reihenweise aus ihren Rollstühlen aufstehen.

In einer afrikanischen Zeitung hat vor ein paar Jahren ein Student behauptet, dass er an solchen Heilungen beteiligt gewesen sei. Er sei dafür bezahlt worden, sich im Rollstuhl hineinfahren zu lassen, um nach der Heilung durch Pastor Chris aus dem Rollstuhl aufzustehen und auf der Bühne rumzulaufen. Wie weit diese Geschichte zutrifft, muss offenbleiben.

In einem Magazin der Healing School der Christ Embassy aus dem Juni 2009 sind Fotos von Personen im Rollstuhl abgebildet, die auf einer zweiten Aufnahme auf der Bühne umherlaufen. Die Bilder sind eindrücklicher als der erklärende Text dazu. Es würde sich, heisst es dort, nicht um geheilte Querschnittgelähmte handeln, sondern um Menschen mit entzündlichen oder psychischen Bewegungsproblemen. Solche Schwierigkeiten lassen sich bei entsprechender Motivation durchaus für eine gewisse Zeit überwinden, ohne dass ein Wunder im Spiel gewesen sein muss.

Gesungene und gesprochene Proklamationen

Erika von Känel erinnert sich wieder der Mahnung ihres Senior Pastors und will nach gut zwei Stunden Gottesdienst zu einem Ende kommen. Als Abschluss wird ein Youtube-Video abgespielt, das ein Lied von Osinachi Joseph alias Sinach zeigt, der gefeierten Gospel-Sängerin aus den Reihen der Christ Embassy. Sinach singt der Anhängerschaft Proklamationen vor. Sie singt von einem neuen Level im Haus, in den Finanzen, im Job, und dass die Mauern von Jericho eingestürzt seien.

Erika von Känel nimmt das Lied zum Anlass, nochmals das Wort zu ergreifen und eigene Proklamationen anzuschliessen: „Religion hat keine Chance in der Schweiz!“, „Die Schweiz ist ein Land des Wortes Gottes“, „Ihr seid mehr als Überwinder“, und konkreter, aber auch überprüfbarer: „Wir werden Sinach in die Schweiz einladen, und sie wird im Wankdorf-Stadion ein Konzert geben.“

Positives Denken muss es auch sein, das die Christ Embassy veranlasst, ab kommender Woche jeweils um 17.00 Uhr noch einen zweiten Gottesdienst durchzuführen. Dass eine Gemeinde mit sieben erwachsenen Besuchenden einen zweiten Gottesdienst ins Auge fasst, scheint geradezu tollkühn.

Beten für die Reformierten

Als wir nach Ende des Gottesdienstes um 12.30 Uhr dem Keller entsteigen wollen, eilt uns die Mitarbeiterin nach, welche den Laptop bediente, und erkundigt sich nach der Motivation unseres Besuchs. Schnell ruft sie Erika von Känel dazu. Diese fragt nach unserer Kirchenzugehörigkeit. Sie würde auch für die Reformierte Kirche beten, meint sie auf unsere Antwort hin. Wir bedanken uns: Gebet ist immer gut. Proklamationen allem Anschein nach eher nicht.

Georg O. Schmid, März 2020

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Lexikoneintrag Christ Embassy

Göttinnen-Tempel in Winterthur vergrössert sich

Der von Stephanie Schudel gegründete Göttin und Grüner Mann Tempel in Winterthur erlebt in den letzten Jahren vermehrt Zulauf, sodass im April 2020 eine grössere Liegenschaft, ebenfalls in Winterthur, bezogen wird. Aus diesem Anlass besuchten wir eine Veranstaltung der Organisation.

Besuch im Pure Heart Center Winterthur vom 12. Februar 2020

Die alte Treppe knarrte unter unseren Füssen, als wir in das zweite Stockwerk zum Pure Heart Center in einem Gebäude der Winterthurer Altstadt hinaufstiegen. Die Priesterin Stephanie Schudel wartete bereits erwartungsvoll vor dem Eingang zum Göttin und grüner Mann Tempel und begrüsste uns mit einer Umarmung. Sie hat lange blonde Haare, ist relativ klein und ein richtiges Energiebündel. Wir zogen unsere Schuhe und Jacken aus und betraten den Tempel, in dem sich der Mond-Zirkel für Frauen, der jeweils in der Vollmondwoche stattfindet, ereignen würde.

Bevorstehender Umzug

Im ersten Raum des Tempels standen bereits zwei ältere Damen. Dieser Bereich war reichlich geschmückt und gemütlich eingerichtet. Zahlreiche Kissen bedeckten das helle Sofa. Die violetten Wände und der kuschelige weisse Teppich fühlten sich beruhigend an. Rechts neben dem Eingang stand ein Regal, auf welchem verschiedene Produkte, wie Aura-Sprays, zum Verkauf angeboten wurden. Den eigentlichen Blickfang bildeten jedoch die acht farbigen Bilder der Göttin, die in regelmässigen Abständen an den vier Wänden des Raumes aufgehängt waren. Der anhängende zweite Raum des Tempels, welcher jeweils dem Jahreszyklus entsprechend geschmückt worden war, war leergeräumt. Stephanie erklärte uns mit grosser Freude, dass sie Anfangs April in grössere Räumlichkeiten umziehen würde. Dort könne sie der Nachfrage entsprechend arbeiten und sich richtig austoben.

Der Zirkel

Stephanie bat uns, sich dem Alter nach in den Zirkel zu platzieren. Die beiden älteren Damen nahmen auf den beiden Stühlen Platz, wir Jüngeren setzten uns auf die bereitgestellten blauen Kissen am Boden. In der Mitte des Kreises befanden sich ein rotes Tuch, eine rote Kerze und diverse Steine, sowie verschiedene Figuren der Göttin. Ein Krug voll Wasser, mit energetisierenden Edelsteinen besetzt, stand vor mir. Ein Kissen am Boden war noch frei. Um 19 Uhr traf eine letzte Frau ein, welche wie wir, das erste an einer Veranstaltung dieser Art teilnehmen würde. Stephanie hiess uns im Mond-Zirkel willkommen, welcher uns in unserem Frausein bestärken sollte.

Die spontane Göttin

Als wir alle im Kreis sassen, präsentierte uns Stephanie den Plan für den heutigen Abend. Kurz vor Beginn hätte die Göttin ihr eine Planänderung eingeflüstert, sodass sie diesen ziemlich spontan hätte umändern müssen. „Ich hasse, wenn sie das macht“, sagte Stephanie mit einem lauten, ansteckenden Lachen. Am Mond-Zirkel wird zuerst eine Spirale auf die Stirn jeder Teilnehmerin gemalt. Die Kreisälteste begann und zeichnete mir, als Kreisjüngste, mit Tonerde eine Spirale auf die Stirn. So ging es im Kreis herum weiter, bis alle sechs Frauen bemalt waren. Die Spirale bedeute das Unendliche und komme in der Natur überall vor, erklärte uns Stephanie.

Die Göttin und Avalon

Gewappnet mit der Spirale auf der Stirn, setzten wir den Mond-Zirkel fort, indem Stephanie, zu Gunsten der drei erstmaligen Teilnehmerinnen, die Grundsätze ihres Glaubens erklärte. Dieser dreht sich um die Göttin, als kreative, nährende Energie im Herzen des Universums, und den mythischen Ort Avalon, welcher vor allem aus dem Sagenkreis um König Arthur bekannt ist. Durch die Entstehung des Christentums und des Patriarchats sei die Verehrung der Göttin völlig untergegangen.

Die paradiesische Insel in Glastonbury

Laut Stephanie befindet sich Avalon in Glastonbury in England. Avalon sei eine paradiesische Insel, in welcher die Lady of Avalon als Göttin lebe. Dass die Lady of Avalon in Glastonbury ihr Zuhause hat, sei an der Landschaft, bestehend aus vielen Hügel und Tälern, zu erkennen. Stephanie hat ihre Ausbildung zur Priesterin im Göttinnen Tempel in Glastonbury gemacht und beschreibt den Ort als absolut magisch.

Die „Vierfaltigkeit“

Der Jahreszyklus des Tempels ist nach den acht Archetypen der Göttin gerichtet. Diese waren in den, an den Wänden hängenden, Bildern dargestellt. Die Göttin ist „vierfaltig“ und kennt somit die Erscheinungsformen Jungfrau (Maiden), Liebende (Lover), Mutter (Mother) und das alte Weib (Crone). Der Dreifaltigkeit aus der Wicca-Bewegung wurde somit die vierte Erscheinungsform „Liebende“ hinzugefügt, was im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung des durchschnittlich späteren Gebäralters der Frau stehen könnte.

Die Archetypen

Jeder der acht Archetypen ist ein Fest zugeordnet: Imbolc, Frühling Tagundnachtgleiche, Beltane, Litha, Lammas, Herbst Tagundnachtgleiche, Samhain und Yule. Diese Feiertage entleiht Stephanie ebenfalls der Wicca-Bewegung. Die acht Erscheinungsformen entsprechen zudem jeweils einer Himmelsrichtung, sodass die Bilder der Göttin übereinstimmend im Tempel aufgehängt wurden. Die „Vierfaltigkeit“ wird in vier Darstellungen ausgedrückt. Die vier restlichen Archetypen sind den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft zugeordnet worden.

Die Maiden Goddess

Unser Mond-Zirkel ereignete sich zwischen Imbolc und der Frühling Tagundnachtgleiche. Somit würden wir momentan die „Maiden Goddess“ besonders stark fühlen, erklärte uns Stephanie. Sie zeigte dabei auf das Bild, das im Nord-Osten des Raums hängte. Die Göttin war mit flammend roten Haar abgebildet, hielt die Sonne über ihrem Kopf in ihrer linken Hand, Feuer in der rechten Hand auf der Höhe ihres Herzens und trug auf ihrem Körper zahlreiche Schneeglöckchen. Zu ihren Füssen sass ein weisser Schwan, über ihr ein heulender Wolf und eine Kuh. Diese drei Tiere werden mit dem Archetyp Jungfrau der Göttin assoziiert.

Die innere Wolfsfrau

Stephanie erklärte uns daraufhin die Bedeutung der Maiden. Die Maiden oder Jungfrau verkörpert das innere Kind von 7 bis 14 Jahren der Göttin. In dieser Zeit ist die Göttin wild, spielt, tanzt, macht was sie will und ist sich selbst, egal was andere davon halten. Die Maiden wird somit auch als die innere Wolfsfrau beschrieben. Die Schattenseite der Maiden ist ihre zickige Art und ihr mangelndes Selbstvertrauen, das ihr oft abspricht, etwas erreichen zu können. An diesem Vollmond sei es oftmals der Fall, dass das innere Kind die Überhand gewinnt und die gesamte Verantwortung im Leben von uns erwachsenen Frauen übernimmt.

Ängste der Generationen

Nach dieser Einführung in die Göttin, Avalon und den Archetyp „Maiden“, forderte uns Stephanie dazu auf, unsere innere Gefühlswelt dieser Vollmondzeit zu erforschen. Im Kreis herum, eine nach der anderen, teilten wir einander unsere Gedanken und Gefühle mit, wobei die Kreisälteste wieder anfing und ich, als die Kreisjüngste, das Wort zuletzt ergriff. Die Frau die gerade erzählte, hielt jeweils einen reichlich dekorierten Holzstab in den Händen. Die Erzählungen waren emotional und sehr persönlich. Durch die Anwesenheit Frauen verschiedener Generationen kamen Ängste und Sorgen völlig verschiedener Art zum Ausdruck. Diese reichten von der Angst älter zu werden, und dem plötzlichen Tod enger Freunde, zu Erinnerungen an traumatische Geburten und der Angst des Antritts einer Weltreise alleine.

Begegnung mit dem inneren Kind

Stephanie forderte uns dann dazu auf, die Augen zu schliessen und eine bequeme Position einzunehmen. Ich schloss meine Augen und lag auf den Boden. Mit ihrer angenehmen, beruhigenden Stimme und entspannender Hintergrundmusik, führte Stephanie die darauffolgende Meditation. So sollten wir uns einen Ort vorstellen, an dem wir uns wohl fühlen würden und unser inneres Kind an diesem Ort treffen. Dabei sollten wir mit dem Kind reden und es dazu auffordern, Erinnerungen und Gefühle, welche an diesem Vollmond wieder aufgearbeitet werden würden, uns mitzuteilen. Zum Schluss sollten wir das Kind, falls erwünscht, umarmen.

Kindheitstraumata

Wir öffneten die Augen wieder und erzählten uns der Reihe nach, wie die Begegnung mit dem inneren Kind verlaufen war. Auch dieser Teil war sehr emotional, da Kindheitstraumata angesprochen wurden, die einer wildfremden Person sonst wahrscheinlich nicht angetraut werden würden. So erzählten wir einander von kriegsbedingten Fluchten aus der Heimat, von Mobbingvorfällen in der Schule und elterlichen Verlusten. Es fühlte sich dabei ein wenig wie eine Selbsthilfegruppe an, in welcher die Frauen verschiedener Generationen einander ein Ohr liehen und aufmerksam aufeinander eingingen.

„Liebes inneres Kind…“ 

Nach einer kurzen Pause erhielten wir von Stephanie die Aufgabe, einen Brief an das innere Kind zu schreiben. Das innere Kind nimmt Stephanie zufolge, in der Zeit der Maiden Goddess oft das Zepter. Das Ziel des Briefes war, zu erklären, dass wir, als erwachsene Frauen wieder die Verantwortung für unser Leben übernehmen würden. Wir alle schrieben konzentriert unsere Briefe, welche uns Stephanie zu einem unbekannten Zeitpunkt zuschicken wird.

Regierung des Königinnenreichs

Zum Abschluss teilten wir unsere Eindrücke der letzten 2.5 Stunden miteinander. Dabei gingen wir wieder dem Alter nach und hielten während dem Reden den Holzstab in den Händen. Alle sechs Frauen bedankten sich für den Zirkel und fühlten sich ruhig und entspannt. Ich war für einen Abend in die Welt der Göttin eingetaucht und fand es enorm interessant. Vor allem Stephanies Einführung in ihren Glauben war spannend gewesen, der mir als neuartiger Synkretismus verschiedener Weltbilder, wie der Wicca-Bewegung oder neukeltischer Organisationen, erschien. Anschliessend war die Göttin nur noch in Form der Maiden Goddess und dem „inneren Kind“ Thema gewesen. Dieser zweite Teil zwang die Teilnehmerinnen dazu, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. So erschien mir der Abend ein wenig wie eine Austauschrunde zwischen Frauen verschiedener Generationen, in welcher Erinnerungen aus der Kindheit aufgearbeitet wurden und eine kraftvolle und positive Wirkung auf die Teilnehmerinnen ausgeübt hatte. In Stephanies Worten sollten wir mithilfe des Mond-Zirkels wieder lernen, unser eigenes Königinnenreich zu regieren.

Louisa Bernet, 2020

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Die umstrittene Wort+Geist-Bewegung mit Hauptsitz in Röhrnbach im Bayerischen Wald, die in den 2000er-Jahren in der Schweiz mehrere Gemeinden zählte, aber seit dem Ausscheiden der YOU Church Kloten aus dem Verband keine feste Gemeindestrukturen mehr kannte, ist seit kurzem in der Schweiz wieder mit einer Lokalgemeinde vertreten: Wort+Geist Zürich feiert ihre Gottesdienste im Hotel Swiss Star in Wetzikon. Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet hat den Gottesdienst am letzten Samstag besucht.

Besuch Wort+Geist Zürich vom 8. Februar 2020

 Das gelbe Logo der Wort+Geist Bewegung strahlte mir von einem Schild sofort entgegen, als ich das Swiss Star Hotel in Wetzikon betrat. Es verwies auf den Gottesdienst, der an diesem Samstagabend um 19.30 Uhr stattfinden sollte. Ich folgte dem Schild, welches mich rechts vorbei der Rezeption in einen kleinen, kahlen Seminarraum führte. Das Zimmer war leer, bis auf einen jungen Mann, der gerade die Kabel der Stereoanlage entwirrte, und eine Frau im mittleren Alter, die mich etwas überrascht ansah. Beide gaben mir zögerlich die Hand. Sie schienen verwundert darüber, eine neue Interessentin zu haben. Die Verblüffung verschwand allerdings, als ich sagte, dass ich von Relinfo sei und gerne am Gottesdienst teilnehmen würde. Etwas zurückhaltend ging die Frau den Abklärungen nach, ob meine Anwesenheit in Ordnung sei.

Das Portrait als Altar

Ich setzte mich in die Dritte der vier Reihen. Es waren für etwa 50 Menschen Stühle bereitgestellt worden, wobei ich noch alleine im Raum sass. Als ich mich herum sah, fiel der Blick sofort auf ein Portrait von Helmut Bauer, das ganz zentral vorne den fehlenden Altar ersetzte. Breit lächelnd und im schwarzen Anzug gekleidet, schaute mir das Gesicht des Gründers und Leiters der Wort+Geist Bewegung entgegen. Abgesehen von diesem Bild  gab es keine weiteren Hinweise auf den bevorstehenden Gottesdienst. Eine einsame Zimmerpflanze und ein Bild von Zügen dekorierten den insgesamt eher ungemütlichen Raum.

Anhaltende Umarmungen

Allmählich betraten die Gottesdienstbesuchenden den Raum. Jede Person, die hereinkam, umarmte alle bereits anwesenden Personen. Auch ich wurde entsprechend begrüsst. Diese Umarmungen dauerten immer eine Weile, was bei den bereits routinierten Gottesdienstbesuchenden entspannt und angenehm aussah, sich bei mir aber unnatürlich anfühlte und schon beinahe eine persönliche Grenze überschritt. Die Atmosphäre war ziemlich ruhig und entspannt und die Leute schienen sich bereits gut zu kennen. So tauschten sie kleine Geschenke miteinander aus, lachten fröhlich und freuten sich offensichtlich einander zu sehen.

Die begehrte erste Reihe

Um 19.30 Uhr, zum Zeitpunkt des geplanten Beginns des Gottesdienstes, waren etwa 25 Menschen anwesend. Die meisten waren ungefähr im Alter von 50 Jahren, wobei sich auch einige Familien mit kleinen Kindern oder Jugendlichen darunter befanden. Die Besuchenden setzen sich aus Personen verschiedener Herkunft zusammen. Die Kinder und Jugendlichen sassen in den hinteren Reihen, während die Erwachsenen allesamt zuvorderst in einer einzigen langen Linie eng nebeneinander standen. Die erste Reihe war offensichtlich begehrt. Ich steckte mich eher in die Kategorie der Kinder und blieb in den hinteren Reihen sitzen. Für eine letzte Umarmung stand ich nochmals auf. Sie war die längste und innigste.

Der „Oberhirte“

Es stellte sich heraus, dass diese letzte Umarmung vom Prediger des Abends stammte. Dieser heisst Andreas Lassner und betitelt sich selbst als „Oberhirte“. Für den Gottesdienst war er extra von dem Wort+Geist Zentrum in Nürnberg angereist. Die Prediger in Wetzikon wechseln immer wieder und die Gottesdienste in der Schweiz finden ohnehin nur drei Mal im Monat statt. So besteht die Möglichkeit, am freien Samstag nach Deutschland an die grösseren Gottesdienste zu reisen. Der Oberhirte muss also nicht jede Woche fünf Stunden anreisen. Lassner ist im mittleren Lebensalter, ziemlich gross und dünn und hat eine Bräune, die nicht wirklich zu seiner bayerischen Herkunft passt. Er war elegant gekleidet in einem rosafarbenen Hemd und einem Einstecktuch in derselben Farbe, welches in der Brusttasche des dunklen Sakkos steckte.

 Eine rätselhafte Persönlichkeit

Andreas Lassners Heimat war ihm deutlich anzuhören. In einem breiten bayerischen Akzent begann er seine zweistündige Predigt. Dabei lachte er immer wieder in einer übertriebenen Weise und sprang gelegentlich auf und ab. Er benutzte keine Notizen, sondern sagte, was ihm gerade durch den Kopf ging. Diese Tatsache führte dazu, dass er hin und wieder den Faden verlor und die Lücken füllte, indem er dem Publikum mitteilte, wie sehr er sie lieben würde, oder willkürliche Textstellen aus den von Helmut Bauer verfassten Büchern vorlas. Es war grösstenteils angenehm, dem Oberhirten zuzuhören, wobei sein Lachen nicht wirklich authentisch wirkte und das Herumspringen ebenfalls etwas erzwungen aussah. Auch seine persönlichen Anekdoten wurden auf eine roboterhafte Weise erzählt, sodass ich nach dem Gottesdienst seine Persönlichkeit nicht wirklich einordnen konnte.

„Schau, hier sind Engel in der Luft“

Der Inhalt seiner Predigt wiederholte sich immer wieder und drehte sich um dieselben drei Themen. Dabei stand der Geist im Mittelpunkt. Lassner stellte aber klar, dass dieser Geist nicht mit den Geistern aus der Esoterik verwechselt werden sollte. Daraufhin lachten alle über die Lächerlichkeit der Esoterik. Einige Minuten später sagte der Oberhirte, aus dem Nichts: „Schau, hier sind Engel in der Luft“. Ein weiterer immer wiederkehrender Punkt war der Auftrag der Anwesenden. Lassner war froh, immerhin in diesem Raum darüber sprechen zu können, den die Leute ausserhalb würden ihn für verrückt halten, wenn er von seinem Amt als Oberhirte erzählen würde. Auch Helmut Bauer, stets als Meister bezeichnet, wurde häufig erwähnt. Lassner sprach zudem, als wiederkehrender Zwischenkommentar, vom 7. Jahrtausend und dem energetischen Jahr 2020. Ich fragte mich dabei, ob die Wort+Geist Bewegung die im freikirchlichen Bereich früher beliebte Lehre der siebentausend Jahre umfassenden Weltgeschichte vertritt, die davon ausgeht, dass die Schöpfung um 4000 v. Chr. stattfand und dass ums Jahr 2000 herum das Millennium, das paradiesische Tausendjährige Reich angebrochen ist.

Die Energie des Geistes

Lassner differenzierte jeweils zwischen einem Leben mit einem Bewusstsein für den Geist und einem Leben ohne diesem Bewusstsein. Für ihn hat alles andere keine Bedeutung mehr, wenn der Geist in einem drin lebt, denn die geistliche Welt regiert die irdische Welt. Man solle also die Verstandesebene der irdischen Welt verlassen und kein Vertrauen auf die Intelligenz und die fünf Sinne setzen. Einheit und Liebe erfahre man erst, wenn diese geistliche Energie auflebt. Darum könne man auch zu zweit auf einem Pferd sitzen und trotzdem kein innerliches Zusammensein erleben. Die Anwesenden des Gottesdienstes seien die einzigen, die diese Einheit kennen würden, weil der Geist in ihnen lebt. So seien die gesamten Anwesenden eine Familie, die Familie Gottes. Die irdische Familie, also die Leute aus der früheren Zeit, würden ganz anders ticken, sie würden auf einer anderen Welt leben. Die Antennen dieser Menschen seien für die Energie des Geistes, laut Lassner, stumpf geworden. Freyung, der Veranstaltungsort der 4-Jahreszeiten Akademie, sei ein Energiepunkt und erst der Anfang der Ausbreitung dieser Energie.

Die Auserwählten

Für den Oberhirten ist klar, dass alle, die diesen Geist in sich spüren, von Gott gesandt wurden, um einen Auftrag zu erfüllen. In diesem Auftrag zu leben sei das schönste, denn man selbst sei die Lösung, um die Welt zu verändern. Die Leute draussen seien nämlich in ihrer Seele gefangen, darum müssten die Auserwählten die Energie dieser Menschen erwecken. Es sei ein innerer Ruf, der die teuflische Macht zerbrechen sollte, und sie seien erst am Anfang. Als Mitarbeiter Gottes seien die Anwesenden die massgeblichen Personen und von einer anderen Welt, erklärte Lassner. Bei allen anderen Menschen fehle etwas, nur jene, die mit dem Geist leben, hätten ein volles Leben. Das Leben ohne Glaube sei langweilig und komplett hohl.

Der Meister

Laut Lassner sind alle Anwesenden von Gott gesandt, aber nicht alle Geistpersönlichkeiten. Der Meister sei eine solche Geistpersönlichkeit, erklärte Lassner, auf das Portrait von Helmut Bauer zeigend. Der Meister spricht nicht aus dem Kopf, sondern erzählt das, was der Geist ihm mitteilt. Darum ist momentan beispielsweise das Gewicht der Bewegung auf der Akademie, denn der Meister hat dies gespürt. Lassner habe die extreme Strahlung, die der Meister hat, spüren dürfen, als er einen Tag mit ihm im Krankenhaus verbrachte. Der Meister hat nämlich gesundheitliche Probleme. Wir sollen uns aber keine Sorgen machen, den die Ärzte würden keine Ursache dafür finden. Zur richtigen Zeit werde der Geist wieder alles heilen. Die Zukunft sei zwar unbekannt, der Geist mache jedoch was er wolle, sodass man sich keine Sorgen machen sollte.

Geistlicher Schlager

Die Predigt wurde immer wieder durch das Abspielen von Liedern unterbrochen. Diese handelten von den Themen Geist und Liebe. So wiederholte das zweite Lied, im Schlagerstil, kontinuierlich die Zeile: „Jetzt ist die Zeit, in der die Liebe übernimmt, in der der Geist alles durchdringt“. Das dritte Lied war in italienischer Sprache verfasst worden und eher im rockigen Stil. Die Musik wiederholte stetig denselben Text und war für meine Ohren eher unangenehm. Die Besuchenden wippten und klatschten dazu, wobei die Bewegungen bei den meisten ein wenig unbeholfen aussahen. Ich hatte zudem das Gefühl, dass das Tanzen auch dem Oberhirten unangenehm war.

Die Familienkasse

Die Reaktionen des Publikums auf die gesamte Predigt schienen mir spärlich. Was ich als Langeweile interpretierte, hätte jedoch auch Konzentration sein können. Die Stille wurde, besonders oft am Anfang, durch unkontrollierbares und für mich nicht wirklich erklärbares Lachen unterbrochen. Einige Kinder standen ab und zu auf, um nach Vorne zu den Eltern zu gehen, die meisten blieben aber hinten sitzen. Einige spielten leise miteinander Karten. Erst als die „Familienkasse“, wie Lassner die Kollekte nannte, gefüllt werden sollte, kam die grosse Stunde der Kinder, die mit Freude ein „Nötli“ in die Kollekte werfen durften.

Der ausgebliebene Liebesstrom

Lassner beendete den Gottesdienst um 21.40 Uhr mit einem letzten Lied. Währenddessen flüsterte mir eine erste Frau bereits ins Ohr und schwärmte von ihren Erlebnissen in der Wort+Geist Bewegung. Sie spüre hier die Liebe und den Geist, und alles sei so entspannt, da es keine Mitgliedschaft gebe. Eine weitere Frau gesellte sich dazu und erzählte, dass sie schon in vielen Freikirchen gewesen sei und in keiner so viel gespürt habe wie hier. Die Zurückhaltung vom Beginn des Gottesdienstes war komplett verschwunden. Der Oberhirte Andreas Lassner umarmte alle Anwesenden. Meine Umarmung erfolgte ganz zuletzt. Auch nach dem Gottesdienst spürte ich diesen „Liebesstrom“, welcher der Geist in mir hätte auslösen sollte, nicht, sodass mir die zu lange Umarmung immer noch unangenehm war.

Der lange Weg zu Wort+Geist

Ich entschied mich dennoch ein wenig zu bleiben, da einige der Besuchenden auf mich zukamen und mir von ihrer Faszination der Wort+Geist Bewegung erzählten. Ein etwa 40-Jähriger Mann redete besonders stark auf mich ein. Da sich die restlichen Besuchenden nun um den weiterpredigenden Oberhirten versammelt hatten, traten wir aus dem Raum hinaus. Der Mann erzählte mir von seinem langen Kampf mit dem Glauben, welcher ihn durch viele Freikirchen begleitet hatte und in der Wort+Geist Bewegung endete. Grundsätzlich war seine Geschichte spannend und ich hörte gerne zu. Störend war lediglich, dass er die wahre Anwesenheit Gottes nur der Wort+Geist Bewegung zusprach und so die Legitimität jeglicher anderer Gemeinschaften angriff.

Die Liebe zum „Geist“

Auf dem Weg zum Bahnhof liess ich den Abend nochmals Revue passieren. Der Gottesdienst und dabei vor allem die Musik, sowie das unkontrollierbare Lachen der Besuchenden sind mir ziemlich absurd vorgekommen. Der Führerkult um Helmut Bauer, der stets als Meister bezeichnet wurde und dessen Portrait den ganzen Gottesdienst begleitet hatte, machte mir Angst. Besonders störte mich aber der Elitarismus der Bewegung, der während der Predigt zum Vorschein kam und auch in den Nachgesprächen deutlich wurde. Die Leute am Gottesdienst waren mir aber grundsätzlich sympathisch gewesen und die Atmosphäre stellte sich als ziemlich zwanglos heraus. Ich hatte erwartet, dass der Abend strenger und nach rigideren Strukturen ablaufen würde. Die Entspanntheit lag wahrscheinlich auch daran, dass die Gemeinde in der Schweiz ein wenig abgeschottet ist vom zentralen Geschehen in Deutschland. Ich spürte keinen Druck der regelmässigen Besuchenden, mehr Zeit für die Gemeinde aufzuwenden. Die meisten feiern lediglich drei Samstage im Monat ihre Liebe zum „Geist“ und es scheint ihnen gut zu tun.

Louisa Bernet, 2020

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Lexikoneintrag zur Wort+Geist-Bewegung

Christina von Dreien: Neues Buch erschienen

Christina von Dreien: Christina. Band 3: Bewusstsein schafft Frieden, Govinda Verlag, Dezember 2019

Mit grosser Verzögerung ist der ursprünglich auf Anfang 2019 angekündigte dritte Band der Buchreihe um die Toggenburger Trendesoterikerin Christina von Dreien erschienen. Während die vorangegangenen Bände von Christina von Dreiens Mutter Bernadette geschrieben wurden, tritt beim dritten Band nun Christina von Dreien als Autorin auf. Allerdings werden die Lesenden gleich in einer dem Buch vorangestellten „Vorbemerkung des Herausgebers“ darüber belehrt, dass Christina von Dreien die Texte nicht selbst verfasst hat, sondern dass sie auf mündlichen Ausführungen von Christina bei Vorträgen und in der Sendung „Time To Be“ mit Norbert Brakenwagen beruhen, welche der Govinda-Verlagsleiter Ronald Zürrer niedergeschrieben und in Buchform gebracht hat.

Repetitive Darstellung

Die Herkunft der Texte aus mündlichen Ausführungen an Seminaren ist dem Buch denn auch deutlich anzumerken. Bei seiner Redaktion hat Ronald Zürrer die verschiedenen Seminare, die alle unter dem Titel „Bewusstsein schafft Frieden“ standen und mutatis mutandis dasselbe Thema mit ähnlichen Gedanken behandelten, nebeneinandergestellt, sodass sich Ausführungen Christinas zum selben Stoff und in ähnlichen Worten doppelt, dreifach, vierfach und gelegentlich auch fünffach im Buch wiederfinden. Für die Leseerfahrung ist dies eher unerfreulich, um es mal vorsichtig auszudrücken. Was die Hintergründe dieses Vorgehens sind, bleibt offen: Hat Ronald Zürrer die Zeit gefehlt, die verschiedenen Ausführungen zum selben Thema zusammenzufassen?

Ein Bestseller auf die Schnelle?

Eindeutig ist, dass eine redaktionelle Zusammenstellung von Christinas Gedanken die Textmenge deutlich verringert hätte, vermutlich um mindestens die Hälfte des Umfangs des Buchs. Damit wäre der dritte Band aber gegenüber den beiden vorangegangenen viel kürzer ausgefallen. Wurden die Doubletten und Tripletten in Kauf genommen, um trotz dünner Datenbasis endlich den lange versprochenen dritten Band publizieren zu können? Wurde hier auf die Schnelle ein Buch kompiliert, um an den beachtlichen Verkaufserfolg der beiden vorangegangenen Bände anknüpfen zu können, bevor andere Trends die Christina-von-Dreien-Begeisterung überlagern?

Christinas Wort als Heilige Schrift?

Zur Erklärung der repetitiven Wiedergabe von Vorträgen zum selben Thema wäre noch eine dritte Variante denkbar: Wenn Christinas Worte als inspirierte, göttliche Wahrheit verstanden würden, dann könnte die Vorstellung aufgekommen sein, dass sie auch dann, wenn sie mehrfach auf ähnliche Weise dasselbe beschreiben, trotzdem vollständig wiedergegeben werden müssen, damit keine göttliche Wahrheit verloren geht. Zu denken ist hier etwa an Doubletten in Heiligen Schriften, welche dieselben Ereignisse und Aussagen ebenfalls mehrfach in unterschiedlichen Varianten berichten, etwa die vier Evangelien des Neuen Testaments, oder aber der buddhistische Pali-Kanon, der für seine Repetitionen derselben Ausführungen berühmt ist. Ist Christinas Wort für ihre Fans bereits derart heilig, dass eine redaktionelle Zusammenfassung ein undenkbarer Eingriff wäre?

Christinas Weltsicht: Die Quelle

Wie dem auch sei, hier soll gewagt werden, Christinas Weltsicht kurz zusammengefasst wiederzugeben: Christina von Dreien führt alles Sein auf einen Ursprung, die Quelle, das Göttliche zurück, das alles geschaffen hat. Die Seelen der Menschen sind stets mit diesem Göttlichen verbunden, egal ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Dennoch bleibt das Göttliche ein von der menschlichen Seele zu Unterscheidendes, zu dem Kontakt aufgenommen werden kann.

Das Spiel des Vergessens: Vollnarkose

Die Seelen der Menschen treten ein in das „Spiel des Vergessens“ in der dreidimensionalen Welt. In diesem leben sie in „Vollnarkose“, wie sich Christina von Dreien ausdrückt. Die Seelen vergessen ihre Verbindung zur Quelle und werden von einer ausserirdischen Rasse versklavt und systematisch manipuliert, unter anderem, indem sie in Angst versetzt werden.

Krieg als Lerninhalt

Das Spiel des Vergessens war notwendig, damit die Menschen wichtige Lernfortschritte machen können. So muss die Menschheit die Schrecken dies Krieges erfahren, um sich bewusst zu werden, dass sie keinen weiteren Krieg mehr will.

Erwachen

Seit 100 oder 80 Jahren – Christina von Dreien nennt an unterschiedlichen Stellen im Buch beide Zahlen – ist die Menschheit nun dabei, zu erwachen. Dieses Erwachen beinhaltet z.B. die Erkenntnis der Einheit mit dem Göttlichen und die Sehnsucht nach Frieden.

Verschwörungstheorien als Notwendigkeit

Zum Erwachen dazu gehört, Christina betont es in den abgedruckten Texten immer wieder, auch das Akzeptieren von Verschwörungstheorien, welche Christina von Dreien vertritt, etwa der Glaube an Chemtrails, an die Anwesenheit von Ausserirdischen auf der Erde und an die systematische Manipulation und Überwachung der Menschheit durch übelwollende Kreise. Christina befeuert damit die ohnehin schon starke Tendenz esoterisch-spiritueller Kreise zu Verschwörungstheorien weiter.

Alles in Ordnung?

Immer wieder betont Christina von Dreien, dass auch tragische Ereignisse in der Weltgeschichte notwendig und damit in ihrer Auswirkung gut gewesen seien: „Die gesamte Vergangenheit von jedem einzelnen von euch und auch von der Erde insgesamt ist komplett in Ordnung und musste so sein. Sonst hätten wir als Menschheit gewisse Dinge nicht erfahren und nicht erkennen können, was ja der Grund für dieses Spiel war.“ (s. 105) „Letztlich kann nichts geschehen, was unsere Seele nicht will … Aus Sicht der Quelle wird also niemals etwas geschehen, ohne dass alle betroffenen Seelen ihr ‚Ja’ zu der Situation gegeben haben.“ (s. 115). „Alles, was jemals passiert ist, war gut so.“ (s. 191).

Wenn Christina von Dreien die massiven gesundheitlichen Probleme ihrer Kindheit im Nachhinein als notwendig ansieht und sich auf diese Weise mit ihrem Leben versöhnen kann, dann sei ihr dies vergönnt. Wenn sie aber den Opfern schwerster Verbrechen oder verheerender Armut sagt, dass ihr Schicksal selbstgewählt und für die Menschheit gut sei, dann wirkt dies aus dem Mund einer jungen Frau, die in einer liebenden Familie und einem idyllischen Schweizer Weiler aufwachsen konnte, unerträglich zynisch.

Der Aufstieg: in einer Sekunde oder erst in hundert Jahren

Nach dem Erwachen der Menschheit erfolgt der Aufstieg in die fünfte Dimension, eine ideale, friedliche Gesellschaft. Wann sich dieser Aufstieg, den Christians Fans teilweise schon seit Jahrzehnten herbeisehnen, ereignen wird, darauf will sich Christina nicht festlegen. Schon in einer Sekunde könne es so weit sein, aber auch noch hundert Jahre dauern, wie sie im Buch mehrfach betont. Im Jahr 2016 hat Christina den Aufstieg noch als nahe bevorstehend gesehen, wie ihre Mutter im zweiten Band der Christina-Buchreihe berichtete. Nun scheint es nicht mehr so sehr zu eilen. Hat sich Christina angesichts ihres Erfolgs mit der Welt versöhnt? Wie dem auch sei, für manche ihrer Fans dürften Christinas Spekulationen über weitere 100 Jahre in der dritten Dimension eine Enttäuschung sein.

Panikmache vor 5G

Ins Buch geschafft haben es auch die Ängste vor dem neuen Mobilfunkstandard 5G, welche Christina von Dreien im Frühling 2019 auf ihrer Website und in einer Sendung „Time To Be“ mit Norbert Brakenwagen geschürt hatte. So wird wiederholt, dass die Menschen durch 5G gegrillt werden (s. 270), dass 5G „Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Schwindelanfälle und dergleichen hervorrufen oder auch ernstere physische Krankheiten“ bewirken kann (s. 269), und dass 5G dazu dient, die Menschheit zu manipulieren und zu überwachen (s. 269).

Klammheimliche Korrektur von nicht eingetretenen Voraussagen

Anderes, was in Ländern mit aktivem 5G-Netz konkrete, nachprüfbare Auswirkungen hätte haben sollen, erscheint im Buch in abgeschwächter Form. So behauptete Christina von Dreien im Frühling 2019 auf ihrer Website über 5G: „Es zerstört z.B. auch das Immunsystem der Bäume, so dass diese alle absterben.“ Das hätte inzwischen in Südkorea, wo 5G flächendeckend zur Verfügung steht, überprüfbare Folgen haben müssen. Im Buch steht nur noch: „So greift 5G beispielsweise auch das Immunsystem der Bäume an“ (s. 269). Von der Zerstörung des Immunsystems und vom Tod der Bäume ist keine Rede mehr. Die Korrektur wird aber nicht als solche gekennzeichnet. Christina von Dreien nimmt sich offensichtlich das Recht, wilde Behauptungen aufzustellen, und diese nach Bedarf einfach umzuformulieren, wenn sich ihre Aussagen nicht bestätigen.

Problematische Aussagen zur direkten Demokratie

Panikmache betreibt Christina von Dreien auch gegenüber der direkten Demokratie. So meint sie: „Das Problem bei Abstimmungen ist, dass wir dadurch unsere Stimme sozusagen feinstofflich an die Politik ‚abgeben’. Aber eigentlich benötigen wir unsere Stimme ja selber. Selbstverständlich muss jeder selbst wissen, ob er abstimmen geht oder nicht. Doch wenn ihr das macht, dann holt euch anschliessend feinstofflich eure Stimme wieder zurück.“ (s. 154).

Bezeichnend ist hier einerseits das Wortspiel, das Christina von Dreien zu ihrer Aussage führt. Sie vermengt zwei unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs „Stimme“, um eine vermeintliche Gefahr zu behaupten. Konsequenterweise würde das bedeuten, dass die von Christina von Dreien beschworene Gefahr der direkten Demokratie in englischen Sprachraum nicht bestehen würde (vote vs. voice). Wie dem auch sei, aus sprachlichen Eigenheiten weitgehende Lehren herauszuspekulieren, das macht Christina von Dreien noch öfter.

Bemerkenswert ist aber auch der inhaltliche Widerspruch zu anderen Aussagen Christinas. So fordert sie ihre Fans auf, Petitionen gegen 5G einzureichen. Bei einer Petition wird dem Staat aber mit der eigenen Unterschrift der eigene Name und auch die Adresse übergeben. Warum müssen diese nicht feinstofflich zurückgeholt werden? Bei eigenen Projekten gelten die Regeln offenbar nicht – ein Merkmal, das sich bei Christina von Dreien ebenfalls öfters findet (etwa, wenn sie meint, dass 5G ihr selbst nicht schaden könne).

Verpasste Chance

Zwar spricht Christina von Dreien im Buch öfter davon, dass die Welt am Abgrund stünde, aber sie meint damit vor allem die Umtriebe der „unlichten“ Kräfte, die unsere Welt beherrschen und das Erwachen der Menschheit verhindern wollen.

Mit keinem Wort erwähnt wird das vielleicht drängendste Problem der Menschheit: der Klimawandel. Offenbar existiert dieser aus Sicht von Christina von Dreien nicht. Den Medien gegenüber hat Christina von Dreien behauptet, der Klimawandel sei eine „Lüge“. Das ist schade. Christina von Dreien hätte sich an die Spitze der Klimajugend in der Schweiz stellen und zu einer Schweizer Greta Thunberg werden können. Stattdessen propagiert sie Verschwörungstheorien, die von Personen einer älteren Generation stammen, in Fernsehsendungen mit einem älteren Herrn auf dem Sofa, und in einem Buch, das von einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Herrn redigiert wurde. Damit ist Christina von Dreien eines ganz bestimmt nicht: Die Vertreterin oder gar Vorreiterin einer neuen Jugend.

Lexikoneintrag zu Christina von Dreien

Mähdrescher Gottes verstorben

Der umstrittene Pfingstprediger und Massenevangelist Reinhard Bonnke, der sich selbst als den „Mähdrescher Gottes“ bezeichnete, ist am 7. Dezember im Alter von 79 Jahren verstorben.

Kindheit in Ostpreussen

Bonnke wurde 1940 in Ostpreussen geboren als Sohn eines Berufsmilitärs, der sich einer Pfingstgemeinde angeschlossen hatte. 1945 flohen die Bonnkes in den Westen Deutschlands und liessen sich im schleswig-holsteinschen Glücksstadt nieder, wo Vater Bonnke als pfingstlicher Prediger tätig wurde.

Pastorensohn

Seine Rolle als Pastorensohn hatte Reinhard tief geprägt, so folgte er schon im Alter von neun Jahren einem Altarruf und bekehrte sich, und später veranstaltete er Predigtwettstreite mit seinen Kollegen. Weltanschauliche Debatten hingegen waren offenbar nicht sein Thema: „Was auch immer ich von Mitschülern oder aus Lehrbüchern erfuhr, wischte ich, sofern es meinen pfingstlichen Glaubensüberzeugungen widersprach, einfach beiseite, ohne es weiter in Betracht zu ziehen.“ (Reinhard Bonnke: Im Feuer Gottes. Eine Autobiographie, Frankfurt a.M. 2009, s. 73.)

In dieser Aussage spiegeln sich gleich zwei Eigenschaften Bonnkes, die sich später deutlich zeigen sollten: Ein fundamentalistisches Glaubensverständnis, das verkündet, aber nicht diskutiert, und eine Teflon-Persönlichkeit, die Kritik an sich abperlen lässt.

Detailhandelskaufmann

Nach Abschluss seiner Schulzeit absolvierte Bonnke eine Ausbildung zum Detailhandelskaufmann, und danach als 19jähriger eine Bibelschule in Wales, wo er auch Englisch lernte. Seine Hoffnung, nach Abschluss der Bibelschule als Missionar in Afrika tätig werden zu können, zerschlug sich, so dass Bonnke eine Stelle als Pastor einer Pfingstgemeinde in Flensburg antrat.

Missionar in Südafrika

Im Jahr 1967 konnte Bonnke im Auftrag der Apostolic Faith Mission in Südafrika tätig werden, und führte in den folgenden Jahren erste Evangelisationen mit Betonung der Heilung durch. 1975 gründete Bonnke unter dem Namen „Christ for all Nations“ (im deutschen Sprachraum „Christus für alle Nationen“) CfaN sein eigenes Missionswerk. CfaN baut in Europa ein Spendernetzwerk auf, welches die Missionskampagnen in Afrika finanziert. 1978 kann er ein Zelt mit 10’000 Plätzen erwerben.

Bonnkes Missionsmethode

Bonnke entwickelte seinen typischen Missionsstil: Eine zupackende Verkündigung mit Aufruf zur Bekehrung und der Verheissung von Heilungen. Berichte von Menschen, die sich als geheilt fühlen, wurden auf der Bühne gesammelt. Z.T. wurden Geheilte dem Publikum vorgeführt, indem Bonnke mit ehemals Blinden Fangen spielte u.dgl. Die Teilnehmenden wurden aufgefordert, Objekte traditioneller Religionen und Vorstellungen abzugeben, so dass sie aufgehäuft und verbrannt werden konnten. Wer sich durch Handzeichen bekehrte, wurde aufgefordert, sich einer Gemeinde in seiner Umgebung anzuschliessen.

Westafrika

In den Achtzigerjahren wurde Bonnke durch seine Massenveranstaltungen innerhalb der pfingstlich-charismatischen Szene immer bekannter, was wiederum das Spendenaufkommen erhöhte.

Ab der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre wurde Bonnke vor allem im bevölkerungsreichen Westafrika tätig, wo er mitunter mehrere Hunderttausend Menschen zu Evangelisationen und Heilungsgottesdiensten versammeln konnte.

Vom Minus zum Plus

In den Neunzigerjahren wollte Bonnke seinen Wirkungskreis auf die westlichen Länder ausweiten, wozu er das Büchlein „Vom Minus zum Plus“ schrieb, das grundlegende Lehren des Christentums ohne spezifisch pfingstliche Theologie enthielt. Dieses Büchlein wurde mit dem Postwurf unter die Leute gebracht, in der Schweiz etwa im Jahr 1995.

Der Rücklauf der Aktion, die für Bonnkes Spendende eine massive Investition bedeutete, war enttäuschend, so berichtete Bonnke in seiner Autobiographie (s. 540) von einem Rücklauf im Promille-Bereich – gerechnet hatte er mit vier Prozent. In der Schweiz sind die Berichte von Menschen, die sich durch die Aktion „Vom Minus zum Plus“ neu fürs Christentum interessiert haben, wenig zahlreich.

Bonnke am ICF-Jubiläum

Für öffentlichen Wirbel in der Schweiz sorgte Bonnke durch seinen Auftritt am 15-Jahr-Jubiläum des Freikirchenverbands ICF im Jahr 2011 im Zürcher Hallenstadion. Im Vorfeld wurde Bonnke in der Schweizer Öffentlichkeit kritisch diskutiert, zur Sprache kam z.B. Bonnkes Nähe zu problematischen Potentaten, so hatte Bonnke vom nigerianischen Diktator Sami Abacha eine Tüte mit 100’000 Dollar in bar angenommen und aufs Konto von CfaN einzahlen lassen, obwohl ihm die problematischen Hintergründe des Geldes bekannt waren (Im Feuer Gottes, s. 559).

Bonnkes Nachfolger

Im Jahr 2017 übergab Reinhard Bonnke die Leitung seines Missionswerks CfaN an den Amerikaner Daniel Kolenda.

Michael Barnett (1930-2019)

Michael Barnett (geb.1930) ist am 12. November 2019 in seinem Zentrum UNACHO in Denzlingen bei Freiburg i.B. gestorben.

Seinerzeit einer der Startherapeuten von Bhagwan in Poona gründete er nach seiner Trennung vom Meister mit seiner Anhängerschaft verschiedene eigene Organisationen.

War er so etwas wie ein kleiner Osho/Bhagwan? So suggestiv wirkend, so humorvoll und zugleich so raffiniert-autoritär wie sein Meister? Wie immer auch, beide hatten völlig ihnen ergebene Schülerinnen und Schüler, Bhagwan kaum zählbar, Barnett in weit kleinerer Zahl. Und beide verknüpften Spiritualität und „Therapie“ vor allem mit Impulsen, die sie in freier, kreativer Auswahl der östlichen, vor allem der buddhistischen Tradition entlehnten. Barnett ermunterte die Schüler, sich in die Leere fallen zu lassen. Osho erlebte sich selbst u.a. auch als erleuchtetes Nichts. Kurz, beide führten in Selbstfindungsabenteuer, die sich nicht für alle empfehlen.

Aber Barnett fühlte sich auch bei überschaubaren Schülerzahlen nicht kleiner als Osho. Er will Osho/Bhagwan auf die Fährte der Energiearbeit gebracht haben. Er sah sich also nicht nur als Schüler Bhagwans, sondern genau besehen auch als dessen Meister.

Prof. Dr. Georg Schmid, 27. November 2019

Weiteres zu Michael Barnett:
http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/one-life/

Satanistische Rituale auf Schloss Lenzburg?

Informationsveranstaltung des Vereins CARA (Care About Ritual Abuse) zum Thema „Organisierte rituelle Gewalt – Realität oder Täuschung?“ am 21. November 2019 im Casino Herisau

Samuel Kullmann, Vertreter der EDU im Grossen Rat des Kantons Bern und Angehöriger der Freikirche ICF, hat an der Infoveranstaltung des Vereins CARA am 21. November im Casino Herisau von satanistischen Netzwerken berichtet, die seiner Ansicht nach in der Schweiz aktiv sind. Kullmann ist nach eigener Aussage seit zwei Jahren mit dem Verein CARA verbunden und glaubt wie dieser an die Existenz von Gruppen, die rituelle Gewalt üben, indem sie Kinder in Ritualen systematisch sexuell missbrauchen, foltern und mitunter auch opfern. Diese Gemeinschaften würden, so die These, oft satanistische Symbolik und Inhalte pflegen und hätten Teile der Gesellschaft und Politik unterwandert.

Satanistische Gewalttaten im Rittersaal des Schlosses Lenzburg?

Unter dem Titel „Gewählt, um hinzuschauen“ berichtete Kullmann davon, wie er in den letzten zwei Jahren verschiedene Betroffene kennengelernt habe, die selbst Opfer von ritueller Gewalt gewesen seien. Als er mit dem Berner Grossen Rat von den Aargauer Kollegen zu einem Ausflug eingeladen und im Rittersaal des Schlosses Lenzburg bewirtet worden sei, habe er Bilder dieser Exkursion auf seiner Facebook-Seite gepostet. Daraufhin hätten sich insgesamt drei Opfer ritueller Gewalt bei ihm gemeldet, weil diese Fotos sie daran erinnert hätten, dass sie selbst in diesem Saal missbraucht worden seien. Auf Schloss Lenzburg hätten satanistische Rituale und Opferungen, aber auch kinderpornographische Verbrechen stattgefunden.

Samuel Kullmann gab diese Berichte als Faktum weiter. Irgendwelche Vorbehalte in Sachen Glaubwürdigkeit waren nicht zu hören, im Gegenteil, Kullmann wiederholte die im Bereich der Berichte von rituellem Missbrauch öfters gehörte These, dass rituelle Missbraucher sich oft Tatorte aussuchten, die bekannt und „sauber“ wirkten.

Fragliche Glaubwürdigkeit

Tatsächlich sind es unter anderem diese „berühmten“ Tatorte, welche viele Berichte über rituellen Missbrauch in ihrer Glaubwürdigkeit fraglich erscheinen lassen. Wie soll das gehen, dass im Rittersaal von Schloss Lenzburg satanistische Opfer stattfinden? Das würde eine Verschwörung mit Hunderten von Mitwissenden bedingen. Und bei Verschwörungstheorien gilt dieselbe Regel wie bei Erzählungen von angeblichen Okkultgruppen: je grösser, desto unwahrscheinlicher.

Camping-Hütten statt Rittersäle

Leider ist Missbrauch von Kindern, auch systematischer, jahrelanger Missbrauch, eine schreckliche Realität in unserer Gesellschaft. Realer Missbrauch fand in der Vergangenheit aber in Kellern statt, in Schuppen, in Hütten auf Campingplätzen und – vor allem – in der eigenen Wohnung, dem eigenen Haus, der eigenen Villa oder am eigenen Arbeitsplatz. Öffentliche Gebäude, Schlösser und Krypten als Tatorte waren hingegen typische Merkmale von Berichten, die sich später nachweislich als unzutreffend herausgestellt haben. Wer sich eine Missbrauchsgeschichte imaginiert – oft angeleitet durch Therapierende – sucht sich gern spannendere Tatorte aus, als real existierende Täter es vermögen.

Realer nichtritueller Missbrauch als Beweis für rituellen Missbrauch?

Da Beweise für die Existenz von rituellem Missbrauch im Sinne von systematischem Missbrauch von Kindern durch Gruppen im Rahmen von Ritualen bisher fehlen, was am Abend auch korrekterweise wiederholt betont wurde, wird gern auf nichtrituellen Missbrauch hingewiesen, um den rituellen Missbrauch zu plausibilisieren. Entsprechend ging auch Samuel Kullmann vor. Er erwähnte den Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein und einen Missbrauchsfall in Deutschland. Damit bewies Kullmann aber das Unbestrittene, die Existenz von systematischem nichtrituellem Missbrauch, die Frage des rituellen Missbrauchs blieb offen.

Wenn viele dasselbe sagen, wird es dann wahr?

Nebst Samuel Kullmann referierte an der Infoveranstaltung des Vereins CARA auch Michael Grossklaus. Grossklaus war zuerst Polizist, ist jetzt aber Pastor einer Freikirche in Villingen-Schwenningen, daneben Studienleiter bei der Biblisch-therapeutischen Seelsorge BTS. Grossklaus schilderte, wie er im Rahmen seiner pastoralen Tätigkeit mit Personen konfrontiert wurde, welche ihm von rituellem Missbrauch erzählten. Deren wachsende Zahl und die Gleichartigkeit ihrer Berichte führten Grossklaus allmählich zur Überzeugung, dass ritueller Missbrauch eine Realität sein muss.

Dieses Argument ist von Personen, welche an die Existenz von rituellem Missbrauch glauben, öfter zu hören. Wenn es aber tatsächlich so wäre, dass eine Vielzahl von ähnlichen Berichten die Realität des Geschilderten belegen würde, dann würden die Zehntausenden von Menschen, welche sich an frühere Leben zu erinnern glauben, die Reinkarnation als Tatsache beweisen, und die ebenfalls in die Zehntausende zählenden Personen, die davon überzeugt sind, von UFOs entführt worden zu sein, würden belegen, dass Ausserirdische existieren und an Menschen üble Experimente durchführen.

Nicht überall, wo Rauch ist, ist auch Feuer. In der Geschichte der Menschheit hat es schon furchtbar gequalmt, ohne dass auch nur ein Flämmchen nachgewiesen werden könnte, zu denken etwa an die schreckliche Ritualmordlegende gegenüber Juden, die immer wieder zu Judenverfolgungen geführt hat.

Schaffen Opfer Opfer?

Zwei Personen berichteten am Abend von rituellem Missbrauch, der ihnen selbst widerfahren sei: Eine Person steht in Auseinandersetzung mit ihrem Ex-Partner um die Tochter, mit ihrer Tochter um deren Erziehung, und mit Ämtern. Der rituelle Missbrauch, an den sie sich seit einiger Zeit erinnert, dient als Erklärung dieser verzwackten Situation und offenbar auch als Waffe im Streit mit dem Ex-Partner um die Tochter. Dass Menschen in Besuchs- und Sorgerechtsstreitigkeiten eine Beteiligung an rituellem Missbrauch vorgeworfen wird, hören wir in unserer Beratungsarbeit leider immer häufiger.

Die andere Person machte eine jahrelange Psychiatrie-, Therapie- und Diagnosekarriere durch, bis sie sich an rituellen Missbrauch zu erinnern begann und in dieser Deutung nun eine Verbesserung ihrer Situation gefunden hat. Als Haupttäter sieht sie ihren Vater, der sie jeweils dem rituellen Missbrauch zugeführt habe. Gefragt, wie es möglich sei, dass die Nachbarn von alledem nichts bemerkt haben, meinte die Person, dass die meisten Nachbarn ebenfalls zu den Tätern gehört hätten. Die Logik ihrer Erzählung liess sie, so unser Eindruck, ohne spürbare Hemmungen einen grösseren Personenkreis mitbezichtigen.

Hier wurden wir an übelste Zeiten der Menschheitsgeschichte erinnert: Reicht es wieder, neben einer verdächtigten Person zu wohnen, um auch selbst schlimmster Verbrechen beschuldigt zu werden?

Rosa Brille

Durch den Abend führte Ruth Mauz, pensionierte Pfarrerin, ehemalige Mitarbeiterin der Stiftung Schleife und Präsidentin des Vereins CARA. Sie berichtete von ihrer behüteten Jugend an der Sonnenseite des Zürichsees, und davon, dass sie das Leben durch die rosa Brille gesehen habe, bis ihr in ihrer Seelsorgearbeit Menschen begegnet sind, die von rituellem Missbrauch berichtet haben. Anfänglich sei sie skeptisch gewesen, und würde auch heute nicht jeden Bericht glauben. Aber die Existenz von rituellem Missbrauch ist für Ruth Mauz nicht fraglich, ebenso wie für einen Grossteil des rund 150 Personen zählenden Publikums.

Ruth Mauz ist, so durfte ich sie bei persönlichen Begegnungen kennenlernen, eine zutiefst gläubige, immens engagierte und ausgesprochen altruistische Frau. Das Wohl des Anderen seht in jedem Fall über dem eigenen. Manchmal frage ich mich aber, ob sie die rosa Brille ihrer Jugend nicht durch eine allzu düstere ersetzt hat.

Keine Diskussion

Die im Untertitel der Infoveranstaltung „Realität oder Täuschung“ anklingende Möglichkeit einer kontradiktorischen Behandlung des Themas löste die Veranstaltung leider nicht ein. Alle Referierenden vertraten unisono die These der Realität rituellen Missbrauchs. Dass ritueller Missbrauch auch Täuschung sein könnte, blieb unangesprochen, abgesehen von einem Hinweis von Michael Grossklaus, dass er auch schon eine offensichtlich erfundene Erzählung aufgedeckt habe – allerdings war die Sache sehr plump, indem die betreffende Person aus einem in Buchform publizierten und auf der Szene hochbekannten Bericht Passagen heraussuchte und dann als eigene Erinnerung ausgab.

Raum für Rückfragen an die Referierenden gab es keinen. Zwar wurde eine Box angeboten, in welcher Fragen deponiert werden konnten, und deren Beantwortung versprochen, eine Diskussion konnte so aber natürlich nicht zustandekommen. Dies dünkt mich sehr schade. Umstrittene Themen brauchen dringend kontroverse Diskussionen.

Informationsblatt November 2019 erschienen

Das Informationsblatt Nr. 3 und 4 November 2019 berichtet über folgende Themen:

– Verstärkte Missionstätigkeit von Shincheonji
– Freibischöfliche Landschaft in der Schweiz
– AGAPE Christian Centre Ministries ACCM
– Besuch im Hilfszentrum Universal der IURD
– Neuere Trends bei den Hare Krishnas: ISKCON heute
– Besuch im ISKCON-Tempel Langenthal
– Zum Tod von Sogyal Rinpoche
– Neue Religionen in Japan – Teil 4: Reiyuukai
– World Foundation for Natural Science warnt vor 5G

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