Besuch bei der City Church – Jesus Worship mit Mindestabstand

Die City Church ist eine neocharismatische Einzelgemeinde in Mitten der Stadt Zürich. An der Ankerstrasse 112, in einem Innenhof nicht weit von der Langstrasse, besuchte ich am 18.10.2020 die „Celebration“ der City Church.

Eintreffen

Vor dem Eingang zum Innenhof, umgeben von Restaurants und Nachtbetrieben, deutet ein grosser City Church – Banner den Weg zur Kirche. Das Gemeindehaus ist ein unscheinbares, rechteckiges Gebäude, das sich durch weitere Banner zu erkennen gibt. Zum Gottesdienst führt eine steile Treppe nach unten. Vor dem Eingang zum Saal gab es zwei Stände. An einem wurde ich freundlich begrüsst und sollte meine Kontaktdaten für das Contact Tracing angeben. Am anderen Tisch hatte ich die Möglichkeit eine kostenlose Hygienemaske zu beziehen und diese zu beschriften. Während Besucher/-innen auf ihre Masken „I LOVE JESUS“ oder „Pray“ schrieben, entschied ich mich meine eigene Maske zu verwenden.

Der fensterlose Raum bestand aus einer kleineren Bühne und einzelnen Stühlen. Ich wählte einen Platz im Hintergrund und wurde von ein paar Personen, insbesondere der Kirchenleitung begrüsst. Mit einer Frau unterhielt ich mich etwas länger und sie bot mir an, das Newcomer-Seminar der Kirche zu besuchen. Sie erzählte mir auch über „MEOS“, ein freikirchlicher Verein, der interkulturelle Gemeindearbeit leistet, über dessen Onlineshop ich christliche Literatur in Fremdsprachen beziehen könne. Nach dem Gottesdienst sollte ich auch unbedingt noch bleiben und vom kostenlosen Cappuccino Gebrauch machen. Spoiler: Obwohl die Dame nett war, verliess ich die City Church nach Ende des Gottesdienstes, bevor sie mich nochmals ansprechen konnte.

Das Publikum war sehr divers. Es waren Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und aus unterschiedlichen Altersgruppen vertreten. Insgesamt nahmen etwa 50-60 Personen am Gottesdienst teil.

Jesus Worship

Der Raum füllte sich schnell und der Gottesdienst begann mit dem „Worship“. So ertönte Lobpreismusik (Contemporary Worship Music) auf Schweizerdeutsch, gespielt von der eigenen Hausband und mit Textangabe auf mehreren Bildschirmen zum Mitsingen. Leadsänger ist Marcel Brennwald, der gemäss Angaben auf der Homepage auch die Worship-Leitung trägt. Die Musik war, besonders gesanglich, ziemlich gut und könnte aus einer Spotify-Worship-Playlist sein. Durch laute Aufrufe aus der Gemeindeleitung mit „Halleluja“ und „Amen“ war der Auftakt gelungen und die Besucher/-innen waren sichtlich berührt. Die Begrüssung übernahm Alex Scherrer, der auch in der Gemeindeleitung sitzt. Er freue sich, dass wir alle heute in die Kirche gefunden haben, um Gott zu ehren. Belächelnd schaute er die Schutzmaske in seiner Hand an. Er sei etwas wütend über die neuen Massnahmen, aber da sich mehr als 30 Personen im Raum befinden, müssen die Bestimmungen über Mindestabstand und Maskenschutz eingehalten werden. Die Bestuhlung sei deshalb mit Absicht versetzt und so sollen wir alle aufstehen, die Arme austrecken und uns drehen. Sofern wir niemanden berühren, sei der Radius des Mindestabstands von 1,50m erreicht und wir dürfen die Maske abnehmen. Da meine Arme keine 1,50m lang sind und meine Sitznachbarn zu dicht neben mir sassen, beschloss ich, als eine der ganz wenigen, meine Maske anzubehalten. In ein paar Stunden fand eine Medienkonferenz des Bundesrats statt und Scherrer forderte das Publikum auf, für unsere Regierung zu beten. So begab sich Scherrer in die Knie und es beteten alle gemeinsam, dass gute Entscheide getroffen werden.

Die Aufmerksamkeit kehrte danach wieder zu Jesus Christus zurück. Scherrer spürt das Evangelium im Raum und wir sollen alle die Augen schliessen, damit wir auch Jesus Christus fühlen. Alle folgten diesem Rat und nickten mit ihren Köpfen. Es folgte ein neues Lied, dieses Mal auf Englisch. Die Besucher/-innen sangen mit und streckten ihre Arme weit auf, um Jesus zu empfangen. Ein paar standen dafür auf, andere blieben auf ihren Stühlen sitzen und wieder andere gingen auf die Knie. Gemeindeleiter und Pastor Hansjörg Stadelmann schwenkte eine Flagge, auf der gross „Jesus“ stand. Er meinte auch, dass alle laut mitsingen sollen. Durch das laute Verkünden unserer Botschaften würden wir frei.

Predigt zur Erweckung

Nach Beendigung des Worships, verliess die Band die Bühne und Pastor Stadelmann leitete die Predigt ein. Sie behandelten momentan das Buch Haggai und in der heutigen Predigt befassen sie sich mit der Erweckung. Eher ungewohnt und anders als in anderen Gottesdiensten startet die Predigt interaktiv. Die Besucherinnen sollen sich über die Bedeutung der Erweckung unterhalten und danach wurden die möglichen Definitionen laut verkündet. Stadelmann nimmt die Vorschläge des Publikums zustimmend an und bietet noch seine Definition an: „Erweckung bedeutet, dass der Geist Gottes unseren Geist erweckt und wir ununterbrochen in den Werken Gottes laufen.“ Er ging auf verschiedene Bibelverse ein und nannte schliesslich vier Schritte, die es für eine Erweckung braucht. Unter anderem benötigt es ein Wort des Herrn, Offene Herzen sowie Menschen, die den Willen Gottes tun und solche, die im Willen Gottes bleiben. Durch die Vollendung des vierten Punktes werden Menschen zu Jüngern gemacht und das Evangelium kann weiter verbreitet werden. Die ca. 50 Minuten lange Predigt kann unter diesem Link aufgerufen werden.

Ausklang

Die Band begab sich wieder auf die Bühne und es wurden mehrere Lieder zur Anbetung Jesu auf Schweizerdeutsch und Englisch gesungen. Neben mir spielte sich eine mir etwas ungewohnte Szene ab. Eine Frau betete für ihre Kollegin auf Portugiesisch und hielt ihre Hände fest, während diese laut weinte. Nach dem Gebet trocknete sie ihre Tränen und ging erfreut auf ihren Platz zurück. Andere begaben sich zur Seite der Bühne und nahmen das Abendmahl zu sich. Eine Person ging noch auf die Bühne und verkündete kurz das persönliche Zeugnis und, dass er nun glücklich sei.

Die Band meinte, dass der Gottesdienst zu Ende ist. Sie würden jedoch weiter spielen und alle seien herzlich willkommen mit ihnen Jesus anzubeten. Die Ersten verliessen bereits den Gottesdienst und so machte ich es diesen Besucher/-innen nach und begab mich zum Ausgang.

Dafina Gash, Oktober 2020

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Lexikonbeitrag City Church

«Ich sage als Wahrsager schlicht und einfach die Wahrheit» – Zum Tod von Mike Shiva

Der berufene Wahrsager

Mit Mike Shiva ist am 11. September 2020 der bekannteste Wahrsager der Schweiz verstorben. Im Jahr 1964 als Michel Wehner in Basel geboren, machte Mike Shiva schon als 16-Jähriger mit Hypnoseshows und als «jüngster Wahrsager der Schweiz» Furore. Mike Shiva sah sich berufen, im esoterischen Bereich tätig zu sein, wie er in seiner vor zwei Jahren erschienenen Autobiographie berichtete: Er erachte «diese spirituelle Tätigkeit als Lebenaufgabe, oder, modern gesagt, als Lifestyle. … Ich fühlte einfach, dass es von einer höheren Warte her gewünscht wird. Genau aus diesem Grund habe ich mit sechzehn Jahren keine Lust gehabt, einen richtigen Beruf zu erlernen, sondern den Wunsch, mich dem spirituellen Leben zu widmen» (Mike Shiva, Ich – Mike Shiva. Die Wahrheit über die «Wahrheit». Bern 2018, s. 42f).

Mike Shivas Geistname

Für seine Tätigkeit nahm er seinen Geistnamen Mike Shiva an, den er später auch als bürgerlichen Namen eintragen liess, und folgendermassen erklärte: «Klingt doch schön und speziell, oder? Zum Namenswechsel entschied ich mich damals aus diversen privaten Gründen. Nun ja, Shiva – denken die Leute -, das hat was mit Indien und mit dem Gott Shiva zu tun. Aber nein, mit der indischen Kultur und dem Hinduismus verbindet mich nichts. Wenn schon, wäre mir der friedfertige Buddhismus näher.» (Shiva, Ich, s. 10).

Der bekannteste Wahrsager der Schweiz

Insbesondere mit seinem Fernsehsender «Mike Shiva TV», später nur noch «Shiva TV», wurde Mike Shiva in den 2000er- und 2010er-Jahren zum bekanntesten Wahrsager der Schweiz. Vielfach diente sein Name gar als Wechselbegriff für Divination. Wenn Esoteriker betonten, selbst nicht in die Zukunft zu schauen, konnten sie das ausdrücken mit «Ich bin kein Mike Shiva». Mike Shivas Bild in Vorträgen und Kursen an die Leinwand zu projizieren war ein ebenso sicherer Lacher wie die Erwähnung von Uriella.

Mike Shiva und die Religion

Im Gegensatz zu Uriella hatte Mike Shiva kein Bedürfnis, Menschen an sich zu binden. Zwar war er überzeugt davon, über die Fähigkeiten zu verfügen, welche die Begründung einer religiösen Gemeinschaft benötigt: „Ich würde das gar nicht so abwegig finden, weil ich überzeugt bin, dass ich so noch mehr Leute ansprechen könnte, um sie auf lockere und entspannte Art und Weise zum Guten, zum Licht und zum Göttlichen zu führen. Aber ich bin nicht der Typ, der Lust hat, solch eine Organisation aufzubauen.“ (Shiva, Ich, s. 115)

Shiva betonte, keiner Kirche oder Religion anzugehören, aber die Gebote des Christentums zu achten und die Philosophie des Buddhismus zu schätzen. Er vertrat ein esoterik-nahes Gottesbild und stand der Lehre der Reinkarnation positiv gegenüber.

Mike Shiva – der Menschenkenner

Mike Shiva war genial darin, die Erwartungen seiner Gesprächspartner wahrzunehmen. Diskutierte er mit Menschen, welche dem Wahrsagen kritisch gegenüberstanden, – so etwa bei einer Podiumsdiskussion mit Sektenfachpersonen im März 2009 – betonte er seine Menschenkenntnis und Empathie und meinte, auf die Karten eigentlich gar nicht angewiesen zu sein. Seinem esoterischem Publikum gegenüber hielt er an der Wirksamkeit des Wahrsagens und an seiner Gabe fest: «Die Zukunft vorauszusehen – das ist ein grosser Traum für die meisten von uns. Aber nur wenige können das realisieren, zum Beispiel Wahrsager, Hellseher und Kartenleger – wie ich.» (Shiva, Ich, s. 75) Grundsätzliche Zweifel an seiner Arbeit kannte Mike Shiva nicht: «Ich erreiche eine hervorragende Treffsicherheit – das zeigen die Reaktionen von Klientinnen und Klienten» (Shiva, Ich, s. 84) und «Ich sage als Wahrsager schlicht und einfach die Wahrheit» (Shiva, Ich, s. 84).

Mike Shiva im Test

Im Februar 2002, vor mittlerweile 18 Jahren, konnten wir Mike Shivas divinatorische Fähigkeiten an der Zürcher Esoterik-Messe Lebenskraft testen, an welcher Mike Shiva damals noch als Wahrsager mit einem Stand dabei war. Er bot Beratungen von 20 Minuten Dauer zu einem Preis von 120.- Franken an, und war damit schon damals teurer als andere Wahrsagende, welche üblicherweise 100.- Franken für 30 Minuten verlangten.

Um Mike Shiva fair zu testen, stellten wir damals drei Fragen, die uns wirklich interessierten, und beantworteten jede Rückfrage Mike Shivas korrekt. Wir achteten allerdings darauf, dass wir Mike Shiva nicht von uns aus Hinweise gaben. Wenn er etwas wissen wollte, musste er schon nachfragen.

Die Fragen kamen aus den bei Wahrsagesettings häufigen Bereichen Gesundheit, Beruf und Partnerschaft:

Damals litt ich gesundheitlich an diffusen Symptomen, u.a. im Verdauungsbereich, die Mike Shiva auf falsche Ernährung zurückführte. Eine stärker auf Gemüse aufgebaute Kost würde innerhalb eines halben Jahres Besserung bewirken. Tatsächlich stellte mein damaliger Hausarzt in der Woche darauf eine Virusinfektion fest, die ohne Umstellung auf eine Gemüsediät nach zwei weiteren Wochen abgeklungen war.

Die Schwester meiner Frau, damals bald 18jährig, absolvierte einen Sprachaufenthalt in Kanada. Wir erkundigten uns nach ihrer beruflichen Zukunft und zeigten Mike Shiva wie von ihm gewünscht ein Foto der jungen Frau. Mike Shiva meinte, die Schwester meiner Frau sei psychisch schlecht drauf und würde erhebliche Probleme haben, eine Berufsausbildung zu schaffen. Das beste wäre, wenn sie einen reichen Mann heiraten könnte. Inzwischen hat sie zuerst eine Berufslehre mit Bestnoten absolviert, dann die Matura gemacht, darauf ein Hochschulstudium abgeschlossen und ist nun sehr erfolgreich in ihrem Beruf tätig. Verheiratet ist sie nicht.

Auch von einer Kollegin, die damals Mühe bekundete, den richtigen Mann zu finden, hatten wir ein Bild dabei. «Die ist total egoistisch», meinte Mike Shiva, als er das Bild sah. Sie würde keinen Mann finden, was für die Männer aber auch besser sei. Kurz darauf begegnete unsere Kollegin ihrem Traummann und begründete mit ihm eine grosse Familie.

Einen Wahrsager übers Ohr hauen?

Als Mike Shiva seinen TV-Sender im Jahr 2014 verkaufte, kam es zu Vorgängen, die er selbst so resümmierte, dass er «übers Ohr gehauen worden sei». Wie dem auch sei, kritische Beobachtende fragen sich, wie es denn überhaupt möglich ist, dass ein Wahrsager übervorteilt wird? Er müsste alle Ränke der Gegenseite ja vorhersehen und entsprechend parieren können. Mike Shiva meinte den Medien gegenüber denn auch, dass er «sich selbst ein schlechter Wahrsager war».

Den Tod verdrängen

Ähnliche Fragen stellen sich auch im Zusammenhang mit dem Hirntumor und dem Darmkrebs, an welchen Mike Shiva starb. Bei diesen Diagnosen besteht ja eine gute Prognose bei früher Erkennung. Und wer wäre für die Früherkennung von Krebs besser prädestiniert als ein Hellseher?

In seiner im Jahr 2018 erschienen Autobiographie räumte Mike Shiva ein, dass er das Thema Tod gemieden hat: «Ich persönlich schaue positiv in die Zukunft und lasse mir mein Herz dadurch nicht betrüben. Denn ich finde das Thema auch absolut nicht attraktiv. Deshalb soll man sein Herz und Gemüt nicht mit negativen Gedanken belasten. Und ausserdem denke ich nicht – wie viele sagen -, man müsse sich zur rechten Zeit mit Alter und Tod auseinandersetzen. Deshalb mein Rat: Geniesst doch den Moment und das Leben und tragt Sorge, dass es noch lange so bleibt! Solche Einsichten vermitteln mir meine innere Weisheit und Spiritualität.» (Shiva, Ich s. 61f.)

Georg O. Schmid, 13. September 2020

Lexikoneintrag zu Mike Shiva

Ausstellung: Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze

Die Maag-Halle 622 in Zürich beherbergt noch bis zum 1. November die Ausstellung von Replikationen aus dem Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun. Die Tickets können online vorbestellt werden. Die Besuchenden werden in Abständen von je einer halben Stunde hineingelassen, dabei muss man pünktlich ankommen. Bereits am Eingang wird die Atmosphäre auf Ägypten eingestimmt, Palmen säumen die grossen Pforten. Wir waren unter den ersten Besuchern, trotzdem gab es bereits einige, die sich ebenfalls für die Ausstellung interessierten. 

Beim Eingang wurde den Besuchenden geholfen, das Handy mit dem angebotenen WLAN zu verbinden, denn so konnte es zu einem Audioguide umfunktioniert werden. Ich machte mir etwas Sorgen, da mein Akku eher schwach war, aber am Ende verbrauchte ich nur etwa 4% der Batterieleistung für die Ausstellung insgesamt. Es sind auch normale Museums-Audioguides vorhanden, diese werden nach jedem Gebrauch desinfiziert. Es wird aber wegen derer Anzahl zur Benutzung des Handys geraten. Powerbanks können gemietet, Kopfhörer gekauft werden, falls man wie ich Akkuprobleme hat oder etwas vergessen hat.

Der Eingangsbereich war mit Bildern der Umgebung der Fundstelle im Tal der Könige geschmückt und man wurde mit dem berühmten Rosetta-Stein willkommen geheissen. Der Audioguide bestand aus drei Stimmen, einem Erzähler, einer Ägyptologin und einer Stimme, die den Entdecker des Grabes, Howard Carter, zitierte. Die ersten drei Audios stimmten den Besucher auf das Kommende ein, es wurden generelle Informationen über die Pharaonen, die Fundstelle und die 18. Dynastie der Pharaonen, zu der Tutanchamun gehört, gegeben. Tutanchamuns Vater, Echnaton, hatte in seiner Regierungszeit die erste monotheistische Religion gegründet, indem er Aton, den Sonnengott, zuerst als “Gott über allen Göttern” bezeichnete, die Hauptstadt verlegte und seinen Sohn auch Tutanchaton nannte. In einem nächsten Schritt setzte er die Priester der anderen Götter ab und verfügte, dass nur Aton der Anbetung würdig sei, womit er sich bei der traditionellen Priesterschaft und deren Anhang sehr unbeliebt machte. Es war deshalb kein Wunder, dass sein junger Sohn nach seinem Amtsantritt (der jedoch nicht direkt auf den Tod Echnatons folgte, es gab Jahre einer Zwischenregierung) diese Massnahmen sofort wieder rückgängig machte. Vermutet wird eine Einwirkung der traditionellen Priesterschaft. Der junge Pharao bestieg mit acht Jahren den Thron und änderte darauf seinen Namen zu Tutanchamun (“Lebendes Abbild des Amun” anstelle von Tutanchaton, “Lebendes Abbild des Aton”).

Tutanchamuns Regierungszeit betrug nur 10 Jahre, er verstarb also sehr jung im Alter von 18 Jahren. Lange wurde er als ein verschollener Pharao angesehen, doch die Entdeckung seines bislang fast unberührten Grabes machte ihn zum berühmtesten der Herrscher Ägyptens. Howard Carter, als dessen Entdecker, erlangte ebenfalls Berühmtheit.

Nach der Eingangshalle werden die Besuchenden in einen Kinosaal geschleust, wo ein Film über den Vorgang der Entdeckung des Grabes gezeigt wurde. Es wurde über Carters Kindheit berichtet und sein langer Weg zur Entdeckung des Grabes. Auch wurde der Sponsor der Ausgrabung, Lord Carnavon, vorgestellt. Der Film wurde mittels Audioguide vertont, was interessant war. Es war ein lustiges Erlebnis, in einem Kinosaal zu sein, aber der Ton über Kopfhörer zu erlangen. Dieses Vorgehen war nötig, weil der Kinoraum von den anderen Räumen nur durch Vorhänge abgetrennt war.

Der Film endete mit dem ersten Blick Carters in die Vorkammer des Grabes, die er gerade erst entsiegelte. Sofort wird der Besucher weiter geschleust und man kriegt den ersten Geschmack auf das Kommende. In der Ausstellung werden nämlich zuerst die Grabkammern so gezeigt, wie sie Carter aufgefunden haben solle. Das heisst, alle Replikationen wurden so aufgestellt, wie sie in Carters Dokumentation aufgezeichnet wurden. Dies war sehr eindrücklich und ich musste mich auf den Audioguide konzentrieren, um nicht von den schönen Schätzen abgelenkt zu werden. In den folgenden Abschnitten der Ausstellung wurden die Fundstücke noch einzeln gezeigt, denn natürlich war es schwierig, in der vollgestellten „Kammern“ alles genau zu sehen.

Auf die mit Schätzen gefüllte Vorkammer  und Schatzkammer folgten die vier vergoldeten Schreine der Grabkammer. Diese wurden im Gegensatz zur Vorkammer, die von antiken Grabräubern durchwühlt wurde, versiegelt vorgefunden. Ihre Wände zeigen Szenen, die üblicherweise auf der Wand eines Pharaonengrabes aufgefunden werden, aber Tutanchamun starb unerwartet bevor sein Grab gebaut werden konnte. So konnte seine Reise ins Jenseits trotzdem gewährt werden. Die Wände sind mit Texten aus dem Totenbuch beschrieben: Szenen der Unterwelt, Schutzgötter und die Reise des verstorbenen Pharaos werden dargestellt.

Der Sarkophag des Tutanchamun wurde ebenfalls gezeigt, seine Verzierungen von vier geflügelten Göttinnen an den Ecken zeigen jedoch, dass er vermutlich nicht für Tutanchamun hergestellt worden war, sondern wie schon das Grab selbst durch den frühen Tod des Pharaos für ihn umfunktioniert wurde. Die Mumie selbst war in drei Särge gelegt, die alle in der Form des Pharaos dargestellt worden waren. Jeder ist individuell gekleidet und verziert, alle vergoldet und zum Teil mit Glas und Schmucksteinen belegt, doch sind alle mit den königlichen Insignien versehen. Die Ausstellung legte den innersten Sarg auf einen Spiegel, sodass die Besucher auch die Rückseite betrachten können, denn die Nachbildung der Mumie wurde mit dem innersten Sargboden zusammen aufgestellt.

Schliesslich wurde die berühmte Totenmaske gezeigt, die auch das Titelbild der Ausstellung ziert. Sie ist vermutlich ein Idealbild des Pharaos. Sie ist aus Gold gearbeitet und mit blauem Glas bestückt. Die Augen sind aus Obsidian und weitere wertvolle Steine schmücken Details. Der Kragen bildet den Sonnenuntergang nach.

Auf dem Rücken der Maske befinden sich Texte, die Körperteile mit Gottheiten gleichsetzt. So sind die Augen, die Augenbrauen, der Scheitel, der Hinterkopf, die Finger und die Haare genannt. Interessant ist, dass die Mumie goldene Finger- und Zehenschütze aufweist.

Damit war der Kontext des Grabes gezeigt und es wurden in den folgenden Räumen einzelne Fundstücke genauer beschrieben und gezeigt. Die Kanopen, Gefässe für die Eingeweide der Toten, sind von einem Anubis auf einem Schrein beschützt und in einem goldenen Schrein von vier Göttinnen umringt. Bei Tutanchamun ist speziell, dass diese Kanopen ebenfalls Mini-Särge sind. Ausserdem wurden im Grab noch die Mumien der Kinder des Tutanchamun gefunden. Sie waren beide vor oder kurz nach der Geburt verstorben, eines wurde zu früh geboren. Auch Dienerstatuen, sog. Uschebtis, und Schiffsmodelle, die das Leben im Totenreich erleichtern sollten, wurden gefunden.

Weitere Schätze waren die vergoldeten Streitwagen, zeremonielle Waffen, Kosmetikartikel, Nahrung und ein weiteres Prunkstück: der Thron des Tutanchamun, auf dem abgebildet seine Frau und (Halb-) Schwester Anchesenamun seine Schulter zärtlich mit Salbe einreibt. Auch wurden in der Schatzkammer zahlreiche versiegelte Kisten gefunden, die goldene Götterstatuen enthalten, darunter auch einige des Tutanchamun selbst. Da der Pharao nach seinem Tod wahrhaftig zum Gott wurde und schon zu Lebzeiten göttlichen Rang genoss, sind Statuen vom Pharaonen unter den Göttern keine Seltenheit.

Der ägyptische Totenkult

Als Pharao war Tutanchamun der lebende Gott, die Verbindung zu den Göttern unter den Sterblichen. Nach seinem Tod wird er zum richtigen Gott. Dem Glauben nach ist der Körper des Verstorbenen ein Teil des Jenseits, denn der Geist besucht den zurückgelassenen Körper immer wieder. Der Mensch setzt sich aus sechs Aspekten zusammen.  Zu den drei weltlichen, sterblichen Aspekten gehören die Körperhülle (Chet), der Name (Ren) und der Schatten (Schut). Darüber hinaus gab es drei geistige, unsterbliche Aspekte im Menschen: Ka, Ba und Ach. Das Ka versorgt den Menschen mit der Nahrung, die er im Jenseits braucht. Es ähnelt ihm wie ein Bruder. Das Ba ist mit dem Herzen des Menschen verbunden, verlässt den Körper nach dem Tod und kann nur zu ihm zurückkehren, wenn es ihn wieder erkennt. Mit dem Ba verschwindet auch die Persönlichkeit des Menschen. Mit seiner Hilfe kann der Mensch wie ein Vogel am Tag die Welt der Lebenden besichtigen. Im Ach vereinten sich diese Teile durch die Körperhülle. Durch ein Ritual während der Bestattung, das sogenannte Mundöffnungsritual werden die Toten wieder befähigt, die Sinne benutzen und erneut Nahrung aufnehmen zu können.

Somit ist die Mumifizierung ein wichtiger Teil des Sterbens, denn nur so kann die Erhaltung garantiert werden und das ewige Leben im Tod stattfinden. Der Prozess dauert 70 Tage und dabei werden zuerst die Organe entfernt und separat konserviert. Sogenannte Kanopen enthalten die vier Hauptorgane: Lunge, Milz, Leber und Darm. Diese besitzen jeweils eine Schutzgottheit, die auch bei Tutanchamun die Kanopen zieren oder bei älteren Mumien einfach genannt werden. Nach der Reinigung der Organe werden diese in den Kanopen beigelegt. Das Herz und die Nieren bleiben im Körper, das Gehirn wurde zum Teil entfernt.

Nach der Entfernung der Organe wurde der Körper in ein Natronbad gelegt und die leeren Stellen der Organe ebenfalls mit Natron gestopft. Somit wurde die Verwesung durch die Entfernung aller Flüssigkeit verhindert. Nach einer Zeitspanne von ungefähr 40 Tagen wurde die Mumie in ein Balsambad gelegt, um die Haut geschmeidig zu machen. Danach wurde der Körper mit Einbalsamierungsflüssigkeit gefüllt und mit Leinen oder Sägespäne die Organhöhlen ergänzt. Die Augen wurden ersetzt.

Danach folgte das sorgsame Einbalsamieren, jedes Glied wurde einzeln eingebunden bis schliesslich die bekannte Mumie entsteht. Zudem werden Amulette, Schmuckstücke und die Totenmaske mitgegeben. Die Totenmaske ist nur bei sehr reichen und mächtigen Menschen aus wertvollen Materialien. Bei anderen weist sie lediglich eine Karton-artige Konsistenz. Natürlich gilt dies für weitere Teile des Mumifizierungsprozesses, ärmere Leute müssen mit weniger wertvollen Prozessen zufrieden sein. Die ganz armen konnten sich den Vorgang nicht leisten. Durch ein Begräbnis in der Wüste konnte eine Art Mumifizierungsprozess für Ärmere erreicht werden. Man versuchte, mit den Toten in Kontakt zu bleiben. Feste wurden in den Namen der Toten veranstaltet und auch Briefe an die Toten waren keine Seltenheit.

Das Leben nach dem Tod verläuft für die Verstorbenen genauso wie vor dem Ableben: es gibt Arbeit, verrichtet werden muss, denn der ewige Wohlstand des Jenseits kommt nicht von alleine. Man muss schon die Äcker selber bearbeiten. Doch auch hat haben die reiche Schicht der Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil: Die Uschebtis. Diese künstlichen Diener sind immer bereit, dem Ruf des Verstorbenen zu folgen und die Arbeiten an dessen Stelle zu verrichten. Wohlhabende konnten bis zu 365 Uschebtis in ihrem Grab haben, für jeden Tag des Jahres einer. Es gab aber auch Funde mit über 1000 Figuren in einem Grab. Auch die niederen Schichten hatten Uschebtis, doch deutlich weniger.

Der Verstorbene muss das Totenreich, die Duat, aber zuerst finden. Dabei müssen ein grosses Tor durchschritten, ein grosses Gewässer überquert und viele Gefahren überstanden werden. Der Pharao kann mit Re (der Sonnengott) auf dessen Barke fahren, während andere zu Fuss den Weg finden müssen. Der Verstorbene muss sich Tests unterziehen, welche die Rezitation von Namen der bewachenden Dämonen beinhalten. Nur so kann der Verstorbene weitergehen. Doch der grösste Test ist das Totengericht. Osiris, der Gott der ägyptischen Unterwelt, richtet über das Schicksal des Toten. Dabei wird das Herz des Verstorbenen auf eine Waagschale gelegt und als Gegengewicht eine Feder, das Symbol der Maat, der Gerechtigkeit, eingesetzt. Der Verstorbene muss schwören, dass nichts Sündhaftes in seinem Leben geschah. Darauf folgt eine erneute Rezitation der 42 Götter, die dem Totengericht beiwohnen. Ist die Waagschale mit dem Herz leichter als die Feder, so kann der Verstorbene ins Totenreich kommen. Ist das Herz jedoch schwerer, so wird es vom Ammit, einer hungrigen Gottheit, verschlungen. Ohne das Herz ist dem Verstorbenen ein Eintritt in das Jenseits verwahrt und der Verstorbene kommt ins Reich der ewigen Qualen. Kopfüber stehen die Toten für lange Zeit, bis sie schliesslich wieder vom Körper getrennt und die einzelnen Aspekte vernichtet werden. Dies bedeutet der endgültige Tod und die schlimmste Strafe.

Die Replikation der einzelnen Kammern ist sehr speziell und das Gefühl der Freude des Entdeckers Carter stellt sich ein. Es wird gut vorstellbar, wie er sich damals gefühlt haben musste. Die Atmosphäre ist am Anfang etwas dunkel, vor allem vor und nach dem Film, teilweise ist es etwas schwierig, die Anschriften zu lesen, wenn sie nicht gerade direkt beleuchtet sind. Dies ist jedoch nur an wenigen Stellen der Fall, ansonsten kommen die Besuchenden zu sehr viel Information. Ich habe hier nicht alles aufgeführt, es wurde zum Beispiel auch über den Tod des Tutanchamun spekuliert und neueste Forschungsergebnisse aufgeführt.

Die Ausstellung war sehr informativ und spannend, die Audioguides gaben eine abwechslungsreiche Ansicht auf die einzelnen Stücke. Durch Corona sind die Besucherzahlen beschränkt, was nur ein Vorteil sein kann, denn so hat man genug Zeit, sich die Replikationen genau anzuschauen, denn es gibt sehr spannende Details auf die zum Teil beim Audioguide selbst hingewiesen wird. Die Ausstellung ist auch für junge Besucher interessant, doch vielleicht haben nicht alle die Energie durch die 18 Audio-Stationen zu gehen. Es lohnt sich aber, wenn man sich die Zeit nimmt und alles anhört. Die nach Themen geordneten Stationen im zweiten Teil der Ausstellung, der Film und die volle Grabansicht sind sicherlich lohnend für alle an der ägyptischen Geschichte interessierten Personen.

Alain Liechti, 10. September 2020

Besuch im Buddhist Vihara in Lenzburg

Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 1. September 2020 einen Meditationsabend im sri-lankisch buddhistischen Kloster Buddhist Vihara in Lenzburg.

Ein durchschnittliches Schweizer Einfamilienhaus

Ein kurzer Fussmarsch vom Bahnhof Lenzburg den Gleisen entlang führte zum sri-lankisch buddhistischen Kloster «Buddhist Vihara Zurich». Ich hatte im Vorhinein keine konkreten Erwartungen oder Vorstellungen an das Aussehen des Klosters, war aber dennoch überrascht über das ganz normal aussehende Schweizer Einfamilienhaus, dessen Garten noch hinter Büschen versteckt war. Dahinter ragten drei grosse Fahnenmäste hoch an denen die Sri-lankische, die Schweizer und die farbige Internationale Buddhistische Flagge hingen. Erst als ich um die Ecke kam und den Stupa entdeckte, zeigte sich das Gebäude als unverkennbar buddhistisch. Ein Stupa ist ein Bauwerk, dass den Buddha selbst, sowie seine Lehre, den Dharma, symbolisiert. Der grosse weisse Stupa des Buddhist Vihara Zürich war mit goldigen Tüchern dekoriert und lenkte meinen Blick regelrecht auf sich.

Namasté

Ich betätigte die Klingel des Hauses, hinter welcher das Schutzkonzept gegen das Coronavirus aufgehängt worden war. Ein in Orange gekleideter Mönch mit kahlgeschorenem Kopf öffnete mir die Türe. Indem er seine beiden Handinnenflächen zusammenführte, begrüsste er mich mit der Grussgeste Namasté. Ich tat ihm die Geste nach. Wir beide hielten einen Moment inne. Sofort spürte ich die Ruhe des Klosters, welche mich auch in Reisen nach Südostasien immer wieder in den Bann gezogen hatten. Ich trat in den kleinen Eingangsbereich ein und folgte den Anweisungen des aufgehängten Schildes, wo draufstand «Schuhe ordentlich hinstellen».

Crashkurs Buddhismus

Der Mönch führte mich in den grossen Tempelraum, der eine Küche, einen Esstisch und zahlreiche Bücher beinhaltete. Wir setzten uns zusammen an den Esstisch, wo er sich als Bhante Ariyaseela vorstellte. Bhante Ariyaseela ist sri-lankischer Herkunft, etwa 40 Jahre alt und einer der beiden Mönche mit permanentem Wohnsitz im Kloster. Ich war zu jener Zeit noch die einzige Besucherin des Abends, sodass er sich Zeit für mich nehmen konnte. In einem starken Akzent versuchte er mir innerhalb von 10 Minuten die Grundsätze des Buddhismus zu erklären. Dieser unmöglichen Aufgabe ging er nach, indem er zuerst die fünf Fähigkeiten des Buddhismus aufzählte: Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Zudem sei die Praxis des Buddhismus zentral. So sei es eine gute Sache, dass ich den heutigen Meditationskurs, in welchem die Fähigkeit Achtsamkeit erlernt werden würde, besuche. Pünktlich um 19 Uhr forderte mich Bhante Ariyaseela dazu auf eine Kerze auf dem Schrein anzuzünden.

Meditation und Lehre

Während unserem Gespräch betrat ein junger Mann westlicher Herkunft den Tempelraum. Offensichtlich war dies nicht sein erster Besuch im Kloster, da er sich sofort vor dem Schrein niederkniete und daraufhin die vielen Kerzen als Vorbereitung für die Meditation anzündete. Auf dem Schrein waren zwei Buddha-Statuen platziert worden. Links sass ein goldiger Buddha, der seine Hände in der Geste der Lehre hielt: Daumen und Zeigefinger der linken Hand halten den Zeigefinger der Rechten. Das Zentrum bildete jedoch ein klassischer Buddha in einem orangen Gewand, dass jenem des Mönches ähnelte. Dieser Buddha legte seine beiden Hände übereinander in der Geste der Meditation. Er wurde links und rechts von einer jeweils gelben und einer blauen Mönch-Statue angebetet. Rundherum war der Schrein mit zahlreichen Blumen und Kerzen dekoriert worden. Die Handgesten der beiden Buddhas symbolisierten unser Vorhaben des Abends – die Meditation und die Lehre.

Meditieren via Skype

Bhante Ariyaseela, der junge Mann, ein weiterer per Skype zugeschalteter Mann und ich sassen zu viert in einem Halbkreis vor dem Schrein. Der Laptop, auf welchem ab und an Geräusche des Mannes hörbar waren, sass auf einem eigenen Kissen. Wir begannen mit der Dhamma-Lehre, indem wir einen Ausschnitt aus dem Pali-Kanon lasen. Dieser ist in der Literatursprache Pali verfasst und beinhaltet die überlieferte Sammlung von Lehrreden des Buddhas. Der Mönch und der junge Mann lasen den Abschnitt in Originalsprache. Obwohl rechts davon die englische Übersetzung niedergeschrieben war, wurde ich abgelenkt durch die Ankunft eines weiteren, in Rot gekleideten, Mönches. Dieser setzte sich zu meiner Linken, verbeugte sich vor der Buddha-Statue und wartete geduldig bis die Lesung der Lehre vorbei war.

Durch Achtsamkeit ins Nirwana

Der neuangekommene Mönch stellte sich als Bhante Tikino Laung Pee Zäm vor. Er ist ein diplomierter Meditationscoach aus Thailand, der im buddhistischen Kloster in Gretzenbach lebt und für die jeweils am Dienstagabend stattfindenden Meditationsabende nach Lenzburg kommt. Seine Aufgabe ist es dabei die Meditation zu leiten und Neulingen wie mir zu erklären. Die Meditationsart des Abends war die Samata-Vipassana Meditation, die Konzentrations-Einsichts Meditation. So soll die Einsicht in die drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Selbst entfaltet werden, sodass das verursachte Leiden überwunden und das Leben ins Nirwana erreicht werden kann. Die Übung der Achtsamkeit ist dabei zentral. Bhante Tikino Laung Pee Zäm nahm sich somit Zeit um mir die Wichtigkeit dieser Praktik zu erklären. So soll die Gegenwart bewusst wahrgenommen werden ohne durch Emotionen, Gedankenströme oder Erinnerungen abgelenkt zu werden. Die Objekte dieser Wahrnehmung, die auf keinen Fall bewertet werden sollen, sind der Körper, die Gefühle, der Geist, sowie die Geistesobjekte. Der Mönch bat uns die Augen zu schliessen.

Möge mein Feind glücklich sein

Als Erstes sollte jedes Körperteil einzeln wahrgenommen werden. So bewegten wir uns in unseren Gedanken von unseren Zehenspitzen aufwärts bis zum Kopf. Die Ablenkung in diesem Teil der Meditation war noch gering, da wir vom Mönch geleitet wurden. Erst als alle Körperteile durchgenommen wurden und wir still dasassen und uns auf den Moment konzentrieren mussten, merkte ich, wie mein Gedankenstrom immer wieder abgelenkt wurde. Der Mönch, dem wohl bewusst war, dass Achtsamkeit geübt werden muss, gab mir ab und an Tipps. So sollte ich beispielsweise meinen Atem kontrollieren, indem ich bewusst mitzählte. Die vergangene Zeit während der Meditation einzuschätzen ist schwierig, da die komplette Stille und Dunkelheit in mir eine gewisse Verwirrung hervorbrachten. Etwa in der Hälfte, nach 30 Minuten, wurden wir angewiesen, uns selbst, einer geliebten Person, einem Feind und schlussendlich der gesamten Welt Glück zu wünschen. Die Wünsche stellten ideal das Bild des gewaltfreien und friedliebenden Buddhismus dar, sodass sogar dem Feind nur das Beste gewünscht wird.

Die Orchideenfarm

Bhante Tikino Laung Pee Zäm forderte uns nach einer Weile auf, die Augen wieder zu öffnen. Mit Staunen stellte ich fest, dass eine ganze Stunde vergangen war, seitdem wir die Augen geschlossen hatten. Es hatte keinen Moment der Langeweile gegeben. Als ich wieder mit geöffneten Augen dasass, fühlte es sich an, als ob ich Sport getrieben hätte. Ich fühlte mich so erschöpft wie nach einem Sprint, obwohl ich in der Realität lediglich eine Stunde mit gekreuzten Beinen am Boden gesessen war. Der Mönch stellte die Schwierigkeit der Achtsamkeit danach bildlich dar. Vor ihm dekorierte eine Orchidee den Boden. Zuhause in Thailand besitzt er eine Orchideenfarm mit Tausenden von Orchideen, sodass Erinnerungen und Gedanken in ihm aufgeworfen werden wenn er die Orchidee im Kloster sieht: Gedeihen die Orchideen in Thailand? Wie geht es seiner Familie, welche die Pflanzen pflegt? Wann würden Reisen nach Thailand wieder möglich sein? Diese Gedanken sollen aber abgeschaltet werden. Man solle sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Anschliessend lasen wir nochmals einen Ausschnitt aus dem Pali-Kanon. Dieses Mal konnte ich mich eher auf die englische Übersetzung konzentrieren, sodass mir die Kernaussage schnell bewusst wurde – die Wichtigkeit der Liebe.

Achtsamkeit statt Handy-Bildschirm

Am Ende wurde ich von Bhante Ariyaseela eingeladen, jeweils an den Meditationsabenden in Zürich teilzunehmen, was ein wenig näher an meinem Wohnort wäre. Ich wurde sehr herzlich von den beiden Mönchen verabschiedet und lief am Stupa vorbei zum Bahnhof. Im Zug versuchte ich die Praxis der Achtsamkeit nochmals anzuwenden, da es mir für die Psyche sehr gesund scheint – besonders als Alternative zum Griff zum Handy. Da die Achtsamkeit aber nicht unbedingt nur eine buddhistische Praxis ist und potentiell von jedem ausgeübt werden kann, ist das Üben für eine nicht-buddhistische Person vielleicht einfacher an einem anderen Ort, wo das Zugehörigkeitsgefühl grösser und die Sprachbarriere kleiner ist. Es gibt mittlerweile schliesslich viele Angebote in diesem Bereich. Trotzdem gefiel mir die Authentizität des Buddhist Vihara Zurich, das besonders für die sri-lankisch buddhistische Bevölkerung der Schweiz sicherlich eine gute Anlaufstelle darstellt.

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Lexikoneintrag zu Zurich Buddhist Vihara

Christina von Dreien droht mit zweitem, «schlimmerem» Lockdown

Bei einem Tagesseminar im provisorischen Nationalratssaal, der Halle 2.2 der BernExpo in Bern, am Samstag, 15. August 2020 hat Christina von Dreien intensiv vor einem aus ihrer Sicht bevorstehenden zweiten, «schlimmeren» und «verrückteren» Lockdown gewarnt, bei welchem «mehr geschlossen» sein wird und «andere verrückte Dinge» laufen werden. Ihrem Publikum hat sie zugesagt, dabei unter besonderem Schutz der «geistigen Welt» zu stehen.

Christina von Dreien GmbH

Christina von Dreien ist auch der Name einer Firma, der «Christina von Dreien GmbH», die als Event-Agentur für die Tagesseminare von Christina von Dreien auftritt und auch für den Anlass vom 15. August in Bern verantwortlich zeichnete. Die Anmeldung fürs Tagesseminar vom 15. August wurde von der Firma beantwortet mit dem Hinweis, die Veranstaltung würde «nur durchgeführt, wenn sich genügend Gäste angemeldet haben». Christina von Dreien kommt, so der Eindruck, nur, wenn es sich auch lohnt.

Der Eintrittspreis fürs Tagesseminar betrug stolze Fr. 180.- für Personen über 22 Jahre. Rund 200 Menschen dieser Altersgruppe waren bereit, diese Summe zu bezahlen, dazu kamen ca. 20 jüngere Leute, die einen reduzierten Betrag von Fr. 120.- entrichteten oder als Kinder unter 16 Jahren gratis teilnehmen konnten. Alles in allem dürfte der Anlass einen Umsatz von gegen Fr. 40’000.- erbracht haben. Christina von Dreien scheint tatsächlich auch ein Geschäft zu sein.

Christina von Dreien auf Uriellas Pfaden

Erika Bertschinger, geb. Gessler (1929-2019), besser bekannt unter ihrem Geistnamen Uriella, war berüchtigt für ihre apokalyptischen Botschaften. Über die Jahre hin prophezeite sie ihrer Anhängerschaft und der Öffentlichkeit stets neue, angeblich kurz bevorstehende Krisen und Katastrophen und nannte dafür auch konkrete Zeiträume. Ein Türchen aber liess Uriella jeweils offen: Vielleicht würden sich die erwarteten Schrecknisse abwenden lassen, wenn ihr Orden Fiat Lux genug beten und meditieren würde. Nach Verstreichen der Termine schrieb sich Uriella das Ausbleiben der Ereignisse jeweils als Verdienst ihrer eigenen Verkündigung und des Engagements ihres Ordens gut.

Christina von Dreien scheint nun ebenfalls diesen Pfad beschreiten zu wollen, wie am 15. August deutlich wurde. Während des Tagesseminars kam sie immer wieder darauf zurück, dass sie mit einem im Herbst bevorstehenden zweiten Lockdown rechnet, der «schlimmer» ausfallen würde als der erste, weil «mehr geschlossen» sein würde und «andere verrückte Dinge» passieren würden. Diesen zweiten Lockdown halte sie für «hoch wahrscheinlich», «Wunder» seien hingegen möglich, z.B. dann, wenn ihre Fans durch Meditation den Lockdown verhindern würden.

Auf den ersten Blick scheint sich Christina von Dreien damit in eine Win-win-Situation gebracht zu haben: Kommt ein zweiter Lockdown, hat sie recht gehabt. Kommt er nicht, ist das ihr Verdienst.

Allerdings droht Christina von Dreien dieselbe Gefahr wie Uriella: Wer immer wieder vor Krisen und Katastrophen warnt, die dann aber wegen des eigenen Engagements verhindert werden, verliert zwar nicht an Glaubwürdigkeit, aber an Relevanz: Wieso sollte sich das Publikum stets neue apokalyptische Botschaften anhören, wenn die angekündigten Geschehnisse dann doch ausbleiben? So hat sich Uriellas Anhängerschaft bei jedem ereignislosen Endzeittermin reduziert. Schreitet Christina von Dreien auf diesem Weg weiter, wird es ihr auch so gehen.

Dualistisches Weltbild

Von esoterisch-spiritueller Seite wird Christina von Dreien vorgeworfen, ein wenig differenziertes, scharf dualistisches Weltbild zu vertreten, das mehr mit mittelalterlicher Volksreligion gemein habe als mit der theosophisch-esoterischen Bewegung.

Das Tagesseminar vom 15. August war, dies das mindeste, nicht geeignet, diese Vorwürfe zu entkräften. Immer wieder thematisierte Christina von Dreien ihre verschwörungstheoretische Weltsicht von den üblen Beherrschern der Erde, welche die Menschheit wie Tiere behandelten und am Erwachen hindern wollten. Diesen gegenüber stünden die Erwachten, zu denen Christina von Dreien ihr Publikum rechnete, welche die Pioniere einer neuen, besseren Zeit wären. «Am Ende wird alles gut», bestimmt zwanzig Mal wiederholte Christina von Dreien diese Hoffnung.

Wer «noch nicht erwacht» ist – damit meint Christina von Dreien Menschen, die ihre Verschwörungstheorien nicht teilen – der «schläft» oder befindet sich gar in «Vollnarkose». Eine derart massive sprachliche Abwertung Andersdenkender ist im Bereich der Esoterik sonst nicht üblich und erinnert an problematische Zeiten der Religionsgeschichte.

Mit der Zimmerpflanze sprechen

In der bevorstehenden schwierigen Zeit würde, so Christina von Dreien, der Kontakt zu Naturwesen helfen. Solche seien in jeder lebenden Pflanze zugegen, in jedem Baum, aber auch in jeder Zimmerpflanze. Wer mit Naturwesen zuhause kommuniziere, sei für die kommenden Probleme besser gerüstet, indem er sich eine «kleine Oase der heilen Welt» aufbaue.

Auch Wasser würde Naturwesen enthalten, ein paar Minuten mit dem Wasser zu sprechen, würde dessen Geschmack verändern. Meerjungfrauen würden ebenfalls existieren.

Elitarismus

Immer wieder hob Christina von Dreien während des Tagesseminars die Bedeutung ihres Publikums hervor. So werde es auch während des kommenden zweiten Lockdowns unter besonderem Schutz stehen: «Da wir bewusster sind, können wir davon ausgehen, dass wir unter einem höheren Schutz stehen. Denn die Welt braucht uns noch.»

Hier liegt möglicherweise – neben dem Angebot eines sehr überschaubar strukturierten Weltbilds, das die Komplexität der Realität ungemein reduziert – ein Teil der Faszination Christinas von Dreien. Wer sich ihr anschliesst, gehört zu den von der geistigen Welt beschützten «Erwachten», und damit gewissermassen zur Elite der Menschheit.

Fake News

Christina von Dreien wird gelegentlich für die Verbreitung von Fake News kritisiert. In der Tat gibt sie manches von sich, was kaum glaubhaft ist, so behauptete sie am Tagesseminar vom 15. August, es sei möglich, durch entsprechendes Bewusstsein amputierte Gliedmassen nachwachsen zu lassen, und nahm auf eine Person Bezug, die angeblich ihren abgetrennten Arm regenerieren liess: «Wir können Körperteile durch Gedanken und Gefühle nachwachsen lassen. Wir müssen es uns nur zutrauen».

Solche Ideen haben mehr als nur einen schalen Beigeschmack, weil sie ja implizieren, dass Menschen, die mit Amputationen konfrontiert sind, selbst schuld sind, wenn sich ihr Körper nicht wieder ergänzt.

Positives Denken und Imagination als Weg zu einer «heilen Welt»

Ihr Publikum forderte Christina von Dreien auf, sich während fünf bis zehn Minuten pro Tag die «heile Welt» der Zukunft vorzustellen. Diese Vorstellung würde dann «ins Feld gehen» und dadurch allmählich zur Wirklichkeit werden. Je mehr Menschen bei dieser Imagination mitwirkten, desto eher würde sich die «heile Welt» realisieren.

Irgendeine Aufforderung, konkret gegen Missstände tätig zu werden, sich z.B. bei einer Aktion zu engagieren, war am Tagesseminar vom 15. August nicht zu vernehmen.

Ein Lied einer hochumstrittenen Person im provisorischen Nationalratssaal

Am Ende der Veranstaltung wurde, wie bei den Tagesseminaren Christinas von Dreien üblich, getanzt. Dazu wurden vier Lieder abgespielt, darunter eines von Xavier Naidoo, der sich selbst als Rassisten bezeichnet hat, Thesen der Reichsbürger und rechtslastige Verschwörungstheorien vertrat und u.a. wegen flüchtlingsfeindlicher Aussagen seine Engagements in der Öffentlichkeit verlor. Dass Christina von Dreien ein Lied einer solchen Person im provisorischen Nationalratssaal abspielen liess, empfinde ich als zutiefst beschämend.

Georg O. Schmid, 16. August 2020

Besuch bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im Zeichen von Corona

Im Gemeindehaus in Bonstetten der Kirche Jesu Christi der Heilligen der Letzten Tage (HLT) finden nebst Abendmahlversammlungen auch unterschiedliche Versammlungen für verschiedene Altersgruppen statt. Die Genealogische Forschungsstelle kann gegen eine Voranmeldung besucht werden. Daneben bietet die Kirche noch weitere Veranstaltungen in der Umgebung oder Fahrten zum Tempel in Zollikofen im Kanton Bern an. Die Abendmahlversammlung am Sonntag wurde von relinfo besucht.

Eintreffen

Im August 2020 besuchte ich die Abendmahlversammlung der HLT in Bonstetten im Kanton Zürich. Das Gemeindehaus liegt sehr nahe am Bahnhof und fällt durch die Architektur, die HLT-Tempeln ähnelt, auf. Aus Respekt gegenüber den Mitgliedern und um mich nicht von der Masse abzuheben, passte ich mich dem Dresscode an und wählte einen typischen Salt Lake City Look mit einem langen, bedruckten Kleid.

Im Gemeindehaus angekommen, wurde ich etwas stutzig, aber sehr freundlich, begrüsst und gefragt, ob ich von einer anderen Gemeinde komme. Ich stellte mich vor und erklärte, dass mich im Januar zwei Missionare besucht hatten, sowie, dass mich die Kirche allgemein interessiert und ich den Gottesdienst mal anschauen möchte – dies war nicht gelogen! Der Mann freute sich und stellte sich als Christian und Bischof der Gemeinde vor. Eine kurze Recherche ergibt, dass Christian Gräub neben den Tätigkeiten als Bischof auch Vizepräsident der FDP Wettswil und Geschäftsführer einer Baufirma ist. Ich wurde informiert, dass der Gottesdienst in einer halben Stunde im oberen Stockwerk stattfindet und, dass ich mich in der Zwischenzeit gerne umsehen darf.

Vor der Abendmahlversammlung

Die Räume unten schienen eher simpel und dienen wahrscheinlich unterschiedlichen Versammlungen der Gemeinde. In der oberen Etage waren bereits ein paar Leute eingetroffen und begaben sich in den Gottesdienstraum. Ich schaute mir ein paar ausgestellte Bücher im Vorraum an und der Bischof gab mir das Informationsblatt „Der Herold“, in dem die Gemeinde über Aktuelles berichtet. Des Weiteren stellte er mir die neuen Missionare vor, die mich begleiten konnten und bei Fragen zur Verfügung standen. Mit den Missionaren kam ich sehr schnell ins Gespräch und stellte mich und mein Interesse an der Kirche vor. Ich unterhielt mich besonders mit Elder Meier*, der ursprünglich aus Südamerika ist, aber in Spanien geboren war und nun seit ein paar Monaten auf Mission in der Schweiz ist. Er erzählte mir in einwandfreiem Deutsch, dass seine Eltern die Kirche für sich entdeckt hatten und er im Glauben aufgewachsen ist. Wir unterhielten uns immer noch im Vorraum und alle Besucher/-innen, die eintrafen, begrüssten Elder Meier* und stellten sich mir sehr freundlich vor. Ich wurde oft auf meine Herkunft angesprochen und die Mitglieder freuten sich und bemühten sich, meinen Namen richtig auszusprechen.

Wir traten langsam in den Gottesdienstraum ein. Der Raum war mittelmässig gross, mit Stühlen besetzt und hatte zuvorderst eine Tribüne mit Rednerpult. Die Wände waren mit Holzfassaden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eingebaute Soundanlagen hatten, verziert.  Wegen der aktuellen Covid-Situation sollten die Mitglieder versetzt sitzen und eine Voranmeldung sei nötig. Ich durfte mich nachträglich manuell eintragen und musste meine Telefonnummer angeben.

Der Bischof bot an, dass ich mich neben seiner Familie setzten darf. Ich lehnte jedoch dankend ab und wollte lieber im Hintergrund bleiben. Elder Meier* wollte sich eigentlich zu mir setzten und mich während der Abendmahlversammlung begleiten. Eine nette Dame kam ihm jedoch zuvor und so kam ich in ein interessantes Gespräch. Die Frau stellte sich mir vor und war überrascht ein unbekanntes Gesicht zu sehen. Sie kam ursprünglich vom Glauben der Orthodoxen Kirche erhielt jedoch ein Zeugnis von Gott und schloss sich der HLT an, die die wahre Kirche sei. Mir wurde gesagt, dass unter den Mitgliedern vereinzelte einen Migrationshintergrund hatten. Das Publikum bestand aus Familien mit jungen Kindern und älteren Paaren. Gemäss den Gesprächen, die ich führte, kamen die meisten Mitglieder aus der Umgebung oder Zürich. Es waren circa 60 Mitglieder vor Ort.

Abendmahlversammlung

Das Programm der Abendmahlversammlung war der barmherzige Samariter. Geleitet wurde die Versammlung von Paul Johnson, dem Ersten Ratgeber. Er sprach mit erkennbarem englischen Akzent und begrüsste die Besucher/-innen. Leider war er etwas schwer verständlich, eventuell auch, da das Mikrofon mit einem kleinen Plastikbeutel überdeckt war, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Es wurde die Bestimmung eines Missionars und eine andere Kirchenfunktion, die ich nicht richtig verstanden hatte, durch die Gemeinde gefordert. Die Mitglieder stimmten allen Abstimmungen mit erhobener Hand zu. Seiner Ansprache folgte ein Lied aus dem Gesangbuch der Kirche. Insgesamt wurden vier Lieder im Verlaufe der Abendmahlversammlung gesungen.

Weiter im Programmpunkt standen Ansprachen vom Präsidenten und Ersten Ratgeber des Pfahls St. Gallen, Thomas Ottiker. Der Pfahl St. Gallen liegt in der Kirchenhierarchie über den verschiedenen Gemeinden. Ottiker scheint neben dieser Position auch Vorsitzender der Geschäftsleitung des Forensischen Instituts des Kantons Zürich zu sein. Er leitete das Abendmahl ein und nahm seien Platz auf der Tribüne ein. Neben ihm sassen der Bischof, Erster und Zweiter Ratgeber.

Für das Verteilen des Brots und Wassers waren junge Knaben zuständig. Alle waren im Anzug gekleidet und verteilten das Abendmahl auf Tablaren. Zwischen den Redner/-innen wurde ständig das Pult desinfiziert und der Plastikbeutel am Mikrofon gewechselt. Die nächste Rednerin erzählte von der biblischen Geschichte des Samariters und wie wir alle unseren Mitmenschen helfen können. Auf diese Rede knüpfte Thomas Ottiker in seiner Zweiten Ansprache an und betonte, dass wir durch das Meistern der Herausforderungen auf der Erde, Gott näher kommen.

Die Predigten waren, nach meiner subjektiven Meinung, inhaltlich nicht sehr fesselnd und es fiel mir schwer aufmerksam zu folgen. Ähnlich erging es vielen Kleinkindern, die quengelten oder sich in einem Spielecken beschäftigen.

Nach der Abendmahlversammlung

Nach der Abendmahlversammlung wurde ich von meiner Sitznachbarin und Elder Meier* gefragt, ob mir der Gottesdienst gefallen hat. Ich antwortet mit einem Lächeln und sagte, es wäre „okay“ gewesen. Sein Missionarsfreund gab mir die Visitenkarte mit einer Direktwahl und sie meinten, ich kann sie jederzeit kontaktieren und wieder kommen. Meine Sitznachbarin war etwas aufdringlicher und gab mit Ihr Telefon um meine Telefonnummer einzutragen, ich war etwas wiederwillig und ignorierte sie zuerst doch gab schlussendlich nach. Sie sagte mir, dass sie mich und ein paar Missionare sehr gerne zum Essen einladen möchte. Ich war etwas perplex und sagte ihr, dass ich das nicht will. Sie reagierte sehr freundlich und verständlich. Ich fragte sie noch, welche Positionen die Männer auf der Tribüne in der Kirche hatten. Die Frage wurde jedoch falsch verstanden und mir wurde erklärt, dass viele Mitglieder erfolgreiche Geschäftsmänner oder Staatsangestellte sind und ich mit der Zeit auch alle  kennenlernen werde. Daraufhin verabschiedete ich mich von meiner Sitznachbarin und Elder Meier* und verliess das Gebäude. Die anderen Besucher/-innen waren alle in Gespräche verwickelt und ich fiel nicht gross auf.

Fazit

Die HLT ist bekannt dafür, dass Missionare offen und freundlich sind und so begegnete ich auch die anderen Mitglieder der Gemeinde. Es hiessen mich alle sehr willkommen und wollten mich so gut als möglich integrieren. Mir ist jedoch nicht bewusst, wie viele Mitglieder sich offen mit der Geschichte und Kontroversen der Kirche befasst haben oder diese kennen. In meinem Ersten Gespräch mit Missionaren, die bei mir zu Hause geklingelt und mich ursprünglich in die Kirche eingeladen hatten, wurden angesprochene Kontroversen ignoriert und ich wurde auf ein neues und von der Kirche veröffentlichtes Buch verwiesen.

*Name geändert

Dafina Gash, August 2020

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Lexikoneintrag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Online-Gottesdienst der umstrittenen Kirche des Allmächtigen Gottes

Die Kirche des Allmächtigen Gottes oder The Church of Allmighty God ist eine umstrittene Neoffenbarer-Gemeinschaft mit Ursprung in China und macht zurzeit online massiv Werbung insbesondere in christlichen Foren. Als Student der Sinologie habe ich vor kurzem begonnen, mich mit dieser Gemeinschaft auseinanderzusetzen. Bei meiner Recherche stiess ich auf mehrere englischsprachigen Webseiten, die mir Erlösung versprachen und von der Wiederkunft Jesu Christi handelten, und ich wollte sehen, ob ich mehr herausfinden könnte. Beim Laden der Website der Gemeinschaft erschien ein Symbol in der unteren linken Ecke, das mich auf einen Chat mit einem „Freund in Christus“ einlud.

Sis Cathy und der Onlinechat

Da dies eine Gelegenheit war, die ich nutzen wollte, klickte ich den Button „akzeptieren“, und sofort wurde ich herzlichst von einem Mitglied begrüsst. Cathy (Name geändert) fragte mich nach meinem Befinden und wollte, dass ich sie „Schwester Cathy“ nenne, „Sis“ in Englisch. Sie war überaus freundlich, und wollte erfahren, wie ich denn heisse, in welchem Land ich wohne und ob ich Facebook habe. Da ich ihr nicht zu viel persönliche Daten geben wollte, erstellte ich schnell ein Facebook-Profil und gab an, aus diversen Gründen bisher auf Facebook nicht aktiv gewesen zu sein. Sie schien dies zu akzeptieren und wir kamen weiter ins Gespräch, wobei ich an ihren Ausführungen Interesse zeigte. Dieses war ja auch echt, denn ich wollte erfahren, was diese Gruppierung von anderen christlichen Gemeinschaften unterscheidet.

Sis Cathy lud mich nach kurzer Zeit in eine Facebook-Gruppe ein, mit dem Versprechen, ich würde am selben Tag noch einen Gottesdienst besuchen können – online natürlich. Ich war überrascht, zeigte aber Interesse und Sis Caathy gab mir einen Zeitpunkt an, an welchem ich online sein sollte, um den Gottesdienst nicht zu verpassen. Zugleich wurde mir etwas mulmig und fragte mich, worauf ich mich da eingelassen hatte. Wie sollte das überhaupt funktionieren? Muss ich mein Gesicht zeigen, muss ich sprechen? Kann ich die Gemeinschaft überzeugen? Doch die Zeit bis zum Gottesdienst verging wie im Fluge. Schon schaltete ich mein neues Facebook-Profil auf und Sis Cathy begrüsste mich erneut. Exakt um 16.30 sollten wir alle im Anruf sein, Mikrofon und Kamera ausgeschaltet. Das ging natürlich nicht bei jedem gleich gut und technische Probleme verzögerten den Beginn des Gottesdienstes. Dies schien geplant zu sein, denn zuerst wurden wir von einem bekannten christlichen Lied (10,000 Reasons (Bless the Lord O My Soul)) berieselt.

Der Beginn

In meinem Anruf waren jeweils zwischen 8 bis 11 Personen vertreten, aber unsere Gruppe war offensichtlich nicht die einzige, welche am Gottesdienst teilnahm. Offenbar waren viele Leute über Skype dabeiIm Chat und in der Übertragung sah ich, wer denn so alles mitmachte. Es waren Menschen mit Namen, welche die globale Verteilung dieser Übertragung zeigten, hauptsächlich meldeten sich asiatische Personen, aber ich war nicht der einzige Europäer. Auch Amerikaner waren vertreten. Esther, die das Profil einer hübschen Frau hatte, war die einzige Teilnehmerin, die das Mikrofon angeschaltet hatte, anscheinend war sie die Übertragungsperson, und nach dem Ende des Liedes stellte sich durch ihr Profil unser Prediger vor: Luke, der auf Englisch sprach, einen leichten Akzent besass und mir durch seinen Sprachgebrauch chinesisch-stämmig schien, begrüsste uns alle und bedankte sich für das zahlreiche Erscheinen. Auch bedankte er sich direkt bei mir und einigen anderen, die anscheinend ebenfalls neu mit dabei waren. Er sprach uns immer direkt an als „brother-sisters“ und erklärte kurz die „Regeln“ des Gottesdienstes: Unsere Kameras und Mikrofone sollten ausgeschaltet bleiben, während er spricht, aber er würde uns gerne zum Lesen einiger Passagen einladen, die er uns in der Chatfunktion schicken würde. Dabei sollten wir das Mikrofon einschalten und laut lesen, sobald er das Okay gibt. Zudem stelle er regelmässig Fragen, die wir im Chat beantworten sollten, damit er die Bestätigung hat, dass wir aufpassen. Sogleich kamen mir Erinnerungen an die Schulzeit auf und ich sass gerade hin, das Handy in einer Hand, um Notizen zu machen, und den Blick auf das Chatfenster gerichtet. Ich wusste immer noch nicht, was mich erwartet, denn Luke schien relativ locker, trotz der Regeln. Doch war ich auch erleichtert, dass Kamera und Mikrofon ausgeschaltet bleiben konnten.

Luke begann mit einem Gebet, bedankte sich für alle brother-sisters die jetzt die Worte Gottes empfangen werden und betete für unsere Gesundheit. Dies schien mir wegen der gegenwärtigen Pandemie angemessen und das gemeinsame „Amen“ im Chat zeigte, dass dieses Gefühl von der Gemeinschaft geteilt wurde. Nach dem Gebet begann Luke Geschichten zu erzählen, von Personen die Schmerz und Leid erfuhren, Beziehungen, die in die Brüche gehen, Eltern, die man nicht versorgen kann, da der Job kein Geld gibt, Jobverlust, etc. Die Frage „Warum?“ tauchte immer wieder auf, und Luke gab uns gleich die Antwort: Der Schmerz komme nicht von Gott, sondern von Satan. Sogleich gab er uns die erste Passage, die er aber selbst vorlas:

“Where did the pain of birth, death, illness and old age present throughout the life of man come from? Because of what did people first have these things? Man didn’t have these things when they were first created, did they? So where did these things come from? These things came after man was tempted by Satan and their flesh became degenerate, such as the pain of the flesh, the troubles and emptiness of the flesh and the extreme wretchedness of the world. Satan began to torment man after it had corrupted them. Man then became more and more degenerate, the illnesses of man were deepened, their suffering became more and more severe, and man felt more and more the emptiness, the tragedy and the inability to go on living of the world. Man felt less and less hope for the world, and these are all things that came about after Satan had corrupted man. So this suffering was brought on man by Satan, and it only came after man had been corrupted by Satan and became degenerate.” (Der Text findet sich in einer der heiligen Schriften der Kirche des Allmächtigen Gottes: Records of Christ’s Talks, Kapitel 19)

Satan also, der Verursacher alles Bösen, der Verführer der Menschheit zur Sünde sei an allem Schuld. Das schien mir soweit nachvollziehbar, denn da ich reformiert aufwuchs, ist mir Gott nie als eine sinnlos strafende Kraft vorgekommen. Auch im Chat schien Zustimmung zu herrschen, das „Amen“ mit welchem Luke die Passage abgeschlossen hatte, wurde von allen Teilnehmenden wiederholt. Esther reagierte auf all diese Amen mit einem Daumen hoch und schnell war klar, dass dieser Chat nicht nur von meiner neuen Freundin Cathy begleitet wird, sondern von einigen anderen „Aufsehern“.  Luke fasste die Passage noch zweimal kurz zusammen und brachte uns alle auf den wichtigsten Punkt: Satan ist böse. Offensichtlich.

Wir Menschen und unsere Sünden – Es ist alles Satans Schuld!

Gleich darauf wurde eine zweite Passage gesendet, diesmal tauchte sie aber nicht so schnell auf. Hatte Luke keine Zeit, sich allen Chats zu widmen (er predigte ja auch noch), oder es gab kaum Kommunikation mit allfälligen Helfern? Cathy war übrigens nur die erste Stunde der insgesamt zweistündigen Predigt im Chat. Beim aktuell übermittelten Text meldete sich nach langem Zögern eine Person aus meiner Gruppe zum Lesen, doch Mikrofonstörungen liess die Stimme zur Unerkennbarkeit verzerren. Doch es fand sich ein weiterer Leser, nach einigen Aufrufen von Luke.

Zum ersten Mal handelte es sich um einen Bibeltext, um Röm. 7.17-19. Dieser spielt auf die sündhafte Natur des Menschen an. Luke ergänzte dies, indem er den Text „übersetzte“, vereinfachte. In Lukes Interpretation war wieder von Satan die Rede, wie Satan uns alle vergiftet habe und wir dadurch eine grundlegende sündhafte Natur hätten, die sich Gott widersetzt. Satan wolle nämlich, dass wir ihn verehren und nicht Gott.

Das klang alles ziemlich düster, aber Luke gab uns einen Lichtschein: Wenn wir etwas nicht erreichen können, seien nicht wir schuld, sondern unsere innere sündhafte Natur. Die können wir ja nicht steuern! Wir seien also nicht selbst schuld an der Sünde, sondern Satan sei der Verantwortliche. Was für eine Erleichterung! Sofort kam Luke aber wieder mit einem weiteren Problem: Die Sünden seien zwar nicht unsere Schuld, aber trotz allem seien sie so tief in unserem Wesen verwurzelt, dass einfaches Bekennen oder Beichten gar nicht helfen würde. Er beschrieb das Problem mit einem Baum, dem man die Blätter entfernt. Der Baum steht immer noch, die Wurzeln sind immer noch da und somit kommen im nächsten Jahr die Blätter wieder gleich heraus. Das Entfernen der Blätter sei das Bekennen, und obwohl dies die Sünden beseitige, bringe es schlussendlich nichts, weil der Mensch wieder sündigen wird.

Hier kam die erste Frage an uns: Wenn ein Kind von einer giftigen Schlange gebissen wird und dann von der Mutter nach Hause in Sicherheit gebracht wird, ist das Kind dann gerettet? Diese Frage war offensichtlich mit „Nein“ zu beantworten, da das Gift ja nicht entfernt wurde. So wurde auch der Chatverlauf mit „Neins“ gefüllt, und Luke schien zufrieden, dass wir dies richtig beantwortet hatten. Mein mulmiges Gefühl verschwand an dieser Stelle, denn wenn alle Fragen in diesem Stil kommen werden, kann ich vielleicht eine gute Note erreichen.

Die Lösung zum Problem Satan

Da nun also das Gift der Sünde immer noch in uns allen verbleibt, wie werden wir dieses los? Die Lösung sei, dass wir alle geheiligt („sanctified“) werden müssen. Nur so könnten wir gerettet werden. Gott schaue dank Jesus nicht mehr auf unsere Sünden und habe uns erlöst, aber trotzdem sündigen wir immer noch, wir sind nicht heilig. Um wahrlich heilig und somit dem Königreich Gottes wert zu sein, müssten wir die Wurzel des Gifts, Satans Einfluss, entfernen.

Auch diese Aussage wurde mit einer Bibelstelle untermauert, und gleich darauf sandte uns Luke zwei weitere Bibelstellen, die seine Worte unterstützten:

“You shall therefore be holy, for I am holy” (Lev 11:45). “Holiness, without which no man shall see the Lord” (Heb 12:14).

Wieder erklärte uns Luke ausführlich den Unterschied zwischen Erlösung und Heiligung:

“Be saved : At the time, Jesus’ work was the work to redeem all mankind. The sins of all who believed in Him were forgiven; as long as you believed in Him, He would redeem you; if you believed in Him, you were no longer a sinner, you were relieved of your sins. This is what it meant to be saved, and to be justified by faith.

Be sanctified : Satan’s poisons have been purified, no longer rebellious to God, no longer judge God, no notions about God, this is holiness. Satanic poison is the greatest corruption, the satanic disposition is cleaned, Satanic poisons are gone, and people don’t live by Satanic philosophy.”

Wie aber wird man geheiligt? Auch hier kam eine passende Bibelstelle:

Sanctify them by the truth; your word is truth. (Joh 17:17)

Gottes Wort also sei das Mittel um sich wahrlich von Sünde zu befreien. Luke folgert weiter, dass Jehova (so nennt die Kirche des Allmächtigen Gottes Gott im Alten Testament) und Jesus (nach der Kirche des Allmächtigen Gottes ist Jesus Gott im Neuen Testament) uns Anleitungen gegeben haben, das Alte und das Neue Testament.

So langsam werden bei mir die Verbindungen und das Ziel des Gottesdienstes sichtbar, denn in der Kirche des Allmächtigen Gottes wird geglaubt, dass Gott heute wiedergekommen ist, seine Worte verbreitet, und uns damit neue Anleitungen gibt. Der Gottesdienst insgesamt lief auf diese Sichtweise hinaus, ohne sie direkt zu benennen. Wäre ich nicht über die Gemeinschaft informiert gewesen, hätte vieles sich ohne Probleme mit meinem Bild des Christentums gedeckt. Die einzelnen Abweichungen hätte ich als Interpretation abbuchen können. Die Stossrichtung der Predigt war mir nun klar und ich war gespannt auf die Fortsetzung.

Gott und seine Worte

Ohne Pause wurde nämlich weitergemacht, und eine weitere Frage wurde uns gestellt: spricht Gott (oder Jehova) nun immer mehr, je mehr Sünde es gibt? Denn Gott spricht, um uns von unserer Sünde zu befreien, wenn man nun der Logik folgt, ist dies der Fall. So wurde auch im Chat gehorsam eine Flut von „Ja“-Nachrichten geschickt.

 Luke fuhr zufrieden fort mit einer Frage, die er selbst beantwortete: Warum denn sprach Gott nicht schon früher so viel zu uns?

„And there are also many other things which Jesus did, the which, if they should be written every one, I suppose that even the world itself could not contain the books that should be written“ (Joh 21:25)

Die Antwort war also, dass es nicht möglich war. Die gesamte Welt könne die Worte von Jesus nicht umfassen, wie kann man sie denn in ein Buch schreiben? Ausserdem ist dieses Buch 2000 Jahre alt. Vor so langer Zeit waren die Menschen wie Babys, sie hätten es nicht verstanden, wenn Gott ihnen alles mitgeteilt hätte! Aber die Menschheit wuchs heran und heute seien wir viel reifer und offener für mehr Worte von Gott. Die Wahrheit, die uns heiligen soll, ist näher, als sie es zur Zeit von Jesus war. Sobald Gott auf die Erde zurückkehrt, und das würde er, werde er alle Geheimnisse und Rätsel auflösen und uns mit der Wahrheit beglücken.

Nun gäbe es aber immer wieder solche Christen, die der Meinung sind, dass in der Bibel alle Worte Gottes vorhanden seien und man keine weiteren Offenbarungen finden werde. Diese Christen, so meinte Luke, lägen falsch und würden gar das Wort Gottes verleugnen. Was auf diese Feststellung folgte, war die Kernpassage des Gottesdienstes, auf die Luke immer wieder zurückkam:

Offenbarung 5:1-5: And I saw in the right hand of him that sat on the throne a book written within and on the backside, sealed with seven seals. And I saw a strong angel proclaiming with a loud voice, Who is worthy to open the book, and to loose the seals thereof? And no man in heaven, nor in earth, neither under the earth, was able to open the book, neither to look thereon. And I wept much, because no man was found worthy to open and to read the book, neither to look thereon. And one of the elders said to me, Weep not: behold, the Lion of the tribe of Juda, the Root of David, has prevailed to open the book, and to loose the seven seals thereof.

Weiter erwähnte Luke zwei Stellen aus dem Daniel-Buch:

Dan 12:4 But thou, O Daniel, shut up the words, and seal the book, even to the time of the end: many shall run to and fro, and knowledge shall be increased.

Dan 12: 9-10 And he said, go your way, Daniel: for the words are closed up and sealed till the time of the end. Many shall be purified, and made white, and tried; but the wicked shall do wickedly: and none of the wicked shall understand; but the wise shall understand.

Der Löwe aus dem Stamm Juda sei Gott, was bedeute, dass nur Gott dieses geheime Buch öffnen könne. Gott würde dieses Buch auch öffnen, aber erst in den letzten Tagen. Die Bibel habe uns lediglich von den Sünden erlöst, aber dieses geheime Buch sei das Mittel, um uns alle zu heiligen.

So also werden von der Kirche des Allmächtigen Gottes ihre neu erschienenen Heiligen Schriften erklärt, wurde mir klar. Und auch Luke unterstrich diese Interpretation, denn immer wieder wurde dieses geheime Buch erwähnt. Doch ist es nicht das Buch des Lebens? Nein, findet Luke, denn das Buch des Lebens bestehe nur aus Namen. Namen alleine machten nicht heilig. Somit handle es sich um ein völlig anderes Buch.

Es folgte eine weitere Frage, deren Antwort den Teilnehmenden bereits klar vorgesagt wurde: Ist das geheime Buch die Bibel oder ein anderes Buch? Langsam kam ich mir vor, als würde ich wie ein Kind behandelt. So beantwortete ich wie die anderen Chatmitglieder auch diese Frage und dieses Mal kam sogar ein Herz von Esther, während Luke jedem persönlich dankte, der sich die Mühe machte zu antworten.

Dann folgte eine weitere Erklärung, warum Gott nun zusätzliche Worte sprechen muss, obwohl es doch schon die Bibel gibt. Wieder kam unsere „Erfahrung“ ins Spiel, die Menschheit sei gewachsen und nun bereit, mehr Wissen zu erlangen. Jesus hätte jenes Wissen weitergegeben, was in seiner Aufgabenliste stand (was mich auflachen liess, da ich mir Jesus mit einem Einkaufszettel vorstellen musste). Bei seiner Wiederkunft wird Jesus alle Rätsel und Geheimnisse, die er hinterliess, aufklären können.

Die letzten Tage = alle Geheimnisse werden gelüftet

In den letzten Tagen wird Gott seine wahren Gläubigen erkennen, denn nur diejenigen, die seiner Stimme folgen und seine Worte aufnehmen, seien wahrlich seine Schäfchen. So gebe es zwei Kategorien von Menschen, diejenigen, die verständen, und diejenigen, die nicht verständen und deshalb dem Untergang geweiht seien.

Nun kamen wir zur Sache: die Rettung vor dem ewigen Untergang wurde versprochen, und es wurde klar, was dazu nötig ist: Auf Gottes Worte hören. Das klingt ja nicht schwierig, aber Luke erklärte sofort weiter, dies sei nicht so einfach! Die Menschen müssten die wahren Worte Gottes ganz langsam aufnehmen, denn sie könnten nur allmählich gereinigt werden, bis sie vollkommen heilig seien. Gottes Wort sei also keine Sofortlösung!

Auf diese Erleuchtung kam dann eine weitere Frage:

Now we know Jesus will continue to speak the truth after he returns, and he will give the sealed book to us. If someone said “all of God’s word and work are recorded in the Bible. There’s no word and work of God outside the Bible“. Would you agree with him?

Natürlich antworteten alle mit “Nein“, und die Reaktionen von Esther im Chat waren ein “Daumen hoch“ und ein Herz. Ich fühlte mich, als hätte ich zur Belohnung einen Sticker bekommen.

Unmittelbar danach wurden wir aber wieder ermahnt. Wir dürften ja nicht verleugnen, dass es eine weitere Schrift gebe, sonst werde unser Name von der Schriftrolle der Prophezeiung genommen und wir würden niemals das Reich Gottes betreten können. Nach Gottes Wort gäbe es weitere Worte Gottes. Wenn man Menschen glaube, die das Gegenteil behaupten, wie könne man dann sagen, man glaube an Gott? Das gehe ja überhaupt nicht! Luke verglich in der folgenden Passage alle, die dies verleugnen, mit Sklaven:

What would be the result for us if we do not accept the new words? John 8:34-35 Jesus replied, “Very truly I tell you, everyone who sins is a slave to sin. Now a slave has no permanent place in the family, but a son belongs to it forever.

Nun wurde aus den neuen Offenbarungsschriften der Kirche des Allmächtigen Gottes zitiert:

“Christ of the last days brings life, and brings the enduring and everlasting way of truth. This truth is the path through which man shall gain life, and the only path by which man shall know God and be approved by God. If you do not seek the way of life provided by Christ of the last days, then you shall never gain the approval of Jesus, and shall never be qualified to enter the gate of the kingdom of heaven, for you are both a puppet and prisoner of history. ”

Erkenne Gottes Worte – aber wie?

Nun kam eine weitere Frage: Wenn man Gottes Worte hören sollte, wie erkennt man denn Gott? Auch darauf hatte Luke eine Antwort, denn Gott erkennt man gerade an seinen Worten:

My sheep hear my voice, and I know them, and they follow me (Joh 10:27). So then faith comes by hearing, and hearing by the word of God (Röm 10:17).

 Weiter fragte Luke, ob wir Jesus je gesehen hätten, wenn wir doch an ihn glauben? Natürlich nicht, fuhr er fort, denn wir glauben an Jesus wegen seiner Taten und Worte und nicht, weil wir ihn gesehen haben. Somit kann man Gottes Stimme, Gottes Wahrheit fühlen, nicht sehen. Luke brachte verwies auf Joh 21, wo Jesus von seinen Jüngern nicht erkannt wurde, aber sobald er anfing zu predigen, merkten die Jünger, wer er war. Menschen bekehrten sich nicht durch die Betrachtung eines Bildes von Jesus, sondern durch die Lektüre der Bibel.

Wir sollten uns also nicht auf das Äussere beschränken, wenn wir vor Gottes Wiederkunft stehen, sondern wir sollten Gott durch die Worte erkennen. Laut der Kirche des Allmächtigen Gottes ist Gottes Wiederkunft eine Frau, die in China geboren wurde. Über sie ist nicht viel bekannt, es soll sich um die 1973 geborene Yang Xiangbin handeln, doch nicht einmal ihr Name ist bestätigt, und die Kirche des Allmächtigen Gottes selbst ist sehr verschlossen, was die wahre Identität der Wiederkunft Gottes anbelangt.

Das Ende des Gottesdienstes

Kurz nachdem Luke uns diesen Punkt darlegte, brach seine Verbindung zu unserer Gruppe ab. Anscheinend bemerkte Luke dies nicht und fuhr weiter mit seinem Gottesdienst fort, trotz unserer Texte im Chat, dass wir ihn nicht mehr hören konnten. Er liess uns mit einer Frage zurück:

If these new words are not in the bible, then how can we recognize God’s words? What are the characteristics of God’s words?

Darauf schickte er uns allen ein Google-Dokument, dass wir ausfüllen sollten. Es bestand aus den Fragen, die er uns im Verlaufe seiner Predigt gestellt hatte, und der Ermunterung, weiteren Gottesdiensten beizutreten. Ich füllte es mit einem mulmigen Gefühl aus, loggte mich aus Facebook aus, nachdem ich allen einen guten Tag gewünscht hatte, und musste erstmals das Gehörte verarbeiten.

Luke wirkte sehr überzeugend und sprach nicht so schnell, dass man nichts mitbekam, doch schnell genug, dass man ihn nicht unterbrechen konnte, und keine Zeit hatte, über seine Worte nachzudenken und sie zu hinterfragen. Nachdem ich einige seiner Passagen kopiert hatte, sah ich auch, dass die Bibelstellen zwar soweit mit dem üblichen Text übereinstimmten, aber zum Teil subtil ergänzt wurden, um die Lehre der Kirche des Allmächtigen Gottes schleichend schmackhaft zu machen.

Die Verbindung zu Cathy und Luke, die ich während und vor dem Gottesdienst aufbaute, war sehr schnell sehr nahe, ich wurde sofort ein „brother“ von allen Teilnehmenden. Meine Antworten wurden jeweils beachtet und manchmal bedankte sich Luke bei jedem persönlich, indem er unsere Namen aufsagte. Ich war wiederum froh, dass ich mich schon vorher mit dieser Gemeinschaft etwas auseinandergesetzt hatte. Dies erlaubte mir zu unterscheiden, was aus der Bibel und was von der Gemeinschaft selbst kam. Die Vermischung war subtil, aber vorhanden. Die Fragen, deren Antworten immer sofort klar waren, hatten den Effekt, dass wir Lukes Worte nachsprachen und damit verinnerlichten. Wiederholungen wurden reichlich angewandt, nicht zu viel, aber gerade so, dass man den Punkt jeweils nicht vergisst. Ich war froh, als ich den Laptop schliessen konnte, denn nach zwei Stunden Gottesdienst war ich sehr müde.

Alain Liechti, Juli 2020

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Lexikoneintrag zur Kirche des Allmächtigen Gottes

Endzeitbotschaften und Corona – Besuch der Grace Family Church in Bubikon

Im März 2020 interpretierte Erich Engler, Gründer und leitender Pastor der Grace Family Church in Bubikon, die Corona-Krise als Hinweis auf das unmittelbare Bevorstehen der Wiederkunft Jesu Christi und des Paradieses auf Erden. Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 19. Juli 2020 den Sonntagsgottesdienst der Gemeinschaft.

Der Countdown läuft

Die zwei weissen Spitzen des Church Dome der Grace Family Church, hoch in Richtung strahlend blauen Himmel ragend, waren schon bereits von Weitem erkennbar, als ich an diesem Sonntagmorgen durch das Industriegebiet von Bubikon radelte. Um die Sicherheitsmassnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus einzuhalten, werden wöchentlich zwei Sonntagsgottesdienste, jeweils um 9 und 11 Uhr, durchgeführt. Die letzten Besuchenden des früheren Gottesdienstes verliessen noch das Gelände, während die Langschläfer und Langschläferinnen, darunter ich, den Dom erst betraten. Die Gespräche vor Beginn waren von profaner Natur. So erfreute sich beispielsweise die Frau am Empfang sichtlich über unsere geteilte ursprüngliche Herkunft aus dem Kanton St. Gallen, die sie an meinem Nachnamen sofort erkannte. Im Inneren des Doms verteilte eine weitere Frau das Abendmahl für die bevorstehende Eucharistie. Um die Sicherheitsmassnahmen zu gewährleisten, befand es sich in einer Verpackung in der Form von kleinen Kaffeerahmportionen. Ich setzte mich an den linken Rand des noch fast leeren Saals und schaute auf den Countdown, der vorne gross an der Leinwand die Minuten und Sekunden bis zu Beginn des Gottesdienstes herunterzählte: noch 5 Minuten.

Eine überraschende Altersstruktur

Erst jetzt hatte ich Zeit, meine Umgebung richtig zu mustern. Der Dom machte durch seine zeltartige Gestalt und die weisse Farbe einen kalten Eindruck. Grund dafür hätte jedoch auch die gähnende Leere sein können. Die ungefähr 60 Besuchenden füllten den riesigen Saal nicht einmal annähernd, wobei zu bedenken ist, dass es sich hier bereits um den zweiten Gottesdienst des Tages handelte. Das Publikum war überraschend homogen und wiederspiegelte den ungefähren Jahrgang des Gründers der Grace Family Church, Erich Englers. So befanden sich fast alle Besuchenden im mittleren Alter von etwa 50-60 Jahren. Hinter dem grossen Bildschirm auf der Bühne war ein braunes, nicht ganz erkennbares Motiv an die Wand gestrichen worden. Auf der rechten Seite des Raums hingen gelbe Banner mit dem Wort «Jesus» darauf. Die aufgereihten Stühle hatten die orange und graue Farbe des Logos der Grace Family Church. In der riesigen Technikanlage hinten im Raum sassen die Mitarbeitenden bereit, den der Countdown hatte 0 Minuten erreicht.

Corona-konforme Eucharistie

Pünktlich stand der Pastor Samuel Spörri bereit. Auch dieser wiederspiegelte den Altersdurchschnitt des Publikums. In seine Begrüssung bezog er alle jene ein, die online mitschauten. Er bat uns für das Gebet aufzustehen, welches von der Grösse Gottes handelte und von leiser Klaviermusik begleitet wurde. Darauf führte die Corona-konforme Einnahme des Abendmahls. Anstatt Kaffeerahm befand sich im Deckel der kleinen Verpackung die Hostie und im unteren Teil der Traubensaft. Ich musste leider auf die Hostie verzichten, da ich Mühe damit hatte, den Plastik darüber wegzuziehen. So ging ich direkt zum Traubensaft. Danach nahm die Band, allesamt in Rot gekleidet, die Bühne ein. Sie spielte zwei Lieder im Genre Christian Rock, das Erste in englischer Sprache, das Zweite auf Deutsch. Der Text wurde auf dem grossen Bildschirm ausgestrahlt, sodass das Publikum mitsingen konnte. Beim deutschen Lied waren deutlich mehr Stimmen zu hören, was an der herrschenden Altersstruktur und dementsprechenden Englischkenntnissen gelegen haben könnte. Trotz des kleinen Publikums gelang es der Band etwas Stimmung in den Saal zu bringen, sodass mitgeklatscht und die Hände gen Himmel geworfen wurden. Samuel Spörri zeigte sich nach der Musik nochmals auf der Bühne um einen Spendenaufruf zu machen. Für den zweiten Teil des Gottesdienstes, wurden die Kinder in die Spielgruppe hinausbegleitet.

Eine einzige grosse Familie

Auf dem Bildschirm erschienen gross die Worte «Follow the Spirit in Times of Crises» (Deutsch: «Folge dem Geist in Krisenzeiten»). Vor diesem Hintergrund trat Erich Engler, Gründer und leitender Pastor der Grace Family Church, vor die Besuchenden seiner Gemeinde. Ihm war anzusehen, dass der Auftritt auf dieser Bühne zu seinen regelmässigen Tätigkeiten gehört – mit Selbstbewusstsein und einem breiten Lächeln stand er da, als ob es sein Zuhause sei. Dementsprechend begrüsste er das Publikum, indem er es als «seine Familie» ansprach. Er trug ein blau-weisses gemustertes Hemd mit blauen Stoffhosen und stellte uns die an diesem Sonntag beginnende neue Sommerserie vor, in welcher es um den Heiligen Geist als Führung in generellen Krisenzeiten, speziell aber Corona-Zeiten, geht.

UHU-Ferien in Kuba

Engler machte einen sympathischen Eindruck, was unter anderem an seiner Rhetorik lag. Gleich zu Beginn bewies er seinen Humor, welcher vielleicht eher die ältere Generation anspricht, jedenfalls aber beim Publikum gut ankam. Wir alle müssten dieses Jahr in die UHU-Ferien nach Kuba – «Ums Huus Ume» in der Küche und auf dem Balkon. Seine Erzählungen waren sehr bilderreich, sowie praxisnah, und enthielten viele Anekdoten, meist aus seiner Bibelstudien Zeit in den USA. Dadurch lässt sich auch sein Gebrauch der englischen Sprache erklären: wiederholt verwendete er englische Wörter oder sogar Sätze, welche er jedoch sofort ins Deutsche übersetzte. Englers Predigt drehte sich primär um zwei Themen, wobei beide eng mit der Besprechung des Coronavirus verstrickt waren. Erstens erzählte er vom Heiligen Geist, und wie dessen Führung uns durch diese Zeit begleiten würde. Zweites Thema war Englers Endzeitbotschaft und die unmittelbar bevorstehende Zeit der Entrückung.

Folge dem Geist

Um die Führung des Heiligen Geistes in Anspruch zu nehmen, müssten, so Engler, drei Punkte nacheinander beachtet werden. Als erstes soll ein Bewusstsein für ihn im einzelnen Individuum entstehen. Der Heilige Geist sei eine Person. Genauer ein er, ein Mann, wobei sich die Frauen keine Sorgen machen müssten, denn er würde auch weibliche Züge besitzen. Der Heilige Geist sei für beide Geschlechter gekommen. In einem zweiten Schritt sollte man ein Verständnis für ihn entwickeln. Engler erläuterte hier nicht weiter, sondern gab dem Publikum bloss die Anweisung «Versteh Ihn!». Für die Führung des Heiligen Geistes brauche es in einem letzten Schritt eine gewisse Sensibilität. Hier erläuterte Engler eine seiner zahlreichen Anekdoten: Ein Kind fuhr mit seinen Eltern an den Flughafen und sagte erschrocken, dass das Flugzeug, welches gerade im Landeanflug war, abstürzen würde. Die Eltern lachten lediglich darüber. Das Flugzeug, in welchem der Vater des Kindes danach sass, stürzte wenig später ab. Mit diesem etwas morbiden Beispiel, wollte Engler aufzeigen, dass hier nur das Kind eine gewisse Sensibilität zeigte und es somit ein Vorbild für uns sein sollte. Diese drei Punkte würden in dieser Sommerserie von Engler genauer behandelt und gelehrt werden.

Eine 360° Schutzmauer

Engler wiederholte stets eine Botschaft die zentral ist für seine Kirche. Wir seien in der Age of Grace, im Zeitalter der Gnade. So seien wir alle von Gnade umgeben, und zwar 360°. Dieses Zeitalter begann vor 2000 Jahren, vorher war der Heilige Geist, ganz im Gegensatz zu heute, nicht in uns drin. Durch den Geist der Gnade sei der Gläubige sogar grösser als das Coronavirus, sodass man dieses gar nicht mehr spüren würde. So könne man sogar im Bus sitzen und während sich alle an der Umständlichkeit der Schutzmasken stören würden, würde man selbst gar nichts mehr davon merken. Obwohl Engler es etwas ins Lächerliche zog, sprach er die Realität und Bedrohung des Coronavirus explizit nicht ab.

Wie Wehen vor der Geburt

Die Realität des Coronavirus abzusprechen wäre im Falle Engler auch wenig sinnvoll, da er dieses als Anzeichen der nahen Entrückung interpretiert. Bereits in einer Predigtreihe im März 2020 verbreitete er diese Botschaft. Auch in diesem Gottesdienst wurde er plötzlich ernster als zuvor und erklärte die deutliche Zunahme der Wehen in den letzten Tagen, die wie vor einer Geburt, die erneute Ankunft von Jesus Christus und des Paradieses auf Erden vorhersagen würde. Seuchen und Plagen würden zur nähernden Entrückung dazugehören. Euphorisch erklärte Engler jedoch, dass die Gnade ein Schutzschild sei. Jetzt sei die Zeit, wo der Glaube offengelegt werden würde, sodass sie auch als Chance für eine überlebenswichtige Sinnesänderung ergriffen werden könnte. Hier könne der Apostel Paulus als Vorbild genommen werden, der vor seiner Bekehrung Christen verfolgte. Denn: «Glaube ist einfach!»

Bubikon als Heimat des weltweit besten Cappuccinos

Nachdem wir etwa 1.5 Stunden dem Gottesdienst gelauscht hatten, verabschiedete sich Erich Engler von uns. Er machte uns zuletzt auf einen positiven Punkt des Coronavirus aufmerksam: die Online-Community hätte enormen Zuwachs bekommen, sodass eine komplett neue Gemeinschaft willkommen geheissen werden könnte. Mit seiner typisch aufgestellten Art empfahl er uns für einen Cappuccino zu bleiben, denn jener des Church Domes der Grace Family Church sei der Beste der ganzen Welt. An einem gewöhnlichen Sonntag würde er vier davon trinken. Diese überschüssige Energie demonstrierend, sprang er von der Bühne herunter, woraufhin er sofort von einer Gruppe von Besuchenden umzingelt wurde.

Von Altersstrukturen und Endzeitbotschaften

Die Grace Family Church im Rücken, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Der englische Name und der moderne, trendige Auftritt der Kirche im Internet hatten mich eine andere Besucherdemografie erwarten lassen. Diese lässt sich vielleicht durch den Leiter Erich Engler erklären, der auf jeden Fall ein begnadeter Rhetoriker ist, dem es allerdings nicht unbedingt gelingt, die jüngere Generation miteinzubeziehen. Weniger überraschend war die Endzeitbotschaft, die ein wichtiger Teil der Predigt darstellte. Obwohl diese sehr vage ist und weder genauere Details enthält, noch einen bestimmten Zeitpunkt nennt, zeigt sie einen möglichen Umgang mit und Interpretation einer solchen Krise durch eine Glaubensgemeinschaft. Dieser Umgang geht Hand in Hand mit der Verbreitung der eigenen Lehre. Erich Engler nutzt das Coronavirus also um die nahe Entrückung hervorzusagen und verbindet diese Endzeitbotschaft dann mit Kernaussagen aus seiner Lehre, vorherrschend der Gnade.

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Lexikoneintrag zur Grace Family Church Bubikon

Besuch im Somaskanda Ashram auf den Fideriser Heubergen

Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 21. Juni 2020 den Somaskanda Ashram der Gemeinschaft Skanda Vale in den Fideriser Heubergen.

Eine holprige Anfahrt

Neben einer Wandergruppe sass ich im „Heuberge Bus“, der mich über eine holprige Strasse zum neohinduistischen Somaskanda-Tempel fuhr. Dieser liegt auf 1800 m.ü.M. in den Prättigauer Bergen in Graubünden. Die Strasse dahin ist ab Fideris für den Privatverkehr geschlossen und kann lediglich mit einer Bewilligung befahren werden. Die Alternative, für welche ich mich entschieden hatte, ist der Bus, dieser muss allerdings telefonisch bestellt werden. Der Bus hielt vor einer Abzweigung, wo eine kleine Holztafel mit der Beschriftung „Somaskanda Ashram 15 Minuten“ stand. Gemeinsam mit zwei anderen Frauen stieg ich aus und roch sofort die frische Bergluft. Der Fussweg Richtung Ashram, auf welchem mich die beiden Frauen begleiteten, führte an farbigen Blumen und schattenspendenden Bäumen vorbei und erlaubte einen wunderbaren Blick auf die schneeigen Berge. Die Frauen, beide westlicher Herkunft, befanden sich etwa im Alter von 25 beziehungsweise 50 Jahren und waren, trotz des langen Anreisewegs, regelmässige Besucherinnen des Ashrams. Die ältere Frau war seit etwa 20 Jahren Anhängerin des Somaskanda-Tempels, die Jüngere bereits seit ihrer Geburt.

Die hinduistische Berghütte

Nach der letzten engen Kurve lag der Somaskanda Ashram vor uns, wobei ich einen Moment brauchte um dies zu realisieren. Der Ashram sah wie eine normale Berghütte aus. Als wir näher kamen, entdeckte ich das hellblaue Schild, das Richtung Tempel zeigte und somit einen Hinweis auf die etwas unkonventionelle Nutzung der Berghütte gab. Wir gingen aber nicht in Richtung des Tempels, sondern traten in den unteren Bereich des Hauses ein, wo bereits Finken bereitgestellt worden waren. Auch das Innere des Hauses, mit der langen Holzbank und dem grünen Kachelofen, sah auf den ersten Blick wie eine typische Berghütte aus. Allmählich fielen jedoch das Portrait von Guru Sri Subramanium, der Gründer der Gemeinschaft, sowie seine Bücher ins Blickfeld. Auf dem Holztisch lag eine typische hinduistische Gebetskette aus Nussfrüchten, die Mala, von welcher die anderen beiden Besucherinnen ebenfalls ein Exemplar aus dem Rucksack nahmen und um den Hals legten.

Der Gott der göttlichen Armeen

Noch waren wir zu dritt. Ich half die mitgebrachten Rosen für die bevorstehende Puja vorzubereiten. Zwei Frauen, ebenfalls im mittleren Alter und westlicher Herkunft, traten von der Küche herein. Sie hatten mich bereits erwartet, da sich Besuchende momentan wegen Covid-19 für einen Besuch anmelden müssen. Sie begrüssten mich sehr herzlich und boten mir Tee an. Die vier Frauen reagierten auf meine Fragen zum Somaskanda Ashram ziemlich selbstkritisch. Für sie war klar, dass sie bei einem hinduistischen Ritual in Indien weder etwas verstehen, noch wirklich nachkommen würden. Bei ihnen hätte eine Art „Verwestlichung“ des Hinduismus stattgefunden, sodass er auch für das lokale Publikum zugänglich wäre. Es würden auch Praktiken anderer religiösen Traditionen im Ashram Platz finden, wie beispielsweise der christliche Gottesdienst der sich jeweils am Sonntagabend ereignet. Diese Selbsteinschätzung bestätigte mein Bild des Somaskanda Ashrams, welcher dem Neohinduismus zugeordnet werden kann, jedoch auch einen interreligiösen Charakter hat. Gleichzeitig wurde ich auf die Puja vorbereitet, die an diesem Tag extra lang werden würde, da der Neumond, sowie der Auftakt des Shiva-Festivals auf denselben Zeitpunkt fielen. Shiva erfreut sich im Somaskda Ashram besonderer Beliebtheit, unter anderem weil er der Vater des Gottes ist, der dem Ashram seinen Namen gegeben hat: Skanda, der Gott der göttlichen Armeen.

Wie Konzentration zu Veränderung führt

Die erste Hälfte der Puja, wie Verehrungsrituale des Gottes im Tempel im Hinduismus genannt werden, fand draussen statt. Von den 25 Grad in meiner Heimat Zürich spürte ich hier nichts – mit Faserpelzen und Decken sassen wir zu sechst in einem Halbkreis. Da die Anzahl der Besuchenden aufgrund der speziellen Situation auf vier Personen, Tempelteam ausgenommen, beschränkt ist, war das Publikum von geringerer Grösse als üblich. In der Mitte sassen ein Mönch, ganz in weiss gekleidet, und eine Nonne, die ein braunes Gewand trug. Es erinnerte mich stark an jene Gewänder des Franziskanerordens, was wahrscheinlich Absicht war, da die Mönche und Nonnen bei der Weihe das franziskanische Gelübde ablegen. Sie waren beide aus dem Muttertempel, dem Skande Vale Tempel in Wales, angereist und sprachen daher Englisch. Der Mönch, der von der frischen Bergluft ganz rote Backen hatte, erklärte zu Beginn, dass die bevorstehende Puja nicht als Ritual zu verstehen sei, sondern als Akt der Veränderung. Somit sollte man sich nicht entspannen, man solle sich konzentrieren um die Gegenwart beeinflussen zu können.

Von Schweizer Bergen und indischen Murtis

Während der Mönch und die Nonne die letzten Vorbereitungen trafen, hatte ich Zeit, meine Umgebung zu mustern. Der Kontrast der umliegenden Schweizer Berge, die über uns ragten, zum Schrein, der vor unserem Halbkreis stand, war enorm. Die Hauptattraktion bildete eine grosse Murti aus Stein. Eine Murti ist eine geweihte Statue einer Gottheit, in diesem Fall war es der elefantenköpfige Gott Ganesha. Durch die Grösse der Murti mussten wir zu Ganesha hinaufsehen, was seine Überlegenheit zu demonstrieren schien. Er trug eine Gebetskette und vor ihm stand ein Tisch, der mit verschiedenen Opfergaben an den Gott, wie Früchte oder dekorierte Kokosnüsse, bedeckt war. Krüge mit diversen Flüssigkeiten lagen auf einem weiteren Tisch. Der Mittelpunkt des Kreises bildete eine Feuerstelle, deren Rand mit gelber und roter Asche bemalt worden war. Das Holz für das Feuer lag in Form eines Jenga-Spiels bereit.

Detailtreue durch Anweisungen

Im ersten Teil der Puja wurden die verschiedenen Opfergaben für Ganesha vom Mönch gereinigt und geräuchert. Dabei folgte der Mönch den genauen Anweisungen der Nonne, welche von einem Blatt Papier abgelesen wurden. Der Duft der Räucherstäbchen verteilte sich langsam im Kreis und erinnerte mich an vergangene Reisen nach Asien. Das ganze Ritual hindurch legten die Teilnehmenden viel Wert auf die Einhaltung der richtigen Abfolge, obgleich die Atmosphäre durch das ständige Einreden der Nonne ein wenig verloren ging. Auch die Konzentration, für welche der Mönch im Vorhinein plädiert hatte, war stets vorhanden. Neben der richtigen Abfolge, zeigte sich das Aufsagen der Mantras auf Sanskrit zentral. Mantras sind Formeln zur Anrufung und Vergegenwärtigung göttlicher Mächte. So konnte ich, trotz fehlender Sanskrit-Kenntnisse, immer wieder den Namen eines Gottes wie Vishnu, Lakshmi oder Shiva erkennen. Auch die Silbe Om, die zu Beginn jedes Mantras aufgesagt wurde, war mir bekannt.

Visualisierung der Gottheit durch Mantras und Musik

Neben der Durchführung der rituellen Handlungen, wurden die Mantras von der Nonne und dem Mönch aufgesagt. Währenddessen sangen die anderen drei Besucherinnen pausenlos auf Sanskrit, läuteten Glocken und bliesen in ein Muschelhorn. Obwohl alle drei das Gesangsbuch der Skande Vale vor sich hatten, brauchten sie es kaum. Sie sangen auswendig drei Stunden lang. Die Reihenfolge der Lieder war nicht abgemacht. Wenn eine Person anfing zu singen, setzten die anderen einfach ein. Ich war enorm beeindruckt vom Einsatz der Besucherinnen, zumal drei Stunden singen anstrengend ist und die Kenntnisse der Melodien und Texte fehlerfrei schienen. Die Mantras, zusammen mit dem Gesang, sollten zu einem Zustand der Konzentration führen, sodass die Visualisierung des Gottes ermöglicht werden sollten.

Ein Feuer aus Ghee und Olivenöl

Die Visualisierung und Aufrufung der verschiedenen Gottheiten wurde am offensichtlichsten, als der Mönch das Feuer anzündete. Er verwendete dafür eine brennende Ghee-Lampe, welche an das ebenfalls mit Ghee beschmierte Holz gehalten wurde. Danach warf er regelmässig eine Ladung Olivenöl über das Feuer. Ob das Olivenöl, neben der Nutzung als Brennstoff, eine symbolische Bedeutung hatte, blieb offen. Um die Gottheiten aufzurufen, wurde das entsprechende Mantra aufgesagt. Mit seiner tiefen Stimme sprach der Mönch nach dem Mantra den Segensruf Om Swaahaa und warf daraufhin für jede Gottheit eine Fingerspitze Reis ins Feuer. Auch rund herum wurde der Reis verteilt. Hier folgte der Mönch wieder den Anweisungen der Nonne, den die richtige Abfolge war streng zu berücksichtigen. Während dem Ritual fiel mir immer wieder auf, wie der Mönch und die Nonne auf die Befolgung kleinster Details schauten. Die Aufgabe schien ziemlich stressig und kompliziert zu sein, den sie sagten pausenlos Mantras auf und führten die rituellen Handlungen aus. Trotzdem achteten sie beispielsweise auf ihre Handgesten, sodass sie ab und zu die bekannte Position der Chinmudra (Zeigefinger und Daumen zusammen) einnahmen, die den Energiefluss begünstigen soll.

Reinigung des Selbst und Aufrufung Ganeshas

Als das Feuer richtig brannte, wurden wir dazu aufgefordert unsere Sorgen zu bereinigen, indem wir getrocknete Blütenblätter in das Feuer warfen. Ich durfte als Zweites dieses Ritual vollziehen, sodass ich mich an der ersten Person orientieren konnte. So nahm ich jeweils eine Hand voll Blütenblätter, hielt diese vor meinen Kopf , ruf meinen Wunsch ins Gedächtnis und warf die Blütenblätter ins Feuer während der Mönch wieder den Segensruf Om Swaahaa sprach. Diese symbolische Reinigung des eigenen Selbst erzeugte ein Gefühl der Zugehörigkeit, da jede Person einzeln ins Ritual inkludiert wurde. Darauf folgte die rituelle Waschung von Ganesha. Da dieser der Gott ist, der Hindernisse beseitigen kann und über Glück verheissende Momente herrscht, wird er bei Pujas oftmals als erstes aufgerufen. Bei der Waschung wurde Ganesha mit Blumen geschmückt, dann mit verschiedenen Flüssigkeiten und Seife gewaschen. Daraufhin wurde ihm eine Mala um den Hals gelegt und der Mönch machte eine Blumen-, sowie Räucherspende. Auch bei der Waschung wurde viel Wert auf Details gelegt, sodass diese eine Dauer weilte. Währenddessen sangen die Besucherinnen tapfer weiter, obwohl eine davon bereits ihre Stimme verloren hatte.

Der tanzende Shiva

Der zweite Teil der Puja fand im Tempel statt, der sich im Obergeschoss des Gebäudes befand. Ich folgte den anderen Besucherinnen und erblickte dabei die aus Holz geschnitzten Elefantenköpfe an der Hauswand. Vor dem Tempelraum stand ein langer Tisch mit zahlreichen Opfergaben an die Götter, bestehend aus Blumen und Nahrungsmitteln, wie grüne Bohnen oder Kambly-Guetzli. Eine Besucherin begann an einem Seil zu ziehen, sodass die grossen Glocken über dem Tisch anfingen zu läuten. Ziel dabei war wohl die Abwehr und Verscheuchung von negativen Energien. Das Läuten wurde wieder von Mantras und dem Muschelhorn begleitet, sodass die Warnung wohl in der gesamten Heuberge-Region zu hören war. Der Tempel war zu ehren des Gottes Shiva und dem Auftakt des ihm gewidmeten Festivals dekoriert worden. So standen mehrere Shiva-Statuen herum. Eine seiner Rollen ist die Schöpfung, der Erhalt, wie auch die Zerstörung der Welt. So gilt die Auffassung: wenn Shiva aufhört zu tanzen, geht die Welt unter. Shiva wird daher oftmals in tanzender Form dargestellt, was auch im Tempel der Fall war. Eine kleine tanzende Shiva-Statue war auf den zentralen Blickfang des Tempels gelegt worden: das Lingam.

Die Rolle von Taucherschuhen in Pujas

Das Lingam ist eine anikonische Darstellungsform des Gottes Shiva. Er wird somit nicht visuell dargestellt, sondern als glatter, runder Stein, der auf einer runden Platte, genannt Yoni, steht. Das Lingam hat eine phallusähnliche Form und symbolisiert die männliche Energie, die Yoni hingegen die weibliche Energie, sodass die Verbindung die Schöpfungskraft von Shiva versinnbildlicht. Das Lingam im Somaskanda Ashram war riesig und befand sich in einem Schrein aus glitzernden Steinen. Über ihm ragte eine dreiköpfige Schlange heraus. Wieder mit der Begleitung von Gesang und Mantras, wurde das Lingam vom Mönch verehrt. Dazu gehörte erneut eine Waschung, was auch die Taucherschuhe, die der Mönch trug, erklärte. Der Schrein war aus Stein gebaut, sodass das Wasser durch einen Kanal auf dem Yoni ablaufen konnte. Nach der Waschung offerierte der Mönch Blumen und räucherte das Lingam ein. Um die Gottheit zu kleiden, schloss er die Vorhänge vor dem Schrein. Während er das Ritual beendete, sangen die anderen Besuchenden, unter Einnahme von gelegentlichen Ricola-Bonbons, weiter.

Versetzung nach Indien

Erst hier im Tempelraum fühlte ich mich nicht mehr wie in einer typischen Schweizer Berghütte. Zahlreiche Statuen von verschiedenen Göttern und farbige Tücher dekorierten den Raum. Ein Bild vom Gründer Guru Sri Subramanium stand neben dem Schrein. Vor ihm befand sich ein Speer, der ihm gewidmet und mit dem Tripundra dekoriert worden war, wie die drei waagrechten Linien genannt werden, die Anhänger von Shiva tragen. Der Holzboden war im vorderen Bereich vom Kerzenwachs und dem Gebrauch verschiedenen Flüssigkeiten während der zahlreichen Pujas gefleckt. Über dem Schrein war eine Goldplatte mit dem Om-Zeichen angebracht.

Und noch eine Prise Christentum

Der Mönch öffnete den Vorhang des Schreins wieder und vollführte den letzten symbolischen Akt der Puja, indem er der kleinen Statue von Shiva den Trishula, den Dreizack, in die Hand setzte. Die drei Zacken symbolisieren die Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung der Welt und sollten dem Gott die Kraft darüber wieder geben. Nun war Shiva bereit für die zwei-wöchige Feier seines Festivals. Der Mönch schloss den Vorhang wieder, sodass er seine Ruhe geniessen konnte. Um die Puja abzuschliessen, verabschiedete der Mönch jeden Gott im Tempel, indem er die jeweilige Statue einräucherte und dazu das passende Mantra aufsagte. Auch das Portrait von Guru Sri Subramanium wurde auf entsprechende Weise verabschiedet. Da alle Mantras wieder auf Sanskrit waren, verstand ich nichts, bis Maria, die Mutter von Jesus Christus, verabschiedet wurde. Für diesen Teil wechselte die Gruppe in die englische Sprache und wiederholten das Gebet, das mit „Hail Mary“ begann, einige Male.

Eine positive Bilanz

Die grossen Glocken wurden zum Schluss nochmals geläutet. Die Besuchenden blieben eine Weile nach Ende der Puja sitzen und beteten. Da ich den letzten Bus des Tages um 16 Uhr erwischen musste, ging ich mit einer der Frauen nach unten, wo sie mir ein köstliches indisches Curry auftischte. Auf dem wunderschönen Fussweg zum Bus konnte ich die vergangenen Stunden nochmals durch den Kopf gehen lassen. Ich war sehr positiv überrascht von meinem Besuch im Somaskanda Ashram, da ich im Allgemeinen eher negativ eingestellt bin auf die westliche Übernahme östlicher religiöser Praktiken. Die Anhängerinnen im Somaskanda Tempel waren jedoch selbstkritisch eingestellt und sahen ein, dass sie die hinduistischen Rituale nie vollständig übernehmen könnten. Zudem beeindruckte mich die Detailtreue des Rituals, wie auch die strikte Einhaltung der Abfolge. Das Ritual erforderte einen enormen Aufwand an Zeit und Vorbereitung. Die Gastfreundschaft des Tempels war ebenfalls sehr gross, sodass ich mich stets wohl fühlte. Ich hatte nun ein gewisses Verständnis für die Anziehungskraft eines neohinduistischen Tempels in den abgelegenen Schweizer Bergen.

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Besuch bei Marcios ehemaliger Gemeinde

Im Februar wurde bekannt, dass der Schweizer DSDS-Teilnehmer Marcio im Alter zwischen 15 und 20 Jahren Mitglied einer Freikirche war, die ihn von seiner Homosexualität „befreien“ wollte. Es handelt sich um die in Zürich ansässige Organisation Ministério Semeando em Terra Fértil. Unsere Mitarbeiterin Laura Meyer hat dieser Gemeinde einen Besuch abgestattet.

Vor Ort

Am 6. März 2020 besuchte ich einen Gottesdienst im Ministério Semeando em Terra Fértil. Der brasilianische Name der Gemeinde heisst so viel wie „Dienst, derim fruchtbaren Land aussät“. Beim Ort der Gemeinde angekommen, in der Militärstrasse in Zürich, war ich zuerst ziemlich verwirrt. Am Eingang stand nichts, was mich darauf hätte hinweisen können, dass ich am richtigen Ort war. Kein Name der Gemeinde, kein Anzeichen für einen bevorstehenden Gottesdienst. So stand ich nun zur angegebenen Zeit um 19.20 Uhr vor dem Gebäude und wusste nicht recht, ob ich überhaupt am richtigen Ort war. Ich kontrollierte nochmals Zeit und Ort, wie sie auf der Website der Gemeinde zu finden waren. Es schien alles zu stimmen. Genau in diesem Moment liefen zwei Frauen an mir vorbei, die brasilianisches Portugiesisch miteinander redeten, und das Gebäude betraten. Dann wusste ich, dass ich am richtigen Ort war. Erst als ich das Gebäude betrat sah ich, dass auf einem kleinen Plakat etwas leicht zu Übersehendes stand: Gottesdienst im 3. Stock.

Gottesdienstraum

Auf der Website der Gemeinde stand zwar, dass der Gottesdienst erst um 19.30 Uhr anfängt, doch als ich den Raum um 19.25 Uhr betrat, wurde schon laut gesungen, und zwar durch den Apostel Ezau Casales, den Begründer und Präsidenten der Gemeinde. Ausser ihm waren noch acht Leute anwesend.

Es war ein eher langer, schmaler Saal. Ganz hinten ein Beamer und einige Stühle für Mitarbeitende, in der Mitte sehr viele Stühle für Besucher, vorn im Raum das Podest mit einem Mikrophon, und einigen Instrumenten, denn die Musik wurde live gespielt. Auch gab es zwei Bildschirme, wo jeweils die Texte der Lieder eingeblendet wurden. Die Wand hinter dem Podest war mit einem Kreuz bemalt. Allgemein fand ich, dass der Gottesdienstraum schön in bläulicher Farbe dekoriert war. Er wirkte sehr einladend.

Ich setzte mich weiter hinten hin, so dass ich einen Überblick über alles und alle hatte. Ganz hinten sassen allerdings trotzdem einige Mitarbeitende und Offizielle.

Publikum

Sogar nach mehr als einer halben Stunde nach Beginn des Gottesdienstes betraten noch die letzten Leute den Saal. Schlussendlich waren es etwa 18 Leute im Publikum, inklusive mir. Später erfuhr ich, dass am Gottesdienst welcher sonntags stattfindet, meistens um die 40 Leute anwesend sind. Unter den in der Schweiz lebenden Brasilianern ist die Gemeinde sehr bekannt. Anders als beim Hilfszentrum der Igreja Universal do Reino de Deus IURD (Universalkirche des Reiches Gottes), dessen Gottesdienst ich letztes Jahr besucht hatte, wurde ich mit Ausnahme von ein paar neugierigen Blicken in Ruhe gelassen.

Die meisten in Publikum waren weiblich und mittleren Alters. Einige von ihnen kamen mit ihren Kindern. Insgesamt waren es um die sechs Kinder. Offenbar waren auch die Kinder von den Mitarbeitenden anwesend. Die Kollekte am Ende des Gottesdienstes hat nämlich ein Mädchen eingesammelt. Sie schien sich in ihrer Arbeit gut auszukennen. Ich hatte den Eindruck, dass sie regelmässig dort ist. Alle schienen den Ablauf und die gesungenen Lieder zu kennen. Klar in der Unterzahl waren die Männer. Mit dem Apostel und dem Pastor waren es bloss vier Männer.

Predigt

Nachdem gesungen wurde, redete der Apostel für einige kurze Minuten über die Wichtigkeit, sich selbst treu zu bleiben. Egal was man im Leben durchmache, man dürfe nie vergessen, wer man ist. Dann übergab er dem Pastor das Wort. Zwar wurde er mit einem Mikrophon ausgestattet, trotzdem empfand er es für nötig zu schreien. Manchmal wurde er so laut, dass es an den Ohren schmerzte. Ich denke, dass dies den Effekt mit sich bringt, dass man eine höhere Präsenz spürt. Das laute Volumen seiner Stimme führte nämlich dazu, dass man Gänsehaut bekam. Das habe ich selbst auch gespürt.

Er erzählte unter anderem die Geschichte von David, dem bedeutendsten König der Geschichte Israels. Der Pastor ist da wahrscheinlich davon ausgegangen, dass alle die Geschichte von David kannten. Deshalb redete er drauf los und fing an zu erzählen, dass David sehr viel Mut bewiesen hat und er aufgrund seiner Aufrichtigkeit immer die Unterstützung des Herrn erhielt.

Da das Thema Coronavirus momentan in aller Munde ist, konnte der Pastor es nicht unterlassen, darauf einzugehen. Er selbst habe keine Angst sich anzustecken. Wieso Angst haben, wenn man Gott in seinem Leben hat, fragte der Pastor. Man solle sich keine Gedanken drüber machen. Ganz im Gegenteil: Je mehr man sich vor dem Virus fürchte, desto eher würde man an ihm erkranken. Mit Gott in seinem Leben bräuchte man sich nicht vor Krankheiten zu fürchten.

Dann erzählte der Pastor davon, wie Gott ihm einst den Auftrag erteilte, nach Japan zu reisen. Er nannte dabei einige Vorkommnisse, die er als Zeichen Gottes deutete. Ein Vorkommnis geschah bei einer Predigt, die der Pastor vor etwa 20 Jahren bei einem Gottesdienst im Norden Brasiliens gehalten hat. Gegen Ende des Gottesdienstes sei eine alte Frau vom hintersten Ecken der Kirche aufgestanden und hätte plötzlich angefangen von einem Mann zu erzählen, der sich unglücklicherweise in einer Flagge verheddert hätte und mit ganzer Kraft versuchte, ihr zu entkommen. Als der Pastor uns davon erzählt hat, ahmte er der alten Dame mit gekrümmtem Rücken, nordbrasilianischem Dialekt und eingezogenen Lippen nach. Das Publikum musste sehr lachen. Der Pastor sagte dann, dass er die alte Dame daraufhin gefragt hatte, was für eine Flagge das denn war. Daraufhin antwortete sie ihm, dass sie das leider nicht wusste. Sie könnte es ihm aber beschreiben: Die Flagge war ganz weiss, mit Ausnahme von einem rotem Punkt in der Mitte. Die japanische Flagge also.

Weiter erzählte der Pastor von seiner Reise nach Japan. Bis zu dem Punkt, an dem er im Flugzeug sass, wollte er eigentlich auf gar keinem Fall nach Japan reisen. Er täte es nur, weil es Gottes Wille war. Im Flieger an seinem Platz angekommen, sprach er zu Jesus: ‚‚Wenn du in dieser Reise nicht neben mir sitzt, dann werde ich so tun als wäre ich ein Verrückter und täusche einen Anfall vor, so dass ich aus dem Flugzeug rausgeschickt werde, das schwöre ich Dir!’’ Das Publikum lachte wieder. Ich fand die Äusserung etwas komisch. Später witzelte der Pastor darüber, dass er selbst etwas verrückt sei.

Mir ist aufgefallen, dass er sehr beliebt unter dem Publikum ist. Seine Aussagen fand ich manchmal zwar etwas komisch, nichtsdestotrotz empfand ich ihn als sympathisch. Seine Predigt war sehr unterhaltsam, da er zwischendurch immer wieder Witze machte und das Publikum zum Lachen brachte. Einmal schweifte er auch etwas ab und vergass, wo er steckengeblieben ist. Dann mussten wir, das Publikum, ihm wieder auf die Sprünge helfen.

In Japan angekommen gab es laut dem Pastor anfangs Komplikationen, aus dem Flughafen zu kommen. Die Staatspolizei wollte ihn erst nicht ins Land lassen. Wieso genau, habe ich selbst nicht ganz verstanden, da er nichts genaueres dazu gesagt hat. Laut dem Pastor hat er danach seine Tasche durchsucht und wie durch ein Wunder ein ‚wichtiges’ Dokument gefunden. Daraufhin behandelte ihn die Polizei am Flughafen plötzlich völlig anders und begleiteten ihn sogar vor den Flughafen zu einem Wagen, welcher ihn abholen und zu seinem Hotel fahren sollte. Der Pastor zeigte sich davon überzeugt, dass Gott ihm in dieser Situation geholfen hat.

Später im Gottesdienst forderte uns der Pastor auf, uns alle gegenseitig zu umarmen. Eine Frau kam auf mich zu und umarmte mich. Es kam mir so vor, als wollte sie mich gar nicht mehr loslassen, so fest hat sie mich gedrückt. Die Umarmung dauerte mindestens 15 Sekunden.

Die Leute der Gemeinde waren alle sehr freundlich. Ich habe trotzdem gemerkt, dass mich alle von Beginn an wahrgenommen haben, da ich ein unbekanntes Gesicht war. Zum Schluss des Gottesdienstes sagte der Pastor noch, dass er sich über das neue junge Gesicht in der beinahe hintersten Reihe freute. Daraufhin drehten sich alle um und lächelten mich an. Als der Gottesdienst dann vorbei war, kamen noch drei Leute zu mir. Anders als bei der Igreja Universal do Reino de Deus, wo sie mich regelrecht ausgefragt haben, haben mich die Leute des Ministerio Semeando em Terra Fertil bloss willkommen geheissen.

 Zur Gemeinschaft

Das Ministério Semeando em Terra Fértil wurde begründet von Ezaú Casales (geb. 1962). Casales ist in Brasilien als Sohn eines Pastors aufgewachsen. Als junger Mann wurde er einer Gemeinde des Foursquare Gospel, und machte eine Ausbildung zum Pastor dieser Bewegung. Daraufhin wirkte er eine Zeitlang als Kongressredner in brasilianischen Freikirchen, bevor er in der Schweiz das Ministério Semeando em Terra Fértil begründete.

Das Ministério Semeando em Terra Fértil wird geleitet von Ezaú Casales als Apóstolo Presidente und von seiner Frau Patrícia als Apóstola Vice Presidente.

Neben der Gemeinde in Zürich bestehen Aussenstellen in Fortaleza (Brasilien), Nizza und Beira (Mosambique).

Die Gemeinschaft vertritt ein pfingstliches Christentum mit der Notwendigkeit der Geistestaufe samt Zungenrede als Zeichen.

Die Bibel hat für die Gemeinde höchste Autorität. Sie tauft keine Menschen, die in Situationen stecken, die aus Sicht der Gemeinde den biblischen Prinzipien widersprechen.

Besonders betont wird die Abwendung, aber auch die Heilung der Welt. Das Heil der Gläubigen kann durch Sünde wieder verloren gehen. Die Gemeinschaft glaubt an den Fall und die daraus resultierte Verdorbenheit des Menschen. Nur der Glaube an die Erlösung durch Jesus könne die Menschen zu Gott zurückbringen.

Das Ministério Semeando em Terra Fértil glaubt an die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer fortschreitenden Heiligung der Gläubigen in Geist, Seele und Körper. Diese Heiligkeit wird gekennzeichnet von einem einfachen Leben (frei von Extravaganz und Eitelkeit), einer immer grösser werdenden Ähnlichkeit mit Christus (ein immer grösser werdender Unterschied zur Weltlichkeit) und dem klaren Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Auch der Glaube an Dämonen ist ausdrücklich im Glaubensbekenntnis der Gemeinde festgehalten. So können zum Beispiel Krankheiten dämonischen Ursprungs sein. Die Gemeinschaft ist überzeugt davon, dass die von Christus Erlösten nicht von Dämonen besessen werden können. Wenn man also eine Krankheit hat, ist es entweder Gottes Wille oder man hat gesündigt und ist somit vom Pfad Gottes abgekommen.

Laura Meyer, März 2020