Sibirischer Schamanismus

Es ist wichtig zu wissen, dass es keine allgemein anerkannte Definition des Schamanismus gibt. Klassischerweise wurden für die Schamanismusdefinition die Schamanen der sibirischen Gruppen als Grundlage, also als locus classicus, genommen. Dabei wird viel aus der Kultur der Burjaten gezogen. Die Grundzüge des sibirischen Schamanismus bestehen aus neun Punkten: 1. Weltbild, 2. Vermittlung zwischen den Welten, 3. Verschiedene Arten von Schamanen, 4. Stellung der Schamanen in der Gemeinschaft, 5. Erblichkeit und Ahnengeister der Schamanen, 6. Initiation, 7. Hilfsgeister, 8. Hilfsmittel (Paraphernalien), 9. Ekstase oder Besessenheit

 

 

Die Welt besteht aus verschiedenen Sphären. Diese werden von vielen anthropo- oder zoomorph gedachten Geistern bewohnt. Unter den Geistern gibt es auch Hierarchien, wobei die Geister verschiedene Eigenschaften und Attribute haben. Bei den Burjaten gibt es zwei Ebenen, die höchsten Geister und die niederen Geister, welche zumeist als Hilfsgeister für die Schamanen dienen. Die Aufrufung der höchsten Geister beansprucht besonderes Talent eines Schamanen.

Der Mensch besteht aus drei Teilen: Körper, Prinzip des Atems und des Lebens, und der Seele. Die Seele ist wiederum in drei Teile gegliedert. Erstens, die Knochenseele, die ein ebenmäßiges Spiegelbild des Skeletts des Menschen darstellt. Dabei geschieht alles, was dem Knochen geschieht, auch der Seele. Die zweite Seele befindet sich in den Organen und dem Blut des Menschen und wird mit Krankheiten assoziiert. Sie kann den Körper unter Umständen verlassen, ohne dass der Besitzer sich dessen bewusst ist. Die dritte Seele ist der Geist des Menschen und entsteht bei dessen Tod aus seiner zweiten Seele. Diese Seele kann sich bei Schamanen auch in einen lokalen Geist verwandeln.

Krankheiten werden als von Geistern herbeigeführt gedacht. Der Schamane muss dabei, um die Person zu heilen, die zweite Seele finden oder befreien oder einen eingenisteten fremden Geist vertreiben. Dies ist oft mit einem längeren Kampf des Schamanen mit dem fremden Geist verbunden.

Die Schamanen erscheinen als Mittler zwischen den Menschen und Geistern und als Schöpfer und Träger der schamanistischen Philosophie, Volksmedizin und der Stammesüberlieferungen. Zu ihren Fähigkeiten zählen in Bezug darauf spezielle Anrufung, Opfer und Rituale für Segen und Abwehr von Übel, Vorhersage von Ereignissen, Auffinden verlorener Dinge, Heilen von physischen und psychischen Krankheiten, Jagd-, Wetter- und Kriegsmagie, und Vollführungen von rites des Passages. Dabei sind nicht nur die Fähigkeiten der Schamanen, sondern auch die aktive Teilnahme der Gemeinschaft an Ritualen zentral. Dies kann durch Mitfühlen, Miterleben, Mitsingen, -klatschen und -tanzen erfolgen.

Es gibt Schamanen, die für Riten für den Segen und den Schutz der grossen Einheiten und der Vieherden zuständig sind. Und es gibt Schamanen, die für Familien und kleinere soziale Verbände zuständig sind. Bei den Burjaten unterscheidet man hier zwischen den grossen weissen Schamanen und den kleinen Schamanen. Obwohl die weissen Schamanen beide Arten vollziehen können, würden sie nie schwarze Geister heraufbeschwören, die auch öfters von den kleinen Schamanen als Hilfsgeister gerufen werden.

Schamanen haben auch die Rolle von sozialen Anführern, aber dafür gibt es keine allgemeinen Übereinstimmungen. Als Gegenleistung für die Aufgaben des Schamanen übernimmt die Gemeinschaft die Kosten für die Ausbildung, für die Initiationsrituale und für seine Paraphernalien. Zusätzlich bekommen sie Unterstützung für ihren Lebensunterhalt. Doch meistens leben die Schamanen nicht von ihren Tätigkeiten als Schamanen sondern gehen gleichen Arbeiten nach wie die Gemeinschaft.

Die Stellung der Schamanen in der Gemeinschaft ist ambivalent. Einerseits werden sie gebraucht und verehrt, andererseits werden sie gemieden, gefürchtet und an den Rand der Gruppe gedrückt. Die Marginalisierung kommt oft von der Angst, dass Schamanen die Fähigkeit besitzen, üble Geister auch gegen die eigene Gruppe zu wenden. Der Ursprung von Unglück, Elend und Bedrückung wird manchmal auf den Schamanen geschoben. Die Rolle des Schamanen wird auf den Adepten projiziert und durch bestimmte Anzeichen sogar hervorgerufen. Beispielsweise durch ungewöhnliche Erscheinungen wie zusätzliche Knochen oder Zähne, nervöse Veranlagungen oder Homosexualität usw. Auch ihre Persönlichkeiten gelten als ambivalent. Einerseits können sie grosse Künstler sein, aber auch sehr unausgeglichen, extrem reizbar und sogar psychopathisch daherkommen. Die Schamanen selbst übernehmen ihre Aufgabe nie oder nur sehr selten freiwillig.

Die Schamanen sind Teil einer Deszendenzlinie. Dabei nimmt ein Ahnengeist eines Schamanenvorfahren Besitz von seinem Nachfahren. Dies kann einige Generationen überspringen oder auch gleich nachfolgend geschehen. Aber auch Menschen, die nicht von so einer Deszendenzlinie abstammen, können von einem schamanischen Ahnengeist in Besitz genommen werden. Gewöhnlich beginnt die Schamanenwerdung durch außergewöhnliche psychische oder physische Erscheinungen, z.B. Träume, Ohnmachten, Abmagerung, Konvulsionen etc. Danach kommen weitere Prozesse hinzu, dazu gehören die Inbesitznahme eigener Hilfsgeister, Erlernen des Umgangs mit der Geisterwelt, den Geboten, Rituale, Techniken, Folklore und Stammestraditionen.

Eine Initiation vollzieht sich häufig unter psychischen und physischen Qualen des werdenden Schamanen und durch längere Trance oder einen komaähnlichen Zustand. Die Weihe beinhaltet auch die Empfangnahme seiner Hilfsgeister und Paraphernalien.

Der Schamane erwirbt sich selbst Hilfsgeister zu seiner Verfügung. Diese werden physisch repräsentiert aus Holz, Filz, Fellen oder anderen Materialien. Diese physischen Objekte gelten als „Münder“ der Geister und werden gefüttert und zur Kommunikation benutzt. Auch hat er oft einen tierischen Hilfsgeist, der ihm erst erscheint, nachdem die Geister seiner Vorfahren ihm erschienen sind. Dieser tierische Hilfsgeist ist sein zentraler Hilfsgeist und kontrolliert die niederen Hilfsgeister. Der Schamane muss seine Hilfsgeister anlocken, füttern und hegen. Das Verhältnis ist mehr symbiotisch.

Die Paraphernalien sind weitere Hilfsmittel. Anders als die Hilfsgeister sind es oft physische Objekte. Oft sind Trommeln und Trommelstöcke solche Paraphernalien. Wobei die Trommeln das Schiff, mit dem der Schamanen den Schamanenfluss hinunterreist, und die Trommelstöcke das Padel symbolisieren. Andere Paraphernalien sind Schamanenstab, Metallrasseln, Schamanengewand und Kopf- oder Gesichtsbedeckung.

Die Ekstase ist zentraler Bestandteil des Schamanen. Sie muss beherrscht werden, da sie der Kommunikation und der Beherrschung der Hilfsgeister dient. Die Ekstase kann als mentaler Zustand der Introversion beschrieben werden, die durch künstliche Mittel hervorgerufen werden kann. Dabei gibt es ein Spektrum von leichter bis tiefer Trance mit Amnesie. Die Ekstase kann von zwei Seiten betrachtet werden: 1. Der Seelenflug des Schamanen. 2. Die gezielte Informationsextraktion durch Hilfsgeister. Die erste Art der Ekstase ist mit Opfer und weiteren Ritualen verbunden. Dabei sendet der Schamane seine Seele aus und verfällt in eine tiefe Trance, wobei seine Lebensfunktionen auf ein Minimum zurückfallen. Diese Art der Ekstase wird benötigt für komplizierte Heilungsrituale oder bei der Anrufung von grossen Geistern für die Divination oder die Abwehr von Epidemien. Die zweite Art der Ekstase beinhaltet das Herbeirufen seiner Hilfsgeister und deren Kontrolle. Dabei zuckt, schüttelt sich der Schamane und entwickelt besondere physische Kräfte. Dramaturgie spielt hier eine grosse Rolle. Oft wird die zweite Art mit Besessenheit in Verbindung gebracht.

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