Schamanismus und Neoschamanismus
Der Begriff «Schamanismus» kann in einem engeren und einem weiteren Sinn verwendet werden. Im engeren Sinn wird damit eine religiöse Praxis, die ihre Wurzeln in Sibirien hat, bezeichnet, auch klassischer oder sibirischer Schamanismus genannt. Im weiteren Sinn und allgemeinen Sprachgebrauch werden jedoch Praktiken weltweit, deren konstituierendes Element der Glaube an Geister ist, als schamanisch bezeichnet. Somit erweitert und verändert sich die Wahrnehmung des Konzeptes «Schamanismus» mit der Ausweitung des zu untersuchenden Gebiets.
Wie erwähnt, gibt es keine einheitlich anerkannte Definition vom Schamanismus. Die Definition, welche aus dem sibirischen Schamanismus herausgeleitet wurde, wird jedoch auch im Handbuch «Religion in Geschichte und Gegenwart» (2018) von Wassilios Klein gebraucht. Deswegen ist dieser Schamanismus-Gebrauch für ihn vor allem auf sibirische Jagdgesellschaften anwendbar und nur diese Art des Schamanismus sei Schamanismus. So würden Gemeinschaften auf Australien, Afrika und in der Antike keinen Schamanismus kennen. Dem würden natürlich die meisten Schamanismusforschern widersprechen. Zudem sind für Klein Schamanen auch nicht vergleichbar oder gleichzusetzten mit Heiler, Zauberer, Hexen oder Priester, da diese nicht alle Punkte der Definition erfüllen. Diese Vergleiche wurden in der Schamanismusforschung jedoch auch schon gestellt und diskutiert.
Die Definition von Schamanismus hat seit deren Erstellung anhand des Schamanismus der sibirischen Gemeinschaften als locus classicus einen Wandel durchgemacht. In der Religionsphänomenologie ist vor allem Mircea Eliades Definition wichtig. Dieser meint, dass im Schamanismus die archaische Ekstase zentral ist. In dieser vollziehe der Schamane eine Himmelsreise, überschreitet die profane Welt und komme unmittelbar mit dem Heiligen in Kontakt. Hierdurch vollziehe er eine Wiedervergegenwärtigung des mystischen illud tempus, in der alle Menschen mit dem Heiligen oder den Göttern verkehren könnten. Der Schamanismus wird dabei als Heilsweg verstanden. In der weiteren Theorie wird dann auch der Begriff der Besessenheit thematisiert. Die Besessenheit ist demnach nicht eine Ekstase als Himmelsreise, sondern eine Ekstase als Reise in die Unterwelt.
Historisch kommt die Definition des sibirischen Schamanismus aus der kulturellen Evolutionstheorie. Doch diese Ansicht wird heutzutage kaum mehr vertreten. Die heutige Definition beinhaltet scheinbare allgemeinere Übereinstimmungen: Also Ekstase, Bessessenheit, Initiationserlebnisse, Himmelsreisen im Zustand der Trance und Ekstase, Seelenflug und Seelenverlust, Feuerkult, Magie und Zauberei, Heilung und Divination usw. Somit wird der Begriff Schamanismus relativ lose verwendet. So lose sogar, dass der Begriff Schamanismus laut Lévi Strauss auch auf unsere Gesellschaft zugesprochen werden kann, und zwar im Sinne eines Psychoanalytikers.
Klaus Hesse, der den Eintrag zum Schamanismus im «Handbuch für religionswissenschaftliche Grundbegriffe» (2001) geschrieben hat, bestimmt einige allgemeine Züge, die als charakteristisch für Schamanen und den Schamanismus im weiteren Sinn gelten könnten.
- Das Weltbild beinhaltete eine von Geistern belebte übernatürliche Ordnung.
- Der/die Schaman/-in hat eigene Hilfsgeister zur Verfügung.
- Der/die Schaman/-in ist eine charismatische Persönlichkeit, welche/-r als Mittler zwischen der Gemeinschaft und der übernatürlichen Welt agiert. Das beinhaltet Heilung von Krankheiten, Versicherung von Segen und Schutz, Divination, Seelenführung usw.
- Die schamanische Ekstase beinhaltet Botschaften, Dramaturgie und therapeutische Fähigkeiten.
Der klassische/sibirische Schamanismus wurde im 17. Jahrhundert das erste Mal als religiöse Praxis in Sibirien beobachtet und schriftlich dokumentiert. Da er nicht auf schriftlichen Quellen, sondern religiösen Ritualen und Praktiken basiert, ist wenig über die Geschichte bekannt. Durch die Verbrennungen im 17. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung, und insbesondere durch die Verfolgung des Schamanismus infolge der kommunistischen Oktoberrevolution in der Sowjetunion, konnten nur sehr wenige Gruppierungen der ursprünglichen Schamanenkultur bis heute überdauern. Vieles was in der Wissenschaft bekannt ist, stammt somit noch aus ethnologischen Untersuchungen aus dem 17. Jahrhundert und ist stark umstritten.
Die schamanische Kosmologie ist dualistisch und besteht aus einer profanen, diesseitigen Welt und einer sakralen jenseitigen, welche den Geistern und Ahnen gehört. Der klassische Schamanismus ist animistisch und geht daher davon aus, dass alle Dinge auf der Welt eine oder sogar mehrere Seelen besitzen. Die Geister des Jenseits können – meist via einer axis mundi (Weltachse, Verbindung zwischen Jenseits und Diesseits) – zwischen den beiden Welten reisen. Der Mensch hat eine Verantwortung gegenüber dem Gesamtsystem. Krankheiten und schlechte Ereignisse werden als Nichteinhaltung der Regeln und der darauf führenden Störung der Harmonie interpretiert. Diese muss danach wieder «geheilt» werden.
Die Ekstase oder Trance kann als geänderter Bewusstseinszustand verstanden werden, welcher mithilfe von Trommeln und Kleidung mit komplexer Symbolik, in der sich Hilfsgeister befinden können, erreicht wird. Dieses Ritual ist Initiierten Schamanen und Schamaninnen vorbehalten. Durch die Ekstase kann die axis mundi überquert werden, sodass in das Jenseits gereist wird. So kann die gestörte Harmonie der Welt, die beispielsweise durch Krankheit im Diesseits ersichtlich wird, wiederhergestellt werden. Zudem werden Seelen verstorbener auf diese Art ins Jenseits übergeführt. So funktionieren Schamanen und Schamaninnen als Vermittler zwischen Hilfesuchenden und den Geistern.
Der klassische Schamanismus kam in der Vergangenheit, sowie in der Gegenwart in erster Linie in Jäger- und Hirtenvölkern vor. Somit gehören zu den zentralen schamanischen Aktivitäten die Kriegs- und Jagdzauberei, die das Glück in diesen Bereichen erhöhen soll.
Die Verbreitung des klassischen Schamanismus verändert sich je nach Definition. Nordeurasien, als Ausgangspunkt der Theoriebildung, gehört sicherlich dazu. Weitere Verbreitungsgebiete sind die Arktis, Nordchina, Tibet, Korea, Nepal und Nord- und Südamerika.
Seit den 1960er Jahren besteht in westlichen Gesellschaften eine zunehmende Anziehungskraft des Schamanismus. Populäres Interesse an Ansichten und Wahrnehmungen, die sich im Zuge älterer Diskussionen herausgebildet haben, vermischen sich dabei mit neueren Ansichten, da viele der bisherigen nicht mehr für angemessen gehalten werden. Somit entsteht ein Synkretismus, der kein einheitliches Feld darstellt, sondern von verschiedenen Kulturen und Bewegungen geprägt ist. Die Grenzen dieser heterogenen Spanne an neoschamanischen Traditionen sind fliessend. Neoschamanismus ist anders als der traditionelle Schamanismus ein sehr individualisierter Prozess, wobei das Individuum seine eigene Entwicklung einstudiert.
Der Neoschamanismus ist geprägt von der, im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmenden, Individualisierung. So ist jeder Mensch in der Lage neoschamanische Rituale durchzuführen, welche in vielen Fällen zur eigenen Selbstverwirklichung und Selbsthilfe eingesetzt werden.
Ziel neoschamanischer Rituale und Praktiken ist oftmals die Flucht vor dem Alltag. So soll durch einen geänderten Bewusstseinszustand mit einer Parallelwelt in Kontakt getreten werden, in welcher sich Geister aufhalten. Diese haben meist einen persönlichen Bezug zum Individuum und können so Entscheidungshilfen darstellen.
Ein weiteres Ziel neoschamanischer Rituale ist die Heilung. Krankheit wird als Ausdruck eines (seelischen) Ungleichgewichts verstanden, sodass verloren gegangene Seelenanteile wieder zurückgebracht werden müssen, um das ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Der schamanischen Heilkunde wird von Anhängern und Anhängerinnen eine Ganzheitlichkeit zugeschrieben, die, laut diesen, in der modernen (Schul-)Medizin nicht mehr gefunden werden kann.
Der Core-Schamanismus bildet gewissermassen die Grundlage des Neoschamanismus. Er wurde vom US-Amerikanischen Anthropologen Michael Harner (1929-2018) in den 1980er Jahren begründet. In der, ebenfalls von Harner gegründeten, Foundation for Shamanic Studies (FSS) werden auch heute noch in den USA und Europa etliche Ausbildungen im Bereich des Core-Schamanismus besucht.
Der Core-Schamanismus basiert nicht auf einer bestimmten Ethnie, sondern betont die Universalität seiner Lehre. Schamanische Methoden, so Harner, sind über die verschiedenen Kontinente hinweg sehr ähnlich. Durch diese grundsätzliche Übereinstimmung kann von einer universalen Urreligion, in der Form des Schamanismus, ausgegangen werden. Dieser ursprüngliche Schamanismus habe auch in Europa existiert, sei aber durch die unterdrückerische Vorherrschaft der Religionen verloren gegangen. Der Core-Schamanismus will auf diese Urreligion zurückgreifen, sodass sie auch von der westlichen Bevölkerung wieder erlernt und ausgeübt werden kann.
Dabei wird vor allem die Reise in die nicht-alltägliche Wirklichkeit durch den veränderten Bewusstseinszustand gelehrt. Der Core-Schamanismus soll von jeder Person erlernbar sein. Die Praktiken und Methoden sind daher klar, anwendbar und effizient.
Einige Punkte werden am Neoschamanismus kritisiert. So unterscheiden sich Neoschamanen von den traditionellen Schamanen in der Zeit der Ausbildung. Während man sich als Neoschamane die Praktiken in relativ kurzer Zeit aneignen kann, war dies bei traditionellen Schamanen mit viel Zeit und Leiden verbunden. Neoschamanische Weisheiten stammen dabei meist aus fremden Kulturen, welche so an westliches Denken angepasst wird, dass es Interessierte anzieht.
Im Neoschamanismus findet eine Romantisierung von Schamanen mit nostalgischen Bildern derer als nicht von dieser Welt und nicht belastet von weltlichen Problemen wie Klasse oder Rassismus. Es wird kritisiert, weil es sich Praktiken von Indigenen aneignet, ohne eine Beziehung zu den Indigenen zu pflegen. Kritisiert wird damit auch der eurozentrische Blick auf schamanische Traditionen. In Verbindung mit esoterischen Lehren wurden meist eher die Wünsche des westlichen Publikums beachtet, als das traditionelle Wissen. Dabei gehen oft auch lokale Eigenheiten verloren, wie das Piotr Sobkowiak, Religionswissenschaftler der Universität Bern erklärt.
Hier spielt auch die kulturelle Aneignung eine Rolle. Schamane ist kein geschützter Titel. Dennoch verzichten die meisten Anbietenden aus Respekt vor den indigenen Kulturen auf diesen Titel. Dennoch wird oft versucht, die Rituale so zu wiederholen, wie sie in lokalen Kontexten vorgenommen werden. Dabei werden die Rollen im Westen vermischt. Denn gemäss das Piotr Sobkowiak arbeiten in indigenen Kontexten nur Schamanen mit den Geistern, während dies im Westen die Anbietenden übernehmen. Im Neoschamanismus werden indigene Praktiken reduziert auf psychologische Elemente oft ohne veränderte Bewusstseinszustände, ohne soziohistorische oder politisch-kulturelle Kontexte mitzunehmen. Dabei werden soziale, geschlechter-, race- und Klassenunterschiede weicher gemacht. Anstatt sich mit Menschen zu verbinden, welche mit der Geisterwelt Kontakt aufnehmen, nehmen Neoschamanen direkt Kontakt mit der Geisterwelt auf, was zeigt, dass sie eine exklusive weisse Gemeinschaft kreieren, anstatt sich mit den Indigenen auseinanderzusetzen.
Stark kritisiert wird der sogenannte Pseudo-Schamanismus, bei dem die Kommerzialisierung im Fokus steht. Deren Vertreter bedienen sich der Terminologien und Symbolen der traditionellen Schamanen. Einige nordamerikanische Medizinleute kritisieren solchen modernen Schamanen, da man kein Geld annehmen oder verlangen dürfe. Zudem wird auch die Durchführung von traditionellen Ritualen durch selbsternannte Medizinleute kritisiert.
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