Auf dem Smaranaa Festival 2026 – Erdgitternetz und die Wahrheit hinter dem System

Die Dame im weissen Kleid lächelt. Wie Schnee fallen ihre offenen Haare um ihr Gesicht. Sie könnte Frau Holle spielen, denn in ihren Augen sehen viele eine geheime Weisheit. Sie hält die Hände einer weinenden Frau. «Etwas Wunderbares wird geschehen», sagt sie ruhig, wie mit kosmischer Gewissheit. Ihr Gegenüber schluchzt ein «Danke» und setzt sich wieder an ihren Platz. In der Schlange hinter ihr warten noch 30 Leute auf ihre «Energieübertragung». Monika Cardinal, bekannt durch ihren YouTube-Kanal Smaranaa, überbrückt so die Verzögerung am Morgen des ersten Festivaltages, bedingt durch technische Probleme.

Eine interessante Kooperation

Kirchheim in Hessen ist einer von vielen kleinen Ferienorten. Mittig in Deutschland liegt die Gemeinde mit einem kleinen See, gerade gross genug für eine Wasserskianlage. Die Ferienhäuser reihen sich auf den Hügeln drumherum. Als würden sie alle das Geschehen beobachten. Denn was dem See die Show stiehlt, ist der riesige Tempel und Ashram Sri Vitthal Dham von Bhakti Marga. Von Weitem sieht er wie eine gewöhnliche Hotelanlage aus. Erst nahe fallen die Wandmalereien hinduistischer Gottheiten und Blumenketten auf. Doch nicht für Bhakti Marga sind die Parkplätze vollgestellt mit Autos aus ganz D-A-CH. Einmal jährlich findet in ihrer Eventhalle nämlich das «Smaranaa-Festival» statt. Dieses Jahr mit dem Thema «Erdgitternetz und die Wahrheit hinter dem System». Unter dem Begriff «Erdgitternetz» ist die esoterische Vorstellung zu verstehen, dass die Erde von energetischen Linien umspannt ist, die durch «Lichtarbeiter» aktiviert werden müssen. Ziel ist es dabei, das Bewusstsein der Menschheit zu erhöhen.

Der YouTube-Kanal «Smaranaa» hat aktuell ungefähr 109.000 Abonnierte. Inhaltlich scheinen die Ideen, die Monika Cardinal dort verbreitet, typisch für die Szene der New-Age-Spirituellen Verschwörungstheoretiker zu sein. Inhalte wie Manifestation, Esoterik, Channeling und Lichtarbeit treffen dort auf Theorien über Atlantis, die Corona-Pandemie und das Weltgeschehen. Das Festival am 20. und 21. Juni 2026 sei speziell für Personen, «die sich für Themen wie Bewusstsein, kosmische Zusammenhänge und die tiefere Natur der Realität interessieren. Für Menschen, die bewusst hinter den Schleier schauen möchten und keine „JA“-Sager sind.»

Der Festivalort bedarf zudem einer genaueren Einordnung. Im Jahr 2005 wurde die neuere, aus dem Hinduismus stammende, religiöse Bewegung Bhakti Marga von Paramahamsa Sri Swami Vishwananda gegründet. Die Gemeinschaft hatte nach eigenen Angaben Ende 2022 10.000 Anhängende und Ashrams in mehreren Ländern. Bhakti Marga gehört unter den neohinduistischen Gemeinschaften zu den umstrittensten. So berichten Ehemalige von massiver Guruverehrung, Konformitätsdruck und auch von sexuellen Avancen des Gurus Vishwananda gegenüber jungen Schülern. Aus Sicht von Relinfo ist jede sexuelle Beziehung zwischen spirituellen Meistern und ihren Anhängern missbräuchlich, da das Autoritätsgefälle keine wirklich freie Entscheidung für oder gegen die sexuellen Annäherungen der Meistergestalt zulassen. Zudem unterschreiben die Bhakti-Marga-Devotees eine ausführliche Erklärung, in welcher sie Gehorsam gegenüber Vishwananda und Exklusivität gegenüber seinen Lehren versprechen. Mehrere Publikationen von Medienhäusern bezeichnen Bhakti Marga offen als Sekte. Darüber hinaus ist es nicht das erste Mal, dass sie ihre Räumlichkeiten einem Event mit verschwörungstheoretischen Inhalten zur Verfügung stellen.

Tag Eins: Energiearbeit

Um 10 Uhr beginnt das Festival in der kahlen Eventhalle des Ashrams. Im Eingangsbereich stehen Bierzeltganituren und einige Pavillons. Dahinter neun Stuhlreihen und die Bühne. Platz wäre für schätzungsweise 150 Personen. Es sind jedoch nur drei Viertel der Plätze besetzt. Bis auf die spartanische Dekoration, das Smaranaa-Banner über der Bühne und ein KI-generiertes Engelvideo auf der Projektionsfläche deutet nichts auf ein esoterisches Event hin. Am Eingang erhielt jeder Teilnehmende ein Papierbändchen. Die Farbe dessen sagt aus, welche Art von Ticket die Person gekauft hat. Von denen gibt es verschiedene Preisklassen: Eintritt an beiden Tagen und Mittagessen für 199 Euro war ursprünglich die günstigste Option. Für 699 Euro hätte es zusätzlich eine energetische Vorbereitung, eine Goodie-Bag und persönliche Zeit mit Monika Cardinal gegeben. Kurzfristig vor dem Event wurde eine Option für 77 Euro hinzugefügt, die ebenfalls Eintritt an beiden Tagen gewährt, bloss ohne Mittagessen. Durch die Bändchen ist auch für alle erkennbar, wer wie viel für die Tickets bezahlt hat.

Aufgrund der technischen Probleme startet das Festival offiziell erst um 10:40 Uhr. Das Mikrofon funktioniert jedoch schon und so erzählt Monika Cardinal: Wir seien hier eine schöne, auserwählte Gruppe an Seelen, die heute durch ein Tor gehen würde. Auch würden wir nur die Informationen aus dem Festival wahrnehmen, die für uns persönlich wichtig sind. Sie fügt noch humorvoll hinzu: Das Gewitter in der vergangenen Nacht sei typisch und würde jedes Jahr vor dem Kongress auftreten, um die Luft für uns zu reinigen. Sie ergreift plötzlich die Hände einer Frau in der ersten Reihe und ruft, wer Energie wolle, sollte nach vorne kommen. Die Zuschauerschaft freut sich über das Angebot und schnell bildet sich eine lange Schlange. So wurde die Verzögerung spontan überbrückt. Eine Frau, die in meiner Nähe sitzt, wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht: «Ich finde das so wunderbar, dass sie (Monika Cardinal) das macht». Sie scheint mit ihrem Partner hier zu sein, wie viele andere auch. Im Publikum befinden sich deutlich mehr Frauen als Männer. Fast alle hier sind über 50 Jahre alt und gekleidet in bunt oder weiss. Es herrscht eine besinnliche und gelassene Stimmung. Nur ein Pärchen vor mir regt sich über die Ticketpreise auf.

Endlich kommt eine Frau namens Marlene Vogel auf die Bühne. Sie ist Yoga- und Ayurveda-Beraterin und hat einen eigenen Pavillon in der Halle. Im Laufe des Tages wird sie immer wieder Mantras singen und auf dem Harmonium spielen. Sie eröffnet den Tag mit dem Mantra «Ra Ma Da Sa Sa Se So Hung», was laut ihr der Herzöffnung dienen soll. Anschliessend erklärt Cardinal, dass dieses persönliche Zusammenkommen wichtig sei. Da dieses Wochenende die Sommersonnenwende stattfindet und sich ein Tor in ein neues Zeitalter öffnet, hätten wir einen leichteren Zugriff zum Universum als sonst. Sie eröffnet uns nun auch das Festivalprogramm, was bis jetzt noch nirgendwo zu finden war: Am Samstag würden wir hauptsächlich energetisch arbeiten und Sonntag Gastvorträge hören.

Meditationen nach Smaranaa

Monika Cardinal sprüht sich mit dem eigens entwickelten «888»-Energiespray ein und ruhige Musik ertönt. Um uns zu «reinigen und aktivieren» würde sie nun Erzengel Michael channeln. Das Publikum ist währenddessen angehalten, sich in einen meditativen Zustand zu begeben und anleiten zu lassen. Sie beginnt, aus der Perspektive des Engels zu sprechen. In dem Augenblick fährt draussen ein Krankenwagen mit lauten Sirenen vorbei. «Hör mich in deinem Herzen, in der Dimension der Liebe. Dort möchte ich dir begegnen. Mit jedem Wort, was ich spreche steigt die Energie an. So wie es für dich richtig ist.» Cardinal spricht die Anweisungen genau passend zur meditativen Musik. Sie hält eine optimale Balance aus Wort und Pause ein.

Wenn hier von «ansteigender Energie» gesprochen wird, ist es wichtig zu wissen: Die esoterische Szene um Smaranaa vertritt den Glauben, dass die Menschheit auf dem Weg ist von der dritten in die fünfte Dimension aufzusteigen. In ihrem Weltbild ist alles «Energie» und je höher diese Energie schwingt, desto höher die Dimension, auf der man sich befindet. Und desto näher ist man der «Quelle», wie die schöpfende Instanz häufig genannt wird.

Jede Meditation des heutigen Tages weist ein ähnliches Muster auf. Grundsätzlich sind sie klar von der weit verbreiteten buddhistischen Meditationspraxis zu unterscheiden und mehr als Gedankenreise zu verstehen. Das Ziel ist nicht primär wertfreie Beobachtung oder Einsicht. Vielmehr geht es hier darum, sich mit dem höheren Selbst, einem geistigen Wesen oder Quelle zu verbinden oder Energiearbeit zu leisten. Dazu wird häufig visualisiert und Anleitung gegeben. Die Konzentration auf den Atem wird meist nur zum Einstieg benutzt, um in einen Zustand der Ruhe zu gelangen. Gefühle, mentale Bilder oder körperliche Wahrnehmungen, die währenddessen auftreten, gelten als interpretierbare Zeichen. Ein typischer Ablauf für solche geführte Meditationen ist:

  1. Einstieg durch Konzentration auf den Atem/den physischen Körper.
  2. Gegebenenfalls Vorstellung selbst an einem schönen/energetischen Ort zu sein (z.B. Natur, aber auch Abstrakteres wie die Oberfläche der Sonne).
  3. Visualisierung oder mentales Herbeirufen des Wesens oder der Energie, die man um Hilfe bittet. Dies kann auch das höhere Selbst oder einfach «das Universum» sein.
  4. Schilderung/Visualisierung dessen, was man erreichen/lösen möchte. Alternativ könnte hier auch nach einer Botschaft gefragt werden, die dann durch spontane Eingebung oder aufkommende Gefühle empfangen werden soll.
  5. Baden/sich auffüllen mit positiver Energie/Liebe.
  6. Dankbarkeit beim Universum, höheren Selbst oder dem Lichtwesen, welches man um Hilfe gebeten hat.

Cardinal verwendet leicht verständliche Sprache und abstrakte Bilder wie «Licht strömt durch dein Kronenchakra». Jede Meditation dauert ungefähr eine halbe Stunde. Nach dem Channeling mit Erzengel Michael fragt Cardinal das Technikpersonal nach der Zeit. Die Antwort ist «11:11 Uhr». Die Halle bricht in Gelächter aus. Diese Nummer auf der Uhr zu sehen, gilt in der Esoterik häufig als gutes Zeichen, da es sich dabei um eine Engelszahl handelt.

Aktivierung des Herzmagnetfeldes

Nachfolgend soll das «Herzmagnetfeld» aller Anwesenden aktiviert werden. Cardinal erklärt, bei dieser Meditation könnten Wünsche erfüllt werden. Sie behauptet, die Sehkraft einer Frau hätte sich nach dieser Übung auf einem anderen Event verbessert. Diese Aussage wirft eine Frage auf, da Cardinal selbst eine Brille trägt. Doch diesen Widerspruch erklärt sie sofort: Sie tue einfach mehr für andere als für sich selbst. Sie warnt uns jedoch, nicht zu viel Druck oder Erwartungen aufzubauen, denn dies würde unsere Energie nur blockieren. Diese Übung sei ausserdem auch für Anfänger geeignet, denn sie würde einfach in uns «aktivieren», was wir dafür bräuchten.

Cardinal sprüht das eigens entwickelte «Venus-Energiespray» über ihren Kopf. Wir werden angehalten das Licht der Liebe einzuatmen, es durch unser Kronenchakra zu lassen und zu fühlen. Hier wird das Thema des Festivals «Erdgitternetz» aufgegriffen. Alle Knotenpunkte im Erdgitternetz seien jeweils ein Lichtarbeiter und so würden sie ein Netz von positiver Energie über den ganzen Planeten spannen. An einem Punkt in der Meditation werden wir aufgerufen, einen Lichtstrahl in unsere Fingerkuppen zu lenken, um die «Energiezellen» dort zu aktivieren. Damit sollen wir uns nun selbst vor die Augen kreisen und sie damit heilen. Am Ende erklärt sie noch, dass wir durch diese Aktivierung unserer Fingerkuppen nun auch Schmerzen aus anderen Körperteilen «rausziehen» könnten. In der Öffentlichkeit oder bei körperlichen Einschränkungen könnten wir unsere Finger auch einfach visualisieren.

Kurze Werbepause

Cardinal kündigt an, Anfang September gäbe es ein Retreat über vier Tage mit individueller Betreuung. Auch empfiehlt sie uns die Kupferarmbänder hier im Smaranaa-Shop-Pavillon. Sie würden den Körper entgiften und seien gut für die Gelenke. Besonders seien auch die hier erhältlichen und eigens entwickelten Aura-Sprays. Diese hat Cardinal auch gerade vor den Meditationen benutzt. Ihre Essenz würde sich der persönlichen spirituellen Entwicklung des Besitzers anpassen und Meditation erleichtern. Sie beantwortet auch gleich die Frage, warum jemand wie sie so ein Spray überhaupt noch brauchen würde. «Ich bin einfach manchmal faul.» Die Sprays «Venusenergie» und «888» werden zum Probieren durch die Reihen gereicht. Beide riechen sanft nach Rose und deutlich milder als ein konventionelles Parfüm. Cardinal erinnert uns noch daran, dass jeder in der Pause eine Karte im Smaranaa-Shop ziehen sollte. Die Produkte dort seien auf dem Festival auch günstiger als sonst im Onlineshop als «Dankeschön» an uns.

Lange Mittagspause

Es ist nun fast zwölf Uhr und eine zweistündige Mittagspause wird angekündigt. Abgesehen vom Essen in der Kantine von Bhakti Marga gibt es nicht viel zu tun. Ich schaue mir deswegen die Pavillons im Eingangsbereich genauer an. In einem wirbt Marlene Vogel für sich. In den anderen werden Massagen, eine Analyse der Augenfarbe und Duftöle angeboten. Ein Stand mit der Aufschrift «Nirmala Yoga Stiftung» erweckt namentlich den Eindruck, als würde eine grosse Organisation dahinterstecken. Ihren Followerzahlen auf Social Media nach wirkt dem allerdings nicht so.

Ich stelle mich in die Schlange zum Karten ziehen im grösseren Zelt mit dem Smaranaa-Shop. Auch hier sieht es bis auf die bunten Produkte eher kahl aus. Aus einer Schale ziehe ich meine persönliche Karte für das Festival. Sie hat die Nummer sechs und auf ihr steht: «Wenn du dich selbst mit Liebe annimmst, verändert sich alles. Du bist wertvoll. Genau so, wie du bist. Deine Liebe zu dir selbst ist der Schlüssel zu innerem Frieden, Heilung und echter Freude.» Eine universelle Aussage, über die jeder Mensch sich freuen kann.

Ich werfe einen Blick auf die angebotenen Produkte. Auf einem grossen Tisch liegen «energetisierte Mantras» in verschiedenen Farben aus. Sie sind auf stabiles Papier gedruckt. Ein kleines kostet fünf, ein grosses zehn Euro. Den Mandalas werden unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben wie «Lösen von Suchtverhalten oder Rauchen». Bei näherem Betrachten des Mandalas «Plejaden Siegel» fällt auf: Es sieht nur aus der Ferne komplex aus und hat sehr viele Asymmetrien. Das könnte dafürsprechen, dass es mit KI generiert wurde. Fairerweise sei gesagt, die Mandalas werden nicht als «handgemacht» oder «selbstgezeichnet» beworben. Besonders viel Auswahl gibt es bei den vorher beworbenen Aura-Sprays. Einige sind nach Alien-Arten benannt, eins heisst einfach «Jesus». Die reduzierten Preise sind 35 Euro für eine kleine Flasche (gross 55 Euro) im Unterschied zu online 39 Euro (gross 59 Euro).

Durch das Tor

Das Nachmittagsprogramm beginnt mit einem Mantra zum «Einschwingen». Anschliessend sollen sich alle in sieben Gruppen aufteilen, nach der Nummer, die auf der eigenen gezogenen Karte steht. In diesen Gruppen sollen wir nun für die nächste Meditation in der Hitze stehen bleiben. Einigen Älteren fällt das nicht leicht. Die Aufteilung in Gruppen fungiert hier als Personalisierung. Die Gruppenmitglieder strahlen sich gegenseitig an. Zu diskutieren, weshalb ausgerechnet sie alle die gleiche Karte gezogen hatten, wäre sicherlich interessant gewesen. Doch dazu kommen wir gar nicht, denn Cardinal beginnt die Meditation. Im Stehen sollen wir unsere Augen schliessen und die Verbindung unserer Füsse zum Boden spüren. Die ähnlich generischen Sprüche von den Karten jeder Gruppe werden während der Meditation verlesen. Im Gegensatz zu meiner Karte über Selbstliebe hat Gruppe Eins beispielsweise «Herzaktivierung – Dein Herz sendet Heilung in das Gitternetz der Erde.» Cardinal spricht eine kleine Meditation für jede Gruppe einzeln, bei welcher alle anderen auch stehen bleiben müssen, und behauptet am Ende die Kraft aller sieben zusammengebracht zu haben. Mit dieser Energie sollen wir zurück auf unsere Plätze gehen, denn sofort im Anschluss sei eine «noch tiefere» Meditation geplant. Einige weinen dabei. 

Fast ohne Unterbrechung geht es weiter: Wir werden aufgefordert, uns vorzustellen, wie unsere Seele Flügel bekommt und wir auf eine höhere Bewusstseinsebene steigen. Cardinal verkündet, dass nun das erste Tor der Sommersonnenwende vor uns erscheine. Wenn wir es durchschreiten, würde «alles Alte» von uns abfallen. Sie ruft erneut Erzengel Michael zur Unterstützung herbei. Wenn wir uns etwas wünschen, sollen wir es uns jetzt vorstellen, um es zu manifestieren. Cardinal spricht ruhig: «Die Energie deiner Urmatrix kommt zu dir zurück. So hast du alles hinter dir gelassen, was schwer ist.» Als wir gebeten werden aus dieser Meditation wieder zu erwachsen, meldet sich eine alte Dame in der ersten Reihe und ruft: «Ich möchte dir danken im Namen aller!» Und die Halle bricht aus in Applaus.

Cola aus dem Bhakti Marga «Strandcafé»

Das Strandcafé von Bhakti Marga liegt nicht am Strand, sondern am Asphalt, der an das Ufer des flachen Sees reicht. Ich stelle mich drinnen in die lange Schlange vorm Tresen, denn nur eine Stunde nach der Mittagspause ist nochmal eine Stunde Pause. Das Café ist ästhetisch eingerichtet und in milden, hellen Farben gehalten. Es ist voller Festivalbesucher und ein paar wenigen Touristen. Die Auswahl an Kaffee, Kuchen und gekühlten Getränken ist gross. Und es ist auch für jeden etwas dabei, nicht nur, weil sich die Mitglieder von Bhakti Marga grundsätzlich vegetarisch ernähren. Es gibt vegane, glutenfreie, koffeinfreie, zuckerfreie und sogar sojafreie Optionen. Bestellung und Bezahlung laufen mechanisch schnell ab. Auch kleinste Beträge können mit Karte bezahlt werden, was man in einem so kleinen Ort in Deutschland nicht unbedingt erwarten kann. Eine Frau mit Festivalbändchen sagt beim Bezahlen gelassen zu einer Devotee «Danke, bei euch ist es immer so frisch und so lecker. Ihr macht so wichtige Arbeit.» Die Devotee murmelt nur «Mmh-Mmh». Wie ihre Kollegen ist sie höflich und ruhig, aber nicht herzlich. Im Gegensatz zu den euphorischen Festivalbesuchern strahlen sie eine Art Leere aus. Ich kaufe mir eine Green Cola, zuckerfrei doch nicht mit chemischen Süssungsmitteln, sondern Stevia.

Mit meiner Cola entdecke ich draussen unter Bäumen ein Pärchen und eine Frau vom Festival, die sich unterhalten. Sie lächeln mir zu und ich setze mich zu ihnen. Andere, die auch ohne Begleitung auf dem Event sind, scheinen das gesehen zu haben und kommen auch dazu. So entsteht eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Sie sprechen viel über die Schönheit der Natur hier und an anderen Orten, wo sie in letzter Zeit waren. Alle stammen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Es wird festgestellt, dass weniger Menschen als im Vorjahr auf dem Festival sind, doch die Energie dafür dieses Jahr «stärker» wäre. Ein Mann hat dabei Tränen in den Augen: «Wenn man sich öffnet, bekommt man einfach so viel zurück».

Eine Frau setzt sich direkt neben mich. Enthusiastisch erzählt sie mir, sie würde die Energie der Plejaden bei mir sehen. Doch das wisse ich bestimmt schon. Zur Erklärung: Cardinal hat nicht nur ein Buch geschrieben, in dem sie die Plejaden gechannelt hat. Die Sterngruppe gilt in der zeitgenössischen Esoterik oft als hochentwickelte Spezies Aliens, die der Menschheit helfen. Bildlich dargestellt werden sie fast immer als blonde, blauäugige, junge und attraktive humanoide Wesen mit weisser Hautfarbe. Ich bitte die Frau neben mir, genauer zu erklären, wie sie das mit dem Energie sehen meint. Sie würde diese Energie einfach stark bei mir wahrnehmen und geht nicht weiter darauf ein. Ich frage auch, wie sie auf das Smaranaa-Festival gestossen ist. Sie sei selbst Energieheilerin und habe vor einer Weile begonnen mit «Monika» zu arbeiten. Das ist nicht das erste Mal, dass ich mitkriege, wie Cardinal von ihrem Publikum einfach mit Vornamen angesprochen wird. Doch seien sie keine Kolleginnen im herkömmlichen Sinne, sondern «Seelenschwestern», die energetisch zusammenarbeiten. Soweit ich verstanden habe, haben die beiden noch nie «in diesem Leben» miteinander gesprochen. Aufgrund meiner Plejaden-Energie empfiehlt sie mir ein Kartenset eines anderen Mediums namens Pavlina Klemm. Bei einem Problem «mit einem Jungen oder so» sollte ich einfach eine Karte davon mit der linken Hand ziehen und das darauf abgebildete Symbol auf meinen Körper zeichnen. Aufgrund der starken Energie zurzeit, würde das allein als Hilfe schon vollkommen ausreichen. Auf mich hat es so gewirkt, als würde sie das aufrichtig gut meinen. Wir begeben uns zurück zur Eventhalle und die Energieheilerin fügt noch erleichtert hinzu: «Zum Glück sind die Pausen so lang.» Die energetische Arbeit sei nämlich enorm anstrengend.

Durch noch ein Tor

Um 16 Uhr geht es weiter. Cardinal beginnt mit dem Hinweis, dass das «Plejaden-Salz» nun auch wieder vorrätig wäre. Dieses energetisierte Salz könnte man verwenden wie Kochsalz. Danach folgt noch eine weitere Meditation zur «Verjüngung und Zell-Regeneration». Sie läuft ähnlich ab wie die vorigen. Daher möchte ich hier einmal genauer auf die Wortwahl von Cardinal eingehen. Ein interessanter Satz aus dieser Meditation lautete: «Es sind die Strömungen deiner Seele, die deinen inneren Heiler jetzt ruft.» Bei genauerem Lesen dieses Satzes kommen Fragen auf. Wieso rufen «die Strömungen einer Seele» und nicht einfach die Seele an sich? Was sollen die Strömungen einer Seele sein? Warum muss der Heiler gerufen werden, wenn er doch in unserem Inneren sein soll, wie seine Bezeichnung andeutet? Diese und viele andere Formulierungen des heutigen Festivaltages klingen spirituell ohne eine tatsächliche Aussage zu haben. Ein weiteres Zitat aus dieser Meditation lautet: «Alles ist möglich. Wenn du möchtest, kannst du jetzt Grenzen überstreiten. Das wird heute für dich geschehen. Diese Möglichkeit wird sich ergeben.» Abgesehen von der inhaltlichen Doppelung ist hier noch das Detail «Wenn du möchtest» bemerkenswert. Wie ein Refrain wurde im Laufe des Tages bereits mehrmals betont, dass diese Meditationen einen so weit bringen werden, wie es individuell «richtig ist». Cardinal ist so in der Lage von Verantwortung zurückzutreten. Wenn ein Besucher das Gefühl haben sollte, dass die Meditationen bei ihr oder ihm nicht gewirkt hätten, war diese Person «einfach noch nicht bereit».

In der Meditation werden wir nun angeleitet, durch das «Tor der 888» zu gehen. Diese Zahl wurde gewählt, da die Quersumme vom 26.06.2026 drei Achten sein kann. Erneut sollen wir uns verbinden mit unserem Knotenpunkt im Erdgitternetz. Die zwei Personen, die im Smaranaa-Shop Zelt arbeiten und dort auch während des ganzen Programms sitzen, tuscheln und lachen dabei. Eine Frau hat mit ihren «Heilfingern», die wir jetzt auch benutzen sollen, heute schon mehrmals eine ziehende Bewegung neben ihren Ohren gemacht. Ich frage mich, ob sie Schmerzen hat. Sie applaudiert am Schluss trotzdem.

Fazit des ersten Festivaltages

Es wurde immer wieder betont, wie viel harte Arbeit wir am heutigen Tag für unsere persönliche Entwicklung und die des Planeten geleistet hätten. Von aussen gesehen sassen heute einfach hunderte Menschen in einem Dorf irgendwo in Deutschland still in einer leeren Halle. Es gab keine Reflektion, Kompromisse, tiefere Analyse, neue Erfahrungen. Natürlich ist Meditation erwiesenermassen für viele Menschen ein hilfreiches Werkzeug. Der Unterschied ist, dass herkömmliche Meditationstechniken nicht behaupten «die Welt zu retten». Dieses Event ist für die Teilnehmenden keine schöne Entspannung vom Alltag. Ihnen wird eine Transformation versprochen, die sich nicht nachweisen lässt. Für ein Event, was einen ganzen Tag lang gehen sollte, war die Programmzeit ohne Pausen nur dreieinhalb Stunden lang. Cardinal betont im Laufe des Festivals wiederholt, wie subjektiv die Wahrnehmung von jedem sei. Sowohl in der Meditation als auch bei neuen Informationen in Vorträgen. Und dies «soll so sein», da wir alle auf unterschiedlichen Wegen sind. Da das Manifestieren in seiner höchsten Ausprägungsstufe zu Cardinals Glauben gehört, kann jede Uneinigkeit darauf geschoben werden. Während Manifestation normalerweise als Werkzeug zur Wunscherfüllung vermarktet wird, ist mit höchster Ausprägungsstufe hier gemeint: Jeder manifestiert seine eigene Realität und übernimmt damit die volle Verantwortung für sich selbst. Warum dies weniger «Empowerment» auslöst als der erste Eindruck vermittelt, wird am zweiten Festivaltag noch deutlicher werden.

Dieser Bericht deckt nur Tag Eins des Smaranaa-Festivals ab. Mit Energiearbeit wurde hier ein emotionales Fundament gelegt. Am zweiten Festivaltag wird darauf aufgebaut, mithilfe von Gastvorträgen, die verschwörungstheoretische Wege einschlagen. Dies ist eine beispielhafte Veranschaulichung für die Entwicklung eines esoterischen in ein conspirituelles Weltbild. Das Wort «Conspirituality» setzt sich aus dem englischen Begriff Conspiracy (Verschwörung) und Spirituality zusammen. Der Bericht wird in Kürze online bei Relinfo erscheinen.

Marla Engelschalk, Juni 2026

Lexikoneintrag Smaranaa

Ein Besuch bei der Jesus Gefunden Gemeinde in Berlin (ehemals Erste Liebe Kirche)

Durchs Labyrinth

An einem Sonntagnachmittag im Juni ist das Wetter warm und noch nicht zu heiss. Berlin ist verhältnismässig ruhig, denn der heutige Marathon ist schon vorbei. Die Teilnehmenden sind mit ihren Medaillen auf dem Nachhauseweg in der Ringbahn. In Richtung Kreuzberg treffen sie dort auf viele jugendliche Freundesgruppen. Doch die wollen nicht zum Tempelhofer Feld, sondern zum Gottesdienst.

Auch eine Freundin und ich sind in die Richtung unterwegs. Dabei wissen wir noch gar nicht, ob dieser Gottesdienst, zu dem wir wollen, wirklich stattfindet. Die Freikirche «Jesus Gefunden» gibt in ihrer Biografie auf Instagram die Adresse «Mollstrasse 1, 10178 Berlin» an. Doch gestern posteten sie in ihrer Story die Adresse «Manteuffelstrasse 65, 12103 Berlin» für die Veranstaltung heute. Wer die Gemeinde nicht aktiv auf Social Media verfolgt, dürfte die Änderung leicht übersehen.

Die Manteuffelstrasse sieht aus, als könnte sie in jeder Stadt liegen. Mehrstöckige Wohnungsbauten, ein Bäcker, eine Tankstelle und wenig Menschen am Sonntag. Allerdings fällt uns auf, dass sich hier auch einige Gewerbegebäude befinden, von denen überraschend viele leer zu sein scheinen. Auch die Nummer 65 wirkt so. Auf den Briefkästen und Türschildern stehen keine Namen, weder von Familien noch von Betrieben. Kein Schild und keine Markierung jeglicher Art lässt vermuten, dass hier ein Gottesdienst stattfinden könnte. Der einzige Hinweis auf Leben ist eine kleine Firma für Gebäudereinigung, an einer anderen Eingangstür des Gebäudes. Während wir in Erwägung ziehen, dort zu klingeln und nachzufragen, fällt uns jedoch etwas auf. Mehrere Gruppen von Teenagern verschwinden im Abstand von ein oder zwei Minuten in der unmarkierten Tür. Sie klingeln nicht, sie benutzen keinen Schlüssel. Sie drücken die Tür einfach auf und gehen hinein. Wir folgen ihnen.

In einem leeren Treppenhaus müssen wir mehrere Stockwerke erklimmen. Mittlerweile ist auch ein Lebenszeichen wahrzunehmen: gedämpfte Musik. Wir erreichen eine offene, wieder unbeschriftete Tür. Dahinter befindet sich ein Raum, der vom Aufbau her an einen Jugendclub erinnert. Es gibt einen Eingangsbereich mit riesigem Schuhregal, mehrere Tische mit Stühlen und eine offene Küche. Doch fehlt es an jeglicher Dekoration. Die Wände sind kahl und es gibt keinerlei Geschirr oder Spielzeug. Viele Teenager stehen oder sitzen in ihren Grüppchen. Sie sind schlicht gekleidet und etwas mehr Mädchen als Jungs. Niemand schenkt uns Beachtung.

Ich spreche ein Mädchen an und frage sie, ob hier heute ein Gottesdienst stattfinden würde. Sie scheint von dieser Frage irritiert zu sein, doch antwortet «Ja, aber jetzt noch nicht.» Doch kurz danach springen alle im Raum auf.  Der Reihe nach laufen sie eine wackelige, schmale Wendeltreppe hoch. Wir schliessen uns ihnen an. Im nächsten Stockwerk geht die Menge in einer Schlange durch leere Gewerberäume. Wären wir nicht alle gemeinsam hier, könnte dieser Ort an die Backrooms erinnern. Es folgt eine weitere Wendeltreppe. Nun sind wir in einem leeren Raum des ausgebauten Dachbodens. Endlich kommen wir davon in einen riesigen Raum. Er könnte die Aula einer Schule sein, wenn die Decke nicht so niedrig wäre. Vorne stehen zwei Banner mit der Aufschrift «Willkommen zur Jesus Gefunden Gemeinde» und Lautsprecher. Am Rand steht eine Band inklusive Schlagzeug. Zwar gibt es nur 5 Stuhlreihen, doch der Raum zieht sich sehr in die Breite. Wir setzen uns an den Rand. Hier könnten sicherlich über 100 Menschen Platz nehmen. Und auf diese Anzahl würde ich die Anwesenden auch schätzen. Wieder gibt es eine klare Grüppchenbildung, niemand steht oder sitzt allein da. Bis auf eine Frau mit Baby kann ich im Raum keine Person erkennen, die offensichtlich erwachsen aussieht. Die meisten Anwesenden scheinen zwischen 14 und 18 Jahren alt zu sein. Doch wenige jüngere sind auch dabei. Wir wirken wie die einzigen Neulinge heute. Das spricht dafür, wie diese Gemeinde funktioniert. Vermutlich ist es die Norm, von Freunden eingeladen zu werden.

Lauter Auftakt

Zwei junge Frauen, sicherlich auch erst ungefähr volljährig, begeben sich gegen 14 Uhr nach vorn. Das Licht der Sonne scheint durch ein Dachfenster auf sie herab. Alle erheben sich. Die Fenster sind offen, doch trotzdem bleibt es heiss. Die Band beginnt zu spielen. Der Sound erschreckt einen fast, es herrscht die Lautstärke eines Open-Air-Konzerts. Zur Musik beginnt eine der beiden in ein Mikro zu sprechen: Es seien gerade schwere Zeiten für uns alle. Sie fügt noch hinzu, auch für unsere Gemeinde. Doch gerade deswegen wäre Dankbarkeit jetzt wichtig. Sie leitet den Gottesdienst weiter ein mit einem biblischen Bild von erfolgloser Wassersuche. Das Bild des Wassers wird anschliessend auf den Heiligen Geist übertragen. Das wird heute das zentrale Thema sein: Der Heilige Geist als Fluss, den wir in unser Leben lassen sollen. Sie schliesst die Einleitung ab, indem sie das Publikum aufruft: Wir sollten auch ausserhalb des Gottesdienstes Einfluss nehmen.

Danach kommt die Worship-Musik voll in Gang. Die Band spielt mit einer fast unangenehmen Lautstärke repetitive Muster christlicher Pop-Rock-Musik. Dazu singen drei Frauen mehrstimmig immer wieder die gleichen Phrasen: «You are holy, the earth is full of your glory» Heraus sticht dabei eine besonders begabte Sängerin. Ihre stimmliche Virtuosität und emotionaler Ausdruck sind ehrlich beeindruckend. Sie fleht Jesus an: «Jesus bitte, ich will dich tiefer kennenlernen- bitte Jesus- bitte!» sinkt dabei auf die Knie. Anschliessend geht der Gesang über zu «Tag und Nacht und Nacht und Tag, deine Braut sie wartet». Fast psychedelisch singen wir alle diesen Satz rauf und runter. Eine Person spricht unverständliche Lautfolgen ins Mikrofon. Es wirkt, als würde sie in Zungen sprechen. Dies ist eine bekannte Praxis in pfingstkirchlichen und charismatischen Strömungen weltweit und wird als Wirken des Heiligen Geistes verstanden.

Die meisten Jugendlichen stehen und wippen zur Musik, mit den Armen in der Höhe. Sie singen oder sprechen möglicherweise auch in Zungen. Einige weinen im Sitzen, halten ihren Kopf in den Händen. Andere gehen beim Mitsingen im Raum umher. Wieder andere sinken auf die Knie. Ein Junge steht direkt mit dem Gesicht zur Wand und spricht vor sich hin. Ein Mädchen vor uns umschlingt ihren Oberkörper mit den Armen und wiegt sich nach vorn und zurück. Ihre Freundin ist daneben auf dem Boden zusammengekauert und scheint zu beten. Kurz setzt sie sich auf, greift ihr Handy vom Stuhl und tippt. Gleich danach kauert sie sich wieder hin und betet weiter. In den hinteren Reihen sind einige Handys fast während des gesamten Gottesdiensts draussen.

Opfergabe oder willst du Jesus wirklich kennenlernen?

Nach ungefähr 75 Minuten endet die Worship-Musik-Session. Von der Hitze erschöpft setzen wir uns hin. Eine andere junge Frau tritt nach vorne. Emotional erzählt sie davon, wie wunderbar es sei von «ihm» berührt zu werden. Wir könnten uns das gar nicht vorstellen. Sie schluchzt und Tränen beginnen zu fliessen. So wird die Opfergabe eingeleitet. Dazu wird 2. Korinther 9,7 vorgelesen «Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.» Die junge Frau erklärt weiter: Jesus sei es würdig, alles zu geben. Wir wollen weiterkommen, aber geben nichts an Jesus. Einige Gemeindemitglieder rufen enthusiastisch «Amen!» Alles, was wir seien, käme von Jesus. Seine Herrlichkeit sei hier. Er wolle uns kennenlernen. Er wolle eine Generation, die sich endlich für ihn entscheidet. Diese Opfergabe sei ein Ausdruck dafür, wie sehr wir Jesus lieben. Der Kontostand, fügt sie noch hinzu, sei dabei egal. «Amen!»

Wer opfert, nimmt sein Geld in die Hand und hält es hoch. Die meisten Arme im Raum heben sich. Somit wird erkennbar, wer nichts spendet. Die genaue Geldsumme bleibt bei allen unklar, da die Hände geschlossen gehalten werden. Digitale Zahlungen werden nicht angeboten. Die junge Frau vorne spricht weiter: Nichts sei genug für den Herrn. Wir seien nicht würdig. Er solle uns vergeben, uns reinigen von unserer Korruption. Er soll uns wieder annehmen. Nicht von uns gehen. Wir wollen sein Gefäss sein. Sie schliesst mit den Worten «Heiliger Geist manifestiere dich». Zwei rot-weisse Taschen wandern durch die Reihen und sammeln die Opfergaben ein.

Ein unbeachteter Besuch

Nun stellen sich vorn die «Dancing Stars» auf. Das ist eine grosse Tanzgruppe aus Mitgliedern der Gemeinde. Sie tragen gelbe Caps und weisse T-Shirts mit der Aufschrift «What would Jesus do?» Zu Jubelschreien führen sie eine choreografierte Einlage im Streetdance-Stil auf.

Nachdem die Tanzenden wieder auf ihre Plätze zurückgekehrt sind, wird erneut Lobpreis-Musik angestimmt. Wieder singen wir «Tag und Nacht und Nacht und Tag, deine Braut sie wartet». Der leichte Windzug durch die offenen Fenster macht die Hitze im Dachboden und die Lautstärke der Musik etwas erträglicher. Ich beobachte wie viele Jugendliche sich Luft zu fächern. Plötzlich lugen zwei Polizeibeamte in schusssicheren Westen durch eine Tür. Sie wirken nicht überrascht. Sofort springen mehrere grosse Jungs auf und stellen sich um sie. Sie alle verschwinden daraufhin in der Tür, sprechen scheinbar im Treppenhaus. Die Worship-Musik läuft parallel weiter. Ein Grossteil der Anwesenden scheint die Polizisten gar nicht bemerkt zu haben. Vermutlich waren die Beamten wegen Lärmbelästigung hier. Denn nur wenig später wird die Musik ein wenig leiser gemacht und die Fenster geschlossen. Uns hat vor allem überrascht, wie schnell und selbstverständlich einige der Jugendliche, vermutlich Verantwortliche, auf den Polizeibesuch reagiert haben. Die Beamten verschwanden so schnell wie sie kamen.

Die Predigt

«Seid ihr müde?» «Nein!» So beginnt der Prediger, als er vor die Gemeinde tritt. Wie alle anderen, die bis jetzt dort waren, stellt er sich nicht vor. Er ist eindeutig als Erwachsener zu erkennen, ist aber noch jung genug, um einen Draht zu den Teenagern zu haben. Durch sein freies Sprechen und sympathisches Auftreten erweckt er Vertrauen. In der vergangenen Woche sei das Thema auch schon der Heilige Geist gewesen. Heute wolle er dort anknüpfen. Er vergleicht den Heiligen Geist mit einem Fluss, den wir nicht kontrollieren können. «Let him cook», sagt er, vertrau dem Heiligen Geist dein Leben an. Dazu führt er Johannes 4, 14 an «Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das bis in das ewige Leben quillt.» Alle Bibelstellen werden auf Deutsch und Englisch vorgelesen. Ein Mädchen hat ihre eigene Bibel dabei und schlägt die Stelle nach. Andere benutzen dafür ihr Handy.

Der Prediger arbeitet viel mit bildlichen Vergleichen und persönlichen Anekdoten. Alle paar Sätze rufen Gemeindemitglieder «Amen!» in die Predigt. Manchmal fragt der Prediger auch nach einer besonders tiefen Aussage «Einmal?» in die Runde und sofort wird im Chor geantwortet «Einmal!» Er berichtet nun davon, wie er in Frankfurt gewesen sei. Und dort habe er den Heiligen Geist gebraucht damit es «uns» (die Gemeinde) überall in Deutschland geben könne. Er fragt die Menge: «Warum sind wir hier beim Gottesdienst, obwohl wir Jesus noch nie gesehen haben? Wegen des Heiligen Geistes!» Auch Gemeinschaft und Liebe seien der Heilige Geist. Nun wird die Fluss-Metapher auf unser Umfeld erweitert. Wolle man Angehörige «retten», bräuchte man den Heiligen Geist als Fluss. Die Gemeindemitglieder sollten viel von ihm trinken, um die Erde zu retten, um Deutschland zu retten.

«Dag, unser Vater, er hat getrunken.» Dies ist eine Referenz auf den ghanaischen Prediger Dag Heward-Mills. Der Prediger stellt sicher, dass alle sich angesprochen fühlen, indem er häufig von «wir» und «uns» spricht. Er schreit: «Lasst los!» Ausserdem vertraut der Prediger uns noch an, er hätte Mitleid mit den Ungläubigen. Auch wir sollten Mitleid haben. Doch der Fluss würde Abhilfe schaffen. Dazu führt er die im Kontext der Evangelisation häufig verwendete Bibelstelle Matthäus 9, 36-38 an: «Als er aber die Volksmenge sah, jammerte sie ihn; denn sie waren geängstigt und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist gross, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.» Wie sehr wir dem Fluss vertrauen sollen unterstreicht er mit einer weiteren persönlichen Anekdote: Er hatte erst Angst davor früh zu heiraten, sich zu beschränken. Doch er habe dem Fluss vertraut und nicht versucht ihn zu kontrollieren.

Nun verspricht er uns, wirklich zum letzten Punkt zu kommen. Er legt die biblischen Bilder der «grossen Ernte» und «Menschenfischerei» auf die eigene Gemeinde. Euphorisch verkündet er: «Wir werden Menschenfischer sein!» Doch dafür brauchen wir den Fluss. Und wenn wir ihn erst haben, dann können wir ihn nicht mehr kontrollieren. Die Gemeinde müsse das Schicksal der Stadt Berlin dringend verändern, denn «der Teufel habe einen Plan».

Für ein Zehntel zu Jesus

Nun soll zu ihm treten, wer Jesus sein Leben geben möchte, wer nach Hause kommen will. Ungefähr zehn Personen folgen dem Ruf. Direkt im Anschluss wird erneut Geld eingesammelt, diesmal als «Zehnte» aus der Bibel bezeichnet. Dabei sollen zehn Prozent des Einkommens oder Taschengeldes gegeben werden. In vielen Freikirchen wird davon ausgegangen, dass Gott dieses Geld zustehe und Vorenthaltung Segen blockiere. Es folgt ein Abendmahl direkt vom Platz aus. Alle erhalten einen winzigen Einweg-Medizinbecher mit Traubensaft und eine Oblate. Als danach erneut die «Dancing Stars» angekündigt werden, verlassen wir den Raum. Nach über drei Stunden ist der Gottesdienst noch immer nicht vorbei, doch die Hitze im Dachboden ist seit dem Besuch der Polizei kaum noch zu ertragen. Unser Hinausgehen bleibt unbemerkt. Wir verlaufen uns fast in dem scheinbar verlassenen Gewerbegebäude.

Wer ist die «Jesus Gefunden Gemeinde» eigentlich?

Wer hinter dieser Gemeinde steht, ist auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen. Auf Instagram präsentieren sie sich modern und haben ca. 800 Follower (Stand Juni 2026). Ein nun scheinbar gelöschter TikTok-Kanal mit dem Namen «Erste Liebe Kirche» ist verlinkt. Dieser Name findet sich auch auf Bannern in vergangenen Storys. Klickt man den verlinkten YouTube-Link an, erscheint ein Kanal namens «First Love Center Official» mit 85.800 Abonierten, Videos mit hunderttausenden Aufrufen und berühmten Gästen wie dem Pastor Joseph Prince. Gehostet werden Interviews auf dem Kanal häufig von Joshua Heward-Mills, Sohn des ghanaischen Predigers Dag Heward-Mills. Die Bezeichnung «First Love» verweist auf die internationale charismatische First-Love-Bewegung die letzterer gegründet hat.

Mehrere Beobachtungen während des Gottesdienstes, darunter die Erwähnung eines «Dag» sowie der Name «Dancing Stars» für die hauseigene Tanzgruppe, deuten auf solche Verbindungen hin. Die Berliner Gemeinde hat zudem erst im Februar 2026 ihren Namen von «Erste Liebe Kirche» zu «Jesus Gefunden» geändert. Das Motiv liegt nahe: Wer nach der «Erste Liebe Kirche» googelt, stösst sofort auf kritische Medienberichte und den entsprechenden Lexikoneintrag von Relinfo. Eine solche Namensänderung ist eine bewährte Strategie, um Kritik auszuweichen. Aus Sicht von Relinfo handelt es sich hierbei um ein Merkmal, das häufig in problematischen Gemeinschaften auftritt. Zusätzlich sind mehrere Fälle bekannt, in denen Mitglieder der First-Love-Bewegung in der Schweiz versuchten Teenager direkt vorm Schulgebäude zu missionieren.

Fazit

Mit gemischten Gefühlen kaufen wir uns Eis. Auf der einen Seite ist da Faszination: In der digitalisierten und unruhigen Welt erleben die Jugendlichen in der Gemeinde scheinbar eine Form von Gemeinschaft und Trost. Es war berührend zu sehen, wie vor allem die Sängerin in der Worship-Session ihre Sehnsucht nach Antworten und ihren Hunger auf das Leben ausgeschrien hat. Gefühle, die jeder kennt.

Andererseits wirft die Struktur der «Jesus Gefunden Gemeinde» Fragen auf. Markant war die Verschlossenheit zur Aussenwelt trotz des starken Missionierungsaufrufs und die verschleierte Zugehörigkeit zur First-Love-Bewegung. In der Predigt wurden komplexe Probleme und persönliche Verantwortung mit der Allzweck-Metapher des Flusses weggespült. Der Heilige Geist hat hier als Allheilmittel fungiert, ein typisches Merkmal für problematische Gemeinschaften.

Besonders kritisch ist der subtile Druck zu betrachten. Das Hochhalten des Geldes bei der Opfergabe erzeugt einen sozialen Konformitätsdruck. Aus Sicht von Relinfo tritt hier «Abzocke» als Merkmal problematischer Gemeinschaften auf, da das bei Freikirchen übliche Mass bei weitem überschritten wird. Die Musik, die gemeinsame Euphorie und die Länge des Gottesdienstes machen ihn zu einem hochemotionalen Erfahrungsraum. Fragt sich, ob die Jugendlichen dadurch wirklich einen Halt finden oder sich im Labyrinth verlaufen.

von Marla Engelschalk, Juni 2026

Lexikoneintrag First Love Church / Erste Liebe Kirche

Miro Wittwer und Gott – Eine Two Men Show am «Opening Event» der «Love Church Switzerland»

Children of the Most High im Einkaufszentrum 

Ich irre durch das Parkhaus des Glatt Zentrums in Wallisellen. Das «Offsite Lab» soll sich irgendwo in dem riesigen Gebäude befinden, doch bis jetzt waren alle Eingänge verschlossen. Nach einer Weile treffe ich auf weitere Frauen, die sich suchend umschauen und mir bestätigen, dass sie auch das «Opening Event» der «Love Church Switzerland» besuchen möchten. Gemeinsam rütteln wir an jeder erdenklichen Tür des Einkaufszentrums, bis uns auf der obersten Parkhausplattform neben einem McDonald’s zugewunken wird. Mittlerweile ist es schon etwa 13:10 Uhr, doch Miro und Lucia Wittwer begrüssen uns persönlich mit einem Händedruck und führen uns in einen Fahrstuhl. Während wir in den 11. Stock sausen, meint Miro begeistert, dass er noch nie so viel «Holy Spirit» in einem Fahrstuhl verspürt habe. Alle lachen höflich und betreten den Raum, aus dem Worship-Gesang dringt. Das «Offsite Lab» ist sehr modern ausgestattet und in Grautönen gehalten. Durch die Glasfassade kann ein riesiges Panorama auf den Grossraum Zürich Nord bestaunt werden. Im vorderen Teil des Raumes stehen zwei junge Frauen auf einer Bühne, die sich für unsere Anwesenheit bedanken und ihren Gesang weiterführen. Mehrere sich füllende Stuhlreihen sind auf sie ausgerichtet, insgesamt schätze ich die Zahl der Besuchenden auf circa 150 Personen. Das Publikum ist sehr divers, im Stimmengewirr höre ich verschiedene Sprachen und von Kindern bis Grosseltern sind alle Altersgruppen vertreten. Je näher an der Bühne, desto mehr Leute tragen einen cremefarbigen Trainingsanzug mit bronzefarbigem Schriftzug auf dem Rücken: «DAUGHTER OF THE MOST HIGH» oder «SON OF THE MOST HIGH». Bei einem jungen Mann, der mit einem iPhone durch die Reihen geht und Filmaufnahmen macht, kann ich die Aufschrift auf der Vorderseite des Trainingsanzugs lesen: «For Jesus». Da klingelt etwas bei mir: Bei der Anreise habe ich Miro Wittwers Webseite durchforstet und die Rubrik «For Jesus (Kleiderbrand)» entdeckt. Bei den cremefarbenen Gewändern handelt es sich also um Miro Wittwer-Merch. 

Lucia Wittwer als DJ

Meine Gedanken werden durch eine Ankündigung unterbrochen. Als Auftakt der Veranstaltung verspricht uns Miro Wittwer «etwas, das es in der Schweiz vielleicht noch gar nie gab». Seine Frau, habe sich gestern dazu entschieden heute als DJ zu wirken. Deshalb sei es nun an uns, für Jesus zu tanzen. Lucia Wittwer, so heisst übrigens «seine Frau», lächelt uns mit Kopfhörern an, und schon dringt Worship-House-Musik durch die Lautsprecher. 
«The Swiss hearts are crying for God. They don’t know it yet, but all the money, all the success, all the beauty of this nation means nothing without God. It may look good, it may sound good, but without you, God, everything is in vain.» und «God, have mercy on Switzerland. Save Switzerland. Save Switzerland.» sind einige Ausschnitte, die ich verstehen kann. Das Publikum steht und wippt im Takt, aber abgesehen von den ersten Reihen ist die Stimmung eher zurückhaltend. Nach einigen Songs beendet Lucia ihr Set und kündigt den Apostel Miro Wittwer an. Sie stellt klar, dass wir alle wegen Gott hier seien, doch ihr Mann habe «das alles auf die Beine gestellt». 

Gott ist der «Star»

Miro beginnt sogleich mit Publikumsinteraktionen, indem er fragt, wer einen weiteren Weg als 500km oder mehr als drei Autostunden auf sich genommen habe, um heute hier zu sein. Belohnt für ihren Aufwand werden die Hände hochhaltenden Leute mit einem tosenden Applaus. 
Durch die Hand Gottes sei diese Gemeinde zustande gebracht worden. Die Location habe aus Platzgründen kurzfristig verändert werden müssen, doch dieser Raum sei letztendlich ideal und durch die Lage im 11. Stock sogar näher am Himmel. Gott sei es auch zu verdanken, dass Miro selbst heute hier sei und nicht in Thailand am Missionieren. Miro schweift kurz ab und erklärt anhand einer etwas umständlichen Metapher, dass das «Gospel» für Menschen in Thailand das Feuer wäre, wenn sie dieses noch nicht entdeckt hätten. Ganz viele Thailänder*innen hätten nämlich noch nie von der Bibel gehört. Mir scheint, dass die christliche Botschaft oder das Evangelium durch die Feuer-Metapher mit zivilisatorischem Fortschritt assoziiert wird, wodurch Thailand implizit als rückständig bezeichnet wird. Doch Miro Wittwer verwendet nicht nur Metaphern, sondern auch eine Fülle an Anglizismen. Die «Love Church Switzerland» sei nicht eine «One Man Show», es gäbe immer nur einen «Star», und das sei nicht er, sondern Gott. 
Miro kündigt an, dass ab heute jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfinden werde. Deshalb gibt es nun eine Abstimmung, ob der «Service» jeweils am Morgen oder am Abend stattfinden soll. So oder so werde während jedem Gottesdienst ein «Child Care Service» angeboten. Die Abstimmung ergibt kein klares Resultat, deshalb ist für Miro klar, dass er Gott nach der geeigneten Zeit fragen muss. 

Alles gehört Gott

Das Publikum wird gebeten, sich zu erheben und mit Miro zu beten. In kurzen, repetitiven Sätzen spricht Miro ein Gebet, in dem er dem «Herrn» für diverse Dinge dankt und in dem Worte fallen wie: «Mögen Stumme wieder hören. Mögen Blinde wieder sehen.» Zwischen seinen englischen und deutschen Ausführungen fallen immer wieder kurze Abschnitte in entschlossener Zungenrede. Nach einiger Zeit werden wir angeleitet, unsere Finger ineinander zu verhaken und in die Höhe zu halten. In unserer Vorstellung sollen wir alles, was wir besitzen und was wir sind in die Hände fliessen lassen und es Gott abgeben. Nichts soll zurückgehalten werden, alles soll Gott gehören. Oft werde Geld oder eine Beziehung zu einem Kind Gott verwehrt, wir werden angewiesen, dem entgegenzuwirken und wirklich alles von uns Gott zu überlassen. 

«Switzerland shall be saved»

Nach dem Gebet, das für einige Anwesende sehr intensiv zu sein gewesen scheint, kündigt Miro einen Vortrag an, bei dem er die «Love Church Switzerland» vorstellen möchte. Er selbst sei Apostel, übernehme aber vorerst auch die Pastor Funktion der Gemeinde. Auf der Webseite werden Lucia und Miro beide als «Leaders» vorgestellt, doch was Lucias Position genau sein soll, wird uns nicht erklärt. Miro beteuert lediglich, dass sie gemeinsam ein Herz und eine Seele seien und, dass sie bis auf den Gang zur Toilette alles gemeinsam machen würden. Um Gott zu signalisieren, dass die neu gegründete Kirche ihm geweiht sei, wird eine ältere Frau gebeten ein Horn zu blasen. Das Ziel der «Love Church» ist klar: «Switzerland shall be saved». Als «saved» gilt in diesem Verständnis nur, wer dem «richtigen» Glauben angehört. Laut Miro gäbe es in der Schweiz erst 2-4% gerettete Christen, dementsprechend sei noch viel zu tun. Zu den Christinnen verliert er kein Wort, was wohl daran liegt, dass Miro durchgehend das generische Maskulinum verwendet. 

«Hexen» und «unreine Geiste»

Auf der Leinwand wird eingeblendet: «Es gibt einen Gott in drei Personen: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Sie sind drei Personen, aber ein Gott.» Miro fordert alle auf, die an die Dreifaltigkeit glauben, die Hände zu heben. Fast alle Hände schnellen nach oben und Miro lacht erleichtert: «Wer nicht daran glaubt – Raus!» Sofort korrigiert er sich grinsend und stellt klar, dass durchaus auch «unreine Geiste» willkommen seien, mit diesen Leuten müsse aber «gearbeitet» werden. Es könne zudem sein, dass sich «Hexen» im Publikum befinden, die mit falschen Absichten an der Veranstaltung teilnehmen. Falls solche Personen ausfindig gemacht werden, kündigt Miro den Rauswurf an. Mir ist mittlerweile ziemlich unwohl und nehme stark an, dass ich unter die Kategorie «Hexe» oder zumindest «unreiner Geist» fallen würde. Ich versuche, mir meine Unbehaglichkeit nicht anmerken zu lassen, und lausche Miros weiteren Ausführungen. 
Als Nächstes knüpft er sich den Islam vor und bezeichnet den Koran als «tot». Er verurteile andersgläubige Menschen nicht, doch der muslimische Glaube sei schlichtweg falsch. Miro scheint eine unkonventionelle Vorstellung von Wertfreiheit zu besitzen. Den Koran als «tot» und dementsprechend als der Bibel unterlegen zu bezeichnen, halte ich für eine ziemlich explizite Wertung. Doch Miros Abneigung äussert sich nicht nur gegen den Islam und gegen Hexen: Alle Religionen seien aus Geld- oder Machtstreben entstanden und Gott gehe es gar nicht um Religion, sondern um Beziehung. Miro führt am Beispiel des Christentums aus: « Wir kämpfen nicht gegen den Katholizismus, aber er ist nicht von Gott.» 

Miros eigener «Sektenbegriff»

Miro rechnet anscheinend mit der Anwesenheit der Presse, denn er prophezeit, dass die «Love Church» medial als «Sekte» bezeichnet werden wird. Um den Anwesenden zu versichern, dass sie nicht einer «Sekte» angehören, stellt er seine eigene Definition des «Sektenbegriffs» vor: In einer Sekte gäbe es eine Anhängigkeit von einem Führer, der Ausstieg sei nur schwer möglich und das Wort Gottes werde verdreht. Demensprechend seien die «Zeugen Jehovas» klar als «Sekte» einzuordnen, die «Love Church» entspreche jedoch keinem dieser Merkmale. Doch die Angst vor kritischer Berichterstattung ist damit nicht aus dem Weg geräumt. Wissend schaut Miro durchs Publikum und verkündet, dass es «Expose Videos» über ihn geben wird, die ihn zu «entlarven» versuchen und ihn als «Falschen Apostel» darstellen werden. Trotzdem verurteile er niemanden.

Heilen und Geben

Miro blendet weitere Glaubenssätze ein und erklärt, dass Gott ein Gott der Wunder sei. Heilungen, als eine Form von Wundern, biete er selbst unentgeltlich an. Seine Erfolge seien erstaunlich, denn ungefähr jede zweite Heilung zeige Wirkung. Noch erstaunlicher seien aber die Erfolge, die «Toby» zu verzeichnen habe. Er deutet auf einen Mann im vorderen Teil des Publikums und berichtet, dass «Tobys» Heilungen immer funktionieren. Ich kann den Mann nur von hinten sehen, nehme aber stark an, dass es sich dabei um den umstrittenen «Strassenheiler» Toby Meyer handelt. Er war schon an Miro Wittwers «Day of Transformation» im August 2025 anwesend. 
Auch das Stichwort «Geben» thematisiert Miro Wittwer als Glaubensinhalt der «Love Church». «Unser Geld gehört nicht uns, sondern Gott», stellt Miro klar. Finanzielle Angelegenheiten seien in Gottes Hand und deshalb sei die Chance «riesig», dass finanzielle Fülle durch den Besuch der «Love Church» resultiere. Für Miro selbst sei die «Church» kein «Business», ganz im Gegenteil, er möchte der Kirche so viel wie möglich «geben». 
Als «Message of the Day» wird ein Ausschnitt aus Epheser 4 zur Einheit in der Kirche eingeblendet. Miro schliesst daraus, dass die «Love Church» für Einheit stehen und Spaltung wiedervereinen soll. Für die Spaltung verantwortlich sind seiner Meinung nach unter anderem die «Christen», die im Unterschied zu den «Evangelisten» leider noch nicht auf dem richtigen Weg seien. 

Krebs «Heilen»

Nach seinem Vortrag leitet Miro Wittwer erneut ein Gebet an. Dieses Mal sollen wir alle Lügen aus unserem Herzen schaffen und stattdessen die Wahrheit und den Heiligen Geist empfangen. Zudem sollen wir allen Menschen vergeben und Busse tun. Mehrfach weist uns Miro an, ungewollte «Verträge zu kündigen» und zwischendurch gibt er einige Zeilen in Zungenrede von sich. 
Nach einer Weile wird in die Runde gefragt, wer den Heiligen Geist noch nicht empfangen habe. Ein Mann tritt zögerlich nach vorne und Miro legt die Hände auf seine Schultern. «…Alles gehört dir Jesus…in the mighty name of Jesus…danke Jesus…danke Jesus» spricht der Mann leise Miros Worte nach. Mittlerweile haben sich einige weitere Leute nach vorne getraut und Miro wendet sich jeder einzelnen Person zu. «Jeder Geist von Witchcraft, Lügen und Generationenflüche sollen von dir gehen», spricht Miro leise in sein Headset-Mikrofon. 
Plötzlich verkündet Miro, dass die vor ihm stehende Frau an Krebs leide und für körperliche Heilung gekommen sei. Er berührt ihren Kopf und spricht in abgebrochenen Sätzen: «Der Krebs geht aus deinen Beinen heraus…Er ist schon von der Brust in die Beine herabgewandert…Vollkommene Heilung…Danke Jesus, dass du meine Schwester geheilt hast.» 
Die angebliche Heilung erkrankter Personen als eigene Bühnen-Show zu inszenieren, scheint mir geschmacklos, und das damit verbundene Heilsversprechen kann gravierende Folgen mit sich tragen. Doch Miro lässt sich nicht beirren und wendet sich an das Publikum. Bei körperlichen Schmerzen soll die Hand auf besagte Stelle gelegt werden und er bete nun für uns alle «in the mighty name of Jesus» um körperliche Heilung. Fast alle Personen im Raum drücken nun ihre Hände auf eine Körperstelle und beten murmelnd vor sich hin. Einigen Personen wird währenddessen weiterhin von Miro höchstpersönlich die Hand aufgelegt. Zu einem jungen Mann sagt Miro: «Du bist stärker als jeder Gottlose», woraufhin der junge Mann angibt keine Schmerzen mehr zu verspüren. Ein kleiner Junge muss seine Schmerzen auf einer Zahlenskala angeben und bei jeder Nachfrage sinkt die Zahl ein Stück weiter, bis er «fast keine Schmerzen mehr» empfindet. Das Publikum ist entzückt. 

Manifestationen aller Art und die «Chance zu säen»

Als nächster Programmpunkt bittet Miro alle nach vorne, die Salbung wünschen. Ein Grossteil der Anwesenden begibt sich um die Bühne und es wird Worship-Gesang angestimmt. Erneut wendet sich Miro jeder einzelnen Person zu, indem er die Hand auflegt und in Zungenrede auf sie einredet. Es zeigen sich diverse Manifestationen: Einige Leute gehen stöhnend zu Boden, andere weinen, zucken, lachen schrill oder brechen schreiend zusammen. Zwei Helfer stehen jeweils hinter der gesalbten Person, um sie bei Bedarf aufzufangen. Im gesamten Raum herrscht ein vulnerables Gefühlschaos mit emotionalen Ausbrüchen aller Art. Etwas überfordert von der Situation, sitze ich auf meinem Stuhl und warte. Die Salbung und die damit einhergehenden Manifestationen dauern länger als eine ganze Stunde. Mit der Zeit setzen sich einige Leute zurück an ihre Plätze und unterhalten sich gelassen. Die gelegentlichen Schreie und Zuckungen bei der Bühne scheinen ihnen vertraut zu sein, sie lassen sich davon nicht stören und fallen gelegentlich wieder in ein Gebet mit ein. Plötzlich werden die singenden jungen Frauen von Miro mitten im Lied unterbrochen und er kündigt die «Chance, im Ministry zu säen» an. Auf der Leinwand werden unter dem Titel «Giving» eine Twint-Nummer, ein PayPal-Code und die IBAN-Nummer eines Bankkontos eingeblendet. Einige Smartphones werden gezückt und Miro weist an, nach vorne zu kommen, wenn wir «auf dem Herz haben Cash zu geben». Das «Geben» sei freiwillig, doch gemeinsam sollen wir für jeden «Samen» beten. 

Abschluss mit Kuchen

Zum Schluss meldet sich Miro mit der Bitte, mögliche Zeugnisse dieses Mal nicht auf der Bühne, sondern auf Google Maps abzugeben. Nach einem weiteren, kurzen Gebet, in welchem er uns finanzielle Fülle wünscht, bedankt er sich bei uns. Er sei sehr dankbar, dass hier Beziehungen entstehen können, dazu zählen für ihn Businesspartner, aber auch Gebetsbünde und Liebesbeziehungen aller Art. Die Veranstaltung findet ein Ende und wir werden zu Kuchen und Wasser eingeladen. Kaffee sei nämlich zu ungesund. 
Ich verabschiede mich von meinen Sitznachbarinnen und atme im Lift tief durch. Erst jetzt merke ich, wie angespannt ich während der gesamten Veranstaltung war. Die emotional aufgeladene Stimmung des Raumes, geprägt durch ein Gemisch von Hoffnung und Verzweiflung, ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Als Fazit steht für mich klar: Der Name ist nicht Programm. Die abschätzige Haltung gegenüber allen, die nicht Miros Glauben folgen, steht für mich stark im Kontrast zum Namen «Love Church».

Lou Büchler, 22. Juni 2026

Lexikoneintrag Love Church Switzerland

Workshop Religiöse Influencers

Was sind religiöse Influencer?
Warum folgen ihnen so viele junge Menschen?
Und wie unterscheiden sich Inspiration, Einflussnahme und Manipulation?

In unsicheren Zeiten suchen viele Menschen verstärkt nach Orientierung, Halt und Sinn häufig auch in religiösen oder spirituellen Angeboten. Dieser Trend zeigt sich zunehmend auch auf den Sozialen Medien, der durch seine Reichweite, kurzen Videos und emotional ansprechende Aussagen eine schnelle und breite Verbreitung ermöglicht. Auf den Sozialen Medien begegnen Jugendliche immer häufiger Personen, sogenannte religiöse Influencer, die über Glaube, Moral und Lebensführung sprechen, jedoch ohne formale Ausbildung oder verbindlichen Verantwortungsstrukturen.

Der Workshop sensibilisiert für die Mechanismen religiöser Online-Formate und fördert einen reflektierten, kritischen und selbstbestimmten Umgang mit religiösem Content auf Social Media. Wir zeigen typische Muster auf und analysieren, wie Algorithmen, Gemeinschaftsgefühle und emotionale Botschaften wirken. Dabei thematisieren wir auch wie manipulative Dynamiken und vereinfachte Weltbilder kritisches Denken einschränken und im Extremfall Radikalisierung unterstützen können.

Die Teilnehmenden analysieren in Gruppen ausgewählte Social-Media-Posts von religiöser Influencer und identifizieren Inhalte, Wirkmechanismen und mögliche problematische Merkmale die sie anschliessend präsentieren. Zum Abschluss werden Schutzfaktoren und konkrete Strategien aufgezeigt für den Umgang mit religiösem Content.

Zielgruppe

  • Klassen des kirchlichen Unterrichts
  • Firmkurse
  • Konfirmationsklassen
  • Jugendgruppen
  • Schulklassen Sek I
  • Schulklassen Sek II

Daten
Termin auf Anfrage. Dauer: 2 Stunden
Durchführung bei Ihnen vor Ort

Preis
250 CHF/Gruppe bis 25 Personen

Buchung
Telefonisch oder per Email
https://www.relinfo.ch/veranstaltungen/

Esoterik, Verschwörungserzählungen und Verkaufsstrategien – Die Lebenskraft Messe 2026

Wandergruppen und ein KI-Matterhorn
Der Zug ist ungewöhnlich voll für einen Samstagmorgen. Durch das sommerliche Wetter wurden mehrere Wandergruppen und Velofahrer*innen hervorgelockt, die sich nun um uns in den Zuggängen tummeln. In Pfäffikon SZ angekommen, erwartet uns eine ländliche Atmosphäre mit frischer Luft und Kuhglocken. Diese Klänge bringen Erinnerungen an Nancy Holtens Kuhglocken-Initiative hervor und bieten so einen Vorgeschmack auf die uns bevorstehende Lebenskraft Messe, wo wir auf Nancy Holten zu treffen hoffen. Nach einem kurzen Fussmarsch erreichen wir das Seedamm Plaza Hotel und begrüssen das Relinfo-Team, bevor wir in die Welt der Esoterik eintauchen. 

Wir werden von zahlreichen Ständen begrüsst und erhalten eine Merch-Tasche, um Flyer und Prospekte zu sammeln. Als Start besuchen wir den angekündigten Vortrag von Shiva Guruji. Wir werden jedoch von Shivani Shakti Himalaya begrüsst und sie verkündet, dass Shiva Guruji sich leider im Himalaya befindet. Dementsprechend ist er nur in Form von KI-Videos anwesend: Singend und Gitarre spielend, umgeben von bunten Blüten und leuchtenden Mustern, sitzt er vor dem verschneiten Matterhorn und wird von nicht wettergerecht gekleideten Feen umschwirrt. Begleitet wird er von einer Geigenspielerin in weissem Gewand, mehreren Regenbögen und einem KI-Song über «Lebenskraft». Shivani Shakti Himalaya übernimmt den Eröffnungsvortrag und referiert über die «Neue Ära der Frauen». Sie motiviert Frauen, Gurus zu werden, und singt zum Abschluss mehrere Mantras vor. 

Es steht in den Sternen geschrieben
Wir schlängeln uns durch das Messegelände, bis wir vor Nancy Holtens Stand stehen bleiben. Er ist unverkennbar, denn Holten lächelt uns von einem lebensgrossen Banner schon aus grosser Entfernung an. Mit Bedauern entziffern wir das kleine Schild mit der Aufschrift «Ich bin morgen wieder da». Ein paar Meter weiter werden wir von Jahn Koch angesprochen. Unter dem Namen «Astrascriptura» bietet er «psychologische Astrologie nach Herman Meyer» und «Astrocoaching» an. Für fünfundzwanzig Franken lässt sich Lukas auf eine Horoskop-Besprechung ein. Zur Erstellung des Horoskops ist die exakte Geburtszeit ausschlaggebend, deshalb ist ein kurzes Telefonat mit Lukas’ Mutter erforderlich. Lukas gibt Fragen und Probleme seines Lebens an, woraufhin Koch diese mit Planetenkonstellationen begründet. Als Lösungsvorschläge bietet er rationale, aber allgemeine und eher vage Ratschläge. Trotzdem sind wir beeindruckt von Kochs Wortgewandtheit und unterhalten uns eine Weile mit ihm. Nachdem wir das ausgedruckte Horoskop in unsere Merch-Tasche verstaut haben, geht es weiter zu dem vielbesuchten Aura-Fotografie Posten. 

Die Aura eines Beichtvaters
Lou darf sich vor die Aura-Kamera setzen und platziert ihre Hände auf zwei handförmigen Sensoren. Auf Nachfrage zur Funktionsweise wird auf Geheimhaltung und Unwissen verwiesen, die Kamera sei aber ein «ganz spezielles Konstrukt». Lous Aura ist in verschiedenen Blautönen schlicht gehalten. Dreissig Franken bezahlen wir für das Foto und weitere dreissig kostet uns die Aura-Beratung. Die Mutter des Fotografen, Reinhild Brieger, setzt sich zu uns und liest Folgendes aus Lous Aura: Sie sei Anlaufstelle für Probleme und Anliegen anderer Menschen und habe deswegen eine «Beichtväter-Aura». Lou könne das wahre Wesen eines Menschen sehen, dürfe sich aber nicht mit anderen vergleichen, da dies ihrer persönlichen «Hölle auf Erden» gleichkäme. Zum Abschluss darf sie sich ein Zettelchen ziehen, welches laut Brieger ausgezeichnet passt: «Ich bin Liebe und Lebensfreude». Auf die zusätzlichen 30 Franken für Aura Chirurgie verzichten wir. Wir beobachten aber das chirurgische Prozedere bei einer anderen Messebesucherin: Brieger schneidet mit einer Bastelschere in der Luft um den Kopf der Frau herum. 

Thermomix und Tower
Was an keiner Messe fehlen darf, ist ein Thermomix Stand. Das «Powertool» wird uns ausführlich vorgestellt. Um herauszufinden, inwiefern Thermomix mit esoterischem Gedankengut verbunden werden kann, fragen wir nach, ob die Aura der gekochten Lebensmittel von dem Thermomix beeinflusst wird. Die Frau antwortet sehr souverän und verneint negativen Einfluss durch das Küchengerät. Wahrscheinlich sind wir nicht die Ersten, die sie mit Fragen dieser Art konsultieren. Ein paar Schritte weiter finden wir den Stand von «Ambition.life». Sogleich werden wir mit 150 Mhz energetisiertem Wasser begrüsst, das angeblich «runder» schmecken soll als «normales Wasser». Als Hauptattraktion des Standes galten aber die sogenannten «Tower», die angeblich mit Steinen der bosnischen «Pyramiden» gefüllt sein sollen. Anzumerken ist, dass die Existenz der bosnischen Pyramiden von Wissenschaftler*innen nicht bestätigt wird. Dass es sich bei dem Berg Visočica um eine Pyramide handeln soll, geht auf die Behauptung des Esoterikers Semir Osmanagić zurück.             
Die «Tower» seien in einer Kammer durch das «Orgon-Verfahren» energetisiert und sollen durch den blossen Kontakt helfen, Herzens- und Seelenwünsche zu erfüllen. Das «Orgon-Verfahren» geht auf Wilhelm Reich zurück. Wer nicht einen mit Steinen gefüllten «Tower» erwerben möchte, kann auch Sticker kaufen, auf welchen der Turm abgebildet ist. Der Verkäufer am Stand empfiehlt, die Sticker auf das Smartphone zu kleben, und dann mit der Taschenlampe Verletzungen zu beleuchten. Die «Orgon Energie» solle das Licht nämlich in eine heilende Quelle umwandeln und gegen Elektrosmog helfen. 

«Super Patches» – Von der Haut zum Gehirn
Ähnlich positive Auswirkungen werden auch beim nächsten Stand angepriesen. Hier können sogenannte «Super Patches» erworben werden. Die Verkäuferin erklärt uns, dass die Patches weder Medikamente noch andere Inhaltsstoffe enthalten, zudem seien sie nicht invasiv und hautverträglich. Es gibt etliche Patches, die auf den Körper aufgeklebt werden und die unterschiedlichsten Funktionen erfüllen sollen. Auf den Patches sind verschiedene Rillenmuster eingeprägt, die die Hautrezeptoren stimulieren und so eine Reaktion im Gehirn hervorrufen sollen. Diese Wirkung sollen wir selbst erleben und werden dafür einem Gleichgewichtstest unterzogen. Dafür müssen wir auf dem linken Bein stehen und unser rechter Arm wird heruntergedrückt, woraufhin wir die Balance verlieren. Danach dürfen wir die «Super Patches» mit den Namen «Victory» und «Liberty» auf unseren Arm aufkleben und der Balancetest wird wiederholt. Dieses Mal sind wir standhafter. Vielleicht wegen den «Super Patches», vielleicht wegen Placebo, oder vielleicht wegen vermindertem Druck und veränderter Druckstelle. 65 Franken für 30 Patches ist uns aber ein bisschen zu teuer, deshalb ziehen wir weiter. 
Vor dem Mittagessen besuchen wir noch «Sonara Seelenklang», die Lukas einen kosmischen Lichtcode auspendelt. Dabei dienen ihr, nach eigener Aussage, hilfreiche kosmische Kräfte. Die Zahlenfolge «623924» soll Lukas einen harmonischen Fluss sichern und ihm gegen Stolpersteine helfen. Um die Wirkung zu entfalten, soll Lukas den Code mit der Hand drei Mal in die Luft zeichnen oder innerlich wiederholen und dann die Hände zum Herzen führen. Hand aufs Herz, wir brauchen nun etwas zu Essen. 

Steht es in den Händen…?
Nach einem köstlichen Mittagessen stürzen wir uns erneut ins Gemenge, und zu unserer Überraschung hat Nancy Holten nun ihren Stand bezogen. Sie befindet sich jedoch in Stille, was bedeutet, dass sie nicht mit den Messebesucher*innen spricht. Wir werden von dem auffälligen roten Samt Zelt gegenüber von ihrem Stand angezogen, welches gross mit «Maria Magdalena» beschriftet ist. Maria Magdalena befasst sich laut eigener Aussage seit Kindesalter mit Karten- und Handlesen und hat durch TV und Radio an Bekanntheit erlangt. Lou lässt sich für hundert Franken die Hände lesen: Lou habe heilende Hände und Energie, deshalb sei Spiritualität ihre Berufung. Sie befinde sich in einem Veränderungsprozess und solle einfach tun, was sie möchte, dann würde es auch gut herauskommen. Schicksalsschläge seien nicht zu erwarten, sie werde ihr ganzes Leben lang gesundheitlich und finanziell stabil bleiben. Es werde eine Zeit geben, in der Lou im Ausland leben werde, und um die Dreissig sei ein Kind zu erwarten. Dieses Kind wird aus der aktuellen Beziehung kommen, an welcher sie festhalten solle. Aufgrund einer familiären Blockade fehle es Lou aber an Klarheit. Als mögliche familiäre Traumata verneint werden, ergänzt Maria Magdalena, dass die Blockade auch aus dem Vorleben oder aus Karma kommen könne. Grundsätzlich geht Maria Magdalena folgendermassen vor: Lou muss eine Frage stellen, welche sie mit Gegenfragen kontert und dann mit meist positiven Ratschlägen und Voraussagungen beantwortet. Trotzdem scheint uns das Beharren auf einem angeblichen Familientrauma problematisch. Wird einer Person trotz gegenteiliger Aussagen suggeriert, dass sie ein traumatisches Erlebnis unterdrückt, können die eigenen Erinnerungen in Frage gestellt werden. Dies kann verunsichern oder zu psychischen Belastungen und Realitätsverzerrungen führen. 

Blinzelnd treten wir aus dem schummrigen Zelt, direkt in die Arme der Praxis für Chinesische Medizin. Ein älterer Herr bietet uns eine Ersteinschätzung für eine Akupunkturbehandlung an. Er drückt an unseren Schultern herum, und sein Fazit ist klar: Wir haben eine schlechte Haltung und darum einen verkrampften Rücken, was uns leider als ziemlich plausibel erscheint. Lachend überreicht er uns einen Gutschein für eine Behandlung und wir machen uns auf den Weg zur nächsten Beratung. 

…Oder in den Karten?
Lou hat sich nämlich bei Margrit Ilmberger zu einer Zukunftsvorhersage durch Kartenlesen angemeldet. Für erneute hundert Franken möchten wir schauen, inwiefern sich Hand- und Kartenlesen decken. Ilmberger mischt die Lenormandkarten, lässt Lou dreimal abheben und legt ein Kartenmuster auf den Tisch. Diesen Prozess wiederholt sie in der Sitzung mehrmals. Die Liebe zuerst: Ilmberger lässt sich bestätigen, dass Lou in einer Beziehung ist und prophezeit sogleich, dass diese für immer halten werde. Die Beziehung soll zudem durch eine schnelle, gemeinsame spirituelle Entwicklung gestärkt werden. Nach Maria Magdalenas Vorhersage einer Schwangerschaft Ende zwanzig, will Lou noch Ilmbergers Sicht dazu hören. Tatsächlich wird bestätigt, dass Lous Karriere massgeblich von Familienplanung geprägt sein wird, jedoch sollte dies momentan noch nicht im Vordergrund stehen. Lou sei immerhin noch im Studium. Auch dazu kommt ein recht einschneidender Rat: Die momentanen Studienfächer hätten keine Zukunft, ein Studienwechsel stehe deshalb bevor. Demensprechend wird ein Studium mit besseren finanziellen Aussichten empfohlen, gleichzeitig jedoch geraten, Interesse vor Geld zu stellen. Im beruflichen Kontext wird auch eine längere Reise ins Ausland vorhergesagt, wodurch eine Neuorientierung stattfinden soll. 

Erfreulich ist die Nachricht, dass sich Lous Blockaden von selbst lösen werden und, dass Lou nie krank werden wird, ausgenommen von Hals-, Nasen-, Ohrenschmerzen im Winter. Zur selben Jahreszeit werde Lou auch die Nachricht eines seelisch kranken Kindes zugetragen werden, wer dieses Kind sein soll und was dies für Lou bedeutet, bleibt unklar. Auch eher düster sieht Ilmberger das zukünftige Verhältnis zwischen Lou und ihrer Schwester, welches von zunehmender Negativität und von Spannungen geprägt sein soll. Ein eigener Weg, gelöst von der Familie, wird deshalb empfohlen. Lou hofft, dass sich dies nicht bewahrheitet und, dass ihre Schwester auch weiterhin ihren Kleiderschrank und ihre Freundschaft teilen wird. 

Atlantis und die heutige Jugend
Etwas verspätet eilen wir zum letzten Happening unseres Besuches: dem «Wake-Up Call». Priska Wyss, Rade Maric, Ralf Haase und Monika Cardinal führen eine Podiumsdiskussion, moderiert von Johann Nepomuk, zum Thema «Wohin geht die Reise?». Heiss besprochene Themen sind das kommende «goldene Zeitalter», «Atlantis», Seelenpläne, Künstliche Intelligenz, die Frage nach «Fülle» und das Verhalten der heutigen Jugend. Ralf Haase ist der Ansicht, dass KI «Atlantische Energie» in sich hat. Priska bestätigt das und äussert die präzisierende Vermutung, dass KI «Kristalltechnologie» aus «Atlantis» sei. Monika Cardinal fügt an, dass KI zwar als «Propagandamaschinerie» verwendet werde, jedoch auch inhaltlich sinnvolle Ergebnisse erzielen könne, wenn als Prompt eingegeben werde, dass man selbst spirituell «erwacht» ist. Rade Maric ist überzeugt, dass die übermässige Nutzung von KI zu einer Gesellschaft der Soziophobie führt, was beispielsweise an den weniger besuchten Messen ersichtlich sei. Insbesondere treffe dies auf die Jugend zu, welche er als «masslos» beschreibt. Die heutige Jugend sei psychisch stark angespannt und benötige darum eine übermässige Menge an Rauschmitteln, um sich abzulenken. Dies sei früher anders gewesen, man habe in Massen konsumiert. Aktuelle Studien widerlegen Maric’ Aussage und zeigen einen Rückgang im jugendlichen Rauschmittelkonsum. Dementsprechend scheint Haases Aussage über rauschfreie Jugendliche, die an seinen Bali-Workshops teilnehmen plausibler. Er beteuert, seit vier Jahren selbst alkoholabstinent zu sein, denn Alkohol töte die Seele. 

Als letztes Thema fragt Nepomuk nach der Bedeutung von «Fülle». Ralf Haase und Priska Wyss sind sich einig, dass «Fülle» gleichbedeutend mit «absoluter Freiheit» sei. Wobei Wyss finanzielle Freiheit und Selbstbestimmung betont, während Haases Vorstellung von Freiheit seit einigen Jahren frei von materiellen Gütern ist. Er erwähnt, dass alle seine materiellen Besitztümer in einen Rucksack passen würden. Maric und Cardinal vertreten die Ansicht, dass «Fülle» aus Achtsamkeit und Dankbarkeit nach schweren Schicksalsschlägen entspringe. Esoterische Themen werden bei der Diskussion mit Narrativen aus Verschwörungserzählungen und Verallgemeinerungen ergänzt. Das circa zwanzigköpfige Publikum hört aufmerksam zu und unser Besuch neigt sich dem Ende zu. 

Wir haben heute viel Neues kennengelernt und interessante Gespräche geführt. Man begegnete uns mit Freundlichkeit, Offenheit und Überzeugung. Trotzdem waren die vielen Eindrücke auch anstrengend und teils kritisch zu hinterfragen. Die Messe bot einen Einblick in Themenbereiche, wie Spiritualität, Lebensberatung, Gesundheit, Energiearbeit, aber auch in Verschwörungserzählungen und in geschickte Verkaufsstrategien. 

Lukas Stopper & Lou Büchler, 8. Juni 2026

Zwischen Aura und Aufmerksamkeit – Ein psychologischer Blick auf die Lebenskraftmesse

Es war der erste wirklich warme Sommertag des Jahres, als ich mich auf den Weg an die Lebenskraftmesse im Seedamm Plaza machte. Fast schon passend zum Anlass entschied ich mich für einen langen weissen Rock und ein weisses Shirt. Irgendwie wollte ich optisch in die Atmosphäre passen, vielleicht sogar etwas «esoterisch» wirken. Die Messe fand direkt neben dem Casino statt. Ein amüsanter Zufall eigentlich, denn beim genaueren Hinsehen unterschieden sich manche Angebote in Bezug auf Preis und das nötige Vertrauen oder Glück gar nicht so stark von Glücksspiel.

Schon beim Betreten fiel die enorme Vielfalt der Stände auf. Die Themen reichten von Kartenlegen über Aura- und Energiearbeit bis hin zu fragwürdigen Gesundheitsprodukten und sogenannten energetischen Pflastern. Manche Angebote versprachen mehr innere Balance, andere Heilung, Erkenntnis oder Transformation. Die Stimmung wirkte ruhig und freundlich, fast wie auf einer Wellnessmesse. Gleichzeitig lag etwas Merkwürdiges in der Luft: ein Gemisch aus Spiritualität, Verkaufsatmosphäre und Selbstoptimierungsversprechen.

Auffällig war vor allem die Professionalität vieler Stände. Hochwertige Flyer, moderne Logos, durchdachte Farbkonzepte und professionell gedruckte Banner vermittelten Seriosität und Kompetenz. Vieles erinnerte eher an eine Berufs- oder Gesundheitsmesse als an alternative Spiritualität. Genau darin liegt vermutlich auch ein wichtiger psychologischer Mechanismus: Professionelles Auftreten erzeugt Vertrauen. Menschen neigen dazu, Kompetenz anhand von Äusserlichkeiten zu beurteilen. Wer professionell aussieht, wird schneller als glaubwürdig wahrgenommen.

Was ebenfalls sofort auffiel, waren die teilweise enorm hohen Preise. Produkte wurden für mehrere hundert bis tausend Franken verkauft, während Dienstleistungen wie Kartenlegen oft erst bei rund 100 Franken begannen. Selbst kleine Kurzberatungen waren erstaunlich teuer. Eine 15-minütige Auraberatung kostete beispielsweise bereits 25 Franken. Je länger ich mich auf der Messe aufhielt, desto deutlicher wurde, dass Spiritualität hier nicht nur gesucht, sondern auch verkauft wurde.

Um klein anzufangen, entschied ich mich genau für eine solche Auraberatung. Hinter dem Stand sass eine Frau mittleren Alters in hellen Kleidern. Sie bat mich, mich auf einen Stuhl vor sie zu setzen und die Augen zu schliessen, damit sie meine Aura «wahrnehmen» könne. Danach passierte erst einmal – nichts. Mehrere Minuten lang sassen wir schweigend da. Während ständig Menschen am Stand vorbeigingen, fühlte ich mich zunehmend wie ein Ausstellungsobjekt oder Teil einer Vorführung. Die unangenehme Stille schien gleichzeitig etwas Bedeutungsvolles erzeugen zu sollen. Vermutlich ist genau das Teil der Wirkung: Schweigen und Ritualisierung verleihen einer Handlung Tiefe und Ernsthaftigkeit, auch wenn objektiv wenig geschieht.

Nach einigen Minuten erklärte sie mir schliesslich, meine Aura sei gross und empfänglich, die Energie könne aber nicht richtig «durchfliessen». Zudem seien meine männliche und weibliche Energie leicht im Ungleichgewicht. Die Aussagen wirkten auffällig allgemein und offen interpretierbar. Menschen erkennen sich oft in sehr vagen, allgemein gehaltenen Beschreibungen wieder, insbesondere wenn diese positiv formuliert sind oder einen persönlichen Eindruck vermitteln. Aussagen wie «du hast viel Potenzial, blockierst dich aber manchmal selbst» wirken tiefgründig, treffen aber auf sehr viele Menschen zu.

Als ich fragte, woran sie das Ungleichgewicht erkenne, antwortete sie lediglich, ich dürfe «meine weibliche Energie mehr nach aussen tragen». Eine konkrete Erklärung blieb aus.

Anschliessend bot sie an, meine Aura «auszubalancieren», sofern ich mich darauf einlasse. Wieder folgten mehrere Minuten Schweigen mit geschlossenen Augen. Als sie mich danach fragte, ob ich eine Veränderung gespürt hätte, musste ich ehrlicherweise verneinen. Ich war mir nicht einmal sicher, was genau sich hätte verändern sollen. Auf mein Verneinen reagierte sie jedoch nicht überrascht. Vielmehr erklärte sie, genau dies bestätige ihre vorherige Einschätzung, dass ich mich selbst blockiere und Energien nicht richtig fliessen lassen könne. Letztlich bestand ein grosser Teil der 15 Minuten aus stillem Sitzen, während die wenigen gesprochenen Aussagen sehr allgemein blieben.

Gerade diese Erfahrung zeigte jedoch exemplarisch, wie viele Angebote auf solchen Messen funktionieren: Es werden vage Probleme benannt: blockierte Energien, Ungleichgewichte oder verborgene Potenziale und gleichzeitig Lösungen angeboten. Die Diagnosen sind oft kaum überprüfbar, wodurch sie sich nur schwer widerlegen lassen. Zudem wird stark mit subjektiven Wahrnehmungen gearbeitet. Spürt eine Person etwas, gilt dies als Bestätigung. Spürt sie nichts, heisst es oft, sie sei noch nicht offen genug oder müsse dem Prozess mehr Zeit geben. Dadurch entsteht ein System, das sich selbst absichert.

«Das wird nix»

Dieses Erlebnis machte mich neugierig auf ein weiteres Experiment: das Kartenlesen. An einem Stand wurde mir dafür grosszügig ein «Spezialpreis» angeboten. Statt der regulären 120 Franken sollte ich die 20 Minuten für nur 100 Franken erhalten. Später erfuhr ich allerdings, dass dieser sogenannte Spezialpreis offenbar regelmässig vergeben wurde. Der angebliche Rabatt wirkte damit weniger wie ein exklusives Entgegenkommen und mehr wie eine klassische Verkaufsstrategie. Menschen reagieren oft positiv auf vermeintliche Sonderangebote, weil sie das Gefühl vermitteln, gerade eine besondere Gelegenheit oder bevorzugte Behandlung zu erhalten.

Das Kartenlegen selbst fand deutlich privater statt als die Auraberatung. Hinter dem Stand stand ein kleines Tischchen, teilweise abgeschirmt durch ein Banner. Dadurch entstand sofort eine intimere Atmosphäre. Während man sich bei den offenen Ständen noch wie Teil eines Messebetriebs fühlte, wirkte dieses Setting beinahe wie ein vertrauliches Beratungsgespräch.

Zuerst sollte ich mehrere Karten auswählen, bis die Kartenlegerin «Stopp» sagte. Die Karten lagen in einer Reihe mit verdeckter Rückseite. Ich sollte «nach Gefühl» wählen. Anschliessend legte sie die gezogenen Karten in mehreren Reihen vor sich aus und begann, Fragen zu stellen.

«Ich sehe eine Liebesbeziehung – sind Sie in einer?»

«Hier steht auch, dass Sie überlegen, Ihre Wohnsituation zu verändern. Stimmt das?»

Da ich mich bewusst auf das Experiment einlassen wollte, beantwortete ich ihre Fragen ehrlich. Dadurch entwickelte sich schnell ein Gespräch, vor allem über meine Partnerschaft. Rückblickend fiel mir auf, wie stark das Kartenlegen eigentlich auf den Informationen aufbaute, die ich selbst preisgab. Viele Aussagen entstanden nicht direkt aus den Karten, sondern aus meinen Antworten und ihren anschliessenden Interpretationen. Dies erinnert dies stark an sogenannte «Cold Reading»-Techniken. Dabei werden offene Fragen, allgemeine Aussagen und subtile Reaktionen wie beispielsweise Körperhaltung, Gesichtsausdrücke oder Antwortgeschwindigkeit genutzt, um schrittweise Informationen über eine Person zu sammeln. Die Gegenüber fühlen sich oft erstaunlich «durchschaut», obwohl sie selbst die relevanten Informationen geliefert haben.

Das Gespräch wurde jedoch überraschend schnell sehr direkt. Die Kartenlegerin erklärte schliesslich ziemlich bestimmt, dass meine Beziehung vermutlich nicht halten würde, ausser wir würden «Nägel mit Köpfen machen» und zusammenziehen. «Sonst wird das nix», meinte sie mit ernster Stimme.

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie stark solche Aussagen emotional wirken können. Obwohl ich rational wusste, dass hier keine objektive Zukunftsanalyse stattfindet, löste die Deutlichkeit der Aussage trotzdem ein unangenehmes Gefühl aus. Genau darin liegt eine besondere psychologische Wirkung solcher Beratungen: Menschen suchen häufig Orientierung bei Themen, die ohnehin emotional aufgeladen oder unsicher sind wie Liebe, Gesundheit, Zukunft oder Lebensentscheidungen. Erhalten sie dann scheinbar intuitive oder spirituell begründete Aussagen, können diese trotz fehlender Grundlage grossen Einfluss auf ihre Gedanken und Gefühle haben.

Da mir das Gespräch zunehmend unangenehm wurde, fragte ich schliesslich bewusst: «Und wie würde es aussehen, wenn wir davon ausgehen, dass wir «Nägel mit Köpfen» machen?» Daraufhin durfte ich erneut Karten ziehen. Die Stimmung änderte sich plötzlich deutlich. Jetzt hiess es, dann werde alles gut ausgehen. «Ich habe nichts Negatives zu sagen.»

Diese abrupte Wendung wirkte fast wie eine kleine emotionale Achterbahnfahrt: zuerst sehr direkte, beinahe bedrohlich klingende Aussagen, danach plötzlich positive Zukunftsaussichten. Interessant war dabei, wie flexibel die Interpretation der Karten offenbar angepasst werden konnte. Je nach Fragestellung oder gewünschtem Szenario schienen neue Deutungen innerhalb der bezahlten 20 Minuten möglich zu sein.

Gerade bei Menschen, die sich ohnehin unsicher fühlen oder nach Orientierung suchen, könnten solche Aussagen jedoch starke Auswirkungen haben. Wer bereits Zweifel an einer Beziehung hat, könnte sich durch negative Prophezeiungen zusätzlich verunsichern lassen oder wichtige Entscheidungen plötzlich anhand solcher Deutungen treffen. Dadurch entsteht eine problematische Dynamik: Die Aussagen wirken persönlich und tiefgründig, beruhen jedoch letztlich nicht auf überprüfbaren Erkenntnissen, sondern auf Interpretation, Suggestion und Gesprächsführung.

Danke, Gabriel

Ich setzte meinen Rundgang durch die Lebenskraftmesse fort und blieb an einem Stand stehen, der sich optisch deutlich von vielen anderen abhob. An den Wänden und auf dem Tisch waren zahlreiche Fotos von Personen ausgestellt, über deren Köpfen und Oberkörpern farbige Flächen lagen wie bunte Kleckse oder ein digitaler Filter. Die Beschreibung des Standes lautete: «Aurafotos». Der Stand wurde von einer etwas älteren Dame und ihren Söhnen geführt. Die Atmosphäre wirkte freundlich und einladend, gleichzeitig weckte die Mischung aus Technik, Farben und spiritueller Deutung sofort meine Neugier.

Die Preise waren klar angeschrieben: Ein einfaches Aurafoto kostete 30 Franken, ein Foto mit zusätzlicher Beratung 60 Franken. Wer darüber hinaus eine sogenannte «Aurachirurgie» wünschte, musste stolze 90 Franken bezahlen. Ich entschied mich für die Variante Foto plus Beratung.

Ich setzte mich in eine Ecke vor eine etwas älter wirkende Kamera und wurde gebeten, meine Hände auf zwei Metallplatten zu legen. Dabei handelt es sich bei diesen Platten, nach eigenen Angaben, um ein Gerät das die «Aura» messen könne. Im Nachhinein habe ich jedoch in meiner Recherche herausgefunden, dass es sich um Sensoren handelt, welche körperliche Parameter wie Hautleitfähigkeit, Hautwiderstand oder teilweise auch Temperatur und Puls erfassen. Die gemessenen Daten werden anschliessend von einer Software verarbeitet und als farbige Darstellung ausgegeben. Ein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass dabei tatsächlich eine Aura oder ein Energiefeld sichtbar gemacht wird, existiert nicht. Die Farben und ihre Bedeutungen beruhen auf den Interpretationen des jeweiligen Systems.

Mein Foto kam kurz darauf aus dem Drucker und zeigte die Farben Weiss, Gelb, Grün und Blau. Die Dame zeigte grosses Interesse an meinem Bild und begann sofort mit der Deutung. Wir setzten uns auf zwei Stühle gegenüber voneinander, und sie stellte mir einige Fragen. Aufgrund meiner Antworten bot sie mir schliesslich eine kostenlose «Aurachirurgie» an. Ohne genau zu wissen, was mich erwartete, sagte ich zu.
Daraufhin nahm sie eine grosse Haushaltsschere zur Hand und begann mit weitausholenden Bewegungen die Luft vor meinem Gesicht zu durchschneiden. Etwas mehr Erklärung im Voraus hätte ich durchaus geschätzt, bevor ich die Schere gefährlich nahe an meinem Gesicht vorbeiziehen sah. Anschliessend forderte sie mich auf, einige Sätze nachzusprechen, die sich sinngemäss auf die Aussage reduzieren liessen: «Erzengel Gabriel, ich vertraue dir und übergebe dir meine Sorgen.»

Die Farben meines Aurafotos deutete sie folgendermassen: Gelb stehe für eine Person, die viel Verantwortung für andere übernehme. Grün ziehe glückliche Momente an, während Blau für Vertrauen und Verlässlichkeit stehe. Besonders auffällig sei jedoch ein weisser Bogen über meinem Kopf gewesen. Dieser erinnere an einen Heiligenschein und sei ein Zeichen dafür, dass ich unter dem Schutz von Erzengel Gabriel und Erzengel Rafael stehe.

Zum Abschluss der Beratung gab sie mir mit auf den Weg, mich bei Problemen stets an Erzengel Gabriel zu wenden. Unabhängig davon, welche Schwierigkeiten mich beschäftigten, solle ich sie ihm übergeben und darauf vertrauen, dass er mich unterstütze.

Ich verliess den Stand mit einem guten Gefühl. Nicht wegen der Erkenntnis, dass mich zwei Erzengel durchs Leben begleiten sollen, sondern wegen der freundlichen und wertschätzenden Art der Dame. Für einige Minuten stand ich im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Mein Foto wurde analysiert, meine Eigenschaften hervorgehoben und meine Stärken betont. Das fühlt sich angenehm an. Die Erfahrung machte deutlich, dass viele Angebote auf der Lebenskraftmesse nicht nur von spirituellen Versprechen leben, sondern auch von etwas sehr Menschlichem: dem Bedürfnis, gesehen, verstanden und wertgeschätzt zu werden.

Trotz aller kritischen Beobachtungen wirkte die Lebenskraftmesse auf mich nicht grundsätzlich bedrohlich. Die meisten Besucherinnen und Besucher schienen keine radikalen Ideologien zu suchen, sondern vielmehr Orientierung, Hoffnung, Heilung, persönliche Entwicklung oder Gemeinschaft. Viele Angebote knüpften an sehr menschliche Bedürfnisse an: den Wunsch, verstanden zu werden, Antworten auf schwierige Lebensfragen zu finden oder sich in einer zunehmend komplexen Welt etwas Besonderes und aufgehoben zu fühlen.

Auffällig war dabei, wie stark persönliche Aufmerksamkeit als Ressource genutzt wurde. An vielen Ständen nahmen sich die Anbieter Zeit für Gespräche, hörten aufmerksam zu und vermittelten den Eindruck, individuelle Antworten auf persönliche Probleme zu haben. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen Stress, Unsicherheit oder Einsamkeit erleben, kann dies sehr anziehend wirken. Die Erfahrung am Aurafoto-Stand zeigte mir, dass es oft nicht die spirituellen Erklärungen selbst sind, die Menschen ansprechen, sondern das Gefühl, gesehen und wertgeschätzt zu werden.

Dennoch bleiben Fragen offen. Viele der angebotenen Methoden und Konzepte beruhen nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf Glaubensvorstellungen, persönlichen Erfahrungen oder spirituellen Weltbildern. Das ist grundsätzlich legitim, solange dies transparent kommuniziert wird. Problematisch wird es jedoch dort, wo unbelegte Behauptungen als Tatsachen dargestellt werden, hohe finanzielle Investitionen erwartet werden oder Hoffnungen geweckt werden, die sich nicht überprüfen lassen. Besonders sensibel erscheint dies bei Menschen, die sich in einer belastenden Lebenssituation befinden und deshalb empfänglicher für einfache Lösungen oder Heilsversprechen sein können. Wie hoch die Preisvorstellungen teilweise ausfallen, zeigte sich an einem Stand, an dem unter anderem eine Pyramide aus Kunstharz verkauft wurde, in die ein Edelstein eingegossen war. Dem Objekt wurden verschiedene energetische Eigenschaften zugeschrieben, der Verkaufspreis lag jedoch bei über 1000 Franken. Solche Beispiele werfen die Frage auf, in welchem Verhältnis der materielle Wert eines Produktes zu den versprochenen spirituellen oder energetischen Wirkungen steht.

Die Lebenskraftmesse präsentierte sich insgesamt als bunte Mischung aus Wellness, Spiritualität, Esoterik, alternativen Heilmethoden und persönlicher Sinnsuche. Zwischen harmlosen Angeboten, interessanten Begegnungen und fragwürdigen Versprechen verliefen die Grenzen oft fliessend. Umso wichtiger erscheint ein kritischer, aber respektvoller Blick: Nicht jede ungewöhnliche Idee ist gefährlich, doch nicht jede wohlklingende Behauptung verdient automatisch Vertrauen. Wer die Messe besucht, tut gut daran, Offenheit mit einer gesunden Portion Skepsis zu verbinden.

Nona Poghosyan, Juni 2026

Bericht über einen Gottesdienstbesuch bei der AD Suíça in Luzern

Die Glaubensgemeinschaft AD Suíça ist eine freikirchliche christliche Gemeinde, die stark von der portugiesischsprachigen Migration geprägt ist. AD steht für Assembleia de Deus, übersetzt «Versammlung Gottes», was eine der weitest verbreiteten pfingstlichen Freikirchbewegungen weltweit ist. Die AD Suíça ist an mehreren Standorten vertreten, unter anderem in Luzern, Bern, Lausanne und Saxon. Ihre Anfänge reichen in die späten 1980er-Jahre zurück, als ein portugiesisches Ehepaar mit dem Familiennamen Adão nach seiner Auswanderung in die Schweiz den Wunsch hatte, eine eigene Gemeinde aufzubauen. 1988 fand der erste Gottesdienst statt. Auf der Webseite der Gemeinde sind die wichtigsten Entwicklungsschritte sehr ausführlich und chronologisch dokumentiert. Darunter die Ausbreitung in verschiedene Städte, die offizielle Registrierung der Kirche, sowie Wechsel in der Gemeindeleitung. Seit 2023 wird die Gemeinde von Pastor Samuel Guimarães geleitet.

Inhaltlich gehört die AD Suíça zur pfingstlich-evangelikalen Richtung des Christentums. Auffällig ist, dass das, was man sonst allgemein über evangelikale Gemeinden liest, hier sehr konkret im eigenen Glaubensbekenntnis festgehalten ist und nicht nur indirekt erkennbar wird. Im Zentrum steht der Glaube an die Dreieinigkeit sowie die Bibel als verbindliche Grundlage. Gleichzeitig wird grosser Wert darauf gelegt, dass der Glaube nicht nur «im Kopf» stattfindet, sondern sich deutlich im Alltag zeigt. Es geht also nicht nur darum, zu glauben, sondern diesen Glauben auch sichtbar zu leben. Auch der Heilige Geist spielt eine wichtige Rolle, etwa in freien Gebeten oder in der Erwartung, dass Gott im Leben der Gläubigen konkret wirkt. Themen wie Heilung durch Gebet werden ebenfalls angesprochen. Die Taufe erfolgt bewusst erst nach einer eigenen Entscheidung und wird durch vollständiges Untertauchen durchgeführt. Insgesamt hat man den Eindruck, dass diese Punkte nicht einfach theoretisch dazugehören, sondern tatsächlich die Praxis der Gemeinde prägen.

Auffällig ist auch, dass die Gemeinde nach aussen relativ präsent ist. Besonders über Instagram werden regelmässig Inhalte geteilt, etwa Hinweise auf kommende Veranstaltungen oder Eindrücke aus dem Gemeindeleben. Daneben ist die AD Suíça auch auf Facebook und YouTube aktiv. Dadurch bleibt die Gemeinde für Interessierte gut sichtbar und man bekommt einen recht direkten Einblick in ihre Aktivitäten. Auch zeigt ihre gut gepflegte Social Media Präsenz, dass es eine Gemeinde mit vielen «jungen» Mitgliedern ist, also vielen jungen Erwachsenen und Teenagern.

Im Namen von Relinfo habe ich selbst an einem Samstagabend einen Gottesdienst der Gemeinde in Luzern besucht, um einen besseren Eindruck von den Leuten und dem Gemeindeleben zu bekommen. Aus früheren Besuchen ähnlicher Gottesdienste war ich es gewohnt, die Räumlichkeiten erst einmal suchen zu müssen, da solche Gemeinden oft eher unauffällig in Gewerbegebäuden oder Nebenstrassen untergebracht sind. Entsprechend bin ich auch hier mit dieser Erwartung nach Luzern gefahren. Umso überraschender war es, dass sich der Ort sehr unkompliziert finden liess. Die Gemeinde befindet sich in einem gemischten Quartier mit Wohnungen und Büros, direkt unterhalb einer Feuerwehrstation. Der Eingang war klar erkennbar und wirkte nicht versteckt, sodass man bereits beim Ankommen ohne Unsicherheit wusste, dass man am richtigen Ort ist.

Der Gottesdienstraum befindet sich im Untergeschoss. Obwohl es keine Fenster gibt, wirkte der Raum durch die helle Beleuchtung nicht düster. Er war relativ gross, mit vielen Stühlen und einem Podest im vorderen Bereich. An der Wand stand «Jesus salva» («Jesus rettet»), daneben hing ein grosses Kreuz. Ein Bildschirm zeigte «Bem-vindo» («Willkommen»). Instrumente wie ein Keyboard und ein Schlagzeug waren vorhanden, wurden an diesem Abend aber nicht genutzt. Insgesamt wirkte alles eher schlicht, aber gut organisiert und funktional.

Als ich ankam, waren bereits alle da. Insgesamt waren es etwa 20 Personen, beinahe die Hälfte davon Kinder. Viele kamen als Familien, teilweise auch mit Grosseltern. Das verstärkte sofort den Eindruck einer sehr familiären Gemeinschaft. Mir fiel auch schnell auf, dass hauptsächlich Portugiesisch aus Portugal (und nicht aus Brasilien) gesprochen wurde, was die kulturelle Prägung der Gemeinde deutlich machte.

Der Gottesdienst begann mit Gesang. Pastor Guimarães sang vor, und wir stimmten ein. Gesungen wurde ohne Begleitung von Instrumenten oder Hintergrundmelodie. Die Liedtexte wurden vorne auf dem Bildschirm eingeblendet. Die Lieder waren sehr einfach aufgebaut, oft wurden wenige Zeilen mehrfach wiederholt. Dadurch konnte man schnell mitmachen, auch wenn man die Lieder nicht kannte. Gleichzeitig zogen sich manche Lieder dadurch ziemlich in die Länge. Nach mehreren Liedern folgte ein freies Gebet, das der Pastor mit geschlossenen Augen sprach. Dieser Einstieg in den Gottesdienst dauerte um die 15 Minuten.

Danach wurden neue Besucher begrüsst. Neben mir war auch eine weitere Familie zum ersten Mal da. Wir wurden aufgefordert, kurz mit anderen ins Gespräch zu kommen und uns gegenseitig Segenswünsche auszusprechen. Es kamen direkt Leute auf mich zu, aber auf eine angenehme Art. Ich hatte nicht das Gefühl, ausgefragt zu werden, sondern eher, dass man sich einfach freut, dass jemand Neues da ist. Nach dieser kurzen Begrüssung lenkte Pastor Guimarães die Aufmerksamkeit auf sich.

Allgemein wurde der Gottesdienst im weiteren Verlauf zunehmend interaktiv. Pastor Guimarães erklärte jeweils kurz, was wir machen sollten, und machte es direkt vor. Wir wurden dann aufgefordert, ihm nicht nur gesanglich zu folgen, sondern auch die entsprechenden Bewegungen mitzumachen. Dadurch entstand eine Art Wechselspiel zwischen ihm und der Gemeinde.

Ein Beispiel dafür war ein Lied, das sehr stark auf Nachahmung aufgebaut war. Der Pastor begann mit «eins, zwei, drei» und zeigte die Zahlen gleichzeitig mit den Fingern. Wir wiederholten das im Chor. Danach folgte «Gott liebt mich», wobei er sich mit beiden Händen auf die Brust fasste. Auch diese Bewegung machten wir nach. Anschliessend ging es weiter mit «vier, fünf, sechs», wieder mit den Fingern angezeigt. Ein Teil des Liedes lautete «Seu amor nunca falha» («Seine Liebe versagt nie»), begleitet von einer verneinenden Geste mit dem Zeigefinger, die wir ebenfalls übernahmen. Später kamen noch weitere Elemente dazu, etwa »sieben, acht, neun» oder ein Frage-Antwort-Teil wie “Glücklich? – Ja!“, verbunden mit entsprechend freudigen Bewegungen. Am Ende hiess es sinngemäss, dass Gott ein «Freund ohne Ende» sei. Der Ablauf war dabei immer gleich: Der Pastor machte es vor, wir machten es nach. Wenn die Beteiligung des Publikums aus seiner Sicht zu verhalten war, griff er das direkt auf und liess uns einzelne Teile nochmals wiederholen. Dadurch bekam das Ganze einen sehr spielerischen, teilweise fast schon schulischen Charakter.

Am Anfang war ich ehrlich gesagt etwas irritiert von dieser Art der Gestaltung. Es wirkte stellenweise ziemlich kindlich, und ich war mir nicht ganz sicher, wie ich mich dabei verhalten soll. Erst im Laufe des Gottesdienstes wurde mir klar, dass dieser Abend tatsächlich speziell auf Kinder ausgerichtet war. Eine klare Ankündigung dazu gab es jedoch nicht wirklich, weshalb sich dieser Eindruck erst nach und nach erschloss. Rückblickend erklärt das zwar die Gestaltung, trotzdem hatte ich zwischendurch das Gefühl, nicht ganz in die Situation zu passen und kam mir stellenweise etwas fehl am Platz vor. Gleichzeitig kam bei mir auch kurz der Gedanke auf, ob solche Elemente vielleicht generell häufiger Teil der Gottesdienste sind. Allerdings ist mir bewusst, dass dieser Eindruck durch die spezielle Ausrichtung dieses Abends verzerrt sein kann, weshalb ich das ohne Vergleich nur schwer einschätzen kann.

Die anwesenden Kinder wurden immer wieder nach vorne auf das Podest gerufen und standen im Zentrum des Geschehens. Es waren etwa sieben Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Sie machten aktiv mit, sangen, beantworteten Fragen und wurden stark in die Abläufe eingebunden.

Ein zentraler Teil der Predigt lief über eine Diashow, die der Pastor vorne am Bildschirm leitete. In einem Abschnitt zeigte er Bilder einer Henne mit ihren Küken und stellte den Kindern Fragen wie: «Was sehen wir hier?» oder «Wer hat diese Tiere erschaffen?» Die Kinder antworteten entsprechend, wobei die erwartete Antwort jeweils klar war, nämlich Gott oder Jesus. Die Situation erinnerte dabei teilweise eher an eine Unterrichtssituation als an eine klassische Predigt, bei der die «richtigen» Antworten im Grunde schon vorgegeben waren. Dadurch blieb wenig Raum für eigenes Nachdenken oder eine kritischere Auseinandersetzung mit den Inhalten. Ich hatte stellenweise den Eindruck, dass die Kinder vor allem das wiedergeben, was ihnen bereits vermittelt wurde, ohne dass die Hintergründe oder Zusammenhänge weiter vertieft werden. Zwar richtet sich ein solcher Gottesdienst bewusst an Kinder und versucht, Inhalte möglichst einfach darzustellen. Gleichzeitig könnte man argumentieren, dass Kinder durchaus in der Lage sind, komplexere Zusammenhänge zumindest ansatzweise zu verstehen und eigene Fragen zu entwickeln. In diesem Fall stand jedoch eher das Wiederholen klar vorgegebener Aussagen im Vordergrund, weniger das eigenständige Nachdenken über die Inhalte.

Im weiteren Verlauf baute der Pastor die Geschichte mit der Henne und ihren Küken weiter aus. Auf den nächsten Bildern zeigte er, wie auf dem Hof ein Feuer ausbricht, begleitet von entsprechenden Geräuschen eines flackernden Feuers. Danach erschien ein Bild, auf dem die Henne tot zu sehen war, während die Küken unter ihr Schutz gefunden hatten. Die Aussage wurde dann klar formuliert: Die Henne bleibt bei ihren Küken und schützt sie, auch wenn sie dabei selbst stirbt. Daraufhin stellte der Pastor einen Bezug zur Bibel her, konkret zu Matthäus 23,37. In diesem Vers spricht Jesus über Jerusalem und sagt, dass er die Menschen sammeln wollte «wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt», sie dies aber nicht wollten. Im ursprünglichen Kontext geht es dabei eher um die Ablehnung Jesu und eine klagende Aussage darüber, dass die Menschen diesen Schutz nicht annehmen. Im Gottesdienst wurde dieses Bild jedoch erneut vereinfacht und stärker auf die Idee von Schutz und Aufopferung reduziert: So wie die Henne ihr Leben für ihre Küken gibt, habe auch Jesus sein Leben für die Menschen gegeben. Diese Interpretation ist zwar nachvollziehbar und für Kinder vermutlich gut zugänglich, greift den biblischen Kontext jedoch nicht ganz auf. Ähnlich wie zuvor blieb auch hier wenig Raum für ein tieferes Verständnis oder für Fragen nach dem grösseren Zusammenhang der Bibelstelle. Stattdessen stand erneut eine klare, vorgegebene Botschaft im Vordergrund, die von den Kindern übernommen werden sollte und die sehr oberflächlich zu sein schien.

Im Anschluss wurde das Thema Sünde aufgegriffen. Dies geschah erneut über ein einfaches Lied, in dem vermittelt wurde, dass das Herz des Menschen nicht von Anfang an rein ist und durch Gott verändert werden muss. Auch hier wurde die Botschaft vor allem durch Wiederholung eingeprägt. Dadurch war sie zwar leicht verständlich, blieb aber erneut inhaltlich eher oberflächlich und mit wenig Raum für eine vertiefte Auseinandersetzung.

Zum Abschluss wurde das Thema Vertrauen aufgegriffen und praktisch umgesetzt. Einige Kinder kamen nach vorne und sollten sich rückwärts fallen lassen, während ihre Mütter oder Grossmütter hinter ihnen standen und sie auffingen. Der Pastor erklärte dazu, dass man Gott genauso vertrauen solle, also sich gewissermassen “fallen lassen“, ohne Kontrolle zu behalten. Die Übung machte die Botschaft sehr deutlich. Es ging nicht nur um Vertrauen im allgemeinen Sinne, sondern um eine vollständige Hingabe, bei der man sich bewusst in die Hände Gottes gibt. Für die Kinder war das sicherlich anschaulich und leicht verständlich. Gleichzeitig wurde damit eine klare Erwartungshaltung transportiert. Vertrauen bedeutet hier, sich ohne Zweifel hinzugeben, statt Dinge zu hinterfragen oder selbst abzuwägen.

Insgesamt hatte der Gottesdienst eine sehr engagierte und persönliche Atmosphäre. Gleichzeitig wurde deutlich, wie stark die Gemeinde von einem familiären Umfeld geprägt ist. Der Fokus auf Gemeinschaft und die Einbindung von Kindern waren besonders auffällig und scheinen ein zentrales Element des Gemeindelebens zu sein.

Aus einer beobachtenden Perspektive wirkte der Gottesdienst jedoch stellenweise stark vereinfacht, oberflächlich und emotional geprägt, insbesondere in der Art, wie Inhalte vermittelt wurden. Komplexere Zusammenhänge wurden häufig auf klare, leicht verständliche Aussagen reduziert, die wenig Raum für eigene Fragen oder eine vertiefte Auseinandersetzung liessen. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass genau dies Teil eines bewussten Konzepts ist: Der Glaube soll nicht in erster Linie theoretisch erklärt, sondern möglichst direkt, zugänglich und lebensnah erfahrbar gemacht werden.

Im grösseren Kontext zeigt sich hier ein Ansatz, der in vielen freikirchlichen Bewegungen zu beobachten ist: Gemeinschaft, persönliche Erfahrung und klare Botschaften stehen im Vordergrund, während komplexere theologische Fragen eher in den Hintergrund treten. Für die AD Suíça scheint dieses Modell aktuell gut zu funktionieren, insbesondere im Hinblick auf den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde, welcher sehr stark zu sein scheint.

Gleichzeitig empfand ich die Art der Vermittlung als deutlich zu reduzierend. Inhalte wurden so stark vereinfacht, dass kaum Raum für eigene Gedanken oder ein tieferes Verständnis blieb. Gerade bei den Kindern hatte ich den Eindruck, dass sie vor allem lernen, bestimmte Antworten zu geben, anstatt sich wirklich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Auch wenn das den Zugang erleichtert, stellt sich für mich die Frage, wie nachhaltig diese Form der Vermittlung ist, insbesondere dann, wenn es später darum geht, den eigenen Glauben selbstständig zu reflektieren und einzuordnen.

Laura Meyer, Mai 2026

Wenn Freikirchen sich sektenhaft radikalisieren – Dag Heward-Mills und seine Gemeinschaften Living Waters International und Erste Liebe Kirche auf problematischen Wegen

In den vergangenen Jahren sind die beiden von Dag Heward-Mills (geb. 1963) begründeten Schwesterkirchen Living Waters International (ehemals Mustard Seed Chapel International) und Erste Liebe Kirche in der Schweiz durch sektenähnliches Auftreten aufgefallen. Insbesondere massive Missionierung von Jugendlichen online und auf der Strasse, heftiger Druck auf regelmässigen Besuch der Veranstaltungen und Betonung der Pflicht zur Zehntenzahlung, z.T. mit sozialer Kontrolle, haben bei Mitgliedern, Angehörigen und in den Medien zu einem Beratungsbedarf geführt, der die Schwesterkirchen bei Fachstellen in den letzten Jahren zu den meist nachgefragten Freikirchen in der Schweiz machte.

Bis vor wenigen Jahren verhielt sich dies noch anders: So ist die Kirche Living Waters International schon seit 1992 in der Schweiz tätig, zuerst unter dem Namen Lighthouse Chapel International und ab 2017 als Mustard Seed Chapel International, und galt über Jahrzehnte als eher moderat, vertreten wurde ein pfingstliches Christentum mit Ansätzen der Wort-des-Glaubens-Lehre, wie für Gemeinschaften mit Hauptsitz in Afrika typisch, aber weniger offensiv als manch andere sog. Migrationsgemeinschaften.

Seit einigen Jahren hat sich dies nach und nach verändert. Ehemalige Mitglieder berichten von wachsendem Druck, die Veranstaltungen zu besuchen, so müsse, wer bei den bis zu drei Veranstaltungen pro Woche (Gottesdienst, Kleingruppe und Evangelisationseinsatz) nicht regelmässig auftaucht, mit intensivem Nachfassen über Social Media rechnen. Der Zehnte werde nicht nur eingefordert, sondern die Überweisungen per Twint oder bar seien in den Gottesdiensten für die Umstehenden sichtbar hochzuheben, Kleidervorschriften seien zu beachten, zudem herrsche grosser Druck, sich möglichst bald taufen zu lassen.

Angehörige melden sich bei Fachstellen, weil ihre Teenagers angeworben wurden und nun selbst massiv Werbung machen, und weil sich in die Begeisterung für die Gottesdienste und den neu gefundenen Glauben typischerweise bald schon Zeichen von Stress und Überforderung durch den Termin- und Spendendruck mischen und auf Rückfragen ausweichend reagiert wird. All dies erinnert die Angehörigen an die typischen Merkmale von Sekten und lässt sie besorgt Beratungsstellen kontaktieren.

Bei Fachstellen melden sich auch Betroffene aus anderen Kirchen und der Öffentlichkeit, die durch die überbordende und z.T. übergriffige Werbung der beiden Kirchen konfrontiert sind, so wurden in den letzten Jahren Besuchende des kirchlichen Unterrichts vor Kirchgemeindehäusern und Pfarreiheimen abgefangen und in die eigenen Veranstaltungen eingeladen. Auch Kinder im Alter von 12 Jahren wurden in der Öffentlichkeit angesprochen, und auf den Social-Media-Accounts der Kirchen wird übergriffige Werbung nicht problematisiert, sondern gefeiert.

Wenn sich Freikirchen radikalisieren, tritt deren Führung in aller Regel als treibende Kraft der bedenklichen Entwicklung auf, was sich jeweils in Verlautbarungen und Publikationen nachzeichnen lässt. Bei den von Dag Heward-Mills gegründeten Kirchen ist es genauso. Ihre Radikalisierung spiegelt die problematischen Tendenzen, die sich in den letzten Jahren im Werk des Gründers ergeben haben. Seine Lehre hat sich in mehrfacher Hinsicht typischen Merkmalen problematischer Gemeinschaften und insbesondere den Gepflogenheiten christlicher Sekten angenähert, wofür im Folgenden einige markante Beispiele erläutert werden sollen.

Führungskult

Ein bei problematischen Gemeinschaften oft vorkommendes Merkmal ist der Führungskult. Leitende erwarten oder lassen es zu, dass sie von den Mitgliedern als überragend bedeutsame oder gar als übermenschliche Person verehrt werden. Im Zusammenhang mit problematischen Entwicklungen bei Freikirchen lassen sich die Leitenden gerne mit einer Kumulation von Ämtern aus dem neuen Testament, z.B. sowohl als Apostel als auch als Propheten, versehen. Typischerweise wird dann auch den privaten Lebensereignissen der Leitenden hohe Aufmerksamkeit zuteil.

Dieses Phänomen zeigt sich in den letzten Jahren um Dag Heward-Mills mit aller Deutlichkeit. Ihm werden alle Ämter zugerechnet, die das Neue Testament hergibt. Er ist Lehrer, Hirte, Evangelist, Bischof, Prophet und Apostel. Seine Geburtstage werden in den lokalen Gemeinden gefeiert, mit Formulierungen, welche die überragende Bedeutung Dag Heward-Mills für seine Gemeinschaft deutlich machen: «Happy Birthday Bishop Dag Heward Mills – Celebrating 60 Years of God’s Goodness» hiess das Motto bei Dags Sechzigstem. Ehemalige Mitglieder von Dag Heward-Mills Kirchen berichten davon, dass der Geburtstag des Gründers in den lokalen Gemeinden viel intensiver gefeiert wird als derjenige der jeweiligen Gemeindeleitenden. In einem «normalen» Freikirchenverband wäre solches undenkbar.

Kritikverbot

Ein untrügliches Zeichen sektenhafter Entwicklung ist die Etablierung eines Kritikverbots gegenüber der Leitung. Währenddem Kirchenleitende um ihre Menschlichkeit wissen und Kritik seitens ihrer Mitglieder als Herausforderung annehmen, sehen sich Verbandsführende, die sich in sektenhafte Richtung bewegen, zunehmend der Kritik enthoben, und verwenden, wenn sie ursprünglich dem freikirchlichen Umfeld entstammen, typische Argumentationsfiguren, um Kritik ihrer Mitglieder zu delegitimieren und zu unterbinden.

Da sich in der Bibel nirgendwo ein Verbot der Kritik an Führungskräften findet – im Gegenteil, biblische Leitende haben sich intensiv mit Hinterfragungen aller Art zu beschäftigen, wovon z.B. die Paulusbriefe beredtes Zeugnis ablegen – werden von sektenhaft sich entwickelnden Führungspersonen gerne Passagen, die eigentlich etwas ganz anderes meinen als ein Kritikverbot, aus ihrem Kontext gerissen und uminterpretiert. Lieblingsstelle angehender Sektenführender ist Psalm 105,15a. Er soll hier nach der Neuen Zürcher Bibel in seinem Kontext angeführt werden:

«7 Der Herr ist unser Gott, über die ganze Erde hin gilt sein Urteil. 8 Ewig gedenkt er des Bundes, auf tausend Generationen des Wortes, das er geboten hat, 9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen hat, und seines Schwurs für Isaak. 10 Er setzte ihn fest für Jakob als Recht, für Israel als ewigen Bund. 11 Er sprach: Dir gebe ich das Land Kanaan, euer zugemessenes Erbe. 12 Da sie noch wenige waren, erst kurz im Lande und Fremdlinge dort, 12 da sie umherzogen von Volk zu Volk, von einem Königreich zum anderen, 14 erlaubte er niemandem, sie zu bedrücken, und um ihretwillen wies er Könige zurecht: 15 Meine Gesalbten tastet nicht an, und meinen Propheten tut kein Leid. 16 Doch dann rief er den Hunger ins Land und nahm allen Vorrat an Brot. 17 Er sandte einen vor ihnen her, als Sklave wurde Josef verkauft.»

Aus diesem historischen Bericht über das Handeln Gottes an den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob wird von Leitenden mit Ansprüchen auf Kritikverbot jeweils nur der Halbvers Ps 105,15a zititert: «Meine Gesalbten tastet nicht an». Dieser Halbvers wird in einen neuen Zusammenhang gestellt: Es handle sich, so die Behauptung, in diesem Vers um ein Gebot für heutige Christinnen und Christen, «Gesalbte» seien die betreffenden Leitenden, und «antasten» bezöge sich auf jegliche Kritik.

Der Zusammenhang macht unmittelbar klar, dass diese Verwendung von Ps 105, 15a ein typisches Beispiel einer sektenhaften Verzerrung der Bibel darstellt:
– Der Befehl bezieht sich auf eine historisch vergangene Zeit, diejenige der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Schon bei Josef gilt er, wie der weitere Fortlauf des Psalms Vers 16f. klar macht, nicht mehr.
– Die Aufforderung richtet sich nach Vers 14 nicht an heutige christliche Gläubige, sondern an die damaligen polytheistischen Herrschenden von Kanaan und Umgebung.
– Die «Gesalbten» sind die im Text genannten Erzväter, nicht heutige Gemeindeleitende.
– Mit «antasten» (nagac – berühren, schlagen, plagen) ist nicht Kritik, sondern massive Einwirkung gemeint, verdeutlicht durch das parallele «ein Leid tun» (racac) in Vers 15b.

Wer Ps 105,15a für ein Kritikverbot missbraucht, dem geht es nicht um Bibeltreue, sondern darum, sektenartige Strukturen durch verdrehte Bibelzitate abzustützen zu versuchen.

All dies ficht Dag Heward-Mills nicht an, er wird in seinen Werken nicht müde zu betonen, dass er als «Gesalbter» der Kritik enthoben ist: «You will not criticize anointed people because you love the Spirit». (Going Deper and Doing More, s. 19).

Dag Heward-Mills verwendet weitere Argumentationen, so die Behauptung, von Gott eingesetzt zu sein: «Ich bin hier, weil Gott mich hierhin platziert hat. Es mag Menschen geben, welche sogar bessere Pastoren sind als ich es bin, aber Gott hat mich an ihrer Stelle hierhin platziert. David war König, weil Gott ihn zum König machte. Er war nicht König, weil er die am besten qualifizierte Person war. Manchmal scheint der Assistent in gewissen Dingen kompetenter zu sein als sein Leiter. Aber begehen Sie nicht den Fehler, gegen die Ordnung, welche Gott bestimmt hat anzukämpfen. Sie werden keinen Erfolg haben! Es ist Gott der platziert und es ist Gott der entfernt, wie es Ihm gefällt. Sie können nicht entfernen, was Gott eingesetzt hat.» (Loyalität und Illoyalität s. 79).

Dies hält Dag Heward-Mills allerdings nicht davon ab, Pastoren aus seinen Kirchen zu entfernen. Er berichtet in seinen Büchern laufend davon. Die Einsetzung durch Gott scheint nur bei ihm (und bei König David) zuzutreffen. Alle anderen scheinen ersetzbar zu sein.

In den letzten Jahren wurde die loyale Unterordnung der Mitglieder seiner Kirchen unter seine Leitung eines der Hauptthemen von Dag Heward-Mills. So publizierte er eine Schriftenreihe unter dem Titel «Loyalty and Disloyalty», «Loyalität und Illoyalität», wobei jeder Band einer Personengruppe gewidmet ist, welche in der Gemeinde für Ärger sorgen kann und bekämpft werden muss. Die Titel lauten im Einzelnen:

– Those who are Dangerous Sons
– Those who are Ignorant
– Those who are Mad
– Those who are Offended
– Those who are Proud
– Those who are Wolves
– Those who Accuse You
– Those who Forget
– Those who Honour You
– Those who Leave You
– Those who Make Shipwreck
– Those who Pretend
– Those who Rebel

Das Kritikverbot wird in dieser Schriftenreihe sehr explizit formuliert: «In meiner Kirche entwickelten wir schrittweise, was ich als eine Kultur der Loyalität bezeichne. Es ist unakzeptabel sich negativ über irgendeinen Pastor zu äussern.» (Loyalität und Illoyalität s. 40).

Gehorsam

Sekten fordern von ihren Mitgliedern Gehorsam, der im Fall von christlichen Sekten gern als Gehorsam gegenüber Gott motiviert wird, der sich dann im Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft zeigen soll und auch an letzterem gemessen wird.

In Dag Heward-Mills Verkündigung hat der Gehorsam, den er von seinen Gemeindegliedern einfordert, eine grosse Bedeutung. Auch bei diesem Thema nimmt Dag Heward-Mills von eigenartigen Argumentationen nicht Abstand, so wird der im Neuen Testament entscheidende Begriff der Liebe zu Gehorsam umgedeutet: «When you love the Father which is in heaven you will try to obey Him. To Almighty God, love is obedience and obedience is love!» (Going Deeper and Doing More, s. 17). «The more you love God, the more obedient you will be. … You will seek to be the most obedient child of God just because of your love for God». (Going Deeper and Doing More, s. 18).

Wer gehorsam ist, kann durch Wohlstand belohnt werden: «Have you wondered why you never have enough money? The power of supernatural provision will come into your life when you are obedient!» (Stir up s. 24)

Solche Umdeutungen biblischer Grundsätze in etwas anderes sind sehr typisch für christliche Sekten, genauso wie es die Betonung des Gehorsams als solcher ist.

Spitzelwesen

Sekten sind berüchtigt dafür, Regeln nicht zur aufzustellen, sondern deren Einhaltung zu überwachen. Verschiedene bekannte christliche Sekten führen ein Spitzelwesen, indem die Mitglieder angehalten werden, Verstösse anderer Mitglieder an die Leitung zu melden. Wer dies nicht tue, mache sich an den nicht gemeldeten Sünden mitschuldig, wird typischerweise gedroht.

Dag Heward-Mills lehrt heute vergleichbar: «Eine loyale Person hält keine Informationen zurück. Eine loyale Person ist offen gegenüber ihrem Ältesten, betreffend dem was läuft» (Loyalität und Illoyalität s. 54). «Eine gute und loyale Struktur funktioniert dank aufrichtigen Menschen, welche die Oberen über all das informieren, was nicht in Ordnung ist.» (Loyalität s. 54). «Wenn Sie über etwas Übles Bescheid wissen, dann wird von Ihnen erwartet, dass Sie es sagen!» (Loyalität s. 56). «Wenn Sie Informationen zurückhalten, dann vermitteln Sie den Eindruck, dass Sie das, was vorgeht unterstützen. Das ist, was wir Mitschuld nennen.» (Loyalität s. 56)

Dag Heward-Mills bewegt sich hier auf derselben Argumentationsschiene wie sehr bekannte christliche Sekten.

Diskriminierung

Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Ausrichtung ist ein typisches Merkmal problematischer Gemeinschaften. In christlichen Sekten findet sich insbesondere die Diskriminierung durch homophobe Aussagen häufiger. Auch Dag Heward-Mills legt homophobe Haltungen an den Tag, indem er etwa Homosexualität als vom Satan gewirkt darstellen kann:

«I know of pastors who were turned into homosexuals and sent to prison. Satan would love to turn you into a homosexual and put you away in prison.» (A Good General s. 178).

Im selben Buch kann Dag Heward-Mills Homosexualität als Folge von unerfülltem heterosexuellem Partnerwunsch deuten und mit Vergewaltigung auf eine Stufe stellen: «When a young man is unable to get a wife, for whatever reason, the ‹zero sex attack› can turn him into a homosexual, a rapist or a pornographer» (The Good General s. 257).

Im darauffolgenden Abschnitt bringt Dag Heward-Mills noch eine dritte Behauptung: «Perhaps, one of the saddest effects of the ‹zero sex› attack is when a husband or a father is turned towards other men for his sexual needs. A normal husband becomes someone who now has homosexual relationship with boys and men.» Dass es sich in einer solchen Konstellation um homosexuelle Männer handeln könnte, die in einem repressiv-heteronormativen Milieu heterosexuell geheiratet haben, und die später zu ihrer Homosexualität stehen, dies bedenkt Dag Heward-Mills offenbar nicht – obwohl der von ihm so betonte «zero sex» doch sehr in diese Richtung weisen könnte.

Dass Dag Heward-Mills Homosexualität mit negativen Eigenschaften korreliert, wird auch im weiteren Verlauf des zitierten Texts deutlich: «Many priests have been forced into a ‹zero sex› mode. This ‹zero sex› mode attack resulted in the priests becoming homosexuals and abusers of their power.» (A Good General s. 257).

Offensichtlich entwickelt Dag Heward-Mills zur Homosexualität keine kohärente Haltung. Besser wird die Sache dadurch aber nicht. Er ergeht sich in homophoben Vorurteilen, veralteten Pseudo-Erklärungen und massiv diskriminierenden Aussagen.

Expansion als Hauptziel

Die von Dag Heward-Mills begründeten Kirchen fallen auf durch ihre massive Missionierung, sowohl an nichtchristlichen Menschen als auch an Mitgliedern anderer Kirchen.

Dag Heward-Mills machte noch nie einen Hehl daraus, dass er Gemeindewachstum als ein wesentliches Ziel seiner Bemühungen sieht. Und immer schon waren evangelistische Einsätze ein Thema in seinen Gemeinden.

In den letzten Jahren hat sich diese Fokussierung auf Wachstum noch weiter zugespitzt, indem heute die einzelnen Mitglieder massiv in die Missionierung gerufen werden. «You must bear fruit», redet Dag Heward-Mills seinen Mitgliedern ins Gewissen (z.B. in Key Facts for New Believers s. 37».

Evangelisation ist für Dag Heward-Mills der Hauptzweck der Gemeinde: «It is time for your evangelistic ministry to be magnified. Evangelism is the fulfillment of all ministry». (Going Deeper and Doing More, s. 26)

Mitglieder von Dag Heward-Mills Kirchen werden gehalten, jeweils einmal wöchentlich an den Evangelisationseinsätzen der Gemeinde teilzunehmen und daneben jede Chance zu nutzen, in ihrem persönlichen Umfeld für die Gemeinde zu werben.

Wenig überraschend zeigt sich diese Fokussierung auf die Werbung auch in den Social-Media-Auftritten der einzelnen Kirchen. Hier kann auch übergriffige Werbung positiv dargestellt werden.

Regelmässige Teilnahme

Ein typisches Merkmal problematischer, sich in sektenhafte Richtung entwickelnder Freikirchen ist die Betonung auf regelmässige Teilnahme der Mitglieder an allen Veranstaltungen und die Empfehlung an die Gemeindeangehörigen, sich ihr soziales Umfeld vor allem in der eigenen Gemeinde zu suchen.

Beide Tendenzen finden sich bei Dag Heward-Mills wieder. So äussert er in seinem Werk «Key Facts for New Believers» seine Erwartungen an die Neumitglieder seiner Kirchen: «Your first role in the church ist that of a faithful attendee. Decide to attend all services, meetings and special programmes organized by the church.» (s. 38)

Auch Freundschaften sollen vor allem unter anderen Gemeindegliedern gesucht werden: «You must make friends and move closely with other Christians. You must change your friends and walk with born again Christians. You cannot do well as a Christian if you remain close to unbeliever friends.» (Key Facts for New Believers, s. 33).

Dabei sollen den Gläubigen Dag Heward-Mills Kirchen genügen: «Your second role in the church is that of a stable Christian. You must be planted in a local church and be established there. Do not form the habit of roaming from one church to the other seeking signs and wonders or other solutions.» (s. 38). Dies gilt, wie erwähnt, für die Mitglieder seiner eigenen Gemeinden. Mitglieder aus anderen Gemeinden abzuwerben ist demgegenüber voll o.k. und wird systematisch geübt.

Zehnten plus

Die Frage des Zehntens wird unter Freikirchen ja unterschiedlich gehandhabt. Manche Freikirchen lehnen den Zehnten als Regel aus dem Alten Testament ab, und tatsächlich lässt sich schwer belegen, dass von Christinnen und Christen in neutestamentlicher Zeit der Zehnten bezahlt worden wäre.

Andere Freikirchen lehren den Zehnten als Prinzip, zehn Prozent des Einkommens ins «Reich Gottes», d.h. für christliche Zwecke, zu investieren. Nach dieser Auffassung erhält die eigene Gemeinde in aller Regel nur einen Teil des Zehntens der Mitglieder, der Rest fliesst in Missions- und andere übergemeindliche Werke, zu Bedürftigen oder gegebenenfalls auch als Kirchensteuer an eine der Landeskirchen, in welcher eine Mitgliedschaft besteht.

Eine dritte Gruppe fordert die Gemeindeangehörigen auf, ihren ganzen Zehnten der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Typischerweise handelt es sich hier um Freikirchen, die mit cooler Show und grossem Aufwand werben, der finanziert werden will. Kontrolliert wird die Zahlung des Zehnten aber nicht.

In eine sektenhafte Richtung geht die Zehntenforderung dann, wenn Mechanismen der Überprüfung etabliert werden und/oder wenn zum ganzen Zehnten noch weitere Forderungen dazukommen. Dann kann von sektenartiger Abzocke gesprochen werden. Bei Dag Heward-Mills ist beides der Fall. So meint er über die Rollen der Neumitglieder in seiner Schrift «Key Facts for New Believers»: «Your third role is to pay your tithes. Giving your tithes (ten percent of your income) regularly every month or whenever you receive income.» In seiner Begründung ruft Dag Herward-Mills in den Gehorsam und verspricht konkreten Gewinn: «God will bless and prosper you as you support his work. Allow Jesus to be Lord over your finances as well» (s. 39). Dag Heward-Mills Gemeinden, so die Erste Liebe Kirche Zürich, können den «Nicht-Zehnten-Zahlenden» auch mit einem Fluch auf ihre Finanzen drohen. (https://www.facebook.com/photo/?fbid=231448902569423&set=pcb.231448945902752)

Mit der Zehntenzahlung ist es aber nach Dag Heward-Mills noch nicht getan. «Your fourth role is to give offerings.» (a.a.O.) Zur Zahlung des Zehnten hinzu werden zusätzliche finanzielle Opfergaben erwartet.

Auch Mechanismen zur sozialen Kontrolle der Zahlungen finden sich bei Dag Heward-Mills’ Kirchen, so werden die Spendenden in Gottesdiensten aufgefordert, die gespendete Summe auf dem Display ihres Smartphones oder in bar in die Höhe zu heben, sodass die Umstehenden (und gegebenenfalls auch eine aufzeichnende Kamera) die Summe eruieren können. All dies zusammengenommen kann die Schlussfolgerung nicht vermieden werden, dass Dag Heward-Mills’ Kirchen in Sachen finanzieller Forderung über das in Freikirchen übliche Mass in einer für Sekten typischen Art hinausgehen.

Umdeutung biblischer Prinzipien in ihr Gegenteil

Christliche Sekten sind dafür bekannt, dass sie je nach eigenem Bedarf klare biblische Grundsätze über Bord werfen oder in ihr Gegenteil umdeuten.

Dag Heward-Mills ist mittlerweile berüchtigt dafür, dies im Bereich der Scheidung zu tun. In seinen Werken berichtet er davon, wieviel Unruhe aus seiner Sicht unpassende Gattinnen der ihm untergeordneten Pastoren in die Gemeinschaft bringen können. In einer solchen Situation fordert Dag Heward-Mills die betroffenen Pastoren dazu auf, sich scheiden zu lassen.

Nun wird Scheidung im Neuen Testament sehr kritisch gesehen und kommt nur in Ausnahmefällen in Frage, so bei Unzucht (Mt 5,32).

Wie löst Dag Heward-Mills dieses Problem? Er deutet die restriktive Sicht von Jesus zum Thema Scheidung in Mt 5,32 in ihr Gegenteil um, indem er sie mit Mt 5,28 kombiniert:

«Jesus said that adultery is a solid and good reason for divorce. Jesus also said that whoever looks upon a woman to lust after her has already committed adultery with that woman. Indeed, if we believe this is true, (which we do) then most men and women have looked lustfully at one another before and are thereby eligible for divorce on the grounds of adultery alone.» (Jezebel s. 109).

Mit anderen Worten: Scheidung wird nicht mehr äusserst kritisch gesehen, sondern ist in fast allen Fällen gestattet. Jesu Wort wird in sein Gegenteil verkehrt. Tatsächlich ist Dag Heward-Mills Auslegung schon auf einer sprachlichen Ebene nicht haltbar, so ist das «Brechen der Ehe im Herzen» (moicheuein en te kardia autou) in Mt 5,28 nicht dasselbe wie die «Unzucht» (porneia) in Mt. 5,32. Letztere ist kein inneres Fehlverhalten, sondern massives Vergehen.

Gerne verweist Dag Heward-Mills in diesem Zusammenhang auch auf Esra 9 und 10, wo Esra die Mischehen auflöst (z.B. in Jezebel s. 107). Ehemalige Mitarbeitende berichten, dass dies nicht toter Buchstabe bleibt. Offenbar nimmt sich Dag Heward-Mills wie Esra das Recht, die Ehen seiner Untergebenen auflösen zu dürfen, wenn sie der Gemeinschaft schädlich scheinen, indem er Mitarbeitende mit aus seiner Sicht unpassenden Ehefrauen zur Scheidung drängt (https://thefourthestategh.com/2021/04/darkness-in-a-lighthouse-part-3-bishop-dag-prayed-for-strength-for-me-to-divorce-my-wife/).

Polygamie

Auch eine weitere, sehr folgenreiche Gefahr, von welcher ins Sektenhafte sich entwickelnde christliche Gemeinschaften betroffen sein können, zeigt sich in jüngster Zeit bei Dag Heward-Mills: Er hält Polygamie seit 2023 für o.k., wobei er neben alttestamentlichen auch mit naturalistischen Argumenten operiert: In der Natur sei die Polygamie der Normalfall. So äusserte sich Dag Heward-Mills an einer Konferenz am 11. August 2023 folgendermassen:

«Polygamy – Nature even supports polygamy. There is no animal that has only one wife. The Bible says: Does not even nature teach you? Yes, nature teaches us. Which goat has one wife? Which dog has one wife? I’m not afraid of the bible. Are you afraid of the bible? The people that we love and our heroes whom we follow did not have one wife. Nobody knows when it became a sin. I will tell you one thing: Paul says you should be the husband of one wife. In the same chapter he said you should not drink water again, but only wine. But why we don’t follow this one? Why do we select some of the things he said?». Darauf erinnert Dag Heward-Mills an die polygam lebenden Protagonisten des Alten Testaments und zieht den Schluss, dass die Polygamie biblisch erlaubt sei. Sie könne aber mit erheblichen Kosten verbunden sein. (https://www.youtube.com/watch?v=OT9WoO5pJGA, ab 19:39).

Wie weit Dag Heward-Mills diese Polygamie bereits lebt, ist unbekannt. Allein die Tatsache jedoch, dass Dag Heward-Mills die Polygamie neuerdings für biblisch erlaubt hält, lässt für die Zukunft (und auch für die Gegenwart) nichts Gutes erahnen.

Gemeinschaften mit deutlichen sektenhaften Zügen

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die Kirchen von Dag Heward-Mills eine bedauerliche Entwicklung von «normalen» Freikirchen hin zu Organisationen mit deutlichen sektenhaften Zügen durchgemacht haben, ausgelöst durch eine massive sektenhafte Radikalisierung ihres Gründers Dag Heward-Mills. Zurzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass diesem Prozess gewehrt würde, ganz im Gegenteil. Als Reaktion auf öffentliche Kritik hat eine der beiden Kirchen im letzten November im Beisein von Dag Heward-Mills ihren Namen gewechselt. Die Verkündigung hat sich nach Ausweis der Social-Media-Seiten seither nicht gemässigt, sondern eher noch zugespitzt.

Vor einer Zusammenarbeit mit den Kirchen von Dag Heward-Mills, z.B. durch die Überlassung von Räumen, kann in der jetzigen Situation nur abgeraten werden.

Quellen

Dag Heward-Mills: A Good General. The Science of Leadership, Parchment House 2015, 11th Edition 2018
Dag Heward-Mills: Going Deeper and Doing More, Parchment House 2022
Dag Heward-Mills: Jezebel, A Woman Out of Order, Parchment House 2023
Dag Heward-Mills: Judas, Who is he? Parchment House 2024
Dag Heward-Mills: Key Facts For New Believers, Parchment House 2017, 2nd Editin 2018
Dag Heward-Mills: Loyalität und Illoyalität, Parchment House 2019
Dag Heward-Mills: Now We Are at War, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Pillars of Loyalty, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Stir It Up. Stir Up the Gift of God, Parchment House 2022
Dag Heward-Mills: Those Who Are Slanderers, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Those Who Are Wolves, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Those Who Make Shipwreck, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Those Who Rebel, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Wie man von neuem geboren wird und der Hölle entgeht, Parchment House 2019

Georg Schmid, Mai 2026

Lexikoneintrag Lighthouse Group of Churches / Living Waters International

Lexikoneintrag First Love Church / Erste Liebe Kirche

«Lovestream 29» mit Christina von Dreien – Zwischen Schwingungen, Schnecken und Schleichwerbung

Verräterische T-Shirts

Es ist ein sonniger Samstagnachmittag in Stein am Rhein. Die Leute promenieren durch das Altstädtchen und geniessen die sommerliche Wärme. Meine Mutter und ich überqueren den grün leuchtenden Rhein und schlängeln uns durch die Gassen, bis wir ein unscheinbares gusseisernes Tor erreichen. Der Jakob und Emma Windler-Saal befindet sich in einem alt aussehenden Steinhaus, das mit einem modernen Touch renoviert wurde. Wir treten ein, zeigen unsere Tickets für Christinas von Dreien «Lovestream 29» und reservieren zwei Stühle mittig im Raum in einer hinteren Reihe. Schon etliche Sitze sind mit Jacken oder Taschen besetzt worden, doch der Raum ist fast menschenleer. Nur neben der Eingangstür tummeln sich vereinzelt Leute um den Verkaufsstand. «Christinas Herzbotschaften» steht in geschwungenen Buchstaben auf einem pinken Buchumschlag mit einem von der Sonne bestrahlten Blumenmotiv. Daneben sind verschiedene Duftsprays mit Christinas Logo als Aufdruck und mehrere Stapel Flyer drapiert, die Christinas «Lichtimpulse» anpreisen. Bis der Anlass um 15 Uhr beginnt, dauert es noch mehr als eine halbe Stunde, und wir werden gebeten, bis zum Einlass draussen zu warten. Also fügen wir uns dem Strom der vielen Spazierenden, der uns direkt in eine Eisdiele führt. Mit einer grossen Waffel in der Hand schauen wir den vorbeigehenden Menschen zu und raten, ob sie wohl auch an dem «Lovestream 29» teilnehmen werden. Zumindest bei einem Mann sind wir uns ganz sicher: Zu einer verspiegelten Sonnenbrille und einer langen Halskette trägt er das verräterische «We Are Peace»-Shirt mit Christinas Logo als Print. 

Warten auf die «Online-Freunde»

Kurz vor 15 Uhr finden wir uns wieder im Saal ein. Die meisten Stühle sind besetzt, und schlussendlich befinden sich etwa 70 Personen im Raum. Das Publikum besteht mehrheitlich aus Frauen über 60, doch auch einige Männer und vereinzelt jüngere Personen sind anwesend. Nach kurzer Zeit treten Nicola Good und Christina von Dreien durch den von den Stühlen freigelassenen Weg vor das Publikum. Christina wirkt neben Nicola, die forsch voranschreitet, auffallend klein. Sie setzen sich auf die bereitgestellten Stühle, voneinander getrennt durch ein kleines Tischchen, auf dem ein grosser violetter Kristall thront. Ähnlich glitzernd fallen mir auch Nicolas mit Strasssteinchen besetzte Accessoires auf, während sie uns herzlich begrüsst. Sie kündigt an, dass Christina nun eine Stunde lang frei sprechen und nach der Pause die im Voraus gemailten Fragen beantworten wird. Doch zuerst möchte sie noch auf die am Verkaufsstand erhältlichen Sprays hinweisen. Diese seien mit Hilfe von «Naturwesen» kreiert worden und sollen dabei helfen, in «die Mitte» zurückzufinden. Drei Kameras auf grossen Stativen sind auf die Bühne gerichtet, und Nicola winkt ihnen fröhlich zu, um die «Online-Freunde» zu begrüssen. Ein Techniker meldet sich jedoch und verkündet Probleme bei der Live-Übertragung, woraufhin er hektisch die Kameras überprüft und an seinem Bildschirm rumhantiert. Nicola Good versucht, die verstreichenden Minuten zu überbrücken. Sie weist uns an, die Wartezeit zu nutzen, um das Zusammensein zu geniessen und findet es «toll, dass immer was Neues geschieht, damit wir nicht aus der Übung kommen». Nach einiger Zeit schlägt Nicola eine, von Christina entwickelte, Übung vor. Wir sollen uns alle die Worte «ich atme, ich lebe, ich liebe, ich bin» verinnerlichen und die Stille geniessen. Etwa 15 Minuten später gibt der Techniker einen erfreuten Laut von sich, und sowohl der Livestream, als auch der «Lovestream» können beginnen. 

Energien, Frequenzen und Felder

Nicola Good leitet Christinas Monolog mit der Frage ein, wieso Menschen Schwingungen unterschiedlich wahrnehmen. So erscheint die momentane Weltsituation für einige besonders schwer und für andere weniger. Christina beginnt zu erzählen: Jeder Mensch habe eigene Energien und Schwingungen, welche sich in Wechselwirkung mit den Schwingungen von «aussen» befinden würden. Für Christina ist es eine Tatsache, dass sich die Erdschwingungen zurzeit erhöhen, wobei eine höhere Schwingung in ihrem Verständnis positiv konnotiert ist. Die meisten Menschen nehmen ihrer Meinung nach die Schwingungen nicht bewusst und nur teilweise wahr. So sei es möglich, etwas energetisch wahrzunehmen, ohne zu wissen, dass dies von einer feinstofflichen Ebene kommt. Sie erklärt, dass es eine grosse Menge an Frequenzen um uns herum gäbe, die auf uns wirken, obwohl wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Gefühle und Gedanken aus fremden Frequenzen können also als unsere eigenen empfunden werden. Genau deshalb sei es wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln, was zur eigenen Person gehört und was von «aussen» kommt. Einige Menschen hätten keine Verbindung mehr zu sich selbst und übernähmen nur noch die Einflüsse von «aussen», ohne zu reflektieren, ob diese gut für sie sind. Als Beispiel nennt sie das Konsumieren von Nachrichten. Menschen, die nicht durch den Fernseher oder durch die Zeitung, sondern direkt «von den Nachrichten betroffen sind», bleiben unerwähnt. 

Christina spricht in dünner, leiser Stimme, die durch die Lautsprecher unnatürlich laut gedreht wird. Ohne Notizen und mit vielen andächtig wirkenden Sprechpausen zieht sie ihren roten Faden immer weiter, ohne ihn zu verlieren. Sie scheint ihr eigenes Weltbild verinnerlicht zu haben und hat keine Mühe, uns durch einfach verständliche Sätze in ihre Gedanken einzuführen. Währenddessen sitzt Nicola mit verschränkten Armen, geschlossenen Augen, hochgezogenen Brauen und einem leichten Lächeln reglos auf ihrem Stuhl. 
Frieden sei nur von «innen» durch die Verbindung zu sich selbst und durch ein respektvolles Miteinander möglich, nicht durch ein von aussen aufgelegtes «Friedensgesetz». Seit unserer Geburt seien wir Teil des menschlichen Kollektivs und alles, was wir machen, habe Einfluss auf dieses Feld. Gäbe also eine Person eine bestimmte Info in das kollektive Feld, bestehe die Möglichkeit, dass sie von einer anderen Person des Feldes unbewusst aufgegriffen werden könne. Wenn man sich also ab und zu die Frage stelle, was es bringt, etwas zu verändern, so solle man wissen, dass dadurch eine Idee ins Feld gegeben wird, die das Potenzial habe, auch anderen Menschen zu helfen. 
Nach einer Stunde findet Christina einen Schluss und Nicola ergreift das Wort. Sie dankt für die «wunderschöne Energie» und erklärt begeistert, dass «so viel zwischen den Zeilen» bei Christinas Worten mitschwinge. Bevor wir in die Pause entlassen werden, weist sie nochmals auf die zum Kauf erhältlichen Duftsprays hin.

Pause mit Gemäldeversteigerung

In dem ruhigen Innenhof setzen wir uns auf einen Mauervorsprung und geniessen die frische Luft. Christina folgt Nicola quer über den Platz in ein anderes Gebäude, wobei sie an mir vorbeigeht und freundlich lächelt. Nicola öffnet ihr die Tür und versichert, sie nach der Pause wieder dort abzuholen. Einige der «Lovestream»-Teilnehmenden schlendern in Richtung Altstadt und kommen kurz darauf mit einem Eis zurück. Andere stehen Schlange vor dem Frauenklo. Die Stimmung ist sehr ruhig und nur vereinzelt tauschen sich die Leute aus. Nach einer halben Stunde finden wir wieder zurück an unsere Plätze. Dabei fällt mein Auge auf den halbleeren Verkaufstisch – die Sprays scheinen echte Kassenschlager zu sein. Ein Mann vor mir sitzt mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl, in seiner Hand hält er gleich drei verschiedene Duftsprays umklammert. 

Auch Christina und Nicola nehmen wieder ihre Plätze ein. Nicola deutet auf ein Gemälde, welches Christina von hinten in einer Naturlandschaft zeigt. Sie erklärt, dass eine «ganz, ganz liebe Frau» dieses Werk für Christina gemalt habe, doch Christina leider keine Verwendung dafür finde. Deshalb dürfe jemand aus dem Publikum dieses Werk sehr gerne mit nach Hause nehmen. Die Frau vor mir reagiert blitzschnell, gibt einer Mitarbeiterin ein Zeichen und sichert sich so das Bild. Währenddessen erklärt Nicola die Vorteile der verschiedenen Christina-Abos und leitet die Fragerunde ein. 

Ausgesuchtes Leiden

Auf die Frage, warum sich die Menschen so passiv verhalten und sich nicht gegen das «Schlechte» auf der Welt wehren, antwortet Christina, dass die meisten Menschen, gar nicht merken, was los ist. Sie seien in ihrem Weltbild, wie in einer Box, gefangen und möchten ihre Ansichten aus Selbstschutz nicht ändern oder anpassen. Auch auf die verwandte Frage, wie es möglich sei, an das «Gute» zu glauben, hat Christina eine Antwort bereit. Sie habe nämlich Einsicht in eine längerfristige Perspektive und wisse, dass es gute ausserirdische Wesen gibt. Nicola führt dazu aus, dass Christina auf die Erde inkarniert sei, da sie eine Art Vision über die Zukunft der Erde gehabt habe. Dabei sei die Erde von verschiedenen Lichtpunkten erleuchtet worden, die sich nach und nach miteinander über die ganze Welt verbunden hätten. Die leuchtenden Punkte seien Menschen gewesen, die sich für «die neue Energie» geöffnet hätten. Christina habe also bereits vor ihrer Wiedergeburt ein positives Resultat für die Erde vorhergesehen und sei hier reinkarniert, weil sie Hoffnung für die Erde sah. Auch wenn es momentan auf der physischen Welt immer schlimmer zu werden scheint, wird erneut die sich erhöhende Schwingung der Erde betont, die bezeugen soll, dass sich die «Dinge» auf seelischer Ebene zum «Guten» wenden.

Doch nicht nur Christina wird als Reinkarnation bezeichnet, sondern wir alle hätten uns als Seelen bewusst für eine Wiedergeburt auf der Erde entschieden. Plagt uns eine Krankheit in diesem Leben, sei das eine eigene Entscheidung gewesen, die wir auf seelischer Ebene getroffen hätten. Umstände, die uns Leiden bereiten, seien von uns selbst ausgesucht worden, da wir auf seelischer Ebene gewusst hätten, «dass es uns etwas bringen wird». Dass damit die Schuld am Leiden auf die eigene Person zurückgeführt wird, und welche Konsequenzen ein solches Denken verursachen kann, wird nicht reflektiert. Stattdessen bedankt sich Nicola bei Christina für ihre Arbeit in der Öffentlichkeit, mit welcher sie schon Zehntausenden Menschen geholfen haben soll. Christina gibt bescheiden zurück, dass sie sich dafür «viel zu normal» vorkomme. 

Seelenabspaltungen und Bob die Schnecke

«Ist Licht aus der Dunkelheit entstanden?» Christina gibt sich einen Moment Bedenkzeit und meint: «Das ist eine schwierige Frage». Sie wisse nämlich gar nicht, was Dunkelheit sei. Wenn sie beispielsweise die Augen schliesse, sei es für sie nicht dunkel. Sie frage sich, ob Dunkelheit überhaupt existiere, oder ob das Dunkle einfach eine Frequenz sei, die wir nicht sehen können. Vermehrtes Nicken und zustimmendes Gemurmel ist aus den Publikumsreihen zu hören. Christina lächelt und geht zu einer Frage nach Seelenabspaltungen über. Sie erzählt von der Möglichkeit, einen Teil der Seele zu verlieren, wobei der abgespaltene Teil zwar noch immer mit der Person verbunden, aber von ihr entfernt sei. Sofort fragt Nicola nach, wie diese Abspaltung denn bemerkbar werde. Christina meint, vielen Menschen würde es gar nicht auffallen und die Abspaltung könne zwar auf Schock, aber durchaus auch auf positive Ursachen zurückgeführt werden. So könne es sein, dass ein Teil der Seele an einem Ort zurückgelassen werde, an dem es einem besonders gefalle. Durch spezifische Übungen sei es jedoch möglich, die Seele wieder zu vervollständigen. Wieder schaltet sich Nicola ein: Die Übungen seien für alle Mitglieder der Community frei zugänglich und eine Mitgliedschaft habe auch sonst diverse Vorteile. Trotzdem fasst Christina die Übung kurz zusammen für alle, die nicht zur Community gehören: Durch eine Energieverbindung soll der «Quelle» gesagt werden, dass man die eigenen Seelenanteile wieder zurückhaben möchte. Die Quelle ist dabei eine Art Energieressource, mit welcher wir immer, aber meist unbewusst, in Verbindung stehen sollen. 

Im Folgenden werden einige recht persönliche Fragen gestellt. Beispielsweise: «Ich werde von Ängsten geplagt, woher kommen sie?» Christinas Antworten sind vorsichtig formuliert und des Öfteren stellt sie klar, dass sie dazu keine genaue Aussage machen könne. Sie sei nicht mit der Situation bekannt und könne höchstens Vermutungen oder mögliche Gründe äussern. Es scheint mir, als sei sie teils etwas irritiert von den sehr konkreten und persönlichen Fragestellungen, doch sie fährt in ruhigem Ton fort und lächelt hin und wieder ins Publikum. 

Danach wird noch kurz das Thema der «Implantate» angesprochen: Laut Christina sind «Implantate» eingesetzte Programme, die von manipulativen feinstofflichen Wesen eingepflanzt werden. Diese seien teils nur schwer unterscheidbar von Bildung oder Erziehung. In einem Nebensatz wird also eine Verschwörungserzählung in den Raum gesetzt, ohne weiter darauf einzugehen. 

Zum Schluss beantwortet Christina eine Frage zum Tierleid und betont, dass Liebe auch bedeuten kann, «Nein» zu sagen, beispielsweise im Kontext von Tierquälerei. Dazu gibt sie eine Anekdote zum Besten: «Ich habe mal ne Schnecke gerettet und habe sie Bob getauft.» Sie habe gelesen, dass sich Schnecken «selbst reparieren können». Deshalb habe sie bereits zwei Mal eine Schnecke mit zerbrochenem Haus zu sich aufgenommen und nach der Genesung wieder ausgewildert. Das Publikum ist verzückt von dieser Geschichte und mir scheint, als würde Christina in diesem Moment nicht als eine 25-jährige Frau, sondern als kleines, süsses Mädchen wahrgenommen werden. Es kommt mir vor, als biete Christinas Person allgemein eine gute Projektionsfläche für diverse Vorstellungen aus dem Publikum. Wirkung erzielt sie sowohl als infantilisierte Tierretterin, als auch als spirituelle Wegbereiterin, als Muse für «Fanart» oder als Gesicht für die Marke «Christina». 

Abschliessende Gedanken

Nach einigen abschliessenden Worten durch Christina und einer Dankensrede von Nicola, in der die vielen Vorteile des Lichtimpuls-Abonnements nicht unerwähnt bleiben, nimmt der «Lovestream» ein Ende. Es ist mittlerweile nach 18 Uhr, doch die tiefstehende Sonne erwärmt noch immer die Strassen von Stein am Rhein. Meine Mutter und ich setzen uns an ein schattiges Plätzchen auf der Terrasse eines Cafés und lassen den Nachmittag Revue passieren. Uns beiden ist Christinas Redetalent aufgefallen, mit dessen Hilfe sie den einstündigen Monolog und die Fragerunde ruhig und kohärent abgewickelt hat. Ich bin froh um Christinas langsames Sprechtempo, denn ohne meine ausführlichen Notizen, würde mir die Rekonstruktion des Inhaltes schwerfallen. Die Begriffe «Energie», «Schwingung», «Frequenz», «Quelle», «Feld», «Licht», «Seele» und «Feinstofflichkeit» fielen in diversen Kontexten und ohne genaue Begriffserklärung, wodurch sich mir die gemeinte Bedeutung dieser Konzepte noch immer nicht genau erschlossen hat.

Auch die intensive Vermarktung von Christina als Person und den diversen Produkten und Angeboten in ihrem Namen, kommt in unserem Gespräch auf. Nicola Good scheint dabei die Strippen zu ziehen, beim «Lovestream» hat sie jedenfalls keine Gelegenheit ausgelassen, Werbung auszusprechen und Christinas «aussergewöhnliche» Eigenschaften zu loben. Nach einiger Zeit werden wir aus unseren Überlegungen gerissen, Christina und Nicola schreiten, in ein Gespräch vertieft, an uns vorbei. Vom Café scheint niemand zu bemerken, dass es sich bei dem unscheinbaren Paar nicht um eine Grossmutter und ihre Enkelin handelt, sondern um Christina von Dreien, eine der umstrittensten Esoterikerinnen der Schweiz mit Nicola Good, ihrer «besten Freundin» und «guten Fee». 

Lou Büchler, 4. Mai 2026

Lexikoneintrag Christina von Dreien

Signs and Wonders oder Dämonen im Schauspiel – Sonja Wondra im Sihlcity

Die deutsche Schauspielerin Sonja Wondra trat vergangenen Samstag das erste Mal in der Schweiz auf – allerdings nicht im Rahmen des Schauspiels als Kunstform. Nein, sie trat auf als «Sonja» bei «Signs and Wonders», eine Eventserie, in der es um «prophetischen Heilungs- und Befreiungsdienst» geht. Genau genommen ist es Sonja, die den Dienst durchführt. Und genau diesen Dienst wollte ich mir mal genauer anschauen.

Ein organisatorisches Chaos zum Anfangen

Ich fand also den Veranstaltungsort im Home Hotel im Sihlcity – mit Mühe – und wurde an der Tür, zusammen mit einer anderen jungen Frau, unfreundlich begrüsst und auf den Lift, mit dem wir in den 4. Stock sollen, verwiesen. Dort wurde nach meinem Ticket gefragt. Das existierte nicht; ich hatte einen Flyer gesehen, auf dem «Keine Anmeldung notwendig» vermerkt war, und mich – wohl mein Fehler – darauf verlassen. Die Dame, welche die Tickets kontrollierte, sagte also nach einem enttäuschten, fast entsetzten «auch kein Ticket?!», ich solle doch «bitte in den anderen Raum»; es gab zwei. Das tat ich auch. Dieser war für 60 bestuhlt, davon alle Plätze besetzt (gut, etwa 4 «reserviert»), und über 10 weitere Personen standen einfach. Ich setzte mich gemütlich auf den Boden und sah mich um. «Jesus» und «Evangelisation» waren wenig überraschende Stichworte, die ich aufschnappte. Später auch noch «Operation». Altersmässig war das Publikum in jeder Hinsicht gut durchmischt, inklusive Kinder und Jugendliche, plus mindestens ein Baby. Männer machten etwas weniger als einen Drittel der Anwesenden aus, und die Hälfte der Anwesenden war aus Deutschland angereist – und das nicht nur aus Süddeutschland. Ich musste mich fragen, wie viele der Anwesenden mit spezifischen Gebrechen angereist waren; in der Hoffnung, diese geheilt zu bekommen.

Etwas nach 14:10 – die Veranstaltung hätte um 14 Uhr beginnen sollen – tauchte Sonja auf. Ob man uns gesagt hätte, dass wir, wenn wir kein Ticket haben, bitte im Gang zwischen den beiden Räumen warten sollten. Ich dachte «nein», einige antworteten dasselbe, und Sonja fand: «Doch.» Alles klar – egal, was ich erlebe, wenn Sonja sagt, so war es, dann war es so. Keine Widerrede erlaubt, und wenn es genauso gut sein könnte, dass man uns wirklich etwas anderes gesagt hat.

Ich verschone die Lesenden mit den Ausführungen zu diesem organisatorischen Chaos, aber kurz: Nach und nach wurden Menschen doch in den Saal gelassen, während andere nach Hause (oder vielleicht shoppen, im Einkaufszentrum gleich nebenan) gingen. Ziel: Notausgänge freihalten. Der Ansturm war über 200 Leute, Platz hatte es – ohne jene, die auf dem Boden sassen – für 180 (wenn ich mich nicht verrechnet habe). Sonja entschuldigte sich – nicht, aber sie erklärte, es sei wohl wegen eines Interviews, das stattfand, nachdem der Event schon geplant war, und für mehr Bekanntheit geführt hatte. Tja – die Vermarktung als «keine Anmeldung notwendig» schien ihr auch nicht bewusst. Reserviert waren die Räume unter «Christliche Seelsorge und Beratungspraxis», ein äusserst harmloser Name für das, was faktisch passiert ist: «Befreiungsdienst», im Volksmund besser verstanden als «Exorzismus». Die Austreibung von Dämonen. Dazu kam es aber erst zweieinhalb Stunden später.

Ich ergatterte mir doch noch einen Platz im grösseren Raum, wo Sonja auftreten würde, und wartete weiter. Einzelne begannen, während des Wartens Lieder zu singen; leider solche, die ich gar nicht kannte.

Luftlos durch den Worship?

Um 14:47 kam eine Dame des Teams hinein, informierte uns, dass sie die Klimaanlage nicht zum Laufen brächten, und dass wir bitte kurz rausgehen sollten, wenn wir frische Luft bräuchten. Dann begann wenigstens mal der «offizielle» Lobpreis, Gebete gemischt mit Liedern, in denen «Thron», «Motivation» und «Nation» in einem Reimschema standen, oder «alle anderen Götter sind Götzen» voller Kraft und Freude gesungen wurde; ein Liedtext, den ich aus einer Perspektive der interreligiösen Akzeptanz nicht mitsingen kann. Ein Liedtext handelte davon, dass «wir» uns «mehr von deiner Gegenwart» wünschten. Gemeint: Vermutlich das Gefühl der Gottesgegenwart, oder das Spüren des Heiligen Geistes. Den Liedtext musste man sich nach mehrfacher Repetition erarbeiten; ich persönlich kannte kein einziges Lied. Wenigstens schien die Klimaanlage irgendwann doch zu funktionieren.

Nach gut einer Stunde Worship mit Gitarre, Gesang und Klavier – und das nach einer fast einstündigen Wartezeit, bis überhaupt mal was passierte – hatte ich persönlich keine Motivation mehr zu singen, und wartete einfach nur noch, bis es losging. Zum Glück nicht mehr lange: Etwa zehn Minuten später trat Sonja auf, und begrüsste uns alle.

Theodizee und keine OP: Unhilfreiche Antworten auf grosse Fragen

Sie begann die Predigt mit «Zeugnissen», das heisst: erst mal erzählten andere Menschen von Erlebnissen, in denen Sonja für sie gebetet hatte und der Schmerz sich erledigte, oder weshalb sie es diese Woche fast nicht geschafft hätten, hierhin zu kommen. Einer erklärte, sein Schwiegervater sei auf der Intensivstation. Für ihn klar: «Der Herr lässt es zu, damit mein Glaube wächst». Als Antwort auf die Theodizee-Frage – warum lässt ein guter und allmächtiger Gott Leid zu – nicht besonders befriedigend. Die nächste Person erklärte, sie sei seit letztem Jahr chronisch krank. Aber sie habe das im Glauben gebrochen: Sie glaube daran, dass sie geheilt sei, und dass sie keine Operation brauche. Ich hoffe es für sie, denn wenn sie die Operation bräuchte und sie verweigert, können daraus langfristige Konsequenzen entstehen.

Über Partner und Uber-Fahrer

Sonjas grundsätzliche Positionen lassen sie gut einschätzen: Sie erklärt, die Salbung, und die Heilung, seien schon da, man müsse auch dran glauben, es hänge auch von der Atmosphäre ab. Allerdings sei es schon «gebrochen» (die verwendete Wortwahl, wenn es darum geht, dass eine Krankheit oder ein Problem als «gelöst» zu betrachten gilt). Sie ist als pfingstlich bis neocharismatisch einzuschätzen. Sie machte auch eine Anzahl Kommentare zu diversen Themen, darunter sexuelle Unmoral, von ihr konsequent buchstabiert als «s-e-xuelle» (fairerweise waren auch mehr als 5 Kinder im Raum, und für YouTube und andere Plattformen ist dieser «Algospeak», also das Anpassen des Redens, um automatischer Zensur zu entgehen, unterdessen üblich), die nannte sie vermehrt. «Es gibt einen Partner für dich, und den bitte heiraten», erklärte sie. Von allen anderen soll man sich bitte geistig trennen.

Auch sie sprach sich aktiv gegen andere Gottheiten aus. So erzählte sie, wie sie jeweils ihre Uber-Fahrer anspreche – «weil die können nicht weg», Sonja kicherte – und frage, ob sie schon ein Wunder mit ihrem Gott erlebt haben. Wenn die sagten «nö», fände sie: «Dann lebt er wahrscheinlich auch nicht!», und wieder kicherte sie. Kein Paradebeispiel für interreligiöse Akzeptanz. Und schon gar keine Vorbildsfunktion dazu, wie man mit Uber-Fahrern, oder überhaupt anderen Menschen, respektvollen Austausch betreibt.

Kameras, Hexen, und eine Prise Überheblichkeit

Während sie sprach, liefen allerlei Menschen mit Kameras durch den Raum – das heisst, mindestens zwei. Ich hatte es aufgegeben, mich vor beiden zu verstecken. Dieser Event würde wohl zusammengeschnitten und hochgeladen werden. Von Sonja gibt es viele Clips online, und das nicht nur von ihren Rollen. Nein, sie sei «Comedy-Material für ganz Deutschland», wie sie selbst mit Lachen erzählte, auch wenn manche sagten, sie sei «ne Hexe» (wohl mit der Begründung, dass sie Dämonen austreiben will). Ihr sei das egal, und uns sollen solche Dinge auch egal sein. Mit Kritik hierzu beschäftigt sie sich auch nicht besonders. Der Hauptkommentar unter ihren Videos, erklärte sie, sei «das fühlt sich nicht gut an», bzw. habe die Person, die den Kommentar schreibe, ein ungutes Gefühl beim Zuschauen. Sonja fand: Das soll es auch! Gute Dinge, wie Disziplin und Selbstbeherrschung, die vom Heiligen Geist seien, fühlten sich «auch nicht gut an». Wenn ich mich also nicht wohl fühle, dann findet Sonja: «deine Dämonen fühlen sich nicht gut!».

Wer anderen Menschen erklärt, dass sie sich nicht auf ihr eigenes Körpergefühl verlassen sollten – wichtig zur Einschätzung, ob man selbst sich in einer Gemeinschaft wohl fühlt, ob man selbst sich in einer Situation wohl fühlt, oder ob es Grenzen gibt, die man selbst ziehen sollte – der nimmt ihnen ein fundamentalen Aspekt der Selbstwahrnehmung weg. Statt auf mein Körpergefühl zu hören – das mir sagt, ob das hier gut oder nicht gut ist – müsste ich auf Sonja hören, welche offenbar die Auffassung vertritt, sie wisse die absolute Wahrheit und könne mir, und allen anderen Menschen, diese auch erklären. Wie überheblich muss man hierfür sein?

«Meine Realität» und die andere Realität

Wenn wir ein Zeugnis hörten, so könnten wir glauben, dass es für uns genauso gelte, denn «der Herr macht keinen Unterschied zwischen den Menschen». Es sei nicht Gottes Plan, einen leiden zu lassen, ja es sei «eine Lüge, dass Gott noch wartet», denn «warum sollte er? Ist er Satan?». Wie viele Menschen leiden? Und wie viele Menschen sehnen sich nach einem Ende dessen? Dazu hatte sie aber auch eine Erklärung. «Meine Realität» unterscheide sich von «Gottes Wahrheit», und so müsste ich in diesem Artikel, wenn’s nach Sonja ginge, schreiben: «In meiner Realität sind noch nicht alle Menschen geheilt, in Gottes Wahrheit aber schon.» Mit aller Selbstverständlichkeit wies sie auf den Bibelvers aus Jesaja 53, 4 («er hat unsere Krankheiten getragen») hin.

Ich persönlich denke bei solchen Versen eher an den leidenden oder «gekreuzigten» Gott – der mit-leidende Gott. Aber auch das ist nur eine Lesart: Der Vers kann sehr unterschiedlich gelesen werden. Sonja hat sich offensichtlich dazu entschieden, dies als finalen Abschluss aller Krankheiten der Menschheit, gültig ab spätestens Jesu Tod, zu interpretieren. Eine Lesart, der ich mich nicht anschliessen kann.

Optionen zum Verhalten bei «Befreiung»

Sonja erklärte weiter, dass bei Befreiungen alles passieren könne. Man – also wir, das Publikum – soll Gott ranlassen, egal wie peinlich es sei. Sie bete nicht «nett», denn «die [Dämonen] kennen auch kein Pardon». Sie schaue ihnen in die Augen, sage «komm hoch und geh». Es könne bei Befreiungen vorkommen, dass Menschen weinen, husten, erbrechen, gähnen, lachen, zittern – Zittern könne auch schon reichen, bis der Dämon rausgehe. Ich fand ihre Erklärung etwas suggestiv. In gewisser Weise zählte sie einfach auf, was wir – das Publikum – später beim «Befreiungsdienst» erwarten sollten. Wie wir uns verhalten könnten. Natürlich war ihre Argumentation, dass wir das alles zulassen sollten, egal wie peinlich es sei. Ich empfand es aber als indirekten Hinweis, dass wir bitte eines davon tun sollten. Dazu erklärte sie, dass bei manchen auch einfach nichts passieren könne. Wegen dem könnte man trotzdem eine Befreiung erfahren haben, und es dann erst später feststellen. Kurz: Egal, was passiert oder nicht passiert, es kann ein Zeichen dafür sein, dass eine «Befreiung» stattgefunden haben soll.

Zugegebenermassen hatte ich am Anfang, lange bevor sie das Gähnen erwähnte, schon gegähnt. Ich wage zu bezweifeln, dass das ein Ende einer dämonischen Besetzung war – ich gähne oft, wenn frische Luft Mangelware wird. Aber wer weiss.

Religiös: ein Schimpfwort in der Szene

«Religiosität» empfand Sonja als ganz schlimm. Sie nannte es immer wieder als etwas, das nicht zu tun sein sollte. Im freikirchlichen Umfeld bin ich mir bereits gewöhnt, dass «religiös» als negativ empfunden wird, und diese Ablehnung finde ich auch bei Sonja. Mehr Gebet – also mehr selbst tun – sei nicht, was zu tun sei, und befreien könne man übrigens auch, wenn man gestern nicht gebetet habe. Sie erklärte, dass Dämonen manchmal zu diskutieren versuchten, weil sie nicht weg wollten, und dass wir bei Befreiungen nicht mit uns diskutieren lassen sollten. Denn sie würden alles versuchen, um bleiben zu können, um uns das Gefühl zu geben, wir hätten die Autorität nicht. Und so erklärte Sonja mehr und mehr, wie wir Befreiungen durchführen könnten, anhand vieler Anekdoten.

Über Hexen und die Notwendigkeit eines Notarztes

So erzählte sie von einer Frau, deren familiäres Umfeld in der Hexerei tätig sei. Sie wäre nach und nach mit den einzelnen Personen dieser Familie ins Gebet – über mehrere Wochen verteilt. Bei einer Person mussten sie aus der Kirche raus – die wurde geschlossen – und sie betete dann auf der Strasse. Jene Person habe «manifestiert» und wäre auf dem Boden gelegen. Da sei eine Person hinzugekommen und habe gefragt: «Brauchen Sie einen Notarzt?». «Nein….» habe Sonja geantwortet, und mit der «Befreiung» weitergemacht: «… in the name of Jesus», so erzählte es Sonja. Sie beschwerte sich darüber, dass in solchen Situationen Menschen kämen und sich erkundigten, ob ein Notarzt notwendig sei, weil das «den Flow» unterbreche.

Eine Person aus dieser Familie habe Blut gespuckt. Nach Sonja auch ein Zeichen, dass Dämonen raus gingen, denn: die Person habe auch Blutopfer gemacht.

Wie zu beten sei

Bei Kindern bete sie «ganz zart», damit diese nicht in zehn Jahren beim Psychologen sitzen. All das. Nur dass es bei Erwachsenen ähnlich traumatisierend sein könnte, ist ihr offensichtlich egal. Nein, bei Erwachsenen betet sie, dass die Dämonen «Höllenqualen» erleiden sollen. Beten sollen wir «mit Power», und nicht nachlassen. Und gleich soll man nicht beten: «Jesus, bitte befrei diese Person», sondern im Namen Jesu befehlen, dass rauszugehen sei. An und für sich nicht unbiblisch, nur hat bei Jesus, den biblischen Geschichten nach, ein einziges «Raus jetzt» gereicht.

Nach einer Weile hatte ich mich auch daran gewöhnt, wie hier «Gebet» zu verstehen war. Ich persönlich lese das «Raus jetzt» in den biblischen Geschichten nicht als Gebet, ganz im Gegensatz dazu, wie es im Raum verstanden wurde. Auch fiel mir auf, dass im gesamten Raum kein einziges Gebet mit «Amen» beendet wurde. Oder dass überhaupt ein Gebet beendet wurde. Das dürfte an solchen Anlässen üblich sein, denn ein «Amen» ist ein Abschluss, und den schienen sie hier nicht zu wollen.

Über Traumata und OPs

Über ihre mehr als einstündige Predigt nannte Sonja verschiedene «Einfallstore» für Dämonen, genau genommen eine Reihe von möglichen Sünden (wie «s-e-xuelle Unmoral»). Dies ist eine übliche Auffassung in dieser Szene.

Aber Dämonen würden, so Sonja, nicht nur wegen Sünden erscheinen, sondern auch wegen Traumata. Auch dies ist eine übliche Auffassung bei jenen, die solche dämonologischen Besetzungen vertreten. Da gäbe es einen «Riss» in der Seele, durch den die reinkommen könnten. Wie ausserordentlich nett von ihr – wer traumatisiert wird, hat nun nicht nur die Konsequenzen des Traumas, die schon mehr als genug sein dürften, sondern auch noch einen oder mehrere Dämonen. Wer sowieso schon mit dem Trauma selbst zu kämpfen hat, darf sich jetzt auch noch besessen, oder vielleicht besser: besetzt fühlen.

Eine Dame aus dem Publikum rief: «oder bei Anästhesie». Damit fand sie nur geringfügig Anklang. «Wenn man ne OP braucht, braucht man ne OP», sagte Sonja. Sie scheint also diesbezüglich etwas gemässigter zu sein als jene, die finden, sie bräuchten eben genau keine OP; auch wenn diese Aussage entschieden im Gegensatz steht zu ihrer Auffassung: «wir sind schon geheilt». Wie sie dies für sich vereinbart?

Denglisch mit Gott?

Sonja erzählte uns von «familiar spirits», also Dämonen oder «spirits», die aufgrund der eigenen Familie auch leichter auf einen Einfluss nehmen könnten – wenn man ihnen die Tür öffne – und von «marine spirits». Sie sei selbst sehr überrascht gewesen, als Gott ihr offenbart habe, dass es dies gäbe. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, ob Gott sich dazu entscheide, mit Sonja manchmal auf Englisch zu sprechen. Vielleicht ist sie mehrsprachig aufgewachsen, denn ihre Ausbildung scheint sie in Deutschland absolviert zu haben. Ansonsten wäre es gar bizarr, wenn Gott einer deutschsprachigen Person erklärt, dass die Dämonen aus Markus 5, 11-13 übrigens «marine spirits» waren. Dass ihm der Begriff zu Deutsch gefehlt hätte, wage ich zu bezweifeln.

Nennenswerte Dämonen, und das unchristliche Manifestieren

Sonja zählte einige Dämonen auf, die man wohl namentlich kennen sollte. Isebel – eine gar beliebte Figur in dieser Szene, die konstant wieder erwähnt wird als besonders signifikant, und die anscheinend «nicht allein» kommt. Sie und «Leviathan», der bei Stolz auftritt, die lachen gerne, wenn man Dämonen austreibt. Baal, uns bekannt als einer der kanaanitischen Gottheiten, der käme, wenn man «tiefere Esoterik und Hexerei» wie Voodoo und Reiki ausführe. Allgemein bei Hexerei, der Python-Geist. (Wer einen Background in Informatik hat und wie ich an die Programmiersprache denken muss: Nein, leider nicht.) In der Nacht: Inkubus und Sukkubus. (Die beiden Kategorien sind in üblichen Mythologien damit assoziiert, dass sie nachts erscheinen und Frauen bzw. Männer sexuell verführen, woraus sie Kraft für sich selbst erlangen und diese den Menschen entziehen.) Und: Lilith. Diese unglaublich bekannte Figur aus der jüdischen Mythologie erscheine, wenn «ein Kind nicht geboren wird … wenn ihr versteht, was ich meine.» Also: Wenn man ein Kind abtreibt. Dafür eine Figur zu nehmen, deren Bestrafung innerhalb der Mythologie das Töten von Hunderten ihrer Kinder am Tag ist – als Strafe, damit sie leidet – scheint mir eine interessante Entscheidung. Sie machte es expliziter, indem sie spezifizierte: «wenn man selbst dafür sorgt». Götzendienst und Stolz soll man bitte seinlassen. Die Dämonen für «Krankheit» spezifizierte sie – sehr zu meiner Enttäuschung – nicht weiter, auch keinen Namen dazu; stattdessen lieferte sie eine lange, lange Liste von möglichen hexerischen Tätigkeiten, inklusive «New Age»-Ansichten, durch die man sich dämonisch beladen könne oder würde. Interessant – neben den simplen Beispielen wie wenn man «mit Kristallen arbeitet» oder «Blutopfer bringt» – war dabei auch ihr Kommentar zum Spiritismus, dem Austausch mit Toten: «Du kannst deine tote Omi nicht spüren, die geht entweder nach oben oder nach unten». Himmel oder Hölle also.

Wenig überraschend erklärte sie auch Manifestation als «ursprünglich christlich», denn der Heilige Geist sei da nicht mehr vorhanden, und ohne Geist täten wir nichts; also entweder tun wir es mit dem Heiligen Geist oder einfach «mit einem Geist». (In aller Selbstverständlichkeit: einer «der anderen Seite».) Funktionieren würde Manifestation eben genau weil der Glaube das Ausschlaggebende sei, allerdings mit der Konsequenz des «falschen» Geistes. Dabei kritisiert sie nichts, das an der Manifestation kritisiert werden dürfte: beispielsweise dass es nicht immer funktioniert, sondern nur etwa die Hälfte der Zeit, also reiner Zufall; dass es weltliche Lösungen vernachlässigt – denn manche Probleme wären wirklich einfach lösbar, wenn man sich nur mal hinsetzen und nachdenken würde – oder dass es eine ungemeine Last für den einzelnen Menschen verursacht, wenn dieser alles vom eigenen «Ganz Fest Dran Glauben» abhängig macht.

Zur psychischen Belastung

Zu meiner persönlichen Überraschung ging sie in ihren Beispielen etwas mehr auf psychische Krankheiten ein als auf «körperliche» oder sichtbare(re) Gebrechen. Insofern mein Fehler – natürlich ist es heute passender, wenn man Menschen von ihren psychischen Problemen befreit. Da ist es auch schwieriger zu überprüfen, ob etwas geschah; denn was geheilt wurde und was nicht, kann schlecht mit Röntgen oder Blutuntersuchung festgestellt werden. Wem es besser geht, dem geht es besser, und da freuen wir uns natürlich drüber. In der Hoffnung, dass dieser «Befreiungsdienst» nicht noch mehr Traumata, Belastung und Stress auslöst.

Von der Glaubwürdigkeit

Die Aussagen des Teams, in Kombination mit Sonjas Erzählungen über all ihre Erfolge, baute ihre Glaubwürdigkeit weiter auf. Wer im Raum mit Zweifeln hineingekommen war, dürfte diese nach und nach in Frage gestellt haben, während der Rest Bestätigung ihrer Ansichten sah. Auch ich fragte mich, wie genau ihre Erzählungen sich wirklich abgespielt haben dürften. Zum Glück konnte ich danach «Befreiungen» genau beobachten, und mir ein genaueres Bild machen.

Bitte Kontrolle loslassen … und eine kleine Spende

Es war also an der Zeit, an den nächsten Teil zu kommen. Sonja wollte für uns alle beten, also «gründlich» dafür sorgen, dass bei allen die Dämonen raus gehen. «Wir haben den Raum nur bis 22 Uhr», erklärte sie, etwa um 17:20. Es ginge schneller, wenn wir die Kontrolle losliessen.

Ehe Sonja betete, unterbrach sie eine Dame des Teams, und machte darauf aufmerksam, dass wir «voll in Freiheit», wenn wir es «auf dem Herzen» hätten, etwas spenden dürften. Den Aufruf hätten sie schon oft vergessen, denn sobald Sonja bete, gehe es los mit dem Heiligen Geist.

Sonja übernahm wieder und erklärte, sie hätte die ganzen Transportkosten sowie die Übernachtungen der 16 Leute im Team übernommen, sowie natürlich die Miete des Raumes.

Weiter würden sie die ersten paar Befreiungen mit drei Kameras aufnehmen und publizieren, und wir sollten uns melden, wenn wir dies nicht wollten.

Wenn ein jüdischer Neujahrstag zur Zungenrede wird

Also begann Sonja zu beten. Und wie sie betete: Mit lauter Stimme, «kraftvoll» könnte man sagen, und innerhalb von kurzer Zeit wechselte sie schon in die Zungenrede; bei ihr durchgehend entschieden semitisch wirkend. Oft am Anfang ihrer Zungenrede: «Rosch schana», ein sehr hebräisch klingender Ausdruck, der mit geringer Anpassung zu «Rosch ha-Schana», also der jüdische Neujahrstag, durchaus eine gewisse Bedeutung hat. Nur eben nicht wirklich im Kontext mit dem Heiligen Geist. Insgesamt begann sie mindestens fünf Mal ihre Zungenrede mit «rosch».

Wer hustet, wird befreit?

Bei mehrfachem Wiederholen eines ihrer «Zungenrede»-Sätze hatte ich tatsächlich langsam Gänsehaut. Ich würde aber von mir selbst sagen, dass ich sehr schnell mal Gänsehaut kriege (bei jeglichen Konzerten gleichwohl), und war davon nur geringfügig überrascht. Später wurde die Gänsehaut tatsächlich stärker. Nämlich dann, als es laut, und intensiver, wurde: Ein Mädchen, so nehme ich an, weit vorne begann zu kreischen. Sonja lief zu ihr, sagte «in Jesu Namen, sei still, Spirit», und betete weiter. Das Mädchen wurde still, für die nächsten ca. 20 Minuten. Einzelne begannen zu husten. «Auch Husten ist ein Zeichen, dass der Heilige Geist wirkt!», rief Sonja, und noch mehr begannen zu husten. Ich habe die Zeit mit Corona noch sehr deutlich in Erinnerung, und wenn ich mich in einem Raum voller hustender Menschen befinde, ist mein Impuls: Raus hier. Ich entschied mich aber zu bleiben und hoffte, dass der Heilige Geist mir wenigstens diese Viren ersparen würde.

Sie betete und wählte zufällig Leute aus: «die Dame hier vorn!», «Die Dame in weiss da hinten!», «die Dame in rot!», die einfach erwähnt wurden, damit sie sich wohl angesprochen fühlten. Ich fragte mich, ob sie mich meinte – notabene in weiss und weiter hinten – und entschied mich dagegen. Irgendwann begann sie, spezifisch zu Menschen zu gehen, und für sie zu beten; dicht gefolgt von ihrem dreiköpfigen Kamerateam bzw. drei Kameras.

«Befreiungsdienst» aus nächster Nähe

Als sie zwei Reihen vor mir jemanden entdeckte, hatte ich sehr gute Sicht. Eine Dame in dieser Reihe hatte bereits länger Husten, spätestens seit Sonja das Husten erwähnt hatte, und sie hustete noch viel weiter. Sonja bewegte sich zu ihr, und begann zu beten. Das Gebet beinhaltete sehr viel Englisch: «OUT OUT OUT, IN THE NAME OF JESUS». Sie blickte der Dame ins Gesicht – in die Augen – und deklarierte, dass die Dämonen (oder «Spirits», wie sie sie nannte) raus zu gehen hätten. Minutenlang hustete die Frau, und Sonja betete weiter, auf Denglisch. Die «Spirits» aus der Hexerei sollen die Dame verlassen, insgesamt soll alles raus. Eine weitere Person schrie laut auf. Sonja lief schnell zur anderen Person: «Sei leise, spirit, in Jesus Namen», die Person wurde leiser und weinte – hörbar, aber nicht schreiend – und Sonja lief wieder zur immer noch hustenden Dame zwei Reihen vor mir. Der Husten war schlimm anzuhören, und ich war nicht die Einzige mit der Erwartung, dass ihr Körper noch etwas anders reagieren könnte, denn Sonja rief laut: «eine Kotztüte, bitte!». Derweil begann ich mir Sorgen zu machen. Was würde passieren, wenn diese Frau wirklich einen medizinischen Notfall hätte – würde sie Hilfe bekommen? Würde man verstehen, dass es «jetzt ernst» ist? Nach Sonjas Erzählung über die Situation, in denen die Frage nach Bedarf an Notarzt als unpassend und unhilfreich empfunden wurde, bleibt mir nichts als zu hoffen, dass an ihren Veranstaltungen niemals jemand einen Notarzt benötigen wird. Denn schliesslich sei auch Blut zu spucken ein Zeichen, dass der Befreiungsdienst wirkt; wenn man nach ihrer Predigt geht.

Leichtigkeit gefällt Dämonen nicht

Sonja betete für ein Gefühl von Leichtigkeit für die hustende Dame, und das Mädchen vorne schrie wieder auf. «Das gefällt denen nicht», erklärte Sonja, und grinste ins Publikum. Ungünstigerweise grinste sie mich an. Keine besonders gute Entscheidung, wenn man Resonanz für die Aussage erwartet; ich brachte es nämlich nicht über mich, ihr zuzustimmen, und das dürfte sich auf meinem Gesicht gezeigt haben. Viel eher machte ich mir Sorgen um die immer noch hustende Dame. Glücklicherweise nicht mehr lange; der Husten hörte bald darauf – endlich! – auf und die Dame begann stattdessen zu weinen. Der Raum klatschte. Ich nicht. Und Sonja betete weiter für sie; also dieses Mal nicht gegen den Dämon, sondern für den Mensch, der vor ihr sass.

Auf drei!

In der Reihe direkt vor mir weinte bereits die nächste Person, und Sonja hatte sie auch schon gesehen, und kommentiert, dass es «schon bei der nächsten» losgehe; noch bevor die erste Dame zu husten aufgehört hatte. Sie bewegte sich also nun in diese Reihe, wieder etwas näher, und betete nun dort «den Dämon weg». Ich setzte mich möglichst subtil so hin, dass mich die Kameras nicht aufnahmen, ich das aber doch sehen konnte. Dieses Mal – und das war das erste Mal – fragte Sonja, ob es überhaupt okay wäre, wenn es so «öffentlich» passiere. Für die weinende Dame ging es in Ordnung. Sonja betete also auch für sie, und auch dieses Mal betete sie die «Spirits» der «Hexerei» weg. Auch dieses Mal: «OUT OUT OUT, IN JESUS NAME», und die Frau weinte weiter. Dann entschied Sonja, auf drei zu zählen: «Eins, zwei, drei!», und die Frau hustete. Wenig überraschend. Wenn die Aufmerksamkeit von etwa 120 Menschen auf mir liegt, drei laufende Kameras auf mich gerichtet sind, und die Dame, für die ich extra angereist bin, erwartet, dass bei «drei» etwas passiert, dann passiert bei «drei» auch etwas. Husten ist da noch die sinnvollste Idee. Es ging weiter, und irgendwann war auch bei dieser Dame der Punkt erreicht, an dem Sonja entschied, dass der Dämon jetzt weg war. Für mich gab es da kein klares Zeichen, nichts Körperliches oder ein Wechsel in der allgemeinen Atmosphäre. Aber ich habe diese «Befreiungsgabe» wohl auch nicht. Wenn Sonja entschied, jetzt war der Dämon raus, dann klatschte der Raum. Ich entschied mich erneut dagegen mitzuklatschen.

Fall jetzt um!

Die nächste Dame wurde gebeten aufzustehen. Sie bewegten sich an den Rand des Raums. Sonja sprach mit ihr, fragte nach dem Namen, und ob sie sich wünsche, mehr Gaben des Heiligen Geistes zu erhalten. Eine einfache Suggestivfrage: Wenn ich nicht weiss, was die Person hat, dann fang ich mit etwas an, das statistisch nicht unwahrscheinlich ist. Auch wenn die Frau ursprünglich etwas anderes gedacht hätte, hätte sie vermutlich trotzdem genickt. In der Situation würden die wenigsten Menschen sagen: «Nein, eigentlich nicht.», und schon gar nicht jene, die ein Ticket geholt haben, um da zu sein. (Wenn Sie, geschätzte Lesende, das auch im Anblick einer Person, die Sie unmässig schätzen, können, dann Hut ab.)

Sonja betete also auch für sie, und zwei Menschen standen hinter ihr, um sie aufzufangen. Nach einigem Gebet schien Sonja die Dame anzustossen – denn diese bewegte sich zwei Schritte nach hinten; klar Auffangschritte, um nicht umzufallen. Leider nicht, was Sonja geplant haben dürfte, denn: Dass an solchen Events die «Befreienden» manchmal mit etwas viel Schwung die Hand «auflegen» und Menschen dann eher mal umfallen, ist eine international etablierte Tendenz. Sonja würde wohl hier sagen, dass «der Heilige Geist mit viel Schwung die Hand auflegen wollte», oder etwas dergleichen. Hauptsache, der Heilige Geist wird für alles verantwortlich gemacht.

Die Frau fiel schliesslich nach vorne um. Sonja bat das Publikum ringsum zum Gebet. «Feuer», sollen wir alle rufen. Und so riefen alle um mich «FEUER», laut, mal gleichzeitig, mal versetzt. «Feuer für dich, spirit! Höllenqualen für dich!», so Sonja. Und so ging es weiter, bis irgendwann entschieden wurde, jetzt sei alles raus. Und dann, natürlich, wieder ein Klatschen.

Dämonische Besetzungen in Kindern?

Dann noch die letzte Person, die ich nennen will: eine Jugendliche, dem Gesicht und der Grösse nach etwa 12, in den vorderen Reihen; ich vermute, es sei jenes Mädchen, das schon von Anfang an kreischte. Sie schrie mehrfach auf, und wurde von zwei des Teams festgehalten. Mich erschreckte der Gesichtsausdruck der beiden. Sachlich, unbeteiligt; sie schienen zu denken: «das schon wieder». Nicht gerade sehr viel Mitleid für ein schreiendes Kind. Sonja sagte zum Kind: «Halt still», und sagte zu uns: «man muss es ihnen nur sagen, dann machen sie». Das Kind hielt still. Sie bete später für das Kind, im Einzelnen, erklärte Sonja.

Wie unglaublich schlimm muss es sein, als 12-jährige an einen solchen Event zu gehen? Das Schreien muss nicht vergeistlicht und dämonologisiert werden, um einen Grund zu haben. Viel eher würde ich mich darum kümmern, ob dieses Kind professionelle Hilfe braucht. Professionelle Hilfe von einer ausgebildeten Fachperson, nicht einer Schauspielerin, deren Hobby Dämonenaustreibung ist. Oder vielleicht auch sonst etwas mehr Aufmerksamkeit von den eigenen Eltern oder dem eigenen Umfeld, wenn die sich nur interessieren, wenn man «manifestiert». Wer weiss – ich kannte sie nicht. Die anderen Kinder im Raum «manifestierten» nicht, sondern sassen friedlich auf ihren Plätzen. Ob sie mitbekommen haben, was da passierte?

Fazit

Dieses erste Beten war nach etwa 40 Minuten vorbei. Sonja erklärte, sie würde sich jetzt endlich umziehen gehen und dann ins Einzelgebet starten. Ich hatte genug gesehen, und gehört. Nach vier Stunden Anlass, um 18:06, war Zeit zu gehen. Ich sah einzelne Menschen weinen. Heftig, und intensiv. Ich hätte auch gern geweint. In einem Raum zu sitzen mit so vielen Reizen, so vielen Menschen, und vor allem: so viel Leiden, das zum Ausdruck gebracht wird, durch Weinen, Kreischen, Schreien. Das nimmt einen mit. Ich verstehe es, wenn man glauben will, dass das alles nur der Heilige Geist war, der den Dämonen Leid verursachte. Denn wenn man den Heiligen Geist aus der Gleichung nimmt, steht man da mit einem Raum voller Verzweiflung und Schmerzen, die nicht richtig anerkannt werden. Man steht da mit Menschen, die Lösungen suchen, und denen erklärt wird, das Problem sei in ihnen drin – sie seien fremdbesetzt, müssten befreit werden. Menschen, die hart angefahren werden, mit der Erklärung, das richte sich an den Dämon. Und vor allem: Menschen, die verletzlich sind – und deren Verletzlichkeit ausgenutzt wird, damit der Rest seinen eigenen Glauben bestätigt sehen kann.

Ich halte Sonjas Art, mit Menschen umzugehen, für unverantwortlich. In ihrer Funktion trägt sie den Besuchenden gegenüber Verantwortung. Dieser wird sie entschieden nicht gerecht.

Angela Heldstab, 04.05.2026

Lexikoneintrag Sonja (Signs & Wonders)