Hanna Hansen: Vom Runway-Glamour zum Religionsglamour

Ich beobachte Hanna Hansen auf TikTok seit einiger Zeit mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Sie ist eine deutsche Konvertitin, die nach eigenen Angaben seit einigen Jahren intensiv den Islam praktiziert und öffentlich darüber spricht. In ihren Videos begleitet sie andere Frauen bei ihrer Konversion, spricht über ihren früheren Lebensstil, über die spirituelle Entwicklung und über Hilfsprojekte in muslimischen Ländern.

Was mich dabei beschäftigt, ist weniger ihre persönliche Entscheidung für den Islam. Konversion ist ein zutiefst individueller Prozess. Was mich interessiert, ist die Art und Weise, wie religiöse Autorität, soziale Position und mediale Inszenierung miteinander verschmelzen. Mir fällt auf, dass Hanna Hansen im Wesentlichen drei Arten von Social-Media-Videos produziert:
Daʿwa (Einladung zum Islam), Konversionsbegleitung und Spendenaktionen, häufig im Zusammenhang mit der Organisation Helfende Hand e. V.

Hansen tritt rhetorisch sehr sicher auf. Sie spricht mit emotionaler Wärme, klarer Jugendsprache und einer fast seelsorgerischen Präsenz. Wenn sie andere Frauen im Video-Call bei ihrer Konversion begleitet, entsteht ein starkes Gefühl von Gemeinschaft. Begriffe wie «Schwesterherz » erzeugen eine digitale Nähe, die verbindend wirkt.

In den letzten Monaten taucht ihr Name zunehmend sowohl in deutschen als auch in schweizerischen Medien auf. Die ehemalige Profiboxerin, DJ und Model hat nach ihrer Konversion zum Islam eine neue religiöse Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum aufgebaut. Immer mehr Frauen scheinen durch sie zum Islam zu finden.

Ich folge ihr seit einiger Zeit, weil mich interessiert, was sie genau zu sagen hat und wer sie fördert. In den letzten vier Wochen habe ich mich intensiver mit ihr beschäftigt: Ich habe ihre Videos gesehen, Podcasts gehört und ihre Social-Media-Beiträge verfolgt. Ich wollte verstehen, wer hinter dieser Figur steht und welche Dynamiken sich hinter ihrer digitalen Präsenz verbergen.

 

Ihre Biografie ist ihr Kapital

Die digitale Präsenz von Hanna Hansen lässt sich nicht isoliert als Ausdruck individueller Frömmigkeit betrachten. Sie steht an der Schnittstelle von Biografie, Plattformlogik, religiöser Autoritätsbildung und sozialer Positionierung.

Ein zentrales Element ihrer öffentlichen Erzählung ist die starke Kontrastgeschichte ihrer Vergangenheit: Laufstege in Paris, Kontakte zu internationalen Modelkreisen wie Naomi Campbell, DJ-Tätigkeit, Erfolge im Boxsport, globale Reisen. Diese Stationen erscheinen in ihrer Erzählung nicht als fortbestehender Status, sondern als Gegenbild, eine Welt äusserer Fülle, die innerlich leer geblieben sei. Erst die Hinwendung zum Islam habe Sinn gestiftet.

Gerade diese Fallhöhe erzeugt narrative Kraft. Wer symbolisch alles gehabt hat und dennoch verzichtet, wirkt glaubwürdig in seiner Suche nach Transzendenz.

Doch diese Dramaturgie ist sozial selektiv. Viele ihrer Follower hatten nie Zugang zu vergleichbarem ökonomischem, kulturellem oder ästhetischem Kapital. Sie kennen weder internationale Netzwerke noch globale Mobilität, weder Bühnenpräsenz noch mediale Selbstpräsentation. Der Verzicht auf Überfluss setzt Überfluss voraus.

Wer nie über solche Ressourcen verfügte, kann keinen dramatischen Transformationsnarrativ erzählen. Insofern bleibt Hansens religiöse Autorität strukturell mit ihrer Vorgeschichte verbunden: Sie transformiert ihr biografisches Kapital, sie verliert es nicht. Medienkompetenz, Auftreten vor Publikum und ästhetische Selbstsicherheit wirken weiterhin, nur in einem religiösen Kontext.

In einem Podcast erzählt sie, dass sie anfangs ihrer Konversion zum Islam gesagt habe, sie würde niemals ein Kopftuch tragen. Sie erzählt, wie sie nach ihrer Konversion bei einer frühen Veranstaltung sprach sie mit ihren blonden Haaren über ihre Konversion und erreichte damit eine grosse Reichweite. Später folgte das Kopftuch, schliesslich der Khimar, obwohl sie sich das niemals vorgestellt hatte.

Diese schrittweise Transformation erzeugt eine narrative Dynamik. Die visuelle Spannung zwischen «westlicher Prominentin» und religiöser Praxis verstärkt Aufmerksamkeit. Genau hier zeigt sich die Logik digitaler Öffentlichkeiten: Sichtbarkeit ist Kapital.
Gesicht, Stimme, Biografie und Ausstrahlung werden Teil einer medialen Marke, selbst wenn die Motivation religiös ist.

 

Sichtbarkeit, Ästhetik und religiöse Symbolik

In digitalen Öffentlichkeiten spielt Sichtbarkeit eine zentrale Rolle. Deshalb stellt sich für mich die Frage, ob Hanna Hansen eines Tages den Niqab tragen würde. Nicht, weil jemand sie dazu drängen würde, sondern weil mich interessiert, wie sich ihre religiöse Praxis und ihre Reichweite entwickeln würden, wenn ihre Präsenz stärker von medialer Sichtbarkeit entkoppelt wäre.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass sie diesen Schritt eher nicht gehen würde, weniger aus theologischen Gründen als aus Gründen der medialen Dynamik. Ihr europäisches Erscheinungsbild ist Teil ihrer öffentlichen Präsenz. In den Kommentaren wird ihr Aussehen, helle Haut, blaue Augen und blonde Haare, auffällig häufig thematisiert und teilweise romantisiert. Einige Kommentare zeigen zudem, dass einzelne männliche Follower sie oder eine Frau mit ähnlichen Eigenschaften als Idealbild einer religiösen Partnerin darstellen.

Hier lässt sich eine Dynamik beobachten, die auch aus bestimmten konservativen oder salafistisch geprägten Online-Diskursen bekannt ist: die symbolische Aufladung einer Frau, die zugleich religiös, «rein » und ästhetisch westlich erscheint. In solchen Projektionen werden religiöse Frömmigkeit und westliche Schönheitsvorstellungen miteinander verbunden.

Gleichzeitig passt Hansen nicht vollständig in das stereotype Bild idealer Weiblichkeit, das in manchen dieser Diskurse gezeichnet wird. Sie wirkt nicht schüchtern oder zurückhaltend. In vielen Videos lacht sie laut, spricht selbstbewusst und nimmt Raum ein.
Gerade diese Spannung macht ihre öffentliche Figur interessant: religiöse Symbolik trifft auf ein Auftreten, das stark von westlicher Sozialisation und Selbstbewusstsein geprägt ist.

 

Daʿwa und die Euphorie der Konversion

Ein grosser Teil ihrer Inhalte besteht aus Daʿwa, also der Einladung zum Islam. Hier stelle ich mir eine grundlegende Frage: Warum übernimmt jemand, der selbst erst relativ kürzlich konvertiert ist, eine so zentrale Rolle in der religiösen Vermittlung? Kann man in so kurzer Zeit tatsächlich genügend religiöses Wissen aufbauen, um hunderte Videos zu produzieren und andere Frauen bei ihrer Konversion zu begleiten?

In einigen Podcasts hört man heraus, dass ihr Publikum bei Vorträgen in Moscheen häufig aus muslimischen Frauen besteht, die mit der Religion und der arabischen Sprache aufgewachsen sind und über fundiertes Wissen verfügen. Das merkt man auch daran, dass sie sich gelegentlich für ihre arabische Aussprache entschuldigt. Gleichzeitig gibt es viele Videos, in denen deutsche Frauen sie spontan anrufen und diese direkt bei ihrer Konversion begleitet. Für mich wirkt diese Form digitaler religiöser Autorität bemerkenswert informell.

In ihren Videos beschreibt sie ihren Glauben mit grosser Begeisterung. Diese Euphorie ist typisch für frühe Konversionsphasen. Psychologisch gesehen ist das durchaus nachvollziehbar. Wenn jemand eine neue religiöse Ordnung entdeckt, kann das ein starkes Gefühl von Klarheit, Orientierung und Zugehörigkeit erzeugen. Plötzlich wirkt vieles einfacher, strukturierter und sinnvoller.

Was mich jedoch beschäftigt, ist etwas anderes: Religiöses Leben bleibt selten dauerhaft in dieser Hochphase. Auf lange Sicht entstehen Zweifel, Ambivalenzen und Widersprüche.

Religion wird Teil des Alltags, mit Routinen, Konflikten und Fragen. In ihren Videos sehe ich davon jedoch wenig. Dort dominieren meist die emotionalen Höhepunkte, der Moment der Konversion, die Euphorie, das Gefühl von «Ankommen». Die alltägliche Integration religiöser Praxis bleibt dagegen weitgehend unsichtbar.

Mein grösster Kritikpunkt betrifft die fehlende intersektionale Reflexion. Hansen spricht aus einer Position, die stark durch westliche Sozialisation geprägt ist: Zugang zu Bildung, berufliche Erfahrung, internationale Kontakte und vermutlich auch eine gewisse finanzielle Stabilität. Ihr Selbstbewusstsein ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Es ist das Produkt einer Gesellschaft, die Frauen strukturell ermöglicht, sich frei zu entwickeln, zu reisen, zu arbeiten und öffentlich zu sprechen.

Gerade diese Gesellschaft kritisiert Hansen in vielen ihrer Aussagen sehr stark. Gleichzeitig denke ich mir: Ohne genau diese Sozialisation wäre die Person, die heute so selbstbewusst vor Publikum spricht, wahrscheinlich gar nicht entstanden.

Viele Frauen, die ihren Videos folgen, haben diese Voraussetzungen nicht. Aus einigen Konversionsgeschichten selbst bei deutschen Frauen wird deutlich, dass es sich häufig um sehr junge Frauen oder Teenager handelt, oder um Frauen in schwierigen Lebenssituationen, etwa alleinerziehende Mütter.

Diese unterschiedlichen sozialen Realitäten werden besonders deutlich in einem Video, in dem sie für ein Wochenend-Workshop wirbt, das rund 200 Euro kostet. Hansen bezeichnet dies als «Investition in sich selbst» und vergleicht den Betrag mit Konsumausgaben wie Schuhkauf. Lachend sagt sie: Investition in sich selbst «Weniger Schuhe, mehr Iman.»

Als ich das hörte, musste ich kurz innehalten. Für viele Frauen sind 200 Euro keine kleine Konsumentscheidung. Für manche ist das eine reale finanzielle Belastung. Ein Paar Schuhe für diesen Preis wäre für viele schon Luxus, kein Verzicht. Für mich zeigt dieser Vergleich einen gewissen sozioökonomischblinden Fleck. Es impliziert ihren Werdegang.

Auch der Begriff «Iman-Boost» wirkt auf mich wie eine Mischung aus religiöser Sprache und moderner Persönlichkeitsentwicklungskultur. Es klingt fast wie ein spirituelles Coaching-Format.

Ein weiterer Gedanke kam mir, als ich an den Kurzfilm Eyebrows (2018) denken musste, den ich vor einigen Jahren auf Empfehlung ehemaliger salafistischer Frauen aus Ägypten gesehen habe. In diesem Film begegnen sich zwei salafistische Frauen, die formal denselben religiösen Normen folgen, aber aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten stammen. Die Eine ist hübsch, verheiratet, kommt aus privilegierten Verhältnissen, hat Wahlmöglichkeiten und entscheidet sich bewusst für religiöse Strenge. Die Andere wächst in prekären Strukturen mit dem Salafismus auf, ohne echte Alternativen, nicht mal mit denselben Schönheitsnormen.

Beide leben nach denselben Regeln, aber nur einer hatte tatsächlich die Freiheit, sich anders zu entscheiden.

Genau dort liegt für mich eine strukturelle Ungleichheit: Wahl ist ein Privileg.

Wenn ich Hansens Konversionsgeschichte anschaue, sehe ich manchmal eine ähnliche Dynamik. Wer zuvor über Schönheit, Netzwerke, ökonomische Sicherheit und kulturelles Kapital verfügte, kann Verzicht als eine bewusste, fast heroische Entscheidung erzählen. Wer diese Ressourcen nie hatte, bleibt in solchen Erzählungen meist unsichtbar.

Ein weiterer Punkt fällt mir auf, wenn ich ihre Videos aus Saudi-Arabien sehe. Während einer Pilgerreise kritisiert sie die Musik mit der Begründung, sie «mache etwas mit dem Herzen». Ausserdem betont sie, dass Kontakt zwischen Männern und Frauen nur stattfinden sollte, wenn er «notwendig» sei. Das Nicht-Händeschütteln beschreibt sie als respektvolle Distanz. Dabei verweist sie auf Männer in Saudi-Arabien, die laut ihr «den Blick senken und Abstand halten», und bezeichnet sie als «moderne Gentlemen».

Was mich hier beschäftigt, ist nicht die religiöse Idee von Distanz. Viele religiöse Traditionen kennen solche Formen von Höflichkeit und Körpergrenzen. Was mich irritiert, ist eher die Romantisierung. Viele Muslime sparen ihr ganzes Leben lang, um einmal im Leben eine Pilgerreise nach Mekka machen zu können. Wenn ich ihre Videos sehe, habe ich manchmal den Eindruck, dass diese Erfahrung für sie relativ schnell möglich war, wahrscheinlich auch aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten und Kontakte.

Gleichzeitig beschreibt sie die Geschlechtertrennung dort als «würdevoll» würdevoll und «respektvoll». Dabei ist auch dokumentiert, dass Frauen selbst in Mekka oder an der Kaaba während des Pilgerns von sexueller Belästigung berichten.

Diese Ambivalenz taucht in ihren Darstellungen kaum auf. Für mich entsteht dadurch ein Bild, das sehr harmonisch und idealisiert wirkt. Wenn vor allem moralische Reinheit betont wird, während strukturelle Probleme kaum sichtbar werden, bleibt ein Teil der sozialen Realität ausgeblendet. Und genau diese Spannung interessiert mich in ihrer Darstellung am meisten.

 

Konversion junger Frauen und doppelte Standards

In einem Video begleitet Hanna Hansen die Konversion einer jungen Frau (19), deren Schwester (15) und Mutter ebenfalls zum Islam gefunden haben. Mich interessiert hier weniger die religiöse Entscheidung selbst als der soziale Kontext, in dem sie entsteht.

Es wirkt, als würden viele Teenager oder junge Frauen zum Islam konvertieren, weil sie einen muslimischen Freund haben. Manchmal ist es diese Mischung aus «Exotik» und der Nähe zu einer neuen kulturellen Welt. Andere berichten, sie hätten sich seit dem Krieg in Gaza intensiver mit dem Islam beschäftigt. Wieder andere sind alleinerziehende Mütter, befinden sich in einer Lebenskrise oder in einer Phase der Selbstneuerfindung, nicht unbedingt aus spiritueller Reife heraus, sondern aus emotionaler Bedürftigkeit.

Was mich dabei besonders irritiert: Viele Frauen kontaktieren Hanna Hansen direkt für einen Video-Call, damit sie sie bei der Konversion begleitet. Warum nicht in eine Moschee gehen? Warum nicht mit lokalen Gemeinden sprechen? Oder warum nicht ganz privat konvertieren, etwa alleine zu Hause, mit mehr Zeit zum Lesen, Nachdenken und Fragenstellen?

Diese Szenen wirken oft wie eine ritualisierte Online-Intimität: Lachen, weinen, «Schwesterherz», ein emotionaler Höhepunkt und sofortige Zugehörigkeit. Das ist kommunikativ wirksam und genau deshalb auch kritisch zu betrachten. Denn was ich in diesen Momenten vermisse, ist Langsamkeit. Aufklärung. Eine Art Schutzraum, in dem jemand sagt: Stopp. Atme. Das ist kein spontaner emotionaler Kurzschluss, sondern eine lebensverändernde Entscheidung.

Für mich liegt genau hier der Kern des Problems. In diesen Clips scheint kaum Raum für Zeit oder Reflexion zu sein. Es entsteht der Eindruck, als würde Konversion wie eine Erlösung inszeniert, als direkte Antwort auf innere Leere, Stress, Einsamkeit oder Identitätskrisen. Doch genau hier beginnen für mich die Alarmglocken zu läuten: Konversion ist keine Therapie. Und sie ist auch kein «Iman-Boost», den man sich in einem Moment emotionaler Überwältigung holt.

Noch problematischer finde ich, dass kaum thematisiert wird, was diese Entscheidung praktisch bedeutet; sozial, familiär und psychologisch. Im Islam ist dieser Schritt nicht als Experiment gedacht, das man später einfach wieder rückgängig macht, wenn die erste Euphorie nachlässt. Gerade deshalb wirkt es auf mich problematisch, wenn Frauen in einer Lebenskrise nicht zuerst stabilisiert werden, sondern direkt in eine neue religiöse Identität hineingeführt werden, die wiederum neue Konflikte erzeugen kann.

Ich denke dabei an ein Video, in dem eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern konvertiert und dabei sichtbar glaubt, dies sei eine Art Erlösung. Aus meiner Perspektive kann jedoch auch das Gegenteil passieren: mehr Stress, mehr bÜerforderung, mehr Angst, weil ein neuer Lebensstil plötzlich auf einen ohnehin belasteten Alltag trifft. Nicht weil Religion grundsätzlich problematisch wäre, sondern weil ihre Umsetzung konkret ist: Kleidung, Gebetszeiten, neue soziale Kreise, mögliche familiäre Spannungen, moralischer Druck oder Schuldgefühle bei Fehlern. Das ist nicht nur Romantik. Das ist sehr viel Arbeit.

Wenn junge Frauen über ihr Umfeld, besonders über männliche muslimische Freunde, in eine Partnerschaft hineinfinden, stellt sich ausserdem die Frage nach Einflussstrukturen. Konversion erfolgt nie kontextlos. Sie entsteht in Beziehungen, in Bindungen, in Loyalitäten und manchmal auch in Abhängigkeiten. Eine offene Frage bleibt: Würden diese jungen Frauen den Islam in derselben Form weiter praktizieren, wenn die Beziehung endet? Was passiert mit ihnen, wenn sie sich doch gegen den Islam entscheiden?

Ein Aspekt, der für mich schwer einzuordnen ist, ist der Mangel an Aufklärung. In den Videos scheint der Schwerpunkt vor allem darauf zu liegen, Menschen zur Konversion zu bewegen. Doch wo sind die Videos, die über Zweifel sprechen? Über Schwierigkeiten? Über langfristige Verantwortung? Gerade bei sehr jungen Menschen stellt sich die Frage, ob eine solche Entscheidung überhaupt ohne längere Begleitung getroffen werden sollte.

In Europa hat sich in vergangenen Jahren gezeigt, dass junge Menschen in Phasen intensiver Identitätssuche manchmal sehr schnell in religiöse Rollen hineinwachsen. In einigen Fällen kann eine solche Dynamik auch zur Anfälligkeit für radikale Deutungen führen. Gerade deshalb erscheint eine sorgfältige Begleitung junger Konvertierter besonders wichtig.

Hinzu kommt eine weitere Beobachtung: Wenn neu konvertierte Personen besonders sichtbar und stark religiös auftreten, kann das auch gesellschaftliche Folgen haben. In öffentlichen Debatten werden solche Fälle häufig verallgemeinert, wodurch wiederum muslimische Gemeinschaften insgesamt unter Generalverdacht geraten können.

Und genau hier fällt eine normative Asymmetrie auf. In konservativen islamischen Diskursen wird der Kontakt zwischen unverheirateten Männern und Frauen oft streng reglementiert. Gleichzeitig scheint es jedoch akzeptiert zu sein, wenn muslimische Männer nichtmuslimische Freundinnen haben, weil sie dann zur Konversion bringen.

 

Humanitäre Projekte und Verantwortung

Ein weiterer Aspekt betrifft ihre Spendenkampagnen. In einem Video steht sie auf einer Strasse in und bittet um Spenden für ein Projekt in Afghanistan: Bau einer Mädchenschule und landwirtschaftliche Unterstützung für Frauen. Auf den ersten Blick dachte ich: Ist sie wirklich in Afghanistan? Der Hintergrund wirkt arm, staubig,

Krisenraum. Erst als ich genauer hinschaute, fiel mir ein Auto mit ägyptischem Kennzeichen auf. Ich scrollte durch die Kommentare. Jemand fragt, ob sie in Afghanistan sei. Sie antwortet: Nein, das Video ist in Ägypten, sie helfe dort Familien aus Gaza, aber der Aufruf sei für das kommende Afghanistan-Projekt.

Erst in den Kommentaren wird also klar, dass das Video in Ägypten aufgenommen wurde. Diese visuelle Unschärfe halte ich für problematisch, ob absichtlich oder unabsichtlich. Bilder wirken stärker als erklärende Kommentare. Und in Social Media ist genau diese emotionale «Authenzität» die Währung: Menschen spenden nicht für Konzepte, sondern für Gefühle, die ein Bild auslöst. Ob sie initiieren wollte, dass man Afghanistan vermutet, kann ich nicht beweisen. Aber die Wirkung ist da.

Noch problematischer ist der Kontext: Seit der Machtübernahme der Taliban 2021 dürfen Mädchen ab der Sekundarstufe faktisch keine Schule mehr besuchen. In einem solchen Umfeld sind öffentlichkeitswirksame Projektankündigungen nicht nur moralisch, sondern sicherheitspolitisch relevant. Ich frage mich:

  • Wer sind die lokalen Partner?
  • Wie wird das Projekt konkret umgesetzt? Welche Risiken entstehen für Beteiligte vor Ort?
  • Wie schützt man Mädchen, Familien und lokale Helferinnen vor Repressionen?

Eine europäische Influencerin trägt nicht dieselben Risiken wie Menschen in Afghanistan. Sichtbarkeit kann in Europa Empowerment bedeuten, in Afghanistan kann sie zur Gefahr werden. Genau deshalb ist humanitäres Engagement kein Content-Format. Es ist ein sicherheitssensibler Raum. Und ja: Frauen und Mädchen vor Ort können dafür büssen.

Hier hat mir ihre Reflexion über den geopolitischen Kontext gefehlt.

 

Die Transformation

Am Ende bleibt bei mir ein Gefühl von widersprüchlichen Signalen. Einerseits wirkt Hanna Hansen in ihren Videos empathisch, warm und überzeugt von dem, was sie tut. Gerade diese Ausstrahlung macht Kritik schwierig. Denn sobald ich kritisch hinschaue, entsteht fast automatisch der Gedanke: Vielleicht bin ich unfair. Vielleicht interpretiere ich zu viel hinein.

Und trotzdem bleibt für mich eine Frage offen: Warum wirkt ihre Darstellung so wenig differenziert?

Ich erkenne ihre Empathie. Ich sehe ihre kommunikative Stärke. Aber gleichzeitig sehe ich wenig strukturelle Reflexion. Ich sehe ein starkes Narrativ über die «Leere» ihres früheren Lebens, über Glamour, Reisen, Erfolg, und darüber, dass erst die Religion Sinn gebracht habe. Gleichzeitig bleibt genau diese Vergangenheit weiterhin wirksam. Sie verschwindet nicht. Sie wird nur in einen neuen Kontext verschoben. Ihr Auftreten vor Publikum, ihre mediale Sicherheit, ihre ästhetische Präsenz, all das ist weiterhin Kapital, nur jetzt im religiösen Raum.

Für mich entsteht dadurch eine gewisse Spannung: religiöse Strenge im Diskurs, aber gleichzeitig eine Plattformlogik, die stark von Emotionalität, Sichtbarkeit und persönlicher Dramaturgie lebt. Social Media funktioniert nun einmal so. Emotionale Höhepunkte erzeugen Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit erzeugt Reichweite. Reichweite stabilisiert wiederum die eigene Rolle.

Deshalb interessiert mich weniger die Frage, ob ihre Frömmigkeit echt ist. Das kann und will ich nicht beurteilen. Was mich interessiert, ist etwas anderes: In welchem Mass wird diese Form von Religiosität durch Sichtbarkeit, Anerkennung und biografisches Kapital stabilisiert?

Ich frage mich: Was würde von ihrer religiösen Praxis bleiben, wenn diese Bühne verschwände? Wenn es keine Follower gäbe, keine Kommentare, keine Vortragsanfragen, keine digitale Resonanz? Würde dieselbe Intensität bleiben, wenn sie einfach eine gewöhnliche muslimische Hausfrau wäre, ohne Publikum, ohne Plattform, ohne diese permanente Bestätigung von aussen?

Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht.

Aber genau diese Frage zeigt für mich, wie eng Spiritualität, Anerkennung und Inszenierung in digitalen Öffentlichkeiten miteinander verbunden sind. Religion findet heute nicht mehr nur im privaten oder gemeinschaftlichen Raum statt, sondern auch auf Plattformen, die von Sichtbarkeit leben.

Wenn ich ihre Geschichte betrachte, sehe ich darin eine Transformation, die mit wachsender Reichweite zunehmend den Charakter eines radikalen Bruchs annimmt. Früher waren es Boxkämpfe, Runway-Glamour, internationale Netzwerke und Öffentlichkeit in der Mode- und Entertainmentwelt. Heute ist es religiöser Glamour: eine spirituelle Bühne und eine neue Form von Anerkennung.

Die Bühne hat sich verändert.
Die Logik der Sichtbarkeit bleibt.

Israa Elfil, März 2026

Die Senfsaat bleibt in Living Waters International

Eingang

Aarau wirkt verschlafen und könnte womöglich einen belebenden Schluck Wasser vertragen. Es ist Sonntagmittag, der 15. Februar. Am Bahnhof hängen die lokalen Jugendlichen nicht ab. Weiter runter die Strasse warten sie stattdessen in kleinen Grüppchen vor dem Haus der Minoritätsgemeinde. Als die Tür sich öffnet, strömen sie schnell hinein. Plötzlich wirkt die Strasse verdächtig ruhig. Nach kurzem Warten folgen wir ihnen, in der Hoffnung, so wenig Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Doch im Eingangsbereich stehen gleich sechs junge Leute zum Empfang. Strahlend halten sie Schilder mit Aufschriften wie «Herzlich Willkommen!» oder «Schön, dass du da bist!» in die Höhe. Mündlich wird das auch nochmal gesagt. Der Saal dahinter ist schon ziemlich voll, besonders in den vorderen Reihen. Das wundert mich, denn in unseren Workshops zur Aufklärung über problematische Gemeinschaften platzieren sich die Teenager meist so weit hinten im Raum wie nur möglich. Lebhafte Unterhaltungen und Musik erfüllen den Raum. Es bleibt wenig Zeit, um sich umzusehen. Sofort werden wir von einem Jungen mit Badge angesprochen, ob wir neu seien. Er ordnet uns zwei genauen Sitzplätzen im hinteren Teil zu. Es sind ungefähr zehn, vermutlich allesamt minderjährige, Aufsehende mit Badges am Schlüsselband. Obwohl der Gottesdienst noch nicht begonnen hat, laufen sie hektisch im Saal herum, nehmen vor allem aber die wenigen Spätkommenden in Empfang.

Als wir sitzen, fällt uns auf: es sind fast einhundert Menschen hier. Die meisten sind in ihren Teens und mit Freunden oder Geschwistern da. Wenige sind etwas jünger oder älter. Von Rentnern und ganzen Familien fehlt jegliche Spur. Bis auf einen deutlich älteren Mann, sehen wir niemanden, der ein begleitendes Elternteil sein könnte. Auch wenn viele Jungs da sind, scheint es, als wären die Mädchen in einer leichten Überzahl. Zwar ist dies kein Morgengottesdienst, es ist schon 13 Uhr, doch die Pünktlichkeit ist trotzdem bemerkenswert.

Hintergrund

Die pfingstliche Freikirche, die wir heute besuchen, ist Teil der United Denomination Lighthouse Group of Churches. Es handelt sich dabei um eine Mega-Church aus Ghana, geründet von «Bishop» Dag Heward-Mills. Seine Lehren sind von absoluter Loyalität und hohen finanziellen Abgaben (Zehnten) geprägt. Die Gemeinde in Aarau nannte sich bis vor kurzem noch «Mustard Seed Chapel International» (MSCI). Nachdem Relinfo im vergangenen Jahr einen Bericht über den Besuch eines Gottesdienstes hier in Aarau bei ihnen veröffentlicht hatte, folgte weitere mediale Aufmerksamkeit. Ein mögliches Ausweichmanöver ist die plötzliche Namensänderung der Gemeinde in «Living Waters International».

Worship

Ohne Ankündigung betreten sieben Leute die Bühne und fangen an, mehrstimmig Worship-Musik zu singen. Ein Keyboard und ein Schlagzeug im Glaskasten begleiten sie dazu. Alle sind casual gekleidet und vermutlich im Alter von 15 bis frühe 20er. Violette Scheinwerfer und ein minimalistisches Kreuz im Hintergrund untermalen die Performance. Einen Altar gibt es in diesem Saal nicht. Zwei Beamer werfen die Lyrics zum Mitsingen an die Wand. In der Gemeinde halten viele ihre Hände beim Singen hoch und schliessen die Augen. Anfangs drehen die Texte sich um Dankbarkeit. Musikalisch klingen die Songs nach einfachem Pop. Inhaltlich handeln die Texte scheinbar von Liebe, nur dass Jesus die angebetete Person ist. Fast psychedelisch werden bestimmte Zeilen wiederholt «Oh wie schön dieser Name ist, der Name Jesus». Trotzdem bleibt es kurzweilig. Das liegt vor allem daran, dass nicht nur die Leute auf der Bühne, sondern der ganze Saal besonders gut singen können. Verglichen mit anderen Gemeinden können sie Töne besser treffen und halten. Ein Mädchen neben mir ist vermutlich noch nicht einmal zwölf und allein da. Sie ist völlig im Worship versunken.

Die Personen mit Badges gehen auch jetzt noch die Ränge auf und ab. Einige filmen für Social Media, andere scheinen irgendwas zu suchen oder irritiert zu sein. Auch an der Eingangstür stehen während des gesamten Gottesdienstes drei Jungs. Zwar zeigen sie sich teilnehmend am Worship, doch wirken sie trotzdem wie Türsteher. Plötzlich rennen ungefähr 30 Leute wie auf Knopfdruck vor die Bühne. Es beginnt ein dynamischeres Lied und alle Anwesenden wippen von einer Seite zur anderen. Dazu wird geklatscht und gewunken. Immer wieder wird zum Refrain die Antwort gerufen:

«Wenn du einem grossen Gott dienst, dann sag Hey»

«HEY»

«Ho»

«HO»

Nach einer Dreiviertelstunde ist der Worship-Teil vorbei. Zum Übergang müssen wir unserem Sitznachbarn ein High-Five geben.

Zehnten- und Spendenaufruf

Mit dem Bibelvers aus 2. Korinther 9:6 wird nun zum Spenden aufgerufen «Ich bin davon überzeugt: Wer wenig sät, der wird auch wenig ernten; wer aber viel sät, der wird auch viel ernten.» Viele halten ihr Handy mit Twint auf dem Display hoch. Gelbe Zylinder für Bargeld, die aussehen wie Bojen im Meer aus Händen, treiben durch die Reihen. Das kleine Mädchen neben mir steckt eine Münze hinein. Beim vorigen Besuch von Relinfo wurde noch für die gebetet, die keine Spende abgegeben haben. Heute findet das nicht statt.

Dancing Stars und Chor

Jetzt springen neun Teens auf die Bühne und beginnen zu tanzen. Eine von ihnen könnte erst zehn Jahre alt sein. Die Beamer bewerben sie als «Dancing Stars». Für eine Jugendgruppe legen sie eine solide HipHop-Performance hin. Im Anschluss stürmt der Chor aus 21 Personen enthusiastisch auf die Bühne. Gesang und Tanz scheinen neben dem Glauben das Wichtigste in dieser Gemeinde zu sein.

Zeugnis

Jemand sagt an, dass heute ein Zeugnis abgegeben wird. Vor allem die vorderen Reihen rasten in Jubel aus, einige springen sogar auf. Mit dem Level an Applaus, den man im Leben nur selten bekommt, setzt eine junge Frau sich allein auf die Bühne. Sie wirkt erschöpft, scheint aber keinerlei Angst zu haben vor einer Menschenmenge zu sprechen. «Ich möchte Zeugnis darüber ablegen, wie Gott mich vom Brustkrebs geheilt hat.» Für Schweizer Verhältnisse bricht wieder grosser Applaus aus.

Sie erzählt, in ihrer Familie hätten viele Frauen Brustkrebs gehabt. Als sie erkrankte begab sie sich in Chemotherapie, welche bei ihr jedoch nicht zur Besserung geführt habe. Ihr Kranksein verursachte Gefühle von Scham in ihr. Sie beschreibt, wie es gesundheitlich lange nicht besser wurde. Das Keyboard beginnt im Hintergrund die Erzählung mit langsamen, doch emotionalem Ton zu begleiten. Schliesslich habe ihr Arzt behauptet, sie hätte nur noch drei Tage zu leben. Doch sie dankte Gott jeden Morgen dafür noch am Leben zu sein. Ihr Todesdatum verschob sich nach hinten, bis der Krebs schliesslich weg war. Und morgen hätte sie ihren ersten Arbeitstag. Nicht die Ärzte, sondern Gott hätte das letzte Wort. Gott allein habe ihren Krebs geheilt. Applaus. Während ihr von der Bühne geholfen wird, sagt der heutige Prediger Josh: «Wenn Gott dieses Problem lösen kann, dann kann er auch all eure Probleme lösen.»

Predigt

Pastor Josh ist ein altbekanntes Gesicht: Schon beim letzten Relinfo-Besuch, bei der damals noch «Mustard Seed Chapel» genannten Kirche, hielt er die Predigt. Noch immer bezeichnen ihn die Anwesenden liebevoll als «PJ». Er ist schlicht gekleidet – in einem schwarzen Shirt mit einem schwer entzifferbaren Backprint, irgendwas über «light overcomes darkness».

Ein Stehtisch wird auf die Bühne gebracht und PJ beginnt mit der Predigt. Die Offenbarung 1:8 wird projiziert: «Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.» Jesus sei echt, denn wer tot ist könne keine Menschen heilen. Wichtige Stellen ruft PJ lauter: «Jesus ist der Name, vor dem Krebs sich verbeugen muss. Jesus ist der Name, vor dem Depression sich verbeugen muss. Jesus ist der Name, vor dem niedrige Selbstwertgefühle sich verbeugen müssen.» In allem habe Gott das letzte Wort. PJ fragt, wer Sorgen hätte. Alle melden sich. Er erklärt, all unsere Sorgen und Krankheiten würden von Jesus erhört und geheilt.

PJ spricht, ohne sich zu verhaspeln oder länger nachzudenken, die ganze Predigt auswendig auf. Er greift ein Thema auf, was viele der jungen Anwesenden beschäftigen sollte: Prüfungsangst. Er selbst berichtet davon, wie ihm jemand vor einer Prüfung im Studium Angst gemacht hat. Doch PJ wusste, dass Gott mit ihm war. Auch Angst sei eine Versuchung. Mithilfe von Jesaja 59:1 «Ihr meint wohl, der HERR sei zu schwach, um euch zu helfen, und dazu noch taub, so dass er eure Hilferufe gar nicht hört. O nein!» unterstreicht er die Hilfsbereitschaft Gottes. Das Problem sei, viele von uns würden für Geld oder ähnliches beten, jedoch nicht für unsere eigentlichen Probleme. Die Probleme die uns tief belasten. Eine kleine Gehaltserhöhung würde unser Leben kaum verändern. Die Lösung der fundamentalen Probleme schon. Doch egal ob man sich von Gott entferne, er sei immer noch da für einen. «Gott ist größer als deine Sünden», die Vergangenheit sollten wir hinter uns lassen. Von ihr verfolgt zu werden, sei wie vom FBI verfolgt zu werden. Einem kleinen Jungen erklärt PJ wie ein cooler grosser Bruder, was das FBI ist.

Das Keyboard beginnt auch hier im Hintergrund zu begleiten. Jesus hätte früher geheilt und heute auch noch. «Beweisstück A» dafür sei das heute abgegebene Zeugnis. Korinther 10:13 «Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt.» Einige Anwesenden lesen in einer eigenen Bibel oder der Bibelapp auf dem Handy mit. PJ erklärt: Menschen haben eine Grenze, aber jede Versuchung der man begegne könne nicht dem eigenen Vermögen übersteigen. «Jesus ist in der Versuchung mit dir, er macht aber nicht mit, sondern bietet Ausweg.» Und nur weil man in Versuchung kommt, heisse das nicht, dass man ein schlechter Mensch sei. Stärke ist, sich dagegen zu entscheiden. Und wenn es in einem Schrei um Hilfe geschieht. Ein Hilfeschrei nach Gott ist genauso ein Gebet. Erst mit dem Aufgeben des Gebets hätte man verloren.

PJ hat eine packende Rhetorik und spielt mit seiner Stimme. Einzelne Jugendliche spricht er im Publikum mit Namen an. Es wirkt so, als könnte er damit persönliche Probleme andeuten, die sie ihm als Pastor anvertraut haben. «Du bist nicht die einzige Person, die diesen Pulli hat, nicht erste die das iPhone 11 hat, du gehst auch in die Migros, schreibst dieselbe Prüfung – was unterscheidet dich also vom ganzen Rest? Es kann nur deine Beziehung zu Gott sein!» Es sollte über konkrete Probleme, die die Seele runterziehen, gebetet werden. Als Beispiel nennt PJ Lust, Pornos, Zigaretten und Vapes. Es sollte nicht mit dem Beten aufgehört werden, bis das Problem komplett gelöst ist. «Wollt ihr wissen warum?» Viele bejahen schreiend. Ein besonders gross gewachsener Junge wird von PJ angewiesen, eine Topfpflanze auf die Bühne zu tragen. PJ deutet auf ein Blatt, dann auf alles, was von der Pflanze aus der Erde schaut. «Die Wurzel (des Problems) muss entfernt werden, das Problem muss entwurzelt werden.» Er zeigt auf den Topf. Nach dieser kurzen Analogie räumt der Junge die Pflanze schnell wieder weg. «Du hast Schluss gemacht aber hast seine Nummer immer noch als Notfallkontakt. Du vermisst seinen Hund und hast noch 13 Pullis von ihm. Wie viele? 13! Wäre es verwunderlich, wenn diese Person zurück in die toxische Beziehung gehen würde? Nein, denn die Wurzel ist noch nicht rausgerissen.» Wir könnten das Problem jedoch nicht selbst entwurzeln, wir brauchen Jesus dafür.

Zum Ende der Predigt wechselt PJ immer wieder zwischen Sprechen und Singen: «God turns it around for you». Dazu setzt noch mehr Musik ein. Das Ganze wirkt so gut einstudiert und abgestimmt wie ein Musical von Disney.

Kommunion und Spendenaufforderung

Auf den beiden Projektionen wird nun gross das Wort «Kommunion» eingeblendet. Mehrere Jugendliche mit Badges reichen goldene Behälter mit Toastbrot-Würfelchen herum und verteilen Einweg-Shotbecher mit Traubensaft. Die Kommunion wird empfangen und danach reichen sich alle die Hände und ein gemeinsames Gebet wird gesprochen.

Zu guter Letzt erscheinen vorne zwei riesige QR-Codes und PJ ermutigt uns erneut den Zehnten und Opfergaben zu spenden. Das ganze Prozedere mit den herumgereichten Zylindern und den hochgehaltenen Spenden wiederholt sich. Die Präsentation wird fortgesetzt und auf zerlaufenem Wasserfarben-Hintergrund erscheinen die Worte: «Möge die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, die Kommunion, die Gemeinschaft, der Beitrag und das lebendige Wasser des Heiligen Geistes und die 1000 starken Christen in Aarau jetzt und in Ewigkeit mit uns sein – Amen.»

Der Gottesdienst hat insgesamt zweieinhalb Stunden gedauert. Der Saal leert sich schnell. Wer zum ersten Mal hier ist, wird noch aufgerufen nach vorn zu kommen, um mehr über die Gemeinde zu erfahren. Wir verabschieden uns winkend und gehen erstmal Kaffee trinken, um das Erlebte zu besprechen. Besonders das Zeugnis über die angeblich wundersame Heilung bleibt uns in Erinnerung. Wir kommen nicht umhin, uns zu fragen, wie sich die Aussage «Gott hat meinen Krebs geheilt» auf dieses junge Publikum auswirkt. Ausserdem wirkte die Positivität der Gemeinde auf uns eher aufgesetzt und hat uns an Love Bombing erinnert. 

von Marla Engelschalk und Lou Büchler

Lexikoneintrag Lighthouse Group of Churches (LGOC)

Mein Besuch bei der Mustard Seed Chapel International in Aarau 

Sonntagsfest im Hare Krishna-Tempel Zürich

Schicksalsbegegnung am Bahnhof Altstetten

An einem unweihnachtlichen Dezemberabend suche ich vorm Bahnhof Altstetten eine Freundin, mit der ich verabredet bin. Die Menschen hetzen umher, es ist kalt und mein Handy hat den Geist aufgegeben. Als ich vor der Anzeigetafel stehe, fallen mir die ruhigen Flötenklänge auf, die ein Strassenmusiker hier spielt. Es sind keine weihnachtlichen Melodien, und doch sind sie viel zu meditativ für diesen gehetzten Ort. Und frieren ihm nicht die Hände ein?

Ein junger Mann mit Glatze, weissem Punkt auf der Stirn und wallendem Gewand nimmt mich ins Visier. Er trägt einen Stapel Bücher mit sich rum. Ich sehe ihn aus meinem Augenwinkel und bleibe gehorsam stehen, tue so, als würde ich weiter den Plan lesen. Zwar bin ich schon im Stress, aber noch nie hat jemand versucht mich auf der Strasse zu bekehren. Ich bin zu neugierig, um wegzugehen und dazu ist es sowieso schon zu spät. Er spielt mir schnell eine Bhagavad Gita zu, als würde sie brennen in seiner Hand. Oder vielleicht will er einfach weniger tragen und hat mir deswegen das dickste Buch gegeben. «Hast du schon einmal über den Sinn des Lebens nachgedacht?» Ich halte inne, was für eine Frage und antworte schüchtern «Nein». Er scheint kurz verdutzt zu sein. Ein Fremder geht an uns vorbei und deutet auf den Flötenspieler, «Hört ihr das? Ein Zeichen!» ruft er euphorisch. Auf einmal wirkt diese Szene verdächtig arrangiert. Der junge Mann fährt fort und meint, in der Bhagavad Gita würde es Antworten geben. «Wie schön», sage ich. «Du musst mir jetzt aber was geben dafür.», fügt er hinzu. Soll ich ihm mein Erstgeborenes versprechen? Ich studiere BWL im Nebenfach und habe noch nie von einer Verkaufsstrategie gehört, in der dem Kunden einfach ein Produkt in die Hand gedrückt wird, ein Dritter angelaufen kommt und das ganze als Schicksalsbegegnung beschreibt und dann Bezahlung verlangt wird. Kein Wunder, dass es sich so anfühlt, als würde man mehr wollen als mein Geld.

«Ich habe kein Bargeld.», sage ich ehrlich.

«Hast du Twint?»

«Nein»

«Hast du eine Karte?»

«Nein»

Das stimmt natürlich nicht, aber ich muss zugeben, diese Lügen sprudelten aus mir heraus. Ich traute mich nicht, einfach zuzugeben, dass ich das Buch nicht will. Denn ich habe schon eine Bhagavad Gita vom «Bhaktivedanta Book Trust» aus einer Büchertauschzelle. Tatsächlich liegt in meiner Heimatstadt immer mindestens eine in jeder Zelle weit und breit. Und soll ich jetzt noch dafür bezahlen bekehrt zu werden? Er nimmt mir das Buch wieder weg, als würde er ohne es nun doch frieren. «Na gut, aber komm wenigstens mal zu unserem Sonntagsfest.» Er kramt einen Flyer hervor, gibt ihn mir und schleppt sich davon. Ich schaue ihm nach und entdecke dabei endlich meine Freundin. Auch sie wurde von dem Devotee von der Internationalen Gesellschaft für das Krishna-Bewusstsein (kurz ISKCON) angesprochen. Und auch sie hat kein Buch gekauft.

Was ist ISKCON?

ISKCON ist auch bekannt als die Hare-Krishna-Bewegung. Sie ist eine neue hinduistische Religionsgemeinschaft und behauptet derzeit von sich selbst, ungefähr eine Million Anhängende weltweit zu haben. ISKCON folgt der Gaudiya-Vaishnava-Tradition, welche durch die Hingabe zu Krishna als höchste göttliche Einheit charakterisiert ist. Die Organisation wurde 1966 in New York City von A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada (1896-1977) gegründet. Die von ihm kommentierte Bhagavad Gita, eine zentrale Schrift des Hinduismus, bildet auch die Basis von ISKCONs Glauben. Da Gottes Bewusstsein in seinem Namen (Krishna) enthalten ist, führt der Weg zu ihm nach ISKCON durch das Chanten. «In früheren Zeiten habe man Gottesbewusstsein auch mittels anderer Methoden erlangen können, aber im gegenwärtigen Zeitalter des Kali sei nur das Chanten von Hare Krsna wirksam.» (Prabhupada – Der Mensch, Der Weise, Sein Leben, Seine Lehren, S. 9) In der hinduistischen Kosmologie ist Kali-Yuga das letzte von vier Zeitaltern und steht für Verfall und Verderben. Mithilfe einer Gebetskette mit 108 Perlen wird das Hare Krsna für 16 Runden jeden Tag gechantet. Derzeit gibt es 117 initiierende Gurus und zahlreiche Komitees für alle Bereiche der Organisation.

Um die Handlungen von Devotees von ISKCON zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, was Bhakti-Yoga ist. Hierbei geht es nicht um eine Stilrichtung von körperlichen Yogaübungen, sondern ein hingebungsvoller Dienst an Gott, also Krishna, der sich in alle Bereiche des Lebens ausbreitet. So gehören das Mantrasingen, das Sauberhalten des Tempels und viele weitere Dinge dazu.

Ein weiteres Merkmal für ISKCON ist die im Hinduismus verbreitete Guruverehrung: «Es bedeutet, dass man ihm (dem Guru), als Gottes Stellvertreter, die gleiche Achtung erweisen soll wie Gott. Er ist so gut wie Gott, weil er dem ernsthaften Schüler Gott offenbaren kann. Ist das klar? Es war klar» (Prabhupada – Der Mensch, Der Weise, Sein Leben, Seine Lehren, S. 91). Der Guru gilt also als bevollmächtigter Repräsentant Gottes. Es besteht die Möglichkeit auf verschiedenen Formen von Mitwirkung bei ISKCON. So gibt es Devotees, die im Tempel leben. Grundsätzliche Regeln neben dem täglichen Chanten sind der Verzicht auf Fleisch, Rauschmittel, Glücksspiele und Geschlechtsverkehr, der nicht der Zeugung dient.

Ein Grossteil ihrer Finanzierung läuft über den Strassenverkauf von Büchern. Dies läuft häufig so ab wie oben beschrieben, wobei es den Dritten, der auf «ein Zeichen» verweist, nicht geben muss. In dem von ISKCON veröffentlichten Buch «Prabhupada – Der Mensch, Der Weise, Sein Leben, Seine Lehren» wird schon am Anfang erkenntlich, wie essenziell der Buchverkauf für die Gemeinde ist. So heisst es auf Seite 12: «Sirly Bhaktisiddhanta Sarasvati sagte dann direkt zu Abhay (Gründer von ISKCON): «Ich hatte den Wunsch, Bücher zu drucken. Wenn du je zu Geld kommst, dann drucke Bücher.» Während Abhay am Radha-kunda stand und seinen spirituellen Meister ansah, prägten sich diese Worte tief in sein Gedächtnis (…).»

In der Schweiz gründete ISKCON 2017 den «Schweizer Dachverband für Hinduismus» mit. Kritik bezeichnete ISKCON in den 1980er Jahren als Jugendsekte und Bettelmönche. In den US-amerikanischen Internaten der Bewegung kam es in den 70er und 80er Jahren zu Kindesmissbrauch. Auch ist es erst seit Kurzem für Frauen erlaubt Guru zu werden.

Und was macht ISKCON in Zürich?

Im Westen kam ISKCON in der Vergangenheit gut bei «Hippies» an. Im März 1980 erwarben sie eine ältere Villa am Zürichberg. Sie selbst bezeichnen das Haus nun als «spirituelle Oase». Nach einem kurzen Spaziergang vom Bahnhof Stadelhofen erreicht man die blassrote Villa mit verhältnismässig kleinem Garten. Das Haus würde aus seiner Umgebung kaum herausstechen, wäre nicht «Hare Krishna-Tempel» über die Eingangstür geschrieben. Ein Wintergarten, abgelehnt von der Strasse hat beschlagene Scheiben, durch die fran-artige Pflanzen zu erkennen sind.

Am Sonntagnachmittag kurz nach drei Uhr ist es ruhig in der Bergstrasse, bis auf ein paar Leute, die mit ihren Hunden am Parkstreifen Gassi gehen. Doch von einer Kreuzung kommt ein gehetzter Mann angejoggt. Er ist kahl rasiert und trägt ein fliessendes, sandfarbenes Gewand. Schnell verschwindet er im Tempel und sofort ist es wieder so ruhig, als wäre er nie da gewesen.

Das Sonntagsfest ist schon in vollem Gange, als er den Tempel betritt. Jede Woche ist das Programm gleich und offen für alle Interessierten. Und am 25. Januar 2026 waren wir mit dabei.

15:00 – Bhajan (Mantra singen)

16:00 – Vortrag

17:00 – vegetarisches Festessen

18:15 – Japa Meditation

19:00 – Sandhya Arati (Tempelzeremonie)

20:00 – Bhajan

21:15 – Shayana Arati

Durch die Garderobe, wo für unsere Schuhe kaum noch Platz ist, betreten wir eine kleine Eingangshalle. Neben noch mehr Garderobenstauraum und Treppen wird hier vor allem verkauft. Ein duzende Menschen bewegen sich zwischen selbstgemachtem Schmuck und natürlich Büchern. Gesungene Mantras sind dumpf durch die Wand zu hören. Ab und zu verschwindet jemand in den Altarraum, gleich gegenüber vom Haupteingang. Dann wird die Eingangshalle für ein paar Sekunden von einem lauten Stimmenchor eingenommen. Es scheint so, als könnten wir auch in einem spirituellen Weltladen gelandet sein. Neben den klassischen Lehren der ISKCON werden auch Kochbücher und Bücher für Kinder angeboten. Da uns niemand angesprochen hat, fragen wir einen lächelnden Mann, wo es zum Mantra singen geht. Doch er ist auch zum ersten Mal mit seiner Freundin hier. Nun bemerkt uns eine Frau hinterm Tresen und erklärt uns den Tagesablauf. Dann empfiehlt sie uns einfach in den Altarraum zu gehen und bedient andere.

Bhajan, Mantra singen

Beim Betreten des Altarraums kommt es einem zuerst erschlagend laut vor. Mantras werden von X Frauen und Männern im Chor gesungen und mit dem Instrument Harmonium begleitet. Ein paar ältere Menschen sitzen auf Stühlen an der Wand, der Rest mit Kissen auf dem Boden. Nach dem Call and Response Prinzip singt eine Frau, die vor dem leeren Gurustuhl auf dem Boden sitzt und das Instrument spielt, die Mantras einmal allein vor. Darauf folgt eine Wiederholung, die alle im Raum mitsingen. «Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare. Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare» Nur ungefähr die Hälfte der Anwesenden hier tragen die Gewänder, die man von ISKCON kennt. Ein Mann wirft als einziger immer wieder seine Hände in die Luft und steht dabei auf. Es erinnert an enthusiastische Christen beim Gottesdienst in der Freikirche. Zwischendurch schaut er, auch als einziger, immer wieder auf sein Handy. Die meisten scheinen in sich gekehrt, doch anwesend durch ihre Stimme zu sein.

Wir nehmen uns Kissen und setzten uns links vor das Herzstück des Raumes, den Altar, die einzige Ecke, die im Raum noch frei ist. Von hier aus schauen wir die Wachsfigur von Prabhupada gegenüber fast direkt an. Sie stellt ihn meditierend im orangenen Gewand da, mit unnatürlich glänzender Haut. Er macht den Eindruck, jederzeit aufstehen zu können. Der ganze Raum ist mit Hingabe dekoriert. Auf dem Altar selbst befinden sich mehrere aufwendig geschmückte Bildgestalten. Heute sind sie im einem Farbshema aus Weiss, Gelb und Orange dekoriert und mit frischen Blumen versehen. Vor ihnen liegen Früchte als Opfergaben. Auf Instagram postet ISKCON den Altar jeden Tag mit neuer Dekoration in einem anderen Farbshema. Daraus lässt sich schliessen, dass der Altar und die Wachsfigur von Prabhupada täglich neu eingekleidet werden.

Schnell haben wir uns an die Lautstärke im Raum gewöhnt. Das Mitsingen der Mantras ist für alle Stufen der Gesangserfahrung und mit jeder Stimmenlage einfach möglich. Damit es nicht zu langweilig wird, ändert sich die Melodie gelegentlich. So hält der Gesang eine Balance, die sowohl meditativ als auch anregend ist. Um eine Vorstellung für das Mantrasingen in der Gruppe zu bekommen, könnte man sich die Fahrt auf einer geraden Landstrasse durch den Wald vorstellen. Es ist gerade so wenig eintönig, dass man nicht mit den Gedanken abschweift. Denn auch wenn man durch den gleichen Wald und über die gleiche Strasse fährt, begegnet man doch unterschiedlichen Bäumen.

In den 1970er Jahren wurde ISKCON von Sekten-Deprogrammern beschuldigt, ihre Mitgliedschaft mit dem Mantrasingen zu manipulieren. So sollten die monotonen Wiederholungen eine bewusstseinsverändernde Wirkung haben, was einer Hypnose gleichzusetzten wäre. Viele Fachleute aus der Religionswissenschaft nahmen ISKCON damals in Schutz. Mittlerweile weisen auch klinische Studien darauf hin, dass Mantrasingen gesundheitliche Vorteile haben kann. Auch wenn es von Weiten eigenartig aussieht, singen in der Gruppe macht grundsätzlich Spass und Mantras haben eine lange Tradition. Wenn ISKCON noch problematische Aspekte hat, sind sie hier nicht zu finden. Da man beim Mantrasingen zuhören und mitmachen muss und es gleichzeitig so einfach ist, kann leichter fallen als eine «stille» Meditation. Ob das Chanten immer noch so angenehm wäre, müsste man es täglich stundenlang machen, ist eine andere Frage.

Vortrag

Nachdem das Singen abgeschlossen ist, verlassen einige Menschen den Raum und andere kommen hinzu. Ein Guru aus Kroatien namens «His Grace Harikathar Prabhu», der seit 2009 bei ISKCON ist, setzt sich auf den Gurustuhl. Damit hat er sich verhältnismässig schnell hochgearbeitet. Jetzt wo keine Musik mehr spielt, wirkt es draussen viel lauter als im Altarraum. Und auch durch sein undeutliches Englisch ist der Guru nicht so gut zu verstehen, als er «Hare Krishna» zur Begrüssung sagt und dann das Thema des heutigen Vortrags vorstellt: «From 42 to Krishna». Mit der Vermutung, dass das eine Anspielung auf das Buch «Per Anhalter durch die Galaxis» sein soll, liege ich richtig. Es ist eine mehrfach verfilmte Science-Fiction-Komödie von Douglas Adams, sehr beliebt unter Menschen, die an Philosophie interessiert sind. Die Themenwahl wirkt strategisch. Antwortsuchende, die heute beim Sonntagsfest vorbeischauen, könnten durchaus Fans von dem Buch sein. Mithilfe einer PowerPoint erklärt der Guru erst einmal die Handlung einer Verfilmung von «Per Anhalter durch die Galaxis». Er betont immer wieder, wie eigenartig das Thema ist, wir ihm aber einfach zuhören sollen. Dabei geht er genauer auf die Handlung des Film ein, als es für sein Narrativ nötig ist. Es wirkt, als wolle er wie ein «cooler» oder besonders zeitgenössischer Guru rüberkommen.

Was für den Kontext über den Film zu wissen ist: Der menschliche Protagonist konnte knapp von der Erde fliehen, bevor diese zerstört wurde. Überrascht muss er feststellen, dass es Aliens wirklich gibt. Ausserdem wurde von einer anderen Alienspezies ein Supercomputer geschaffen, der die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten soll. Er berechnete als Antwort lediglich die Zahl 42. Der Guru bringt das in Verbindung damit, dass die Menschheit angeblich immer sofort eine Antwort auf alles haben will. Dafür sollten wir in der Bhagavad Gita lesen. Er stellt Arthur, den Protagonisten des Films, gleich mit dem Protagonisten der Bhagavad Gita, Arjuna. Beide stellen sich im Angesicht einer Krise grosse Fragen, Arthur weil die Erde zerstört wurde und Arjuna, weil er kurz davor ist, in den Krieg zu ziehen. In der Bhagavad Gita offenbart Krishna Arjuna nämlich Weisheiten, während sie wortwörtlich schon auf dem Schlachtfeld stehen. Und was würden wir Krishna an Arjunas Stelle fragen? Wahrscheinlich würden die Meisten etwas fragen wie: Who am I? What happens when we die? What is this world? Who is God? And how can I revive my relationship with him?

Die Antwort, die Krishna auf diese Fragen gibt, ist: Abandon all varieties of religion and just surrender to me. I shall deliver you from all sinful reaction. Do not fear. Egal für wen aus welcher Religion, dies sei die Antwort. Und weil Krishna in seinem Namen präsent sei, solle man ihn chanten um seine Hilfe zu erhalten. Wir seien wie Gläser voll trüben, schmutzigen Wasser. Doch wenn wir Bhakti Yoga praktizieren und in der Bhagavad Gita lesen würden, fliesse klares und sauberes Wasser in das Glas. Das spühlt den Schmutz langsam aber sicher aus dem Glas. Ein klares Wasserglas, das ist es was die Bhagavad Gita ist und danach sollten wir streben. Sonst ist die Antwort auf all unsere Fragen 42.

Applaus folgt und darauf fast keine Fragen. Einige Anwesende sehen etwas verwirrt aus. Der lächelnde neue Mann, den wir vorhin nach dem Weg gefragt haben, hat bis jetzt nicht einmal aufgehört zu lächeln. Die Frau, die ihn begleitet, sieht aus, als würde sie sich hier unwohl fühlen. Ein Pärchen zeigt während des Zuhörens milde Zärtlichkeit zueinander, das scheint also trotz der strengen Regeln zwischen Männern und Frauen von ISKCON erlaubt zu sein. Während des Vortrags kamen ab und zu Familien rein, um vor dem Altar zu beten und eine Spende zu geben. Der Tempel ist alles andere als unbelebt. Ständig gehen Menschen ein und aus. Und so muss auch ich nun los und übergebe an meine Kollegin Lou.

Vegetarian Feast

Kaum ist der Vortrag abgeschlossen, wird das «vegetarian feast» angekündigt. Eine ältere Frau im Sari dreht sich um, schaut mich lächelnd an und verwickelt mich in ein Gespräch. Zuerst stellt sie mir einige Fragen: woher ich komme, weshalb ich da sei, wie es mir gefalle. Ich antworte ihr bereitwillig, woraufhin sie von sich zu erzählen beginnt. Sie habe in ihrer Jugend fünfzehn Jahre lang im Krishna Tempel Zürich gewohnt und komme heute so oft wie möglich zu Besuch. Wir stellen uns in die Schlange, die uns vom Eingangsbereich an der Toilette vorbei eine Treppe hochführt. Meine Begleiterin erzählt weiter: Nach einer Kindheit im katholischen Elternhaus sei die Begegnung mit der Krishna-Bewegung für sie eine umfassende, aber positive Lebensveränderung gewesen. Sie beschreibt die Krishna-Bewegung als Philosophie und betont, wie wichtig die Loslösung vom Körper sei. Wir erreichen das obere Ende der Treppe. Auf der lichtdurchfluteten Galerie reicht uns ein Mann einen Teller und schöpft uns Reis mit Linsen-Dal. Mein Blick fällt auf den prächtigen Kronleuchter, der ganz im Charme der alten Zürcher Villa mittig im verschachtelten Raum die Stellung hält. Das ganze Haus bildet diesen spannenden Kontrast zwischen edler Altbau-Villa und vedischen Gemälden, Mustern und Figuren. Die Schlange führt uns nun eine andere Treppe wieder hinab, auf einem Zwischenpodest werden uns weitere Saucen und ein Stück Kuchen auf den Teller geladen. Wir setzen uns zurück auf die Sitzkissen im Raum mit dem Altar, der nun hinter einem samtigen roten Vorhang verschwunden ist, und mehrere Leute gesellen sich zu uns. Alle zeigen grosses Interesse an mir und stellen weitere Fragen. Als ich ihnen von meinem Religionswissenschaftsstudium und meiner Arbeit bei Relinfo berichte, wirken sie sehr interessiert und fragen nach Erfahrungen mit anderen Gemeinschaften. Das Essen wird mit einem Löffel gegessen und schmeckt mir gut. Meine Gesprächspartner*innen sind alle schon älter und wohnen nicht im Tempel. Eine Frau erklärt mir, dass ihre spirituelle Reise sie hierhergeführt habe. Sie besuche ab und zu die Veranstaltungen im Tempel und ihre Liebe zu Krishna wachse stetig. Der neue, lächelnde Mann setzt sich zu uns und lädt mich begeistert zu seiner eigenen Gemeinschaft ein. Etwas verwirrt von dieser Einladung, lächle ich ungezwungen und erkläre, dass ich es mir überlegen werde. Ich habe in diesem Moment nicht damit gerechnet für eine andere Gemeinschaft rekrutiert zu werden und im Nachhinein will mir der Name der genannten Gemeinschaft einfach nicht mehr einfallen. Doch ich frage mich, was die ISKCON Mitglieder zu diesem Anwerbungsversuch sagen würden.

Ein älterer Mann aus England scheint schon etwas länger ISKCON anzugehören, mein Studium macht ihn hellhörig. Er sei nämlich sehr interessiert am Zusammenspiel zwischen Spiritualität und Wissenschaft und der Überzeugung, dass diese beiden Bereiche sich nicht gegenseitig ausschliessen. Tatsächlich koordiniere er momentan den Versuch, ein Museum in Indien über Erkenntnisgewinn durch Spiritualität und Wissenschaft zu gründen. Wir werden von einem Mann mit einem Wischmopp unterbrochen und geben den Boden frei.

Während ich im Eingangsbereich die aufgestellte Literatur betrachte, spricht mich ein junger Mann an. Sein Kopf ist bis auf eine Stelle am Hinterkopf, an der ein Büschel langer Haare zusammengebunden hervorragt, rasiert. Er heisst mich herzlich willkommen im Tempel und lädt mich zur Mantra-Meditation, die als nächstes auf dem Programm steht, ein.

Auf meinem Weg zur Toilette kreuze ich überrascht zwei junge Frauen in meinem Alter, beide tragen einen Sari und antworten mit «Hare Krishna» auf mein «Hallo». Sie scheinen vom oberen Stock her zu kommen, und ich nehme an, dass sie Devotees sind, die im Tempel wohnen.

Flow und Fadenspiele

Eine klingelnde Glocke kündigt den Start der Meditation an. Allen wird eine Mala – eine Kette aus 108 Holzperlen – ausgeteilt, und der Mann mit der «typischen Krishna Frisur» startet die Meditation mit einer kurzen Einleitung. Er erklärt, dass wir nun gemeinsam 108 Mal das Maha Mantra «chanten» werden. Das Mantra sei ein Gebet an Gott (also Krishna) mit der Bedeutung „O Höchster Herr, bitte beschäftige mich in Deinem hingebungsvollen Dienst!“ Gerade zu unserer Zeit, in der Zerfall drohe, sei das Mantra eine gute Möglichkeit, das Bewusstsein auf eine höhere Dimension zu richten, die Liebe zu Krishna zu stärken und somit inneres Glück zu finden.

Wir beginnen: «Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare». Ich taste mich eine Perle nach vorn und erneut: «Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare». Mittlerweile habe ich das Mantra verinnerlicht, doch sobald ich zu fest über das nächste Wort nachdenke, drohe ich aus dem Flow zu fallen. Belustigt fällt mir ein, dass ja der Sinn der Sache genau ist, möglichst nicht zu denken und sich ausschliesslich auf die Worte zu konzentrieren. Also gebe ich mich wieder dem gemurmelten Strom hin, blinzle aber durch meine geschlossenen Augen, als ich eine Mala rascheln höre. Neben mir sitzt eine Familie mit zwei kleinen Mädchen. Ein Kichern unterdrückend, formen sie gemeinsam mit ihren Mala Ketten Fadenspiel Figuren. Ich spanne meine Mala und ertaste, dass wir schon über der Hälfte sind. «Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare.» Ab und zu geht die Tür auf, und neue Leute fallen in den Chor mit ein. Als ich die Perle mit dem «Zötteli» erreiche und somit einen Durchgang geschafft habe, erklingt das Mantra um mich herum weiter. Anscheinend waren meine Finger etwas schneller als meine Stimme. Doch nach einigen weiteren Durchgängen verstummt der gesamte Saal schlagartig. Es ist 19 Uhr. Trotz meinen allfälligen Aussetzern und meinen kleinen Beobachtungs-Pausen bin ich überrascht, dass schon 45 Minuten vergangen sind.

Die Tempel Zeremonie

Das Programm geht weiter mit einer vedischen «Arati» Tempel Zeremonie mit Bhajan-Musik. Der Saal füllt sich rasch, und die Vorhänge, die den Altar verdeckten, werden wieder geöffnet. Eine Frau scheint eine besondere Funktion zu haben, sie steht direkt vor dem Altar und fächelt den Gottheiten den Duft eines Räucherstäbchens zu. Sie ist wohl eine «Pujari», eine Art Priesterin, die die Tempel Zeremonie durchführt. Mittlerweile befinden sich alle Männer auf der rechten Seite des Raumes, während die Frauen sich auf der linken Seite aufstellen. Ein Mann mit traditioneller indischer Dhoti-Hose trägt ein Headset-Mikrofon und singt diverse Mantras vor. Der Saal singt inbrünstig mit und tanzt vor- und zurückschreitend. Die «Pujari» schwenkt nun eine Gheelampe vor dem Altar und reicht sie danach dem Mann, der die Meditation angeleitet hat. Er schreitet quer durch den Raum und schwenkt die Lampe vor der Wachsstatue von Bhaktivedanta Swami Prabhupada hin und her. Danach wiederholt er den Vorgang vor einem älteren Mann und schliesslich vor allen anwesenden Männern. Die Gheelampe wird an eine junge Frau – eine Devotee, wie ich vermute – weitergereicht. Sie führt den Vorgang nun bei allen Frauen durch. Dieser konkrete Ablauf wird danach noch zwei weitere Male in leicht veränderter Form durchgeführt. Zuerst die «Pujari», dann der Meditationsanleiter und zuletzt die weibliche Devotee spritzen dem Altar, der Wachsfigur und schlussendlich den Anwesenden ein paar Tropfen Wasser auf den Kopf. In dem letzten Durchgang wird uns anstatt von Wasser eine Blume an den Kopf und an die Nase gehalten.

Der Guru mit der Armbanduhr

Ich stehe zuhinterst im Raum, mein Blick fällt auf die Wachsfigur von Bhaktivedanta Swami Prabhupada neben mir. Mit verschränkten Beinen und Händen sitzt der Guru, in ein orangenes Gewand gehüllt, auf dem hölzernen, mit rotem Samt bezogenen, thronartigen Stuhl. Um seinen Hals hängt eine Kette aus frischen Blumen, und sein Kopf ist von einer orangenen Strickmütze bedeckt. Doch besonders sein linkes Handgelenk sticht mir ins Auge: Die Figur trägt eine grosse, recht protzige, goldene Uhr. Während ich mich Frage, was die Uhr zu bedeuten hat, wird der Gesang immer lauter und intensiver. Der gesamte Raum singt das Maha Mantra und tanzt dazu, und dann verstummen alle abrupt gleichzeitig. Was für mich, wie wildes Singen und Tanzen aussah, scheint ein eingespieltes, koordiniertes Vorgehen zu sein. Die Tempel Zeremonie ist vorbei, und der nächste Programmpunkt steht an. Der Raum wird hergerichtet für ein erneutes gemeinsames Mantra Singen, mit welchem der Nachmittag bereits eingeläutet worden war. Ich entscheide, heute schon genug «gechantet» zu haben, und verlasse den Tempelraum. Als ich meine Schuhe anziehe, kommt der Meditationsanleiter erneut auf mich zu, reicht mir sein Lieblingsbuch «Die Schönheit des Selbst» von Bhaktivedanta Swami Prabhupada und beteuert, dass ich jederzeit wieder willkommen sei. Ich bedanke mich und schlendere durch das mittlerweile in Dunkelheit getauchte Villenviertel in Richtung Tramhaltestelle.

Es war ein interessanter, aber langer Nachmittag. Ich habe viele freundliche Menschen kennengelernt. Bei keinem anderen meiner Besuche bei Gemeinschaften, haben sich die Anwesenden, so für mich als Person interessiert. Doch eine Parallele zu meinen bisherigen Erfahrungen gibt es trotzdem: Die Überzeugung, dass der eigene Glaube, die eigene Einstellung «richtig» ist.

von Lou Büchler und Marla Engelschalk

Lexikoneintrag: ISKCON

Lexikoneintrag: Schweizerischer Dachverband für Hinduismus

Bericht: 40-Jährige Jubiläumsfeier des Krishna-Tempels Zürich

Bericht: Besuch im ISKCON-Tempel Langenthal

Typen von religiösen Influencers

Im Rahmen der Recherche für einen Workshop über religiöse Influencers sind uns im Team von Relinfo Muster aufgefallen. Diese Muster haben wir kategorisiert. Überschneidungen sind möglich. Auch ist ein Influencer nicht zwingend problematisch nur weil er oder sie in eine der Kategorien passt. Ziel dieser Einordnungen sind erste Schritte zur Erkundung des Dschungels an religiösen und spirituellen Inhalten online. Häufig auftretende Narrative können bei dieser Kartografie unterstützen. Die Kategorisierung findet nicht nach Glaubensrichtung statt, sondern nach dem Verhalten des Influencers. Wir fragten uns: Welches Narrativ wird dargestellt? Und wie wirkt es auf das Publikum? Zur Veranschaulichung wurde zu jedem Typ von Influencers ein prominentes Beispiel hinzugefügt. Alle statistischen Angaben sind auf dem Stand vom Februar 2026.

Die Performenden

Man könnte argumentieren, dass alles im Internet Gezeigte eine Performance sei. Doch bei diesen Influencern wirken die Inhalte besonders gestellt oder romantisiert. Es wird ein nahezu unerreichbares Ideal dargestellt. Nicht selten befinden die Influencer sich auch ohne Popularität online schon in einer privilegierten Stellung. Im Publikum können so einerseits eigene Fantasien und Wünsche angeregt werden. Andererseits können auch Gefühle von Eifersucht, Druck oder Pessimismus gegenüber den persönlichen Lebensumständen entstehen.

Ein bekanntes Beispiel in dieser Kategorie wäre die mormonische Influencerin Nara Smith (www.tiktok.com/@naraazizasmith) mit einer 12,4 Millionen Followerschaft auf Tiktok. Sie filmt sich beim Kochen aufwendiger Rezepte in extravaganten Outfits. Sie wird als eine der bekanntesten «Tradwives» gesehen, also der traditionellen Ehe- und Hausfrauen-Bewegung. Dabei ist sie Influencerin und damit keine traditionelle Hausfrau ohne Beruf. Einige Fans nehmen sie in Schutz, da sie solch umständliche Rezepte in so unpraktischer Kleidung macht, dass es ironisch gemeint sein müsse.

Die Individuellen

Die Inhalte dieses Typs sind an ein Nischenpublikum angepasst. Diese Zielgruppe fühlt sich dann besonders angesprochen und reagiert dementsprechend empfindlich auf die Inhalte.

Hier wäre Edward Art (www.youtube.com/edwardart) mit 50 Tausend Abonnierten auf YouTube ein gutes Beispiel. Seine Videos auf YouTube befassen sich mit dem Manifestierennev, basierend auf den Schriften von Neville Goddard, einem Pionier des aktuellen Manifestations-Hypes. Dabei wirken seine Videos besonders tiefgründig, da sie mit alter Malerei und philosophisch klingenden Titeln gestaltet sind. So sprechen sie ein Publikum an, das an Manifestation interessiert ist, sich jedoch vermutlich zu intellektuell für zu einfache Antworten hält.

Die Gedrehten

Bei diesen Influencern wird ein Wechsel der Inhalte nach einem Skandal oder Tiefpunkt sichtbar. Dies irritiert Follower und löst Diskussion oder sogar Spaltungen in der Community aus. Gerade dadurch steigt die Bekanntheit des Influencers wieder an. Daher kann dieses Manöver auch beabsichtigt sein.

Ein Beispiel ist die YouTuberin Trisha Paytas, die oft in Reality-TV-artige Skandale verwickelt war und dann ein Musikvideo mit dem Titel «I love you Jesus» hochlädt. Viel interessanter ist es jedoch, wenn ein Kanal versucht seit Jahren gross zu werden und es erst schafft, als er beginnt über das Manifestieren zu posten. Ein Beispiel dafür ist Rita Kaminski (275 Tausend Abonnierte auf YouTube, www.youtube.com/@ritakaminski). Sie hat über Jahre versucht mit verschiedenem Content Klicks zu generieren. Dazu gehörten Reise-Vlogs oder Beauty-Tipps. Das war nie besonders erfolgreich, bis sie angefangen hat über das «Law of Attraction» zu sprechen. Die Idee hinter Manifestation ist: Deine Gedanken werden wahr, also ändere sie und ändere damit dein ganzes Leben. Das Thema ist bestens geeignet, um viele Videos daraus zu machen: Die Message ist immer gleich «Du erschaffst deine Realität» und es braucht nur wenig Hintergrundwissen. Viel weniger als christliche Inhalte, wofür man zumindest ein wenig über die Bibel wissen sollte. Rita selbst behauptet, sie hätte ihren Erfolg auf YouTube durch ihre Gedanken manifestiert. Dies sei ein Beweis dafür, dass man selbst das auch schaffen kann. Dass sie womöglich nach vielen Versuchen und Lernen daraus auf einen Trend aufgesprungen ist und damit ihren Durchbruch hatte, wird nie in Erwägung gezogen. Manifestieren eignet sich zusätzlich auch als guter Inhalt zum Posten, da der Influencer nie schuld ist, wenn ein Tipp nicht funktioniert. Das liegt dann allein an einem selbst und dass man «nicht genug geglaubt hat». Für gepostete Inhalte muss also keine Verantwortung übernommen werden.

Die Provokanten

Sie arbeiten oft mit Ragebait (übersetzt wortwörtlich: Wutköder), Cringe (besonders peinliche Inhalte) oder KI um zu schocken. Starke emotionale Reaktionen sollen ausgelöst werden, damit Posts kommentiert und geteilt werden.

Der christliche Influencer Leonard Jäger oder «Ketzer der Neuzeit» (www.youtube.com/@Ketzerderneuzeit) mit 577 Tausend Abonnierten auf YouTube ist ein gutes Beispiel hierfür. Er macht Strasseninterviews mit anti-woken und queerfeindlichen Inhalten. Auf seinem Instagram werden die polarisierendsten Aussagen aus seinem Podcast gepostet.

Die Selbstoptimierenden

Dieser Influencer verkörpert den Wunsch nach Selbstoptimierung, spirituelles Wachstum oft eingeschlossen. Das kann hilfreich sein, aber auch unter Druck setzen oder überfordern. Die Influencer erfüllen eine Vorbildfunktion.

Ein Beispiel wäre hier Laura Malina Seiler (www.youtube.com/@laura.malina.seiler) mit 231 Tausend Abonnierten auf YouTube. Sie postet zu Selbstentwicklung in Verbindung mit Spiritualität. Dabei hat sie schon unzählige Themen der New-Age-Spiritualität und Wellness durchgearbeitet und jedes soll das Leben «transformieren». EFT-Tapping, Meditation, Affirmationen, Nervensystem-Regulierung, Manifestation, KI als spiritueller Begleiter, Chakren, Atemübungen, Raunächte, Selbstliebe und finanzielle Freiheit sind nur einige der Themen, die sie schon behandelt hat. Das kann das Publikum auch überfordern.

Die Auserwählten

Ist davon überzeugt eine höhere Aufgabe zu haben oder die Reinkarnation einer prominenten religiösen Figur zu sein. Auf die meisten Menschen wirkt das absurd oder lustig, kann aber auch radikalisierend sein.

Beispiele wären Geistheiler Sananda (56 Tausend Abonnierte auf YouTube, www.youtube.com/@unglaublichespirituellewah2745) und Christina von Dreien (165 Tausend Abonnierte auf YouTube, www.youtube.com/@Christina-Von-Dreien). Beide sprechen offen darüber, dass sie die schicksalhafte Aufgabe hätten der Menschheit bei ihrer Entwicklung zu helfen. Christina von Dreien behauptet dabei Hohepriesterin auf dem spirituell weit fortgeschrittenen Kontinent Atlantis gewesen zu sein sowie mit der heiligen Maria und Jesus Christus in Kontakt zu stehen. Geistheiler Sananda geht sogar so weit zu behaupten, er sei eine Reinkarnation von Jesus. Auf Aussenstehende wirken ihre Videos oft wie schwammige spirituelle Kalendersprüche. Doch beide haben eine loyale Kerncommunity.

Die Richtenden

Die Richtenden machen hauptsächlich polarisierenden Meinungs- und Reaction-Content. Die eigene Community sieht den Influencer als Vertreter ihrer eigenen Ideologie. Verhalten, Aussehen und Aussagen von Personen oder Personengruppen werden genaustens auseinandergenommen, kommentiert und meist auch bewertet.

Ein Beispiel ist Matt Walsh (www.youtube.com/@mattwalsh) mit 3,35 Millionen Abonnierten auf YouTube. Der reagiert oft auf «woke» oder «linke» Inhalte und beruft sich dabei auf die «christliche» Moral, die für ihn rein konservativ ist.

Die Sympathischen

Sie sind besonders charismatische oder lustige Influencer. Aus der Sympathie kann eine parasoziale Beziehung werden, also die Illusion man würde den Influencer persönlich kennen oder sogar befreundet sein.

Millane Friesen (www.tiktok.com/@millane), postet auf TikTok häufig humorvolle Videos für 7 Millionen Abonnierte, die zu Trends passen. Daher ist sie ein gutes Beispiel für diese Kategorie. Sie hat aber neulich einen Skandal ausgelöst, als sie in einem Podcast sagte, wer eine Frau Gottes sein wolle, müsse sich unterordnen. Das steht im Bruch mit dem, wie sie sich sonst präsentiert. Durch die parasoziale Beziehung zu ihr, sind Fans besonders schockiert gewesen.

Die Ausgestiegenen

Die Personen hier haben eine Sekte, Religion oder Weltanschauung verlassen. Nun klären sie online darüber auf. Das kann Mitglieder der verlassenen Gruppe inspirieren oder erzürnen. Besonders interessant ist es, wenn hier scheinbar geheimes oder skandalöses Insider-Wissen aufgedeckt wird.

Ein perfektes Beispiel ist hier Alyssa Grenfell (www.youtube.com/@alyssadgenfell) mit 566 Tausend Abonnierten auf YouTube. Sie ist als Mormonin in Utah aufgewachsen und macht nun detaillierte Videos als Aussteigerin, wo sie Aussenstehenden wenig bekanntes Wissen über geheime Tempelzeremonien oder spezifische soziokulturelle Phänomene unter Mormonen erklärt.

Den Dschungel überblicken

Positive und negative Reaktion auf jeden der Typen sind offensichtlich. Doch wer einen Teil seines Lebens «chronisch online» verbracht hat wird noch zwei weitere verbreitete Reaktionen des Internets auf Influencer aus allen möglichen Bereichen ergänzen: Humor und Hass. Diese vier Reaktionsgruppen produzieren intern jeweils eigene Inhalte, Diskussionen und nicht selten auch Aufrufe zur Handlung. Diese Handlungen können variieren von Spenden an den Influencer zu blockieren desselben bis hin zu Morddrohungen. Da das Internet derart vielfältig und schnelllebig ist, wird eine tiefgehende Dokumentation und Einordnung im Zusammenhang mit Sekten, Religionen und Weltanschauungen nicht möglich sein. Was jedoch im Bereich des Möglichen liegt, ist die Medien- und Analysekompetenz der Konsumierenden zu stärken. Das Team von Relinfo hat dafür einen Workshop über religiöse Influencer für Jugendliche erstellt.

von Marla Engelschalk

«Soldaten des Lichts» – Eine grausame Beobachtung

In kaum einem anderen Film heutzutage müssen Zuschauende so viel Stille und Statik aushalten. Es wirkt anfangs artistisch. Doch das hier ist keine Kulisse von Wes Anderson. Der 2025 erschienene Film «Soldaten des Lichts» hat überhaupt keine Kulisse, er ist eine Dokumentation über Verschwörungstheoretiker und Anhänger des «Königreich Deutschland» post-Corona.

Unter Anleitung von Julian Vogel und Johannes Büttner wurden David Ekwe-Ebobisse und sein Team über einen längeren Zeitraum mit der Kamera begleitet. Ekwe-Ebobisse, auch «Doctor Raw», ist ein charismatischer und fitter roh-veganer Influencer aus Frankfurt am Main, der jeden «mein Lieber» oder «mein Schatz» nennt. Und er ist Reichsbürger.

«Soldaten des Lichts» war beim DOK-Fest 2025 in München der besucherstärkste Film. Doch wieso würden jene, die den Medien misstrauen, sich überhaupt von ihnen filmen lassen? Büttner und Ekwe-Ebobisse kennen sich aus Grundschulzeiten. Und unter der Bedingung einer neutralen Beobachtung kam der Film zustande. «Ihr werdet tatsächlich so dargestellt, wie ihr euch uns darstellt.», hiess es im Interview mit der Tagesschau.

Im Film werden alle Personen mit ihrem Vornamen angesprochen. Um Verwirrung vorzubeugen, wird dieser Bericht das übernehmen. Zusätzlich kann die Rede von «BRD und KRD» als Bundesrepublik Deutschland und «Königreich Deutschland» an die historischen Bezeichnungen BRD und DDR erinnern. So wird möglicherweise die Illusion des «Königreich Deutschland» als legitimer Staat verstärkt. Dieser Bericht wird diese Abkürzungen daher nicht verwenden.

Leben um Doctor Raw

David ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Influencer zum Thema Roh-Veganismus. Gemeinsam mit seinem Team bietet er nicht nur Kurse und einen Onlineshop an, sondern führte auch das Restaurant «Rohkosteria» in Frankfurt. David behauptet Krebs heilen zu können. In einem Livestream sagte er: «Ihr kennt das Down-Syndrom, das Gesicht. Hey Leute, wir haben ein Kind mit Down-Syndrom wieder zu einem ganz normalen Kind gemacht. Das kommt morgen, das Video und das zerreisst alles. Und das war das erste Video, was komplett gelöscht wurde auf YouTube. Wo sofort das draussen war, weil das die Agenda der Dunkelheit ist. Alle Kinder sollen autistisch oder Down-Syndrom, Minimum bekommen, die jetzt geboren werden.»

Und wer sind die Leute um David? Das kann tatsächlich jeder sein. So war einer, der für ihn arbeitet, einst bei der ANTIFA. Ein anderer schon immer rechts. Eine wichtige Figur im Film ist Timo, neu im Team und radikalisiert während der Pandemie. Bei persönlichen Gesprächen zwischen ihm und David wird klar, dass er mentale Probleme hat. David hört ihm aufmerksam zu und nennt das einfach «die Dunkelheit». Auch hat Timo stets einen abwesenden Blick und leichte Zuckungen im Gesicht. Viele seiner Probleme stammen angeblich von seiner früheren fleischreichen Ernährung. David diagnostizierte ihm Würmer in seinen Verdauungsorganen. Für acht bis zehn Stunden Arbeit am Tag bekommt Timo von Davids Team Kost, Logis und eine, angeblich sehr teure, Behandlung für seine Probleme.

In vielen Szenen der Doku sehen wir Davids Team kochen, räumen, arbeiten und Kräuter am Strassenrand sammeln. Sie sprechen über vierstündige Morgenroutinen und die Bastelwerkstatt für freie Energie im Keller. Auch werden immer wieder Personen beim Warten und gedankenverlorenen Umherstarren gezeigt. Allen voran Timo. So steht dieser still vor der Tür, als David eine Autowerkstatt besucht, die sich auch zum «Königreich Deutschland» bekennt. Diese Dynamik, das Warten auf Befehle, wird in anderen Artikeln zum Film mit Sklaverei verglichen. Ähnlich unwirklich sind die vielen Selbstgespräche Davids vor seiner Handykamera sowie ein Telefonat, während dessen er eine Bong raucht.

Wie abgespalten die Gruppe von der Gesellschaft ist, zeigt sich bei einer spirituellen Aufstellung, die sie durchführen. Ziel einer Aufstellung ist es, Unbewusstes ans Licht zu bringen, indem Personen sich repräsentativ für einen Aspekt eines Systems aussprechen. Meist wird das für Familien getan. So könnte zum Beispiel eine Person repräsentativ für den Vater stehen und in sich hinein fühlen, warum er sich so aggressiv verhält. David und sein Team führen die Aufstellung allerdings mit Rollen wie «Königreich Deutschland» und Olaf Scholz durch. Hier wird das Interesse der Gruppe an Politik deutlich und ihr fundamentales Missvertrauen in die Bundesrepublik Deutschland. So sagt ein Teammitglied: «…indem wir auf unserem Personalausweis unterschreiben, unseren Sklavenausweis unterschreiben.»

Ein weiteres Merkmal der Gruppe ist ihre Treue gegenüber Geistheiler Sananda. Dieser scheint für sie eine Art spirituelle Vaterfigur zu sein. So fragt David Timo einmal in einem Livestream, was dieser tun würde, wenn jemand auf Sananda schiesst. «Ich stelle mich vor ihn, auch wenn sie mir die Knarre an den Kopf halten.»

David: «Leute, seht ihr die Entschlossenheit in seinen Augen? Leute, solche Soldaten des Lichts brauche ich an meiner Seite, weil ich bin genauso.»

Ein Gastauftritt von Geistheiler Sananda

Doctor Raw trifft die selbsternannte Reinkarnation von Jesus Christus auf einer luftigen Dachterrasse zum Videointerview. Nicht für die Doku an sich, die beobachtet nur, wie die beiden Content zusammen machen. Sananda ist ganz in Weiss gekleidet und wird mit den Worten «die Persönlichkeit schlechthin in Deutschland, wenn es um Heilung geht, von Tieren sowie Menschen» von David vorgestellt. Sanandas YouTube-Kanal «Unglaubliche Spirituelle Wahrheiten TV» hat über 50 Tausend Abonnierte.

Die Doku zeigt nur Fragmente eines langen Gespräches. In der heutigen Zeit des Wandels würde nach Sananda die Erde gereinigt werden, weil der Mensch sich unverzeihlich an den Tieren versündigt hat. Er erzählt auch: «Auf dieser Erde leben auch sehr viele, die sind keine Menschen. Das sind nur künstliche Wesen. Und die echten Menschen liegen momentan bei 13 Prozent. Und die 87 Prozent sind da, damit die 13 sich erkennen können.» Passend dazu meint er zwischendurch: «Könnt ihr mal die dunkle Putzfrau wegtun? Dunkel meine ich nicht mit der Hautfarbe, sondern…»

David antwortet sofort: «Ich weiss, was du meinst. Die stört, ja. (Zum Kameramann) Wenn sie noch mal kommt, sag ihr ganz lieb, wir machen ein Video.»

Ganz selbstverständlich führt Sananda noch an: «Das war ein Repto.»

Die Implikation, dass ein Grossteil der Menschen nicht «echt» seien, ist nicht einfach nur gruselig. Das ist Elitarismus, ein typisches Merkmal für Verschwörungstheorien. Und es stärkt die Gruppe um Sananda und David.

Sananda verkündet noch vage Prophezeiungen: «Ich denke, dass viele Menschen aufstehen und sich wehren werden, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten wird Vieles passieren. Ich denke, dass einige Politiker von der Bildfläche verschwinden werden. Es werden Dinge passieren, mit denen niemand rechnet. Es ist alles möglich. In der Endzeit ist alles möglich. Alles. Die Guten werden das überleben, die werden das überstehen. Lassen wir uns einfach mal überraschen, was alles Schönes noch auf uns zukommt.» Der Zeitpunkt dieser Drehaufnahmen lässt sich auf 2022 datieren.

Nachdem fertig gedreht ist, unterhalten sich beide noch, lässig am Geländer der Terrasse gelehnt. Hier wird das Ausmass der Verehrung von David an Sananda noch klarer: «Es gibt keinen Dalai Lama mehr, es gibt keinen Papst mehr. Du bist das geistige Oberhaupt, was es so gibt auf der Erde.

Sananda sinniert: «Ich bin auch immer wieder überrascht über mich selber. Wenn ich ab und zu ein Video von mir angucke, was ich gesagt habe, sage ich zu Annette immer: Wieso habe ich das gesagt?» Auch gesteht er, dass er sich seinen Erfolg früher gewünscht hätte. Doch David meint: «Du sagst ja selber, es sollte scheinbar so sein. Und wenn ich mir dein Auto anschaue… Du bist immer noch in der Phase, wo du es geniessen kannst.»

Sananda: «Ich weiss nicht, wohin mit dem Geld.»

David: «Das glaub ich dir. Aber das hast du auch verdient, muss ich dir sagen.»

Sananda: «Ich als ehemaliger Sozialempfänger, ich darf das.»

Sie sprechen weiter über Geld. So berichtet Sananda «Ich hab jetzt die Preise verdreifacht.» Und das Geschäft würde trotzdem laufen. Danach ist zu sehen, wie «Jesus» in seinem Bentley davonfährt.

Fantasiereise ins «Königreich Deutschland»

Warum gelten Mitglieder des Fantasiestaats «Königreich Deutschland» überhaupt als Reichsbürger? Grundsätzlich präsentiert sich der Fantasiestaat (eigentlich nur ein Verein) als spiritueller als andere rechtsextreme Gruppen. Sie lehnten die Bundesrepublik Deutschland ab und sehen sie als Firma. Der Verein versucht, sich dem deutschen Finanzsystem gänzlich zu entziehen, ein eigener Staat zu werden und letztendlich das System umzustürzen. Daher wird der Verein von dem Bundesamt für Verfassungsschutz der Szene der «Reichsbürger und Selbstverwalter» zugeordnet.

Die Doku ermöglicht es, bei einem Gespräch der Mitglieder des «Königreichs Deutschland» über die Schulter zu schauen. Auch David ist dabei. Die Runde aus ungefähr zehn Leuten besteht fast nur aus Männern. Gründer und Oberster Souverän des Fantasiestaats «Königreich Deutschland» ist Peter Fitzek. Einer, vermutlich neuen, Frau in der Runde wird erklärt, wer für das Königreich arbeitet, würde mit allem versorgt werden. Peter spricht so weit entfernt von jeglichem Selbstzweifel, dass es Zuschauende irritieren kann: «Es ist jetzt schon so, dass es Leute gibt, die aus anderen Nationen langsam auf mich zukommen. Es gibt jetzt Gerichte, die sagen, wir wollen ein Verfahren führen, dass der Staat anerkannt wird, «Königreich Deutschland». Es gibt jetzt schon Landkreise,
die mich anschreiben als Peter I., König von Deutschland, oder als Peter Menschensohn. Überall sind Strukturen da, überall sind alternative Lösungen da. Jetzt ist es nur noch an uns, die Sachen richtig gross zu machen. Alles ist vorbereitet. Also, vom Bankensystem, Geldsystem, Marktsystem, Rechtssystem, Verfassung, Gesundheitssystem, Rentensystem, Bildungssystem, Pflegesystem, Unfallsystem, alles ist da. Kinderkriegen ohne Geburtsurkunde in der BRD.»

Bei einer Hausgeburt ohne Geburtsurkunde wäre eine Mutter fast gestorben, doch Peter hätte sie geheilt. Durch einen Wahrscheinlichkeitswechsel, der nach «Quantenphysik» möglich sei. «Über solche Fähigkeiten verfüge ich halt, aber ich hänge das nicht an die grosse Glocke. Und es ist auch nicht meine Aufgabe, die Einzelschicksale zu bessern, sondern ich möchte dem Kollektiv helfen. Und deswegen mache ich so etwas wie mit dir beispielsweise, und mit ihr jetzt nur noch in extremen Ausnahmefällen. Aber normalerweise gar nicht mehr. Aber möglich ist das alles. Was denken Sie, warum ich das alles überlebe, was ich hier mache.»

Ein anderer Mann meint später: «Oder man könnte sagen, was die Deutschen bisher durchgemacht haben, ist es ein Wunder, dass es sie noch gibt. Andere Völker wären schon weg vom Planeten. Überlegt, was hier in der Vergangenheit gelaufen ist. Allein die ganze Umherziehung nach dem Krieg. Da kann man auch wieder sagen, warum wird gegen uns so vorgegangen? Man hat Angst vor uns, das ist so.»

Peter ergänzt: «Nicht alle oder man, sondern die dunkle Seite hat Angst vor uns.»

Davids Erfahrungen mit Rassismus

Einmalig zeigt sich David in der Doku auch von einer verletzlichen Seite. Allein in seinem Büro mit einer Person hinter der Kamera sagt er: «Ich bin als Schwarzer… Du denkst, ich werde nicht diskriminiert und so. Aber ich spüre das doch. Jeder Blick ist eine Beleidigung, wie ich angeschaut werde auf der Strasse. Kannst du dir gar nicht vorstellen, ist ja klar.»

«Nein, ich kann das mir nicht vorstellen, aber ich glaube nicht, dass du nicht diskriminiert wirst.»

«Aber weisst du, wie subtil diese Diskriminierung ist?»

«Wie gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen, aber ich weiss, dass es passiert.»

«Genau, genau, du weisst, dass es passiert. Und deswegen, wenn du nicht dumm bist und die Augen offen hast, und ich habe einen sehr hellen Verstand, sehr wachen Geist, ich nehme das alles sehr genau wahr. Und deswegen habe ich eine Haltung entwickelt, dass ich da drüberstehe. Und dass ich meine eigene Wirklichkeit kreiere, weil ich weiss, zum Glück habe ich dann viel gelernt, ich bin Schöpfer. Ich muss nicht den ganzen Sachen folgen, ich kreiere die Wirklichkeit. Was die anderen sehen, ist alles gelogen. Und die wissen es gar nicht. Die haben einfach keine Ahnung, wie die Wirklichkeit funktioniert. Und das Traurige ist, ich sehe es ja, dass es bei mir funktioniert. Sonst wäre nicht mein Leben so. Das heisst, wenn die anderen mir mit Lebensentwürfen kommen, sage ich, wie sieht denn dein Leben aus? Bist du gesund? Fit? Hast du Sixpack? Geld? Freude? Spass? Gesunde Nahrung? Hast du das? Ansonsten funktioniert dein Lebensentwurf gar nicht. Du weisst es nicht besser.»

«Ja, man weiss immer nicht genau, wenn du sprichst, sind das Metaphern? Oder glaubst du wirklich,
dass es Geheimbünde gibt, die satanische Kinderrituale machen? Und da weiss ich auch, dass die Fakten keine wissenschaftlichen Fakten sind.»

David meint daraufhin, er solle einfach seine Bücher lesen. Damit meint er die mehrbändige und selbstverlegte «Weltgesundheitsformel», Davids umfangreiche Abrechnung mit der Lebensmittelindustrie. Die Bücher beinhalten sowohl grüne und anti-koloniale Ideen als auch verschwörungstheoretische Inhalte, aus seriösen und unseriösen Quellen.

Skizzierung einer Filmanalyse

Visuell lässt sich der Film dem «Direct Cinema» zuordnen. Das Publikum begegnet dem Geschehen also auf Augenhöhe, fast ohne je die Frosch- oder Vogelperspektive einzunehmen. Standbilder, keine sichtbar künstliche Beleuchtung oder Färbung und eine geringe Schnittfrequenz unterstreichen den wertfreien Ansatz, welchen Vogel und Büttner angestrebt haben. Kurz gesagt: Das Publikum sieht die Geschehnisse wie sie sind. Manchmal sieht es auch über die Schultern der Figuren oder sitzt mit im Auto.

Akustisch fällt sofort auf: Es gibt keine Filmmusik und keinen Erzähler aus dem Off, was für Dokumentationen sonst üblich ist. Selten stellt eine Person hinter der Kamera kurze Fragen für den Kontext. Die Doku steht filmisch auch im Kontrast zu dem spirituellen Content, den das Publikum sonst sieht, wo ködernde Thumbnails, Buchcover und Posts normalerweise sind: bunt und, für die Meisten offensichtlich Schwachsinn. Ist die Rede von scheinbar positiven Themen wie Heilung und die Rettung der Welt, sind Bild und Text nicht kongruent. Diese Unstimmigkeit gibt dem Publikum das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt, ganz ohne einen wertenden Erzähler. Filmmusik erfüllt oft eine Polarisierungsfunktion, indem sie visuell neutralen Szenen eine Stimmung gibt. Doch hier ist es gerade die Stille, die rohe Realität, mit dem das Publikum konfrontiert wird. Rechte Bewegungen werden in den öffentlich-rechtlichen Medien sonst nie kommentarlos und wertungsfrei dargestellt. So disruptiert «Soldaten des Lichts» die üblichen Gedankenströme des Publikums zu diesem Thema.

Sprachlich bewegen sich die Figuren um David im conspirituellen Soziolekt (conspriracy/Verschwörung + spirituell, Jargon der sozialen Gruppe). Ihre Worte sind also geprägt von Euphemismen für Radikales (z.B. «Soldaten des Lichts»), nicht-falsifizierbare Aussagen (z.B. Sananda: «…in den nächsten sechs bis zwölf Monaten wird Vieles passieren.») leeren Signifikanten (z.B. Licht, Liebe, Heilung) und Denkstopp-Phrasen (z.B. David: «…ich bin Schöpfer»). Der conspirituelle Soziolekt ist aufgrund seiner einfachen Verständlichkeit nicht zum Gatekeeping geeignet, jedoch stärkt er die In-Group-Identität. Weder das «Königreich Deutschland» noch die Geschehnisse um David sind von Geheimniskrämerei geprägt, obwohl man das möglicherweise von einer «typische Sekte» erwartet. Es zeigt, dass die Akteure in «Soldaten des Lichts» überzeugt davon sind, das Richtige zu tun und ihren eigenen Lehren wirklich glauben. Und durch die rassistischen Erfahrungen die David berichtet hat, wird das noch unterstrichen.

Trotz dokumentarischer Intention lassen sich im Film Metaphern finden. Eine der eindrucksvollsten ist dabei die Szene, in der zwei Frauen aus Davids Team in der von aussen vandalierten Rohkosteria sitzen. Die Fensterfront nimmt fast den gesamten Hintergrund ein und ist mit rotem Graffiti besprüht. Eine mögliche visuelle Darstellung davon, wie David und sein Team den Rest der Welt sehen, durch einen roten und damit feindlichen Filter. 2023 hielt der Demokratiekreis Riederwald jeden Samstag eine Mahnwache vor der Rohkosteria in Frankfurt. Das Lokal wurde im selben Jahr dauerhaft geschlossen. Ein Vertikalbeet, das David anfangs sorgfältig pflegt, wird später vertrocknet gezeigt.

Timo

Im Laufe der Doku verlässt Timo das Team von David, weil er nicht zum dritten Mal Fasten wollte. Er sieht mittlerweile untergewichtig aus. David findet schnell einen Ersatz für ihn. Im Team schmunzeln sie darüber, dass Timo wieder zu seinen Eltern gezogen ist. Fortan möchte David keine «bedürftigen» Menschen mehr in seine Gruppe aufnehmen, das wolle er dem Team nicht mehr antun.

Das Publikum sieht die typische deutsche Familie auf ihrer Terrasse sitzen. Es ist Timos Familie. Die Stimmung ist gedrückt, denn sie sprechen über Timos Austritt aus Davids Gruppe und ob er noch Kontakt zu ihm habe. Seine Mutter spielt ihm eine Nachricht von David ab: «Das ist wirklich ’ne Frechheit. Ich hab deinen Sohn aufgebaut, guck ihn dir jetzt bitte mal an. Weisst du noch, wie er war, als er zu mir kam? Der Junge war schizophren, schwer psychotisch, schwer krank. Er hat nur von der Dunkelheit geredet. Er ist wieder ganz normal, falls dir das nicht aufgefallen ist.» Timo hört emotionslos und apathisch zu, sein dünner Körper weit in den Stuhl gesackt. «Ich hab ihm da rausgeholfen und mein Bestes gegeben. Da muss ich mir jetzt solche Anschuldigungen anhören? Ein Danke hätte gereicht. Aber mir jetzt so zu kommen… Guck ihm in die Augen, guck dir deinen Sohn einfach bitte mal an. Frag ihn mal, ob er nicht wirklich die ganze Zeit, die letzten drei Monate von uns durchgefüttert wurde. Und es kann nicht sein, dass das jetzt einfach so untergeht. Ja? Und von daher bitte ich dich, das einfach mal im ganzen Kontext zu sehen und mir auch solche Nachrichten nicht mehr zu schreiben. Ja?»

Mit dem Austritt aus der Gruppe musste Timo seine Welt, zumindest räumlich, hinter sich lassen. Für das Publikum fungiert Timos Familie als Identifikationsfiguren. Ihre Terrasse spricht für typische deutsche Bodenständigkeit. Hier herrschen pragmatische Liebe und keine Selbstoptimierung. Ganz im Gegensatz zu Davids Welt wird dem Publikum hier eine archetypische Vertrautheit gezeigt. Keine bunte Esoterikwelt, voller persönlicher Entwicklungslust und lauten Liebesgebeten. Erst hier wird deutlich, wie weit Timo sich von seinem alten Leben entfernt hat. Und die Tatsache, dass diese Familie die Nachbarn von jedem von uns sein könnten, zeigt: Was mit ihrem Sohn passiert ist, kann jeder Familie passieren. Timo wurde in eine Klinik eingewiesen.

Timo schien sich weiterhin roh-vegan zu ernähren. Am Ende zeigt die Kamera ihn noch betend vor dem Essen. Leise Musik ertönt dabei, melancholisch und auch etwas unheimlich.  Die Audioqualität ist hier ungewöhnlich schlecht, verglichen zum Rest des Films. Nach dieser letzten Szene folgt ein Text auf schwarzem Hintergrund: «Sechs Monate nach Ende der Dreharbeiten stirbt Timo in Luxemburg. Bei seinem Tod wiegt er 53 Kilogramm. Wenige Wochen nach seiner Zwangseinweisung hatte ein Richter am Amtsgericht Herford entschieden, dass Timo – gegen den Willen seiner Eltern – die Klinik verlassen darf. Die Staatsanwaltschaft in Luxemburg ermittelt zu den Umständen seines Todes.»

Ausblick

Das Bundesministerium des Inneren hat am 13. Mai 2025 das «Königreich Deutschland» verboten und Peter Fitzek festgenommen. Sananda distanzierte sich im Dezember von David und sieht die Doku als Angriff auf seinen Ruf. Insgesamt ist «Soldaten des Lichts» ein Stilbruch zu den meisten anderen Dokumentationen des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens. Sie ist kein «Wissen to Go» für zwischendurch, mit anschaulicher Visualisierung und sympathischen Experten. Sie ist das, was viele durch den aktuellen Rechtsruck am meisten fürchten: Eine filterlose Konfrontation mit unserer gespalteten Gesellschaft. Da der Film so besucherstark war, erhebt sich jedoch eine leise Hoffnung. Womöglich regt seine besondere Ausführung zum Umdenken an.

Anhang für besonders Interessierte: Sanandas genaue Reaktion

Am 1. Dezember 2025 postete Geistheiler Sananda auf seiner Website (in der einzig dafür angelegten Kategorie «Rufmord/Verfolgung»): «Im Sommer 2022 wurde ich vom Lockvogel Mister R., aus Frankfurt in eine Falle gelockt bei einem Interview mit ihm! Er bracht ein linkes Antifa-Filmteam mit, die offenbar einen Film über Heiler drehen wollten! Dass die von der Antifa sind, im Auftrag des ZDF, und einen Reichsbürgerfilm drehen wollten, wurde mir nicht gesagt! Man hat mich reingelegt, mit Schwarzer Magie behandelt zuvor, und, mich ohne mein Einverständnis heimlich gefilmt! 3 Jahre später, Ende November 2025, erfuhr ich erst von dieser «Doku» der Antifa Berlin! Und von diesem T., der offenbar schwer krank war! Warum die Antifa, dessen Eltern, oder dieser Lockvogel Mister R. nicht zum Arzt mit diesem T. gingen, das weiss ich nicht! Es war von Anfang an geplant, mich aufs Glatteis zu führen! Ein hinterlistiger, unehrenhafter Film, von unehrenhaften Unmenschen! Eine menschenfeindliche und entwürdigende Tat, ein Komplott gegen mich! Sie haben meine Aufmerksamkeit nicht verdient! Ende!»

«…Es ist eine kostenlose Werbung für mich! Ich habe nichts Unrechtes getan, und ich bin nicht für das Leben anderer verantwortlich! Soll sich jeder selbst ein Bild machen, und entscheiden, auf welcher Seite er stehen will, was er als Wahrheit betrachtet, und, was als linke Propaganda! Antifa sagt eigentlich alles! Ich bin kein Reichsbürger, habe mit diesen Idioten nichts zu tun! Man will mich eindeutig einfach nur kaputtmachen, meine Familie und mich zerstören!…»

Am Tag darauf ergänzte er: «Ich dachte erst, da wäre KI im Spiel gewesen, weil ich mich nicht erinnern konnte, so einen Blödsinn gesagt zu haben! Nein! Ich habe das so gesagt, genau so! Unter dem Einfluss von Voodoo! Ich stehe zur Wahrheit und würde nie lügen, auch nicht, um mich besser aussehen zu lassen! Es ist so, wie es ist! Aber, es ist nicht MEINE Aussage! Ich spiegele die Gedanken meines Gegenübers, des Lockvogels! Weil ich ein Medium bin!»

«Dieses Königreich war auch sinnlos und widerlich, diente nur dem Ego vom kleinen grossen Peter!»

«Ich kann mich bis heute nicht an diese Minuten am Geländer erinnern, als Mister mich bedrängte, und komische Fragen stellte! Es fehlt in mir! Wenn jemand schwere Voodoowesen an sich hat, und näher als 1 Meter an mich herankommt, dann attackieren diese Wesen mich, machen mir entweder Kopfschmerzen, oder mir wird schwindlig, oder, ich rede kurze Zeit Blödsinn! Der nicht meiner ist! Wenn mein Gegenüber ein Angeber ist, nehme ich seine Energien kurz an, und werde selbst zum Angeber! Wenn der Gegenüber schwer depressiv ist, werde ich auch depressiv usw.! Darum ist es für mich schwer, Menschen in meiner Nähe zu ertragen! Dies war ein schwarzmagischer Angriff auf mich, und zufällig läuft da eine Kamera! Gelle? Vor ein paar Wochen zeigte mir ein Verkäufer ein Handy in einem Telefonladen. Als er an mir vorbeilief und mich berührte, fiel ich um nach hinten, konnte mich grade noch an einem Regal festhalten! Seine Energien liessen meine Beine einknicken! Mir wurde übel, musste nach draussen! Es wird für mich nicht mehr möglich sein, ein normales Leben zu führen! Liebe Grüsse Geistheiler Sananda»

Von Marla Engelschalk

Lexikoneintrag zu Doctor Raw

Lexikoneintrag zu Geistheiler Sananda

Lexikoneintrag zu Königreich Deutschland

Mit den Meistern in der Dunkelheit – Séance mit Mychael Shane und Raffaella Forte

Keine Piercings und kein «Blingbling»

Nach einer kurzen Busfahrt und einigen Metern zu Fuss erblicken meine Begleiterin und ich in der Dämmerung ein grosses Schild an einem Wohnhäuschen: «Basler Psi Verein». Es ist kurz vor 18 Uhr, wir haben unser Ziel doch noch rechtzeitig erreicht. Beinahe hätten wir den Bus verpasst, weil wir unsere Piercings nicht aus der Nase bekommen haben. Wir nehmen heute Abend an einer Séance mit den Medien Mychael Shane und Raffaella Forte teil. Bei der Anmeldung war vermerkt, dass kein Schmuck, also auch möglichst keine Piercings, in den Séance-Raum mitgenommen werden dürfen. Völlig schmucklos und etwas nervös treten wir ein. Eine Welle warmer Luft schlägt uns entgegen, der Empfangsraum ist schon ziemlich voll. Ich bin überrascht, ich hatte mit einer kleineren Gruppe gerechnet. Hinter einem Schreibtisch mit grossem Computer steht eine Frau mit langen grauen Haaren. Sie schaut uns prüfend an und fragt, ob wir auf der Liste stehen. Ich bejahe und sie lässt uns passieren. Wir haben nur kurz Zeit, uns im Raum umzusehen, dann werden wir in den Keller geschickt. 

Eine steile hölzerne Kellertreppe führt uns zu aufgestellten Stuhlreihen, die allesamt auf einen Sessel ausgerichtet sind. Auf dem Sessel sitzt Mychael Shane, der Star des Abends. Er scheint uns jedoch nicht wahrzunehmen und blickt vertieft in sein Smartphone. Wir setzen uns diskret in die dritte Reihe und schauen zu, wie immer mehr Menschen die steile Treppe runter klettern. Viele Menschen scheinen sich zu kennen und begrüssen sich gut gelaunt. Wir scheinen klar die Jüngsten zu sein, die meisten Anwesenden schätzen wir auf über fünfzig. Nur ein Pärchen scheint erst um die dreissig zu sein. Auch auffällig ist der hohe Frauenanteil: Neben dem Dreissigjährigen ist nur noch ein anderer männlicher Besucher anwesend. Die Sitzreihen füllen sich allmählich, schlussendlich sind um die dreissig Menschen im Publikum. Mittlerweile hat Mychael sein Smartphone zur Seite gelegt und schaut uns strahlend an. Neben ihm setzen sich drei weitere Personen: Raffaella Forte (das andere Medium), Sabin Sütterlin (aus dem Psi-Verein-Team) und Sam (Mychaels Assistent). 

Alles gegen den Betrugsverdacht

Sabin stellt sich vor und begrüsst die beiden Medien und Sam. Sie heisst uns alle willkommen und erklärt, dass nun die Séance vorbesprochen werde. Mychael Shane sei ein berühmtes amerikanisches Medium. Raffaella komme aus Italien, lebe aber schon lange in der Schweiz. Sabin erklärt, dass sie heute Abend als Übersetzerin tätig sein werde. Denn obwohl Mychael und Raffaella seit drei Jahren zusammenarbeiten würden, spreche Mychael nur Englisch und Raffaella nur Italienisch und Deutsch. Mychael ergreift das Wort: Er und Raffaella seien Medien, die mit den «Meistern» in Kontakt treten können. Das seien verstorbene Geistwesen, wie St. Germain, Lady Nada, oder auch Buddha und Jesus. Für die heutige Séance hätten die «Meister» einem Steinregen und Apporten durch Mychaels Mund zugestimmt. Als Apporte bezeichnet er die Materialisierung von Gegenständen, meist Steinen. Er selbst apportiere oft durch den Körper, meist durch den Mund, es seien jedoch auch schon Steine seinen Augen entsprungen. Der angekündigte Steinregen werde meist durch Raffaellas Kraft verursacht, dabei würden sich Plasmawolken bilden, aus welchen es Steinchen regne. Bei grossem Glück sei sogar der Apport von Ölen möglich, doch dies geschehe nur ganz selten. Flüssiges Apportieren sei zudem gefährlicher für das Medium als der Apport von Feststoffen. Er lacht herzhaft auf, es sei nicht lebensgefährlich, aber die Öle können im Körper des Mediums stecken bleiben. Er grinst, seine Fürze hätten damals einen Monat lang nach Rosenöl gerochen. 

Weiter erklärt Mychael, dass die Medien während der Séance in einer Art Trance weggetreten seien, sie würden also nichts von den Geschehnissen mitbekommen. Die «Meister» sprechen nicht direkt durch die Medien, sondern mit Hilfe einer «Trompete». Er gibt ein trichterförmiges Kartonrohr durchs Publikum. Darin materialisiere sich das sogenannte «Ektoplasma» der Medien in Form von Stimmbändern. Diese erzeugten Stimmbänder würden den «Meistern» dann erlauben zu sprechen. 

Zwei Personen, die zum ersten Mal an einer Séance teilnehmen, werden dazu aufgefordert, den Séance-Raum zu prüfen. Sie sollen die gesamte Räumlichkeit genau unter die Lupe nehmen und sicherstellen, dass alles nach rechten Dingen zugeht. 

Zudem werden diverse Leute für kleine Aufgaben ausgewählt: Vor dem Start der Séance sollen die beiden Medien mit Kabelbindern an Stühle gefesselt werden, Mychael soll einen Schluck Wasser eingeflösst werden – den er während der gesamten Séance im Mund behalten will – danach soll beiden Medien den Mund mit Klebeband zugeklebt werden. Eine Frau wird ausgewählt, um das aufgeklebte Klebeband zu signieren. Alles, um zu beweisen, dass nicht getrickst wird. Als die Raumkontrollierenden zurückkommen und bestätigen, nichts Verdächtiges gesehen zu haben, wird uns erklärt, welche Gegenstände wir bei uns haben dürfen: Schuhe, Jacken, Taschen, Wasserflaschen und natürlich jede Form von technischen Geräten müssen draussen bleiben. Wie bereits in der Anmeldung vermerkt war, sind glitzernde Gegenstände aus Metall und Schmuck nicht erlaubt. Mychael erklärt, dass die Reflexion dieser Gegenstände den Medien Verbrennungen zufügen könne. Auch Brillen seien deshalb potenziell gefährlich und sollten grundsätzlich nur kurz aufgesetzt werden, wenn man das Gefühl hat, eine Erscheinung zu sehen. Ich frage mich, was er mit Erscheinungen meint und wie diese im Dunkeln zu sehen sein sollen, entscheide mich aber, meine Brille für den Fall mitzunehmen. Eine Frau in der vordersten Reihe hat Fingernägel in einem silbernen «Metallic-Look». Mychael schmunzelt, komplimentiert ihre Maniküre und weist sie an, die Nägel einzeln mit Klebeband abzukleben. Danach werden wir angewiesen, uns langsam nach oben zu begeben, unsere organischen Bedürfnisse zu stillen und im Séance-Raum Platz zu nehmen. 

The White Fire and the Violet Flame

Die WC-Schlange ist sehr lang, deshalb schauen wir uns noch etwas im Eingangsbereich um. Diverse Bücher und Flyer sind aufgestellt, die Interessen des Psi-Vereins scheinen sehr breit zu sein: Von Eckhard Tolle zu Tantra-Massage-Flyern, über «Albert Hofmann und sein LSD» bis zu Magazinen, die Chemtrail Verschwörungserzählungen verbreiten, ist alles zu finden. Als wir an der Reihe sind, den Séance-Raum zu betreten, werden wir von Samy mit einem kleinen schwarzen Gerät abgesucht. Er erklärt mir grinsend, dies sei neueste Technik und diene dazu, Kameras und Abhörgeräte ausfindig zu machen. Anschliessend werden wir von Jacky – der Frau mit den langen grauen Haaren – abgetastet, ich muss eine goldene Stelle an meiner Brille abkleben, doch dann werden wir für sauber erklärt und dürfen eintreten. 

Wieder sind mehrere Stuhlreihen aufgestellt, die auf zwei Kabinette ausgerichtet sind. Unter den Stühlen sind weisse Leintücher ausgebreitet. Die «Zeltchen-Kabinette» sind mit violettem und rotem Samt Stoff bespannte Holzgerüste, in welchen je ein Stuhl steht. Unter den Stühlen ist jeweils eine Schüssel Wasser aufgestellt und die schon vorgeführten Trichter stehen einsatzbereit. An der Mitte des Holzgerüstes, ganz oben sind jeweils kleine Glöckchen angebracht. Noch ist der Raum durch Deckenleuchten in warmes Licht getaucht, im rechten Ecken neben Raffaellas Kabinett steht eine beeindruckend grosse Monstera Pflanze und etwas weiter vorne sind zwei weisse Tische aufgebaut. Ansonsten ist der Raum ziemlich leer, die Fenster sind von schweren grauen Vorhängen bedeckt, die sorgsam an die Wand geklebt wurden, um völlige Dunkelheit zu ermöglichen. 

Eine Frau dreht sich zu uns um und lächelt freundlich, sie fragt, ob wir nicht weiter vorne sitzen möchten. Wir lehnen dankend ab, es sei unsere erste Séance und wir möchten es lieber langsam angehen. Sie lacht und stellt sich als Frau von Mychael vor, und habe demensprechend schon einige Séancen miterlebt. Wir plaudern mit ihr und sie erzählt uns von ihren Kindern, während die im Voraus bestimmten Personen ihren Aufgaben nachkommen. Die Medien werden an die Stühle gefesselt und ihr Mund wird zugeklebt, dann wird das Licht gelöscht. 

Wir sitzen in vollkommener Dunkelheit, nur die an den Trichtern angebrachten Leuchtstreifen und zwei leuchtende Punkte, jeweils am oberen Rand der Kabinette sind zu erahnen. Als erstes werden wir aufgefordert uns durchzunummerieren, es sei nämlich möglich, dass die Spirits eine persönliche Nachricht für jemanden hätten. Diese Person würde dann mit ihrer Nummer angesprochen werden. 

Sam startet nun die Séance mit einem Gebet und der ganze Raum spricht einen Teil mit: «I command the white fire and the violet flame to surround and protect this room now. I command the white fire and the violet flame to surround and protect this medium now». Plötzlich wird eine laute Aufnahme abgespielt: Das Mantra «Om» erklingt dröhnend und alle fallen in den Gesang mit ein. Durch die vielen Stimmen scheint der ganze Raum zu vibrieren. Ich versuche mich noch immer an die Dunkelheit zu gewöhnen und empfinde diesen lauten Chor als sehr intensiv und lange. Plötzlich fangen die Kabinette an zu rütteln, die Lichtpunkte und die Glöckchen schwirren wild umher und eine Frau schnappt nach Luft, etwas habe ihr Knie berührt. Der «Om-Gesang» verklingt aber eine andere schrille Stimme ertönt. Sie scheint aus Mychaels Zelt zu kommen und stellt sich als Lady Nada vor. Ich muss mich etwas zusammenreissen, um nicht zu lachen, denn die Stimme ist wirklich ziemlich schrill und für meine Ohren klingt sie sehr nach Mychaels verstellter, englischer Stimme. Was ich schon für einen seltsamen Zufall halte, da die Stimme doch eigentlich von neugebildeten Plasma-Stimmbändern kommen sollte. 

Lady Nada und eine ölige Überraschung

Lady Nada erklärt uns, dass die «Spirit World», die echte Welt sein und die Welt, wie wir sie kennen sei nur geschaffen worden, damit wir Menschen Dualität erleben können. So sollen wir lernen mit Negativität umgehen zu können. Sie weist uns an diese Negativität anzunehmen aber auch wieder gehen zu lassen und uns auf das Positive zu konzentrieren. Dementsprechend sollen wir uns auch keine Sorgen machen um das politische Weltgeschehen. Alles werde sich zum Guten entwickeln, es lohne sich also nicht sich mit der Politik auseinanderzusetzen. Weiter belehrt uns Lady Nada über die Wichtigkeit von Selbstliebe, wie gesagt, alles auf Englisch. Sabin übersetzt also fortlaufend jeden Satz auf Deutsch. 

Nach ihrem Monolog weist Lady Nada Sam – den sie mit kicherndem, flirtendem Ton «Samypoo» nennt – dazu an Raffaellas Kabinett einen Spaltbreit zu öffnen. Durch ihre Kraft werde nämlich nun der Steinregen materialisiert. Wie genau Sam sich in der Dunkelheit zurechtfindet, ist mir ein Rätsel, doch er scheint seine Aufgabe erfüllt zu haben. Lady Nada ist sehr zufrieden und weist uns an nochmals die «Om» Aufnahme abzuspielen dazu mitzusingen und nicht nach oben zu schauen, damit wir keine Steine in die Augen kriegen. Wieder geben alle andächtig Töne von sich, als plötzlich kleine Aufschreie ertönen. Einige der Anwesenden sind wohl von kleinen Steinen getroffen worden. Der Steinregen fällt in drei Intervallen, bis zu uns reicht er allerdings nicht, er scheint eher aus dem vorderen rechten Ecken zu kommen. Ob es ein Zufall ist, dass Sam dort seinen Stuhl hat? Doch meine Gedanken werden abrupt unterbrochen durch ein leises Gurgeln und durch Lady Nadas entzückten Ausruf. Ein Pharao Meister, leider habe ich seinen Namen nicht verstanden, und St. Germain seien bereit Öl zu materialisieren. Das Publikum ist ergriffen und gibt leise «Ohs» und «Ahs» von sich. Wieder ertönt ein kleines Gurgeln, das muss wohl das Öl gewesen sein. Langsam breitet sich ein subtiler, undefinierbarer Geruch aus, doch mehr bekomme ich von den Öl-Apporten leider nicht mit. 

Steinschwall aus dem Mund

Zum Schluss fragt Lady Nada, die uns munter durch die Séance moderiert, ob wir noch Fragen an sie haben. Zögerlich melden sich einige Stimmen aus dem Publikum und mehrere «Yes please» ertönen. Eine Frau fragt, nach der Wurzel ihrer physischen Krankheiten. Lady Nada bittet kurz um stille und meldet, dass die Krankheiten Ursprung in drei verschiedenen, früheren Leben haben. Das bedeute auch, dass die Leiden heilbar seien. Wie genau diese Heilung ausgeführt werden sollte, beschreibt sie leider jedoch nicht. Eine andere Frau ergreift das Wort und berichtet von einer besonders tiefen und langsamen Stimme, die sie immer wieder hören könne. Die Frau fragt, ob Lady Nada diese Stimme kenne. Was Lady Nada verzückt bestätigt, und der Frau empfiehlt, mit der Stimme zu kommunizieren. Nach einigen weiteren Fragen, verabschiedet sich Lady Nada und Sam stimmt wieder in ein Gebet ein. Er weist uns an, folgenden Satz mit ihm zu wiederholen, bis die Medien aus ihrer Trance aufwachen: «Mychael row your boat ashore, hallelujah. Raffaella row your boat ashore, hallelujah.» Wir hören leises Stöhnen aus den Kabinetten und das Licht wird angeschaltet. Es sei uns nun gestattet, die Smartphones in den Raum zu holen, falls wir die Apporte filmen möchten. Wir eilen in unseren Socken durch den Eingangsbereich und grübeln unsere Handys hervor. 

Mittlerweile wurden die Fesseln aufgetrennt und Mychael fordert und auf, zuzusehen, wie er Blaubeeren isst. Dies ist eine weitere Massnahme, die beweisen soll, dass nicht geschummelt wird. Würde Mychael die Apporte nicht wie angekündigt im Mund materialisieren, sondern heraufwürgen, müsste er dabei auch die Blaubeeren wieder ausspucken. Mychael begibt sich erneut in das Kabinett und wir «chanten» wiederholt «Om», bis ein leises Würgegeräusch aus dem Kabinett dringt und Sam «He is ready!» verkündet. Der wankende Mychael wird von Sabin und Sam gestützt, zwei Séance-Teilnehmerinnen spannen vor ihm ein weisses Tuch auf. Das Medium fängt heftig an zu atmen und spuckt unter knirschenden Geräuschen viele kleine, bunte Steinchen auf das Tuch. Die Blaubeeren sind nicht zu sehen. Alle Anwesenden drängen sich aufgeregt um das Tuch, die meisten mit dem Smartphone in der Hand. Die etwas abseitsstehende Ehefrau von Mychael lächelt uns bedeutungsvoll zu und verwickelt uns nach dem Spektakel wieder in ein höfliches Gespräch. Währenddessen wird in die Mitte des Stuhlkreises ein Tisch gestellt, auf welchem alle Apporte arrangiert werden und hinter welchem die beiden Medien auf Stühlen Platz nehmen. 

Eine Sängerin und eine Lehrerin

Ehrlicherweise hatte ich Raffaella in dem ganzen Trubel um Mychael etwas vergessen, doch nun beginnt sie mit der Vergabe ihrer Apport Geschenke. Von ihr ausgewählte Steine aus dem Steinregen werden uns nun der Reihe nach mit ein paar persönlichen Worten überreicht. Die Übergabe darf jeweils gefilmt werden, zuerst ist meine Begleiterin dran. Wir treten beide nach vorne, ich mit dem filmenden Handy, sie mit ausgestreckten Händen. Ihre Botschaft zu den Steinen lautet: « Du bist die nächste Generation. Du bist nicht umsonst heute da. Du wirst weiterhin ganz viele Sachen machen, du bist eine Künstlerin. Du hast eine gute Stimme, du solltest singen. Singst du ab und zu?» Als meine Freundin mit «nein» antwortet, lachen die anwesenden und Raffaella meint: « Ah wer weiss, da kommt noch mehr. Du suchst deinen Weg und du wirst deinen Weg finden. Zudem sage St. Germain, dass er ihre Augen ganz speziell finde.» Wieder lacht der gesamte Saal und als nächstes bin ich an der Reihe. Raffaella fragt uns, ob wir Freundinnen sind und wir nicken. Sie führt aus: « Die Meister haben mir gesagt, dass ihr zwei nicht umsonst hierhergekommen seid. Ich höre, dass ihr schon lange gemeinsam darüber spricht, also über die Spirits uns so.» Ich gebe ein zögerliches «Mhh» von mir und sie fährt fort: « Jaja! Die Spirits haben euch erhört und euch heute den Beweis ihrer Existenz gegeben. Erzählt das und bringt das in die Welt in Liebe. Auch du gehörst zur nächsten Generation und du bist eine Lehrerin für andere Menschen.» 

Als kurze Einordnung merke ich an, dass wir uns tatsächlich im Voraus mit den Spirits auseinandergesetzt haben. Meine Freundin zehn Minuten vor dem Beginn der Séance und ich einige Tage vor der Séance, zu Recherchezwecken. Das «lange gemeinsame darüber Sprechen» beschränkte sich für uns also auf die gemeinsame Busfahrt zum Psi-Verein. 

Wir waren «Soldiers in Rome» 

Nun ist Mychael mit seiner Apport Verteilung dran. Wir filmen uns wieder gegenseitig und können deshalb ziemlich genau wiedergeben, was er uns mit auf den Weg gibt. Meiner Begleitung übergibt er einen blauen Stein mit den Worten: «This is from Buddha to study the masters, enlighten the energy and mastery.» Auch mir übergibt er einen blauen Stein und sagt «Same message», fügt aber noch hinzu: «The two of you had numerous lifetimes together. You’ve been sisters, you’ve been husband and wife, brothers, brothers and sisters, soldiers in Rome. And the experience, the relationship, was always positive. So this time it won’t be…no kidding!» Wieder lacht der ganze Saal und Mychael überreicht uns zusätzlich je ein Fläschchen des abgefüllten Öls. 

Auch für die anderen Anwesenden hat Mychael spezielle Mitteilungen. Der circa dreissigjährigen Frau kündigt er eine Überraschung an, seiner Meinung nach eine potenzielle Schwangerschaft. Einer anderen Frau gratuliert er, sie habe bereits die höchste Stufe vom physischen Leben erreicht und müsse, wenn sie nicht wolle, nicht mehr wiedergeboren werden. Als die Runde zu Ende ist, bedankt sich Sabin bei uns und bei den Medien und verabschiedet sich. Sie sieht ziemlich müde aus, als Übersetzerin hat sie heute wohl eine sehr anstrengende Rolle eingenommen. Wir schauen noch zu wie die Menschen langsam in den Eingangsbereich schlendern, es wird sich angeregt ausgetauscht und die Stimmung scheint mir sehr positiv, fast schon euphorisch zu sein. Wir packen unsere Sachen zusammen, ziehen unsere Schuhe wieder an und verabschieden uns. Es ist mittlerweile schon 22 Uhr, draussen ist es fast so dunkel, wie während der Séance. Doch die frische Luft tut uns gut und wir entscheiden uns, ein Stück zu Fuss zu gehen. 

Auf dem Heimweg schauen wir nochmals auf den ereignisreichen Abend zurück. Wir sind in eine fremde Welt eingetaucht und wurden herzlich aufgenommen. Für die meisten Anwesenden scheint der Abend ein sehr positives, aufregendes, vielleicht sogar perspektivenveränderndes Erlebnis gewesen zu sein. Ich möchte den beiden Medien oder dem Psi-Verein keine bösen Absichten unterstellen. Trotzdem stechen für mich die Banalität und die Vagheit vieler Aussagen sehr deutlich heraus. Auch die spezifischen Regeln, das strenge Kameraverbot und die Dunkelheit werfen Fragen nach der Plausibilität auf. Die Séance wirkte weniger zufällig als sorgfältig inszeniert und orchestriert. Die Frage nach Manipulation und wie damit umzugehen ist, kreist uns dementsprechend noch lange im Kopf herum.

Lou Büchler, 19. Dezember 2025

Blökende Schafe im Kampf gegen den Teufel – Ein Besuch beim City Church Netzwerk Zürich

Alle drei Wochen treffen sich die «Mitglieder» des City Church Netzwerks in ihrer sogenannten «Homebase» in der Nähe des Helvetiaplatzes.

Die City Church sieht sich selbst als Netzwerk, und nicht (mehr) unbedingt als Kirche. Ich werde jene Menschen, denen ich begegnet bin, die klar Teil der Gemeinschaft waren, trotz allem als «Gemeindemitglieder» bezeichnen. Jede andere Formulierung wäre zu langatmig. Die Versammlung der Anwesenden bezeichne ich als «Gemeinde», auch wenn sie mit dieser Bezeichnung vermutlich auch nicht glücklich wären. In gewisser Weise passt jedes Wort gleich schlecht.

Das City Church Netzwerk pflegt einen neocharismatischen Glauben mit starker Betonung der Geistesgaben. Diese Geistesgaben, zum Beispiel in Zungen zu reden, oder Prophetie, haben beim City Church Netzwerk einen hohen Stellenwert, wie auch bei diesem Besuch spürbar wurde.

Begrüsst und bejüngert!

Der Eingang ist von der Strasse nicht direkt sichtbar – wenn man aber um die Ecken kommt, entdeckt man die blaue Fahne mit der Aufschrift «City Church» und eine «Empfangsperson», wie es sie oft bei Freikirchen gibt. Die Begrüssenden an der Tür sind oft in einem sogenannten «Welcome Team», auch wenn ich hier nicht sicher bin, ob es ein solches Team gibt, oder ob sie sich einfach abwechseln.

Die Dame an der Tür begrüsste die anderen Besuchenden, soweit ich das sehen konnte, jeweils mit einer Umarmung. Ich trat zu ihr, begann zu plaudern – nicht zuletzt, weil ich eigentlich noch jemand mitnehmen wollte, und aufgrund deren Verspätung begann anzunehmen, dass sie einfach verschlafen hatte – und entschied, mich hineinzubegeben. Kaum sehe ich in das Gebäude, erschrecke ich etwas: Es geht praktisch gerade runter, eine Treppe mit relativ schmalen, hohen Stufen. Die «Empfangsdame» begleitete mich nach unten und sprach dann eine andere Frau, die ebenfalls Mitglied der Gemeinde zu sein schien, an. Nennen wir diese der Einfachheit halber J. (ihren Namen habe ich zugegebenermassen vergessen). Die «Empfangsdame» stellte mich J. vor und ging auch gleich wieder nach oben – ein klassisches «Abgeben» der neuen Besuchenden, damit die auch ja nicht allein sind. J. erklärte als erstes, dass sie neuen Besuchenden immer zuerst einen Kaffee anbieten würden, ob ich denn einen wolle. Auf meine Bitte nach Wasser wurde mir Tee angeboten; was denn mein Lieblingstee sei.

Während also ein anderes Gemeindemitglied mir Tee holen ging, wurde ich gefragt, wie ich auf diesen Anlass gestossen sei («Freunde von Freunden, sozusagen», unspezifischer geht es kaum), und ich fügte an, dass ich gerne verschiedene Freikirchen besuche. Schnell entgegnete J., dass es sich bei ihnen nicht um eine Kirche handle, sondern um ein Netzwerk. Sie stellten «Jüngerschaft» in den Fokus – ein Begriff, unter dem ich insbesondere das Evangelisieren und das «Motivieren» zum Evangelisieren verstehe. Also: Andere Menschen zum Glauben bringen, und die neu Glaubenden dazu bringen, auch andere Menschen zum Glauben zu bringen. J. verwies auch auf den Missionierungsbefehl im Matthäusevangelium, «Macht zu Jüngern alle Völker», wie sie zitierte. Diese «Jüngerschaft» sei so wichtig, dass im Grunde genommen jede Person zu einem Jüngerhaus gehöre, und die meisten Anwesenden auch einen Mentor hätten. Im Gespräch mit einem anderen Gemeindemitglied fiel später das Wort «bejüngern». Heisst: Die Person, der man als Mentor zugeteilt ist, betreuen. Gegendert hat weder J. noch sonst jemand in der Gemeinde.

Gemütlich, locker, gechillt: und ziemlich klein

Die rund 50, altersmässig gut durchmischten Anwesenden plus Kinder füllten den eher kleinen Saal gut – er war voll, aber noch nicht kurz vor dem Platzen. Die Kinder zählte ich nicht – ich finde das bei Kindern, die nicht nur klein, sondern auch sehr aktiv sind, immer etwas schwierig – aber es dürften über 10 gewesen sein. Ich wusste, dass das Treffen mit Kindern begann, und diese dann bald in einem anderen Raum eine Art Kinderstunde (oder nach Formulierung der Gemeinde: «Kids Worship») durchführen würden. Es gab drei Stuhlreihen, sowie Matten, mit denen man sich auf den Boden setzen konnte. Die Band bestand aus einer Gitarre (von einem Sänger gespielt), zwei Sängerinnen, und einem Schlagwerk. Etwas weiter hinten stand noch ein ungenutztes Keyboard. 

Nach J.s Ausführung, bei welcher ich den Raum beobachtete, setzte ich mich in eine zweite Reihe. Es gab tatsächlich nur drei Reihen, dann noch ein paar runde Tische, einige Sessel – die bereits besetzt waren – und eben die Matten, mit denen man auch auf den Boden sitzen hätte können. Anspruch? Möglichst familiär, Hauptsache «locker». Es kamen einige weitere Menschen, und ein Bandmitglied kommentierte: «Es füllt sich doch no!»

Auf einem Stuhl sass ein Herr mit Sonnenbrille und Langstock. Da ich neulich probeweise ein Treppenlaufen mit Dunkelbrille und Langstock, sowie sehr viel Angst absolviert hatte, fragte ich mich, wie gut es für ihn ging, bei der steilen, schmalen Treppe. Er ist sich die Nutzung eines Langstocks aber mit Sicherheit etwas gewöhnter als ich. Weiter fragte ich mich, ob er denn als «zu heilen» gilt – ob seine Sehbehinderung durch die Gabe der Heilung geheilt werden könnte. Besonders darüber ausgeführt haben sie nicht.

Ich trank also meinen Tee und wurde von anderen Menschen, die um mich um waren, begrüsst – beispielsweise ein «mittelalter» Herr, vielleicht in seinen 40ern oder 50ern, der sich als «Hansjörg» vor- und als Prediger herausstellte. Obwohl ich im Vorfeld einige Podcasts ihrer Gottesdienste ansatzweise gehört und so auch seinen Namen, Hansjörg Stadelmann, gelesen hatte, machte ich die Verbindung nicht direkt.

Schlage den Feind und segne das Geben

Nach einem ersten Lied wurde der Gottesdienst eingeleitet mit der Erklärung, «nach einer starken Serie, die die Jünger-Häuser organisiert haben», ginge es heute um Versöhnung. Das Gemeindemitglied, welche die Einleitung machte, erklärte: «Jedes Herz, das sich heute auftut, ist ein riesen Schlag gegen den Feind.» Mit Feind ist selbstverständlich der Teufel gemeint.

Schnell ging es weiter zur «Sammlung», wofür ein anderes Gemeindemitglied, nennen wir sie S., nach vorne trat. Zu meiner persönlichen Überraschung sammelte sie nicht etwa unspezifisch «für Gott», oder für die Raummiete, sondern stattdessen für ein Kinderheim für Kinder mit Beeinträchtigungen in Uganda, das wohl von einer Freundin von S. geleitet wurde. Sie selbst sei von Anfang an dabei gewesen – als die Freundin «die Prophetie» erhielt, hätten sie gebetet und gefleht. Das Kinderheim, «Genesis of Hope», bräuchte noch Türen und Fenster für ein Schulgebäude, sowie ein Tor für das Land, auf welchem sie anbauen wollen – «zum Schutz». Man soll das Geld auch «mit Segen» geben. Röhrenartige Behälter wurden weitergereicht. Das Gemeindemitglied, welches mir einen Behälter weiterreichte, sagte gleich dazu: «Du kannst es einfach weitergeben.» Das tat ich dann auch.

Segnet das Baby! Eine gemeinschaftliche Einsegnung

Im nächsten Teil wurde es, zumindest für mich, ein wenig bizarr. Eine junge Frau, um die 30, trat nach vorne. Sie trug ein Baby, das mit Sicherheit noch nicht einjährig ist, auf ihrem Oberkörper, etwa auf der Höhe, wo es auch während der Schwangerschaft gewesen war. Vielleicht wegen dieser Nähe zur Mutter, und weil es den Rücken zur Gemeinde kehrte – oder vielleicht, weil es einfach schlief – schrie das Baby kein einziges Mal. Gemeindemitglieder wurden dazu aufgerufen, nach vorne zu kommen, das Kind zu segnen – auch die Kinder, die zu dem Zeitpunkt noch anwesend waren, wurden explizit darum gebeten, nach vorne zu kommen. Sie umkreisten das Kind, nicht in einem grossen Kreis, sondern stattdessen in mehreren kleinen Kreisen, alle mit den Händen oben, um einen Segen zu sprechen. Alle murmelten vor sich hin, und beteten für das Kind. Ich war zu überrumpelt, um irgendwas zu tun, und beobachtete einfach. Einzelne Gemeindemitglieder waren nicht nach vorne gegangen. Ich drehte mich um und sah, wie sie dennoch mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen murmelten, wohl auch, um das Kind zu segnen.

Die gemeinschaftliche Einsegnung des Kindes – der Vater suchte wohl gerade noch einen Parkplatz und verpasste diesen Teil – wurde beendet von Hansjörg, der erklärte: «Es gab sicher noch einige prophetische Eindrücke», diese soll man «später» weitergeben. So nahm er also an, dass die Mitglieder seiner Gemeinde einen «prophetischen Eindruck» zur Zukunft dieses Kindes haben dürften. Vielleicht hatte er auch selbst einen. Ich frage mich natürlich, ob irgendeiner dieser Eindrücke sich langfristig bewahrheiten wird. Schwierig zu überprüfen.

Segnet und schwingt die Kinder!

Die Segnung des Babys war zwar vorbei, doch die Segnung von Kindern ging weiter. Bei der City Church gibt es mehrere verschiedene Altersgruppen für deren «Kinderstunden» – die «Bibeli» von 0 bis 2, die mit den Eltern in die «Lämmli»-Gruppe für Kinder von 3-6 Jahren gehen. 7-11-jährig sind dann die «Löwen». Die Gruppe «Preteens» sei im Aufbau, aber nach meiner Altersschätzung dürfte es noch ein, zwei Jahre dauern, bis die ältesten Kinder dann langsam in diese Gruppe kommen dürften. Dieser Übertritt geschah wohl an diesem Sonntag, mit einer längeren Einleitung eines Gemeindemitglieds zum Eltern-Sein. «Wir sind da, um die Kinder zu schützen», erklärte sie, vermutlich auch eine junge Mutter um die 30. Ziel der ersten Lebensjahre sei es, den Kindern Geborgenheit und Schutz zu geben – ein Sentiment, das ich als sinnvoll und zielführend erachte. Als Sechsjährige machten die Kinder einen grossen Schritt in die Verantwortung, ohne Begleitung ihrer Eltern, sie wären mal allein, würden eingeschult. Sie erklärte, die Eltern müssten ihren Kindern diesen Schritt zutrauen, und sie «gehen lassen». Man müsse hier darauf achten, nicht die «falsche Aufgabe» wahrzunehmen, um nicht etwas «kaputt» zu machen. Diesen Schritt in die Verantwortung müssten die Kinder machen, um «als Jugendliche ihre Rolle wahrzunehmen». Mit dem Stichwort «Jüngerschaft» wurde glasklar, worum es sich bei dieser Rolle handeln dürfte. Ein Leben nach «Gottes Wort» (nicht selten eher der Interpretation der Gemeinde, wie vermutlich auch hier), mit grossem Fokus auf das Evangelisieren.

Diese sechs- bis siebenjährigen, die von nun an zu den «Löwen» gehörten, wurden von Erwachsenen hochgehoben und «geschwungen», in angemerkter Anlehnung daran, dass früher Priester in ihr Priestertum «geschwungen» wurden, und so ihrem «Götti» überreicht, der wohl von nun an ihr Mentor im Glaubensleben sein würde. Die Kinder schienen sich dabei sehr zu vergnügen. Mindestens ein Kind war zwar noch nicht in dem Alter, wollte aber trotzdem «geschwungen» werden, und sah seinen Wunsch, mit einigem Lachen vonseiten der Erwachsenen, erfüllt. Danach wurden auch diese Kinder «gesegnet». Alle standen auf, erhoben die Hände, und sprachen Segen laut aus, so, dass alle rund 50 Menschen gleichzeitig murmelten. Da machte ich dann doch auch mit – Kinder zu segnen, schien mir eine Praxis, der ich mich mit gutem Gewissen anschliessen kann. Ich hatte aber mit Sicherheit etwas andere Wünsche für die Kinder als die Erwachsenen um mich.

Ein viel zu lange dauerndes Lied

Die Kinder verschwanden nun in ihre jeweiligen Kinderstunden, und ein Gemeindemitglied las eine Bibelstelle vor – Philipper 2, 1-5, wie sie nach dem Lesen dann noch kommentierte. Ehe die Predigt selbst begann, spielte die Band noch mehrere Lieder, bei denen wir natürlich stehend mitsangen. Der Liedtext wurde auf den zwei Bildschirmen hinter der Band angezeigt, die Melodie war, wie in diesem Kontext üblich, sehr eingänglich. Bei einem Lied zog die Band es richtig lange hin. Ich hatte schon fünfmal gedacht, so, jetzt dürfte das Lied gleich fertig sein… und dann ging es nochmal mehrere Minuten. Als ich dann dachte «jetzt ist aber gut», entschied sich der Gitarrist dazu, in einer anderen Tonart weiterzuspielen, und da wusste ich: Es ist noch lange nicht vorbei. Mindestens der Gitarrist schien es immer wieder in die Länge ziehen zu wollen, was für mich jede Form und jeden Anschein von bisheriger «Atmosphäre» zerstörte. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass er das Gegenteil bewerkstelligen wollte. Andere Menschen bewegten sich mehr oder weniger, einzelne schwangen sogar Fahnen, oder knieten im Gebet hin; auch später beim Singen – oder, wenn man den Begriff bevorzugt, beim «Worship»-Teil.

Bei solchen religiösen Handlungen stellt sich immer die Frage, wie viel ist Schau, und wie viel ist aufrichtig, wenn es mit Sicherheit oft auch gemischt ist. Bei einigen hatte ich einen verstärkten Eindruck, dass es sich eher um «Schau» handelte. Liedtextmässig war nichts Besonderes dabei – «du bisch d Liebi, die reini Liebi», «your name is the highest», oder ein von einem Liedtext inspirierten «you are holy, holy holy», das wir dem Gitarrist gefühlt stundenlang mit improvisiertem neuen Text nachsangen. Zugegebenermassen merkte ich plötzlich, dass wir auf Deutsch gewechselt hatten – eine Änderung, die ich einfach mitgemacht hatte, wahrscheinlich weil wieder der Gitarrist vorgesungen hatte, und wir ihm sowieso nachsangen.

Nach diesem langen, langen Lied kam noch ein kürzeres, «I put my faith in Jesus»,  und dann wurde gebetet. Für die Predigt, von einem Gemeindemitglied, welches im Gebet insbesondere dankte und um eine gute Predigt bat; ein insofern klassisches Gebet für die Freikirchenszene. Sie bat auch darum, dass die Lehre «uns hilft». Nun beteten wir alle – stehend, laut, alle gleichzeitig. Ich hörte ein Gemeindemitglied «in Zungen reden». Ob andere es auch taten, weiss ich nicht – wenn, wären sie sowieso zu weit weggewesen.

Predigt mit Flipchart: Wenn’s für die PowerPoint-Präsentation nicht reicht

Hansjörg zog für seine Predigt eine Flipchart herbei. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn es eine Art Jugendtreff gewesen wäre, aber dass man für eine Predigt eine Flipchart herbeizieht, ist mir in jeder Weise neu. Hansjörg erklärte, er hatte viel Mühe, viel mehr als sonst, gehabt damit, ein Thema zu finden – es sei ihm kurz nach dem letzten Treffen vor drei Wochen so gewesen, als müsste er übermorgen predigen, obwohl es noch länger dauerte, und so betete er. Nach langer Ausführung seines Leidens erklärte er, die Idee für dieses Thema sei «plötzlich» gekommen. Genau genommen waren es zwei gewesen, aber er erzählte uns leider nur von der einen – «die zweite», die Idee, dass «Versöhnung» thematisiert werden könnte. Nach noch mehr Beten und Absprache mit den Jünger-Häusern hat er sich dann dafür entschieden und es in den Gruppenchat mit den Jünger-Häusern gestellt. Wenn ich eins sagen darf, dann: Die Art und Weise, mit welcher die Gemeindemitglieder kurz zusammenfassbare Konzepte langatmig ausführen, scheint ein vereinendes Merkmal dieser Gemeinschaft zu sein. Hansjörg gab einen Überblick über den Plan heute – wir würden «einfach Bibelverse», also Jesu Lehre, anhören, der Heilige Geist würde sprechen, und dann gäbe es noch einen «Kompass». «Gemütlich», dachte ich und erwartete eine kurze Predigt. Dem war allerdings nicht so.

Eins werden durch Versöhnung

Versöhnen sollte man sich, um aufzuräumen, im Sinne eines Frühlingsputzes. Im Gegensatz zu uns, die wir einen Buss- und Bettag haben, lebte «das Volk» in Israel den «Tag der Versöhnung», Jom Kippur, aus. Versöhnung sei aber kein Event, den man einmal im Jahr haben sollte, sondern «ein Lebensstil». Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte er mehr als einmal die Gemeinde in seine Predigt einbezogen, und die Menschen um mich kommentierten dazu, da mal ein «mhm!», dort mal ein «Amen!». Natürlich nicht nur so betont, wie es sich auf Hebräisch ausspricht, sondern auch als englisches Wort, also doch nicht so, wie es sich auf Hebräisch ausspricht. Denn: Unser Ziel, so Hansjörg, sei es, ein Herz und eine Seele zu werden. Geistlich eins sein, das reiche nicht! Unsere Persönlichkeiten wären zu unterschiedlich. Spätestens jetzt läuteten bei mir die Alarmglocken. Heisst das, die Erwartung besteht, dass man die eigene Persönlichkeit so verändere, dass sie «in die Gruppe passt»? Ein solcher Anpassungsdruck ist immer sehr heikel, und befindet sich in gewissem Sinn auf einer Vorstufe zu problematischen Merkmalen, da er den Boden dafür liefern kann.

Das Ziel sei also, «wirklich eins» zu sein, wie es dann einst im Reich Gottes sein würde. Auch «hier», in dieser Kirche – und ja, das Wort «church» verwendete Hansjörg wirklich mehrfach, als er über die Gemeinschaft sprach – gäbe es «einzelne Dinge», welche zwischen uns stünden. Er zählte auf: Jemand begrüsse einem vielleicht «nicht so freundlich» wie sonst. Oder man hätte «einen bösen Gedanken», würde «innerlich beurteilen», «kritisieren», kurz, ein «Fehlen der Liebe». Dieses Beispiel, dass jemand einem nicht so freundlich wie sonst begrüsste, zog sich auch durch die Predigt. Für mich war es ein besonders fragwürdiges Beispiel. Von dem persönlichen Empfinden, dass diese Begrüssung jetzt «anders» war als sonst, zu schliessen, dass jemand etwas gegen einem habe, spricht für mich mehr für eine Variation von tiefem Selbstwertgefühl zu sozialen Ängsten, ohne dass ich dies jetzt pathologisieren will. Kurz: Eine selbstbewusste Person, die auch auf ihre Beziehungen vertraut, dürfte sich von einer Begrüssung, die «nicht so freundlich wie sonst» verläuft, wohl kaum so stark verunsichern lassen. Er selbst, erklärte Hansjörg, sei auch schon zu Meetings einberufen worden, weil er ein Gemeindemitglied nicht so herzlich wie sonst begrüsst hätte. Man muss also jederzeit fürchten, jemand würde es einem persönlich nehmen, wenn man vielleicht mal nicht so Lust hat, mit irgendjemandem zu reden? Mit Sicherheit kein Zeichen einer stabilen Beziehung.

Andere Auffälligkeiten seien beispielsweise, jemand hätte ein «komisches Benäh» oder hätte «wider Erwarten reagiert». Auch letzteres wieder ein sehr fragwürdiges Beispiel. Wenn jemand also nicht über meinen Witz lacht, ist das doch nicht grundsätzlich ein Problem, sondern entweder, die Person hat ihn nicht verstanden, oder findet ihn einfach nicht lustig. Beides legitim. Aber hier schien das ein Problem zu sein, gerade beim Ziel, ein Herz und eine Seele zu werden. Ein weiteres Beispiel? «Jemand triggert dich einfach als Person.» Meine initiale Interpretation war, dass man jemanden kennenlernt oder trifft, der einen an jemanden oder etwas erinnert, bei dem man sehr schlechte bis möglicherweise traumatische Erlebnisse gemacht hat. Diese ist aber anscheinend falsch. Wie ich im Verlauf der Predigt feststellen durfte, meinte Hansjörg damit einfach eine Person, mit der man sich nicht unbedingt gut versteht – jemand, den man irgendwie ein wenig merkwürdig findet, man ein wenig Mühe hat, mit dessen Persönlichkeit. Etwas, das mir auch im Alltag passiert – manchmal lernt man Menschen kennen und merkt, das passt in keiner Weise, und dann belässt man es beim Smalltalk und kurz «Hallo» sagen, wenn man sich sieht. Solange das für beide passt, ist das auch kein Problem. Hier anscheinend schon. Man muss wohl den Nächsten nicht nur lieben, sondern auch alle gleich behandeln wie alle anderen.

«Ich habe Quellen»: Es fängt an bei der Wissenschaft …

Hansjörg führte weiter aus. Er hätte «Quellenangaben», vor denen er uns verschone – es ginge nur um «wissenschaftliche Studien». So hätten Menschen dauerhaft durchschnittlich drei bis sieben ungelöste Konflikte, 1-2 in den Herkunftsfamilien, 2-3 in der Partnerschaft, und 1-2 auf der Arbeit oder im sozialen Umfeld. Diese blieben zu 60-70% strukturell ungelöst. Das Unversöhntsein führe zu einem höheren Stresslevel, mehr Cortisol, und Hansjörg liest weiter vor, was er gefunden hat.

… und es geht weiter mit der Religion

Hansjörg betonte die Wichtigkeit der Versöhnung, und führte aus, dass Beziehungen, in denen sich immer wieder versöhnt wurde, stabiler seien als andere – die anderen seien «lau». Das sei aber nicht wissenschaftlich belegt, sondern seine Hypothese. Die Gemeinde trug auch ihre Hypothesen zu, was Unversöhntheit sonst noch auslösen dürfte. «Chronische Krankheiten, Krebs, autoimmune Krankheiten», alles eher signifikante Krankheiten, die den Alltag nicht selten massiv beeinträchtigen. Eine Art der «umgekehrten Kausalität», also dass bei einem vorbildlichen Leben keine Krankheiten entstünden, gab es nicht. Ein Gemeindemitglied, das mutmasslich im medizinischen Bereich arbeitet, erklärte, sie hätten auch schon Tumore verschwinden sehen, als sich versöhnt wurde. Der Link zwischen psychischer Belastung und körperlichen Auswirkungen ist nicht abschliessend erforscht, und so kann es sein, dass weniger psychischer Druck bei einigen körperlichen Leiden hilft. Die auf vielen Ebenen gefährliche Umkehrung dieser Tendenz, nämlich dass, wer eine «reine Psyche» hat, kein körperliches Leiden verspürt, wurde hier nicht gestellt, und ich hoffe, dass sie dies so beibehalten.

Die fehlende Dorfgemeinschaft und die prophetische Schafsherde

Hansjörg verwies bei seiner nächsten Ausführung auf den Zeitgeist, etwas, das ihm beim Nachdenken eingefallen sei. Christen, die seien «gering besser» als der Rest der Bevölkerung, was beispielsweise Scheidung beträfe. Beziehungen würden «konsumiert», man achte darauf, «was bringt’s mir?» Das Gefühl der Dorfgemeinschaft sei weg. Grundsätzlich keine Falschaussage, dass dieses nach und nach verschwindet, besonders in immer grösser werdenden Städten, ist nicht überraschend, nicht im Geringsten.

Er sprang etwas von Thema zu Thema. Als nächstes ging es um Prophetie, wenn auch nur kurz: Die Jünger-Häuser erhielten demnächst einen Brief «mit prophetischem Aspekt». Hansjörg selbst sei «beeindruckt» von der Genauigkeit der Prophetie gewesen. Besonders, dass verschiedene Menschen unabhängig voneinander dieselbe Bibelstelle im Kopf gehabt hätten. Er führt weiter aus. Wenn jemand eine Prophetie erhalte, dann soll man nicht «werweisen», ob «er» es war. «Er ischs gsi. Loset und machet. Schafe hören meine Stimme. Mäh.» Sein Schafsblöken imitierendes «Mäh» wird beantwortet durch ein gemeinsames Blöken vonseiten der Gemeinde.

Hansjörg sprach nun über die Häuser, die er neulich wohl gebaut hat, oder besser: bauen lassen hat. Ihnen waren wohl die Monteure abgesprungen – ich frage mich, warum, und wie oft sowas passiert – aber sie hätten doch noch jemanden gefunden. Er erzählte, dass etwas falsch eingebaut wurde – ein schräger Pfosten – und dass er die Handwerker darauf angesprochen hatte. Da zog er noch ein wenig über Handwerker her, oder besser, «deren Kultur». Die Fehlerkultur sei nicht so gross bei denen, stattdessen «Fünf-Stern-Ausreden». Aber: «die lernen das so. Das ist deren Kultur.» Deswegen sei Hansjörg auch «gechillt entspannt liebevoll» gewesen, als er das Problem ansprach.

Die Grundlage für Versöhnung: Nicht das Eingestehen des eigenen Fehlers!

Schliesslich sei der Pfosten innert einer dreiviertel Stunde von einem Zimmermann und einem riesigen Hammer geradegestellt worden. Er hätte zuerst die Verankerung lösen müssen. Dieses Bild verwendet Hansjörg nun für Gottes Wirken. «Wo der Herr nicht baut, steht der Wächter umsonst», ein Bibelzitat, dessen Stelle er nicht anmerkt, und übrigens auch mehr als die Hälfte der Stelle weglässt (s. Psalm 127, 1). «Gott kann Fehler», Hansjörg schnipst schwungvoll, «lösen.» Manchmal müsse er dafür einfach die Verankerung lösen.

Mit dieser «kleinen Ermutigung» würden wir nun «eintauchen». Hansjörg zeigt nun die ersehnten Bibelverse, in denen es um Vergebung und Versöhnung geht. Matthäus 5, 23-24, Mt 6, 12, Mt 6, 14-15, Mt 18, 15-17, Mt 18, 21-22, und zu guter Letzt noch Römer 12, 9-21. Sie werden alle auf der Leinwand angezeigt.

«Grundlage für Versöhnung?», fragte Hansjörg. «Miin Fehler», antwortete ein Gemeindemitglied. Das stimmte leider nicht – «Vergebung», schrieb Hansjörg gross auf die Flipchart und umrahmte es.

Wenn das logische Verständnis fehlt, oder: Die Schlussfolgerung ist kein Argument

Hansjörg erklärte nun, dass wir alle immer vergeben sollten, «so wie Gott mir vergeben hat». Unsererseits sei die Vergebung immer bedingungslos, aber damit Gott uns vergäbe, müssten wir Bedingungen erfüllen. Uns würde vergeben, wenn wir anderen vergeben, und gleichzeitig müssten wir auch Einsicht zeigen, was unsere Verfehlungen angehe. Dafür führte er auch Bibelstellen an.

Es war eine gewissermassen fehlende Zustimmung im Raum – Gott hat uns doch vergeben, schien der Gedanke zu sein – und Hansjörg fragte: «Warum wissen wir, dass Gott uns noch nicht vergeben hat?», und brachte sein Argument: «Wenn er vergeben würde, gäbe es keine Hölle.» Tja. Wenn man nicht an die Hölle glaubt, löst sich das Problem von selbst.

Rechtsgültigkeit der Vergebung: Wenn Glaube juristisch wird

Jemand aus der Gemeinde äusserte sich dann erneut dazu: «Er hat die Voraussetzungen geschaffen für Vergebung, und von seiner Seite alles getan. Seine Vergebung ist grenzenlos. «Rechtsgültig» ist sie erst, wenn wir es annehmen.» Diese Deklaration fand Zustimmung in der Gemeinde, Hansjörg bedankte sich explizit dafür und schien durchaus begeistert davon zu sein. Mir fiel aber auf, dass die Person, welche ausführte, eine fast schon verteidigende Haltung einnahm. Sie wollte das, was sie vorher gesagt hatte, klarer formulieren – ich nehme an, es war dieselbe, die vorhin eingeworfen hatte, dass Gottes Vergebung da ist – und sichergehen, dass sie nicht falsch verstanden würde.

Hansjörg betonte weiter, dass Vergebung für «dich» entlastend sei, und dass man durch die Vergebung «100% auf das Recht an Gerechtigkeit verzichtet». Er brachte ein Beispiel davon, dass ihm jemand vielleicht mal das Auto zerkratze. In diesem Falle «klage ich den Typen nicht an … innerlich», und «stell ich auch keine Kamera auf». Ausser wenn es mehrfach passiere, so Hansjörg. Dann «stell ich vielleicht eine Kamera auf.» Ob er mal mit dem «Typen» rede, und der eine gute Antwort auf «warum hast du mein Auto zerkratzt» habe oder nicht, ob er sich entschuldigen würde oder nicht – das ändere bei Hansjörg, und soll auch bei uns, innerlich, nichts ändern.

Die Vier Fälle der Versöhnung

Das Diagramm, das Hansjörg zu zeichnen begann, wurde um vier «Fälle» erweitert. Diese vier «Fälle» betrafen Situationen in der Gemeinde, und nur in der Gemeinde, die einer Vergebung bedürften. Der erste ist «Geschwister, die etwas gegen dich haben» (bspw. dürfte man das denken, und scheint Hansjörgs Lieblingsbeispiel zu sein, wenn jemand einen zu wenig herzlich begrüsst, denn anhand dieses Beispiels führte er wieder aus), das zweite jene «Geschwister», die man selbst innerlich kritisiert, das dritte, «die dich triggern», und das vierte, die «gegen dich sündigen». Das vierte sei am seltensten, erklärte Hansjörg. Die Probleme in der Gemeinde seien ein Fall des «noch nicht»; etwas der drei ersten Punkte könnte dazu führen, sei aber noch nicht so weit. Ziel des Diagramms: Wie vorgehen, um eine Versöhnung zu erzielen.

Empfehlenswerte Strategien …

Bei allen Punkten fand er, man soll eine Selbstprüfung machen, je nachdem Busse tun, mindestens beim ersten auf jeden Fall auf die anderen zugehen – eine Reihe von Ausführungen, wie man «christlich» mit den anderen zu sozialisieren habe. Dass das in einer Predigt so thematisiert wird – eine genaue «To-Do-Liste» für Probleme in der Gemeinde – in Kombination mit der engagierten Teilnahme der Mitglieder dürfte implizieren, dass ähnliche Vorgaben für das Alltagsleben nichts Neues für die Gemeindemitglieder sein dürfte. Heisst übersetzt: Sie sind es sich gewöhnt, dass Hansjörg sagt, was gut und recht ist, auch im Einzelnen.

… für die Kontrolle einer Gemeinschaft im Alltag eines Einzelnen

Wenn man jemanden «im Herzen» kritisiere, ohne aktiv zu werden (hier: mindestens Selbstprüfung, Busse tun), dann habe «der Teufel am meisten Freude». Insgesamt wurde der Teufel immer wieder beiläufig thematisiert, als Figur, die es konstant zu bekämpfen gilt. Alles, was ich tue, darf nicht dem «Feind» in die Hände spielen – eine praktische Grundlage, wenn ich den Alltag meiner Gemeindemitglieder kontrollieren möchte.

Beim Kritisieren geht es aber noch weiter, denn: Vielleicht tat diese Person wirklich etwas, das sie nicht sollte – zum Beispiel der Aspekt der «Selbstüberhöhung». In diesem Falle soll man auch ermahnen, in so erwähnter Anlehnung an «Richtet euch selbst, damit ihr nicht gerichtet werdet». Notabene bezieht es sich hier aber auf die Gemeinde – das heisst, ich richte nicht (nur) mich selbst in der «Selbstprüfung», sondern auch meine «Geschwister im Glauben»; also die anderen. Ermahnungen seien schliesslich etwas Wichtiges. «Das ist Ermahnung. Das ist Liebe.» vermerkte Hansjörg aufschlussreich.

Zwei Gemeindemitglieder hätten auch noch einen neuen Beitrag geschrieben zu «Ermutigung und Ermahnung», den Hansjörg sehr empfehle. Diesen finde ich nach etwas Suchen auch in ihrem Kurs «Disciple Makers» (sog. «Schulungs- und Trainingswerkzeug»). Es wird nicht weiter darauf eingegangen, und ich nehme an, dass mindestens einzelne der Gemeindemitglieder diesen Beitrag zuhause lesen würden.

Dein Geist gibt mir schlechte Vibes

Auch «Triggern», bei Hansjörg alternativ zum üblichen Gebrauch des Wortes verwendet, kann eine Ursache haben, die nicht bei einem selbst liegt. Nämlich: «Wenn jemand die Gabe der Geistesunterscheidung hat», und man merke, es stimme etwas «Geistliches» nicht. Finde ich jetzt etwas gar praktisch. Wenn ich also jemanden nicht mag, dann behaupte ich einfach, da stimme «geistlich» was nicht – ich spüre schliesslich, dass etwas (für mich) nicht stimmt. Hansjörg erklärte natürlich, dass man das auch spüre, ob es geistlich sei oder nicht. Gegen jemandes Behauptung, «geistlich stimmt was nicht» zu argumentieren, das dürfte sich dann aber doch als schwierig herausstellen. Ob sie da einen Exorzismus durchführen würden?

Rauswurf: Mit oder ohne Kontaktabbruch?

Wenn dann aber jemand sündige, dann solle man dies mit ihm ansprechen, wenn erfolglos, Zeugen mitbringen, wenn erfolglos, vor die Gemeinde bringen, wenn erfolglos, ihn «als Heide» betrachten. Gemeint damit sei, so führt Hansjörg aus, dass man nicht mehr denselben «Massstab», d.h., den «Massstab des Reichs Gottes» verwende. Ob dies als Ausschluss oder als fehlende Ermahnungen gemeint war, blieb unklar.

Im Verlauf der Predigt taucht ab und an auf, dass man bei einer Versöhnung danach trotzdem getrennte Wege ginge. Ein Gemeindemitglied teilte mit, dass ihm dies sehr helfe – zu wissen, dass es auch mal zu Trennungen komme. Das City Church Netzwerk dürfte signifikant geschrumpft sein – verzeichneten wir vor einigen Jahren noch 150 Menschen, scheinen es nun regulär 50 zu sein. Ob er wohl an eine oder mehrere dieser hypothetisch 100 fehlenden Personen dachte?

Ein beruhigendes und ein beunruhigendes Zeugnis

Es wurden noch Zeugnisse geteilt.

Eine Dame machte eine Anmerkung, die mir besonders wichtig erscheint. Sie stünde in ihrer Arbeit oft Opfern an der Seite. Am Beispiel einer Vergewaltigung ausführend sei es ihr auch wichtig zu betonen, dass Vergebung nicht bedeute, dass die Straftat nicht verfolgt werden soll. Stattdessen müssen die strafrechtlichen Konsequenzen auch einsetzen, wenn man jemandem vergeben habe. Ein Punkt, bei dem ich ihr nur zustimmen kann. Ich war positiv überrascht – solche Ansätze, und Spezifikationen, hört man im freikirchlichen Kontext dann doch selten.

Ein Mitglied erzählte von ihrem Jünger-Haus, in welchem sie «am Samstag» eine super Ernte hatten, und es «am Montag» dann irgendwie einfach nicht ging. Ich gehe davon aus, dass mit «Ernte» das Bekehren («zu Jesus führen») anderer gemeint ist. Sie von der Ernte abhalten könne nur eins: Wenn sie nicht eins seien. Wieder heikel: Bedeutet das, ich muss meine Persönlichkeit verändern, um hineinzupassen? Genauer wird es nicht formuliert, schafft aber einen nahrhaften Boden für problematische Merkmale in der Zukunft der Gemeinschaft.

Ich will doch einfach Prophetien in meiner Gemeinde!

Hansjörg fragte, doch eher engagiert, ob denn in der Gemeinde noch Probleme bestünden. Nach einigen allgemein gehaltenen Reaktionen im Sinne von «die Predigt hat mir sehr geholfen» (mit etwas mehr Worten) fragte Hansjörg nochmal, und nochmal nach, ob es denn wirklich irgendwie passend war, oder einfach nur heisse Luft. Spätestens bei der dritten Nachfrage hatte ich den Eindruck, er wollte hören «ja! Das war genau, was ich brauche; ich werde gleich darauf mit einem Gemeindemitglied sprechen». Er wollte etwas Genaues. Das kam aber nicht, es blieb beim Allgemeinen.

Ich fragte mich, ob er diese Reaktion wollte, damit er danach sagen konnte – denn das schien er gerne zu sagen – «das ist prophetisch!» Schliesslich fand er auch, das Gebet vor seiner Predigt sei «prophetisch» gewesen, weil die Betende darum bat, dass die Lehre uns helfen würde. Begründung? Sie würden eine versöhnte Gemeinde für die nächste Zukunft brauchen. Das nächste Mal würden sie nämlich einen «coworking space» machen mit verschiedenen Stationen.

Die zwei Stunden waren dann auch bald vorbei: Es gäbe noch ein Abendmahl, doch man soll zuerst mit 2-3 Geschwistern in den Austausch gehen. Die letzten Lieder wurden von der Band gespielt, so richtig sang niemand mehr mit.

WG mit sozialer Kontrolle: Ein 2-in-1-Deal oder eine Gefahr für den Alltag?

Ich hatte bei jedem Erwähnen der «Jünger-Häuser» das Gefühl, dass es sich um – in diesem Sinne – real existierende Häuser handelte, in denen die «Jünger» lebten, sozusagen ein Mehrfamilienhaus mit einer Familie pro Wohnung. Schliesslich klang es so, als würden diese Menschen sehr viel Zeit miteinander verbringen. Ich fragte also das Gemeindemitglied, das unweit von mir sass. Sie erklärte mir freudestrahlend – also, das Übliche im freikirchlichen Kontext – dass sie tatsächlich zu sechst in einer WG lebten und alle demselben Jünger-Haus angehörten. Dabei zeigt sie auf jene Gemeindemitglieder, die anwesend sind und in ihrer WG wohnen. Drei weitere, die ebenfalls zum Haus gehörten, lebten nicht mit ihnen zusammen. Sie hätten 12 Jünger-Häuser, bei einigen davon sei es aber erst ein Ehepaar oder eine Familie. Man empfehle auch, mit der Person, die man «bejüngert», zusammenzuwohnen – heisst also, wer beispielsweise der Gemeinde neu beitritt, erhält wohl einen «Mentor», mit dem man zusammenleben soll. Dies ermöglicht eine noch viel stärkere Kontrolle des Alltags. Bei einer so starken Kontrolle dürfte das problematische Merkmal der «Überwachung» erfüllt sein – besonders, wenn stark empfohlen wird, dem Mentor jeweils die Sünden zu beichten.

«Religion ist etwas ganz Schlechtes»

Meine Gesprächspartnerin fragte noch nach, wie ich vom City Church Netzwerk gehört hätte – die üblichen Fragen, die ich zu dem Zeitpunkt erst zum dritten Mal im Rahmen dieses Besuchs gefragt wurde. Ich erklärte, ich hätte über Ecken meines Freundeskreises von ihnen gehört. «Meine Freunde wissen, dass ich mich für religiöse Gruppierungen interessiere, und dann schreiben sie mir, wenn sie angesprochen wurden oder etwas gehört haben.» Faktisch richtig, all meine Freunde wissen, dass ich ausgesprochenes Interesse daran habe. Nur leider ein kleiner Fauxpas bei der Formulierung: «Wir sind nicht religiös», erklärte mir das Gemeindemitglied, das gerade zwei Stunden an einer Veranstaltung gläubiger Menschen mit Gebet, Bibelverweisen und dem Ausüben von Geistesgaben wie Zungenrede teilgenommen hatte. «Religion ist etwas ganz Schlechtes», formulierte sie weiter, und verwies darauf, dass es ihnen um eine Beziehung mit Gott ginge. Ich verzichtete auf einen korrigierenden Kommentar und meinte bloss, dass ein ähnliches Konzept in einem Lied vorgekommen war. Diesen Liedtext hatte ich nur kurz aus den Augenwinkeln gesehen, dürfte aber das Konzept «brich frei von der Tradition, entledige dich der Religion» in etwa widerspiegeln; wenn das Lied auch englisch war. Natürlich war der Liedtext ansonsten aber gottesverehrend und somit in keiner Weise nicht religiös.

Wenn Polizisten an Dämonen glauben

In einem der auf der Webseite aufzufindenden Podcasts, die ich vor dem Besuch angehört hatte, predigte ein Mathias, dessen Nachname nicht spezifiziert wurde, und in seiner Predigt erzählte, bei der Polizei zu arbeiten. Dort hätten sie ein Mädchen, das von einem Heim weggerannt war, wieder eingefangen. Dieses Mädchen habe viele traumatische Erfahrungen gemacht, und sie sei, so erklärte Mathias weiter, «dämonisch besetzt». Als sie das Mädchen zur Station gebracht hätten, hätte sie «angefangen zu manifestieren», und sich gegen die Polizisten zur Wehr gesetzt. Ein vollständig verständliches Verhalten für ein traumatisiertes Kind, das sich von grossen und starken Erwachsenen umgeben sieht; auch ohne jegliche dämonische Besetzung. Bei einer solchen dämonologischen Einstellung in einem Beruf, in dem man so viel mit Menschen zu tun hat, stellt sich für mich die Frage: Kann da jemand überhaupt den Menschen als Menschen sehen und als Menschen behandeln?

Angela Heldstab, Dezember 2025

Lexikoneintrag City Church Netzwerk Zürich

Das Universum nach Birgit Fischer

Sie ist Medium, Spiritual Teacher und Prophetin. Und sie bildet übrigens auch aus. Birgit Fischer zieht im Gegensatz zu anderen spirituellen Speakern die Menschen nicht nur mit dem Versprechen von weniger Stress zu sich. Sie steigt lieber auf und ködert uns mit der Sehnsucht, die wir alle kennen, wenn wir in verzweifelten Stunden zum Nachthimmel hinaufsehen. Ihr Hauptthema sind «Starseeds», ein cooleres Wort für Aliens.

Dieser Bericht befasst sich mit dem ersten Buch, das Birgit Fischer veröffentlicht hat: «Starseeds – Warum wir hier sind und wohin wir gehen, Transformierende Botschaften aus fernen Galaxien». Fischer geht im Buch zunächst auf ihre eigene Geschichte ein, dann auf konkrete Räte im Universum sowie Völker von Ausserirdischen, und zuletzt auf eigene Prophezeiungen für die Zukunft der Menschheit. Manchmal ist sie dabei in ihren Beschreibungen und Erklärungen konkret, teilweise auch oberflächlich. Ziel dieses Beitrags ist es, einen Überblick über Birgit Fischers Lehren in ihrem ersten Buch zu geben. Denn hier handelt es sich nicht um ein typisches, spirituell angehauchtes Selbsthilfebuch. Fischer setzt nämlich voraus, dass die Leserschaft mit allen gängigen Esoterik-Begriffen und -Phänomenen (wie Ego, Dimension, Reinkarnation) bekannt ist. Und da Aliens auch ein spezielleres Thema sind, scheint die Zielgruppe dieses Buches «erfahrene Esoterikinteressierte» zu sein. Und das macht es besonders interessant.

Raketenstart im Vorwort

Ich nehme die Weltraumreise durch ihr erstes Buch auf mich, damit ihr es nicht müsst. Und gewappnet muss die Leserschaft sein für die Reise in die Ferne, denn Fischer tritt mit den ersten Sätzen des Buches ziemlich nah: «Hast du manchmal das Gefühl, adoptiert zu sein? Das Gefühl, dass dich niemand versteht? Berührt dich der Anblick der Sterne auf eine Art und Weise, wie der eines Menschen es kaum vermag?» (S. 9) Neugierig macht dieser Beginn allemal. Aber diese Ansprache ist auch emotionalisierend und kann einen Nerv treffen, vor allem falls sich Lesende gerade einsam fühlen.

Wie typisch für Bücher dieses Genres geht es auf der ersten Seite gleich weiter mit «dieser eigenartigen Zeit, diese Transformation», die wir alle spüren. Fischer weiss, obwohl die Welt noch nicht bereit für ihre Hellsichtigkeit ist, darf sie diese trotzdem leben. Und nicht nur die Erde, das ganze Universum befände sich derzeit im Wandel. Auch wir, die Lesenden, hätten besondere Fähigkeiten. Und wir werden eins mit uns selbst, wenn wir uns als Individuum akzeptieren und damit auch eins mit allem. Ein guter Start, der mit der Beantwortung existenzieller Fragen lockt.

Doch nochmal zurück zur Erde: Birgit Fischers persönliche Geschichte

Erst einmal zur Autorin: sie ist nach eigenen Angaben «nicht normal und kein braves Mädchen». Als Medium arbeitet sie seit 2017, doch schon als Kind sei sie manchmal einfach so in andere Welten verschwunden. Angeblich sah sie in jeder Person, die ihr begegnete, deren Energien, Probleme und Zukunft. Daraufhin schickte ihre Mutter sie zu einer Psychologin, die nichts mit ihr anfangen konnte. Fischer ist überzeugt, auch bei den Traumata, die sie erlebt hat, konnte ihr ausschliesslich Energiearbeit helfen und keine psychologische Begleitung. Eine nicht ungefährliche Aussage. Zumal sie kurz darauf auch davon schreibt, dass Alkohol ihre Medialität noch gesteigert hätte. Mittlerweile habe sie aber von Drogen Abstand genommen.

Sie berichtet auch von ihrer medialen Ausbildung am Arthur Findlay College in England (Die Kurse dort sind nicht akkrediert). Doch sogar dort glaubten viele Teilnehmende nicht an ihre Starseeds. Fischer sei selbst eine skeptische Person, aber habe im Laufe der Zeit einfach zu viel gutes Feedback für ihre Trancen bekommen und ihre Mitmenschen überzeugt. Demnach muss es Starseeds wirklich geben. Wie können sich denn so viele Menschen zusammen irren?

Natürlich beherrscht Birgit Fischer auch Fernwahrnehmung oder Remote Viewing. Sie würde auch die Non-Profit-Organisation «Find me Group» dabei unterstützen, vermisste Personen zu finden. Wer schon ein paar von Remote Viewing im Zusammenhang mit Vermisstenfällen gehört hat, weiss, dass die CIA-Experimente dazu und das Geld, was die US-Regierung in die Forschung dazu gesteckt hat, immer als Beweis erwähnt werden. Interessanterweise wird nie auf Studien verwiesen, die zeigen, wie viele Menschen tatsächlich durch mediale Fähigkeiten wiedergefunden wurden. Auch Fischer tut das nicht. Und sie erwähnt auch nicht, wie viele Personen dank ihr schon wieder aufgetaucht sind.

Fischer erklärt noch, dass ausgerechnet sie die Starseeds erforschen kann, weil sie in der Lage sei Wissen wirklich zu fühlen und nicht nur zu lernen. Und dass, obwohl sie doch eine «spirituelle Barbie» sei, weil sie blondierte Haare hat und pinke Sneaker trägt. Sie kritisiert an der spirituellen Szene, dass sie mittlerweile zu sehr zu einer Schule geworden sei und es nicht mehr genug um Gefühle ginge. Und was sei so schlimm an einfach verständlicher Sprache? Sie schliesst das Kapitel ab mit den Worten: «Wir sind alle spirituelle, hellsichtige Wesen. Wir dürfen konservativ sein, ohne uns zu verurteilen. Wir dürfen im Milieu leben, ohne Verbrecher zu sein.» (S. 21) Das sind spezifische Beispiele. Überhaupt, das ganze Kapitel wirkt, als würde Birgit Fischer uns deutlich machen wollen, dass sie nicht wie alle anderen Medien in der Szene ist, kapiert?

Kreisen um den blauen Planeten: Was ist eigentlich mit dir, Lesende?

Hast du Heimweh? Bist du sensibel und empathisch? Allergien, Tinnitus, schnell überreizte Sinne? Extreme medizinische Vergangenheit? Magst du Science-Fiktion? Fühlst du dich besonders, kreativ und hellsichtig? Wenn du (es wird nicht näher beschrieben wie viele) diese Kriterien erfüllst, gehörst du zu den Menschen «die sich bewusst zu galaktischen Energien hingezogen fühlen» (S. 25f). Fischer ermutigt dich, deine mediale Gabe zu entfalten und mit Starseeds in Kommunikation zu treten. Doch vorher ein Exkurs zur Erde, denn die Starseeds waren schon vor uns Menschen hier.

Die galaktische Föderation brauchte Energie für die Kriege, die sie führten. Auf der Erde existiert «physische Liebe und physischer Tod». Dadurch entsteht emotionaler Druck und wenn dieser losgelassen wird, entsteht viel wertvolle Energie. Doch schon bevor wir Menschen die Erde bewohnten, hausten hier die Starseed-Völker Reptiloide, Annunaki und Lyrer. Um die wird es später noch genauer gehen, doch es sei vorab gesagt, dass sie alle nicht komplett «gut oder böse» sind, sondern fliessend. Ob diese Starseeds nun immer noch auf unserer Erde hausen oder wie die ersten Menschen entstanden, erzählt Fischer nicht. Stattdessen erklärt sie welche Portale für welche Entwicklungsstufen der Seele stehen. Beim Lesen lässt sich das alles gar nicht so einfach verstehen. Zum Glück meint Fischer: «Was in der neuen Zeit gebraucht wird, ist aber nicht das menschliche Wissen, sondern das energetische Wissen, das nichts benennen muss.» (S. 30f). Damit können alle Logik-Lücken in Fischers Weltbild entschuldigt werden, denn nur das Fühlen ist wichtig.

Besuch beim galaktischen Rat

Fischer wird im Alltag häufig in galaktische Ratssitzungen gezwungen. Vertritt sie uns dort als Menschheit? Was genau wird dort besprochen? Diese Details scheinen nicht so wichtig zu sein, denn Fischer weicht vom Thema ab: Wichtig ist es vor allem, dass wir selbst für die Kommunikation mit verschiedenen Starseeds offenbleiben, die immerhin aus ungefähr 250 Dimensionen stammen könnten. Und übrigens haben alle Starseeds, auch körperlich unsterbliche, drei Entwicklungsphasen: «1. Jung und ungestüm, 2. Erwachsen, darf aber auch Fehler machen, 3. Alt, weise und wissend.» (S. 34) Das klingt ähnlich zu uns Menschen, doch viele Starseeds sollen diese Phasen alle gleichzeitig durchlaufen.

Doch zurück zu den Ratssitzungen, zu denen Fischer immer wieder gezwungen wird. Es soll viele verschiedene Räte geben, einer davon ist der Rat der Fünf. Der sei auch intensiv für die Erde zuständig und würde sehr viel für uns tun. Die Ratsmitglieder hätten schon oftmals mit hochrangigen irdischen Führungskräften kommuniziert. Doch diese Verbindungen wurden immer wieder abgebrochen, da die Menschen noch nicht bereit waren. Mit Fischer hält der Rat der Fünf natürlich Kontakt. Und davon wird nun jedes Mitglied vorgestellt.

«Vegorianz» erschien ihr als blaugrünes Wesen mit sehr langen Fingern, welches nach Fisch riecht. Es folgt ein aufgezeichneter Dialog zwischen ihm und Fischer. Das Wesen mahnt, die Menschheit dürfte die Erde nicht weiter ausbeuten und solle keine Tiere mehr essen. All die Probleme der Menschheit könnten leicht von den Wesen aus höheren Dimensionen gelöst werden. Aber, und dieses Argument fällt in der esoterischen Szene häufig, da wir Menschen alle freiwillig auf der Erde inkarniert sind und wir selbst beschlossen haben, was wir erleben wollten, können äussere Kräfte nichts daran ändern. Doch keine Sorge, diese «geplanten Schicksalsschläge» können von gut ausgebildeten Starseed-Coaches und medialen Heilern verhindert werden. Diese Idee, dass zum Beispiel sogar Kinder, die in Kriegsgebieten aufwachsen, vor ihrer Geburt «die Entscheidung getroffen haben, diese Erfahrung zu machen, um zu wachsen» klingt vielleicht erst einmal logischer als ein Zufall. Doch Ausgestiegene aus der esoterischen Szene berichten, dass sie sich durch diese Herangehensweise selbst die Schuld an traumatischen Erlebnissen gegeben haben. Denkt man noch länger darüber nach, kann diese Ansicht sogar implizieren, dass Täter von Gewalttaten ja nicht schuldig sind, da ihre Opfer die Erfahrung machen wollten. Eigen Menschen hilft die Ansicht von Fischer vielleicht, aber sicherlich nicht allen. Dafür wirft sie einfach zu viele Fragen auf.

«Rafimojah» ist ein weiteres Mitglied im Rat der Fünf. Sie erschien Fischer als bernsteingelbes und eindeutig weibliches Drachenwesen. Im Dialog meinte sie, ihre Aufgabe sei es, den Menschen bei ihrer emotionalen Entwicklung zu helfen.

«Karsunay» sieht fast aus wie ein Mensch, nackt, blauäugig und hellblond. Sie lieben Kälte und mussten ihren Heimatplaneten verlassen, da dieser sich erhitzt hat. Auf der Erde hätten sie schon Malereien in Höhlen und den Pyramiden hinterlassen. Sie sollen dabei helfen, Hindernisse zu überwinden und riechen nach Schnee. Im Gespräch zwischen Fischer und dem Wesen wird berichtet: Diese Spezies hat nur noch drei Chakren und ist damit quasi die nächste Stufe der Menschheit. Das bedeutet, auch unsere Erde wird irgendwann zu heiss und wir werden dann weiterziehen. Wir werden ausserdem «robotisiert», uns mit Technik verbinden, und dabei würden einige von uns sterben. Auch seinen Karsunay jene, die der Kultur der Maya einst Informationen vermittelten. Die Maya waren demnach für ihre Entwicklung auf blonde, blauäugige Aliens angewiesen? Laut Fischer wird zwar vielen Menschen oder Menschengruppen von Starseeds geholfen. Trotzdem hat diese Aussage einen Beigeschmack von der Entwertung der Errungenschaften der Maya-Zivilisation.

«Omyron» erschien Fischer als ein schwarzes Wesen durchzogen von silbernen Glitzerstreifen. Diese Wesen sollen den Menschen Hoffnung geben. Fischer dachte zuerst, Omyron sei der Tod. Doch das ist gar nicht so weit hergeholt, denn diese Wesen würden angeblich Gespräche mit verstorbenen Menschen führen.

«VibrationZ» nennt Fischer als letztes Mitglied im Rat der Fünf. Sie erscheine ihr als pfirsichpinke Krake, ähnlich wie die im Film «Fluch der Karibik». Da Fischer ihre Hellsinne nie ausstellen oder ignorieren kann, nahm sie erstmals in einem Dubai-Urlaub richtigen Kontakt zu dem Wesen auf. Wie viele andere, habe es sich aber bereits lange vorher angekündigt. VibrationZ soll nur in Frequenzen kommunizieren und auch so Teile der Erde, wie die Antarktis, den Iran und Irak unterstützen.

Nach dieser Vorstellungsrunde erklärt Fischer endlich, was es mit der «Galaktischen Föderation des Lichts» auf sich hat. Dieser Rat aus vielen verschiedenen Starseeds sei weniger autoritär und mehr ordnend, also keine klassische Obrigkeit. Unter anderem sollen sich ihre Energien im starken Schneefall im Winter 2020/21 gezeigt haben. Auch sei der Rat nicht nur für die Erde zuständig, sondern für viele Wesen im Universum. Fischer und andere Medien dürften den Rat oft bei Sitzungen beobachten.

Fischer sei dabei gewesen, als sich ein Rat speziell für die Entwicklung der Menschheit gegründet hat, der sogenannte «Rat des goldenen Lichts». Viele Starseeds hätten Interesse an den Menschen, da sie sterblich seien und Emotionen haben. Das scheint im Universum selten zu sein. Wir Menschen sind nicht unterentwickelt, sondern einfach anders. Bei der Gründungssitzung des Rates, seien neben Fischer noch zwei Frauen aus den USA und Russland als einzige Menschen dort gewesen. Es seien deswegen nur Frauen, da sie der «Inbegriff von Emotionen» seien.

Wir treffen einzelne Starseed-Intelligenzen

Mit Starseed-Intelligenzen seien hier quasi Völker von Ausserirdischen gemeint. In diesem Buch geht Fischer auf 24 konkrete Gruppen ein und 3 weitere auf einer «höheren Ebene des Seins». Dieser Bericht wird sich auf jene Gruppen beschränken, die in der Esoterik- und Verschwörungstheorieszene verbreitet sind. Fischer beschreibt die Gruppen nicht nach einem einheitlichen Schema und die einzelnen Einträge unterscheiden sich in Länge und Genauigkeit. Vereinzelt werden auch geistige Übungen erklärt, um selbst mit den jeweiligen Starseeds in Kontakt zu treten.

Es fällt auch allgemein die Geozentriertheit und Ungenauigkeit von Fischer auf. So sind wir als Menschheit anscheinend eine eigene Starseed-Energie, die Nachbargalaxie Andromeda aber auch. Dabei bevölkern wir nur einen Planeten. Und im Gegensatz dazu sei die gesamte Galaxie Andromeda eine einheitliche Starseed-Gruppe wie wir? Diese Kritiken sind dazu noch schwer hervorzubringen, weil Fischers Text auf ihren persönlichen Erfahrungen und Gefühlen basiert. Jede Ungenauigkeit kann damit gerechtfertigt werden, dass Fischer die Dinge nur so notiert, wie sie sie wahrnimmt. Zusätzlich bezeichnet Fischer logisches und skeptisches Denken im Buch als «Erbsenverstand». Damit vermittelt sie den Eindruck, als sei es lächerlich, sich auf empirische Beweise berufen zu wollen. Paradoxerweise bezeichnet sie ihre eigenen medialen Erfahrungen häufig als ihre «Forschungen». Nach dieser Herangehensweise ist alles das, was ein Individuum fühlt also wahr? Bei Birgit Fischer, wie so oft in der New-Age Szene ist die Rede vom Frieden und der Einheit, die geschaffen werden muss. Doch wenn jedes subjektive Gefühl ein Fakt sein soll, wie soll die Menschheit dann jemals diese Einheit erreichen?

Was Fischers Weltanschauung noch komplizierter macht, ist ihre Idee von Reinkarnation. Die Seele eines anderen Sternenvolks ist demnach in der Lage, in den Körper eines Menschen zu inkarnieren. Das würde sich dann vor allem in der Persönlichkeit zeigen. Allerdings könne eine Person auch von einer oder mehreren Starseed-Energien begleitet werden. Was wann zutrifft oder wie es dazu kommt wird nicht klar beschrieben.

Oase der Plejaden

Was wäre ein Buch über Aliens ohne die in der Szene so geliebten Plejaden? Diese Popularität liegt laut Fischer daran, dass diese in der 5. Dimension leben und damit einfach zu channeln seien. Sie schreibt «Das Kernwesen der plejadischen Energie ist dieses liebliche Gefühl des Mütterlich-Kindlichen. Vor Glitzer und Schlimmer kann sie kaum genug bekommen. Einhörner, Schmetterlinge und Regenbogen, wohin man schaut.» (S. 94). Auch Jesus Christus würde sich dort aufhalten. Menschliche Seelen sollen nach ihrem Tod zu den Plejaden aufsteigen und liebevoll empfangen werden. Dies geschieht unabhängig von Karma oder Schuld, denn das würde während des Aufstiegs schon bereinigt. Auch helfen die Plejaden bei der Planung des nächsten Lebens. Ausserdem werden sie auch häufig von Reptiloiden angegriffen. Zu denen gibt es natürlich auch ein Kapitel.

Die bösen Reptiloiden

Die Kollegschaft von Fischer rät vom Kontakt zu diesen gefährlichen Wesen ganz ab, doch Fischer möchte alle Seiten kennenlernen. Auch bevor sie in der Szene tätig wurde, gab es bereits zahlreiche Verschwörungstheorien zu Reptiloiden. Laut Fischer hätten sie ihre Heimatwelt im Krieg zerstört. In unserer Welt der Dualität empfindet Fischer es als angemessen, Reptiloide als negativ zu bezeichnen. Doch das kommt auch stark auf die Entwicklung der einzelnen Wesen an. So seien unreife Reptiloiden wie Parasiten.

Reptiloiden sollen sich von Menschen mit negativen Gefühlen nähren. «Ich habe erlebt, dass die betroffenen Menschen dann an typischen physischen Phänomenen litten: Bluthochdruck, Schlaganfälle, Übersäuerung, Aggressionen gegen die eigene Familie, dass sie in kürzester Zeit drogensüchtig oder kriminell wurden, usw. Die Liste ist lang. Und dennoch gilt, dass wir Menschen es in der Hand haben, zu welchen Energien oder Intelligenzen wir eine Verbindung aufbauen. Wir entscheiden.» (S. 145). Die gelisteten «physischen Phänomene» haben auffällig viel Ähnlichkeit mit den Folgen von chronischem Stress, oder? Und entscheiden wir jetzt selbst über unsere Handlungen oder beeinflussen uns die Starseed-Energien? Und was ist, wenn die Beispiele mit strukturellen Problemen oder Vererbung zusammenhängen? Das lässt sich vermutlich auch auf negative Energie schieben.

Angeblich gibt es auch freundliche Draconier, die weiss sind. Diese seien die Hüter des Wissens über Emotionen und damit «Heilung pur» für Menschen. Sie sollen uns die Emotionen sogar überhaupt erst beigebracht haben.

Weitere erwähnenswerte Aliens

Viele der altbekannten Fabelwesen, die in den Märchen der Menschheit vorkommen, zählen nach Fischer übrigens auch als eigenes Sternenvolk. Elfen, Feen und Kobolde gehören dabei zu der Gruppe «Utopia und Ashtara». Sie würden auf einer anderen Dimension leben: «Diese Welt ist in gewisser Hinsicht ein Spiegelbild der irdischen Natur und hilft enorm bei deren Erhaltung.» (S. 121).

Und dann wären da auch noch Riesen, auch Iceseed genannt. Sie begegneten Fischer erstmals bei einem Remote Viewing der Antarktis. Sie seien Einzelgänger und leben in kalten Regionen. Ihr Ziel sei es, Wissen zu erwerben und dann in Wasser einzufrieren. Ihr Aussehen soll dem von Bigfoot entsprechen. Und damit, sowie mit dem Thema der «verdächtigen Antarktis», befinden wir uns wieder im Bereich der klassischen Verschwörungstheorien. Es sind auch immer wieder die Gleichen.

Reise in die Zukunft: Prophezeiungen

In den nächsten Jahrzehnten solle sich nach Fischer die Landwirtschaft entwickeln. Es wird auch Naturkatastrophen geben und der Konsum von Tierprodukten wird abnehmen. Mensch und Technik werden sich so verbinden, dass wir die Nachrichten vor unseren Augen sehen können. Die Menschen werden Gehirnchips haben und vieles wird weniger Geld kosten. Es soll mehr Gemüse- als Aktienhandel geben. Alkohol wird nicht mehr konsumiert.

Für die nächsten 150 Jahre sagt Fischer folgendes voraus: Weniger Druck wird von der Politik ausgehen und es werden weniger Naturkatastrophen stattfinden. Ausserdem kommt es zu Erstkontakten mit Aliens (die natürlich im geheimen schon seit den 1970ern bestehen). Flugzeuge sieht Fischer nicht mehr, dafür fliegende Autos und Raketen. Österreich wird an der Küste liegen, da der Meeresspiegel gestiegen ist. Es wird weniger Haustiere geben. Energieproduktion wird kostenlos.

Mir fällt auf, dass Fischer vor allem von Technik und Aliens in der Zukunft spricht. Humanitäre Entwicklungen und Menschenrechte werden ausgelassen.

Nachwort

Das energetische Heilen mit Starseeds wird in den nächsten Jahren «zur Hausapotheke» gehören. Wir sollen uns daran erinnern, dass das Leben auf der Erde nur kurz ist und danach weiter geht. So beendet Fischer ihr erstes Buch. Sie erklärt sich bereit, mit der Wissenschaft zusammen zu arbeiten. Doch dann heisst es im letzten Absatz: «Die Wissenschaft ist sozusagen das Ego der Menschheit. Es braucht Bestätigung, um zu wachsen, zu wissen.» (S. 284). Demnach würde uns diese «Ego-Energie» in unserer Entwicklung verlangsamen. Fischer stellt einen Menschen, der nach Anerkennung sucht, gleich mit der Wissenschaft, die nach Beweisen sucht. Doch im Gegensatz zu einem Ego geht die Wissenschaft systematisch mit Unsicherheit um. Ein Grundprinzip der Wissenschaft ist die Offenheit für Falsifizierung. Davon kann bei einem Ego nicht die Rede sein.

Fazit: Notlandung auf der Erde

Birgit Fischer ist kreativ und denkt sich wenigstens neue Ideen aus, anstatt das aber tausendste Buch mit vagen esoterischen Voraussagungen zu veröffentlichen. Kann Fischer vielleicht einfach Muster im Leben ihrer Kundschaft erkennen? Und denkt sich anschliessend auf Grundlage dessen Starseed-Energien aus? Aliens, die man vermarkten kann? Man muss ihr jedoch lassen, dass es kein Merchandise für jede Spezies von Ausserirdischen verkauft wird, als wären es Sternzeichen oder Hogwarts-Häuser. Zumindest noch nicht.

Fischer unterstreicht bei jeder Starseed-Energie, wie sie die Menschheit beeinflusst haben. Doch das spricht den Menschen, die uns weitergebracht haben, ihre Leistung ab. Und den Monstern der Geschichte die Verantwortung. Zusätzlich bleibt Fischer bei jeder ihrer Behauptungen vage genug, um die Verantwortung jederzeit ablegen zu können.

Dieser Spiegel-Bestseller hätte auch ein Science-Fiktion Roman sein können, was das Lesen spassiger gemacht hätte. Ist dieses Buch ein Zeichen für die «neue Zeit»? Oder ist es ein Mahnmal dafür, was manche sich einbilden müssen, um ein normales Leben führen zu können? So oft wurde mit dem Wort «Heimweh» geködert. Wer sich einsam und fehl am Platz fühlt, sollte nach Birgit Fischer lieber mit Aliens sprechen, ob sie nun existieren oder nicht ist dabei eigentlich fast egal, anstatt mit den Mitmenschen auf der Erde. Natürlich sind die Sterne in der Ferne schön. Doch unsere Sonne ist auch ein Stern.

Marla Engelschalk, Dezember 2025

Lexikoneintrag Birgit Fischer

What the heck am I doing at ICF?

Spürst du den Geist der Weihnacht bei der generischen, wahrscheinlich lizenzfreien, Musik? In der schwarzen Multifunktionshalle, wo nur die ersten sechs Reihen besetzt sind? Wo ein Countdown auf dem riesigen Bildschirm hinter der Bühne abläuft, mit sanftem Schneefall im Hintergrund? Kommt jetzt etwa der Wetterbericht? Nein, sondern die englischsprachige Celebration am Sonntag dem 14. Dezember 2025 von der International Christian Fellowship ICF.

Hundert Brücken

Um 16:45 Uhr kommen wir an in «The Hall» in Dübendorf. In der Eingangshalle gehen wir zwischen den anderen Besuchenden unter und haben noch genug Zeit, uns die Bücherecke anzusehen. Hier gibt es eine grosse Auswahl an Werken von Susanna und Leo Bigger, den leitenden Pastoren von ICF Zürich. Die Buchumschläge sind ein Vorgeschmack auf die Stil-Richtung, die uns auch später im Gottesdienst begegnen wird: Ein freundlich-generisches Design im Startupstil, primär gehalten in Pastellfarben. Würde man Titel wie «Geistlich Wachsen Extrem» oder «Gott erleben wie niemals zuvor!» mit anderen aktuellen Selbsthilfebüchern im Laden sehen, würde kaum auffallen, dass sie christlich sind. Besonders ansprechen wollen sie damit vermutlich junge Menschen. Doch als wir den Veranstaltungssaal betreten ist das Alter des Publikums gemischt genauso wie die Geschlechter. Ein Aufpasser begrüsst uns freundlich und fragt, wo wir sitzen möchten.

Als der am Anfang erwähnte Countdown abläuft, sind nur die ersten sechs Reihen des Saals besetzt, nicht einmal die vorderen erhöhten Zuschauerränge. Die breite Bühne ist dekoriert mit Weihnachtsbäumen, Bandequipment und einer grossen, weissen Krone mittig-hinten. Es wirkt etwas neblig hier drinnen, als die Band die Bühne betritt. Es sind ungefähr 10 junge Personen, jede trägt einen niedlichen Weihnachtspullover. Es gibt ein Schlagzeug, Keyboard, zwei E-Gitarren (möglicherweise ist eine davon ein Bass) und eine Acoustic-Gitarre. Die Gitarren wird man in den lauteren Teilen der Songs kaum raushören. Also fast immer. Nur in den Bridges, und davon gibt es mehrere pro Song, um die Spannung zu halten, hört man sie.

Die Lyrics werden hinten eingeblendet. Mit Laserstrahlen spielt die Band ein langes Lied, bei dem einzelne Passagen mehrstimmig und hypnotisch wiederholt werden. Zu Beginn ist es «All our attention is on you now». Es erinnert, und die Songs danach werden ähnlich klingen, an den beliebten Track «Oceans (Where Feet May Fail)» von der christlichen Gruppe Hillsong United, nur repetitiver. Auch wird die Zeile «Open the floodgates of heaven» häufig wiederholt. Es geht im Gesang auch um Reinwaschung von Sünde, von sauber sein. Dabei wirkt es, als habe man die konventionell attraktivsten Singenden vorne in der Mitte platziert. Eine Person liegt während der über 10 Minuten langen Performance, in der die Songs ineinander übergehen, flach auf dem Bauch auf dem Boden. Völlig routiniert stellt ein Aufpasser einen Pfosten neben seinen Kopf, damit niemand über ihn stolpert.

Für den guten Zweck

Man fühlt sich insofern gewaschen und rein nach diesem ersten Auftritt, weil er so überstimulierend war, dass die Aussenwelt nun definitiv vergessen ist. Drei Personen verlassen die Veranstaltung jetzt schon. Ein Mann mittleren Alters im Holzfällerhemd tritt auf die Bühne. Er stellt sich nicht vor, sondern berichtet von dem Kids-Room, der im Untergeschoss eingerichtet wurde. Ein Video zeigt einen typischen Indoor-Spielplatz mit Bällebad und Fussballfeld, alles im «Unter Wasser»-Thema gestaltet. Als Kind hätte mir das auch gefallen.

Dazu kommt ein internationaler und «Microchurch»-Pastor auf die Bühne, der als Pat vorgestellt wird. Diese Microchurches soll ICF angeblich verteilt auf dem ganzen Globus haben. Ein riesiger Pavillon voller jubelnder Kinder in Liberia wird gezeigt. ICF habe ihn durch Spenden ganz allein bezahlt. Es gibt keine Wände und das Dach scheint nur eine blaue Plane zu sein.

Finanziert wurden beide Projekte durch die «Reach Beyond»-Spendenkampanie, die jährlich stattfindet. Dieses Jahr liegt der Zielbetrag bei 980.000 CHF. Davon seien bereits 945.000 CHF gesammelt worden. Es folgt ein Spendenaufruf und ein nasser schwarzer Plasikblumentopf wird herumgereicht. Er kommt bei uns an, nachdem er schon durch viele Hände gegangen ist. Es liegt nur ein einziger Geldschein darin.

Die Predigt: What the heck am I doing in Bethlehem?

Nun betreten Michael und Sarah Sieber die Bühne. Im Gegensatz zur Band sind sie in Schwarz und elegant-minimalistisch gekleidet. Sie beginnen erst einmal damit, über das vergangene Wochenende zu sinnieren. Dort fand die Christmas-Celebration statt und es seien 12.000 Menschen dort gewesen und 500 Bibeln verteilt worden. Wie ein Unternehmen was im Jahresrückblick zeigt, wie viel Umsatz es gemacht hat.

Danach zählen sie typische, stressige Weihnachtsmomente auf, mit denen sich alle Anwesenden wenigstens ein wenig identifizieren sollten. Es folgt die oft gehörte Schlussfolgerung, wie sie in jedem Weihnachtsfilm erscheint, «It is so easy to miss the meaning of Christmas». Zum Glück hätte jeder von uns einen Knopf für «Instant-Peace», Maria hätte ihn auch gehabt und zu nutzen gewusst. Und darum wird es heute in der Predigt gehen.

Das Ehepaar gibt sich auf der Bühne bewusst sympathisch und nahbar. Ein riesiges Bild von ihren damals frisch geborenen Zwillingen wird auf dem Bildschirm gezeigt. Es sei ja einer der besten Momente im Leben einer Frau, ihr erstes Kind zu bekommen. Doch gerade so wichtige Momente sind oft chaotisch, obwohl man gerade dort innehalten sollte. Dazu Luke 2:19 «But Mary treasured up all these things and pondered them in her heart.»

Eine Karte wird eingeblendet. Dort ist die Strecke von 150 km markiert, die Maria im neunten Monat ihrer Schwangerschaft mit Jesus gehen musste. Das sei «crazy» gewesen, aber es wurde ja prophezeit. Das wirkt auf mich wie eine Relativierung. Sollte die Geschichte wirklich wortwörtlich so stattgefunden haben, war das für Maria ein Ausmass an Anstrengung, welche die meisten Menschen niemals erleben werden.

Aber natürlich hätte Maria sich auch hinterfragt «What the heck am I doing in Bethlehem?». Dieser Satz wird zum Leitmotiv der Predigt. Wir werden als Publikum gefragt: Fühlen wir uns vielleicht auch gerade so? Sind wir auch in Bethlehem? Also irgendwo, wo wir nicht geplant haben zu sein? Das kennt ja jeder. Sofort werden wir dann wieder getröstet: Wir seien ja heute Abend hier und das ist gut. Immer wieder rufen Einzelne Zustimmung aus dem Publikum.

Die riesige weisse Krone wurde übrigens nach vorn gerollt. Wer von den beiden gerade spricht, sitzt darauf, wie auf dem Rand eines Nestes. Das erweckt den Eindruck von ein wenig Gemütlichkeit, in dieser riesigen, anonymen Halle. Die Bibel handle auch von uns selbst, auch wir seien eine Geschichte, die Gott erzählt. Er formte uns in der Gebärmutter unserer Mutter. Ich glaube, der weibliche Körper schafft das auch allein.

Das Ehepaar fragt: Sind wir bereit, uns Gottes Willen unterzuordnen? Wir seien immer dann in Bethlehem, wenn wir einen Fehler gemacht haben, also von Gottes Pfad abgekommen sind. Doch Gott kann unseren Pfad erhellen, auch wenn er nicht immer wörtlich mit uns spricht. Maria wurde allerdings von einem echten Engel besucht (Luke 1:28, 30, 31). Michael gibt zu «Yeah, I am really challenged-… jealous about that.» Doch immerhin berichtet Michael, dass ein Mann ihm einst prophezeite, er würde Pastor werden. Darauf folgt noch ein komischer Witz: ICF selbst sei auch manchmal in Bethlehem, weil es durch all die «Schafe» so «stinky» sei. Viele Anwesende lachen.

Es würde in unserer Macht liegen, jeden Augenblick heilig zu machen, auch im Alltag. Ob Spazieren oder sonst etwas. Wenn es uns hilft, präsent zu sein sollten wir es tun. Bethlehem heisst auf hebräisch, und wird durch Jesus zum, «Haus des Brotes». Kurzgesagt, Gott kann uns in Situationen helfen, die uns herausfordern. «You can be free, where ever you are tonight.»

Time for Worship

Die Band ist wieder im Anmarsch. Es wird das Lied: «Turn you eyes upon Jesus» von Helen H. Lemmel gespielt. Kurz wird dazu gesagt, dass sie erblindete, «alles verlor», doch dann ein Missionar ihr half zum Glauben zu finden. Nach dem Lied spricht Michael ein Dankgebet. Danach folgt noch ein Gebet mit den Zeilen: «I let my sin at this cross. Bread of my life, I eat from you. Blood of my life, I drink from you.» Danach stehen ungefähr zehn Leute auf und verlassen den Saal.

Die Band spielt noch weiter Worshipsongs. Das Schlagzeug baut eine dramatische Stimmung auf. Es ist viel mehr Bass zu hören als am Anfang des Gottesdienstes. Wieder werden einzelne Zeilen psychedelisch oft wiederholt, «Oh how He loves us» und «This is a house of miracles», sodass alle mitsingen können. Auf dem Bildschirm werden einzelne Bandmitglieder in gross abgefilmt, wie auf eigentlichen Massenveranstaltungen. Um die Intensität des Moments zu erhöhen, erscheinen sie sogar in Schwarz-Weiss. Zwei Männer fallen auf die Knie, viele Menschen strecken ihre Arme in die Höhe. Der Band muss man lassen, dass sie in der Lage sind, bei diesen langen Performances die Spannung zu halten.

Ein Mann schräg vor uns schaut immer wieder skeptisch über seine Schulter. Sehen wir zu unenthusiastisch aus?

Nachdem die Band fertig ist, leert sich der Saal schnell. Es besteht das Angebot, noch mit in den Gebetsgarten zu kommen, etwas zu essen oder mit dem Connecting-Team zu sprechen. Wir bleiben noch kurz zurück, um die Gruppendynamik besser einzuschätzen. Es scheinen vor allem Pärchen, Familien und Freundesgruppen gemeinsam hier zu sein, die sich nicht mischen oder untereinander austauschen. Grundsätzlich ist die Gemeinde sehr divers.

Als wir wieder draussen sind, fällt uns auf, dass uns die ganze Zeit niemand angesprochen oder etwa ein Prospekt angeboten hat, bis auf den einen Satz des Aufpassers.

Fazit: What the heck was that?

Im Nachhinein fühle ich mich etwas besser, als wenn ich eine Dauerwerbesendung gesehen hätte. Die Predigt war generisch, doch gut aufgebaut und mit einer feel-good Botschaft versehen. Doch die trifft das Herz nicht, obwohl das bei mir sonst nicht so schwer ist wie bei anderen. Ich fühle mich hier mehr wie ein Konsument, mehr wie ein Kunde als wie ein Gemeindemitglied. Ich persönlich kenne primär kleine evangelische Gottesdienste der Landeskirche von Dörfern aus Brandenburg. Und auch wenn die im Vergleich deutlich «langweiliger» waren, fühlt man sich dort viel näher an Maria und Jesus. Denn dort wird die historische Relevanz dieser Geschichte für die ganze Welt klar und wie viel sie der Christenheit bedeutet. Alles an der Veranstaltung hat sich austauschbar und aufgesetzt angefühlt. Michael und Sarah Sieber sind keine schlechten Redner, doch was macht das aus, wenn man sich in der Masse anonym fühlt? Es ist ein Gottesdienst der Globalisierung, in der wir alle Weizenpflänzchen sind allein um gemäht zu werden. Nicht um einen tieferen und persönlicheren Zugang zu unserer Spiritualität zu finden. Bunter und lauter bedeutet nicht berührender.

Marla Engelschalk, Dezember 2025

Lexikoneintrag ICF Movement

Werbe-Aktion am Bahnhof Oerlikon – wenn eine Ausbildungsstätte missioniert

Wer neulich zum richtigen Zeitpunkt am Dienstagnachmittag beim Bahnhof Oerlikon vorbeispazierte, dürfte sie gesehen haben – eine Gruppe, alle mit roter, weihnachtlich wirkender Mütze, die am Bahnhof standen und einige weihnachtliche Lieder sangen.

Ich lief erst weiter, besann mich dann und entschied, so lange zuzuhören, bis ich herausfand, was genau los war und wer dahinterstand. Leider war die Rede, die einer von ihnen hielt, gerade fertig, sodass ich darauf warten musste, bis jemand anderes etwas sagte. Es waren etwa 30 singende Personen – mehr waren es auf jeden Fall nicht – und einige andere mit ebenfalls roter Mütze, die nicht mitsangen und eher im Halbkreis der Zuhörenden standen. Ich entschied also, auf eine dieser Personen zuzugehen – sobald ich meine Nachricht fertig geschrieben hatte; ich war nämlich gerade noch dabei, einer Freundin zurückzuschreiben.

Es dauerte dann auch nicht lange, bis ich angesprochen wurde, von einer jungen Frau mit roter Mütze, noch während ich tippte. Ich sagte ihr «Momeeent, ich schreibe noch kurz fertig», und sie wartete tatsächlich, bis ich noch meine letzte Nachricht fertig getippt hatte (es fehlte aber auch nur noch ein Fragezeichen).

Feierst du Weihnachten? Weisst du überhaupt, was das ist?

Die Einstiegsfrage war für mich komplett unerwartet: «Feierst du Weihnachten?». Sie hatte mich tatsächlich so aus der Bahn geworfen, dass ich erst mal nichts sagte, ausser, dass ich die Frage nicht erwartet hatte. Nach ein wenig Mich-Sammeln erklärte ich ihr dann, dass ich durchaus Weihnachten mit meiner Familie feiere, und bestätigte ihr – auf ihre Nachfrage, ob ich dann auch in die Kirche ginge – dass wir am Heiligabend in die Kirche gingen. Am 25. aber nicht, dann sei Zeit für die Familie. Eine Aussage, die von ihr nicht in Frage gestellt wurde, was ja auch schön ist.

Die nächste Frage war, ob ich denn auch wisse, was an Weihnachten passiert sei. Meine allererste, innere Reaktion war ein «Selbstverständlich», was ich ihr dann in etwas mehr Worten mitteilte. Die Frage selbst ist nicht ganz unerwartet: In gewissen freikirchlichen Kreisen, besonders in fundamentalistischen, behauptet man gerne, «die Welt», also alle Menschen ausserhalb des christlich-fundamentalistischen Glaubens, wisse gar nicht, was sie da überhaupt feiere. Ein «feierst du» und «weisst du überhaupt, warum?» ist da zu erwarten für einen evangelistischen Einsatz mit dem klaren Ziel, Menschen zu bekehren. Man will ihnen, diesen anderen mutmasslichen ungläubigen Menschen, aufzeigen, was sie nicht wissen, und dann auch gleich das Evangelium bewerben, von dem sie ja vermutlich auch nicht wissen. Ein Ansatz, der von einigen als «herablassend» empfunden werden könnte.

Es ging also weiter mit der Frage, ob ich denn gläubig sei. Aus meiner freikirchlichen Erfahrung ahnte ich, dass sie unter «gläubig» etwas anderes versteht als ich. Da fand ich aber, ich erzähle ihr jetzt nicht meine Lebensgeschichte (die wäre ja online, wenn man sie denn lesen wollte), und bejahte die Frage einfach. Ich glaube durchaus, nur vermutlich nicht ganz dasselbe wie sie.

Während des Gesprächs sang die Gruppe weiter – unter anderem einen Gospelsong, bei dem sie sich so auf und ab bewegten, wie es sich für einen Gospelsong gehört. Dabei bespielte einer der Gruppe ein Schlagwerk (die kleinen Boxen, mit denen man rhythmisch begleiten kann). Tatsächlich klang das alles so gut, dass es mich ein wenig vom Gespräch ablenkte.

Wer reformiert ist, braucht eine Bibel

Es ging weiter mit der Frage, welche Kirche ich denn besuchte. Meine Deklaration, dass ich in die reformierte Kirche ginge, schien akzeptiert zu werden. Allerdings fragte sie danach noch, ob ich denn auch in der Bibel lese und bete – beides Fragen, die ich ebenfalls bejahte. Ich hatte den Eindruck, dass dies für sie zentral war.

Am Ende des Gesprächs meinte sie, sie gäbe mir doch noch eine Bibel mit – das Neue Testament mit einigen «ausgewählten Psalmen», wie sie erklärte, in der Übersetzung «Hoffnung für Alle». Die nahm ich dann auch an. Ich habe zuhause zwar verschiedene Bibeln, aber tatsächlich keine HfA-Übersetzung.

Im Verlauf des Gesprächs hatte ich den Eindruck, dass sie eigentlich gar nicht wirklich Lust hatte, mit mir zu reden. Vielleicht, weil ich mir Mühe gab, auf ihre Fragen so zu antworten, dass sie mich dann nicht missionieren konnte – weil ich sozusagen die «richtige» Antwort gab, und nicht eine, auf der aufbauend sie mir dann von Evangelium berichten konnte. Das kenne ich schliesslich schon, wie sie auch feststellte.

Wer über andere lernt, um sie zu missionieren

Sie erzählte mir, dass sie alle vom ISTL seien – einer Ausbildungsstätte, die theologische Ausbildungen anbietet. Die Singenden studierten also alle dort. Selbst ginge sie ins ICF St. Gallen, aber die anderen besuchten verschiedene Kirchen.

Ich habe zuhause ihre Webseite etwas überflogen. Sie bieten nicht nur für ein Theologiestudium übliche Module wie «Grundlagen Hebräisch» oder «Grundlagen Seelsorge» an, sondern auch andere Module wie zum Beispiel «Islam». Erklärtes Ziel dieses Modules ist, unter anderem: «Die Studierenden können Muslimen auf eine gewinnende Art von Jesus erzählen, und können dazu auch den Koran gebrauchen.». Interreligiöse Akzeptanz ist es nicht, wenn man sich mit einer anderen Religion befasst, um Menschen davon wegzubringen.

Ein anderes Modul, hier sehr passend, ist «Missionsstrategie». Ich frage mich, ob jene, die im Halbkreis ringsum standen, dieses Modul bereits besucht hatten. Wer weiss – vielleicht war das ja die «praktische Prüfung».

Angela Heldstab, 12.12.2025

Lexikoneintrag ISTL