Besuch im Somaskanda Ashram auf den Fideriser Heubergen

Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 21. Juni 2020 den Somaskanda Ashram der Gemeinschaft Skanda Vale in den Fideriser Heubergen.

Eine holprige Anfahrt

Neben einer Wandergruppe sass ich im „Heuberge Bus“, der mich über eine holprige Strasse zum neohinduistischen Somaskanda-Tempel fuhr. Dieser liegt auf 1800 m.ü.M. in den Prättigauer Bergen in Graubünden. Die Strasse dahin ist ab Fideris für den Privatverkehr geschlossen und kann lediglich mit einer Bewilligung befahren werden. Die Alternative, für welche ich mich entschieden hatte, ist der Bus, dieser muss allerdings telefonisch bestellt werden. Der Bus hielt vor einer Abzweigung, wo eine kleine Holztafel mit der Beschriftung „Somaskanda Ashram 15 Minuten“ stand. Gemeinsam mit zwei anderen Frauen stieg ich aus und roch sofort die frische Bergluft. Der Fussweg Richtung Ashram, auf welchem mich die beiden Frauen begleiteten, führte an farbigen Blumen und schattenspendenden Bäumen vorbei und erlaubte einen wunderbaren Blick auf die schneeigen Berge. Die Frauen, beide westlicher Herkunft, befanden sich etwa im Alter von 25 beziehungsweise 50 Jahren und waren, trotz des langen Anreisewegs, regelmässige Besucherinnen des Ashrams. Die ältere Frau war seit etwa 20 Jahren Anhängerin des Somaskanda-Tempels, die Jüngere bereits seit ihrer Geburt.

Die hinduistische Berghütte

Nach der letzten engen Kurve lag der Somaskanda Ashram vor uns, wobei ich einen Moment brauchte um dies zu realisieren. Der Ashram sah wie eine normale Berghütte aus. Als wir näher kamen, entdeckte ich das hellblaue Schild, das Richtung Tempel zeigte und somit einen Hinweis auf die etwas unkonventionelle Nutzung der Berghütte gab. Wir gingen aber nicht in Richtung des Tempels, sondern traten in den unteren Bereich des Hauses ein, wo bereits Finken bereitgestellt worden waren. Auch das Innere des Hauses, mit der langen Holzbank und dem grünen Kachelofen, sah auf den ersten Blick wie eine typische Berghütte aus. Allmählich fielen jedoch das Portrait von Guru Sri Subramanium, der Gründer der Gemeinschaft, sowie seine Bücher ins Blickfeld. Auf dem Holztisch lag eine typische hinduistische Gebetskette aus Nussfrüchten, die Mala, von welcher die anderen beiden Besucherinnen ebenfalls ein Exemplar aus dem Rucksack nahmen und um den Hals legten.

Der Gott der göttlichen Armeen

Noch waren wir zu dritt. Ich half die mitgebrachten Rosen für die bevorstehende Puja vorzubereiten. Zwei Frauen, ebenfalls im mittleren Alter und westlicher Herkunft, traten von der Küche herein. Sie hatten mich bereits erwartet, da sich Besuchende momentan wegen Covid-19 für einen Besuch anmelden müssen. Sie begrüssten mich sehr herzlich und boten mir Tee an. Die vier Frauen reagierten auf meine Fragen zum Somaskanda Ashram ziemlich selbstkritisch. Für sie war klar, dass sie bei einem hinduistischen Ritual in Indien weder etwas verstehen, noch wirklich nachkommen würden. Bei ihnen hätte eine Art „Verwestlichung“ des Hinduismus stattgefunden, sodass er auch für das lokale Publikum zugänglich wäre. Es würden auch Praktiken anderer religiösen Traditionen im Ashram Platz finden, wie beispielsweise der christliche Gottesdienst der sich jeweils am Sonntagabend ereignet. Diese Selbsteinschätzung bestätigte mein Bild des Somaskanda Ashrams, welcher dem Neohinduismus zugeordnet werden kann, jedoch auch einen interreligiösen Charakter hat. Gleichzeitig wurde ich auf die Puja vorbereitet, die an diesem Tag extra lang werden würde, da der Neumond, sowie der Auftakt des Shiva-Festivals auf denselben Zeitpunkt fielen. Shiva erfreut sich im Somaskda Ashram besonderer Beliebtheit, unter anderem weil er der Vater des Gottes ist, der dem Ashram seinen Namen gegeben hat: Skanda, der Gott der göttlichen Armeen.

Wie Konzentration zu Veränderung führt

Die erste Hälfte der Puja, wie Verehrungsrituale des Gottes im Tempel im Hinduismus genannt werden, fand draussen statt. Von den 25 Grad in meiner Heimat Zürich spürte ich hier nichts – mit Faserpelzen und Decken sassen wir zu sechst in einem Halbkreis. Da die Anzahl der Besuchenden aufgrund der speziellen Situation auf vier Personen, Tempelteam ausgenommen, beschränkt ist, war das Publikum von geringerer Grösse als üblich. In der Mitte sassen ein Mönch, ganz in weiss gekleidet, und eine Nonne, die ein braunes Gewand trug. Es erinnerte mich stark an jene Gewänder des Franziskanerordens, was wahrscheinlich Absicht war, da die Mönche und Nonnen bei der Weihe das franziskanische Gelübde ablegen. Sie waren beide aus dem Muttertempel, dem Skande Vale Tempel in Wales, angereist und sprachen daher Englisch. Der Mönch, der von der frischen Bergluft ganz rote Backen hatte, erklärte zu Beginn, dass die bevorstehende Puja nicht als Ritual zu verstehen sei, sondern als Akt der Veränderung. Somit sollte man sich nicht entspannen, man solle sich konzentrieren um die Gegenwart beeinflussen zu können.

Von Schweizer Bergen und indischen Murtis

Während der Mönch und die Nonne die letzten Vorbereitungen trafen, hatte ich Zeit, meine Umgebung zu mustern. Der Kontrast der umliegenden Schweizer Berge, die über uns ragten, zum Schrein, der vor unserem Halbkreis stand, war enorm. Die Hauptattraktion bildete eine grosse Murti aus Stein. Eine Murti ist eine geweihte Statue einer Gottheit, in diesem Fall war es der elefantenköpfige Gott Ganesha. Durch die Grösse der Murti mussten wir zu Ganesha hinaufsehen, was seine Überlegenheit zu demonstrieren schien. Er trug eine Gebetskette und vor ihm stand ein Tisch, der mit verschiedenen Opfergaben an den Gott, wie Früchte oder dekorierte Kokosnüsse, bedeckt war. Krüge mit diversen Flüssigkeiten lagen auf einem weiteren Tisch. Der Mittelpunkt des Kreises bildete eine Feuerstelle, deren Rand mit gelber und roter Asche bemalt worden war. Das Holz für das Feuer lag in Form eines Jenga-Spiels bereit.

Detailtreue durch Anweisungen

Im ersten Teil der Puja wurden die verschiedenen Opfergaben für Ganesha vom Mönch gereinigt und geräuchert. Dabei folgte der Mönch den genauen Anweisungen der Nonne, welche von einem Blatt Papier abgelesen wurden. Der Duft der Räucherstäbchen verteilte sich langsam im Kreis und erinnerte mich an vergangene Reisen nach Asien. Das ganze Ritual hindurch legten die Teilnehmenden viel Wert auf die Einhaltung der richtigen Abfolge, obgleich die Atmosphäre durch das ständige Einreden der Nonne ein wenig verloren ging. Auch die Konzentration, für welche der Mönch im Vorhinein plädiert hatte, war stets vorhanden. Neben der richtigen Abfolge, zeigte sich das Aufsagen der Mantras auf Sanskrit zentral. Mantras sind Formeln zur Anrufung und Vergegenwärtigung göttlicher Mächte. So konnte ich, trotz fehlender Sanskrit-Kenntnisse, immer wieder den Namen eines Gottes wie Vishnu, Lakshmi oder Shiva erkennen. Auch die Silbe Om, die zu Beginn jedes Mantras aufgesagt wurde, war mir bekannt.

Visualisierung der Gottheit durch Mantras und Musik

Neben der Durchführung der rituellen Handlungen, wurden die Mantras von der Nonne und dem Mönch aufgesagt. Währenddessen sangen die anderen drei Besucherinnen pausenlos auf Sanskrit, läuteten Glocken und bliesen in ein Muschelhorn. Obwohl alle drei das Gesangsbuch der Skande Vale vor sich hatten, brauchten sie es kaum. Sie sangen auswendig drei Stunden lang. Die Reihenfolge der Lieder war nicht abgemacht. Wenn eine Person anfing zu singen, setzten die anderen einfach ein. Ich war enorm beeindruckt vom Einsatz der Besucherinnen, zumal drei Stunden singen anstrengend ist und die Kenntnisse der Melodien und Texte fehlerfrei schienen. Die Mantras, zusammen mit dem Gesang, sollten zu einem Zustand der Konzentration führen, sodass die Visualisierung des Gottes ermöglicht werden sollten.

Ein Feuer aus Ghee und Olivenöl

Die Visualisierung und Aufrufung der verschiedenen Gottheiten wurde am offensichtlichsten, als der Mönch das Feuer anzündete. Er verwendete dafür eine brennende Ghee-Lampe, welche an das ebenfalls mit Ghee beschmierte Holz gehalten wurde. Danach warf er regelmässig eine Ladung Olivenöl über das Feuer. Ob das Olivenöl, neben der Nutzung als Brennstoff, eine symbolische Bedeutung hatte, blieb offen. Um die Gottheiten aufzurufen, wurde das entsprechende Mantra aufgesagt. Mit seiner tiefen Stimme sprach der Mönch nach dem Mantra den Segensruf Om Swaahaa und warf daraufhin für jede Gottheit eine Fingerspitze Reis ins Feuer. Auch rund herum wurde der Reis verteilt. Hier folgte der Mönch wieder den Anweisungen der Nonne, den die richtige Abfolge war streng zu berücksichtigen. Während dem Ritual fiel mir immer wieder auf, wie der Mönch und die Nonne auf die Befolgung kleinster Details schauten. Die Aufgabe schien ziemlich stressig und kompliziert zu sein, den sie sagten pausenlos Mantras auf und führten die rituellen Handlungen aus. Trotzdem achteten sie beispielsweise auf ihre Handgesten, sodass sie ab und zu die bekannte Position der Chinmudra (Zeigefinger und Daumen zusammen) einnahmen, die den Energiefluss begünstigen soll.

Reinigung des Selbst und Aufrufung Ganeshas

Als das Feuer richtig brannte, wurden wir dazu aufgefordert unsere Sorgen zu bereinigen, indem wir getrocknete Blütenblätter in das Feuer warfen. Ich durfte als Zweites dieses Ritual vollziehen, sodass ich mich an der ersten Person orientieren konnte. So nahm ich jeweils eine Hand voll Blütenblätter, hielt diese vor meinen Kopf , ruf meinen Wunsch ins Gedächtnis und warf die Blütenblätter ins Feuer während der Mönch wieder den Segensruf Om Swaahaa sprach. Diese symbolische Reinigung des eigenen Selbst erzeugte ein Gefühl der Zugehörigkeit, da jede Person einzeln ins Ritual inkludiert wurde. Darauf folgte die rituelle Waschung von Ganesha. Da dieser der Gott ist, der Hindernisse beseitigen kann und über Glück verheissende Momente herrscht, wird er bei Pujas oftmals als erstes aufgerufen. Bei der Waschung wurde Ganesha mit Blumen geschmückt, dann mit verschiedenen Flüssigkeiten und Seife gewaschen. Daraufhin wurde ihm eine Mala um den Hals gelegt und der Mönch machte eine Blumen-, sowie Räucherspende. Auch bei der Waschung wurde viel Wert auf Details gelegt, sodass diese eine Dauer weilte. Währenddessen sangen die Besucherinnen tapfer weiter, obwohl eine davon bereits ihre Stimme verloren hatte.

Der tanzende Shiva

Der zweite Teil der Puja fand im Tempel statt, der sich im Obergeschoss des Gebäudes befand. Ich folgte den anderen Besucherinnen und erblickte dabei die aus Holz geschnitzten Elefantenköpfe an der Hauswand. Vor dem Tempelraum stand ein langer Tisch mit zahlreichen Opfergaben an die Götter, bestehend aus Blumen und Nahrungsmitteln, wie grüne Bohnen oder Kambly-Guetzli. Eine Besucherin begann an einem Seil zu ziehen, sodass die grossen Glocken über dem Tisch anfingen zu läuten. Ziel dabei war wohl die Abwehr und Verscheuchung von negativen Energien. Das Läuten wurde wieder von Mantras und dem Muschelhorn begleitet, sodass die Warnung wohl in der gesamten Heuberge-Region zu hören war. Der Tempel war zu ehren des Gottes Shiva und dem Auftakt des ihm gewidmeten Festivals dekoriert worden. So standen mehrere Shiva-Statuen herum. Eine seiner Rollen ist die Schöpfung, der Erhalt, wie auch die Zerstörung der Welt. So gilt die Auffassung: wenn Shiva aufhört zu tanzen, geht die Welt unter. Shiva wird daher oftmals in tanzender Form dargestellt, was auch im Tempel der Fall war. Eine kleine tanzende Shiva-Statue war auf den zentralen Blickfang des Tempels gelegt worden: das Lingam.

Die Rolle von Taucherschuhen in Pujas

Das Lingam ist eine anikonische Darstellungsform des Gottes Shiva. Er wird somit nicht visuell dargestellt, sondern als glatter, runder Stein, der auf einer runden Platte, genannt Yoni, steht. Das Lingam hat eine phallusähnliche Form und symbolisiert die männliche Energie, die Yoni hingegen die weibliche Energie, sodass die Verbindung die Schöpfungskraft von Shiva versinnbildlicht. Das Lingam im Somaskanda Ashram war riesig und befand sich in einem Schrein aus glitzernden Steinen. Über ihm ragte eine dreiköpfige Schlange heraus. Wieder mit der Begleitung von Gesang und Mantras, wurde das Lingam vom Mönch verehrt. Dazu gehörte erneut eine Waschung, was auch die Taucherschuhe, die der Mönch trug, erklärte. Der Schrein war aus Stein gebaut, sodass das Wasser durch einen Kanal auf dem Yoni ablaufen konnte. Nach der Waschung offerierte der Mönch Blumen und räucherte das Lingam ein. Um die Gottheit zu kleiden, schloss er die Vorhänge vor dem Schrein. Während er das Ritual beendete, sangen die anderen Besuchenden, unter Einnahme von gelegentlichen Ricola-Bonbons, weiter.

Versetzung nach Indien

Erst hier im Tempelraum fühlte ich mich nicht mehr wie in einer typischen Schweizer Berghütte. Zahlreiche Statuen von verschiedenen Göttern und farbige Tücher dekorierten den Raum. Ein Bild vom Gründer Guru Sri Subramanium stand neben dem Schrein. Vor ihm befand sich ein Speer, der ihm gewidmet und mit dem Tripundra dekoriert worden war, wie die drei waagrechten Linien genannt werden, die Anhänger von Shiva tragen. Der Holzboden war im vorderen Bereich vom Kerzenwachs und dem Gebrauch verschiedenen Flüssigkeiten während der zahlreichen Pujas gefleckt. Über dem Schrein war eine Goldplatte mit dem Om-Zeichen angebracht.

Und noch eine Prise Christentum

Der Mönch öffnete den Vorhang des Schreins wieder und vollführte den letzten symbolischen Akt der Puja, indem er der kleinen Statue von Shiva den Trishula, den Dreizack, in die Hand setzte. Die drei Zacken symbolisieren die Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung der Welt und sollten dem Gott die Kraft darüber wieder geben. Nun war Shiva bereit für die zwei-wöchige Feier seines Festivals. Der Mönch schloss den Vorhang wieder, sodass er seine Ruhe geniessen konnte. Um die Puja abzuschliessen, verabschiedete der Mönch jeden Gott im Tempel, indem er die jeweilige Statue einräucherte und dazu das passende Mantra aufsagte. Auch das Portrait von Guru Sri Subramanium wurde auf entsprechende Weise verabschiedet. Da alle Mantras wieder auf Sanskrit waren, verstand ich nichts, bis Maria, die Mutter von Jesus Christus, verabschiedet wurde. Für diesen Teil wechselte die Gruppe in die englische Sprache und wiederholten das Gebet, das mit „Hail Mary“ begann, einige Male.

Eine positive Bilanz

Die grossen Glocken wurden zum Schluss nochmals geläutet. Die Besuchenden blieben eine Weile nach Ende der Puja sitzen und beteten. Da ich den letzten Bus des Tages um 16 Uhr erwischen musste, ging ich mit einer der Frauen nach unten, wo sie mir ein köstliches indisches Curry auftischte. Auf dem wunderschönen Fussweg zum Bus konnte ich die vergangenen Stunden nochmals durch den Kopf gehen lassen. Ich war sehr positiv überrascht von meinem Besuch im Somaskanda Ashram, da ich im Allgemeinen eher negativ eingestellt bin auf die westliche Übernahme östlicher religiöser Praktiken. Die Anhängerinnen im Somaskanda Tempel waren jedoch selbstkritisch eingestellt und sahen ein, dass sie die hinduistischen Rituale nie vollständig übernehmen könnten. Zudem beeindruckte mich die Detailtreue des Rituals, wie auch die strikte Einhaltung der Abfolge. Das Ritual erforderte einen enormen Aufwand an Zeit und Vorbereitung. Die Gastfreundschaft des Tempels war ebenfalls sehr gross, sodass ich mich stets wohl fühlte. Ich hatte nun ein gewisses Verständnis für die Anziehungskraft eines neohinduistischen Tempels in den abgelegenen Schweizer Bergen.

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Lexikoneintrag zu Skanda Vale

Besuch bei Marcios ehemaliger Gemeinde

Im Februar wurde bekannt, dass der Schweizer DSDS-Teilnehmer Marcio im Alter zwischen 15 und 20 Jahren Mitglied einer Freikirche war, die ihn von seiner Homosexualität „befreien“ wollte. Es handelt sich um die in Zürich ansässige Organisation Ministério Semeando em Terra Fértil. Unsere Mitarbeiterin Laura Meyer hat dieser Gemeinde einen Besuch abgestattet.

Vor Ort

Am 6. März 2020 besuchte ich einen Gottesdienst im Ministério Semeando em Terra Fértil. Der brasilianische Name der Gemeinde heisst so viel wie „Dienst, derim fruchtbaren Land aussät“. Beim Ort der Gemeinde angekommen, in der Militärstrasse in Zürich, war ich zuerst ziemlich verwirrt. Am Eingang stand nichts, was mich darauf hätte hinweisen können, dass ich am richtigen Ort war. Kein Name der Gemeinde, kein Anzeichen für einen bevorstehenden Gottesdienst. So stand ich nun zur angegebenen Zeit um 19.20 Uhr vor dem Gebäude und wusste nicht recht, ob ich überhaupt am richtigen Ort war. Ich kontrollierte nochmals Zeit und Ort, wie sie auf der Website der Gemeinde zu finden waren. Es schien alles zu stimmen. Genau in diesem Moment liefen zwei Frauen an mir vorbei, die brasilianisches Portugiesisch miteinander redeten, und das Gebäude betraten. Dann wusste ich, dass ich am richtigen Ort war. Erst als ich das Gebäude betrat sah ich, dass auf einem kleinen Plakat etwas leicht zu Übersehendes stand: Gottesdienst im 3. Stock.

Gottesdienstraum

Auf der Website der Gemeinde stand zwar, dass der Gottesdienst erst um 19.30 Uhr anfängt, doch als ich den Raum um 19.25 Uhr betrat, wurde schon laut gesungen, und zwar durch den Apostel Ezau Casales, den Begründer und Präsidenten der Gemeinde. Ausser ihm waren noch acht Leute anwesend.

Es war ein eher langer, schmaler Saal. Ganz hinten ein Beamer und einige Stühle für Mitarbeitende, in der Mitte sehr viele Stühle für Besucher, vorn im Raum das Podest mit einem Mikrophon, und einigen Instrumenten, denn die Musik wurde live gespielt. Auch gab es zwei Bildschirme, wo jeweils die Texte der Lieder eingeblendet wurden. Die Wand hinter dem Podest war mit einem Kreuz bemalt. Allgemein fand ich, dass der Gottesdienstraum schön in bläulicher Farbe dekoriert war. Er wirkte sehr einladend.

Ich setzte mich weiter hinten hin, so dass ich einen Überblick über alles und alle hatte. Ganz hinten sassen allerdings trotzdem einige Mitarbeitende und Offizielle.

Publikum

Sogar nach mehr als einer halben Stunde nach Beginn des Gottesdienstes betraten noch die letzten Leute den Saal. Schlussendlich waren es etwa 18 Leute im Publikum, inklusive mir. Später erfuhr ich, dass am Gottesdienst welcher sonntags stattfindet, meistens um die 40 Leute anwesend sind. Unter den in der Schweiz lebenden Brasilianern ist die Gemeinde sehr bekannt. Anders als beim Hilfszentrum der Igreja Universal do Reino de Deus IURD (Universalkirche des Reiches Gottes), dessen Gottesdienst ich letztes Jahr besucht hatte, wurde ich mit Ausnahme von ein paar neugierigen Blicken in Ruhe gelassen.

Die meisten in Publikum waren weiblich und mittleren Alters. Einige von ihnen kamen mit ihren Kindern. Insgesamt waren es um die sechs Kinder. Offenbar waren auch die Kinder von den Mitarbeitenden anwesend. Die Kollekte am Ende des Gottesdienstes hat nämlich ein Mädchen eingesammelt. Sie schien sich in ihrer Arbeit gut auszukennen. Ich hatte den Eindruck, dass sie regelmässig dort ist. Alle schienen den Ablauf und die gesungenen Lieder zu kennen. Klar in der Unterzahl waren die Männer. Mit dem Apostel und dem Pastor waren es bloss vier Männer.

Predigt

Nachdem gesungen wurde, redete der Apostel für einige kurze Minuten über die Wichtigkeit, sich selbst treu zu bleiben. Egal was man im Leben durchmache, man dürfe nie vergessen, wer man ist. Dann übergab er dem Pastor das Wort. Zwar wurde er mit einem Mikrophon ausgestattet, trotzdem empfand er es für nötig zu schreien. Manchmal wurde er so laut, dass es an den Ohren schmerzte. Ich denke, dass dies den Effekt mit sich bringt, dass man eine höhere Präsenz spürt. Das laute Volumen seiner Stimme führte nämlich dazu, dass man Gänsehaut bekam. Das habe ich selbst auch gespürt.

Er erzählte unter anderem die Geschichte von David, dem bedeutendsten König der Geschichte Israels. Der Pastor ist da wahrscheinlich davon ausgegangen, dass alle die Geschichte von David kannten. Deshalb redete er drauf los und fing an zu erzählen, dass David sehr viel Mut bewiesen hat und er aufgrund seiner Aufrichtigkeit immer die Unterstützung des Herrn erhielt.

Da das Thema Coronavirus momentan in aller Munde ist, konnte der Pastor es nicht unterlassen, darauf einzugehen. Er selbst habe keine Angst sich anzustecken. Wieso Angst haben, wenn man Gott in seinem Leben hat, fragte der Pastor. Man solle sich keine Gedanken drüber machen. Ganz im Gegenteil: Je mehr man sich vor dem Virus fürchte, desto eher würde man an ihm erkranken. Mit Gott in seinem Leben bräuchte man sich nicht vor Krankheiten zu fürchten.

Dann erzählte der Pastor davon, wie Gott ihm einst den Auftrag erteilte, nach Japan zu reisen. Er nannte dabei einige Vorkommnisse, die er als Zeichen Gottes deutete. Ein Vorkommnis geschah bei einer Predigt, die der Pastor vor etwa 20 Jahren bei einem Gottesdienst im Norden Brasiliens gehalten hat. Gegen Ende des Gottesdienstes sei eine alte Frau vom hintersten Ecken der Kirche aufgestanden und hätte plötzlich angefangen von einem Mann zu erzählen, der sich unglücklicherweise in einer Flagge verheddert hätte und mit ganzer Kraft versuchte, ihr zu entkommen. Als der Pastor uns davon erzählt hat, ahmte er der alten Dame mit gekrümmtem Rücken, nordbrasilianischem Dialekt und eingezogenen Lippen nach. Das Publikum musste sehr lachen. Der Pastor sagte dann, dass er die alte Dame daraufhin gefragt hatte, was für eine Flagge das denn war. Daraufhin antwortete sie ihm, dass sie das leider nicht wusste. Sie könnte es ihm aber beschreiben: Die Flagge war ganz weiss, mit Ausnahme von einem rotem Punkt in der Mitte. Die japanische Flagge also.

Weiter erzählte der Pastor von seiner Reise nach Japan. Bis zu dem Punkt, an dem er im Flugzeug sass, wollte er eigentlich auf gar keinem Fall nach Japan reisen. Er täte es nur, weil es Gottes Wille war. Im Flieger an seinem Platz angekommen, sprach er zu Jesus: ‚‚Wenn du in dieser Reise nicht neben mir sitzt, dann werde ich so tun als wäre ich ein Verrückter und täusche einen Anfall vor, so dass ich aus dem Flugzeug rausgeschickt werde, das schwöre ich Dir!’’ Das Publikum lachte wieder. Ich fand die Äusserung etwas komisch. Später witzelte der Pastor darüber, dass er selbst etwas verrückt sei.

Mir ist aufgefallen, dass er sehr beliebt unter dem Publikum ist. Seine Aussagen fand ich manchmal zwar etwas komisch, nichtsdestotrotz empfand ich ihn als sympathisch. Seine Predigt war sehr unterhaltsam, da er zwischendurch immer wieder Witze machte und das Publikum zum Lachen brachte. Einmal schweifte er auch etwas ab und vergass, wo er steckengeblieben ist. Dann mussten wir, das Publikum, ihm wieder auf die Sprünge helfen.

In Japan angekommen gab es laut dem Pastor anfangs Komplikationen, aus dem Flughafen zu kommen. Die Staatspolizei wollte ihn erst nicht ins Land lassen. Wieso genau, habe ich selbst nicht ganz verstanden, da er nichts genaueres dazu gesagt hat. Laut dem Pastor hat er danach seine Tasche durchsucht und wie durch ein Wunder ein ‚wichtiges’ Dokument gefunden. Daraufhin behandelte ihn die Polizei am Flughafen plötzlich völlig anders und begleiteten ihn sogar vor den Flughafen zu einem Wagen, welcher ihn abholen und zu seinem Hotel fahren sollte. Der Pastor zeigte sich davon überzeugt, dass Gott ihm in dieser Situation geholfen hat.

Später im Gottesdienst forderte uns der Pastor auf, uns alle gegenseitig zu umarmen. Eine Frau kam auf mich zu und umarmte mich. Es kam mir so vor, als wollte sie mich gar nicht mehr loslassen, so fest hat sie mich gedrückt. Die Umarmung dauerte mindestens 15 Sekunden.

Die Leute der Gemeinde waren alle sehr freundlich. Ich habe trotzdem gemerkt, dass mich alle von Beginn an wahrgenommen haben, da ich ein unbekanntes Gesicht war. Zum Schluss des Gottesdienstes sagte der Pastor noch, dass er sich über das neue junge Gesicht in der beinahe hintersten Reihe freute. Daraufhin drehten sich alle um und lächelten mich an. Als der Gottesdienst dann vorbei war, kamen noch drei Leute zu mir. Anders als bei der Igreja Universal do Reino de Deus, wo sie mich regelrecht ausgefragt haben, haben mich die Leute des Ministerio Semeando em Terra Fertil bloss willkommen geheissen.

 Zur Gemeinschaft

Das Ministério Semeando em Terra Fértil wurde begründet von Ezaú Casales (geb. 1962). Casales ist in Brasilien als Sohn eines Pastors aufgewachsen. Als junger Mann wurde er einer Gemeinde des Foursquare Gospel, und machte eine Ausbildung zum Pastor dieser Bewegung. Daraufhin wirkte er eine Zeitlang als Kongressredner in brasilianischen Freikirchen, bevor er in der Schweiz das Ministério Semeando em Terra Fértil begründete.

Das Ministério Semeando em Terra Fértil wird geleitet von Ezaú Casales als Apóstolo Presidente und von seiner Frau Patrícia als Apóstola Vice Presidente.

Neben der Gemeinde in Zürich bestehen Aussenstellen in Fortaleza (Brasilien), Nizza und Beira (Mosambique).

Die Gemeinschaft vertritt ein pfingstliches Christentum mit der Notwendigkeit der Geistestaufe samt Zungenrede als Zeichen.

Die Bibel hat für die Gemeinde höchste Autorität. Sie tauft keine Menschen, die in Situationen stecken, die aus Sicht der Gemeinde den biblischen Prinzipien widersprechen.

Besonders betont wird die Abwendung, aber auch die Heilung der Welt. Das Heil der Gläubigen kann durch Sünde wieder verloren gehen. Die Gemeinschaft glaubt an den Fall und die daraus resultierte Verdorbenheit des Menschen. Nur der Glaube an die Erlösung durch Jesus könne die Menschen zu Gott zurückbringen.

Das Ministério Semeando em Terra Fértil glaubt an die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer fortschreitenden Heiligung der Gläubigen in Geist, Seele und Körper. Diese Heiligkeit wird gekennzeichnet von einem einfachen Leben (frei von Extravaganz und Eitelkeit), einer immer grösser werdenden Ähnlichkeit mit Christus (ein immer grösser werdender Unterschied zur Weltlichkeit) und dem klaren Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Auch der Glaube an Dämonen ist ausdrücklich im Glaubensbekenntnis der Gemeinde festgehalten. So können zum Beispiel Krankheiten dämonischen Ursprungs sein. Die Gemeinschaft ist überzeugt davon, dass die von Christus Erlösten nicht von Dämonen besessen werden können. Wenn man also eine Krankheit hat, ist es entweder Gottes Wille oder man hat gesündigt und ist somit vom Pfad Gottes abgekommen.

Laura Meyer, März 2020

Frech und fromm – Willigis Jäger, 1925-2020, Benediktinerpater und Zenmeister

Am 20.März ist der Benediktinerpater und Zenmeister Willigis Jäger im Alter von 95 Jahren im Benediktus-Hof in Holzkirchen, Deutschland, gestorben.

Pater Willigis war der bekannteste der sog. „Zenediktiner“, d.h. der Benediktiner, die die Wege buddhistischer und christlicher Meditation aus tiefster Überzeugung miteinander verbanden.

In einem Gespräch zu seinem 90.Geburtstag sprach er im Rückblick auf seine Jugend, man habe ihn damals „fromm und frech“ genannt. Mir scheint, dieses Urteil habe über seine Jugend hinaus nichts von seiner Gültigkeit verloren. Erfahrungen mystischer Einheit mit dem Urgrund begleiteten ihn durchs ganze Leben. Ob auf buddhistischen oder christlichen Pfaden – Pater Willigis war eine fromme Seele.

Gleichzeitig ging er aber auch völlig unbeeindruckt seinen Weg, wenn man ihn zu disziplinieren suchte. Als die römische Glaubenskongretation, damals unter der Leitung von Kardinal Ratzinger, mit dem Vorwurf, er würde die eigene Erfahrung über die Dogmen stellen, über ihn ein Schreibe- und Redeverbot verhängte, hielt er sich einfach nicht ans kirchliche Verbot. Er referierte und publizierte unbeeindruckt weiter.

Von der Residenzpflicht in seinem Heimatkloster liess er sich entbinden. Er hörte aber nie auf, Mitglied seiner Klostergemeinschaft zu sein und wurde nun auch auf seinen Wunsch hin auf dem Friedhof seines Heimatklosters bestattet.

Die Bedeutung von Willis Jäger als Meister buddhistischer und christlicher Spiritualität kann kaum überschätzt werden. Unzähligen Zeitgenossen hat er uralte und trotzdem für die meisten neue Wege zu eigener spiritueller Erfahrung erschlossen. Der Mystik im allgemeinen und dem Zen-Buddhismus im Speziellen etwas ferner stehende Beobachter mussten sich fragen, ob dieses Nebeneinander, Miteinander und Ineinander östlicher und christlicher Spiritualität überhaupt möglich wäre. Nicht zuletzt auch das Leben von Willigis Jäger gab deutliche Antwort: Natürlich ist dies möglich. Es fragt sich nur, welcher Preis zahlt der Buddhismus und welcher Preis zahlt das Christentum, wenn wir sie so nahe nebeneinander rücken? Und es fragt sich auch, ob Willigis Jäger sich um das Ausmass dieser Kosten je wirklich sorgte.

Kritische Stimmen meinen, Buddhismus werde – so beinahe mit christlicher Mystik vereint – eindeutig pantheistisch, was er in seinem historischen Ursprung nie war, was sich erst im sog. grossen Fahrzeug angebahnt hatte. Das Christentum seinerzeit durchwehe – meinen kritische Stimmen – so deutlich von interreligiösen mystischen Erfahrungen geprägt auch ein pantheismusnaher Geist. Aber war dies schon mit dem Meister von Nazareth vorgegeben? Oder verlieren Jesus und Buddha in dieser Nähe zueinander nicht beide einen grossen Teil ihrer Eigenart?

All dies sind Kritikerperspektiven. Willigis Jäger war zutiefst von der letzte Einheit östlicher und christlicher Spiritualität überzeugt. Diese Überzeugung gewann er aus seiner eigenen Erfahrung. Er formulierte nicht nur seine Antworten auf spirituelle Fragen, er lebte seine Antworten engagiert, konsequent und für viele Zeitgenossen meisterhaft.

Prof. Georg Schmid, März 2020

«Der Virus ist aber nicht so gefährlich» – Christina von Dreien verbreitet Verschwörungstheorien zum Corona-Virus

In ihrem neuesten Newsletter nimmt die Toggenburger Trend-Esoterikerin Christina Meier alias Christina von Dreien die Corona-Virus-Krise zum Anlass, Verschwörungstheorien zu verbreiten und die gesundheitlichen Auswirkungen des Virus zu verharmlosen.

Das Corona-Virus sei, so behauptet Christina von Dreien, bewusst geschaffen worden: «Diejenigen Menschen, die auf der Erde das Sagen haben, die Fäden ziehen und die diese Macht nicht abgeben möchten, haben diesen Virus in die Welt gesetzt, um ihre Pläne weiter zu verwirklichen. Heisst doch Corona nichts anderes als Krone. Die Krone auf dem Plan, der Schlussstein.»

Typisch für Christina von Dreien ist nebst dem Verweis auf angebliche geheime Beherrscher dieser Welt das Vorgehen, aus einer sprachlichen Bezeichnung irgendwelche vermeintliche Zusammenhänge herauszuspekulieren. Dass aus dem Verborgenen operierende Weltherrscher einem clandestinen Projekt wohl kaum einen derart sprechenden Namen geben würden, das scheint Christina von Dreien nicht in den Sinn zu kommen. Allerdings zeigt sich dieser Widerspruch bei zahlreichen Verschwörungs-Fans, die davon ausgehen, dass Verschwörer ihre Taten selbst mit Botschaften und Anspielungen versehen, über welche die Öffentlichkeit ihnen auf die Schliche kommen kann.

Problematisch ist die Verharmlosung der Wirkungen des Corona-Virus durch Christina von Dreien. So behauptet sie in ihrem Newsletter: «Ich glaube nicht, dass das Coronavirus so gefährlich ist, wie es jetzt dargestellt wird. Ja, es sterben Menschen dran und jeder einzelne Fall ist traurig- doch allein bei der Grippewelle im Jahr 2017/18 sind laut Robert Koch Institut in Deutschland 25`100 Menschen gestorben. Jedes Jahr sterben (je nach Quelle) zwischen 15`000 und 40`000 Menschen an sogenannten multiresistenten Keimen, die sie sich erst im Krankenhaus zuziehen.»

Dass das Corona-Virus weniger gefährlich sein soll als behauptet, liege an einem Versagen der ansonsten unglaublich effizienten Verschwörer: «Der Virus ist aber nicht so gefährlich, wie diese Menschen es gerne gehabt hätten. Die Menschheit steht bei allem, was passiert, unter einem gewissen Grundschutz.»

Die Gefahren durch das Corona-Virus würden laut Christina von Dreien bewusst zu dramatisch dargestellt, um die Menschheit manipulieren zu können: «Dass man das Coronavirus als so gefährlich darstellt, hat aus meiner Sicht damit zu tun, dass man die Menschen in Panik versetzen möchte. So sinkt die Schwingung überall und Angst macht bekanntlich manipulierbar. Und so stimmen wir dann allen Massnahmen zu, die unsere Freiheit einschränken, weil wir glauben, sie seien notwendig.»

Angst vor dem Corona-Virus sei unnötig: «Ihr müsst keine Angst vor dem Virus haben. Natürlich kann man erkranken und wenn es schlimm kommt, sterben. Allerdings gibt es 100 andere Krankheiten, an denen ihr auch sterben könntet. Es kann sein, dass ihr sterbt- diese Möglichkeit besteht- aber das tut sie bei jeder Krankheit. Ausserdem kann euch allein eure Angst krank machen! Und das wird durch die Medien extrem geschürt und genau diese Angst ist beabsichtigt.»

Als 18-jährige Frau kann Christina von Dreien die Corona-Virus-Krise gut gelassen nehmen. Wie weit sie mit ihren Verharmlosungen aber ihrem Publikum einen Gefallen tut, das zu einem rechten Teil einer Risiko-Gruppe angehört, ist sehr die Frage.

Newsletter von Christina von Dreien zum Corona-Virus

Christ Embassy in der Krise?

Ein Augenschein bei Christ Embassy Thun am 1. März 2020

Christ Embassy – Boom oder Flop?

Weltweit sorgt der ursprünglich aus Nigeria stammende Freikirchenverband Christ Embassy für Furore: Massenveranstaltungen füllen grosse Konzerthallen, z.B. die O2 Arena in London, und der Christ-Embassy-Gründer Chris Oyakhilome, genannt Pastor Chris, kann illustre Gäste aufbieten wie den Heilungsevangelisten Benny Hinn, die mitwirken, wenn in den Heilungsgottesdiensten der Christ Embassy Menschen reihenweise aus Rollstühlen aufstehen oder von anderen wunderbaren Heilungen berichten.

In der Schweiz aber scheint der Zulauf eher mässig, manche Gemeinde stellte ihre Tätigkeit wieder ein, so die Christ Embassy Churches in Bern und Fribourg, und andere sind klein geworden, wie die Christ Embassy Thun.

Vom Delta Park in den Keller

Christ Embassy Thun wurde im Jahr 2004 begründet von Erika von Känel. Von Känel war eine Zeitlang in der Vineyard Gemeinde in Bern dabei, und wurde dann auf die Healing School von Chris Oyakhilome aufmerksam gemacht, welche sie kurz entschlossen besuchte. Wieder zurück in der Schweiz gründete sie die Christ Embassy Gemeinde in Thun, welche sich in den Räumen der ehemaligen Heimstätte Gwatt, heute Delta Park, versammelte. In dieser Zeit zählten sich mehrere Dutzend Menschen zur Christ Embassy Thun.

Das Mietverhältnis im Delta Park endete, und die Gemeinde wurde für ihre Gottesdienste Untermieterin eines Gymnastik-Studios an der Malerstrasse 4 in der Nähe vom Bahnhof Thun. In dieser Zeit besuchten wir die Gemeinde, und trafen dort noch gut 20 erwachsene Gemeindeglieder an.

In der Folge wechselte die Christ Embassy Thun ihren Gottesdienstort mehrfach, seit zwei Jahren feiert sie im Keller des privaten Wohnhauses der Pastorin Erika von Känel an der Spiezstrasse 80 in Gwatt. Am Gottesdienst vom 1. März 2020 nahmen neben vier Kindern noch sieben Erwachsene teil, die Pastorin mitgerechnet.

Alte Gartenstühle und ein neues Rednerpult

Eine ältere Dame wartete vor dem Wohnhaus von Erika von Känel, um allfällige Neulinge zu empfangen und in den Keller zu geleiten. Am 1. März besteht die Interessentenschaft aus meiner Frau und mir. Im Keller sind – wir sind infolge Parkplatzsuche fünf Minuten zu spät – die Anwesenden bereits im Lobpreis versammelt. Erika von Känel steht vorne und singt mit. An die Schrankwand, welche die ganze Front des Kellerraums einnimmt, wurde ein Leintuch gehängt, das nun als Leinwand dient. Dorthin werden von einer Mitarbeiterin an einem Laptop Youtube-Videos projiziert, die offensichtlich aus grossen Christ-Embassy-Gemeinden im Ausland stammen.

Vor der Schrankwand befindet sich ein aus Plexiglas bestehendes Rednerpult von Love Nation, der von Christ Embassy begründeten weltweiten Gemeindebewegung, der sich auch Gemeinden anschliessen können, die nicht Teil des Christ-Embassy-Verbands werden wollen. Dies ist in der Schweiz bei der umstrittenen YOU Church in Kloten der Fall, die Teil von Love Nation ist, nicht aber von Christ Embassy.

Neben dem Rednerpult steht ein E-Piano, das aber während des ganzen Gottesdienstes unbenutzt bleibt. Verfügt die Christ Embassy über niemanden mehr, der Klavier spielen könnte?

Die Anwesenden sitzen, soweit sie nicht zum Lobpreis aufgestanden sind, auf dunkelblauen Gartenstühlen, die meist je zu zweien aufeinander gestapelt verwendet werden. Wir werden von der Dame, die uns begrüsst hat, auf zwei Plätze gesetzt, meine Frau auf einen einfachen Gartenstuhl, ich auf einen doppelten.

Nebst der Pastorin, der Dame am Laptop und der Begrüsserin sind zwei Paare anwesend, wobei die Frauen und ein Mann begeistert mitmachen, während der zweite Mann die Sache offenbar eher aussitzt. Vier Kinder unterschiedlichen Alters spielen in der hintersten von vier Stuhlreihen und verlassen den Raum während des Gottesdienstes ab und an.

Kleine Gemeinde, grosser Informationsbedarf

Wie ich die Gemeinde überblicke, die von ihrer Grösse her ohne weiteres als Hauskreis durchgehen könnte, frage ich mich, wie es eine so überschaubare Gruppe zustande bringt, für einen derart hohen Beratungsaufwand bei Informationsstellen zu sorgen, wie es die Christ Embassy Thun in den 16 Jahren ihrer Geschichte getan hat.

Die Frage, weshalb das so ist, beantwortet Erika von Känel noch während der Lobpreiszeit: „Wir haben den Sieg!“ ruft sie mit einer Stimmgewalt, die für eine Aula ausreichen würde, aber im kleinen Keller unangebracht wirkt. „Wir sind bereits im Sieg. Niemand kann uns den Sieg nehmen, egal ob es die Schwiegermutter ist, der Nachbar, oder ein Bruder oder eine Schwester in der Church, es spielt keine Rolle.“

Dieser Sieg soll proklamiert werden, am besten schon frühmorgens. Wenn wir in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes proklamieren, dann haben unsere Worte schöpferische Kraft, lehrt Erika von Känel das Grunddogma der sog. Wort-des-Glaubens-Bewegung, zu welcher auch die Christ Embassy gehört.

Dem Bericht des Arztes nicht glauben

Botschaften, die nicht mit dem Wort Gottes übereinstimmen, die sollen hingegen nicht beachtet werden: „Let it be, lass es sein“. Dazu gehören, Pastor Chris lehrt das in seinem Buch „The Power of Your Mind“, und Erika von Känel wiederholt es, medizinische Diagnosen. Die Wort-des-Glaubens-Bewegung geht davon aus, dass Jesus am Kreuz nicht nur die Sünden getragen hat, sondern auch alle Krankheiten, so dass Gläubige nicht mehr krank sein sollten. Wer glaubt, kann in Anspruch nehmen, geheilt zu sein. Er kann seine Gesundheit proklamieren. Wenn er nun eine medizinische Diagnose erhält, widerspricht das dieser verheissenen Gesundheit. Erika von Känel meint: „Wenn der Arzt Bericht gibt im Spital, der nicht dem entspricht, was in Gottes Wort ist, glaube ich diesem Bericht nicht.“

Sich gesund denken resp. gesund proklamieren zu können ist gerade für kranke Menschen in schwieriger Situation eine attraktive Aussicht. Wer jeden Strohhalm ergreift, ist auch für solche Botschaften empfänglich. So stossen immer wieder Menschen mit hartnäckigen Beschwerden auf Erika von Känel und ihre Gemeinde, und setzen auf die Kraft der Proklamation. Tritt die erwünschte Besserung nicht ein, empfiehlt es sich nach den Vorstellungen der Christ Embassy, die Proklamationen zu intensivieren und „Gott herauszufordern“, etwa durch Fasten oder durch eine grosszügige Spende.

Gedankenkontrolle

Wichtig ist, nicht an die Krankheit zu denken. Pastor Chris lehrt: „That condition doesn’t fall in line with God’s definition of truth. So refuse to dwell on it. Reject it in Jesus‘ Name. Don’t think on it, and don’t voice it.“

Dies braucht Disziplin im Denken. Erika von Känel betont deren Wichtigkeit: „Jeder Gedanke von mir muss unter das Wort kommen. Wenn der Gedanke etwas anderes sagt, habe ich die Pflicht, die Gedanken zu stoppen.“

Negative Gedanken wie Zweifel können von Satan kommen. Deshalb meint Erika von Känel: „Ich erlaube gewisse Gedanken nicht, alles was niederdrücken und schwächen will.“ Wenn sich ein falscher Gedanke, z.B. Zweifel, meldet, dann rät Erika von Känel zu folgender lauthals vorgetragener Proklamation: „Ab, Satan, das gehört zu dir in die Hölle, aber nicht zu mir, raus!“

Besorgnis und Enttäuschung

All das ist geeignet, im sozialen Umfeld betroffener Personen Besorgnis auszulösen, was zu Nachfragen bei Informationsstellen führt. Dort melden sich auch enttäuschte Anhänger: Sehr oft wenden sich Menschen nach einiger Zeit wieder von der Christ Embassy ab, weil sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt haben. Gibt es auch Menschen, die sich durch die Christ Embassy Thun geheilt fühlen? Dass sie in grosser Zahl aus Dankbarkeit an deren Gottesdiensten teilnehmen würden, das kann jedenfalls eindeutig nicht gesagt werden.

Anweisungen von oben

Mittlerweile hat sich Erika von Känel schon recht warm geredet, doch eigentlich wäre immer noch der einleitende Lobpreis auf dem Programm. Sie hält inne und meint, dass ihre Autorität, ihr Senior Pastor bei der Christ Embassy, sie angewiesen habe, in Zukunft kürzere Gottesdienste durchzuführen. Sie solle sich an den vorgegebenen Ablauf bei Christ Embassy halten. Erika von Känel ist offensichtlich willens, sich nach diesen Vorgaben zu richten. Mit ihrem Gottesdienst im angekündigten Zeitfenster von zwei Stunden zu bleiben, wird ihr aber doch nicht gelingen.

Rhapsodie der Realitäten

Wegen der fortgeschrittenen Zeit wird auf ein weiteres Lobpreislied verzichtet. Wir gehen zum nächsten Programmpunkt in der Liturgie von Christ Embassy über, der Lesung aus der Rhapsodie der Realitäten.

Rhapsodie der Realitäten, im englischen Original Rhapsody of Realities genannt, ist ein Andachtsbuch für die tägliche Lektüre, welches von Pastor Chris monatlich in zahlreichen Sprachen herausgegeben wird. Eben ist die Rhapsodie für März 2020 erschienen, sie liegt erst elektronisch vor (auf einem kleinen Regal in der hinteren Ecke des Raums liegen noch die gedruckten Exemplare der Rhapsodie für den Monat Februar). Deshalb wird nun die Einleitung zur Rhapsodie des Monats März 2020 mit dem Beamer projiziert und von einem Gemeindeglied vorgelesen.

Inhaltlich bestätigt Pastor Chris die Vorstellung der Wort-des-Glaubens-Bewegung, dass der Gläubige mit seinem Wort Realitäten schaffen kann: „Du hast weit mehr Einfluss auf dein Schicksal, als du realisierst. Ob du lebst oder stirbst, erfolgreich bist oder versagst, reich bist oder arm, schwach bist oder stark, gross bist oder klein – es hängt viel mehr von dir ab als von Gott.“ Darauf zu warten, dass Gott etwas für uns tut, das wäre, so meint Pastor Chris, vielleicht vergeblich. Gott habe bereits alles getan, was nötig ist, dass wir das beste Leben haben können: „Dir wurde alles gegeben, was du benötigst, um siegreich, glücklich und erfüllt zu leben. Aber der Schlüssel liegt in deiner Antwort darauf.“

Der Schlüssel liegt im Aussprechen, in der Proklamation: „Jedes Mal, wenn du sprichst, formst du dein Leben und deine Zukunft entweder in Übereinstimmung mit Gottes göttlicher Versorgung und Bestimmung für dich oder in Abweichung davon. Wo du dich heute befindest – dein gegenwärtiger Zustand und dein Grundvermögen – ist das Resultat von dem, was du gestern gesagt hast.“

Pastor Chris betont die Kraft, die er in den Worten sieht: „Worte sind kraftvoll und wichtig, sie kreieren oder zerstören. Du bestimmst wie du dein Leben haben möchtest“.

„Werde radikal in deiner Bestätigung des Wortes“

Was ist aber zu tun, wenn es Probleme gibt, die sich nicht einfach wegproklamieren lassen? Dann ist Radikalität angebracht: „Wenn du Herausforderungen gegenüberstehst, bleibe vertrauensvoll in dem Herrn und werde radikal in deiner Bestätigung des Wortes. Während du sprichst, veranlasst der Heilige Geist, dass Dinge in Übereinstimmung mit deinen Worten geschehen; dazu benötigt Er deine Worte.“

Die theologische Konsequenz aus der Behauptung, dass der Heilige Geist unsere Worte benötigt, um handeln zu können, dass also Gott vom Menschen abhängig ist, erörtert Pastor Chris nicht weiter. Stattdessen betont er, das die Gläubigen immer wieder und mit Überzeugung sprechen sollten: „Ich bin gesund und stark, weil ich das Leben Gottes in mir habe!“

Die Gesundheit zu proklamieren ist aber nicht erst im Krankheitsfall angezeigt: „Warte nicht, bis erst Symptome in deinem Körper auftauchen, bis du solch kühne Deklarationen aussprichst. Sprich schon jetzt auf diese Weise und halte Krankheit von dir fern.“

Am Ende seiner Einleitung resümiert Pastor Chris: „Es liegt an dir, dein triumphierendes Leben und deine gesegnete Zukunft mit dem Wort Gottes auf deinen Lippen zu erschaffen.“ Pastor Chris delegiert die ganze Verantwortung für das Gelingen des Lebens an die einzelnen Gläubigen. Im Umkehrschluss heisst dies natürlich, dass derjenige, der keinen Erfolg hat, der nicht zu Wohlstand gelangt oder krank bleibt, selbst schuld ist. So wird verständlich, dass sich Menschen recht häufig enttäuscht von der Christ Embassy abwenden, – und auch, dass Erika von Känel von all den Abgängen offenbar nicht angefochten wird.

Positives Denken auf christlich

Viele Sätze von Pastor Chris lassen aufhorchen, etwa „Worte sind kraftvoll und wichtig, sie kreieren oder zerstören. Du bestimmst wie du dein Leben haben möchtest“. Solche Aussagen klingen heutzutage sehr vertraut, aber nicht aus christlichem Kontext, sondern aus dem Bereich der Esoterik. Sie könnten wortidentisch in einem der zahllosen Ratgeber für Positives Denken stehen, die in Massen dem esoterischen Buchmarkt entspringen. So etwa klingt das „Secret“, das Geheimnis, das Rhonda Byrne der Menschheit offenbart haben will, so gehen die Bestellungen beim Universum, die Bärbel Mohr und nach ihrem Tod ihr Ehemann Manfred Mohr propagiert, und ganz ähnlich funktioniert auch das „Erfolgreiche Wünschen“ des ehemaligen Schauspielers Pierre Franckh.

Erika von Känel gibt diese Parallelen durchaus zu, wenn sie meint: „Sogar Leute von dieser Welt kennen diese Dinge und wenden sie an. Es sind geistige Prinzipien. Der Leib Christi muss sie kennenlernen.“ Hier zeigt sich, wie Positives Denken seine eigenen Opfer schaffen kann. Würde Erika von Känel die Entwicklung ihrer Gemeinde realistisch betrachten, müsste ihr auffallen, dass die Kombination von christlicher Botschaft mit den Prinzipien des Positiven Denkens offensichtlich wenig erfolgreich ist. Doch kann ein solcher Gedanke zu ihr durchdringen, wenn sie doch kritische Resümees sofort als satanisch abweisen müsste? So spricht sie vor ihrer schrumpfenden Gemeinde weiter vom Sieg, den sie erringt, und wirkt in ihrer Verweigerung realistischer Wahrnehmung wie eine tragische Figur, die sich selbst im Weg steht.

Einbruch der Realität ins positive Wunschdenken

Während Erika von Känel darüber spricht, dass der Heilige Geist handelt, wenn der Gläubige Jesus anruft, bricht dem Gartenstuhl, auf welchem meine Frau sitzt, ein Bein weg. Sofort wird klar, weshalb die Gartenstühle zumeist doppelt gestapelt aufgestellt wurden: offenbar schon angejahrt, ist der Hartplastik der Stühle spröde geworden und hält der Sitzlast der stundenlangen Gottesdienste nur noch bedingt stand.

Zu den eben gehörten ausgiebigen Lobgesängen auf die Kraft der Worte verhält sich das Geschehen recht spannungsvoll: Proklamationen scheinen keine Unfälle mit Gartenstühlen zu verhindern und auch kein altes Mobiliar zu verjüngen. Der Kraft der Worte scheinen durchaus Grenzen gesetzt zu sein.

Yabba-dabba-du

Erika von Känel lässt sich durch das Missgeschick mit dem Mobiliar nicht beirren, schnell wird meiner Frau ein doppelter Stuhl gereicht, und der Gottesdienst kann weiter gehen.

Nun betont Frau von Känel die Wichtigkeit des Sprachengebets. Wer in Sprachen bete, also Zungenrede übt, der stärke seinen Glauben, deshalb soll so viel wie möglich in Sprachen gebetet werden. Regelmässiges Sprachengebet sei notwendige Voraussetzung für geistliches Wachstum. Erika von Känel empfiehlt, jeden Morgen eine halbe Stunde in Sprachen zu beten, bevor der tägliche Abschnitt aus der Rhapsodie der Realitäten durchgenommen wird.

Von sich selbst meint Erika von Känel, dass sie sehr oft in Sprachen sprechen würde. Diese Aussage illustriert sie mit ein paar Kostproben ihres Sprachengebets, das uns irgendwie an den Ausruf Yabba-dabba-du aus „Familie Feuerstein“ erinnert.

Wochenlang könnte sie Teachings über das Sprachengebet wiedergeben, behauptet Frau von Känel. Dies lässt sie für heute aber bleiben. Einem Mädchen kommt der Gottesdienst auch so schon lang vor, es wedelt auffällig mit einer Hunderternote herum, die offenkundig für die am Ende des Gottesdienstes eingezogene Kollekte bestimmt ist.

Heilungen von Gelähmten

Erika von Känel berichtet nun davon, wie Pastor Chris bei seinen Heilungsgottesdiensten hunderte von Menschen heile. Der Boden des Saales vibriere jeweils, wenn Pastor Chris in betrete, und gleich in diesem Augenblick seien die Kranken geheilt. Gelähmte würden reihenweise aus ihren Rollstühlen aufstehen.

In einer afrikanischen Zeitung hat vor ein paar Jahren ein Student behauptet, dass er an solchen Heilungen beteiligt gewesen sei. Er sei dafür bezahlt worden, sich im Rollstuhl hineinfahren zu lassen, um nach der Heilung durch Pastor Chris aus dem Rollstuhl aufzustehen und auf der Bühne rumzulaufen. Wie weit diese Geschichte zutrifft, muss offenbleiben.

In einem Magazin der Healing School der Christ Embassy aus dem Juni 2009 sind Fotos von Personen im Rollstuhl abgebildet, die auf einer zweiten Aufnahme auf der Bühne umherlaufen. Die Bilder sind eindrücklicher als der erklärende Text dazu. Es würde sich, heisst es dort, nicht um geheilte Querschnittgelähmte handeln, sondern um Menschen mit entzündlichen oder psychischen Bewegungsproblemen. Solche Schwierigkeiten lassen sich bei entsprechender Motivation durchaus für eine gewisse Zeit überwinden, ohne dass ein Wunder im Spiel gewesen sein muss.

Gesungene und gesprochene Proklamationen

Erika von Känel erinnert sich wieder der Mahnung ihres Senior Pastors und will nach gut zwei Stunden Gottesdienst zu einem Ende kommen. Als Abschluss wird ein Youtube-Video abgespielt, das ein Lied von Osinachi Joseph alias Sinach zeigt, der gefeierten Gospel-Sängerin aus den Reihen der Christ Embassy. Sinach singt der Anhängerschaft Proklamationen vor. Sie singt von einem neuen Level im Haus, in den Finanzen, im Job, und dass die Mauern von Jericho eingestürzt seien.

Erika von Känel nimmt das Lied zum Anlass, nochmals das Wort zu ergreifen und eigene Proklamationen anzuschliessen: „Religion hat keine Chance in der Schweiz!“, „Die Schweiz ist ein Land des Wortes Gottes“, „Ihr seid mehr als Überwinder“, und konkreter, aber auch überprüfbarer: „Wir werden Sinach in die Schweiz einladen, und sie wird im Wankdorf-Stadion ein Konzert geben.“

Positives Denken muss es auch sein, das die Christ Embassy veranlasst, ab kommender Woche jeweils um 17.00 Uhr noch einen zweiten Gottesdienst durchzuführen. Dass eine Gemeinde mit sieben erwachsenen Besuchenden einen zweiten Gottesdienst ins Auge fasst, scheint geradezu tollkühn.

Beten für die Reformierten

Als wir nach Ende des Gottesdienstes um 12.30 Uhr dem Keller entsteigen wollen, eilt uns die Mitarbeiterin nach, welche den Laptop bediente, und erkundigt sich nach der Motivation unseres Besuchs. Schnell ruft sie Erika von Känel dazu. Diese fragt nach unserer Kirchenzugehörigkeit. Sie würde auch für die Reformierte Kirche beten, meint sie auf unsere Antwort hin. Wir bedanken uns: Gebet ist immer gut. Proklamationen allem Anschein nach eher nicht.

Georg O. Schmid, März 2020

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Lexikoneintrag Christ Embassy

Göttinnen-Tempel in Winterthur vergrössert sich

Der von Stephanie Schudel gegründete Göttin und Grüner Mann Tempel in Winterthur erlebt in den letzten Jahren vermehrt Zulauf, sodass im April 2020 eine grössere Liegenschaft, ebenfalls in Winterthur, bezogen wird. Aus diesem Anlass besuchten wir eine Veranstaltung der Organisation.

Besuch im Pure Heart Center Winterthur vom 12. Februar 2020

Die alte Treppe knarrte unter unseren Füssen, als wir in das zweite Stockwerk zum Pure Heart Center in einem Gebäude der Winterthurer Altstadt hinaufstiegen. Die Priesterin Stephanie Schudel wartete bereits erwartungsvoll vor dem Eingang zum Göttin und grüner Mann Tempel und begrüsste uns mit einer Umarmung. Sie hat lange blonde Haare, ist relativ klein und ein richtiges Energiebündel. Wir zogen unsere Schuhe und Jacken aus und betraten den Tempel, in dem sich der Mond-Zirkel für Frauen, der jeweils in der Vollmondwoche stattfindet, ereignen würde.

Bevorstehender Umzug

Im ersten Raum des Tempels standen bereits zwei ältere Damen. Dieser Bereich war reichlich geschmückt und gemütlich eingerichtet. Zahlreiche Kissen bedeckten das helle Sofa. Die violetten Wände und der kuschelige weisse Teppich fühlten sich beruhigend an. Rechts neben dem Eingang stand ein Regal, auf welchem verschiedene Produkte, wie Aura-Sprays, zum Verkauf angeboten wurden. Den eigentlichen Blickfang bildeten jedoch die acht farbigen Bilder der Göttin, die in regelmässigen Abständen an den vier Wänden des Raumes aufgehängt waren. Der anhängende zweite Raum des Tempels, welcher jeweils dem Jahreszyklus entsprechend geschmückt worden war, war leergeräumt. Stephanie erklärte uns mit grosser Freude, dass sie Anfangs April in grössere Räumlichkeiten umziehen würde. Dort könne sie der Nachfrage entsprechend arbeiten und sich richtig austoben.

Der Zirkel

Stephanie bat uns, sich dem Alter nach in den Zirkel zu platzieren. Die beiden älteren Damen nahmen auf den beiden Stühlen Platz, wir Jüngeren setzten uns auf die bereitgestellten blauen Kissen am Boden. In der Mitte des Kreises befanden sich ein rotes Tuch, eine rote Kerze und diverse Steine, sowie verschiedene Figuren der Göttin. Ein Krug voll Wasser, mit energetisierenden Edelsteinen besetzt, stand vor mir. Ein Kissen am Boden war noch frei. Um 19 Uhr traf eine letzte Frau ein, welche wie wir, das erste an einer Veranstaltung dieser Art teilnehmen würde. Stephanie hiess uns im Mond-Zirkel willkommen, welcher uns in unserem Frausein bestärken sollte.

Die spontane Göttin

Als wir alle im Kreis sassen, präsentierte uns Stephanie den Plan für den heutigen Abend. Kurz vor Beginn hätte die Göttin ihr eine Planänderung eingeflüstert, sodass sie diesen ziemlich spontan hätte umändern müssen. „Ich hasse, wenn sie das macht“, sagte Stephanie mit einem lauten, ansteckenden Lachen. Am Mond-Zirkel wird zuerst eine Spirale auf die Stirn jeder Teilnehmerin gemalt. Die Kreisälteste begann und zeichnete mir, als Kreisjüngste, mit Tonerde eine Spirale auf die Stirn. So ging es im Kreis herum weiter, bis alle sechs Frauen bemalt waren. Die Spirale bedeute das Unendliche und komme in der Natur überall vor, erklärte uns Stephanie.

Die Göttin und Avalon

Gewappnet mit der Spirale auf der Stirn, setzten wir den Mond-Zirkel fort, indem Stephanie, zu Gunsten der drei erstmaligen Teilnehmerinnen, die Grundsätze ihres Glaubens erklärte. Dieser dreht sich um die Göttin, als kreative, nährende Energie im Herzen des Universums, und den mythischen Ort Avalon, welcher vor allem aus dem Sagenkreis um König Arthur bekannt ist. Durch die Entstehung des Christentums und des Patriarchats sei die Verehrung der Göttin völlig untergegangen.

Die paradiesische Insel in Glastonbury

Laut Stephanie befindet sich Avalon in Glastonbury in England. Avalon sei eine paradiesische Insel, in welcher die Lady of Avalon als Göttin lebe. Dass die Lady of Avalon in Glastonbury ihr Zuhause hat, sei an der Landschaft, bestehend aus vielen Hügel und Tälern, zu erkennen. Stephanie hat ihre Ausbildung zur Priesterin im Göttinnen Tempel in Glastonbury gemacht und beschreibt den Ort als absolut magisch.

Die „Vierfaltigkeit“

Der Jahreszyklus des Tempels ist nach den acht Archetypen der Göttin gerichtet. Diese waren in den, an den Wänden hängenden, Bildern dargestellt. Die Göttin ist „vierfaltig“ und kennt somit die Erscheinungsformen Jungfrau (Maiden), Liebende (Lover), Mutter (Mother) und das alte Weib (Crone). Der Dreifaltigkeit aus der Wicca-Bewegung wurde somit die vierte Erscheinungsform „Liebende“ hinzugefügt, was im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung des durchschnittlich späteren Gebäralters der Frau stehen könnte.

Die Archetypen

Jeder der acht Archetypen ist ein Fest zugeordnet: Imbolc, Frühling Tagundnachtgleiche, Beltane, Litha, Lammas, Herbst Tagundnachtgleiche, Samhain und Yule. Diese Feiertage entleiht Stephanie ebenfalls der Wicca-Bewegung. Die acht Erscheinungsformen entsprechen zudem jeweils einer Himmelsrichtung, sodass die Bilder der Göttin übereinstimmend im Tempel aufgehängt wurden. Die „Vierfaltigkeit“ wird in vier Darstellungen ausgedrückt. Die vier restlichen Archetypen sind den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft zugeordnet worden.

Die Maiden Goddess

Unser Mond-Zirkel ereignete sich zwischen Imbolc und der Frühling Tagundnachtgleiche. Somit würden wir momentan die „Maiden Goddess“ besonders stark fühlen, erklärte uns Stephanie. Sie zeigte dabei auf das Bild, das im Nord-Osten des Raums hängte. Die Göttin war mit flammend roten Haar abgebildet, hielt die Sonne über ihrem Kopf in ihrer linken Hand, Feuer in der rechten Hand auf der Höhe ihres Herzens und trug auf ihrem Körper zahlreiche Schneeglöckchen. Zu ihren Füssen sass ein weisser Schwan, über ihr ein heulender Wolf und eine Kuh. Diese drei Tiere werden mit dem Archetyp Jungfrau der Göttin assoziiert.

Die innere Wolfsfrau

Stephanie erklärte uns daraufhin die Bedeutung der Maiden. Die Maiden oder Jungfrau verkörpert das innere Kind von 7 bis 14 Jahren der Göttin. In dieser Zeit ist die Göttin wild, spielt, tanzt, macht was sie will und ist sich selbst, egal was andere davon halten. Die Maiden wird somit auch als die innere Wolfsfrau beschrieben. Die Schattenseite der Maiden ist ihre zickige Art und ihr mangelndes Selbstvertrauen, das ihr oft abspricht, etwas erreichen zu können. An diesem Vollmond sei es oftmals der Fall, dass das innere Kind die Überhand gewinnt und die gesamte Verantwortung im Leben von uns erwachsenen Frauen übernimmt.

Ängste der Generationen

Nach dieser Einführung in die Göttin, Avalon und den Archetyp „Maiden“, forderte uns Stephanie dazu auf, unsere innere Gefühlswelt dieser Vollmondzeit zu erforschen. Im Kreis herum, eine nach der anderen, teilten wir einander unsere Gedanken und Gefühle mit, wobei die Kreisälteste wieder anfing und ich, als die Kreisjüngste, das Wort zuletzt ergriff. Die Frau die gerade erzählte, hielt jeweils einen reichlich dekorierten Holzstab in den Händen. Die Erzählungen waren emotional und sehr persönlich. Durch die Anwesenheit Frauen verschiedener Generationen kamen Ängste und Sorgen völlig verschiedener Art zum Ausdruck. Diese reichten von der Angst älter zu werden, und dem plötzlichen Tod enger Freunde, zu Erinnerungen an traumatische Geburten und der Angst des Antritts einer Weltreise alleine.

Begegnung mit dem inneren Kind

Stephanie forderte uns dann dazu auf, die Augen zu schliessen und eine bequeme Position einzunehmen. Ich schloss meine Augen und lag auf den Boden. Mit ihrer angenehmen, beruhigenden Stimme und entspannender Hintergrundmusik, führte Stephanie die darauffolgende Meditation. So sollten wir uns einen Ort vorstellen, an dem wir uns wohl fühlen würden und unser inneres Kind an diesem Ort treffen. Dabei sollten wir mit dem Kind reden und es dazu auffordern, Erinnerungen und Gefühle, welche an diesem Vollmond wieder aufgearbeitet werden würden, uns mitzuteilen. Zum Schluss sollten wir das Kind, falls erwünscht, umarmen.

Kindheitstraumata

Wir öffneten die Augen wieder und erzählten uns der Reihe nach, wie die Begegnung mit dem inneren Kind verlaufen war. Auch dieser Teil war sehr emotional, da Kindheitstraumata angesprochen wurden, die einer wildfremden Person sonst wahrscheinlich nicht angetraut werden würden. So erzählten wir einander von kriegsbedingten Fluchten aus der Heimat, von Mobbingvorfällen in der Schule und elterlichen Verlusten. Es fühlte sich dabei ein wenig wie eine Selbsthilfegruppe an, in welcher die Frauen verschiedener Generationen einander ein Ohr liehen und aufmerksam aufeinander eingingen.

„Liebes inneres Kind…“ 

Nach einer kurzen Pause erhielten wir von Stephanie die Aufgabe, einen Brief an das innere Kind zu schreiben. Das innere Kind nimmt Stephanie zufolge, in der Zeit der Maiden Goddess oft das Zepter. Das Ziel des Briefes war, zu erklären, dass wir, als erwachsene Frauen wieder die Verantwortung für unser Leben übernehmen würden. Wir alle schrieben konzentriert unsere Briefe, welche uns Stephanie zu einem unbekannten Zeitpunkt zuschicken wird.

Regierung des Königinnenreichs

Zum Abschluss teilten wir unsere Eindrücke der letzten 2.5 Stunden miteinander. Dabei gingen wir wieder dem Alter nach und hielten während dem Reden den Holzstab in den Händen. Alle sechs Frauen bedankten sich für den Zirkel und fühlten sich ruhig und entspannt. Ich war für einen Abend in die Welt der Göttin eingetaucht und fand es enorm interessant. Vor allem Stephanies Einführung in ihren Glauben war spannend gewesen, der mir als neuartiger Synkretismus verschiedener Weltbilder, wie der Wicca-Bewegung oder neukeltischer Organisationen, erschien. Anschliessend war die Göttin nur noch in Form der Maiden Goddess und dem „inneren Kind“ Thema gewesen. Dieser zweite Teil zwang die Teilnehmerinnen dazu, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. So erschien mir der Abend ein wenig wie eine Austauschrunde zwischen Frauen verschiedener Generationen, in welcher Erinnerungen aus der Kindheit aufgearbeitet wurden und eine kraftvolle und positive Wirkung auf die Teilnehmerinnen ausgeübt hatte. In Stephanies Worten sollten wir mithilfe des Mond-Zirkels wieder lernen, unser eigenes Königinnenreich zu regieren.

Louisa Bernet, 2020

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Lexikoneintrag zum Pure Heart Center

Neue Aktivitäten der Wort+Geist-Bewegung in der Schweiz

Die umstrittene Wort+Geist-Bewegung mit Hauptsitz in Röhrnbach im Bayerischen Wald, die in den 2000er-Jahren in der Schweiz mehrere Gemeinden zählte, aber seit dem Ausscheiden der YOU Church Kloten aus dem Verband keine feste Gemeindestrukturen mehr kannte, ist seit kurzem in der Schweiz wieder mit einer Lokalgemeinde vertreten: Wort+Geist Zürich feiert ihre Gottesdienste im Hotel Swiss Star in Wetzikon. Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet hat den Gottesdienst am letzten Samstag besucht.

Besuch Wort+Geist Zürich vom 8. Februar 2020

 Das gelbe Logo der Wort+Geist Bewegung strahlte mir von einem Schild sofort entgegen, als ich das Swiss Star Hotel in Wetzikon betrat. Es verwies auf den Gottesdienst, der an diesem Samstagabend um 19.30 Uhr stattfinden sollte. Ich folgte dem Schild, welches mich rechts vorbei der Rezeption in einen kleinen, kahlen Seminarraum führte. Das Zimmer war leer, bis auf einen jungen Mann, der gerade die Kabel der Stereoanlage entwirrte, und eine Frau im mittleren Alter, die mich etwas überrascht ansah. Beide gaben mir zögerlich die Hand. Sie schienen verwundert darüber, eine neue Interessentin zu haben. Die Verblüffung verschwand allerdings, als ich sagte, dass ich von Relinfo sei und gerne am Gottesdienst teilnehmen würde. Etwas zurückhaltend ging die Frau den Abklärungen nach, ob meine Anwesenheit in Ordnung sei.

Das Portrait als Altar

Ich setzte mich in die Dritte der vier Reihen. Es waren für etwa 50 Menschen Stühle bereitgestellt worden, wobei ich noch alleine im Raum sass. Als ich mich herum sah, fiel der Blick sofort auf ein Portrait von Helmut Bauer, das ganz zentral vorne den fehlenden Altar ersetzte. Breit lächelnd und im schwarzen Anzug gekleidet, schaute mir das Gesicht des Gründers und Leiters der Wort+Geist Bewegung entgegen. Abgesehen von diesem Bild  gab es keine weiteren Hinweise auf den bevorstehenden Gottesdienst. Eine einsame Zimmerpflanze und ein Bild von Zügen dekorierten den insgesamt eher ungemütlichen Raum.

Anhaltende Umarmungen

Allmählich betraten die Gottesdienstbesuchenden den Raum. Jede Person, die hereinkam, umarmte alle bereits anwesenden Personen. Auch ich wurde entsprechend begrüsst. Diese Umarmungen dauerten immer eine Weile, was bei den bereits routinierten Gottesdienstbesuchenden entspannt und angenehm aussah, sich bei mir aber unnatürlich anfühlte und schon beinahe eine persönliche Grenze überschritt. Die Atmosphäre war ziemlich ruhig und entspannt und die Leute schienen sich bereits gut zu kennen. So tauschten sie kleine Geschenke miteinander aus, lachten fröhlich und freuten sich offensichtlich einander zu sehen.

Die begehrte erste Reihe

Um 19.30 Uhr, zum Zeitpunkt des geplanten Beginns des Gottesdienstes, waren etwa 25 Menschen anwesend. Die meisten waren ungefähr im Alter von 50 Jahren, wobei sich auch einige Familien mit kleinen Kindern oder Jugendlichen darunter befanden. Die Besuchenden setzen sich aus Personen verschiedener Herkunft zusammen. Die Kinder und Jugendlichen sassen in den hinteren Reihen, während die Erwachsenen allesamt zuvorderst in einer einzigen langen Linie eng nebeneinander standen. Die erste Reihe war offensichtlich begehrt. Ich steckte mich eher in die Kategorie der Kinder und blieb in den hinteren Reihen sitzen. Für eine letzte Umarmung stand ich nochmals auf. Sie war die längste und innigste.

Der „Oberhirte“

Es stellte sich heraus, dass diese letzte Umarmung vom Prediger des Abends stammte. Dieser heisst Andreas Lassner und betitelt sich selbst als „Oberhirte“. Für den Gottesdienst war er extra von dem Wort+Geist Zentrum in Nürnberg angereist. Die Prediger in Wetzikon wechseln immer wieder und die Gottesdienste in der Schweiz finden ohnehin nur drei Mal im Monat statt. So besteht die Möglichkeit, am freien Samstag nach Deutschland an die grösseren Gottesdienste zu reisen. Der Oberhirte muss also nicht jede Woche fünf Stunden anreisen. Lassner ist im mittleren Lebensalter, ziemlich gross und dünn und hat eine Bräune, die nicht wirklich zu seiner bayerischen Herkunft passt. Er war elegant gekleidet in einem rosafarbenen Hemd und einem Einstecktuch in derselben Farbe, welches in der Brusttasche des dunklen Sakkos steckte.

 Eine rätselhafte Persönlichkeit

Andreas Lassners Heimat war ihm deutlich anzuhören. In einem breiten bayerischen Akzent begann er seine zweistündige Predigt. Dabei lachte er immer wieder in einer übertriebenen Weise und sprang gelegentlich auf und ab. Er benutzte keine Notizen, sondern sagte, was ihm gerade durch den Kopf ging. Diese Tatsache führte dazu, dass er hin und wieder den Faden verlor und die Lücken füllte, indem er dem Publikum mitteilte, wie sehr er sie lieben würde, oder willkürliche Textstellen aus den von Helmut Bauer verfassten Büchern vorlas. Es war grösstenteils angenehm, dem Oberhirten zuzuhören, wobei sein Lachen nicht wirklich authentisch wirkte und das Herumspringen ebenfalls etwas erzwungen aussah. Auch seine persönlichen Anekdoten wurden auf eine roboterhafte Weise erzählt, sodass ich nach dem Gottesdienst seine Persönlichkeit nicht wirklich einordnen konnte.

„Schau, hier sind Engel in der Luft“

Der Inhalt seiner Predigt wiederholte sich immer wieder und drehte sich um dieselben drei Themen. Dabei stand der Geist im Mittelpunkt. Lassner stellte aber klar, dass dieser Geist nicht mit den Geistern aus der Esoterik verwechselt werden sollte. Daraufhin lachten alle über die Lächerlichkeit der Esoterik. Einige Minuten später sagte der Oberhirte, aus dem Nichts: „Schau, hier sind Engel in der Luft“. Ein weiterer immer wiederkehrender Punkt war der Auftrag der Anwesenden. Lassner war froh, immerhin in diesem Raum darüber sprechen zu können, den die Leute ausserhalb würden ihn für verrückt halten, wenn er von seinem Amt als Oberhirte erzählen würde. Auch Helmut Bauer, stets als Meister bezeichnet, wurde häufig erwähnt. Lassner sprach zudem, als wiederkehrender Zwischenkommentar, vom 7. Jahrtausend und dem energetischen Jahr 2020. Ich fragte mich dabei, ob die Wort+Geist Bewegung die im freikirchlichen Bereich früher beliebte Lehre der siebentausend Jahre umfassenden Weltgeschichte vertritt, die davon ausgeht, dass die Schöpfung um 4000 v. Chr. stattfand und dass ums Jahr 2000 herum das Millennium, das paradiesische Tausendjährige Reich angebrochen ist.

Die Energie des Geistes

Lassner differenzierte jeweils zwischen einem Leben mit einem Bewusstsein für den Geist und einem Leben ohne diesem Bewusstsein. Für ihn hat alles andere keine Bedeutung mehr, wenn der Geist in einem drin lebt, denn die geistliche Welt regiert die irdische Welt. Man solle also die Verstandesebene der irdischen Welt verlassen und kein Vertrauen auf die Intelligenz und die fünf Sinne setzen. Einheit und Liebe erfahre man erst, wenn diese geistliche Energie auflebt. Darum könne man auch zu zweit auf einem Pferd sitzen und trotzdem kein innerliches Zusammensein erleben. Die Anwesenden des Gottesdienstes seien die einzigen, die diese Einheit kennen würden, weil der Geist in ihnen lebt. So seien die gesamten Anwesenden eine Familie, die Familie Gottes. Die irdische Familie, also die Leute aus der früheren Zeit, würden ganz anders ticken, sie würden auf einer anderen Welt leben. Die Antennen dieser Menschen seien für die Energie des Geistes, laut Lassner, stumpf geworden. Freyung, der Veranstaltungsort der 4-Jahreszeiten Akademie, sei ein Energiepunkt und erst der Anfang der Ausbreitung dieser Energie.

Die Auserwählten

Für den Oberhirten ist klar, dass alle, die diesen Geist in sich spüren, von Gott gesandt wurden, um einen Auftrag zu erfüllen. In diesem Auftrag zu leben sei das schönste, denn man selbst sei die Lösung, um die Welt zu verändern. Die Leute draussen seien nämlich in ihrer Seele gefangen, darum müssten die Auserwählten die Energie dieser Menschen erwecken. Es sei ein innerer Ruf, der die teuflische Macht zerbrechen sollte, und sie seien erst am Anfang. Als Mitarbeiter Gottes seien die Anwesenden die massgeblichen Personen und von einer anderen Welt, erklärte Lassner. Bei allen anderen Menschen fehle etwas, nur jene, die mit dem Geist leben, hätten ein volles Leben. Das Leben ohne Glaube sei langweilig und komplett hohl.

Der Meister

Laut Lassner sind alle Anwesenden von Gott gesandt, aber nicht alle Geistpersönlichkeiten. Der Meister sei eine solche Geistpersönlichkeit, erklärte Lassner, auf das Portrait von Helmut Bauer zeigend. Der Meister spricht nicht aus dem Kopf, sondern erzählt das, was der Geist ihm mitteilt. Darum ist momentan beispielsweise das Gewicht der Bewegung auf der Akademie, denn der Meister hat dies gespürt. Lassner habe die extreme Strahlung, die der Meister hat, spüren dürfen, als er einen Tag mit ihm im Krankenhaus verbrachte. Der Meister hat nämlich gesundheitliche Probleme. Wir sollen uns aber keine Sorgen machen, den die Ärzte würden keine Ursache dafür finden. Zur richtigen Zeit werde der Geist wieder alles heilen. Die Zukunft sei zwar unbekannt, der Geist mache jedoch was er wolle, sodass man sich keine Sorgen machen sollte.

Geistlicher Schlager

Die Predigt wurde immer wieder durch das Abspielen von Liedern unterbrochen. Diese handelten von den Themen Geist und Liebe. So wiederholte das zweite Lied, im Schlagerstil, kontinuierlich die Zeile: „Jetzt ist die Zeit, in der die Liebe übernimmt, in der der Geist alles durchdringt“. Das dritte Lied war in italienischer Sprache verfasst worden und eher im rockigen Stil. Die Musik wiederholte stetig denselben Text und war für meine Ohren eher unangenehm. Die Besuchenden wippten und klatschten dazu, wobei die Bewegungen bei den meisten ein wenig unbeholfen aussahen. Ich hatte zudem das Gefühl, dass das Tanzen auch dem Oberhirten unangenehm war.

Die Familienkasse

Die Reaktionen des Publikums auf die gesamte Predigt schienen mir spärlich. Was ich als Langeweile interpretierte, hätte jedoch auch Konzentration sein können. Die Stille wurde, besonders oft am Anfang, durch unkontrollierbares und für mich nicht wirklich erklärbares Lachen unterbrochen. Einige Kinder standen ab und zu auf, um nach Vorne zu den Eltern zu gehen, die meisten blieben aber hinten sitzen. Einige spielten leise miteinander Karten. Erst als die „Familienkasse“, wie Lassner die Kollekte nannte, gefüllt werden sollte, kam die grosse Stunde der Kinder, die mit Freude ein „Nötli“ in die Kollekte werfen durften.

Der ausgebliebene Liebesstrom

Lassner beendete den Gottesdienst um 21.40 Uhr mit einem letzten Lied. Währenddessen flüsterte mir eine erste Frau bereits ins Ohr und schwärmte von ihren Erlebnissen in der Wort+Geist Bewegung. Sie spüre hier die Liebe und den Geist, und alles sei so entspannt, da es keine Mitgliedschaft gebe. Eine weitere Frau gesellte sich dazu und erzählte, dass sie schon in vielen Freikirchen gewesen sei und in keiner so viel gespürt habe wie hier. Die Zurückhaltung vom Beginn des Gottesdienstes war komplett verschwunden. Der Oberhirte Andreas Lassner umarmte alle Anwesenden. Meine Umarmung erfolgte ganz zuletzt. Auch nach dem Gottesdienst spürte ich diesen „Liebesstrom“, welcher der Geist in mir hätte auslösen sollte, nicht, sodass mir die zu lange Umarmung immer noch unangenehm war.

Der lange Weg zu Wort+Geist

Ich entschied mich dennoch ein wenig zu bleiben, da einige der Besuchenden auf mich zukamen und mir von ihrer Faszination der Wort+Geist Bewegung erzählten. Ein etwa 40-Jähriger Mann redete besonders stark auf mich ein. Da sich die restlichen Besuchenden nun um den weiterpredigenden Oberhirten versammelt hatten, traten wir aus dem Raum hinaus. Der Mann erzählte mir von seinem langen Kampf mit dem Glauben, welcher ihn durch viele Freikirchen begleitet hatte und in der Wort+Geist Bewegung endete. Grundsätzlich war seine Geschichte spannend und ich hörte gerne zu. Störend war lediglich, dass er die wahre Anwesenheit Gottes nur der Wort+Geist Bewegung zusprach und so die Legitimität jeglicher anderer Gemeinschaften angriff.

Die Liebe zum „Geist“

Auf dem Weg zum Bahnhof liess ich den Abend nochmals Revue passieren. Der Gottesdienst und dabei vor allem die Musik, sowie das unkontrollierbare Lachen der Besuchenden sind mir ziemlich absurd vorgekommen. Der Führerkult um Helmut Bauer, der stets als Meister bezeichnet wurde und dessen Portrait den ganzen Gottesdienst begleitet hatte, machte mir Angst. Besonders störte mich aber der Elitarismus der Bewegung, der während der Predigt zum Vorschein kam und auch in den Nachgesprächen deutlich wurde. Die Leute am Gottesdienst waren mir aber grundsätzlich sympathisch gewesen und die Atmosphäre stellte sich als ziemlich zwanglos heraus. Ich hatte erwartet, dass der Abend strenger und nach rigideren Strukturen ablaufen würde. Die Entspanntheit lag wahrscheinlich auch daran, dass die Gemeinde in der Schweiz ein wenig abgeschottet ist vom zentralen Geschehen in Deutschland. Ich spürte keinen Druck der regelmässigen Besuchenden, mehr Zeit für die Gemeinde aufzuwenden. Die meisten feiern lediglich drei Samstage im Monat ihre Liebe zum „Geist“ und es scheint ihnen gut zu tun.

Louisa Bernet, 2020

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Lexikoneintrag zur Wort+Geist-Bewegung

Christina von Dreien: Neues Buch erschienen

Christina von Dreien: Christina. Band 3: Bewusstsein schafft Frieden, Govinda Verlag, Dezember 2019

Mit grosser Verzögerung ist der ursprünglich auf Anfang 2019 angekündigte dritte Band der Buchreihe um die Toggenburger Trendesoterikerin Christina von Dreien erschienen. Während die vorangegangenen Bände von Christina von Dreiens Mutter Bernadette geschrieben wurden, tritt beim dritten Band nun Christina von Dreien als Autorin auf. Allerdings werden die Lesenden gleich in einer dem Buch vorangestellten „Vorbemerkung des Herausgebers“ darüber belehrt, dass Christina von Dreien die Texte nicht selbst verfasst hat, sondern dass sie auf mündlichen Ausführungen von Christina bei Vorträgen und in der Sendung „Time To Be“ mit Norbert Brakenwagen beruhen, welche der Govinda-Verlagsleiter Ronald Zürrer niedergeschrieben und in Buchform gebracht hat.

Repetitive Darstellung

Die Herkunft der Texte aus mündlichen Ausführungen an Seminaren ist dem Buch denn auch deutlich anzumerken. Bei seiner Redaktion hat Ronald Zürrer die verschiedenen Seminare, die alle unter dem Titel „Bewusstsein schafft Frieden“ standen und mutatis mutandis dasselbe Thema mit ähnlichen Gedanken behandelten, nebeneinandergestellt, sodass sich Ausführungen Christinas zum selben Stoff und in ähnlichen Worten doppelt, dreifach, vierfach und gelegentlich auch fünffach im Buch wiederfinden. Für die Leseerfahrung ist dies eher unerfreulich, um es mal vorsichtig auszudrücken. Was die Hintergründe dieses Vorgehens sind, bleibt offen: Hat Ronald Zürrer die Zeit gefehlt, die verschiedenen Ausführungen zum selben Thema zusammenzufassen?

Ein Bestseller auf die Schnelle?

Eindeutig ist, dass eine redaktionelle Zusammenstellung von Christinas Gedanken die Textmenge deutlich verringert hätte, vermutlich um mindestens die Hälfte des Umfangs des Buchs. Damit wäre der dritte Band aber gegenüber den beiden vorangegangenen viel kürzer ausgefallen. Wurden die Doubletten und Tripletten in Kauf genommen, um trotz dünner Datenbasis endlich den lange versprochenen dritten Band publizieren zu können? Wurde hier auf die Schnelle ein Buch kompiliert, um an den beachtlichen Verkaufserfolg der beiden vorangegangenen Bände anknüpfen zu können, bevor andere Trends die Christina-von-Dreien-Begeisterung überlagern?

Christinas Wort als Heilige Schrift?

Zur Erklärung der repetitiven Wiedergabe von Vorträgen zum selben Thema wäre noch eine dritte Variante denkbar: Wenn Christinas Worte als inspirierte, göttliche Wahrheit verstanden würden, dann könnte die Vorstellung aufgekommen sein, dass sie auch dann, wenn sie mehrfach auf ähnliche Weise dasselbe beschreiben, trotzdem vollständig wiedergegeben werden müssen, damit keine göttliche Wahrheit verloren geht. Zu denken ist hier etwa an Doubletten in Heiligen Schriften, welche dieselben Ereignisse und Aussagen ebenfalls mehrfach in unterschiedlichen Varianten berichten, etwa die vier Evangelien des Neuen Testaments, oder aber der buddhistische Pali-Kanon, der für seine Repetitionen derselben Ausführungen berühmt ist. Ist Christinas Wort für ihre Fans bereits derart heilig, dass eine redaktionelle Zusammenfassung ein undenkbarer Eingriff wäre?

Christinas Weltsicht: Die Quelle

Wie dem auch sei, hier soll gewagt werden, Christinas Weltsicht kurz zusammengefasst wiederzugeben: Christina von Dreien führt alles Sein auf einen Ursprung, die Quelle, das Göttliche zurück, das alles geschaffen hat. Die Seelen der Menschen sind stets mit diesem Göttlichen verbunden, egal ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Dennoch bleibt das Göttliche ein von der menschlichen Seele zu Unterscheidendes, zu dem Kontakt aufgenommen werden kann.

Das Spiel des Vergessens: Vollnarkose

Die Seelen der Menschen treten ein in das „Spiel des Vergessens“ in der dreidimensionalen Welt. In diesem leben sie in „Vollnarkose“, wie sich Christina von Dreien ausdrückt. Die Seelen vergessen ihre Verbindung zur Quelle und werden von einer ausserirdischen Rasse versklavt und systematisch manipuliert, unter anderem, indem sie in Angst versetzt werden.

Krieg als Lerninhalt

Das Spiel des Vergessens war notwendig, damit die Menschen wichtige Lernfortschritte machen können. So muss die Menschheit die Schrecken dies Krieges erfahren, um sich bewusst zu werden, dass sie keinen weiteren Krieg mehr will.

Erwachen

Seit 100 oder 80 Jahren – Christina von Dreien nennt an unterschiedlichen Stellen im Buch beide Zahlen – ist die Menschheit nun dabei, zu erwachen. Dieses Erwachen beinhaltet z.B. die Erkenntnis der Einheit mit dem Göttlichen und die Sehnsucht nach Frieden.

Verschwörungstheorien als Notwendigkeit

Zum Erwachen dazu gehört, Christina betont es in den abgedruckten Texten immer wieder, auch das Akzeptieren von Verschwörungstheorien, welche Christina von Dreien vertritt, etwa der Glaube an Chemtrails, an die Anwesenheit von Ausserirdischen auf der Erde und an die systematische Manipulation und Überwachung der Menschheit durch übelwollende Kreise. Christina befeuert damit die ohnehin schon starke Tendenz esoterisch-spiritueller Kreise zu Verschwörungstheorien weiter.

Alles in Ordnung?

Immer wieder betont Christina von Dreien, dass auch tragische Ereignisse in der Weltgeschichte notwendig und damit in ihrer Auswirkung gut gewesen seien: „Die gesamte Vergangenheit von jedem einzelnen von euch und auch von der Erde insgesamt ist komplett in Ordnung und musste so sein. Sonst hätten wir als Menschheit gewisse Dinge nicht erfahren und nicht erkennen können, was ja der Grund für dieses Spiel war.“ (s. 105) „Letztlich kann nichts geschehen, was unsere Seele nicht will … Aus Sicht der Quelle wird also niemals etwas geschehen, ohne dass alle betroffenen Seelen ihr ‚Ja’ zu der Situation gegeben haben.“ (s. 115). „Alles, was jemals passiert ist, war gut so.“ (s. 191).

Wenn Christina von Dreien die massiven gesundheitlichen Probleme ihrer Kindheit im Nachhinein als notwendig ansieht und sich auf diese Weise mit ihrem Leben versöhnen kann, dann sei ihr dies vergönnt. Wenn sie aber den Opfern schwerster Verbrechen oder verheerender Armut sagt, dass ihr Schicksal selbstgewählt und für die Menschheit gut sei, dann wirkt dies aus dem Mund einer jungen Frau, die in einer liebenden Familie und einem idyllischen Schweizer Weiler aufwachsen konnte, unerträglich zynisch.

Der Aufstieg: in einer Sekunde oder erst in hundert Jahren

Nach dem Erwachen der Menschheit erfolgt der Aufstieg in die fünfte Dimension, eine ideale, friedliche Gesellschaft. Wann sich dieser Aufstieg, den Christians Fans teilweise schon seit Jahrzehnten herbeisehnen, ereignen wird, darauf will sich Christina nicht festlegen. Schon in einer Sekunde könne es so weit sein, aber auch noch hundert Jahre dauern, wie sie im Buch mehrfach betont. Im Jahr 2016 hat Christina den Aufstieg noch als nahe bevorstehend gesehen, wie ihre Mutter im zweiten Band der Christina-Buchreihe berichtete. Nun scheint es nicht mehr so sehr zu eilen. Hat sich Christina angesichts ihres Erfolgs mit der Welt versöhnt? Wie dem auch sei, für manche ihrer Fans dürften Christinas Spekulationen über weitere 100 Jahre in der dritten Dimension eine Enttäuschung sein.

Panikmache vor 5G

Ins Buch geschafft haben es auch die Ängste vor dem neuen Mobilfunkstandard 5G, welche Christina von Dreien im Frühling 2019 auf ihrer Website und in einer Sendung „Time To Be“ mit Norbert Brakenwagen geschürt hatte. So wird wiederholt, dass die Menschen durch 5G gegrillt werden (s. 270), dass 5G „Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Schwindelanfälle und dergleichen hervorrufen oder auch ernstere physische Krankheiten“ bewirken kann (s. 269), und dass 5G dazu dient, die Menschheit zu manipulieren und zu überwachen (s. 269).

Klammheimliche Korrektur von nicht eingetretenen Voraussagen

Anderes, was in Ländern mit aktivem 5G-Netz konkrete, nachprüfbare Auswirkungen hätte haben sollen, erscheint im Buch in abgeschwächter Form. So behauptete Christina von Dreien im Frühling 2019 auf ihrer Website über 5G: „Es zerstört z.B. auch das Immunsystem der Bäume, so dass diese alle absterben.“ Das hätte inzwischen in Südkorea, wo 5G flächendeckend zur Verfügung steht, überprüfbare Folgen haben müssen. Im Buch steht nur noch: „So greift 5G beispielsweise auch das Immunsystem der Bäume an“ (s. 269). Von der Zerstörung des Immunsystems und vom Tod der Bäume ist keine Rede mehr. Die Korrektur wird aber nicht als solche gekennzeichnet. Christina von Dreien nimmt sich offensichtlich das Recht, wilde Behauptungen aufzustellen, und diese nach Bedarf einfach umzuformulieren, wenn sich ihre Aussagen nicht bestätigen.

Problematische Aussagen zur direkten Demokratie

Panikmache betreibt Christina von Dreien auch gegenüber der direkten Demokratie. So meint sie: „Das Problem bei Abstimmungen ist, dass wir dadurch unsere Stimme sozusagen feinstofflich an die Politik ‚abgeben’. Aber eigentlich benötigen wir unsere Stimme ja selber. Selbstverständlich muss jeder selbst wissen, ob er abstimmen geht oder nicht. Doch wenn ihr das macht, dann holt euch anschliessend feinstofflich eure Stimme wieder zurück.“ (s. 154).

Bezeichnend ist hier einerseits das Wortspiel, das Christina von Dreien zu ihrer Aussage führt. Sie vermengt zwei unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs „Stimme“, um eine vermeintliche Gefahr zu behaupten. Konsequenterweise würde das bedeuten, dass die von Christina von Dreien beschworene Gefahr der direkten Demokratie in englischen Sprachraum nicht bestehen würde (vote vs. voice). Wie dem auch sei, aus sprachlichen Eigenheiten weitgehende Lehren herauszuspekulieren, das macht Christina von Dreien noch öfter.

Bemerkenswert ist aber auch der inhaltliche Widerspruch zu anderen Aussagen Christinas. So fordert sie ihre Fans auf, Petitionen gegen 5G einzureichen. Bei einer Petition wird dem Staat aber mit der eigenen Unterschrift der eigene Name und auch die Adresse übergeben. Warum müssen diese nicht feinstofflich zurückgeholt werden? Bei eigenen Projekten gelten die Regeln offenbar nicht – ein Merkmal, das sich bei Christina von Dreien ebenfalls öfters findet (etwa, wenn sie meint, dass 5G ihr selbst nicht schaden könne).

Verpasste Chance

Zwar spricht Christina von Dreien im Buch öfter davon, dass die Welt am Abgrund stünde, aber sie meint damit vor allem die Umtriebe der „unlichten“ Kräfte, die unsere Welt beherrschen und das Erwachen der Menschheit verhindern wollen.

Mit keinem Wort erwähnt wird das vielleicht drängendste Problem der Menschheit: der Klimawandel. Offenbar existiert dieser aus Sicht von Christina von Dreien nicht. Den Medien gegenüber hat Christina von Dreien behauptet, der Klimawandel sei eine „Lüge“. Das ist schade. Christina von Dreien hätte sich an die Spitze der Klimajugend in der Schweiz stellen und zu einer Schweizer Greta Thunberg werden können. Stattdessen propagiert sie Verschwörungstheorien, die von Personen einer älteren Generation stammen, in Fernsehsendungen mit einem älteren Herrn auf dem Sofa, und in einem Buch, das von einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Herrn redigiert wurde. Damit ist Christina von Dreien eines ganz bestimmt nicht: Die Vertreterin oder gar Vorreiterin einer neuen Jugend.

Lexikoneintrag zu Christina von Dreien

Mähdrescher Gottes verstorben

Der umstrittene Pfingstprediger und Massenevangelist Reinhard Bonnke, der sich selbst als den „Mähdrescher Gottes“ bezeichnete, ist am 7. Dezember im Alter von 79 Jahren verstorben.

Kindheit in Ostpreussen

Bonnke wurde 1940 in Ostpreussen geboren als Sohn eines Berufsmilitärs, der sich einer Pfingstgemeinde angeschlossen hatte. 1945 flohen die Bonnkes in den Westen Deutschlands und liessen sich im schleswig-holsteinschen Glücksstadt nieder, wo Vater Bonnke als pfingstlicher Prediger tätig wurde.

Pastorensohn

Seine Rolle als Pastorensohn hatte Reinhard tief geprägt, so folgte er schon im Alter von neun Jahren einem Altarruf und bekehrte sich, und später veranstaltete er Predigtwettstreite mit seinen Kollegen. Weltanschauliche Debatten hingegen waren offenbar nicht sein Thema: „Was auch immer ich von Mitschülern oder aus Lehrbüchern erfuhr, wischte ich, sofern es meinen pfingstlichen Glaubensüberzeugungen widersprach, einfach beiseite, ohne es weiter in Betracht zu ziehen.“ (Reinhard Bonnke: Im Feuer Gottes. Eine Autobiographie, Frankfurt a.M. 2009, s. 73.)

In dieser Aussage spiegeln sich gleich zwei Eigenschaften Bonnkes, die sich später deutlich zeigen sollten: Ein fundamentalistisches Glaubensverständnis, das verkündet, aber nicht diskutiert, und eine Teflon-Persönlichkeit, die Kritik an sich abperlen lässt.

Detailhandelskaufmann

Nach Abschluss seiner Schulzeit absolvierte Bonnke eine Ausbildung zum Detailhandelskaufmann, und danach als 19jähriger eine Bibelschule in Wales, wo er auch Englisch lernte. Seine Hoffnung, nach Abschluss der Bibelschule als Missionar in Afrika tätig werden zu können, zerschlug sich, so dass Bonnke eine Stelle als Pastor einer Pfingstgemeinde in Flensburg antrat.

Missionar in Südafrika

Im Jahr 1967 konnte Bonnke im Auftrag der Apostolic Faith Mission in Südafrika tätig werden, und führte in den folgenden Jahren erste Evangelisationen mit Betonung der Heilung durch. 1975 gründete Bonnke unter dem Namen „Christ for all Nations“ (im deutschen Sprachraum „Christus für alle Nationen“) CfaN sein eigenes Missionswerk. CfaN baut in Europa ein Spendernetzwerk auf, welches die Missionskampagnen in Afrika finanziert. 1978 kann er ein Zelt mit 10’000 Plätzen erwerben.

Bonnkes Missionsmethode

Bonnke entwickelte seinen typischen Missionsstil: Eine zupackende Verkündigung mit Aufruf zur Bekehrung und der Verheissung von Heilungen. Berichte von Menschen, die sich als geheilt fühlen, wurden auf der Bühne gesammelt. Z.T. wurden Geheilte dem Publikum vorgeführt, indem Bonnke mit ehemals Blinden Fangen spielte u.dgl. Die Teilnehmenden wurden aufgefordert, Objekte traditioneller Religionen und Vorstellungen abzugeben, so dass sie aufgehäuft und verbrannt werden konnten. Wer sich durch Handzeichen bekehrte, wurde aufgefordert, sich einer Gemeinde in seiner Umgebung anzuschliessen.

Westafrika

In den Achtzigerjahren wurde Bonnke durch seine Massenveranstaltungen innerhalb der pfingstlich-charismatischen Szene immer bekannter, was wiederum das Spendenaufkommen erhöhte.

Ab der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre wurde Bonnke vor allem im bevölkerungsreichen Westafrika tätig, wo er mitunter mehrere Hunderttausend Menschen zu Evangelisationen und Heilungsgottesdiensten versammeln konnte.

Vom Minus zum Plus

In den Neunzigerjahren wollte Bonnke seinen Wirkungskreis auf die westlichen Länder ausweiten, wozu er das Büchlein „Vom Minus zum Plus“ schrieb, das grundlegende Lehren des Christentums ohne spezifisch pfingstliche Theologie enthielt. Dieses Büchlein wurde mit dem Postwurf unter die Leute gebracht, in der Schweiz etwa im Jahr 1995.

Der Rücklauf der Aktion, die für Bonnkes Spendende eine massive Investition bedeutete, war enttäuschend, so berichtete Bonnke in seiner Autobiographie (s. 540) von einem Rücklauf im Promille-Bereich – gerechnet hatte er mit vier Prozent. In der Schweiz sind die Berichte von Menschen, die sich durch die Aktion „Vom Minus zum Plus“ neu fürs Christentum interessiert haben, wenig zahlreich.

Bonnke am ICF-Jubiläum

Für öffentlichen Wirbel in der Schweiz sorgte Bonnke durch seinen Auftritt am 15-Jahr-Jubiläum des Freikirchenverbands ICF im Jahr 2011 im Zürcher Hallenstadion. Im Vorfeld wurde Bonnke in der Schweizer Öffentlichkeit kritisch diskutiert, zur Sprache kam z.B. Bonnkes Nähe zu problematischen Potentaten, so hatte Bonnke vom nigerianischen Diktator Sami Abacha eine Tüte mit 100’000 Dollar in bar angenommen und aufs Konto von CfaN einzahlen lassen, obwohl ihm die problematischen Hintergründe des Geldes bekannt waren (Im Feuer Gottes, s. 559).

Bonnkes Nachfolger

Im Jahr 2017 übergab Reinhard Bonnke die Leitung seines Missionswerks CfaN an den Amerikaner Daniel Kolenda.

Michael Barnett (1930-2019)

Michael Barnett (geb.1930) ist am 12. November 2019 in seinem Zentrum UNACHO in Denzlingen bei Freiburg i.B. gestorben.

Seinerzeit einer der Startherapeuten von Bhagwan in Poona gründete er nach seiner Trennung vom Meister mit seiner Anhängerschaft verschiedene eigene Organisationen.

War er so etwas wie ein kleiner Osho/Bhagwan? So suggestiv wirkend, so humorvoll und zugleich so raffiniert-autoritär wie sein Meister? Wie immer auch, beide hatten völlig ihnen ergebene Schülerinnen und Schüler, Bhagwan kaum zählbar, Barnett in weit kleinerer Zahl. Und beide verknüpften Spiritualität und „Therapie“ vor allem mit Impulsen, die sie in freier, kreativer Auswahl der östlichen, vor allem der buddhistischen Tradition entlehnten. Barnett ermunterte die Schüler, sich in die Leere fallen zu lassen. Osho erlebte sich selbst u.a. auch als erleuchtetes Nichts. Kurz, beide führten in Selbstfindungsabenteuer, die sich nicht für alle empfehlen.

Aber Barnett fühlte sich auch bei überschaubaren Schülerzahlen nicht kleiner als Osho. Er will Osho/Bhagwan auf die Fährte der Energiearbeit gebracht haben. Er sah sich also nicht nur als Schüler Bhagwans, sondern genau besehen auch als dessen Meister.

Prof. Dr. Georg Schmid, 27. November 2019

Weiteres zu Michael Barnett:
http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/one-life/