ICF Ladies Lounge 2020 – Erfahrungsbericht

Die jährliche Ladies Lounge der ICF fand dieses Jahr mit der Botschaft „Go Further“ statt. Der Anlass musste auf Grund der neuen Schutzmassnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 komplett online durchgeführt werden. Wir von relinfo haben auch an der ICF Ladies Lounge 2020 teilgenommen.

Überblick

Nach einer kostenlosen Anmeldung erhält man eine E-Mail mit Links zu einem Online-Booklet und zum Online-Stream bzw. den aufgeschalteten Videos. Auf dem Booklet ist nicht nur das Programm des Events passend verlinkt, sondern auch ein breites Angebot, welches von Rezepten, Gebeten bis hin zu Online-Spenden reicht.

Der Anlass fand am Freitag, 30.10.2020 am Abend und am Samstag, 31.10.2020, von 08.45 Uhr bis 18.00 Uhr statt. Neben verschiedenen Predigten vor Ort in der Samsung Hall, fanden Interviews und Gespräche in Hinterräumen („Lounges“) der Samsung Hall sowie Zuschaltungen aus Predigten in San Diego (US), München, Leiden (NL), Tirana (AL) und Tel Aviv (IL) statt. Der Event wurde durch viele Worship-Sessions – also Jesusanbetung mit Gesang – abgerundet. Die Ladies Lounge wird von Susanna Bigger, Co-Leiter der ICF Movement, geleitet.  

Auffallend ist, dass viel Wert auf eine passende und locker wirkende Ästhetik gelegt wurde. Alle Rednerinnen und Sängerinnen waren „scandinavian business casual“ gekleidet und das Farbschema des Online-Booklets war passend zu den Hinterräumen und wirkt modern und angenehm.   

Botschaft

Go Further (geh weiter, Durchbrechen) war die Botschaft der Ladies Lounge. Die Rednerinnen (und Leo Bigger) wählten unterschiedliche Methoden oder Metaphern und auch verschiedene Bibelverse in ihren Ansprachen. Die übereinstimmende Botschaft war es jedoch, Jesus und Gott näher zu kommen.

Eine Rednerin, und zukünftige Schwiegertochter der Biggers, erzählte, dass sie Gott Briefe schreibt und ihm so näher kommt. So sollten doch auch alle Zuschauerinnen und Zuschauer das versuchen und einen Brief schreiben. Viele erzählten, wie der Glaube an Gott ihnen half, schwierige Zeiten zu überwinden. Neben den Ansprachen wurde diese Thematik auch in Interviews und Gesprächen mit verschiedenen Pastorinnen behandelt.

Hohe Kosten

Bereits zu Beginn macht Leo Bigger darauf aufmerksam, dass der Event ein hoher Kostenaufwand ohne Erträge für die Kriche ist. Die Organisation der Ladies Lounge soll gesamthaft etwa CHF 70’000  kosten und durch die kostenlose Online-Durchführung fallen die Einnahmen aus Ticketverkäufen aus. Das ICF-Team hat sich trotzdem entschieden den Event durchzuführen und kostenlos anzubieten, da alle von den Botschaften profitieren sollen. Daher wird ein Spendenaufruf gemacht und ein QR-Code eingeblendet, der auf die Spendenseite des ICFs verweist.

Der Kostenaufwand von ICF-Events wird später im Programm in einem lockeren Gespräch mit dem Bigger-Ehepaar nochmals angetönt. Hinter jedem Gottesdienst und anderen Anlässen steckt viel Organisationsarbeit dahinter, die mit Kosten verbunden ist. Dieses Jahr seien auch viele Kollekten ausgefallen, da Gottesdienste nicht vor Ort durchgeführt werden konnten. Daher werden in den Online-Gottesdiensten Spendenaufrufe gemacht und der entsprechende QR-Code wird „gross“ eingeblendet. Mit den finanziellen Mitteln werde in die Zukunft des ICFs investiert.

Sonderbares

Am Anfang des Events, nach einer Einleitung von Susanna Bigger, trat die ganze Familie Bigger auf die Bühne, um für alle Frauen zu beten. Ein Sohn wolle speziell für alle Frauen aus der Schweiz und Österreich beten und der andere für die Frauen aus Deutschland, da er selber bald eine deutsche Frau heiraten werde und ihm deshalb die Deutschen am Herzen liegen. Leo Bigger betet für alle anderen Frauen ausserhalb dieser deutschsprachigen Länder, insbesondere für die aus Tirana, Tel Aviv und San Diego, die auch an der Ladies Lounge dabei sind.

Es wurde ein Theater einer spezielleren Small Group durchgeführt. In Small Groups treffen sich ICF-Mitglieder, um Dinge zu unternehmen, die ihren Glauben bekräftigen. Im Theaterstück besuchten drei Frauen einen Töpferkurs und die letztendliche Botschaft war, dass sie sich nicht unterkriegen lassen und weitermachen sollten – Go Further. Eine Frau wurde jedoch mit überspieltem osteuropäischem Akzent dargestellt, die viel zu viel Wert auf ihr Äusseres lege. Die Botschaft dieses Charakters habe ich nicht verstanden.

In einem der Interviews mit Susanna und Leo Bigger, wurden sie über ihr Privatleben ausgefragt. Leo Bigger betont, dass sie eine Kirchenfamilie mit gemeinsamen Prinzipien sind, die sich viel Platz und Freiraum geben. So gibt auch Leo Bigger den Mitgliedern der ICF-Kirche viel Freiraum, sie sollen „Dinge“ anders machen dürfen. Weiter erzählt Leo Bigger, dass er die Wertschöpfung, die seine Frau für Jesus zeigt, sehr schätze. Wenn eine Frau Jesus von ganzem  Herzen liebe, dann wäre das sexy und der grösste Sexappeal überhaupt meint Leo Bigger.

Die aus San Diego eingeschaltete Predigerin war Leanne Mattheaus von der Awaken Church. Bei der Einleitung zu ihrer Predigt meinte Susanna Bigger noch, wie eingeschüchtert sie war, als sie die „perfekt“ aussehende Leanne ansprechen und einladen sollte. Jesus erinnerte sie jedoch daran, selbstbewusst zu sein mit den Worten: „Wer ist in dir drin? Welches Blut fliesst in dir?“. – Ist Jesus Feminist und erinnert Frauen daran sich nicht voneinander einschüchtern zu lassen, sondern gegenseitig zu unterstützen?

Leanne Mattheaus erzählte dann, wie der Geist der Angst und Beleidigung besonders in diesem Jahr durch die Welt gingen. Ihre Lösung gegen diese Geister sei „Vergebung“. Ein kurzer Blick in ihre Social-Media-Profile zeigt, dass sie eine sehr konservative Meinung vertritt und dies in einer moderner Optik präsentiert.

Von Frauen für Frauen

Die Ladies Lounge wird speziell Frauen angepriesen und bis auf Leo Bigger waren auch nur Frauen im Programm enthalten. Im Live-Chat meldeten sich zudem Männer zu Wort, die auch an der Ladies Lounge teilnahmen und herzlich von allen begrüsst wurden. Diesem Live-Chat entnahm ich, dass sich viele Zuschauerinnen sehr wohl fühlten und die Ladies Lounge genossen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Teilnahme, insbesondere vor Ort, Zusammenhalt, Zugehörigkeit und Wohlbefinden unter den weiblichen Mitgliedern schafft.

Der Inhalt des Programms sprach mich als Frau jedoch nicht wirklich an. Die Predigten waren allgemein gehalten und auch die Botschaft des gesamten Anlasses „Go Further“ spricht alle Geschlechtergruppen an. Bis auf ein paar wenige, persönliche Erzählungen von Schwierigkeiten während Schwangerschaften oder Geburten wurden keine Themen und Probleme behandelt, die Frauen spezifisch ansprechen. 

Dafina Gash, November 2020

«Die Leuchtsterne der Friedensbewegung» – Onlinekurs mit Daniele Ganser

«Beleuchte zusammen mit Daniele Ganser die drei Leuchtsterne des 21. Jahrhunderts» – so wirbt die Veranstalterin «Die Quelle» für den Onlinekurs von Daniele Ganser. In vier kostenlosen Lektionen à je 20 Minuten soll die Friedensbewegung durch den selbsternannten Friedensforscher und studierten Historiker Daniele Ganser gestärkt werden. Das Seminarzentrum «Die Quelle», dass für ihre Angebote im esoterischen Bereich bekannt ist, organisiert den Kurs. Ganser, dem wiederholt die Verbreitung von Verschwörungstheorien vorgeworfen wird, scheint sich somit immer mehr in esoterischen Kreisen zu bewegen.

«Daniele Ganser persönlich»

Früh am Samstagmorgen bekomme ich eine E-Mail: das erste Video des Onlinekurses von Daniele Ganser ist aufgeschaltet! Der Titel des ersten von insgesamt vier Modulen, «Daniele Ganser persönlich», lässt die Erwartung aufkommen, einen intimen Einblick in das persönliche Leben von Ganser bekommen zu können. Stattdessen folgen lediglich Informationen, die auch in einer kurzen Google-Recherche über Ganser gefunden werden können. Während er erzählt, sitzt er in einem hellblauen Hemd vor einem vollen Bücherregal, dass verschwommen ist. Nur ein Buch ist erkennbar: sein im April 2020 erschienenes Buch «Imperium USA – Die skrupellose Weltmacht». Die Kamera wechselt ab und an zwischen zwei Perspektiven, ansonsten passiert in den Videos nichts. Die Aufmerksamkeit ist somit vollständig auf Gansers Worte gerichtet.  

Historische Fragestellungen?

Daniele Ganser stellt sich sofort zu Beginn als Historiker vor. Dabei treiben ihn vor allem folgende Fragen umher: Warum gibt es Krieg? Wie können wir Frieden finden? Wie können wir Frieden in uns selbst finden? Besonders die letzte Fragestellung würde wohl nicht ins Forschungsfeld eines Historikers fallen. Sodann stellt er sein Buch «Imperium USA» vor, dass auch im Hintergrund ersichtlich ist. Das Buch ist an alle Menschen gerichtet, die Krieg, Terror, Folter und Kriegspropaganda aus tiefstem Herzen ablehnen und sich mit Ausdauer und Freude für den Frieden einsetzen. So sei auch dieser Kurs an jene Menschen gerichtet, mit dem Ziel, die Friedensbewegung zu stärken. Zuerst wolle er aber seinen persönlichen Weg zur Friedensbewegung erläutern.

Die kritische Hinterfragung

Eine der Hauptaussagen in seiner Arbeit ist, dass der Mensch durch Informationen gesteuert wird. Dies hat er bereits in seinem Studium der Geschichte in Basel gemerkt. Als er mit seinem naiven Blick auf das Thema Information begann zu studieren, merkte er schnell, dass verschiedene Professoren (die weibliche Form, die für einen öffentlichen Auftritt eigentlich selbstverständlich sein sollte, braucht er nie), verschiedene Dinge erzählten. Es sei alles eine Sache der Perspektive, sodass der Mensch immer hinterfragen muss: was stimmt denn jetzt eigentlich? Dies hat er auch beim Verfassen einer Seminararbeit über die Kubakrise gemerkt. Verschiedene Bücher beleuchten unterschiedliche Blickwinkel und lassen Dinge aus. Dass nicht alles thematisiert werden kann in einem Buch sei völlig legitim, das Problem wäre nur, dass man nicht wissen könne, was ausgelassen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt des Onlinekurses sind die Aussagen Gansers völlig berechtigt. Das kritische Hinterfragen ist ein integraler Bestandteil eines jeden Studiums. Man muss dabei bedenken, dass Ganser sicherlich kein schlechter Geschichtsstudent gewesen sein kann, da er in der Hierarchie der Universität hochgestiegen ist, wozu nicht jede Person fähig ist. Problematisch wird es erst, als er zu seinen Thesen zu den 9/11-Terroranschlägen kommt.

Superheld Ganser

Gansers steile Thesen zu den 9/11-Terroranschlägen sind wohl der Hauptgrund für dessen Bekanntheit in der Schweiz. Er erläutert sie nochmals kurz im Video, ist aber vergleichsweise ziemlich vorsichtig mit seinen Behauptungen. Er weiss wohl nach den zahlreichen negativen Reaktionen, die er zu diesem Thema bekommen hat, wie er seine Worte bündeln muss. So lässt er es darstellen, als ob er bloss einen anderen Blickwinkel aufzeigen möchte, damit sich die Bevölkerung selber ein Bild machen kann. Darauf habe sie nämlich ein Recht, sodass Ganser der Held ist, der dies ermöglicht. Im Video kommt er auch auf die Folgen seiner Thesen zu den Anschlägen zu sprechen. Er wurde angeklagt, Verschwörungstheorien zu verbreiten und diffamiert, was geschmerzt hat. Als Ganser auf dieses Thema zu sprechen kommt, ändert sich weder sein Gesichtsausdruck noch seine Tonlage. Es scheint, als ob er sich mit den negativen Reaktionen abgefunden hätte. Nach diesen Ereignissen verliess er seinen damaligen Arbeitsort, die ETH Zürich, da er sich den Rücken nicht verbiegen und «weiterhin die Wahrheit erzählen» wollte. Dies sei keine einfache Aufgabe und um dabei fröhlich zu bleiben brauche man ein Instrument: die Achtsamkeit.

Von Achtsamkeit und Kriegspropaganda

In seinem zweiten Video erläutert Ganser die Wichtigkeit der Achtsamkeit. Das Prinzip der Achtsamkeit ist in der heutigen Zeit omnipräsent, jedoch vor allem in esoterischen Kreisen anzutreffen. Ganser bewertet die Achtsamkeit als «Leuchtstern der Friedensbewegung». Dabei folgt er der Argumentationslinie, dass Krieg organisiert ist und in den Medien durch Kriegspropaganda getrieben wird. So wird Angst, Wut und Hass erzeugt, was die Zutaten für Krieg sind. Es ist unmöglich Kriegspropaganda zu stoppen, man kann jedoch kontrollieren, wie darauf reagiert wird. Die eigenen Gedanken und Gefühle sollen beobachtet werden, sodass man nicht in Hass fällt. Fazit: man solle die Achtsamkeit auf Kriegspropaganda anwenden. Ganser erläutert daraufhin diverse Übungen, in denen die Achtsamkeit trainiert werden kann. So beispielsweise unter der kalten Dusche, wo der Verstand sich selbst Angst macht, da kalt duschen gefährlich sein könnte. Wenn man seinen Verstand jedoch achtsam beobachtet, merkt man, dass dieser Unrecht hatte und dass kalt duschen gar kein Problem darstellt. Man soll also immer nach Innen gehen, wenn Aussen etwas passiert.

Friedensforscher brüllen nicht

Weitere Beispiele von Übungen machten weniger Sinn oder wurden ungenügend ausgeführt, um die Rolle der Achtsamkeit darin explizit zu sehen. Früher wollte Ganser unbedingt, dass die Kinder um 20.45 Uhr im Bett waren, damit er um 21 Uhr bereit für den Anpfiff der Fussballspiele der Champions League war. Wenn dies nicht der Fall war, erhob er manchmal die Stimme worauf seine Tochter sagte: «Du musst jetzt nicht rumbrüllen, du bist ja der Friedensforscher.» «Schachmatt», schmunzelt Ganser.

«Glaube nicht alles was du denkst»

Der Geheimtipp Gansers lautet: «Glaube nicht alles was du denkst». Man solle sich nicht in den eigenen Gedanken verkrampfen, denn dies würden nur Fanatiker machen und ein Fanatiker enthauptet Menschen, die eine Gegenmeinung äussern. Ob Ganser hier auf die Ereignisse um den Französischen Lehrer Mitte Oktober 2020 Bezug nimmt, bleibt offen. Stattdessen nimmt er als Beispiel die Religionskriege zwischen Reformierten und Katholiken und, um seinen Aussagen mehr Gewicht zu geben, sagt er: «Ich spreche hier als Theoretiker». Man solle also achtsam mit den eigenen Gefühlen und Gedanken umgehen, den dies wäre ein zentrales Element für den Frieden. Zum Schluss des Videos schaut er sehnsüchtig in die Ferne und sagt: «Wenn ich mir etwas wünschen könnte für die Friedensbewegung, dann ist es mehr Achtsamkeit».

Die Menschheitsfamilie

Zu Beginn des dritten Videos meldet sich Ganser wieder als Historiker. Durch historische Untersuchungen habe er gesehen, dass vor einer Tötung immer die Abwertung des Opfers geschehe. Somit sei das Wort «Menschheitsfamilie» enorm wichtig. Jeder Mensch auf der Erde, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, Bildung, Religion oder Vermögen, gehört zu dieser Menschheitsfamilie und in der Familie gilt die Regel, dass man verschiedene Ansichten vertreten darf aber einander nicht töten soll. Diesen Abschnitt liest Ganser aus «seinem Buch», wie er es nennt, anstatt den tatsächlichen Titel anzugeben. Mit einem extremen Beispiel versucht er das Prinzip der Abwertung, Tötung und Menschheitsfamilie zu erklären: den Atombombenabwürfen durch die USA auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945. Im 2. Weltkrieg wurden die Japaner von den Amerikanern aus der Menschheitsfamilie ausgeschlossen, indem sie als Affen bezeichnet wurden. Daraufhin geschah das Kriegsverbrechen, dass ein Ausmass hatte wie noch nie zuvor – insgesamt ca. 100’000 Tote in 2-3 Sekunden und weitere unzählige Tote durch Folgeschäden. Solche Verbrechen haben immer denselben Auslöser: ein Land, dessen Bevölkerung und/oder Herrscher werden von der Menschheitsfamilie ausgeschlossen.

Erfolgreich diskutieren!

Sobald man diesen Mechanismus verstanden hat, kann man der Friedensbewegung helfen. Immer wenn jemand ausgeschlossen wird, muss man daran denken, dass diese Person auch zur Menschheitsfamilie gehört. Dasselbe gilt, wenn man sich über jemanden beklagt. So erläutert Ganser einen Dialog mit seiner Frau, wo er sich über jemanden beklagt hat aber am Schluss sagte: «Er gehört auch zur Menschheitsfamilie». Was wie eine Lektion aus dem Kindergarten klingt, rundet Ganser etwas unpassend ab, indem er die Regel betont, dass man sich in der Familie nicht gegenseitig tötet. Bei Kriegen wird trotzdem immer wieder erzählt, dass diese dazu dienen würden, Gewalt zu beenden. Ganser räumt hier aber, wieder als Historiker wie er betont, ein, dass dies ein Irrtum sei. Er habe alles gelesen, alles studiert – eine etwas steile Behauptung – und könne klar sagen, dass Gewalt nicht durch Gewalt ausgelöscht werden kann. Am Ende des Videos gibt Ganser einen Tipp für den Alltag: wenn über einen Krieg diskutiert wird, über den man nicht viel weiss, und man sich dennoch äussern möchte, solle man einfach sagen, dass alle Beteiligten zur Menschheitsfamilie gehören.

Macht oder Ohnmacht?

Das vierte Video ist mit dem Titel «Macht» beschrieben, es stellt sich aber ziemlich schnell heraus, dass genau das Gegenteil behandelt wird: die Ohnmacht. Leute in der Friedensbewegung würden sich nämlich oft machtlos fühlen, da sie ihre Achtsamkeit auf Dinge richten, an denen sie sowieso nichts ändern können. Stattdessen sollte man seinen Fokus auf etwas richten, dass man beeinflussen kann. So ist es beispielsweise möglich, das eigene Bewusstsein zu verändern, indem man ein Buch liest. Dies könne zwar keine Kriege verhindern, dafür fühle man sich danach weniger machtlos. Als zweiter Schritt soll aktiv entschieden werden, welche Medien konsumiert werden. Ganser spricht sich hier gegen den Fernseher aus, welchen er als «Propagandaprodukt» bezeichnet, und schlägt ein digitales Timeout vor. Zudem soll man sich überlegen, welche Zeitung gelesen wird, denn man hat die eigene Macht über die Informationskultur. Auch was man isst, kann beeinflusst werden, so empfiehlt Ganser beispielsweise teures Gemüse zu kaufen statt jenes mit Giftstoffen. Dabei vergisst er in seiner privilegierten Lage, dass nicht jede Person das Geld dazu hat. Man hat auch die Macht zu entscheiden, über was man sprechen will. So soll stets Verantwortung für das eigene Leben, die Gedanken und Gefühle übernommen werden. Ohne Verabschiedung beendet Daniele Ganser damit seinen Onlinekurs.

Onlinekurs zur Rekrutierung?

Ich hatte verschiedene Erwartungen an den Kurs, die sich vor allem in Richtung Verschwörungstheorien bewegten. In der Realität war er jedoch eher esoterisch, was unter anderem an der Veranstalterin gelegen haben könnte. So lag der Fokus auf der Achtsamkeit und der Verantwortung des Individuums nach dem Prinzip: Veränderung beginnt immer bei uns selbst. Dabei wurden viele Themen angesprochen und diverse Beispiele erläutert aber etwas Konkretes kam dabei nicht wirklich heraus. Oft kam Ganser auch nicht ganz zum Punkt oder beendete seine Überlegungen nicht. Insgesamt, wenn man Daniele Gansers Name und seine sonstigen Aussagen nicht kennen würde, hätte dieser Onlinekurs einen einigermassen seriösen Eindruck gemacht. Ganser stellt sich als Historiker dar, der den Krieg ablehnt, Informationen kritisch hinterfragen möchte und sich in der Achtsamkeit übt. Dabei hat mich aber das Gefühl nicht verlassen, dass er mit diesen eher milden Aussagen neue Menschen ansprechen möchte, die sich daraufhin mit seinen restlichen, nicht-so-milden Aussagen, auseinandersetzen und sich ihm idealerweise anschliessen.

Louisa Bernet, Oktober 2020

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Lexikoneintrag zu Daniele Ganser

Besuch bei der City Church – Jesus Worship mit Mindestabstand

Die City Church ist eine neocharismatische Einzelgemeinde in Mitten der Stadt Zürich. An der Ankerstrasse 112, in einem Innenhof nicht weit von der Langstrasse, besuchte ich am 18.10.2020 die „Celebration“ der City Church.

Eintreffen

Vor dem Eingang zum Innenhof, umgeben von Restaurants und Nachtbetrieben, deutet ein grosser City Church – Banner den Weg zur Kirche. Das Gemeindehaus ist ein unscheinbares, rechteckiges Gebäude, das sich durch weitere Banner zu erkennen gibt. Zum Gottesdienst führt eine steile Treppe nach unten. Vor dem Eingang zum Saal gab es zwei Stände. An einem wurde ich freundlich begrüsst und sollte meine Kontaktdaten für das Contact Tracing angeben. Am anderen Tisch hatte ich die Möglichkeit eine kostenlose Hygienemaske zu beziehen und diese zu beschriften. Während Besucher/-innen auf ihre Masken „I LOVE JESUS“ oder „Pray“ schrieben, entschied ich mich meine eigene Maske zu verwenden.

Der fensterlose Raum bestand aus einer kleineren Bühne und einzelnen Stühlen. Ich wählte einen Platz im Hintergrund und wurde von ein paar Personen, insbesondere der Kirchenleitung begrüsst. Mit einer Frau unterhielt ich mich etwas länger und sie bot mir an, das Newcomer-Seminar der Kirche zu besuchen. Sie erzählte mir auch über „MEOS“, ein freikirchlicher Verein, der interkulturelle Gemeindearbeit leistet, über dessen Onlineshop ich christliche Literatur in Fremdsprachen beziehen könne. Nach dem Gottesdienst sollte ich auch unbedingt noch bleiben und vom kostenlosen Cappuccino Gebrauch machen. Spoiler: Obwohl die Dame nett war, verliess ich die City Church nach Ende des Gottesdienstes, bevor sie mich nochmals ansprechen konnte.

Das Publikum war sehr divers. Es waren Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und aus unterschiedlichen Altersgruppen vertreten. Insgesamt nahmen etwa 50-60 Personen am Gottesdienst teil.

Jesus Worship

Der Raum füllte sich schnell und der Gottesdienst begann mit dem „Worship“. So ertönte Lobpreismusik (Contemporary Worship Music) auf Schweizerdeutsch, gespielt von der eigenen Hausband und mit Textangabe auf mehreren Bildschirmen zum Mitsingen. Leadsänger ist Marcel Brennwald, der gemäss Angaben auf der Homepage auch die Worship-Leitung trägt. Die Musik war, besonders gesanglich, ziemlich gut und könnte aus einer Spotify-Worship-Playlist sein. Durch laute Aufrufe aus der Gemeindeleitung mit „Halleluja“ und „Amen“ war der Auftakt gelungen und die Besucher/-innen waren sichtlich berührt. Die Begrüssung übernahm Alex Scherrer, der auch in der Gemeindeleitung sitzt. Er freue sich, dass wir alle heute in die Kirche gefunden haben, um Gott zu ehren. Belächelnd schaute er die Schutzmaske in seiner Hand an. Er sei etwas wütend über die neuen Massnahmen, aber da sich mehr als 30 Personen im Raum befinden, müssen die Bestimmungen über Mindestabstand und Maskenschutz eingehalten werden. Die Bestuhlung sei deshalb mit Absicht versetzt und so sollen wir alle aufstehen, die Arme austrecken und uns drehen. Sofern wir niemanden berühren, sei der Radius des Mindestabstands von 1,50m erreicht und wir dürfen die Maske abnehmen. Da meine Arme keine 1,50m lang sind und meine Sitznachbarn zu dicht neben mir sassen, beschloss ich, als eine der ganz wenigen, meine Maske anzubehalten. In ein paar Stunden fand eine Medienkonferenz des Bundesrats statt und Scherrer forderte das Publikum auf, für unsere Regierung zu beten. So begab sich Scherrer in die Knie und es beteten alle gemeinsam, dass gute Entscheide getroffen werden.

Die Aufmerksamkeit kehrte danach wieder zu Jesus Christus zurück. Scherrer spürt das Evangelium im Raum und wir sollen alle die Augen schliessen, damit wir auch Jesus Christus fühlen. Alle folgten diesem Rat und nickten mit ihren Köpfen. Es folgte ein neues Lied, dieses Mal auf Englisch. Die Besucher/-innen sangen mit und streckten ihre Arme weit auf, um Jesus zu empfangen. Ein paar standen dafür auf, andere blieben auf ihren Stühlen sitzen und wieder andere gingen auf die Knie. Gemeindeleiter und Pastor Hansjörg Stadelmann schwenkte eine Flagge, auf der gross „Jesus“ stand. Er meinte auch, dass alle laut mitsingen sollen. Durch das laute Verkünden unserer Botschaften würden wir frei.

Predigt zur Erweckung

Nach Beendigung des Worships, verliess die Band die Bühne und Pastor Stadelmann leitete die Predigt ein. Sie behandelten momentan das Buch Haggai und in der heutigen Predigt befassen sie sich mit der Erweckung. Eher ungewohnt und anders als in anderen Gottesdiensten startet die Predigt interaktiv. Die Besucherinnen sollen sich über die Bedeutung der Erweckung unterhalten und danach wurden die möglichen Definitionen laut verkündet. Stadelmann nimmt die Vorschläge des Publikums zustimmend an und bietet noch seine Definition an: „Erweckung bedeutet, dass der Geist Gottes unseren Geist erweckt und wir ununterbrochen in den Werken Gottes laufen.“ Er ging auf verschiedene Bibelverse ein und nannte schliesslich vier Schritte, die es für eine Erweckung braucht. Unter anderem benötigt es ein Wort des Herrn, Offene Herzen sowie Menschen, die den Willen Gottes tun und solche, die im Willen Gottes bleiben. Durch die Vollendung des vierten Punktes werden Menschen zu Jüngern gemacht und das Evangelium kann weiter verbreitet werden. Die ca. 50 Minuten lange Predigt kann unter diesem Link aufgerufen werden.

Ausklang

Die Band begab sich wieder auf die Bühne und es wurden mehrere Lieder zur Anbetung Jesu auf Schweizerdeutsch und Englisch gesungen. Neben mir spielte sich eine mir etwas ungewohnte Szene ab. Eine Frau betete für ihre Kollegin auf Portugiesisch und hielt ihre Hände fest, während diese laut weinte. Nach dem Gebet trocknete sie ihre Tränen und ging erfreut auf ihren Platz zurück. Andere begaben sich zur Seite der Bühne und nahmen das Abendmahl zu sich. Eine Person ging noch auf die Bühne und verkündete kurz das persönliche Zeugnis und, dass er nun glücklich sei.

Die Band meinte, dass der Gottesdienst zu Ende ist. Sie würden jedoch weiter spielen und alle seien herzlich willkommen mit ihnen Jesus anzubeten. Die Ersten verliessen bereits den Gottesdienst und so machte ich es diesen Besucher/-innen nach und begab mich zum Ausgang.

Dafina Gash, Oktober 2020

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Lexikonbeitrag City Church

«Ich sage als Wahrsager schlicht und einfach die Wahrheit» – Zum Tod von Mike Shiva

Der berufene Wahrsager

Mit Mike Shiva ist am 11. September 2020 der bekannteste Wahrsager der Schweiz verstorben. Im Jahr 1964 als Michel Wehner in Basel geboren, machte Mike Shiva schon als 16-Jähriger mit Hypnoseshows und als «jüngster Wahrsager der Schweiz» Furore. Mike Shiva sah sich berufen, im esoterischen Bereich tätig zu sein, wie er in seiner vor zwei Jahren erschienenen Autobiographie berichtete: Er erachte «diese spirituelle Tätigkeit als Lebenaufgabe, oder, modern gesagt, als Lifestyle. … Ich fühlte einfach, dass es von einer höheren Warte her gewünscht wird. Genau aus diesem Grund habe ich mit sechzehn Jahren keine Lust gehabt, einen richtigen Beruf zu erlernen, sondern den Wunsch, mich dem spirituellen Leben zu widmen» (Mike Shiva, Ich – Mike Shiva. Die Wahrheit über die «Wahrheit». Bern 2018, s. 42f).

Mike Shivas Geistname

Für seine Tätigkeit nahm er seinen Geistnamen Mike Shiva an, den er später auch als bürgerlichen Namen eintragen liess, und folgendermassen erklärte: «Klingt doch schön und speziell, oder? Zum Namenswechsel entschied ich mich damals aus diversen privaten Gründen. Nun ja, Shiva – denken die Leute -, das hat was mit Indien und mit dem Gott Shiva zu tun. Aber nein, mit der indischen Kultur und dem Hinduismus verbindet mich nichts. Wenn schon, wäre mir der friedfertige Buddhismus näher.» (Shiva, Ich, s. 10).

Der bekannteste Wahrsager der Schweiz

Insbesondere mit seinem Fernsehsender «Mike Shiva TV», später nur noch «Shiva TV», wurde Mike Shiva in den 2000er- und 2010er-Jahren zum bekanntesten Wahrsager der Schweiz. Vielfach diente sein Name gar als Wechselbegriff für Divination. Wenn Esoteriker betonten, selbst nicht in die Zukunft zu schauen, konnten sie das ausdrücken mit «Ich bin kein Mike Shiva». Mike Shivas Bild in Vorträgen und Kursen an die Leinwand zu projizieren war ein ebenso sicherer Lacher wie die Erwähnung von Uriella.

Mike Shiva und die Religion

Im Gegensatz zu Uriella hatte Mike Shiva kein Bedürfnis, Menschen an sich zu binden. Zwar war er überzeugt davon, über die Fähigkeiten zu verfügen, welche die Begründung einer religiösen Gemeinschaft benötigt: „Ich würde das gar nicht so abwegig finden, weil ich überzeugt bin, dass ich so noch mehr Leute ansprechen könnte, um sie auf lockere und entspannte Art und Weise zum Guten, zum Licht und zum Göttlichen zu führen. Aber ich bin nicht der Typ, der Lust hat, solch eine Organisation aufzubauen.“ (Shiva, Ich, s. 115)

Shiva betonte, keiner Kirche oder Religion anzugehören, aber die Gebote des Christentums zu achten und die Philosophie des Buddhismus zu schätzen. Er vertrat ein esoterik-nahes Gottesbild und stand der Lehre der Reinkarnation positiv gegenüber.

Mike Shiva – der Menschenkenner

Mike Shiva war genial darin, die Erwartungen seiner Gesprächspartner wahrzunehmen. Diskutierte er mit Menschen, welche dem Wahrsagen kritisch gegenüberstanden, – so etwa bei einer Podiumsdiskussion mit Sektenfachpersonen im März 2009 – betonte er seine Menschenkenntnis und Empathie und meinte, auf die Karten eigentlich gar nicht angewiesen zu sein. Seinem esoterischem Publikum gegenüber hielt er an der Wirksamkeit des Wahrsagens und an seiner Gabe fest: «Die Zukunft vorauszusehen – das ist ein grosser Traum für die meisten von uns. Aber nur wenige können das realisieren, zum Beispiel Wahrsager, Hellseher und Kartenleger – wie ich.» (Shiva, Ich, s. 75) Grundsätzliche Zweifel an seiner Arbeit kannte Mike Shiva nicht: «Ich erreiche eine hervorragende Treffsicherheit – das zeigen die Reaktionen von Klientinnen und Klienten» (Shiva, Ich, s. 84) und «Ich sage als Wahrsager schlicht und einfach die Wahrheit» (Shiva, Ich, s. 84).

Mike Shiva im Test

Im Februar 2002, vor mittlerweile 18 Jahren, konnten wir Mike Shivas divinatorische Fähigkeiten an der Zürcher Esoterik-Messe Lebenskraft testen, an welcher Mike Shiva damals noch als Wahrsager mit einem Stand dabei war. Er bot Beratungen von 20 Minuten Dauer zu einem Preis von 120.- Franken an, und war damit schon damals teurer als andere Wahrsagende, welche üblicherweise 100.- Franken für 30 Minuten verlangten.

Um Mike Shiva fair zu testen, stellten wir damals drei Fragen, die uns wirklich interessierten, und beantworteten jede Rückfrage Mike Shivas korrekt. Wir achteten allerdings darauf, dass wir Mike Shiva nicht von uns aus Hinweise gaben. Wenn er etwas wissen wollte, musste er schon nachfragen.

Die Fragen kamen aus den bei Wahrsagesettings häufigen Bereichen Gesundheit, Beruf und Partnerschaft:

Damals litt ich gesundheitlich an diffusen Symptomen, u.a. im Verdauungsbereich, die Mike Shiva auf falsche Ernährung zurückführte. Eine stärker auf Gemüse aufgebaute Kost würde innerhalb eines halben Jahres Besserung bewirken. Tatsächlich stellte mein damaliger Hausarzt in der Woche darauf eine Virusinfektion fest, die ohne Umstellung auf eine Gemüsediät nach zwei weiteren Wochen abgeklungen war.

Die Schwester meiner Frau, damals bald 18jährig, absolvierte einen Sprachaufenthalt in Kanada. Wir erkundigten uns nach ihrer beruflichen Zukunft und zeigten Mike Shiva wie von ihm gewünscht ein Foto der jungen Frau. Mike Shiva meinte, die Schwester meiner Frau sei psychisch schlecht drauf und würde erhebliche Probleme haben, eine Berufsausbildung zu schaffen. Das beste wäre, wenn sie einen reichen Mann heiraten könnte. Inzwischen hat sie zuerst eine Berufslehre mit Bestnoten absolviert, dann die Matura gemacht, darauf ein Hochschulstudium abgeschlossen und ist nun sehr erfolgreich in ihrem Beruf tätig. Verheiratet ist sie nicht.

Auch von einer Kollegin, die damals Mühe bekundete, den richtigen Mann zu finden, hatten wir ein Bild dabei. «Die ist total egoistisch», meinte Mike Shiva, als er das Bild sah. Sie würde keinen Mann finden, was für die Männer aber auch besser sei. Kurz darauf begegnete unsere Kollegin ihrem Traummann und begründete mit ihm eine grosse Familie.

Einen Wahrsager übers Ohr hauen?

Als Mike Shiva seinen TV-Sender im Jahr 2014 verkaufte, kam es zu Vorgängen, die er selbst so resümmierte, dass er «übers Ohr gehauen worden sei». Wie dem auch sei, kritische Beobachtende fragen sich, wie es denn überhaupt möglich ist, dass ein Wahrsager übervorteilt wird? Er müsste alle Ränke der Gegenseite ja vorhersehen und entsprechend parieren können. Mike Shiva meinte den Medien gegenüber denn auch, dass er «sich selbst ein schlechter Wahrsager war».

Den Tod verdrängen

Ähnliche Fragen stellen sich auch im Zusammenhang mit dem Hirntumor und dem Darmkrebs, an welchen Mike Shiva starb. Bei diesen Diagnosen besteht ja eine gute Prognose bei früher Erkennung. Und wer wäre für die Früherkennung von Krebs besser prädestiniert als ein Hellseher?

In seiner im Jahr 2018 erschienen Autobiographie räumte Mike Shiva ein, dass er das Thema Tod gemieden hat: «Ich persönlich schaue positiv in die Zukunft und lasse mir mein Herz dadurch nicht betrüben. Denn ich finde das Thema auch absolut nicht attraktiv. Deshalb soll man sein Herz und Gemüt nicht mit negativen Gedanken belasten. Und ausserdem denke ich nicht – wie viele sagen -, man müsse sich zur rechten Zeit mit Alter und Tod auseinandersetzen. Deshalb mein Rat: Geniesst doch den Moment und das Leben und tragt Sorge, dass es noch lange so bleibt! Solche Einsichten vermitteln mir meine innere Weisheit und Spiritualität.» (Shiva, Ich s. 61f.)

Georg O. Schmid, 13. September 2020

Lexikoneintrag zu Mike Shiva

Ausstellung: Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze

Die Maag-Halle 622 in Zürich beherbergt noch bis zum 1. November die Ausstellung von Replikationen aus dem Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun. Die Tickets können online vorbestellt werden. Die Besuchenden werden in Abständen von je einer halben Stunde hineingelassen, dabei muss man pünktlich ankommen. Bereits am Eingang wird die Atmosphäre auf Ägypten eingestimmt, Palmen säumen die grossen Pforten. Wir waren unter den ersten Besuchern, trotzdem gab es bereits einige, die sich ebenfalls für die Ausstellung interessierten. 

Beim Eingang wurde den Besuchenden geholfen, das Handy mit dem angebotenen WLAN zu verbinden, denn so konnte es zu einem Audioguide umfunktioniert werden. Ich machte mir etwas Sorgen, da mein Akku eher schwach war, aber am Ende verbrauchte ich nur etwa 4% der Batterieleistung für die Ausstellung insgesamt. Es sind auch normale Museums-Audioguides vorhanden, diese werden nach jedem Gebrauch desinfiziert. Es wird aber wegen derer Anzahl zur Benutzung des Handys geraten. Powerbanks können gemietet, Kopfhörer gekauft werden, falls man wie ich Akkuprobleme hat oder etwas vergessen hat.

Der Eingangsbereich war mit Bildern der Umgebung der Fundstelle im Tal der Könige geschmückt und man wurde mit dem berühmten Rosetta-Stein willkommen geheissen. Der Audioguide bestand aus drei Stimmen, einem Erzähler, einer Ägyptologin und einer Stimme, die den Entdecker des Grabes, Howard Carter, zitierte. Die ersten drei Audios stimmten den Besucher auf das Kommende ein, es wurden generelle Informationen über die Pharaonen, die Fundstelle und die 18. Dynastie der Pharaonen, zu der Tutanchamun gehört, gegeben. Tutanchamuns Vater, Echnaton, hatte in seiner Regierungszeit die erste monotheistische Religion gegründet, indem er Aton, den Sonnengott, zuerst als “Gott über allen Göttern” bezeichnete, die Hauptstadt verlegte und seinen Sohn auch Tutanchaton nannte. In einem nächsten Schritt setzte er die Priester der anderen Götter ab und verfügte, dass nur Aton der Anbetung würdig sei, womit er sich bei der traditionellen Priesterschaft und deren Anhang sehr unbeliebt machte. Es war deshalb kein Wunder, dass sein junger Sohn nach seinem Amtsantritt (der jedoch nicht direkt auf den Tod Echnatons folgte, es gab Jahre einer Zwischenregierung) diese Massnahmen sofort wieder rückgängig machte. Vermutet wird eine Einwirkung der traditionellen Priesterschaft. Der junge Pharao bestieg mit acht Jahren den Thron und änderte darauf seinen Namen zu Tutanchamun (“Lebendes Abbild des Amun” anstelle von Tutanchaton, “Lebendes Abbild des Aton”).

Tutanchamuns Regierungszeit betrug nur 10 Jahre, er verstarb also sehr jung im Alter von 18 Jahren. Lange wurde er als ein verschollener Pharao angesehen, doch die Entdeckung seines bislang fast unberührten Grabes machte ihn zum berühmtesten der Herrscher Ägyptens. Howard Carter, als dessen Entdecker, erlangte ebenfalls Berühmtheit.

Nach der Eingangshalle werden die Besuchenden in einen Kinosaal geschleust, wo ein Film über den Vorgang der Entdeckung des Grabes gezeigt wurde. Es wurde über Carters Kindheit berichtet und sein langer Weg zur Entdeckung des Grabes. Auch wurde der Sponsor der Ausgrabung, Lord Carnavon, vorgestellt. Der Film wurde mittels Audioguide vertont, was interessant war. Es war ein lustiges Erlebnis, in einem Kinosaal zu sein, aber der Ton über Kopfhörer zu erlangen. Dieses Vorgehen war nötig, weil der Kinoraum von den anderen Räumen nur durch Vorhänge abgetrennt war.

Der Film endete mit dem ersten Blick Carters in die Vorkammer des Grabes, die er gerade erst entsiegelte. Sofort wird der Besucher weiter geschleust und man kriegt den ersten Geschmack auf das Kommende. In der Ausstellung werden nämlich zuerst die Grabkammern so gezeigt, wie sie Carter aufgefunden haben solle. Das heisst, alle Replikationen wurden so aufgestellt, wie sie in Carters Dokumentation aufgezeichnet wurden. Dies war sehr eindrücklich und ich musste mich auf den Audioguide konzentrieren, um nicht von den schönen Schätzen abgelenkt zu werden. In den folgenden Abschnitten der Ausstellung wurden die Fundstücke noch einzeln gezeigt, denn natürlich war es schwierig, in der vollgestellten „Kammern“ alles genau zu sehen.

Auf die mit Schätzen gefüllte Vorkammer  und Schatzkammer folgten die vier vergoldeten Schreine der Grabkammer. Diese wurden im Gegensatz zur Vorkammer, die von antiken Grabräubern durchwühlt wurde, versiegelt vorgefunden. Ihre Wände zeigen Szenen, die üblicherweise auf der Wand eines Pharaonengrabes aufgefunden werden, aber Tutanchamun starb unerwartet bevor sein Grab gebaut werden konnte. So konnte seine Reise ins Jenseits trotzdem gewährt werden. Die Wände sind mit Texten aus dem Totenbuch beschrieben: Szenen der Unterwelt, Schutzgötter und die Reise des verstorbenen Pharaos werden dargestellt.

Der Sarkophag des Tutanchamun wurde ebenfalls gezeigt, seine Verzierungen von vier geflügelten Göttinnen an den Ecken zeigen jedoch, dass er vermutlich nicht für Tutanchamun hergestellt worden war, sondern wie schon das Grab selbst durch den frühen Tod des Pharaos für ihn umfunktioniert wurde. Die Mumie selbst war in drei Särge gelegt, die alle in der Form des Pharaos dargestellt worden waren. Jeder ist individuell gekleidet und verziert, alle vergoldet und zum Teil mit Glas und Schmucksteinen belegt, doch sind alle mit den königlichen Insignien versehen. Die Ausstellung legte den innersten Sarg auf einen Spiegel, sodass die Besucher auch die Rückseite betrachten können, denn die Nachbildung der Mumie wurde mit dem innersten Sargboden zusammen aufgestellt.

Schliesslich wurde die berühmte Totenmaske gezeigt, die auch das Titelbild der Ausstellung ziert. Sie ist vermutlich ein Idealbild des Pharaos. Sie ist aus Gold gearbeitet und mit blauem Glas bestückt. Die Augen sind aus Obsidian und weitere wertvolle Steine schmücken Details. Der Kragen bildet den Sonnenuntergang nach.

Auf dem Rücken der Maske befinden sich Texte, die Körperteile mit Gottheiten gleichsetzt. So sind die Augen, die Augenbrauen, der Scheitel, der Hinterkopf, die Finger und die Haare genannt. Interessant ist, dass die Mumie goldene Finger- und Zehenschütze aufweist.

Damit war der Kontext des Grabes gezeigt und es wurden in den folgenden Räumen einzelne Fundstücke genauer beschrieben und gezeigt. Die Kanopen, Gefässe für die Eingeweide der Toten, sind von einem Anubis auf einem Schrein beschützt und in einem goldenen Schrein von vier Göttinnen umringt. Bei Tutanchamun ist speziell, dass diese Kanopen ebenfalls Mini-Särge sind. Ausserdem wurden im Grab noch die Mumien der Kinder des Tutanchamun gefunden. Sie waren beide vor oder kurz nach der Geburt verstorben, eines wurde zu früh geboren. Auch Dienerstatuen, sog. Uschebtis, und Schiffsmodelle, die das Leben im Totenreich erleichtern sollten, wurden gefunden.

Weitere Schätze waren die vergoldeten Streitwagen, zeremonielle Waffen, Kosmetikartikel, Nahrung und ein weiteres Prunkstück: der Thron des Tutanchamun, auf dem abgebildet seine Frau und (Halb-) Schwester Anchesenamun seine Schulter zärtlich mit Salbe einreibt. Auch wurden in der Schatzkammer zahlreiche versiegelte Kisten gefunden, die goldene Götterstatuen enthalten, darunter auch einige des Tutanchamun selbst. Da der Pharao nach seinem Tod wahrhaftig zum Gott wurde und schon zu Lebzeiten göttlichen Rang genoss, sind Statuen vom Pharaonen unter den Göttern keine Seltenheit.

Der ägyptische Totenkult

Als Pharao war Tutanchamun der lebende Gott, die Verbindung zu den Göttern unter den Sterblichen. Nach seinem Tod wird er zum richtigen Gott. Dem Glauben nach ist der Körper des Verstorbenen ein Teil des Jenseits, denn der Geist besucht den zurückgelassenen Körper immer wieder. Der Mensch setzt sich aus sechs Aspekten zusammen.  Zu den drei weltlichen, sterblichen Aspekten gehören die Körperhülle (Chet), der Name (Ren) und der Schatten (Schut). Darüber hinaus gab es drei geistige, unsterbliche Aspekte im Menschen: Ka, Ba und Ach. Das Ka versorgt den Menschen mit der Nahrung, die er im Jenseits braucht. Es ähnelt ihm wie ein Bruder. Das Ba ist mit dem Herzen des Menschen verbunden, verlässt den Körper nach dem Tod und kann nur zu ihm zurückkehren, wenn es ihn wieder erkennt. Mit dem Ba verschwindet auch die Persönlichkeit des Menschen. Mit seiner Hilfe kann der Mensch wie ein Vogel am Tag die Welt der Lebenden besichtigen. Im Ach vereinten sich diese Teile durch die Körperhülle. Durch ein Ritual während der Bestattung, das sogenannte Mundöffnungsritual werden die Toten wieder befähigt, die Sinne benutzen und erneut Nahrung aufnehmen zu können.

Somit ist die Mumifizierung ein wichtiger Teil des Sterbens, denn nur so kann die Erhaltung garantiert werden und das ewige Leben im Tod stattfinden. Der Prozess dauert 70 Tage und dabei werden zuerst die Organe entfernt und separat konserviert. Sogenannte Kanopen enthalten die vier Hauptorgane: Lunge, Milz, Leber und Darm. Diese besitzen jeweils eine Schutzgottheit, die auch bei Tutanchamun die Kanopen zieren oder bei älteren Mumien einfach genannt werden. Nach der Reinigung der Organe werden diese in den Kanopen beigelegt. Das Herz und die Nieren bleiben im Körper, das Gehirn wurde zum Teil entfernt.

Nach der Entfernung der Organe wurde der Körper in ein Natronbad gelegt und die leeren Stellen der Organe ebenfalls mit Natron gestopft. Somit wurde die Verwesung durch die Entfernung aller Flüssigkeit verhindert. Nach einer Zeitspanne von ungefähr 40 Tagen wurde die Mumie in ein Balsambad gelegt, um die Haut geschmeidig zu machen. Danach wurde der Körper mit Einbalsamierungsflüssigkeit gefüllt und mit Leinen oder Sägespäne die Organhöhlen ergänzt. Die Augen wurden ersetzt.

Danach folgte das sorgsame Einbalsamieren, jedes Glied wurde einzeln eingebunden bis schliesslich die bekannte Mumie entsteht. Zudem werden Amulette, Schmuckstücke und die Totenmaske mitgegeben. Die Totenmaske ist nur bei sehr reichen und mächtigen Menschen aus wertvollen Materialien. Bei anderen weist sie lediglich eine Karton-artige Konsistenz. Natürlich gilt dies für weitere Teile des Mumifizierungsprozesses, ärmere Leute müssen mit weniger wertvollen Prozessen zufrieden sein. Die ganz armen konnten sich den Vorgang nicht leisten. Durch ein Begräbnis in der Wüste konnte eine Art Mumifizierungsprozess für Ärmere erreicht werden. Man versuchte, mit den Toten in Kontakt zu bleiben. Feste wurden in den Namen der Toten veranstaltet und auch Briefe an die Toten waren keine Seltenheit.

Das Leben nach dem Tod verläuft für die Verstorbenen genauso wie vor dem Ableben: es gibt Arbeit, verrichtet werden muss, denn der ewige Wohlstand des Jenseits kommt nicht von alleine. Man muss schon die Äcker selber bearbeiten. Doch auch hat haben die reiche Schicht der Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil: Die Uschebtis. Diese künstlichen Diener sind immer bereit, dem Ruf des Verstorbenen zu folgen und die Arbeiten an dessen Stelle zu verrichten. Wohlhabende konnten bis zu 365 Uschebtis in ihrem Grab haben, für jeden Tag des Jahres einer. Es gab aber auch Funde mit über 1000 Figuren in einem Grab. Auch die niederen Schichten hatten Uschebtis, doch deutlich weniger.

Der Verstorbene muss das Totenreich, die Duat, aber zuerst finden. Dabei müssen ein grosses Tor durchschritten, ein grosses Gewässer überquert und viele Gefahren überstanden werden. Der Pharao kann mit Re (der Sonnengott) auf dessen Barke fahren, während andere zu Fuss den Weg finden müssen. Der Verstorbene muss sich Tests unterziehen, welche die Rezitation von Namen der bewachenden Dämonen beinhalten. Nur so kann der Verstorbene weitergehen. Doch der grösste Test ist das Totengericht. Osiris, der Gott der ägyptischen Unterwelt, richtet über das Schicksal des Toten. Dabei wird das Herz des Verstorbenen auf eine Waagschale gelegt und als Gegengewicht eine Feder, das Symbol der Maat, der Gerechtigkeit, eingesetzt. Der Verstorbene muss schwören, dass nichts Sündhaftes in seinem Leben geschah. Darauf folgt eine erneute Rezitation der 42 Götter, die dem Totengericht beiwohnen. Ist die Waagschale mit dem Herz leichter als die Feder, so kann der Verstorbene ins Totenreich kommen. Ist das Herz jedoch schwerer, so wird es vom Ammit, einer hungrigen Gottheit, verschlungen. Ohne das Herz ist dem Verstorbenen ein Eintritt in das Jenseits verwahrt und der Verstorbene kommt ins Reich der ewigen Qualen. Kopfüber stehen die Toten für lange Zeit, bis sie schliesslich wieder vom Körper getrennt und die einzelnen Aspekte vernichtet werden. Dies bedeutet der endgültige Tod und die schlimmste Strafe.

Die Replikation der einzelnen Kammern ist sehr speziell und das Gefühl der Freude des Entdeckers Carter stellt sich ein. Es wird gut vorstellbar, wie er sich damals gefühlt haben musste. Die Atmosphäre ist am Anfang etwas dunkel, vor allem vor und nach dem Film, teilweise ist es etwas schwierig, die Anschriften zu lesen, wenn sie nicht gerade direkt beleuchtet sind. Dies ist jedoch nur an wenigen Stellen der Fall, ansonsten kommen die Besuchenden zu sehr viel Information. Ich habe hier nicht alles aufgeführt, es wurde zum Beispiel auch über den Tod des Tutanchamun spekuliert und neueste Forschungsergebnisse aufgeführt.

Die Ausstellung war sehr informativ und spannend, die Audioguides gaben eine abwechslungsreiche Ansicht auf die einzelnen Stücke. Durch Corona sind die Besucherzahlen beschränkt, was nur ein Vorteil sein kann, denn so hat man genug Zeit, sich die Replikationen genau anzuschauen, denn es gibt sehr spannende Details auf die zum Teil beim Audioguide selbst hingewiesen wird. Die Ausstellung ist auch für junge Besucher interessant, doch vielleicht haben nicht alle die Energie durch die 18 Audio-Stationen zu gehen. Es lohnt sich aber, wenn man sich die Zeit nimmt und alles anhört. Die nach Themen geordneten Stationen im zweiten Teil der Ausstellung, der Film und die volle Grabansicht sind sicherlich lohnend für alle an der ägyptischen Geschichte interessierten Personen.

Alain Liechti, 10. September 2020

Besuch im Buddhist Vihara in Lenzburg

Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 1. September 2020 einen Meditationsabend im sri-lankisch buddhistischen Kloster Buddhist Vihara in Lenzburg.

Ein durchschnittliches Schweizer Einfamilienhaus

Ein kurzer Fussmarsch vom Bahnhof Lenzburg den Gleisen entlang führte zum sri-lankisch buddhistischen Kloster «Buddhist Vihara Zurich». Ich hatte im Vorhinein keine konkreten Erwartungen oder Vorstellungen an das Aussehen des Klosters, war aber dennoch überrascht über das ganz normal aussehende Schweizer Einfamilienhaus, dessen Garten noch hinter Büschen versteckt war. Dahinter ragten drei grosse Fahnenmäste hoch an denen die Sri-lankische, die Schweizer und die farbige Internationale Buddhistische Flagge hingen. Erst als ich um die Ecke kam und den Stupa entdeckte, zeigte sich das Gebäude als unverkennbar buddhistisch. Ein Stupa ist ein Bauwerk, dass den Buddha selbst, sowie seine Lehre, den Dharma, symbolisiert. Der grosse weisse Stupa des Buddhist Vihara Zürich war mit goldigen Tüchern dekoriert und lenkte meinen Blick regelrecht auf sich.

Namasté

Ich betätigte die Klingel des Hauses, hinter welcher das Schutzkonzept gegen das Coronavirus aufgehängt worden war. Ein in Orange gekleideter Mönch mit kahlgeschorenem Kopf öffnete mir die Türe. Indem er seine beiden Handinnenflächen zusammenführte, begrüsste er mich mit der Grussgeste Namasté. Ich tat ihm die Geste nach. Wir beide hielten einen Moment inne. Sofort spürte ich die Ruhe des Klosters, welche mich auch in Reisen nach Südostasien immer wieder in den Bann gezogen hatten. Ich trat in den kleinen Eingangsbereich ein und folgte den Anweisungen des aufgehängten Schildes, wo draufstand «Schuhe ordentlich hinstellen».

Crashkurs Buddhismus

Der Mönch führte mich in den grossen Tempelraum, der eine Küche, einen Esstisch und zahlreiche Bücher beinhaltete. Wir setzten uns zusammen an den Esstisch, wo er sich als Bhante Ariyaseela vorstellte. Bhante Ariyaseela ist sri-lankischer Herkunft, etwa 40 Jahre alt und einer der beiden Mönche mit permanentem Wohnsitz im Kloster. Ich war zu jener Zeit noch die einzige Besucherin des Abends, sodass er sich Zeit für mich nehmen konnte. In einem starken Akzent versuchte er mir innerhalb von 10 Minuten die Grundsätze des Buddhismus zu erklären. Dieser unmöglichen Aufgabe ging er nach, indem er zuerst die fünf Fähigkeiten des Buddhismus aufzählte: Vertrauen, Energie, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Zudem sei die Praxis des Buddhismus zentral. So sei es eine gute Sache, dass ich den heutigen Meditationskurs, in welchem die Fähigkeit Achtsamkeit erlernt werden würde, besuche. Pünktlich um 19 Uhr forderte mich Bhante Ariyaseela dazu auf eine Kerze auf dem Schrein anzuzünden.

Meditation und Lehre

Während unserem Gespräch betrat ein junger Mann westlicher Herkunft den Tempelraum. Offensichtlich war dies nicht sein erster Besuch im Kloster, da er sich sofort vor dem Schrein niederkniete und daraufhin die vielen Kerzen als Vorbereitung für die Meditation anzündete. Auf dem Schrein waren zwei Buddha-Statuen platziert worden. Links sass ein goldiger Buddha, der seine Hände in der Geste der Lehre hielt: Daumen und Zeigefinger der linken Hand halten den Zeigefinger der Rechten. Das Zentrum bildete jedoch ein klassischer Buddha in einem orangen Gewand, dass jenem des Mönches ähnelte. Dieser Buddha legte seine beiden Hände übereinander in der Geste der Meditation. Er wurde links und rechts von einer jeweils gelben und einer blauen Mönch-Statue angebetet. Rundherum war der Schrein mit zahlreichen Blumen und Kerzen dekoriert worden. Die Handgesten der beiden Buddhas symbolisierten unser Vorhaben des Abends – die Meditation und die Lehre.

Meditieren via Skype

Bhante Ariyaseela, der junge Mann, ein weiterer per Skype zugeschalteter Mann und ich sassen zu viert in einem Halbkreis vor dem Schrein. Der Laptop, auf welchem ab und an Geräusche des Mannes hörbar waren, sass auf einem eigenen Kissen. Wir begannen mit der Dhamma-Lehre, indem wir einen Ausschnitt aus dem Pali-Kanon lasen. Dieser ist in der Literatursprache Pali verfasst und beinhaltet die überlieferte Sammlung von Lehrreden des Buddhas. Der Mönch und der junge Mann lasen den Abschnitt in Originalsprache. Obwohl rechts davon die englische Übersetzung niedergeschrieben war, wurde ich abgelenkt durch die Ankunft eines weiteren, in Rot gekleideten, Mönches. Dieser setzte sich zu meiner Linken, verbeugte sich vor der Buddha-Statue und wartete geduldig bis die Lesung der Lehre vorbei war.

Durch Achtsamkeit ins Nirwana

Der neuangekommene Mönch stellte sich als Bhante Tikino Laung Pee Zäm vor. Er ist ein diplomierter Meditationscoach aus Thailand, der im buddhistischen Kloster in Gretzenbach lebt und für die jeweils am Dienstagabend stattfindenden Meditationsabende nach Lenzburg kommt. Seine Aufgabe ist es dabei die Meditation zu leiten und Neulingen wie mir zu erklären. Die Meditationsart des Abends war die Samata-Vipassana Meditation, die Konzentrations-Einsichts Meditation. So soll die Einsicht in die drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Selbst entfaltet werden, sodass das verursachte Leiden überwunden und das Leben ins Nirwana erreicht werden kann. Die Übung der Achtsamkeit ist dabei zentral. Bhante Tikino Laung Pee Zäm nahm sich somit Zeit um mir die Wichtigkeit dieser Praktik zu erklären. So soll die Gegenwart bewusst wahrgenommen werden ohne durch Emotionen, Gedankenströme oder Erinnerungen abgelenkt zu werden. Die Objekte dieser Wahrnehmung, die auf keinen Fall bewertet werden sollen, sind der Körper, die Gefühle, der Geist, sowie die Geistesobjekte. Der Mönch bat uns die Augen zu schliessen.

Möge mein Feind glücklich sein

Als Erstes sollte jedes Körperteil einzeln wahrgenommen werden. So bewegten wir uns in unseren Gedanken von unseren Zehenspitzen aufwärts bis zum Kopf. Die Ablenkung in diesem Teil der Meditation war noch gering, da wir vom Mönch geleitet wurden. Erst als alle Körperteile durchgenommen wurden und wir still dasassen und uns auf den Moment konzentrieren mussten, merkte ich, wie mein Gedankenstrom immer wieder abgelenkt wurde. Der Mönch, dem wohl bewusst war, dass Achtsamkeit geübt werden muss, gab mir ab und an Tipps. So sollte ich beispielsweise meinen Atem kontrollieren, indem ich bewusst mitzählte. Die vergangene Zeit während der Meditation einzuschätzen ist schwierig, da die komplette Stille und Dunkelheit in mir eine gewisse Verwirrung hervorbrachten. Etwa in der Hälfte, nach 30 Minuten, wurden wir angewiesen, uns selbst, einer geliebten Person, einem Feind und schlussendlich der gesamten Welt Glück zu wünschen. Die Wünsche stellten ideal das Bild des gewaltfreien und friedliebenden Buddhismus dar, sodass sogar dem Feind nur das Beste gewünscht wird.

Die Orchideenfarm

Bhante Tikino Laung Pee Zäm forderte uns nach einer Weile auf, die Augen wieder zu öffnen. Mit Staunen stellte ich fest, dass eine ganze Stunde vergangen war, seitdem wir die Augen geschlossen hatten. Es hatte keinen Moment der Langeweile gegeben. Als ich wieder mit geöffneten Augen dasass, fühlte es sich an, als ob ich Sport getrieben hätte. Ich fühlte mich so erschöpft wie nach einem Sprint, obwohl ich in der Realität lediglich eine Stunde mit gekreuzten Beinen am Boden gesessen war. Der Mönch stellte die Schwierigkeit der Achtsamkeit danach bildlich dar. Vor ihm dekorierte eine Orchidee den Boden. Zuhause in Thailand besitzt er eine Orchideenfarm mit Tausenden von Orchideen, sodass Erinnerungen und Gedanken in ihm aufgeworfen werden wenn er die Orchidee im Kloster sieht: Gedeihen die Orchideen in Thailand? Wie geht es seiner Familie, welche die Pflanzen pflegt? Wann würden Reisen nach Thailand wieder möglich sein? Diese Gedanken sollen aber abgeschaltet werden. Man solle sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Anschliessend lasen wir nochmals einen Ausschnitt aus dem Pali-Kanon. Dieses Mal konnte ich mich eher auf die englische Übersetzung konzentrieren, sodass mir die Kernaussage schnell bewusst wurde – die Wichtigkeit der Liebe.

Achtsamkeit statt Handy-Bildschirm

Am Ende wurde ich von Bhante Ariyaseela eingeladen, jeweils an den Meditationsabenden in Zürich teilzunehmen, was ein wenig näher an meinem Wohnort wäre. Ich wurde sehr herzlich von den beiden Mönchen verabschiedet und lief am Stupa vorbei zum Bahnhof. Im Zug versuchte ich die Praxis der Achtsamkeit nochmals anzuwenden, da es mir für die Psyche sehr gesund scheint – besonders als Alternative zum Griff zum Handy. Da die Achtsamkeit aber nicht unbedingt nur eine buddhistische Praxis ist und potentiell von jedem ausgeübt werden kann, ist das Üben für eine nicht-buddhistische Person vielleicht einfacher an einem anderen Ort, wo das Zugehörigkeitsgefühl grösser und die Sprachbarriere kleiner ist. Es gibt mittlerweile schliesslich viele Angebote in diesem Bereich. Trotzdem gefiel mir die Authentizität des Buddhist Vihara Zurich, das besonders für die sri-lankisch buddhistische Bevölkerung der Schweiz sicherlich eine gute Anlaufstelle darstellt.

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Lexikoneintrag zu Zurich Buddhist Vihara

Christina von Dreien droht mit zweitem, «schlimmerem» Lockdown

Bei einem Tagesseminar im provisorischen Nationalratssaal, der Halle 2.2 der BernExpo in Bern, am Samstag, 15. August 2020 hat Christina von Dreien intensiv vor einem aus ihrer Sicht bevorstehenden zweiten, «schlimmeren» und «verrückteren» Lockdown gewarnt, bei welchem «mehr geschlossen» sein wird und «andere verrückte Dinge» laufen werden. Ihrem Publikum hat sie zugesagt, dabei unter besonderem Schutz der «geistigen Welt» zu stehen.

Christina von Dreien GmbH

Christina von Dreien ist auch der Name einer Firma, der «Christina von Dreien GmbH», die als Event-Agentur für die Tagesseminare von Christina von Dreien auftritt und auch für den Anlass vom 15. August in Bern verantwortlich zeichnete. Die Anmeldung fürs Tagesseminar vom 15. August wurde von der Firma beantwortet mit dem Hinweis, die Veranstaltung würde «nur durchgeführt, wenn sich genügend Gäste angemeldet haben». Christina von Dreien kommt, so der Eindruck, nur, wenn es sich auch lohnt.

Der Eintrittspreis fürs Tagesseminar betrug stolze Fr. 180.- für Personen über 22 Jahre. Rund 200 Menschen dieser Altersgruppe waren bereit, diese Summe zu bezahlen, dazu kamen ca. 20 jüngere Leute, die einen reduzierten Betrag von Fr. 120.- entrichteten oder als Kinder unter 16 Jahren gratis teilnehmen konnten. Alles in allem dürfte der Anlass einen Umsatz von gegen Fr. 40’000.- erbracht haben. Christina von Dreien scheint tatsächlich auch ein Geschäft zu sein.

Christina von Dreien auf Uriellas Pfaden

Erika Bertschinger, geb. Gessler (1929-2019), besser bekannt unter ihrem Geistnamen Uriella, war berüchtigt für ihre apokalyptischen Botschaften. Über die Jahre hin prophezeite sie ihrer Anhängerschaft und der Öffentlichkeit stets neue, angeblich kurz bevorstehende Krisen und Katastrophen und nannte dafür auch konkrete Zeiträume. Ein Türchen aber liess Uriella jeweils offen: Vielleicht würden sich die erwarteten Schrecknisse abwenden lassen, wenn ihr Orden Fiat Lux genug beten und meditieren würde. Nach Verstreichen der Termine schrieb sich Uriella das Ausbleiben der Ereignisse jeweils als Verdienst ihrer eigenen Verkündigung und des Engagements ihres Ordens gut.

Christina von Dreien scheint nun ebenfalls diesen Pfad beschreiten zu wollen, wie am 15. August deutlich wurde. Während des Tagesseminars kam sie immer wieder darauf zurück, dass sie mit einem im Herbst bevorstehenden zweiten Lockdown rechnet, der «schlimmer» ausfallen würde als der erste, weil «mehr geschlossen» sein würde und «andere verrückte Dinge» passieren würden. Diesen zweiten Lockdown halte sie für «hoch wahrscheinlich», «Wunder» seien hingegen möglich, z.B. dann, wenn ihre Fans durch Meditation den Lockdown verhindern würden.

Auf den ersten Blick scheint sich Christina von Dreien damit in eine Win-win-Situation gebracht zu haben: Kommt ein zweiter Lockdown, hat sie recht gehabt. Kommt er nicht, ist das ihr Verdienst.

Allerdings droht Christina von Dreien dieselbe Gefahr wie Uriella: Wer immer wieder vor Krisen und Katastrophen warnt, die dann aber wegen des eigenen Engagements verhindert werden, verliert zwar nicht an Glaubwürdigkeit, aber an Relevanz: Wieso sollte sich das Publikum stets neue apokalyptische Botschaften anhören, wenn die angekündigten Geschehnisse dann doch ausbleiben? So hat sich Uriellas Anhängerschaft bei jedem ereignislosen Endzeittermin reduziert. Schreitet Christina von Dreien auf diesem Weg weiter, wird es ihr auch so gehen.

Dualistisches Weltbild

Von esoterisch-spiritueller Seite wird Christina von Dreien vorgeworfen, ein wenig differenziertes, scharf dualistisches Weltbild zu vertreten, das mehr mit mittelalterlicher Volksreligion gemein habe als mit der theosophisch-esoterischen Bewegung.

Das Tagesseminar vom 15. August war, dies das mindeste, nicht geeignet, diese Vorwürfe zu entkräften. Immer wieder thematisierte Christina von Dreien ihre verschwörungstheoretische Weltsicht von den üblen Beherrschern der Erde, welche die Menschheit wie Tiere behandelten und am Erwachen hindern wollten. Diesen gegenüber stünden die Erwachten, zu denen Christina von Dreien ihr Publikum rechnete, welche die Pioniere einer neuen, besseren Zeit wären. «Am Ende wird alles gut», bestimmt zwanzig Mal wiederholte Christina von Dreien diese Hoffnung.

Wer «noch nicht erwacht» ist – damit meint Christina von Dreien Menschen, die ihre Verschwörungstheorien nicht teilen – der «schläft» oder befindet sich gar in «Vollnarkose». Eine derart massive sprachliche Abwertung Andersdenkender ist im Bereich der Esoterik sonst nicht üblich und erinnert an problematische Zeiten der Religionsgeschichte.

Mit der Zimmerpflanze sprechen

In der bevorstehenden schwierigen Zeit würde, so Christina von Dreien, der Kontakt zu Naturwesen helfen. Solche seien in jeder lebenden Pflanze zugegen, in jedem Baum, aber auch in jeder Zimmerpflanze. Wer mit Naturwesen zuhause kommuniziere, sei für die kommenden Probleme besser gerüstet, indem er sich eine «kleine Oase der heilen Welt» aufbaue.

Auch Wasser würde Naturwesen enthalten, ein paar Minuten mit dem Wasser zu sprechen, würde dessen Geschmack verändern. Meerjungfrauen würden ebenfalls existieren.

Elitarismus

Immer wieder hob Christina von Dreien während des Tagesseminars die Bedeutung ihres Publikums hervor. So werde es auch während des kommenden zweiten Lockdowns unter besonderem Schutz stehen: «Da wir bewusster sind, können wir davon ausgehen, dass wir unter einem höheren Schutz stehen. Denn die Welt braucht uns noch.»

Hier liegt möglicherweise – neben dem Angebot eines sehr überschaubar strukturierten Weltbilds, das die Komplexität der Realität ungemein reduziert – ein Teil der Faszination Christinas von Dreien. Wer sich ihr anschliesst, gehört zu den von der geistigen Welt beschützten «Erwachten», und damit gewissermassen zur Elite der Menschheit.

Fake News

Christina von Dreien wird gelegentlich für die Verbreitung von Fake News kritisiert. In der Tat gibt sie manches von sich, was kaum glaubhaft ist, so behauptete sie am Tagesseminar vom 15. August, es sei möglich, durch entsprechendes Bewusstsein amputierte Gliedmassen nachwachsen zu lassen, und nahm auf eine Person Bezug, die angeblich ihren abgetrennten Arm regenerieren liess: «Wir können Körperteile durch Gedanken und Gefühle nachwachsen lassen. Wir müssen es uns nur zutrauen».

Solche Ideen haben mehr als nur einen schalen Beigeschmack, weil sie ja implizieren, dass Menschen, die mit Amputationen konfrontiert sind, selbst schuld sind, wenn sich ihr Körper nicht wieder ergänzt.

Positives Denken und Imagination als Weg zu einer «heilen Welt»

Ihr Publikum forderte Christina von Dreien auf, sich während fünf bis zehn Minuten pro Tag die «heile Welt» der Zukunft vorzustellen. Diese Vorstellung würde dann «ins Feld gehen» und dadurch allmählich zur Wirklichkeit werden. Je mehr Menschen bei dieser Imagination mitwirkten, desto eher würde sich die «heile Welt» realisieren.

Irgendeine Aufforderung, konkret gegen Missstände tätig zu werden, sich z.B. bei einer Aktion zu engagieren, war am Tagesseminar vom 15. August nicht zu vernehmen.

Ein Lied einer hochumstrittenen Person im provisorischen Nationalratssaal

Am Ende der Veranstaltung wurde, wie bei den Tagesseminaren Christinas von Dreien üblich, getanzt. Dazu wurden vier Lieder abgespielt, darunter eines von Xavier Naidoo, der sich selbst als Rassisten bezeichnet hat, Thesen der Reichsbürger und rechtslastige Verschwörungstheorien vertrat und u.a. wegen flüchtlingsfeindlicher Aussagen seine Engagements in der Öffentlichkeit verlor. Dass Christina von Dreien ein Lied einer solchen Person im provisorischen Nationalratssaal abspielen liess, empfinde ich als zutiefst beschämend.

Georg O. Schmid, 16. August 2020

Besuch bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im Zeichen von Corona

Im Gemeindehaus in Bonstetten der Kirche Jesu Christi der Heilligen der Letzten Tage (HLT) finden nebst Abendmahlversammlungen auch unterschiedliche Versammlungen für verschiedene Altersgruppen statt. Die Genealogische Forschungsstelle kann gegen eine Voranmeldung besucht werden. Daneben bietet die Kirche noch weitere Veranstaltungen in der Umgebung oder Fahrten zum Tempel in Zollikofen im Kanton Bern an. Die Abendmahlversammlung am Sonntag wurde von relinfo besucht.

Eintreffen

Im August 2020 besuchte ich die Abendmahlversammlung der HLT in Bonstetten im Kanton Zürich. Das Gemeindehaus liegt sehr nahe am Bahnhof und fällt durch die Architektur, die HLT-Tempeln ähnelt, auf. Aus Respekt gegenüber den Mitgliedern und um mich nicht von der Masse abzuheben, passte ich mich dem Dresscode an und wählte einen typischen Salt Lake City Look mit einem langen, bedruckten Kleid.

Im Gemeindehaus angekommen, wurde ich etwas stutzig, aber sehr freundlich, begrüsst und gefragt, ob ich von einer anderen Gemeinde komme. Ich stellte mich vor und erklärte, dass mich im Januar zwei Missionare besucht hatten, sowie, dass mich die Kirche allgemein interessiert und ich den Gottesdienst mal anschauen möchte – dies war nicht gelogen! Der Mann freute sich und stellte sich als Christian und Bischof der Gemeinde vor. Eine kurze Recherche ergibt, dass Christian Gräub neben den Tätigkeiten als Bischof auch Vizepräsident der FDP Wettswil und Geschäftsführer einer Baufirma ist. Ich wurde informiert, dass der Gottesdienst in einer halben Stunde im oberen Stockwerk stattfindet und, dass ich mich in der Zwischenzeit gerne umsehen darf.

Vor der Abendmahlversammlung

Die Räume unten schienen eher simpel und dienen wahrscheinlich unterschiedlichen Versammlungen der Gemeinde. In der oberen Etage waren bereits ein paar Leute eingetroffen und begaben sich in den Gottesdienstraum. Ich schaute mir ein paar ausgestellte Bücher im Vorraum an und der Bischof gab mir das Informationsblatt „Der Herold“, in dem die Gemeinde über Aktuelles berichtet. Des Weiteren stellte er mir die neuen Missionare vor, die mich begleiten konnten und bei Fragen zur Verfügung standen. Mit den Missionaren kam ich sehr schnell ins Gespräch und stellte mich und mein Interesse an der Kirche vor. Ich unterhielt mich besonders mit Elder Meier*, der ursprünglich aus Südamerika ist, aber in Spanien geboren war und nun seit ein paar Monaten auf Mission in der Schweiz ist. Er erzählte mir in einwandfreiem Deutsch, dass seine Eltern die Kirche für sich entdeckt hatten und er im Glauben aufgewachsen ist. Wir unterhielten uns immer noch im Vorraum und alle Besucher/-innen, die eintrafen, begrüssten Elder Meier* und stellten sich mir sehr freundlich vor. Ich wurde oft auf meine Herkunft angesprochen und die Mitglieder freuten sich und bemühten sich, meinen Namen richtig auszusprechen.

Wir traten langsam in den Gottesdienstraum ein. Der Raum war mittelmässig gross, mit Stühlen besetzt und hatte zuvorderst eine Tribüne mit Rednerpult. Die Wände waren mit Holzfassaden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eingebaute Soundanlagen hatten, verziert.  Wegen der aktuellen Covid-Situation sollten die Mitglieder versetzt sitzen und eine Voranmeldung sei nötig. Ich durfte mich nachträglich manuell eintragen und musste meine Telefonnummer angeben.

Der Bischof bot an, dass ich mich neben seiner Familie setzten darf. Ich lehnte jedoch dankend ab und wollte lieber im Hintergrund bleiben. Elder Meier* wollte sich eigentlich zu mir setzten und mich während der Abendmahlversammlung begleiten. Eine nette Dame kam ihm jedoch zuvor und so kam ich in ein interessantes Gespräch. Die Frau stellte sich mir vor und war überrascht ein unbekanntes Gesicht zu sehen. Sie kam ursprünglich vom Glauben der Orthodoxen Kirche erhielt jedoch ein Zeugnis von Gott und schloss sich der HLT an, die die wahre Kirche sei. Mir wurde gesagt, dass unter den Mitgliedern vereinzelte einen Migrationshintergrund hatten. Das Publikum bestand aus Familien mit jungen Kindern und älteren Paaren. Gemäss den Gesprächen, die ich führte, kamen die meisten Mitglieder aus der Umgebung oder Zürich. Es waren circa 60 Mitglieder vor Ort.

Abendmahlversammlung

Das Programm der Abendmahlversammlung war der barmherzige Samariter. Geleitet wurde die Versammlung von Paul Johnson, dem Ersten Ratgeber. Er sprach mit erkennbarem englischen Akzent und begrüsste die Besucher/-innen. Leider war er etwas schwer verständlich, eventuell auch, da das Mikrofon mit einem kleinen Plastikbeutel überdeckt war, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Es wurde die Bestimmung eines Missionars und eine andere Kirchenfunktion, die ich nicht richtig verstanden hatte, durch die Gemeinde gefordert. Die Mitglieder stimmten allen Abstimmungen mit erhobener Hand zu. Seiner Ansprache folgte ein Lied aus dem Gesangbuch der Kirche. Insgesamt wurden vier Lieder im Verlaufe der Abendmahlversammlung gesungen.

Weiter im Programmpunkt standen Ansprachen vom Präsidenten und Ersten Ratgeber des Pfahls St. Gallen, Thomas Ottiker. Der Pfahl St. Gallen liegt in der Kirchenhierarchie über den verschiedenen Gemeinden. Ottiker scheint neben dieser Position auch Vorsitzender der Geschäftsleitung des Forensischen Instituts des Kantons Zürich zu sein. Er leitete das Abendmahl ein und nahm seien Platz auf der Tribüne ein. Neben ihm sassen der Bischof, Erster und Zweiter Ratgeber.

Für das Verteilen des Brots und Wassers waren junge Knaben zuständig. Alle waren im Anzug gekleidet und verteilten das Abendmahl auf Tablaren. Zwischen den Redner/-innen wurde ständig das Pult desinfiziert und der Plastikbeutel am Mikrofon gewechselt. Die nächste Rednerin erzählte von der biblischen Geschichte des Samariters und wie wir alle unseren Mitmenschen helfen können. Auf diese Rede knüpfte Thomas Ottiker in seiner Zweiten Ansprache an und betonte, dass wir durch das Meistern der Herausforderungen auf der Erde, Gott näher kommen.

Die Predigten waren, nach meiner subjektiven Meinung, inhaltlich nicht sehr fesselnd und es fiel mir schwer aufmerksam zu folgen. Ähnlich erging es vielen Kleinkindern, die quengelten oder sich in einem Spielecken beschäftigen.

Nach der Abendmahlversammlung

Nach der Abendmahlversammlung wurde ich von meiner Sitznachbarin und Elder Meier* gefragt, ob mir der Gottesdienst gefallen hat. Ich antwortet mit einem Lächeln und sagte, es wäre „okay“ gewesen. Sein Missionarsfreund gab mir die Visitenkarte mit einer Direktwahl und sie meinten, ich kann sie jederzeit kontaktieren und wieder kommen. Meine Sitznachbarin war etwas aufdringlicher und gab mit Ihr Telefon um meine Telefonnummer einzutragen, ich war etwas wiederwillig und ignorierte sie zuerst doch gab schlussendlich nach. Sie sagte mir, dass sie mich und ein paar Missionare sehr gerne zum Essen einladen möchte. Ich war etwas perplex und sagte ihr, dass ich das nicht will. Sie reagierte sehr freundlich und verständlich. Ich fragte sie noch, welche Positionen die Männer auf der Tribüne in der Kirche hatten. Die Frage wurde jedoch falsch verstanden und mir wurde erklärt, dass viele Mitglieder erfolgreiche Geschäftsmänner oder Staatsangestellte sind und ich mit der Zeit auch alle  kennenlernen werde. Daraufhin verabschiedete ich mich von meiner Sitznachbarin und Elder Meier* und verliess das Gebäude. Die anderen Besucher/-innen waren alle in Gespräche verwickelt und ich fiel nicht gross auf.

Fazit

Die HLT ist bekannt dafür, dass Missionare offen und freundlich sind und so begegnete ich auch die anderen Mitglieder der Gemeinde. Es hiessen mich alle sehr willkommen und wollten mich so gut als möglich integrieren. Mir ist jedoch nicht bewusst, wie viele Mitglieder sich offen mit der Geschichte und Kontroversen der Kirche befasst haben oder diese kennen. In meinem Ersten Gespräch mit Missionaren, die bei mir zu Hause geklingelt und mich ursprünglich in die Kirche eingeladen hatten, wurden angesprochene Kontroversen ignoriert und ich wurde auf ein neues und von der Kirche veröffentlichtes Buch verwiesen.

*Name geändert

Dafina Gash, August 2020

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Lexikoneintrag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Online-Gottesdienst der umstrittenen Kirche des Allmächtigen Gottes

Die Kirche des Allmächtigen Gottes oder The Church of Allmighty God ist eine umstrittene Neoffenbarer-Gemeinschaft mit Ursprung in China und macht zurzeit online massiv Werbung insbesondere in christlichen Foren. Als Student der Sinologie habe ich vor kurzem begonnen, mich mit dieser Gemeinschaft auseinanderzusetzen. Bei meiner Recherche stiess ich auf mehrere englischsprachigen Webseiten, die mir Erlösung versprachen und von der Wiederkunft Jesu Christi handelten, und ich wollte sehen, ob ich mehr herausfinden könnte. Beim Laden der Website der Gemeinschaft erschien ein Symbol in der unteren linken Ecke, das mich auf einen Chat mit einem „Freund in Christus“ einlud.

Sis Cathy und der Onlinechat

Da dies eine Gelegenheit war, die ich nutzen wollte, klickte ich den Button „akzeptieren“, und sofort wurde ich herzlichst von einem Mitglied begrüsst. Cathy (Name geändert) fragte mich nach meinem Befinden und wollte, dass ich sie „Schwester Cathy“ nenne, „Sis“ in Englisch. Sie war überaus freundlich, und wollte erfahren, wie ich denn heisse, in welchem Land ich wohne und ob ich Facebook habe. Da ich ihr nicht zu viel persönliche Daten geben wollte, erstellte ich schnell ein Facebook-Profil und gab an, aus diversen Gründen bisher auf Facebook nicht aktiv gewesen zu sein. Sie schien dies zu akzeptieren und wir kamen weiter ins Gespräch, wobei ich an ihren Ausführungen Interesse zeigte. Dieses war ja auch echt, denn ich wollte erfahren, was diese Gruppierung von anderen christlichen Gemeinschaften unterscheidet.

Sis Cathy lud mich nach kurzer Zeit in eine Facebook-Gruppe ein, mit dem Versprechen, ich würde am selben Tag noch einen Gottesdienst besuchen können – online natürlich. Ich war überrascht, zeigte aber Interesse und Sis Caathy gab mir einen Zeitpunkt an, an welchem ich online sein sollte, um den Gottesdienst nicht zu verpassen. Zugleich wurde mir etwas mulmig und fragte mich, worauf ich mich da eingelassen hatte. Wie sollte das überhaupt funktionieren? Muss ich mein Gesicht zeigen, muss ich sprechen? Kann ich die Gemeinschaft überzeugen? Doch die Zeit bis zum Gottesdienst verging wie im Fluge. Schon schaltete ich mein neues Facebook-Profil auf und Sis Cathy begrüsste mich erneut. Exakt um 16.30 sollten wir alle im Anruf sein, Mikrofon und Kamera ausgeschaltet. Das ging natürlich nicht bei jedem gleich gut und technische Probleme verzögerten den Beginn des Gottesdienstes. Dies schien geplant zu sein, denn zuerst wurden wir von einem bekannten christlichen Lied (10,000 Reasons (Bless the Lord O My Soul)) berieselt.

Der Beginn

In meinem Anruf waren jeweils zwischen 8 bis 11 Personen vertreten, aber unsere Gruppe war offensichtlich nicht die einzige, welche am Gottesdienst teilnahm. Offenbar waren viele Leute über Skype dabeiIm Chat und in der Übertragung sah ich, wer denn so alles mitmachte. Es waren Menschen mit Namen, welche die globale Verteilung dieser Übertragung zeigten, hauptsächlich meldeten sich asiatische Personen, aber ich war nicht der einzige Europäer. Auch Amerikaner waren vertreten. Esther, die das Profil einer hübschen Frau hatte, war die einzige Teilnehmerin, die das Mikrofon angeschaltet hatte, anscheinend war sie die Übertragungsperson, und nach dem Ende des Liedes stellte sich durch ihr Profil unser Prediger vor: Luke, der auf Englisch sprach, einen leichten Akzent besass und mir durch seinen Sprachgebrauch chinesisch-stämmig schien, begrüsste uns alle und bedankte sich für das zahlreiche Erscheinen. Auch bedankte er sich direkt bei mir und einigen anderen, die anscheinend ebenfalls neu mit dabei waren. Er sprach uns immer direkt an als „brother-sisters“ und erklärte kurz die „Regeln“ des Gottesdienstes: Unsere Kameras und Mikrofone sollten ausgeschaltet bleiben, während er spricht, aber er würde uns gerne zum Lesen einiger Passagen einladen, die er uns in der Chatfunktion schicken würde. Dabei sollten wir das Mikrofon einschalten und laut lesen, sobald er das Okay gibt. Zudem stelle er regelmässig Fragen, die wir im Chat beantworten sollten, damit er die Bestätigung hat, dass wir aufpassen. Sogleich kamen mir Erinnerungen an die Schulzeit auf und ich sass gerade hin, das Handy in einer Hand, um Notizen zu machen, und den Blick auf das Chatfenster gerichtet. Ich wusste immer noch nicht, was mich erwartet, denn Luke schien relativ locker, trotz der Regeln. Doch war ich auch erleichtert, dass Kamera und Mikrofon ausgeschaltet bleiben konnten.

Luke begann mit einem Gebet, bedankte sich für alle brother-sisters die jetzt die Worte Gottes empfangen werden und betete für unsere Gesundheit. Dies schien mir wegen der gegenwärtigen Pandemie angemessen und das gemeinsame „Amen“ im Chat zeigte, dass dieses Gefühl von der Gemeinschaft geteilt wurde. Nach dem Gebet begann Luke Geschichten zu erzählen, von Personen die Schmerz und Leid erfuhren, Beziehungen, die in die Brüche gehen, Eltern, die man nicht versorgen kann, da der Job kein Geld gibt, Jobverlust, etc. Die Frage „Warum?“ tauchte immer wieder auf, und Luke gab uns gleich die Antwort: Der Schmerz komme nicht von Gott, sondern von Satan. Sogleich gab er uns die erste Passage, die er aber selbst vorlas:

“Where did the pain of birth, death, illness and old age present throughout the life of man come from? Because of what did people first have these things? Man didn’t have these things when they were first created, did they? So where did these things come from? These things came after man was tempted by Satan and their flesh became degenerate, such as the pain of the flesh, the troubles and emptiness of the flesh and the extreme wretchedness of the world. Satan began to torment man after it had corrupted them. Man then became more and more degenerate, the illnesses of man were deepened, their suffering became more and more severe, and man felt more and more the emptiness, the tragedy and the inability to go on living of the world. Man felt less and less hope for the world, and these are all things that came about after Satan had corrupted man. So this suffering was brought on man by Satan, and it only came after man had been corrupted by Satan and became degenerate.” (Der Text findet sich in einer der heiligen Schriften der Kirche des Allmächtigen Gottes: Records of Christ’s Talks, Kapitel 19)

Satan also, der Verursacher alles Bösen, der Verführer der Menschheit zur Sünde sei an allem Schuld. Das schien mir soweit nachvollziehbar, denn da ich reformiert aufwuchs, ist mir Gott nie als eine sinnlos strafende Kraft vorgekommen. Auch im Chat schien Zustimmung zu herrschen, das „Amen“ mit welchem Luke die Passage abgeschlossen hatte, wurde von allen Teilnehmenden wiederholt. Esther reagierte auf all diese Amen mit einem Daumen hoch und schnell war klar, dass dieser Chat nicht nur von meiner neuen Freundin Cathy begleitet wird, sondern von einigen anderen „Aufsehern“.  Luke fasste die Passage noch zweimal kurz zusammen und brachte uns alle auf den wichtigsten Punkt: Satan ist böse. Offensichtlich.

Wir Menschen und unsere Sünden – Es ist alles Satans Schuld!

Gleich darauf wurde eine zweite Passage gesendet, diesmal tauchte sie aber nicht so schnell auf. Hatte Luke keine Zeit, sich allen Chats zu widmen (er predigte ja auch noch), oder es gab kaum Kommunikation mit allfälligen Helfern? Cathy war übrigens nur die erste Stunde der insgesamt zweistündigen Predigt im Chat. Beim aktuell übermittelten Text meldete sich nach langem Zögern eine Person aus meiner Gruppe zum Lesen, doch Mikrofonstörungen liess die Stimme zur Unerkennbarkeit verzerren. Doch es fand sich ein weiterer Leser, nach einigen Aufrufen von Luke.

Zum ersten Mal handelte es sich um einen Bibeltext, um Röm. 7.17-19. Dieser spielt auf die sündhafte Natur des Menschen an. Luke ergänzte dies, indem er den Text „übersetzte“, vereinfachte. In Lukes Interpretation war wieder von Satan die Rede, wie Satan uns alle vergiftet habe und wir dadurch eine grundlegende sündhafte Natur hätten, die sich Gott widersetzt. Satan wolle nämlich, dass wir ihn verehren und nicht Gott.

Das klang alles ziemlich düster, aber Luke gab uns einen Lichtschein: Wenn wir etwas nicht erreichen können, seien nicht wir schuld, sondern unsere innere sündhafte Natur. Die können wir ja nicht steuern! Wir seien also nicht selbst schuld an der Sünde, sondern Satan sei der Verantwortliche. Was für eine Erleichterung! Sofort kam Luke aber wieder mit einem weiteren Problem: Die Sünden seien zwar nicht unsere Schuld, aber trotz allem seien sie so tief in unserem Wesen verwurzelt, dass einfaches Bekennen oder Beichten gar nicht helfen würde. Er beschrieb das Problem mit einem Baum, dem man die Blätter entfernt. Der Baum steht immer noch, die Wurzeln sind immer noch da und somit kommen im nächsten Jahr die Blätter wieder gleich heraus. Das Entfernen der Blätter sei das Bekennen, und obwohl dies die Sünden beseitige, bringe es schlussendlich nichts, weil der Mensch wieder sündigen wird.

Hier kam die erste Frage an uns: Wenn ein Kind von einer giftigen Schlange gebissen wird und dann von der Mutter nach Hause in Sicherheit gebracht wird, ist das Kind dann gerettet? Diese Frage war offensichtlich mit „Nein“ zu beantworten, da das Gift ja nicht entfernt wurde. So wurde auch der Chatverlauf mit „Neins“ gefüllt, und Luke schien zufrieden, dass wir dies richtig beantwortet hatten. Mein mulmiges Gefühl verschwand an dieser Stelle, denn wenn alle Fragen in diesem Stil kommen werden, kann ich vielleicht eine gute Note erreichen.

Die Lösung zum Problem Satan

Da nun also das Gift der Sünde immer noch in uns allen verbleibt, wie werden wir dieses los? Die Lösung sei, dass wir alle geheiligt („sanctified“) werden müssen. Nur so könnten wir gerettet werden. Gott schaue dank Jesus nicht mehr auf unsere Sünden und habe uns erlöst, aber trotzdem sündigen wir immer noch, wir sind nicht heilig. Um wahrlich heilig und somit dem Königreich Gottes wert zu sein, müssten wir die Wurzel des Gifts, Satans Einfluss, entfernen.

Auch diese Aussage wurde mit einer Bibelstelle untermauert, und gleich darauf sandte uns Luke zwei weitere Bibelstellen, die seine Worte unterstützten:

“You shall therefore be holy, for I am holy” (Lev 11:45). “Holiness, without which no man shall see the Lord” (Heb 12:14).

Wieder erklärte uns Luke ausführlich den Unterschied zwischen Erlösung und Heiligung:

“Be saved : At the time, Jesus’ work was the work to redeem all mankind. The sins of all who believed in Him were forgiven; as long as you believed in Him, He would redeem you; if you believed in Him, you were no longer a sinner, you were relieved of your sins. This is what it meant to be saved, and to be justified by faith.

Be sanctified : Satan’s poisons have been purified, no longer rebellious to God, no longer judge God, no notions about God, this is holiness. Satanic poison is the greatest corruption, the satanic disposition is cleaned, Satanic poisons are gone, and people don’t live by Satanic philosophy.”

Wie aber wird man geheiligt? Auch hier kam eine passende Bibelstelle:

Sanctify them by the truth; your word is truth. (Joh 17:17)

Gottes Wort also sei das Mittel um sich wahrlich von Sünde zu befreien. Luke folgert weiter, dass Jehova (so nennt die Kirche des Allmächtigen Gottes Gott im Alten Testament) und Jesus (nach der Kirche des Allmächtigen Gottes ist Jesus Gott im Neuen Testament) uns Anleitungen gegeben haben, das Alte und das Neue Testament.

So langsam werden bei mir die Verbindungen und das Ziel des Gottesdienstes sichtbar, denn in der Kirche des Allmächtigen Gottes wird geglaubt, dass Gott heute wiedergekommen ist, seine Worte verbreitet, und uns damit neue Anleitungen gibt. Der Gottesdienst insgesamt lief auf diese Sichtweise hinaus, ohne sie direkt zu benennen. Wäre ich nicht über die Gemeinschaft informiert gewesen, hätte vieles sich ohne Probleme mit meinem Bild des Christentums gedeckt. Die einzelnen Abweichungen hätte ich als Interpretation abbuchen können. Die Stossrichtung der Predigt war mir nun klar und ich war gespannt auf die Fortsetzung.

Gott und seine Worte

Ohne Pause wurde nämlich weitergemacht, und eine weitere Frage wurde uns gestellt: spricht Gott (oder Jehova) nun immer mehr, je mehr Sünde es gibt? Denn Gott spricht, um uns von unserer Sünde zu befreien, wenn man nun der Logik folgt, ist dies der Fall. So wurde auch im Chat gehorsam eine Flut von „Ja“-Nachrichten geschickt.

 Luke fuhr zufrieden fort mit einer Frage, die er selbst beantwortete: Warum denn sprach Gott nicht schon früher so viel zu uns?

„And there are also many other things which Jesus did, the which, if they should be written every one, I suppose that even the world itself could not contain the books that should be written“ (Joh 21:25)

Die Antwort war also, dass es nicht möglich war. Die gesamte Welt könne die Worte von Jesus nicht umfassen, wie kann man sie denn in ein Buch schreiben? Ausserdem ist dieses Buch 2000 Jahre alt. Vor so langer Zeit waren die Menschen wie Babys, sie hätten es nicht verstanden, wenn Gott ihnen alles mitgeteilt hätte! Aber die Menschheit wuchs heran und heute seien wir viel reifer und offener für mehr Worte von Gott. Die Wahrheit, die uns heiligen soll, ist näher, als sie es zur Zeit von Jesus war. Sobald Gott auf die Erde zurückkehrt, und das würde er, werde er alle Geheimnisse und Rätsel auflösen und uns mit der Wahrheit beglücken.

Nun gäbe es aber immer wieder solche Christen, die der Meinung sind, dass in der Bibel alle Worte Gottes vorhanden seien und man keine weiteren Offenbarungen finden werde. Diese Christen, so meinte Luke, lägen falsch und würden gar das Wort Gottes verleugnen. Was auf diese Feststellung folgte, war die Kernpassage des Gottesdienstes, auf die Luke immer wieder zurückkam:

Offenbarung 5:1-5: And I saw in the right hand of him that sat on the throne a book written within and on the backside, sealed with seven seals. And I saw a strong angel proclaiming with a loud voice, Who is worthy to open the book, and to loose the seals thereof? And no man in heaven, nor in earth, neither under the earth, was able to open the book, neither to look thereon. And I wept much, because no man was found worthy to open and to read the book, neither to look thereon. And one of the elders said to me, Weep not: behold, the Lion of the tribe of Juda, the Root of David, has prevailed to open the book, and to loose the seven seals thereof.

Weiter erwähnte Luke zwei Stellen aus dem Daniel-Buch:

Dan 12:4 But thou, O Daniel, shut up the words, and seal the book, even to the time of the end: many shall run to and fro, and knowledge shall be increased.

Dan 12: 9-10 And he said, go your way, Daniel: for the words are closed up and sealed till the time of the end. Many shall be purified, and made white, and tried; but the wicked shall do wickedly: and none of the wicked shall understand; but the wise shall understand.

Der Löwe aus dem Stamm Juda sei Gott, was bedeute, dass nur Gott dieses geheime Buch öffnen könne. Gott würde dieses Buch auch öffnen, aber erst in den letzten Tagen. Die Bibel habe uns lediglich von den Sünden erlöst, aber dieses geheime Buch sei das Mittel, um uns alle zu heiligen.

So also werden von der Kirche des Allmächtigen Gottes ihre neu erschienenen Heiligen Schriften erklärt, wurde mir klar. Und auch Luke unterstrich diese Interpretation, denn immer wieder wurde dieses geheime Buch erwähnt. Doch ist es nicht das Buch des Lebens? Nein, findet Luke, denn das Buch des Lebens bestehe nur aus Namen. Namen alleine machten nicht heilig. Somit handle es sich um ein völlig anderes Buch.

Es folgte eine weitere Frage, deren Antwort den Teilnehmenden bereits klar vorgesagt wurde: Ist das geheime Buch die Bibel oder ein anderes Buch? Langsam kam ich mir vor, als würde ich wie ein Kind behandelt. So beantwortete ich wie die anderen Chatmitglieder auch diese Frage und dieses Mal kam sogar ein Herz von Esther, während Luke jedem persönlich dankte, der sich die Mühe machte zu antworten.

Dann folgte eine weitere Erklärung, warum Gott nun zusätzliche Worte sprechen muss, obwohl es doch schon die Bibel gibt. Wieder kam unsere „Erfahrung“ ins Spiel, die Menschheit sei gewachsen und nun bereit, mehr Wissen zu erlangen. Jesus hätte jenes Wissen weitergegeben, was in seiner Aufgabenliste stand (was mich auflachen liess, da ich mir Jesus mit einem Einkaufszettel vorstellen musste). Bei seiner Wiederkunft wird Jesus alle Rätsel und Geheimnisse, die er hinterliess, aufklären können.

Die letzten Tage = alle Geheimnisse werden gelüftet

In den letzten Tagen wird Gott seine wahren Gläubigen erkennen, denn nur diejenigen, die seiner Stimme folgen und seine Worte aufnehmen, seien wahrlich seine Schäfchen. So gebe es zwei Kategorien von Menschen, diejenigen, die verständen, und diejenigen, die nicht verständen und deshalb dem Untergang geweiht seien.

Nun kamen wir zur Sache: die Rettung vor dem ewigen Untergang wurde versprochen, und es wurde klar, was dazu nötig ist: Auf Gottes Worte hören. Das klingt ja nicht schwierig, aber Luke erklärte sofort weiter, dies sei nicht so einfach! Die Menschen müssten die wahren Worte Gottes ganz langsam aufnehmen, denn sie könnten nur allmählich gereinigt werden, bis sie vollkommen heilig seien. Gottes Wort sei also keine Sofortlösung!

Auf diese Erleuchtung kam dann eine weitere Frage:

Now we know Jesus will continue to speak the truth after he returns, and he will give the sealed book to us. If someone said “all of God’s word and work are recorded in the Bible. There’s no word and work of God outside the Bible“. Would you agree with him?

Natürlich antworteten alle mit “Nein“, und die Reaktionen von Esther im Chat waren ein “Daumen hoch“ und ein Herz. Ich fühlte mich, als hätte ich zur Belohnung einen Sticker bekommen.

Unmittelbar danach wurden wir aber wieder ermahnt. Wir dürften ja nicht verleugnen, dass es eine weitere Schrift gebe, sonst werde unser Name von der Schriftrolle der Prophezeiung genommen und wir würden niemals das Reich Gottes betreten können. Nach Gottes Wort gäbe es weitere Worte Gottes. Wenn man Menschen glaube, die das Gegenteil behaupten, wie könne man dann sagen, man glaube an Gott? Das gehe ja überhaupt nicht! Luke verglich in der folgenden Passage alle, die dies verleugnen, mit Sklaven:

What would be the result for us if we do not accept the new words? John 8:34-35 Jesus replied, “Very truly I tell you, everyone who sins is a slave to sin. Now a slave has no permanent place in the family, but a son belongs to it forever.

Nun wurde aus den neuen Offenbarungsschriften der Kirche des Allmächtigen Gottes zitiert:

“Christ of the last days brings life, and brings the enduring and everlasting way of truth. This truth is the path through which man shall gain life, and the only path by which man shall know God and be approved by God. If you do not seek the way of life provided by Christ of the last days, then you shall never gain the approval of Jesus, and shall never be qualified to enter the gate of the kingdom of heaven, for you are both a puppet and prisoner of history. ”

Erkenne Gottes Worte – aber wie?

Nun kam eine weitere Frage: Wenn man Gottes Worte hören sollte, wie erkennt man denn Gott? Auch darauf hatte Luke eine Antwort, denn Gott erkennt man gerade an seinen Worten:

My sheep hear my voice, and I know them, and they follow me (Joh 10:27). So then faith comes by hearing, and hearing by the word of God (Röm 10:17).

 Weiter fragte Luke, ob wir Jesus je gesehen hätten, wenn wir doch an ihn glauben? Natürlich nicht, fuhr er fort, denn wir glauben an Jesus wegen seiner Taten und Worte und nicht, weil wir ihn gesehen haben. Somit kann man Gottes Stimme, Gottes Wahrheit fühlen, nicht sehen. Luke brachte verwies auf Joh 21, wo Jesus von seinen Jüngern nicht erkannt wurde, aber sobald er anfing zu predigen, merkten die Jünger, wer er war. Menschen bekehrten sich nicht durch die Betrachtung eines Bildes von Jesus, sondern durch die Lektüre der Bibel.

Wir sollten uns also nicht auf das Äussere beschränken, wenn wir vor Gottes Wiederkunft stehen, sondern wir sollten Gott durch die Worte erkennen. Laut der Kirche des Allmächtigen Gottes ist Gottes Wiederkunft eine Frau, die in China geboren wurde. Über sie ist nicht viel bekannt, es soll sich um die 1973 geborene Yang Xiangbin handeln, doch nicht einmal ihr Name ist bestätigt, und die Kirche des Allmächtigen Gottes selbst ist sehr verschlossen, was die wahre Identität der Wiederkunft Gottes anbelangt.

Das Ende des Gottesdienstes

Kurz nachdem Luke uns diesen Punkt darlegte, brach seine Verbindung zu unserer Gruppe ab. Anscheinend bemerkte Luke dies nicht und fuhr weiter mit seinem Gottesdienst fort, trotz unserer Texte im Chat, dass wir ihn nicht mehr hören konnten. Er liess uns mit einer Frage zurück:

If these new words are not in the bible, then how can we recognize God’s words? What are the characteristics of God’s words?

Darauf schickte er uns allen ein Google-Dokument, dass wir ausfüllen sollten. Es bestand aus den Fragen, die er uns im Verlaufe seiner Predigt gestellt hatte, und der Ermunterung, weiteren Gottesdiensten beizutreten. Ich füllte es mit einem mulmigen Gefühl aus, loggte mich aus Facebook aus, nachdem ich allen einen guten Tag gewünscht hatte, und musste erstmals das Gehörte verarbeiten.

Luke wirkte sehr überzeugend und sprach nicht so schnell, dass man nichts mitbekam, doch schnell genug, dass man ihn nicht unterbrechen konnte, und keine Zeit hatte, über seine Worte nachzudenken und sie zu hinterfragen. Nachdem ich einige seiner Passagen kopiert hatte, sah ich auch, dass die Bibelstellen zwar soweit mit dem üblichen Text übereinstimmten, aber zum Teil subtil ergänzt wurden, um die Lehre der Kirche des Allmächtigen Gottes schleichend schmackhaft zu machen.

Die Verbindung zu Cathy und Luke, die ich während und vor dem Gottesdienst aufbaute, war sehr schnell sehr nahe, ich wurde sofort ein „brother“ von allen Teilnehmenden. Meine Antworten wurden jeweils beachtet und manchmal bedankte sich Luke bei jedem persönlich, indem er unsere Namen aufsagte. Ich war wiederum froh, dass ich mich schon vorher mit dieser Gemeinschaft etwas auseinandergesetzt hatte. Dies erlaubte mir zu unterscheiden, was aus der Bibel und was von der Gemeinschaft selbst kam. Die Vermischung war subtil, aber vorhanden. Die Fragen, deren Antworten immer sofort klar waren, hatten den Effekt, dass wir Lukes Worte nachsprachen und damit verinnerlichten. Wiederholungen wurden reichlich angewandt, nicht zu viel, aber gerade so, dass man den Punkt jeweils nicht vergisst. Ich war froh, als ich den Laptop schliessen konnte, denn nach zwei Stunden Gottesdienst war ich sehr müde.

Alain Liechti, Juli 2020

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Lexikoneintrag zur Kirche des Allmächtigen Gottes

Endzeitbotschaften und Corona – Besuch der Grace Family Church in Bubikon

Im März 2020 interpretierte Erich Engler, Gründer und leitender Pastor der Grace Family Church in Bubikon, die Corona-Krise als Hinweis auf das unmittelbare Bevorstehen der Wiederkunft Jesu Christi und des Paradieses auf Erden. Unsere Mitarbeiterin Louisa Bernet besuchte am 19. Juli 2020 den Sonntagsgottesdienst der Gemeinschaft.

Der Countdown läuft

Die zwei weissen Spitzen des Church Dome der Grace Family Church, hoch in Richtung strahlend blauen Himmel ragend, waren schon bereits von Weitem erkennbar, als ich an diesem Sonntagmorgen durch das Industriegebiet von Bubikon radelte. Um die Sicherheitsmassnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus einzuhalten, werden wöchentlich zwei Sonntagsgottesdienste, jeweils um 9 und 11 Uhr, durchgeführt. Die letzten Besuchenden des früheren Gottesdienstes verliessen noch das Gelände, während die Langschläfer und Langschläferinnen, darunter ich, den Dom erst betraten. Die Gespräche vor Beginn waren von profaner Natur. So erfreute sich beispielsweise die Frau am Empfang sichtlich über unsere geteilte ursprüngliche Herkunft aus dem Kanton St. Gallen, die sie an meinem Nachnamen sofort erkannte. Im Inneren des Doms verteilte eine weitere Frau das Abendmahl für die bevorstehende Eucharistie. Um die Sicherheitsmassnahmen zu gewährleisten, befand es sich in einer Verpackung in der Form von kleinen Kaffeerahmportionen. Ich setzte mich an den linken Rand des noch fast leeren Saals und schaute auf den Countdown, der vorne gross an der Leinwand die Minuten und Sekunden bis zu Beginn des Gottesdienstes herunterzählte: noch 5 Minuten.

Eine überraschende Altersstruktur

Erst jetzt hatte ich Zeit, meine Umgebung richtig zu mustern. Der Dom machte durch seine zeltartige Gestalt und die weisse Farbe einen kalten Eindruck. Grund dafür hätte jedoch auch die gähnende Leere sein können. Die ungefähr 60 Besuchenden füllten den riesigen Saal nicht einmal annähernd, wobei zu bedenken ist, dass es sich hier bereits um den zweiten Gottesdienst des Tages handelte. Das Publikum war überraschend homogen und wiederspiegelte den ungefähren Jahrgang des Gründers der Grace Family Church, Erich Englers. So befanden sich fast alle Besuchenden im mittleren Alter von etwa 50-60 Jahren. Hinter dem grossen Bildschirm auf der Bühne war ein braunes, nicht ganz erkennbares Motiv an die Wand gestrichen worden. Auf der rechten Seite des Raums hingen gelbe Banner mit dem Wort «Jesus» darauf. Die aufgereihten Stühle hatten die orange und graue Farbe des Logos der Grace Family Church. In der riesigen Technikanlage hinten im Raum sassen die Mitarbeitenden bereit, den der Countdown hatte 0 Minuten erreicht.

Corona-konforme Eucharistie

Pünktlich stand der Pastor Samuel Spörri bereit. Auch dieser wiederspiegelte den Altersdurchschnitt des Publikums. In seine Begrüssung bezog er alle jene ein, die online mitschauten. Er bat uns für das Gebet aufzustehen, welches von der Grösse Gottes handelte und von leiser Klaviermusik begleitet wurde. Darauf führte die Corona-konforme Einnahme des Abendmahls. Anstatt Kaffeerahm befand sich im Deckel der kleinen Verpackung die Hostie und im unteren Teil der Traubensaft. Ich musste leider auf die Hostie verzichten, da ich Mühe damit hatte, den Plastik darüber wegzuziehen. So ging ich direkt zum Traubensaft. Danach nahm die Band, allesamt in Rot gekleidet, die Bühne ein. Sie spielte zwei Lieder im Genre Christian Rock, das Erste in englischer Sprache, das Zweite auf Deutsch. Der Text wurde auf dem grossen Bildschirm ausgestrahlt, sodass das Publikum mitsingen konnte. Beim deutschen Lied waren deutlich mehr Stimmen zu hören, was an der herrschenden Altersstruktur und dementsprechenden Englischkenntnissen gelegen haben könnte. Trotz des kleinen Publikums gelang es der Band etwas Stimmung in den Saal zu bringen, sodass mitgeklatscht und die Hände gen Himmel geworfen wurden. Samuel Spörri zeigte sich nach der Musik nochmals auf der Bühne um einen Spendenaufruf zu machen. Für den zweiten Teil des Gottesdienstes, wurden die Kinder in die Spielgruppe hinausbegleitet.

Eine einzige grosse Familie

Auf dem Bildschirm erschienen gross die Worte «Follow the Spirit in Times of Crises» (Deutsch: «Folge dem Geist in Krisenzeiten»). Vor diesem Hintergrund trat Erich Engler, Gründer und leitender Pastor der Grace Family Church, vor die Besuchenden seiner Gemeinde. Ihm war anzusehen, dass der Auftritt auf dieser Bühne zu seinen regelmässigen Tätigkeiten gehört – mit Selbstbewusstsein und einem breiten Lächeln stand er da, als ob es sein Zuhause sei. Dementsprechend begrüsste er das Publikum, indem er es als «seine Familie» ansprach. Er trug ein blau-weisses gemustertes Hemd mit blauen Stoffhosen und stellte uns die an diesem Sonntag beginnende neue Sommerserie vor, in welcher es um den Heiligen Geist als Führung in generellen Krisenzeiten, speziell aber Corona-Zeiten, geht.

UHU-Ferien in Kuba

Engler machte einen sympathischen Eindruck, was unter anderem an seiner Rhetorik lag. Gleich zu Beginn bewies er seinen Humor, welcher vielleicht eher die ältere Generation anspricht, jedenfalls aber beim Publikum gut ankam. Wir alle müssten dieses Jahr in die UHU-Ferien nach Kuba – «Ums Huus Ume» in der Küche und auf dem Balkon. Seine Erzählungen waren sehr bilderreich, sowie praxisnah, und enthielten viele Anekdoten, meist aus seiner Bibelstudien Zeit in den USA. Dadurch lässt sich auch sein Gebrauch der englischen Sprache erklären: wiederholt verwendete er englische Wörter oder sogar Sätze, welche er jedoch sofort ins Deutsche übersetzte. Englers Predigt drehte sich primär um zwei Themen, wobei beide eng mit der Besprechung des Coronavirus verstrickt waren. Erstens erzählte er vom Heiligen Geist, und wie dessen Führung uns durch diese Zeit begleiten würde. Zweites Thema war Englers Endzeitbotschaft und die unmittelbar bevorstehende Zeit der Entrückung.

Folge dem Geist

Um die Führung des Heiligen Geistes in Anspruch zu nehmen, müssten, so Engler, drei Punkte nacheinander beachtet werden. Als erstes soll ein Bewusstsein für ihn im einzelnen Individuum entstehen. Der Heilige Geist sei eine Person. Genauer ein er, ein Mann, wobei sich die Frauen keine Sorgen machen müssten, denn er würde auch weibliche Züge besitzen. Der Heilige Geist sei für beide Geschlechter gekommen. In einem zweiten Schritt sollte man ein Verständnis für ihn entwickeln. Engler erläuterte hier nicht weiter, sondern gab dem Publikum bloss die Anweisung «Versteh Ihn!». Für die Führung des Heiligen Geistes brauche es in einem letzten Schritt eine gewisse Sensibilität. Hier erläuterte Engler eine seiner zahlreichen Anekdoten: Ein Kind fuhr mit seinen Eltern an den Flughafen und sagte erschrocken, dass das Flugzeug, welches gerade im Landeanflug war, abstürzen würde. Die Eltern lachten lediglich darüber. Das Flugzeug, in welchem der Vater des Kindes danach sass, stürzte wenig später ab. Mit diesem etwas morbiden Beispiel, wollte Engler aufzeigen, dass hier nur das Kind eine gewisse Sensibilität zeigte und es somit ein Vorbild für uns sein sollte. Diese drei Punkte würden in dieser Sommerserie von Engler genauer behandelt und gelehrt werden.

Eine 360° Schutzmauer

Engler wiederholte stets eine Botschaft die zentral ist für seine Kirche. Wir seien in der Age of Grace, im Zeitalter der Gnade. So seien wir alle von Gnade umgeben, und zwar 360°. Dieses Zeitalter begann vor 2000 Jahren, vorher war der Heilige Geist, ganz im Gegensatz zu heute, nicht in uns drin. Durch den Geist der Gnade sei der Gläubige sogar grösser als das Coronavirus, sodass man dieses gar nicht mehr spüren würde. So könne man sogar im Bus sitzen und während sich alle an der Umständlichkeit der Schutzmasken stören würden, würde man selbst gar nichts mehr davon merken. Obwohl Engler es etwas ins Lächerliche zog, sprach er die Realität und Bedrohung des Coronavirus explizit nicht ab.

Wie Wehen vor der Geburt

Die Realität des Coronavirus abzusprechen wäre im Falle Engler auch wenig sinnvoll, da er dieses als Anzeichen der nahen Entrückung interpretiert. Bereits in einer Predigtreihe im März 2020 verbreitete er diese Botschaft. Auch in diesem Gottesdienst wurde er plötzlich ernster als zuvor und erklärte die deutliche Zunahme der Wehen in den letzten Tagen, die wie vor einer Geburt, die erneute Ankunft von Jesus Christus und des Paradieses auf Erden vorhersagen würde. Seuchen und Plagen würden zur nähernden Entrückung dazugehören. Euphorisch erklärte Engler jedoch, dass die Gnade ein Schutzschild sei. Jetzt sei die Zeit, wo der Glaube offengelegt werden würde, sodass sie auch als Chance für eine überlebenswichtige Sinnesänderung ergriffen werden könnte. Hier könne der Apostel Paulus als Vorbild genommen werden, der vor seiner Bekehrung Christen verfolgte. Denn: «Glaube ist einfach!»

Bubikon als Heimat des weltweit besten Cappuccinos

Nachdem wir etwa 1.5 Stunden dem Gottesdienst gelauscht hatten, verabschiedete sich Erich Engler von uns. Er machte uns zuletzt auf einen positiven Punkt des Coronavirus aufmerksam: die Online-Community hätte enormen Zuwachs bekommen, sodass eine komplett neue Gemeinschaft willkommen geheissen werden könnte. Mit seiner typisch aufgestellten Art empfahl er uns für einen Cappuccino zu bleiben, denn jener des Church Domes der Grace Family Church sei der Beste der ganzen Welt. An einem gewöhnlichen Sonntag würde er vier davon trinken. Diese überschüssige Energie demonstrierend, sprang er von der Bühne herunter, woraufhin er sofort von einer Gruppe von Besuchenden umzingelt wurde.

Von Altersstrukturen und Endzeitbotschaften

Die Grace Family Church im Rücken, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Der englische Name und der moderne, trendige Auftritt der Kirche im Internet hatten mich eine andere Besucherdemografie erwarten lassen. Diese lässt sich vielleicht durch den Leiter Erich Engler erklären, der auf jeden Fall ein begnadeter Rhetoriker ist, dem es allerdings nicht unbedingt gelingt, die jüngere Generation miteinzubeziehen. Weniger überraschend war die Endzeitbotschaft, die ein wichtiger Teil der Predigt darstellte. Obwohl diese sehr vage ist und weder genauere Details enthält, noch einen bestimmten Zeitpunkt nennt, zeigt sie einen möglichen Umgang mit und Interpretation einer solchen Krise durch eine Glaubensgemeinschaft. Dieser Umgang geht Hand in Hand mit der Verbreitung der eigenen Lehre. Erich Engler nutzt das Coronavirus also um die nahe Entrückung hervorzusagen und verbindet diese Endzeitbotschaft dann mit Kernaussagen aus seiner Lehre, vorherrschend der Gnade.

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