Gott ist flauschig – Besuch bei Gottlob in Münchwilen TG

Schon von Weitem höre ich die laute Musik, die durch die Luft vibriert. Der Bass ist so intensiv, dass ich ihn unter dem grauen Teppichboden spüre, noch bevor ich den Eingang der Zukunftsfabrik in Münchwilen TG betrete. Hier findet heute um 16.00 Uhr der Gottesdienst der Glaubensgemeinschaft Gottlob statt. Die Gruppe unter der Leitung von Daniela Eberle ist online in Form einer Website und eines Telegram-Kanals zu finden. Beides ist bunt, blinkt und glitzert. Strahlende Jesus-Bilder springen einem entgegen. Zusätzlich findet man vielfältige Darstellungen der Schweizer Fahne, sogar einen Gottesdienst zum Nationalfeiertag am 01. August hat es gegeben. Entsprechend authentisch wurde dieser mit dem Slogan «Gottes Segä über üsi Schwiz» beworben. Allerdings dominiert auch in der Werbung für andere Gottesdienste und Veranstaltungen verschriftlichte Mundart, so kann man Mittwochs häufig «Chraft tankä» und dabei «Körper und Atemüebigä zum g’sund blübä» machen.

Es weihnachtet sehr

Der heutige Gottesdienst steht allerdings unter dem Motto Advent («Mir gönd zämä id’Wiehnachts-Zyt»). Als ich den Raum betrete, ist das Thema nicht zu übersehen: Hinten im Saal steht ein Buffet mit weihnachtlichen Speisen, vorne neben der Bühne glitzert und glänzt Weihnachtsdekoration vor sich hin. Die Dekoration ist unter einem circa drei Meter hohen Jesus-Bild platziert. Links daneben hängt eine Schweizer Fahne, auf der das Motto des patriotischen Sommergottesdiensts prangt: «Gottes Segä über üsi Schwiz». Die Stimmung im Raum ist ausgelassen. Alle sind für den ersten Song aufgestanden, einige schwingen im Takt mit. Ich begebe mich in die letzte Reihe, wo eine Handvoll Personen in meinem Alter stehen. Die meisten anderen der rund 30 Teilnehmenden des Gottesdiensts sind eher in der zweiten Lebenshälfte angekommen, einige davon im sehr fortgeschrittenen Lebensalter.

Styling für Jesus

Wer an dieser Stelle eine zurückhaltende Anwendung neuer technischer Mittel im Gottesdienst vermutet, liegt weit daneben. Über der Bühne wird in bester Qualität das zu dem christlichen Rock-Song gehörende Musikvideo abgespielt, Sound und Bild sind professionell geregelt. Hinten rechts im Raum befindet sich dafür ein Technik-Pult, hinter dem zwei Männer vollen Einsatz zeigen. Dieser Eindruck wird nicht nur durch die technische Leistung erweckt, sondern auch durch das Styling der beiden. Einer trägt ein T-Shirt, das mit faustgrossen Jesus-Gesichtern gepflastert ist. Jesus ist darauf mit einem amerikanisch anmutenden Million-Dollar-Smile und perfekt gepflegtem Bart dargestellt. Der andere Technik-Verantwortliche trägt einen Hoodie, über den sich ein grosses Jesus-Bild erstreckt. Doch die beiden sind nicht die einzigen, die ihren Glauben deutlich nach aussen tragen. In der ersten Reihe sitzen drei Frauen, wovon zwei ähnlich auffällige Oberteile tragen. Eine hat ein grosses Bild von Jesus auf die Rückseite ihres T-Shirts gedruckt, während das Langarmshirt der anderen vollständig aus einer Jesus-Abbildung zu bestehen scheint. Der plakative Eindruck, den der Online-Auftritt von Gottlob macht, wird demnach zumindest von einigen Mitgliedern gelebt.

TikTok-Esoterik als Wunderbericht

Auch Daniela Eberle scheint sich mit ihrem Styling nicht zurückgehalten zu haben. Als sie nach dem Ende des ersten Lieds die Bühne betritt, funkelt ein grosses, glitzerndes Kreuz um ihren Hals. Eberle spricht in deutlicher Mundart, sie hat eine sanfte, angenehme Stimme. Mit dieser wiegt sie die Anwesenden in den heutigen Gottesdienst. Die Teilnehmenden haben wieder Platz genommen und lauschen gespannt Eberles Worten. Sie beginnt mit einer Anekdote. Sie berichtet, dass sie letztens auf TikTok unterwegs war und dort gehört habe, dass die Zeit bald eine andere Geschwindigkeit annehmen werde. Grund dafür seien nicht die teils stressigen Weihnachtsvorbereitungen, über deren Hektik sich Eberle später noch beschweren wird. In dem Video sei von einem Quantensprung die Rede gewesen, der die Zeit verändert. Blödsinn, habe sich Eberle gedacht. Eine Minute ist doch eine Minute! Aber als sie wenig später zuhause ankam, habe sich unglaubliches ereignet. Ihre zuletzt mit neuer Batterie versehene Armbanduhr ging 10 Minuten nach. Sie wollte sich schon ärgern, entdeckte dann aber, dass die Zeit auf einer anderen Armbanduhr auch genau 10 Minuten nach ging. Eberle macht an dieser Stelle eine Kunstpause, Raunen geht durch den Saal. Für Eberle und die Anwesenden scheint dies zu bedeuten, dass an dem Quantensprung wohl doch was dran sein muss.

«Hüt schenk ich öpperem en JESUS-Chläber» – Gute Taten für Jesus

Bei diesem Einblick in Eberles Verbindung zu Esoterischem soll es nicht bleiben. Als das zweite Lied, ein Weihnachtsjodler-Beitrag aus dem SRF, abgeklungen ist, erklärt sie, dass liebe Worte eine segensreiche Frequenz erzeugen würden. Das sei keine Meinung, sondern eine Tatsache. Jesus habe zu Lebzeiten selbst das Gesetz der Resonanz demonstriert, Gutes erzeuge Gutes. Dafür brauche es gar nicht viel. Und man müsse sich auch nicht zu sehr verkopfen. Eberle erklärt: «Gott ist ganz lieb» und «Gott ist unkompliziert», wobei sie das Wort «ganz» künstlich in die Länge zieht. Mit einem Lächeln auf den Lippen fügt sie hinzu: «Gott isch flauschig!».

Man brauche also keine Angst davor haben, sich ihm zu widmen. Man könne zum Beispiel einfach einmal pro Stunde das Vater Unser beten oder sich für 30 Dinge bedanken. Für den Fall, dass das den Anwesenden zu wenig konkret ist, verteilt Eberle Zettel mit Anregungen, um Gutes zu tun. Darauf steht zum Beispiel: «Hüt bet ich mit ganzem Herz für öpper wo chrank isch.» oder «Hüt schenk’ich öpperem en Geldbetrag.». Eberle liest die Ideen auf dem Zettel vor. Als sie bei meinem persönlichen Highlight ankommt, lachen die Anwesenden wissend. «Hüt schenk ich öpperem en JESUS-Chläber.», liest Eberle und grinst in die Runde. Passenderweise sitze ich neben einem kleinen Regal, in dem sich diverse Unterlagen befinden. Darunter finde ich auch ausgeschnittene Sticker mit Jesus-Abbildungen. Und so lache auch ich in mich hinein und lasse mich von dem nächsten Song, einem Weihnachtslied von Udo Jürgens, beschallen.

Glitzer gegen Teufelswerk

Jäh werde ich aufgerüttelt, als Daniela Eberle wieder in die Predigt einsteigt. Sie spricht jetzt Gott direkt an. «Du herzallerliäbschtä» sagt sie und bittet Gott darum, unsere Welt vor den bösen Machenschaften des Teufels zu bewahren. Huch, das ging aber schnell. Eben noch war alles so lieb und flauschig und jetzt auf einmal wird vom Teufel gesprochen. Eberle scheint bedrückt von den Kriegen und anderen schlechten Nachrichten auf der Welt. Sie befürchtet, dass bald ein dritter Weltkrieg ausbrechen werde. Besonders in den letzten vier Jahren sei ja nochmals einiges Schlimmes ans Licht getreten, was auf der Welt passiert. Unverkennbar spielt Eberle hier auf vermeintliche Enthüllungen von Menschen an, die sich während und nach Corona Verschwörungsdenken gewidmet haben. Passend zu dieser Vermutung spricht Eberle daraufhin einen weltumspannenden Plan des Teufels an, der von bösen Menschen umgesetzt werden würde. Problematisch seien in diesem Zusammenhang vor allem Andersgläubige und atheistische Menschen, die dem Teufel in die Hände spielen würden. Dementsprechend reiche es als christlicher Mensch nicht aus, einfach nett zu sein. Eberle ruft dazu auf, ganz aktiv andere Menschen zu Gott und Jesus zu führen, damit der Teufel weniger Chancen hat. Mir kommt es so vor, als hätte Eberle sich mit ihrem flauschigen Gott, der immer lieb und immer unkompliziert ist, eine Falle gestellt. Denn wenn so viel schlimmes auf der Welt passiert, muss es ja fast einen bösen Gegenspieler geben. Und wenn ein allmächtiger Gott die Untaten dieses Gegenspielers nicht verhindern kann, dann muss es wohl an den Menschen liegen, die zu wenig glauben. Wirklich überzeugend finde ich diese Argumentation nicht. Für Eberle ist es jedenfalls nur logisch, andere Menschen mit besonderen Methoden zum Glauben zu führen – wie etwa, wenn sie die grosse, silberne Aufschrift ihres Autos nutzt («Jesus Christus erfüllt dich mit Gottes Liebe. Öffne dein Herz!»), um Gespräche anzuregen und sie so zu Christen zu machen.

Fürbitten verschiedener Art

Nach dieser, für meine Begriffe etwas demotivierenden, Predigt wird ein aufmunterndes Lied gespielt. Passend zu dem spürbaren Bedürfnis nach Hoffnung und Frieden wurde das Musikvideo unter der Friedensglocke des Alpenraums gedreht. Im Anschluss wird es Zeit für die Fürbitten. Daniela Eberle beginnt und dankt Jesus und dem lieben Gott für ihr zweites Leben. Im Telegram-Kanal von Gottlob kann man lesen, dass Eberle angibt, von einer unheilbaren Krankheit befreit worden zu sein, nachdem ihr Jesus im Jahr 2006 erschienen sei. Sie gibt das Mikrofon nun an die Teilnehmenden, die es der Reihe nach durchgeben. Ungefähr zwei Drittel der Anwesenden nutzt die Gelegenheit, um etwas zu erbitten oder für etwas zu danken. Dabei unterscheiden sich die Fürbitten stark: Manche bitten um Banales, etwa, dass die Enkelin eine Prüfung besteht. Eine andere Person bittet Gott, ihre Tochter zu heilen, sodass sie nicht mehr im Rollstuhl sitzen muss. Ich frage mich an dieser Stelle, wie Daniela Eberle wohl damit umgeht, dass sie aus ihrer Sicht von Jesus gerettet wurde und andere, sogar Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, nicht. Und wie muss sich das für die Betroffenen anfühlen? Wie erklären sie sich, dass Eberle geheilt wurde und sie seit Jahren darauf warten?

Als ich noch in diesen Fragen versinke, erregt eine andere Fürbitte meine Aufmerksamkeit. Ein Mann, der mir zuvor durch einen eher extravaganten Tanzstil aufgefallen ist, ergreift das Wort. Er erzählt, dass er im Brüderverein aufgewachsen sei. Dort sei es streng zugegangen und das Lesen der Bibel sei für ihn wie eine Art Zwang gewesen. Ähnlich einschränkend stelle er sich die katholische Kirche vor. Nach einem Gefängnisaufenthalt habe er langsam wieder zur Bibel und so zu Danielas Gemeinschaft gefunden. An dieser Stelle könnte dieser positive Bericht enden. Stattdessen verheddert sich der Mann in Ausführungen zu schlimmen Geschehnissen, die die Bösen dieser Welt bald in die Realität umsetzen und greift damit Eberles Schilderungen zu einem möglichen dritten Weltkrieg wieder auf. Auch an diesem Mann scheinen die Ausführungen Eberles nicht spurlos vorüberzugehen.

Toleranz statt Jesus-Sticker

Als ich mich beim letzten Lied langsam aus dem Raum entferne, lasse ich die vergangene Stunde Revue passieren. Die Menschen im Gottesdienst schienen einander wohlgesinnt. Ich wurde freundlich angeschaut, und obwohl ich als neues Gesicht sicherlich aufgefallen bin, fühlte ich mich nicht bedrängt. Auch um Spenden wurde nicht aktiv gebeten – einzig ein kleiner Kasten mit der Aufschrift «Kollekte» hing unaufdringlich in einer Ecke. Dass die Gemeinschaft Gottlob patriotisch ist und dabei in buntem Glanz erstrahlt, spiegelt offenbar die persönlichen Vorlieben von Daniela Eberle wider. Ein etwas schaler Eindruck bleibt jedoch bei den Ausführungen über dunkle Mächte, die angeblich im Bunde mit dem Teufel stehen, sowie der Handlanger-Rolle, die Andersgläubigen zugeschrieben wird. Vielleicht wäre es die beste «gute Tat», den Wert von Liebe, Verständnis und auch den Glitzer, der die Gemeinschaft prägt, nicht nur untereinander, sondern auch auf Andersdenkende auszudehnen – und sie so an den gemeinsamen Werten teilhaben zu lassen.

Julia Sulzmann, 26. November 2024

Heide Göttner-Abendroth live – Eine Analyse der Dynamiken an der matriarchalen Tagung zu «Sex sells – kills – heals» im Oktober 2024 in Bozen

Bei unserer Ankunft im Four Points Hotel in Bozen werden wir von einem Schwall asiatischer Touristengruppen begrüsst. Die Ungeduld, die sich in der letzten Stunde langsam bemerkbar gemacht hat, scheint beim Anblick des vollen Foyers des Hotels schier aus mir herauszuplatzen. Wir sind schon 15 Minuten zu spät. Eigentlich wäre diese Informationsveranstaltung zu den Basics des Matriarchats für mich nicht unbedingt nötig gewesen, aber für meine Schwester, die ich absichtlich in Unwissenheit gelassen habe, schon. Meine Schwester, meine Begleitung für die morgige Tagung «Sex Sells – Kills – Heals», soll mit ungetrübtem Ohr und unvoreingenommen an der Veranstaltung teilnehmen. Ich selbst bin zu diesem Zeitpunkt schon zu tief in die Materie eingetaucht und habe mir schon zu viele Gedanken über das Matriarchat nach Heide Göttner-Abendroth gemacht, um die Tagung völlig neutral anzugehen. Nun sind wir zu spät. Die Reise, die uns das Navi als fünfeinhalb Stunden angezeigt hat, hat doch über eine Stunde länger gedauert.

Nachdem wir mühselig eingecheckt und unser Gepäck in unser Zimmer gebracht haben, eilen wir wieder hinunter ins Foyer. Ich versuche herauszufinden, in welchem Raum die Einführungsveranstaltung stattfindet, kann aber nichts finden. Auch im Foyer nicht. Als wir bei der netten Dame, die uns zuvor bedient hat, nachfragen, deutet sie auf eine Treppe im hinteren Teil des Hotels. So hasten wir weiter die Treppe hoch und befinden uns schliesslich im ersten Stock, wo zwei Frauen, ihre Arme mit farbigen Stoffen beladen, den Gang arrangieren. Auf Nachfrage hin zeigt uns eine der beiden gerne die richtige Tür. Fünfundvierzig Minuten nachdem die Einführung begonnen hat, gesellen wir uns schliesslich mit vor Anspannung klopfenden Herzen in den Kreis der Neulinge des Matriarchats.

Danke Matriarchat

Wir bekommen noch knapp die letzten fünf Minuten der Präsentation mit, bevor die Fragerunde beginnt. Die Einführung wird von zwei Gründerinnen des Matriforums gehalten. Eine davon, Simone, habe ich bereits beim Herbstfest über Zoom Ende September kennengelernt. Da die Präsentation um die 45 Minuten gedauert hat, nehme ich an, dass sie etwa das gleiche zum Matriarchat erklärt haben wie beim Herbstfest. Die letzte Folie, die jetzt als Hintergrund für die Fragerunde fungiert, zeigt ein Zitat von Heide Göttner-Abendroth und die italienische Übersetzung dazu: «Das Matriarchat zeigt uns eine ausgeglichene, gleichberechtigte und friedliche Gesellschaft ohne Krieg und dem Gesetz der Herrschaft. Ich bin überzeugt, dass das Matriarchat für eine humane Gesellschaft gebraucht wird

Die Fragen, die an jenem Abend gestellt werden, zeigen bei den meisten eine Dankbarkeit für die Existenz von Matriarchaten aber auch eine kritische Auseinandersetzung zur Realität auf. Eine Frau fragt zum Beispiel, wie matriarchale Gesellschaften umgesetzt werden können, es sei doch utopisch. Dies entwickelt sich zu einer Leitfrage, die nicht nur meine Schwester und ich uns an dieser Tagung stellen, sondern auch von vielen anderen Besuchenden in verschiedensten Formulierungen aufgeworfen wird. Die Antwort, die an diesem Abend geliefert wird, meint, dass wir nach dem Prinzip «Kairos» gehen sollten: Der günstige Augenblick kommt, wenn der der Zeitpunkt stimmt. Obwohl die Frage nach der Utopie so eigentlich nicht beantwortet wird, wird sie genutzt, um auf die negativen Aspekte des Patriarchates, indem wir leben, nochmal aufmerksam zu machen: In unserer Gesellschaft, im Patriarchat, werde das Ego gefeiert. Im Gegensatz dazu gebe es sogar Matriarchate, in denen es kein Wort für «ich» gebe. Diese Gegenüberstellung soll aufzeigen, dass in Matriarchaten anders als in Patriarchaten die Gemeinschaft im Vordergrund stehe und nicht das Individuum.

150 Europäer*innen für das Matriarchat

Am Vorabend haben circa vierzig Leute, davon etwa zehn Männer teilgenommen. Nun, einen Tag später, um 9.00 Uhr, stehen wir in einem grossen Saal, der für etwa hundertfünfzig Leute bestuhlt wurde. Meine Schwester und ich sind eine halbe Stunde zu früh. Doch wie bei den meinsten meiner Besuchen in Gemeinschaften werden wir auch hier herzlich begrüsst und mit ehrlichem Interesse begutachtet. Als wir den Saal betreten, müssen wir feststellen, dass er noch leer ist. Schnell wollen wir ihn wieder verlassen und uns um die leeren Apérotische im Gang stellen, um nicht zu verloren auszusehen, als schon eine Frau – die andere Gründerin des Matriforums, die wir gestern gesehen haben – auf uns zukommt. Andrea stellt sich uns vor und fragt, woher wir angereist sind. Als wir sagen, dass wir aus der Schweiz kommen, führt sie uns zu einer mit Plastikfächern überzogenen Pinnwand. Diese Pinnwand, so erklärt sie, soll uns bei der Vernetzung mit anderen Menschen aus der Umgebung helfen. Wir können unsere Visitenkarten, Fragen, Anliegen, Organisationen und so weiter in das Fach bei der Schweiz einwerfen und wenn jemand ähnliche Interessen habe, so könne sich diese Person bei uns melden. Nun stehen wir also höflich lächelnd vor der noch leeren Pinnwand, bis wir Andrea schließlich zu verstehen gaben, dass wir noch schnell Bargeld für das nicht inklusive Mittagessen abheben müssen.

Pünktlich um 9.30 Uhr setzen wir uns in eine der hinteren Reihen auf unsere Plätze. Der Saal hat sich inzwischen gefüllt und fast alle hundertfünfzig Stühle sind besetzt. Ich sehe etwa dreissig Männer, zehn eher jüngere Personen zwischen zwanzig und dreissig Jahren und keine anderen «People of Color». Meine Schwester und ich scheinen die einzigen Personen zu sein, die noch einen anderen als europäischen Hintergrund aufweisen.  Auch wenn das im Moment nicht wichtig erscheinen mag, ist es dennoch eindrücklich. Darauf werde ich am Ende des Berichts kurz eingehen.

Nach den Begrüssungsworten des Teams des Matriforums wird Sigrid (Sissi) Prader vom Frauenmuseum Meran auf die Bühne gebeten. Frau Prader will darauf aufmerksam machen, dass es sich das Museum zur Aufgabe gemacht hat, historische Erzählungen, die marginalisiert sind, so wie die der Frauen, zu erweitern. Brigitte Hofer, welche als nächstes auf die Bühne gebeten wird, ist Gleichstellungsrätin im Südtirol und setzt sich für Menschen ein, die am Arbeitsplatz aufgrund ihres Geschlechts Diskriminierung erfahren. Mit den einleitenden Worten: «Wir werden ein Tabu brechen und über Sexualität sprechen» zeigt sie unweigerlich auf, dass in vielen Kreisen immer noch ein Tabu zum Thema Sexualität herrscht und gibt uns damit das Gefühl, dass unsere schiere Anwesenheit hier schon ein Akt des Widerstands oder der Offenheit ist, der den stummen Regeln der Gesellschaft entgegenwirkt. In ihrer Arbeit sei ihr aufgefallen, dass obwohl Frauen NIE Schuld an Übergriffen an ihnen sind, sie dennoch immer mit den Gefühlen von Schuld und Scham zu kämpfen haben. Der Grund dafür liege eindeutig in unserer Kultur: «Seit Adam und Eva werden Frauen die Schuld gegeben.» Wie eine Umkehrung davon aussehen könnte, zeigt nun diese Tagung auf.

Sex kills und Sex sells

Der Morgen ist ganz dem Thema «Sex sells – kills – heals» gewidmet. Bis zum Mittag gibt es drei Präsentation von Frauen, welche sich mit dem Thema auseinandersetzen. Den ersten Vortrag zum Teilbereich «Sex kills» hält Dr.in Monika Hauser. Sie ist eine Ärztin und reist in Kriegsgebiete, um Hilfezentren für Frauen zu gründet, die kriegerische sexualisierte Gewalt erlebt haben. Diese Arbeit ist wertvoll und, wie ich sagen würde, heldenhaft. Medica mondial ist heute eine Organisation, die weltweit für Frauenrechte kämpft und gegen Gewalt an Frauen eintritt. Dr.in Hauser hat ein reichhaltiges Wissen und vermittelt aus erster Hand, was Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und sexualisierte Gewalt für Auswirkungen auf die Opfer haben. Medica mondial kämpft tagtäglich mit den realen Folgen von Vergewaltigungen. Vergewaltigungen, so Hauser, seien ein strukturelles Problem. Dabei spielen patriarchale Geschlechterstrukturen eine grosse Rolle.
Diese patriarchalen Geschlechterstrukturen werden auch im nächsten Vortrag von Dott.ssa Daniela Danna nochmal aufgegriffen. Dieses Mal unter dem Teilbereich «Sex sells». Prostitution und Pornographie, so Danna, beeinflussten die Überzeugungen des männlichen Geschlechts über Frauen. Da Pornographie der Weg sei, wie sich junge Menschen mit Sexualität auseinandersetzen, würden pornographische Vorstellungen bei Männern wie auch bei Frauen sozialisiert. Pornographische Darstellungen machten Frauen zum Objekten der Begierde für Männer und vermittelten Frauen das Gefühl, dies gehöre beim Geschlechtsverkehr dazu. Diese Entwürdigung der Frau geschehe auch in der Prostitution. Pornographie und Prostitution seien somit sowohl Ursachen als auch Antrieb für die patriarchalen Geschlechterstrukturen.

Von der Pastorin bis zur Hexe

Nach diesen beiden schweren Themen werden wir in die Pause geführt, wo Kaffee und Kuchen uns erwarten. Im Gang vor dem Saal stehen Puppen in traditionellen Gewändern von verschiedenen Matriarchaten oder höheren Frauenrollen auf der Welt. Sie stehen quasi Spalier beim Treppenhaus. Diese Puppen werden auch beschrieben. Bei einer gelb angezogenen Puppe steht zum Beispiel:  

«In Juchitàn, einer Stadt im Süden Mexikos existieren bis heute jahrhundertealte matriarchale Strukturen. Die Frauen bestimmen über das wirtschaftliche Geschehen, den Handel, insbesondere den grossen Markt und sie haben als Heilerinnen spirituelle Macht. Das Wertesystem und die ökonomische Struktur basierten auf sozialem Miteinander. Die Töchter sind Erbinnen. Die Menschen leben einen offenen Umgang mit Geschlechterrollen. Akzeptiert sind ‹Musche› Männer, die sich als Frau fühlen, kleiden und in Frauenberufen arbeiten. ‹Marimachas› Frauen, die sich als Männer fühlen und als solche leben sind anerkannt. – Kleidung: gelbes Originalkleid mit gestickten Blumen aus Mexiko.»

Ich schaue mir weitere Frauenkleider an. Neben der «Mexikanerin» steht eine in schwarz gekleidete «evangelische Pastorin». Der Text zu Pastorin erklärt, dass es in Deutschland erst seit 1958 evangelische Pastorinnen gebe, und bis 1974 für sie die Ehelosigkeit gegolten habe. In der Schweiz wurden die zwei ersten evangelisch-reformierten Pfarrerinnen bereits im Jahr 1918 in Zürich ordiniert. Ehelosigkeit wurde von ihnen nicht verlangt. Allerdings wurden sie wegen des Widerstands des Zürcher Kantonsrates und sogar des Bundesgerichts ihren männlichen Kollegen erst in den 1960er Jahren völlig gleichgestellt. Auf der anderen Seite des Ganges steht eine «Businessfrau» in einer schwarz-weiss gestreiften Hose und Bluse mit Stehkragen und eines schwarzen Jacketts mit rotem Reisverschluss. Im Jackett steckt eine Ansteckblume aus roter Spitze. Dazu trägt sie rote Schuhe und einen schwarzen Hut. Ich schaue mir noch eine «Mosuo», eine «Kihnu Frau» und eine «Minangkabau» an, bevor ich mich zu meiner Schwester geselle, die in ein Gespräch mit einer Frau an einem der Bücherstände vertieft ist.

Als ich an den Bücherstand stehe, fragt mich die Verkäufern, ob ich gerne mit Edelstein Essenz eingesprüht werden möchte. Verblüfft bejahe ich und werde sogleich in eine nach Kräutern riechende Wolke eingelullt. Der Duftspray mit dem Namen «Göttin Entfessle deine Macht» und der Beschreibung «Engelalm Edelstein Essenzen für die Aura» ist online für knappe 19 Franken erhältlich. Neben diesem Spray kann man bei ihr auch Räuchermischungen für je 12.90 Euro kaufen mit Namen wie «Königin der Alpen», «Stille Nacht», «Hüterin der Wiese» oder «Meisterin des Waldes», sowie Räucherzubehör und verschiedenste Bücher. Die Hauptautorin, die sie vorstellen möchte, scheint Christa Mulack zu sein. Die von ihr dargebotenen Büchern beleuchten Frauen der Bibel aus einer matriarchalen Perspektive und weisen ihnen die Rolle der Göttin zu. Der Bücherstand wirbt zudem für verschiedene Veranstaltungen, darunter matriarchale und Hexen-Anlässe. Die Ähnlichkeiten der Hexenbewegung und der Matriarchatsforschung sind mir schon vorher aufgefallen, dieser Stand hat mir jedoch bestätigt, dass es da Verbindungen gibt. Die Hexenbewegung wurde ums Jahr 1950 von Gerald B. Gardner in England begründet und in den 1960er Jahren von Alex Sanders populär gemacht. Um 1971 begründete die in die USA emigrierte Ungarin Zsuzsanna Budapest den feministischen Zweig der Hexenbewegung, der mit der Matriarchatsbewegung noch heute eng verbunden ist.

Endlich Heide Göttner-Abendroth

Als es weiter geht, wird Heide Göttner-Abendroth begrüsst und auf die Bühne gebeten. Dabei versäumen die Matriforum-Gründerinnen, die zugleich auch ihre ehemaligen Schülerinnen sind, nicht zu erwähnen, dass Göttner-Abendroth gleich zwei Nominierungen für den Friedensnobelpreis innehabe. Schon vorher fällt mir das auf, doch jetzt wo Heide Göttner-Abendroth wirklich zu Wort kommen soll, ist es nicht mehr zu leugnen, dass unter einigen Teilnehmenden – wahrscheinlich  den erfahrenen Matriarchatsforscherinnen in diesem Saal – fast schon eine Verehrung von Heide Göttner-Abendroth stattfindet. Frau Göttner-Abendroth, ganz in Orange gekleidet, betritt die Bühne langsam und stellt sich hinter das Stehpult. Sie ist nun über 80 Jahre alt und forscht seit knapp 40 Jahren zu Matriarchaten. Natürlich steht ihr die Aufgabe zu, unter dem Teilbereich «Sex heals» zu referieren. Heide Göttner-Abendroth beginnt mit den vier Punkten des Patriarchats: 1. Männliche Repression, 2. Weibliche Schuld, 3. Prostitution und 4. Libertären Sex (damit meint sie Sexkommunen). Die ersten zwei Punkte würden der Erkennung der Vaterlinie dienen. Die Mutterlinie sei ja klar. Da die Männer Söhne für ihre Kriege wollten, Söhne, die sozusagen ihre Doppelten waren, mussten sie ihre Frauen kontrollieren. So, meint Göttner-Abendroth, beruhe die Vaterlinie also auf Gewalt. Die Punkte drei und vier dienen nicht der Vaterlinie, sondern der männlichen Lust. Dazu meint sie auch, dass «Sex» oder «Sexualität» ein patriarchaler Begriff sei. In Matriarchaten gehe es mehr um «Erotik» und es gäbe keine Vergewaltigungen. Vergewaltigungen seien in Matriarchaten schlichtweg nicht bekannt. In Matriarchaten sei die soziale Lebensform der Mutterclan. Darin lebten alle Verwandten derselben Mutterlinie. In diesen Gesellschaften werde die Besuchsehe praktiziert. So, meint Heide Göttner-Abendroth, seien die Frauen freier. Durch die Besuchsehe könnten sie ihre Liebe ausleben, wie sie möchten, blieben jedoch in der Geborgenheit des Mutterclans sicher. Erotik sei somit losgelöst von Prestige, Moral, Pflichten und Beziehungen – es gehe nur um Gefühle. Dies sei möglich, weil die Sicherheit vom Mutterclan gewährleistet werde. In Patriarchaten hingegen werde erwartet, dass zwei Personen unter dem Konzept der romantischen Liebe alles alleine regeln. Die Realität spreche jedoch eine andere Sprache als die Vorstellung. Wie realistisch diese Erwartungen sind, so Göttner-Abendroth, zeige die Scheidungsrate deutlich auf. Wie Vergewaltigungen gebe es in matriarchalen Gesellschaften auch keine Eifersucht. Frauen würden sich nicht um einen Mann streiten und bei Männern spiele Eifersucht auch keine Rolle, weil ja die Frau den Partner wählen würde.

Hier sehe ich eine Kritik an Heide Göttner-Abendroth. Denn obwohl sie hinterfragt, wie realistisch gewisse Konzepte in Patriarchaten wirklich sein können, übt sie nicht dieselbe Kritik an matriarchalen Konzepten. Die Behauptung zum Beispiel, dass Vergewaltigungen und Eifersucht in Matriarchaten nicht bekannt seien, wird sehr unhinterfragt wiedergegeben und hat mich und meine Schwester sogleich aufhorchen lassen. Viele dieser Ideale des Matriarchats werden von Matriarchatsanhängerinnen im weiteren Verlauf des Morgens und auch am Nachmittag immer wieder unhinterfragt akzeptiert.

Schwarz-Weiss ist nicht gleich Grau

Als Heide Göttner-Abendroth geendet hat, werden Dr.in Monika Hauser und Dr.in Daniela Danna für die nun folgende Podiumsdiskussion wieder auf die Bühne gebeten. Für die 40-minütige Podiumsdiskussion werden Fragen gestellt, die vorher gesammelt worden sind. Was mir bei dieser Podiumsdiskussion am meisten auffällt, ist, dass Heide Göttner-Abendroth dazu tendiert, auf Fragen mit «einfachen» Lösungen oder eindeutigen Schwarz-Weiss-Konzepten zu antworten, wobei das Patriarchat als gesetzt und immer als das Negativbeispiel und das Matriarchat als Positivbeispiel fungiert. Danna scheint bei den Antworten auf einer ähnlichen Schiene zu fahren wie Göttner-Abendroth, drückt sich jedoch vorsichtiger aus und bestimmt das Patriarchat eher als potenzielle Ursache neben anderen. Hauser dagegen liefert sehr differenzierte Antworten und ist darauf aus, dabei nicht ein Schwarz-Weiss-Denken zu vermitteln. Ein Beispiel dafür liefert gleich die erste Frage: «Wie selbstbestimmt leben Frauen in unsere Gesellschaft? Auf einer Skala von 1-10.» Hauser sollte die Frage als erstes beantworten. Diese Frage könne man so nicht homogen beantworten, meint sie. «Sagen wir, Frauen in Afghanistan wären bei der Skala bei 1, so gibt es auch in Europa, in unserer Gesellschaft Frauen, die relativ tief, ca. bei drei sind, aber natürlich auch Frauen, die bei 7 sind und sehr selbstbestimmt leben können.» Daraufhin erwidert Göttner-Abendroth jedoch eilig, dass Frauen in unserer Gesellschaft schon selbstbestimmt sein mögen, aber dass sie innerhalb eines Patriarchats selbstbestimmt seien, was die ganze Skala runterbringe. Sie schätzt deshalb ein, dass die Frauen hier höchstens auf der Stufe 3 sein könnten. Nehmen wir nun noch die Frauen in unserer Gesellschaft hinzu, die weniger selbstbestimmt leben können, wären wir auf der Skala zwischen 0 bis 3.  Danna meint dann, dass sie nicht so weit gehen würde, aber die Selbstbestimmtheit von Frauen zwischen 3 und 4 legen würde. Dabei möchte sie jedoch betonen, dass wir heute eher auf einem Rückschritt sind.

Die Sicht eines matriarchalen Mannes

Etwa eine Stunde später begeben meine Schwester und ich uns zum Hotelrestaurant, wo wir am Morgen schon gefrühstückt haben. Den grossen Strom der hungrigen Teilnehmenden haben wir dank unserer kurzen Notdurft gerade verpasst und so können wir gemütlich und ohne Anstehen unsere Teller mit dem Kürbisauflauf und dem Salat füllen. Meine Schwester führt uns an einen der einzigen Tische, wo noch zwei Plätze frei sind. Am Tisch sitzen zwei weitere eher jüngere Frauen und ein Ehepaar aus der Schweiz. Sobald wir uns vorgestellt haben und merken, dass das Ehepaar auch aus der Schweiz angereist ist, wechseln wir fröhlich in unsere natürlichere Sprache. Smalltalk bleibt dabei ein kurzer Lückenfüller, bevor wir uns dem ernsteren Thema – dem Matriarchat für Männer – widmen. Da der Ehemann einer der wenigen Männer an dieser Tagung ist, muss er wohl oder übel als Repräsentant für seine ganze Geschlechtsgruppe fungieren. Doch als meine Schwester ihn gerade hinaus fragt, wie es für ihn als Mann ist, in diesem Milieu über Männer als Sündenböcke zu hören, werden wir von seiner wohlüberlegten Antwort überrascht, die zeigt, dass er nicht nur schon länger in dieser Szene unterwegs ist, sondern auch sehr reflektiert und mit viel Güte mit dem Thema umgeht. Dies, so meint er jedoch, habe er sich über Jahre anlernen müssen: Anfangs sei es ihm natürlich schwergefallen, als Mann, der als kollektiven Teil des Problems angeschaut wurde, nicht alles persönlich zu nehmen. Er musste lernen, sich von dem Mann zu distanzieren. Nicht er persönlich war schuld, sondern die Rolle des Mannes und die patriarchalen Geschlechtervorstellungen von Mann und Frau. Davon, so wendet seine Ehefrau ein, seien ja auch Männer selbst Opfer. Patriarchale Vorstellungen vom Mann belasteten Männer mit immensen Druck. Dies zeige sich unter anderem in der hohen Selbstmordrate unter Männern sowie dem Anteil an Männern, die eine Alkoholsucht entwickelten.

Das Gespräch mit dem Ehepaar leuchtet mir ein und ich bin froh, dass die Teilnehmenden die Matriarchatstheorien sehr kritisch angehen und nicht für bares Gold hinnehmen. Das Patriarchat wird von den Matriarchatsforscherinnen zwar immer als Sündenbock hingestellt, was das Patriarchat jedoch ist, hier gehen die Gefühle und persönlichen Meinungen auseinander. Für die Matriarchatsforscherinnen ist unsere Gesellschaft als ganzes ein Patriarchat. Da unsere Gesellschaft aus Institutionen aufgebaut ist und Institutionen inhärent patriarchal sind, ist unsere Gesellschaft ein Patriarchat. Aus Gesprächen mit mehreren Teilnehmenden, auch vom Nachmittag, schließe ich, dass bei den meisten nicht die Gesellschaft als Patriarchat als Sündenbock dient. Vielmehr sind es vor allem veraltete Vorstellungen von Geschlechterrollen, die in unserer Gesellschaft – sei es bewusst oder unbewusst – nach wie vor vorherrschen.

Heide Göttner-Abendroth über das Matriarchat im Patriarchat

Am Nachmittag gibt es offene Diskussionsworkshops, deren Themen von uns selbst gewählt werden. Heide Göttner-Abendroth bietet auch einen an, den ich natürlich nutze. In den Diskussionen in der kleinen Runde merke ich, dass Heide Göttner-Abendroth nicht immer solch ein Schwarz-Weiss-Denken aufweist, wie sie es in ihren Büchern und bei ihren Vorträgen meistens tut. Im kleinen Rahmen erkennt man bald, dass viele Teilnehmende mit der Vorstellung einer Umsetzung der Matriarchate Mühe haben. Göttner-Abendroth scheint das auch wahrzunehmen und erklärt, dass es in der Realität halt so sei, dass wir in einem Patriarchat leben, aber das wir versuchen können, unsere eigenen kleinen Matriarchate zu gründen. Dabei nennt sie ein Beispiel, bei welchem mehrere alleinerziehende Mütter sich zusammengeschlossen haben – zu einem Matriclan sozusagen – um die Kindererziehung zusammen zu meistern. Sie meint, damit könne man bewusst matriarchale Muster ins Patriarchat einführen. Ein weiteres Beispiel sei die Spiritualität der Matriarchate, die man gut in das eigene Leben einführen könne. Die Göttin, welche als Repräsentantin der Macht der Frauen dient, werde von Matriarchaten in verschiedenen Formen verehrt. Dabei solle man den Zyklus der Frau, des Lebens und der Natur bewusster angehen. Denn dadurch sei man auch im Reinen und in der Balance mit sich selbst. Diese Umsetzung wurde auch am Vorabend von einigen Anhängerinnen schon vorgestellt. Die Frage nach der Realisierbarkeit scheint hier geklärt zu sein. In diesem Workshop enthüllt uns Heide Göttner-Abendroth jedoch noch eine weitere spannende Einsicht. Die Frage, die dieser vorausging, bezog sich auf die Entscheidungsfreiheit der Frauen, Mütter zu werden, da in Matriarchaten mütterliche Werte betont werden. Heide Göttner-Abendroth meint dabei, dass die Entscheidungsfreiheit ganz bei den Frauen liege. Und obwohl es keine Verhütungsmittel gebe, könnten die Frauen dennoch selbst entscheiden, ob sie ein Kind austragen wollten oder nicht. Die Methoden dazu könne sie uns jedoch nicht erklären, da sie es selbst nicht wisse. Das seien Frauengeheimnisse, die nicht mit Fremden geteilt würden.

Kann das Matriarchat mit aktuellen politischen Themen mithalten?

Schon den ganzen Tag über ist mir und meiner Schwester aufgefallen, dass LGBTQ+ Themen gemieden werden. Da jedoch freie Workshopwahl herrscht, können wir dieses Diskussionsthema ungehindert anbieten. Meine Schwester war zuvor mutig genug, dieses Thema vorzuschlagen und an die Pinnwand zu hängen. Zu unserer Überraschung jedoch finden sich viele bei uns ein. Auch alle eher jüngeren Leute haben sich entschieden, diesen Workshop zu besuchen. Unsere Frage zielte ursprünglich darauf ab, herauszufinden, wie queere Menschen in Matriarchaten erfahren werden. Wir merken jedoch schnell, dass dieses Thema für viele heisse Köpfe sorgt und kein Konsens erreicht werden kann, was gar nicht den matriarchalen Prinzipien entspricht. Die erste Frau, welche ihre Stimme erhebt, bedankt sich bei meiner Schwester und meint, dass es genau aus diesen Gründen junge Personen bei den Matriarchatsthemen brauche. Sie sei zum Teil schockiert und bis auf die Knochen erschüttert über gewisse Aussagen, die sie zum Beispiel auf Facebook von anderen Matriarchatsanhängerinnen zu diesem Thema lese. Die LGBTQ+ Thematik, dabei vor allem der Transgender-Aspekt, werde von radikalen Matriarchatsanhängerinnen abgelehnt. Die Argumentation sei dabei anscheinend, dass Transgenderfrauen keine Kinder kriegen können und deswegen die mütterlichen Werte der Frauen untergrüben und so gegen Matriarchate seien. Andere Matriarchatsanhängerinnen betonen, dass Matriarchate dieses Konzept gar nicht kennten. Dort würde es das gar nicht geben. Die letzte Aussage sorgt für einen Aufschrei vor allem bei den jüngeren Teilnehmenden. Nur weil etwas versteckt sei, heisse das nicht, dass es nicht existiere. Dieses Streitgespräch entwickelte sich jedoch bald zu einer Diskussion um die Terminologie «LGBTQ+». Die einen meinen, dass LGBTQ+ eine westliche Bewegung sei, die es in Matriarchaten nicht gebe. Wodurch die Jüngeren bald erklären müssen, dass es bei dieser Frage nicht um die Terminologie, sondern um das Konzept des sozialen Geschlechts gehe: «Wie gehen Matriarchate mit Menschen um, welche sich nicht mit der Rolle ihres biologischen Geschlechts identifizieren können, welche ein anderes soziales Geschlecht aufweisen?» Da hier vor allem jüngere gegen ältere diskutieren, verlieren wir auch viel Zeit für die Aufklärung.  Am Ende meint jemand, dass es Matriarchate gibt, wie die in Juchitàn, die mehrere Geschlechter zählen. Dies dient als differenzierte Aussage, dass es auch in Matriarchaten keine einheitliche Struktur gäbe, was mir die Augen öffnete, da Matriarchatsanhängerinnen meistens von dem Matriarchat sprechen, so wie sie von dem Patriarchat sprechen.

Der nächste Workshop, den wir besuchen, sollte darauf abzielen, wie Matriarchate in aktuellen politischen Themen einen Mehrwert geben können. Dieses Thema wurde auch von einer jüngeren Person vorgeschlagen. Doch bei diesem Thema scheinen schnell eher die älteren erfahrenen Matriarchatsanhängerinnen das Zepter in die Hand zu nehmen, welche die Rhetorik der Matriarchatsforscherinnen aufgreifen. Da es für mich keinen Mehrwert gibt, gebe ich meiner Schwester zu verstehen, dass ich den Raum verlassen will. Im Gang treffen wir die junge Person an, welche das Thema ursprünglich vorgeschlagen hat, auch sie hat sich aus dem Staub gemacht. Als wir sie sehen, fragen wir sie, ob wir wohl zu dritt zu diesem Thema sprechen wollen, worauf sie zustimmend nickt. Kurz darauf gesellt sich eine weitere eher jüngere Person zu uns, die zuvor auch dabei gewesen ist. In unserem Gespräch mit den beiden fällt mir wieder auf, dass auch sie sehr kritisch und reflektiert sind. Anders als im vorigen Gespräch mit dem Ehepaar jedoch werden in diesem Gespräch vor allem Kritikpunkte an der Matriarchatsideologie eingebracht. Einerseits, so die erste Kritik, komme die Matriarchatsforschung aus einer älteren feministischen Bewegung und würde somit auch in anderen aktuellen politischen Themen keine Berührungspunkte finden. Obwohl eine Nähe zur Natur mit der Spiritualität der Matriarchatsanhängerinnen einhergeht, wurde das Thema Klimawandel, das heute schwer zu umgehen ist, nie angesprochen. Andererseits meinen beide, dass das Matriarchat einer Utopie gleichkommen und kritisieren die Umsetzbarkeit. Obwohl sie bewundern, dass es Matriarchate gibt, erkennen sie auch, dass die Idee einer Umstürzung des Patriarchats und Einführung eines Matriarchats nur imaginativ möglich sei. Die eine der beiden scheint auch ein bisschen enttäuscht zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich wahrscheinlich ein bisschen mehr zur aktivistischen Umsetzung erhofft hat.

Ein Ideal ohne Chancen

Diese Enttäuschung und auch die Kritikpunkte kann ich nachvollziehen. Mir hat das Gespräch und die Tagung noch einmal bestätigt, dass der Dualismus von Patriarchat und Matriarchat heutzutage nicht mehr funktioniert – falls er je funktioniert hat. Nicht nur im Angesicht der neueren politisch-aktivistischen Bewegungen, sondern auch weil Patriarchate wie auch Matriarchate keine Einheit bilden können. Wenn es auf der Welt – wie die Matriarchatsforscherinnen meinen – nur wenig über 25 Matriarchate gibt, dann ist der Rest dem Patriarchat zuzuordnen. Eine Ideologie, welche die ganze restliche Welt unter ein Dach packt, führt unweigerlich zu einem Drang, sich von dieser Ideologie distanzieren zu wollen. Eine weitere Kritik, die ich geben würde, ist, dass die Matriarchatsforscherinnen uns weise machen wollen, dass unsere Kultur zeige, dass seit Adam und Eva den Frauen die Schuld gegeben wird. Dies wurde ja auch so in der Einleitung ausgesprochen. Doch ebenso, wie sie uns erklären wollen, dass das Patriarchat den Frauen für alles die Schuld gebe, so weisen sie für alles dem Patriarchat die Schuld zu. Differenzierte Meinungen, wie diejenige von Frau Hauser am Anfang der Podiumsdiskussion, werden als Folge eines verinnerlichten Patriarchats abgewinkt.

Meine Schwester, welche den ganzen Tag als Person miterlebt hat, welche keine Vorbildung im Matriarchat hat, zieht folgende Schlussfolgerung: Am Vorabend bei der Einführung zum Matriarchat sei ihr aufgefallen, wie ruhig und wohlwollend die Matriarchatsforscherinnen gesprochen hätten. Mit dieser ruhigen Stimme wollten sie wahrscheinlich das Friedvolle der Matriarchate rüberbringen. Auch wenn sie von der Idee einer Gesellschaft, in der es keinen Krieg gibt und in der man aufeinander schaut, schön finde, habe sie diese ruhige Stimme gestört, da sie einfach kein Wort verstanden habe. Dieses Schauspiel ist am nächsten Tag weitergegangen und dabei habe sich meine Schwester auch ein bisschen fremdgeschämt, als sich die Matriforum-Gründerinnen auf der Bühne umarmt haben, als wollen sie die Gutmütigkeit und Liebe des Matriarchats vorspielen. Aber meine Schwester habe sich durch diese Zurschaustellung der Liebe zueinander auch zusammenreimen können, was die Botschaft sei und was das Matriforum vermitteln wolle. Zusätzlich habe ihr Heide Göttner-Abendroths Vortrag überhaupt nicht eingeleuchtet. Erstens sei es überhaupt nicht männerfreundlich und zweitens sei dieses Ideal und die Utopie einfach nicht realistisch umsetzbar. Sie habe aber auch erkannt, dass man keine Kritik daran anbringen könne, weil man dann als vom Patriarchat «verseucht» angeschaut werde. Wahrscheinlich würde der folgende Kritikpunkt auch als Folge der Unterdrückung durch das Patriarchat interpretiert werden, aber meine Schwester liess sich von der Idee eines Matriclans nicht begeistern. Bei der Vorstellung davon würde sie sich sehr eingeschränkt fühlen. Die grösste Kritik, die sie jedoch an der Matriarchatsthematik sieht, sei dass das Matriarchat anscheinend ihre Traumwelt sei, in der LGBTQ+ Themen und das Thema Inklusion von Beeinträchtigten keinen Platz habe.  In den Worten meiner Schwester: «Es ist als würden wir Vorträge hören gehen, von Leuten, die erzählen, wie ihre Traumwelt aussehen würde.»

In dieser fehlenden Männerfreundlichkeit und in der fehlenden Aktualität dieses Ideals sehe ich auch eine grosse Chance, welche die Veranstaltenden verspielt haben. Die Tagung wurde von einigen jungen Personen besucht, davon auch Männern. Sie wäre eine Chance gewesen, mehr junge Personen, dabei auch junge Männer, die am Thema interessiert sind, ins Boot zu holen. Zusätzlich dazu, dass man als Mann in diesen Kreisen eine sehr dicke Haut haben und viel Selbstreflexion aufweisen muss, könnte der fehlende Bezug zu aktuellen politischen Themen dazu führen, dass diese jungen interessierten Männer dieser Bewegung wieder den Rücken kehren.

Kurz vor Schluss noch eine Prise Orientalismus

Des Weiteren habe ich mich während der ganzen Tagung gefragt, wieso denn keine Personen aus den erforschten Matriarchaten anwesend sind. Diese würden der Tagung als Expertinnen einen hohen Wert einräumen. Ich frage mich, ob die Gesellschaften, welche als Ideale romantisiert werden, nicht an Tagungen zum Matriarchat eingeladen werden oder wenn doch, nicht genug daran interessiert sind. Wieso könnte das sein? Während meiner Recherche zum Matriarchat ist mir aufgefallen, dass «existierende» Matriarchate im globalen Süden zwar romantisiert werden, dies aber den Orientalismus der Matriarchatsforschung aufzeigt. Ähnlich wie im Orientalismus, bei dem der «Orient» aus einer eurozentrischen Perspektive konstruiert wird, geschieht dies auch in der Matriarchatsforschung: Hier wird das «ideale Matriarchat» als ein westliches Konstrukt geformt. Im Orientalismus wird der Westen häufig als «zivilisiert» und der Orient als «mysteriös», «mystisch» oder sogar «bedrohlich» dargestellt. In der Matriarchatsforschung finden sich vergleichbare dualistische Ansätze: Der Westen wird als «patriarchalisch» und als «Herrschaftssystem» wahrgenommen, während die «existierenden» Matriarchate des globalen Südens als «spirituell» und als «Gesellschaften in Balance» idealisiert werden. Dabei spielen, wie auch im Orientalismus, ungleiche Machtverhältnisse eine entscheidende Rolle. Durch diese Konstrukte wird den idealisierten Gemeinschaften oft die Selbstbestimmung genommen. Exotisierende und manchmal auch rassistische Darstellungen entstehen, die nicht nur eine romantisierte, sondern auch eine vereinfachte und verzerrte Sicht auf diese Gesellschaften fördern. Ein zentrales Problem zeigt sich daran, dass Vertreter*innen dieser Gemeinschaften, wie nun auch bei dieser Tagung, häufig nicht aktiv in den Dialog einbezogen werden. Statt einem «Sprechen mit» bleibt es bei einem «Sprechen über». Dieses Ungleichgewicht verdeutlicht, wie sehr die Matriarchatsforschung dennoch von den Machtstrukturen und Perspektiven der westlichen Welt geprägt ist.

Ein nettes Abschlusswort

Abschliessend muss ich sagen, dass ich im Großen und Ganzen positiv überrascht bin. Da ich mich mit dem Material auseinandergesetzt habe, ist es für mich keine grosse Überraschung, wie Anhänger und Anhängerinnen die Thematik angehen und vermitteln oder in ihren Worten «über die Thematik sensibilisieren». Ich bin auch nicht überrascht zu sehen, dass unter den Matriarchatsforscherinnen oder -anhängerinnen fast schon ein «Heide-Göttner-Abendroth-Kult» herrscht – diese Formulierung stammt übrigens von einer jüngeren Matriarchatsanhängerin, welche selbst die Ausbildung zur Matriarchatsforschung absolviert hat. Überrascht bin ich jedoch von den neugierigen Teilnehmenden, welche sich neu dem Thema ausgesetzt haben und mit kritischem Ohr zugehört haben. Auch wenn sie Dankbarkeit fühlen, über das Wissen, dass es Gesellschaften gibt in denen eine matriarchale Lebensweise möglich ist, so stellen sie sich dennoch Fragen über die Umsetzung und über die Aktualität des Themas.

Alysejah Huber, November 2024

Tiefe Gemeinschaft und strikte Glaubensauslegung – ein Besuch bei der Aliança do Renovo in St. Margrethen

Vor einiger Zeit wurden wir von Relinfo auf eine brasilianische Glaubensgemeinschaft namens «Aliança do Renovo» aufmerksam gemacht. Die Gemeinschaft, deren Name ins Deutsche als «Allianz der Erneuerung» übersetzt werden kann, hat ihren Sitz in St. Margrethen, nahe dem Bodensee im Kanton St. Gallen, und hat in dieser Region innerhalb religiöser Kreise zunehmend an Bekanntheit gewonnen. Die Betonung auf «Erneuerung» weckte mein Interesse, denn eine Gemeinschaft, die ihren Mitgliedern geistige Erneuerung bietet, klingt durchaus faszinierend.

Einblicke in die Theologie der Aliança do Renovo


Noch bevor ich die Gemeinde persönlich im Gottesdienst besuchte, beschäftigte ich mich eingehender mit ihrem Glaubensbekenntnis und den Lehren, die mich dort erwarten würden. Auf der Homepage der Gemeinschaft werden nur wenige Informationen zu ihrer theologischen Überzeugung bereitgestellt. Doch die veröffentlichten Werke, wie die «Theologischen Seminare» der Gemeinschaftspastorin, Frau Akelene Walser, vermitteln einen tieferen Einblick. Nach eingehender Lektüre von Walsers Schriften ergab sich für mich folgendes Bild: Ihre Theologie ist stark verankert in konservativ-evangelikalen und charismatischen Traditionen, was sowohl Stärken als auch Herausforderungen birgt. Die Betonung auf die göttliche Inspiration der Bibel und des Heiligen Geistes gibt vielen Gläubigen Sicherheit und Orientierung. Gleichzeitig jedoch wirkt ihre häufig wortwörtliche Auslegung biblischer Texte in der modernen Gesellschaft kaum anpassungsfähig. Besonders auffällig war für mich, dass in ihren theologischen Seminaren kein Raum für alternative Interpretationen bleibt.

Nachdem ich durch die Lektüre einen ersten Eindruck von den theologischen Ansichten der Kirche gewinnen konnte, war ich gespannt, wie sich diese Lehren im Rahmen eines Gottesdienstes in der Gemeinschaft widerspiegeln würden. Der nächste Schritt bestand also darin, die Atmosphäre und die Praxis der Aliança do Renovo vor Ort selbst zu erleben und einen persönlichen Eindruck davon zu gewinnen, wie diese Gemeinschaft ihren Glauben lebt.

Willkommen und Symbolik: Der erste Eindruck der Aliança do Renovo


Nach einer langen Autofahrt nach St. Margrethen erreichte ich schliesslich die Räumlichkeiten der Aliança do Renovo, die in einem Gebäude an der Hauptstrasse liegen und sehr einfach zu finden sind. Bereits beim Betreten des Raumes nahm ich eine lebhafte Atmosphäre wahr. Viele Menschen waren in Gespräche vertieft, und die Stimmung war warm und einladend. Kaum angekommen, wurde ich von mehreren Gemeindemitgliedern angesprochen, die mich herzlich begrüssten und mich nach dem Namen fragten. Mir wurde sofort das Gefühl vermitteltet, willkommen zu sein. Besonders ein älterer Herr fiel mir auf: Er kam auf mich zu, fragte nach meinem Namen und sprach mir mit einem Lächeln einen persönlichen Segen zu: «Gott segne dich, alles wird gut in deinem Leben.» Die Herzlichkeit und das ehrliche Interesse, das mir entgegengebracht wurde, machten deutlich, wie wichtig Gemeinschaft und persönliche Nähe in dieser Glaubensgemeinschaft sind.

Die Räumlichkeiten der Gemeinschaft sind klar strukturiert: Zunächst betrat ich einen Eingangsbereich, der eine Garderobe, Toiletten sowie eine kleine Station mit Essen und Getränken bietet. Weiter ging es in den eigentlichen Gottesdienstraum. Dieser war hell und schlicht gestaltet, mit einer Holzdecke, weissen Wänden und einem hellgrauen Boden. Der Raum war mit fünf Stuhlreihen ausgestattet, die jeweils etwa zehn Stühle umfassten. In der Mitte führte ein Gang durch den Raum und teilte die Sitzreihen in zwei Seiten. Im vorderen Teil des Gottesdienstraums stand ein Tisch, der mit einem langen weissen Leinentuch bedeckt war. Darauf waren verschiedene symbolische Gegenstände arrangiert: Brot, Trauben, einige grüne Pflanzen und goldfarbene Kerzenhalter im klassischen Stil. Dazu gab es Trinkgefässe, die gemeinsam eine feierliche Atmosphäre schufen. Auf dem Leinentuch war die Aufschrift «Em memória de mim» («In Erinnerung an mich») zu lesen, mit einem Hinweis auf 1. Korinther 11:24, der die Bedeutung dieses Arrangements als Gedenkmoment an das letzte Abendmahl verdeutlichte. Im vorderen Bereich des Gottesdienstraums befand sich ausserdem ein Bildschirm, auf dem später die Liedtexte für alle sichtbar eingeblendet wurden.

Vielfalt und Eleganz

Die Zusammensetzung der Gottesdienstbesucher war vielfältig und fiel durch eine klare Dominanz von Frauen auf. Etwa 70 % der Anwesenden waren weiblich. Besonders ins Auge fiel der elegante Kleidungsstil vieler Frauen, von denen mindestens sechs in auffallend roten Anzügen oder Blazern mit Röcken erschienen. Auch die Pastorin, folgte diesem Stil und trat in einem roten Blazer mit Anzugshose auf, was ihrer Präsenz zusätzliche Autorität verlieh. Die Männer, ebenfalls schick gekleidet, unterstrichen den insgesamt feierlichen Charakter des Treffens.

Die Gemeinde bestand aus etwa 30 Personen, darunter nicht nur brasilianische Mitglieder, sondern auch spanischsprachige Menschen aus dem südamerikanischen Raum sowie zwei italienische Frauen. Zudem waren wohl einige Schweizer anwesend, die Portugiesisch verstanden – vermutlich aufgrund von familiären Verbindungen, wie brasilianischen Ehepartnern. Die Altersstruktur war breit gefächert: Neben Erwachsenen waren auch Kinder, Jugendliche und sogar Babys anwesend.

Zeugnisse der Heilung und Glaubensprüfung


Zu Beginn des Gottesdienstes traten zwei befreundete Ehepaare nach vorne, um ein gemeinsames Zeugnis abzulegen. Die Geschichte, die sie teilten, drehte sich um eine schwere gesundheitliche Krise eines der Männer, der ebenfalls vorne stand. Seine Erzählung war dramatisch und emotional aufgeladen, mit langen Pausen, die Spannung aufbauten, während er beschrieb, wie er noch vor wenigen Wochen in einer lebensbedrohlichen Situation war. Der Mann berichtete, dass er schwer an Atemproblemen und einem «geschwollenen Herzen» litt und sich sein Zustand derart verschlechterte, dass eine komplizierte Operation unausweichlich war. Dann, in der Nacht vor dem Eingriff, als er bereits im Krankenhaus lag und seine bevorstehende Operation kaum noch abwenden konnte, hatte er einen Traum: Er sah sich selbst im Paradies, eine Vision, die er mit den Worten aus der Offenbarung 22:1-3 in Verbindung brachte, die von einem Strom des Lebens und der Heilung berichten. Er beschrieb, wie lebendig alles wirkte, mit klarem und warmem Licht und einer tiefen Ruhe in der Luft, so als ob alles Schwere von ihm abfallen würde. Ihm zufolge war es ein Ort ohne Schmerz und reiner Heilung.

Am nächsten Morgen, vor der finalen Untersuchung und der geplanten Operation, geschah dann etwas, das die Gemeinde als Wunder betrachtete: Sein Herz begann plötzlich wieder normal zu schlagen, sodass die Ärzte ihm mitteilten, eine Operation sei nicht mehr notwendig. Seine Ehefrau und das befreundete Ehepaar berichteten ebenfalls aus ihrer Perspektive, wie sie diese schwierige Zeit durchlebt hatten, mit Sorgen, Gebeten und einem festen Glauben an Gottes Eingreifen.

Während die Schilderungen bewegend waren und viele Anwesende tief berührten, stellte sich für mich dennoch eine Frage: War es tatsächlich der Traum, der diese unerwartete Wendung herbeiführte? Der Mann und seine Freunde waren überzeugt, dass die Vision des Paradieses der Schlüssel zur Heilung war, doch bleibt offen, ob dieser plötzliche gesundheitliche Umschwung nicht auch andere Erklärungen haben könnte. Nur weil er den Traum hatte, wurde er geheilt? Oder war es vielleicht das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, die zusammenwirkten? Unabhängig von der Antwort bleibt jedoch eines unbestritten: Für die Gemeinde und die Beteiligten war dieses Erlebnis ein Beweis für die Kraft ihres Glaubens. Die Geschichte mag zwar unterschiedlich interpretiert werden, doch sie bleibt ein Zeugnis dessen, was für viele Menschen der Kern ihres Glaubens ist: Hoffnung in den dunkelsten Momenten und die feste Überzeugung, dass Wunder möglich sind.

Musikalische Anbetung

Nach den Zeugnissen folgte eine Zeit des Lobpreises, in der ein weibliches Gemeindemitglied zur akustischen Gitarre sang. Ihr Spiel und ihr Gesang klangen sehr schön und gefühlsvoll und schufen eine besinnliche Atmosphäre, die den Gottesdienst untermalte. Anschliessend wurden weitere Lobpreislieder gesungen. Die Texte wurden dabei auf dem Bildschirm eingeblendet, sodass alle mitsingen konnten. Hier bekam ich zum ersten Mal den Eindruck, dass es ein langer Gottesdienst werden könnte, da sich das Singen zunehmend in die Länge zog.

Strenge Auslegung und göttliche Gesetzmässigkeiten


Nach dem musikalischen Teil trat schliesslich die Pastorin Akelene Walser vor die Gemeinde. Nach der langen «Einführung» in den eigentlichen Gottesdienst war ich nun gespannt darauf, was mich erwarten würde und wie ihre Botschaft auf mich wirken würde. Sie eröffnete ihre Predigt mit einem Verweis auf Johannes 3, der Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus, in der es um die Notwendigkeit einer geistlichen Wiedergeburt geht. Der grössere Sinn dieser Passage liegt in der Betonung der Erneuerung und einer neuen Beziehung zu Gott. Diese Botschaft setzte einen feierlichen Rahmen, doch Walser ging bald über zu einer viel strengeren Auslegung.

In ihrer Predigt lag ein wiederkehrender Schwerpunkt auf der Unvereinbarkeit von Spiritualität und weltlichen Werten. Sie machte deutlich, dass ein spirituelles Leben ihrer Auffassung nach nicht ohne die strikte Einhaltung göttlicher Gebote möglich sei. Mit dem wiederholten Ausruf «Não pode!» (Darf man nicht!) unterstrich sie ihre feste Überzeugung, dass weltliche Wünsche und Verhaltensweisen einen klaren Gegensatz zur göttlichen Ordnung darstellen. Dazu verwies sie auf die 613 Gebote des Alten Testaments, die sie als Gesetz des Himmels interpretierte, deren Einhaltung unerlässlich sei, um unter der Herrschaft Jesu leben zu können. Diese Gesetzestreue sei für sie das Fundament eines gottgefälligen Lebens.

Besonders auffällig war ihre intensive und stark emotionale Vortragsweise, geprägt von einer zitternden Stimme und einer lebhaften Gestik, die ihre tiefe Überzeugung unterstreichen sollte. Manchmal verzog sie vor lauter Emotion das Gesicht, was ihr einen Ausdruck tiefer Ergriffenheit verlieh. Diese eindringliche Art schien die Ernsthaftigkeit ihrer Worte betonen zu sollen, doch mit der Zeit wirkte sie auf mich zunehmend überzogen. Die ständige Wiederholung ihrer Hauptpunkte erzeugten bei mir schliesslich den Eindruck von Redundanz. Wenn man immer wieder dieselben Aussagen betont und vor einem Publikum spricht, das die Meinung teilt und seine Zustimmung lautstark äussert, entsteht schnell eine Art «Überdosis» an Emotion, die auf mich ermüdend wirkte. Am Ende fiel es mir schwer, klar zwischen dem Ausdruck und dem eigentlichen Inhalt ihrer Botschaft zu unterscheiden, nicht zuletzt, weil ihre Predigt sich über eine Dreiviertelstunde erstreckte. Während ihrer Predigt verwendete sie ausserdem die Zungenrede, was sie auch in ihren theologischen Seminaren als zentralen Ausdruck des Heiligen Geistes betont hatte. Die Einbindung dieser Redeweise überraschte mich daher nicht.

Sie sprach schliesslich davon, dass man den Himmel nicht auf beliebige Weise erreichen könne und dass menschliche Fehler zwar unvermeidbar seien, jedoch kein Freifahrtschein für Fehltritte. Ihr Appell, monotheistische Prinzipien als einzigen Weg zur Erlösung anzunehmen, liess wenig Spielraum für alternative Glaubensformen, die sie – wie bereits in ihren theologischen Seminaren betont – als unvereinbar mit der Wahrheit ansah. Dies machte sich besonders deutlich, als sie Passagen aus dem Buch Ezechiel zitierte, mit dem Hinweis, dass niemand der göttlichen Gerechtigkeit entkommen könne. Auch die Taufe erwähnte sie, die sie als spirituellen Neubeginn und als Weg zur Reinigung von Sünden darstellte.

Insgesamt hinterliess ihre Predigt einen klaren Eindruck: die Gemeinde hat eine eindeutige und oft strikte Auslegung christlicher Lehre. Diese eng gefasste Perspektive sorgte für eine spannungsgeladene Atmosphäre und vermittelte mir persönlich einen Eindruck, der gleichermassen von ihrer tiefen Überzeugung wie auch von einer gewissen Starrheit geprägt war.

Ein Abschied in Herzlichkeit

Alles in allem dauerte der Gottesdienst etwas über zwei Stunden. Zwischendurch wurde nochmals mehrfach gesungen, und es folgte die symbolische Verteilung von ungesäuertem Brot. Auch Offerten wurden eingesammelt, um die Gemeinde zu unterstützen.

Nach dem Gottesdienst kamen einige Gemeindemitglieder auf mich zu und fragten interessiert nach meinen Kontaktinformationen. Die Menschen hier waren aussergewöhnlich offen und herzlich, und auch Akelene Walser nahm sich Zeit für eine freundliche Begrüssung. Schon in unserem kurzen Gespräch wirkte sie auf mich sehr herzlich, und ich zweifle nicht daran, dass sie dies auch im Umgang mit anderen ist. Schliesslich schlug eine Frau aus der Gemeinde vor, dass die Pastorin mir ein persönliches Gebet und einen Segen geben könnte. Es war eine spontane und respektvolle Geste, die ich annahm – auch aus Höflichkeit, da ich die Herzlichkeit der Menschen schätzte und nicht unfreundlich wirken wollte. So liess ich das persönliche Gebet und den Segen zu und betrachtete diesen Moment als Teil der Erfahrung. Zum Abschluss erhielt ich eine Einladung, noch länger zu bleiben und weiter mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen. Mit einem dankenden Lächeln lehnte ich jedoch ab und machte mich schliesslich auf den Heimweg.

Schlussfolgerung

Der Besuch bei der Aliança do Renovo bot mir eine Kombination aus tiefer Gemeinschaft und strikter Glaubensauslegung. Die Atmosphäre war geprägt von Herzlichkeit und einem deutlichen Gemeinschaftsgefühl, das sich in der Offenheit der Gemeindemitglieder ebenso wie in den symbolischen Momenten des Gottesdienstes widerspiegelte. Die Geste, mich nach dem Gottesdienst in Gespräche zu verwickeln und mir einen persönlichen Segen anzubieten, zeigte, wie wichtig die persönliche Nähe und Verbundenheit in dieser Gemeinschaft sind.

Gleichzeitig verfolgte die Gemeinde eine sehr klare und in gewisser Weise starre theologische Linie, die auf tiefen Überzeugungen und einer konservativ-evangelikalen Interpretation der Bibel basiert. Besonders durch die Predigt der Pastorin wurde deutlich, wie stark hier das Prinzip der Trennung von göttlicher und weltlicher Ordnung vertreten wird. Die ständige Betonung der göttlichen Gebote und die Zungenrede verdeutlichten eine Haltung, die von starkem Engagement und einer strikten Gesetzestreue geprägt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Aliança do Renovo bietet ihren Mitgliedern eine enge Gemeinschaft und spirituelle Heimat, doch ihr strikter Weg erfordert von den Gläubigen ein tiefes Mass an Hingabe und die Bereitschaft, die strenge Glaubensauslegung kompromisslos zu leben. Dies mag für einige eine klare Orientierung bieten, während es für andere, die nach einem flexibleren Zugang zum Glauben suchen, eine Herausforderung darstellt.

Laura Meyer, Oktober 2024

Lexikoneintrag Ministério Aliança do Renovo

Christina von Dreien zurück auf der Bühne: Ein irritierendes Wiedersehen

Am 8. September 2024 trat die im ganzen deutschen Sprachraum bekannte Ostschweizer Esoterikerin Christina von Dreien erstmals seit der Corona-Pandemie wieder im Rahmen eines Tagesseminars auf. Wir haben die Veranstaltung im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen besucht – und waren erschüttert.

Vor Corona hat Christina von Dreien etliche Tagesseminare durchgeführt, die z.T. bis zu 1’000 Teilnehmende zählten und mit Eintrittspreisen für über 22jährige von 180.- bis 190.- Franken für Christinas Firma «Christina von Dreien GmbH» recht einträglich gewesen sein dürften. Während Corona hat Christina von Dreien Webinare angeboten, die sie «Love Streams» nannte. Die «Love Streams» dauerten typischerweise zweieinhalb Stunden und kosteten Fr. 45.- Eintritt. Mit mehreren Tausend Teilnehmenden dürften auch die «Love Streams» sich als Geldströme in den Kassen der «Christina von Dreien GmbH» bemerkbar gemacht haben. Dieses Jahr hat Christina von Dreien zudem ihre «Vertiefungsgruppe» begründet, die für eine monatliche Abonnementsgebühr von Fr. 15.- gemeinsame Meditationen und einmal im Monat einen Austausch mit Christina offeriert. Die Zahl der Teilnehmenden ist nicht bekannt, dürfte aber um die 1’000 Personen betragen.

Auf den 8. September 2024 hin wurde nun erstmals seit Corona wieder ein Tagesseminar angekündigt, veranstaltet im Hugo-Eckener-Saal des Graf-Zeppelin-Hauses in Friedrichshafen. Anwesend waren rund 300 Personen, vorwiegend mittlere und vor allem ältere Semester, der Median des Publikums dürfte irgendwo um die 60 Jahre herum gelegen sein, vielleicht ein wenig darunter, vielleicht auch etwas darüber. Der Zulauf blieb offensichtlich unter den Erwartungen, der Saal hätte problemlos nochmals so viele Menschen aufnehmen können.

Gut erkennbar waren die Teilnehmenden, die zu Christinas von Dreien Vertiefungsgruppe gehörten, diese erhielten nämlich ein orangefarbenes Armband, nicht ein violettes wie die Outsider. Rund zwei Drittel der Anwesenden, mithin ca. 200 Personen, gehörten zur Vertiefungsgruppe. Diese Beobachtung erlaubt eine Schätzung der Gesamtzahl der Teilnehmenden der Gruppe auf ca. 1’000 Menschen.

Christina von Dreien: ein trauriger Anblick

Christina von Dreien betrat die Bühne in Begleitung ihrer Managerin Nicola Good, die aber explizit keine Managerin sein will, sondern «Gute Fee» und «beste Freundin». Als Christina von Dreien sich hinsetzte und auf die Aufforderung ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» das Wort an das Publikum richtete, waren wir geschockt. Christina hat sich in einer für uns erschreckenden Art und Weise verändert. Sie hockte auf ihrem Stuhl wie ein kleines Kind und sprach mit einer Fistelstimme, die unsicher und verloren wirkte.

Als wir Christina von Dreien das erste Mal sahen, machte sie einen komplett anderen, gesünderen, viel dynamischeren Eindruck. Es war im Januar 2018, der Hype um die damals noch 16jährige Christina von Dreien war gerade richtig ausgebrochen, als sie im Zürcher Volkshaus auftrat, im mit 300 Leuten vollgepackten Weissen Saal. Damals wurde Christina noch nicht von ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» Nicola Good begleitet, sondern von ihrer Mutter Bernadette von Dreien. Diese sass aber nicht, wie es heute die «Gute Fee» macht, mit Christina auf dem Podium, sondern stand an der Rückwand des Raums. Interviewt wurde Christina von Emmanuel Steiger, der damals noch für die Quelle Bern arbeitete, um später zur im April 2018 gegründeten «Christina von Dreien GmbH» zu wechseln.

Christina bezauberte ihr Publikum mit ihrer frischen, lebendigen, dynamischen Ausstrahlung. Ihre schon damals hohe Stimme war kräftig, ihr Sprechtempo fliessend, ihre Gedankengänge manchmal originell, manchmal etwas eigenwillig, aber immer überraschend schnell. Ihr Verhalten war für eine 16jährige junge Frau sehr passend, eher etwas frühreif – oder altklug, je nachdem, wie man will (da wir bei Relinfo sehr oft mit 16jährigen jungen Menschen arbeiten, kennen wir dieses Alter recht gut). Das Publikum war beeindruckt von der Freude und Unbefangenheit, mit welcher Christina vor ihrem Publikum sprach. Unterschiedlich beantwortet wurde die Frage, wie neu Christinas Botschaften seien.

Das nächste Mal sahen wir Christina von Dreien live im August 2020 in Bern, nach dem ersten Lockdown, im seinerzeitigen provisorischen Nationalratssaal auf dem Gelände der BernExpo. Christina war damals 19 Jahre alt und schon seit gut einem Jahr nicht mehr mit ihrer Mutter unterwegs, sondern mit ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» Nicola Good. Mit dieser zusammen sass sie auch auf dem Podium. Christina nahmen wir immer noch als dynamisch wahr, aber nicht mehr verspielt und unbefangen, sondern sehr ernst. Trotzdem wirkte sie auf uns nicht etwa älter als im Januar 2018, sondern so, wie wenn ihre Entwicklung stehen geblieben wäre. Sie verhielt sich in unseren Augen nicht so, wie es 19jährige erwachsene junge Frauen sonst tun. Sie schien immer noch die Jugendliche zu geben. Meine Frau und ich fragten uns, ob dies die Auswirkung der Rolle sei, die sie als Christina von Dreien nun eben einnimmt, und ob sie vielleicht als Christina Meier daneben ein Leben als normale 19jährige junge Frau führt. Inzwischen wissen wir, dass das nicht so war.

Im September 2024 in Friedrichshafen wirkt Christina von Dreien auf uns nicht mehr wie eine Sechzehnjährige. Ihr Sprechtempo hat sich verlangsamt, die hohe Stimme fistelt vor sich hin, ihr Verhalten scheint retardiert. «Auf mich wirkt sie wie eine Neunjährige», meinte eine Userin zum Werbevideo für die Veranstaltung, das Christina von Dreien zusammen mit Norbert Brakenwagen für den Time-to-Do-Nachfolgesender Zen7 abgedreht hat. Wir können der Userin nicht widersprechen. Noch schockierender dünkt uns aber Christinas Stimmung: Wirkte sie 2018 verspielt und munter, im Jahr 2020 dagegen ernst, so kommt sie uns heute ziemlich traurig vor. «Sie wirkt von Mal zu Mal lethargischer», meint eine andere Userin zum selben Video. Wir können auch dieser Beobachterin nicht widersprechen.

Bei Relinfo arbeiten neben anderen auch insgesamt drei junge Frauen mit, die im selben Jahr geboren wurden wie Christina von Dreien, nämlich 2001. Die eine studiert an der Uni Zürich das Zukunftsfach Computerlinguistik und ist daneben politisch aktiv. Die zweite macht an der PH Zürich das Studium zur Primarlehrerin, was angesichts des Lehrendenmangels super ist. Die dritte ist an der ETH Zürich im Masterstudium Umweltnaturwissenschaften, auch dies eine Zukunftsdisziplin. Alle drei sind sie ausgesprochen dynamisch und engagiert. Und alle wirken sie wie 23jährige Frauen. Wenn wir da im direkten Vergleich die 23jährige Christina von Dreien vor uns auf der Bühne betrachten, dann sind wir schlicht erschüttert.

Bisher hat sich unser Mitleid mit Christina von Dreien in Grenzen gehalten, hat sie doch mit ihrer Botschaft sehr gut verdient, und anlässlich ihres 18. Geburtstags im April 2019 hat sie dem Vernehmen nach ihre Mutter, die sie aufgebaut hat und der sie alles verdankt, ziemlich kalt abserviert, um zu ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» Nicola Good zu wechseln.

Wie wir Christina nun auf der Bühne sehen, wie sie auf uns unerwachsen, erschöpft und traurig wirkt, so tut sie uns unglaublich leid, und wir fragen uns, ob wir ihr alle wirklich guttun. Ist es für Christina immer noch o.k., vom Publikum als grosse Weisheitslehrerin verehrt zu werden, oder blockiert sie diese Rolle zusehends? Kann Christina damit umgehen, dass Beobachtende der spirituellen Szene wie Relinfo ihre öffentliche Wirksamkeit kritisch begleiten? Und – last but not least – handelt Nicola Good wirklich so, wie es eine «Gute Fee» und «beste Freundin» tun sollte? Sieht sie die Veränderung von Christina nicht?

Die «Gute Fee» wird bejubelt

Irritierend war für uns der Augenblick, als Christinas Verlegerin auf der Bühne Nicola Good dankte für alles, was sie für Christina tut, und das Publikum mit einer minutenlangen Standing Ovation und Jubelrufen reagierte. Christina von Dreien selbst wurde weit weniger intensiv applaudiert. Ich erinnerte mich in diesem Augenblick an Gemeinschaften, bei welchen sich die Leitungsperson ein Medium hielt, das die Botschaften der Leitung zu verkünden hatte. So waren etwa die «Guerrieri della luce» in Mailand organisiert, bei welchen die Moderatorin Michelle Hunziker jahrelang dabei war, oder auch die «Lichtoase» in Belize, über welche Lea Laasner zusammen mit Hugo Stamm ein vielbeachtetes Buch schrieb. Wir wollen nicht hoffen, dass sich die Bewegung um Christina von Dreien in eine solche Richtung entwickelt.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung begleitete uns die Frage, weshalb Christina von Dreien auf uns so erschöpft und traurig wirkte.

Pech mit Voraussagen?

Auffällig ist, dass Christina von Dreien mit Prognosen vorsichtig geworden ist. Früher war sie ziemlich voraussagefreudig, sammelte damit aber auch Nieten ein.

So behauptete sie etwa ums Jahr 2015 herum, dass sie selbst eine Vorläuferin einer neuen, spirituelleren Generation sei, die sich zurzeit – 2015 – noch in den Schulen befinde. Spirituell wissende Kinder, wie sie selbst es sei, würden alsbald reichlich auftreten. Inzwischen kann gesagt werden, dass diese Erwartung nicht eintraf. Nach Christina von Dreien ist bisher keine weitere jugendliche spirituelle Person in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Und die heutigen jungen Erwachsenen sind keinesfalls im Durchschnitt spiritueller als ihre Elterngeneration, die religionssoziologische Forschung belegt vielmehr das Gegenteil.

Im Mai 2019 warnte Christina von Dreien in einem Aufruf vor dem damals neuen Mobilfunk-Standard 5G: «5G ist eine Gefahr für alles Leben auf diesem Planeten. Es zerstört z.B. auch das Immunsystem der Bäume, so dass diese alle absterben.» Inzwischen ist klar, dass dies nicht zutrifft. 5G funktioniert in der Schweiz schon in grossen Gebieten, die aber keinesfalls entlaubt oder entwaldet wären, wie das nach Christinas von Dreien Voraussage der Fall sein müsste. Inzwischen benutzen viele spirituelle Menschen selbst 5G.

Im August 2020, nach dem ersten Lockdown, warnte Christina von Dreien vor einem zweiten, «schlimmeren» und «verrückteren» Lockdown, bei welchem «mehr geschlossen» sein werde und «andere verrückte Dinge» laufen würden. Und sie riet dazu, sicherheitshalber Vorräte anzulegen. Zudem verbreitete sie die Hoffnung, dass die kommenden «verrückten Dinge» in den Aufstieg in die fünfte Dimension münden würden, dass also nach den Turbulenzen ein paradiesischer Zustand eintreten werde. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt, die empfohlene Vorratshaltung war unnötig.

Im April 2021 meinte Christina von Dreien in ihrem Love Stream 3 zum Thema der Covid-Impfungen: «Ich glaub, dass einer der Gründe, warum diese Impfungen gemacht werden, der ist, dass man die Menschen von ihrer Seele abtrennen will.» Inzwischen ist nichts geschehen, was diese Ankündigung irgendwie plausibel gemacht hätte.

Angesichts dieser Reihe von Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben, ist wenig erstaunlich, dass sich Christinas von Dreien Anhängendenschaft reduziert hat. Könnte es sein, dass auch Christina selbst mittlerweile an sich zweifelt, und dass sie das belastet?

Widerspruch für ihre eigenen Theorien?

Zum Tagesseminar in Friedrichshafen eingeladen war auch der niederländische Spirituelle Tijn Touber, der mit Christina von Dreien schon seit ein paar Jahren verbunden ist. Tijn Touber war mal Rockmusiker. Die schüttere Mähne, zu welcher sich die verbliebenen Kopfhaare versammeln, erinnert noch daran. Beim Frühstück im Hotel war er von älteren Damen umgeben – vielleicht die Groupies des Alt-Rockers? Insgesamt erinnerte die Szene weniger an wilde Tournee-Zeiten, sondern eher an den Speisesaal einer Seniorenresidenz.

Tijn Touber präsentierte sein neues Buch «Time Bender und die Rebellion der Anika Laroo», das von Verschwörungstheorien nur so strotzt. Es soll auf dieser Website nächstens in einer Besprechung detaillierter gewürdigt werden. Das Werk ist in Romanform gehalten, soll aber Tatsachen beschreiben. Nicola Good empfahl das Buch ausdrücklich, um es Menschen weiterzugeben, die «noch nicht erwacht sind», d.h. den Verschwörungstheorien, die Good und Touber propagieren, kritisch gegenüberstehen. Wenn die Beschenkten dann anbeissen, haben sie Gelegenheit «zu erwachen». Lehnen sie die Theorien des Buches ab und «schlafen weiter», dann war es ja nur ein Roman…

Der Inhalt des Buches ist wenig originell, Touber verwurstet Verschwörungstheorien von anderswoher und würzt sie, ganz dem Alt-Rocker-Clichée entsprechend, mit sexuellen Geschichten. Allein schon dadurch ergibt sich ein deutlicher Unterschied zu Christina von Dreien, die niemals mit sexuellen Inhalten aufgefallen ist, ganz im Gegenteil, für die kommende fünfte Dimension sah sie die Zeugung von Kindern durch «göttliches Licht» ohne Sex voraus. Da drängt sich uns die Frage auf: Wie wohl kann sich Christina von Dreien fühlen neben einem alternden Mann, der seine Sexualität literarisch spazieren führt und sich offenbar von Frauen umschwärmen lässt?

Eine Quelle des Werks von Touber wird am Tagesseminar in Friedrichshafen explizit erwähnt: Es sind die Botschaften, welche die Polin Malgorzata Duszak verbreitet, und die angeblich von Ausserirdischen aus dem System des Plejaden-Sterns Taygeta stammen. Gosia Duszak nennt ihre Organisation «Cosmic Agency», aber auf der Szene sind die Botschaften eher unter dem Namen des angeblichen Ursprungs-Sternsystems Taygeta bekannt. Die Taygetanerinnen und Taygetaner erscheinen auf der Website von Duszak als KI-generierte Bilder perfekt schöner junger Frauen und etwas älterer Männer. Deutlich wird ein offensichtlicher Rassismus: Die Diversität in Taygeta ist null, alle Taygetanerinnen und Taygetaner haben ein traditionell mitteleuropäisches Aussehen. Angeblich komme dies davon, dass sie mit den nordischen Menschen verwandt seien, eine Erklärung, die den Rassismus der Sache eher unterstreicht als relativiert.

Die Taygetanerinnen und Taygetaner verbreiten recht irdische Verschwörungstheorien, offenbar hat Gosia Duszak die Werke des britischen Verschwörungserzählers und Reptiloiden-Erfinders David Icke intensiv studiert. Eine Theorie von Icke besteht darin, dass die Bibel eine bewusste Fälschung durch die Römer sei. Diese Behauptung findet sich auch im Werk von Tijn Touber wieder.

Damit aber entstehen erhebliche Spannungen zu Aussagen, die Christina von Dreien früher gemacht hat. So behauptete sie im ersten Christina-Band, dass sie ihrer Religionslehrerin jeweils erzählt habe, wie sich die biblischen Geschichten wirklich zugetragen hätten. Wenn die biblischen Geschichten aber eine Erfindung römischer Schriftsteller waren, gibt es keine Basis für korrigierte biblische Geschichten. Dann wäre alles nur Quatsch, auch das, was Christina von Dreien damals ihrer Religionslehrerin erzählte.

Im zweiten Band der Christina-Buchreihe wird Christina zitiert mit den Worten: «Jesus hat ursprünglich den Menschen die universelle göttliche Wahrheit vermittelt. Die Niederschriften seiner Lehren wurden jedoch etwa ab dem Jahr 550 n. Chr. durch dunkle Mächte entweder vernichtet oder massiv verändert. Darin enthalten waren zum Beispiel Ausführungen zum Verständnis des Jenseits und der feinstofflichen Realitäten.» (Band 2 s. 87). Wenn Jesus aber eine Erfindung der Römer war, dann hat er nichts vermittelt, und seine Botschaft konnte auch nicht ab dem Jahr 550 n. Chr. verfälscht werden. Da geht so einiges überhaupt nicht auf.

Als Nicola Good nach Tijn Toubers Ausführungen Christina von Dreien fragte, ob sie mit irgendwelchen Inhalten im Buch von Tijn Touber nicht übereinstimme, hätte Christina diese und zahlreiche andere Punkte einbringen sollen, wenn sie ihrer eigenen Botschaft und Sendung vertraut. Stattdessen äusserte sie nur ein schüchternes: «Ich weiss gerade nicht…». Auch hier war Christina von Dreien nur noch ein schwacher Abglanz ihrer besten Tage, als sie sich noch mit sichtlichem Spass in Diskussionen begab und Anfragenden auch heftig widersprechen konnte.

Angst vor bösen Geistern?

Am Tagesseminar in Friedrichshafen erhielt auch Antonio Miceli das Wort. Ganz in Schwarz gekleidet berichtete er davon, dass er im Kampf gegen böse Geister engagiert sei. Auf seiner Website ist zu erfahren, dass Miceli Exorzismen anbietet. Er darf also als Exorzist bezeichnet werden. Miceli führt alle möglichen Probleme auf die Einwirkung von bösen Mächten zurück und macht sich anheischig, diese verscheuchen zu können.

Christina von Dreien wurde schon länger der Vorwurf gemacht, mit ihrer Betonung von Verschwörungstheorien sich zu sehr auf Negatives zu konzentrieren. Einen Exorzisten einzuladen geht aber noch einen happigen Schritt weiter. Wieviel Unheil es anrichten kann, wenn Menschen die Dinge, die ihnen widerfahren, als Einfluss von bösen Geistern deuten, erleben wir bei Relinfo immer wieder. Nicht umsonst ist der Exorzismus unter den spirituellen Praktiken eine der gefährlichsten, auch in der Schweiz ist es in diesem Zusammenhang immer wieder zu psychischen Belastungen und gelegentlich auch zu Todesfällen gekommen. Aktuell bekannt wurde der Fall eines süddeutschen freikirchlichen Jungexorzisten, der in einer Gemeinde in Basel eine junge Frau derart massiv exorzierte, dass diese nachher psychotherapeutische Behandlung benötigte. Mit Exorzismus ist nicht zu spassen. Dass Christina von Dreien – oder eher ihre «Gute Fee» Nicola Good? – einen Exorzisten auf die Bühne lässt, ist in meinen Augen kein gutes Zeichen, besonders nicht für die Entwicklung, welche die Bewegung um Christina von Dreien nehmen könnte.

Schwindender Erfolg beim Publikum?

Schon durch die Teilnehmendenzahl am Tagesseminar in Friedrichshafen wurde deutlich, dass sich Christinas von Dreien Anhangendenschaft reduziert hat. Dieses Faktum wurde auch thematisiert: «Viele sind wieder eingeschlafen», d.h. sie haben von den Verschwörungstheorien, die von Christina von Dreien und Nicola Good vertreten werden, wieder Abstand genommen.

Für Verschwörungsgläubige ist die Welt in den letzten drei Jahren nicht einfacher geworden, denn vieles, was sie erwartet haben, ist nicht eingetreten: die gegen Covid Geimpften sind nicht in Massen gestorben, nicht sofort, auch nicht nach einem Jahr, noch nach zwei, noch nach drei Jahren. Dass es «nie wieder wird wie vorher», wie Christina von Dreien während der Pandemie nicht müde wurde zu wiederholen, kann so auch nicht gesagt werden. Insgesamt fühlt sich das Leben für die meisten Menschen wieder sehr so an wie vor Corona.

Nicht hingegen für die Menschen, die immer noch an Verschwörungstheorien glauben. Aus ihrer Sicht ist die Normalität nur vorgetäuscht, und alsbald wird eine schlimme Krise eintreten, die dann dem Umschwung in eine paradiesische Zeit den Weg bereitet. Je länger aber sich diese Erwartungen verzögern, desto mehr Menschen distanzieren sich von diesen Hoffnungen. Sie sind im Wortgebrauch von Christina von Dreien «wieder eingeschlafen». Ist Christina von Dreien möglicherweise frustriert, weil ihr Plan, eine wachsende Zahl von Menschen zum «Erwachen» anzuleiten, so nicht aufzugehen scheint?

Kaum Zuspruch von der eigenen Generation?

Die Veranstaltung in Friedrichshafen belegte wieder einmal schlagend, dass Christina von Dreien bei ihrer eigenen Generation nicht durchdringt. Die Menge der jungen Erwachsenen im Publikum konnte an zwei Händen abgezählt werden. Dazu gehörten zwei Mitarbeitende des Time-to-Do-Nachfolgesenders Zen7, die das Geschehen aufzeichneten und in den Pausen Interviews mit Teilnehmenden machten. Eine der beiden Journalistinnen stellte eine Frage, welche den Graben zwischen der alternden Ex-New-Age- und späteren Esoterik-Generation auf der einen und der Nachwuchs-Spiritualität, wie sie in Social Media, insbesondere bei Tiktok gedeiht, auf der anderen Seite in voller Breite aufriss: Während Nicola Good und Alt-Rocker Tijn Touber von allerlei Verschwörungen, angeblichen Verfolgungen und der Hoffnung auf eine paradiesische Zeit schwadronierten, beschäftigte sich die Frage der Journalistin mit dem Positiven Denken, wie es derzeit unter jungen Spirituellen in allen möglichen Formen wie Manifestationen, Affirmationen und Visualisierungen sehr trendy ist, und nicht den Weg in eine andere Welt, sondern eine Verbesserung des Lebens in dieser Welt ermöglichen will.

Und ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich Christina von Dreien etwas mehr Positives Denken wünsche. Als 23jährige junge Frau wird sie noch Pläne haben, Ziele, die sie in ihrem Leben erreichen möchte. Für ein alterndes Publikum das weise Kind zu geben, das kann’s ja nicht gewesen sein. Und vielleicht sollte Christina sich diejenige Frage stellen, die vielen Beobachtenden auf der Zunge brennt: Kann eine 63jährige Frau die «beste Freundin» einer 23jährigen Frau sein?

Georg Schmid, Oktober 2024

Mein Besuch bei der Christian Fellowship Bern (CF Bern)

Bereits als ich die Stufen zum Kirchengebäude erklimme, in dem der Mittwochsabend-Gottesdienst stattfinden wird, werde ich herzlich begrüsst. Mehrere Menschen stehen neben der Eingangstüre. Als sie mich erblicken, werde ich direkt von ihnen angesprochen: «Bist du das erste Mal hier?» fragt mich eine junge Frau. Nacheinander strecken sie mir ihre Hände entgegen um mich einzeln begrüssen und sich vorstellen zu können. Nach kurzem Smalltalk betrete ich das Kirchengebäude. Es ist eine reformierte Kirche, eher klein, mit holzverkleideten Wänden und einer etwas klobigen Kanzel aus hellem Holz die auf einer Bühne steht. Ich erfahre später von einem Mitglied der Gemeinde, dass der Gottesdienst nur als Zwischenlösung in der reformierten Kirche stattfinden würde. Die Gemeinde plane ein eigenes Gebäude für ihre Gottesdienste und andere Community-Events bauen zu lassen. Es gestalte sich momentan jedoch etwas schwierig mit einer Bewilligung für das Bauvorhaben.

Als ich eintrete, stehen einige Leute schwatzend zwischen den Stühlen, die für den Gottesdienst aufgestellt wurden. Einige heben den Kopf und treten zu mir um mich ebenfalls mit einem Händeschütteln zu begrüssen. Es sind nur wenige Leute da – ich zähle ungefähr 18 Personen. Als einzige unbekannte Person, falle ich auf. Der Altersdurchschnitt ist eher tief, die Meisten schätze ich zwischen 20-35 Jahre. Ich setze mich in die zweithinterste Reihe und frage mich, ob noch mehr Menschen kommen werden.

In der Mitte der Bühne steht ein kleiner Altar, ein junger Mann stellt sich soeben davor und ergreift das Mikrofon. Rechts von ihm bereiten sich zwei Frauen auf ihre musikalische Darbietung während des Gottesdienstes vor. Es werden verschiedene Instrumente aufgestellt, eine Person sitzt bereits am Schlagzeug, während eine andere einige Knöpfe auf den blinkenden Armaturen des Soundsystems drückt. 

«There’s gonna be a revival in the land!»

Ein Mann welcher mich bereits zu Beginn angesprochen hat, hat sich unterdessen neben mich gesetzt. Etwas nach 19:00 beginnt schliesslich der Gottesdienst. Ohne grosse Worte der Begrüssung oder Einleitung beginnen wir zu singen. Der junge Mann, kündigt jeweils das Lied auf Englisch an, worauf die Musik eingespielt und von den Instrumenten sowie den beiden Leadsängerinnen auf der Bühne begleitet wird. Die Menschen wippen und klatschen im Rhythmus der Musik, stehen auf und singen lautstark mit. Auch für mich als Newcomerin ist es möglich mich halbsingend, halbsummend an der musikalischen Einlage zu beteiligen, denn die Liedtexte werden an die Wand projiziert. Zu Beginn singen wir einige englische Lieder wie «There’s gonna be a revival in the land» und gehen dann zu deutschen Songtexten über. Ab und zu wird auch einmal ein «Amen» oder ein «Hallelujah» (beides mit englischer Betonung)  dazwischengerufen. Es herrscht allgemein eine lockere und fröhliche Stimmung.

Nach einer knappen Viertelstunde singen wird letzte Lied zu Ende. Es wird ein QR-Code an die Wand projiziert und ein Körbchen wandert durch die Stuhlreihen – niemand wirft etwas in den Behälter oder scannt den Twint-Code. Dann ist die «Zeit zum Geben» auch schon vorbei und es wird zum Gebet übergegangen. Dieses ist von einem lauten Stimmengewirr begleitet, da alle Person ihre Gebete laut vor sich hinsprechen. Mit dem Ergreifen des Mikrofons beendet der Pastor das Gebet. Er erklärt das bevorstehende Programm und es werden Daten von zukünftigen Gottesdiensten und Auslandreisen eingeblendet. Darunter eine nach Spanien für die «Healing Crusades»und ein weiterer Event der «Memorial Stones» heisst. Es wird kurz auf die Wichtigkeit der Kirche hingewiesen und man gedenkt anderen Gemeinden, im Besonderen der Gemeinde Biel, deren Wachstum man sich wünscht.

Die Errettung der verlorenen Schafe

Nun beginnt die Predigt. Alles was der Pastor sagt, wird von einem jungen Mann, der sein Sohn ist, simultan ins Englische übersetzt. Dadurch ist die Predigt von Lebendigkeit geprägt, zeitweise aber auch etwas sprunghaft. Es wird schnell und intensiv gesprochen, manchmal überlappen sich Sätze des Pastors mit der Übersetzung.

Die Predigt beginnt mit einer persönlichen Geschichte: Er sei kürzlich mit seinem Auto durch die Gegend gefahren und habe eine Herde Schafe gesehen. Diese habe ihn an die Geschichte des «Verlorenen Schafs», des «lost sheep» erinnert (Lukas 15, 1-7). Er erzählt von Jesus der sich mit Sündern und Betrügern abgegeben habe. Wie die «Religiösen» (gemeint sind die Pharisäer und Leviten), Jesus verächtlich gefragt hätten, warum er es zuliesse, dass diese sündigen und betrügenden Menschen seinem Wort lauschen dürfen. Jesus  habe ihnen geantwortet, zitiert der Pastor «Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?» (Lukas 15:4). Immer wieder wird die Predigt unterbrochen, denn die schnelle Simultanübersetzung führt hie und da zu erheiternden Versprechern, die die Besucher*innen zum Lachen bringen. Die Predigt ist locker und dynamisch. Spontane Zwischenrufe tauchen immer wieder auf. Mein Sitznachbar erzählt mir immer wieder Anekdoten aus seinem Leben, sodass es mir manchmal schwer fällt der Predigt zu folgen.

Das Narrativ des verlorenen Schafs und des «Gefundenwerdens» zieht sich durch die ganze Predigt wie ein roter Faden. In der Schweiz seien alle gut gekleidet und lebten im Wohlstand, erzählt der Pastor weiter. Doch wieviele würden in Sünde leben, in Süchten und Abhängigkeiten? Viele dieser Menschen seien verloren und unglücklich? Die Menschen seien wie verlorene Schafe, die durch einen Hirten und den Glauben gerettet werden können. Immer wieder wird betont, dass die Menschen nicht perfekt, nicht ohne Sünden sein müssten, um zu Gott zu kommen. Wenn die verlorenen Menschen von Jesus gefunden werden wollen, würden sie auch gefunden werden. Wenn man jedoch nicht gefunden werden wolle, dann würde Jesus einem auch nicht finden und, man bliebe verloren. Auch das Narrativ der Errettung ist ein Themenfokus des Gottesdienstes. Dazu erzählt der Pastor die Geschichte des Barmherzigen Samariters (Lukas 10:25-37). Wie «die Religiösen» an dem überfallenen und am Boden liegenden Mann, vorbeigingen und statt ihm zu helfen, in die Kirche beten gehen würden. Die Ironie des Gesagten, dass Beten wichtiger sein könnte als jemandem in Not zu helfen, löst ein belustigtes Gelächter aus. Die Herberge, in die der Samariter schliesslich den Mann in Not bringt, sei die Kirche, erklärt er. Diese sei der Ort an dem die Erretteten hingehen können, um zu heilen.

Abschliessend, wird nochmals ein Gebet angekündigt.  Wir senken die Köpfe und hören auf die Worte des Pastors: «Wenn du bist wie ein verlorenes Schaf, wenn du dich fühlst wie ein verlorenes Schaf, und den Weg gehen willst, dann gib mir ein Zeichen. Hebe kurz deine Hand für mich!». Niemand hebt die Hand. Die Worte «Gib mir ein Zeichen», werden mehrmals wiederholt, ohne entsprechende Reaktion. Als auch nach mehrmaliger Aufforderung, niemand die Hand hebt, schliesst er diejenigen in seinen Aufruf mit ein, die bereits ihren Weg gefunden haben, und sich trotzdem manchmal verloren fühlen. Die Besuchenden gehen nun ins individuelle Gebet über. Jemand steht auf, um für musikalische Untermalung der Gebete zu sorgen. Mein Sitznachbar fragt mich ob ich beten möchte. Ich frage nach, was das genau bedeuten würde. Dass ich nicht genau wüsste wie man betet. Er meint er könnte mir vorsprechen, und ich könnte wiederholen was er sagen würde. Ich frage nach wofür wir beten würden: «Für andere Menschen?», frage ich. Er meint, dass es darum ginge, Jesus in mein Herz zu lassen. Daraufhin erkläre ich, dass ich nicht an Jesus Christus als Gottes Sohn glaube und ich daher dieses Gebet lieber nicht machen möchte. Er reagiert gelassen, und meint, dass solche Dinge ihre Zeit bräuchten. Wir widmen uns anderen Gesprächsthemen.

Die Predigt wird kurz darauf beendet und es wird nochmals auf weitere Gottesdienste und Anlässe hingewiesen. Ich bleibe noch etwas sitzen, werde persönlich zu weiteren Gottesdiensten eingeladen und spreche über dies und das. Nach einer halben Stunde wende ich mich dem Gehen zu, und mache mich – nach einer längeren Runde Händeschütteln – auf den Weg nach Hause.

Während dieses Besuchs bei CF Bern habe ich gemerkt, dass das Thema Mission und Konversion stark im Vordergrund steht. Beispielsweise passt das Thema der Predigt des «Verlorenen Schafs» gut zu einem Neuankömmling (wie mir), und der Verdacht liegt nahe, dass sie aufgrund meines Auftauchens spontan angepasst worden ist. Möglicherweise gibt es eine Standart-Predigt, die gehalten wird, wenn jemand Neues in den Gottesdienst kommt. Als ein weiteres Beispiel für die missionarische Tendenz von CF Bern, kann die Aufforderung des Pastors ihm «ein Zeichen» zu geben gedeutet werden. Diese war wahrscheinlich ebenfalls spezifisch an mich persönlich gerichtet. Auch die rasche Einladung zum «Übergabe-Gebet» deutet ebenfalls auf den Konversions-Charakter der Gemeinschaft hin. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Fokus auf die eigene Person durch die Predigt und das Gebet auch als einengend oder etwas bedrückend empfunden werden kann.

Mirjam Steiner, Oktober 2024

Lexikoneintrag Christian Fellowship Ministries Worldwide

Matriarchales Mysterienfest: Herbstfest über Zoom

Eine Wohlfühloase für das Matriarchat

18.50 Uhr. Frisch geduscht mit dampfenden Haaren mache ich mich an die Vorbereitungen auf die Zoom-Sitzung, die ich gleich haben werde. Ich habe mir ein frisches oranges T-Shirt und eine bequeme kurze schwarze Hose angezogen. Die orange-schwarz-Kombination wurde mir durch eine Erinnerungs-E-Mail, die ich heute bekommen habe noch zusätzlich empfohlen. Weiter stand darin, dass ich mir eine wohlige Atmosphäre schaffen solle und mir je nach Lust und Laune eine Kerze anzünden und auch ein Dufträucherwerk oder eine Duftlampe aufstellen dürfe.

Nun sitze ich in meinem Arbeitszimmer – welches ich als das passendste Zimmer eingeschätzt habe – an meinem Pult im Louis XV Stil, an den Wänden rechts und links habe ich zwei volle Bücherregale, direkt hinter mir das von meinem Grossvater handwerklich gefertigte Büffet mit Innenbeleuchtung, links hinter mir den bequemen Ledersessel und unter mir den schön geschmückten Perserteppich meiner Grossmutter. Ich habe mir eine Kerze links vor mir und eine nach Jasmine duftende Kerze rechts vor mir angezündet. Da mir die untergehende Sonne direkt durch das Fenster ins Gesicht scheint und mich blendet, mummelt mich der besinnliche Kerzenschein und das noch milde Aroma der Duftkerze jedoch noch nicht in meine beabsichtigte Wohlfühlatmosphäre.

Ich bin gespannt, denn ich habe überhaupt keine Ahnung was mich nun erwartet. Ein matriarchales Herbstfest, das über Zoom durchgeführt wird – hier stösst meine Vorstellungskraft an ihre Grenzen. Ich denke, durch meine Vorbereitungen auf matriarchale Mysterienfeste, bei denen ich gesehen habe, wie tanzende Frauen im Nebel und Sonnenschein, mit wallenden Gewändern und umgeben von der Natur, den Zyklus der grossen Göttin feiern, fällt es mir schwer zu begreifen, wie eine solche Feier auf ein Zoom-Meeting angepasst werden sollte.

Einführung in das Matriarchat

Punkt 18.58 Uhr logge ich mich also ein und werde gleich in den virtuellen Raum weitergeleitet in dem sich schon fünf weitere Frauen befinden. Eine Frau in einem rot-orangen T-Shirt und schulterlangen hellbraunen Haaren begrüsst mich mit ruhiger aber warmen Stimme. Annas herzliche Art begleitet uns während der ganzen Sitzung und schafft einen Raum und eine wohlige Atmosphäre der Entspannung. Neben Anna leitet Simone das Herbstfest. Auch sie beherrscht die Kunst des Einmummelns sehr gut. Ich bin die letzte Person, die noch gefehlt hat und so fangen wir gleich an. Nachdem sie mich noch nach der Aussprache meines Namens fragen – ich bin überrascht, dass sie ihn gleich richtig aussprechen, da das eher ein seltenes Vorkommnis in meinem Leben ist – gehen wir zum Plan für den heutigen Abend über. Zuerst soll es eine kurze Vorstellungsrunde aller Teilnehmerinnen geben, dann wird das Matriarchat erklärt, anschliessend das Herbstfest und bevor wir am Schluss «eine Perle teilen», werden wir noch eine innere Reise durchführen.

Neben mir sind noch drei andere Teilnehmerinnen da. Anna – es sind zwei Annas da – ist eine junge Frau, die sich aus Russland zugeschalten hat und sehr gutes Deutsch spricht, Gabriele und Bernadette befinden sich beide in Deutschland und sind zwischen 50 und 70 Jahre alt.  Anna und Simone gehören beide zu den Gründerinnen des Matriforums, welches Tagungen und Sitzungen zum Matriarchat und Feste des matriarchalen Jahreskreises durchführen. Anna lebt in Österreich und Simone in Deutschland. Das Matriarchat, erklären sie, sei eine friedlichere Gesellschaftsform im Gegensatz zur heutigen patriarchalen Gesellschaft. In unseren heutigen patriarchalen Gesellschaften, so Anna, befinde sich 1% der Menschen an der Spitze und das Ziel darin sei es, zu nehmen was man kriegen kann und sich zu bereichern. Eine matriarchale Gesellschaft hingegen – und das sei das Ziel des Matriforums – sei eine Gesellschaft in Balance. Im Zentrum stünden mütterliche Eigenschaften wie Fürsorge, Frieden und die Mutter als Nährerin. Ein Matriarchat sei eine egalitäre Gesellschaft, in der jede Person in ihrer Eigenart besonders sei. In einem Matriarchat würde nicht ein abstrakter Glaube im Mittelpunkt stehen, wie der an eine transzendente Gottheit, sondern die Natur und die Göttin. Das Matriarchat fördere Achtsamkeit. Durch Leben im Rhythmus der Natur könne man ein Leben in Balance und Frieden führen und die Göttin erfahren. Heute, so sagen sie, existieren noch 20-25 Matriarchate weltweit, alle erforscht von Heide Göttner-Abendroth, ihrer Ausbildnerin. Diese Information überrascht mich. Abgesehen davon, dass Matriarchate in den Sozialwissenschaften nicht empirisch nachweisbar sind, dachte ich, dass weltweit nur von zwei „Matriarchaten“ die Rede sei: den Mosuo in Südchina und den Minangkabau in Indonesien. Beide Gesellschaften werden wissenschaftlich nicht als Matriarchate betrachtet, werden aber in den Medien oft als «die letzten noch existierenden Matriarchate» thematisiert.

Kopflos vom Schütteln in den «weiblichen Schoss»

Bevor wir nun in den nächsten Teil dieser Sitzung kommen, lädt Anna uns zu einer kurzen Übung ein. Wir stehen also auf, was dazu führt, dass die Kamera bei allen den Kopf abschneidet. Plötzlich keine Gesichter mehr vor mir zu haben, verleiht der Sitzung plötzlich eine gewisse Absurdität, die mich aus dem Ambiente reisst. Mittlerweile ist auch die Sonne hinter der Jurakette verschwunden und das flackernde Licht meiner beiden Kerzen reicht für das kleine Zimmer kaum aus. Ich nutze die kurze Unterbrechung meiner Aufmerksamkeit, um das Licht einzuschalten. Nun hüllt ein warmes Licht von der Stehlampe hinter dem Sessel das Zimmer in sanften Schein, während die Innenbeleuchtung des Buffets durch die gläserne Kabinentür schöne Lichtspiele auf den Teppich wirft. Als ich meinen Blick zurück auf den Bildschirm werfe, bemerke ich, dass es weitergegangen ist. Dem Anschein nach sollen sich nun alle schütteln. Also versuche ich mich nicht allzu fest von den fehlenden Köpfen ablenken zu lassen und höre den Worten zu. Wir sollen alles abschütteln. Nachdem wir uns einige Minuten geschüttelt haben, sollen wir uns an den Händen halten, oder mehr so tun als ob. Nun, nachdem wir uns in den Kreis willkommen haben, sollen wir nun unsere Hände auf unseren «weiblichen Schoss» legen. Bei diesen Worten regte sich in mir eine kindische, unkontrollierte Heiterkeit: «weiblicher Schoss?!» Vielleicht bin ich ja zu «patriarchal» gesteuert, um diesen Ausdruck ernst zu nehmen. Zusätzlich war mir auch nicht ganz klar, was damit gemeint war. Ich legte meine Hände jedoch auf meinen unteren Bauch, so wie ich das bei den anderen sah – befindet sich der «weibliche Schoss» dort, wo sich unsere Gebärmutter und unsere Eierstöcke befinden? Wahrscheinlich ja. Nun sollten wir die Energie von unserem weiblichen Schoss in unsere Hände fliessen lassen. Nach einer kurzen Ruhe legt Anna die Hände auf den Boden und meint, wir sollen nun die Energie an Mutter Erde übergeben. Dabei sollen wir die Erde unter unseren Händen und Füssen spüren und die Verbindung zur Erde fühlen. Ich versuche das meditativ umzuwandeln, doch das Einzige, was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht, ist, dass ich hier im fünften Stock bin und meine Energie durch zu viele Räume mit eigener Energie fliessen müsste, um dann auf der Erde noch «rein» anzukommen. Wahrscheinlich spielt hier auch meine Unerfahrenheit im Umgang mit Energien eine Rolle, denn ich habe keine Ahnung, ob das überhaupt so funktioniert – vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken. Was bekanntlich in der Meditation eher kontraproduktiv ist. Nun sollen wir Energie, die uns Mutter Erde gibt, von der Erde in die Hände strömen lassen und diese dann wieder auf den weiblichen Schoss legen, damit dieser diese Energie empfangen kann. Dieselbe energetische Übung sollen wir dann auch noch mit unserem Herzen und dem Kosmos machen.

Das Herbst-, Ernte- und Todesfest aber auch das orange Fest, das Fest der Dunkelheit, der Unterwelt, des Rückzugs, der Ruhe, des Westens, der Tag-und-Nacht-Gleiche und so weiter

Nun bekommen wir eine ausführliche Präsentation zum Herbstfest, welche Simone leitet. Dabei erklärt sie uns zuerst, dass das Herbstfest eines von 12 Festen sei. Da die Feste sich lokal an der Sonne orientieren, haben global nicht alle Matriarchate die gleichen Feste. Wir in unseren Breitengraden, feiern im Winter die Zeit der Widergeburt, und das Lichtfest, im Frühling die Ostara und das Maifest, im Sommer das Sommerfest und die Schnitterin und im Herbst das Herbstfest und Samhain, das Ahninnenfest. Bei jedem Fest werde etwas Bestimmtes gefeiert. Beim Herbstfest sei es die Zeit des Rückzugs. Die Grafik, welche sie zeigen, um das System zu erklären, ist dieselbe, welche auf dem Cover des Buches «Symbolik von Erde und Kosmos – Matriarchale Mysterienfeste, Tarotkarten und Astrologie» (2023) von Heide Göttner-Abendroth zu sehen ist. Diese Kreisgrafik beinhaltet, zum einen die vier Jahreszeiten, die Himmelsrichtungen, die acht Mysterienfeste, die drei Farben/Phasen der Göttin und die vier Elemente. Der Grafik kann ich entnehmen, dass das Herbstfest, noch dem Element Wasser, dem Westen und der schwarzen Göttin zuzuordnen ist. Zudem hat jedes Fest seine eigenen Farben, welche der Natur zu diesem Zeitpunkt zu entnehmen sei.

Ich wechsle nun für ein einfacheres Verständnis vom Konjunktiv in den Indikativ. Doch auch folgende Erklärung wurde uns von Simone so gegeben: Da sich die jetzige Zeit in der Natur durch fallende Herbstblätter und durch goldene Sonnenstrahlen auszeichnet, ist das Herbstfest orange. Deswegen mussten wir uns orange anziehen. Schwarz ist die andere Farbe, welche mit der schwarzen Göttin assoziiert wird. Das Herbstfest ist das Erntefest, aber zugleich auch das Fest des Rückzugs und des Todes. Das Fest wird dem Westen zugeordnet, weil dort die Sonne untergeht und damit die Dunkelheit eintritt. Wie die Natur, die jetzt alles abschüttelt und langsam zur Ruhe kommt, soll auch der Mensch alles abschütteln und zur Ruhe finden.

Die schwarze Göttin steht jetzt im Zentrum. «Sie hat den Faden des Schicksals in der Hand; die Willigen führt die Schicksalsgöttin sanft, die Widerstrebenden zieht sie mit Macht in die Tiefe». Sie macht sich nun bereit in ihrem Zyklus den Weg in die Unterwelt anzutreten. Beim Winterfest, der Zeit der Wiedergeburt, wird sie dann von der weißen Göttin abgelöst, der jungen und wilden Göttin, die wiederum beim Maifest, der Zeit der Liebe, von der roten Göttin, der Mutter und Göttin der erotischen Kraft, abgelöst wird. Die drei Göttinnen oder die drei Phasen der Göttin, so erklärt Simone, werden in vielen Kulturen rund um die Welt durch verschiedenste Göttinnen repräsentiert: Kali, Percht, Hel, Holle, Morrigain, Freya, Hathor, Isis, Inanna usw. Weiter erklärt sie, habe das Patriarchat vielen dieser Göttinnen Unrecht getan. In unserer Gesellschaft gibt es eine grosse Trennung vom Tod, sogar eine Angst vor dem Tod. Und Menschen, die Angst haben, lassen sich gut manipulieren. Doch anders als die patriarchale Vorstellung von linearen Religionen ist der zyklische Lebenskreis der grossen Göttin tröstend. Eine weitere Aussage, die sie macht, ist, dass auch Maria, die Mutter von Jesus, ursprünglich eine Göttin gewesen sei oder sogar die dreifältige Göttin selbst war und deswegen immer in diesen drei Farben schwarz, rot und weiss gezeigt wird.

Die Sonne steht im Sternzeichen der Waage, gleichzeitig ist heute die Länge des Tages und der Nacht genau gleich. «Wachsen und Welken, Leben und Tod kommen ins Gleichgewicht». Wie der Untertitel von diesem Abschnitt zeigt, ist das Herbstfest vielfältig und gleichzeitig auch ein Fest der Balance. Das Herbstfest ist also gleichzeitig das Erntefest und das Fest der Ruhe. Jetzt wird die fertige Ernte gesammelt und eine Zeit der Fülle gefeiert und doch wird auch die Dunkelheit und der Tod gefeiert.

Nun sollen wir in einer weiteren Übung versuchen die heilige Dunkelheit zu fühlen. Nach der einstündigen Einführung in die matriarchalen Mysterien, dem einlullenden Ambiente in meinem Zimmer und dem langsam penetrant werdenden Geruch meiner Duftkerze merke ich in diesem Moment, wie sich langsam Kopfschmerzen anbahnen. Ich schliesse die Augen und versuche herauszufinden, wie ich eine «heilige Dunkelheit» fühlen könnte.

Innere Reise und «geteilte Perle»

Für die Innere Reise sollen wir es uns bequem machen. Also setze ich mich auf den Ledersessel, stelle die Kamera aus, lege den Laptop auf den Boden, lehne mich zurück und schliesse die Augen. Die geführte Meditation beginnt mit der Anweisung alles loszulassen und die eigene Körperlichkeit zu verlassen. Dies versucht Anna indem sie uns durch unseren Körper schickt und uns auffordert die jeweiligen Körperstellen gehen zu lassen. Nun setzt langsame Gitarrenmusik ein, die wahrscheinlich von Anna abgespielt wird. Durch die Zoom-Übertragung jedoch ist die Musik abgehackt und trägt überhaupt nicht zur Entspannung bei. Es meldet sich jedoch niemand und wir werden auf die Reise entsandt. Zuerst werden wir in die Natur geschickt, die von den herbstlichen Farben leuchtet. Nun gehen wir auf einen grossen Baum zu, der grosse Wurzeln hat, die so gross sind, dass man sich in den Wurzeln einnisten kann. Dort in dieser Höhle der Geborgenheit wartet die schwarze Göttin auf uns, welche uns in ihre fürsorglichen Arme nimmt.

Nach dieser Erfahrung mit der schwarzen Göttin öffnen wir langsam wieder die Augen. Unsere Augen hatten wir zu diesem Zeitpunkt 10 Minuten geschlossen, was sich bemerkbar machte, als wir uns alle wieder in den virtuellen Raum begaben: Alle blinzelten ungeschickt in ihre Bildschirme. Als Christin und noch dazu Katholikin wollte ich mich nicht auf ein Treffen mit dieser Göttin einlassen und habe sie kurzerhand mit Gott oder Jesus ersetzt. Bevor wir den Kreis wieder aufschlossen, indem wir uns nochmal imaginativ an den Händen hielten, teilte jede von uns eine «Perle» von diesem Abend: Also ein kleines positives Feedback. Die «heilige Dunkelheit» schnitt dabei am besten von allen ab.

Das Herbstfest über Zoom stellte sich als ein Fest der Entspannung heraus. Anders als tanzende Frauen in farbigen Gewändern, wurde bei diesem Fest Ruhe und Besonnenheit ins Zentrum gestellt. Dabei frage ich mich aber dennoch, ob das Herbstfest in einem nicht-virtuellen Raum, auch mehr als Fest der Ruhe und Einkehr gefeiert wird, oder ob dann nicht doch das Erntefest im Zentrum steht, bei dem Fülle und gemeinsames Essen ins Zentrum gestellt wird. Durch das Herbstfest konnte ich jedoch ein bisschen über die Komplexität dieser matriarchalen Religion erfahren, finde aber gleichzeitig, dass ihre Ansicht darüber, dass sie als Matriarchate keinen abstrakten Glauben an eine transzendente Gottheit haben, durch die innere Reise negiert wurde. Die dreifältige Göttin, welche in vielen Kulturen anscheinend andere Formen annimmt und sich in Phasen mit der Natur bewegt, erscheint mir doch sehr abstrakt und transzendent.

«Typisch Patriarchat» vs. ehrliche Gesellschaftskritik?

Obwohl mir die Mysterienfeste um die dreifältige Göttin zu esoterisch sind und ich mit diesem eindeutigen Dualismus von Patriarchat und Matriarchat nicht einverstanden bin, gibt es einige Botschaften, die ich aus dieser Erfahrung mitgenommen habe: Unsere Gesellschaft funktioniert, wie sie funktioniert. Es spielt keine Rolle, in welchen Jahreszeiten wir uns befinden; das System geht weiter. Doch den Winter als eine Zeit der positiven Dunkelheit und somit der Ruhe zu sehen, macht für mich Sinn. Im Sommer sind wir aktiv und draussen, im Winter eher ruhig und eingekehrt. Die vorgestellte «besinnliche» Adventszeit zeugt ja auch davon. Leider geht diese besinnliche Zeit im Weihnachtsstress, den Sonntagsverkäufe, Jahresabschlüssen in Firmen, Semesterprüfungen und so weiter, verloren oder rückt in den Hintergrund. Die Anhängerinnen des MatriForums würden das als «typisch Patriarchat» abstempeln; ich jedoch möchte dies hier auch als Gesellschaftskritik auffassen.

Eine weitere Botschaft, die ich mitgenommen habe, ist der Vorwurf, dass Menschen in patriarchalen Gesellschaften zu grosse Angst vor dem Tod hätten oder das der Tod versteckt wird. Natürlich würde ich dieser Pauschalisierung von patriarchalen Gesellschaften nicht zustimmen, da viele Kulturen den Tod anders wahrnehmen, egal wie patriarchal diese nun sind. Doch in unserer Gesellschaft, abgesehen davon, ob sie nun patriarchal ist oder nicht, ist mir diese annähernde Tabuisierung des Todes auch aufgefallen. Der Tod wird an den Rand gedrängt und allfällige Feierlichkeiten werden möglichst schnell durchgeführt und dauern höchstens einige Stunden. Trauer darf nicht gezeigt werden oder muss durch einen Psychologen begleitet werden. Ich denke auch, dass der Tod und die Unterbrechung, die dabei bei den Angehörigen zustande kommt, von der Gesellschaft zu wenig akzeptiert ist.

Alysejah Huber, 8. Oktober 2024

Aliança do Renovo: Eine Analyse von Akelene Walsers «Theologischen Seminaren»

Das Ministério Aliança do Renovo ist eine brasilianischsprachige pfingstliche Freikirche, die im Jahr 2022 von Akelene Walser begründet wurde und im Jahr 2024 ein neues Zentrum in St. Margrethen bezogen hat. Unsere Mitarbeiterin Laura Meyer hat die vier Bände «Seminário Teológico», in welchen Akelene Walser ihre Theologie ausführt, analysiert:

Volumen 1

Akelene Walsers Sichtweise auf die Bibel spiegelt eine traditionell evangelikale Position wider, die fest von der göttlichen Inspiration der Schrift überzeugt ist. Sie argumentiert, dass der Heilige Geist die Verfasser der Bibel direkt beeinflusste und führt dafür einige Argumente an, wie die Harmonie zwischen den biblischen Büchern, die Erfüllung von Prophezeiungen und deren Bestätigung durch Jesus Christus. Diese Argumente sind typisch für konservative theologische Ansätze, wie sie etwa in evangelikalen Gemeinden vertreten werden. Allerdings werden sie von wissenschaftlichen Theologen häufig kritisiert, da sie die komplexen historischen und redaktionellen Prozesse, die zur Entstehung der Bibel führten, oft ausser Acht lassen. Besonders hervorzuheben ist auch Walsers Tendenz, die Bibel als überlegen gegenüber anderen religiösen Texten darzustellen. Im interreligiösen Dialog kann diese Haltung als exklusivistisch empfunden werden

In ihrer Auseinandersetzung mit alternativen Theorien zur Bibelinspiration – wie der Idee, dass alle Menschen göttliche Inspiration erfahren könnten oder dass die Bibel nur teilweise inspiriert sei – lehnt Walser sämtliche abweichenden Auffassungen strikt ab. Sie vertritt die Lehre einer vollständigen und uneingeschränkten Inspiration der Bibel. Ich stehe dieser restriktiven Haltung gegenüber anderen Interpretationsansätzen etwas kritisch gegenüber: Innerhalb des Christentums gibt es eine lange Diskussion darüber, wie die Bibel zu verstehen ist – wörtlich, symbolisch oder in kulturellen Kontexten angepasst. Walsers starre Interpretation erschwert den Austausch mit Theologen, die sich einer historisch-kritischen Methode nähern und die Bibel im Kontext ihrer Entstehungszeit verstehen wollen.

Insgesamt ist Walsers Theologie innerhalb der evangelikalen Bewegung tief verwurzelt und findet dort breite Unterstützung. Doch ihre strikte Ablehnung alternativer Sichtweisen und die Überbetonung der Überlegenheit der Bibel schliessen wichtige theologische und interreligiöse Diskurse aus, die für eine zeitgemässe Auseinandersetzung mit Glaubensfragen von Bedeutung sein könnten.

Volumen 2

In diesem Volumen stehen zentrale Themen der charismatischen Theologie im Mittelpunkt, insbesondere die Gaben des Heiligen Geistes, wie Zungenrede und Prophetie. Walser argumentiert, dass das Sprechen in Zungen ein klares Zeichen der Taufe im Heiligen Geist sei, gestützt auf Beispiele aus der Apostelgeschichte. Diese Sichtweise ist jedoch umstritten. In traditionelleren Theologien, wie der reformierten oder lutherischen, wird die Zungenrede als eine von vielen Gaben betrachtet, aber nicht als zwingender Beweis für die Geistestaufe (Joseph, 2023). Meiner Meinung nach legt Walsers Theologie etwas zu viel Gewicht auf Glossolalie. Eine solche Überbetonung der Zungenrede könnte eine geistliche Hierarchie schaffen, in der diejenigen, die in Zungen sprechen, als spirituell weiter fortgeschritten gelten. Zudem bleibt Walsers Hinweis auf die Notwendigkeit der Auslegung unklar, was durch die subjektive Natur dieser Praxis zu Missverständnissen oder Manipulation führen könnte.

Weiter wird in diesem Volumen die Schöpfung des Menschen aus einer strikt biblischen Perspektive beleuchtet, wobei Walser betont, dass der Mensch gemäss der Schöpfungsgeschichte nach dem Bild Gottes erschaffen wurde (Genesis 1:26-27). Ihre Ablehnung der Evolutionstheorie ist konsequent und sie betrachtet sie als unvereinbar mit der biblischen Lehre. Walser weist sowohl die Theorien von Lamarck als auch von Darwin als wissenschaftlich unzureichend zurück und kritisiert insbesondere Darwins Konzept der gemeinsamen Abstammung von Mensch und Tier. Sie führt vermeintlich fehlerhafte Fossilienfunde als Argumente gegen die Evolutionstheorie an, um ihre Position zu stützen.

Meiner Ansicht nach führt Walsers strikte Ablehnung der Evolutionstheorie zu Spannungen zwischen Glaube und Wissenschaft. Indem sie die Evolution als spekulativ und unbelegt darstellt, ignoriert sie die zahlreichen genetischen und fossilen Beweise, die die moderne Evolutionstheorie stützen. Ihre Forderung nach „endgültigen Beweisen“ lässt ausserdem die Dynamik wissenschaftlicher Forschung ausser Acht, die auf einer fortlaufenden Sammlung und Erweiterung von Indizien basiert. Die Verbindungen zwischen verschiedenen Spezies, einschliesslich des Menschen und seiner Vorfahren, sind gut dokumentiert, was Walsers Darstellung für mich zu stark vereinfacht macht. Es scheint, dass sie sich dem fortlaufenden Charakter wissenschaftlicher Entdeckungen und der Tatsache, dass nicht jede Zwischenstufe fossil belegt sein muss, nicht bewusst ist.

Walser betont ebenfalls die spirituelle Natur des Menschen, die ihn ihrer Meinung nach grundlegend von Tieren unterscheidet. Diese spirituelle Dimension des Menschen, geschaffen nach dem Bild Gottes, wird jedoch ohne Berücksichtigung moderner Erkenntnisse über das Bewusstsein und die kognitiven Fähigkeiten höherentwickelter Tiere dargestellt. Viele Theologen vertreten die Ansicht, dass die spirituelle Natur des Menschen mit der Vorstellung einer biologischen Entwicklung vereinbar ist (Blume, 2017) – eine Perspektive, die Walser unberücksichtigt lässt.

Ihre streng bibeltreue Sicht auf die Schöpfung des Menschen und ihre Ablehnung der Evolutionstheorie stehen im Gegensatz zu einer Vielzahl moderner theologischer und wissenschaftlicher Ansätze, die versuchen, Glaube und Evolution zu vereinen. Ihre Darstellung der Evolution bleibt vereinfacht und lässt wichtige wissenschaftliche Fortschritte und Beweise aussen vor. Auch ihre strikte Trennung von Mensch und Tier sowie ihre pauschale Ablehnung der Psychologie vernachlässigen zentrale Erkenntnisse der modernen Wissenschaft und Theologie. Insgesamt wirkt Walsers Sichtweise einseitig und erschwert einen fundierten Dialog zwischen Wissenschaft und Glaube.

Zum Schluss greift Walser in diesem Band das Thema der spirituellen Schöpfung auf, mit besonderem Fokus auf die Existenz von Engeln und Dämonen. Sie argumentiert, dass Engel als Helfer Gottes und Dämonen, einst gefallene Engel, als Widersacher agieren. Diese Auffassung stützt sie auf biblische Texte wie 2. Petrus 2:4, wo die Unterscheidung zwischen „guten“ Engeln und „gefallenen“ Dämonen beschrieben wird. Besonders hervorzuheben ist ihre Darstellung von Luzifer als einem hohen Engel, der durch Stolz in Rebellion gegen Gott fiel, was die Erschaffung der Dämonen und das Böse in der Welt zur Folge hatte. Walser interpretiert Passagen, die sich oft auf irdische Herrscher beziehen, als Allegorien auf Luzifers Fall. Engel stellt sie als moralische Wesen mit freiem Willen dar, die entweder Gott treu bleiben oder wie die Dämonen eine bewusste Entscheidung gegen ihn getroffen haben. Diese Sichtweise hat eine stark wörtliche, konservative Bibelauslegung, was wenig Raum für symbolische oder modernere Interpretationen lässt.

Volumen 3

Hier interpretiert Walser die biblischen Prophezeiungen über die Wiederkunft Christi anhand von Passagen wie Matthäus 24:6-7 und Lukas 21:28-31. Sie sieht Katastrophen wie Kriege, Hungersnöte und Seuchen als Zeichen für das nahende Ende der Welt und verweist auf historische Ereignisse wie die Weltkriege als mögliche Erfüllung dieser Vorhersagen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass solche Ereignisse vorschnell als Erfüllung biblischer Prophezeiungen gedeutet werden. Diese Spekulationen können Panik auslösen, da in der Geschichte ähnliche Geschehnisse oft fälschlicherweise als Vorboten des Endes angesehen wurden. Walsers eschatologische Auslegung ist stark traditionell und fundamentalistisch, was das Risiko von Überinterpretation und unnötiger Panik birgt. Es wäre hilfreicher, historische Ereignisse im weiteren Kontext zu betrachten und die Verantwortung der Christen im Hier und Jetzt zu betonen.

Volumen 4

Walsers Theologie weist starke Parallelen zur Assembleia de Deus, einer der grössten pentekostalen Kirchen Brasiliens, auf. Beide legen grossen Wert auf den Heiligen Geist, die Geistestaufe und die Geistesgaben wie Zungenrede, Prophetie und Heilung, die sie als zentrale Elemente des christlichen Lebens betrachten. Ebenso teilen sie einen missionarischen Eifer, der sich in der Evangelisation und dem Wirken des Heiligen Geistes, besonders unter den ärmeren Schichten, zeigt. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der institutionellen Struktur. Während die Assembleia de Deus stark in die brasilianische Gesellschaft und Politik eingebunden ist, vertritt Walser eine eher spirituell orientierte und weniger institutionalisierte Sichtweise. Ihre Theologie konzentriert sich stärker auf individuelle spirituelle Erfahrungen.

Fazit

Akelene Walsers Theologie zeigt sich durchgehend als tief in konservativ-evangelikalen und charismatischen Traditionen verwurzelt, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Einerseits ist ihre Betonung der göttlichen Inspiration der Bibel und des Heiligen Geistes für viele Gläubige in diesen Kreisen eine Quelle der Sicherheit und spirituellen Orientierung. Andererseits wirkt ihre strikte, oft wörtliche Auslegung biblischer Texte in einer modernen Gesellschaft jedoch schnell starr und wenig anpassungsfähig. In ihren „Theologischen Seminaren“ wird deutlich, dass sie wenig Raum für alternative Interpretationen lässt. Ihre totale Ablehnung der Evolutionstheorie und anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse zeigt, dass sie den Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft vernachlässigt, obwohl gerade dieser Diskurs für viele Gläubige heutzutage wichtig ist. Hier zeigt sich für mich ein grosser Schwachpunkt: Anstatt Brücken zu bauen, scheint sie Gräben zu vertiefen. Auch ihre eschatologischen Ansichten – die Verbindung aktueller Katastrophen mit biblischen Prophezeiungen – wirken auf mich zu stark vereinfacht und bergen das Risiko von Panikmache. Insgesamt bleibt Walser ihrer traditionellen Linie treu, doch gerade diese Festlegung erschwert für mich den Zugang zu ihren Lehren. In einer Welt, in der der Dialog zwischen unterschiedlichen religiösen und wissenschaftlichen Strömungen zunehmend an Bedeutung gewinnt, wirkt ihre Theologie, so wertvoll sie für bestimmte Gläubige sein mag, in meinen Augen zu isoliert und wenig offen für eine weiterführende Diskussion.

Referenzen

Blume, M. (2017). Vertragen sich Religion und Evolution? Theologie & Naturwissenschaften. Retrieved from https://www.theologie- naturwissenschaften.de/startseite/leitartikelarchiv/evolution-und-religion

Joseph, D. I. (2023). What Christian Denominations Speak in Tongues? Christianity FAQ. Retrieved from https://christianityfaq.com/what-christian-denominations-speak-in- tongues/

Laura Meyer, 16.09.2024

Lexikoneintrag Ministério Aliança do Renovo

Sekte auf dem Jakobsweg

Spanien, 02. August 2024: Schon morgens konnte man spüren, dass es ein heisser Tag werden würde. Die Luft ist feucht, wie es im Baskenland üblich ist. Als wir die ersten steilen Treppenstufen nehmen, um uns von Pasaía nach Donostia-San Sebastián aufzumachen, läuft uns der Schweiss bereits in Strömen runter. Wir waren eine Weile in einem idyllischen Waldstück unterwegs, als vor uns, scheinbar wie aus dem Nichts, eine Frau auftaucht. Die grosse schlanke Person mit kurzgeschorenen grauen Haaren steht mitten auf dem Weg. Sie streckt beide Arme von sich und winkt uns in grossen Bewegungen herbei. Ob sie wohl Hilfe braucht? Nein, denn sie beginnt enthusiastisch drauf los zu reden. Sie habe uns einfach mal sagen wollen, dass sie gerade Kaffee mit den wohl nettesten Menschen überhaupt getrunken hat. Sie lädt uns ein, mit ihr reinzugehen und diese Menschen kennenzulernen. Erst da fällt uns das grosse Gelände auf, das rechts von uns am Wegrand liegt. Ich kann gerade noch denken, dass mir das ein bisschen suspekt vorkommt, als ich das grosse Schild am Eingang des Geländes entziffere: «Las Doce Tribus», auf deutsch «Die Zwölf Stämme».

Steigende Pilgerzahlen

«St. Gallen hat jetzt eine Pilgerseelsorgerin» titelt das St. Galler Tagblatt am 29.08.2024. Ines Schaberger kümmert sich um Pilger, die zum Beispiel in der Herberge in St. Gallen unterkommen, während sie schweizerische Teile des Jakobswegs bewältigen. Dass selbst schweizerische Jakobswege gut besucht sind, wundert wenig. Pilgern ist so beliebt wie nie: Allein im Jahr 2023 wanderten 446.035 Pilger aus der ganzen Welt den Jakobsweg in Spanien. «Der Jakobsweg» besteht allerdings aus unzähligen Varianten und verschiedenen Wegen, die nach Santiago de Compostela führen. Obwohl der sogenannte französische Jakobsweg, der Camino Francés, immer noch der beliebteste ist, weichen viele auf die anderen Wege aus. Einer davon ist der Camino del Norte, der auch als Küstenweg bekannt ist. Anfang August 2024 bin ich selbst einen Teil dieses Jakobswegs gelaufen und durfte das traumhafte Baskenland und Teile Kantabriens durchqueren.

Herbergenknappheit als Gelegenheit

Wer den Norden Spaniens kennt, weiss, dass die atemberaubende Natur längst kein Geheimtipp mehr ist. In Donostia-San Sebastián findet man so nicht selten Schilder mit der Aufschrift «Tourists go home!». Der Massentourismus treibt die Preise nach oben und wirkt sich so auch auf die Herbergensituation auf dem Camino del Norte aus. Statt gelassen die Natur zu geniessen, schlägt man sich häufig mit der Frage herum, wo man heute Nacht wohl einen bezahlbaren Schlafplatz finden wird. Dieses Pilgerdilemma scheinen die «Zwölf Stämme», eine umstrittene Gemeinschaft, erkannt zu haben. Denn sie bieten gleich zwei Herbergen auf dem Camino del Norte an: erst auf dem Weg von Irun nach Donostia-San Sebastián auf dem Monte Ulia und eine weitere auf der nächsten Etappe kurz vor Orio.

Sektenbarometer Freundlichkeit?

Dass die Zwölf Stämme mindestens eine Unterkunft auf dem Jakobsweg anbieten erfuhr ich schon im renommierten Reiseführer von Raimund Joos. Der Theologe hielt sich zu meiner grossen Überraschung jedoch mit seinem Urteil über die Gemeinschaft, gelinde gesagt, zurück. Die Gemeinschaft werde von manchen als Sekte bezeichnet, schreibt er. Viele Pilger hätten aber gute Erfahrungen mit der Gruppe gemacht, insbesondere mit der Gastfreundschaft und der freundlichen Art der Mitglieder.

Da möchte man fast ein freches «Ach, wirklich?» von sich geben, denn wer nach einer Sekte Ausschau hält, deren Mitglieder sich gegenüber Aussenstehenden grundsätzlich unfreundlich verhalten, kann lange suchen. Das Klischee einer nach Aussen verschlossenen Gruppe, die einem sofort das Gruseln lehrt, entspricht nur in seltenen Fällen der Realität. In der Regel sind problematische, umstrittene Gemeinschaften, die wegen ihrer schädlichen Struktur mitunter als Sekten bezeichnet werden, durch ihre überfreundlichen Mitglieder gekennzeichnet. Wer dazu aufruft, Gemeinschaften in Eigenregie zu beurteilen, und dafür Offenheit und Nettigkeit der einzelnen Mitglieder als Bewertungsmassstab heranzieht, sollte auf eine Dauerniete in Sachen Sektenfund gefasst sein.

Die Zwölf Stämme

Dass es sich bei den Zwölf Stämmen selbst bei einer relativ engen Sektendefinition um eine solche handelt, wird schnell deutlich. Die Gruppe, die 1972 in Chattanooga (Tennessee) von Elbert Eugene («Gene») Spriggs ins Leben gerufen wurde, kann ohne weiteres als Sekte bezeichnet werden. Selbst einige Pilger auf dem Jakobsweg wussten über die Gruppierung Bescheid, zumindest munkelte man über «die, die ihre Kinder schlagen».

Tatsächlich gibt es neben dieser markanten Kontroverse weitere kritische Eigenschaften der Gruppierung. Die Zwölf Stämme empfinden sich als das neue, endzeitliche Israel, wobei alle anderen Kirchen vom Glauben abgefallen seien. Die Gemeinschaft zeichnet sich in diesem Sinn durch einen starken Exklusivitätsanspruch aus, der bekanntlich vielseitige Folgen für Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft hat. In den nach aussen fast Hippie-artig wirkenden Kommunen regeln strenge Abläufe und Vorschriften das Zusammenleben. Die Haare werden lang getragen und Frauen müssen Röcke oder weite Hosen anziehen. Im Übrigen sind sie dazu verpflichtet, den männlichen Mitgliedern der Gemeinschaft zu gehorchen. Darüber hinaus darf niemand über Privatbesitz verfügen. Eins der wichtigsten Warnsignale einer Sekte besteht jedoch in der Unfehlbarkeit der Leitungsperson. Wer Kritik an Spriggs übt, der sich «Yoneq» nennen liess, muss mit einem Rauswurf rechnen. Gene Spriggs ist im Januar 2021 gestorben, für kurze Zeit war unklar, wie es mit der Gemeinschaft weitergeht. Augenscheinlich sind sie mit dem Tod ihres Anführers nicht hausieren gegangen, so finden sich dazu kaum Informationen.

Die Aktualität der Hölzernen Rute

Es bestehen jedoch keine Zweifel daran, dass die dogmatische Haltung der Gruppe, insbesondere in Sachen Körperstrafen in der Erziehung, unverändert geblieben ist. Im Februar 2021, einige Wochen nach Spriggs Tod, veröffentlichten die Zwölf Stämme auf ihrer Website einen Artikel zum Thema Kindererziehung, der heute noch online ist. Dort schreiben sie:

«In diesen verwirrenden Zeiten, in denen die moralischen Grundlagen nahezu zerstört sind, in denen das Gute als böse und das Böse als gut bezeichnet wird, ist die uralte Praxis der Prügelstrafe (wörtl. «spanking») unter Verdacht geraten. […] In den meisten Kulturen wird es seit jeher als die Pflicht der Eltern angesehen, ihre Kinder zu disziplinieren, und sie haben das Recht, sie zu schlagen (wörtl. «spank»), wenn es angemessen ist. […] Für diejenigen, die sich vorgenommen haben, bei der Erziehung ihrer Kinder der Weisheit Gottes zu folgen, gab es nie eine andere Praxis als den Einsatz der Rute zur Disziplinierung.»

Ehemalige Mitglieder berichten von dem Einsatz einer «hölzernen Rute», der weit über Disziplinierung heraus geht. Ziel sei es, den Eigenwillen der Kinder zu brechen und das so früh wie möglich. Kinder haben immer zu gehorchen und dürfen nicht spielen, sondern arbeiten stattdessen genau wie die erwachsenen Mitglieder der Kommunen.

Professionelle Imagepflege

Trotz der dramatischen Berichte von Ausgestiegenen besitzen die Zwölf Stämme häufig ein gutes Image, was nicht zuletzt mit der oftmals gelobten Freundlichkeit der Mitglieder zusammenhängt. Die Zwölf Stämme haben allerdings nicht nur diese Freundlichkeit strategisch zur Erschaffung ihres guten Rufs eingesetzt, sondern auch ökonomisch wirksames Marketing betrieben. So gehört ihnen die vegane Restaurantkette «Yellow-Deli», die den nach aussen entstehenden Hippie-Touch der Gruppe verstärkt. Die Restaurants dieser Kette finden sich mittlerweile an vielen Orten der Welt und laden auch in Donostia-San Sebastián zu einem vergleichsweise günstigen Curry ein. Diese Fähigkeit der Gruppe, ein benötigtes Angebot zu schaffen und dabei gleichzeitig ihre Aussenwirkung zu verbessern, spielt auch auf dem Jakobsweg eine Rolle. Während die erste Herberge auf dem Monte Ulia gut bekannt ist, war die zweite Unterkunft nur schwer als Teil der Zwölf Stämme zu identifizieren.

Spanien, 03. August 2024: Nachdem wir gestern von der überschwänglichen Dame von den Zwölf Stämmen angehalten worden sind, haben wir viel über die Gruppe gesprochen. Noch abends haben uns die Berichte von Ex-Mitgliedern verfolgt. Die Frau hatte sich später bei uns als Andrea vorgestellt und uns noch mehrmals zum Kaffee eingeladen. Meine Begleitungen waren von meiner Zurückhaltung abgeschreckt worden und hatten sich mit mir zusammen ohne einen Kaffeestop auf den Weg gemacht. Dass wir bereits am nächsten Tag wieder mit den Zwölf Stämmen in Kontakt treten würden, wussten wir nicht.

Als wir heute ungefähr 15 Kilometer in der gleissenden Sonne hinter uns hatten, tauchte am Ende der Weggabelung ein mit Jakobsmuscheln geschmücktes Haus auf. Beim Näherkommen sahen wir Pilgerstäbe, die zum Verkauf standen und «Santiago» Schilder, die mit der übrig gebliebenen Distanz des Weges versehen waren. Wir erkannten, dass heisser Kaffee und selbstgemachter Kuchen auf einfachen Tischen und Bänken serviert wurden. Dahinter standen strahlende Menschen, die weite Hosen trugen und lange Haare hatten. Bei mir dauerte es einen Moment, bis ich wusste, wie mir geschah.  Meine Begleiterinnen flüsterten mir zu, dass wir uns woanders Kaffee holen können, als ich noch der festen Überzeugung war, vor einem offiziellen Jakobswegs-Gebäude zu stehen. Nachdem wir uns entfernt hatten, erzählte mir eine meiner Begleiterinnen, dass sich das strahlende Lächeln der Personen hinter der Kaffeetheke zu einem verächtlichen Blick wandelte, als wir uns keinen Kaffee holten. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Doppelmiene auch von den zahlreichen Pilgern beobachtet wurde, die heiter ihren Kaffee genossen. So würde vielleicht auch denjenigen, die sich bei ihrem Urteil lediglich auf die Freundlichkeit der Mitglieder stützen, ein Licht aufgehen.

Julia Sulzmann, 30.08.2024

Änderungen bei den Zeugen Jehovas – Begriffskosmetik oder echter Wandel?

In der Studienausgabe der Zeitschrift «Wachtturm» vom August 2024 hat das führende Gremium der Zeugen Jehovas, die «Leitende Körperschaft» (Governing Body) in mehreren Texten Veränderungen präsentiert, die im Umgang mit Menschen gelten, welche sich nicht an die Vorgaben der Zeugen Jehovas gehalten haben.

So konnten Menschen, die einen aus Sicht der Zeugen Jehovas unpassenden Lebensstil trotz Ermahnungen weiterführten, bisher von den Ältesten in der Versammlung öffentlich «bezeichnet» (marked) werden, mit dem Ziel, dass die Mitglieder mit diesen Personen keinen engeren Umgang mehr pflegen, indem sie z.B. sich nicht mehr privat mit ihnen treffen. Nun wird auf eine solche offene Nennung verzichtet. Stattdessen werden die Zeuginnen und Zeugen gehalten, sich in ihren Familien darüber abzusprechen, wessen Lebensführung für engere Kontakte unpassend scheint.

Wenn Personen erheblich gegen die Vorgaben der Zeugen Jehovas verstossen haben, bilden die Ältesten der Versammlung ein Komitee zur Befragung der Betroffenen. Bisher hiess dieser Ausschuss «Rechtskomitee» (judical committee) und war berüchtigt für detaillierteste Befragungen zu intimen Vorgängen. Neu sprechen die Zeugen Jehovas nur noch von einem «Komitee aus Ältesten» (committee of elders) und weisen diesem nicht nur eine richtende, sondern vor allem eine beratende Funktion zu. Bei der Befragung der Täterschaft sollen nun «gut durchdachte, aber nicht unnötig indiskrete Fragen» (meaningful questions without being unnecessarily intrusive) gestellt werden (s.22). Zudem soll das «Komitee aus Ältesten» sein Urteil nicht mehr wie bisher nur aufgrund von einer Befragung fällen, sondern mit den Betroffenen mehrfach das Gespräch suchen. Minderjährige werden nicht mehr, wie bisher, allein von den Ältesten befragt, sondern in Gegenwart ihrer Eltern, falls diese Zeugen Jehovas sind, oder anderer nahestehender erwachsener Personen.

Kommt es zum Ausschluss, so heisst dieser nicht mehr wie bisher «Gemeinschaftsentzug» (disfellowshipping), sondern es ist die Rede davon, dass eine Person «aus der Versammlung entfernt» (removed from the congregation) wurde. Zu Personen, die aus der Versammlung entfernt wurden, war bisher jeder Kontakt untersagt, auch Grüssen auf der Strasse. Dies gilt in Zukunft nur noch für Ausgeschlossene, die «Abtrünnige» (apostate) sind, indem sie die Zeugen Jehovas kritisieren, und für solche, die schwere Taten wie Kindesmissbrauch begangen haben. Alle anderen «aus der Versammlung Entfernten» dürfen nun gegrüsst und zur Versammlung eingeladen werden. Darüber hinaus gehender Kontakt bleibt aber untersagt.

Was ist das Ziel dieser Änderungen? Aussenstehende vermuten, dass die Zeugen Jehovas vor allem ihr Image aufpolieren wollen. Die Bestimmung, Minderjährige nur noch im Beisein ihrer Eltern zu befragen, lässt einen oft gehörten Vorwurf gegen die Organisation entfallen. Durch das Ersetzen der Ausdrücke «Gemeinschaftsentzug» und «Rechtskomitee» verschwinden zwei Begriffe, die in der kritischen Diskussion um die Zeugen Jehovas eine wesentliche Rolle spielen. Mit dem Verzicht auf peinliches Rumwühlen in privatesten Dingen wird negativen Ehemaligen-Berichten ein wesentliches Motiv entzogen. Und dass Ausgeschlossene, soweit sie auf Kritik an den Zeugen verzichten, in Zukunft gegrüsst werden dürfen, macht die Vorstellung der Meidung für die Öffentlichkeit erträglicher, war es doch gerade die Herzlosigkeit des «Nicht-mal-mehr-Grüssens», die in der kritischen Öffentlichkeit sauer aufstiess.

Insofern reagieren die Zeugen Jehovas mit ihren Reformen recht geschickt auf manche der Kritikpunkte in der Öffentlichkeit. Wie weit sich die Änderungen auch auf das Leben der Zeuginnen und Zeugen auswirken, wird sich weisen müssen. Ebenso wird sich zeigen, ob weitere Schritte folgen, z.B. in der Frage der Bluttransfusion. In der Vergangenheit konnten Reformen umstrittener Gemeinschaften, die vor allem kosmetisch gemeint waren, durchaus zu realen und manchmal auch radikalen Folgen führen. Es wird spannend sein zu beobachten, wohin die Reise der Zeugen Jehovas geht.

Georg O. Schmid, 6. August 2024

Lexikoneintrag Zeugen Jehovas

Erste Liebe Kirche: Wenn man in einem Unigebäude zur Kirche geht

Ein grosser Vorteil der Erste-Liebe-Kirche ist, dass sie ihren Raum in dem Gebäude mieten, in welchem ich üblicherweise meine Vorlesungen habe, und ich also nur zwei Treppen nehmen musste, um zu ihnen zu gelangen. Das erste Mal aufgefallen sind sie mir vor längerer Zeit, als ich kurz sonntags ins Gebäude ging und sie auf der Strasse und in der Halle mit Schildern, die den Weg wiesen, standen. Das dürfte dieses Mal nicht ganz so ausgesehen haben; anscheinend sind viele Personen aktuell in den Ferien, sodass der Raum nicht mal halbvoll war. Sie erklärten mir später, dass es im Normalfall nur ein paar freie Plätze gab. Eine meiner Hauptfragen war, inwiefern sie mit dem Bamboo Lovers zu tun hatten und vergleichbar waren, und es wurde für mich sehr klar, dass mindestens die Struktur dieselbe ist.

Etwas viel Liebe zum Anfang

Ich lief also in Richtung Tür und erkundigte mich, ob ich einfach hineinlaufen dürfe. Daraufhin wurde ich freudig begrüsst, erhielt eine Abendmahlskapsel und wurde in einen Raum geführt, wo eine nächste Person mich an einen Platz verwies. Innerhalb kürzester Zeit begrüssten mich verschiedene Mitglieder, alle sehr herzlich, mit Umarmung und selbstverständlich auf Vornamensbasis, für mich angenehm, aber das kann gut auch überfordern. Es waren spürbar weniger Personen als damals, als ich einfach mal vorbeigelaufen war, und als der Raum zulassen würde. Am Bildschirm vorn lief ein Countdown, zudem wurde Musik abgespielt, und am exakten Punkt, als der Countdown bei 00:00 ankam, stand ein junger Mann mit Mikrofon vorne hin und begann zu sprechen. Wir sollen einander willkommen heissen in der Kirche, beispielsweise jemanden, den wir länger nicht gesehen hatten. Ich begrüsste also endlich die beiden, die neben mir sassen.

Ein nicht gelungenes Gebetschaos

Dann standen wir auf für ein Dankesgebet. Der junge Mann, nennen wir ihn mal M., erklärte uns, wir sollen unsere Augen schliessen und alle auf unsere Art «in unseren Worten» und «auf unsere Sprache» beten und Gott danke sagen, dann fiel er selbst ins Gebet. Er lief die ganze Zeit vorne auf und ab und betete, während im Raum nach einer Weile ein immer noch eher ruhiges Gemurmel entstand. Ich meine, mich an etwas «Zungenrede» irgendwo in einer Reihe hinter mir erinnern zu können. Ich nehme auch sehr stark an, dass dies mit «unsere Sprache» impliziert ist. Wenn ich das Gebetschaos bei den Bamboo Lovers, als alle gleichzeitig laut gesprochen und gebetet haben, erinnere, dann würde ich sagen, hier hatte es einfach viel zu wenig Personen für denselben Effekt. Als nächstes sollen wir Gott um Vergebung bitten für die Sünden, die wir diese Woche gemacht haben, und gleichzeitig auch anderen vergeben, im selben chaotischen Stil, nur dass einzelne Personen hier auf die Knie fielen (zugegeben, ich habe meine Augen ab und an geöffnet). Zu guter Letzt sollen wir dann um die Anwesenheit des Heiligen Geists beten. Alle drei Gebetsthemen wurden mit jeweiligen Bibelversen eingeleitet.

Erste-Liebe-Kirche: eine mehr oder weniger deutschsprachige Church

Nach dem dritten Gebet standen drei Personen, zwei Frauen und ein Mann, mit Mikrofon nach vorne und begannen zu singen, während wir stehen blieben und mitsangen. Ein Lied mit dem Hauptmotiv «du bist bei mir, Herr» (wobei es hier sehr viel abwechselnden Text gab), dann «Jesus ich lieb dich», und zuletzt «Yeshua». Der Text wurde vorne gezeigt – nicht immer ganz korrekt, manchmal gab es bei den Folienwechsel Probleme, dann dauerte es einen Moment, bis die richtige Folie gefunden war, und so weiter – und die Melodien waren sehr einprägsam. Überraschend war, dass absolut gar kein Lied auf Englisch war, auch nicht teilweise; ich vermute, dass alle Lieder entweder komplett übersetzt oder der Text neu geschrieben wurden. Sie sind auch sehr entschieden eine «deutschsprachige church», wie mir eine von ihnen später erzählte, auch wenn im Gespräch und der Predigt eine gute Menge an Anglizismen auftauchen. Auch hier stehen sie im Gegensatz zu den Bamboo Lovers, die auch im Gespräch miteinander viel mehr Englisch zu sprechen schienen als die Mitglieder der Erste-Liebe-Kirche.

Wie man Autoritätspersonen ehrt: Indem man Geld gibt

Wir setzten uns wieder, und ein Video eines Mitglieds aus Bern wurde gezeigt. Sie hätte an einem «Camp» teilnehmen können, und die Chance gehabt, «Prophet Dag», den Gründer der Erste-Liebe-Kirche Dag Heward-Mills, zu sehen (was bei uns im Publikum zu einem lauten «Wow!» führte). Es sei beim Camp auch darum gegangen, Autoritätspersonen zu ehren, und da er eine Autoritätsperson sei, habe sie sich überwunden, ihm dennoch ein «Offering» (Geld) zu geben, um ihn zu ehren, obwohl sie nicht ganz überzeugt davon gewesen sei. Er wollte dann jene, die ihn geehrt hatten, nochmals kurz sehen, sie also auch. Er habe dann «aus dem Nichts» nach ihren Eltern, beziehungsweise ihrer Beziehung mit ihren Eltern, gefragt und habe ihr auch Tipps und einfache «Steps», die sie machen konnte, gegeben, und für sie gebetet. Auf ihr «Danke, dass du Interesse zeigst», antwortete er, dass nicht er, sondern Gott durch ihn Interesse an ihr zeigt: «Gott spricht durch mich zu euch». Sie hat uns ermuntert, ebenfalls ans «Camp» zu gehen (dieses Mal: vom 12. bis zum 14. August), und gesagt, sie danke Gott für seine Unterstützung, und Dag, der ein «treuer Diener» Gottes sei und sie ebenfalls unterstützt habe. Wir sangen erneut ein Lied, «nur dich loben wir alle Ewigkeit», und eine Tanzgruppe mit fünf Personen trat auf. Während es etwas bizarr war, Personen im Gottesdienst zuzuschauen, tanzten sie, meiner Einschätzung nach, gut, und schienen auch sehr viel Spass dabei zu haben.

«Gott hat euch durch TWINT gesegnet»

Daraufhin folgte einer der informativsten Teile der Gottesdienste: Die Offerings, oder «Opfergabe». Ein Deutscher, der in seinem Dialekt sprach – welchen ich nicht ganz zuordnen konnte, aber ich würde auf süddeutsch gehen – redete über das «Säen», welches wir mit der Opfergabe machen, in Referenz zu 2. Korinther 9, 6 und den folgenden Versen: «Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer mit Segen sät, wird mit Segen ernten» (hier Einheitsübersetzung, sie selbst variieren mit den Bibelversionen primär zwischen Hoffnung für alle und der Lutherbibel). Der Deutsche sprach also weiter und weiter darüber, dass wir säen sollen, um zu ernten, und ich fühlte mich ehrlich gesagt etwas bedrängt dazu, ebenfalls zu geben. Als IBAN und TWINT-Code angezeigt wurden, sah ich die offizielle Adresse der First-Love-Church: Birgistrasse 7 in Wallisellen, also an derselben Adresse, an welcher sich weiterhin die Bamboo Lovers und die Mustard Seed Chapel treffen. Er führte dann aus, dass wir Schweizer «mit TWINT gesegnet» waren, dass wir so einfach geben können, und sprach mindestens eine volle Minute darüber, dass Gott die Schweiz mit TWINT gesegnet hat. Grosse «Kollektentaschen» wurden durch die Reihe gereicht, dieselben wie bei den Bamboo Lovers, und wenige legten etwas hinein. Die meisten hatten bereits mit TWINT gezahlt.

Eine weitere Performance

Eine Choreinlage war der nächste Teil, wobei ich kommentieren müsste, dass es nur drei Personen waren. Alle drei tanzten zur Musik, der Text war «Jesus, Retter dieser Welt» und das Lied erinnerte mich, abgesehen vom Text, sehr stark an «Good Master», welches bei den Bamboo Lovers gesungen wurde. Vom Stil her könnte es je nachdem als «Ska» klassifiziert werden, wie ich später in Erfahrung brachte. Wie auch bei der Tanzgruppe war es auch hier etwas merkwürdig, einfach bei der Performance zuzuschauen, auch wenn ich beide fairerweise sehr gut fand.

Tonprobleme beim Gebet

Rund eine Stunde nach Ablauf des Countdowns begann dann das Gebet, welches die Predigt einleiten würde. Der Prediger, Pfarrer oder Pastor, Roger Hiltbrunner, kommentierte, dass es irgendwo noch einen merkwürdigen Ton gab. Die technikverantwortliche Person machte dann irgendwas, was zu einem höheren, lauteren Ton führte. «Nicht einfach mit dem Ton nach oben!», tadelte Roger, etwas ungeduldig, und erklärte etwas genauer, was gemacht werden sollte. Perfekt war es nicht, aber er startete. Zu meiner Überraschung gab Roger später während der Predigt erstaunlich klare Anweisungen, was genau diese Person machen soll, damit der Ton besser klappt.

Wer zu wenig macht, ist (innerlich) pensioniert

Wir würden heute ein neues Thema anfangen, mit welchem wir uns die nächsten drei Wochen beschäftigen würden: «Wie wird man zu einem hingebungsvollen Christen?». Dazu definierte er erst Hingabe, unter anderem als etwas, dem man sich «mit ganzem Herzen verschreibt», und «vollen Einsatz» dafür zeigt. Seine Einleitung führte zu einigen «Wow!»s aus dem Publikum. Dann meinte er, manche von uns seien in unseren 20er-Jahren und verhielten uns wie Pensionierte («ey!»), wenn es um die Evangelisation (oder «die Mission») oder Meetings ginge.

Die beste Nachtaktivität: Beten

Er erzählte, dass manche Leiter einfach nicht an Meetings auftauchen, ohne einen Grund (wie «Arbeit») zu haben, weil sie keine Lust hätten, oder argumentierten: «die Nacht ist zum Schlafen da». «Hexen arbeiten zwischen zwei und drei Uhr morgens am besten… hab ich mal gehört», erklärte Roger, und führte aus, dass irgendwas an der Nacht dämonisch ist. Seine Begründung – die meisten Sünden, die wir tun, finden in der Nacht statt – löste erneut eine grosse, bejahende Reaktion aus dem Publikum aus. Entsprechend wäre es nachts besonders sinnvoll, sich mit dem Glauben zu beschäftigen.

Keine Rösti für den Ehepartner

Roger verglich dann einen Christen, der nicht hingebungsvoll war, mit einem halbherzigen Ehepartner, der einem nur Salat zubereitete, und bei der Anfrage «Rösti mit Bratwurst» verneinte und deklarierte, er könne das nicht, und wolle es nicht lernen. Eine Nachtschicht für Geld mache man, aber für Gott nicht. Gottes Wort sei da, um uns zu erquicken, und um uns zu helfen. Damit wir aber lernen können, hingebungsvolle Christen – dieses Wort wurde übrigens nie gegendert – zu werden, müssten wir erst wissen, auf welchem «Level» wir seien.

Bambi, oder: die Rehstufe

Beim ersten Level handle es sich um die «Rehstufe». Roger nannte mehrere Bibelstellen, die von einem Reh oder einem Hirsch – welche er hier gleichsetzte – handelten, namentlich Sprüche 6, 5 und Jesaja 35, 6. In beiden Fällen sprang das Tier, tendenziell weg, und Roger führte aus. Ein Reh sei flink, agil, schnell. Reh-Christen kommen und gehen, wie Wasser, niemand kenne ihren Namen, wenn Zeit für «Offerings» ist, suchen sie nach der Tür, und haben keinen Erfolg. Der Grund dafür: Sie sind nicht an einem Ort gesammelt, wie das Wasser in einer Flasche, welche er hochhielt. Wer auf der Rehstufe sei, der sei unbrauchbar. Ein Reh-Christ wollen wir nicht sein, erklärte Roger.

Ebenso nutzlos: «Ich lebe das Christentum auf meine Art»

Die nächste Stufe war dann die «Ziegenstufe». Die sei zwar besser als die Rehstufe, aber immer noch nicht gut. Er bezog sich auf Matthäus 25, ab Vers 31, in welchem beschrieben wird, dass Gott beim Gericht die Schafe von den Böcken trennt. Ein Bock sei ein altes Wort für Ziege (technisch gesehen nicht ganz richtig, es ist nur der Begriff für eine «männliche Ziege»), sodass wir dies gleichsetzen können. Böcke kämen dann ins ewige Feuer, während Schafe errettet würden. Roger führte dann aus, dass Ziegen die Nächstenliebe, eines der beiden höchsten Gebote, nicht befolgten, und formulierte, dass diese Ziegen «das Christentum auf ihre Art ausleben». Sie seien selektiv gehorsam, hätten nie den Zehnten gegeben (also 10% des eigenen Einkommens), und bei der Opfergabe gäben sie allgemein nie mehr als fünf Franken. Wenn er sage «kein Sex vor der Ehe», antworten sie «ich kaufe auch kein Auto, wenn ich es nie getestet habe» (Gelächter aus dem Publikum, eine wohlbekannte Antwort). Zu diesen Ziegen würde Gott sagen «Mit dir kann ich nicht viel anfangen. Geh bitte.» Ziegen hätten ausserdem immer eine Antwort, und eine Erklärung, warum etwas nicht geklappt habe, im Gegensatz zu beispielsweise David, der, als er auf seine Sünden aufmerksam gemacht wurde, hinkniete und sagte «ja, das stimmt, du hast recht». Die Sturheit der Ziegen werde sie brechen, sie sollten flexibel sein, damit das Haus nicht zusammenbricht.

Das Ziel: zum Schaf werden

Die dritte Stufe, jene, die wir anstreben sollen, ist die Schafstufe. Unser Ziel soll sein, ein Schaf zu werden. Wichtig sei, was unser Herz mache und sage. «Es ist so rebellisch», erklärte Roger, «du kannst nicht mal deine Eltern ehren, dein Herz ist so verstockt.» Wenn ein Schaf das höre, dann kniet es nieder, betet wie Jesus «Vater, nicht mein Wille, sondern dein Wille», sagt «es ist schwierig, Herr, hilf mir». Schafe, erklärt Roger weiter, hören die Stimme von Gott, und sagen «ich mach das, was du willst». Wer vorher nicht auf Gott gehört habe, und dann zum Schaf wird, mache dann die bisherigen Entscheidungen rückgängig bis zur letzten Instruktion Gottes, was auch wieder Jahre dauern könne. Er erklärt weiter, wenn jemand sage «ich verlasse die church, weil Gott es mir gesagt hat», dann handle es sich nicht wirklich um Gott, sondern um das Fleisch und die Emotionen.

Wen man bitte nicht heiraten sollte…

Im nächsten Predigtteil thematisierte Roger die Ehe, oder alternativ formuliert, die Suche nach geeigneten Ehepartnern. Anhand von diesem Thema kann bereits eine gewisse Differenz zu den Bamboo Lovers festgestellt werden: Die Bamboo Lovers sind primär Jugendliche, die noch weit von der Ehe entfernt sind und bei denen es eher um das Thema «Sex» geht (beziehungsweise, dass man das nicht haben soll), während es hier eher Erwachsene waren, die definitiv heiratsfähig und gewissermassen auch heiratswillig waren, und bei denen es eher darum geht, die Person fürs Leben zu finden. Roger führte aus, dass das erste, was er fragt, wenn jemand ihm von seinen Interessen erzählt, ist: «Ist er oder sie Christ?», und wenn nicht sofort ein überzeugtes «Ja» zurückkommt, dann klappe dies nicht, denn «ein Christ kann nicht eineiig sein mit einem Ungläubigen», und bezog sich auf 2. Korinther 6, 14: «Zieht nicht unter fremdem Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat Gerechtigkeit zu schaffen mit Gesetzlosigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?» (Lutherbibel 2017). In einer solchen Ehe könne man nicht sagen «zurück zur Bibel», wie es in einer christlichen Ehe gehen würde. Wir sollen unser «Herz nicht verstocken», wenn Gott zu uns geredet habe, dann müsse dies die Bibel bestätigen können. Roger erzählte, wie er jemanden heiraten wollte, was nicht geklappt habe (er ist unterdessen seit fünf Jahren anderweitig verheiratet), und kommentierte, dass er sogar geweint habe («awww»), dann grinsend «aber nur 1-2 Tränen». Gottes Wille sei nicht immer einfach zu akzeptieren, manchmal kommt er und schmeisst es einfach weg, aber «du weisst nicht, wovor er dich bewahrt.» Aus dem Publikum kommt zustimmendes Murmeln. Gott habe viele Menschen in der Kirche, aber die meisten seien mit dem Herz weit weg.

…Talahons, anscheinend

Was ein Schaf von Gott erwarten dürfte, fänden wir in Psalm 23, 6: «Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.» (Lutherbibel 2017). Bei manchen Menschen, so Roger, denke er: «wenn das die Güte Gottes ist, dann will ich sie nicht», und nennt als Beispiel Leasing. «Ein paar ziehen Gottes Namen in den Dreck», erklärte er weiter, bei denen sei das Herz weit weg von Gott. Ich nehme an, dass er sich nicht ausschliesslich auf Leasing bezieht, denn er fährt weiter mit: «Depressionen sind nicht die Güte von Gott».

Die Predigt ging weiter. «Dieser Typ, diese Frau ist nicht Güte von Gott. Dieser Talahon» – Gelächter aus dem Publikum, «diese Talahina ist nicht Güte von Gott». «Talahon» ist in diesem Fall ein relativ neuer Begriff, um primär jugendliche Männer mit Migrationshintergrund, die in Gruppen mit Fake-Markenprodukten in der Öffentlichkeit «rumhängen», zu beschreiben. Somit beschreibt «Talahon» schlicht und ergreifend sehr spezifische Stereotypen und wird nicht selten abwertend benutzt. Roger unterstreicht den Stereotypen mit: «sogar die Gucci-Tasche ist fake». Weil wir fleischlich und emotional seien, und unser Herz nicht bei Gott hätten, hörten wir nicht, was er uns sagt.

Ein einigermassen schönes Ende

Roger habe gestern mit der Kirche in Winterthur angefangen. Er führte aus, dass er seit zwanzig Jahren auf diesem Weg lief, und dass er jetzt dazu kommen konnte, eine eigene Kirche zu gründen. Hier hatte er einen kleinen Versprecher, er sagte nämlich zuerst: «Ich hatte die Idee», bemerkte es und korrigierte direkt: «Nein, sorry, Gott hat mir die Idee gegeben». Roger erklärte, wir sollten jetzt anfangen, jetzt unser Herz an Gott geben, denn wir müssten zuerst noch unsere bisherigen Fehler rückgängig machen, was auch ein paar Jahre dauern sollte (je länger, desto mehr), und wir sollten jetzt daran arbeiten, dass wir in zwanzig Jahren etwas hätten, und irgendwann müssten wir anfangen. Wer anfange damit, der würde für gute Sachen ausgewählt, der würde Barmherzigkeit erfahren («aus einem 3.75 wird dann ein 4.5»), und der hätte «unsichtbare Kräfte, die für einen kämpfen». Damit endete die Predigt.

Wir beteten erneut, und es gab einen Altarruf. Etwa fünf Personen gingen nach vorne, vielleicht ein Viertel oder Fünftel der Anwesenden. Sie sprachen das Hingabegebet, welches Roger ihnen vormachte, nach, bei welchem es unter anderem darum ging, dass Jesus sie durch sein Blut reingewaschen hat – Momente, in denen mir auffällt, dass die freikirchliche Formulierung für mich fast zu normal ist – und in welchem sie sagten «Teufel, du hast keine Macht mehr über mich». Während ich mich nicht mehr an den genauen Text bei den Bamboo Lovers erinnern kann, war es inhaltlich in etwa dasselbe. Alle erhielten dann ein Büchlein («wie man von neuem geboren wird und der Hölle entgeht» von Dag Heward-Mills, dem Gründer), und gingen gemeinsam nach draussen, vermutlich um mehr zu lernen und zu erfahren, wie sie am besten mehr lernen konnten.

Probleme mit dem Abendmahl

Dann wurde ein Video abgespielt, von Dag Heward-Mills, wie er das Abendmahl durchführte. Ich hatte etwas Probleme mit meiner Abendmahlskapsel, und meine übernächste Sitznachbarin war so nett, den Brot-Teil aus dem Deckel zu nehmen, obwohl ich hier wieder später dran war als der Rest. Den Traubensaft schaffte ich alleine zu öffnen und zu trinken. Naja, bei den Bamboo Lovers hatte es damals auch nicht geklappt, dort aber aus anderen Gründen.

Merkwürdige Ehrungen und ein sicher gut gemeintes Gebet

Roger sagte dann, alle, die den Zehnten gegeben hätten, sollten jetzt bitte kurz aufstehen, und er betete für sie spezifisch und bat darum, dass sie bis Ende Monat reichlich belohnt werden sollten. Von den rund 20 anwesenden Personen standen bloss etwa zwei Personen auf. Ich war ehrlich überrascht, ich hätte gedacht, mehr Personen würden aufstehen. Dann die Ankündigungen: Erweckungstreffen um 19 Uhr – was genau dort passierte, hat mir irgendwie niemand sehr genau erklärt, aber es ginge darum, «tiefer» in die Glaubensthemen hineinzugehen – und Bibeltreffen unter der Woche an anderen Adressen, ausserdem ein «Freunde- und Familiengottesdienst» am 1. September – meine Hypothese ist, dass es ein evangelistischer Gottesdienst wird – und wenn das klappe, denn sie sind unsicher, würden sie gern 200 Personen und draussen einen Pizza-Truck haben. Dafür möchten sie eine Gebetskette machen. Für das Camp vom 12.-14. August mit Dag wurden die Kosten sehr klar kommuniziert, was ich allgemein sympathisch fand, und CHF 140 für drei Nächte in einem Massenlager mit eigenem Schlafsack und Verpflegung klingen ebenfalls angebracht. Das Camp heisst aber «Mustard Seed Camp», und somit relativ ähnlich wie die «Mustard Seed Chapel», von der sich die First-Love-Church ja getrennt hat, auch wenn sie natürlich weiterhin denselben Gründer haben und somit wohl grundsätzlich auch eine ähnliche Lehre.  Ausserdem gäbe es ein Frühstückstreff am 24.08., aber wenn ein Mitglied der Kirche alleine käme, müsse es zahlen: Der Sinn des Treffens ist die Evangelisation.

Ein wenig zu viel Evangelisation

Und evangelisieren ist etwas, das sie machen, wie ich besonders auch nach dem Gottesdienst feststellte. «Wir haben jemanden, die das erste Mal hier ist», deklarierte Roger. Damit war ich gemeint. Ich folgte also seiner Anweisung, aufzustehen, während um mich herum geklatscht wurde, und verneigte mich, denn in der Mitte des Raumes als Einzige zu stehen und beklatscht zu werden, ist etwas überfordernd. Mir wurde mitgeteilt, meine Sachen mitzunehmen und einer vom «Welcome-Team» zu folgen. Dabei hatte ich versehentlich noch den «Abendmahlsmüll» umgeschüttet, wobei zwei Mitglieder mir netterweise gesagt haben, ich könne es lassen. Ich hoffe, sie haben wegen mir jetzt keine Flecken im Teppich. Ich folgte also dem Mitglied des Teams, P., nach draussen und redete eine Weile mit ihr. Sie hiess mich herzlich willkommen, gab mir ein Willkommensgeschenk (eine Flasche und ein paar Guetzli), und fragte mich, was ich so mache und wie ich zu ihnen gefunden hätte. Ausserdem liess sie mich ein Formular auf ihrem Handy ausfüllen, in welchem gefragt wurde, wie ich auf sie gekommen sei, aber auch mein Name (verpflichtend), Kontaktdaten (nicht verpflichtend, aber ich habe meine Nummer hinterlassen), ob ich wiedergeboren sei und zum wievielten Mal ich hier sei, und so weiter. Ich habe einen relativ langen Kommentar hinterlassen, weil die Frage nach Wiedergeburt in meinem Fall ja etwas kompliziert ist. Naja. P. hat mich später gefragt, ob sie mir im Verlauf der Woche schreiben dürfe, wie es mir so gehe. Ich bin gespannt darauf, wie häufig mir geschrieben wird, denn am Tag darauf wurde ich informiert, dass sich auch Roger noch bei mir melden würde, und habe ein Dokument erhalten zum Thema, warum man bei der Erste-Liebe-Kirche Mitglied werden soll.

Ein Ballspiel nach dem Gottesdienst: Ich bin der Ball

Nach etwas mehr Plaudern mit ihr und einem weiteren Mitglied wollte ich dann wieder arbeiten gehen, und ging quer durch die Halle. Fast bei der Treppe angekommen sprach mich die nächste Person an und plauderte mit mir, was ich mache und wie ich dazu gekommen sei. Dann die nächste Person. Als diese kurz gehen musste für eine Besprechung, rief sie nach einer anderen Freundin, die mich weiterhin unterhielt. Während ich es sehr unterhaltsam fand, wie ein Ball von Person zu Person gespielt zu werden, waren die Gespräche nicht in dem Sinne schlecht – ich konnte gut mit ihnen sprechen, Witze machen, ihnen relativ ehrlich meine Backgroundstory erzählen, auch wenn vielleicht zwei, drei Details etwas veraltet waren, und habe mich sehr wohl gefühlt, auch obwohl die meisten dort, etwa drei Viertel, afrikanische Wurzeln haben und ich eine der wenigen weissen Personen war. Bei meiner Erklärung, im Moment «Freikirchenhopping» zu betreiben, meinte eine von ihnen, dass sie das gut fände, aber ich solle es auch nicht zu viel machen – «das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite, wie beim Suchen eines Ehemannes». Die Fragen «wie kamst du zu uns», «was hast du für einen Hintergrund (im Glauben)», und «wie hat es dir gefallen» habe ich insgesamt etwa fünfmal beantwortet. Ich frage mich jetzt nur, wie stark ich weiterhin «missioniert» werde.

Ein allgemeines Fazit

An diesem Gottesdienst hatte ich grundsätzlich wieder Spass, es gab etwas zu wenig Platz fürs Tanzen und war enger als bei dem Bamboo Lovers, aber dafür waren die anderen eher noch in meinem Alter. Auch hier: Die Art, wie mit Offerings umgegangen wird, wie sie auch in der Predigt thematisiert wurden, empfand ich als unpassend und etwas belastend; ich bevorzuge Kirchen, bei welchen das Geld «klammheimlich» irgendwie versteckt gegeben wird. Die Evangelisation war, besonders im Vergleich zu anderen Freikirchen, aber auch den Bamboo Lovers, sehr viel ausgeprägter; sicher auch, weil ich die einzige neue Person war und nicht besonders viele anwesend waren. Dies kann sowohl für Mitglieder als auch für einmalig Besuchende etwas belastend werden, besonders für introvertiertere Personen.

Angela Heldstab, 05.08.2024

Lexikoneintrag First Love Church / Erste Liebe Kirche