Ein grosser Vorteil der Erste-Liebe-Kirche ist, dass sie ihren Raum in dem Gebäude mieten, in welchem ich üblicherweise meine Vorlesungen habe, und ich also nur zwei Treppen nehmen musste, um zu ihnen zu gelangen. Das erste Mal aufgefallen sind sie mir vor längerer Zeit, als ich kurz sonntags ins Gebäude ging und sie auf der Strasse und in der Halle mit Schildern, die den Weg wiesen, standen. Das dürfte dieses Mal nicht ganz so ausgesehen haben; anscheinend sind viele Personen aktuell in den Ferien, sodass der Raum nicht mal halbvoll war. Sie erklärten mir später, dass es im Normalfall nur ein paar freie Plätze gab. Eine meiner Hauptfragen war, inwiefern sie mit dem Bamboo Lovers zu tun hatten und vergleichbar waren, und es wurde für mich sehr klar, dass mindestens die Struktur dieselbe ist.
Etwas viel Liebe zum Anfang
Ich lief also in Richtung Tür und erkundigte mich, ob ich einfach hineinlaufen dürfe. Daraufhin wurde ich freudig begrüsst, erhielt eine Abendmahlskapsel und wurde in einen Raum geführt, wo eine nächste Person mich an einen Platz verwies. Innerhalb kürzester Zeit begrüssten mich verschiedene Mitglieder, alle sehr herzlich, mit Umarmung und selbstverständlich auf Vornamensbasis, für mich angenehm, aber das kann gut auch überfordern. Es waren spürbar weniger Personen als damals, als ich einfach mal vorbeigelaufen war, und als der Raum zulassen würde. Am Bildschirm vorn lief ein Countdown, zudem wurde Musik abgespielt, und am exakten Punkt, als der Countdown bei 00:00 ankam, stand ein junger Mann mit Mikrofon vorne hin und begann zu sprechen. Wir sollen einander willkommen heissen in der Kirche, beispielsweise jemanden, den wir länger nicht gesehen hatten. Ich begrüsste also endlich die beiden, die neben mir sassen.
Ein nicht gelungenes Gebetschaos
Dann standen wir auf für ein Dankesgebet. Der junge Mann, nennen wir ihn mal M., erklärte uns, wir sollen unsere Augen schliessen und alle auf unsere Art «in unseren Worten» und «auf unsere Sprache» beten und Gott danke sagen, dann fiel er selbst ins Gebet. Er lief die ganze Zeit vorne auf und ab und betete, während im Raum nach einer Weile ein immer noch eher ruhiges Gemurmel entstand. Ich meine, mich an etwas «Zungenrede» irgendwo in einer Reihe hinter mir erinnern zu können. Ich nehme auch sehr stark an, dass dies mit «unsere Sprache» impliziert ist. Wenn ich das Gebetschaos bei den Bamboo Lovers, als alle gleichzeitig laut gesprochen und gebetet haben, erinnere, dann würde ich sagen, hier hatte es einfach viel zu wenig Personen für denselben Effekt. Als nächstes sollen wir Gott um Vergebung bitten für die Sünden, die wir diese Woche gemacht haben, und gleichzeitig auch anderen vergeben, im selben chaotischen Stil, nur dass einzelne Personen hier auf die Knie fielen (zugegeben, ich habe meine Augen ab und an geöffnet). Zu guter Letzt sollen wir dann um die Anwesenheit des Heiligen Geists beten. Alle drei Gebetsthemen wurden mit jeweiligen Bibelversen eingeleitet.
Erste-Liebe-Kirche: eine mehr oder weniger deutschsprachige Church
Nach dem dritten Gebet standen drei Personen, zwei Frauen und ein Mann, mit Mikrofon nach vorne und begannen zu singen, während wir stehen blieben und mitsangen. Ein Lied mit dem Hauptmotiv «du bist bei mir, Herr» (wobei es hier sehr viel abwechselnden Text gab), dann «Jesus ich lieb dich», und zuletzt «Yeshua». Der Text wurde vorne gezeigt – nicht immer ganz korrekt, manchmal gab es bei den Folienwechsel Probleme, dann dauerte es einen Moment, bis die richtige Folie gefunden war, und so weiter – und die Melodien waren sehr einprägsam. Überraschend war, dass absolut gar kein Lied auf Englisch war, auch nicht teilweise; ich vermute, dass alle Lieder entweder komplett übersetzt oder der Text neu geschrieben wurden. Sie sind auch sehr entschieden eine «deutschsprachige church», wie mir eine von ihnen später erzählte, auch wenn im Gespräch und der Predigt eine gute Menge an Anglizismen auftauchen. Auch hier stehen sie im Gegensatz zu den Bamboo Lovers, die auch im Gespräch miteinander viel mehr Englisch zu sprechen schienen als die Mitglieder der Erste-Liebe-Kirche.
Wie man Autoritätspersonen ehrt: Indem man Geld gibt
Wir setzten uns wieder, und ein Video eines Mitglieds aus Bern wurde gezeigt. Sie hätte an einem «Camp» teilnehmen können, und die Chance gehabt, «Prophet Dag», den Gründer der Erste-Liebe-Kirche Dag Heward-Mills, zu sehen (was bei uns im Publikum zu einem lauten «Wow!» führte). Es sei beim Camp auch darum gegangen, Autoritätspersonen zu ehren, und da er eine Autoritätsperson sei, habe sie sich überwunden, ihm dennoch ein «Offering» (Geld) zu geben, um ihn zu ehren, obwohl sie nicht ganz überzeugt davon gewesen sei. Er wollte dann jene, die ihn geehrt hatten, nochmals kurz sehen, sie also auch. Er habe dann «aus dem Nichts» nach ihren Eltern, beziehungsweise ihrer Beziehung mit ihren Eltern, gefragt und habe ihr auch Tipps und einfache «Steps», die sie machen konnte, gegeben, und für sie gebetet. Auf ihr «Danke, dass du Interesse zeigst», antwortete er, dass nicht er, sondern Gott durch ihn Interesse an ihr zeigt: «Gott spricht durch mich zu euch». Sie hat uns ermuntert, ebenfalls ans «Camp» zu gehen (dieses Mal: vom 12. bis zum 14. August), und gesagt, sie danke Gott für seine Unterstützung, und Dag, der ein «treuer Diener» Gottes sei und sie ebenfalls unterstützt habe. Wir sangen erneut ein Lied, «nur dich loben wir alle Ewigkeit», und eine Tanzgruppe mit fünf Personen trat auf. Während es etwas bizarr war, Personen im Gottesdienst zuzuschauen, tanzten sie, meiner Einschätzung nach, gut, und schienen auch sehr viel Spass dabei zu haben.
«Gott hat euch durch TWINT gesegnet»
Daraufhin folgte einer der informativsten Teile der Gottesdienste: Die Offerings, oder «Opfergabe». Ein Deutscher, der in seinem Dialekt sprach – welchen ich nicht ganz zuordnen konnte, aber ich würde auf süddeutsch gehen – redete über das «Säen», welches wir mit der Opfergabe machen, in Referenz zu 2. Korinther 9, 6 und den folgenden Versen: «Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer mit Segen sät, wird mit Segen ernten» (hier Einheitsübersetzung, sie selbst variieren mit den Bibelversionen primär zwischen Hoffnung für alle und der Lutherbibel). Der Deutsche sprach also weiter und weiter darüber, dass wir säen sollen, um zu ernten, und ich fühlte mich ehrlich gesagt etwas bedrängt dazu, ebenfalls zu geben. Als IBAN und TWINT-Code angezeigt wurden, sah ich die offizielle Adresse der First-Love-Church: Birgistrasse 7 in Wallisellen, also an derselben Adresse, an welcher sich weiterhin die Bamboo Lovers und die Mustard Seed Chapel treffen. Er führte dann aus, dass wir Schweizer «mit TWINT gesegnet» waren, dass wir so einfach geben können, und sprach mindestens eine volle Minute darüber, dass Gott die Schweiz mit TWINT gesegnet hat. Grosse «Kollektentaschen» wurden durch die Reihe gereicht, dieselben wie bei den Bamboo Lovers, und wenige legten etwas hinein. Die meisten hatten bereits mit TWINT gezahlt.
Eine weitere Performance
Eine Choreinlage war der nächste Teil, wobei ich kommentieren müsste, dass es nur drei Personen waren. Alle drei tanzten zur Musik, der Text war «Jesus, Retter dieser Welt» und das Lied erinnerte mich, abgesehen vom Text, sehr stark an «Good Master», welches bei den Bamboo Lovers gesungen wurde. Vom Stil her könnte es je nachdem als «Ska» klassifiziert werden, wie ich später in Erfahrung brachte. Wie auch bei der Tanzgruppe war es auch hier etwas merkwürdig, einfach bei der Performance zuzuschauen, auch wenn ich beide fairerweise sehr gut fand.
Tonprobleme beim Gebet
Rund eine Stunde nach Ablauf des Countdowns begann dann das Gebet, welches die Predigt einleiten würde. Der Prediger, Pfarrer oder Pastor, Roger Hiltbrunner, kommentierte, dass es irgendwo noch einen merkwürdigen Ton gab. Die technikverantwortliche Person machte dann irgendwas, was zu einem höheren, lauteren Ton führte. «Nicht einfach mit dem Ton nach oben!», tadelte Roger, etwas ungeduldig, und erklärte etwas genauer, was gemacht werden sollte. Perfekt war es nicht, aber er startete. Zu meiner Überraschung gab Roger später während der Predigt erstaunlich klare Anweisungen, was genau diese Person machen soll, damit der Ton besser klappt.
Wer zu wenig macht, ist (innerlich) pensioniert
Wir würden heute ein neues Thema anfangen, mit welchem wir uns die nächsten drei Wochen beschäftigen würden: «Wie wird man zu einem hingebungsvollen Christen?». Dazu definierte er erst Hingabe, unter anderem als etwas, dem man sich «mit ganzem Herzen verschreibt», und «vollen Einsatz» dafür zeigt. Seine Einleitung führte zu einigen «Wow!»s aus dem Publikum. Dann meinte er, manche von uns seien in unseren 20er-Jahren und verhielten uns wie Pensionierte («ey!»), wenn es um die Evangelisation (oder «die Mission») oder Meetings ginge.
Die beste Nachtaktivität: Beten
Er erzählte, dass manche Leiter einfach nicht an Meetings auftauchen, ohne einen Grund (wie «Arbeit») zu haben, weil sie keine Lust hätten, oder argumentierten: «die Nacht ist zum Schlafen da». «Hexen arbeiten zwischen zwei und drei Uhr morgens am besten… hab ich mal gehört», erklärte Roger, und führte aus, dass irgendwas an der Nacht dämonisch ist. Seine Begründung – die meisten Sünden, die wir tun, finden in der Nacht statt – löste erneut eine grosse, bejahende Reaktion aus dem Publikum aus. Entsprechend wäre es nachts besonders sinnvoll, sich mit dem Glauben zu beschäftigen.
Keine Rösti für den Ehepartner
Roger verglich dann einen Christen, der nicht hingebungsvoll war, mit einem halbherzigen Ehepartner, der einem nur Salat zubereitete, und bei der Anfrage «Rösti mit Bratwurst» verneinte und deklarierte, er könne das nicht, und wolle es nicht lernen. Eine Nachtschicht für Geld mache man, aber für Gott nicht. Gottes Wort sei da, um uns zu erquicken, und um uns zu helfen. Damit wir aber lernen können, hingebungsvolle Christen – dieses Wort wurde übrigens nie gegendert – zu werden, müssten wir erst wissen, auf welchem «Level» wir seien.
Bambi, oder: die Rehstufe
Beim ersten Level handle es sich um die «Rehstufe». Roger nannte mehrere Bibelstellen, die von einem Reh oder einem Hirsch – welche er hier gleichsetzte – handelten, namentlich Sprüche 6, 5 und Jesaja 35, 6. In beiden Fällen sprang das Tier, tendenziell weg, und Roger führte aus. Ein Reh sei flink, agil, schnell. Reh-Christen kommen und gehen, wie Wasser, niemand kenne ihren Namen, wenn Zeit für «Offerings» ist, suchen sie nach der Tür, und haben keinen Erfolg. Der Grund dafür: Sie sind nicht an einem Ort gesammelt, wie das Wasser in einer Flasche, welche er hochhielt. Wer auf der Rehstufe sei, der sei unbrauchbar. Ein Reh-Christ wollen wir nicht sein, erklärte Roger.
Ebenso nutzlos: «Ich lebe das Christentum auf meine Art»
Die nächste Stufe war dann die «Ziegenstufe». Die sei zwar besser als die Rehstufe, aber immer noch nicht gut. Er bezog sich auf Matthäus 25, ab Vers 31, in welchem beschrieben wird, dass Gott beim Gericht die Schafe von den Böcken trennt. Ein Bock sei ein altes Wort für Ziege (technisch gesehen nicht ganz richtig, es ist nur der Begriff für eine «männliche Ziege»), sodass wir dies gleichsetzen können. Böcke kämen dann ins ewige Feuer, während Schafe errettet würden. Roger führte dann aus, dass Ziegen die Nächstenliebe, eines der beiden höchsten Gebote, nicht befolgten, und formulierte, dass diese Ziegen «das Christentum auf ihre Art ausleben». Sie seien selektiv gehorsam, hätten nie den Zehnten gegeben (also 10% des eigenen Einkommens), und bei der Opfergabe gäben sie allgemein nie mehr als fünf Franken. Wenn er sage «kein Sex vor der Ehe», antworten sie «ich kaufe auch kein Auto, wenn ich es nie getestet habe» (Gelächter aus dem Publikum, eine wohlbekannte Antwort). Zu diesen Ziegen würde Gott sagen «Mit dir kann ich nicht viel anfangen. Geh bitte.» Ziegen hätten ausserdem immer eine Antwort, und eine Erklärung, warum etwas nicht geklappt habe, im Gegensatz zu beispielsweise David, der, als er auf seine Sünden aufmerksam gemacht wurde, hinkniete und sagte «ja, das stimmt, du hast recht». Die Sturheit der Ziegen werde sie brechen, sie sollten flexibel sein, damit das Haus nicht zusammenbricht.
Das Ziel: zum Schaf werden
Die dritte Stufe, jene, die wir anstreben sollen, ist die Schafstufe. Unser Ziel soll sein, ein Schaf zu werden. Wichtig sei, was unser Herz mache und sage. «Es ist so rebellisch», erklärte Roger, «du kannst nicht mal deine Eltern ehren, dein Herz ist so verstockt.» Wenn ein Schaf das höre, dann kniet es nieder, betet wie Jesus «Vater, nicht mein Wille, sondern dein Wille», sagt «es ist schwierig, Herr, hilf mir». Schafe, erklärt Roger weiter, hören die Stimme von Gott, und sagen «ich mach das, was du willst». Wer vorher nicht auf Gott gehört habe, und dann zum Schaf wird, mache dann die bisherigen Entscheidungen rückgängig bis zur letzten Instruktion Gottes, was auch wieder Jahre dauern könne. Er erklärt weiter, wenn jemand sage «ich verlasse die church, weil Gott es mir gesagt hat», dann handle es sich nicht wirklich um Gott, sondern um das Fleisch und die Emotionen.
Wen man bitte nicht heiraten sollte…
Im nächsten Predigtteil thematisierte Roger die Ehe, oder alternativ formuliert, die Suche nach geeigneten Ehepartnern. Anhand von diesem Thema kann bereits eine gewisse Differenz zu den Bamboo Lovers festgestellt werden: Die Bamboo Lovers sind primär Jugendliche, die noch weit von der Ehe entfernt sind und bei denen es eher um das Thema «Sex» geht (beziehungsweise, dass man das nicht haben soll), während es hier eher Erwachsene waren, die definitiv heiratsfähig und gewissermassen auch heiratswillig waren, und bei denen es eher darum geht, die Person fürs Leben zu finden. Roger führte aus, dass das erste, was er fragt, wenn jemand ihm von seinen Interessen erzählt, ist: «Ist er oder sie Christ?», und wenn nicht sofort ein überzeugtes «Ja» zurückkommt, dann klappe dies nicht, denn «ein Christ kann nicht eineiig sein mit einem Ungläubigen», und bezog sich auf 2. Korinther 6, 14: «Zieht nicht unter fremdem Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat Gerechtigkeit zu schaffen mit Gesetzlosigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?» (Lutherbibel 2017). In einer solchen Ehe könne man nicht sagen «zurück zur Bibel», wie es in einer christlichen Ehe gehen würde. Wir sollen unser «Herz nicht verstocken», wenn Gott zu uns geredet habe, dann müsse dies die Bibel bestätigen können. Roger erzählte, wie er jemanden heiraten wollte, was nicht geklappt habe (er ist unterdessen seit fünf Jahren anderweitig verheiratet), und kommentierte, dass er sogar geweint habe («awww»), dann grinsend «aber nur 1-2 Tränen». Gottes Wille sei nicht immer einfach zu akzeptieren, manchmal kommt er und schmeisst es einfach weg, aber «du weisst nicht, wovor er dich bewahrt.» Aus dem Publikum kommt zustimmendes Murmeln. Gott habe viele Menschen in der Kirche, aber die meisten seien mit dem Herz weit weg.
…Talahons, anscheinend
Was ein Schaf von Gott erwarten dürfte, fänden wir in Psalm 23, 6: «Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.» (Lutherbibel 2017). Bei manchen Menschen, so Roger, denke er: «wenn das die Güte Gottes ist, dann will ich sie nicht», und nennt als Beispiel Leasing. «Ein paar ziehen Gottes Namen in den Dreck», erklärte er weiter, bei denen sei das Herz weit weg von Gott. Ich nehme an, dass er sich nicht ausschliesslich auf Leasing bezieht, denn er fährt weiter mit: «Depressionen sind nicht die Güte von Gott».
Die Predigt ging weiter. «Dieser Typ, diese Frau ist nicht Güte von Gott. Dieser Talahon» – Gelächter aus dem Publikum, «diese Talahina ist nicht Güte von Gott». «Talahon» ist in diesem Fall ein relativ neuer Begriff, um primär jugendliche Männer mit Migrationshintergrund, die in Gruppen mit Fake-Markenprodukten in der Öffentlichkeit «rumhängen», zu beschreiben. Somit beschreibt «Talahon» schlicht und ergreifend sehr spezifische Stereotypen und wird nicht selten abwertend benutzt. Roger unterstreicht den Stereotypen mit: «sogar die Gucci-Tasche ist fake». Weil wir fleischlich und emotional seien, und unser Herz nicht bei Gott hätten, hörten wir nicht, was er uns sagt.
Ein einigermassen schönes Ende
Roger habe gestern mit der Kirche in Winterthur angefangen. Er führte aus, dass er seit zwanzig Jahren auf diesem Weg lief, und dass er jetzt dazu kommen konnte, eine eigene Kirche zu gründen. Hier hatte er einen kleinen Versprecher, er sagte nämlich zuerst: «Ich hatte die Idee», bemerkte es und korrigierte direkt: «Nein, sorry, Gott hat mir die Idee gegeben». Roger erklärte, wir sollten jetzt anfangen, jetzt unser Herz an Gott geben, denn wir müssten zuerst noch unsere bisherigen Fehler rückgängig machen, was auch ein paar Jahre dauern sollte (je länger, desto mehr), und wir sollten jetzt daran arbeiten, dass wir in zwanzig Jahren etwas hätten, und irgendwann müssten wir anfangen. Wer anfange damit, der würde für gute Sachen ausgewählt, der würde Barmherzigkeit erfahren («aus einem 3.75 wird dann ein 4.5»), und der hätte «unsichtbare Kräfte, die für einen kämpfen». Damit endete die Predigt.
Wir beteten erneut, und es gab einen Altarruf. Etwa fünf Personen gingen nach vorne, vielleicht ein Viertel oder Fünftel der Anwesenden. Sie sprachen das Hingabegebet, welches Roger ihnen vormachte, nach, bei welchem es unter anderem darum ging, dass Jesus sie durch sein Blut reingewaschen hat – Momente, in denen mir auffällt, dass die freikirchliche Formulierung für mich fast zu normal ist – und in welchem sie sagten «Teufel, du hast keine Macht mehr über mich». Während ich mich nicht mehr an den genauen Text bei den Bamboo Lovers erinnern kann, war es inhaltlich in etwa dasselbe. Alle erhielten dann ein Büchlein («wie man von neuem geboren wird und der Hölle entgeht» von Dag Heward-Mills, dem Gründer), und gingen gemeinsam nach draussen, vermutlich um mehr zu lernen und zu erfahren, wie sie am besten mehr lernen konnten.
Probleme mit dem Abendmahl
Dann wurde ein Video abgespielt, von Dag Heward-Mills, wie er das Abendmahl durchführte. Ich hatte etwas Probleme mit meiner Abendmahlskapsel, und meine übernächste Sitznachbarin war so nett, den Brot-Teil aus dem Deckel zu nehmen, obwohl ich hier wieder später dran war als der Rest. Den Traubensaft schaffte ich alleine zu öffnen und zu trinken. Naja, bei den Bamboo Lovers hatte es damals auch nicht geklappt, dort aber aus anderen Gründen.
Merkwürdige Ehrungen und ein sicher gut gemeintes Gebet
Roger sagte dann, alle, die den Zehnten gegeben hätten, sollten jetzt bitte kurz aufstehen, und er betete für sie spezifisch und bat darum, dass sie bis Ende Monat reichlich belohnt werden sollten. Von den rund 20 anwesenden Personen standen bloss etwa zwei Personen auf. Ich war ehrlich überrascht, ich hätte gedacht, mehr Personen würden aufstehen. Dann die Ankündigungen: Erweckungstreffen um 19 Uhr – was genau dort passierte, hat mir irgendwie niemand sehr genau erklärt, aber es ginge darum, «tiefer» in die Glaubensthemen hineinzugehen – und Bibeltreffen unter der Woche an anderen Adressen, ausserdem ein «Freunde- und Familiengottesdienst» am 1. September – meine Hypothese ist, dass es ein evangelistischer Gottesdienst wird – und wenn das klappe, denn sie sind unsicher, würden sie gern 200 Personen und draussen einen Pizza-Truck haben. Dafür möchten sie eine Gebetskette machen. Für das Camp vom 12.-14. August mit Dag wurden die Kosten sehr klar kommuniziert, was ich allgemein sympathisch fand, und CHF 140 für drei Nächte in einem Massenlager mit eigenem Schlafsack und Verpflegung klingen ebenfalls angebracht. Das Camp heisst aber «Mustard Seed Camp», und somit relativ ähnlich wie die «Mustard Seed Chapel», von der sich die First-Love-Church ja getrennt hat, auch wenn sie natürlich weiterhin denselben Gründer haben und somit wohl grundsätzlich auch eine ähnliche Lehre. Ausserdem gäbe es ein Frühstückstreff am 24.08., aber wenn ein Mitglied der Kirche alleine käme, müsse es zahlen: Der Sinn des Treffens ist die Evangelisation.
Ein wenig zu viel Evangelisation
Und evangelisieren ist etwas, das sie machen, wie ich besonders auch nach dem Gottesdienst feststellte. «Wir haben jemanden, die das erste Mal hier ist», deklarierte Roger. Damit war ich gemeint. Ich folgte also seiner Anweisung, aufzustehen, während um mich herum geklatscht wurde, und verneigte mich, denn in der Mitte des Raumes als Einzige zu stehen und beklatscht zu werden, ist etwas überfordernd. Mir wurde mitgeteilt, meine Sachen mitzunehmen und einer vom «Welcome-Team» zu folgen. Dabei hatte ich versehentlich noch den «Abendmahlsmüll» umgeschüttet, wobei zwei Mitglieder mir netterweise gesagt haben, ich könne es lassen. Ich hoffe, sie haben wegen mir jetzt keine Flecken im Teppich. Ich folgte also dem Mitglied des Teams, P., nach draussen und redete eine Weile mit ihr. Sie hiess mich herzlich willkommen, gab mir ein Willkommensgeschenk (eine Flasche und ein paar Guetzli), und fragte mich, was ich so mache und wie ich zu ihnen gefunden hätte. Ausserdem liess sie mich ein Formular auf ihrem Handy ausfüllen, in welchem gefragt wurde, wie ich auf sie gekommen sei, aber auch mein Name (verpflichtend), Kontaktdaten (nicht verpflichtend, aber ich habe meine Nummer hinterlassen), ob ich wiedergeboren sei und zum wievielten Mal ich hier sei, und so weiter. Ich habe einen relativ langen Kommentar hinterlassen, weil die Frage nach Wiedergeburt in meinem Fall ja etwas kompliziert ist. Naja. P. hat mich später gefragt, ob sie mir im Verlauf der Woche schreiben dürfe, wie es mir so gehe. Ich bin gespannt darauf, wie häufig mir geschrieben wird, denn am Tag darauf wurde ich informiert, dass sich auch Roger noch bei mir melden würde, und habe ein Dokument erhalten zum Thema, warum man bei der Erste-Liebe-Kirche Mitglied werden soll.
Ein Ballspiel nach dem Gottesdienst: Ich bin der Ball
Nach etwas mehr Plaudern mit ihr und einem weiteren Mitglied wollte ich dann wieder arbeiten gehen, und ging quer durch die Halle. Fast bei der Treppe angekommen sprach mich die nächste Person an und plauderte mit mir, was ich mache und wie ich dazu gekommen sei. Dann die nächste Person. Als diese kurz gehen musste für eine Besprechung, rief sie nach einer anderen Freundin, die mich weiterhin unterhielt. Während ich es sehr unterhaltsam fand, wie ein Ball von Person zu Person gespielt zu werden, waren die Gespräche nicht in dem Sinne schlecht – ich konnte gut mit ihnen sprechen, Witze machen, ihnen relativ ehrlich meine Backgroundstory erzählen, auch wenn vielleicht zwei, drei Details etwas veraltet waren, und habe mich sehr wohl gefühlt, auch obwohl die meisten dort, etwa drei Viertel, afrikanische Wurzeln haben und ich eine der wenigen weissen Personen war. Bei meiner Erklärung, im Moment «Freikirchenhopping» zu betreiben, meinte eine von ihnen, dass sie das gut fände, aber ich solle es auch nicht zu viel machen – «das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite, wie beim Suchen eines Ehemannes». Die Fragen «wie kamst du zu uns», «was hast du für einen Hintergrund (im Glauben)», und «wie hat es dir gefallen» habe ich insgesamt etwa fünfmal beantwortet. Ich frage mich jetzt nur, wie stark ich weiterhin «missioniert» werde.
Ein allgemeines Fazit
An diesem Gottesdienst hatte ich grundsätzlich wieder Spass, es gab etwas zu wenig Platz fürs Tanzen und war enger als bei dem Bamboo Lovers, aber dafür waren die anderen eher noch in meinem Alter. Auch hier: Die Art, wie mit Offerings umgegangen wird, wie sie auch in der Predigt thematisiert wurden, empfand ich als unpassend und etwas belastend; ich bevorzuge Kirchen, bei welchen das Geld «klammheimlich» irgendwie versteckt gegeben wird. Die Evangelisation war, besonders im Vergleich zu anderen Freikirchen, aber auch den Bamboo Lovers, sehr viel ausgeprägter; sicher auch, weil ich die einzige neue Person war und nicht besonders viele anwesend waren. Dies kann sowohl für Mitglieder als auch für einmalig Besuchende etwas belastend werden, besonders für introvertiertere Personen.
Angela Heldstab, 05.08.2024
Lexikoneintrag First Love Church / Erste Liebe Kirche