Es ist ein eher kleiner Seminarraum, den Pierre Franckh für sein Selbstliebe-Seminar ausgewählt hat. Im Hotel Hofmatt in Münchenstein haben die rund 50 Teilnehmenden gerade genug Platz, um sich in zwei Halbkreisen um Pierre Franckh und seine Frau Michaela Merten zu formieren. Bei dem Seminar mit dem Titel «Die Macht der Selbstliebe – Erwache zu deinem inneren Licht und transformiere dein Leben» sollte eigentlich nur Pierre Franckh anwesend sein. Aber jetzt steht Michaela Merten – seine «Seelenpartnerin» – vor uns und strahlt uns an.
Esoterik-Dreamteam
Michaela Merten und Pierre Franckh sind seit Jahrzehnten ein Paar und gehören zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Esoterik-Szene. Gross geworden sind die beiden vor allem wegen Pierre Franckhs Büchern, die Titel haben wie «Wünsch es dir einfach, aber richtig!», «Wünsch dich schlank» oder «Glücksregeln für die Liebe». Einfach wünschen, lautet Franckhs und Mertens Motto. Doch so einfach wie es auf den ersten Blick scheint, ist es dann irgendwie doch nicht. In den Büchern liest man, man dürfe keine Verneinungen verwenden (das Universum verstehe diese nicht), nicht ungeduldig sein, keine Zweifel haben und nicht zu wenig glauben. Vom Lesen der Bücher war ich letzten Sommer ganz erschöpft. Ist der Sinn des Wünschens nicht, dass man es sich einfach … wünscht?
Tatkräftige Unterstützung
In der Erwartung zahlreicher Selbstliebe-Regeln sitze ich um 10 Uhr am Samstagvormittag schon halb erschlagen auf meinem Stuhl. Die Fenster des kompakten Raums sind mit semitransparenten royal blauen Gardinen geziert, eine Kaffeemaschine und ein Flip-Chart stehen als Ausstattung parat und ein unangenehmer Luftzug geht durch den Raum, der von einigen Teilnehmerinnen kommentiert wird. Eine Frau steht sogar gehetzt auf und sucht sich einen neuen Platz, sie brummelt dabei etwas Unverständliches über den Durchzug. Immerhin bin ich nicht die einzig unentspannte Seele im Saal. Meine und die Augen der Teilnehmenden um mich herum sind auf Michaela Merten gerichtet, die in unserer Mitte umhersummt und -hastet, sich kümmert, Kugelschreiber anbietet und Witze reisst. Pierre Franckh sitzt entspannt auf seinem Stuhl. Als seine Frau ihn zu etwas auffordert – zu was, verstehe ich leider nicht – witzelt er, was er denn eigentlich noch alles machen solle. Die Frauen hätten aber auch immer etwas Neues zu bemängeln. Dabei habe er sich doch heute schon die Zähne geputzt und geduscht!
Tanz mit der Macht
Franckh beginnt wenige Minuten später mit der Leitung des Seminars. Dabei muss er Michaela Merten immer wieder in ihrem beisteuernden Aktionismus bremsen. Oft fragt er sie, ob sie noch etwas zu ergänzen habe. Das hat sie immer. Dabei scheinen ihre durchaus eloquenten und unterhaltsamen Wortbeiträge nicht enden zu wollen. Als sie sich abermals kaum stoppen lassen will, ruft Franckh dazwischen: «Ich leite das Seminar!», woraufhin wohlwollendes Gelächter aus den zwei Halbkreisen erklingt.
Konkret unkonkret
Das Seminar beginnt offiziell mit einer Einführung von Pierre Franckh, in der er über Selbstliebe aufklärt und wie sehr diese vollkommen falsch verstanden werde. Falsch am heutigen Verständnis von Selbstliebe sei aus seiner Sicht, dass man darunter häufig eine wohlwollende Akzeptanz der eigenen Person verstehe. Für ihn bedeute das lediglich eine Vermeidungsstrategie, sodass der eigene Charakter nicht näher beleuchtet und «das wahre Selbst» gar nicht erkannt werden könne. Selbstliebe sei damit landläufig nur der Versuch, sich anzupassen. Aus der Reihe zu tanzen sei nämlich heutzutage kein Spass mehr. Man müsse nur an Themen wie Impfen und Gendern denken!
Mir Pierre Franckh mit seinen millionenfach verkauften Büchern als Ausgestossenen aus dem gesellschaftlichen Diskurs vorzustellen, fällt mir schwer. Ebenso habe ich Mühe mit Franckhs Definition von Selbstliebe. Dass Akzeptanz ein falscher Schritt sein soll, ist mir aus psychologischer Sicht ein Rätsel. Selbst wenn man Franckhs Beispiel verwendet und unbedingt kontroverse Meinungen als Charaktereigenschaft bezeichnen möchte – dann wäre es doch wichtig, diese zunächst mal anzuerkennen, zu akzeptieren. Aus Franckhs Sicht ist Selbstliebe die Verbindung «zum höheren Selbst». Für mich – und auch für andere – scheint das etwas unkonkret. Aber wo wäre der Spannungsbogen, wenn man alles direkt von Anfang an wüsste?
«Das ist Quantenphysik!» – Rosinenpickerei aus dem Lehrbuch
An aus meiner Sicht weitaus provokantere Themen wagt sich Michaela Merten heran. In einem ihrer Einstiegsmonologe vermengt sie so gut wie jegliches Pseudowissenschaftliche und gar vollkommene Fehlleitende aus der Esoterikszene mit teilweise gut belegten Erkenntnissen. Sie beginnt harmlos mit Informationen zum autonomen Nervensystem und unterscheidet korrekt zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Dann erweitert sie ihren Vortrag zu einer Kakofonie der Unwahrheiten: Die Gehirnhälften seien getrennt und müssten verbunden werden; Ein Gedanke im Raum übertrage sich direkt auf alle, was den Vorteil dieses Präsenzseminars darstelle. Sie kommentiert leidenschaftlich: «Das ist Quantenphysik!». Ihr Monolog, in dem sie noch weiteres Zweifelhaftes aufzählt, gipfelt in einem pathetisch vorgetragenen Absatz darüber, dass überschlagene Beine im Sitzen die Aufnahmefähigkeit von Menschen komplett stoppen würden. Sie könne uns das später mit einem kinesiologischen Test beweisen. Der Test wird während des restlichen Tages auf sich warten lassen – schade eigentlich. Das hätte ich gerne gesehen. Der fehlende Beweis hält Michaela Merten allerdings nicht davon ab, die Teilnehmenden immer wieder an das Entkreuzen der Beine zu erinnern, besonders, wenn sie ihnen auf ihre Fragen antwortet. Stellenweise frage ich mich, ob das scharfe «Bitte entkreuze deine Beine!» bei gefühlt jeder bilateralen Interaktion nicht mehr Michaela Merten dient als der Auffassungsgabe der Teilnehmenden. Denn nach einer solchen Zurechtweisung ist klar, wer im Raum das Sagen hat.
Das Flipchart, wir und das höhere Selbst
Als Pierre Franckh wieder an der Reihe ist, zieht er das Flipchart zu sich. Es wird in der Runde gesammelt: Was ist nicht möglich, wenn Selbstliebe fehlt? Die Teilnehmenden melden sich eifrig zu Wort. Unglücklich sei man, einsam. Eine Person sagt: «Unverbunden mit dem höheren Selbst». Zustimmendes Raunen geht durch den Saal. Als das Papier nach etwa fünf Minuten vollgeschrieben ist, klappt Franckh es um und sammelt auf dem nächsten weiter. Jetzt geht es um die Frage: Was ist möglich, wenn Selbstliebe da ist? Wieder beteiligen sich die Anwesenden rege. Oftmals werden die gegenteiligen Begriffe genannt: Verbunden wäre man, glücklich, zufrieden. Der bezweckte didaktische Effekt springt einem geradezu entgegen. Eben noch herrschte eine gedrückte Stimmung, so hatte man den Eindruck, dass die geteilten Aspekte oft aus eigener Betroffenheit berichtet werden. Jetzt blühen die Teilnehmenden regelrecht auf. Man kann die Hoffnung spüren, die Euphorie, die aus den Menschen heraussprudelt. Wenn Selbstliebe da wäre, dann wäre man laut den Anwesenden frei, geerdet und verbunden mit sich selbst. An Vorstellungskraft mangelt es den Beteiligten nicht. Neben dem Stimmungswechsel ist ein weiterer, möglicherweise beabsichtigter Effekt beobachtbar. Es wächst die Vision eines Zustands von Selbstliebe als Gegenpol zu einem Zustand vollkommen ohne Selbstliebe. Dazwischen scheint es nichts zu geben, bzw. nichts, was sich zu besprechen lohnt. Ich merke an mir selbst, dass mir persönlich die Vision von Selbstliebe mit all dem Frieden und der Freiheit etwas fremd und weit entfernt vorkommt. Wie muss das wohl auf die Teilnehmenden wirken, die sich für dieses Seminar angemeldet haben und wahrscheinlich sowieso ein gewisses Verbesserungspotenzial bei ihrem Selbstwert erkennen?
Gruppenübung, die erste
Noch vor der Mittagspause kommt es zur ersten Gruppenübung. In Vierergruppen sollen wir besprechen, wie unser Leben aussehen würde, wenn wir mehr Kontakt zu unserem Selbst hätten, was ausgehend von Franckhs erstem Vortragsteil wohl bedeuten soll: Wie sähe unser Leben aus, würden wir uns selbst mehr lieben? Diese zunächst recht unspektakulär wirkende Aufgabestellung wird durch ihre Form plötzlich besonders. Jede Person in der Gruppe erhält acht Minuten Zeit, um ihre Gedanken dazu zu teilen. In dieser Zeit müssen die anderen Gruppenmitglieder aufmerksam zuhören, dürfen sich aber ansonsten nicht beteiligen – nicht nachfragen, nicht gut zureden, nichts. Zu mir gesellen sich drei Damen, wir bilden eine Gruppe. Als die Übung beginnt und wir uns aufmunternd anlächeln, ahne ich noch nichts Böses. Eigentlich ist das ja mal etwas Neues, denke ich, dieses Acht-Minuten-Format.
Gefühlschaos
Schnell platzt meine rosarote Blase, als die anderen Teilnehmerinnen mit ihrer Sprechphase beginnen. Denn entgegen meiner unbewussten Erwartung erzählen die Damen nicht primär von Träumen, die sie sich erfüllen würden oder von Visionen für ihr Leben. Sie sprechen über Dinge, die mich unendlich traurig machen. Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie in einer Welt mit mehr Selbstliebe in den Spiegel schauen würde, ohne sich dauerhaft selbst zu verurteilen. Eine andere erzählt, wie sehr sich das Verhältnis zu ihrer Familie bessern würde, wäre sie mehr mit ihrem Selbst verbunden. Es entsteht ein Fokus darauf, was alles nicht mehr da wäre – welche Lasten nicht mehr getragen werden müssten. Einige schweifen sogar tief in Selbstvorwürfe und die Schilderung belastender Lebensereignisse ab. Ich sitze da wie versteinert. Verschiedene Gefühle durchfluten mich. Zuerst ist da Hilflosigkeit und Ohnmacht. Ich würde den Teilnehmerinnen gerne gut zureden, versuchen sie aufzufangen und die selbstabwertende Negativspirale, die bei ihnen entsteht, unterbrechen. Aber ich darf nicht – das Acht-Minuten-Format verbietet es. Und das macht mich wütend. Die Teilnehmenden werden vollkommen ungeschützt in eine Situation befördert, in der sie acht Minuten lang über teils stark belastendes monologisieren. Franckh und Merten muss doch aus vorangegangen Erfahrungen klar sein, dass es für Menschen, die sich für ein Selbstliebe-Seminar anmelden, mitunter emotional aufreibend sein kann, sich so zu offenbaren. In anderen Gruppen fliessend sogar Tränen, einige sind emotional extrem aktiviert. Aber die traurige Wahrheit ist: Selbst falls Merten und Franckh klar ist, wie sehr sie ihre Teilnehmenden emotional ungeschützte Situationen entlassen – sie sind zu nichts verpflichtet. Sie sind eben keine Menschen in Gesundheitsberufen, bei denen ein solches Vorgehen undenkbar wäre.
Mittagspause: Märchenstunde
In der Mittagspause dürfen wir uns am feinen Büffet des Hotels bedienen. Ich sitze mit den Frauen zusammen, die schon mit mir in der Gruppenübung waren. Eine der Frauen erzählt, welche Erfahrung sie letztlich vom Prinzip des Wünschens überzeugt habe. Sie habe vor 10 Jahren ein Seminar bei Pierre Franckh besucht, nachdem sie seine Bücher gelesen habe. Damals sei sie hoffnungslos verliebt gewesen in einen Mann namens Heinz (Name geändert). Die Sache hatte einen Haken: Heinz war verheiratet. Und egal wie viel sie tat, egal wie viel er versprach, er blieb es auch. Bei dem Seminar wünschte sie sich ganz intensiv eine Beziehung mit Heinz, alle ihre Wünsche hatten mit ihm zu tun. Aber die Beziehung scheiterte. Einige Zeit später sei sie auf einen alten Studienkollegen getroffen, den sie nie als potenziellen Partner wahrgenommen habe. Aber dann funkte es und wie es das Schicksal wollte, hiess er: Heinz. Ihre Heinz-Wünsche seien dann schlussendlich doch wahrgeworden – nur der Mann war ein anderer. Für sie sei das der Beweis, dass das Universum alles wörtlich nehme und den richtigen Weg für einen kenne – auch, wenn man es selbst manchmal ganz anders gedacht hatte.
Pierre Franckh und den Lesenden seiner Bücher würde bei dieser Anekdote vermutlich das Herz aufgehen. Es finden sich hunderte solcher Erlebnisberichte in seinen Werken. Und es ist ja auch eine herzige Geschichte. So herzig, dass man fast vergisst, dass Heinz (und auch der richtige Name) nicht gerade der seltenste Name in der Altersgruppe 60+ ist …
Meine Sitznachbarin möchte daraufhin auch eine Geschichte erzählen. Diese ist aber für mich deutlich konfuser. Sie endet jedenfalls damit, dass sie bei einem Retreat in Bali gewesen sei, organisiert von einem Deutschen, der mal eine lebensbedrohliche medizinische Diagnose erhalten habe. Die Heiler auf Bali hätten ihn jedoch vor dem Tod bewahrt und nun sehe er es als seine Mission an, anderen die gleiche Erfahrung zu ermöglichen. Die Dame ist ganz begeistert, als sie erzählt, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie in dem Retreat plötzlich Menschen wieder gehen konnten, deren Fähigkeit zu gehen lange verloren geglaubt war. Und so verschieben sich, wie in Esoterik-Kreisen üblich, die Grenzen. Was eben noch eine nette Anekdote über die Kraft des Wünschens war, ist nun eine problematische Erzählung. Denn wer glaubt, dass die eigene lebensbedrohliche Krankheit auf Bali von Heilern besser kuriert werden kann als durch evidenzbasierte Medizin, der erhält im Zweifel die Quittung.
Das Problem: Ich oder die anderen?
Nach der Mittagspause finden sich wieder alle im kleinen Seminarraum ein. Gleich zu Beginn meldet sich eine etwas ältere Teilnehmerin zu Wort. Ihr stelle sich die Frage, wie sie trotz mannigfaltiger Herausforderungen in ihrem Leben ihren «inneren Kampf» beenden könne. Sie schildert ein in psychologischer Beratung und Therapie häufiges Problem: Wie soll man mit den inneren Belastungen umgehen, wenn reale Anforderungen im Umfeld bestehen, die einem diese Aufgabe verkomplizieren? Michaela Mertens Antwort darauf ist eindeutig. Für sie ist klar: Es liegt ausschliesslich an der Dame. Sie sei einfach zu sehr im Negativen. Die Frau versucht, dagegen anzureden und beschreibt einige der Baustellen in ihrem Leben, dazu gehören Krankheiten und Todesfälle. Ihre Verzweiflung wird mit jedem Wort stärker spürbar. Davon angeregt, beginnen andere Teilnehmende auf sie einzureden. Sie bekommt Ratschläge und erhält – wohlgemerkt ungefragt – diverse Erklärungen für ihre Lage. Diese Dynamik bemerkt auch Michaela Merten. Sie funkt scharf dazwischen und weist die anderen Teilnehmenden zurecht. Sie ruft: «Es ist ihr Leben!». Ironischerweise fährt Merten daraufhin ihrerseits mit Interpretation und Erklärungen für das Problem der Dame fort, scheinbar vollkommen unbeirrt von ihrer zuvor getätigten Aussage. Auch wenn Merten und Franckh als Seminarleitende eine andere Funktion zukommt als den Teilnehmenden, erstaunt mich die Selbstsicherheit der beiden immer wieder aufs Neue. Bei ihren Tipps, Vorhersagen und teilweise auch Zurechtweisungen entsteht kein Platz für Zweifel. Nie wird vorgeschlagen, sich anderweitig zu informieren oder in sich reinzuhorchen, ob das denn auch der richtige Tipp für einen sei. Dennoch war aus meiner Sicht eine gute Sache, dass Merten die anderen Teilnehmenden in ihrem Agieren gebremst hat. Die zunehmende Belastung der Teilnehmerin war greifbar geworden.
Folgenschwere Eiermalerei
Fraglich ist allerdings, wie sehr Mertens Aussage, dass die Teilnehmerin allein für ihr Leid verantwortlich sei, ihr weitergeholfen hat. Für mich weist diese Interaktion auf ein bekanntes Spannungsfeld der esoterischen Selbsthilfebewegung hin. Auf der einen Seite wird geradezu haltlos die Selbstverantwortlichkeit betont. Hat man Beziehungsprobleme, hat man beispielsweise seine eigene Weiblichkeit bzw. Männlichkeit noch nicht genug entwickelt. Ist man einsam, hat man möglicherweise noch nicht genug Verbindung mit der spirituellen Welt gefunden. Mangelt es einem an Selbstliebe – so wie in dem heutigen Seminar thematisiert – reicht die Verbindung zum höheren Selbst wohl nicht aus. So könnte man ewig weitermachen.
Auf der anderen Seite wird nie daran gespart, andere Menschen für Missstände verantwortlich zu machen, sei es gesellschaftlich oder individuell gesehen.
So erzählt Michaela Merten zu Beginn des Seminars eine Geschichte aus ihrer Zeit als Schülerin. Sie sei in der ersten Klasse gewesen, als sie den Auftrag bekommen habe, ein Ei zu malen. Entgegen der Erwartung ihrer Lehrerin habe sie das Ei so gemalt, wie sie es gekannt habe: Braun und mit Federn und Schmutz bedeckt. Die Lehrerin sei wütend geworden, habe ihre das Blatt weggenommen und ihr gezeigt, wie ein Ei richtig gemalt werde. Nämlich als ordentlicher, Ei-förmiger Kreis. Wie pädagogisch sinnvoll dieses Vorgehen der Lehrerin war, kann auf jeden Fall in Frage gestellt werden. Sonderbar erscheint mir jedoch auch Mertens Reaktion. Von diesem Tag an habe sie jegliche Kreativität in der Schule unterdrückt, sie sei regelrecht eingegangen und habe keine Chance mehr gehabt, sich zu entfalten. In mir windet es sich bei der Geschichte. Wie kann ein einziger Vorfall, bei dem es um das Malen eines Eis ging, so stark bewertet werden, dass die ganze Persönlichkeitsentwicklung darauf zurückgeführt wird? Mir scheint das als exaktes Gegenteil von dem, was Merten vorher der Dame gespiegelt hat. In ihrer Geschichte ist nicht sie verantwortlich, sondern ausschliesslich die blöde Lehrerin. Bei der Dame spielen aber angeblich Faktoren, die weit über das Malen eines Eis hinausgehen, gar keine Rolle, sondern lediglich ihre Einstellung. Anekdoten wie von Merten gibt es in der Esoterikszene wie Sand am Meer. Für welche der beiden Perspektiven (bin nur ich schuld, oder sind es quasi immer die anderen?) man sich entscheidet, ist wohl sehr variabel.
Orakel und Fenster zur Vergangenheit: das vielseitige Bananenblatt
Wenig später fragt eine andere Teilnehmerin, ob Pierre oder Michaela schon mal etwas von Bananenblatt-Lesungen auf Bali gehört hätten. Beide fangen an, bis über beide Ohren zu strahlen. Selbstverständlich hätten die beiden nicht nur davon gehört, sondern schon selbst Bananenblätter auf Bali lesen lassen. Das sei ein Privileg, denn mittlerweile gebe es dafür eine monatelange Warteliste. Mir fällt auf, dass es schon das zweite Mal an dem Tag um Erfahrungen auf Bali geht. Jedenfalls würde mithilfe des Bananenblatts von «Heilern» auf Bali der sogenannte Seelenplan abgelesen werden können. Diesen könne man laut Merten als eine Art Drehbuch für das Leben verstehen. Logischerweise gehe es dabei nicht nur um das aktuelle irdische Leben, sondern die gesamte Existenz der Seele, also alle Leben vor und nach diesem. Puh, denke ich, da haben die Heilenden ja ganz schön was zu tun. Als ich gedanklich abschweife und mich frage, wie all diese Informationen auf ein Bananenblatt passen sollen, rüttelt mich Michaela Merten mit ihrer Erzählung wieder wach. Sie habe ganz aussergewöhnliche Erfahrungen mit den Bananenblättern gemacht. Denn sie könne, im Gegensatz zu vielen anderen, beweisen, dass es wirklich funktioniert. Da sie nämlich «Rückführungstherapeutin» sei, also die Fähigkeit besitze, Menschen ihre früheren Leben präsent zu machen, kenne sie natürlich auch viele ihrer eigenen vergangen Leben. So habe sie ganz genau überprüfen können, was die Heilenden ihr gesagt hätten.
Die Grenzen des Manifestierens
Michaela erzählt weiter von ihren Erfahrungen mit dem Bananenblatt und Pierre ergänzt punktuell. Ich hatte kurz vergessen, dass er auch noch da ist. Seine Frau klärt im Zusammenhang mit dem Seelenplan ein aus ihrer Sicht grosses Missverständnis mit dem Manifestieren auf. Da es nämlich den vorgeschriebenen Seelenplan, also das Drehbuch gebe, könne man nur im Rahmen dieses Plans manifestieren. Manche Dinge würden einfach nicht zum Plan der Seele passen. Man könne zwar leichte Abänderungen vornehmen, aber wenn man sich zu sehr von dem Plan entferne, mache sich dies bemerkbar. Beispielsweise würden dann Schicksalsschläge wie Unfälle oder Krankheiten passieren. Damit wären wir wieder bei der zuvor angesprochenen Verantwortungsverschiebung angekommen. Merten erzählt weiter von einem Deutschen, der todkrank nach Bali gekommen sei. Er sei krank geworden, weil er sich zu sehr von seinem Seelenplan entfernt habe. Die Heilenden hätten ihm dann helfen können, da sie durch das Bananenblatt die Entfernung des Deutschen von seinem Seelenplan erkannt hätten. Mittlerweile sei er genesen und helfe anderen. Die Anekdote kommt mir bekannt vor. Hatte meine eine Gruppenpartnerin nicht genau von dieser Geschichte erzählt?
Seelenplan à la Carte?
Allerdings kann ich gar nicht so intensiv darüber nachdenken, um wen es sich wohl bei diesem Deutschen handelt. Mich hält etwas anderes auf. Ich hänge immer noch bei Mertens Aussage fest, dass man nur im Rahmen seines Seelenplans manifestieren könne. Das widerspricht vollkommen dem, was in Franckhs Büchern steht. Dort heisst es, dass es sich beim Manifestieren, respektive beim «Wünschen», um universale Gesetzmässigkeiten handle. Wenn ich mir etwas richtig wünsche, dann passiere es auch. Wie passt das jetzt mit der Seelenplan-Begrenzung zusammen?
Ich frage mich darüber hinaus, was diese Aussage global betrachtet bedeutet. Ist es aus Mertens und Franckhs Sicht Zufall, dass in der westlichen Welt offenkundig in ganz anderen Sphären manifestiert werden kann als im globalen Süden? Oder manifestieren die Menschen dort einfach schlecht? Haben sich die Menschen in strukturell ärmeren und gefährlichen Ländern zu sehr von ihrem Seelenplan entfernt? Ist es vielleicht so, dass die Menschen mit von Armut gespickten Seelenplänen nur an bestimmten Orten auf der Welt inkarnieren? Das Ganze verwirrt mich derart, dass ich mich dazu entscheide nachzufragen. Ich melde mich und erkundige mich nach Franckhs Einstellung zu struktureller Ungleichheit im Zusammenhang mit Manifestation und Seelenplänen.
Kritische Fragen: unerwartet und unerwünscht
Wenig überraschend sind Franckh und Merten nicht begeistert von meiner Frage. Auch die anderen Teilnehmenden schauen mich verständnislos und leicht schockiert an. Kritische Fragen hört man bei Veranstaltungen dieser Art eher selten. Franckh entgegnet mir zunächst deutlich, dass dies nun wohl eine Frage des Verstandes sei, nicht des Herzens. Ich zucke leicht mit den Schultern. Vielleicht hatte er sich erhofft, dass ich durch diesen Kommentar schon zurückrudere, á la: «Stimmt, was für eine herzlose Frage von mir!». Als nichts dergleichen geschieht, fährt er unentspannt fort. Aus meiner Frage werde für ihn ein grosses Missverständnis deutlich. Menschen aus der westlichen Welt hätten fälschlicherweise den Eindruck, dass die Menschen in ärmeren Ländern es schlechter hätten. Ohne, dass ich jemals von einem speziellen Kontinent oder Land gesprochen hätte, fängt Franckh plötzlich von Afrika an. Er sagt, dass er schon mehrmals in Afrika gewesen sei und gesehen habe, dass die Menschen dort viel glücklicher wären als hier. Abgesehen von der Tatsache, dass man wohl kaum durch einzelne Besuche innerhalb eines so riesigen und vielfältigen Kontinents wie Afrika auf die allgemeine Zufriedenheit der Menschen schliessen kann, geht seine Antwort auch vollkommen an meiner Frage vorbei. Ob Menschen trotz teilweise widriger Umstände Glück und Zufriedenheit empfinden können, war ja gar nicht das, was ich wissen wollte. Also hake ich nochmals nach. Ich sage, dass mich interessiert, wie diese unterschiedlichen Lebensrealitäten mit den Seelenplänen und dem Manifestieren zusammenpassen.
Exkurs Entwicklungszusammenarbeit
Genervt schaltet sich Michaela Merten ein. Sie geht auch wieder – ohne, dass ich das Wort in meiner zweiten Frage in den Mund genommen hätte – direkt auf Afrika ein. Sie macht mich darauf aufmerksam, dass ich ja nach Afrika gehen könnte, um den Menschen zu helfen, wenn ich da so ein Bedürfnis hätte. Sie habe das auch schon gemacht und unterstütze viele soziale Projekte. Das sei sicher eine gut gemeinte Sache. Allerdings bewirke dies kaum etwas, so habe man ja gesehen, dass es nichts helfe, einfach 20 Jahre lang Reis nach Afrika zu schicken. Menschen müssten vor Ort die Gelegenheit bekommen, sich selbst etwas aufzubauen. Innerlich bedanke ich mich etwas zynisch für diesen Exkurs zur Entwicklungszusammenarbeit, nach dem ich nie gefragt hatte. Dann geht Michaela Merten aber doch noch näher auf die Seelenplan-Geschichte ein. Und was nun kommt, lässt mich vollkommen sprachlos zurück.
Seelenplan-Logik auf Kosten der Betroffenen
Sie erzählt, dass es nun mal unterschiedliche Seelenpläne gebe. Jeder Seelenplan enthalte über verschiedene Leben hinweg angenehme und unangenehme Ereignisse. Die unangenehmen Ereignisse seien wichtig, damit Seelen sich entwickeln können, sie sei da, um Erfahrungen zu machen. Sie sei zum Beispiel als Kind von ihrem Vater stark misshandelt worden; sie sagt wörtlich, dass sie und ihre Familie halb totgeprügelt worden seien. Man merkt, wie die Teilnehmenden die Luft anhalten. Diese Erzählung aus Mertens Leben hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sie erklärt, dass dies auf ihrem Seelenplan gestanden sei. Eine Tochter suche sich ihren Vater aus. Logischerweise sei es dann laut Merten auch auf dem Seelenplan ihres Vaters gestanden, sie so zu prügeln. Deshalb müsse man seine Perspektive grundlegend ändern: Eigentlich sei es sehr ungerecht, Menschen, die solche Taten begehen mit schlechtem Karma abstrafen zu wollen. Sie hätten ja nur getan, was auf ihrem Seelenplan stand. Eigentlich müsse man ihnen dankbar sein. Vielleicht sei der Vater sogar ein Meister gewesen, der ihr diese Erfahrung geschenkt habe. Ich bin schockiert. Meine Wangen glühen und ich kann nichts entgegnen, denn würde ich meinen Mund aufmachen, käme wahrscheinlich wenig Freundliches heraus. Eine solch schamlose Täter-Opfer-Umkehr habe ich bis jetzt selten erlebt.
Zu meiner Überraschung schaltet sich eine Teilnehmerin ein und bedankt sich bei Michaela. Endlich habe mal jemand gesagt, dass das mit dem schlechten Karma so ja gar nicht sein könne. Für die Täterseelen sei das ja auch schwer, sie hätten bestimmt keine Freunde an den schlechten Taten. Andere Teilnehmerinnen sehen tief betroffen aus. Bei zwei kann ich sogar sehen, dass ihnen Tränen die Wangen hinunterlaufen. Ich warte sehnlichst darauf, dass das Thema abgeschlossen wird. Dass solch verletzenden Aussagen fallen, die offensichtlich für einige nur schwer zu ertragen sind, war nicht meine Absicht, als ich bei den Seelenplänen nachgehakt habe. Mertens Vortrag erreicht seinen traurigen Höhepunkt nur wenige Sekunden später. Sie berichtet, dass auch sie schon unschöne Leben habe leben müssen. Unter anderem sei sie im 15. Jahrhundert eine Frau gewesen, die in heissem Öl verbrannt wurde. Nachdem sie noch ein paar weitere Leben aufgezählt hat, verkündet sie schliesslich, dass sie selbst in einem früheren Leben als Kind in Afrika verhungert sei.
Die Sache mit dem Glashaus
Ich sitze da wie vom Donner gerührt. Während ich noch versuche, das alles zu verdauen, schaltet sich zur Abwechslung Pierre Franckh ein. Er komplettiert seine und Mertens Antworten mit dem Hinweis auf dunkle Mächte, die zu der Schieflage der Welt beitrügen. Befeuert würden diese durch die Gier nach Materiellem, die die westliche Welt ausmache. Pierre Franckh und Michaela Merten als Verfechtende von Kapitalismuskritik zu sehen, kostet mich Überwindung. So nehmen die beiden pro Teilnehmerin oder Teilnehmer an diesem Wochenende 480 Franken ein. Rechnet man das auf circa 50 Teilnehmende hoch, erhält man eine beachtliche Summe, die selbst nach Abzug für die Kosten des Seminarraums noch in einem astronomischen Stundensatz resultieren sollten. Vielleicht ist es eine Frage der Zeit, bis ihnen diese Kontroverse selbst auffällt.
Gruppenübung, die zweite
Nach einiger Zeit beginnen wir mit der zweiten Gruppenübung. Diese wird für mich nicht besser laufen als die erste. Es soll darum gehen, über Dinge zu sprechen, für die wir uns schuldig fühlen oder für die wir uns schämen. Als wäre das Format nicht schon ungeschützt genug, wird nun auch noch inhaltlich die Tür für Belastendes weit geöffnet. Es kommt so, wie ich es mir vorgestellt habe. Aus allen Gruppen ist Schluchzen zu hören, es wird leise gesprochen. Ich fühle mich wie im falschen Film. Eine Teilnehmerin aus meiner Gruppe vertraut uns an, dass sie an schweren Depressionen leide und sich quasi für alles schäme oder sich schuldig fühle. Sie sei alleinerziehende Mutter und habe grosse Sorgen, vieles falsch zu machen. Ihre Psyche lasse sie immer wieder im Stich, obwohl sie in Behandlung sei. Aus lauter Verzweiflung sei sie extra 500 km weit gereist, um das Seminar heute zu besuchen, obwohl sie eigentlich gar kein Geld dafür habe. Sie weint bitterlich, als sie von ihrer Lage berichtet. Für mich ist das Anlass genug, die Regeln der Gruppenübung zu brechen. Ich spreche der Teilnehmerin gut zu und mache sie darauf aufmerksam, dass sie nur so viel teilen soll, wie für sie möglich ist. Falls die Situation zu belastend ist, könne sie auch abbrechen. Die Teilnehmerin schaut mich dankbar an und sammelt sich. Es kommt mir vor, als wären Stunden vergangen, als die Gruppenübung endlich beendet wird.
Abschluss
Nach der Gruppenübung wird noch ein wenig diskutiert und es werden Erfahrungen ausgetauscht. Einige Teilnehmende sehen erschöpft aus, ein paar wirken allerdings auch sehr glücklich. Ich für meinen Teil will so schnell aus dem Seminarraum entschwinden, wie mir irgendwie möglich ist. Ich möchte die unbegleiteten traurigen Lebensgeschichten und die aus meiner Sicht verletzenden Worte von Merten und Franckh hinter mir lassen. Dementsprechend bin ich auch nicht enttäuscht, dass ich den zweiten Seminartag am Sonntag nicht besuchen kann. Für mich war der Tag ein Sinnbild der Schweizer Esoterikszene, in die ich seit einigen Jahren eintauchen durfte. Unproblematisches, ja sogar hilfreiches, wird mit kontroversem bis hin zu hochproblematischem vermischt. Die Grenzen verschwimmen immer wieder und es kostet viel Energie, sich im Dschungel der Weltanschauungen zurecht zu finden. Am Ende des Tages sagt Pierre Franckh, ihm sei es «Banane», was andere Leute über ihn denken und sagen würden. Ich hoffe, er nimmt es mir dementsprechend nicht übel, dass wohl auf meinem Seelenplan die kritische Auseinandersetzung mit Anbietenden wie ihm und Michaela Merten zu stehen scheint.
Julia Sulzmann, 25. April 2025