Pierre Franckhs Selbstliebe-Seminar in Basel

Es ist ein eher kleiner Seminarraum, den Pierre Franckh für sein Selbstliebe-Seminar ausgewählt hat. Im Hotel Hofmatt in Münchenstein haben die rund 50 Teilnehmenden gerade genug Platz, um sich in zwei Halbkreisen um Pierre Franckh und seine Frau Michaela Merten zu formieren. Bei dem Seminar mit dem Titel «Die Macht der Selbstliebe – Erwache zu deinem inneren Licht und transformiere dein Leben» sollte eigentlich nur Pierre Franckh anwesend sein. Aber jetzt steht Michaela Merten – seine «Seelenpartnerin» – vor uns und strahlt uns an.

Esoterik-Dreamteam

Michaela Merten und Pierre Franckh sind seit Jahrzehnten ein Paar und gehören zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Esoterik-Szene. Gross geworden sind die beiden vor allem wegen Pierre Franckhs Büchern, die Titel haben wie «Wünsch es dir einfach, aber richtig!», «Wünsch dich schlank» oder «Glücksregeln für die Liebe». Einfach wünschen, lautet Franckhs und Mertens Motto. Doch so einfach wie es auf den ersten Blick scheint, ist es dann irgendwie doch nicht. In den Büchern liest man, man dürfe keine Verneinungen verwenden (das Universum verstehe diese nicht), nicht ungeduldig sein, keine Zweifel haben und nicht zu wenig glauben. Vom Lesen der Bücher war ich letzten Sommer ganz erschöpft. Ist der Sinn des Wünschens nicht, dass man es sich einfach … wünscht?

Tatkräftige Unterstützung

In der Erwartung zahlreicher Selbstliebe-Regeln sitze ich um 10 Uhr am Samstagvormittag schon halb erschlagen auf meinem Stuhl. Die Fenster des kompakten Raums sind mit semitransparenten royal blauen Gardinen geziert, eine Kaffeemaschine und ein Flip-Chart stehen als Ausstattung parat und ein unangenehmer Luftzug geht durch den Raum, der von einigen Teilnehmerinnen kommentiert wird. Eine Frau steht sogar gehetzt auf und sucht sich einen neuen Platz, sie brummelt dabei etwas Unverständliches über den Durchzug. Immerhin bin ich nicht die einzig unentspannte Seele im Saal. Meine und die Augen der Teilnehmenden um mich herum sind auf Michaela Merten gerichtet, die in unserer Mitte umhersummt und -hastet, sich kümmert, Kugelschreiber anbietet und Witze reisst. Pierre Franckh sitzt entspannt auf seinem Stuhl. Als seine Frau ihn zu etwas auffordert – zu was, verstehe ich leider nicht – witzelt er, was er denn eigentlich noch alles machen solle. Die Frauen hätten aber auch immer etwas Neues zu bemängeln. Dabei habe er sich doch heute schon die Zähne geputzt und geduscht!

Tanz mit der Macht

Franckh beginnt wenige Minuten später mit der Leitung des Seminars. Dabei muss er Michaela Merten immer wieder in ihrem beisteuernden Aktionismus bremsen. Oft fragt er sie, ob sie noch etwas zu ergänzen habe. Das hat sie immer. Dabei scheinen ihre durchaus eloquenten und unterhaltsamen Wortbeiträge nicht enden zu wollen. Als sie sich abermals kaum stoppen lassen will, ruft Franckh dazwischen: «Ich leite das Seminar!», woraufhin wohlwollendes Gelächter aus den zwei Halbkreisen erklingt.

Konkret unkonkret

Das Seminar beginnt offiziell mit einer Einführung von Pierre Franckh, in der er über Selbstliebe aufklärt und wie sehr diese vollkommen falsch verstanden werde. Falsch am heutigen Verständnis von Selbstliebe sei aus seiner Sicht, dass man darunter häufig eine wohlwollende Akzeptanz der eigenen Person verstehe. Für ihn bedeute das lediglich eine Vermeidungsstrategie, sodass der eigene Charakter nicht näher beleuchtet und «das wahre Selbst» gar nicht erkannt werden könne. Selbstliebe sei damit landläufig nur der Versuch, sich anzupassen. Aus der Reihe zu tanzen sei nämlich heutzutage kein Spass mehr. Man müsse nur an Themen wie Impfen und Gendern denken!

Mir Pierre Franckh mit seinen millionenfach verkauften Büchern als Ausgestossenen aus dem gesellschaftlichen Diskurs vorzustellen, fällt mir schwer. Ebenso habe ich Mühe mit Franckhs Definition von Selbstliebe. Dass Akzeptanz ein falscher Schritt sein soll, ist mir aus psychologischer Sicht ein Rätsel. Selbst wenn man Franckhs Beispiel verwendet und unbedingt kontroverse Meinungen als Charaktereigenschaft bezeichnen möchte – dann wäre es doch wichtig, diese zunächst mal anzuerkennen, zu akzeptieren. Aus Franckhs Sicht ist Selbstliebe die Verbindung «zum höheren Selbst». Für mich – und auch für andere – scheint das etwas unkonkret. Aber wo wäre der Spannungsbogen, wenn man alles direkt von Anfang an wüsste?

«Das ist Quantenphysik!» – Rosinenpickerei aus dem Lehrbuch

An aus meiner Sicht weitaus provokantere Themen wagt sich Michaela Merten heran. In einem ihrer Einstiegsmonologe vermengt sie so gut wie jegliches Pseudowissenschaftliche und gar vollkommene Fehlleitende aus der Esoterikszene mit teilweise gut belegten Erkenntnissen. Sie beginnt harmlos mit Informationen zum autonomen Nervensystem und unterscheidet korrekt zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Dann erweitert sie ihren Vortrag zu einer Kakofonie der Unwahrheiten: Die Gehirnhälften seien getrennt und müssten verbunden werden; Ein Gedanke im Raum übertrage sich direkt auf alle, was den Vorteil dieses Präsenzseminars darstelle. Sie kommentiert leidenschaftlich: «Das ist Quantenphysik!». Ihr Monolog, in dem sie noch weiteres Zweifelhaftes aufzählt, gipfelt in einem pathetisch vorgetragenen Absatz darüber, dass überschlagene Beine im Sitzen die Aufnahmefähigkeit von Menschen komplett stoppen würden. Sie könne uns das später mit einem kinesiologischen Test beweisen. Der Test wird während des restlichen Tages auf sich warten lassen – schade eigentlich. Das hätte ich gerne gesehen. Der fehlende Beweis hält Michaela Merten allerdings nicht davon ab, die Teilnehmenden immer wieder an das Entkreuzen der Beine zu erinnern, besonders, wenn sie ihnen auf ihre Fragen antwortet. Stellenweise frage ich mich, ob das scharfe «Bitte entkreuze deine Beine!» bei gefühlt jeder bilateralen Interaktion nicht mehr Michaela Merten dient als der Auffassungsgabe der Teilnehmenden. Denn nach einer solchen Zurechtweisung ist klar, wer im Raum das Sagen hat.

Das Flipchart, wir und das höhere Selbst

Als Pierre Franckh wieder an der Reihe ist, zieht er das Flipchart zu sich. Es wird in der Runde gesammelt: Was ist nicht möglich, wenn Selbstliebe fehlt? Die Teilnehmenden melden sich eifrig zu Wort. Unglücklich sei man, einsam. Eine Person sagt: «Unverbunden mit dem höheren Selbst». Zustimmendes Raunen geht durch den Saal. Als das Papier nach etwa fünf Minuten vollgeschrieben ist, klappt Franckh es um und sammelt auf dem nächsten weiter. Jetzt geht es um die Frage: Was ist möglich, wenn Selbstliebe da ist? Wieder beteiligen sich die Anwesenden rege. Oftmals werden die gegenteiligen Begriffe genannt: Verbunden wäre man, glücklich, zufrieden. Der bezweckte didaktische Effekt springt einem geradezu entgegen. Eben noch herrschte eine gedrückte Stimmung, so hatte man den Eindruck, dass die geteilten Aspekte oft aus eigener Betroffenheit berichtet werden. Jetzt blühen die Teilnehmenden regelrecht auf. Man kann die Hoffnung spüren, die Euphorie, die aus den Menschen heraussprudelt. Wenn Selbstliebe da wäre, dann wäre man laut den Anwesenden frei, geerdet und verbunden mit sich selbst. An Vorstellungskraft mangelt es den Beteiligten nicht. Neben dem Stimmungswechsel ist ein weiterer, möglicherweise beabsichtigter Effekt beobachtbar. Es wächst die Vision eines Zustands von Selbstliebe als Gegenpol zu einem Zustand vollkommen ohne Selbstliebe. Dazwischen scheint es nichts zu geben, bzw. nichts, was sich zu besprechen lohnt. Ich merke an mir selbst, dass mir persönlich die Vision von Selbstliebe mit all dem Frieden und der Freiheit etwas fremd und weit entfernt vorkommt. Wie muss das wohl auf die Teilnehmenden wirken, die sich für dieses Seminar angemeldet haben und wahrscheinlich sowieso ein gewisses Verbesserungspotenzial bei ihrem Selbstwert erkennen?

Gruppenübung, die erste

Noch vor der Mittagspause kommt es zur ersten Gruppenübung. In Vierergruppen sollen wir besprechen, wie unser Leben aussehen würde, wenn wir mehr Kontakt zu unserem Selbst hätten, was ausgehend von Franckhs erstem Vortragsteil wohl bedeuten soll: Wie sähe unser Leben aus, würden wir uns selbst mehr lieben? Diese zunächst recht unspektakulär wirkende Aufgabestellung wird durch ihre Form plötzlich besonders. Jede Person in der Gruppe erhält acht Minuten Zeit, um ihre Gedanken dazu zu teilen. In dieser Zeit müssen die anderen Gruppenmitglieder aufmerksam zuhören, dürfen sich aber ansonsten nicht beteiligen – nicht nachfragen, nicht gut zureden, nichts. Zu mir gesellen sich drei Damen, wir bilden eine Gruppe. Als die Übung beginnt und wir uns aufmunternd anlächeln, ahne ich noch nichts Böses. Eigentlich ist das ja mal etwas Neues, denke ich, dieses Acht-Minuten-Format.

Gefühlschaos

Schnell platzt meine rosarote Blase, als die anderen Teilnehmerinnen mit ihrer Sprechphase beginnen. Denn entgegen meiner unbewussten Erwartung erzählen die Damen nicht primär von Träumen, die sie sich erfüllen würden oder von Visionen für ihr Leben. Sie sprechen über Dinge, die mich unendlich traurig machen. Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie in einer Welt mit mehr Selbstliebe in den Spiegel schauen würde, ohne sich dauerhaft selbst zu verurteilen. Eine andere erzählt, wie sehr sich das Verhältnis zu ihrer Familie bessern würde, wäre sie mehr mit ihrem Selbst verbunden. Es entsteht ein Fokus darauf, was alles nicht mehr da wäre – welche Lasten nicht mehr getragen werden müssten. Einige schweifen sogar tief in Selbstvorwürfe und die Schilderung belastender Lebensereignisse ab. Ich sitze da wie versteinert. Verschiedene Gefühle durchfluten mich. Zuerst ist da Hilflosigkeit und Ohnmacht. Ich würde den Teilnehmerinnen gerne gut zureden, versuchen sie aufzufangen und die selbstabwertende Negativspirale, die bei ihnen entsteht, unterbrechen. Aber ich darf nicht – das Acht-Minuten-Format verbietet es. Und das macht mich wütend. Die Teilnehmenden werden vollkommen ungeschützt in eine Situation befördert, in der sie acht Minuten lang über teils stark belastendes monologisieren. Franckh und Merten muss doch aus vorangegangen Erfahrungen klar sein, dass es für Menschen, die sich für ein Selbstliebe-Seminar anmelden, mitunter emotional aufreibend sein kann, sich so zu offenbaren. In anderen Gruppen fliessend sogar Tränen, einige sind emotional extrem aktiviert.  Aber die traurige Wahrheit ist: Selbst falls Merten und Franckh klar ist, wie sehr sie ihre Teilnehmenden emotional ungeschützte Situationen entlassen – sie sind zu nichts verpflichtet. Sie sind eben keine Menschen in Gesundheitsberufen, bei denen ein solches Vorgehen undenkbar wäre.

Mittagspause: Märchenstunde

In der Mittagspause dürfen wir uns am feinen Büffet des Hotels bedienen. Ich sitze mit den Frauen zusammen, die schon mit mir in der Gruppenübung waren. Eine der Frauen erzählt, welche Erfahrung sie letztlich vom Prinzip des Wünschens überzeugt habe. Sie habe vor 10 Jahren ein Seminar bei Pierre Franckh besucht, nachdem sie seine Bücher gelesen habe. Damals sei sie hoffnungslos verliebt gewesen in einen Mann namens Heinz (Name geändert). Die Sache hatte einen Haken: Heinz war verheiratet. Und egal wie viel sie tat, egal wie viel er versprach, er blieb es auch. Bei dem Seminar wünschte sie sich ganz intensiv eine Beziehung mit Heinz, alle ihre Wünsche hatten mit ihm zu tun. Aber die Beziehung scheiterte. Einige Zeit später sei sie auf einen alten Studienkollegen getroffen, den sie nie als potenziellen Partner wahrgenommen habe. Aber dann funkte es und wie es das Schicksal wollte, hiess er: Heinz. Ihre Heinz-Wünsche seien dann schlussendlich doch wahrgeworden – nur der Mann war ein anderer. Für sie sei das der Beweis, dass das Universum alles wörtlich nehme und den richtigen Weg für einen kenne – auch, wenn man es selbst manchmal ganz anders gedacht hatte.

Pierre Franckh und den Lesenden seiner Bücher würde bei dieser Anekdote vermutlich das Herz aufgehen. Es finden sich hunderte solcher Erlebnisberichte in seinen Werken. Und es ist ja auch eine herzige Geschichte. So herzig, dass man fast vergisst, dass Heinz (und auch der richtige Name) nicht gerade der seltenste Name in der Altersgruppe 60+ ist …

Meine Sitznachbarin möchte daraufhin auch eine Geschichte erzählen. Diese ist aber für mich deutlich konfuser. Sie endet jedenfalls damit, dass sie bei einem Retreat in Bali gewesen sei, organisiert von einem Deutschen, der mal eine lebensbedrohliche medizinische Diagnose erhalten habe. Die Heiler auf Bali hätten ihn jedoch vor dem Tod bewahrt und nun sehe er es als seine Mission an, anderen die gleiche Erfahrung zu ermöglichen. Die Dame ist ganz begeistert, als sie erzählt, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie in dem Retreat plötzlich Menschen wieder gehen konnten, deren Fähigkeit zu gehen lange verloren geglaubt war. Und so verschieben sich, wie in Esoterik-Kreisen üblich, die Grenzen. Was eben noch eine nette Anekdote über die Kraft des Wünschens war, ist nun eine problematische Erzählung. Denn wer glaubt, dass die eigene lebensbedrohliche Krankheit auf Bali von Heilern besser kuriert werden kann als durch evidenzbasierte Medizin, der erhält im Zweifel die Quittung.

Das Problem: Ich oder die anderen?

Nach der Mittagspause finden sich wieder alle im kleinen Seminarraum ein. Gleich zu Beginn meldet sich eine etwas ältere Teilnehmerin zu Wort. Ihr stelle sich die Frage, wie sie trotz mannigfaltiger Herausforderungen in ihrem Leben ihren «inneren Kampf» beenden könne. Sie schildert ein in psychologischer Beratung und Therapie häufiges Problem: Wie soll man mit den inneren Belastungen umgehen, wenn reale Anforderungen im Umfeld bestehen, die einem diese Aufgabe verkomplizieren? Michaela Mertens Antwort darauf ist eindeutig. Für sie ist klar: Es liegt ausschliesslich an der Dame. Sie sei einfach zu sehr im Negativen. Die Frau versucht, dagegen anzureden und beschreibt einige der Baustellen in ihrem Leben, dazu gehören Krankheiten und Todesfälle. Ihre Verzweiflung wird mit jedem Wort stärker spürbar. Davon angeregt, beginnen andere Teilnehmende auf sie einzureden. Sie bekommt Ratschläge und erhält – wohlgemerkt ungefragt – diverse Erklärungen für ihre Lage. Diese Dynamik bemerkt auch Michaela Merten. Sie funkt scharf dazwischen und weist die anderen Teilnehmenden zurecht. Sie ruft: «Es ist ihr Leben!». Ironischerweise fährt Merten daraufhin ihrerseits mit Interpretation und Erklärungen für das Problem der Dame fort, scheinbar vollkommen unbeirrt von ihrer zuvor getätigten Aussage. Auch wenn Merten und Franckh als Seminarleitende eine andere Funktion zukommt als den Teilnehmenden, erstaunt mich die Selbstsicherheit der beiden immer wieder aufs Neue. Bei ihren Tipps, Vorhersagen und teilweise auch Zurechtweisungen entsteht kein Platz für Zweifel. Nie wird vorgeschlagen, sich anderweitig zu informieren oder in sich reinzuhorchen, ob das denn auch der richtige Tipp für einen sei. Dennoch war aus meiner Sicht eine gute Sache, dass Merten die anderen Teilnehmenden in ihrem Agieren gebremst hat. Die zunehmende Belastung der Teilnehmerin war greifbar geworden.

Folgenschwere Eiermalerei

Fraglich ist allerdings, wie sehr Mertens Aussage, dass die Teilnehmerin allein für ihr Leid verantwortlich sei, ihr weitergeholfen hat. Für mich weist diese Interaktion auf ein bekanntes Spannungsfeld der esoterischen Selbsthilfebewegung hin. Auf der einen Seite wird geradezu haltlos die Selbstverantwortlichkeit betont. Hat man Beziehungsprobleme, hat man beispielsweise seine eigene Weiblichkeit bzw. Männlichkeit noch nicht genug entwickelt. Ist man einsam, hat man möglicherweise noch nicht genug Verbindung mit der spirituellen Welt gefunden. Mangelt es einem an Selbstliebe – so wie in dem heutigen Seminar thematisiert – reicht die Verbindung zum höheren Selbst wohl nicht aus. So könnte man ewig weitermachen.

Auf der anderen Seite wird nie daran gespart, andere Menschen für Missstände verantwortlich zu machen, sei es gesellschaftlich oder individuell gesehen.

So erzählt Michaela Merten zu Beginn des Seminars eine Geschichte aus ihrer Zeit als Schülerin. Sie sei in der ersten Klasse gewesen, als sie den Auftrag bekommen habe, ein Ei zu malen. Entgegen der Erwartung ihrer Lehrerin habe sie das Ei so gemalt, wie sie es gekannt habe: Braun und mit Federn und Schmutz bedeckt. Die Lehrerin sei wütend geworden, habe ihre das Blatt weggenommen und ihr gezeigt, wie ein Ei richtig gemalt werde. Nämlich als ordentlicher, Ei-förmiger Kreis. Wie pädagogisch sinnvoll dieses Vorgehen der Lehrerin war, kann auf jeden Fall in Frage gestellt werden. Sonderbar erscheint mir jedoch auch Mertens Reaktion. Von diesem Tag an habe sie jegliche Kreativität in der Schule unterdrückt, sie sei regelrecht eingegangen und habe keine Chance mehr gehabt, sich zu entfalten. In mir windet es sich bei der Geschichte. Wie kann ein einziger Vorfall, bei dem es um das Malen eines Eis ging, so stark bewertet werden, dass die ganze Persönlichkeitsentwicklung darauf zurückgeführt wird? Mir scheint das als exaktes Gegenteil von dem, was Merten vorher der Dame gespiegelt hat. In ihrer Geschichte ist nicht sie verantwortlich, sondern ausschliesslich die blöde Lehrerin. Bei der Dame spielen aber angeblich Faktoren, die weit über das Malen eines Eis hinausgehen, gar keine Rolle, sondern lediglich ihre Einstellung. Anekdoten wie von Merten gibt es in der Esoterikszene wie Sand am Meer. Für welche der beiden Perspektiven (bin nur ich schuld, oder sind es quasi immer die anderen?) man sich entscheidet, ist wohl sehr variabel.

Orakel und Fenster zur Vergangenheit: das vielseitige Bananenblatt

Wenig später fragt eine andere Teilnehmerin, ob Pierre oder Michaela schon mal etwas von Bananenblatt-Lesungen auf Bali gehört hätten. Beide fangen an, bis über beide Ohren zu strahlen. Selbstverständlich hätten die beiden nicht nur davon gehört, sondern schon selbst Bananenblätter auf Bali lesen lassen. Das sei ein Privileg, denn mittlerweile gebe es dafür eine monatelange Warteliste. Mir fällt auf, dass es schon das zweite Mal an dem Tag um Erfahrungen auf Bali geht. Jedenfalls würde mithilfe des Bananenblatts von «Heilern» auf Bali der sogenannte Seelenplan abgelesen werden können. Diesen könne man laut Merten als eine Art Drehbuch für das Leben verstehen. Logischerweise gehe es dabei nicht nur um das aktuelle irdische Leben, sondern die gesamte Existenz der Seele, also alle Leben vor und nach diesem. Puh, denke ich, da haben die Heilenden ja ganz schön was zu tun. Als ich gedanklich abschweife und mich frage, wie all diese Informationen auf ein Bananenblatt passen sollen, rüttelt mich Michaela Merten mit ihrer Erzählung wieder wach. Sie habe ganz aussergewöhnliche Erfahrungen mit den Bananenblättern gemacht. Denn sie könne, im Gegensatz zu vielen anderen, beweisen, dass es wirklich funktioniert. Da sie nämlich «Rückführungstherapeutin» sei, also die Fähigkeit besitze, Menschen ihre früheren Leben präsent zu machen, kenne sie natürlich auch viele ihrer eigenen vergangen Leben. So habe sie ganz genau überprüfen können, was die Heilenden ihr gesagt hätten.

Die Grenzen des Manifestierens

Michaela erzählt weiter von ihren Erfahrungen mit dem Bananenblatt und Pierre ergänzt punktuell. Ich hatte kurz vergessen, dass er auch noch da ist. Seine Frau klärt im Zusammenhang mit dem Seelenplan ein aus ihrer Sicht grosses Missverständnis mit dem Manifestieren auf. Da es nämlich den vorgeschriebenen Seelenplan, also das Drehbuch gebe, könne man nur im Rahmen dieses Plans manifestieren. Manche Dinge würden einfach nicht zum Plan der Seele passen. Man könne zwar leichte Abänderungen vornehmen, aber wenn man sich zu sehr von dem Plan entferne, mache sich dies bemerkbar. Beispielsweise würden dann Schicksalsschläge wie Unfälle oder Krankheiten passieren. Damit wären wir wieder bei der zuvor angesprochenen Verantwortungsverschiebung angekommen. Merten erzählt weiter von einem Deutschen, der todkrank nach Bali gekommen sei. Er sei krank geworden, weil er sich zu sehr von seinem Seelenplan entfernt habe. Die Heilenden hätten ihm dann helfen können, da sie durch das Bananenblatt die Entfernung des Deutschen von seinem Seelenplan erkannt hätten. Mittlerweile sei er genesen und helfe anderen. Die Anekdote kommt mir bekannt vor. Hatte meine eine Gruppenpartnerin nicht genau von dieser Geschichte erzählt?

Seelenplan à la Carte?

Allerdings kann ich gar nicht so intensiv darüber nachdenken, um wen es sich wohl bei diesem Deutschen handelt. Mich hält etwas anderes auf. Ich hänge immer noch bei Mertens Aussage fest, dass man nur im Rahmen seines Seelenplans manifestieren könne. Das widerspricht vollkommen dem, was in Franckhs Büchern steht. Dort heisst es, dass es sich beim Manifestieren, respektive beim «Wünschen», um universale Gesetzmässigkeiten handle. Wenn ich mir etwas richtig wünsche, dann passiere es auch. Wie passt das jetzt mit der Seelenplan-Begrenzung zusammen?

Ich frage mich darüber hinaus, was diese Aussage global betrachtet bedeutet. Ist es aus Mertens und Franckhs Sicht Zufall, dass in der westlichen Welt offenkundig in ganz anderen Sphären manifestiert werden kann als im globalen Süden? Oder manifestieren die Menschen dort einfach schlecht? Haben sich die Menschen in strukturell ärmeren und gefährlichen Ländern zu sehr von ihrem Seelenplan entfernt? Ist es vielleicht so, dass die Menschen mit von Armut gespickten Seelenplänen nur an bestimmten Orten auf der Welt inkarnieren? Das Ganze verwirrt mich derart, dass ich mich dazu entscheide nachzufragen. Ich melde mich und erkundige mich nach Franckhs Einstellung zu struktureller Ungleichheit im Zusammenhang mit Manifestation und Seelenplänen.

Kritische Fragen: unerwartet und unerwünscht

Wenig überraschend sind Franckh und Merten nicht begeistert von meiner Frage. Auch die anderen Teilnehmenden schauen mich verständnislos und leicht schockiert an. Kritische Fragen hört man bei Veranstaltungen dieser Art eher selten. Franckh entgegnet mir zunächst deutlich, dass dies nun wohl eine Frage des Verstandes sei, nicht des Herzens. Ich zucke leicht mit den Schultern. Vielleicht hatte er sich erhofft, dass ich durch diesen Kommentar schon zurückrudere, á la: «Stimmt, was für eine herzlose Frage von mir!». Als nichts dergleichen geschieht, fährt er unentspannt fort. Aus meiner Frage werde für ihn ein grosses Missverständnis deutlich. Menschen aus der westlichen Welt hätten fälschlicherweise den Eindruck, dass die Menschen in ärmeren Ländern es schlechter hätten. Ohne, dass ich jemals von einem speziellen Kontinent oder Land gesprochen hätte, fängt Franckh plötzlich von Afrika an. Er sagt, dass er schon mehrmals in Afrika gewesen sei und gesehen habe, dass die Menschen dort viel glücklicher wären als hier. Abgesehen von der Tatsache, dass man wohl kaum durch einzelne Besuche innerhalb eines so riesigen und vielfältigen Kontinents wie Afrika auf die allgemeine Zufriedenheit der Menschen schliessen kann, geht seine Antwort auch vollkommen an meiner Frage vorbei. Ob Menschen trotz teilweise widriger Umstände Glück und Zufriedenheit empfinden können, war ja gar nicht das, was ich wissen wollte. Also hake ich nochmals nach. Ich sage, dass mich interessiert, wie diese unterschiedlichen Lebensrealitäten mit den Seelenplänen und dem Manifestieren zusammenpassen.

Exkurs Entwicklungszusammenarbeit

Genervt schaltet sich Michaela Merten ein. Sie geht auch wieder – ohne, dass ich das Wort in meiner zweiten Frage in den Mund genommen hätte – direkt auf Afrika ein. Sie macht mich darauf aufmerksam, dass ich ja nach Afrika gehen könnte, um den Menschen zu helfen, wenn ich da so ein Bedürfnis hätte. Sie habe das auch schon gemacht und unterstütze viele soziale Projekte. Das sei sicher eine gut gemeinte Sache. Allerdings bewirke dies kaum etwas, so habe man ja gesehen, dass es nichts helfe, einfach 20 Jahre lang Reis nach Afrika zu schicken. Menschen müssten vor Ort die Gelegenheit bekommen, sich selbst etwas aufzubauen. Innerlich bedanke ich mich etwas zynisch für diesen Exkurs zur Entwicklungszusammenarbeit, nach dem ich nie gefragt hatte. Dann geht Michaela Merten aber doch noch näher auf die Seelenplan-Geschichte ein. Und was nun kommt, lässt mich vollkommen sprachlos zurück.

Seelenplan-Logik auf Kosten der Betroffenen

Sie erzählt, dass es nun mal unterschiedliche Seelenpläne gebe. Jeder Seelenplan enthalte über verschiedene Leben hinweg angenehme und unangenehme Ereignisse. Die unangenehmen Ereignisse seien wichtig, damit Seelen sich entwickeln können, sie sei da, um Erfahrungen zu machen. Sie sei zum Beispiel als Kind von ihrem Vater stark misshandelt worden; sie sagt wörtlich, dass sie und ihre Familie halb totgeprügelt worden seien. Man merkt, wie die Teilnehmenden die Luft anhalten. Diese Erzählung aus Mertens Leben hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sie erklärt, dass dies auf ihrem Seelenplan gestanden sei. Eine Tochter suche sich ihren Vater aus. Logischerweise sei es dann laut Merten auch auf dem Seelenplan ihres Vaters gestanden, sie so zu prügeln. Deshalb müsse man seine Perspektive grundlegend ändern: Eigentlich sei es sehr ungerecht, Menschen, die solche Taten begehen mit schlechtem Karma abstrafen zu wollen. Sie hätten ja nur getan, was auf ihrem Seelenplan stand. Eigentlich müsse man ihnen dankbar sein. Vielleicht sei der Vater sogar ein Meister gewesen, der ihr diese Erfahrung geschenkt habe. Ich bin schockiert. Meine Wangen glühen und ich kann nichts entgegnen, denn würde ich meinen Mund aufmachen, käme wahrscheinlich wenig Freundliches heraus. Eine solch schamlose Täter-Opfer-Umkehr habe ich bis jetzt selten erlebt.

Zu meiner Überraschung schaltet sich eine Teilnehmerin ein und bedankt sich bei Michaela. Endlich habe mal jemand gesagt, dass das mit dem schlechten Karma so ja gar nicht sein könne. Für die Täterseelen sei das ja auch schwer, sie hätten bestimmt keine Freunde an den schlechten Taten. Andere Teilnehmerinnen sehen tief betroffen aus. Bei zwei kann ich sogar sehen, dass ihnen Tränen die Wangen hinunterlaufen. Ich warte sehnlichst darauf, dass das Thema abgeschlossen wird. Dass solch verletzenden Aussagen fallen, die offensichtlich für einige nur schwer zu ertragen sind, war nicht meine Absicht, als ich bei den Seelenplänen nachgehakt habe. Mertens Vortrag erreicht seinen traurigen Höhepunkt nur wenige Sekunden später. Sie berichtet, dass auch sie schon unschöne Leben habe leben müssen. Unter anderem sei sie im 15. Jahrhundert eine Frau gewesen, die in heissem Öl verbrannt wurde. Nachdem sie noch ein paar weitere Leben aufgezählt hat, verkündet sie schliesslich, dass sie selbst in einem früheren Leben als Kind in Afrika verhungert sei.

Die Sache mit dem Glashaus

Ich sitze da wie vom Donner gerührt. Während ich noch versuche, das alles zu verdauen, schaltet sich zur Abwechslung Pierre Franckh ein. Er komplettiert seine und Mertens Antworten mit dem Hinweis auf dunkle Mächte, die zu der Schieflage der Welt beitrügen. Befeuert würden diese durch die Gier nach Materiellem, die die westliche Welt ausmache. Pierre Franckh und Michaela Merten als Verfechtende von Kapitalismuskritik zu sehen, kostet mich Überwindung. So nehmen die beiden pro Teilnehmerin oder Teilnehmer an diesem Wochenende 480 Franken ein. Rechnet man das auf circa 50 Teilnehmende hoch, erhält man eine beachtliche Summe, die selbst nach Abzug für die Kosten des Seminarraums noch in einem astronomischen Stundensatz resultieren sollten. Vielleicht ist es eine Frage der Zeit, bis ihnen diese Kontroverse selbst auffällt.

Gruppenübung, die zweite

Nach einiger Zeit beginnen wir mit der zweiten Gruppenübung. Diese wird für mich nicht besser laufen als die erste. Es soll darum gehen, über Dinge zu sprechen, für die wir uns schuldig fühlen oder für die wir uns schämen. Als wäre das Format nicht schon ungeschützt genug, wird nun auch noch inhaltlich die Tür für Belastendes weit geöffnet. Es kommt so, wie ich es mir vorgestellt habe. Aus allen Gruppen ist Schluchzen zu hören, es wird leise gesprochen. Ich fühle mich wie im falschen Film. Eine Teilnehmerin aus meiner Gruppe vertraut uns an, dass sie an schweren Depressionen leide und sich quasi für alles schäme oder sich schuldig fühle. Sie sei alleinerziehende Mutter und habe grosse Sorgen, vieles falsch zu machen. Ihre Psyche lasse sie immer wieder im Stich, obwohl sie in Behandlung sei. Aus lauter Verzweiflung sei sie extra 500 km weit gereist, um das Seminar heute zu besuchen, obwohl sie eigentlich gar kein Geld dafür habe. Sie weint bitterlich, als sie von ihrer Lage berichtet. Für mich ist das Anlass genug, die Regeln der Gruppenübung zu brechen. Ich spreche der Teilnehmerin gut zu und mache sie darauf aufmerksam, dass sie nur so viel teilen soll, wie für sie möglich ist. Falls die Situation zu belastend ist, könne sie auch abbrechen. Die Teilnehmerin schaut mich dankbar an und sammelt sich. Es kommt mir vor, als wären Stunden vergangen, als die Gruppenübung endlich beendet wird.

Abschluss

Nach der Gruppenübung wird noch ein wenig diskutiert und es werden Erfahrungen ausgetauscht. Einige Teilnehmende sehen erschöpft aus, ein paar wirken allerdings auch sehr glücklich. Ich für meinen Teil will so schnell aus dem Seminarraum entschwinden, wie mir irgendwie möglich ist. Ich möchte die unbegleiteten traurigen Lebensgeschichten und die aus meiner Sicht verletzenden Worte von Merten und Franckh hinter mir lassen. Dementsprechend bin ich auch nicht enttäuscht, dass ich den zweiten Seminartag am Sonntag nicht besuchen kann. Für mich war der Tag ein Sinnbild der Schweizer Esoterikszene, in die ich seit einigen Jahren eintauchen durfte. Unproblematisches, ja sogar hilfreiches, wird mit kontroversem bis hin zu hochproblematischem vermischt. Die Grenzen verschwimmen immer wieder und es kostet viel Energie, sich im Dschungel der Weltanschauungen zurecht zu finden. Am Ende des Tages sagt Pierre Franckh, ihm sei es «Banane», was andere Leute über ihn denken und sagen würden. Ich hoffe, er nimmt es mir dementsprechend nicht übel, dass wohl auf meinem Seelenplan die kritische Auseinandersetzung mit Anbietenden wie ihm und Michaela Merten zu stehen scheint.

Julia Sulzmann, 25. April 2025

Zum Tod von Papst Franziskus

Die Reaktionen in der Presse zeigen, wie sehr die schlichte Menschlichkeit des verstorbenen Papstes viele beeindruckte. Prunk und Prestige standen nicht auf seiner Agenda, umso mehr aber Begegnungen mit Menschen, denen beides oder alles fehlte.

Im Geist seines Namenspatrons Franz von Assisi dem Frieden unter allen Menschen zugetan versuchte Papst Franziskus zwischen den aktuellsten Kriegsparteien zu vermitteln, meistens leider, doch wenig überraschend, ohne Erfolg.

Etwas kontroverser wird die Rolle von Papst Franziskus in der Debatte um innerkirchliche Reformen besprochen. Seine Spontaneität liess die Reformkräfte innerhalb der Kirche ab und zu aufhorchen. Wurde es unter seiner Leitung möglich, Frauendiakonat und sogar Frauenpriestertum ernsthaft zu erwägen und das obligatorische Priesterzölibat zu hinterfragen? Ein Hauch von moderner Humanität wehte phasenweise wieder durch die ehrwürdigen Räume der katholischen Kirche, aber nur, um sogleich wieder zu verebben. Franziskus selber beendete mit einem neuen Votum zur scheinbar irreversiblen Tradition alle Hoffnungen der Reformkräfte.

Warum dies Nein nach allen angestossenen Hoffnungen? Hatte der Papst Angst vor der eigenen Courage? Oder musste vatikankonform sein Ordnungssinn seine Spontaneität besiegen?

Peter von Sury, bis vor kurzem Abt von Mariastein, wird ein hartes Zitat zugeschrieben: «Die katholische Kirche ist nicht reformierbar». Es macht den Anschein, dass das Pontifikat von Papst Franziskus diese Ansicht bestätigte. Ein Nachfolger könnte sie allerdings widerlegen.

Prof. Georg Schmid, 23. April 2025

Andreas Renz und Veronika Volke – Beziehungslust statt Beziehungsfrust an der Lebenskraft 2025

Um 11:15 Uhr begaben wir uns ins Obergeschoss der Umweltarena, in dem sich die Konferenzräume befanden und das Referat «Beziehungslust statt Beziehungsfrust» von Andreas Renz und Veronika Volke stattfinden sollte. Durch Nachfragen im Eingangsbereich der Messe fanden wir knapp vor Beginn den richtigen Raum und wurden sogleich von Veronika Volke freudestrahlend in Empfang genommen und in die erste Reihe gebeten. Es befanden sich bereits ca. 15 Leute (die meisten in der zweiten Reihe) im Saal. Auf der Bühne stand Andreas Renz vor einer immensen Leinwand, die zwar eingeschaltet war, aber während des «Top-Referats» nicht gebraucht wurde. Wir setzten uns hin und tauchten sogleich ins Thema ein. Das Pärchen stand auf der Bühne – er leger in Hose, Shirt und Sneakers und sie in einem roten Kleid und schwarzen Stiefeln – und lächelte uns an. Es folgten nervenaufreibende 105 Minuten, in denen wir nicht umhinkamen, uns genervte Blicke zuzuwerfen und immer mal wieder auf die Uhr zu schielen.

Mit grossen Augen und lieblicher, wenn auch bestimmter Art sprach Veronika zum Publikum. Die Scheinwerfer waren auf sie gerichtet und liessen sie aus der Dunkelheit des Raumes hervortreten. Ihre Stimme war laut und eindringlich, während Andreas eher ruhiger wirkte und ihr oft den Raum zum Sprechen liess. Sie begann mit den Worten, dass sie heute ja auch alleine auf der Bühne stehen könnte, um über Beziehung zu sprechen (sie nannte sich Beziehungsexpertin, während er der Selbstfindungsexperte war). Jedoch hätten sie sich entschieden, dies gemeinsam als Paar zu machen. Nett, dass sie ihren Mann auch dazu eingeladen hatte, dachten wir etwas zynisch.

Esoterische Erfolgsgeschichte

Im «Top-Referat» gaben beide immer wieder Einblicke in ihre Vergangenheit, die sie dahin gebracht hatte, wo sie heute standen. Allgemein hatten wir den Eindruck, dass sie frisch von der Leber weg aus ihrem Leben erzählten und das Thema des Referats «Beziehungslust statt Beziehungsfrust» etwas in den Hintergrund geriet. Beide hatten eine für die Esoterikszene typische Geschichte voller Lebenskrisen, durch die sie zur Spiritualität und damit zueinander fanden. Er erzählte von mangelnder Liebe in der Kindheit und wie dies später in zahllosen Affären und einer Scheidung geendet hatte. Sie erzählte davon, dass sie in der Vergangenheit immer wieder verlassen worden war und sich dies in ihr als Angst festgesetzt hatte. Wenig überraschend erklärten beide, diese Zeiten überwunden zu haben und durch ihre glückliche Beziehung und ihre Spiritualität aufzublühen. Eine Erfolgsgeschichte, die zum Nachmachen anregen sollte.

Banal aber wirksam

Vielem, was sie in ihrem Vortrag als Beziehungsexperten ansprachen, konnte man zustimmen. Jedoch waren es keine Aha-Momente, die wir hier erlebten. So erklärten sie, dass Kommunikation wichtig sei, man gemeinsame Werte in der Beziehung besprechen müsse, man selbst sein solle und sich respektvoll gegenübertreten solle. Ihre Beziehung funktioniere aus diesen Gründen fantastisch. Das freute uns natürlich sehr für sie.

Gleichberechtigung à la carte

Andreas Renz erklärte in seiner ruhigen Art, dass man in den letzten Jahrzehnten der Gleichberechtigung nähergekommen sei, dass man sich heute aber wieder von diesem Ideal wegbewege. Insbesondere die Frauen würden sich heute durch die Gleichberechtigung gezwungen fühlen, Karriere zu machen, «alles zu wollen», womit sie sich auch wieder in eine andere Richtung, in ein anderes «Extrem» bewegten. Wir mussten einmal kurz schlucken. Was war denn das für eine sexistische Aussage, dachten wir uns. Irgendwie schienen sie beide auch klare Vorstellungen von Rollenverteilung zu haben. Sie propagierte ihre Weiblichkeit stark und machte viele Charakterzüge daran fest.

Liebe – etwas zwischen Mann und Frau

Unweigerlich fragten wir uns bei all der Binarität und Polarität, wo denn gleichgeschlechtliche Beziehungen in diesem Weltbild blieben. Eine unserer Mitarbeiterinnen beschrieb den Vortrag als «heteronormatives Ausführen, mit ziemlich grundlegenden Tipps – Werte definieren, kommunizieren, Gefühle fühlen». Es ging für sie darum, was «zwischen Mann und Frau» ablief. «Ein Film ohne Liebe zwischen Mann und Frau ist einfach nicht spannend!», sagte Veronika ganz zu Beginn des Vortrags. Wir jungen Menschen in der ersten Reihe tauschten daraufhin Blicke aus. «Wie sieht’s denn mit gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen aus?», murmelten wir einander zu. Veronika, die uns im Blick hatte, ergänzte schnell: «…oder zwischen Frau und Frau!».

Der Rest des Vortrages galt dann der Beschreibung des Zusammenspiels männlicher und weiblicher Energien. Schliesslich seien wir auch unterschiedlich, «gleichwertig, aber nicht gleichartig». Irgendwie kam uns das aus dem konservativen Christentum bekannt vor: Frauen seien da für die Kinder und den Haushalt, Männer für alles andere, aber angeblich dennoch «gleichwertig» – und so sei es auch in Ordnung, wenn wir nicht gleich «schwingen» (hiess im Esoterik-Speak wohl simplifiziert ausgedrückt, dass man immer etwa dieselbe Laune, Priorität, und so weiter habe, wie der eigene Partner, oder eben die Partnerin).

Wir dürften, so hiess es, auch anders sein als unser Partner, unsere Partnerin. Wir fragten uns, was das für ein gleichgeschlechtliches Paar bedeutete. Die wären dann ja sowohl gleichwertig als auch gleichartig. Würden sie gleich schwingen, so wäre das ganze Beziehungskonzept der beiden im Eimer. Denn laut ihnen mache ja gerade die Unterschiedlichkeit von männlich und weiblich sowie die dahinterstehenden männlichen und weiblichen Felder den eigentlichen Reiz aus. Die Weltanschauung, die Veronika und Andreas präsentierten, funktionierte ausschliesslich bei heterosexuellen Paaren.

Ungeschützter Raum

Wie wir mittlerweile schon häufiger beobachtet hatten, stellte sich bei Vorträgen in der Esoterik-Szene ein gewisser Effekt ein, der durch Angebot und Nachfrage erklärt werden kann. Wer ging zu einem Vortrag über Beziehungen und die Kunst, sie zu meistern? Wahrscheinlich nicht vorrangig glückliche Paare. Unserer Erfahrung nach traf man eher Menschen an, für die Beziehungen ein schwieriges Thema waren, manche, die sogar daran verzweifelten. Dementsprechend fanden Andreas Renz und Veronika Volke aus unserer Sicht ein vorselektiertes Publikum vor, das nach Tipps für erfolgreiche Beziehungen lechzte. Die von den Zuschauenden empfundene Dankbarkeit für die klaren Worte über ihren Beziehungserfolg war während des Vortrags immer wieder spürbar. Spürbar war allerdings auch, dass es immer wieder Menschen gab, für die das Thema schwer belastend war. In der Reihe hinter uns sass eine junge Frau, die fast den ganzen Vortrag hindurch geweint hatte. Besonders wenn es um vergangene leidvolle Erfahrungen ging, hörte man sie laut schluchzen, manchmal musste sie sich ein paar Reihen weiter nach hinten setzen. Es war schwer für uns, die Dame so sich selbst zu überlassen und ihr keinen Beistand leisten zu können. Von Veronika Volke und Andreas Renz war keine Reaktion bemerkbar. Waren sie es schon so gewohnt, dass Menschen während ihren Vorträgen zusammenbrachen und sie ihr Programm einfach weiter durchzogen? Für uns wurde deutlich, dass wir uns in einem ungeschützten Raum befanden, in dem zwar viel über Beziehungen, Zusammenhalt und Liebe gesprochen wurde, aber auf eine aktive Unterstützung lange gewartet werden konnte.

Vergeben und vergessen?

Ungefähr in der Mitte des Vortrags machten wir eine «Übung», ein «Vergebungsritual». Es ging darum, «der kollektiven Männlichkeit» und «der kollektiven Weiblichkeit» zu vergeben – mit geschlossenen Augen und Hand auf dem Herzen. Auch wenn wir dafür noch nicht bereit waren, so sollten wir es dennoch machen. Wir hatten unsere Augen geschlossen. Dann hörten wir hinter uns ein Schluchzen. Die Dame, die zuvor schon durch ihr Weinen aufgefallen war, stand irgendwann auf, um hinauszugehen. Wir drehten uns nicht um und dachten nur, in solchen Fällen benötigten Menschen Psychotherapie, nicht dieses unbegleitete, erzwungene Verarbeiten potenzieller Traumata.

Dieses «Vergeben» sollte übrigens auch anderen Menschen helfen. So erklärte Veronika, wohlgemerkt freudestrahlend, dass eine Frau, die jetzt in diesem Moment gerade vergewaltigt werde, das dann spüre. Eine Frau, die jetzt gerade vergewaltigt werde, solle also ein positives Gefühl erhalten, nur weil wir uns denken, «so, wir vergeben der kollektiven Männlichkeit/Weiblichkeit». Wir wagten zu bezweifeln, dass jemand während einer solchen Erfahrung auch nur ansatzweise an Vergebung interessiert ist. Das schien Veronika aber nicht zu verstehen, oder nicht verstehen zu wollen. So sehr sich die beiden selbst als «Experten» von Menschlichem – ob Selbstfindung oder Beziehung – bezeichneten, so sehr stellten sie sich durch ihre Aussagen bloss; als Personen, die eben doch nicht verstanden, und auch keinen Raum gaben, mit dem eigenen Leiden zu existieren.

Ein Starrwettkampf

Am Ende des Vortrags wurden wir aufgefordert, uns in zwei Reihen aufzustellen. Männer und Frauen sollten sich gegenüberstehen. Wir sollten einander anschauen, vielleicht sei ja jemand dabei, der uns interessiere. Himmelherrgott, das auch noch. Dann ging es allerdings schnell wieder um Vergebung, in diesem Fall ein schon fast erleichternder Themenwechsel. Gemeinsam sollten wir uns vorstellen, dass hinter den Männern die kollektive Männlichkeit stehe und hinter den Frauen die kollektive Weiblichkeit. Der sollte dann das jeweils andere Geschlecht – ebenfalls kollektiv – vergeben. Wir taten uns damit schwer. Nach dem Vortrag besprachen wir unsere Erfahrungen und waren uns einstimmig einig, dass dieses erzwungene Gegenüberstehen das mit Abstand unangenehmste des ganzen Vortrags gewesen war. Eine Mitarbeiterin erzählte, wie einer der Männer eine Art Starrwettkampf mit ihr begonnen hatte. Er konnte ja nicht ahnen, dass unsere Mitarbeiterin tapfer zurückstarrte, wobei sie sagte, dass sie öfter geblinzelt hatte als er und auch ein bis zweimal sein anderes Auge habe anstarren müssen.

Selbstverantwortung als Bürde

Dieses kollektive Vergeben erinnerte uns an ein Grundsymptom der Esoterikszene. Dem oder der Einzelnen wurde im Rahmen der grossen Bewusstheit und Erleuchtung so viel Macht zugesprochen, dass es schon fast beängstigend war. Der gesamten kollektiven Männlichkeit zu vergeben – das musste man erstmal schaffen. Es zeigte aber ebenso, wie viel Verantwortung den Individuen zugemutet wurde: Verantwortlich sein für das eigene Befinden, Symptome, für die spirituelle Reife und sowieso den Aufstieg in die fünfte Dimension. Das konnte ganz schön viel werden. Besonders wenn es um Krankheit und Gesundheit ging – ein Thema, das auf der Lebenskraft wie immer präsent war – konnte es schwierig werden. War man einfach nicht spirituell weit genug, und hatte deshalb eine Krankheit bekommen? Oder wurde man sie deshalb nicht mehr los? Man kam während der Lebenskraft nicht drum herum, sich solche und ähnliche Fragen zu stellen, auch nicht während des Vortrags von Veronika Volke und Andreas Renz. Als wir beim Mittagessen waren, diskutierten wir noch ein wenig weiter. Letztlich einigten wir uns darauf, dass für manche Probleme Vergebungsrituale nicht ausreichen.

13. April 2025, Angela Heldstab, Bernadette Jacober, Mirjam Steiner & Julia Sulzmann

Mehr: Lexikonartikel Andreas Lenz und Veronika Volke

Erkenntnisse zur Lebenskraft Messe 2025

Erste Erkenntnis: Das ist Ernst

Nachdem ich in der ersten halben Stunde mit Laura den Workshop von Matthias Heimberger zur Lichtarbeit und seinen 10 Energiepunkten besucht habe, realisiere ich, dass ich mental eine gewisse irrationale Haltung einnehmen muss, um die Atmosphäre der Esoterikmesse unvoreingenommen auf mich einwirken zu lassen. Matthias Heimbergers Bewegungen mit der Hand, als er Blockaden löst und Energieflüsse bei zwei Personen wiederherstellt, haben mich ganz stark an Marvels Doctor Strange erinnert. Doch anders als die Marvel-Filme nehmen sich die Personen an der Messe sehr ernst. Hier stolzieren die Schamanin Aayla und ihre Anhängerinnen in Fellen bekleidet und mit Federn beschmückt durch die Messe. Da schwebt eine Blondine im weissen Gewand und silbernem Haarschmuck herum wie ein Engel. Und dann gibt es noch eine Frau im mittleren Alter, die mit erdfarbenen Kleidern und einem grünen fast durchsichtigen Tuch um den Kopf den Raum um sich einnimmt und so tut als wäre sie irgendein Natur- oder Waldgeist. Das ist kein Cosplay. Nein, diese Frauen nehmen sich ernst. Zu ernst.

Zweite Erkenntnis: Meine Seele geht auf Reisen und ich könnte hellseherische Kräfte haben

Beim Schlendern durch die Messe fällt mir als erstes auf, dass wirklich sehr viele Stände einen auf Wissenschaft machen. So wird ein Stift verkauft, der angeblich energetische Blockaden lösen könne oder eine Matte, die durch ihre eingebauten Magnetplatten den Energiekreislauf, je nach Wunsch verlangsamen oder verschnellern könne. Auf meinem Messebummel werde ich in viele Gespräche verwickelt, die mir meine inneren Kräfte weise machen wollen. Zum einen bekomme ich bei einem Gewinnspiel eine Herzpotenzialanalyse geschenkt, die ich dann über Zoom vornehmen kann. Oder ich darf mir eine schöne Blume auslesen, ein Foto davon machen und der Schamanin Aayla auf ihr Handy schicken. Dafür würde ich dann aufgrund meiner Wahl mehr über meine Kräfte erfahren. Das Senden der Blume entpuppt sich als dummen Fehler, denn seither habe ich fast täglich Nachrichten von Aalya auf meinem Whatsapp. Werbungen für Seminare, natürlich die versprochene Botschaft meiner Blume und gestern habe ich während dem Mountainbiken einen Anruf von ihr erhalten, den ich natürlich nicht annehmen konnte, worauf sie mir wieder eine Nachricht geschickt hat. Darin steht, dass sie die Anwesenheit meiner Seele bei ihrem Erdrettungs-Ritual gespürt habe. Ob dieses Ritual wohl während meiner Mountainbike-Tour stattgefunden hat? Aber meine Seele kann nicht bei ihr gewesen sein, denn ich brauchte für die Anstrengung nicht nur Körper und Geist, sondern gewiss auch meine Seele bei mir, um keinen Unfall zu verursachen…
An einem anderen Stand zum «Kenntnisbuch» erfahre ich, dass es angeblich einen Kanal gibt, der vom Universum auf die Erde strahlt und sich durch die Erdlaufbahn immer wieder an anderen Orten befindet. Das Kenntnisbuch würde alle wichtigen Lehren des Universums, die dank des Kanals auf unserer Welt verbreitet wurden, in sich vereinen. Man müsse nur darin lesen und die Lehren würden energetisch aufgenommen werden. Am nächsten Stand, einem Stand der Göttinnen, darf ich eine Karte ziehen, die mir dann für meine Intuition helfen solle den mir bestimmten Weg zu gehen. Die Karte, die ich ziehe, zeigt eine helle Frau mit weissen Harren, deren eine Gesichtshälfte jung und deren andere alt ist, und ziemlich böse dreinschaute. Ich frage die Frau am Stand, ob dies eine böse Göttin sei. Dies verneint sie natürlich und meint es gäbe gar keine bösen Göttinnen. Diese Karte verrate ihr jedoch, dass ich für hellseherische Kräfte offen sei. Worauf sie mich fragt, ob ich denn schon hellseherische Erlebnisse hatte. Ich verneine dies, was sie sehr überrascht. «Wahrscheinlich kommen die später», meint sie dann.

Dritte Erkenntnis: Ich bin authentisch und vertrauenswürdig

Den Nachmittag widme ich ganz der Wahrsagerei. Die erste Station ist die Aurafotografie. Für 40 Schweizerfranken darf ich meine Hände auf einen Impulsmesser legen und bekomme dafür das Foto meiner Aura. Für weitere 20 Franken darf ich auch die Interpretation dieses Fotos wissen und mich beraten lassen. Meine Aura, so Reinhild Brieger, würde zeigen, dass ich ein sehr authentischer Mensch sei, dem andere Personen schnell Vertrauen schenken würden. Das Grüne in meiner Aura, ich weiss nicht ob sie damit, das Grüne um meine Mundwinkel oder das Grüne der Aura im Allgemeinen meint, würde zeigen, dass ich immer mit den richtigen Worten zum richtigen Zeitpunkt helfen könne. Dem würde ich natürlich schon zustimmen aber wer würde denn bei so einer Aussage schon sagen: «Nein, mein Rat ist meistens schlecht!» Als ich sie auf die dominanten Farben blau und grün anspreche, erfahre ich, dass der dunkelblaue Fleck an der unteren rechten Ecke königsblau sei und zeige, dass ich die schönen und edlen Dinge liebe. Darauf frage ich mich, ob ich denn eher eine oberflächliche Person sei. Aber vielleicht gibt es in dieser Hinsicht auch eine esoterische Weise, dies so zu drehen, dass es als positive Eigenschaft gewertet wird. Leider hat sie mich dann ganz schnell entlassen und mir nicht noch mehr zu den Farben erklärt.

Vierte Erkenntnis: Ich werde ein einfaches Leben haben

Als nächstes gehe ich zu einer Sinti-Wahrsagerin, die mir die Zukunft für 100 Schweizerfranken durch das Kartenlegen vorhersagen wird. Als erstes fragt sie mich, ob ich irgendein spezifisches Thema habe, das mich im Moment beschäftigen würde. Als ich ihr sage, dass ich im Moment über meine berufliche Laufbahn nachdenke, meint sie noch kaum nachdem sie angefangen hat, die ersten drei Karten zu legen, dass beim Beruf alles stabil bleiben würde. Daraufhin widerspreche ich ihr: «Nein, ich bin am Ende meines Masters, was sowieso mit einem Wechsel einherkommt. Ich habe mich erst gerade auf eine Stelle für nach dem Master beworben und warte ängstlich auf einen Entscheid.» Worauf sie gleich meint, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, dass ich einen positiven Entscheid erwarten könne. Ich sage ihr, dass sie hier mit dem Feuer spiele, weil sie mir dadurch echte Hoffnungen machen würde. Darauf wiederholt sie, dass ich mir wirklich keine Sorgen machen müsse, dass ich diese Stelle bekommen werde. Mittlerweile habe ich tatsächlich eine Antwort von der Stelle bekommen und muss leider sagen, dass es mir nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch gereicht hat. Nachdem sie mich gefragt hat, wie lange ich schon mit meinem Freund zusammen sei, sagt sie voraus, dass sie Hochzeitsglocken läuten und zwei Kinder sehe. Für meine längerfristigen Zukunft würde sie keine Schicksalsschläge sehen. Ich müsse mir also nirgends Sorgen machen, solle mich auf keinen Fall von meinen Ängsten leiten lassen und werde ein einfaches schönes Leben haben. Meine Zukunft sieht also sehr rosig aus. Was mir bei dieser Wahrsagerin vor allem auffällt, ist, dass sie die Weissagungen immer sehr nah an den Sachen lässt, die ich schon von mit preisgegeben habe und den Weissagungen einen positiven Twist gibt. Viele Informationen entlockt sie mir durch Fragen. So hat sie mich zum Beispiel gefragt, ob es eine Person in meinem Leben gebe, mit der ich sehr eng wäre. Als ich sage, vielleicht meine Schwester, meint sie gleich: «Ja, ihr habt schon viele Leben zusammen gemeistert.»

Fünfte Erkenntnis: Ich muss vielleicht meinen Freund verlassen

Bei der dritten Wahrsagerin, geht es ganz stark um Wasser und deren Symbolkraft. Um ehrlich zu sein, ganz habe ich die Methode nicht verstanden, doch die Frau am Stand meint auch, dass sie Zeit bräuchte, um die Methode umgehend zu erklären. Jedenfalls kann ich bei ihr mein Seelenbild für 40 Franken bestimmen lassen. Dafür muss ich ihr meine Vornamen und mein Geburtsdatum nennen und eine Karte von ihrem Kartenset ziehen. Die Karte zeigt den Titel «weibliche Kraft» und führte in drei Abschnitten auf, wozu die weibliche Kraft wichtig sei. Die Wahrsagerin meint, dass ich eine Person sei, die wahrscheinlich oft bei Menschen anstosse, da ich sie gerne mit unangenehmen Meinungen konfrontiere. Also ganz anders als meine Aura vorhin gezeigt hat. Des Weiteren meint sie, dass ich eine Einzelgängerin sei, die viel Zeit für sich brauche, und dass ich vor allem von meiner männlichen Energie Gebrauch machen würde. Deswegen könne ich es wahrscheinlich gut mit dem männlichen Geschlecht und sie sehe bei mir auch eher Söhne als Töchter. Da ich eine Person bin, die vergleichsweise eher spät mit Männern zu tun hatte und vor allem seit meiner Kindheit eher unsicher war gegenüber Jungs und mich auch in meinen Jugendjahren schwer tat mit «Typen» in Kontakt zu kommen, muss ich dieser Aussage von ihr klar widersprechen. Als sie weiter den Namen und das Geburtsdatum meines Freundes erfährt, meint sie, dass ich für ihn sehr gut sei, dass die Beziehung für ihn auch sehr gut sei und dass seine Zukunft durch diese Beziehung auch sehr gut sei. Daraufhin frage ich sie, wie es denn für mich aussehe und sie meint, dass es vielleicht noch einen interessanteren Mann für mich geben könnte und will wissen, ob mir den jemand in den Sinn kommen würde. Ich verneine und sage, dass das Eingehen einer Beziehung für mich auch viel mit der bewussten Entscheidung für diese bestimmte Person einhergehe. Worauf sie fragt, ob er denn gut aussehen würde. Als wäre dies das einzige Kriterium, wieso ich mich für ihn entschieden habe und nicht offen wäre für einen «interessanteren» Mann.

Sechste Erkenntnis: Lebenskraft habe ich an der Messe keine bekommen

Nach diesen drei Wahrsagerinnen, die mich über 10 bis 20 Minuten unablässig mit Informationen über mich zugeballert haben, komme ich todmüde an das Ende der Messe. Nach der dritten Wahrsagerin merke ich, dass ich keine Kapazitäten habe noch irgendetwas in mein Gehirn aufzunehmen. Anders als ich erwartet habe, gehe ich nicht mit neuer Lebensenergie, Lebenskraft oder neuen Erkenntnissen nach Hause, sondern völlig ausgelaugt und müde. Auch die energetischen Wirkungen, die sich laut Aussagen verschiedener Anbieter wahrscheinlich in den nächsten Tagen zeigen werden, bleiben fern. Fazit des Tages: Lebenskraft bekomme ich nicht durch Esoterik. Wichtig finde ich hier anzumerken, dass diese zwei letzten Wahrsagerinnen durch ihre Praxis Menschen stark beeinflussen könnten, wäre ich eine richtige Gläubige, hätte mich der widersprüchliche Entscheid der Stelle dazu getrieben nochmal mit der gleichen Wahrsagerin in Kontakt zu treten und eine weitere Séance zu buchen, um mehr Klarheit zu bekommen. Hier sieht man das Suchtpotenzial, das solche Wahrsager-Praktiken bergen. Gleichzeitig hätte ich auch durch die Wahrsagerin, die mir von einem «interessanteren» Mann erzählt hat, dazu verführt werden können, dass ich meinen Freund verlasse. Dies zeigt, welche enorme Verantwortung Wahrsager:innen eigentlich haben, und dieser sollen sie sich bewusst sein.

Alysejah Huber, 08. April 2025

Ein Runen-Orakel bei Freya Onassis


Die Runenmeisterin in Weiss

An einem Stand in der hinteren Ecke der Halle befindet sich ein Tisch, der von Objekten überfüllt ist. Es finden sich Kartenlegesets, Runensteine, Schmuck, Bilder und vieles mehr. Hinter dem Tisch steht eine Frau mit gefalteten Händen, die sie zum Gebet erhoben hat. Ihre Erscheinung sticht selbst auf dieser Esoterikmesse hervor, auf der es so einige spezielle Gestalten gibt. Etwas skeptisch begutachte ich ihre Aufmachung. Sie trägt ein weisses, bodenlanges Plisseekleid und eine weiss-blonde Lockenperücke, die bis zu den Hüften reicht. Ihr Gesicht ist stark geschminkt, sodass es weich wirkt. Auf der Stirn klebt ein Glitzerstein, um den Hals trägt sie helle Ketten, am Finger steckt ein schwarzer Runenring und auf dem Kopf sitzt ein feines Diadem. Ich weiss, dass ich mich hier am Stand von Freya (angeblich ihr Geburtsname) Onassis, der «bekanntesten Runenmeisterin Deutschlands», befinde. Ich bin gespannt was sich hinter ihren Äusseren befindet und werde versuchen auch eine Beratung bei ihr zu buchen.

Wohlstand und Reichtum im Fokus

Interessiert beuge ich mich über die Auslage, betrachte mal dies, mal das und frage, was bestimmte Runen zu bedeuten haben. Freya lächelt freundlich und erklärt mir mit grosser Geduld, was ich wissen will. Eine Rune scheint dabei besonders wichtig zu sein: die Wohlstands- und Geldrune «Fehu». Überall auf den Schmuckstücken und den Steinen oder Amuletten findet sich diese Rune wieder. Klar, Geld ist immer gut, vor allem wenn man es hat und vielleicht meint sie, dass ich das in meiner einfachen Kleidung gut gebrauchen könnte. Wahrscheinlich ist es auch einfach ein cleverer Marketingtrick. Ich weiss, dass viele spirituelle Suchende auch Kurse zur Geldvermehrung besuchen. Freya erklärt, dass die Armketten mit weissen Kristallperlen mit Edelmetallen beschwadet worden seien, was ihren Wert steigere. Ich frage mich, wie das funktionieren soll. Ich kann mich dunkel an den Chemieunterricht erinnern, in dem wir gelernt haben, dass Edelmetalle sehr hohe Siedepunkt haben und dabei erst bei ungefähr 3000 Grad Celsius zu Dampf werden. Vielleicht war Chemie aber auch nicht ihr Lieblingsfach. Freya erklärt, dass man sich allgemein im Leben mit diesen edlen Metallen umgeben sollte, um Wohlstand und Erfolg anzuziehen. Wahrscheinlich ist das auch die Devise, nach der sie lebt. Es könnte zumindest ihr Erscheinungsbild erklären, das an eine Mischung aus Elfe und Prinzessin erinnert und erhaben wirkt. Das Diadem auf dem Kopf erinnert aber eher an ein Kinderkrönchen aus einem Kiosk-Heftchen als an ein Schmuckstück aus edlem Metall. Ich nehme an, dass ihr Kostüm mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängt, gemäss der sie mit dem norwegischen Königshaus verwandt ist und in dem es eine Prinzessin gibt, die offiziell ein Medium sei. Irgendwie scheint sie sich als diese zu inszenieren. Neben dem Tisch steht eine Tafel, auf der auch Beratungen ausgeschildert sind. Ich frage, ob ich später so eine Beratung mit Runensteinen buchen kann, worüber sie sich sehr freut. Wir verabreden uns für später, und ich schlendere weiter durch die Stände der Anbietenden.

blond – blauäugig – hellhäutig

Zurück bei Freya führt sie mich sogleich zum Stand nebenan, der durch sein grelles Pink nicht zu übersehen ist. Sie arbeitet also bei Shiva Life TV. Ich bezahle die 70 Franken für die Beratung und werde in eine kleine, weisse Nische geführt, in der sich ein Hochtisch mit kitschigem Gesteck und zwei weissen Lederhochstühlen befinden. Freya bittet mich, Platz zu nehmen, und fragt sogleich, wie denn mein Name sei. Sie erklärt mir, dass es eine heilige Bernadette gäbe und ob ich das wisse. Nun ja, wenn man den Namen Bernadette trägt, dürfte einem wohl die französische Ordensschwester bekannt sein, selbst ohne religiöse Vorbildung. Freya legt einen Kalender auf den Tisch, ein «Geschenk» für mich. Ich bedanke mich höflich und blättere durch die Seiten. Von allen Blättern lächeln mir mit KI erstellte Bilder von Frauen, Mädchen und einzelnen Männern entgegen. Sie alle haben grosse blaue Augen, helle Haut und von zwei rothaarigen Gestalten abgesehen, blonde Haare. «Schön, oder?» fragt sie mich mit strahlendem Lächeln. Schön? Nun ja. Ich muss schmunzeln und hoffe, dass es Freude und nicht meine Belustigung/Bestürzung zeigt. Schönheit liegt ja bekanntlich in den Augen des Betrachters. Diese scheinbar «perfekten» Figuren bieten einen thematischen Einstieg in das, was mich in der Sitzung erwartet. «In welchem Monat hast du denn Geburtstag?» fragt sie mich neugierig und blättert sogleich zum Monat Mai, wo zwei Mädchen abgebildet sind. Erwartungsvoll fragt sie mich, ob ich denn Geschwister habe, und erfreut sich darüber, dass ich zwei Schwestern habe. Was ihre Antwort wohl gewesen wäre, hätte ich gesagt, ich sei ein Einzelkind? Im Verlauf des Gesprächs merke ich, dass Familie und Kinder (Plural) in ihrem Weltbild zentral sind.

Das entscheidende Jahr

Freya fordert mich auf, die Augen zu schliessen und dabei intensiv an meinen Lebensweg zu denken. Ein etwas mulmiges Gefühl beschleicht mich und ich frage mich, was sie wohl über mein Leben erzählen wird. Wird sie etwas zum Thema Liebe, Lebensplan oder Beruf sagen? Wie wird sie vorgehen? Allgemeine Aussagen tätigen und auf meine Antworten hin spezifizieren? Während ich meinen Gedanken nachhänge, klappern die weissen Steine mit goldenen Runen im dicken braunen Ledersäcklein, das sie vom Stand mitgenommen hat. Ich öffne auf ihre Aufforderung die Augen wieder, und sie legt der Reihe nach Steine auf den Tisch. Es kommt eine Engelsrune zum Vorschein, die zeigt, dass ich von Engeln beschützt werde, was sehr wichtig, aber eher selten sei. Würde ich daran glauben, wäre ich jetzt wohl geschmeichelt. Beruflich gesehen liege ein super Jahr vor mir, meint Freya. Beruf also. Nun, es erscheint angesichts meines Alters naheliegend, dieses Thema anzusprechen. Sie fragt mich auch sogleich, wie alt ich denn im Mai werde. Sehr gut sei es, dass ich mich dann im 27. Lebensjahr befinde, denn die Kräfte würden im 28. Lebensjahr stagnieren. Ich kann nicht sagen, ob sie dies spezifisch aus meinem Lebensweg liest oder ob dies eine allgemein gültige Aussage in der Runenwelt ist. Jedenfalls sei dies das Jahr der Veränderung, das ich nutzen sollte.

Religionsgeschwurbel

Sie fragt mich nach meinen beruflichen Plänen, und ich erkläre ihr, dass ich im nächsten Sommer auf eine Festanstellung hoffe und bleibe dabei noch etwas vage. Sie fragt sogleich nach, was ich denn beruflich mache, und reagiert begeistert auf meine Tätigkeit als Religionslehrerin. «Wie gut, dass du Religionslehrerin bist», meint Freya, denn es sei wichtig, dass das Christentum gestärkt werde. Kindern sollten christliche Werte vermittelt werden, da diese in unserer Gesellschaft immer mehr in den Hintergrund rücken. Früher sei das noch anders gewesen, da habe jedes Kind einen Schutzengel gehabt. Ich erkläre ihr, dass ich nicht nur das Christentum behandle, sondern die sogenannten Weltreligionen und andere religiöse Traditionen. Sie übergeht meinen Einwand und betont erneut die Wichtigkeit des christlichen Denkens und Handelns. Denn das Christentum werde immer mehr verdrängt, und dagegen müsse man etwas machen. Sie führt ihre Gedanken weiter aus, und in einer Redepause frage ich dann doch noch nach, warum sie meine, dass das Christentum verdrängt werde und insbesondere von wem. Na ja, zum Beispiel vom Islam, meint sie. In meinem Kopf schrillen die Alarmglocken. Plötzlich bekommt das Ganze einen etwas bitteren Beigeschmack. Nun ja, der Islam verdränge halt das Christentum. Beispielsweise würden in Deutschland Ramadanfeiern stärker staatlich finanziert, während das Christentum immer stärker der Säkularisierung weiche. So werde darüber gesprochen, das Weihnachtsfest Winterfest zu nennen. Ich denke mir: Also doch eher staatliche Säkularisierung als der Islam, der auf dem Vormarsch ist? Ich nehme an, dass sie meiner Mimik die Vorbehalte ansieht. Freya erklärt, dass es in allen Religionen doch um die Liebe gehe – sowohl im Christentum als auch im Hinduismus (im Islam kenne sie sich nicht so aus, aber dort gehe es wahrscheinlich auch darum).

Wie das Christentum und Runen zusammenhängen – oder auch nicht

Ich atme tief durch, lächle und frage sie, was das Christentum denn mit Runen zu tun habe. Runen sind göttliche, heilige Symbole, erklärt Freya und beginnt etwas verschwurbelt darüber zu berichten, dass das Christentum eine Religion der Liebe und auch der heiligen Symbole sei. Hm, na ja. Wahrscheinlich stellt ihr übliches Klientel etwas andere Fragen. Ich belasse es aber dabei und höre ihren Ausführungen weiter zu. Sie schliesst dieses Thema mit den Worten, dass ich dieses Jahr bestimmt meine Festanstellung bekommen werde (obwohl ich ihr gesagt habe, dass dies frühestens im nächsten Sommer der Fall sei).

Die Hochzeitsglocken läuten schon

Als Nächstes spricht sie mit mir über Beziehung und Liebe. Ob ich denn einen Partner (wohlgemerkt männlich) habe. Ich erkläre, dass ich seit mehr als 5 Jahren in einer glücklichen Beziehung bin. Ihre Frage, ob wir verheiratet seien, verneine ich, und sie fragt mich eindringlich, warum denn nicht. Ich bin kurz perplex, fühle mich etwas überrollt, da mich das die wenigsten fragen – allgemein kenne ich wenige, die eine 26-Jährige fragen, warum sie noch nicht verheiratet ist – und erkläre dann mit einem ironischen Unterton, den ich mir nicht verkneifen kann, dass es halt noch nicht so weit sei und es auch nicht eile. Ausserdem gebe es heute auch viele Gründe, die gegen eine Heirat sprechen. Sie erklärt mir, dass es aber wichtig sei und die Ehe heilig sei. Sie selbst habe sich nach sechs Monaten mit ihrem jetzigen Mann verlobt, habe vier Kinder mit ihm und habe ausserdem ein Heim mit ihm zusammen erbaut. Auch hier zeigt sich ihre Wertehaltung, die sich bereits zu Beginn abgezeichnet hat.

Die Rolle der Schwiegermutter

Freya sieht sich die Runensteine noch einmal genauer an – auf die sie übrigens eher wenig Bezug nimmt, sondern frei von der Leber weg erzählt – und pickt einen heraus, der scheinbar eine weibliche Energie zeigt. Dabei soll es sich entweder um meine Mutter oder die Mutter meines Freundes handeln, mit der ich ein wichtiges Gespräch führen muss. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, denn was sie damit andeutet, ist klar. Sie fragt mich sogleich, ob ich es mit meiner Schwiegermutter denn gut habe, was ich bejahe. Freya meint mit Nachdruck, dass ich mich unbedingt einmal mit ihr zusammensetzen und über eine mögliche Hochzeit reden soll. Möglicherweise könne sie (die Mutter meines Freundes) dann auch mal mit meinem Partner sprechen und ihm sagen, dass es vielleicht mal an der Zeit sei zu heiraten. Ich solle dieses wichtige Jahr nutzen, um mich zu verloben und zu heiraten. «Mal schauen» sage ich etwas kühl.

Abschied auf nimmer Wiedersehen

Zum Abschluss wünscht mir Freya alles Gute und umarmt mich, was ich in dieser Situation eher unpassend finde. Sie legt die Handflächen im Gebet aneinander, verbeugt sich und sagt, ich solle ihr doch mal auf Shiva TV anrufen. Wohl eher nicht, denke ich mir, und verabschiede mich. Schmunzelnd denke ich darüber nach, dass ich meinem Freund zu Hause erzählen muss, dass wir dieses Jahr Nägel mit Köpfen machen müsse – und natürlich auch seiner Mutter.

Bernadette Jacober, 04. April 2025

Christliche Trump Fans in der Schweiz: Wie gewinnt jemand, der Barmherzigkeit ablehnt, die Herzen von Christen und Christinnen?

Unter dem Titel «Das ist Demokratie!» schreibt Monika Hausammann in der evangelikal-fundamentalistischen Zeitschrift factum (Ausgabe 1/25) über den «Hoffnungsträger» und 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump. «Lasset uns beten!», schreibt sie, «Für Israel. Für Trump.» Doch welche Werte repräsentiert Trump, dass auch Christen und Christinnen in der Schweiz ihn befürworten? Es sind nicht die christlichen Werte der Gnade und Barmherzigkeit, um die die Bischöfin der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten, Mariann Edgar Budde, den Präsidenten bei seiner Amtseinführung bittet. Denn ihre Bitte um Gnade und Barmherzigkeit für illegale Migranten und LGBTQ+-Kinder kam beim Präsidenten gar nicht gut an: Sie sei eine radikal linke Trump-Haterin, welche ihre Kirche auf unhöfliche Art und Weise in die Welt der Politik eingebracht habe und zudem noch garstig im Tonfall gewesen sei.

Trumps christliche Kompromisse

Welche christlichen Werte repräsentiert denn Trump, dass er nicht nur in Amerika, sondern auch in der Schweiz christliche Anhänger findet? Trump sei im religiösen Sinn kein «Heilsbringer» aber er sei «Hoffnungsträger». In diesem Kontext meint Hausammann im factum, Hoffnungsträger für den «normalen und wahren Menschen». Die «normalen und wahren Menschen» seien nicht die, die irgendwie Opfer sind, sondern diejenigen, die den Auftrag und das Vermögen zur Freiheit und damit zur Verantwortung für das eigene Leben besitzen. Das sind auch diejenigen, welche laut Hausammann erkannt haben, dass «die alte marxistische Laier nicht zu Frieden und Wohlstand, sondern zu mehr Konflikten führt». Wer also die Verantwortung für das eigene Leben durch aktiven Kampf für mehr gleiche Rechte wahrnimmt, der gehöre zu jenen, die sich «irgendwie als Opfer sehen», und die, die die eigene Verantwortung für den eigenen Wohlstand wahrnehmen, das sind die «normalen und wahren Menschen». In anderen Worten: Minderheiten – «die sich irgendwie als Opfer sehen» – welche für ihre Rechte kämpfen und somit für Konflikte sorgen, gegen die Mehrheitsgesellschaft – «die normalen und wahren Menschen» – welche ja schon alle Rechte haben und somit für Frieden sorgen und sich um den eigenen Wohlstand kümmern können. Nun wird Hausammann konkreter: Nur Dank der vier Jahre, in denen Abtreibungen verherrlicht worden seien, in denen gewaltsamen Black Lives Matter-Proteste vorgekommen seien (obwohl diese ja eigentlich während der ersten Amtszeit Trumps auf dem Höhepunkt waren), in denen Kinder im Rahmen der Transideologie verstümmelt worden seien, die Inflation nicht bekämpft worden und auch die fragwürdige Unterstützung der Ukraine nicht hinterfragt worden sei, konnte Trump überhaupt als Präsidenten in Frage kommen. Denn Trump würde all dies endlich stoppen. Doch dies durch Kompromisse. Darin ist es, wo Frau Hausammann dann auch die Verbindung zu christlichen Werten findet. Denn auch Gott habe mit den Menschen Kompromisse eingehen müssen. Wir sollen als Christen und Christinnen daran denken, dass Gott aus Liebe und Gnade Kompromisse in Gesetz und Evangelium eingegangen sei. Hausammann möchte jedoch nicht Gottes Kompromisse mit den Kompromissen, die nun Trump eingehen muss, vergleichen, doch möchte appellieren, dass auch darin der Glanz Gottes sichtbar sei. Deswegen sollen wird für Trump (und für Israel, wie Israel in ihrer Argumentation Platz findet, wird im Text jedoch nicht offenbart) beten und dafür, «dass alles Leben wieder als die Gabe und Aufgabe des Menschen gesehen wird». Denn Trump werde auch in der Schweiz wirken können.

Hausammann möchte in ihrem factum-Artikel zwar christliche Werte ins Zentrum stellen, indem sie den «wahren Menschen» und das Leben als gottgegebene Gabe und Aufgabe des Menschen als vermeintlich christlich in den Fokus stellt, teilt jedoch hier und da Seitenhiebe aus. Ein Seitenhieb für das Recht auf Abtreibungen, ein Seitenhieb für LGBTQ+-Personen, ein Seitenhieb für die «People of Color» und ein Seitenhieb für die Armen. Minderheiten und «ihre Probleme» werden zu Sündenböcken für alles, was in Amerika schiefgeht. Der christliche Kompromiss erhält dabei einen fahlen Nachgeschmack.

Hyperfokussierung auf die LGBTQ+-Bewegung

Christliche Werte haben sich anscheinend vor allem mit den LGBTQ+-Werten zerstritten. Denn nicht nur werden die Rechte und Forderungen der LGBTQ+-Bewegung im factum abgelehnt, sondern auch in der prophetischen Zeitschrift Mitternachtsruf (Ausgabe Februar 2025) der gleichnamigen evangelikal-fundamentalistischen Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang wird Trump nun ein weiteres Mal von evangelikal-fundamentalistischen Christen:innen in der Schweiz verherrlicht. Leider sei ja die Volksinitiative «Tschüss Genderstern» in Zürich gescheitert, aber unter dem Titel «Wird Trump Generäle, die «woke» sind, feuern?» wird die leise Hoffnung vernommen, dass Trump auch im Militär gegen die LGBTQ+-Mitglieder vorgehen wird. Im Artikel wird sogar Pete Hegseth, Trumps Verteidigungsminister, unkritisch zitiert, als er von einer «Säuberung» des Militärs von «woken» Personen spricht. Was der Mitternachtsruf mit diesem Artikel bezwecken möchte, bleibt offen. Doch den Artikel über die Volksinitiative «Tschüss Genderstern!», deren Scheitern sie eindeutig bedauern, daneben zu platzieren, lässt darauf schliessen, dass Trump auch für den Mitternachtsruf Hoffnungsträger ist, ein Hoffnungsträger, der gegen den «linken LGBTQ+-Irrsinn», wie es von vielen Gegnern genannt wird, vorgeht.

Trump nicht nur «Hoffnungsträger», sondern auch «Heilsbringer»

Trump werde im Geiste Jehus regieren. Marcello Corciulo, Mitbegründer des neocharismatischen Vereins «Adler-Dienst» habe vor elf Monaten geträumt, dass Trump Präsident mit kupfernen Füssen werde. Als «gelehrter Prophet», sei ihm natürlich bewusst gewesen, dass dies ein prophetischer Traum war und habe gedeutet, dass Trump Präsident im bronzenen Zeitalter werde, das, laut Corciulo, jetzt begonnen habe. Während Corciulo Trump vor elf Monaten noch mit nicht-jüdischen Königen des Alten Testaments verglichen hat, so hat er nun in seinen letzten Videos, vor zwei Monaten angefangen, Trump mit jüdischen prophetischen Königen zu vergleichen, vor allem mit dem König Jehu. Denn Jehu wurde von Gott als König gesalbt, um das zu erledigen, was Elia nicht konnte, so Corciulo. In diesem Sinne sei Trump ein Jehu: «Die Salbung Jehus, die vielleicht sagen wird: «Jeder darf sich fühlen, wie er will. Aber wir werden in diesem Land wieder sagen, es gibt Mann und Frau. Wir brauchen kein drittes Geschlecht, wir brauchen kein siebenundzwanzigstes Geschlecht und wie es unterdessen in Irland bereits per Gesetzt festgelegt ist: unendlich viele Geschlechter?!» Das hat ein Ausmass erreicht, dass solche Dinge politisch fixiert werden, hat ein Ausmass erreicht, dass wirklich den Zenit überschritten hat, und da braucht es einen Jehu, der aufräumt

«Aufräumen» und «Säuberung». In christlichen Kreisen, die Trump unterstützen, werden diese Worte in Bezug zu LGBTQ+-Personen nur so dahingeworfen, ohne sich gross über die Konnotation, die diese Wörter beinhalten, Gedanken zu machen. Christliche Werte finde ich in diesen Aussagen keine. Während das factum die Personen, die sich «irgendwie als Opfer sehen» und damit Minderheiten meint, abwertet, sieht Marcello Corciulo sich selbst auch als Opfer. Er meint nämlich: «Dieser Kulturmarxismus, dieser Faschismus, der uns da aufgezwängt/-drängt wird, dass wir jetzt alle an siebenunddreissig, siebenundsiebzig, weiss ich wie viele, Geschlechter glauben müssen und dass wir jetzt alle dafür sein sollen, dass die Drag-Queens in den Kindergarten gehen und dort den Kindern vorlesen, das sollte aufhören.» Corciulo sieht sich als Opfer eines linken Faschismus, der ihm aufdränge, an mehrere Geschlechter zu glauben. Doch wie das factum oder der Mitternachtruf LGBTQ+-Leute abwerten, so geht Corciulo weiter und verteufelt sie. «[Denn] der Geist [hinter der LGBTQ+-Bewegung] möchte Verwirrung, Gott möchte Klarheit. […] Gott möchte Heilung und Identität. Geschlechtliche aber auch auf anderen Ebenen, Satan möchte Verwirrung und wer die Verwirrung fördert, ist natürlich die ganze woke Agenda

Trump werde also im Geiste Jehus regieren und aufräumen. Marcello Corciulo jedoch möchte betonen: «Ich sage nicht, ich sei ein Trump-Fan, ich sage nur, dass er wahrscheinlich in diesem Geiste, im Geiste Jehus regieren wird und dass sich Gott scheinbar nochmal einen modernen Jehu ausgewählt hat.» Und deshalb appelliert auch er, dass man für Trump beten solle. Man solle für ihn beten, dass er Gottes Pläne bewusst oder unbewusst einsetze.

Trump für die «normalen Menschen», «wahren Menschen», «Normaldenkenden»

Wie Hausammann argumentiert nun auch Corciulo, dass Trump sich endlich für die «Normaldenkenden» einsetzen wird. Wer sind denn diese Menschen, die Hausammann als die «normalen und wahren Menschen» und Corciulo als die «Normaldenkenden» bezeichnet? Das wird nicht klar. Doch Corcioulo und die beiden Artikel, einerseits aus dem factum und andererseits aus dem Mitternachtsruf, betonen immer wieder, wer nicht zu den «Normaldenkenden» gehört, und das sind die «linken Freunde», das «linke politische Spektrum» oder in den Worten Corciulos «der Kulturmarxismus und linke Faschismus». Da Corciulo und die Artikel im factums und Mitternachtsruf Trump unterstützen und in ihm nicht nur Hoffnungsträger, sondern zum Teil auch Heilsbringer sehen, könnte man in dieser Argumentation einen Kreis schliessen, der wahrscheinlich zu weit gehen würde. Denn wer sind denn die Linken? Am Anfang dieses Artikels wurden Trumps Worte zu der «radikal linken» Bischöfin Mariann Edgar Budde aufgeführt. So seien die Linken «Trump-Haters», welche es wagen um Gnade und Barmherzigkeit für Migranten und LGBTQ+-Kinder zu bitten. Dies wiederum widerspricht christlichen Werten, welche aber von den Christen und Christinnen, die Trump unterstützen, gar nicht als so wichtig erachtet werden. Da sich Jesus bekanntlich um Personen am Rand der Gesellschaft kümmerte, könnte man sich jedoch fragen, wie christlich die Argumentationen im factum Magazin, im Mitternachtsruf und auch von Corciulo wirklich sind.

Alysejah Huber, 11. Februar 2025

Manifestieren – ein aktueller Trend zwischen Wunscherfüllung und Selbstvermarktung

Manifestieren leitet sich vom lateinischen Verb manifestare ab, das so viel bedeutet wie «offenbaren» oder «sichtbar machen». So wird das Wort im medizinischen Bereich zur Beschreibung von sichtbar gewordenen Symptomen einer Krankheit verwendet, oder von Psychologinnen und Psychologen zur Beschreibung von Variablen, die direkt messbar – also sichtbar gemacht worden sind. Im weltanschaulich-religiösen Bereich wird das Wort einerseits gebraucht, um Wunder zu beschreiben. Andererseits – und diese Verwendung dominiert seit einigen Jahren – wird mit Manifestieren die Fähigkeit beschrieben, sich durch die eigene Gedankenkraft eine Realität nach den persönlichen Vorlieben zu erschaffen.

Geschichte

Manifestieren kann als eine Art des magischen Denkens betrachtetet werden. Magisches Denken, das bereits in frühen Hochkulturen nachweisbar ist, bezeichnet eine Denkweise, bei der kausal nicht verbundene Ereignisse als zusammenhängend betrachtet werden und Worte als Realitätsverändernd angesehen werden. Dies geschieht auf einem Spektrum: Wer daran glaubt, dass man nur als Strafe vom Blitz getroffen werden kann, kann trotzdem korrekt erkennen, dass das Wasser nicht durch Gedankenkraft, sondern die Hitze auf dem Herd kocht.

Das Ausmass des Glaubens an nicht vorhandene Zusammenhänge variiert je nach Situation, Person, Kultur und Gesellschaft. Beobachtbar ist allerdings, dass magisches Denken stärker wird, wenn eine grosse Unsicherheit herrscht, viel auf dem Spiel steht oder der Ausgang eines Ereignisses sehr ungewiss ist.

Die weltanschauliche Grundlage für die heutige neuere Esoterik-Szene bildet jedoch eine Bewegung aus dem 19. Jahrhundert, die sogenannte Neugeist-Bewegung (New Thought Movement). Von Vertretenden der Bewegung wurde der Gedanke belebt, dass in jedem Menschen Göttliches steckt («Divine Within»). Diese schöpferische Kraft wollen Vertretende nutzbar machen können. Ausgehend von der menschlichen Beschaffenheit bieten sich dafür zwei Wege an: erstens die Macht der Gedanken und zweitens die Macht des gesprochenen Worts.

Verbunden wurden diese Grundüberlegungen mit dem Gedanken, dass Gleiches sich gegenseitig anzieht, was von Szeneangehörigen auch als «Gesetz der Anziehung» bezeichnet wird. Daraus entstand der Grundstein für das sogenannte «Positive Denken», wonach der Gedanke an Gutes und Schönes Menschen ein erfreuliches Leben bringt und negative Gedanken zu unerfreulichen Lebensrealitäten führen.

Neuere Vorläufer dessen, was heute als «Manifestieren» gilt, sind – unter anderem – im englischsprachigen Raum die Werke der Schriftstellerin Rhonda Byrne und im deutschsprachigen Raum die Werke von Pierre Franckh.

Rhonda Byrne ist eine australische Schriftstellerin und Drehbuch-Autorin und wurde 2006 mit der Veröffentlichung des Buchs und gleichnamigen Films «The Secret» international erfolgreich. Byrne bezieht sich vorrangig auf das bereits in der Neugeistbewegung propagierte «Gesetz der Anziehung» (Law of Attraction), das sie als seit Menschengedenken gehütetes und Geheimnis vermarktet. Zentrale Aussagen in Byrnes Werk sind:

  • Das «Gesetz der Anziehung» sei ein Naturgesetz, wie der Name suggeriert.
  • Alles, was Menschen geschehe, lasse sich auf die eigenen Gedanken zurückführen.
  • Wenn Menschen positiv denken, könne Ihnen nichts Schlechtes passieren.
  • Erklärungsinstanz des Anziehungsgesetzes seien verschiedene «Frequenzen», die auf einer Art Spektrum zwischen Positiv und Negativ rangieren und mit Gedanken und Realitäten korrespondieren.

Mit diesen Grundsätzen will Byrne eine Vielzahl von grossen Fragen beantworten können: Wie nehme ich ab? Wie werde ich reich? und schliesslich: Wie werde ich glücklich?

Pierre Franckh (geb. 1953) ist ein deutscher ehemaliger Schauspieler und Autor sowie ein Anbieter auf dem Markt der spirituellen Persönlichkeitsentwicklung. In seinem Hauptwerk «Erfolgreich wünschen» aus dem Jahr 2005 sowie in den darauffolgenden Büchern verwendet er ähnliche Grundsätze wie Byrne, denkt sie aber hinsichtlich ihrer praktischen Anwendbarkeit weiter.  Für ihn ist das «Gesetz der Resonanz», wie er es nennt, Grundlage dafür, sich sein Traumleben erwünschen zu können. Dafür müsse man nach Franckh jedoch gewissen Regeln befolgen, die alle zusammen das Wünschen nicht so einfach machen, wie es auf den ersten Blick scheint. Beispielsweise dürfe man keine Verneinungen verwenden, da «das Universum» diese nicht verstünde. Versucht man also, nicht zuzunehmen, wird man laut Franckh zunehmen. Versucht man hingehen, sich bereits vor der Wunscherfüllung über verlorene Kilos zu freuen, wird man laut Franckh abnehmen.

Zwischen den Werken von Byrne und Franckh, die stellvertretend für unzählige weitere Anbietende und Werke aus dem Bereich stehen, existieren viele Parallelen. Offenkundig werden besonders diese Überzeugungen:

  • Zentrum der Allmacht ist das Universum, wobei manchmal synonym von Gott oder einer göttlichen Macht gesprochen wird.
  • Das Konzept der Anziehung wird nie in Verbindung mit weltpolitischen Themen wie Armut gesetzt, sondern stets nur auf den eigenen, meist mit Privilegien verbundenen Lebenskontext bezogen.
  • Manifestieren oder wünschen will gelernt sein. Ein grundsätzlich einfaches Konzept wird in der Anwendung kompliziert.

Eine einflussreiche Anbieterin auf dem deutschsprachigen Esoterik- und Selbstverbessungsmarkt ist seit circa 2016 die deutsche Laura Malina Seiler (geb. 1986). Zunächst war sie wegen ihrer Podcasts beliebt, in denen sie, den Achtsamkeitstrend aufgreifend, mit geführten Meditationen begann. Später entwickelte sie ein umfassendes Lebens-Coach Angebot, das aus einer «Schule», Kursen, Büchern und Live-Auftritten besteht. Heute steht auch bei ihr das Manifestieren im Vordergrund. Insofern illustriert ihr Werdegang die zu beobachtende Entwicklung vom Achtsamkeitstrend hin zur Manifestationswelle eindrücklich. Im Gegensatz zu Byrne und Franckh ist bei Seiler ein wesentlicher Fokus auf sie als Person festzustellen. Die einzelnen weltanschaulichen Angebote und Überzeugungen scheinen, typisch für die durch Soziale Medien beförderte Personenzentrierung, nur als Unterfütterung ihrer Selbstvermarktung zu dienen.

Die Dominanz von Sozialen Medien hat über den Fokus auf einzelne Personen hinaus den Lebens-Coach und somit auch Manifestationsbereich verändert. Nicht selten findet sich das Phänomen, dass Personen des öffentlichen Lebens zu bemerkenswerten Followerzahlen und monetärem Erfolg gelangen und am Ende die Frage steht: Warum Ich? Nicht wenige, besonders diejenigen, die zu magischem Denken neigen, führen ihren Erfolg (lediglich) auf die richtige Einstellung zurück. So lässt sich schnell die Brücke zur Manifestation schlagen. Aus diesen Erfolgsgeschichten entstehen dann wiederrum Manifestations-Angebote wie Kurse oder Bücher. Beispiele für diese Entwicklung sind:

  • Die deutsche Influencerin Luisa Eckhard (geb. 1989), auch bekannt als Luisa Lión, die 2009 als Mode-Bloggerin anfing und heute eine der erfolgreichsten deutschen Lifestyle-Influencerinnen darstellt. Eckhard bot im Laufe ihrer Karriere immer wieder Produkte im neuen Spiritualitäts- bzw. Esoterikbereich an, darunter Schmuck mit Sternzeichen-Motto oder Horoskop-Podcasts. 2024 veröffentlichte sie das Buch «Dream Chaser – Bist du bereit für dein neues Leben?», das auch als «die neue Manifestations-Bibel» bezeichnet wird.
  • Die deutsche Influencerin und Unternehmerin Carmen Kroll (geb. 1992), auch bekannt als Carmushka, die seit circa 2015 im Internet präsent ist und über eine Million Follower auf Instagram verzeichnet. Sie veröffentliche 2021 ihr Buch «Mein Kopf, ein Universum» das sich unter anderem damit beschäftigt, wie sie durch Manifestation erfolgreich geworden ist. 2024 folgte das dazugehörige Kinderbuch «Mein Knopf, ein Universum».

Glaube 

Manifestieren ist die angewendete Überzeugung, dass Gedanken Realitäten schaffen. Die Anwendung besteht zumeist aus gedanklichen oder ausgesprochenen Wiederholungen von Wünschen und Träumen, wobei einige Anbietende auch Visualisierungstechniken oder Affirmationen einsetzen.

Einige Personen raten dazu, sich beispielsweise die Traumpartnerin oder den Traumpartner zu manifestieren, indem konkrete Listen mit Charaktereigenschaften und optischen Merkmalen verfasst werden.

Affirmationen sind laut ausgesprochene Glaubenssätze in der Jetzt-Form, die auch in Psychotherapie und Coaching zum Einsatz kommen (Beispiel: «Ich bin gut so, wie ich bin.») Affirmationen werden beim Manifestieren allerdings häufig von ihrem therapeutischen und selbstwertsteigernden Kontext entfernt und zur Umsetzung äusserlich messerbarer Erfolge genutzt (Beispiel: «Ich bin reich und schön.»).

Gerechte Welt Glaube

Eine der weltanschaulichen Grundlagen der heutigen Manifestationsszene bildet der sogenannte Gerechte-Welt-Glaube. Damit ist die Erwartung gemeint, dass die Welt grundsätzlich gerecht ist und dass Menschen erhalten können, was Ihnen zusteht. Bei Vertretenden zeigt sich dies in dem Glauben, dass ihnen Wohlstand und Glück zustehen und bereits für sie bereitstehen. Pierre Franckh schreibt in seinen Büchern, dass mangelnder Wohlstand eine Frage der inneren Einstellung sei. Sobald man verinnerliche, dass es gerecht ist, reich zu sein, stelle sich Wohlstand von selbst ein.

Spiritualität-Light

Einen gemeinsamen weltanschaulichen Nenner bildet in der Manifestationsszene das Verhältnis zu Gott, bzw. einer synonym verwendeten göttlichen Allmacht. Fragt man Szeneangehörige nach Gott, erhält man meist die Antwort, dass sie zwar an etwas höheres glauben, aber ein Gott abgelehnt wird. Angefügt wird dann häufig, dass eigentlich alle Konzepte höherer Macht das gleiche aussagen und für sie unter dem Begriff «Universum» zusammengefasst werden könnten. Praktisch ist diese Sicht insofern, als dass keine komplizierten Rituale durchgeführt und keine heiligen Schriften verinnerlicht werden müssen, um sich als Teil der Manifestierenden zu fühlen. Einige Szeneangehörige gehen sogar so weit, Manifestieren als nicht spirituell, sondern als weltliche Methode zu betrachten, was die Durchlässigkeit der Szene verdeutlicht. Ermöglicht wird diese Haltung von den pseudowissenschaftlichen Begrifflichkeiten, wie es zum Beispiel beim «Gesetz der Anziehung» der Fall ist.

Praxis

Wie Manifestieren in der Praxis umgesetzt wird, lässt sich durch Anbietende auf sozialen Medien beantworten, die immer neue Methoden zur erfolgreichen Manifestation veröffentlichen. Manchmal geht es dabei um allgemeine Wünsche, wie darum, glücklich zu sein. Dazu rät beispielsweise Rhonda Byrne in einem ihrer YouTube Videos, sich 10- bis 50-mal hintereinander laut vorzusagen «Ich bin glücklich». Andere Anleitungen werden wesentlich konkreter. So soll es bei der Wahl der Traumpartnerin oder des Traumpartners helfen, alle optischen und charakterlichen Eigenschaften in einer Liste aufzuschreiben und dabei möglichst ins Detail zu gehen.

Unterstrichen werden die Inhalte dieses immer grösser werdenden Methodenkatalogs mithilfe von anekdotischer Evidenz, d.h. mit scheinbar beweisführenden Erfolgsgeschichten.

Psychologische Effekte

Im Zusammenhang mit Manifestation werden immer wieder psychologische Konzepte und Effekte genannt, sowohl von kritischen, als auch von lobenden Stimmen. Die häufigsten werden hier kurz zusammengefasst und mit Manifestation in Verbindung gesetzt.

Selbst-Erfüllende Prophezeiung

Eines der häufigsten im Zusammenhang mit Manifestation genannten psychologischen Konzepte ist die selbst-erfüllende Prophezeiung. Diese bezieht sich auf das Phänomen, dass die Überzeugungen zu einem bestimmten Sachverhalt die Handlungen einer Person so beeinflussen, dass sich die Überzeugungen scheinbar magisch erfüllen. Szeneangehörige behaupten allerdings, dass es gerade der Kern von Manifestieren sei, dass keine Handlungen nötig sind, um sich seinen Überzeugungen sowie Wünschen anzunähern. Wenn «erfolgreiche» Manifestationen durch selbst-erfüllende Prophezeiungen erklärt werden sollen, dann ist dies nur möglich, wenn man die Handlungsebene einer Person miteinbezieht.

Rückschaufehler

Auf Sozialen Medien tummeln sich Erfahrungsberichte zu Manifestationsmethoden, erfolgreiche und weniger erfolgreiche. Bei den angeblich erfolgreichen Manifestationen wird von aussen betrachtet immer wieder der sogenannte Rückschaufehler deutlich, der besagt, dass Menschen dazu neigen, die Vorhersagbarkeit eines Ereignisses zu überschätzen. Unterschätzt wird bei dem Erreichen eines Ziels dann jeweils die Wahrscheinlichkeit, die bestand, dass es nicht erreicht wird. Wer beispielsweise befördert wird, kann im Anschluss sagen: «das habe ich mir manifestiert», was die Option des Scheiterns vollkommen aussenvorlässt.

Fundamentaler Attributionsfehler

Der fundamentale Attributionsfehler besagt auf einer vereinfachten Ebene, dass Menschen die Macht der eigenen Einflusskraft tendenziell überschätzen und die Macht der Situation unterschätzen. Insgesamt verdeutlich dieser Attributionsfehler die Bedeutung der Ursachenzuschreibung eines Ereignisses, die bei Manifestierenden häufig ähnlich abläuft. Wenn mir etwas gutes geschieht, dann habe ich es manifestiert und es ist nicht durch äussere Einflüsse entstanden. Bei struktureller Ungleichheit wird von Hardlinern von einer Schuld der betroffenen Personengruppen ausgegangen.

Umgang mit Ungleichheit

Manifestierende besitzen häufig den oben genannten Gerechte-Welt-Glauben, die Überzeugung, dass die Welt an sich gerecht ist und Menschen das bekommen können, was ihnen zusteht. Automatisch fragt man sich: Was steht Menschen zu? Sieht man sich die Inhalte auf Sozialen Medien an, erhält man den Eindruck, dass es den Manifestierenden nicht um das Dach über dem Kopf zu gehen scheint, sondern um eine europäisierte Variante des American Dream. Häufig anzutreffen ist das Streben nach Statussymbolen und finanzieller Unabhängigkeit in Form von Geldanlagen, die für sich arbeiten und so klassische Erwerbsarbeit obsolet machen.

Unweigerlich fragt man sich darüber hinaus, was Vertretende zu struktureller Armut, zu Hungersnöten, zu Kriegen oder Schicksalsschlägen sagen. Folgt man konsequent der Logik des «Gesetzes der Anziehung», dann wären all diese Dinge selbst verschuldet. Tatsächlich werden Manifestationsfans bei diesen Themen meist zurückhaltend und trennen das eigene Lebens-«Gesetz» von anderen Lebensrealitäten. So sagte die Schweizer Schauspielerin und Moderatorin Melanie Winiger (geb.1979) in einem Beitrag von SRF-Kultur, dass sie seit fünf Jahren erfolgreich manifestiere. Auf Armut und Krankheiten angesprochen erklärt sie: «Mit Krankheiten und so Sachen, das ist ganz ein schwieriges Thema». Für sie finde Manifestation nur im Bereich des Positiven statt, negative Ereignisse seien unterschiedlich zu bewerten. Was ihre eigene Biografie angeht, sei sie der Überzeugung, dass die negativen Erlebnisse aus einem Grund geschehen seien und damit Teil eines Veränderungsprozesses.

Dieses schwierige Verhältnis zu Ungleichheit sorgt immer wieder für Kritik an der Manifestationsszene. Kontrovers diskutiert werden auch die möglichen Auswirkungen dieser Abkapselung von realen Problemen für die Gesellschaft. Während einige angesichts der weltpolitischen Lage Verständnis für diesen Rückzug in die eigene Wunschwelt aufbringen, sehen andere die Entpolitisierung und Individualisierung kritisch.

Finanzielle Probleme

Die Methoden, die beim Manifestieren verwendet werden, können teilweise hilfreich sein, wie zum Beispiel Affirmationen. Negative Glaubenssätze durch selbstwertstärkende zu ersetzen, kann positive Auswirkungen auf das Leben haben. Kritisch wird Manifestation jedoch, wenn es um die Bewältigung realer Probleme geht. Sich Schulden weg zu manifestieren – wie es z.B. in Pierre Franckhs Büchern immer wieder Thema ist – kann weitreichende negative Konsequenzen haben. Warum das Thema Schulden und finanzieller Aufstieg in der Manifestationsszene neben der Suche nach Traumpartnerschaften so eine zentrale Rolle spielt, lässt sich durch Angebot und Nachfrage erklären. Menschen, die mit vielen Bereichen ihres Lebens zufrieden sind, suchen seltener Rat bei esoterischen Anbietenden, so auch bei Manifestationsgurus. Besonders problematisch ist dieses Zielpublikum auch, weil die Tendenz, für undurchsichtige Angebote Geld auszugeben, bei Manifestationsfans befeuert wird. Neben harmlosen Angeboten wie Büchern existieren auch langfristige Kurse, die mehrere Tausend Franken kosten und mit Ratenzahlung locken. Das Abrutschen in finanzielle Schieflagen ist dadurch eine der wesentlichen Gefahren der Manifestationsszene.

Psychische Probleme

Kritische Stimmen warnen zudem vor den Gefahren für die Psyche, die vor allem durch den erlebten Zwang, nur noch positiv zu denken, entstehen können. Wer den Anspruch an sich erhebt, keine negativen Gefühle mehr zu empfinden, wird automatisch enttäuscht werden. Einige begegnen dieser Enttäuschung mit Schuldgefühlen, die besonders bei einer fehlenden Passung von Wunschleben und Realität zu psychischen Problemen führen können.

Übergang zu anderen weltanschaulichen Szenen

Manifestieren wird, besonders wegen der weltanschaulichen Ungebundenheit und der Heterogenität der Szene, gerne von anderen Gruppen verwendet. Im Vordergrund steht dabei die Witchtok-Szene, bei der über Zaubersprüche hinaus diverse esoterische Ideen vermarktet werden. Am prominentesten ist dabei das Manifestieren, das in kritischer Sicht als sanfter Einstieg in die wenig sanfte Witchtok-Szene betrachtet werden kann. Die möglichen psychischen Probleme und finanziellen Schieflagen beim Manifestieren gelten für die Online-Hexenszene ebenso, wobei diese darüber hinaus Verfolgungsängste befördern kann.

Manifestation kann zusätzlich nicht nur bewusst als Eintrittskarte in andere Bewegungen gesehen werden, sondern auch als weltanschauliche Grundlage für problematisches Gedankengut. Die für die Szene typische Ablehnung von Zufällen und der Glaube daran, dass alles mit allem zusammenhängt, bildet eine bekannte Parallele zu Verschwörungsdenken. Zeugnis dessen ist die offenkundige Überschneidung von Esoterik- und Verschwörungsfans, die sich teilweise radikalisiert haben.

Julia Sulzmann, 30. Januar 2025

Tijn Toubers Verschwörungshandbuch: Eine galaktische Reise durch die Psyche eines Verschwörungsfans

Unter dem Titel «Time Bender und die Rebellion der Anika Laroo» ist Tijn Toubers zweiter Roman der Time Bender Reihe erschienen. Der Protagonist des Romans, verkörpert von Touber selbst, reist mit Anika Laroo, einer Ausserirdischen, durch Zeit und Raum. Dabei gestaltet sich der Roman vorrangig als Dialog zwischen Laroo und dem Protagonisten. Dieser wird von ihr über verborgene Wahrheiten unterrichtet, die inhaltlich dem entsprechen, was im gesellschaftlichen Konsens als Verschwörungstheorien bezeichnet wird. Massiv inspiriert von David Icke lässt Touber die Ausserirdische Laroo ein düsteres Bild unserer Welt zeichnen: Menschen seien manipuliert und würden in einer Art Simulation leben. Einzig dem Protagonisten – ihm selbst – wird die ganze Wahrheit zugemutet.

Fiktion oder Wahrheit? Der Trick mit den Gänsefüsschen

Die Idee, Fiktion und Verschwörungsdenken zu vermischen, wurde massgeblich durch die Szene inspiriert, in der sich Touber bewegt. Bei Esoterik- und Verschwörungsfans erfreuen sich Science-Fiction Werke nicht selten einer besonderen Beliebtheit. Für einige stellen sie nämlich nicht nur unsere Fantasie, sondern auch unsere Realität auf den Kopf. Manche Menschen glauben, dass in Filmen und Büchern, getarnt als fiktionale Werke, verborgene Wahrheiten aufgedeckt werden. So sei Jules Vernes Klassiker «Die Reise zum Mittelpunkt der Erde» keineswegs als Roman, sondern als Versuch zu verstehen, den Menschen einen Hohlraum in unserer Erde zu offenbaren.

Tijn Touber nutzt das Narrativ von wahren Begebenheiten in Science-Fiction selbst. Wird sein Buch beworben, werden Gänsefüsschen in die Luft gezeigt, wenn von einem «Roman» oder von «Fiktion» gesprochen wird. Wissend wird gekichert, so als ob klar ist, dass das Buch in Wahrheit reale Geschehnisse darstellt. Im Vorwort des Buchs heisst es dazu: «Die nachfolgenden Informationen sind nicht gechannelt, sondern wurden uns […] persönlich mitgeteilt. Das macht dieses Buch so besonders: Es sind ihre eigenen Worte, nicht unsere Interpretationen.» (S.9).

Doppelstrategie: Marketing und Schutzschild

Angesichts der Brisanz der in dem Roman enthaltenen Erzählungen, ist dies nicht nur eine Marketing-Strategie für Verschwörungs- und Esoterikfans. Es handelt sich auch um einen vermeintlichen Schutz. Denn durch die fiktionale Hülle des Werks und die Tarnung der Verschwörungserzählungen als Botschaften aus anderen Galaxien, versucht sich Touber aus der Verantwortung zu ziehen. Denn wer will schon als die Person gelten, die erklärt, dass Hitler nie gestorben und mit Ausserirdischen zusammengearbeitet habe? Wer will sich die Blösse geben, jüdischen Menschen ihre Religion und Herkunft abzusprechen, um den Mächtigen dieser Welt mit antisemitischen Klischees begegnen zu können?

Fiebertraum in Amsterdam

Bevor diese und andere problematische Erzählungen ihren Raum einnehmen, beginnt die Handlung des Romans eher harmlos: An einem regnerischen Tag schlendert Touber durch die Strassen Amsterdams und sinniert beiläufig über angebliche Wettermanipulation. Als er in einem Café Halt macht, wird er überraschend von der Hauptfigur seines ersten Romans aufgesucht, dem Time Bender. Der Time Bender, ein Ausserirdischer, der bereits im letzten Band abenteuerliche Erlebnisse Toubers gesorgt hat, führt ihn nun in ein Hinterzimmer des Cafés. Dort wartet auf ihn eine grosse Überraschung. Er gerät mitten in eine Sitzung des sogenannten plejadischen Sicherheitsrats, bestehend aus der Führungsriege ausserirdischer Botschafter, «der zur Galaktischen Förderation der Welten gehört» (S.15).  Dort erklärt man ihm, dass die Menschheit in grosser Gefahr sei. Sie befinde sich nämlich seit geraumer Zeit in einem galaktischen Krieg mit den Drakos, einer Art böser Reptilienwesen. Was folgt, ist Toubers Reise durch Zeit und Raum, in der er als auserwählter Mensch das düstere Schicksal der Erde retten soll.

Dabei steht ihm Anika Laroo zur Seite, eine Ausserirdische aus Taygeta. Sie fällt ihm während der Sitzung des plejadischen Sicherheitsrats sofort ins Auge. Touber beschreibt sie als unglaublich attraktive, optisch Ende 20-jährige Frau, die ihn an eine ehemalige Bettgefährtin – ebenfalls ausserirdisch – erinnert. Diese Assoziationskette soll kein Einzelfall bleiben. Für Touber sind Frauen in seinem aktuellen Buch scheinbar Gegenstand seiner Träume und Wünsche: ewig geduldig und tröstend, schlau und weise, nicht alternd und für Sex mit ihm allzeit bereit.

Die Plejaden – Sehnsuchtsort der Esoterik

Aufmerksame Lesende bemerken an dieser Stelle unbekannte Wörter: Was hat es mit dem «plejadischen Sicherheitsrat» und dem Ort «Taygeta» auf sich?

Die Plejaden sind in der Realität ein offener Sternhaufen in der Milchstrasse, von denen ein Stern den Namen «Taygeta» trägt. Benannt wurde die Sterngruppe in der griechischen Antike, sodass sie seit jeher mythologisch aufgeladen ist. Die sieben hellsten Sterne wurden in der Antike mit den Töchtern des Titanen Atlas und der Okeanide Pleione assoziiert. Der Legende nach verwandelten sich diese auf der Flucht vor Orion in Tauben und wurden als Sternbild an den Himmel versetzt. Auch in anderen Kulturen, z.B. bei den Maori, ranken sich verschiedene Mythen um die Plejaden und verleihen ihnen eine symbolische Bedeutung.

Für Esoterik-Liebhabende haben die Plejaden einen besonderen Reiz. Sichtbar mit blossem Auge, laden sie dazu ein, all das in sie zu projizieren, was man sich von Ausserirdischen erhofft. Geradezu charakteristisch für Esoterik-Fans ist die tiefe Überzeugung, dass dieses Idealbild nicht nur ein fernes, überirdisches Wesen repräsentiert, sondern ein Ziel, dem sie selbst nacheifern möchten. Und so erstaunt es nicht, dass die Taygetaner als esoterische Idealvorstellung darherkommen.

Die Plejadier als Spiegelbild von Vorurteilen

So beschreibt Touber die sogenannten Plejadier als Kreaturen, die Gedanken lesen können, die kaum menschliche Nahrung benötigen und, was ihre Lebensweise betrifft, in einer Art Utopie angelangt sind. Äusserlich gleichen sie vielfach Menschen, wobei einige Plejadier eine Art Tiergestalt haben und sich bei Bedarf als Menschen erscheinen lassen können. Toubers Schilderung einer solchen Verwandlung gibt Aufschluss über seine ganz persönlichen Fantasien und Idealvorstellungen. So verwandelt sich die «Reptilienfrau» Marena vor Toubers Augen von einer Gestalt mit scharfen Zähnen, Krallen und Schuppen zu einer «jungen Frau» mit «gewelltem, langen blonden Haar, einem schönen, zarten Gesicht mit weichen, runden blauen Augen» (S.128). Er ergänzt: «Sie hat volle Lippen und trägt ein gelbes Sommerkleid, das ihren Busen sinnlich zur Geltung bringt.» (S.128). Später berichtet sie Touber auf Nachfrage unter anderem von ihren Geschlechtsteilen und der Art der Fortpflanzung. Genau so ergeht es Anika Laroo, die Touber, ebenso auf Nachfrage, von ihren Geschlechtsteilen und deren Vorteilen für Fortpflanzungsprozesse erzählt.

Während man diese sexualisierten Beschreibungen weiblicher Figuren noch als fragwürdiges Stilelement Toubers einordnen kann, ist eine andere Eigenschaftsbeschreibung eindeutig zu kritisch zu betrachten. Bei den Plejadiern kommen zwar Tierwesen vor, aber alle menschlich anmutenden Wesen haben «blaue, graue, hellbraune oder sehr blasse Hauttöne» (S.14). Dunklere Hautfarben fehlen vollständig. Diese exklusive Darstellung pastelltonartiger Hautfarben hinterlässt nicht nur einen schalen Beigeschmack, sondern wirft in Kombination mit der behaupteten «höheren Entwicklung» und Überlegenheit der Ausserirdischen kritische Fragen zu Toubers Einstellung gegenüber Weisser Vorherrschaft auf.

Offene Diskriminierung

Spätestens an dieser Stelle kann man sich fragen, wie sehr Toubers Ausserirdische von rassistischen und sexistischen Vorurteilen gekennzeichnet sind, die über die Beschreibung der Charaktere in seinem Buch verewigt werden. Neben diesen durchscheinenden Vorlieben Toubers, äussert er sich an anderen Stellen wesentlich deutlicher. Als er einem Maya begegnet, erinnert er ihn «an einen Indianer» (S.238) und beschreibt ihn stereotypisch: «Halb entblößter Oberkörper, langes, schwarzes Haar, dunkle Augen, rötlich-braune Haut, und er trägt beeindruckende Halsketten aus Silber, Gold und Edelsteinen sowie einer Reihe von großen Raubtierzähnen.» (S.238-239). Wenig später wollen die Söhne des Mayas klischeehaft die «blonden» (S.240) Haare Toubers berühren. Somit scheint Touber spätestens zu diesem Zeitpunkt des Romans eine optische Verwandlung durchgemacht zu haben. In der Realität ist sein Haar eindeutig grau.

Im Geiste der Szene, in der sich Touber bewegt, kritisiert er scharf, was er «Woke Philosophie» nennt. Seiner Ansicht nach sei die Bewegung Black Lives Matter «genauso rassistisch, wie diejenigen es sind oder einst waren, gegen die sie sich auflehnen.» (S.201). Wie für rechtsesoterische Kreise üblich, regt sich Touber zudem über eine angebliche Frühsexualisierung von Kindern auf und nennt Aufklärungsarbeit in einem Atemzug mit Werbung für Pädophilie. Seine Tirade gilpfelt im transphoben Vergleich geschlechtsangleichender Operationen mit seinem kindlichen Wunsch, Ohren wie die Star-Trek Figur Spok zu haben (S.202).

Erdgeschichte auf der Basis von Verschwörungstheorien

In dem Amsterdamer Café, in dem die Sitzung des plejadischen Sicherheitsrats stattfindet, wird Touber schliesslich in die «wahre» Entstehungsgeschichte von Menschheit und Welt eingeführt. Diese reiche über eine Million Jahre zurück. In dieser Zeit hätten die sogenannten «Drakonier», reptilienartige Wesen mit fortschrittlichen Technologien und Waffen, die Planeten Lyra und Avalon angegriffen. Dort sollen über 400.000 verschiedene Menschenarten gemeinsam mit löwenähnlichen Wesen in Harmonie gelebt haben, bis die Drakonier sie zur Flucht gezwungen hätten – ein Ereignis, das Touber den plejadischen Sicherheitsrat als «Grosse Expansion» beschreiben lässt. Während ihrer Flucht durch die Galaxis sei die Menschheit fast ausgelöscht worden.

Esoterische Evergreens

Vor rund 40.000 Jahren habe sich die Menschheit dann auf die Erde begeben, wo sie mit Neandertalern in Frieden zusammengelebt habe. Was in den fast eine Million Jahren dazwischen passiert sein soll, lässt Touber aus. Die Geschichte der Menschheit geht laut dem plejadischen Sicherheitsrat mit einer Katastrophe weiter: Der Planet Tiamat, ein Wasserplanet, sei von den Drakos gesprengt worden. Flutwellen dieses Wasserplanets seien auf die Erde gelangt und hätten für den Untergang von Lemuria und Atlantis gesorgt. Dass es weder belastbare Anhaltspunkte für die Existenz eines Planeten namens Tiamat, noch für Lemuria oder Atlantis gibt, scheint Touber nicht zu stören. Sicher ist, dass sowohl der angebliche Planet Tiamat, als auch Lemuria und Atlantis immer wieder Gegenstand esoterischer Fantasien sind.

Mond-Matrix

Um die Menschheit nach der dramatischen Zerstörung von Atlantis und Lemuria zu schützen, sei die Erde in eine Art Ausnahmezustand versetzt worden. Dafür hätte man eine alternative Realität geschaffen – eine sogenannte 3D-Matrix, die wie ein Schutzschild die Erde umspannt. Der Mond, so wie wir ihn kennen, sei Teil dieser Matrix und existiere gar nicht wirklich. Was wir sehen, wenn wir in den abendlichen Himmel blicken, sei ein Hologramm. Was das Mond-Hologramm genau bewirken soll, bleibt unklar. Mit der Matrix im Allgemeinen hätten die Plejadier jedoch zweierlei angestrebt: Zum einen sollten die Drakos, die sich auf der Erde aufhielten, eingesperrt werden. Zum anderen sollten die Menschen durch die Errichtung dieser künstlichen Matrix ihre schlimmen Erlebnisse vergessen und «heilen» (S.18).

Aber wie in vielen Science Fiktion Romanen, verwandelt sich der einst vielversprechende Einsatz von Technologien zu einem Albtraum, wenn er in falsche Hände gerät. Die Drakos, die Bösen in der Geschichte, seien technologisch viel versierter, als die Menschen auf der Erde und hätten die Matrix zu ihrem eigenen Vorteil umprogrammiert. Dadurch wüssten die Menschen nun wirklich gar nichts mehr von den schlimmen Ereignissen und besässen darüber hinaus keine Kraft, um zu heilen. Touber verwendet hier eine klassische Jugend-Roman Handlung: Die Guten scheitern zunächst an dem Missbrauch ihrer Ideen durch Bösewichte, bis ein einzelner Held sie rettet. Wenig überraschend ist das in Toubers Roman er selbst. Es wirkt wie eine übersteigerte Version des für Verschwörungsfans typischen Elitarismus: nur man selbst hat durchblickt, was eigentlich auf der Welt los ist, die anderen tappen im dunklen. Erneut kann man sich an dieser Stelle fragen, wie sehr der «Time Bender» ein Einblick in Toubers Selbstbild darstellt, wenn er sich nicht nur als Mensch mit exklusivem Wissen, sondern auch als Erretter vor den von ihm konstruierten Bösewichten zeichnet.

Verschwörungs-Recycling

Charakteristisch für Toubers Buch ist auch der Einsatz der Idee, dass der Mond nur ein Hologramm sei. Denn erstens hat er sich hier abermals von David Icke inspirieren lassen und zweitens wird eine bekannte Verschwörungserzählung als Handlungsstrang in seinem Roman wiederverwertet. Zum ersten Mal wurde nämlich schon vor 12 Jahren spekuliert, dass der Mond nur ein Hologramm sei. Im Jahr 2012 konnte man scheinbar Wellenbewegungen auf dem Mond beobachten. Was in der Realität von Luftzirkulation verursacht wurde, bekam durch Verschwörungsfans eine neue Bedeutung. Plötzlich wurde gemutmasst, dass schlechte Fotografien oder hinter dem Mond sichtbare Sterne beweisen würden, dass der Mond nur ein Hologramm sei. In Wahrheit gründet die erschwerte Ablichtbarkeit des Mondes auf der Tatsache, dass er kein eigenes Licht erzeugt und nur das reflektiert, was auf ihn strahlt. Wenn man Sterne hinter dem Mond durchscheinen sieht, dann deutet das auf eine einfach zu erkennende Fälschung hin. Darüber hinaus werden die Spekulationen zu einem Mond-Hologramm von Berechnungen zur Gezeitenkraft entwertet, nach denen die Sonne allein nur circa ein Drittel der Gezeiten auslösen würde.

Chasaren-Schwindel

Touber lässt sich von diesen Fakten nicht verunsichern und übernimmt die Mond-Erzählung. Er setzt das Muster fort, ältere, oft von Icke prominent gemachte Erzählungen zu verwenden. Doch nicht jede dieser Verschwörungserzählungen bleibt weitgehend harmlos. In der Sitzung des plejadischen Sicherheitsrats wird beschlossen, dass die Welt mit Toubers Hilfe nur gerettet werden kann, wenn man in der Zeit zurückreist und entscheidende Ereignisse verändert. Touber schlägt vor, die Kriege in Gaza und der Ukraine zu verhindern. Anika Laroo hält die Situation in Gaza für «so ziemlich das größte Hornissennest, in das wir eindringen können» (S.26). Der Vorschlag zur Ukraine wird positiver aufgenommen. Um etwas zu verändern, müsse man allerdings tausend Jahre in «das Königreich Chasaria» (S.26) zurückreisen.

An diesem Punkt beginnt ein schwer zu ertragendes Kapitel in Toubers Buch, das einen erst klammheimlich und später ganz deutlich Antisemitismus vorführt. Chasaria sei ein riesiges Reich gewesen, bekannt für seinen grossen Eroberungsehrgeiz. «Ziemlich unangenehme Zeitgenossen» (S.28) kommentiert Touber und setzt damit den Ton für die kommenden Aussagen. Die von Attila dem Hunnen abstammenden Chasaren hätten, gelangweilt von ihrem «primitiven Aberglauben» (S.29), eine neue Religion gesucht. Dabei sei die Entscheidung auf das Judentum gefallen. Später seien dann chasarische Juden in Scharen nach Osteuropa, besonders nach Polen und in die Ukraine, gewandert, sodass der Grossteil dort lebender jüdischer Menschen chasarischer Abstammung sei.

Verkleideter Antisemitismus

Die Erzählung wird dahingehend weitergesponnen, dass die heute lebenden Juden weitgehend keine richtigen oder echten Juden seien, da sie eigentlich Chasaren wären. Diese falschen Juden hätten den Machthunger und die Rücksichtlosigkeit ihrer Vorfahren angeblich geerbt und damit grosse Teile der Welt unter ihre Kontrolle gebracht. Im Klartext bedeutet das: Laut Touber sind die meisten Menschen, die wir heutzutage als jüdisch kennen, gleichbedeutend mit den bösen Chasaren und wollen die Weltherrschaft an sich reissen. Allerdings gebe es ja noch einige echte jüdische Menschen. Um die Unterscheidung in echt und falsch zu illustrieren, gräbt Touber sämtliche antisemitische Klischees aus: Die falschen Juden seien finanziell gewieft und gierig nach Macht. Sogar an der Nase erkenne man sie, die in Wahrheit ein Erkennungsmerkmal der asiatischen Abstammung der Chasaren sei. Weiter könne man echte und falsche Juden am Grad ihres Zionismus unterscheiden, wobei zionistische Juden automatisch falsch seien. Besonders tragisch an dieser Darstellung ist, dass die innere Logik der Behauptung dazu einlädt, jene jüdische Menschen, an dem man ein Verhalten kritisiert, als «chasarisch» abzustempeln und sie dadurch als böse per se wahrzunehmen.

Besonders geschmacklos wird es, als Touber über seine jüdische «erste Verlobte» (S.31) grübelt, mit deren Eltern er über den Holocaust gesprochen habe. Im Raum steht die Frage, ob sie oder andere nun richtige Juden waren. Es wundert wenig, dass er diese Frage nicht konkretisiert und nicht beantwortet. Genauso wenig geht er, trotz der Nennung der Shoa, auf die Bedeutung seines Geschichtsrevisionismus für dieses Ereignis ein. Dieses Vorgehen, Erzählungen zu verbreiten, die weitergedacht zu straftätlichen Behauptungen führen könnten, ist typisch für hartgesottene Verschwörungsfans. Es wird geradeso problematisch, wie es möglich ist. Bezeichnend ist, dass Touber es trotz einer scheinbar authentischen Erfahrung mit seiner ehemaligen Partnerin nicht schafft, den Absprung von weitreichenden Verschwörungserzählungen zu finden.

Faktencheck

Ordnet man die Chasaren-Theorie in den aktuellen wissenschaftlichen Konsens ein, zeigt sich ein differenziertes Bild. Da es bei Toubers Werk zu vielfältiger Vermischung von realem und fiktivem kommt, ist zunächst die Feststellung wichtig, dass es das Chasarenreich wirklich gab. Belegt ist zudem, dass die Oberschicht des mittelalterlichen Turkvolks im 8. oder 9. Jahrhundert teilweise zum Judentum konvertierte. Wie stark sich das Judentum auch in anderen Gesellschaftsschichten ausbreitete, ist hingegen umstritten. Die Konversion schien vor allem eine politische Strategie der herrschenden Klasse gewesen zu sein, um ihre Unabhängigkeit gegenüber den christlichen und muslimischen Nachbarn zu wahren.

Keine Anhaltspunkte gibt es hingegen für die Idee, dass die Mehrheit der Juden, besonders die in Europa, eigentlich Nachfahren der Chasaren seien. Sowohl historische als auch genetische Forschung belegen eindeutig, dass die Mehrheit der heutigen Juden aus dem Nahen Osten stammt, und dass es keine Hinweise darauf gibt, dass die Chasaren in nennenswertem Masse in die europäische jüdische Bevölkerung integriert wurden. Antisemitische Bewegungen und Verschwörungsfans wie David Icke griffen die Idee auf und entwickelten sie weiter zu der Behauptung, dass echte Juden aus der Region verdrängt oder ersetzt worden seien. Dieses, auch als «Ersetzungstheorie» bezeichnete, Narrativ wurde häufig genutzt, um die jüdische Identität und den jüdischen Anspruch auf Israel zu delegitimieren.

Gruppe von Verschworenen

Aufmerksame Leserinnen und Leser könnten nach diesem Kapitel verwirrt sein: Vorhin waren noch die Drakos die Bösewichte, und nun sind es plötzlich die Chasaren. Diese Irritation tritt im Roman von Touber immer wieder auf: Kaum ist ein Unhold abgehakt, folgt der nächste. Von Illuminaten über sogenannte «Greys» (weitere düstere Ausserirdische) – vieles ist dabei. Doch die Verwirrung lässt sich schnell auflösen, da all diese Schurken miteinander verbunden sind. Typisch für Verschwörungsliteratur kreist das Böse stets um einen «kleinen Club», wie Touber auf Seite 271 sogar selbst beschreibt, der hinter allem finsteren Geschehen steckt.

Universalzusammenhang

Darüber hinaus kann man ein weiteres Merkmal der heutigen Verschwörungsszene in Toubers Buch beobachten: den Geschichtsrevisionismus. Die Geschichte im Sinn der eigenen Weltanschauung neu schreiben zu wollen, ist in der internen Logik von Verschwörungsfans nur konsequent. Denn wenn so viele Dinge anders laufen, als es den Menschen täglich verkauft wird, dann betrifft das sicher auch historische Ereignisse. Und wenn die eine Sache nicht stimmt, was ist dann mit der anderen? Nicola Good fasste diese Denkweise bei Christina von Dreiens Auftritt in Friedrichshafen treffend zusammen: Man könne ja gar nichts mehr glauben, letzten Endes sei ja alles gelogen. An diesem Punkt kommen viele Menschen aus der Szene an. Beispielsweise haben Ricardo Leppe und Heino Fankhauser bereits ähnliche Äusserungen getätigt.

Jesus hat es nie gegeben

Wie man bis jetzt bemerkt hat, schreckt Touber nicht vor grossen Themen zurück, und so nimmt er sich auch was seine Geschichtsumschreibung betrifft, ein nicht zu vernachlässigendes Dokument vor: die Bibel.

Nach einem Kapitel über das Leben der Taygetaner fährt Touber mit der Schilderung einer Reise in das Jahr 30 n. Chr. fort, wo Laroo und er Jesus von Nazareth begegnen wollen. Sie begeben sich unter Menschen und fragen nach Jesus – aber erhalten keine hilfreichen Antworten. Touber beschreibt, wie sich beide bei alle möglichen Menschen nach Jesus erkundigen, ihn jedoch keiner kennen will. Und so offenbart Anika Laroo, wohlgemerkt nach einem scheinbar zehrenden Tag in Palästina, dass es Jesus nie gegeben habe.

Die Bibel ist eine Fälschung

Erschüttert von dieser Nachricht, zieht Touber einen weitreichenden Schluss. Wenn es Jesus nie gegeben hat, was ist dann mit der Bibel? Auch das erklärt ihm die sanftmütige und stets mit Toubers Weltschmerz mitfühlende Anika Laroo. Die Bibel sei gefälscht. Keine der in der Bibel genannten Figuren habe tatsächlich existiert, alles sei erfunden worden. Verantwortlich für diese auf Lügen basierende Erstellung der Bibel seien die Römer, womit eine weitere feindliche Gruppe in Toubers Roman eingeführt wird. Auch diese seien, ähnlich wie die Chasaren, geblendet gewesen von ihrem Machthunger und ihrem Eroberungswillen und hätten so zu spät die Gefahr von Aufständischen und Rebellen bemerkt.

Judentum und Christentum: Zwei auf einen Streich

Um die nicht näher beschriebenen Rebellen in den Griff zu kriegen, hätten sich die Römer eine Religion ausgedacht, mit der sie Einfluss auf sie nehmen könnten. Da einige der Rebellen an einen Messias geglaubt haben sollen, hätten die Römer diese Vorstellung aufgegriffen, als sie die Bibel schreiben liessen. Diese Aufgabe habe Flavius Josephus, auch Joseph ben Matityahu, übernommen. Flavius Josephus war tatsächlich ein jüdisch-römischer Gelehrter, auf dessen Schriften viele der Informationen über die Geschichte des Judentums basieren. Wegen seines «jüdisch-römischen Doppelgesichts»[1], also seiner Zugehörigkeit zum Judentum bei gleichzeitigen Verpflichtungen den Römern gegenüber, wird die Neutralität seiner Werke von Historikerinnen und Historikern kritisch diskutiert. Wie gewohnt, lässt Touber diese interessante und differenzierte Perspektive aussen vor und verwendet die Kontroverse um Flavius Josephus für eine Umdeutung in seine eigene Weltsicht. Angeblich, so erzählt Anika Laroo in Toubers Buch, habe Flavius Josephus erst die Rebellen angeführt und anschliessend die Seiten gewechselt, sodass er letzten Endes für die Römer die Bibel verfasst habe. Diese erfundene Schrift habe laut Anika Laroo 69 n. Chr. zu der Gründung des Christentums und des Judentums geführt. Sie erklärt dem ahnungslosen Touber: «Mithilfe eines Heeres von Schreibern machte sich Joseph ben Matityahu […] an die Arbeit, um die heiligen Schriften, wie wir sie heute kennen, zu erstellen. Im Jahr 69 kamen hieraus zwei Religionen hervor, das Juden- und das Christentum.» (S.106).

Spätestens in diesem Moment werden die Lesenden abhängen. Das Judentum und das Christentum sollen urplötzlich, im gleichen Jahr, ausgehend von einer erfundenen Bibel, gegründet worden sein? Die Implikationen dieses gespenstischen Gedankens reichen weit.

Islamfeindlichkeit hinter vorgehaltener Hand

Wenn Judentum und Christentum auf einer falschen Bibel basieren, stellt sich automatisch die Frage nach dem Koran. Angesichts der zahlreichen biblischen Figuren, die im Koran aufgegriffen werden, kann man Toubers Bibel-Fälschung folglich mindestens als Kritik am Koran verstehen. Für Musliminnen und Muslime, für die der Koran meist als wörtlich von Gott übermittelt gilt, sollte dies bestimmt wenig gut ankommen. Touber diffamiert mit der Erzählung einer erfundenen Bibel und der simultanen «Gründung» von Juden- und Christentum gleich drei Religionen gleichzeitig. Besonders interessant ist dieser weiterführende Gedanke mit Hinblick auf Toubers Anspruch, die Welt und ihre Geschichte aus seiner Sicht vollkommen gerade zu rücken. Durch diesen Universalanspruch fallen besonders die Inhalte auf, die unerwähnt bleiben. Wenn Touber also das Juden- und Christentum als erfunden abtut und den Islam mit keinem Wort erwähnt, heisst das nicht, dass er diesen befürwortet oder keine Meinung dazu hat. Im Gegenteil kann vermutet werden, dass er sich stattdessen vor dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit schützen will. Das Äusserste, was er in diesem Zusammenhang wagt, ist seine Ablehnung allen Propheten gegenüber kundzutun, inklusive Mohammed. Er sinniert: «Das Gefühl der Erleichertung kommt wahrscheinlich daher, dass ich mit Jesus und dem Christentum überhaupt nichts zu tun haben muss. Auch nicht mit Mohammed oder einem anderen Propheten.» (S.115).

Judenfeindlicher Irrweg

Neben diesen externen Kontroversen ist auch die interne Logik des Buchs von Touber spätestens nach der Bibel-Erzählung nicht mehr gegeben. Wie oben geschildert, schreibt Touber auf Seite 106, dass das Judentum eine Konsequenz der Bibelerfindung sei. Auf Seite 110 schreibt er dann, dass es das Ziel der Bibelerfindung der Römer gewesen sei, jüdische Rebellen und insbesondere deren Religion schlechtzumachen. Er lässt Anika Laroo folgendes berichten: «Die biblischen Texte, welche von den Römern niedergeschrieben worden waren, dienten nicht nur dazu, Massen unter einer Religion zu vereinen, sondern bezweckten auch, die rebellischen Horden, in diesem Fall vor allem jüdische Rebellen, in ein schlechtes Licht zu rücken. Dies geschah, indem man sie beschuldigte, sich gegen Jesus gewandt und ihn ermordet zu haben. Damit wurde der Grundstein für den Antisemitismus gelegt.» (S.110-111). Da fragt man sich: warum sollte man eine Menschengruppe ächten, die man selbst erschaffen hat?

Noch verwirrender wird es, wenn man sich an die vorherigen Kapitel zu der Chasaren-Legende erinnert. Da wurde noch zwischen echten und falschen Juden unterschieden, wobei die echten «Nachkommen Abrahams» (S.30) wären. Wenn die Bibel und alle in ihr enthaltenen Figuren allerdings erfunden worden sind, dann wird es schwierig mit dieser Ursprünglichkeit. Das dürfte jüdische Menschen wohl tief verletzen.

Wahllose Komplikationen

Dass Touber es nicht schafft, die teils als Selbstläufer anzusehende und kaum anfechtbare innere Logik von Verschwörungsdenken konsequent umzusetzen, lobt seine Schriftstellerkünste nicht besonders. Gleichzeitig wird dadurch hervorgehoben, wie weitreichend globale Aussagen sein können, wenn sie nicht gut überlegt wurden. Als Leserin stellte ich mir wiederholt folgende Frage: Warum sollte man sich in einer Welt, die bei genauerem Hinsehen ein Schlaraffenland der Komplexität und Verwirrung ist, dafür entscheiden, eine eigene Weltsicht zu schaffen, die einfach neue Verwirrung schafft?

Abgekupferte Ausserirdische

Sosehr ich den Reiz an der Konstruktion neuer Probleme nicht fassen kann, so sehr können ihn andere weiterverbreiten. Denn wie bereits erläutert ist Touber keineswegs ein Einzelgänger, sondern ein Reproduzent der Ideen seines Umfelds. Neben David Icke war vor allem eine weitere Person gewinnbringend für die Struktur und die Inhalte seines Buchs. Malgorzata («Gosia») Duszak ist eine polnische Esoterikanbieterin, die die Plattform «Cosmic Agency» betreibt. Diese kosmische Agentur wird sogar im Quellenverzeichnis von Toubers Buch genannt, diese und andere Seiten hätten ihn beim Schreiben inspiriert. Schaut man sich die Cosmic Agency jedoch näher an, erkennt man, dass diese das Buch deutlich mehr als andere der genannten Quellen beeinflusst hat. Die kosmische Agentur von Gosia Duszak tritt seit 2017 als Vermittlungsplattform zwischen Ausserirdischen und Menschen auf. Diese stammen vom Stern «Taygeta» und hätten zu ihr persönlichen Kontakt aufgebaut. Diese Ausserirdischen sind hyperattraktiv und weiterentwickelt. Sie können telepathisch kommunizieren und nutzen dies, um Duszak von den wahren Problemen der Welt zu berichten, die die Massenmedien angeblich geheim halten wollten. Auch Duszak betont, dass die Informationen der Ausserirdischen «nicht gechannelt» werden.  Bei den weitergegebenen Informationen handelt es sich um grosse Verschwörungen, um reptilartige Ausserirdische, sogenannte «Grays» und andere Unholde. Diejenigen, die sich bis jetzt gefragt haben, woher Touber die Idee genommen hat, dass attraktive Ausserirdische ihm von Weltverschwörungen berichten, haben hiermit ihre Antwort gefunden.

Böse KI als Ideenfabrik

Gosia Duszak hat mittlerweile eine grosse, internationale Interessensgemeinschaft für ihre Taygeta-Nachrichten vorzuweisen. Mehr als 100.000 Abonnements zählt allein ihr YouTube Kanal, neben dem sie noch weitere Social Media Kanäle und die Website swaruu.org für die kosmische Agentur betreibt. Dazu kommen dutzende Esoterik-Anbietende, die die Taygeta-Idee aufgegriffen haben und behaupten, direkt mit den schönen Ausserirdischen in Kontakt zu stehen. Amüsant ist dabei, dass Duszak bei der kosmischen Agentur eine eher hintergründige Rolle einnimmt, sie lasse die Ausserirdischen lieber «selbst» sprechen. Diese «direkte» Kommunikation mit den Ausserirdischen sieht so aus, dass durch künstliche Intelligenz (KI) überattraktive Personen generiert worden sind, die eigeblendet werden, während eine KI Stimme Duszaks Verschwörungstheorien abliest. Wenn man bedenkt, dass sowohl bei Duszak, als auch bei Touber, KI zusammen mit Reptilienwesen und den Illuminaten die grösste Bedrohung für die Menschheit darstellen soll, dann ist das mehr als ironisch. Fraglich ist jedenfalls, was Duszak eigentlich zu Toubers Buch sagen würde. Angesichts der Verwendung kosmischen Agentur als Hauptinspiration für Toubers Buch liest sich folgendes Zitat auf Duszaks Website bittersüss:

«Unter keinen Umständen ist es erlaubt, die in unseren Kanälen und auf dieser Seite präsentierten Informationen zu kommerziellen Zwecken (Verkauf von Büchern und Werbematerial) zu veröffentlichen.»[2].

Verschwörungstrübsal

Toubers Buch bewegt sich in den letzten Kapiteln weiter durch diverse Abgründe und Verschwörungserzählungen. Die Ermordung von John F. Kennedy wird behandelt, der Ukraine-Krieg wird umgedeutet, der Klimawandel wird geleugnet und Chemtrails abermals erwähnt. Es ist die Rede von Nazis in der Antarktis, vom Römischen Reich, das nie gefallen sei, und nun den Vatikan stellen würde, und von Reptilien mit Drachen-Flügeln. Eine Erzählung überlagert die nächste und die düstere Stimmung, die zu Beginn heraufbeschworen wurde, macht sich nun vollends breit. In Anlehnung an die zuvor gestellte Frage nach der selbst gemachten Verwirrung, schliesst sich eine weitere Frage an. Welchen Mehrwert erhält man dadurch, tatsächliche Probleme abzustreiten und sich stattdessen neue auszudenken? Sind die realen Probleme nicht schon schlimm genug? Wahrscheinlich sind sie Touber vor allem eins: zu real. Und so erzählt er lieber andere Horrorgeschichten, die sich von gängigen Romanen besonders im Hinblick auf ihre Implikationen unterscheiden. Sich in Fantasiewelten zu flüchten, ist Verdrängung. Immer wieder zu betonen, dass alle Konflikte und alles Übel der Welt nur von einer einzigen Gruppe gesteuert werden, ist Hetze. Da helfen auch keine Verklausulierungen durch komplizierte Geschichten von Reptilien, Drakos und Illuminaten.

Unfreiwillige Introspektion

Was bleibt, ist die Rede von «wenigen jüdischen Bankiersfamilien, die beide Lager finanzierten. Sie finanzierten Hitlers Kriegsmaschinerie, was dazu führte, dass ihr eigenes Volk verfolgt und ermordet wurde.» (S.40). Was bleibt, ist Toubers Schilderung seines ahnungslosen, schockierten Protagonisten – ihn selbst – der angesichts des vielen Übels auf der Welt am Rande der Verzweiflung steht. Dabei hat er ja selbst all diese «Schandtaten» aufgeschrieben. Was bleibt, ist ein Bild, das sich in meinen Kopf gebrannt hat. Geradezu grotesk widerspricht Toubers Erzählung von attraktiven, perfekten Ausserirdischen, die ihm immer wieder neue «Wahrheiten» servieren, dem Hintergrund, vor dem dieses Buch geschrieben wurde: Ein älterer Mann sitzt vor dem Bildschirm seiner Wahl und konsumiert Verschwörungstheorien, die er dann zu einem Buch zusammensetzt. Dort kann er endlich der Held sein.

Julia Sulzmann, 02. Januar 2025

Quellen

[1] Baltrusch, E. (2015). Flavius Josephus. Seminarbeschreibung Freie Universität Berlin. Abrufbar unter: https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/bereiche/ab_baltrusch/studium/lehrveranstaltungen/15s/13003.html

[2] https://swaruu.org/transcripts/ Originalzital in englischer Sprache: Under no circumstances is it allowed to publish the information presented in our channels and on this page for commercial purposes (sale of books and promotional materials). 

New Heaven Can Wait – Relinfo gründet Shincheonji-Ausstiegsplattform

Wie Blätter, die neuen Halt finden wollen: So können sich Personen fühlen, die schlechte Erfahrungen mit der umstrittenen Gemeinschaft Shincheonji gemacht haben. Auf der Plattform New Heaven Can Wait können sich Menschen austauschen, die Shincheonji verlassen haben oder an ihrer Mitgliedschaft zweifeln.

Geschichte

Da sich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum Shincheonji-Ausstiege gehäuft haben, wurde 2025 die Austauschplattform New Heaven Can Wait gegründet. Die Idee kam vom Team der Kirchlichen Fachstelle Relinfo, die diese Lücke durch die zahlreichen Anfragen von Ausgestiegenen bemerkt haben. Ziel von New Heaven Can Wait ist es, dass die Plattform zunächst mit der Unterstützung von Relinfo läuft, bis sich eine eigenständige Community gegründet hat.

Voraussetzungen

New Heaven Can Wait ist ein sicherer Ort für alle Personen, die negative Erfahrungen mit Shincheonji gemacht haben. Deshalb werden keine Bekehrungsversuche von Shincheonji-Mitgliedern oder Mitgliedern anderer religiöser Gemeinschaften toleriert. Damit jede Person sich authentisch zu ihrer Lebensgeschichte äussern kann, wird ein respektvoller Umgang erwartet, der keinen Platz für Diskriminierung bietet.

Mitmachen

Das Angebot ist kostenlos und jeder entscheidet, wie viel er oder sie teilen möchte. Interessierte können sich gerne unter der Kontaktmail melden und uns kurz ihre Beweggründe berichten.

Julia Sulzmann und Angela Heldstab, 02. Januar 2025

«Die Influencer:innen der Letzten Tage» zwischen Tradition und Moderne

Ein neuer Aushandlungsort von Religion

In den letzten Jahren hat sich das religiöse Feld stark verändert. Immer mehr Menschen, die sich als religiös bezeichnen, nutzen Plattformen wie Instagram, TikTok, YouTube und Facebook, um ihre Weltanschauung zu verbreiten. Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Religion im 21. Jahrhundert neu verhandelt wird. Ein bemerkenswerter Trend ist die Zunahme sogenannter religiöser Influencer:innen, die sich selbst als «Christfluencer:innen», «Glaubensinfluencer:innen» oder «Sinnfluencer:innen» bezeichnen. Diese Influencer:innen nutzen soziale Medien nicht nur, um ihre Botschaften zu verbreiten, sondern auch, um insbesondere eine jüngere Generation anzusprechen. Besonders auffällig ist die wachsende Zahl mormonischer Influencer:innen, die sich häufig auf Familienthemen konzentrieren. Tatsächlich ist ein Grossteil der sogenannten Family-Influencer:innen mormonischen Glaubens. Diese Influencer:innen erzählen dabei von ihren eigenen Erfahrungen und religiösen Werte, die ihre Erziehung und Lebensweise prägen.

Wer sind die Mormonen?

Der Mormonismus ist eine religiöse Bewegung, die als Neuoffenbarungsbewegung gilt und weltweit etwa 70 verschiedene Gruppierungen mit mehreren Millionen Anhänger:innen umfasst. Als «Mormonen» werden alle Gemeinschaften bezeichnet, die das Buch Mormon als heilige oder zumindest wichtige Schrift anerkennen. Die grösste mormonische Kirche, die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» (LSD), hat ihren Sitz in Salt Lake City, Utah. Seit 2018 möchte die LDS-Kirche und die «Gemeinschaft Christi» nicht mehr als «Mormonen», sondern als «Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» bezeichnet werden. Dennoch konnte sich diese Namensänderung in der breiten Öffentlichkeit noch nicht durchsetzen, was angesichts der Länge des Namens nicht erstaunt. Insbesondere auf Social Media wird der Begriff auch von mormonischen Personen weiterhin genutzt (und wird auch hier so verwendet) und hat dadurch auch neuen Auftrieb erhalten.

Gründungsmythos

Der Mormonismus geht auf Joseph Smiths zurück, der 1805 in Sharon, Vermont, geboren wurde. Er wuchs in einer religiösen Familie auf und soll sich bereits in jungen Jahren für unterschiedliche Religionen interessiert haben. Im Jahr 1820 soll er eine Vision gehabt haben, in der ihm Gott und Jesus Christus erschienen und drei Jahre später eine weitere, in der ihm der Engel namens Moroni erschien. Der Engel erzählte Smith von vergrabenen Goldplatten, auf denen die Geschichte eines alten Volkes aufgeschrieben sei. Smith grub die Platten aus und begann die Inschriften mithilfe von speziellen Geräten, die zunächst als «Peepstones», später als «Urim» und «Thummim» bekannt wurden (Begriffe, die auf alttestamentliche Wurzeln zurückgehen) zu übersetzen. Aus dieser Übersetzung ergab sich das Buch Mormon, das im Jahre 1830 veröffentlicht wurde. Darin ist die Geschichte zweier Völker niedergeschrieben sowie Prophezeiungen über die Wiederkunft von Jesus in den USA. Smith gründete 1830 gründete in Fayette, New York, offiziell die Kirche Jesu Christi, aus der die Gemeinschaft Christi hervorging, die heute rund 250.000 Mitglieder zählt. Smith wurde zum Propheten und Führer der Kirche ernannt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der mormonischen Lehre sind die 133 Offenbarungen, die Smith in seinem Werk «Lehre und Bündnisse» zusammengefasst hat. Dieses Dokument enthält Anweisungen zur Organisation der Kirche, zur Lebensführung (einschliesslich der Praxis der Polygamie), zu Heilslehren, zur Taufe Verstorbener und zu vielen anderen Themen. Der Gründungsmythos ist jedoch nicht unumstritten. Historiker:innen und Kritiker:innen stellen die Existenz der Goldplatten, die Umstände ihrer Entdeckung sowie andere Aspekte rund um Smiths Leben in Frage. Trotz der Kritik spielt der Gründungsmythos noch immer eine zentrale Rolle bei den mormonischen Gemeinschaften.

Mormonen auf Social Media

Mormon:innen sind auf Social Media omnipräsent. Dabei fällt ein Thema ins Auge: das Spannungsverhältnis zwischen modernen Lebensstilen und traditionellen Werten. In Utah, dem Zentrum der mormonischen Gemeinschaft, sind viele Frauen auf Social media aktiv und nutzen diverse Plattformen, um ihren Glauben zu verbreiten und ihr Einkommen zu verbessern. In der mormonischen Kultur ist es üblich, dass die Mitglieder sehr früh heiraten, oft schon mit 16 oder 18 Jahren. Mit der Ehe werden die Frauen zu Ehefrauen, Mütter und Hausfrauen und sind damit mit den familiären Pflichten betraut. Für viele dieser Frauen ermöglichen die sozialen Medien ein zusätzliches Einkommen zu demjenigen ihres Ehemannes, ohne ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter zu gefährden, da sie noch immer zu Hause arbeiten. Bereits in den 2000er Jahren gab es sogenannte «Mommy Blogger», die ihre häuslichen Fähigkeiten wie Backen, Kochen und Haushaltsführung online teilten. Auch heute werden diese Fähigkeiten über die sozialen Medien verbreitet und damit aufgezeigt, dass deren Beherrschung mit Erfolg und Zufriedenheit verbunden werden. Daher erstaunt es nicht, dass das Netz gefüllt ist mit Videos von perfekten, jungen, glücklichen und wohlhabenden mormonischen Familien. Die Kehrseite dieser scheinbar perfekten Ansichtskarten-Familien ist, dass fundamentalistische Familienvorstellungen, die Abtreibung ablehnen, die Ehe zwischen Mann und Frau betonen und die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau idealisieren, romantisiert dargestellt werden.

Mormon:innen sind insbesondere auf TikTok aktiv, um ihre Erfahrungen und ihren Glauben zu teilen. Unter dem Begriff «Mormon Tok» erstellen und verbreiten Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Inhalte, die sich auf ihren Glauben und mormonischen Alltag konzentrieren. Neben dem von der Kirche selbst erstellten Kanal gibt es auch die TikTok-Community #MomTok, die von Taylor Frankie Paul gegründet wurde. Paul nutzt diese Gruppe, um als moderne Frau über die Herausforderungen als Mutter und Frau in der mormonischen Gemeinschaft zu sprechen. Ihr Kanal wurde innerhalb kurzer Zeit bekannt und wurde durch Pauls Rolle in der Serie «Secret Life of Mormon wife» noch befeuert. In den TikTok-Videos trifft sich Paul mit Freundinnen (ebenfalls Mormoninnen) aus Utah und postet gemeinsam mit ihnen Tanzvideos. Es sind alle junge Mütter und Ehefrauen, die auf ihren individuellen Kanälen ebenfalls sehr viele Follower:innen haben und gemeinsam in der Serie «Secret Life of Mormon wife» auftreten.

Die Familie im Zentrum

Ein zentrales Element des mormonischen Glaubens ist die Betonung von Familie und Ehe. Influencer:innen in dieser Gemeinschaft geben häufig Einblicke in ihr Familienleben. Sie erklären ihre Erziehungsstile und posten gemeinsame Familienaktivitäten. Es fällt auf, dass die Darstellung von Familie und Mutterschaft auf diesen Plattformen häufig von stereotypen Rollenbildern geprägt ist, die einen grossen Druck auf die Mitglieder ausübt. Frauen werden häufig als Mütter, Ehe- und Hausfrauen dargestellt, während Männer Väter, Versorger und Entscheidungsträger in der Familie sind. Wohlgemerkt handelt es sich in diesem Familienverständnis um Frau, Mann und Kinder. LGBTQ+-Themen werden abgelehnt. Ein Beispiel einer solchen Influencerin ist Hannah Neeleman (auch bekannt als Ballerinafarm). Sie ist Mutter von acht Kindern und betreibt mit ihrem Mann eine erfolgreiche Farm. Sie postet auf ihrem Kanal «Ballerinafarm» Videos, wie sie zu Hause selbst Nahrungsmittel herstellt, im Stall mitarbeitet, Yoga macht und gleichzeitig ihre acht Kinder in Schach hält. Daneben findet man auch einige Posts von ihr als Schönheitskönigin, da sie regelmässig an Schönheitswettbewerben teilnimmt (und natürlich gewinnt). In anderen Videos tanzt sie bei Sonnenuntergang als Ballerina über den Acker ihrer Farm auf ihren Mann zu (ihr grosser Traum war es Ballerina zu werden). Auch Nara Smith ist eine aufstrebende Influencerin, die durch ihre Inhalte über das Leben als mormonische Frau und Mutter mittlerweile eine grosse Fangemeinde gewonnen hat. Sowohl Neeleman als auch Smith werden als Tradwifes gesehen, da sie beide die traditionelle Häuslichkeit und Weiblichkeit idealisieren.

«Trad Wifes»

Unter Tradwives versteht man eine Bewegung, die in letzter Zeit analog zu den Mormon:innen beliebt wurden. Dabei handelt es sich um eine Abkürzung von «Traditional Wives», die gläubige Frauen beschreibt, welche als Hausfrau, Mutter und Ehefrau leben und dies aus Social Media teilen. Tradwives stehen für eine klare Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau und damit verbundene Rollenzuteilungen ein. Solche Frauen posten Videos, in denen sie erklären, wie man eine gute Ehefrau sein kann und sich für den richtigen Partner entscheidet (da man später ja finanziell von ihm abhängig ist). Tradwives haben auch ein sehr spezifisches Verständnis davon, wie man sich als Frau kleidet und das Haus einrichtet. Die Ästhetik orientiert sich dabei an den 50er und 60er Jahren, wo die Frauen mit Dauerwelle und Kleider in der Küche standen. Die Bewegung wird – wie die meisten fundamentalistisch ausgerichteten Bewegungen allgemein – als Reaktion auf die moderne Gesellschaft gesehen, die für die Gleichstellung der Geschlechter und die Emanzipation der Frauen einsteht. Solche moderne Gegebenheiten werden in diesem Verständnis als Krise wahrgenommen, die nur durch die Rückbesinnung auf traditionelle Werte überwunden werden kann. Neben der offensichtlichen Rückwärtswendung der Frauenrechte steht diese Bewegung, wie auch die mormonischen Influencer:innen wie Ballerinafarm in der Kritik, dass sie ein idealisiertes Bild entwerfen, dem die meisten gar nicht gerecht werden können.

Glaube und Lifestyle

Neben der Familie sprechen die mormonischen Influencer:innen auch über ihren Glauben, teilen Zitate und verknüpfen dies meist auch mit Lifestyle-Inhalten. Sie teilen Rezepte, DIY-Projekte, Mode- und Fitnesstipps. Damit sprechen sie ein breites Publikum an, dass vielleicht nicht primär am Glauben, sondern an familienorientierten Lebensstilen interessiert ist. Beispiele solcher Influencer:innen, die Glaube mit Lifestyle verbinden sind Brooklyn und Bailey McKnight, mormonischen Zwillingsschwestern, die auf Instagram und über 9 Millionen Follower:innen zählen. Sie gründeten ihren Kanal 2013 als Teenager und nutzen ihre Plattform seitdem für Themen wie Mode, Beauty und Familie. «The Bucket List Family» ist ein Beispiel einer Familie, die um die Welt reist und ihre Abenteuer und ihren Glauben auf Social Media teilt und sich ebenfalls über eine hohe Followerzahl erfreut. Megan Smith ist eine bekannte Lifestyle-Bloggerin, die diverse Tipps für die Erziehung, fürs Kochen und den Haushalt gibt und gleichzeitig über ihren Glauben spricht.

Secret Life of Mormon Wives

Im Herbst 2024 ist auf Hulu die Serie «Secret Life of Mormon Wives» erschienen, die sofort hohe Wellen geschlagen und einige Fragen aufgeworfen hat. Die oben beschriebenen acht Frauen aus Utah, die über MomTok bekannt wurden, treffen in dieser Reality-TV-Serie aufeinander und teilen ihr Leben mit der Aussenwelt. Die Frauen sind Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die jungen Frauen, alle mit glänzenden Haaren, perfekt geschminkten Gesichtern und modischer Kleidung, führen immer wieder Diskussionen darüber, ob die konservative Ausrichtung des Mormonentums (in der Keuschheit eine Tugend und Homosexualität eine Sünde und der Vater die Autorität der Familie ist) noch zeitgemäss ist und ob man diese Tradition verändern könnte. In der Serie geht es auch immer um den TikTok-Kanal MomTok, der mit einzelnen Clips viral ging und zur Serie geführt hat. Am Ende jeder Folge stellen sich die Frauen nach den jeweiligen Dramen «Will MomTok survive this?»

Frauen im Kreuzfeuer von Tradition und Moderne

Die Serie soll einen authentischen Einblick in das Leben mormonischer Frauen geben, wird aber von der mormonischen Gemeinschaft kritisch betrachtet, die anmerkt, dass das vermittelte Bild nicht der Realität der mormonischen Frauen in der Kirche entspreche. Trotz der vermeintlich liberalen Lebensweise der mormonischen Influencier:innen aus Utah, lassen sich einige sehr traditionelle, mormonische Aspekte ausmachen. Mormon:innen befolgen strenge Verhaltensregeln, die den Konsum von Koffein, Alkohol, schwarzem Tee, Drogen, Glücksspiel, Pornografie und vorehelichen sexuellen Beziehungen verbieten. Diese Verbote – und die Nichteinhaltung derselben – werden in der Serie immer wieder thematisiert. Ein weiterer Aspekt bildet die spezielle weisse Unterwäsche, die bei den Mormon:innen «Garments» genannt werden. Diese Unterwäsche muss getragen werden, da sie als heilig angesehen wird und an die religiösen Pflichten erinnern soll. Diese vielen Regeln sollen gemäss dem mormonischen Verständnis den Mitgliedern zu einem reinen und gesunden Leben verhelfen. Daher sollte man alles vermeiden, was abhängig machen könnte und damit der Seele schädigt. Während dies in gewissem Masse als gesunder Menschenverstand beschrieben werden kann, so hat ein Verbot einen bitteren Beigeschmack und wird auf nachvollziehbarer Weise kritisiert. Problematisch sind solche Vorgaben besonders, da Mormon:innen glauben, dass sie durch ihre Treue zur Kirche und ihre guten Taten zu Gott werden oder eine höhere Position im Jenseits einnehmen können. Damit sind diese Vorgaben und Verbote mit dem eigenen Seelenheil verbunden und eine Nichteinhaltung hat schwerwiegende Folgen. Bei denjenigen, die den Richtlinien folgen, kommt ausserdem ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber Nichtmitgliedern oder Mitgliedern zum Zuge, die sich nicht an die Regeln halten. Auch in der Serie wird das thematisiert. Die Frauen diskutieren immer wieder darüber, wer von ihnen Gott nähersteht.

Die Crux mit der Sexualität

Taylor Frankie Paul, eine der Protagonistinnen der Serie, sorgte 2022 für Schlagzeilen, als sie enthüllte, dass sie und ihr Freundeskreis «Soft Swinging» praktizieren – eine Aussage, die von anderen Mitglieder der Gemeinschaft bestritten wird. Verschiedene Influencer:innen, die nicht Teil der Serie sind, behaupten heute jedoch, dass es in Utah eine Swinger-Community gibt und erklären sich das damit, weil viele junge Mormon:innen zu früh heiraten und daher bestimmte Erfahrungen nachholen müssen. Eine Schlussfolgerung, die zum Stirnrunzeln einlädt. Taylor Frankie, eine der Influencer:innen der Serie erklärt, dass sie von ihrer Mutter und der Kirche unter Druck gesetzt wurde, gleich nach der High School zu heiraten, da sie bereits sexuell aktiv war. Dass eine der Protagonistinnen Sex-Spielzeuge bewirbt und vertreibt täuscht dabei nicht über die Tatsache hinweg, dass eine fehlende Sexualerziehung typisch ist für die mormonische (und andere konservativere) Gemeinschaf ist. Kindliches Kirchen oder Kreischen von Seiten der Frauen in der Serie zu diesen Themen zeigt dies schön auf. Einige sehen im Skandal um das Soft-Swinging einen Zusammenhang mit der Polygamie, die von Jospeh Smith propagiert und gelebt wurde. Die Praxis der Polygamie war in der frühen Geschichte des Mormonismus weit verbreitet, wurde aber 1890 von der LDS-Kirche aber offiziell verboten. Es gibt jedoch fundamentalistische Gruppen, die weiterhin Polygamie praktizieren und sich von der Hauptgemeinde abgespalten haben. Diese Gruppen glauben, dass die Mehr-Ehe eine göttliche Ordnung und ein Weg zur eigenen Erlösung ist. Dennoch darf an dieser Stelle kritisch angemerkt werden, dass diese Thematik wohl eher weniger mit der aktuellen Serie zu tun hat.

Feminismus auf dem Prüfstand

In «Secret Life of Mormon Wives» wird das Image der «unmormonischen» Influencer:innen immer wieder in Frage gestellt. Die Frauen der Show werden in «saints» und «sinners» (welche die Regeln der Kirche missachten) eingeteilt. Die Frauen trinken Alkohol, kleiden sich freizügig, sprechen offen über ihre vorgenommenen Schönheitsoperationen und feiern gemeinsam eine Botox-Party. Sie präsentieren sich als treusorgende Mütter und Ehefrauen, die gleichzeitig sexy und selbstbewusst sind und sich zu ihrer mormonischen Identität bekennen. Diese Darstellung vermittelt den Eindruck von Frauen, die souverän über ihren eigenen Körper verfügen und durch ihre hohen Einnahmen über Social media in einer patriarchalen Gesellschaft selbstbestimmt agieren. Dies kann durchaus als feministischer Akt interpretiert werden. In der Serie fällt dazu immer das Wort «empowering», was meist an ihrem «skandalösen» Leben festgemacht wird, das eben nicht den mormonischen Vorgaben entspricht. Dennoch kann Feminismus in diesem Zusammenhang als fehlerhaft beschrieben werden. Nicht, weil Frauen, die sich freizügig kleiden und Schönheitsoperationen auf sich nehmen, direkt eine feministische Haltung abgesprochen wird, sondern weil sie ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmtheit nur innerhalb der Grenzen ausleben, die die Gruppe toleriert. Die männlichen Partner der «MomTokers» stehen beispielsweise der selbstbestimmten Rolle der Frauen oft im Weg. Viele der Frauen verdienen durch die Serie und ihre TikTok-Aktivitäten einiges an Geld und sind damit teilweise die Hauptverdienerinnen in ihren Familien. Erfolg – sowohl materielle als auch beruflicher und familiärer – ist bei den Mormonen zentral. Es zeigt, dass man ein gutes, richtiges Leben führt und mit den mindestens drei Kindern die Familie stärkt. Dennoch ist der finanzielle Erfolg in der mormonischen Gemeinschaft auf die Männer beschränkt. In der Serie ergeben sich daher auch oft Diskussionen zwischen den Geschlechtern. In einer Episode wird ein Paar gezeigt, bei dem die Frau die Hauptverdienerin ist, während der Partner eine medizinische Ausbildung absolviert. Es wird immer wieder gezeigt, wie er eifersüchtig ist, während sie versucht, ihre Unabhängigkeit und Karriere mit seinen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Ein Mann droht seiner Frau mit der Scheidung, als sie ihm mitteilt, dass sie mit Freundinnen in Vegas eine Chippendales-Show besuchen möchte, während er im Casino spielen geht was im Mormonentum ebenfalls verboten ist (Doppelmoral vom Feinsten). Schliesslich entscheidet sie sich dafür, MomTok aufzugeben und damit ihre Beziehung zu retten, respektive ihren Mann zu beruhigen. Dieses Beispiel zeigt auf, dass in der scheinbar liberalen Welt der Influencer:innen die patriarchalen Strukturen noch immer überwiegen und die Frauen unter Druck setzten. Die Drohung der Scheidung ist deshalb so gefürchtet, da verheiratete Paare oft als besser angesehen werden, als Alleinstehende. Die Ehe gilt als heilig und wird als ewiger Bund verstanden, der auch im Jenseits fortbesteht. Gemäss mormonischer Vorstellung können verheiratete Mitglieder selbst Gott zu werden, während Unverheiratete als dienende Engel in der Ewigkeit fort existieren. Diese Sichtweise kann zur Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen führen, da die Kirche traditionelle Geschlechterrollen betont (bis 1978 war es zudem schwarzen Mitgliedern nicht möglich, das Priesteramt zu erlangen, was zeigt, dass auch Rassendiskriminierung in der Vergangenheit ein Problem war).

Ein Ausstieg ist schwierig

Auffallend ist, dass die Frauen der Serie die Kirche nicht verlassen haben. Sie nennen sich alle Mormoninnen, unabhängig davon, wie eng sie die Lehre der Kirche befolgen (wir denken an die Dichotomie von Saints und Sinners zurück). Eine der Frauen erklärt in der ersten Folge, dass viele der Mütter die mormonische Basis von Liebe, Familie und Dienst schätzen, es aber nicht schaffen, eine moderne Frau zu sein gleichzeitig und alle Regeln zu befolgen. Dennoch bleiben sie Mitglieder der Kirche, deren Vorgaben sie nicht zwingend akzeptieren. Das liegt darin begründet, dass die meisten in mormonischen Familien aufgewachsen sind und daher befürchten diese familiären Beziehungen zu verlieren, wenn sie austreten. In der mormonischen Gemeinschaft herrscht die Vorstellung vor, dass ein Familienmitglied, welches die Kirche verlässt, im Jenseits nicht wieder mit der Familie vereint sein kann.

Die Reaktion der Kirche Jesu Christi HLT auf die Serie

Schon vor dem Erscheinen der Serie zeigte sich die Kirche Jesu Christi HLT alles andere als begeistert über das anstehende Projekt. Im Oktober 2024 veröffentlichten sie den Kommentar «When Entertainment Media Disorts Faith». Auch wenn die Serie darin nicht namentlich erwähnt wurde, war die Rede von einer Reihe neuer Produktionen, die «depict lifestyles and practices blatantly inconsistent with the teachings of the church.» (Lebensstile und Praktiken offensichtlich im Widerspruch zu den Lehren der Kirche darstellen). Solche kirchlichen Statements scheinen eher selten zu sein und fallen daher umso mehr auf.

Die Attraktivität der religiösen Influencer:innen

Die mormonischen Influencer:innen ist in letzter Zeit immer beliebter geworden. Laut Prof. Dr. Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie am Institut für Praktische Theologie der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, bieten religiöse Influencer:innen in Zeiten von Unsicherheit und Kontrollverlust ein Gefühl von Sicherheit, was insbesondere für jüngere Generationen attraktiv wirkt. Umso günstiger, dass die Inhalte auf Social Media Menschen zwischen 20 und 40 Jahren ansprechen. Sie werden mit einem Weltbild konfrontiert, dass klare Regeln und damit Stabilität bietet. Dass es sich dabei um fundamentalistische Grundwerte handelt, scheint dabei in den Hintergrund zu treten. Die Attraktivität der vorgeschlagenen Weltbilder geht mit der Ästhetik einher, die solche Inhalte aufweisen. Insbesondere die Verbindung von Themen wie Familie, Glück und Glaube mit Lifestyle-Themen wirkt auf jüngere Generationen ansprechend, da sie sich dabei an aktuellen Trends orientieren.

Wachsende kritische Szene

Neben den mormonischen Influencer:innen, die als Super-Frauen auftreten, wächst auch die kritische Szene, welche diese Stars und die Mormonengemeinschaft kritisch hinterfragt. Ehemalige Mitglieder nutzen sozialen Medien, um ihre Geschichten zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. Ein Hauptthema dieser Diskussionen stellen die Geschlechterrollen und patriarchalen Strukturen dar, die in der mormonischen Gemeinschaft vorherrschen und selbst bei solch liberalen Mormon:innen wie diejenigen von MomTok noch zentral sind. Ehemalige Mitglieder erzählen davon, dass sie in ihrem Leben eingeschränkt und bevormundet waren und fordern die Mormonen dazu auf, die Traditionen neu zu denken (insbesondere die Rolle der Frau). Auch der Umgang mit LGBTQ+-Themen wird kritisiert. Ehemalige Mitglieder, die sich als queer identifizieren, berichten von der Diskriminierung und dem sozialen Druck, den sie erlebt haben. Es ist bekannt, dass Mormonen zwar Homosexualität als solche nicht mehr verbieten, diejenigen, die nicht heterosexuell sind jedoch keusch leben müssen.

Ehemalige Mormonin klärt auf

Eine prominente Vertreterin dieser kritischen Stimme ist Alyssa Grenfell. Mit Tattoos und Piercings tritt sie selbstbewusst vor die Kamera und gibt einen ungeschminkten Einblick in ihre Erfahrungen als ehemalige Mormonin. Alyssa verliess die Kirche im Alter von 24 oder 25 Jahren und nutzt ihre Social-Media-Kanäle, um über die Mormonen aufzuklären. Ihre Beiträge sind deshalb wertvoll, da sie als langjähriges Mitglied detaillierte Beschreibungen liefern kann. Auf ihrem YouTube-Kanal «Alyssa Grenfell: I Gave Up Eternal Life for Coffee» und in ihrem Buch «How to Leave the Mormon Church: An Exmormon’s Guide to Rebuilding After Religion» diskutiert sie die konservativen Bräuche und Regeln, die ihr in mormonischen Erziehung vermittelt wurden und gibt Tipps, wie man den Ausstieg schafft. Mit zahlreichen Clips aus den Videos der mormonischen Influencer:innen zeigt sie auf, dass das liberale Bild, das solche Influencer:innen vermitteln wollen, meist nicht der Wahrheit entspricht.Ein Thema, das Alyssa Grenfell und andere kritische Stimmen aufgreifen, sind die sogenannten «Garments», die vorgeschriebene weisse Unterwäsche, die grundsätzlich immer getragen werden müssen (ausser beim Duschen oder Baden nicht). Einige Influencer:innen erklären, dass die Regel zum Tragen der Garments in den letzten Jahren etwas gelockert wurden und beispielsweise für Teenager und unverheiratete Frauen nicht mehr obligatorisch ist. Dennoch weist Alyssa Grenfell in Viedos darauf hin, dass bei einigen mormonischen Influencer*innen diese Garments unter der Kleidung sichtbar sind und damit noch immer zentral sind (beispielsweise bei Ballerinafarm, wo bei einer Yogaübung die Gaments sichtbar werden).

Ein zentraler Aspekt ihrer Kritik ist die Romantisierung des Tempels, die von frühester Kindheit an gefördert wird. Alyssa zitiert das Lied «I Love to See the Temple, I’m Going There Some Day, I’ll Covenant with My Father, I’ll Promise to Obey», das Kindern ab vier Jahren beigebracht wird. Sie erklärt, dass dieses Lied eine idealisierte Vorstellung vom Tempel vermittelt, der als der wichtigste Ort auf Erden gilt und auf dessen Besuch sich die Kinder freuen sollen. Alyssa selbst hatte das «Privileg», den Tempel zu betreten und beschreibt die damit verbundenen Erwartungen und den Druck.

In einem Beitrag erklärt sie, dass Kreuze bei den Mormonen verboten sind, da es der Idolatrie gleichkäme und an den Tod von Jesus erinnert. Daher finde man in mormonischen Haushalten auch keine Kruzifixe, sondern typisch mormonische Darstellungen von Jesus, meist kitschige Darstellungen, die ihn unhistorisch als hellhäutigen, blonden Mann zeigen (auch hier macht sich der langjährige Rassismus bemerkbar, bei dem gemäss mormonischer Auffassung die dunkle Hautfarbe eine Strafe Gottes war). In letzter Zeit habe sich das Kreuz als Symbol jedoch stärker durchgesetzt. Grenzfalls Theorie dazu ist, dass dadurch mehr christliche Konvertit:innen gewonnen werden.

Schlusswort und Ausblick

Mormonische Influencer:innen erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit und werden in der digitalisierten Welt wohl auf TikTok und Co. weiterhin an Einfluss gewinnen. Es konnte festgestellt werden, dass sich solche Influencer:innen in einem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne befinden und dabei insbesondere einen Einfluss auf jüngere Generationen haben, die sich Inhalte dieser scheinbar perfekten Familien anschauen. Von Seiten der mormonischen Kirchen werden diese scheinbar liberalen Ansichten meist kritisiert und als unvereinbar mit der mormonischen Tradition gesehen. Während aber Influencer:innen wie Ballerinafarm ein positives Licht auf ihre Tradition wirft, da diese das Bild der perfekten Hausfrau und Mutter abgibt, so werden die Frauen von MomTok als unmormonisch gesehen, was diese Frauen selbst mit der Bezeichnung Sinner betiteln (sich aber immer noch als Mormoninnen sehen). Auffallend und nicht zu sagen etwas besorgniserregend sind die patriarchalen Strukturen, die Geschlechtertrennung und die Rollenverteilung, die in den Inhalten idealisiert werden. Auch wenn diese Haltung als natürliche Gegenbewegung zur liberal-modernen Welt auftritt fragt man sich angesichts der wachsenden Popularität solcher Influencer:innen und Tradwives, welche Herausforderungen sich damit künftig ergeben. Es bleibt wohl nichts anderes übrig als zu hoffen und kritischen Stimmen wie Alyssa Grenfell mehr Raum zu geben.

Bernadette Jacober, 27. Dezember 2024