Hizb ut-Tahrir

Hizb ut-Tahrir oder Ḥizb at-taḥrīr (حِزْبُ التَحْرِير) ist Arabisch und bedeutet «Partei der Befreiung».

Gebräuchliche Abkürzungen sind HT und HuT.

Die Entstehung
Hizb ut-Tahrir wurde von Taqī al-Dīn al-Nabhānī 1953 im damals jordanisch kontrollierten Ostjerusalem gegründet. Da nach der Gründung Israels 1948 viele Palästinenser vertrieben oder geflüchtet sind, kam es unter ihnen zu einer starken Politisierung. Die Hizb ut-Tahrir machte jedoch eine Minderheit aus, wurde aber zur ersten indigenen palästinensisch-islamistischen Bewegung.

Der Gründer
Al-Nabhānī wurde 1909 in Idschsim, im osmanischen Palästina geboren und stammte aus einer sufistischen Familie. Nach der Schulzeit studierte er von 1928 bis 1932 islamisches Recht in Kairo und pflegte einige Zeit Beziehungen zur Muslimbruderschaft. Zuerst als Lehrer in Haifa tätig, wurde al-Nabhānī 1940 zum beisitzenden Richter ernannt. Ab 1945 wurde er Anhänger des Nationalisten Hadschi Amin el-Hosseini. Al-Nabhānī wurde Richter in Ramallah und 1950 in Jerusalem, wo er in Kontakt mit nationalistischen Gruppierungen stand. Nach der Gründung von Hizb ut-Tahrir 1953 nahm die Partei an Parlamentswahlen teil, mit unterschiedlichem Erfolg. 1955 wurde al-Nabhānī die Wiedereinreise nach Jordanien untersagt, sodass er sich in Beirut niederliess. 1973 wurde al-Nabhānī inhaftiert und durch Engagement einflussreicher Personen wieder freigelassen. Taqī al-Dīn al-Nabhānī starb 1977 in Beirut und wurde dort beigesetzt. Auf seine Schriften stützt sich die Hizb ut-Tahrir bis heute, vor allem auf das 1953 erschienene Buch «Die Lebensordnung des Islam».

Die Verbreitung
Seit den 1950er Jahren hat sich die Hizb ut-Tahrir in über 40 Ländern verbreitet, verschiedenste Zellen aufgebaut und agiert meist als Untergrundbewegung.

2003 wurde Hizb ut-Tahrir in Deutschland verboten. Begründung war ein Verstoss gegen den Gedanken der Völkerverständigung, die Befürwortung von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele, sowie israelfeindliche und antisemitische Propaganda.

Ziele und Ideologien
Ziel der Hizb ut-Tahrir ist die Befreiung der islamischen Welt vom Säkularismus. HT lehnt die Trennung von Staat und Religion ab. Die Befreiung Palästinas vom Staat Israel ist dabei heute auch ein primäres Ziel der Bewegung. Hizb ut-Tahrir vertritt einen Panislamismus und möchte alle Muslime der Welt in einem modernen Kalifat vereinen, die Scharia einführen und die muslimische Welt von allen westlichen Einflüssen frei machen. Auch islamische Nationalstaaten lehnt die HT ab, genau wie demokratische oder säkulare Staatsformen an sich.
Einen Friedensschluss und eine Anerkennung des Staates Israel kommen für HT nicht in Frage. Sie propagieren die politische Auslöschung Israels. Aber nicht nur Israel wird als Feind gesehen. Alle westlichen Staaten sieht HT als Unterdrücker und Feind des Kalifats, genau wie die islamischen Nationalstaaten, die sich dem Westen unterworfen hätten.

Die Sünde der Muslime
Die HT sieht grosse Sünde im Leben aller Muslime, da diese seit der Abschaffung des Kalifats 1924 nicht genug getan hätten, um ein neues Kalifat zu errichten. Nur wer sich aktiv für das Kalifat einsetzen würde, also Mitglied bei Hizb ut-Tahrir zum Beispiel sei, könne sich von der Sünde befreien.

Einstellung zu Gewalt
Hizb ut-Tahrir vertritt zwar die Position, dass Gewalt nicht zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele notwendig sei. Jedoch sympathisieren sie mit gewaltsamen Handlungen anderer Organisationen, solang sie diese als Verteidigung des Islams ansehen. Ausserdem beteiligen sich die Anhänger nicht am politischen System, womit die Errichtung des Kalifats letztendlich nur durch einen Staatsstreich möglich wäre.

Nach dem Vorbild des Propheten Muhammads will die Hizb ut-Tahrir ihre Ziele in drei Phasern erreichen:

  1. Marhalat al-Tathqif / die Ausbildungsphase:
    der parteiliche Block soll geformt werden durch Menschen, die von den Ideen und Methoden der HT überzeugt sind.
  2. Marhalat al-Tafa’ul / die Interaktionsphase:
    die Umma (Gemeinschaft aller Muslime) sollen den «wahren» Islam, im Sinne der HT, kennenlernen und sich für ihn einsetzen.
  3. Marhalat al-Hukm / die Phase der Regierungsübernahme:
    Der Islam und seine Botschaft sollen vollständig in den Staat integriert werden, in der ganzen Welt.

Die Hizb ut-Tahrir sieht sich momentan in der 2. Phase, der Interaktionsphase. Dabei sollen islamische Persönlichkeiten hervorgehen, welche den Islam in der Welt verbreiten und intellektuelle Konfrontationen sowie politische Kämpfe führen würden. Dazu soll die Masse der Muslime im Islam ausgebildet werden, nach der Auslegung der Hizb ut-Tahrir. Durch die intellektuelle Konfrontation mit Ungläubigen sollen die Muslime von deren Unterdrückung und schlechten Einflüssen und Systemen befreit werden. Im politischen Kampf hingegen sollen die ungläubigen Kolonialmächte und die Herrscher der Länder der islamischen Welt angeprangert und bekämpft werden. Dabei soll die HT die Interessen aller Muslime wahrnehmen.

An Universitäten und Schulen
Neue Anhänger rekrutiert Hizb ut Tahrir allen voran an Universitäten und Schulen. Bis sie 2003 in Deutschland verboten wurden, waren sie dort hauptsächlich in Universitätsstädten vertreten und haben Publikationen verteilt, sowie über Social Media versucht, junge gut gebildete Muslime für sich zu gewinnen.

Auf Social Media
Auf Social Media treten Anhänger der HT als authentische Vertrauenspersonen auf, junge Menschen, gepflegtes Äusseres, redegewandt und charismatisch. Sie reagieren auf das aktuelle Zeitgeschehen und sprechen über alltägliche Themen von jugendlichen Muslimen. Dabei geht es um die Rückbesinnung auf eine islamische Identität, streng nach den Vorstellungen der Hizb ut-Tahrir.

Weltweite Organisation
Hizb ut-Tahrir ist hierarchisch strukturiert, wobei sich das Zentrum sehr wahrscheinlich im Libanon befindet (nicht genau bekannt). Eine internationale Basis befindet sich in Grossbritannien, dazu kommen viele weitere Stützpunkte und Tochterorganisationen überall auf der Welt.

Im deutschsprachigen Raum
Nachdem Hizb ut-Tahrir in Deutschland 2003 verboten wurde, entstanden andere Initiativen, die von Anhängern der HT gegründet wurden, Begrifflichkeiten übernommen haben und dem Gedankengut der HT sehr nahestehen. Dazu gehören beispielsweise «Realität Islam», «Generation Islam» und «Muslim Interaktiv». Diese Gruppierungen agieren vor allem auf Social Media und organisieren Demonstrationen sowie Kundgebungen.

Muslimbruderschaft
Es gibt Uneinigkeit unter Fachleuten, ob die Hizb ut-Tahrir aus der Muslimbruderschaft hervorgegangen ist oder nicht. De facto gibt es viele personelle Überschneidungen bei den ersten Anhängern der HT.

NPD
2003 erschien ein Interview mit dem Sprecher der Hizb ut-Tahrir Shaker Assem in der NPD-Zeitschrift. Zu dieser Zeit gab es ein rechtsradikal-islamistisches Bündnis. Gemeinsame Basis waren dabei antiisraelische und antiamerikanische Hetze, sowie Ethnopluralismus.

Antidemokratische Tendenzen

Demokratie und alle «westlichen» Werte und Systeme werden von der Hizb ut-Tahrir abgelehnt.

Diskriminierung

Bei Hizb ut-Tahrir wird kaum je zwischen Antizionismus und Antisemitismus unterschieden. Es sind Fälle von eindeutigen antisemitischen Aussagen der HT in Grossbritannien und Deutschland bekannt. Dazu kommen provokative Aktionen auch gegen Hindus und Homosexuelle.

Frauen dürfen auch Mitglieder der HT sein. Sie haben jedoch gesonderte Frauen-Sitzungen und unterliegen der Aufsicht ihrer Ehemänner oder Vormündern.

Exklusivität

Hizb ut-Tahrir glaubt, dass nur Muslime, die sich aktiv für die Errichtung eines Kalifats einsetzen, Busse tun. Alle anderen Muslime würden in grosser Sünde leben und folglich von Gott bestraft werden. Nur die HT habe den einen «wahren» Islam.

 Gut und Böse

Die Hizb ut-Tahrir sieht klar in allen Nicht-Muslimen und nicht-islamischen Ideen das Böse.

Strenge Regeln

Alle Muslime sollen sich streng an die Regeln der Scharia halten. Verstösse sollen dann auch dementsprechend bestraft werden: beispielsweise Steinigung bei Ehebruch.

Weltherrschaftspläne

Hizb ut-Tahrir strebt ein weltweites Kalifat an, unter dem sich alle Muslime vereinen sollen.

Hizb ut-Tahrir ist in über 40 Ländern aktiv. Die meisten Anhänger hat HT in Südostasien. Ausserhalb Europas ist die Bewegung fast in allen Ländern heute verboten, innerhalb Europas nur in Deutschland, Russland und Grossbritannien.

Die Anzahl Anhänger ist schwer festzustellen, wird aber weltweit auf mehrere Zehntausend geschätzt, tendenziell ansteigend.

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