Manifestieren
Manifestieren leitet sich vom lateinischen Verb manifestare ab, das so viel bedeutet wie «offenbaren» oder «sichtbar machen». So wird das Wort im medizinischen Bereich zur Beschreibung von sichtbar gewordenen Symptomen einer Krankheit verwendet, oder von Psychologinnen und Psychologen zur Beschreibung von Variablen, die direkt messbar – also sichtbar gemacht worden sind. Im weltanschaulich-religiösen Bereich wird das Wort einerseits gebraucht, um Wunder zu beschreiben. Andererseits – und diese Verwendung dominiert seit einigen Jahren – wird mit Manifestieren die Fähigkeit beschrieben, sich durch die eigene Gedankenkraft eine Realität nach den persönlichen Vorlieben zu erschaffen.
Manifestieren kann als eine Art des magischen Denkens betrachtetet werden. Magisches Denken, das bereits in frühen Hochkulturen nachweisbar ist, bezeichnet eine Denkweise, bei der kausal nicht verbundene Ereignisse als zusammenhängend betrachtet werden und Worte als Realitätsverändernd angesehen werden. Dies geschieht auf einem Spektrum: Wer daran glaubt, dass man nur als Strafe vom Blitz getroffen werden kann, kann trotzdem korrekt erkennen, dass das Wasser nicht durch Gedankenkraft, sondern die Hitze auf dem Herd kocht.
Das Ausmass des Glaubens an nicht vorhandene Zusammenhänge variiert je nach Situation, Person, Kultur und Gesellschaft. Beobachtbar ist allerdings, dass magisches Denken stärker wird, wenn eine grosse Unsicherheit herrscht, viel auf dem Spiel steht oder der Ausgang eines Ereignisses sehr ungewiss ist.
Die weltanschauliche Grundlage für die heutige neuere Esoterik-Szene bildet jedoch eine Bewegung aus dem 19. Jahrhundert, die sogenannte Neugeist-Bewegung (New Thought Movement). Von Vertretenden der Bewegung wurde der Gedanke belebt, dass in jedem Menschen Göttliches steckt («Divine Within»). Diese schöpferische Kraft wollen Vertretende nutzbar machen können. Ausgehend von der menschlichen Beschaffenheit bieten sich dafür zwei Wege an: erstens die Macht der Gedanken und zweitens die Macht des gesprochenen Worts.
Verbunden wurden diese Grundüberlegungen mit dem Gedanken, dass Gleiches sich gegenseitig anzieht, was von Szeneangehörigen auch als «Gesetz der Anziehung» bezeichnet wird. Daraus entstand der Grundstein für das sogenannte «Positive Denken», wonach der Gedanke an Gutes und Schönes Menschen ein erfreuliches Leben bringt und negative Gedanken zu unerfreulichen Lebensrealitäten führen.
Neuere Vorläufer dessen, was heute als «Manifestieren» gilt, sind – unter anderem – im englischsprachigen Raum die Werke der Schriftstellerin Rhonda Byrne und im deutschsprachigen Raum die Werke von Pierre Franckh.
Rhonda Byrne ist eine australische Schriftstellerin und Drehbuch-Autorin und wurde 2006 mit der Veröffentlichung des Buchs und gleichnamigen Films «The Secret» international erfolgreich. Byrne bezieht sich vorrangig auf das bereits in der Neugeistbewegung propagierte «Gesetz der Anziehung» (Law of Attraction), das sie als seit Menschengedenken gehütetes und Geheimnis vermarktet. Zentrale Aussagen in Byrnes Werk sind:
- Das «Gesetz der Anziehung» sei ein Naturgesetz, wie der Name suggeriert.
- Alles, was Menschen geschehe, lasse sich auf die eigenen Gedanken zurückführen.
- Wenn Menschen positiv denken, könne Ihnen nichts Schlechtes passieren.
- Erklärungsinstanz des Anziehungsgesetzes seien verschiedene «Frequenzen», die auf einer Art Spektrum zwischen Positiv und Negativ rangieren und mit Gedanken und Realitäten korrespondieren.
Mit diesen Grundsätzen will Byrne eine Vielzahl von grossen Fragen beantworten können: Wie nehme ich ab? Wie werde ich reich? und schliesslich: Wie werde ich glücklich?
Pierre Franckh (geb. 1953) ist ein deutscher ehemaliger Schauspieler und Autor sowie ein Anbieter auf dem Markt der spirituellen Persönlichkeitsentwicklung. In seinem Hauptwerk «Erfolgreich wünschen» aus dem Jahr 2005 sowie in den darauffolgenden Büchern verwendet er ähnliche Grundsätze wie Byrne, denkt sie aber hinsichtlich ihrer praktischen Anwendbarkeit weiter. Für ihn ist das «Gesetz der Resonanz», wie er es nennt, Grundlage dafür, sich sein Traumleben erwünschen zu können. Dafür müsse man nach Franckh jedoch gewissen Regeln befolgen, die alle zusammen das Wünschen nicht so einfach machen, wie es auf den ersten Blick scheint. Beispielsweise dürfe man keine Verneinungen verwenden, da «das Universum» diese nicht verstünde. Versucht man also, nicht zuzunehmen, wird man laut Franckh zunehmen. Versucht man hingehen, sich bereits vor der Wunscherfüllung über verlorene Kilos zu freuen, wird man laut Franckh abnehmen.
Zwischen den Werken von Byrne und Franckh, die stellvertretend für unzählige weitere Anbietende und Werke aus dem Bereich stehen, existieren viele Parallelen. Offenkundig werden besonders diese Überzeugungen:
- Zentrum der Allmacht ist das Universum, wobei manchmal synonym von Gott oder einer göttlichen Macht gesprochen wird.
- Das Konzept der Anziehung wird nie in Verbindung mit weltpolitischen Themen wie Armut gesetzt, sondern stets nur auf den eigenen, meist mit Privilegien verbundenen Lebenskontext bezogen.
- Manifestieren oder wünschen will gelernt sein. Ein grundsätzlich einfaches Konzept wird in der Anwendung kompliziert.
Eine einflussreiche Anbieterin auf dem deutschsprachigen Esoterik- und Selbstverbessungsmarkt ist seit circa 2016 die deutsche Laura Malina Seiler (geb. 1986). Zunächst war sie wegen ihrer Podcasts beliebt, in denen sie, den Achtsamkeitstrend aufgreifend, mit geführten Meditationen begann. Später entwickelte sie ein umfassendes Lebens-Coach Angebot, das aus einer «Schule», Kursen, Büchern und Live-Auftritten besteht. Heute steht auch bei ihr das Manifestieren im Vordergrund. Insofern illustriert ihr Werdegang die zu beobachtende Entwicklung vom Achtsamkeitstrend hin zur Manifestationswelle eindrücklich. Im Gegensatz zu Byrne und Franckh ist bei Seiler ein wesentlicher Fokus auf sie als Person festzustellen. Die einzelnen weltanschaulichen Angebote und Überzeugungen scheinen, typisch für die durch Soziale Medien beförderte Personenzentrierung, nur als Unterfütterung ihrer Selbstvermarktung zu dienen.
Die Dominanz von Sozialen Medien hat über den Fokus auf einzelne Personen hinaus den Lebens-Coach und somit auch Manifestationsbereich verändert. Nicht selten findet sich das Phänomen, dass Personen des öffentlichen Lebens zu bemerkenswerten Followerzahlen und monetärem Erfolg gelangen und am Ende die Frage steht: Warum Ich? Nicht wenige, besonders diejenigen, die zu magischem Denken neigen, führen ihren Erfolg (lediglich) auf die richtige Einstellung zurück. So lässt sich schnell die Brücke zur Manifestation schlagen. Aus diesen Erfolgsgeschichten entstehen dann wiederrum Manifestations-Angebote wie Kurse oder Bücher. Beispiele für diese Entwicklung sind:
- Die deutsche Influencerin Luisa Eckhard (geb. 1989), auch bekannt als Luisa Lión, die 2009 als Mode-Bloggerin anfing und heute eine der erfolgreichsten deutschen Lifestyle-Influencerinnen darstellt. Eckhard bot im Laufe ihrer Karriere immer wieder Produkte im neuen Spiritualitäts- bzw. Esoterikbereich an, darunter Schmuck mit Sternzeichen-Motto oder Horoskop-Podcasts. 2024 veröffentlichte sie das Buch «Dream Chaser – Bist du bereit für dein neues Leben?», das auch als «die neue Manifestations-Bibel» bezeichnet wird.
- Die deutsche Influencerin und Unternehmerin Carmen Kroll (geb. 1992), auch bekannt als Carmushka, die seit circa 2015 im Internet präsent ist und über eine Million Follower auf Instagram verzeichnet. Sie veröffentliche 2021 ihr Buch «Mein Kopf, ein Universum» das sich unter anderem damit beschäftigt, wie sie durch Manifestation erfolgreich geworden ist. 2024 folgte das dazugehörige Kinderbuch «Mein Knopf, ein Universum».
Manifestieren ist die angewendete Überzeugung, dass Gedanken Realitäten schaffen. Die Anwendung besteht zumeist aus gedanklichen oder ausgesprochenen Wiederholungen von Wünschen und Träumen, wobei einige Anbietende auch Visualisierungstechniken oder Affirmationen einsetzen.
Einige Personen raten dazu, sich beispielsweise die Traumpartnerin oder den Traumpartner zu manifestieren, indem konkrete Listen mit Charaktereigenschaften und optischen Merkmalen verfasst werden.
Affirmationen sind laut ausgesprochene Glaubenssätze in der Jetzt-Form, die auch in Psychotherapie und Coaching zum Einsatz kommen (Beispiel: «Ich bin gut so, wie ich bin.») Affirmationen werden beim Manifestieren allerdings häufig von ihrem therapeutischen und selbstwertsteigernden Kontext entfernt und zur Umsetzung äusserlich messerbarer Erfolge genutzt (Beispiel: «Ich bin reich und schön.»).
Gerechte Welt Glaube
Eine der weltanschaulichen Grundlagen der heutigen Manifestationsszene bildet der sogenannte Gerechte-Welt-Glaube. Damit ist die Erwartung gemeint, dass die Welt grundsätzlich gerecht ist und dass Menschen erhalten können, was Ihnen zusteht. Bei Vertretenden zeigt sich dies in dem Glauben, dass ihnen Wohlstand und Glück zustehen und bereits für sie bereitstehen. Pierre Franckh schreibt in seinen Büchern, dass mangelnder Wohlstand eine Frage der inneren Einstellung sei. Sobald man verinnerliche, dass es gerecht ist, reich zu sein, stelle sich Wohlstand von selbst ein.
Spiritualität-Light
Einen gemeinsamen weltanschaulichen Nenner bildet in der Manifestationsszene das Verhältnis zu Gott, bzw. einer synonym verwendeten göttlichen Allmacht. Fragt man Szeneangehörige nach Gott, erhält man meist die Antwort, dass sie zwar an etwas höheres glauben, aber ein Gott abgelehnt wird. Angefügt wird dann häufig, dass eigentlich alle Konzepte höherer Macht das gleiche aussagen und für sie unter dem Begriff «Universum» zusammengefasst werden könnten. Praktisch ist diese Sicht insofern, als dass keine komplizierten Rituale durchgeführt und keine heiligen Schriften verinnerlicht werden müssen, um sich als Teil der Manifestierenden zu fühlen. Einige Szeneangehörige gehen sogar so weit, Manifestieren als nicht spirituell, sondern als weltliche Methode zu betrachten, was die Durchlässigkeit der Szene verdeutlicht. Ermöglicht wird diese Haltung von den pseudowissenschaftlichen Begrifflichkeiten, wie es zum Beispiel beim «Gesetz der Anziehung» der Fall ist.
Wie Manifestieren in der Praxis umgesetzt wird, lässt sich durch Anbietende auf sozialen Medien beantworten, die immer neue Methoden zur erfolgreichen Manifestation veröffentlichen. Manchmal geht es dabei um allgemeine Wünsche, wie darum, glücklich zu sein. Dazu rät beispielsweise Rhonda Byrne in einem ihrer YouTube Videos, sich 10- bis 50-mal hintereinander laut vorzusagen «Ich bin glücklich». Andere Anleitungen werden wesentlich konkreter. So soll es bei der Wahl der Traumpartnerin oder des Traumpartners helfen, alle optischen und charakterlichen Eigenschaften in einer Liste aufzuschreiben und dabei möglichst ins Detail zu gehen.
Unterstrichen werden die Inhalte dieses immer grösser werdenden Methodenkatalogs mithilfe von anekdotischer Evidenz, d.h. mit scheinbar beweisführenden Erfolgsgeschichten.
Im Zusammenhang mit Manifestation werden immer wieder psychologische Konzepte und Effekte genannt, sowohl von kritischen, als auch von lobenden Stimmen. Die häufigsten werden hier kurz zusammengefasst und mit Manifestation in Verbindung gesetzt.
Selbst-Erfüllende Prophezeiung
Eines der häufigsten im Zusammenhang mit Manifestation genannten psychologischen Konzepte ist die selbst-erfüllende Prophezeiung. Diese bezieht sich auf das Phänomen, dass die Überzeugungen zu einem bestimmten Sachverhalt die Handlungen einer Person so beeinflussen, dass sich die Überzeugungen scheinbar magisch erfüllen. Szeneangehörige behaupten allerdings, dass es gerade der Kern von Manifestieren sei, dass keine Handlungen nötig sind, um sich seinen Überzeugungen sowie Wünschen anzunähern. Wenn «erfolgreiche» Manifestationen durch selbst-erfüllende Prophezeiungen erklärt werden sollen, dann ist dies nur möglich, wenn man die Handlungsebene einer Person miteinbezieht.
Rückschaufehler
Auf Sozialen Medien tummeln sich Erfahrungsberichte zu Manifestationsmethoden, erfolgreiche und weniger erfolgreiche. Bei den angeblich erfolgreichen Manifestationen wird von aussen betrachtet immer wieder der sogenannte Rückschaufehler deutlich, der besagt, dass Menschen dazu neigen, die Vorhersagbarkeit eines Ereignisses zu überschätzen. Unterschätzt wird bei dem Erreichen eines Ziels dann jeweils die Wahrscheinlichkeit, die bestand, dass es nicht erreicht wird. Wer beispielsweise befördert wird, kann im Anschluss sagen: «das habe ich mir manifestiert», was die Option des Scheiterns vollkommen aussenvorlässt.
Fundamentaler Attributionsfehler
Der fundamentale Attributionsfehler besagt auf einer vereinfachten Ebene, dass Menschen die Macht der eigenen Einflusskraft tendenziell überschätzen und die Macht der Situation unterschätzen. Insgesamt verdeutlich dieser Attributionsfehler die Bedeutung der Ursachenzuschreibung eines Ereignisses, die bei Manifestierenden häufig ähnlich abläuft. Wenn mir etwas gutes geschieht, dann habe ich es manifestiert und es ist nicht durch äussere Einflüsse entstanden. Bei struktureller Ungleichheit wird von Hardlinern von einer Schuld der betroffenen Personengruppen ausgegangen.
Umgang mit Ungleichheit
Manifestierende besitzen häufig den oben genannten Gerechte-Welt-Glauben, die Überzeugung, dass die Welt an sich gerecht ist und Menschen das bekommen können, was ihnen zusteht. Automatisch fragt man sich: Was steht Menschen zu? Sieht man sich die Inhalte auf Sozialen Medien an, erhält man den Eindruck, dass es den Manifestierenden nicht um das Dach über dem Kopf zu gehen scheint, sondern um eine europäisierte Variante des American Dream. Häufig anzutreffen ist das Streben nach Statussymbolen und finanzieller Unabhängigkeit in Form von Geldanlagen, die für sich arbeiten und so klassische Erwerbsarbeit obsolet machen.
Unweigerlich fragt man sich darüber hinaus, was Vertretende zu struktureller Armut, zu Hungersnöten, zu Kriegen oder Schicksalsschlägen sagen. Folgt man konsequent der Logik des «Gesetzes der Anziehung», dann wären all diese Dinge selbst verschuldet. Tatsächlich werden Manifestationsfans bei diesen Themen meist zurückhaltend und trennen das eigene Lebens-«Gesetz» von anderen Lebensrealitäten. So sagte die Schweizer Schauspielerin und Moderatorin Melanie Winiger (geb.1979) in einem Beitrag von SRF-Kultur, dass sie seit fünf Jahren erfolgreich manifestiere. Auf Armut und Krankheiten angesprochen erklärt sie: «Mit Krankheiten und so Sachen, das ist ganz ein schwieriges Thema». Für sie finde Manifestation nur im Bereich des Positiven statt, negative Ereignisse seien unterschiedlich zu bewerten. Was ihre eigene Biografie angeht, sei sie der Überzeugung, dass die negativen Erlebnisse aus einem Grund geschehen seien und damit Teil eines Veränderungsprozesses.
Dieses schwierige Verhältnis zu Ungleichheit sorgt immer wieder für Kritik an der Manifestationsszene. Kontrovers diskutiert werden auch die möglichen Auswirkungen dieser Abkapselung von realen Problemen für die Gesellschaft. Während einige angesichts der weltpolitischen Lage Verständnis für diesen Rückzug in die eigene Wunschwelt aufbringen, sehen andere die Entpolitisierung und Individualisierung kritisch.
Finanzielle Probleme
Die Methoden, die beim Manifestieren verwendet werden, können teilweise hilfreich sein, wie zum Beispiel Affirmationen. Negative Glaubenssätze durch selbstwertstärkende zu ersetzen, kann positive Auswirkungen auf das Leben haben. Kritisch wird Manifestation jedoch, wenn es um die Bewältigung realer Probleme geht. Sich Schulden weg zu manifestieren – wie es z.B. in Pierre Franckhs Büchern immer wieder Thema ist – kann weitreichende negative Konsequenzen haben. Warum das Thema Schulden und finanzieller Aufstieg in der Manifestationsszene neben der Suche nach Traumpartnerschaften so eine zentrale Rolle spielt, lässt sich durch Angebot und Nachfrage erklären. Menschen, die mit vielen Bereichen ihres Lebens zufrieden sind, suchen seltener Rat bei esoterischen Anbietenden, so auch bei Manifestationsgurus. Besonders problematisch ist dieses Zielpublikum auch, weil die Tendenz, für undurchsichtige Angebote Geld auszugeben, bei Manifestationsfans befeuert wird. Neben harmlosen Angeboten wie Büchern existieren auch langfristige Kurse, die mehrere Tausend Franken kosten und mit Ratenzahlung locken. Das Abrutschen in finanzielle Schieflagen ist dadurch eine der wesentlichen Gefahren der Manifestationsszene.
Psychische Probleme
Kritische Stimmen warnen zudem vor den Gefahren für die Psyche, die vor allem durch den erlebten Zwang, nur noch positiv zu denken, entstehen können. Wer den Anspruch an sich erhebt, keine negativen Gefühle mehr zu empfinden, wird automatisch enttäuscht werden. Einige begegnen dieser Enttäuschung mit Schuldgefühlen, die besonders bei einer fehlenden Passung von Wunschleben und Realität zu psychischen Problemen führen können.
Übergang zu anderen weltanschaulichen Szenen
Manifestieren wird, besonders wegen der weltanschaulichen Ungebundenheit und der Heterogenität der Szene, gerne von anderen Gruppen verwendet. Im Vordergrund steht dabei die Witchtok-Szene, bei der über Zaubersprüche hinaus diverse esoterische Ideen vermarktet werden. Am prominentesten ist dabei das Manifestieren, das in kritischer Sicht als sanfter Einstieg in die wenig sanfte Witchtok-Szene betrachtet werden kann. Die möglichen psychischen Probleme und finanziellen Schieflagen beim Manifestieren gelten für die Online-Hexenszene ebenso, wobei diese darüber hinaus Verfolgungsängste befördern kann.
Manifestation kann zusätzlich nicht nur bewusst als Eintrittskarte in andere Bewegungen gesehen werden, sondern auch als weltanschauliche Grundlage für problematisches Gedankengut. Die für die Szene typische Ablehnung von Zufällen und der Glaube daran, dass alles mit allem zusammenhängt, bildet eine bekannte Parallele zu Verschwörungsdenken. Zeugnis dessen ist die offenkundige Überschneidung von Esoterik- und Verschwörungsfans, die sich teilweise radikalisiert haben.