Ein Besuch bei der Assembléia de Deus – Ministério do Belem

Geschichte und politischer Einfluss

Die Vereinigung der Assemblies of God wurde 1914 in Hot Springs USA während einer Konferenz mit internationalen pfingstlerischen Gemeindeleitern gegründet. Die Konferenz war einberufen worden, um die grundlegenden Eigenschaften und Richtlinien der Pfingstbewegung festzulegen. Kurz darauf schlossen sich weitere, mehrere Hundert Gruppierungen an. Heute bilden die Assemblies of God die weltweit grösste pfingstlerische Denomination.

In Brasilien wird die Glaubensgemeinschaft Assembléia de Deus genannt und ihr Hauptsitz liegt in Santa Rosa, Rio Grande do Sul, Brasilien. Dort geniesst sie grossen politischen Einfluss, der als rechtsreligiös beschrieben werden kann, und ist sogar an der Regierungskoalition des brasilianischen Präsidenten, Jair Bolsonaro, beteiligt.

Glaube

Die Gemeinschaft vertritt eine pfingstlich-evangelikale Glaubensrichtung. Dabei halten sie sich sehr stark an die Bibel. Sie glauben an eine göttliche Heilung, und auch die «himmlisch inspirierte» Zungenrede als Ausdruck der Kommunikation mit dem Heiligen Geist ist sehr typisch. Die konservativ-radikalen Charakteristika in der Pfingstbewegung sind in der Assembléia de Deus also deutlich spürbar. An dieser Stelle ist es vielleicht noch interessant zu erwähnen, dass die Website der Assembléia de Deus nur für diejenigen vollumfänglich zugänglich ist, welche der Gemeinschaft einen gewissen Beitrag gespendet haben. Ganz egal wie oft man versucht auf andere Links und Funktionen zu drücken, auf der Website wird man über die Gemeinde nicht schlau: als Nicht-Spender landet man nur immer wieder auf der Homepage, bei der oben rechts ein blauer, schwer übersehlicher Balken erscheint, in dem steht: «Leisten Sie Ihren Beitrag». Wenigstens gingen sie dort nicht sparsam mit der Auswahl um, wie man jetzt gerne bezahlen möchte.

Besuch bei der Gemeinde in Zürich

Am Sonntag, den 11.04.2021, machte ich mich dann selbst auf den Weg nach Zürich, um einen Gottesdienst der Assembléia de Deus live vor Ort mitzuerleben. Bevor ich jedoch gehen konnte, musste ich mich in ein Online-Formular auf Facebook einschreiben, da die Regelungen besagen, dass maximal 50 Leute vor Ort mitdabei sein dürfen. Zwar konnte man den Gottesdienst auch über Youtube-Live mitverfolgen. Ich war jedoch der Meinung, dass mir dadurch viele Eindrücke vorenthalten bleiben würden. Der Gottesdienst fing um 18.00 Uhr an, weshalb ich um 17.55 Uhr am Ort der Gemeinschaft war. Am Eingang traf ich auf eine Frau mittleren Alters, die etwas verunsichert schien. Sie fragte mich, ob man den Raum betreten dürfte. Daraufhin antwortete ich, dass ich davon ausgehe, es jedoch mein erstes Mal dort sei. Zufälligerweise war sie auch zum 1. Mal dort, woraufhin ich dann mit ihr den Raum betrat und mich neben sie setzte.

Begrüssung der «Neuen»

Unsere Gesichter wurden natürlich gleich als neue, erstmalige Besucher erkannt. Mehrere Leute kamen kurz vor Beginn der Gottesdienstes auf uns zu und hiessen uns willkommen. Wie sich später herausstellte, waren wir und noch zwei weitere Frauen zum ersten Mal dort. Dies erfuhr ich, weil während des Gottesdienstes eine junge Frau vorbeikam, um unsere Personalien aufzunehmen. Sie gab uns einen kurzen Fragebogen, in dem wir unsere Namen, E-Mails und Telefonnummern angeben mussten. Auch wurde im Fragebogen gefragt, welcher Konfession wir angehören und wie der Name der Person lautet, die uns die Gemeinschaft empfohlen hat.

Im Laufe des Gottesdienstes nahm der Pastor diese von uns ausgefüllten Fragebögen an sich und sagte, dass die neuen unbekannten Gesichter «auch Namen haben», und er diese gerne mit dem Rest teilen wollte. Der erste Name, den er vorlas, war meiner. Daraufhin machte ich mich bemerkbar, weil der Pastor mich voller Erwarten ansah. Kurz darauf waren alle Blicke auf mich gerichtet, und ich wurde von allen Besuchern von ihren Plätzen aus willkommen geheissen. Dabei sagten sie im Chor einen kurzen Willkommensspruch, welchen ich im Laufe des Abends von den Mitgliedern der Assembléia de Deus mehrmals gehört habe. Der Pastor fragte mich, ob ich zusammen mit der Frau gekommen bin, welche mir anfangs am Eingang begegnet ist, und die neben mir sass. Ich antwortete ihm, dass ich alleine gekommen bin. Alle Augen, immer noch auf mich gerichtet, lächelten kurz, bevor der Pastor die weiteren Namen vorlas und der Fokus von mir zu den anderen überging.

Das Publikum

Die Mehrheit der Besuchenden war weiblich, jedoch waren auch viele Männer mit dabei. Das Alter der Leute war sehr durchmischt. Von sehr jung, also Kinder, bis zu sehr alt: jede Altersklasse war repräsentiert. Da der Gottesdienst rein auf Portugiesisch stattfand, gehe ich davon aus, dass nur Brasilianer anwesend waren. Als ich mich etwas umhörte, habe ich auch keinen portugiesischen Dialekt gehört, sondern rein brasilianische. Man kann also sagen, dass die Gottesdienste der Assembléia de Deus Zürich hauptsächlich von Brasilianern besucht wird.

Was mir von Beginn aus aufgefallen ist, ist dass die anwesenden Leute so wirkten, als seien sie sehr oft dort. Jeder redete mit jedem, als würden sich alle kennen. Auch während des Gottesdienstes standen einige, vor allem Kinder, immer wieder auf, wechselten ihre Plätze, um neben anderen Bekannten zu sitzen und redeten auch miteinander, sogar während der Pastor sprach. Dies empfand ich jedoch nicht als sonderlich störend, sondern eher als angenehm, da es nicht allzu fest von der Predigt ablenkte und eine entspanntere Atmosphäre dadurch geschaffen wurde. Die Leute wirkten fast ein wenig wie eine kleine Familie.

Der Gottesdienstraum

Der Raum, in dem der Gottesdienst stattfand, war gross und schön eingerichtet. Die Decken waren ziemlich hoch, weshalb der Raum noch grösser wirkte, als er tatsächlich war. Die Wände waren holzig, die Farbe des Raums in einem bräunlich-orangenem Ton. Die Beleuchtung war sehr angenehm und trug zur entspannten Aura des Raums bei. Im Raum waren sehr viele Stühle, sodass selbst mit den 30 Anwesenden, die es in etwa schlussendlich waren, sehr viele Stühle leer blieben. Ganz vorne im Raum war die Bühne. Auf der Bühne gab es ein modern aussehendes Schlagzeug, einen schwarzen Klavierflügel, ein Redepult, Pflanzen und weitere Dekorationen. Die Bühne war weder überfüllt, noch leer. Wer auch immer den Gottesdienstraum eingerichtet hat, wusste, was er tat.

Beginn des Gottesdienstes

Der Gottesdienst begann etwa um 18.03 Uhr und endete um 20:00 Uhr. Zu Beginn begrüsste der Pastor alle kurz und dann ging es auch schon mit dem ersten Gebet los: wie aufeinander abgestimmt gingen alle automatisch auf die Knie und nahmen eine Bethaltung ein, in dem ihre ineinander verhakten Hände auf den Stühlen lagen und ihre Rücken zum Pastor zeigten. Ich tat es ihnen gleich. Das Anfangsgebet dauerte etwa 15 Minuten. Der Inhalt des Gebetes war vertrauter Natur, nichts sonderlich Aussergewöhnliches: Gott wurde verehrt und die Dankbarkeit gegenüber Jesus wurde mit viel Emotion und teils zittriger Stimme in Worte gefasst.

Piano-Begleitung während des Gottesdienstes

Etwa zwei Minuten nach Anfang des Gebets setzte das Klavierspiel ein. Wie ich nach dem Gebet sah, handelte es sich beim Pianisten um einen jungen Mann, den ich auf die 20 Jahre alt schätze. Er spielte die ganzen zwei Stunden durch. Dabei spielte er die meiste Zeit über eine begleitende Melodie, dessen Atmosphäre sich stets der Predigt anpasste: wenn der Pastor lauter wurde, wurde auch die Musik lauter und etwas harter gespielt. Wurde der Pastor leiser, passte sich der Pianist ebenfalls an.

Der Gesang

Allgemein wurden viele christliche, stets portugiesische Lieder gesungen, die immer etwa gleich klangen. Jedoch wurde bei den gesungenen Liedern nicht das Klavier gespielt, sondern aus der Stereoanlage die Melodie wiedergegeben. Den Text sah man vorne auf einer Leinwand, sodass man mitsingen konnte. Gegen Ende des Gottesdienstes kamen sogar einige Kinder auf die Bühne, um ein Lied zu singen.

Die Predigt

Der Inhalt der Predigt umfasste fast nichts, was nicht auch aus herkömmlichen reformierten Gottesdiensten vertraut ist. Gott wurde verehrt und die Liebe und Dankbarkeit zu ihm wurde deklariert. Nebst dem Pastor kamen noch fünf weitere Leute, darunter ein Jugendlicher, auf die Bühne, die je eine 15-minütige Predigt gehalten haben. Dabei gingen sie immer gleich vor: Einen kurzen Einstieg mit Worten aus ihrem Herzen, eine Bibelstelle vorlesen, über diese Bibelstelle reden und ein Gebet zum Abschluss. Die Kernaussage dieser Leute war jedoch immer mehr oder weniger dieselbe: Wir müssen vollstes Vertrauen in Gott haben, egal was in unseren Leben gerade passiert.

Der Spendenaufruf

Allgemein empfand ich den Inhalt des Gottesdienstes als sehr redundant, weshalb mir die zwei Stunden Gottesdienst sehr lange vorkamen. Nicht untypisch war ausserdem der Spendenaufruf. Dabei stellte sich der Pastor mit einer hochkantigen Kiste vorne im Raum hin, während die Leute nach vorne kamen und Bargeld in die Kiste warfen. Während sie dies taten, segnete sie der Pastor mit ausgestreckter Hand, indem er ihnen an den Kopf langte.

Gebet für Italien

Eine Besonderheit gab es allerdings: Als eine Frau auf die Bühne kam, erwartete ich den gleichen Ablauf wie bei denen zuvor. Sie erzählte aber etwas anderes. Die Assembléia de Deus hat ein Projekt am Laufen, in dem jeden Monat ein anderes Land zum Fokus ihrer Gebete gewählt wird, quasi als Zielland. Diesen Monat war das Italien. Die Frau begann ihre Predigt, in dem sie einen kurzen Text über die Glaubenssituation in Italien vorlas. Anscheinend sind 6% aller Italiener Atheisten. Um dies zu ändern, wurden wir alle dazu aufgefordert, für diese Leute zu beten, so dass sie zu Gott finden. «Wer Jesus nicht kennt, ist orientierungslos.» Die Frau sagte, dass das Leben nur mit Gott und Jesus einen Sinn und Zweck habe. Daraufhin erklang ein lautes «Halleluja» aus dem Publikum.

Kirchenmitglieder oder christliche Gläubige

Was mir im Laufe des Abends mehrmals aufgefallen ist, war, dass die Leute immer von «wir als Kirche» sprachen, selbst dann, wenn der Ausdruck «wir als Christen» angebracht wäre. Es ist gut möglich, dass dies keine weitere Bedeutung hat. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass die Mitglieder der Assembléia de Deus dadurch zu zeigen versuchen, dass sie eine von Gott auserwählte Gruppierung sind. Es wirkte manchmal so, dass es nicht reicht, bloss Christ zu sein und an Jesus zu glauben, um in den Himmel zu kommen. Die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft sei unerlässlich.

24-Stunden-Gebet auf Zoom

Ebenfalls erfuhr ich, dass die Gemeinschaft eine 24-stündige Verehrung Gottes plant, wo sich alle gemeinsam auf Zoom treffen werden, um zu Beten. 24 Stunden lang. Ich schien mir dies als einzige nicht antun zu wollen.

Freundliche Konservative?

Die Assembléia de Deus hat mir von allen brasilianischen Gemeinschaften, die ich bislang in deutschsprachigen Raum im Namen von Relinfo besucht habe, am besten gefallen. Die Leute waren freundlich und einladend und obwohl die eine Situation womöglich etwas unangenehm war, fühlte ich mich weniger beobachtet als bei den anderen von mir besuchten Glaubensgemeinschaften. Was ich bei meiner Vorrecherche im Internet über die Gemeinschaft gelesen habe schien kontroverser als der eigentliche Gottesdienst. Dennoch machten sich einige pfingstlich-evangelikale charakteristische Merkmale bemerkbar, wie die lauten enthusiastischen Ausrufe der Besuchenden, den schreienden Pastor und auch die Abneigung gegenüber Andersdenkenden.

Laura Meyer, 12. April 2021

Hans Küng 1928-2021

Ist ein Stern am Theologenhimmel erloschen? Vor vier  Jahren wurde der Asteroid 190139, um den bekannten Theologen zu ehren, Hansküng benannt.  Ein Star (Stern) war Hans Küng nur in den Augen seiner Fangemeinde. Und Kritiker meinten, dass er sich selber manchmal auch so sah. Aber für die zahllosen andern, die gerne auf theologische Stars verzichten und sich ebenso gerne durch seine vielen Publikationen und Interventionen inspirieren liessen, glich er in der Tat ein wenig einem Asteroiden: beweglich, weite Räume durchschreitend, über engen, irdischen Konzepten schwebend, dem Himmel näher als viele seiner Kritiker, aber auch nicht ungefährlich: Was könnte geschehen, wenn der Asteroid der Erde zu nahe kommt? Seine Kirchenkritik hat zahllosen Christen jeder Schattierung geholfen, wieder ihren Glauben zu finden. Aber was wäre geschehen, hätte sie auch die festgefahrenen Kirchenhierarchien erschüttert? Die Hierarchien wussten nur zu gut, warum sie ihm die Lehrbefugnis entzogen.

Während meines Studiensemesters in Rom zur Zeit der ersten Session des zweiten vatikanischen Konzils konnten wir Hans Küng als theologischen Begleiter und Berater seines Bischofs erleben. Er brachte seine schon damals zutiefst ökumenische Gesinnung neben seinem damaligen ebenso jungen und dynamischen Kollegen Joseph Ratzinger in die gleiche Vortragsreihe ein. Später gingen die Wege auseinander. Joseph Ratzinger wurde konservativer Theologe, Bischof, Kardinal, Leiter der Glaubenskongregation und Papst. Hans Küng entwickelte seine ökumenische Grundhaltung bis über alle Grenzen der Religionen hinaus und wurde neben Eugen Drewermann zum bekanntesten kirchenkritischen Theologen. Tragik einer alten Bekanntschaft? Oder schicksalhaftes Dokument für die Situation der Kirche im ausgehenden 20.Jahrhundert?

Die Ausweitung seines Arbeitsfeldes über alle Grenzen der Religionen und Kulturen hinaus war zwar, verfolgen wir den Lebenslauf von Hans Küng über den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis hinaus, durchaus folgerichtig. Aber sie hat – wie könnte es anders sein? – auch nicht alle Beobachter der religiösen Gegenwart begeistert. Hatte Küng sich durchs Feld christlicher Traditionen noch für zahllose Leser völlig überzeugend bewegt, so fragten sich manche, ob er sich als Interpret anderer Religionen nicht überforderte. Fand er in diesem neuen Arbeitsfeld noch zu jener Sachkenntnis und Tiefgründigkeit, über die er bisher noch verfügte?

Unter den vielen Ehrungen, die ihm Verlauf seines langen Lebens zuteil wurden, findet sich die 2008 verliehene «Auszeichnung für Zivilcourage des Freundeskreises Heinrich Heine, Düsseldorf». Mir scheint, diese Ehrung hat Hans Küng besonders verdient. Als er nach dem Erscheinen seiner papstkritischen Publikationen nach Rom beordert wurde, um dort vor Glaubenskongregation Red und Antwort zu stehen, formulierte er seine an sich plausiblen Bedingungen für seine Teilnahme an seinem «Glaubensprozess». Diese Bedingungen wurden ihm nicht zugestanden. Also stellte er sich dem Glaubensgericht nicht. Das kostete ihm in der Folge sein kirchliches Lehramt, sodass er auf einen erst noch zu schaffenden fakultätsunabhängigen Lehrstuhl wechseln musste. Diese Monate der Verurteilung einiger seiner Lehren und des Umbruchs in seiner Laufbahn zählte er später zu den schlimmsten seines Lebens. Dass er zu seinen Überzeugungen stand und vor den kirchlichen Obrigkeiten nicht einbrach, gehört zu den bewundernswertesten Leistungen seines Lebens. Die Ehrung seines Zivilicourages hat er sich reichlich verdient.

Prof. Georg Schmid, 7. April 2021

MTO Shahmaghsoudi Deutschland feiert Noruz – Erfahrungsbericht Online-Live-Stream

Was ist Noruz?

Noruz ist das persische Neujahrsfest, das seit über 2’500 Jahren gefeiert wird. Es findet jeweils am Frühlingsanfang vom 20. Auf den 21. März statt und ist mit vielen verschiedenen Bräuchen verbunden. Die Feierlichkeiten ziehen sich insgesamt über 13 Tage.

Üblicherweise wird im Wohnzimmer ein Haftsin aufgestellt, ein Tisch, gedeckt mit sieben Gaben. Diese beginnen im persischen alle mit «S» und haben symbolische Bedeutung. «Sabzi» (Weizen oder Linsenkeimlinge) stehen für Wiedergeburt und Fruchtbarkeit. «Sir» (Knoblauch) und «Somaq» (Sumak-Gewürz) symbolisieren die Gesundheit im neuen Jahr. «Sib» (Apfel) und «Senjed) (getrocknete Mehlbeeren) reflektieren Liebe und Lebensfreude. «Serkeh» (Essig) steht für Geduld und ein langes Leben. «Sonbol» (Hyazinthe) symbolisiert die Schönheit. Zu diesen Gaben gesellen sich oft noch weitere, wie Silbermünzen, Kerzen, Eier oder ein Spiegel.

Die Veranstaltung

MTO veranstaltete eine Noruz-Feier in Form eines Live-Streams. Um Zugang zu erhalten, musste man sich online anmelden. Die Veranstaltung dauerte rund eine Stunde und dreissig Minuten. Die Zuschauerzahl schwankte dabei, lag aber um die 770 Teilnehmer. In der ganzen Veranstaltung wurde Deutsch gesprochen, es gab aber auch englische Untertitel.

Zu Beginn der Veranstaltung wurden einige Videobotschaften eingespielt. Gezeigt wurden verschiedene Politiker und Vertreter von sozialen Stiftungen, die MTO für ihren Einsatz während der COVID-Pandemie dankten und allen «Noruz mobarak!», ein fröhliches Noruz, wünschten. Es waren alles wichtige Leute, wohl um zu verdeutlichen, wie gut vernetzt MTO in Deutschland ist und dass es eine Stütze für die Gesellschaft ist. Interessant zu sehen, da viele diese Organisation ausserhalb des iranischen Kulturkreises gar nicht kennen.

Im Studio sassen einige Gäste, die nun als erstes vorgestellt wurden. Den Anfang machte eine Journalistin vom ARD Weltspiegel. Die Musikerin und Komponistin des Orchesters, das später noch eingespielt wurde, war ebenfalls zu Gast. Ausserdem ein Anwalt und Vorsitzender der SPD Hessen Süd und ein Bundestagsabgeordneter. Bis auf die Musikerin hatten alle anwesenden Wurzeln im Iran oder wurden sogar dort geboren.

Das erste Thema war, wie leider so oft in diesen Zeiten, das vergangene Pandemie-Jahr. Die Gäste erzählten von ihren eigenen Eindrücken und Erfahrungen, die nicht immer negativ waren. Die Journalistin konnte auch positive Veränderungen für sich sehen. Sie konnte dank des Lockdowns in ihrem Leben einmal innehalten, eine Pause machen von all dem Stress. Gleichzeitig war das Jahr für viele auch fordernd, so die Musikerin. Es war für sie als Künstlerin nicht leicht mit all den Einschränkungen, aber es seien so viele gute Initiativen im letzten Jahr gestartet worden, um einander zu unterstützen. Sie bedankte sich vor allem bei der MTO, dass sie sich so gut um ihre Mitmenschen gekümmert haben und das Miteinander stärkten. Auch der Anwalt sagte, dass es für ihn zu Beginn der Pandemie eigentlich ganz gut war, mal eine Pause zu haben vom Alltag. Doch mittlerweile dauere das ganze zu lang schon an und viele seien jetzt nur noch erschöpft. Ähnlich war es auch für den Bundestagsabgeordneten. Für ihn und seine Arbeitskollegen hätten sich viele Fragen im letzten Jahr gestellt und es hätte sich alles verändert. Auch simpel erscheinende Dinge im Büro, wie «Wer öffnet die Post?» musste man jetzt überdenken. Wer tut so etwas, wenn alle im Homeoffice sind? Alle wurden aus ihrer Routine geworfen, was das letzte Jahr sehr anstrengend gestaltet hatte.

Erst nach diesen Erlebnissen der Gäste, stellte sich dann auch endlich die Moderatorin des Abends vor. Etwas verspätet, wie ich fand. So ist es doch sinnvoll sich als Moderatorin gleich zu Beginn vorzustellen. Sie gehörte zum MTO Vorstand und war Leitende Oberärztin in einem Krankenhaus. Von ihren eigenen Eindrücken berichtete sie allerdings nicht, es ging weiter mit einem Video. Darin wurde gezeigt, was Noruz eigentlich ist und wie die Menschen es feierten. Dazu lief eine sehr dominante Hintergrundmusik, die eher zu einem Heldenepos gepasst hätte als zu einem Informationsvideo. Man lernte, was die Gaben auf dem Haftsin-Tisch für Bedeutungen hatten und sah durch die spannungsvolle Musik beinahe wie der grosse Held vom Haftsin-Tisch aufstand und sich aufmachte das Monster zu töten, dass die Menschen in Angst und Schrecken versetzte.
Nachdem Herakles die Hydra besiegt hatte, also die Zuschauer über Noruz-Bräuche informiert wurden, ging es im Studio weiter. Die Journalistin erzählte von ihren Noruz-Erinnerungen. Ihr Vater war Iraner du so hatte sie das Fest immer im Iran mit der Familie verbracht. Der Anwalt hatte auch immer bei seinen Eltern gefeiert oder in der Stadthalle, wo es jeweils ein grosses Fest gegeben hatte. Dazwischen erklärte die Moderatorin, dass ein Besuchsmarathon unbedingt zu Noruz dazugehören würde. Man musste alle Verwandten nacheinander besuchen, sonst würde furchtbar über einen getratscht werden. Die Musikerin hatte einen anderen Bezug zu Noruz, da sie keine iranischen Wurzeln hatte. Sie feierte das erste Mal Noruz, nachdem sie auf einem Noruz-Fest Musik gemacht hatte und war begeistert davon.

Nach dieser kurzen Unterhaltung folgte das nächste Video, dieses Mal das eines Musik-Ensembles. Sie spielten traditionelle iranische Musik mit traditionellen Instrumenten. Die, für «westliche» Ohren etwas seltsam klingende Musik, hatte eine leicht einschläfernde Wirkung. So als würde man gleich einschlafen, aber man könne einfach nicht ganz entspannen. So dämmerte ich in einem halbwachen Zustand vor mich hin. Das Ambiente des Videos trug auch dazu bei. Die Musiker sassen in einer leeren Kirche, in der es immer leicht hallte. Aber vielleicht war das ja auch der gewünschte Effekt der Musik.

Eine gefühlte Ewigkeit später war das Ensemble fertig und es konnte im Studio weitergehen. Der Bundestagsabgeordnete wurde gefragt, ob es im Bundestag auch einen Haftsin-Tisch für Noruz gäbe. Noch nicht, aber er sagte, dass viele dafür offen wären. Es wäre sicher eine gute Idee das in Zukunft zu machen. Er war einmal in den USA beim Aussenministerium während Noruz, da gab es schon einen Haftsin-Tisch, was ihn sehr gefreut hatte.

Die Moderatorin schaltete sich wieder ein und wollte von den Anwesenden wissen, wie es denn in Deutschland in der Zukunft besser werden könne. Was ihre Träume für das Land seien. Die Journalistin sagte, dass sie erst auf Reisen ausserhalb Europas realisiert hatte, wie gut es doch in Deutschland sei. In anderen Ländern gibt es Hunger, Armut und immer wieder auch Verletzungen der Menschenrechte. Das kannte sie aus Deutschland nicht. Man muss es einmal gesehen haben, um das Gute im eigenen Land zu erkennen. Was sie aber auf ihren Reisen auch erfahren hatte, war das Miteinander und die Gastfreundschaft der Menschen ausserhalb Europas. Das wäre für sie etwas, das Deutschland auch mehr gebrauchen könnte. Die Menschen hier sollten auf der Strasse viel mehr lächeln und nicht immer alles so ernst nehmen. Oft würde in Deutschland die herzlichkeit der Menschen fehlen. Auch die Musikerin fand dies sehr wichtig. In Deutschland fehle oft das Miteinander, dabei würden die Menschen vor allem in diesen Zeiten von COVID auch Nahrung für die Seele brauchen. Es ginge hier auch um Identität und Integration. Dazu stellte sie das neue Album ihres Orchesters mit dem Titel «Identigration» vor. Gut platzierte Werbung, keine Frage, doch war es wenig hilfreich für die eigentliche Fragestellung.

Der Anwalt sah die Situation etwas pragmatischer als die Damen vor ihm. Für ihn sei es wichtiger sich zuerst auf die realen Probleme zu konzentrieren die sich in dieser Zeit stellen würden. Erst wenn diese bewältigt wären, würde die Zeit zum Träumen kommen. Allgemein müssten die Menschen in Deutschland aber lernen ihre Privilegien mehr zu schätzen zu wissen. Sein Traum wäre es, dass alle Kinder auf der Welt die gleichen Chancen im Leben hätten, auf Nahrung, Bildung und Menschenrechte.

Der Bundestagsabgeordnete konnte dem nur beipflichten. Seine Utopie wäre es, dass keine Kinder auf der Welt mehr leiden müssten und in Wärme und Geborgenheit aufwachsen können. Das erinnere ihn stark an seine Kindheitserinnerungen von Noruz und die Wärme, die er dabei verspürt hatte.

Die Moderatorin wünschte sich konkret, dass alle Menschen in Deutschland einen Haftsin-Tisch zu Noruz aufstellen würden. Die Menschen sollten sich alle darum herum versammeln und gemeinsam Noruz feiern.
Ein interessanter Vorschlag, der bei den meisten Menschen in Deutschland allerdings auf wenig Begeisterung stossen würde. Wieso sollten alle Menschen Noruz feiern? Würde der Vorschlag der Moderatorin doch Millionen von Menschen in Deutschland eine Tradition aufzwingen, die nichts mit ihnen zu tun hat. Oder war damit gemeint, dass alle Menschen zum iranischen Sufismus konvertieren sollten? Ich hoffe nicht.

Auf jeden Fall ging es bei der Veranstaltung mit einem weiteren Video weiter. Es handelte sich um deutsche und persische sufistische Gesänge. Dazu wurden verschiedene Tänze gezeigt. Im Anschluss ging es gleich weiter mit einer Meditationsübung, also einer Kombination von Atemübungen und Bewegungen. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass das wichtigste im Sufismus die Selbsterkenntnis sei.

Weiter ging es mit einer Lesung aus der sufistischen Literatur. Es ging dabei um Selbsterkenntnis und um die Besinnung auf die Familie als wichtigste Einheit im Leben eines Menschen.

Die Veranstaltung neigte sich nun langsam dem Ende zu und so wurden noch einmal Videobotschaften eingespielt. Glückwünsche zu Noruz wurden von den unterschiedlichsten Leuten überbracht. Einer Schriftstellerin, einem Politiker, einem Polizisten, einem Pfarrer, einer Klimaaktivistin und so weiter. Es war nicht ersichtlich warum gerade diese Leute eine Botschaft schickten, so wirkte ihre Auswahl doch sehr willkürlich. Sollte das nur zeigen, wie gut vernetzt die MTO ist? Oder dass sie so offen und bekannt in der ganzen Bevölkerung sind?

Ein etwas längerer Beitrag kam von der Direktorin des Goethe-Museums. Sie sprach von Neubeginn, der Verständigung miteinander, davon, dass das Leben in dieser zeit aufblüht, die Menschen aufeinander zugehen und Gegensätze überwinden sollen. Sie redete sehr lange und leider auch etwas einschläfernd. Das monotone und etwas lustlose herunterrattern ihrer Rede erinnerte doch stark an den Geschichtsunterricht in der Schule, von der man heute nur noch weiss, dass man anwesend war, aber schon nach dem Läuten der Schulglocke nicht mehr sagen konnte, ob es um den römischen Senat oder Hitlers Machtübernahme gegangen war.

Kurz bevor ich eingeschlafen wäre, war es dann aber auch schon vorbei und die Studiogäste wurden verabschiedet. Zum Schluss spielte noch das Orchester der anwesenden Musikerin. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus traditioneller iranischer und moderner Orchestermusik.

Zwischen den Studiobeiträgen und den Videos wurden immer wieder kurze Clips von Haftsin-Tischen in ganz Deutschland eingespielt, immer unterlegt mit Musik, die gut zu einem Monumentalfilm gepasst hätte. Unter dem Video des Live-Streams war auch die ganze Zeit ein Chat aktiv, wo sich die Zuschauer auch rege beteiligten. Der Inhalt der Nachrichten war allerdings stets derselbe. Alle bedankten sich für die tolle Organisation des Noruz-Festes und für den spannenden Abend. Diesem Urteil konnte ich mich aber leider nicht ganz anschliessen. Es wurde weder wirklich gefeiert, noch viel iranische Kultur geboten. Es wurde vor allem geredet und das auch noch über COVID. Abgesehen von der Meditation und der Lesung hatte der Abend auch nicht wirklich etwas mit Glauben oder Religion zu tun. Es wirkte eher wie ein Versuch der MTO sich säkularisiert und aufgeklärt zu zeigen. Die Wärme des Noruz-Festes von der immer wieder die Rede war konnte ich an dem Abend nicht erkennen. Die Veranstaltung wirkte auf mich eher steif und abgeklärt.

Jasmin Schneider, März 2021

Mehr zum Thema

Lexikoneintrag Maktab Tarighat Oveyssi (MTO) Shahmaghsoudi

Online-Jahreskonferenz der Siebenten-Tags-Adventisten

Am Samstag, 20. März 2021,  fand die Jahreskonferenz der Deutschschweizer Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten statt. Pandemiebedingt wurde diese online auf «Zoom» durchgeführt. Das Programm war breit gestaltet und beinhaltete separate Veranstaltungen für Jugendliche und Kinder. Die Hauptveranstaltung haben wir für Relinfo besucht. 

Religiöse Zoom-Veranstaltung

Zusammen mit 320 anderen Nutzer*innen schaltete ich mich der Jahreskonferenz zu. Ich schaute mir die Anwesenden an, die die Kamera eingeschaltet hatten. Viele hatten sich gemeinsam mit ihren Partnern oder mit der Familie zusammen getroffen. Einige meldeten sich aus lokalen Gemeindehäusern. Obwohl auch viele jüngere Zuschauer*innen dabei waren, schien mir das Publikum doch eher etwas älter zu sein. Das Wort hatten der Präsident und Vorsteher der Deutschschweizerischen Vereinigung der Siebten-Tags-Adventisten Stephan Sigg (der sicher ein Model für Stockfotos sein könnte) und seine Ehefrau Gabriela Sigg. Passend zur digitalen Veranstaltung wurde auch rechts unten im Bild ein Twint-Code für Spenden für die Adventistische Mission angezeigt. Neben Willkommensgrüssen und zugeschaltetem musikalischen Einklang wurde noch ein Gebet aufgesagt. 

Hilfe aus Australien 

Wichtiger Bestandteil des Programms für die Jahreskonferenz würde der nun aus Australien zugeschaltete Gary Krause werden. Er leitet die Adventistische Mission und beantwortet im Zoom Fragen der Kirchenleitung. Was sind die globalen Herausforderungen bei Missionsprojekten? Hier gäbe es viele. 1) Zum einen gibt es das Territorium, welches sich von Nordafrika über die Arabische Halbinsel nach Asien streckt. In diesem Gebiet lebe nicht nur der grösste Teil der Bevölkerung sondern auch der ärmste. Die meisten dieser Menschen haben aber auch noch nie das Wort «Jesus» gehört. 2) Im post-modernen Westen werden Menschen immer reicher und denken, dass sie die Kirchengemeinde nicht mehr benötigen. So können sich die Gemeinden gerade so halten, aber nicht wachsen. 3) Historisch gesehen ist die Adventsgemeinde eine Landsgemeinde. Nun lebt der Grossteil der Bevölkerung in Städten und dies eröffnet ein neues, eher unbekanntes, Missionsgebiet. 4) Eine Herausforderung sei es auch Gemeindemitglieder in Missionen miteinzubringen. 

Europa stelle allgemein eine spezifische Herausforderung dar, da Religionen säkular gelebt werden. So würden sich viele Menschen als spirituell bezeichnen, verspüren jedoch kein Bedürfnis nach religiösen Institutionen. Jesus sei jedoch immer noch sehr populär. So sind Menschen auch weiterhin von Sorgen um das Kindeswohl, etc. begleitet, möchten aber nicht unbedingt in einer Gemeinde beten. So soll die Kirche offen sein und ein Angebot in einer Gesellschaft bieten, die gar nicht mehr an Kirchen interessiert sei. 

Weiterentwicklung der Kirche

Diese Gedanken nach einer weiterentwickelten Kirche werden auch zu Fragen nach der Rolle der Ortsgemeinde in einer Mission wieder aufgegriffen. Was bedeutet es, wenn wir Gemeinde oder Kirche sagen? Ist eine Adventistin oder ein Adventist nur gläubig, wenn sie auch regelmässig die Kirchengemeinde besuchen? Fragen nach der Kirche werden mit einer Wegbeschreibung beantwortet, dabei seien die Kirche ja die Adventist*innen selbst. Denn was nach der Versammlung zum Sabbatmorgen passiert, sei viel wichtiger. Jede und jeder einzelne sei wertvoll und die Nachfolge Jesu. 

Mittlerweile sind es 356 zugeschaltete Accounts. Gary Krause zeigt uns ein Video seines «Best Practice» Beispiel. Eine Kirchengemeinde in Australien, die verschiedene Angebote für die Ortschaft, insbesondere für Eltern, anbietet, soll uns alle zum Dienen in unserer Ortsgemeinde ermuntern. Für die Diskussion sollten die Teilnehmenden eigentlich in Gruppen aufgeteilt werden, dies klappt aus technischen Gründen jedoch nicht. 

Werbeschaltungen

Als Zwischenprogramm werden verschiedene vorproduzierte Videos gezeigt. So stellen sich die jungen Adventisten oder auch die Leitung der Buchevangelisation vor. Sie gaben ein paar Buchtipps, wie zum Beispiel «Bitte um mehr!» von Melody Mason. Auf dieses gab es einen speziellen Konferenzrabattcode. Das Buch «Vom Schatten zum Licht» von Ellen G. White, welches mir vor ein paar Monaten an der Bahnhofstrasse in Zürich geschenkt wurde, war bei den Buchtipps nicht dabei. 

Das Gesundheitskonzept «Newstart Plus» wird von Dr. Ruedi Brodbeck vorgestellt. Dieses zeige auf, wie Gesundheit, Glück und Lebensqualität erzielt werden können. Zwar wird versucht, das Konzept unter dem Verein «Liga, Leben und Gesundheit» eigenständig zu vermarkten, jedoch sind die Verbindungen zur Freikirche und auch dem Advent-Verlag sehr deutlich. Auf wird der Aufruf nach Lebens- und Gesundheitsberater*innen gemacht. Dies könne man auch machen wenn man pensioniert, am Studieren oder eine Hausfrau sei. 

Hätte die Corona-Pandemie vermieden werden können? 

Den Abschluss machte Bojan Godina, Dozent für Psychologie, Ethik, Medien und praktische Theologie am Seminar Schloss Bogenhofen. Er zeigte uns einen Artikel in dem die WHO vermeldete, dass der Corona-Virus auf Fledermäuse zurück zu führen sei. Ihn habe das nicht überascht. Wie Christ*innen und Jüd*innen wissen, schreibt Gott nicht nur vor kein Schwein zu essen, sondern auch andere Tiere, unteranderem Fledermäuse, seien unrein. Auch wenn viele Adventist*innen nicht mehr dieser Meinung sind, so hat Gott klar Gebote vorgegeben, die uns schützen. Auch vor der Krankheit Ägyptens. Wenn uns nun jemand fragen sollte, weshalb Corona erschienen ist, so sollen wir ihm die Bibel zeigen! Weiter erzählt er von der Wichtigkeit unseren Mitmenschen zu dienen und beendete die Konferenz. 

Die virtuelle Jahreskonferenz zeigte neben einer Bereitschaft zur Weiterentwicklung der Kirchengemeinde, wie sie uns bekannt ist, auch ein paar Kuriositäten. Die Hauptbotschaften beruhten sich jedoch auf das Dienen in- und ausserhalb der Gemeinschaft.

Eine Randbemerkung zur Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten aus der Popkultur: Ein Kandidat, Ethan Mundt oder auch «Utica», in der aktuellen und 13. Staffel der Sendung «RuPaul’s Drag Race» ist bekennender Adventist. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Kirche liberaler wird?

März 2021, Dafina Gash

Ehemalige Mitglieder fundamentalistisch-christlicher Gemeinschaften für Studie der Universität Zürich gesucht

Ein Studienteam des Psychologischen Instituts der Universität Zürich forscht zur psychischen Belastung und zur Resilienz, der psychischen Widerstandskraft nach dem Austritt oder dem Ausschluss aus einer fundamentalistisch-christlichen Gemeinschaft. Zu diesem Zweck werden ehemalige Mitglieder gesucht, die bereit sind, einen anonymen Fragebogen zu ihren Erfahrungen zu beantworten. Gerne geben wir hier den Aufruf zur Teilnahme wieder:

Umfrage zur Erfassung psychischer Belastung und Resilienz (psychische Widerstandskraft) nach Austritt oder Ausschluss aus einer (fundamentalen) christlichen Glaubensgemeinschaft

PD Dr. Myriam V. Thoma, Universität Zürich

Probandinnen und Probanden für wissenschaftliche Studie gesucht

Für eine wissenschaftliche Studie suchen wir 600 ehemalige Mitglieder einer (fundamentalen) christlichen Glaubensgemeinschaft (z.B. Zeugen Jehovas, Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten…), die über 18 Jahre alt, deutscher Muttersprache oder mit guten Deutschkenntnissen und wohnhaft in der Schweiz oder in Deutschland sind.

Anmerkung: als ehemalige Mitglieder zählen auch Personen mit einem starken Gefühl der Zugehörigkeit, ohne regulär der Glaubensgemeinschaft beigetreten gewesen zu sein.

Ziel der Studie: Wir untersuchen die persönlichen Erfahrungen von Mitgliedern einer (fundamentalen) christlichen Glaubensgemeinschaft im Rückblick. Dabei interessieren uns die Erfahrungen während der Mitgliedschaft, die Gründe und Umstände des Austritts/Ausschlusses sowie die gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen.

Ablauf und Dauer der Studie: Es handelt sich um eine anonyme Online-Befragung, auf welche über einen Link zugegriffen werden kann. Der Fragebogen wird ca. 30-40 Minuten Ihrer Zeitin Anspruch nehmen. Die Online-Befragung kann jederzeit durchgeführt werden.

Aufwandsentschädigung: Keine.

Alle Daten werden vertraulich behandelt. Für die Studienteilnehmenden ergibt sich kein medizinischer Nutzen.

Falls Sie an einer Studienteilnahme interessiert sind und oben genannte Kriterien auf Sie zutreffen, können Sie über folgenden Link auf die Studie Zugriff nehmen:
https://ww3.unipark.de/uc/landis_Universit__t_Z__rich__Psy/36c4/

Wünschen Sie weitere Informationen, wenden Sie sich bitte an die Studienleiterin: Frau PD Dr. Myriam Thoma, Universität Zürich, Binzmühlestrasse 14/17, 8050 Zürich, E-mail: resilienz@psychologie.uzh.ch

Islam mit Fokus auf Koran – Besuch des Vereins „Al-Rahman“

Der Verein Al-Rahman pflegt eine Ausübung des Islams, die sich auf die Religion fokussiert und – veraltete – Traditionen ablegt. So wird auch nur der Koran als heilige Schrift angesehen und die Weisungen und Pflichten aus Hadithen werden nicht berücksichtigt – was jedoch nicht als Gegenpositionen verstanden werden soll. Im Dezember 2020 habe ich die Gemeinschaftsstunde besucht und für Relinfo meine Eindrücke zusammengefasst.

Eintreffen

Für die Teilnahme an der Gemeinschaftsstunde muss man sich über die Internetseite von Al-Rahman registrieren. Ich habe mich auch gleich über möglichen Dresscode-Vorschriften und benötigte Mitbringsel erkundigt. Meine Fragen wurden mir über WhatsApp beantwortet und es hiess, dass ich so kommen soll, wie ich bin. 

Der Anlass fand in einem Raum im „Inner Space“ – ein Zentrum für Yogasport und Homöopathie – statt. Das Gebäude befindet sich wenige Gehminuten vom Bahnhof Schlieren entfernt und liegt in einer industriellen Zone. Im Stockwerk unter dem Inner Space liegt übrigens zufälligerweise das AGAPE Christian Centre. Zuoberst angekommen, war ich mir nicht sicher wann und wo die «Moschee» beginnt und so zog sicherheitshalber meine Schuhe aus. Ich begab mich zum hintersten Raum aus dem ich ein paar Gespräche hörte und wurde sogleich freundlich begrüsst. Die Anwesenden stellten sich vor und mir wurde ein Platz angeboten. Mache führten gerade ihre Waschung für das bevorstehende Gebet durch und andere nahmen ein paar Snacks zu sich. Die anwesenden Mitglieder schienen zwischen 20-35 Jahre alt zu sein und die Stimmung war folglich sehr gelassen. Es folgten Fragen zu meinem persönlichen Hintergrund und wie ich zu Al-Rahman gefunden hätte. Ich erklärte, dass ich, wie eine von vielen, mit einer vom Islam geprägten Kultur aufgewachsen bin, die zwar den Konsum von Schweinfleisch verbietet, aber andere Ansichten im Leben locker sieht beziehungsweise nicht beeinflusst. Zu Al-Rahman bin ich nach einer Recherche zu «liberaleren» Moscheen oder islamischen Vereinen gestossen. 

Gebet

Nachdem die Mitglieder eintrafen, kündigte Vereinspräsident Kerem Adıgüzel an, dass das Gebet pünktlich beginnen würde. Da mir die benötigte Waschung fehlte, entschied ich mich gemeinsam mit einer anderen Frau, der es gleich erging, im Vorraum zu bleiben und zuzuschauen. Ich war gespannt auf die Anordnung im Raum, da ich gelesen hatte, dass diese keine Rolle spielen würde. Umso erstaunter war ich, als ich die übliche Anordnung eingenommen wurde und sich die Frau, in diesem Beispiel nur eine, hinter den Männern einreihte. Nach einer Rückfrage wurde mir vergewissert, dass dies reiner Zufall wäre. Weiter erklärte mir die Kollegin im Vorraum, dass auch sie die Rolle der Vorbeterin übernehme und bei der Abwesenheit von K. Adıgüzel die anschliessende Koranlesung leiten würde. Nachdem wir die Türe zum Gebetsraum schlossen, um die anderen nicht durch unser Gespräch zu stören, erzählte sie mir, wie sie zu Al-Rahman gefunden hatte und wir sprachen über die vielen islamischen – vor allem sunnitischen – Traditionen. Das Tragen eines Kopftuches wird beispielsweise bei Al-Rahman nicht als Pflicht gesehen, natürlich seien aber auch Frauen, die sich für die Verschleierung entschieden haben, herzlich willkommen. Weiteres Gesprächsthema war die durch den Koran gegebene Emanzipation für Frauen, die durch viele Hadithe wieder zunichte gemacht wurde. 

Koranlesung

Das Gebet war zu Ende und die Türe zum Raum wurde wieder geöffnet. Wir sollten mit unseren jeweiligen deutschen Koranübersetzungen zusammenkommen. Nach einer Vorstellungsrunde, auch mit online zugeschalteten Mitgliedern, wurde zur Entspannung und Ruhegewinnung Musik eingeschaltet. Ich sah mich etwas im Raum um, der entsprechend seiner Zweitnutzung als Yoga-Raum ausgestattet war. Die Mitglieder, an diesem Tag sechs Personen, und ich sassen in einem Kreis auf Gebetsteppichen und warteten auf das Ausklingen der orientalisch klingenden Musik. Zu Beginn lasen wir die 59. Sure aus dem Koran. Jede und jeder solle je einen Vers vorlesen, da auf Grund der unterschiedlichen Übersetzungen diese auch anders formuliert wären. Zu Beginn wurde in der Vorstellungsrunde erwähnt, dass Fragen, Diskussionen und andere Interpretationen sehr willkommen sind. Dies wird auch schnell gemacht und es wird unter anderem die Interpretation des Begriffs «Haus/Häuser» im Koran als Seele diskutiert. Die angeregte Diskussion zwischen den Mitgliedern geht auch in der nächsten behandelten Sure, 60, weiter. Unter anderem wurde über die Schwierigkeit Pflichtgebete gerecht auszuführen diskutiert. So sehen dies einige als Geschenk an, um Gott näher zu kommen, während andere es nicht schaffen würden, die spirituelle Beziehung im Gebet aufzubauen. Ich persönlich erinnerte mich an die vielen Diskussionen mit meinem Cousin, der mir immer wieder eintrichtern will, was für eine grosse Sünde es wäre nicht zu beten. 

Nach den Diskussionen und Gesprächen fragte K. Adıgüzel im Raum nach dem Interesse zur bevorstehenden Meditation. Ich machte es anderen Mitgliedern gleich und lehnte dankend ab. Während sich andere dem Vereinspräsidenten anschlossen, begab ich mich wieder nach draussen in den Vorraum.

Abschluss

Im Vorraum wurden mir unterschiedliche Snacks und Tee angeboten. Ich sass nochmals mit den anderen Mitgliedern zusammen und wir unterhielten uns. Die Gesprächsthemen waren alltäglich und ich fühlte mich schnell geborgen. Ich erkundigte mich noch über die Meditation, die gerade im Gebetsraum stattfand, ob diese nach buddhistischen Bräuchen oder dem Prinzip von Mindfulness ausgeübt wird. Mir wurde gesagt, dass keinem speziellen Muster nachgegangen wird und es auch keine Leitung gäbe. Dies wäre auch völlig freiwillig und auf eigenen spirituellen Wunsch. Nach ein paar netten Gesprächen verabschiedete ich mich von allen und machte mich auf den Heimweg.  

Mir kam Al-Rahman als sehr offener und motivierter Verein entgegen. Ich würde die Veranstaltungen und den Verein gläubigen Musliminnen und Muslimen empfehlen, die ihr spirituelles Verständnis ohne Vorurteile von religiösen Leitungen und Institutionen erweitern möchten. Jedoch kann ich auch nichtgläubigen Menschen, die vielleicht auch mit einer islamisch geprägten Kultur aufgewachsen sind, anraten Al-Rahman zu besuchen und den Islam anders zu erleben.  

Dezember 2020, Dafina Gash

Der Islamische Zentralrat Schweiz verrät das Geheimnis einer glücklichen Ehe

Jeden Donnerstag um 21.00 Uhr veröffentlicht der Islamische Zentralrat (IZRS) die Online-Serie «Das Geheimnis einer glücklichen Ehe» als Facebook-Livestream. Die Moderatorinnen dieser Serie sind Ferah Ulucay, die scheinbar die Rolle der verstorbenen Nora Illi als weibliches Aushängeschild des IZRS übernommen hat sowie in einer Vielehe leben soll, und Umm Zainab, deren Familienname eigentlich Čekòvà ist. Ferah Ulucay trägt einen Hijab während Umm Zainab in einen Niqab zu sehen ist. Relinfo hat sich ein paar der veröffentlichten Videos angeschaut und das wichtigste der Botschaften zusammengefasst.  

Erstes Video: Eifersucht

Die Webserie startet mit dem konfessionsübergreifendem Thema: «Eifersucht». Nach einer Begrüssung und Vorstellung der Webserie wird gleich ein Hadith eingeblendet. Diese Methodik dient zur Belegung der Aussagen und wird im Verlaufe der Webserie noch öfters verwendet. Diesmal handele es sich um eine Erzählung über die Eifersucht von Aischa, einer Ehefrau vom Propheten Mohammed. Der Hadith zeigt auf, dass Aischas Eifersucht auf einen Shaitan (böser Geist; auch Teufel) zurück zu führen war, der in ihr drin weilte. Somit sei Eifersucht etwas negatives.

Folgend erklärt Umm Zainab, dass eine eifersüchtige Frau sehr schadend für die Ehe sei. Schliesslich habe ein Ehemann in eine idyllische und ruhige Oase heimzukehren und die Unruhe einer eifersüchtigen Frau sei da völlig kontraproduktiv. Die Kollegin F. Ulucay meint auch, dass Eifersucht das Vertrauen zwischen Eheläuten schwäche und infolgedessen der  Mann das Vertrauen zu seiner Frau verliere.

In den Kommentaren kommt die Frage auf, ob Eifersucht das gleiche sei wie Gheerah (eine im Islam gerechtfertigte Art der Eifersucht; die Motivation eines Muslims seine Familie vor dem Schlechten der Welt zu beschützten). F. Ulucay, erklärt das Konzept der Gheerah damit, dass die Eifersucht eines Mannes völlig berechtigt sei, wenn seine Frau ohne Kopftuch das Haus verlassen würde. Schliesslich würde der Mann seine Frau vor dem Begehen einer Sünde beschützten.

Schnell wird das Ruder wieder umgedreht und der Fokus liegt wieder auf die Eifersucht der Frau. Besonders tückisch wird es, wenn die Eifersucht ein zu hohes Mass einnehme. Dem Ehemann hinterher spionieren oder ihm gar etwas mutmassen sei nicht islamisch. F. Ulucay erklärt weiter, dass Eifersucht dem Glück der Ehe, insbesondere dem des Ehemanns nicht in die Quere kommen dürfe. Immerhin habe ein Mann das Anrecht auf mehrere Ehefrauen und die Eifersucht der Frau könne eine mögliche Vielehe in Gefahr bringen. Mit Hilfe eines weiteren Hadith möchte F. Ulucay auf die unberechtigte Eifersucht von Ehefrauen in einer polygamen Beziehung eingehen und erzählt, wie eine erneute Heirat von Prophet Mohammed zur Verbreitung des Islams mitgeholfen habe.

Die Sendung wird langsam abgeschlossen und wir Schwestern (Zuschauerinnen) werden nochmals an die wichtigsten Punkte erinnert. So können wir nicht permanent eifersüchtig sein und das Leben unserer Männer schwer machen. Dies habe Konsequenzen zur Folge. Die Eifersucht sollen wir nochmals überdenken und im Zweifel können wir immer bei Umm Zainab und F. Ulucay um Rat fragen.

Bis auf den kleinen Exkurs zum Konzept der Gheerah bleibt der gesamte Fokus dieser Onlinesendung auf die Eifersucht von Frauen.

Zweites Video: Die Rolle der Frau

Der zweite Stream soll die Rolle der Frau im Islam aufzeigen. F. Ulucay leitet dies mit Koran 4:34 ein. Eine oft verwendete und verschieden interpretierte Verse aus dem Koran, die das Rollenbild des Mannes als Aufseher und Hüter seiner Frau darlegt. Gemäss F. Ulucay ist die Interpretation dieses Verses klar und Gott zeige uns die Hierarchiestufen und Rollenverteilung in der Familie auf. Dies bedeute jedoch nicht, dass die Frau einen tieferen Stellenwert vor Gott oder in der Welt hat. Meine Hoffnung auf eine informative Berichterstattung, die das vorurteilhafte Bild von Frauen im Islam widerlegt, schwindet schnell. Umm Zainab erklärt nämlich, dass die Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht der islamischen Norm entspreche. Der Mann stehe über der Frau, er habe grössere Rechte und trage auch andere Verpflichtungen. Die Diskussion dieser Rollenbilder schweift schnell in etwas Alltägliches um: Hausarbeit. So würde Umm Zainab immer wieder von Schwestern hören, dass ihre Männer im Haushalt mithelfen. Dies sei jedoch nicht die von Gott aufgetragene Aufgabe für den Mann und daher ist das Argument nicht valide. F. Ulucay geht dann auf einen Hadith ein, der belege, dass der Prophet Mohammed auch im Haushalt mitgeholfen habe. Dies habe der Prophet jedoch aus Barmherzigkeit getan und es dürfe nicht etwas anderes daraus interpretiert werden. Natürlich dürfe ein Mann im Haushalt mithelfen, dies sei jedoch nicht seine Aufgabe und ist auch nicht Teil der Kultur (nicht der schweizerischen Kultur? Kurdischen oder tschechischen Kultur?). Damit wir uns ein Bild einer guten islamischen Ehefrau verschaffen können, klärt uns Umm Zainab kurz auf. Eine Frau habe stets gehorsam zu sein und müsse der Hausarbeit nachgehen sowie die Ehre, das Geld und die Kinder des Mannes bewahren. Ausserdem soll der Wunsch des Mannes, sexuellen Aktivitäten nachzukommen, erfüllt werden. Eine Frau soll ein Ruhepol für ihren Mann sein. Es könne nicht sein, dass der Ehemann nach einem anstrengenden Arbeitstag zu Hause auch noch den Haushalt schmeissen soll. Dieser Wunsch nach Ruhe und Liebe sei auch ein wunderbarer und von Gott gegebener Wert.

Die Rollenverteilung von Mann und Frau im Islam ist gemäss F. Ulucay gegeben und soll auch umgesetzt werden. So erzählt sie von einem Beispiel einer Frau, die die Entscheidungshoheit ihres Mannes nicht akzeptieren konnte. Dies ist für F. Ulucay unverständlich und sie zitiert einen Hadith, der die Gehorsamkeit der Frau fordert. Diese Gehorsamkeit sei nicht nur eine aufgegebene Pflicht sondern auch etwas Wunderschönes.  F. Ulucay meint auch, dass sie ihre Ehe führt, um Gott zufriedenzustellen. Wenn Gott zufrieden ist, wird auch der Mann zufrieden sein. So werden die Pflichten einer Frau im Islam, mitunter die Gehorsamkeit, nicht aus eigener Überzeugung durchgeführt, sondern weil dies von Gott gewünscht werde. So sei ein für Gott ebenwürdiges Leben auch ein glückliches Leben. „Einen zufriedenen Ehemann zu haben, ist doch etwas Wunderschönes!“ – F. Ulucay.  

Die Zufriedenheit des Mannes sei von grosser Bedeutung und würde sogar über den Eintritt der Frau ins Paradies entscheiden. Dies sollten sich Frauen, insbesondere konvertierte Frauen, die aus einem feministischen Haushalt stammen, merken. Beide Moderatorinnen erwähnen nun auch noch die Pflichten des Mannes.  Dieser habe natürlich auch seine Pflichten als spirituelles, finanzielles und hierarchisches Oberhaupt zu erfüllen.

Drittes Video: Aufmüpfig, rebellisch und feministisch

Das Vorwort zum dritten Stream lautet: „Aufmüpfig, rebellisch und feministisch zu sein, sind keine Attribute einer guten, islamischen Ehefrau“. Die Einleitung dazu macht F. Ulucay und begrüsst alle Islamhasser, die sich zugeschaltet hätten. Sie würde ganz fest für sie beten und hofft, dass Gott ihnen den richtigen Weg zeigt. Das Thema dieser Sendung ist eine Weiterführung des letzten Beitrags. Es werden nochmals die Rollenattribute einer «richtigen» islamischen Frau betont. Auch wird angeraten, dass Frauen viel Selbstreflexion betreiben sollen, wenn es eheliche Strapazen geben sollte. Schliesslich würden sie ja die ruhe Oase für den Ehemann darstellen und tragen so eine grosser Verantwortung beim Missglücken einer Ehe. Es wird wieder ein Hadith zitiert und F. Ulucay erzählt eine Geschichte über das Leben von Ishmael und seiner Ehe- bzw. Exfrau. Sein Vater Abraham soll seine erste Frau besucht haben, welche Beschwerden ausdrückte und keine Dankbarkeit über ihr Leben zeigte. Daraufhin hinterliess Abraham eine Botschaft für seinen Sohn, dass er seine Frau verlassen solle. Dieses Spiel führte Abraham auch mit der neuen Ehefrau durch. Diese zeigte jedoch grosse Dankbarkeit und Zufriedenheit für ihr Leben mit Ishmael und Abraham hinterliess folgend die Botschaft, dass sein Sohn diese Frau behalten soll. So habe diese Geschichte auch noch in heutiger Zeit grosse Relevanz. Wenn sich eine Frau ständig beschwere und keine Dankbarkeit oder Zufriedenheit aufzeige, so soll man sich schlichtweg von dieser trennen. Gesprächspartnerin Umm Zainab stimmt allem zu und erzählt nochmals befürwortend von den vielen Rechten, die Männer über Frauen halten. Ausserdem habe die Frau von Ishmael die Ehre ihres Mannes nicht bewahrt, daher sei die Trennung rechtmässig und verständlich.

Nun gehen sie auf Kommentare aus dem letzten Video ein. Die geäusserte Kritik können sie ganz und gar nicht nachvollziehen, insbesondere die Diskussionen zum Thema Hausarbeit. Es bleibe die Rolle der Frau sich um den Haushalt zu kümmern und was andere Männer leisten, sei nicht von Interesse. Nur das islamische Leben – ihre Interpretation davon!! – sei wichtig. Um ihre Argumentationen zu bekräftigen, holen sie erneut einen Hadith raus. Diese Erzählung handelte von einer Frau, deren Sohn nach einer Krankheit verstarb und die sich durchwinden mochte, mit  ihrem Mann zu schlafen, bevor sie ihm vom Schicksalsschlag berichtete. Für die beiden Moderatorinnen sei dies das perfekte Vorbild einer islamischen Frau. Bevor sie ihren Mann mit dieser traurigen Nachricht konfrontierte, kümmerte sie sich um ihre Pflichten als Ehefrau und befriedigte die sexuellen Nöte ihres Mannes.

Zum Schluss wird noch eine kleine Abschweifung in den Feminismus gemacht. So würden die Ideologie des Feminismus und der Islam nicht zusammen passen. Für eine gegebene Kompatibilität müsste der Islam abgeändert werden, aber dieser und seine Offenbarungen sind ja vollkommen und daher ist eine Vereinigung nicht möglich. Weiter erklärt F. Ulucay, dass obwohl nicht alle Männer perfekt seien, der Islam den Feminismus einfach nicht braucht. Ausserdem geht sie weiter auf die Unvereinbarkeit vom Feminismus und Islam ein. Die Wertvorstellungen des Feminismus würden schlicht und ergreifend nicht mit den Normen des Islams übereinstimmen.

Das Schlusswort lautet: „Wenn ihr als Frau wütend seid, aber der Mann gestresst und müde ist, haltet euch zurück.“

Viertes und fünftes Video: Emotionale und sexuelle Befriedigung in der Ehe

Das vierte und fünfte Video der Onlinesendung bearbeitet ein intimes Thema. Die eher unkonventionelle Themenwahl sei jedoch sehr wichtig für ein glückliches Eheleben und Probleme in diesem Bereich würden immer wieder auftreten.

Eine Erklärung zur Emotionalität von Frauen leitet das Video ein. Diese Emotionalität sei bei Frauen ganz klar grösser vertreten als bei Männern. Im Gegensatz dazu, meint Umm Zainab, dass Männer einen stärkeren Sexualtrieb als Frauen hätten. Die geltenden Normen der sexuellen Beziehungen von Eheleuten versuchen sie mit ihrer Interpretation einer Surah aus dem Koran darzulegen. So könne ein Mann seinen Trieb „wann und wie er will“ an seiner Frau ausleben. F. Ulucay geht weiter darauf ein und erklärt, dass Frauen jederzeit bereit sein sollen, falls ihre Männer das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr hätten. Unteranderem setzt sich diese Bereitschaft aus einer körperlichen Pflege zusammen. Die Wichtigkeit der gegenseitigen Befriedigung bringt das Gespräch wieder zurück auf eine Ebene, die mich hoffen lässt, dass die Moderatorinnen wissen, dass für Geschlechtsverkehr ein Konsens benötigt wird.

Das Thema Sexualität wird im zweiten Teil der Episode in der Folgewoche behandelt. Nach einer freundlichen Begrüssung folgen auch schon die ersten kontroversen Erzählungen. So heisst es, dass ein Mann das Recht habe Geschlechtsverkehr einzufordern! Die Ehefrau müsse auf diese Rechtsanforderung eingehen. Natürlich sei es normal, wenn mal keine Lust da wäre oder der Ehepartner krank sei, dass man auf diese eheliche Pflicht ausnahsweise verzichtet. Schliesslich könne der Mann auch mal „Müde“ sein und das Bestehen auf Geschlechtsverkehr wäre nicht in Ordnung. Bei dauerhafter Lustlosigkeit solle man jedoch unbedingt einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Weiter meint F. Ulucay, dass eine Lösung zu einer solchen Lustlosigkeit bei Frauen die Vielehe wäre. Eine Frau habe sogar die Pflicht eine Zweit-Ehefrau für ihren Mann zu suchen, wenn sie die erwünschte Befriedung nicht erfüllt. Es wird weiter gelobt, dass die Option Vielehe für verschiedene Situationen im Leben optimal sei. Ausserdem sei es absolut nicht verwerflich, wenn die Motivation zur Polygamie beim Mann nur aus sexueller Hinsicht besteht.

Die Zuschauerfragen sind in dieser Sendung etwas heikler. So beantworten Umm Zainab und F. Ulucay Fragen zur Reinheit von Oralsex oder den erlaubten ehelichen Beziehungen während der Menstruation der Frau. Dafür verwenden sie Hadithe oder die Aussagen von Gelehrten. In der nächsten Frage rät Umm Zainab einem Paar zum „Sexting“ auf sicheren Platformen an, dies sei unter Eheleuten halal. Es geht kontrovers weiter. «Mein Mann schaut Pornographie was soll ich machen?» – lautet eine Frage. F. Ulucay macht zuerst klar, dass der Konsum von Pornographie haram und nicht erlaubt sei. Dies wäre die Sünde des Mannes und nicht die der Frau. Jedoch soll sich diese Frau hinterfragen, warum es überhaupt dazu gekommen ist? Gibt es irgendwelche Phantasien, die diese Schwester nicht ausleben will? Was kann sie an ihrem Verhalten verändern? (Ich finde es bemerkenswert, wie F. Ulucay es schafft, jede Situation umzukehren sodass Frauen in der Schuld stehen.) In einer Frage will eine Zuschauerin wissen, ob  sie ihren Mann immer zufrieden stellen muss, selbst wenn sie erschöpft sei. „Ja“ – meint Umm Zainab. Es sei jedoch eine Konversation zwischen den Paaren gefragt, aber auch die Nachsicht des Mannes. Weiter gibt sie Beziehungstipps und betont die Wichtigkeit von Zweisamkeit. Die letzte Frage handelt über Hemmungen zum eigenen Körper nach einer Schwangerschaft. F. Ulucay betont die Wichtigkeit der Gewichtsreduktion nach einer Schwangerschaft. Es sei schliesslich die Aufgabe der Frau sich für den Mann attraktiv zu halten und da kann man sich nicht „gehen lassen“.  Ihre Gesprächspartnerin ist etwas nachsichtiger und meint, dass Vertrauen in einer Beziehung wichtiger sei. Wenn dieses besteht, dann ist die Beziehung stark genug und die gegenseitige Anziehung sei auch gegeben.  

Zum Abschluss gehen die beiden auf die negativen Kommentare und die entgegengebrachten Vorwürfe ein. Nichts am gewählten Thema sei verwerflich oder sollte zu einem Schamgefühl führen. Sie wählten das Thema nicht aus persönlichen Gründen, sondern weil das Interesse in der Gemeinschaft bestehe. Wiedermal zitiert F. Ulucay einen Hadith zur Wiederlegung ihrer Taten und Botschaften.

Das Thema in der nächsten Episode lautet: Glückliche Ehe mit Kindern

Schlusswort

Die letzte Folge dieser Online-Serie kam mir ungewöhnlich vor. Die Frauen, insbesondere Umm Zainab, sind verschleiert, um ihre sexuellen Reize zu verbergen. Jedoch erzählen sie ganz offen und im Internet von diesen äussert privaten Angelegenheiten. Die meisten Kommentare stammen von Männern – Kritiker und Befürworter – daher passt das Konzept von Bescheidenheit und Schütze deine Züge nicht ganz überein. Im Kommentarfeld meint der IZRS, dass dies ein wichtiges Thema ist, aber Schwestern sich schämen würden es anzusprechen oder an entsprechenden Veranstaltungen teilzunehmen. Somit wurde eine anonyme Basis geschaffen, von der alle profitieren könnten. Obwohl ich einen offenen Umgang mit den gewählten Themen befürworte, finde ich die gemachten Äusserungen sehr kontrovers und sogar rechtswidrig. Für Tipps zu einer glücklichen, islamischen Ehe würde ich diese Sendung ganz klar nicht empfehlen.

Der Islamische Zentralrat tritt nicht zum ersten Mal kontrovers auf. Der Vorstand des IZRS, mitunter Nicholas Blancho oder Abdel Azziz Qaasim Illi (früher: Patric Illi), weiss zu provozieren und tut dies mit dem Vorwand sich für die Rechte des Islams und der islamischen Gesellschaft einzusetzen. Der IZRS möchte der schweizerischen Öffentlichkeit ein realistisches und ehrliches Bild der islamischen Lebensordnung zeigen, wobei auch Raum für Salafismus und Extremismus zu sein scheint. Andere islamische Verbände und Organisationen in der Schweiz distanzieren sich vom IZRS und das gewählte Wort «Zentralrat» im Namen gibt keine Andeutung zum Organisationsbild der islamischen Verbände in der Schweiz.

Dafina Gash, Dezember 2020

Besuch des «Eck Licht und Ton Gottesdienstes» von Eckankar

Einmal im Monat findet der «Eck Licht und Ton Gottesdienst» von Eckankar im Eck-Center in Zürich statt. Eine Mitarbeiterin von Relinfo besuchte den Gottesdienst vom 6. Dezember 2020 zum Thema «Du existierst, weil Gott dich liebt».

Büro oder Eck-Center?

Als ich pünktlich um 10.15 Uhr am Sonntagmorgen vor den geschlossenen Glastüren des Eck-Centers in Zürich stand, deutete nichts darauf hin, dass hier ein Gottesdienst stattfinden würde. Zwischen den zahlreichen Türklingeln, die meisten davon mit verschiedenen Instituten der Universität Zürich angeschrieben, suchte ich jene von Eckankar. Tatsächlich erschien eine ältere Frau aus einem Zimmer des Erdgeschosses als ich läutete und schaute mich etwas verwirrt an. Als ich ihr aber mitteilte, dass ich den Gottesdienst besuchen möchte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht, woraufhin ich in die Räumlichkeiten des Eck-Centers eintrat. Das Center erinnerte mich an Büroräume. Im Eingangsbereich war ein Pult mit einem Computer aufgestellt, daneben standen Regale mit Büchern über Eckankar.

Patriarchale Strukturen

Als ich den Gottesdienstraum betrat, merkte ich sofort, wie sich alle Augen auf mich richteten. Die neun anderen Anwesenden wiesen ein Durchschnittsalter von ungefähr 60 bis 70 Jahren auf. Ich stach mit meinen 23 Jahren klar heraus. Die Anwesenden begrüssten mich alle herzlich und wirkten sehr interessiert als ich von meinem Studium der Religionswissenschaft erzählte. Während die Eckisten und Eckistinnen, wie sich die Anhängerschaft von Eckankar nennt, mich musterten, musterte ich den Raum. Unter meinen Füssen lag ein grauer Teppichboden, auf den Fensterbretten standen einige Pflanzen. An der einen Wand hing ein kleines Bild von Harold Klemp, dem lebenden spirituellen Oberhaupt von Eckankar. Als Eck-Meister ist er, der Eckankar-Lehre nach, der personifizierte Gott. Obwohl es viele Eck-Meister gibt, darunter auch Frauen, können nur Männer das Amt des spirituellen Oberhaupts einnehmen. An einer weiteren Wand hingen 10 Bilder von Eck-Meistern, darunter beispielsweise Harold Klemp oder Shams-e Tabrizi, ein persischer Mystiker des 12. und 13. Jahrhunderts. Die restlichen Männer und die eine Frau waren keine historischen oder heute noch lebende, und somit reale, Persönlichkeiten.

Kurzeinführung in Eckankar-Begriffe

Als der Gottesdienst begann, wurden noch zwei weitere Personen via Zoom dazu geschaltet. Insgesamt waren nun 3 Männer und 9 Frauen anwesend. Die Gottesdienstleiterin, ebenfalls im Alter von etwa 60 Jahren, wirkte sehr sympathisch auf mich. Sie hiess alle sehr herzlich willkommen und begrüsste mich als Gast noch extra. Zuerst kam eine kurze Einführung, die wohl vor allem für mich bestimmt war. Die Begriffe Licht und Ton, die im Titel des Gottesdienstes enthalten waren, sind die Sprache, in welcher Gott mit uns spricht. Gott tritt durch sie in den niederen Welten in Erscheinung, sodass er auch mit dem Heiligen Geist vergleichbar sei, wie die Gottesdienstleiterin uns erklärte. So ging sie einmal in die Autogarage, wo sie der Automechaniker darauf aufmerksam machte, dass ihr Scheinwerferlicht nicht mehr funktioniere. Als sie in einem Traum ebenfalls von einem kaputten Scheinwerferlicht träumte, wurde ihr bewusst, dass Gott ihr dadurch eine Mitteilung senden wollte. Auch der Begriff der Seele wurde wegen meiner Anwesenheit kurz erläutert. Das wahre Selbst des Einzelnen sei nämlich die Seele. Sie existiert vor der Geburt und nach dem Tod des physischen Körpers. Sie kann als Funke Gottes alles sehen, wissen und wahrnehmen.

Der Hu-Chant

Auf die kurze Einführung folgte das Kernstück jedes Eckankar-Gottesdienstes: der Hu-Chant. Bei dieser spirituellen Übung wird das Wort Hu (ausgesprochen als «ju») gesungen. Hu wird bei Eckankar als ältester, geheimer Name von Gott interpretiert. Ziel des Hu-Chants ist unter anderem das Mahanta zu finden. Das Mahanta ist das Gottesbewusstsein des Einzelnen im Innern, was Orientierung und Führung im Leben geben soll. Es wird durch den lebenden Eck-Meister verkörpert, momentan also durch Harold Klemp, sodass bei der Übung eigentlich der innere Harold Klemp gesucht wird. Aufgrund der Corona-Massnahmen herrschte ein Singverbot, sodass das Hu im Kopf gesungen werden musste. So sassen wir 5 Minuten mit geschlossenen Augen und beruhigender Hintergrundmusik da. Ich konnte ich mir den Klang des Hu-Chants, welcher in der Praxis von Eckankar zentral ist, somit leider nur im Kopf vorstellen.

Vom «Eck» und der Intuition

Als alle wieder die Augen geöffnet hatten, schien die Atmosphäre ruhiger und entspannter zu sein. Die Einführung ins Thema des Gottesdienstes «Du existiert, weil Gott dich liebt» bestand aus einer kurzen Geschichte, die aufzeigen sollte, dass nichts dem Zufall überlassen ist und die Führung Gottes immer Sinn ergibt. In kleinen Diskussionsrunden von vier Personen beschäftigten wir uns anschliessend mit den Fragen, wie wir merken, dass Gott uns liebt und wie wir diese Liebe weitergeben sollen. Meine Gruppe, bestehend aus der Gottesdienstleiterin und zwei weiteren Frauen, erzählte von Momenten, wo sie die Liebe Gottes spürten und wie sie durch Eckankar lernten intuitiv zu leben. Der Verstand sollte weniger benutzt werden, stattdessen sollte man sich durch das «Eck» leiten lassen. Ich entschied mich, mich ebenfalls ins Gespräch einzubringen, obwohl mir im Vorhinein gesagt wurde, dass ich auch nur zuhören dürfte. Meine Zuhörerinnen freuten sich offensichtlich, dass ich bei der Diskussion mitmachte. Als ich nach der Bedeutung des Begriffs «Eck» fragte und ob dies mit dem Begriff «Gott» gleichgestellt werden könnte, war die Zeit leider abgelaufen.

Engagierte Teilnehmende

Dafür brachte die Gottesdienstleiterin meine Frage in der grossen Gruppe ein. Diese gab sich grosse Mühe, die Frage zu beantworten. Das Eck sei im Gegensatz zu Gott nicht personifiziert. Es sei eine Lebenskraft oder ein Lebensstrom, der alles am Leben erhält und uns leitet. Die kurzen Rückmeldungen aus den Gruppen zeigten, dass die Anwesenden täglich an kleinen Dingen merken, wie Gott sie liebt und die Liebe Gottes von uns durch Dankbarkeit weitergegeben werden soll. Sprich, wenn jemand Gutes tut, sollen wir mit Dankbarkeit reagieren. Alle Anwesenden beteiligten sich rege am Gespräch. Im darauffolgenden englischen Lied, dass von einer CD abgespielt wurde, ging es entsprechend darum, was wir alles im Leben geben können. Dabei merkte ich an den darin vorkommenden Begriffen wie «Mahanta», dass es sich um ein Eckankar-eigenes Lied handelte. Das Lied, das in mir nicht viel auslöste, rührte eine Zoom-Teilnehmerin zu Tränen.

Die langjährige Mitgliedschaft

Zum Abschluss machten wir einen 10-Minütigen Hu-Chant. Dabei versuchte ich das Hu innerlich mitzusingen, da die Gottesdienstleiterin darauf aufmerksam machte, dass auch Anhänger und Anhängerinnen anderer religiöser Traditionen diese spirituelle Übung machen könnten. Ich gab jedoch schnell auf, da ich mir selber ein wenig lächerlich vorkam. Zum Schluss bedankte sich die Gottesdienstleiterin bei der Gruppe. Dabei bedankte sie sich speziell bei mir und lud mich zum nächsten Gottesdienst sowie den nächsten Online-Veranstaltungen ein. Nach dem Gottesdienst durfte ich noch meine Fragen von den einzelnen Teilnehmenden beantworten lassen, wobei die Anwesenden auch viele Fragen an mich, besonders über mein Studium, stellten. Beim Nachgespräch stellte sich unter anderem heraus, dass sie alle schon lange bei Eckankar dabei sind und teilweise sogar ein 17-Jähriges Ausbildungsprogramm durchlaufen hatten. Die Anwesenden wollten zudem betonen, dass bei Eckankar keine Missionierung stattfinden würde und dass ihrer Meinung nach, alle Religionen auf dieser Welt eine Daseinsberechtigung hätten. Zum Schluss gaben sie mir einige Bücher von Harold Klemp mit, woraufhin ich das Eckankar-Center mit einer schweren Tasche verliess und in die verschneiten Strassen von Zürich trat.

Eine Rekapitulation

Als ich zum Tram lief, fühlte ich mich ziemlich gut. Ich wurde als «Neuling» einer religiösen Gemeinschaft noch nie so stark miteinbezogen, sodass ich mich sehr willkommen fühlte. Die Anhängerschaft war extrem zuvorkommend, klärte meine Fragen und war offensichtlich auch interessiert an mir. Solche Gastfreundschaft scheint mir bei religiösen Organisationen oft nicht genuin, sondern eher eine Form von Missionierung zu sein. Bei Eckankar wirkte es aber eher so, als ob sie direkt von ihrem Glaubenssystem abzuleiten ist, in welchem die Weitergabe der Liebe Gottes eine zentrale Rolle spielt. Ihre spirituelle Ansicht der Welt, in welcher der Intuition gefolgt werden soll und kleine Dinge geschätzt werden, fand ich faszinierend. Ein wenig verwirrend fand ich die vielen Begrifflichkeiten, die sich manchmal zu überschneiden schienen, wie beispielsweise das «Mahanta», das ein Gottbewusstsein im Innern ist, aber auch den lebenden Eck-Meister darstellt. Ihre klare Überzeugung, dass Eckankar uralte Wurzeln hat und historische Personen, wie Schams-e Tabrizi, ein Eck-Meister war, fand ich ebenso speziell. Ich bin mir nicht sicher, ob der persische Mystiker mit dieser Einstufung einverstanden wäre. Die patriarchale Struktur irritierte mich ebenfalls, wobei diese leider noch immer in vielen religiösen Organisationen die Realität darstellt. Vor allem beschäftigte mich jedoch die Altersstruktur, die auf einen Mitgliederschwund deutet, da alle Anwesenden bereits eine Weile Teil von Eckankar sind und die Organisation somit wenige neue, und vor allem junge, Mitglieder zu rekrutieren vermag.

Louisa Bernet, Dezember 2020

Mehr zum Thema

Eckankar

Zwischen Zukunftsangst und Happy End – Neues Buch von Christina von Dreien

Unter dem Titel «Am Ende ist alles gut. Wie wir uns die heile Welt selbst erschaffen» ist im Govinda-Verlag ein Buch erschienen, welches die Sicht Christinas von Dreien zur Corona-Krise, ihre Erwartungen bezüglich der weiteren Entwicklung sowie Tipps zum Umgang mit der gegenwärtigen Situation enthält.

Ein schmales Bändchen

Genau gleich wie die drei Bände der ebenfalls im Govinda-Verlag erschienenen «Christina»-Buchreihe wurde das neu erschienene Buch nicht direkt durch Christina von Dreien selbst geschrieben. Vielmehr wurde der Text aus Mitschnitten von Tagesseminaren Christinas von Dreien und aus Newsletter-Beiträgen von Christinas Team zusammengestellt, wie dies schon beim dritten Band der «Christina»-Buchreihe der Fall war. (Die ersten beiden Bände wurden von Christinas Mutter Bernadette von Dreien verfasst).

Das nun vorliegende Werk ist aber nicht Teil der «Christina»-Buchreihe, was sich schon am Format zeigt: Statt der jeweils gut 300 Seiten starken Bände der Reihe kommt die jüngste Schrift mit nur 85 Seiten als dünnes Büchlein daher. Auch durch die Gestaltung wurde das neuste Werk von der Reihe abgehoben. Während die drei «Christina»-Bände in Pastell-Tönen gehalten und mit grafischen Motiven verziert sind, zeigt der Umschlag des jetzt vorliegenden Buchs eine Fotografie von Christina von Dreien auf sattem Violett. Diese Aufnahme entstammt aber offensichtlich nicht einem eigens für das Buch durchgeführten Foto-Shooting, sondern einem Tagesseminar, was den Eindruck verstärkt, dass Christina von Dreien in die Produktion des neuesten Buches möglicherweise eher indirekt involviert war.

Die Geschichtenerzähler

Auf dem knappen Platz des Bändchens recht breiten Raum nehmen die Verschwörungstheorien ein, welche Christina von Dreien an ihren Tagesseminaren verbreitet. So behauptet sie etwa, hinter der Corona-Krise stünden bestimmte Personenkreise, welche sie «Geschichtenerzähler» nennt, weil sie der Menschheit unwahre Geschichten erzählen würden, etwa von der Gefährlichkeit des Corona-Virus.

Zu den Geschichtenerzählern gehören nicht nur «diejenigen Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, die wir ständig in den Medien sehen und die uns diese Geschichten verkaufen» (s. 15), sondern auch die Menschen, welche hinter ihnen stehen. «Wenn man wissen möchte, wer diese Hinterleute sind, gibt es dafür eine simple Methode. Es heisst ja: Geld regiert die Welt. So kann man sich einfach fragen: Wer regiert eigentlich das Geld? Wer hat das meiste Geld? Wer verdient an dieser ganzen Situation und wird dadurch immer noch reicher und reicher?» (s. 15). Falls Christina von Dreien hier den zurzeit reichsten Menschen der Welt, den Amazon-Gründer Jeff Bezos meint, hätte dies angesichts der geradezu fanatischen Fixation vieler Verschwörungsfans auf die Person von Bill Gates zumindest eine gewisse Originalität für sich.

Unlichte Ausserirdische

Ob nun Bezos oder Gates, auch die Hinterleute sind nur Handlanger anderer Mächte: «Die Geschichtenerzähler und ihre Hintermänner zum Beispiel sind zwar Menschen, aber eigentlich sind sie bloss Marionetten und Ausführende von Anweisungen aus höheren Bereichen. Denn diejenigen, die noch über ihnen stehen, sind feinstofflich und sind keine Menschen.» (s. 48) Vielmehr handelt es sich um Ausserirdische, welche die Menschen quasi als ihr Vieh behandeln: «Die ausserirdischen Wesen, die seit so langer Zeit schon diesen Planeten kontrollieren und hier den Lauf der Dinge bestimmen, ernähren sich nicht wie die Menschen von grobstofflichem Essen, sondern ihre Nahrung sind Angstschwingungen. Sie ernähren sich wortwörtlich von der Angst der Menschen.» (s. 64)

Diese Vorstellung übelwollender Extraterrestrier, welche die Welt beherrschen und sich von der Angst der Menschen nähren, erinnert an die Reptiloiden-Verschwörungstheorie des Briten David Icke, welche sich in Verschwörungskreisen einiger Beliebtheit erfreut. Wie Ickes Reptiloide haben auch Christinas von Dreien Ausserirdische ein vitales Interesse an der Angst der Menschen: «Sie schüren weiterhin weltweit noch möglichst viel Angst, damit sie sich weiter ernähren und noch weiter hierbleiben können». (s. 64)

Würden Menschen sich nicht mehr fürchten, bräche die Nahrungsgrundlage der extraterrestrischen Weltbeherrscher weg: «Die unlichten Wesen, die die Erde kontrollieren, werden ganz einfach sterben, sobald wir sie nicht mehr mit unserer Angst füttern. Sobald eine gewisse Anzahl von Menschen nicht mehr in der Angst ist, gibt es für diese Wesen nicht mehr genügend Nahrung» (s. 64).

Widersprüchliche Verschwörungstheorien

Die Idee von den Ausserirdischen, welche sich von der Furcht der Menschen nähren, wird im Buch ergänzt durch Elemente von drei anderen Verschwörungstheorien, die inhaltlich nicht ganz zu passen scheinen:

UFO-Kontakte

So greift Christina von Dreien die These aus der Mitte des 20. Jahrhunderts auf, dass schon seit langer Zeit Kontakte zu Ufonen bestünden, die bewusst vertuscht würden, weil die Menschen sonst «nicht mehr ruhig schlafen» könnten (s. 53). Warum aber sollten sich Ausserirdische, welche die Menschheit bewusst in Panik versetzen wollen, um deren ruhigen Schlaf sorgen? Eine Offenbarung der Kontakte müsste ihrem Ziel der maximalen Angstgewinnung ja viel eher entsprechen.

Technologisierter Mensch

Eine andere Verschwörungstheorie, welche Christina von Dreien aufgreift, ist die ebenfalls aus dem 20. Jahrhundert stammende Erzählung, dass es den Herrschern der Welt darum gehe, die Menschheit zu einer Art von Robotern umzuformen: «Ihr eigentliches Endziel ist ein technologisierter Mensch. … Aus meiner Sicht ist das ziemlich verrückt, aber tatsächlich besteht das letztendliche Ziel ihres ganzen Aufwandes darin, einen seelenlosen Menschen zu schaffen». (s. 69) Auch hier scheint eine Spannung zum Ziel der Gewinnung von Angst-Energie vorzuliegen. Ein «technologisierter», «seelenloser» Mensch wäre ja wohl gefühllos und damit angstfrei. Mit einem solchen Projekt würden sich die extraterrestrischen Weltregenten selbst ihre eigene Nahrungsgrundlage entziehen.

Bevölkerungsreduktion

In Verschwörungskreisen kursiert seit längerem die Theorie, dass Weltverschwörer eine massive Reduktion der Weltbevölkerung im Auge hätten. Auch Christina von Dreien spricht von einer möglicherweise bevorstehenden «Verminderung der Weltbevölkerung» (s. 65). Wenn aber nur schon ein paar Menschen, die ihre Angst verlieren, die Ernährung der ausserirdischen Herrscher dieser Erde gefährden, wie kann dann eine Reduktion der Weltbevölkerung in ihrem Interesse sein?

Positives Denken

So sehr die genauen Ziele und Pläne der Ausserirdischen bei Christina von Dreien widersprüchlich bleiben, so deutlich wird doch, worin Christina Abhilfe sieht: im Positiven Denken, in der Imagination. Unter Exponentinnen und Exponenten der Esoterik ist die Vorstellung, dass unser Denken die Kraft hat, das Gedachte zur Realität zu bringen, sehr beliebt, viele Autorinnen und Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einem «spirituellen Gesetz», z.B. dem «Gesetz der Anziehung». Bei Christina von Dreien wird es gar zu einem «Naturgesetz»: «Ein Naturgesetz besagt, dass das, was wir Menschen uns in Gedanken vorstellen und was wir zusätzlich auch in unserem Herzen fühlen, sich allmählich in unserem Leben manifestieren wird.» (s. 16)

Heile Welt

Im Unterschied zu den verbreiteten Ratgebern zum Thema richtet sich das Positive Denken bei Christina von Dreien nicht auf persönliche Vorteile und Probleme, sondern es geht ums Ganze, um die ideale, paradiesische Gesellschaft: «Wir können uns jeden Tag gedanklich vorstellen, wie eine heile Welt aussieht – so lange, bis wir sie fühlen. Und durch unsere Gefühle manifestieren wir dann die heile Welt.» (s. 9)

Der zeitliche Aufwand hierzu ist überschaubar: «Sofern es uns genügend wichtig ist, dass wir eine heile Welt bekommen, werden wir sicherlich jeden Tag zwei oder drei Minuten Zeit finden, um uns diese heile Welt täglich auch wirklich vorzustellen. Zwei oder drei Minuten – mehr Zeit braucht es dafür gar nicht.» (s. 20)

Mit dem Kühlschrank reden

Als weiteren Tipp für unsere schwierige Zeit empfiehlt Christina von Dreien, mit den Objekten in der eigenen Umgebung zu kommunizieren: «Wichtig ist auch, dass wir die Liebe, die wir in uns tragen, an andere weiterschenken – sowohl an Menschen und an Tiere, Pflanzen und Steine als auch an die Gegenstände, die uns umgeben. Ich zum Beispiel rede etwa mit meinem Kühlschrank, und ich gebe den Dingen in meiner Umgebung persönliche Namen. Sie heissen dann alle irgendwie, denn es sind ja alles Wesen mit einem Bewusstsein und mit Gefühlen. Wenn du deinen Gegenständen sagst, dass du sie schön findest und dass du sie magst, reagiert das Bewusstsein des jeweiligen Gegenstandes positiv auf dich, und wenn er dich mag und dir etwas Positives zurückschickt, fühlst auch du dich gut. … Indem du das tust, erschaffst du dir eine Oase der Harmonie inmitten einer Welt, die gerade ein wenig verrückt spielt.» (s. 39)

Teil-erwachte Querdenker

Wie schon im dritten Band der «Christina»-Buchreihe wird in der neuen Schrift betont, dass esoterisch-spirituelles Bewusstsein zum «Erwachen» allein nicht genügt, sondern dass wirklich «erwacht» nur ist, wer auch den Verschwörungstheorien Glauben schenkt, die Christina von Dreien vertritt: «Das Spirituelle ist nicht der einzige Bereich, indem man das Erwachen erkennen kann. Es gibt ausserdem auch den Bereich des kritischen Hinterfragens und des Querdenkens, wo ein Aufwachen stattfinden muss und gegenwärtig auch stattfindet». (s. 30)

Spirituelle Menschen, die Verschwörungstheorien kritisch gegenüber stehen, sind ebenso wie nichtspirituelle Querdenker nur «teil-erwacht»: «Unter den Menschen, die bereits wissen, dass das, was wir vom Weltgeschehen zu sehen bekommen, nur ein Theaterstück ist, gibt es wohl einige, die sich noch nie darüber Gedanken gemacht haben, dass wir alle in Wirklichkeit unsterbliche Seelen und reine Liebe sind. Und doch sind sie in ihrem Bereich schon mehr erwacht als andere, sie sind sozusagen teil-erwacht. Umgekehrt gibt es unter den Menschen, die sich mit Spiritualität beschäftigen, wohl einige, die in einer rosaroten Welt leben, in der alles aus Regenbögen und Einhörnern besteht. Das mag ja schön sein, aber es ist eben auch nur ein Teil des Ganzen und blendet andere wichtige Teile aus. Auch diese Menschen sind in ihrem Bereich schon mehr erwacht als andere; auch sie sind teil-erwacht.» (s. 30)

Auffällig an diesem Abschnitt ist die Tatsache, dass Christina von Dreien die verschwörungsskeptischen Spirituellen mit beissender Ironie darstellt, wogegen die nichtspirituellen Verschwörungsfans völlig neutral beschrieben werden. Könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass Christina von Dreien heute der Verschwörungsszene emotional näher steht als der esoterisch-spirituellen Bewegung?

Zukunftsangst und Happy End

Angesichts ihrer Theorie, dass unsere Welt von Ausserirdischen beherrscht wird, die bewusst Ängste schüren, um sich an ihnen zu nähren, mag es erstaunen, dass auch Christina von Dreien mit Botschaften aufwartet, die geeignet sind, die Lesenden in Furcht zu versetzen: «Vielleicht war das, was wir im Frühling 2020 erlebt haben, nur ein Testlauf, nur eine vergleichsweise harmlose Probe.» (s. 17) «Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass es vorübergehend noch sehr, sehr seltsam und nicht wirklich schön werden wird.» (s. 22)

Christina von Dreien wird nicht müde zu betonen, dass diese trüben Aussichten keinesfalls zur Angst führen sollen, sondern dass sie bloss einen vorübergehenden Reinigungsprozess darstellten: «Der Planet Erde reinigt und erneuert sich. Die Reinigung muss deshalb so heftig vonstattengehen, weil diejenigen Wesen, von deren Mentalität der Planet gereinigt werden soll, bisher keine Lust hatten, freiwillig zu gehen.» (s. 67) Wie es herauskomme, das sei gewiss: «Am Ende ist alles gut».

Wie weit Christinas Publikum diese Doppelbotschaft von Furcht und Zuversicht, von verschwörungstheoretischer Schwarzmalerei und esoterischer Heile-Welt-Vorstellung goutiert, wird die Zukunft zeigen müssen.

Georg O. Schmid, 25. November 2020

40-Jährige Jubiläumsfeier des Krishna-Tempels Zürich

Am Donnerstag, 12. November 2020, fand die öffentliche, im Rahmen der Woche der Religionen Zürich organisierte, Jubiläumsfeier des ISKCON-Tempels in Zürich statt. 40 Jahre existiert der Tempel an der Bergstrasse bereits, was mit einem historischen Rückblick, einer Tempelzeremonie und einem Podiumsgespräch gefeiert wurde. Um die Sicherheitsmassnahmen einhalten zu können, konnte die Feier leider nicht im Tempel selbst sattfinden und musste ins Gemeinschaftszentrum Hottingen verlegt werden.

Unverkennbar Hare Krishna

Trotz der fehlenden Tempel-Atmosphäre war klar spürbar, welche Gemeinschaft an diesem Abend gefeiert wurde. Im vorderen rechten Bereich des Saals stand ein kleiner Altar mit einer Krishna-Statue, Blumen, Kerzen und Bildern darauf. Verschiedene Mönche, oder Devotees wie sie in der Krishna-Gemeinschaft genannt werden, stellten weitere Stühle im Saal auf. Die Besuchendenzahl war wohl grösser als erwartet. Das Publikum setzte sich vorwiegend aus westlichen Personen der älteren Generation zusammen, wobei auch einzelne südasiatisch-aussehende Menschen anwesend waren. Als sich die ca. 40 Besuchenden gesetzt hatten, wurde es von Krishna Premarupa Dasa, dem Präsidenten des Krishna-Tempels in Zürich, begrüsst. Er begann den Abend mit einer visuellen Reise durch die Geschichte des Krishna-Tempels.

Die Anfänge

Die Geschichte der ISKCON in der Schweiz nahm in der Westschweiz ihren Anfang. In den 1970er Jahren existierte ein Krishna-Tempel bereits in der Umgebung von Genf. Die Bewegung erreichte Zürich im Jahr 1979, als das grosse indische Wagenfest durch die Zürcher Strassen zog, was nach einem bunten, chaotischen Spektakel aussah. Krishna Premarupa Dasa erklärte mit viel Humor, dass dies das letzte und einzige Mal war, wo eine Bewilligung für das Fest in Zürich eingeholt werden konnte. Im Jahr 1980 wurde das Gebäude an der Bergstrasse von der Familie des Bankiers Julius Bär abgekauft. Bis heute dient es als Tempel für die Krishna-Gemeinschaft in Zürich. Ungefähr zeitgleich wurde eine Farmgemeinschaft der ISKCON im Tessin gegründet, welche später allerdings nach Frankreich umzog.

Expansion und Krise

Die 1990er Jahre waren geprägt von grossen Erfolgen und der Expansion. Die ISKCON trat mit ihren Buchverteilungen und ihrem Singen in der Öffentlichkeit auf, was von der Presse teilweise positiv, oft jedoch negativ aufgenommen wurde. Trotzdem wuchs die Mitgliederanzahl in diesen Jahren auf ungefähr 70 Mitglieder. Das Leben der Bewegung war zu dieser Zeit sehr monastisch ausgelegt, sodass die Grosszahl der Mitglieder im Tempel selbst lebte. Gleichzeitig erreichten viele Flüchtlinge aus Sri Lanka die Schweiz, welche im Tempel zunächst eine Anlaufstelle und ein spirituelles Zuhause fanden. Die enge Zusammenarbeit mit der tamilischen Bevölkerung Zürichs hält bis heute an. Auf die Expansion folgte allerdings eine schwierige Zeit: 1998 verliess der grosse Guru Harikesha Swami die Bewegung, woraufhin ihm viele Schüler folgten. Die Gemeinschaft schrumpfte in der Folge auf ca. 20 Mitglieder.

Neuorientierung und Weiterentwicklung

In den 2000er Jahren musste sich der Krishna-Tempel an der Bergstrasse neuorientieren. Viele Mitglieder lebten neu ausserhalb des Tempels mit ihren Familien und gingen ihrer normalen Arbeit nach. Man begann sich um den interreligiösen Dialog in Zürich zu bemühen. Als Zeichen dieser Neuorientierung wurde ein Feuerrad auf dem Dach des Tempels installiert. Die darauffolgenden 2010er Jahre waren geprägt von der Erhaltung der Bemühungen der vorherigen Jahre und der Weiterentwicklung. Besonders der interreligiöse Dialog nahm eine wichtige Rolle ein und die ISKCON war neu in den kantonalen Schulbüchern des Fachs Kultur und Religion vertreten. Die eindrückliche und lehrreiche Präsentation von Krishna Premarupa Dasa endete mit dem schönen gold-schwarzen Logo, das eigens für die 40-Jährige Jubiläumsfeier des Tempels entworfen worden war.

Die Tempelzeremonie im Gemeindezentrum

Besonders die darauffolgende Tempel-Zeremonie hätte wohl in der Atmosphäre des eigentlichen Tempels mehr Eindruck gemacht. Die Devotees machten aber das Beste aus der Situation, sodass die Zeremonie nach den ersten Problemen mit dem Mikrofon, dass zwischendurch laut quietschte, das Publikum in den Bann zog. Die gesungenen Mantras wurden von verschiedenen Instrumenten begleitet. Die Worte «Hare Krishna» waren dabei für viele im Publikum die einzigen verständlichen Worte. Zur Musik räucherte eine Frau in einem blauen Sari den Altar vorne ein. Zwischendurch blies sie in ein Muschelhorn. Zunächst klatschten bloss Vereinzelte aus dem Publikum zur Musik, als diese schneller wurde, kamen immer mehr dazu. Eine kurze Zeit lang fühlte man sich an einen anderen Ort versetzt. Das Gefühl wurde dann abrupt beendet, als nach dem Ende der Zeremonie aufgrund der Corona-Massnahmen der gesamte Raum gelüftet werden musste.

Perspektivenwechsel im Podiumsgespräch

Auf die Lüftungspause folgte das Podiumsgespräch zu den Herausforderungen der Vergangenheit, den Entwicklungen der Gegenwart und den Perspektiven der Zukunft. Moderiert wurde das Gespräch durch die römisch-katholische Theologin Veronika Jehle. Zu Gast waren Georg Otto Schmid von Relinfo, Frank Neubert vom Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern, Martin Frischknecht vom Magazin Spuren und Guido von Arx als Vertreter von ISKCON. Die kenntnisreiche und religionswissenschaftliche Aussenperspektive von Schmid und Neubert wurde durch die erfahrenen Innenstimmen von Frischknecht und von Arx ergänzt, was ein äusserst spannendes Gespräch ermöglichte.

Spagat zwischen Tradition und Veränderung

Im Gespräch wurden vor allem die Veränderungen, die der Krishna-Tempel in Zürich durchgemacht hat, ersichtlich. Dabei spielte die grosse Lernbereitschaft von ISKCON eine wichtige Rolle, um sich von der Kritik aus den 80er und 90er-Jahren loszulösen, wie Schmid erläuterte. Die kritischen Punkte wurden besonders vom Religionswissenschaftler Neubert angesprochen und umfassen beispielsweise die aggressiven Buchverteilungen aus den 90er Jahren oder der damalige katastrophale Umgang mit Kindern und Frauen in der Gemeinschaft. Bei den darauffolgenden Reformen wurden die Betroffenen miteinbezogen, was von Arx aus eigener Erfahrung bestätigen konnte. Die Reformen wurden aber auch von ISKCON-Mitgliedern angekurbelt, die akademisch gebildet waren, beispielsweise in der Religionswissenschaft oder Indologie. Von allen Teilnehmenden wurde die Krishna-Gemeinschaft dafür gelobt, dass ihr der Spagat zwischen Tradition und Veränderung gelang: Trotz den vielen Reformen ist sie trotzdem sich selbst geblieben. Nur ein klein wenig mehr Wildheit aus den Anfangszeiten wünscht sich Frischknecht wieder.

Zukunftsperspektiven

Gelobt wurde zudem die Dauerhaftigkeit des Tempels. Ein 40-Jähriger Tempel sei etwas sehr Besonderes und eher etwas Atypisches für einen Krishna-Tempel, wie Neubert erklärte. Auch die Dialogbereitschaft, die Offenheit des Tempels und ihr Engagement im interreligiösen Dialog wurden als sehr positiv beurteilt. Im Hinblick auf die Zukunft äusserten sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Wünschen und Erwartungen. Schmid erwähnte hier vor allem die Stärkung der Rolle der Frau, die auch in der Leitung einen Platz finden sollte. Zudem wünschte er sich, dass die ISKCON ihren Beitrag an die bedrohte Religionsfreiheit in Indien leisten könnte. Von Arx sah in seiner Zukunftsperspektive des Krishna-Tempels eine grosse Interreligiosität. Die Rückkehr zu einer «Religion der Ekstase» wünschte sich Frischknecht. Die Ekstase werde in der Gesellschaft heute nämlich vernachlässigt. Neubert wollte sich nicht als Prophet darstellen, attestierte dem Tempel aber durchaus ein Wachstumspotential, dass vor allem jüngere Menschen und Familien miteinbeziehen sollte.

Beweis der Gastfreundschaft

Das Gespräch war sehr informativ und interessant. Die kritischen Aussagen wurden auch von der Innenperspektive aufgenommen und diskutiert, sodass selbstkritische Gedanken zur Vergangenheit geäussert wurden. Das Gespräch hinterliess aber in erster Linie ein sehr positives Bild der heutigen ISKCON, die von ihrer Offenheit geprägt ist und durchaus als hinduistische Vertretung Zürichs gilt. Im Anschluss an das Gespräch teilten einzelne Personen aus dem Publikum ihre Erfahrungen mit dem Krishna-Tempel an der Bergstrasse. Auch diese Berichte zeichneten ein sehr positives Bild von Gastfreundschaft und Gemeinschaftsgefühl im Tempel. Die Gastfreundschaft wurde auch im Abschluss des Abends ersichtlich, als sich Krishna Premarupa Dasa bedankte und verabschiedete und das Publikum zum Verzehr von Köstlichkeiten aus der Tempelküche einlud (natürlich draussen oder sitzend).

Louisa Bernet, November 2020

Mehr zum Thema

Internationale Gesellschaft für Krisha-Bewusstsein (ISCKON) (Hare Krishna-Bewegung)