Auf den Sonntag, den 17. August 2025, lud der ehemalige Psychoguru und heutige radikale Prediger Miro Wittwer zu seinem «The Day of Transformation» in den Festsaal des Zürcher Kunsthauses ein. Unter demselben Titel «The Day of Transformation» hat Miro Wittwer schon seinerzeit als Hypnosetherapeut, Coach und Seminarleiter esoteriknahe Veranstaltungen durchgeführt, bei denen es um Tipps für ein besseres Leben ging. Seit seiner Bekehrung zu einem radikalen neocharismatischen Christentum im Frühling 2024 ruft Wittwer bei «The Day of Transformation» zur Bekehrung zu einem fundamentalistischen Glauben auf und verbreitet problematische Lehren, z.B. LGBT-und Islam-feindliche Aussagen.
Die «Götzenstatuen» im Foyer
Am Sonntag, den 17. August 2025 betreten meine Frau und ich das Foyer des Chipperfield-Baus des Kunsthauses, in dessen Festsaal «The Day of Transformation» stattfinden wird. Im Foyer fallen uns die zwei Figuren von Jeffrey Gibson auf, einem Künstler, der indigen-amerikanische Wurzeln hat und sich von u.a. von indigenen Traditionen inspirieren lässt. Die beiden Figuren werden von Miro Wittwer zu Beginn der Veranstaltung als «Götzenstatuen» diffamiert. Dankt Miro Wittwer so dem Kunsthaus das Gastrecht, das er erhalten hat? Dass Wittwer als fundamentalistischer Prediger für die Werke indigener Kunstschaffender keinerlei Verständnis aufbringt, hat ja leider üble Tradition, insbesondere im amerikanischen fundamentalistischen Christentum, auf welches sich Wittwer gerne beruft.
Beim Einlass in den Festsaal filmt ein Mitarbeiter von Miro Wittwer alle Teilnehmenden. Das Gefilme geht im Saal munter weiter. In der Veranstaltung werden die Anwesenden darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich in den Bereich hinten links begeben sollen, wenn sie nicht aufgezeichnet werden möchten. Wer dies nicht tut, erklärt damit sein Einverständnis zu Aufnahmen, die Miro Wittwer dann werbend einsetzen wird.
Miro fordert die Anwesenden mehrfach auf, auch selbst Aufnahmen zu machen, und diese in Social Media zu publizieren. Wenn er markiert wird, würde er die Aufnahmen dann verlinken. Mal schauen, ob er dies auch mit dem vorliegenden Text tut.
Miro Wittwer will 600 – 700 Tickets verteilt haben. Viele Leute seien nicht gekommen. 400 bis 500 Leute seien hier, behauptet er während der Veranstaltung. Online schreibt er später von ca. 450 Teilnehmenden. Nach unserer Zählung waren es maximal 300 Anwesende.
Der ehemalige Psychotherapeut, der niemals einer war
Die Begrüssung der Teilnehmenden erfolgt durch Benjamin und Julius Franke, einem deutschen freikirchlichen Vater-Sohn-Gespann, das Miro Wittwer bei der neocharismatischen Glaubenskonferenz UNUM24 im Juni 2024 in München kennengelernt haben. Beide stellen Miro Wittwer als den ehemals bestbezahlten Psychotherapeuten in Zürich vor.
Psychotherapeut ist ein geschützter Titel, den nur von Personen mit einer Ausbildung in Psychotherapie getragen werden darf. Miro Wittwer hat niemals eine solche Ausbildung absolviert.
Nun hat sich Miro Wittwer den Titel «Psychotherapeut» nicht selbst zu eigen gemacht, er hat es aber zugelassen, dass er von seinem Begrüssungskomitee zweimal so bezeichnet wurde, ohne dass er dies später richtiggestellt hätte. Gelegenheit hätte er während «The Day of Transformation» über Stunden reichlich gehabt. Seriöses Vorgehen wäre etwas anderes.
Was Wittwer hingegen bei jeder Gelegenheit aktiv von sich behauptet, ist die Aussage, dass er der bestbezahlte Therapeut in Zürich war. Den Beweis für diese Behauptung bleibt er schuldig. Wenn Wittwer heute von sich sagt, er sei damals hochmütig gewesen, dann scheint dies wenigstens recht plausibel.
Auftritt eines Pseudochristus
Die Frankes fordern das Publikum auf, Miro Wittwer mit einem Riesen-Applaus zu begrüssen. Er tritt auf die Bühne, ganz in Weiss gekleidet und mit Jesus-Mähne. Miro steht schweigend da, etwas länger, als es üblich ist, aber genauso, wie es Rhetorik-Fachleute raten. Dann sagt er den Anfang des ersten Kapitels des Johannes-Evangeliums auf, während er ins Publikum grinst. Der Johannes-Prolog zielt auf Jesus hin als das Wort, das Fleisch wurde, und auf der Erde auftrat.
Dieser Beginn der Veranstaltung ist typisch für den ganzen Anlass. Verwechslungen zwischen Miro Wittwer und Jesus werden niemals verbal vorgenommen, aber in der Symbolik immer wieder bewusst induziert. So ist als Hintergrundbild oft eine männliche Figur von hinten mit weissen Kleidern und Jesus-Mähne projiziert, die sich durch Wolken bewegt. Offen bleibt die Frage, welche Gesichtszüge zu sehen wären, wenn sich dieser Mann umdrehen würde: diejenigen von Jesus, oder doch diejenigen von Miro?
Als Miro die Anwesenden, die sich neu für den Glauben entschieden haben, auffordert, nach vorne zu kommen und die Bühne zu berühren, weil diese für das Kreuz stehe, ergibt sich der Eindruck, dass sich die Menschen vor Miro selbst verbeugen würden. Auch dieses Bild wird in Kauf genommen.
In Worten hat sich Miro an der Veranstaltung niemals als Christus bezeichnet. Durch die Symbolik und Bildsprache aber inszenierte sich Miro Wittwer sehr unmissverständlich als Christus-ähnliche Figur.
Geistgeleitete Veranstaltung?
Gleich zu Beginn stellt Miro Wittwer fest, dass die heutige Veranstaltung kein festes Programm kenne, abgesehen von zwei Altar Calls und der abschliessenden Taufe im Zürichsee ab 17.00 Uhr. Alles andere würde dem Holy Spirit überlassen, den Miro Wittwer als seinen Guten Freund vorstellt. Meine Frau und ich runzeln die Stirn. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir mehrere Veranstaltungen erlebt, die nicht einem Ablauf, sondern der freien Inspiration gefolgt sind, was sie in aller Regel radikal oder langweilig machte, oftmals beides in buntem Wechsel. Auch heute wird dies der Fall sein. Radikale Aussagen und extreme Längen werden sich im Lauf des Tages ablösen.
Miro Wittwer berichtet nun davon, dass er während acht Monaten in den USA war und dort von «vielen mächtigen Menschen» die Hände aufgelegt erhalten habe. Auf seiner Website bezeichnet er sich als «Man of God», als «Mann Gottes».
Über seine frühere Tätigkeit als Psychoguru wiederholt Miro Wittwer die schon bekannten Aussagen: er habe damals geglaubt, auf dem richtigen Weg zu sein, er habe helfen wollen, sei aber getäuscht worden, er habe bei seiner Kundschaft zwar Symptome weggebracht, aber keine nachhaltige Transformation ausgelöst. Er habe viele Menschen in die Irre geführt, und viele würden es immer noch nicht erkennen, dass er sie in die Irre geführt habe.
Am 6. April 2023 sei auf Ibiza die entscheidende Wende gekommen, als er ein zweites Buch für den Psychomarkt verfassen wollte – nach seinem im esoterischen Giger-Verlag erschienenen Werk «Transformation – Wie du dich selbst heilst, deine Berufung findest und das Leben deiner Träume kreierst».
Da habe er die Aufforderung gehört, die ganze Bibel zu lesen, was er dann innerhalb von 15 Tagen getan habe.
Zum Thema des Spannungsfelds zwischen einer fundamentalistisch-wörtlichen Bibelauslegung und den Erkenntnissen der Wissenschaft meint Miro: Er liebe nun die Wissenschaft, aber er liebe Gott gefühlt milliardenmal mehr.
Druck auf einen Atheisten – der ehemalige Psychoguru in manipulativer Höchstform
Da fragt Miro Wittwer unvermittelt ins Publikum, ob ein Atheist anwesend sei. Auf Nachhaken hin meldet sich ein Mann ganz am Ende des Raums. Miro Wittwer frohlockt: «Da hinten haben wir einen Atheisten. Endlich mal was zum Arbeiten.» und an den Mann gewandt: «Warum glaubst du, ist es gut, Atheist zu sein?» Das Manipulative an dieser Frage macht offenbar, dass der ehemalige Psychoguru seine Techniken von damals immer noch beherrscht und einsetzt. Es wird nicht die Plausibilität von Gottesglauben und Atheismus diskutiert, sondern gleich die Moralkeule geschwungen. Ist es denn gut, Atheist zu sein?
Der Mann erwähnt die Freiheit, die ihm seine Weltanschauung schenkt. Und er erwähnt den strafenden Gott als einen ihn abschreckenden Gedanken.
Darauf Miro Wittwer: «Gott erzieht, aber er bestraft nicht destruktiv», wie es Väter gelegentlich tun. Nun fragt Miro in die Masse, wer denn vom eigenen Vater destruktiv bestraft worden sei. Ein paar Hände gehen hoch.
Wieder zum Atheisten gewandt behauptet Miro: «Wir respektieren das.» – und macht dann das genaue Gegenteil, indem er fortfährt: «Gott hat einen Plan mit dir, er hat dich kreiert. Du kommst von Gott».
Nun kommen weitere Techniken zum Einsatz: Gruppendruck und Kinder-Faktor. Miro Wittwer fragt ein kleines Mädchen: «Glaubst du, dass er (gemeint der Atheist, gs) von Gott kommt?» und dann in die Masse: «Wer glaubt, dass er von Gott kommt?». Die Hände schiessen hoch und der Atheist konstatiert: «Ich bin übervoted worden».
Miro betet nun mit dem Atheisten «gegen jede Lüge vom Teufel in seinem Herzen». Miro: «Gott sagt, du bist von oben gegeben. Ich breche jetzt jede Vereinbarung, die du gemacht hast mit dem Gegner in Jesus Name. Jeder Zweifel an der Existenz Gottes muss nun gehen».
Miro fragt: «Wirst du dich öffnen, Bruder?» und dringt in ihn: «Sag, ich öffne mich». Der Atheist versucht, sich herauszuwinden: «I open the gate a little».
Miro ist zufrieden und fordert das Publikum auf, dem Atheisten zu applaudieren.
Der Wirtschaftsmann, der nicht prozentrechnen kann
Nach seiner Bearbeitung des Atheisten fragt Miro Wittwer ins Publikum: «Wer ist tausendprozentig sicher, dass Jesus lebt?» Fast alle Hände gehen hoch, und belegen damit, dass der grosse Teil des Publikums aus gläubigen Christinnen und Christen besteht.
Immer wieder wird Miro Wittwer während der Veranstaltung das Adjektiv «tausendprozentig» verwenden. Kann hier ein ehemaliger Absolvent der Ökonomie schlecht prozentrechnen?
Miro Wittwer fragt weiter ins Publikum: «Wer hat Jesus gesehen, wirklich gesehen?» Etliche Anwesende strecken auf. Miro Wittwer kommentiert: «Diese Menschen sind keine Lügner. Er lebt, er ist hier im Raum». Vor dem Hintergrund seines christusartigen Auftretens wirkt auch diese Aussage doppeldeutig. «Dieser Mann lebt. Millionen Menschen haben ihn schon gesehen! Er lebt!» Inzwischen hat sich Miro in Rage geredet und brüllt ins Publikum, während er auf dem Mittelgang hin und hergeht. «Die Forscher, die gegen die Auferstehung gehen, beissen sich die Zähne aus». Was Wittwer damit meint, bleibt offen. Wie soll es heute eine sinnvolle Forschung zur Historizität der Auferstehung geben? Wie soll da heute etwas bewiesen oder falsifiziert werden? Die Auferstehung Jesu Christi ist und bleibt eine Frage des Glaubens. Noch eigenartiger ist Miro Wittwers Aussage zum Alphirten, der auf dem Fünfliber abgebildet ist: «Das ist nicht Wilhelm Tell, das ist Jesus Christus».
Religion und Sekte
«Ich hasse Religion», hält Miro Wittwer nun fest. Religion gäbe Krieg und Spaltung, was nicht von Gott sei: «Gott ist Friede».
Nun lässt Miro Wittwer ein Schlaglicht auf die Reaktionen des Publikums bei seiner Missionierung im öffentlichen Verkehr und auf öffentlichem Grund fallen: «Wenn du in der Schweiz von Jesus erzählst, denkt jeder Zweite, das ist Sekte.» Miro Wittwer würde aber nicht sich selbst verkündigen, sondern Jesus Christus. Dass dies für die Wahrnehmung des Publikums mitunter durcheinandergerät, daran ist Miro Wittwer mit seinem Jesus-Styling zu hundert Prozent selbst schuld, geht es mir da durch den Kopf.
Er hasse die Sünde, fährt Wittwer fort, liebe aber die Menschen. Auch die Angehörigen anderer Religionen würde er lieben: «Wir lieben den Moslem, den Buddhisten, den Hindu, den Juden.» Und er würde dafür beten, dass Gott diesen Menschen die Wahrheit zeigen möge.
Der Heiler Toby Meyer
Nun spricht Miro Wittwer den christlichen Musiker und Heiler Toby Meyer an, der Heilungsworkshops auf Zürcher Strassen anbietet und heute im Publikum sitzt. Er habe Toby bei einem Strasseneinsatz kennengelernt, meint Wittwer. Wie muss man sich das vorstellen? Der Strassenevangelist Miro Wittwer trifft auf den Strassenheiler Toby Meyer? Toby Meyer habe, so Wittwer nun, sehr viele Wunder erlebt. Wittwer fragt nach: «Wieviele Wunder?» Toby Meyer antwortet: «Vielleicht 7’000». Wie sich diese sehr erstaunliche Zahl erklärt, werden wir gleich live miterleben.
Der Heiler Miro Wittwer
Miro sagt nun spontan eine Demonstration an. Er fragt in die Masse: «Wer hat einen Schmerz, ein körperliches Gebrechen, wer will Heilung?» Nach anfänglichem Zaudern gehen die Hände reichlich in die Höhe, sodass Miro bremsen muss: «Ja nicht der ganze Saal».
Wittwer erklärt nun, wie die Heilungen funktionieren sollen. Er würde die Hände auflegen, aber es sei Jesus, der heile. Dies geschehe, indem in den Heilungssuchenden Glaube ausgelöst wird: «Wenn ich Hände auflege, geht der Glaube durch die Decke, dann bist du geheilt». Wer war es gleich, der heilt?
Als ehemaligem Anbieter in einem Esoterik-nahen Umfeld ist es Miro Wittwer wichtig, die Heilungen zur Esoterik abzugrenzen, es sei, so meint er, «keine Aktivierung von Selbstheilungskräften oder so ein Gugus, den Menschen ausgedacht haben».
Miro kündigt nun an, dass er seine Hände auf den Schmerz der Heilungssuchenden legen werde. Wenn Frauen das nicht möchten, sollten sie es sagen. Dies dünkt mich ein reichlich sexistischer Ansatz, selbstverständlich sollten alle Menschen es ablehnen können, von Miro Wittwer angefasst zu werden.
Krankheit als Lüge
Mit der Wort-des-Glaubens-Bewegung lehrt Miro Wittwer, dass Jesus am Kreuz auch alle Krankheiten getragen habe, sodass gläubige Menschen eigentlich bereits geheilt seien: «Diese Krankheit gehört nicht dir. Wenn du sagst: ich bin krank, dann lügst du. Du kannst dem Schmerz kommandieren, zu gehen: Schmerz, heute musst du gehen, geh!»
Wenn diese Methode nicht funktioniere, dann liege das am Zweifel, der weggeschickt werden müsse. «Im spirituellen Raum bist du schon geheilt. Wir nehmen das, was im spirituellen Raum ist, nehmen wir by faith».
80 Heilungssuchende, Zungenstottern und «progressive Heilung»
Inzwischen haben sich rund 80 Heilungssuchende auf der Bühne versammelt, in vier Reihen à ca. 20 Personen. Miro Wittwer geht durch die Reihen, legt Hände auf, betet und spricht in Zungen: totototetete. Wittwers Zungenrede hört sich an wie ein Stottern. Bis Miro Wittwer durch die Reihen durch ist, vergehen ca. 30 Minuten. Insgesamt müssen die Heilungssuchenden ca. 45 Minuten auf der Bühne stehen. Wie hilfreich das für Menschen ist, die von Schmerzen betroffen sind, scheint uns sehr fraglich.
Im Anschluss bilanziert Miro Wittwer, dass es einige Heilungswunder gegeben habe, aber vor allem «progressive Heilungen». Eine progressive Heilung sei, so erklärt Wittwer, im spirituellen Raum bereits geschehen, sie verwirklicht sich aber erst später auf der materiellen Ebene. Dafür sei aber Glauben nötig, Zweifel müssten bekämpft werden: «Dein Herz muss glauben, dass du geheilt bist». Hilfreich sei es, die Heilung zu proklamieren: «Du proklamierst es, sprichst es aus». Was Miro Wittwer hier bringt, sind die typischen Tipps der Wort-des-Glaubens-Bewegung. Er ergänzt diese allerdings durch eine Theorie aus seinen Psychoguru-Tagen: «Der Körper ist direkter Feedback-Geber der Psyche». Und er verspricht: «Wenn dein Herz es angenommen hat als Wahrheit, sind die Symptome weg. Du fängst an zu proklamieren. Wenn der Unglaube, der Zweifel kommt, sagst du: Du musst gehen. Du kämpfst den spirituellen Kampf jeden Tag.»
Diese Tipps scheinen uns ausserordentlich problematisch: Symptome werden nicht ernst genommen, sondern wegproklamiert, jeder Zweifel wird verboten, und am Ende sind die Heilungssuchenden selbst schuld, wenn sich keine Heilung einstellt. Sie haben zu wenig geglaubt/proklamiert oder doch gelegentlich gezweifelt.
Unsere Bilanz der Heilungs-«Demonstration» von Miro Wittwer ist ernüchternd. Wir haben vor allem Ausreden gehört, warum sich keine Heilung ereignet hat. Die Heilungsdemonstration Miro Wittwers unterscheidet sich damit in ihrem Resultat nicht von ähnlichen Vorführungen in anderen Gemeinschaften und Weltanschauungen.
Ein LGBT-feindliches Zeugnis
Miro Wittwer kündigt nun ein Zeugnis an einer Frau, die er vor kurzem kennengelernt habe.
Die Frau stellt sich als Julia aus Köln vor und berichtet davon, dass sie als Kind zwar behütet aufgewachsen sei, dass ihre Eltern aber getrennt gewesen seien, sodass Julia ihr Vater gefehlt habe.
Ihre Oma habe ihr schon damals von Jesus erzählt.
Schon ab dem Alter von sechs Jahren habe sie eine Neigung zu Frauen gespürt, sie habe dies später auch ausgelebt. Die Welt sage ja, dass dies voll in Ordnung ist, dass es total normal ist.
Sie habe Drogen ausprobiert und ein wildes Leben gelebt.
Mit den Jahren sei sie immer mehr ins Verderben gerutscht, in Depressionen, in Selbsthass.
Sie sei von Beziehung zu Beziehung gehopst, sie sei nie alleine gewesen.
Im Jahr 2018 sei sie mit ihrer letzten Partnerin zusammengekommen, an der sie emotional sehr gehangen sei.
In der Corona-Zeit entschied sie zusammen mit ihrer Partnerin, ungeimpft zu bleiben. Sie hätten dann Videos angeschaut zum Satanismus in der Musikszene, und hätten sich gesagt, dass es das Gegenteil davon auch geben müsse.
Ihre Partnerin hätte die Gegenwart Gottes gespürt. Sie seien dann gemeinsam zum Glauben gekommen.
Die Partnerin habe in der Folge immer mehr Erkenntnisse bekommen, sodass sie den Eindruck erhielt, dass Jesus ihr ihre Partnerin klaue.
Im Jahr 2023 hätten sich die beiden getrennt. Julia sei total unglücklich gewesen, über drei Monate sei sie im tiefsten Loch ihres Lebens gewesen, habe schlimmen Liebeskummer durchgemacht.
Sie habe damals Cannabis, Kokain und jeden Tag Alkohol konsumiert.
In dieser Situation habe sie zu Gott gebetet und ihr Leben Jesus gegeben.
Drei Monate später habe sie mit einer Kollegin die Gospel Church Cologne besucht.
In der Gastronomie arbeitend sei sie in dieser Zeit gekündigt worden, wie sie sagt ohne Grund. Dies habe ihr Zeit gegeben für einen Jüngerschaftskurs in der Gemeinde.
Im vergangenen Jahr sei sie wieder in eine Krise geraten und habe sich wieder mehr für weltliche Dinge interessiert. Im Urlaub habe sie sich dann wieder neu für Jesus entschieden.
Julia resümiert: «Die Welt» habe uns immer erzählt, dass Lesbischsein eine Identität sei, dies sei aber nicht so: «Jesus definiert deine Identität, niemand sonst.» Sie habe immer geglaubt, sie sei lesbisch geboren: «Aber ich bin nicht so geboren, ich bin Kind Gottes». Ihre Kindheit, die Abwesenheit des Vaters hätten ihren Einfluss gehabt: «Ich hab mich dazu entschieden, mich mit Frauen einzulassen». Dazu habe auch die Berufstätigkeit ihrer Mutter beigetragen: «Das liegt nicht in unserer Natur als Frau, alles zu stemmen, das ist eine riesengrosse Lüge des Feindes.»
Jesus könne alles an einem Menschen verändern: «Ich habe keine Anziehung mehr zu Frauen». Sie bete jeden Tag für ihren zukünftigen Ehemann und ihre zukünftigen Kinder.
Miro Wittwer nimmt dieses Zeugnis auf, ohne es auch nur im Geringsten zu hinterfragen. Wir sind erschüttert. Selbstverständlich ist es Julias gutes Recht, ihre Identität so zu sehen und zu leben, wie ihr das richtig scheint. Dass sie nun tatsächlich in einer Beziehung zu einem Mann ihre Erfüllung finden wird, da kommen uns erhebliche Zweifel. Und wir hoffen für sie, dass sie nicht wieder in neue Krisen fällt, wenn sie den Anspruch, den sie nun an sich erhebt, doch nicht erfüllen kann.
Dass Julia aber heute allen lesbischen Frauen deren Identität abspricht, und zudem noch patriarchale Rollenklischees von der überforderten Frau verbreitet, ist hochproblematisch. Und dass Miro Wittwer diesen LGBT-feindlichen und sexistischen Behauptungen zuzustimmen scheint, schockiert uns.
Meditation als Einfallstor für den Teufel?
Nun kommt Miro Wittwer auf die Meditation zu sprechen: «In der Persönlichkeitsbranche, kannst es auch New Age oder Esoterik nennen, hat jeder seine eigene Wahrheit.» Er sei selbst während sieben Jahren Teil dieser Szene gewesen.
Wenn Menschen meditierten, wenn sie «einfach leer werden, dann kann der Geist vom Gegner kommen».
Und er fügt an: «Keine dieser Techniken kann einen Menschen von homosexuell zu hetero machen, das kann nur Gott».
Sünde sei ein Fehlverhalten, das Gott hasse, und das uns kaputt mache.
Alles, was komplex sei, das komme vom Gegner. «Mit Gott ist es simpel».
So auch beim Sex: «Sex ist übrigens für die Ehe gedacht, das hat Gott so ausgedacht, ist besser für uns».
Islamfeindliche Aussagen, Dämonenglaube, Reinkarnation
Der Islam sei «eine tote Religion», meint Miro Wittwer nun, es gäbe im Islam keine Wunder. Der Koran sei ums Jahr 600 von nur einem Mann geschrieben worden, von Muhammad. Nur Christen könnten von echten Begegnungen mit Gott berichten.
«Der Zweifel ist eine Lüge» fährt Miro Wittwer fort. Ein «konstruktives Hinterfragen, ob es von Gott kommen kann, ist o.k.».
Nun kündigt Miro Wittwer ein Zeugnis seiner Ehefrau an. Diese berichtet davon, dass sie «komplett atheistisch aufgewachsen» sei, und dass sie wegen schlimmer Erlebnisse in der Kindheit später weggerannt und in «der Welt» gewesen sei. Mit 19 habe sie Depressionen und ein Burnout gehabt. Sie habe in dieser Zeit die Diagnose erhalten, zwei Persönlichkeiten in sich zu haben. Eine davon sei, so sieht sie es heute, ein Dämon gewesen. Als Kundin landete sie schliesslich bei Miro Wittwer, der damals noch als esoteriknaher Therapeut tätig war. Zusammen mit Miro habe sie sich dann erkannt, dass die Bibel die Wahrheit ist.
Der spirituelle Kampf sei dadurch aber noch stärker geworden. So habe sie die zwei Kinder von Miro aus erster Ehe zuerst nicht lieben können. «Wenn du Christ bist, ist der spirituelle Kampf noch stärker».
Miro Wittwer kommt nun aufs Thema Reinkarnation zu sprechen, und fragt ins Publikum: «Wer glaubt an Reinkarnation?» Nur ganz wenige halten ihre Hand hoch. Er selbst habe 32 Jahre an Reinkarnation geglaubt. Miro warnt nun vor Rückführungen: «Die Entspannung macht offen für die dämonische Welt». Rückerinnerungen an frühere Leben seien so zu erklären.
Recht abrupt beginnt die Mittagspause.
Kritik und «Skeptismus»
Während des Vormittags konnte ich beobachten, dass Anwesende mich erkannt haben. Meine Frau und ich fragen uns während des Mittagessens, ob diese Teilnehmenden wohl in der Mittagspause Miro Wittwer informieren würden.
Sie taten es. Kaum wieder auf der Bühne begrüsst Miro die Anwesenden, insbesondere «auch diejenigen, die hier sind um kritisch zu sein, mich zu kritisieren in den Medien».
Nachdem er am Vormittag die Anwesenheit von Jesus und des Heiligen Geistes im Festsaal gepriesen hatte, meint Miro nun: «Wir wurden getroffen von Skeptismus in diesem Raum, ist nicht von Gott.» Der «Skeptismus» müsse weichen. Der Zweifel müsse gehen, er habe hier keinen Platz.
Es gebe Menschen, die hätten eine negative Assoziation mit Jesus, weil sie mit Katholizismus verbunden seien, mit Religion: «Ich komme gegen diese Verbindung. Ich schneide sie durch. Die Verbindung ist durchgeschnitten. Segne diesen Raum in the mighty name of Jesus».
Miro Wittwers Gemeindegründungsprojekt: exorzistisch und radikal
Miro Wittwer berichtet nun davon, dass «esoterische Praktiken eine offene Tür für böse Geister» seien. Er habe hierzu in den USA gelernt. Deliverance, der Befreiungsdienst, die neocharismatische Variante des Exorzismus, sei im deutschsprachigen Raum noch «unterqualifiziert». In den USA habe er hierzu etwas aufgebaut. Aber Gott habe ihm gesagt: «Du wirst in der Schweiz bleiben und eine Gemeinde gründen, spätestens im September.» Er würde alles aus Gehorsam heraus machen. So habe er begonnen, auf der ganzen Welt Stationen zu gründen, wo die Menschen die Kraft Gottes erfahren könnten. Die erste Station sei in Florida entstanden.
In diesem Sinn habe er auch seinen Brand «For Jesus» begründet, der Kleider und Taschen vertreibt: «Es geht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen, um sie frei zu machen.»
Dadurch würden die Menschen «Radikale». «Radikal wird in der Welt schlecht angeschaut». Dies sei aber nicht korrekt. «Je radikaler wir sind, desto mehr sind wir mit Gott». «Wir machen keine Kompromisse. Kompromisse sind falsch».
Radikalisierung ist offensichtlich nichts, was gegen aussen bemäntelt wird. Fundamentalistische Radikalisierung ist bei Miro Wittwer Programm.
Geld vermehren
Radikal denkt Miro Wittwer auch über das Geld: «Das Geld, das du jetzt auf dem Konto hast, das gehört nicht dir.». Er und seine Frau hätten monatelang kein Geld gehabt. Nach seiner weltanschaulichen Wendung habe er alle Vorträge absagen müssen. Er habe aber Wunder über Wunder erlebt.
Die finanzielle Sicherheit müsse bei Gott sein. «Er wird dir immer das geben, was du brauchst, nicht immer, was du willst». Gott sei kein Gott des Mangels, sondern ein Gott des Segens.
Nun ruft Miro mahnend ins Publikum: «Viele hier haben Verträge abgeschlossen mit Mammon».
Gott gebe uns «die Saatgut», um zu säen. Biblische Vorbilder wie «Abraham, Solomon, King David» hätten es vorgemacht.
Nach Miro Wittwer gibt es drei Kategorien von Menschen:
- Evangelisten, diese brauchen Geld von anderen
- Mix, diese brauchen Geld, kreieren aber auch welches
- Menschen, die fürs Business berufen sind, sie sollen viel Geld verdienen, um spenden zu können
«Geld ist weder gut noch böse, sondern ein Tool», meint Miro Wittwer, und «Unsere Aufgabe ist es, Gefässe zu bauen, um das Geld zu vermehren.»
Spricht hier der angehende Gemeindeleiter, der bald zahlende Gemeindeglieder gut gebrauchen kann?
Ein weiteres fragwürdiges Zeugnis
Miro Wittwer fragt nun ins Publikum, wer sein Zeugnis teilen möchte, für maximal drei Minuten.
Es meldet sich eine Frau, die sich ebenfalls Julia nennt. Sie behauptet, katholisch aufgewachsen zu sein, es habe geheissen, dass sie in die Hölle käme, wenn sie ein Joghurt nehme oder kein Kopftuch tragen würde. Der Vater habe früh angefangen, sie zu missbrauchen, die Mutter habe, als Julia ihr von den Übergriffen berichtete, dies nicht glauben wollen. Julia habe sich da gefragt: Warum lässt Gott sowas zu?
Sie sei rebellisch geworden, in ein Heim gekommen, habe Drogen, Heroin und Kokain genommen, sei anschaffen gegangen.
Als die Grosseltern von der Prostitution erfuhren, hätten sie ihr gesagt, dass sie nun allein bleiben müsse, weil sie nicht mehr rein sei.
In Gott hätte sie einen Tyrannen und Sadisten gesehen.
Mit 17 habe sie ein Buch gelesen und gebetet: Wenn es dich gibt, Gott, mach mich frei. Doch Satan komme immer wieder.
Im Jahr 2010, schon in der Ehe, habe sie nochmals Drogen genommen und sei fast daran gestorben. Sie habe Drogen in den Windeln ihres Kindes versteckt, und habe im Altersheim die Leute bestohlen. Gott habe sie trotzdem nochmals geheilt und befreit.
Sie will weiterfahren, wird aber von Miro Wittwer abgeklemmt.
Auch dieses Zeugnis lässt uns ratlos zurück. Die angeblichen Aussagen von Eltern und Grosseltern passen nicht zu einem traditionellen Katholizismus, auch der zeitliche Ablauf der Biographie wirkt fraglich. All dies wird von Miro Wittwer einfach stehengelassen.
Ein frischer Segen des Heiligen Geistes oder Verneigung vor Miro Wittwer?
Miro Wittwer fragt nun die Teilnehmenden, wer bereit ist, sein ganzes Leben hinzugeben. Die Voraussetzungen dafür seien gut, weil Salbung hier sei (uns stellt sich die Frage, wie sich dies mit dem «Skeptismus» verträgt, der noch vor einer Stunde im Saal festgestellt wurde. Unsere Skepsis gegenüber Miro Wittwer und seiner radikalen Weltanschauung ist inzwischen keineswegs kleiner geworden, ganz im Gegenteil).
Die Anwesenden sollten, meint Miro Wittwer nun, alles hingeben, auch die Finanzen, auch den Körper. Alle sollten ihre Beziehungen anschauen: sind sie Divine oder Distraction? Sind sie Auftrag oder Ablenkung? «Wir geben alle Beziehungen ihm hin». Das Publikum wird zu einer kurzen Zeit des Busse-Tuns eingeladen. «Gott vergibt dir alles. Es sind Engel hier, die dich sofort verändern.»
Wer eine Last loswerden möchte, wird aufgefordert, nach vorne zu gehen: «Alle, die ihm etwas abgeben wollen, ihr könnt es da machen, wo ihr seid, oder ihr könnt es hierher bringen.» Die Bühne stehe für das «Kreuz, an dem Jesus vor 2025 bis 2030 Jahren sein Blut vergossen hat». Es ist eine eigenartige Rechnung, die Miro Wittwer da präsentiert. Üblicherweise wird die Kreuzigung ums Jahr 33 herum angesetzt, also vor 1992 Jahren. Vermutlich verwechselt Wittwer die Kreuzigung Jesu mit der Geburt Jesu, die allgemein um ca. 5 v. Chr. datiert wird, was zu den genannten 2030 Jahren führen würde.
Wie dem auch sei, wer etwas loswerden will, soll an die Bühne tappen: «Lege es ans Kreuz, es ist dir vergeben». Als die Leute nach vorne kommen, und sich zur Bühne neigen, auf welcher Miro Wittwer stehen bleibt, ergibt sich das Bild, dass die Menschen sich vor Miro verneigen.
Miro meint nun über Gott: «Er hört jeden Gedanken von dir. Und du hast die Kraft, die Gedanken zu steuern.»
Mit dem Klima im Saal ist Wittwer nun nochmals zufriedener: «Oh, es ist so viel leichter geworden in diesem Raum. Wer fühlt sich schon viel leichter? Praise God!»
Die Leute werden nun auf die Bühne gebeten. Miro Wittwer legt ihnen die Hand auf und stottert wieder in Zungen: «Sotototo Doshetetete Doschasatatata Rovasatatata».
Saint von Lux alias Melchizedek
Miro Wittwer macht auf Dramaturgie: «Jetzt sind wir soweit – nein, der Holy Spirit sagt: noch nicht! Wir nehmen noch ein Zeugnis.»
Es meldet sich eine Person, die von Miro Wittwer als Melchizedek vorgestellt wird. Er sei einer der «bestverdienensten Okkultisten» gewesen. Sofort wird uns klar, dass es sich um einen «alten Bekannten» aus unserer Arbeit handelt. Als wir Melchizedek das letzte Mal sahen, trat er im September 2021 unter dem Namen «Saint von Lux» gemeinsam mit dem Esoterik-Musik-Ehepaar Onitani an einem spirituellen Konzert im Rahmen der Esoterik-Messe «Lebenskraft» im Zürcher Kongresshaus auf.
Über Saint von Lux ist nur wenig bekannt. Er soll um die 40 Jahre alt sein, sein Vater soll aus einer Schamanen-Familie in Mosambik stammen, seine Mutter aus Deutschland sein. Ab 2009 war er als Astrologe und Channeling-Medium tätig. Sein Pseudonym «Saint von Lux» soll eine Referenz an den umstrittenen Okkultisten aus dem 18. Jahrhundert sein, der u.a. unter dem Namen «Graf Saint Germain» auftrat, und an die Adelsfamilie von Luxemburg, mit welcher Saint von Lux «familienmässig verbandelt» gewesen sein will. Seit 2009 stets in Weiss und Gold gekleidet, galt Saint von Lux unter den Wahrsagenden gewissermassen als Nachfolge-Paradiesvogel von Mike Shiva. Im Januar 2016 trat Saint von Lux in der Casting-Show «Deutschland sucht den Superstar» auf, wo er von der Jury um Dieter Bohlen beissenden Spott erntete (Bohlen: «Ich glaube, dass du nicht eine Beurteilung, sondern vom Arzt ‘ne Diagnose brauchst»). Vor den Kameras von RTL beschrieb sich Saint von Lux im Jahr 2016 als «auf ‘ne gesunde Art und Weise narzisstisch veranlagt».
Während des spirituellen Konzerts mit Onitani an der «Lebenskraft» channelte Saint von Lux das Geistwesen Solarus. Dieses sprach von den Altären der neuen Spiritualität, auf denen keine Engelwesen, Meisterinnen und Meister oder Göttinnen und Götter stehen würden, sondern ein Spiegel, der die Menschen selbst spiegeln würde. Göttliche Wesen seien nur Spiegelungen des Menschen selbst.
Der Auftritt von Saint von Lux an der «Lebenskraft» war im September 2021. Heute behauptet Saint von Lux, dass er schon im Jahr 2020 gemerkt habe, dass er «nicht zwei Herren dienen» könne. Er habe sich vom Okkultismus distanziert und sei in ein Katechumenat gegangen. Im Juni 2021 sei er getauft worden. Wie verträgt sich dies mit seinem Auftritt im September 2021 an der Lebenskraft, wo er ein Geistwesen channelte und göttliche Wesen als Spiegelungen des Menschen selbst bezeichnete? Das geht so überhaupt nicht auf.
Wie damals streicht Melchizedek nach wie vor seinen angeblichen Erfolg als Esoteriker heraus. Er habe monatlich bis zu einer Million Umsatz gemacht. Aber heute wisse er, es gäbe keinen besseren Umsatz als Jesus Christ.
Nach Ausweis seiner Website und seiner Facebook-Seite vertritt Melchizedek heute ein stark esoterisch geprägtes Christentum mit ausgesprochen kostspieligen Angeboten: «Investing in Your Transformation: €1,111 per hour – for unique strategies that will revolutionize your life and your business (www.melchizedek.ch)» Wie sich das mit der radikalen Neocharismatik von Miro Wittwer und seiner eigenen Variante von «Transformation» verträgt, bleibt offen.
Spendensammlung auf Befehl?
Auch nach dem Abgang von Melchizedek bleibt das Thema bei den Finanzen. Miro Wittwer fordert auf zum Geben: «Geben bricht oft die Armut».
Eigentlich habe er für den heutigen Tag keine Spendensammlung vorgesehen, meint Wittwer. Aber seine spirituelle Mutter habe ihn instruiert, eine Spendensammlung zu machen.
Auch den Preis der Tickets habe Wittwer nicht selbst bestimmt: «Gott hat die Preise der Tickets genannt». Denn die Wertigkeit des Anlasses sei höher. «Gott arbeitet mit diesen menschlichen Verständnissen».
Miro meint nun, dass er dem Publikum eine Chance zum Säen gebe. «Wir werden über den Zahlen beten, dass es hundertfach zu dir zurückkommt.»
Auch sein Bruder Reinhard Hirtler habe gemeint, dass eine Spendensammlung sein müsse. Trotzdem meint Miro Wittwer: «Ich hätte das mit dem Geben vergessen, aber der Holy Ghost sagt: Giving!»
Dieses peinliche Rumgedruckse um die Spendensammlung erinnert an Miro Wittwers ehemalige Beheimatung im Esoterik-Umfeld, wo die Bezahlung gerne mit dem Konzept vom «Energieausgleich» als eine für die Anbietenden unliebsame Notwendigkeit bemäntelt wird.
Aufruf zur Lebensübergabe
Nun werden diejenigen, die ihr Leben noch nicht Jesus übergeben haben, aufgefordert, dies zu tun. Die Interessierten werden nach vorne gebeten. Sie sollen im Gebet Busse tun. Dann wird ihnen Miro Wittwer die Hände auflegen: «Spätestens dann ist der Heilige Geist in dir.»
Nacheinander legt Wittwer den 42 Interessierten die Hände auf. Die Anwesenden, die an ihren Plätzen geblieben sind, werden zu Zeugen berufen.
Die Neubekehrten werden auf drei wesentliche Faktoren hingewiesen: 1. Wort Gottes, 2. Gemeinde, 3. Gebet. Miro Wittwer betont, dass sich die Menschen einer Gemeinde anschliessen sollen. «Ich sage nicht, dass du in unsere Gemeinde kommen musst, geh da hin, wo es der Heilige Geist möchte.» «Gemeinschaft ist so wichtig. Frag Gott: Was ist meine Gemeinde? Am besten in der Nähe. Kannst auch eine Stunde fahren, es lohnt sich.» Wichtig sei, dass die Gemeinde in einem «Apostolic Alignment» stehe, weil dies unglaubliche Kraft für das Leben bedeute. Angesichts all dieser Anforderungen werden sich Neubekehrte im Zweifel für Miro Wittwers Gemeindegründungsprojekt entscheiden.
Und Miro Wittwer fasst nach. Die Neubekehrten sollen ihre Daten angeben, um sie in einer Whatsapp-Gruppe zusammenzufassen, «damit ihr schon Community habt».
Taufe im Zürichsee an der Rentenwiese
Erst gegen 18:00 Uhr, dem ursprünglich vorgesehenen Ende der Veranstaltung, fordert Miro Wittwer die Anwesenden auf, sich zur Rentenwiese zu begeben, wo die Neubekehrten getauft werden sollen. Zuerst will er mit dem ganzen Publikum losmarschieren, mit einem Transparent am Anfang und am Ende des Zugs. Kurz darauf korrigiert er diese Ankündigung, und fordert die Anwesenden auf, sich in Gruppen zur Rentenwiese zu begeben. Vermutlich hat ihn jemand inzwischen darauf aufmerksam gemacht, dass der ursprüngliche Plan auf eine Demonstration hinausgelaufen wäre, für welche eine Bewilligung hätte eingeholt werden müssen.
Bei seinen Vorbemerkungen zur Taufe zeigt sich wieder der Sexismus von Miro Wittwer: «Wir wollen nicht im Bikini so sexy, sexy», sondern in Kleidern soll getauft werden. Dass Männer sich mit nacktem Oberkörper und in engen Badehosen taufen lassen, stört dann aber offenbar weder Miro Wittwer noch sonst jemanden.
Die Taufe wird, so kündigt es Miro Wittwer an, einer seiner Mitarbeiter vornehmen, den er als «Ivan den Täufer» vorstellt.
Erst gegen 19.00 Uhr trifft Miro Wittwer mit der letzten Gruppe auf der Rentenwiese ein. Als er in seinen weissen Kleidern und mit wallendem Haar vom Bellevue her dem Seeufer entlangläuft, wirkt er wie Jesus. Einen Moment erwarten wir, dass er den direkten Weg über den See nimmt. Dies bleibt aber selbstverständlich aus. Insgesamt sind es rund 100 Leute, die vom Kunsthaus zur Rentenwiese gefunden haben. 200 Personen aus dem Publikum sind offenkundig nach Hause gegangen.
Nun ist es soweit: «Ivan der Täufer» tritt in den See, verscheucht ein Schwanenpaar, und die Taufwilligen schreiten allein oder zu zweit in den See zur Taufe. Ivan macht eine kürzere oder längere Taufansprache und taucht die Täuflinge dann unter. In nassen Kleidern begeben sie sich unter dem Applaus der Anwesenden wieder ans Ufer. Von den 42 Bekehrten lassen sich nach unserer Zählung 29 taufen. Miro Wittwer ist zwar anwesend, schenkt der Taufe aber keine Beachtung. Stattdessen quatscht er die Vorbeigehenden an und betet mit denjenigen, die das zulassen.
Auf das anschliessende Abendmahl, das ebenfalls nicht von Miro Wittwer, sondern von einem Mitarbeiter durchgeführt werden wird, verzichten wir. Wir feiern sonst mit allen christlichen Kirchen, die uns an ihrem Abendmahl teilnehmen lassen. Die Bewegung um Miro Wittwer scheint uns zu problematisch, um mit gutem Gewissen bei ihrem Abendmahl mitmachen zu können.
Fundamentalistische Radikalisierung wohin?
Auf der Heimfahrt lassen wir die Eindrücke Revue passieren. Wir haben schon zahlreiche vermeintliche Propheten kennengelernt, und auch Menschen, die sich selbst als Reinkarnation von Jesus Christus gesehen haben. Aber eine Person, die in Bild und Handlung so offensichtlich mit einer Identifikation mit Jesus Christus spielt wie Miro Wittwer, ist uns noch nicht begegnet.
Besonders problematisch ist Miro Wittwers Fundamentalismus, der die Menschen ganz bewusst radikalisieren will. «Je radikaler wir sind, desto mehr sind wir mit Gott». Wohin eine solche Haltung führen kann, hat die Geschichte der Religionen immer wieder auf schmerzlichste Art und Weise gezeigt.
Georg Schmid, 27. August 2025
Lexikoneintrag Miro Wittwer