Themenabend mit Armin Risi: Der Radikale Mittelweg durch Verschwörungserzählungen, Prophezeiungen und Russland-Propaganda

Ganzheitlicher Einstieg
Bei meinen Recherchen zum Magazin «DIE FREIEN» bin ich auf die Ausschreibung des Themenabends «Positive Prophezeiungen mit Armin Risi» gestossen. Das Magazin steht in Verbindung mit der «Graswurzle»-Bewegung: Prisca Würgler ist die Gründerin und Geschäftsleiterin beider Organisationen. 

Der Themenabend findet in dem Kulturlokal «Konservi» in Seon statt. Kurz vor 19 Uhr fährt mein Zug in Seon Nord ein, die Dämmerung hat schon eingesetzt und der kalte Wind treibt mich über den Parkplatz direkt in den Eingangsbereich der «Konservi». Empfangen werde ich von einem Verkaufsstand, an dem Ausgaben des «DIE FREIEN» Magazins, «DIE FREIEN» Tassen und unzählige Veröffentlichungen von Armin Risi gekauft werden können. Ich zeige mein Ticket und eine Tischnummer wird mir zugewiesen. Der Saal ist gemütlich eingerichtet, überall stehen kleine runde Tischchen, um die sich Menschen drängen. Im hinteren Teil befindet sich eine grosse, geschäftige Bar und im ganzen Raum gibt es verschiedene Lampen, die warmes Licht verbreiten. An meinem Tisch werde ich von vier Frauen freundlich begrüsst, sie scheinen sich untereinander auch nicht zu kennen. Die Stimmung im Saal ist gemütlich aber langsam auch ein bisschen eng. Es scheinen um die 150 Menschen anwesend zu sein, die meisten schätze ich auf vierzig oder älter. 

Als das Licht ausgeht tritt Stille ein und Prisca Würgler steigt auf die Bühne. Sie stellt den Philosophen, Autor und Referent Armin Risi vor und schwärmt von seinen Büchern. Er sei einer der besten Autoren zurzeit und es sei eine grosse Ehre ihn begrüssen zu dürfen. Sie betont, dass der Themenabend eine ganzheitliche Erfahrung sein soll, deshalb habe Armin Risi einem musikalischen Einstieg zugestimmt. 

Armin Risi erscheint auf der Bühne und stellt seine «Tanpura» als indische Laute vor. Mit wohlklingender Stimme singt er indische, altägyptische und deutsche Mantras. Danach steht er an das Rednerpult und blendet seine Präsentation ein. Ohne Umschweife kommt Risi auf Nostradamus zu sprechen. Er zeigt uns verschiedene Ausgaben einer astrologischen Zeitschrift, welche jährlich eine Nostradamus-Special-Edition veröffentlicht. Risi blendet die Ausgabe aus dem Jahr 2020 ein, worin für den März viel Freude und grosser Aufschwung prophezeit wurde. Das ganze Publikum fängt an zu lachen. Risi grinst, lässt das Stichwort «Corona» fallen und bezeichnet die Zeitschrift als Scharlatanerie. 

Er erwähnt die hohe Zahl an negativen Prophezeiungen, hunderte von Hellseher*innen hätten grosse Kriege, Krisen und Eskalationen prophezeit. Um diese kommende Negativität abzuwenden, brauche es ein radikales Umdenken. 

Schwebende Steine durch Meditation 
Risi behauptet, dass alle alten Traditionen den Kosmos als multidimensional, nicht nur als materiell verstanden hätten. Durch dieses Verständnis sei grundlegendes Wissen möglich gewesen. Die physikalische Dimension sei zwar wichtig, aber sie sei die unterste Ebene. So würden Krankheiten immer zuerst in der feinstofflichen Dimension beginnen und erst dann die physische Dimension erreichen. Früher habe man durch den Zugang zu dieser feinstofflichen Dimension kosmisches Wissen gehabt, wodurch sogar paranormale Kräfte möglich gewesen seien. 

Der Bau von Pyramiden und Tempeln sei ein Beispiel für diese aussergewöhnlichen Kräfte. Er zeigt uns Bilder von imposanten Tempelanlagen in Indien, bei welchen die Tempelspitze aus einem einzelnen Stein, mit einem Gewicht von mehreren Tonnen, bestehe. Dazu bezieht er sich auf Abbildungen von Gerüstkonstruktionen aus einem Lehrbuch für Architektur. Ein Bild zeigt eine Rampe, die von einem Holzgerüst gestützt wird und so zur Tempelspitze reicht. Risi macht sich lustig über diese Abbildung und behauptet, dass ein solches Vorgehen physikalisch unmöglich sei. Das Publikum lacht beherzt mit. Risi führt fort, es sei doch ganz klar, dass da paranormale «Shiva-Kräfte» im Spiel gewesen seien. Der tonnenschwere Stein sei also durch Meditation hochgehoben und platziert worden. Damit ist das Thema für ihn beendet. 

Zeitalter der Spaltung mit «Russenpropaganda»
Risi erklärt, dass wir uns seit 5000 Jahren im Zeitalter der Spaltung, auch «Kali Yuga» genannt, befänden. Viele Menschen würden ihre Energie nicht mehr von der göttlichen Quelle beziehen und seien deshalb auf der Jagd nach anderen Energiequellen. Dies sei die Ursache der Spaltung und des Bösen. 

Auch das Kalendersystem der Maya zeige, dass wir momentan in einer Übergangszeit leben. Laut Berechnungen von Risi, die mein mathematisches Verständnis übersteigen, herrsche nach dem Tzolkin-Kalender zwischen 1987 und 2037 das Zeitalter der Erwachung. 

An dieser Stelle macht Risi, aus für mich unerkenntlichen Gründen, einen Exkurs zu Kiew. Dabei erwähnt er, dass seine folgende Aussage als «Russenpropaganda» gelte und schmunzelt, dass ihm das Publikum also keinen Glauben schenken müsse. 
Risi behauptet, dass die ukrainische Revolution von 2014 (Euromaidan) eine ausländische Intervention gewesen sei, mit dem Ziel Janukowitsch abzusetzen. 

Die Ukraine wurde von 1991 bis 2014 von der USA finanziell unterstützt, eine direkte Beteiligung der USA an den Protesten wird von Expert*innen aber klar als Verschwörungserzählung eingestuft. 

Risi findet zurück zu seinem eigentlichen Vortragsthema. Anhand der Malachias-Weissagung und der Garabandal-Prophezeiungen versucht er zu erklären, dass wir uns tatsächlich in der «Übergangszeit» befänden. Er hinterfragt die Prophezeiungen nicht und fasst sie als faktisch auf. 

Nostradamus & Niklaus Von Flüe
Risi stellt uns Niklaus von Flüe, später auch Bruder Klaus genannt, vor. Er sei ein wohlhabender, politisch aktiver Bergbauer und Familienvater gewesen, der zum Einsiedler geworden ist. Niklaus von Flüe habe eine Vision gehabt, welche nicht der katholischen Weltsicht seiner Zeit entsprach. Deshalb habe er die sogenannte «Pilgervision» nur seiner Frau und seiner zweitältesten Tochter anvertraut. Ein Enkel von Niklaus von Flüe, habe die Vision später zu Protokoll gegeben, diese Niederschrift sei jedoch vernichtet worden. Erst in den 1920er Jahren habe man durch Glück im Kapuzinerkloster Wesmelin in Luzern eine weitere Abschrift entdeckt. 

In der besagten Vision habe Bruder Klaus folgendes gesehen: Eine Gottesgestalt in Erscheinung eines Pilgers habe sich in einen strahlenden Mann mit «braunem Antlitz», der «vom Sonnenaufgang komme», verwandelt. Für Risi ist der Fall klar, diese Person sei also ein «Ausländer, eine Erscheinung aus dem Osten» gewesen und könne dementsprechend nicht Jesus darstellen. Dieser goldene Fremde in «exotische» Kleidung aus Seide gehüllt, habe Niklaus mit einer überwältigenden Liebe überflutet. 

Der Frieden, der Niklaus in seinem weiteren Leben stiften konnte, sei durch die Weitergabe dieser Liebe möglich gewesen. 

Bei diesen Aussagen wird Risis rassistisches Gedankengut deutlich, was ihm schon öfters vorgeworfen wurde. 

Das Ornament grosser Klarheit
Risi spannt den Bogen zurück zu Nostradamus, dieser sei oft missverstanden worden. Seine Prophezeiungen seien nämlich nicht nur negativ aufzufassen. Es sei zwar teils schwierig die Voraussagungen richtig zu deuten, da Nostradamus sich doch recht kryptisch ausgedrückt habe. Aus gutem Grund natürlich, Nostradamus habe sich selbst vor der Inquisition schützen müssen. Er habe also die Inquisition an der Nase herumgeführt, in dem er sich schwammig ausdrückte, so hätten sie ihm nie etwas konkretes vorwerfen können. Aber eindeutig habe Nostradamus vorhergesagt, dass in 500 Jahren auf einmal grosse Klarheit herrschen würde. Ab nun scheint Risi etwas Zeitdruck zu verspüren, seine Erklärungen sind lückenhaft und nicht mehr nachvollziehbar. Er hat seine Ausführungen zu diesem Thema jedoch bereits in einem Artikel im «DIE FREIEN» Magazin veröffentlicht. Ich versuche sie wiederzugeben: Etwas genauer besagte die Prophezeiung, dass man in 500 Jahren dem «Ornament seiner Zeit» mehr Beachtung schenken werde und dadurch werde es grosse Klarheit geben. Um auf den Zeitpunkt zu stossen, an welchem die Prophezeiung einsetzen werde, müssen jedoch nicht einfach 500 Jahre zum Veröffentlichungsdatum der Prophezeiung gerechnet werden. Nicht das Veröffentlichungsdatum, sondern die Lebzeiten der Person, die Nostradamus unter dem «Ornament» versteht, seien entscheidend. «Or» bedeute auf Französisch «Gold» und im Hebräischen «Licht», das «Ornament» sei also eine goldene Lichtgestalt. Welche Daten bezüglich goldener Lichtgestalt Risi verwendet und wie seine Rechnung funktioniert, verstehe ich nicht. Trotzdem präsentiert er sein Ergebnis stolz: Nostradamus beziehe sich mit seiner Zeitangabe auf das Jahr 2026. Dadurch sieht sich Risi wieder bestärkt in seiner Ansicht, dass wir uns im Zeitalter der Spaltung, in einer «Übergangszeit» befinden würden. 
Diese konstruierten und widerlegbaren Herleitungen sind bei Verschwörungserzählungen weit verbreitet. 

Für Risi besteht die Spaltung aus zwei gegensätzlichen Hälften: Dem Atheismus und dem Monotheismus. Einerseits existiere der immaterielle Atheismus, der im Namen der Wissenschaft alles «Höherdimensionelle und Immaterielle» bestreite. Auf der anderen Seite herrsche der Monotheismus mit seinen «fundamentalistischen und religiös-dogmatischen» Ansichten. Beide Seiten haben laut Risi einen Absolutheitsanspruch, deshalb plädiert er für den «radikalen Mittelweg». Dieser befinde sich auf «der Messers Schneide» zwischen den beiden Seiten. Damit schliesst Risi seinen Vortrag und stellt uns einige seiner Bücher vor, die gerne gekauft werden können. 

Gretas Vorhersage
In der Pause kann sich das Publikum mit einem Stück Kuchen verwöhnen. Der Vortrag scheint die Anwesenden recht zufrieden gestellt und angeregt zu haben. Ich höre einzelne Gesprächsfetzen über Themen aus dem Vortrag und Prisca Würgler nimmt mehrere Fragen aus dem Publikum für die Fragerunde entgegen. Vereinzelte Menschen brechen jedoch schon auf, wickeln sich in ihre Winterjacken und verlassen das Lokal. 

In der Fragerunde betont Risi nochmals die Wichtigkeit einer Bewusstseinsveränderung, bevor überhaupt eine andere Veränderung geschehen könne. Es gelte das Licht zu stärken, doch nicht aus Angst vor Dunkelheit und bösen Prophezeiungen, sondern aus Liebe. 
Auf die Frage, ob die grosse Klarheit selbst erreicht werden könne oder, ob es dazu einen Propheten brauche, antwortet Risi, dass jede Person Licht in die Dunkelheit bringen könne. Wer selbst mit der Quelle verbunden sei, brauche keine fremde Energie. Dazu bringt er ein Beispiel, das beim Publikum heftige Zustimmung auslöst: Die Massenmedien hätten gesagt, dass sich alle «gegen Corona einen Pieckser geben müssten». Die Menschen seien zu gutmütig, würden alles glauben und deshalb mitmachen. Nun schaltet sich Würgler dazwischen: Dies sei auch der Grund, wieso sich Menschen dazu verführen liessen, sich auf die Strasse zu kleben. Risi lacht und meint: «Ja, die Greta, laut der, wäre die Welt schon längst untergegangen.» 
Irgendwie empfinde ich diese Aussage als ironisch, einen ganzen Abend lang hat Risi über unzählige Prophezeiungen referiert und schlussendlich wird Greta Thunbergs (wissenschaftlich fundierte) «Vorhersagung» zur Klimaerwärmung diskreditiert. 

Mit den Worten, wir sollen den Propheten in uns selbst finden und das Licht stärken, schliesst Prisca Würgler den Abend. Die Anwesenden reagieren mit lautem Applaus und freudiger Zustimmung. 

Armin Risi ergreift seine Tanpura und singt weitere Mantras vor, das Publikum summt leise mit. Als die letzten Töne verklingen, herrscht Ruhe im ganzen Saal und erst einige Momente später beginnen sich die Leute aufzurichten und ihre Taschen zu packen. Auch ich, mittlerweile recht müde, verabschiede mich von meinem Tisch, gehe am Verkaufsstand vorbei und verlasse das Kulturlokal. 

Mein schleichendes Gefühl
Die Kälte dringt durch meine Kleidung, also entscheide ich mich noch für einen Spaziergang durch Seon, um auf meinen Zug zu warten. Ich lasse meine Gedanken nochmals zum heutigen Abend gleiten: Es war ein interessanter Abend mit einer schwierig zu beschreibenden Stimmung. Oft hatte ich das Gefühl, dass die Mehrheit des Publikums eine Verbindung hatte, zu der ich keinen Zugang fand. Risi hat viele Andeutungen und Witze gemacht und anhand der Reaktionen, schien es mir, als wüssten meist alle genau, was er damit meinte. Als sei ihnen eine Wahrheit offenbart, die nur sie kennen und verstehen. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und gleicher Meinung Sein schien ein essenzieller Teil des Abends ausgemacht zu haben. Unterstützt wurde diese Zusammengehörigkeit durch das Mantra Singen und die darauffolgende achtsame Ruhepause, die für mich wie ein Gemeinschaftsritual wirkten. Doch trotzt dieser Idee vom Zusammengehören braucht es die «Anderen», die «Dunkelheit», die «durch die Massenmedien Verführten», die «Klimakleber», um sich von ihnen abzuheben. 

Lou Büchler, 7. November 2025

Lexikoneintrag Armin Risi

Mein erstes Kartenlesen – Mit vierzig Franken zu mir Selbst

Morgens um 10:15 treffen wir von Relinfo vor der Umweltarena in Spreitenbach ein. Seit zwei Tagen findet der Lebenskraft-Messekongressstatt, und wir sind hier, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Nach einer kurzen Absprache schwärmen wir in die grosse, mit Stimmengewirr angefüllte Halle aus. Ich sehe mich staunend zwischen all den Plakaten, glitzernden Zelten und farbigen Tüchern um. Was ich bisher nur aus Fantasy-Büchern oder Uni-Aufsätzen kannte, wird hier an jedem zweiten Messestand angeboten: Runenlegen, Auraclearing, Kartenlegen, Bodytalk, Handlesen und Face-Reading (etwas Ähnliches wie Handlesen, aber mit der Gesichtsstruktur als Grundlage), Trance- und Healing-Sessions. Welcher Weissagungstechnik sollte ich mich zuerst widmen?

Schliesslich wende ich mich einem Stand zu, bei dem ein grosses Plakat verspricht, dass hier mit der ‘Seelenformel’ gearbeitet werde. Ich nehme die auf einem kleinen Stehtischchen drapierten Flyer näher in Augenschein und lese, dass die Seelenformel-Ausbildung mir helfe, «Klarheit zu gewinnen», um meine «wahre Bestimmung» finden zu können. Es ist ein Stand von Lisa Miller, welche sich selbst als Astropsychologin und Transformationscoach mit einem Hintergrund im Finanzsektor bezeichnet und ihrer Website zufolge «eine der bekanntesten Astrologinnen der Schweiz» ist. Ihre Methoden und Konzepte können einer Strömung, die aus der New-Age-Bewegung in den 1970ern hervorgegangen ist, zugeordnet werden: der psychologischen Astrologie. Diese ist hauptsächlich vom Gedanken geprägt, seine eigenen ‘seelischen Strukturen’, individuelle Verhaltensmuster und Lebenseinstellungen auf der Basis des eigenen Geburtenhoroskops besser kennenzulernen und miteinander in Harmonie zu bringen. Im Unterschied zur ‘klassischen’ Astrologie, die eher deterministische Ansätze verfolgt, wird in der astrologischen Psychologie mit einer Kombination aus astrologischen und psychologischen Konzepten gearbeitet. Sie fokussiert auf die spirituelle, prozessorientierte Deutung psychologischer Aspekte, die der Selbsterkenntnis und persönlicher Weiterentwicklung dienen soll – und nicht einer konkreten Vorhersage der eigenen Zukunft. Das Individuum hat also eine gewisse Handlungsfreiheit im Gestalten bzw. Optimieren seiner selbst. Dabei wird das Geburtenhoroskop als Grundlage zur Orientierung der eigenen Psyche verstanden und die Methoden der psychologischen Astrologie als spirituelle Instrumente, um potentielle Herausforderungen und eigene Persönlichkeitsaspekte zu erkennen und für sich selbst nutzen zu können.

Die psychologische Astrologie wurde massgeblich beeinflusst durch Sigmund Freuds und C. G. Jungs Theorien, und Praktizierende bedienen sich oft deren psychologischer Konzepte. Insbesondere das Verständnis der ‘seelischen Struktur’ in der astrologischen Psychologie basiert auf den tiefenpsychologischen Modellen von Jung: Konzepte wie Archetypen, das kollektive Unbewusste und das Ziel zur Individuation sind ausserordentlich wichtig zum Verständnis der psychologischen Astrologie. In Jungs Theorie stellt das kollektive Unbewusste den überpersönlichen Teil der Psyche dar. Dieses sei allen Menschen von Geburt an gemein. In der psychologischen Astrologie wiederum wird das kollektive Unbewusste oft als verschiedene universelle, spirituelle oder symbolische Kräfte, die in einem Menschen wirken, interpretiert. Archetypen wiederum sind nach Jung universell existierende Muster im Unterbewusstsein der menschlichen Psyche, welche Verhaltens- und Denkschemata strukturieren und sich bspw. in Träumen, Fantasien oder Märchen manifestieren. Jung definierte einige Hauptarchetypen, wie ‘die Persona’ (die eigene soziale Rolle), ‘Anima und Animus’ (die gegengeschlechtlichen Anteile in einem selbst) oder ‘der Schatten’ (verdrängte, unliebsame, ‘dunkle’ Anteile der eigenen Persönlichkeit) – um nur einige davon zu nennen. Die Zahl der verschiedenen Archetypen ist jedoch potenziell unendlich. In psychologisch-astrologischen Deutungen können die Archetypen von Jung u. a. zur Erkennung von Energien und Kräften dienen, um diese zur Selbstverwirklichung nutzen zu können. Das zentralste Konzept in Jungs Tiefenpsychologie ist jedoch die Individuation. Es stellt den Prozess dar, in dem man sich mit den eigenen Archetypen auseinandersetzt und schliesslich zum Werden eines authentischen Selbst führen soll. Dazu müssen alle Persönlichkeitsanteile – bewusste und unbewusste, Schwächen und Stärken, weibliche wie männliche usw. – anerkannt und integriert werden. Die Individuation beschreibt also den Weg der Entwicklung hin zur Selbstwerdung, zur vollen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit in ihrer – es auf Millers Website genannt wird – ist ein allgemein verbreiteter Ansatz in der Astropsychologie. So auch bei Lisa Miller, die verspricht, mithilfe der Seelenformel helfen zu können, das eigene «Leben im Einklang mit [der] inneren Wahrheit» finden und gestalten zu können. Sie bietet auch Kurse an, mithilfe derer die berufliche und finanzielle Sicherheit sowie die Entdeckung der eigenen «Seelenaufgabe» ermöglicht werden kann. Ausserdem werden verschiedenste Minikurse und Coachings für Selbständige zur Erlernung der Seelenformel angeboten.

Hinter dem Stehtischchen ist eine Preisliste für die verschiedenen Formen dieser ‘Seelenformel-Lebensberatung’ angebracht. Ich entscheide mich schliesslich fürs Kartenlegen: 20 Minuten à 40.00 CHF.

Die Seelenformel – Eine «neue, exklusive Wissenschaft»

Ich erkundige mich bei einer Frau am Stand zu einer möglichen Sitzung, worauf sie mich prompt hinter den Stand zu zwei Stühlen führt und mir erklärt, dass sie mit der Seelenformel arbeiten würde. Ich erinnere mich: Auf der Website von Lisa Miller wird diese als «neue, exklusive Wissenschaft» beschrieben. Dies wahrscheinlich, weil sie, wie oben erklärt eben mit ‘wissenschaftlich-psychologischen’ Konzepten arbeitet und sich dadurch von anderen astrologischen Strömungen abhebt. Etwas nervös setze ich mich an einen kleinen Tisch, was mir etwas unangenehm ist, da alle Besuchenden mich bei der Legung beobachten können. Die Frau lächelt mich freundlich an und setzt sich mir gegenüber. Etwas umständlich krame ich meine Geldbörse hervor, doch sie winkt ab: «Wir können das auch nach der Legung erledigen», meint sie. Als sie fragt, ob dies meine erste Legung ist, nicke ich zögerlich. Sie lächelt und sagt, sie fühle sich geehrt, die Erste zu sein, die mir die Karten legt. Ich muss einen etwas verunsicherten Eindruck gemacht haben, denn sie erklärt schnell: «Ich kann nur das sehen, was du zulässt.» Ich müsse also keine Angst haben vor der Legung. Ihre Aussage ist typisch für Deutungsmethoden in der psychologischen Astrologie. Denn dabei geht es vor allem um subjektive Interpretationen, wobei beispielsweise während einer Kartenlegung auf die Resonanz der fragenden Person, der Klient*in, fokussiert wird.

Sie erkundigt sich nach meinem Namen und meinem Geburtsdatum, als Grundlage für die bevorstehende Kartenlegung. Ausserdem möchte sie wissen, welche Themen ich in dieser Legung ansprechen möchte. Da ich mich momentan in einer Phase der Jobsuche befinde, entscheide ich mich für die Themen Arbeit, Ausbildung und Finanzierung.

Die erste Legung: Rhetorik und Fragedynamik

Sie beginnt mit der ersten Legung. Die Karten sind bedruckt mit verschiedenen Bildern, Zeichnungen von Bäumen mit tiefen Wurzeln, Häusern an dünnen Bächen oder menschlichen Wesen in Gewändern. Immer wieder stellt sie mir Fragen wie: «Ich denke, du möchtest gerne in dem Ort, in dem du jetzt wohnst, bleiben?» oder: «Der Job, in dem du jetzt bist, gefällt dir, oder?». Mir fällt auf, dass die Satzstellungen der Fragen oft so sind, dass, falls ich sie mit ‘Ja’ beantworte, es den Anschein hat, die Kartenlegerin hätte dies bereits vorher gewusst oder wenigstens geahnt. Wenn ich mit ‘Nein’, Ablehnung oder Unsicherheit auf eine Frage reagiere, schiebt sie oft direkt eine weiterführende Frage nach, die sich meiner vorherigen Reaktion anpasst. Auf diese Weise sind manchmal mehrere Nachfragen nötig, bis die getroffene Aussage bei mir räsoniert und ich zustimmend nickte. Die Kartenlegerin passt sich damit äusserst dynamisch meinen Regungen und Reaktionen an. Manchmal jedoch stellt sie auch sehr offensichtlich naheliegende Fragen, wie zum Beispiel, als wir zu meiner etwas komplizierten Arbeitssuche kommen. Sie schaut mich wissend an und meint etwas bedauernd: «Kann es sein, dass du unter Druck bist? Also, dass du dieses Problem mit dem Job jetzt lösen musst?» – Ich nicke energisch. Es ist eine Frage, die wiederum ein bereits existierendes Wissen über meine Gefühlsregungen suggerieren soll, die meiner Meinung nach jedoch ihrer Offensichtlichkeit wegen misslingt. Denn aus unserem Gespräch, meiner Mimik und meiner bereits angesprochenen Arbeitssituation würde jeder Gesprächspartnerin die etwas angespannte Lebenssituation antizipieren. Die Dringlichkeit zur baldigen Lösung des Problems der Arbeitssuche ergibt sich ausserdem aus meinem zu Beginn der Legung gewählten Thema ‘Finanzen’ – was eine gewisse Prekarität meiner finanziellen Situation nahelegt.

Die zweite Legung: Finanzielle Sicherheit als Ziel

Anschliessend beginnt sie mit der zweiten Legung, bei welcher wir fokussierter auf das Thema Ausbildung eingehen wollen. Konkret geht es darum, ob ich eine Weiterbildung machen soll oder eher nicht. Die Karten – beziehungsweise die Kartenlegerin – empfehlen mir, die Ausbildung unbedingt zu machen. Diesmal stellt sie mir nicht viele Rückfragen, sondern schaut sich die Bilder auf den Karten genau an und erklärt: «Es würde sich auf jeden Fall lohnen», meint sie, denn damit könne ich beispielsweise in einer Bank arbeiten, und da seien die Arbeitsmärkte gut. Dass sie aufgrund dieser Argumentation dazu rät, diese Veränderung in meinem Leben anzugehen, weist auf einen bereits erwähnten Aspekt der psychologischen Astrologie nach Miller hin. Es geht darum, sich weiterzuentwickeln, sich selbst zu finden, aber eben auch ganz besonders um finanzielle Aspekte des eigenen Lebens.
Dies ganz besonders bei Menschen des Sternzeichens Stier, wie ich später im Dokument ‘Spannende Fakten über alle Sternzeichen’, das ich gratis von Millers Website runtergeladen hatte, nachlesen kann. Demnach neigen Stiere dazu, sich an Gewohnheiten und Sicherheiten zu klammern und durch ihre Sturheit Veränderungen nicht zuzulassen.

Ihre Deutung, ich solle mich für die Weiterbildung anmelden, interpretiere ich als Ausdruck ihres Verständnisses, was mich – als Stier – erfüllen bzw. zu meinem Erfolg führen könnte: einen guten – also gutbezahlten – Job in einer arbeitsreichen Branche, den ich mir durch das Absolvieren der Weiterbildung ermöglichen könnte. Sie bewertet die Frage nach der Weiterbildung nicht danach, ob sie mich inhaltlich interessieren oder erfreuen würde, sondern nach ihrem Potential zu monetärem Erfolg und finanzieller Sicherheit. Dies ist insbesondere ein interessanter Aspekt, als dass ich selbst eine einigermassen divergierende Vorstellung davon habe, was Arbeit, Ziele und Wünsche für mein Leben betrifft.

Die dritte Legung: Meine Geldflussblockade

Nun fokussieren wir noch mehr auf finanzielle Fragen, also auf das Thema Geld. In der zweiten Legung hatte ich unter anderem das Problem der Finanzierung der Ausbildung angesprochen, woraufhin sie eine dritte Legung vorgeschlagen hatte. Sie legt wiederum die neugemischten Karten vor uns auf den Tisch. Es sähe nicht gut aus, teilt sie mir etwas besorgt mit. Geld werde immer ein schwieriges Thema bleiben für mich – fügt jedoch sofort an: «Ausser wenn es dir gelingt, deine innere Blockade, deinen inneren Knoten zu lösen.» Wenn ich die Sorge um das Geld loslassen würde, wäre der Geldfluss offen. Diese Transformation würde dazu führen, dass ich keine Geldsorgen mehr hätte. Diese Deutung der dritten Legung trifft ein Kernanliegen Millers Astropsychologie, welches auch in den angebotenen Kursen vermehrt vorkommt: die Lösung von individuellen Blockaden, die einen am finanziellen und persönlichen Erfolg hindern. Diese Blockaden bedürfen individualisierten Lösungen, bei denen eine Kartenlegung, aber auch verschiedene Kurse und Vorträge als hilfreich angepriesen werden. Um zu erlernen, wie Blockaden dieser Art gelöst werden können, wird bspw. der Kurs Astropsychologie – Standard Paket auf der Website angeboten. Er verspricht, «angeborene Blockaden» lösen zu können. Doch das Besuchen dieser Kurse ist kostspielig: Das Standard-Paket ist gerade im Angebot und kostet, statt 3499.00 CHF, ‘nur noch’ 2499.00 CHF. Auch meine Kartenlegerin hat eine Idee, wie ich lernen könnte, meine Geldflussblockade zu lösen – in einer halben Stunde finde der passende Vortrag dazu statt. Gegen Mittag wird Lisa Miller persönlich einen Vortrag zum Thema Löse karmische Blockaden & lebe deine wahre Seelenkraft halten. Sie meint, es sei wichtig für mich, und ich solle unbedingt hingehen. Diese Strategie des ‘Zusatzverkaufs’ kenne ich selber aus meiner Zeit, als ich an Marktständen arbeitete. Es scheint mir, dass die dritte Legung als eine Art Werbefläche für die bevorstehende Präsentation diente. Die Kartenlegerin greift eines meiner Anliegen – das Geld – auf, erklärt das Problem mit einer persönlichen Blockade, die wir nicht lösen können, da die Sitzung gerade beendet ist. So kann sie den Besuch des Vortrags mit einem individuellen Anliegen bzw. Problem verbinden und ihn so bewerben. Ich werde trotzdem nicht hingehen, da mir wahrscheinlich nach meinem ersten Erlebnis bei einer Kartenlegerin einfach die Energie dazu fehlen wird.

Schliesslich – wir haben zeitlich etwas überzogen – ist die Sitzung beendet, und wir stehen auf. Sie fragt mich, ob ich nun etwas mehr Klarheit hätte, und ich bejahe (was auch wirklich ein bisschen stimmt – denn ich habe etwas über das Kartenlegen gelernt). Sie kassiert ab, umarmt mich und meint, ich solle die Hoffnung nicht verlieren. «Es kommt alles gut!», lächelt sie mich an. Bevor ich mich zum Gehen wende, erinnert sie mich noch einmal nachdrücklich an den bevorstehenden Vortrag.

Mirjam Steiner, 05. September 2025

Kurzer Bericht zur Esoterikmesse

Fachvortrag «Lichtarbeit und wie man die Probleme des Lebens beseitigen kann»

Zu Beginn der Messe besuchte ich ein Seminar über die zehn Chakrapunkte, das von Matthias
Heimberger geleitet wurde. Er berichtete zunächst über seine schamanistische Grundausbildung,
die er im Rückblick kritisch sieht – insbesondere, was die damaligen Heilmethoden betrifft, die er
inzwischen als unzureichend empfindet. Aus dieser Erfahrung heraus habe er im Laufe der Jahre
seine eigene Methode entwickelt, die er heute in seiner Arbeit mit Klientinnen und Klienten
anwendet. Im ersten Teil des Seminars stellte Heimberger die zehn wichtigsten Chakrapunkte vor.
Diese beschrieb er als zentrale Punkte im Energiefeld des Körpers, die jeweils bestimmte
physische und emotionale Bereiche beeinflussen sollen. Anschliessend fragte er in die Runde, ob
jemand ein konkretes Anliegen habe und bereit wäre, seine Methode zur Lösung von
Energieblockaden vor Publikum auszuprobieren. Eine Frau meldete sich und schilderte, dass sie
Schwierigkeiten habe, sich zu öffnen und auszudrücken. Sie vermutete, dass dies mit dem zehnten
Chakra im Nackenbereich zusammenhängen könnte. Laut Heimberger sei dieses Chakra
besonders sensibel und werde nur in Ausnahmefällen direkt behandelt, da es mit allen anderen
Chakren verknüpft sei. Dennoch entschied er sich, eine „Öffnung“ vorzunehmen. Die Frau setzte
sich auf einen Stuhl, während Heimberger sich hinter sie stellte, die Augen schloss, seine Hände
rieb und dann etwa eine Minute lang mit geschlossenen Augen Bewegungen in der Luft ausführte
– offenbar, um ihre Energie zu reinigen. Dieses Ritual wirkte auf mich eher skurril und hatte für
mich etwas Performatives. Dennoch wirkte die Frau im Anschluss bewegt. Sie beschrieb, dass ihr
plötzlich warm geworden sei und sie gespürt habe, wie sich eine „Energiebahn gelöst“ habe.

Handlesen bei Maria Magdalena

Am Stand von Maria Magdalena, die sich selbst als „mediales Energie-Medium“ bezeichnet, liess
ich mir die Hand lesen. Sie fragte mich zunächst, ob ich ein konkretes Anliegen habe. Als ich dies
verneinte, bat ich sie einfach zu sagen, was sie in meinen Händen sehe. Sie betrachtete meine
Handflächen kurz und erklärte dann, meine Handlinien seien sehr klar und ausgeprägt – laut ihr
ein Zeichen für ein langes Leben ohne schlimme Schicksalsschläge. Diese Aussage klang zunächst
positiv, liess aber wenig individuellen Bezug erkennen, besonders als ich dann im Austausch mit
meiner Relinfo-Kollegin erfuhr, dass Maria Magdalena ihr dasselbe sagte. Im weiteren Gespräch
geriet Magdalena dann etwas ins Stocken. Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen, fragte sie,
ob es aktuell ein Thema gebe, das mich beschäftige. Aus Interesse an ihrer Reaktion antwortete
ich testweise, dass mich meine Beziehungen gerade besonders interessieren würden. Daraufhin
sagte sie dann direkt, dass man auch tatsächlich an meiner Beziehungsader erkenne, dass ich mich
in Beziehungen häufig nicht gesehen fühle. Als ich zustimmte, ging sie sichtlich ermutigt weiter in
die Tiefe und erkundigte sich nach meiner Beziehung zu meiner Mutter. Ich beschrieb sie als gut,
worauf sie direkt zur Beziehung meiner Eltern überging, ohne einen klaren Zusammenhang zu
erläutern. In der Folge sprach sie fast durchgehend, ohne dass ich viele Rückfragen stellen konnte.
Ihre Aussagen blieben jedoch vage und allgemein formuliert. Sie sprach von «alten Mustern» und
«blockierter Energie». Konkrete Beispiele oder nachvollziehbare Erklärungen fehlten weitgehend.
Gegen Ende des Gesprächs meinte sie schliesslich, ich müsse emotionale Blockaden lösen, um
künftig erfüllte Beziehungen führen zu können. Als ich neugierig nachhakte, wie ich solche
Blockaden denn auflösen könne, erklärte sie, dass dies ausschliesslich durch die Hilfe eines
Mediums möglich sei, also konkret: durch sie selbst. Eigenständiges Arbeiten an diesen Themen
sei nicht ausreichend. Das wirkte auf mich wie eine gezielte Strategie, um mich als Klientin zu
gewinnen. Die Verantwortung für persönliche Entwicklung wurde mir quasi abgesprochen und
gleichzeitig ein kostenpflichtiger Lösungsweg angeboten.

Aurafotografie mit Reinhild Brieger

Für die Aurafotografie setzte ich mich auf einen Stuhl und legte meine Hände auf zwei Sensoren,
die über Kabel mit einer Kamera verbunden waren. Auf meine Nachfrage, wie genau dieses
System funktioniere, blieb der Betreuer, Sohn der Auraberaterin Reinhild Brieger, vage. Er
erklärte lediglich, dass die Technik meine Aura sichtbar mache, konnte aber keine physikalischen
Hintergründe nennen. Mein entstandenes Aurabild zeigte im unteren Bereich ein dunkles Violet,
während über meinem Kopf ein rötlich-orangenes Licht erschien. Brieger interpretierte die
violette Farbe als Ausdruck von Authentizität. Sie meinte, ich würde mich der Welt so zeigen, wie
ich in meinem tiefsten Innern wirklich bin. Das orange Licht über meinem Kopf stehe für heilende
Kräfte. Laut ihr würden andere Menschen diese Energie spüren, weshalb sie sich mir oft
anvertrauen würden. Und hier erwähnte sie plötzlich den Satz, dass «nicht nur der Patient dem
Heiler, sondern auch der Heiler dem Patienten vertrauen müsse». Wieso sie das erwähnte und
wie das genau zu meinem Aurabild passen würde erläuterte sie nicht weiter und liess es rätselhaft
im Raum stehen. Anschliessend durfte ich zwei Zettel mit spirituellen Botschaften ziehen. Auf
dem ersten stand: «Ich löse alle Ängste auf und wandle sie in Schaffensfreude!» und im zweiten
«Der Himmel ist in dir». Nachdem ich «Der Himmel ist in dir» gezogen hatte, meinte sie, das
würde perfekt zu meiner Aura passen. Als ich nachfragte, wie genau es zusammenhänge,
antwortete Brieger lediglich: «Der Himmel ist in dir, wo soll er sonst sein?». Auf einen Versuch
meinerseits, inhaltlich mehr Verbindung zwischen Zitat und Aurafarben herzustellen, meinte sie
nur, das könne «jetzt nicht weiter vertieft» werden.

Laura Meyer, 05. September 2025

Wenn eine Sekte eine Sekte erfindet – Die Organische Christus-Generation verbreitet die «Blutsekten-Verschwörungstheorie»

Das Individuum muss sterben

Die Organische Christus-Generation (OCG) in Walzenhausen wurde 1984 unter dem Namen «Obadja» von Ivo Sasek gegründet. 1999 wurde die Gemeinschaft auf OCG umbenannt und sie wird noch heute von Sasek geführt. Ivo Sasek hat mit seiner Frau Anni Sasek elf Kinder, die in der Gemeinschaft aufgewachsen sind. Drei ihrer Söhne sind aus der OCG ausgetreten, die anderen mittlerweile erwachsenen Kinder sind, soweit bekannt, noch immer radikale Verfechter*innen des Gedankenguts der OCG. Die OCG versteht sich als Organismus, oder Körper, der aus vielen Organen besteht. Die Gemeinschaft steht also im Zentrum, das Individuum wird nebensächlich. Der kollektive Organismus werde von einer höheren Kraft Gottes gelebt und angetrieben. Ziel sei es, diese göttliche Energie immer auf möglichst hohem Niveau zu halten. Gewisse Gedanken und Meinungen würden die höhere Kraft herunterreissen und seien deshalb zu unterlassen. Um also in Harmonie mit der göttlichen Führung zu leben, dürfen sich die Mitglieder nur mit dem vorgeschriebenen Gedankengut der OCG befassen und müssen ihre Individualität dem Kollektiv unterordnen. 

Heute verzeichnet die Gemeinschaft noch ca. 2000 Mitglieder. Doch durch zahlreiche Organisationen und Projekte der OCG erreichen Saseks Weltanschauungen und Lehren ein Millionenpublikum. An erster Stelle steht die hauseigene Medienplattform «kla.TV», deren Produktionen teils über 6 Millionen Aufrufe verzeichnen können. 

Kla.TV in aller Welt

Kla.TV dient fast ausschliesslich der Verbreitung von Verschwörungstheorien und richtet sich, laut einer ehemaligen Mitarbeiterin, nach der Devise: Hauptsache Widerspruch zu den Massenmedien. 

Laut dem ausgestiegenen Sohn Simon Sasek hat sich Ivo Sasek in den letzten Jahren zunehmend radikalisiert und sich auf immer mehr Verschwörungen eingelassen. Seine Tochter und treue Anhängerin Lois Sasek ist die Produktionsleiterin von kla.TV, und auch alle anderen höheren Positionen von kla.TV werden von OCG-Mitgliedern besetzt. Die Fernsehproduktion ist aber auch auf aussenstehende Mitarbeitende angewiesen. Immerhin wurden nach eigener Aussage schon mehr als 20’000 «enthüllende» Sendungen produziert, die teils in 80 verschiedenen Sprachen von über 100 kla.TV-Studios weltweit ausgestrahlt wurden. Alle Mitarbeitenden des Fernsehsenders arbeiten unentgeltlich. Lois Sasek moderiert viele Sendungen und findet, unabhängig vom Thema, immer einen Weg, ihren Vater ins positive Licht zu rücken und ihn als wahrheitsliebenden Helden darzustellen.

Einordnung der «Satanic Panic»

Lois’ persönliches Spezialgebiet ist die «Satanistische Blutsekte». Sie sei überzeugt, dass im Untergrund eine gut organisierte und vernetzte satanistische Sekte herrsche, welche Opferrituale durchführe. Die Täter*innen dieser Sekte seien aus der oberen, reichen Gesellschaftsschicht und hätten deshalb die Mittel ihre Machenschaften zu vertuschen. Zu den Satanisten gehören also laut Lois die Chefetagen der Medien, der Polizei und der Gerichte, aber auch einflussreiche Einzelpersonen. Die Mitglieder der Sekte würden willkürliche Menschen, vor allem Kinder, auf jede erdenkliche Art missbrauchen, foltern und töten. 

Lois ist nicht die erste, die an eine solche Verschwörungstheorie glaubt. Schon in den 80er Jahren zog die sogenannte «Satanic Panic» durch die USA. In der Schweiz gelangte das Thema 2021 durch eine SRF-Doku wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit. Der SRF-Reporter Robin Rehmann deckte auf, wie stark der Glaube an einen satanischen Zirkel in der Schweiz verbreitet ist. Es stellte sich heraus, dass die Trauma-Station einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie einen «Satanic Panic Hotspot» bildete. Sogar der Oberarzt dieser Abteilung glaubte an die Verschwörungstheorie und seine Patient*innen bekamen das zu spüren. Betroffene glauben sich durch suggestive Therapien an satanistische Rituale zu erinnern, die sie in Wirklichkeit nie erlebt haben. Dieses Phänomen wird «False Memory Syndrome» genannt. 

Natürlich braucht es eine Abgrenzung: Missbrauch, auch aus religiösen Motiven, ist real. Es gibt viele Opfer, die mit schwerwiegenden Folgen leben müssen. Sie müssen gehört werden, und ihnen muss professionelle Hilfe zustehen. Doch die Geschichte von Gräueltaten eines im Untergrund operierenden Zirkels an Satanisten, mit weltweiter Vernetzung ist schlichtweg eine Erfindung. Opfer von echter Gewalt werden instrumentalisiert, um eine Verschwörungstheorie zu stützen. 

Quellenarbeit à la kla.TV

Aber Lois Sasek lässt sich nicht von den «Massenmedien» täuschen und produziert selbst drei «Dokumentationen», die die Existenz der «Blutsekte» beweisen sollen. Ihre Argumente sollen von Opfer- und Zeugenaussagen getragen und bestärkt werden. 

Kla.TV blendet viele verschiedene Menschen ein, die von systematischer, ritueller Gewalt betroffen sein sollen. Die Quellen bestehen vor allem aus YouTube-Videos, hochgeladen von ominösen Channels. Die Videos wurden vollständig aus dem Kontext gerissen. Darunter sind beispielsweise Aufnahmen von alten Fernsehsendungen, die wegen Falschinformationen längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen worden sind. Auch die verlinkten Webseiten lassen zu wünschen übrig: Teils wird auf eigene kla.TV Produktionen verwiesen, und auch die Webseite des Verschwörungstheoretikers Guido Grandt wird mehrmals verlinkt.

Als steiler Einstieg wird das virale Video des «Hampstead Hoax» eingeblendet. Zwei kleine Kinder berichten extrem explizit, welchen sexuellen Missbräuchen sie ausgesetzt waren und, dass sie das Blut geschlachteter Babys trinken mussten. Als Täter nennen sie ihren Vater, mehrere Lehrpersonen und Eltern ihrer Mitschüler*innen. Nach polizeilichen Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Kinder von ihrer Mutter manipuliert worden waren, um ihren Vater zu diffamieren. So wollte sich die Mutter das Sorgerecht sichern. Der Vorfall hatte nicht nur für die Kinder schlimme Folgen. Die fälschlich beschuldigten Lehrpersonen und Eltern wurden in die Öffentlichkeit gerissen und werden von vielen Menschen im Internet noch immer als Täter*innen beschuldigt. 

Lois unterstreicht ihre Aussagen damit, dass sogar medizinische Berichte vorliegen würden, die den Missbrauch an den Kindern bestätigen. Im Quellenverzeichnis klicke ich den Link unter «Medizinischer Bericht über Missbrauchsschäden an den Kindern von Hampstead» an. Ich lande auf «Dailymotion» und ein wackliges, kleinformatiges Video wird gestartet. Die elfminütige Aufnahme zeigt das Abfilmen eines langen Dokuments, das auf einem Computer durchgescrollt wird. Es ist ein Bericht, der vom Krankenhaus stammen soll. Eine körperliche Untersuchung der beiden Kinder wird genau dokumentiert. Kaum entzifferbares Fazit: Die Möglichkeit eines sexuellen Missbrauchs könne nicht ausgeschlossen werden. 

«Dailymotion» ist eine Videoplattform, auf welcher Videos hochgeladen und angeschaut werden können. Das Hochladen und das Anschauen stehen allen Menschen zur Verfügung. In meinem Fall wurde das Video von «News @RolandaWorthington» veröffentlicht. Wer oder was hinter diesem Namen steht, ist nirgends zu finden. «Rolanda Worthington» scheint jedoch ein breites Interessenfeld zu besitzen: Unter anderem wurden ein einminütiges Video von 9/11, ein «Jesus Is Coming Again» Song, eine Audioaufnahme über das Dominieren der Hexen über die USA und ein Video mit Übersetzung in die Gebärdensprache über die Forderungen der Pride 2012 in Rom veröffentlicht. Wäre kla.TV bezüglich Recherchen also konsequent, so sollten sie die Forderungen einer Pride genauso ernst nehmen, wie das Video der angeblichen medizinischen Berichte. 

Nicht nur die Quellen sind nicht vertrauenswürdig: Als Experteneinschätzung wird ein Videoausschnitt des ehemaligen CIA-Mitarbeiter und Verschwörungstheoretiker Robert David Steele abgespielt. Er behauptet, dass pädophile Akte und Kindestötungen als Aufnahmeritual für ein Aufsteigen in höhere Kreise der Macht dienen. Es braucht nur zwei Minuten Recherche, um herauszufinden, dass sich Steele in zahlreiche, problematische Verschwörungstheorien verstrickt hatte. Er bezeichnete den Holocaust als konstruierten Mythos und war Corona-Leugner. Ironischerweise verstarb er 2021 an COVID-19. 

Lois nennt weitere Fälle angeblicher ritueller Gewalt. Skandale, Verbrechen und Gewalttaten werden neu aufgebrüht und mit Mutmassungen, Andeutungen, Verdrehungen und Lügen angereichert. 

OCG oder «Blutsekte»?

Lois erklärt: «Es ist bezeichnend, dass die Medien bei absolut harmlosen christlichen Gruppen darauf herumhacken, wenn diese mit Aussteigern, also von Gott Abgefallenen, lediglich keinen Kontakt mehr möchten.» Bei der «Blutsekte» hingegen würden Aussteiger*innen gefoltert und getötet. 

Es erstaunt mich, dass sie selbst einen solch direkten Vergleich zwischen der OCG und der «Blutsekte» zieht. Mit dieser Aussage stellt sie die Ausstiegserfahrung aus der OCG mit erfundenen Qualen gleich. Dadurch spricht sie den ehemaligen OCG-Mitgliedern jegliches Leid ab und verharmlost das Zerbrechen vieler Familien. 

Auch interessant ist die Aussage von Lois, sie empfehle den Zuschauenden, die Quellen nicht eingehend zu studieren, denn es sei einfach nur grausam. Aber das Video solle unbedingt an alle Kontakte weitergeleitet werden.

Sie beendet ihre Sendung mit einem Aufruf, das Thema der «Blutsekte» zu verbreiten. Die Zuschauenden sollen hinsehen und so die Opfer stärken und Kinder schützen. 

Heute gibt die OCG nicht mehr offen zu, dass von OCG-Eltern verlangt wird, ihre Kinder mit Rutenschlägen zu züchtigen. Auf der Webseite ihres hauseigenen «Elaion-Verlages» finde ich aber im Buch «Erziehe mit Vision!» von Ivo Sasek folgende Stelle: «Sind sie (die Kinder) aber widerspenstig und böse oder entgegen der Ermahnung wild, unbändig und übermütig, so schone deine Rute nicht. Du gibst ihnen zwei, drei zünftige Streiche hinten drauf und schon ist der Wille wieder gereinigt, die Kammern des Leibes geputzt und die Narrheit vom Herzen des Knaben entfernt.» 

Simon Sasek, der Älteste der Sasek-Kinder und der erste Sasek-Aussteiger aus der OCG, berichtet von grausamen Fällen häuslicher Gewalt, die ihm von seiner Familie angetan wurden. Durch Schläge hätten sie den Teufel aus ihm austreiben wollen. Nur durch Unterwürfigkeit gegenüber seinem Vater konnte er der physischen und psychischen Gewalt entgehen. Ich befinde es als ironisch, dass die OCG das Wort «Kinderschutz» überhaupt in den Mund nimmt. 

Mit ausschlaggebend für Simons Austritt aus der OCG waren die Veröffentlichungen von kla.TV. Die Ausstrahlung einer Sendung, in der bewiesen werden sollte, dass die Challenger-Katastrophe von der NASA inszeniert worden sei, und die Verbreitung der Flachen-Erde-Theorie hätten bei Simon Sasek das Fass zum Überlaufen gebracht. Er habe durch eigene Recherchen gewusst, dass kla.TV Unwahrheiten und Verschwörungstheorien verbreiten würde. Ihm wurde bewusst, dass Ivo Sasek viele Sendungen nicht aus Überzeugung produzieren liess, sondern nur auf Likes und Aufrufe aus war. Simon hat keinen Kontakt mehr zu seinen Familienmitgliedern in der OCG und lebt heute als juristischer Mitarbeiter mit seiner Familie ein neues Leben. 

Lou Büchler, 1. September 2025

Lexikoneintrag OCG

«The Day of Transformation» mit Miro Wittwer – Fundamentalistische Radikalisierung im Zürcher Kunsthaus

Auf den Sonntag, den 17. August 2025, lud der ehemalige Psychoguru und heutige radikale Prediger Miro Wittwer zu seinem «The Day of Transformation» in den Festsaal des Zürcher Kunsthauses ein. Unter demselben Titel «The Day of Transformation» hat Miro Wittwer schon seinerzeit als Hypnosetherapeut, Coach und Seminarleiter esoteriknahe Veranstaltungen durchgeführt, bei denen es um Tipps für ein besseres Leben ging. Seit seiner Bekehrung zu einem radikalen neocharismatischen Christentum im Frühling 2024 ruft Wittwer bei «The Day of Transformation» zur Bekehrung zu einem fundamentalistischen Glauben auf und verbreitet problematische Lehren, z.B. LGBT-und Islam-feindliche Aussagen.

Die «Götzenstatuen» im Foyer

Am Sonntag, den 17. August 2025 betreten meine Frau und ich das Foyer des Chipperfield-Baus des Kunsthauses, in dessen Festsaal «The Day of Transformation» stattfinden wird. Im Foyer fallen uns die zwei Figuren von Jeffrey Gibson auf, einem Künstler, der indigen-amerikanische Wurzeln hat und sich von u.a. von indigenen Traditionen inspirieren lässt. Die beiden Figuren werden von Miro Wittwer zu Beginn der Veranstaltung als «Götzenstatuen» diffamiert. Dankt Miro Wittwer so dem Kunsthaus das Gastrecht, das er erhalten hat? Dass Wittwer als fundamentalistischer Prediger für die Werke indigener Kunstschaffender keinerlei Verständnis aufbringt, hat ja leider üble Tradition, insbesondere im amerikanischen fundamentalistischen Christentum, auf welches sich Wittwer gerne beruft.

Beim Einlass in den Festsaal filmt ein Mitarbeiter von Miro Wittwer alle Teilnehmenden. Das Gefilme geht im Saal munter weiter. In der Veranstaltung werden die Anwesenden darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich in den Bereich hinten links begeben sollen, wenn sie nicht aufgezeichnet werden möchten. Wer dies nicht tut, erklärt damit sein Einverständnis zu Aufnahmen, die Miro Wittwer dann werbend einsetzen wird.

Miro fordert die Anwesenden mehrfach auf, auch selbst Aufnahmen zu machen, und diese in Social Media zu publizieren. Wenn er markiert wird, würde er die Aufnahmen dann verlinken. Mal schauen, ob er dies auch mit dem vorliegenden Text tut.

Miro Wittwer will 600 – 700 Tickets verteilt haben. Viele Leute seien nicht gekommen. 400 bis 500 Leute seien hier, behauptet er während der Veranstaltung. Online schreibt er später von ca. 450 Teilnehmenden. Nach unserer Zählung waren es maximal 300 Anwesende.

Der ehemalige Psychotherapeut, der niemals einer war

Die Begrüssung der Teilnehmenden erfolgt durch Benjamin und Julius Franke, einem deutschen freikirchlichen Vater-Sohn-Gespann, das Miro Wittwer bei der neocharismatischen Glaubenskonferenz UNUM24 im Juni 2024 in München kennengelernt haben. Beide stellen Miro Wittwer als den ehemals bestbezahlten Psychotherapeuten in Zürich vor.

Psychotherapeut ist ein geschützter Titel, den nur von Personen mit einer Ausbildung in Psychotherapie getragen werden darf. Miro Wittwer hat niemals eine solche Ausbildung absolviert.

Nun hat sich Miro Wittwer den Titel «Psychotherapeut» nicht selbst zu eigen gemacht, er hat es aber zugelassen, dass er von seinem Begrüssungskomitee zweimal so bezeichnet wurde, ohne dass er dies später richtiggestellt hätte. Gelegenheit hätte er während «The Day of Transformation» über Stunden reichlich gehabt. Seriöses Vorgehen wäre etwas anderes.

Was Wittwer hingegen bei jeder Gelegenheit aktiv von sich behauptet, ist die Aussage, dass er der bestbezahlte Therapeut in Zürich war. Den Beweis für diese Behauptung bleibt er schuldig. Wenn Wittwer heute von sich sagt, er sei damals hochmütig gewesen, dann scheint dies wenigstens recht plausibel.

Auftritt eines Pseudochristus

Die Frankes fordern das Publikum auf, Miro Wittwer mit einem Riesen-Applaus zu begrüssen. Er tritt auf die Bühne, ganz in Weiss gekleidet und mit Jesus-Mähne. Miro steht schweigend da, etwas länger, als es üblich ist, aber genauso, wie es Rhetorik-Fachleute raten. Dann sagt er den Anfang des ersten Kapitels des Johannes-Evangeliums auf, während er ins Publikum grinst. Der Johannes-Prolog zielt auf Jesus hin als das Wort, das Fleisch wurde, und auf der Erde auftrat.

Dieser Beginn der Veranstaltung ist typisch für den ganzen Anlass. Verwechslungen zwischen Miro Wittwer und Jesus werden niemals verbal vorgenommen, aber in der Symbolik immer wieder bewusst induziert. So ist als Hintergrundbild oft eine männliche Figur von hinten mit weissen Kleidern und Jesus-Mähne projiziert, die sich durch Wolken bewegt. Offen bleibt die Frage, welche Gesichtszüge zu sehen wären, wenn sich dieser Mann umdrehen würde: diejenigen von Jesus, oder doch diejenigen von Miro?

Als Miro die Anwesenden, die sich neu für den Glauben entschieden haben, auffordert, nach vorne zu kommen und die Bühne zu berühren, weil diese für das Kreuz stehe, ergibt sich der Eindruck, dass sich die Menschen vor Miro selbst verbeugen würden. Auch dieses Bild wird in Kauf genommen.

In Worten hat sich Miro an der Veranstaltung niemals als Christus bezeichnet. Durch die Symbolik und Bildsprache aber inszenierte sich Miro Wittwer sehr unmissverständlich als Christus-ähnliche Figur.

Geistgeleitete Veranstaltung?

Gleich zu Beginn stellt Miro Wittwer fest, dass die heutige Veranstaltung kein festes Programm kenne, abgesehen von zwei Altar Calls und der abschliessenden Taufe im Zürichsee ab 17.00 Uhr. Alles andere würde dem Holy Spirit überlassen, den Miro Wittwer als seinen Guten Freund vorstellt. Meine Frau und ich runzeln die Stirn. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir mehrere Veranstaltungen erlebt, die nicht einem Ablauf, sondern der freien Inspiration gefolgt sind, was sie in aller Regel radikal oder langweilig machte, oftmals beides in buntem Wechsel. Auch heute wird dies der Fall sein. Radikale Aussagen und extreme Längen werden sich im Lauf des Tages ablösen.

Miro Wittwer berichtet nun davon, dass er während acht Monaten in den USA war und dort von «vielen mächtigen Menschen» die Hände aufgelegt erhalten habe. Auf seiner Website bezeichnet er sich als «Man of God», als «Mann Gottes».

Über seine frühere Tätigkeit als Psychoguru wiederholt Miro Wittwer die schon bekannten Aussagen: er habe damals geglaubt, auf dem richtigen Weg zu sein, er habe helfen wollen, sei aber getäuscht worden, er habe bei seiner Kundschaft zwar Symptome weggebracht, aber keine nachhaltige Transformation ausgelöst. Er habe viele Menschen in die Irre geführt, und viele würden es immer noch nicht erkennen, dass er sie in die Irre geführt habe.

Am 6. April 2023 sei auf Ibiza die entscheidende Wende gekommen, als er ein zweites Buch für den Psychomarkt verfassen wollte – nach seinem im esoterischen Giger-Verlag erschienenen Werk «Transformation – Wie du dich selbst heilst, deine Berufung findest und das Leben deiner Träume kreierst».

Da habe er die Aufforderung gehört, die ganze Bibel zu lesen, was er dann innerhalb von 15 Tagen getan habe.

Zum Thema des Spannungsfelds zwischen einer fundamentalistisch-wörtlichen Bibelauslegung und den Erkenntnissen der Wissenschaft meint Miro: Er liebe nun die Wissenschaft, aber er liebe Gott gefühlt milliardenmal mehr.

Druck auf einen Atheisten – der ehemalige Psychoguru in manipulativer Höchstform

Da fragt Miro Wittwer unvermittelt ins Publikum, ob ein Atheist anwesend sei. Auf Nachhaken hin meldet sich ein Mann ganz am Ende des Raums. Miro Wittwer frohlockt: «Da hinten haben wir einen Atheisten. Endlich mal was zum Arbeiten.» und an den Mann gewandt: «Warum glaubst du, ist es gut, Atheist zu sein?» Das Manipulative an dieser Frage macht offenbar, dass der ehemalige Psychoguru seine Techniken von damals immer noch beherrscht und einsetzt. Es wird nicht die Plausibilität von Gottesglauben und Atheismus diskutiert, sondern gleich die Moralkeule geschwungen. Ist es denn gut, Atheist zu sein?

Der Mann erwähnt die Freiheit, die ihm seine Weltanschauung schenkt. Und er erwähnt den strafenden Gott als einen ihn abschreckenden Gedanken.

Darauf Miro Wittwer: «Gott erzieht, aber er bestraft nicht destruktiv», wie es Väter gelegentlich tun. Nun fragt Miro in die Masse, wer denn vom eigenen Vater destruktiv bestraft worden sei. Ein paar Hände gehen hoch.

Wieder zum Atheisten gewandt behauptet Miro: «Wir respektieren das.» – und macht dann das genaue Gegenteil, indem er fortfährt: «Gott hat einen Plan mit dir, er hat dich kreiert. Du kommst von Gott».

Nun kommen weitere Techniken zum Einsatz: Gruppendruck und Kinder-Faktor. Miro Wittwer fragt ein kleines Mädchen: «Glaubst du, dass er (gemeint der Atheist, gs) von Gott kommt?» und dann in die Masse: «Wer glaubt, dass er von Gott kommt?». Die Hände schiessen hoch und der Atheist konstatiert: «Ich bin übervoted worden».

Miro betet nun mit dem Atheisten «gegen jede Lüge vom Teufel in seinem Herzen». Miro: «Gott sagt, du bist von oben gegeben. Ich breche jetzt jede Vereinbarung, die du gemacht hast mit dem Gegner in Jesus Name. Jeder Zweifel an der Existenz Gottes muss nun gehen».

Miro fragt: «Wirst du dich öffnen, Bruder?» und dringt in ihn: «Sag, ich öffne mich». Der Atheist versucht, sich herauszuwinden: «I open the gate a little».

Miro ist zufrieden und fordert das Publikum auf, dem Atheisten zu applaudieren.

Der Wirtschaftsmann, der nicht prozentrechnen kann

Nach seiner Bearbeitung des Atheisten fragt Miro Wittwer ins Publikum: «Wer ist tausendprozentig sicher, dass Jesus lebt?» Fast alle Hände gehen hoch, und belegen damit, dass der grosse Teil des Publikums aus gläubigen Christinnen und Christen besteht.

Immer wieder wird Miro Wittwer während der Veranstaltung das Adjektiv «tausendprozentig» verwenden. Kann hier ein ehemaliger Absolvent der Ökonomie schlecht prozentrechnen?

Miro Wittwer fragt weiter ins Publikum: «Wer hat Jesus gesehen, wirklich gesehen?» Etliche Anwesende strecken auf. Miro Wittwer kommentiert: «Diese Menschen sind keine Lügner. Er lebt, er ist hier im Raum». Vor dem Hintergrund seines christusartigen Auftretens wirkt auch diese Aussage doppeldeutig. «Dieser Mann lebt. Millionen Menschen haben ihn schon gesehen! Er lebt!» Inzwischen hat sich Miro in Rage geredet und brüllt ins Publikum, während er auf dem Mittelgang hin und hergeht. «Die Forscher, die gegen die Auferstehung gehen, beissen sich die Zähne aus». Was Wittwer damit meint, bleibt offen. Wie soll es heute eine sinnvolle Forschung zur Historizität der Auferstehung geben? Wie soll da heute etwas bewiesen oder falsifiziert werden? Die Auferstehung Jesu Christi ist und bleibt eine Frage des Glaubens. Noch eigenartiger ist Miro Wittwers Aussage zum Alphirten, der auf dem Fünfliber abgebildet ist: «Das ist nicht Wilhelm Tell, das ist Jesus Christus».

Religion und Sekte

«Ich hasse Religion», hält Miro Wittwer nun fest. Religion gäbe Krieg und Spaltung, was nicht von Gott sei: «Gott ist Friede».

Nun lässt Miro Wittwer ein Schlaglicht auf die Reaktionen des Publikums bei seiner Missionierung im öffentlichen Verkehr und auf öffentlichem Grund fallen: «Wenn du in der Schweiz von Jesus erzählst, denkt jeder Zweite, das ist Sekte.» Miro Wittwer würde aber nicht sich selbst verkündigen, sondern Jesus Christus. Dass dies für die Wahrnehmung des Publikums mitunter durcheinandergerät, daran ist Miro Wittwer mit seinem Jesus-Styling zu hundert Prozent selbst schuld, geht es mir da durch den Kopf.

Er hasse die Sünde, fährt Wittwer fort, liebe aber die Menschen. Auch die Angehörigen anderer Religionen würde er lieben: «Wir lieben den Moslem, den Buddhisten, den Hindu, den Juden.» Und er würde dafür beten, dass Gott diesen Menschen die Wahrheit zeigen möge.

Der Heiler Toby Meyer

Nun spricht Miro Wittwer den christlichen Musiker und Heiler Toby Meyer an, der Heilungsworkshops auf Zürcher Strassen anbietet und heute im Publikum sitzt. Er habe Toby bei einem Strasseneinsatz kennengelernt, meint Wittwer. Wie muss man sich das vorstellen? Der Strassenevangelist Miro Wittwer trifft auf den Strassenheiler Toby Meyer? Toby Meyer habe, so Wittwer nun, sehr viele Wunder erlebt. Wittwer fragt nach: «Wieviele Wunder?» Toby Meyer antwortet: «Vielleicht 7’000». Wie sich diese sehr erstaunliche Zahl erklärt, werden wir gleich live miterleben.

Der Heiler Miro Wittwer

Miro sagt nun spontan eine Demonstration an. Er fragt in die Masse: «Wer hat einen Schmerz, ein körperliches Gebrechen, wer will Heilung?» Nach anfänglichem Zaudern gehen die Hände reichlich in die Höhe, sodass Miro bremsen muss: «Ja nicht der ganze Saal».

Wittwer erklärt nun, wie die Heilungen funktionieren sollen. Er würde die Hände auflegen, aber es sei Jesus, der heile. Dies geschehe, indem in den Heilungssuchenden Glaube ausgelöst wird: «Wenn ich Hände auflege, geht der Glaube durch die Decke, dann bist du geheilt». Wer war es gleich, der heilt?

Als ehemaligem Anbieter in einem Esoterik-nahen Umfeld ist es Miro Wittwer wichtig, die Heilungen zur Esoterik abzugrenzen, es sei, so meint er, «keine Aktivierung von Selbstheilungskräften oder so ein Gugus, den Menschen ausgedacht haben».

Miro kündigt nun an, dass er seine Hände auf den Schmerz der Heilungssuchenden legen werde. Wenn Frauen das nicht möchten, sollten sie es sagen. Dies dünkt mich ein reichlich sexistischer Ansatz, selbstverständlich sollten alle Menschen es ablehnen können, von Miro Wittwer angefasst zu werden.

Krankheit als Lüge

Mit der Wort-des-Glaubens-Bewegung lehrt Miro Wittwer, dass Jesus am Kreuz auch alle Krankheiten getragen habe, sodass gläubige Menschen eigentlich bereits geheilt seien: «Diese Krankheit gehört nicht dir. Wenn du sagst: ich bin krank, dann lügst du. Du kannst dem Schmerz kommandieren, zu gehen: Schmerz, heute musst du gehen, geh!»

Wenn diese Methode nicht funktioniere, dann liege das am Zweifel, der weggeschickt werden müsse. «Im spirituellen Raum bist du schon geheilt. Wir nehmen das, was im spirituellen Raum ist, nehmen wir by faith».

80 Heilungssuchende, Zungenstottern und «progressive Heilung»

Inzwischen haben sich rund 80 Heilungssuchende auf der Bühne versammelt, in vier Reihen à ca. 20 Personen. Miro Wittwer geht durch die Reihen, legt Hände auf, betet und spricht in Zungen: totototetete. Wittwers Zungenrede hört sich an wie ein Stottern. Bis Miro Wittwer durch die Reihen durch ist, vergehen ca. 30 Minuten. Insgesamt müssen die Heilungssuchenden ca. 45 Minuten auf der Bühne stehen. Wie hilfreich das für Menschen ist, die von Schmerzen betroffen sind, scheint uns sehr fraglich.

Im Anschluss bilanziert Miro Wittwer, dass es einige Heilungswunder gegeben habe, aber vor allem «progressive Heilungen». Eine progressive Heilung sei, so erklärt Wittwer, im spirituellen Raum bereits geschehen, sie verwirklicht sich aber erst später auf der materiellen Ebene. Dafür sei aber Glauben nötig, Zweifel müssten bekämpft werden: «Dein Herz muss glauben, dass du geheilt bist». Hilfreich sei es, die Heilung zu proklamieren: «Du proklamierst es, sprichst es aus». Was Miro Wittwer hier bringt, sind die typischen Tipps der Wort-des-Glaubens-Bewegung. Er ergänzt diese allerdings durch eine Theorie aus seinen Psychoguru-Tagen: «Der Körper ist direkter Feedback-Geber der Psyche». Und er verspricht: «Wenn dein Herz es angenommen hat als Wahrheit, sind die Symptome weg. Du fängst an zu proklamieren. Wenn der Unglaube, der Zweifel kommt, sagst du: Du musst gehen. Du kämpfst den spirituellen Kampf jeden Tag.»

Diese Tipps scheinen uns ausserordentlich problematisch: Symptome werden nicht ernst genommen, sondern wegproklamiert, jeder Zweifel wird verboten, und am Ende sind die Heilungssuchenden selbst schuld, wenn sich keine Heilung einstellt. Sie haben zu wenig geglaubt/proklamiert oder doch gelegentlich gezweifelt.

Unsere Bilanz der Heilungs-«Demonstration» von Miro Wittwer ist ernüchternd. Wir haben vor allem Ausreden gehört, warum sich keine Heilung ereignet hat. Die Heilungsdemonstration Miro Wittwers unterscheidet sich damit in ihrem Resultat nicht von ähnlichen Vorführungen in anderen Gemeinschaften und Weltanschauungen.

Ein LGBT-feindliches Zeugnis

Miro Wittwer kündigt nun ein Zeugnis an einer Frau, die er vor kurzem kennengelernt habe.

Die Frau stellt sich als Julia aus Köln vor und berichtet davon, dass sie als Kind zwar behütet aufgewachsen sei, dass ihre Eltern aber getrennt gewesen seien, sodass Julia ihr Vater gefehlt habe.
Ihre Oma habe ihr schon damals von Jesus erzählt.
Schon ab dem Alter von sechs Jahren habe sie eine Neigung zu Frauen gespürt, sie habe dies später auch ausgelebt. Die Welt sage ja, dass dies voll in Ordnung ist, dass es total normal ist.
Sie habe Drogen ausprobiert und ein wildes Leben gelebt.
Mit den Jahren sei sie immer mehr ins Verderben gerutscht, in Depressionen, in Selbsthass.
Sie sei von Beziehung zu Beziehung gehopst, sie sei nie alleine gewesen.
Im Jahr 2018 sei sie mit ihrer letzten Partnerin zusammengekommen, an der sie emotional sehr gehangen sei.
In der Corona-Zeit entschied sie zusammen mit ihrer Partnerin, ungeimpft zu bleiben. Sie hätten dann Videos angeschaut zum Satanismus in der Musikszene, und hätten sich gesagt, dass es das Gegenteil davon auch geben müsse.
Ihre Partnerin hätte die Gegenwart Gottes gespürt. Sie seien dann gemeinsam zum Glauben gekommen.
Die Partnerin habe in der Folge immer mehr Erkenntnisse bekommen, sodass sie den Eindruck erhielt, dass Jesus ihr ihre Partnerin klaue.
Im Jahr 2023 hätten sich die beiden getrennt. Julia sei total unglücklich gewesen, über drei Monate sei sie im tiefsten Loch ihres Lebens gewesen, habe schlimmen Liebeskummer durchgemacht.
Sie habe damals Cannabis, Kokain und jeden Tag Alkohol konsumiert.
In dieser Situation habe sie zu Gott gebetet und ihr Leben Jesus gegeben.
Drei Monate später habe sie mit einer Kollegin die Gospel Church Cologne besucht.
In der Gastronomie arbeitend sei sie in dieser Zeit gekündigt worden, wie sie sagt ohne Grund. Dies habe ihr Zeit gegeben für einen Jüngerschaftskurs in der Gemeinde.
Im vergangenen Jahr sei sie wieder in eine Krise geraten und habe sich wieder mehr für weltliche Dinge interessiert. Im Urlaub habe sie sich dann wieder neu für Jesus entschieden.

Julia resümiert: «Die Welt» habe uns immer erzählt, dass Lesbischsein eine Identität sei, dies sei aber nicht so: «Jesus definiert deine Identität, niemand sonst.» Sie habe immer geglaubt, sie sei lesbisch geboren: «Aber ich bin nicht so geboren, ich bin Kind Gottes». Ihre Kindheit, die Abwesenheit des Vaters hätten ihren Einfluss gehabt: «Ich hab mich dazu entschieden, mich mit Frauen einzulassen». Dazu habe auch die Berufstätigkeit ihrer Mutter beigetragen: «Das liegt nicht in unserer Natur als Frau, alles zu stemmen, das ist eine riesengrosse Lüge des Feindes.»
Jesus könne alles an einem Menschen verändern: «Ich habe keine Anziehung mehr zu Frauen». Sie bete jeden Tag für ihren zukünftigen Ehemann und ihre zukünftigen Kinder.

Miro Wittwer nimmt dieses Zeugnis auf, ohne es auch nur im Geringsten zu hinterfragen. Wir sind erschüttert. Selbstverständlich ist es Julias gutes Recht, ihre Identität so zu sehen und zu leben, wie ihr das richtig scheint. Dass sie nun tatsächlich in einer Beziehung zu einem Mann ihre Erfüllung finden wird, da kommen uns erhebliche Zweifel. Und wir hoffen für sie, dass sie nicht wieder in neue Krisen fällt, wenn sie den Anspruch, den sie nun an sich erhebt, doch nicht erfüllen kann.

Dass Julia aber heute allen lesbischen Frauen deren Identität abspricht, und zudem noch patriarchale Rollenklischees von der überforderten Frau verbreitet, ist hochproblematisch. Und dass Miro Wittwer diesen LGBT-feindlichen und sexistischen Behauptungen zuzustimmen scheint, schockiert uns.

Meditation als Einfallstor für den Teufel?

Nun kommt Miro Wittwer auf die Meditation zu sprechen: «In der Persönlichkeitsbranche, kannst es auch New Age oder Esoterik nennen, hat jeder seine eigene Wahrheit.» Er sei selbst während sieben Jahren Teil dieser Szene gewesen.
Wenn Menschen meditierten, wenn sie «einfach leer werden, dann kann der Geist vom Gegner kommen».
Und er fügt an: «Keine dieser Techniken kann einen Menschen von homosexuell zu hetero machen, das kann nur Gott».
Sünde sei ein Fehlverhalten, das Gott hasse, und das uns kaputt mache.
Alles, was komplex sei, das komme vom Gegner. «Mit Gott ist es simpel».
So auch beim Sex: «Sex ist übrigens für die Ehe gedacht, das hat Gott so ausgedacht, ist besser für uns».

Islamfeindliche Aussagen, Dämonenglaube, Reinkarnation

Der Islam sei «eine tote Religion», meint Miro Wittwer nun, es gäbe im Islam keine Wunder. Der Koran sei ums Jahr 600 von nur einem Mann geschrieben worden, von Muhammad. Nur Christen könnten von echten Begegnungen mit Gott berichten.

«Der Zweifel ist eine Lüge» fährt Miro Wittwer fort. Ein «konstruktives Hinterfragen, ob es von Gott kommen kann, ist o.k.».

Nun kündigt Miro Wittwer ein Zeugnis seiner Ehefrau an. Diese berichtet davon, dass sie «komplett atheistisch aufgewachsen» sei, und dass sie wegen schlimmer Erlebnisse in der Kindheit später weggerannt und in «der Welt» gewesen sei. Mit 19 habe sie Depressionen und ein Burnout gehabt. Sie habe in dieser Zeit die Diagnose erhalten, zwei Persönlichkeiten in sich zu haben. Eine davon sei, so sieht sie es heute, ein Dämon gewesen. Als Kundin landete sie schliesslich bei Miro Wittwer, der damals noch als esoteriknaher Therapeut tätig war. Zusammen mit Miro habe sie sich dann erkannt, dass die Bibel die Wahrheit ist.
Der spirituelle Kampf sei dadurch aber noch stärker geworden. So habe sie die zwei Kinder von Miro aus erster Ehe zuerst nicht lieben können. «Wenn du Christ bist, ist der spirituelle Kampf noch stärker».

Miro Wittwer kommt nun aufs Thema Reinkarnation zu sprechen, und fragt ins Publikum: «Wer glaubt an Reinkarnation?» Nur ganz wenige halten ihre Hand hoch. Er selbst habe 32 Jahre an Reinkarnation geglaubt. Miro warnt nun vor Rückführungen: «Die Entspannung macht offen für die dämonische Welt». Rückerinnerungen an frühere Leben seien so zu erklären.

Recht abrupt beginnt die Mittagspause.

Kritik und «Skeptismus»

Während des Vormittags konnte ich beobachten, dass Anwesende mich erkannt haben. Meine Frau und ich fragen uns während des Mittagessens, ob diese Teilnehmenden wohl in der Mittagspause Miro Wittwer informieren würden.

Sie taten es. Kaum wieder auf der Bühne begrüsst Miro die Anwesenden, insbesondere «auch diejenigen, die hier sind um kritisch zu sein, mich zu kritisieren in den Medien».

Nachdem er am Vormittag die Anwesenheit von Jesus und des Heiligen Geistes im Festsaal gepriesen hatte, meint Miro nun: «Wir wurden getroffen von Skeptismus in diesem Raum, ist nicht von Gott.» Der «Skeptismus» müsse weichen. Der Zweifel müsse gehen, er habe hier keinen Platz.

Es gebe Menschen, die hätten eine negative Assoziation mit Jesus, weil sie mit Katholizismus verbunden seien, mit Religion: «Ich komme gegen diese Verbindung. Ich schneide sie durch. Die Verbindung ist durchgeschnitten. Segne diesen Raum in the mighty name of Jesus».

Miro Wittwers Gemeindegründungsprojekt: exorzistisch und radikal

Miro Wittwer berichtet nun davon, dass «esoterische Praktiken eine offene Tür für böse Geister» seien. Er habe hierzu in den USA gelernt. Deliverance, der Befreiungsdienst, die neocharismatische Variante des Exorzismus, sei im deutschsprachigen Raum noch «unterqualifiziert». In den USA habe er hierzu etwas aufgebaut. Aber Gott habe ihm gesagt: «Du wirst in der Schweiz bleiben und eine Gemeinde gründen, spätestens im September.» Er würde alles aus Gehorsam heraus machen. So habe er begonnen, auf der ganzen Welt Stationen zu gründen, wo die Menschen die Kraft Gottes erfahren könnten. Die erste Station sei in Florida entstanden.

In diesem Sinn habe er auch seinen Brand «For Jesus» begründet, der Kleider und Taschen vertreibt: «Es geht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen, um sie frei zu machen.»

Dadurch würden die Menschen «Radikale». «Radikal wird in der Welt schlecht angeschaut». Dies sei aber nicht korrekt. «Je radikaler wir sind, desto mehr sind wir mit Gott». «Wir machen keine Kompromisse. Kompromisse sind falsch».

Radikalisierung ist offensichtlich nichts, was gegen aussen bemäntelt wird. Fundamentalistische Radikalisierung ist bei Miro Wittwer Programm.

Geld vermehren

Radikal denkt Miro Wittwer auch über das Geld: «Das Geld, das du jetzt auf dem Konto hast, das gehört nicht dir.». Er und seine Frau hätten monatelang kein Geld gehabt. Nach seiner weltanschaulichen Wendung habe er alle Vorträge absagen müssen. Er habe aber Wunder über Wunder erlebt.
Die finanzielle Sicherheit müsse bei Gott sein. «Er wird dir immer das geben, was du brauchst, nicht immer, was du willst». Gott sei kein Gott des Mangels, sondern ein Gott des Segens.
Nun ruft Miro mahnend ins Publikum: «Viele hier haben Verträge abgeschlossen mit Mammon».
Gott gebe uns «die Saatgut», um zu säen. Biblische Vorbilder wie «Abraham, Solomon, King David» hätten es vorgemacht.

Nach Miro Wittwer gibt es drei Kategorien von Menschen:

  1. Evangelisten, diese brauchen Geld von anderen
  2. Mix, diese brauchen Geld, kreieren aber auch welches
  3. Menschen, die fürs Business berufen sind, sie sollen viel Geld verdienen, um spenden zu können

«Geld ist weder gut noch böse, sondern ein Tool», meint Miro Wittwer, und «Unsere Aufgabe ist es, Gefässe zu bauen, um das Geld zu vermehren.»
Spricht hier der angehende Gemeindeleiter, der bald zahlende Gemeindeglieder gut gebrauchen kann?

Ein weiteres fragwürdiges Zeugnis

Miro Wittwer fragt nun ins Publikum, wer sein Zeugnis teilen möchte, für maximal drei Minuten.

Es meldet sich eine Frau, die sich ebenfalls Julia nennt. Sie behauptet, katholisch aufgewachsen zu sein, es habe geheissen, dass sie in die Hölle käme, wenn sie ein Joghurt nehme oder kein Kopftuch tragen würde. Der Vater habe früh angefangen, sie zu missbrauchen, die Mutter habe, als Julia ihr von den Übergriffen berichtete, dies nicht glauben wollen. Julia habe sich da gefragt: Warum lässt Gott sowas zu?
Sie sei rebellisch geworden, in ein Heim gekommen, habe Drogen, Heroin und Kokain genommen, sei anschaffen gegangen.
Als die Grosseltern von der Prostitution erfuhren, hätten sie ihr gesagt, dass sie nun allein bleiben müsse, weil sie nicht mehr rein sei.
In Gott hätte sie einen Tyrannen und Sadisten gesehen.
Mit 17 habe sie ein Buch gelesen und gebetet: Wenn es dich gibt, Gott, mach mich frei. Doch Satan komme immer wieder.
Im Jahr 2010, schon in der Ehe, habe sie nochmals Drogen genommen und sei fast daran gestorben. Sie habe Drogen in den Windeln ihres Kindes versteckt, und habe im Altersheim die Leute bestohlen. Gott habe sie trotzdem nochmals geheilt und befreit.

Sie will weiterfahren, wird aber von Miro Wittwer abgeklemmt.

Auch dieses Zeugnis lässt uns ratlos zurück. Die angeblichen Aussagen von Eltern und Grosseltern passen nicht zu einem traditionellen Katholizismus, auch der zeitliche Ablauf der Biographie wirkt fraglich. All dies wird von Miro Wittwer einfach stehengelassen.

Ein frischer Segen des Heiligen Geistes oder Verneigung vor Miro Wittwer?

Miro Wittwer fragt nun die Teilnehmenden, wer bereit ist, sein ganzes Leben hinzugeben. Die Voraussetzungen dafür seien gut, weil Salbung hier sei (uns stellt sich die Frage, wie sich dies mit dem «Skeptismus» verträgt, der noch vor einer Stunde im Saal festgestellt wurde. Unsere Skepsis gegenüber Miro Wittwer und seiner radikalen Weltanschauung ist inzwischen keineswegs kleiner geworden, ganz im Gegenteil).

Die Anwesenden sollten, meint Miro Wittwer nun, alles hingeben, auch die Finanzen, auch den Körper. Alle sollten ihre Beziehungen anschauen: sind sie Divine oder Distraction? Sind sie Auftrag oder Ablenkung? «Wir geben alle Beziehungen ihm hin». Das Publikum wird zu einer kurzen Zeit des Busse-Tuns eingeladen. «Gott vergibt dir alles. Es sind Engel hier, die dich sofort verändern.»

Wer eine Last loswerden möchte, wird aufgefordert, nach vorne zu gehen: «Alle, die ihm etwas abgeben wollen, ihr könnt es da machen, wo ihr seid, oder ihr könnt es hierher bringen.» Die Bühne stehe für das «Kreuz, an dem Jesus vor 2025 bis 2030 Jahren sein Blut vergossen hat». Es ist eine eigenartige Rechnung, die Miro Wittwer da präsentiert. Üblicherweise wird die Kreuzigung ums Jahr 33 herum angesetzt, also vor 1992 Jahren. Vermutlich verwechselt Wittwer die Kreuzigung Jesu mit der Geburt Jesu, die allgemein um ca. 5 v. Chr. datiert wird, was zu den genannten 2030 Jahren führen würde.

Wie dem auch sei, wer etwas loswerden will, soll an die Bühne tappen: «Lege es ans Kreuz, es ist dir vergeben». Als die Leute nach vorne kommen, und sich zur Bühne neigen, auf welcher Miro Wittwer stehen bleibt, ergibt sich das Bild, dass die Menschen sich vor Miro verneigen.

Miro meint nun über Gott: «Er hört jeden Gedanken von dir. Und du hast die Kraft, die Gedanken zu steuern.»
Mit dem Klima im Saal ist Wittwer nun nochmals zufriedener: «Oh, es ist so viel leichter geworden in diesem Raum. Wer fühlt sich schon viel leichter? Praise God!»

Die Leute werden nun auf die Bühne gebeten. Miro Wittwer legt ihnen die Hand auf und stottert wieder in Zungen: «Sotototo Doshetetete Doschasatatata Rovasatatata».

Saint von Lux alias Melchizedek

Miro Wittwer macht auf Dramaturgie: «Jetzt sind wir soweit – nein, der Holy Spirit sagt: noch nicht! Wir nehmen noch ein Zeugnis.»

Es meldet sich eine Person, die von Miro Wittwer als Melchizedek vorgestellt wird. Er sei einer der «bestverdienensten Okkultisten» gewesen. Sofort wird uns klar, dass es sich um einen «alten Bekannten» aus unserer Arbeit handelt. Als wir Melchizedek das letzte Mal sahen, trat er im September 2021 unter dem Namen «Saint von Lux» gemeinsam mit dem Esoterik-Musik-Ehepaar Onitani an einem spirituellen Konzert im Rahmen der Esoterik-Messe «Lebenskraft» im Zürcher Kongresshaus auf.

Über Saint von Lux ist nur wenig bekannt. Er soll um die 40 Jahre alt sein, sein Vater soll aus einer Schamanen-Familie in Mosambik stammen, seine Mutter aus Deutschland sein. Ab 2009 war er als Astrologe und Channeling-Medium tätig. Sein Pseudonym «Saint von Lux» soll eine Referenz an den umstrittenen Okkultisten aus dem 18. Jahrhundert sein, der u.a. unter dem Namen «Graf Saint Germain» auftrat, und an die Adelsfamilie von Luxemburg, mit welcher Saint von Lux «familienmässig verbandelt» gewesen sein will. Seit 2009 stets in Weiss und Gold gekleidet, galt Saint von Lux unter den Wahrsagenden gewissermassen als Nachfolge-Paradiesvogel von Mike Shiva. Im Januar 2016 trat Saint von Lux in der Casting-Show «Deutschland sucht den Superstar» auf, wo er von der Jury um Dieter Bohlen beissenden Spott erntete (Bohlen: «Ich glaube, dass du nicht eine Beurteilung, sondern vom Arzt ‘ne Diagnose brauchst»). Vor den Kameras von RTL beschrieb sich Saint von Lux im Jahr 2016 als «auf ‘ne gesunde Art und Weise narzisstisch veranlagt».

Während des spirituellen Konzerts mit Onitani an der «Lebenskraft» channelte Saint von Lux das Geistwesen Solarus. Dieses sprach von den Altären der neuen Spiritualität, auf denen keine Engelwesen, Meisterinnen und Meister oder Göttinnen und Götter stehen würden, sondern ein Spiegel, der die Menschen selbst spiegeln würde. Göttliche Wesen seien nur Spiegelungen des Menschen selbst.

Der Auftritt von Saint von Lux an der «Lebenskraft» war im September 2021. Heute behauptet Saint von Lux, dass er schon im Jahr 2020 gemerkt habe, dass er «nicht zwei Herren dienen» könne. Er habe sich vom Okkultismus distanziert und sei in ein Katechumenat gegangen. Im Juni 2021 sei er getauft worden. Wie verträgt sich dies mit seinem Auftritt im September 2021 an der Lebenskraft, wo er ein Geistwesen channelte und göttliche Wesen als Spiegelungen des Menschen selbst bezeichnete? Das geht so überhaupt nicht auf.

Wie damals streicht Melchizedek nach wie vor seinen angeblichen Erfolg als Esoteriker heraus. Er habe monatlich bis zu einer Million Umsatz gemacht. Aber heute wisse er, es gäbe keinen besseren Umsatz als Jesus Christ.

Nach Ausweis seiner Website und seiner Facebook-Seite vertritt Melchizedek heute ein stark esoterisch geprägtes Christentum mit ausgesprochen kostspieligen Angeboten: «Investing in Your Transformation: €1,111 per hour – for unique strategies that will revolutionize your life and your business (www.melchizedek.ch)» Wie sich das mit der radikalen Neocharismatik von Miro Wittwer und seiner eigenen Variante von «Transformation» verträgt, bleibt offen.

Spendensammlung auf Befehl?

Auch nach dem Abgang von Melchizedek bleibt das Thema bei den Finanzen. Miro Wittwer fordert auf zum Geben: «Geben bricht oft die Armut».

Eigentlich habe er für den heutigen Tag keine Spendensammlung vorgesehen, meint Wittwer. Aber seine spirituelle Mutter habe ihn instruiert, eine Spendensammlung zu machen.

Auch den Preis der Tickets habe Wittwer nicht selbst bestimmt: «Gott hat die Preise der Tickets genannt». Denn die Wertigkeit des Anlasses sei höher. «Gott arbeitet mit diesen menschlichen Verständnissen».

Miro meint nun, dass er dem Publikum eine Chance zum Säen gebe. «Wir werden über den Zahlen beten, dass es hundertfach zu dir zurückkommt.»

Auch sein Bruder Reinhard Hirtler habe gemeint, dass eine Spendensammlung sein müsse. Trotzdem meint Miro Wittwer: «Ich hätte das mit dem Geben vergessen, aber der Holy Ghost sagt: Giving!»

Dieses peinliche Rumgedruckse um die Spendensammlung erinnert an Miro Wittwers ehemalige Beheimatung im Esoterik-Umfeld, wo die Bezahlung gerne mit dem Konzept vom «Energieausgleich» als eine für die Anbietenden unliebsame Notwendigkeit bemäntelt wird.

Aufruf zur Lebensübergabe

Nun werden diejenigen, die ihr Leben noch nicht Jesus übergeben haben, aufgefordert, dies zu tun. Die Interessierten werden nach vorne gebeten. Sie sollen im Gebet Busse tun. Dann wird ihnen Miro Wittwer die Hände auflegen: «Spätestens dann ist der Heilige Geist in dir.»

Nacheinander legt Wittwer den 42 Interessierten die Hände auf. Die Anwesenden, die an ihren Plätzen geblieben sind, werden zu Zeugen berufen.

Die Neubekehrten werden auf drei wesentliche Faktoren hingewiesen: 1. Wort Gottes, 2. Gemeinde, 3. Gebet. Miro Wittwer betont, dass sich die Menschen einer Gemeinde anschliessen sollen. «Ich sage nicht, dass du in unsere Gemeinde kommen musst, geh da hin, wo es der Heilige Geist möchte.» «Gemeinschaft ist so wichtig. Frag Gott: Was ist meine Gemeinde? Am besten in der Nähe. Kannst auch eine Stunde fahren, es lohnt sich.» Wichtig sei, dass die Gemeinde in einem «Apostolic Alignment» stehe, weil dies unglaubliche Kraft für das Leben bedeute. Angesichts all dieser Anforderungen werden sich Neubekehrte im Zweifel für Miro Wittwers Gemeindegründungsprojekt entscheiden.

Und Miro Wittwer fasst nach. Die Neubekehrten sollen ihre Daten angeben, um sie in einer Whatsapp-Gruppe zusammenzufassen, «damit ihr schon Community habt».

Taufe im Zürichsee an der Rentenwiese

Erst gegen 18:00 Uhr, dem ursprünglich vorgesehenen Ende der Veranstaltung, fordert Miro Wittwer die Anwesenden auf, sich zur Rentenwiese zu begeben, wo die Neubekehrten getauft werden sollen. Zuerst will er mit dem ganzen Publikum losmarschieren, mit einem Transparent am Anfang und am Ende des Zugs. Kurz darauf korrigiert er diese Ankündigung, und fordert die Anwesenden auf, sich in Gruppen zur Rentenwiese zu begeben. Vermutlich hat ihn jemand inzwischen darauf aufmerksam gemacht, dass der ursprüngliche Plan auf eine Demonstration hinausgelaufen wäre, für welche eine Bewilligung hätte eingeholt werden müssen.

Bei seinen Vorbemerkungen zur Taufe zeigt sich wieder der Sexismus von Miro Wittwer: «Wir wollen nicht im Bikini so sexy, sexy», sondern in Kleidern soll getauft werden. Dass Männer sich mit nacktem Oberkörper und in engen Badehosen taufen lassen, stört dann aber offenbar weder Miro Wittwer noch sonst jemanden.

Die Taufe wird, so kündigt es Miro Wittwer an, einer seiner Mitarbeiter vornehmen, den er als «Ivan den Täufer» vorstellt.

Erst gegen 19.00 Uhr trifft Miro Wittwer mit der letzten Gruppe auf der Rentenwiese ein. Als er in seinen weissen Kleidern und mit wallendem Haar vom Bellevue her dem Seeufer entlangläuft, wirkt er wie Jesus. Einen Moment erwarten wir, dass er den direkten Weg über den See nimmt. Dies bleibt aber selbstverständlich aus. Insgesamt sind es rund 100 Leute, die vom Kunsthaus zur Rentenwiese gefunden haben. 200 Personen aus dem Publikum sind offenkundig nach Hause gegangen.

Nun ist es soweit: «Ivan der Täufer» tritt in den See, verscheucht ein Schwanenpaar, und die Taufwilligen schreiten allein oder zu zweit in den See zur Taufe. Ivan macht eine kürzere oder längere Taufansprache und taucht die Täuflinge dann unter. In nassen Kleidern begeben sie sich unter dem Applaus der Anwesenden wieder ans Ufer. Von den 42 Bekehrten lassen sich nach unserer Zählung 29 taufen. Miro Wittwer ist zwar anwesend, schenkt der Taufe aber keine Beachtung. Stattdessen quatscht er die Vorbeigehenden an und betet mit denjenigen, die das zulassen.

Auf das anschliessende Abendmahl, das ebenfalls nicht von Miro Wittwer, sondern von einem Mitarbeiter durchgeführt werden wird, verzichten wir. Wir feiern sonst mit allen christlichen Kirchen, die uns an ihrem Abendmahl teilnehmen lassen. Die Bewegung um Miro Wittwer scheint uns zu problematisch, um mit gutem Gewissen bei ihrem Abendmahl mitmachen zu können.

Fundamentalistische Radikalisierung wohin?

Auf der Heimfahrt lassen wir die Eindrücke Revue passieren. Wir haben schon zahlreiche vermeintliche Propheten kennengelernt, und auch Menschen, die sich selbst als Reinkarnation von Jesus Christus gesehen haben. Aber eine Person, die in Bild und Handlung so offensichtlich mit einer Identifikation mit Jesus Christus spielt wie Miro Wittwer, ist uns noch nicht begegnet.

Besonders problematisch ist Miro Wittwers Fundamentalismus, der die Menschen ganz bewusst radikalisieren will. «Je radikaler wir sind, desto mehr sind wir mit Gott». Wohin eine solche Haltung führen kann, hat die Geschichte der Religionen immer wieder auf schmerzlichste Art und Weise gezeigt.

Georg Schmid, 27. August 2025

Lexikoneintrag Miro Wittwer

Atemübungen, Geschrei und HUH-Rufe – Dynamische Meditation nach OSHO

OSHO – Spiritueller Wegbereiter und Problematischer Sektenführer

Meine Mutter und ich steigen aus dem Tram, wir sind etwas früh dran. Der nächtliche Regen hat die Temperatur abgekühlt. Wir spazieren durch das schöne Hottinger Quartier in Zürich, die Strassen sind leer. Um 9:30 Uhr betreten wir ein dunkles Holzhaus mit der Beschriftung «Yoga Circle». Wir sind für eine «Dynamische Meditation» nach OSHO angemeldet. OSHO, der sich früher «Bhagwan» oder «Rajneesh» nannte, ist ein weltbekannter und sehr umstrittener Guru, der vor allem in den 70er und 80er Jahren grosse Anhänger*innenschaft angezogen hat. Über OSHO wird sehr zweischneidig berichtet: Für viele Menschen war und ist er, auch noch nach seinem Tod, ein charismatisches und spirituelles Vorbild. Seine vielen Bücher werden bis heute gut verkauft und weltweit gibt es noch immer OSHO-Zentren. 

Tatsache ist aber auch, dass er der Führer einer hochproblematischen, internationalen Sekte war. Die Anhänger*innen der «Bhagwan-Bewegung» bezeichneten sich als «Sannyasins» und waren bekannt für ihre rote Kleidung. Um die «Bhagwan-Bewegung» drehten sich unzählige Skandale: von Scheinehen über Wahlmanipulation bis zu Mordkomplotten. Zudem wurde in den Bhagwan-Kommunen die Idee der «Freien Liebe» zu Kindermissbrauch und OSHOs panische Angst vor AIDS wurde zu Homophobie. 

Trotzdem gibt es noch heute ein vielfältiges OSHO-Angebot, dazu gehört auch die «Dynamische Meditation», an der wir heute teilnehmen. 

Ein Pfeil führt uns in den ausgebauten Dachstock des Hauses. In einem grossen, gemütlich eingerichteten Yoga-Raum werden wir vom Kursleiter Sumiran empfangen. Wir sollen uns auf eine Matte vor ihm setzen und er erklärt uns die bevorstehende Meditation. 

Fünf Phasen für Moderne Menschen

Der Kursleiter erklärt uns: Der moderne Mensch sei ein neues Phänomen und unsere Umgebung sei nicht mehr natürlich. Die Gesellschaft und die Lebensbedingungen seien durch die Technik stark verändert worden. Früher habe das Herz das Zentrum des Menschen gebildet, heute sei es das wertende Gehirn. Die traditionellen Meditationsmethoden, seien für den modernen Menschen nicht mehr hilfreich und deshalb habe OSHO eine neue, moderne Form von Meditation entwickelt. Diese neuen Methoden seien eher chaotisch und aktiv, da so das Gehirn überlistet und verstummt werden könne. Die «Dynamische Meditation» sei das Paradebeispiel einer aktiven Meditation und die «heftigste» aller OSHO-Meditationen.

Die «Dynamische Meditation» habe fünf Phasen und dauere eine Stunde. In der ersten zehnminütigen Phase werde möglichst unregelmässig durch die Nase ein- und ausgeatmet. Dadurch solle die Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem aufgebrochen werden und unbewusste oder unterdrückte Emotionen sollten zum Vorschein kommen. Die zweite Phase werde «Katharsis», also Reinigung genannt. Hier sei das Ziel, alle aufkommenden Gefühle rauszulassen, dies könne durch Schreien, Springen, Schütteln, Weinen, Lachen, Tanzen und Toben geschehen. Wichtig sei es jedoch, während der Meditation keine Gewalt gegen sich selbst oder andere Teilnehmenden auszuüben. Ziel dieser Phase sei es, Emotionen gewähren zu lassen, ohne diese an anderen Menschen auszulassen oder sie in sich hineinzufressen. Weiter gehe es mit der zehnminütigen Phase drei: Mit erhobenen Armen solle mit beiden Füssen gleichzeitig in die Luft gesprungen werden. Dazu werde das Mantra «HUH HUH HUH» tief aus dem Bauch herausgerufen. Dadurch bündle sich die freigesetzte chaotische Energie im Körper. Am Anfang der vierten Phase solle der Körper in der bestehenden Position eingefroren werden. Fünfzehn Minuten lang solle der Körper mit erhobenen Armen erstarren. Dabei werde sich das Gehirn einschalten und Erschöpfung melden, doch diese rationale Stimme müsse ignoriert werden. Denn es sei machbar, die Hände oben zu behalten, auch wenn das Gehirn sich weigern möchte. Als Letztes komme die fünfte Phase mit leichter Tanzmusik, dabei solle gefeiert werden, dass man die Meditation geschafft habe. Der Körper solle intuitiv mit der Musik bewegt werden und die gewonnene Energie gespeichert werden. 

Weil es meine erste Erfahrung einer «Dynamischen Meditation» ist, erwähnt Sumiran noch einmal, dass dies ein steiler und intensiver Einstieg in die OSHO-Meditation sei. Er betont, dass es nicht schlimm sei, wenn ich eine der Phasen nicht perfekt ausführe. Falls etwas wäre während der Meditation, solle ich mich einfach bei ihm melden. Zudem zeigt Sumiran auf eine kleine Ganesh-Statue, unter welche wir die 20 Franken Teilnahmegebühren klemmen sollen. 

Mittlerweile haben sich vier ältere Männer im Saal eingefunden. Vom Alter her könnten sie ehemalige «Sannyasins» gewesen sein. Sie scheinen sich untereinander zu kennen und nicken uns freundlich zu. Ich bin überrascht, dass neben meiner Mutter und mir nur Männer anwesend sind. 

Aggressionsbewältigung

Von den grossen Deckenventilatoren und den offenen Fenstern dringt ein angenehmer Lufthauch durch den Raum. Sieben Yogamatten mit dazugehörigen Decken und Kissen liegen im Kreis, für alle ein eigenes Plätzchen. Die Decken und Kissen seien für die zweite Phase. Falls Wut aufkomme, dürfe man auf die weichen Unterlagen einschlagen. 

Musik erklingt, alle schliessen die Augen und fangen mit der unregelmässigen Atmung an. Die erste Phase gelingt mir ziemlich gut, und geht schnell vorbei. Die zweite Phase wird spektakulärer: Die fünf Männer geben Vollgas, vor allem mit ihren Stimmorganen. Mein erster Gedanke gilt den Ohren aller Nachbar*innen, zum Glück hat Sumiran die Fenster geschlossen. Das Geschrei und Gebrüll ist unglaublich laut. Es ist eine recht befremdliche Situation; irgendwie bin ich amüsiert, aber auch eingeschüchtert. Es fühlt sich an, als wäre ich in einer Aggressionsbewältigungsgruppe für Männer. Natürlich lassen die Männer ihre Emotionen nicht an mir aus, trotzdem erscheint mir ein Raum voller fremder, emotionaler, schreiender Männer nicht gerade als «Safe-Space». Das eigene Hervorholen der Emotionen fällt mir durch so viel Ablenkung schwer.

Nach zehn Minuten voller Chaos ist die HUH-Phase dran. Das HUH-rufende Hüpfen mit erhobenen Händen ist anstrengend; nach einigen Minuten läuft mir der Schweiss überall runter. Die zehn Minuten fühlen sich wie zwanzig an. Als die Musik verklingt, verharren wir in der unbequemen Pose. Fünfzehn Minuten sollen die Hände oben bleiben. Als ich die Augen leicht öffne, sehe ich, dass nicht nur ich die Arme etwas schlaff nach oben halte. Völlig verständlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Anwesenden über 60 Jahre alt zu sein scheinen. Nach ewigem «Händehoch», muss ich mich kurz setzen. Mein niedriger Blutdruck macht sich bemerkbar und mir wird etwas schummrig. Doch das Sitzen hilft und schon wird die letzte Phase eingeleitet. Leichte Musik ertönt und wir bewegen uns individuell zu den Klängen. Dieser Teil der Meditation ist für mich angenehm und lockernd, trotzdem erscheint er mir sehr lang. Nach fünfzehn Minuten legen wir uns alle hin und entspannen uns kurz. Damit ist die Meditation abgeschlossen. Die Männer bleiben noch etwas sitzen und Sumiran lädt uns zum gemeinsamen Kaffeetrinken ein. Wir lehnen dankend ab und verabschieden uns. 

Fazit mit Pommes

Wir entscheiden uns gegen das Tram und spazieren zu Fuss Richtung Niederdorf. Grundsätzlich fühlen wir uns nicht schlecht, wir haben eine Stunde Fitness hinter uns. Zudem waren die Anwesenden sehr höflich. Trotzdem war die Erfahrung recht seltsam. Ich denke, dass einem das «Austoben» der zweiten Phase unter fremden Menschen zwar leichter fallen kann, doch die Fremdheit bringt auch eine gewisse Unberechenbarkeit mit sich. Woher soll ich mir sicher sein, dass eine fremde Person mit extremen Emotionen umgehen kann?

Die Männer schienen sich untereinander zu kennen, doch über uns war ihnen nichts bekannt. Natürlich haben wir uns über die «Dynamischen Meditation» informiert und wussten ungefähr, was auf uns zukommt. Trotzdem kann Sumiran im Voraus nicht wissen, wie wir auf solch emotionale Situationen reagieren. Es hätte durchaus sein können, dass lautes Männergeschrei einen Trigger bei uns auslöst oder, dass unser Körper negativ auf die intensive Betätigung reagiert. Eine Nachfrage der Kursleitung zur psychischen und körperlichen Verfassung der Teilnehmenden vor sowie nach der Meditation wäre meiner Meinung nach essenziell, um einen sicheren Rahmen zu schaffen.

Apropos körperlicher Zustand: Nach diesem anstrengenden Workout haben wir langsam, aber sicher Hunger. Mit einem leichten Ziehen in den Unterschenkeln und einem grossen Loch im Bauch spazieren wir zu einem gemütlichen Restaurant und essen eine grosse Portion Pommes.

Lou Büchler, 19. August 2025

Lexikonartikel Osho Rajneesh-Bewegung

Eine Gemeinde- und Schulleiterin zwischen Teufel und Dämonen

Kritische Beobachtungen zum Buch von Yvonne Gaam: «Die Grundlagen des Evangeliums. Von Mose bis Offenbarung. Ein Ratgeber für ein siegreiches Leben», Books on Demand 2024

Yvonne Gaam – Ex-Junkie, Therapeutin, Gemeindeleiterin, Schulleiterin

Im vergangenen Jahr 2024 hat Yvonne Gaam unter dem Titel «Die Grundlagen des Evangeliums» eine Einführung ins Christentum vorgelegt, welche die wesentlichen Lehren der Bibel «Von Mose bis Offenbarung» abbilden und damit «Ein Ratgeber für ein siegreiches Leben» darstellen soll.

Nach eigenen Angaben war Yvonne Gaam in ihrer Jugend heroin- und kokainabhängig. Im Jahr 2003 hat sie sich bekehrt, war aber über Jahre ohne Anschluss an eine Gemeinde. In dieser Zeit machte sie therapeutische Ausbildungen, seit 2013 ist sie als Paar- und Familienberaterin aktiv. Im selben Zeitraum schloss sie sich der Freikirche Hillsong Konstanz an. Seit 2015 ist Gaam auch als Seelsorgerin tätig. Im Jahr 2021 gründete Gaam das «Christ in Us Ministry» als Teil von Hillsong Konstanz. 2024 wurde dieses Ministry zu einer eigenen Gemeinde umgeformt und tritt nun als «Christ in us Church» mit Sitz in Berg TG auf. Seit Sommer 2025 führt Yvonne Gaam zusammen mit ihrem Ehemann die Christliche Schule Berg.

Ein Werk mit Anspruch

Yvonne Gaam sieht sich zu ihrem Buch von Gott beauftragt und geleitet: «Ich muss gestehen, dieses Buch zu schreiben hat mich sehr herausgefordert. Nicht nur, weil ich immer wieder neue Offenbarungen bekam und schon Geschriebenes wieder anpassen musste. Es war auch herausfordernd, jedes Thema nur oberflächlich behandeln zu können. Ich bin jemand, der sehr gerne sehr tief geht. Doch Gott hat mich immer wieder daran (3) erinnert, dass es ein Buch über die Grundlagen des Evangeliums werden soll.» (s. 2f.) Dabei handelt es sich keinesfalls um ein Werk, das vor allem für Yvonne Gaams Gemeindeglieder bestimmt wäre und damit halb-internen Charakter hätte. Vielmehr richtet es sich an alle interessierten Menschen, wie der Klappentext festhält: «Es ist ein Buch für alle Menschen, welche die Bibel verstehen, Gott, Jesus und den Heiligen Geist kennenlernen und dadurch Veränderung erleben wollen.»

Problematik einer Autodidaktin: eigenartige Theorien zur hebräischen Sprache

Ein erstaunliches Faktum im Zusammenhang mit Yvonne Gaams Werk ist die Tatsache, dass hier eine Person eine Einleitung ins Christentum vorlegt, die offenbar keine spezifische Ausbildung gemacht hat, welche sie zu ihrem Unterfangen qualifizieren würde. Yvonne Gaam ist Autodidaktin, sie hat sich ihr Wissen angelesen und ergänzt es durch eigene Offenbarungen und Spekulationen.

Bücher aus solchen Quellen sind in Gefahr, unzutreffende Behauptungen aufzustellen, die durch Fachkenntnis ohne weiteres vermieden werden können. Auch im Werk von Yvonne Gaam finden sich zahlreiche solcher Unzulänglichkeiten, etwa gleich zu Beginn ihres Buches bei ihren Ausführungen zur hebräischen Sprache auf Seite 9.

Yvonne Gaam schreibt hier: «Vor allem die hebräische Sprache ist mit anderen Sprachen nicht zu vergleichen. Ich kann sie leider nicht sprechen, aber ich durfte aus Büchern einiges über diese wundervolle Sprache erfahren. Hinter jedem hebräischen Wort verbirgt sich ein Bild, sogar das Alphabet besteht ursprünglich aus Bildern. Die ersten beiden Buchstaben des hebräischen Alphabets ergeben zum Beispiel das Wort ‹Vater›. Die ganze Sprache ist auf Gott fokussiert und es gibt darin weder Flüche noch Schimpfworte.»

In diesem Abschnitt kumulieren sich die Fehler und Unzulänglichkeiten:

Als semitische Sprache ist das Hebräische mit den anderen semitischen Sprachen, z.B. dem Arabischen, recht eng verwandt und lässt sich mit diesen sehr gut vergleichen. Wer Hebräisch kann, hat fürs Erlernen des Arabischen grosse Vorteile und umgekehrt.

Dass das hebräische Alphabet über das phönizische Alphabet auf Bildzeichen zurückgeht, ist nichts Besonderes. Alle historischen Schriftsysteme gehen auf Bildzeichen zurück.

Säkulare hebräische Texte, sowohl antike als auch moderne, sind keinesfalls in besonderer Weise auf Gott fokussiert. Im Alten Testament rührt dieser Fokus auf Gott nicht von der Sprache her, sondern vom Inhalt.

Dass Gott als Vater erfahren werden kann, ist ein spezifisches Anliegen des (griechischen) Neuen Testaments, nicht des hebräischen Alten Testaments. Dort sind Väter zwar ebenfalls sehr wichtig, aber vor allem in ihrer Funktion als Stammväter und Familienväter.

Geradezu grotesk falsch ist Yvonne Gaams Behauptung, dass es in der hebräischen Sprache keine Flüche oder Schimpfworte gebe. Hier stellt sich die Frage, ob Yvonne Gaam die Bibel wirklich so gut kennt, wie sie das behauptet. Flüche finden sich im Alten Testament ja reichlich, und auch Schimpfworte sind durchaus nicht selten, so werden in 1. Sam 25,22 die Feinde Davids als «Wandpisser» bezeichnet, in Spr 30,12 werden Menschen als «Kotbeschmutzte» tituliert, und in 2. Kön 27 werden die Menschen in Jerusalem vom Gesandten des assyrischen Grosskönigs explizit auf Hebräisch als «Kotesser» und «Urintrinker» beleidigt. Jede Sprache dieser Welt, historisch wie modern, kennt unterschiedliche Sprachschichten von sakral bis vulgär, und das Hebräische macht da keine Ausnahme.

Halsbrecherische Exegese

Gelegentlich finden sich Buch von Yvonne Gaam problematische Deutungen von Bibelstellen, die mehr auf Spekulationen der Autorin als auf seriöser Arbeit mit dem Text der Bibel beruhen. Ein Beispiel steht bei Yvonne Gaams Ausführungen zu den Geistesgaben nach 1. Kor 12, und dort bei ihrer Erklärung zum «Wort der Erkenntnis» aus 1. Kor 12,8 auf s. 131 in ihrem Buch: «Die Bibel benutzt das Wort Erkennen an vielen Stellen als Begriff für miteinander schlafen, also sehr intim sein (z.B. 1. Mose 4,1). Das Wort der Erkenntnis dient dazu, die Menschen in die Intimität mit Jesus zu führen, dass sie ihn wirklich erkennen».

Tatsächlich wird im Alten Testament das Verb jadac = «erkennen» öfter im Sinne von «Geschlechtsverkehr haben» eingesetzt, und im Anschluss daran wird im Neuen Testament auch das griechische Verb ginoskein = «erkennen» zweimal in diesem Sinn verwendet. Davon spricht Paulus in 1. Kor 12,8 aber nicht. Er spricht nicht vom Wort des Erkennens (logos tou ginoskein), sondern vom Wort der Erkenntnis, logos gnoseos, d.h. vom «Wort der Gnosis». Der Begriff Gnosis steht für Erkenntnis, kann auch Geheimwissen oder spirituelle Schau bedeuten, aber niemals Geschlechtsverkehr. Die Fantasien von Yvonne Gaam über «Intimität mit Jesus» sind hier ganz deplatziert und beruhen auf unseriöser Exegese.

Ein Buch voller Teufel

Kritische Anfragende machten Relinfo darauf aufmerksam, dass Yvonne Gaam in ihrer Verkündigung, etwa in YouTube-Videos, recht häufig vom Teufel spricht. Andere freikirchliche Leitungspersonen verzichten bewusst darauf, den Satan öfter zu erwähnen, um sich nicht zu sehr aufs Negative zu fokussieren. In ihrem Buch schliesst sich Yvonne Gaam dieser Haltung an: «Auch ich möchte nicht viel über den Teufel sprechen, er hat es nicht verdient, so oft erwähnt zu werden» (Gaam s. 212).

Nach meiner kursorischen Zählung findet sich das Wort «Teufel» in Yvonne Gaams Buch insgesamt 95-mal, dazu noch 25-mal das Wort «Satan» und elfmal «Luzifer». Das ergibt, ohne dass Formulierungen wie «der Feind» berücksichtigt wurden, insgesamt 131 Erwähnungen des Höllenfürsten, bei insgesamt 221 Seiten des Buches kommt er durchschnittlich alle 1,68 Seiten vor. Für ein Thema, worüber Yvonne Gaam «nicht so viel sprechen» möchte, ist das doch überraschend häufig. Damit kommt der Teufel bei Yvonne Gaam pro Seite viel zahlreicher zur Sprache als in der Bibel selbst.

Wenn diskutiert wird, ob Yvonne Gaam den Teufel in einer ungesunden Häufigkeit an die Wand malt, dann ist ihr Buch jedenfalls nicht geeignet, diesem Eindruck zu wehren.

Offenbarungen aus dem Koran?

Zum Thema Teufel vertritt Yvonne Gaam typische aus dem Koran bekannte Lehren, von denen sie behauptet, dass es ihre eigenen Ideen seien. Die entsprechenden Passagen in Gaams Buch finden sich auf Seite 21 und lesen sich so:

«Satan und seine Engel werden erst dann aus dem Himmel geworfen, wenn die Entrückung (der Zeitpunkt, an dem die Gläubigen, die Braut Jesu, in den Himmel geholt werden) stattgefunden hat».

«Weshalb wurde Luzifer plötzlich stolz und wollte Gott gleich sein? Der Grund dafür ist nirgends in der Bibel zu lesen. Meine logische Erklärung dazu ist folgende: Luzifer wusste, dass Gott den Menschen erschaffen möchte und er hatte keine Lust, diese neue Schöpfung zu ehren.»

Beide Gedanken entsprechen der spezifisch koranischen Sichtweise vom Teufel, siehe Sure 7:

10. «(…) Alsdann sprachen wir (Gott) zu den Engeln: Werfet euch nieder vor Adam! Und nieder warfen sie sich ausser Iblis (dem Teufel), nicht gehörte er zu denen, die sich niederwarfen.»
11. «Er (Gott) sprach (zu Iblis): Was hinderte dich, dich niederzuwerfen, als ich es dich hiess? Er (Iblis) sprach: Ich bin besser als er (Adam). Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber erschufst du aus Ton.»
12. «Er (Gott) sprach: Hinab mit dir aus ihm (dem Himmel). Nicht ist dir erlaubt, hoffärtig in ihm zu sein. Drum hinaus mit dir, siehe, du bist einer der Gedemütigten.»
13. «Er (Iblis) sprach: Gib mir Frist bis zum Tag der Auferweckung.»
14. «Er (Gott) sprach: Siehe, dir ward Frist gegeben».
(Übersetzung von Max Henning, Reclam-Verlag)

Wie diese Parallelen einzuschätzen sind, bleibt offen. Kann es sein, dass Yvonne Gaam durch eigene Spekulationen und Offenbarungen gleich auf zwei der typischen Lehren des Korans zum Teufel kommt? Oder ist vielleicht wahrscheinlicher, dass Yvonne Gaam über die Frage des Wesens des Teufels – die sie offenkundig stark umtreibt – auch mit Musliminnen und Muslimen diskutiert hat, und dass sie das damals Gehörte nun als eigene Idee empfindet?

Kinder krank werden lassen o.k.?

Ein äusserst bedenklicher Gedankengang findet sich in Yvonne Gaams Buch auf s. 53f. Ausgangspunkt ist die Theodizee-Frage, d.h. die Frage, wie ein guter Gott das Übel auf der Welt zulassen kann. Yvonne Gaam antwortet u.a. mit dem folgenden Gleichnis: «Ein Vater geht mit seinem Kind im Regen spazieren. ‹Er sagt dem Kind: Bleibe ganz nah bei mir, dann wirst du nicht nass. Wenn du mir nicht gehorchst und von meinem schützenden Schirm weggehst, dann wirst du nass und weil es kalt ist, würdest du krank werden.› Weil er ein liebender Vater ist, möchte er das Kind nicht zwingen und nicht an sich binden. Er lässt (54) ihm den freien Willen und hofft, dass es sich für das Gute, für seinen Schutz entscheidet. Das Kind hat jedoch keine Lust zu gehorchen und rennt davon, wird nass und am Ende krank. Das Kind kannte die Konsequenz von dem Ungehorsam, weil sein liebender Vater es davor gewarnt hat, aber es hat sich trotzdem so entschieden und muss die Konsequenzen tragen.

Nun meine Frage an dich: Ist es ein ungerechter, liebloser und strafender Vater? Ist es seine Schuld, dass das Kind nass und krank wurde? Nein!»

Doch! Hier kann Yvonne Gaam nur in aller Form widersprochen werden. Der Vater trägt die Verantwortung für die Gesundheit seines Kindes und hat alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um es vor Erkrankung zu bewahren. Selbstverständlich hat er sein Kind in der dargestellten Situation zu zwingen, unter dem Schirm zu bleiben. Gelegenheiten für lehrreiche Konsequenzen des Ignorierens von Warnungen gibt es genügend andere, weniger gefährliche.

Dass es Yvonne Gaam offensichtlich o.k. findet, wenn Eltern ihre Kinder krank werden lassen, um ihnen Gehorsam beizubringen, ist äusserst bedenklich, insbesondere angesichts der Tatsache, dass sie jetzt auch als Schulleiterin auftritt.

Andere Religionen – alles Teufelszeug?

Yvonne Gaam äussert sich in ihrem Buch nicht ausführlich zu anderen Religionen. Wo sie trotzdem auf dieses Thema zu sprechen kommt, ist Bedekliches zu lesen, so auf Seite 77.

Möglicherweise aus klassischen Mythen kennt Yvonne Gaam die Situation, dass Götter Menschen bestrafen, wenn diese Opfer unterlassen, so Artemis den Agamemnon oder Poseidon den Odysseus.

Yvonne Gaam verallgemeinert diese Erzählungen und meint zum Thema Opfer: «Diese Handlung ist uns in der heutigen Zeit sehr fremd. Man kennt dieses Ritual nur noch aus anderen Religionen, wo Menschen den Göttern Opfer bringen müssen, damit sie nicht zornig werden. Dies hat aber nichts mit den Opfern der Bibel gemeinsam.»

In Tat und Wahrheit opfern Angehörige von Religionen, welche Opfer kennen, aus denselben Gründen, die Yvonne Gaam für die Opfer in alttestamentlicher Zeit aufzählt: Dank gegenüber der Gottheit, Gehorsam gegenüber der Gottheit, Wiedergutmachung von Sünden. Und auch im Alten Testament müssen Fehler bei Opfern durch neue Opfer behoben werden.

Yvonne Gaam konstruiert hier einen sachlich durch nichts gerechtfertigten Gegensatz, und folgert: «Wie so oft hat der Teufel auch hier etwas Heiliges kopiert, verdreht und die Menschen damit verwirrt und gefangen». Offenkundig hält Yvonne Gaam andere Religionen für satanisch inszeniert und ihre Anhänger für vom Satan geblendet.

Wie will sie als Schulleiterin ihren Schülerinnen und Schülern Respekt vor anderen Religionen beibringen, wenn sie diese für Veranstaltungen des Teufels hält?

Kritik als Lästern gegen den Heiligen Geist

Leitende von umstrittenen Gemeinschaften verwahren sich typischerweise gegen Kritik. Ihre Auslegungen und Offenbarungen sollen geglaubt, aber keinesfalls kritisch hinterfragt werden. Bedenklicherweise finden sich auch bei Yvonne Gaam solche Argumentationen. Sie operiert mit dem Heiligen Geist: «Wenn du andere Gläubige beurteilst oder sogar verurteilst, weil sie Dinge tun und sagen, die dir unbekannt oder komisch vorkommen oder nicht in dein Bibelverständnis passen, so lästerst du den Heiligen Geist.» (s. 144).

Überhaupt sollen, so führt Yvonne Gaam aus, Pastoren, Prediger, Apostel und Propheten nicht kritisiert werden. Zwar muss sie einräumen, dass im Neuen Testament öfter von falschen Propheten, Irrlehrern und falschen Christussen gewarnt wird, aber statt sich dazu Gedanken zu machen, ginge es vielmehr darum, «den richtigen Christus zu suchen und kennenzulernen». (S. 145).

Wer trotzdem Leitende kritisiert, für den gilt: «Tue Busse darüber, nimm die Vergebung an und bitte den Heiligen Geist, dass er die Kontrolle über deine Zunge und deine Gedanken übernehmen soll.»

Damit richtet es sich Yvonne Gaam sehr bequem ein. Ein kritischer Diskurs innerhalb ihrer Gemeinde zu ihren Lehren und Theorien wird unmöglich. Wem auch nur kritische Gedanken kommen, weiss, dass er diese sofort stoppen muss, weil er andernfalls den Heiligen Geist lästert.

Wie es auf einer solchen theologischen Basis möglich sein soll, Kinder zu selbstbestimmten und reflektierten Menschen zu bilden, ist völlig schleierhaft. Mit solchen Argumentationen werden gedankenlose Mitlaufende trainiert, nicht selbständige Persönlichkeiten.

Rückzug von Freundschaften mit Aussenstehenden

Yvonne Gaam warnt in recht schriller Form vor der umgebenden Gesellschaft, deren Menschen und kulturellen Ausdrucksformen.

So schreibt sie zu Freundschaften mit Aussenstehenden: «Wenn du Menschen in deinem Umfeld hast, welche dich eher vom neuen Weg abbringen und dich nicht dabei anfeuern oder unterstützen, dann scheue dich nicht, diese Freundschaften oder Bündnisse (geschäftliche Zusammenarbeit) zu beenden.» (s. 197)

Hier zeigt sich wieder exemplarisch die Radikalität von Yvonne Gaam: Ein Rückzug von Menschen, die den eigenen Glaubensweg kritisieren, wird auch anderswo empfohlen. Yvonne Gaam geht aber noch einen wesentlichen Schritt weiter: Es reicht nicht, wenn sich aussenstehende Freunde der Kritik enthalten, sie müssen die Gemeindeglieder auch noch in ihrem Glauben «anfeuern oder unterstützen», damit die Freundschaft weiter bestehen kann. Menschen, die dem Glauben der Gemeinde neutral gegenüberstehen, weil sie z.B. eine andere Religion oder Weltanschauung vertreten, werden dies nicht tun. Deshalb fallen auch sie als Freunde weg. Es bleiben die Mitglieder der Gemeinde selbst und – vielleicht – Angehörige ähnlicher Gemeinden. Aber auch letztere könnten an die Wirksamkeit von Yvonne Gaam kritische Anfragen haben, was die Freundschaft dann wohl beenden würde.

Drohungen mit Dämonen

Noch radikaler lesen sich Yvonne Gaams Ausführungen zu der umgebenden Kultur. Diese scheint in der Darstellung von Yvonne Gaam durchsetzt von Dämonen, welche die Gläubigen anspringen, wenn sich diese nicht genügend distanzieren.

So meint Yvonne Gaam zum Thema Musik auf s. 197f.: «Wenn du Musik von depressiven Menschen hörst, so wird der Geist der Depression (198) früher oder später auf dich kommen. Dasselbe gilt für Musik von Menschen, die den Teufel anbeten, Drogen konsumieren, in Unzucht leben usw. Wenn du dir solche Musik anhörst, dann werden dich alle diese Geister (Dämonen) beeinflussen».

Was bleibt da noch? Weltliche Musik fällt weg, aber auch mit christlicher Musik gibt es keine Sicherheit, auch nicht mit derjenigen von Hillsong, denn niemand kann ausschliessen, dass eine christliche Sängerin privat an Depressionen leidet oder dass ein Sänger von Hillsong eine heimliche aussereheliche Beziehung führt. Überall könnten die Dämonen lauern.

Auch bei Filmen und Spielen besteht aus Sicht von Yvonne Gaam die Gefahr böser Geister: «Wenn du dich Gewaltszenen aussetzt, sei dies durch Filme oder Videospiele, dann wird der Geist von Hass, Tod, Gewalt und Zerstörung in dein Leben kommen» (s. 200).

Nach dieser Logik würde jeder Bibel-Film dazu führen, dass sich die Zuschauenden Dämonen zuziehen. Was wäre die Alternative: Jesus-Filme ohne Passion und Kreuzigung? Noah ohne Sintflut? David ohne Goliath? Mose ohne Plagen und ohne Untergang der Ägypter im Meer? Da wird Yvonne Gaams Argumentation wirklich absurd.

Radikale Botschaft

Im Anschluss an ihre Tipps zum Umgang mit der umgebenden Kultur meint Yvonne Gaam: «Umkehren vom alten Leben bedeutet auch, all diese Bereiche zu prüfen und Schritt für Schritt hinter dir zu lassen, was nötig ist: also was nicht dazu dient, den Geist zu stärken und Gottes Gesinnung zu bekommen. Dies mag in deinen Ohren radikal klingen.» (s. 202)

Radikalität wird von Yvonne Gaam aber offensichtlich positiv gewertet: «In der Bibel finden wir verschiedene Erzählungen von Menschen und Völkern, die radikal umgekehrt sind» (ebd.).

Insgesamt ergibt sich das Bild eines Glaubens, der sich ganz bewusst am radikalen Rand der Freikirchenszene positioniert, und aufgrund fragwürdiger Spekulationen und Offenbarungen in Gefahr ist, diese Grenze zu überschreiten und zu einer Neuoffenbarungsbewegung zu werden. Die massive Warnung vor Kritik, die scharfe Abgrenzung gegen aussen, die Verteufelung anderer Religionen und die Dämonisierung der umgebenden Kultur wirken hochproblematisch. Wie sich ein solches Weltbild mit dem Führen einer Schule verträgt, bleibt weit offen.

Georg Schmid, 18. August 2025

Lexikoneintrag Christ in us Church

Christ In Us: Zwischen kriegerischer Wortwahl und herzlicher Fürsorge

Kurz nach 9 parkierten wir auf einem Parkplatz der Gemeinde «Christ In Us» an der Andhauserstrasse 52 in Berg in Thurgau. Diese Gemeinde bezeichnet sich als evangelische Freikirche, vertritt jedoch eine neocharismatische Theologie nach Art von Hillsong. Die Leitung liegt beim Ehepaar Matthias und Yvonne Gaam.

Die Adresse führte uns in ein kleines Industriequartier. Kaum hatten wir die Eingangstüre erreicht, wurden wir schon von einer sehr engagierten Begrüsserin in Empfang genommen. Wir nennen sie hier Lea. Ab dem Moment, in dem wir den Raum betraten, waren wir keine zehn Sekunden lang ohne ihre Gesellschaft. Zu Beginn schien uns das wie herzliche Fürsorge, doch schon bald fühlte es sich eher an wie eine Mischung aus Sicherheitsdienst und persönlichem Schatten.

Die Gemeinde trifft sich in ehemaligen Industrie- oder Fabrikräumen, die gemütlich eingerichtet wurden mit Sofas, kleinen Sitzecken, einem Billardtisch und einer Kaffee-Ecke, in der man Gipfeli, Snacks und Softdrinks für je einen Franken kaufen kann. Alle Warmgetränke sind gratis und werden von einem anderen Gemeindemitglied serviert. Wir bestellten je einen Kaffee und spürten da bereits eine erste Spannung zwischen Lea und der Dame an der Kaffeemaschine. An der Oberfläche wurde freundlich kommuniziert, allerdings vernahmen wir im Austausch zwischen den beiden einen genervten Unterton. Dieser Unterton begleitete uns durch den Besuch.

Fragen grundsätzlich nicht erwünscht
Während wir unseren Kaffee tranken, stellten wir der Lea Fragen zu der Gemeinde. Ursprünglich war die «Christ In Us» nämlich als Ministry Teil von Hillsong Konstanz, doch Gott habe ihnen gesagt, sie sollen eine eigene Gemeinde gründen. Auf die Frage, wem oder wie Gott diese Anweisung gegeben habe, kam nur die Antwort: Gott habe es ihnen einfach gesagt. Lea arbeitet ehrenamtlich bei der Gemeinde und war bereits Teil des Ministry. Je tiefer unsere Fragen gingen, desto schnippischer und defensiver wurden die Antworten. Viele Fragen wurden abgeblockt oder mit einem Unterton, der die Frage ins Lächerliche zog, beantwortet. Gerade bei einer klassischen Frage wie der Nachfrage, ob sie eine bestimmte Bibelversion verwendeten, erhielten wir die Antwort «ich weiss ja nicht, was für eine Bibel andere Gemeinden so brauchen». Fragen über LGBTQ+ Besuchende hingegen wurde ausgewichen. Auffällig war, dass kritische oder potenziell kontroverse Themen entweder umgangen oder in einem leicht abwertenden Ton kommentiert wurden. Solches Ausweichen kann in psychologischer Hinsicht als Schutzmechanismus interpretiert werden, um Spannungen zwischen eigenen Überzeugungen und externen Erwartungen zu vermeiden. Diese Gesprächsdynamik würde uns aber im Verlauf des Morgens noch mehrfach begegnen.

Die Gemeinde selbst ist eher klein: Laut Lea kommen normalerweise 20–30 Personen pro Gottesdienst, an diesem Sonntag war die Besucheranzahl inklusive uns 14. Dafür schienen sich alle zu kennen. Es wurde gelacht, geredet, Kinder flitzten quer durch den Eingangsbereich. Eine familiäre Atmosphäre also. Neubesuchende fallen auf. Mit diesen Eindrücken betraten wir den Gottesdienstraum

Füsse raus und Hände hoch
Um 10:30 begaben wir uns in den Gottesdienstraum. Dieser war schlicht gestaltet, wirkte aber sehr harmonisch mit den weissen und lilafarbenen Vorhängen an der Wand und den zwei grossen dunkelpinken Teppichen im Zentrum des Raumes. Ein grosses Holzkreuz war an einem der verbliebenen Industrie-Deckenapparate befestigt, um ein Umkippen zu verhindern. Die Bühne war klein und mit einem lilafarbenen Teppich ausgelegt. Vor Beginn zogen Yvonne und die Pianistin ihre Schuhe aus, um barfuss auf der Bühne zu sein. Das bewusste Barfusssein von Yvonne kann als symbolische Handlung gelesen werden, die Nähe, Spiritualität und Demut vermittelt und zugleich auch eine stille Hierarchiemarkierung in Bezug auf Gott darstellt.

Yvonne startete direkt ins Gebet – zumindest kam es uns so vor, denn wir merkten erst beim zweiten Satz, dass sie gerade vor der Gemeinde betete. Die Formulierung «Ich gebe den Gottesdienst in deine Hände, Gott» erinnerte uns stark an fundamentalistische Gemeinden, die diese Floskel oft in einem einleitenden Gebet verwenden.

Gleich nach dem Gebet folgte das Singen der Lieder, begleitet vom E-Piano. Die Liedtexte selbst wurden auf einer Leinwand in der Mitte der Bühne angezeigt, während die Pianistin und Yvonne auf der Bühne standen. Eine Kamera war aufgestellt und nahm die beiden vermutlich auf.

Als wir Yvonne zum ersten Mal auf der Bühne sahen, stand dort eine dunkelhaarige Frau in einem langen, hellbraunen Kleid. Ihre Haltung wirkte selbstsicher, und sie sprach mit einer ruhigen und sanften Stimme. Zuvor hatten wir uns über ihren Werdegang informiert: Als Teenager und junge Erwachsene lebte sie immer wieder auf der Strasse und konsumierte Heroin. Erst mit ihrer ersten Schwangerschaft gelang es ihr, von der Nadel loszukommen. Doch auch in den Jahren danach blieb ihr Leben von verschiedenen Abhängigkeiten geprägt, bis sie schliesslich zu Jesus fand. Heute ist sie Ehefrau, Mutter von vier Kindern und arbeitet neben ihrer Tätigkeit in der Gemeinschaft auch als Therapeutin, Seelsorgerin und Schuldirektorin.

Während des Singens zeigte sich eine deutliche emotionale Beteiligung eines Teils der Anwesenden: Etwa die Hälfte stand auf, hob die Hände, bewegte sich im Takt oder kniete nieder auf den Plätzen oder auf den Teppichen. Die andere Hälfte verhielt sich unauffällig. Dieser Kontrast im Ausdrucksverhalten prägte für uns die Atmosphäre – zwischen einer intensiven Form bei den einen und einer stillen Teilnahme bei den anderen. Im Nachhinein entdeckten wir, dass viele der besonders expressiven Teilnehmenden zum Gemeindeteam gehören. Solch sichtbare Hingabe kann einerseits authentischer Ausdruck von Spiritualität sein, andererseits auch als stilles Signal dienen, welche Ausdrucksformen in der Gemeinschaft erwünscht oder angesehen sind. Yvonne würde später auch explizit sagen, wenn man spüre (aufgrund des Heiligen Geistes), dass man auf die Knie gehen sollte, dann soll man auch tun – ansonsten bete man Gott nicht «in Wahrheit» an.

Wir sangen insgesamt vier Lieder. Die Lieder selbst kämen von überall, hatte uns Lea erklärt – mal sängen sie modernere Lieder, mal klassische Kirchenlieder. Bei einem Lied fiel uns die folgende Wortwahl auf: «to every soul held captive by depression, I speak Jesus». Während eine solche Zeile nicht die Einstellung einer Gemeinde widerspiegeln muss, so fällt sie doch auf. Wir fragen uns, wie die Gemeinde zu mentaler Gesundheit im Allgemeinen steht, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Yvonne auch als Therapeutin arbeitet. 

Nach den vier Liedern informierte Yvonne kurz über anstehende Termine. Sie erwähnte, dass am Vortag das Eröffnungsfest der christlichen Privatschule stattgefunden habe. Am 14. September werde das erste Jahresjubiläum von «Christ In Us» gefeiert, und am 25. September finde ein Gemeindeinfo-Abend statt, an dem transparent aufgezeigt werde, wie die Gemeinde strukturiert und organisiert ist. Bevor die Predigt dann begann, legte ein Mann – wie wir später feststellten, ihr Ehemann – ein Handy auf ein Stativ, mit entsprechender Ausstattung (ein Halter für das Handy), in der Mitte zwischen Publikum und Bühne, etwa auf Höhe der beiden Teppiche, und begann, die Predigt zu filmen.

Der Heilige Geist: eine absolute Notwendigkeit zur Hoffnung
Da das Mikrofon für die Predigt zunächst nicht richtig funktionierte, klopfte sie mehrfach sanft mit den Fingerspitzen darauf und rief leise: „Matthias?“. Sobald es eingeschaltet war, begann sie die Predigt mit den Worten:

«Manchmal scheint es, als würden wir denken, wir könnten ohne den Heiligen Geist Christen sein. Doch biblisch ist das nicht so. Wir brauchen den Heiligen Geist schon allein, um hoffen zu können. Worauf hoffen denn Menschen, die den Heiligen Geist nicht haben?»

Laut Yvonne hoffen Menschen, die den Heiligen Geist nicht haben (oder bei denen er «eingeschränkt wirkt») auf weltliche Dinge. Sie wünschten sich Dinge, die möglicherweise nicht Gottes Wille sind. Deshalb sei es richtig, zu beten, dass Gottes Wille geschehe und nicht, dass unsere persönlichen Wünsche erfüllt werden. Häufig zog sie Vergleiche zwischen der eigenen Gemeinde, der Welt und anderen Christen. Beim Erwähnen dieser «anderen Christen» hörten wir, wie ein Besucher hinter uns verächtlich schnaubte.

Ihre Aussagen untermauerte Yvonne mit der Projektion verschiedener Bibelstellen auf die Leinwand. Die Hälfte der Teilnehmenden hatten ihre eigene Bibel dabei.

Yvonne sprach darüber, dass wir nur aufgrund des Heiligen Geistes bedingungslos lieben könnten – wenn wir uns «einfach anstrengen», funktioniere es sowieso nur kurzfristig. Ausserdem handelte es sich immer wieder darüber, dass wir «die Kontrolle abgeben» sollten, an den Heiligen Geist, versteht sich. Hierbei handle es sich um einen Prozess, mit dem auch sie Tag für Tag beschäftigt sei.

Bei diesem Gottesdienst handelte es sich um «Teil 2» zum Heiligen Geist. Den Teil 1 letzte Woche hatten wir entsprechend verpasst. Sie bezog sich an einer Stelle explizit darauf, und sagte, wie letzte Woche gesagt, wenn jemand ohne Heiligen Geist den Namen Jesus brauche, dann «kommt [das] nicht gut». Was genau wie nicht gut kommt, lässt sie aus – das haben sie anscheinend ja schon letzte Woche besprochen, und wir fragen auch nicht.

Kriege müssen kommen!
Yvonne ging auf die aktuelle Weltlage ein: In Zeiten vieler Kriege würden wir unter anderem für Frieden beten. Jedoch sei es nicht immer Gottes Wille, für Frieden zu beten. Manchmal müssten Kriege geschehen. Umso wichtiger sei es, Frieden innerhalb der Gemeinde zu bewahren. Abgesehen davon, dass wir vom «Frieden innerhalb der Gemeinde» bisher nicht allzu viel gespürt hatten, zumindest zwischen der Dame an der Kaffeemaschine und Lea, fiel uns die Wortwahl auch als fast schon kriegsverherrlichend auf. Yvonne erklärte weiter, dass gemäss der Bibel «Kriege kommen müssen». Uns erinnerte das an ein Verständnis der «Endzeit», in welchem sich die Weltlage signifikant verschlechtert, ehe dann Jesus wieder kommt, ganz nach der Logik: Je schlimmer die Weltlage steht, desto näher ist Jesu Zweites Kommen und der Beginn der «Ewigkeit». Wenigstens waren die Kinder in ihrer separaten Kinderstunde, «die kleinen Löwen», auch wenn wir nicht wissen, was ihnen dort mitgeteilt wurde.

Der Heilige Geist sei daher notwendig, um den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, fuhr Yvonne fort; ohne ihn würden wir falsch beten. Für uns stellte sich an diesem Punkt die Frage: Entstehen Leid und Kriege, weil es Gottes Wille ist oder weil zu wenige Menschen den Heiligen Geist haben und deshalb Gottes Wille (der ja dann Frieden wäre) nicht geschieht? So einige Yvonnes Aussagen wirbelten in uns weitere Fragen auf.

Von Waffen und Geld, oder: Gaben des Heiligen Geistes
Geistlich gesehen sei jeder, der nicht an den Heiligen Geist glaube, «seelisch tot». Wenn man ohne den Heiligen Geist lebe, lebe man in Sünde. Der Heilige Geist gebe uns Gaben, denen wir treu bleiben sollten. Wenn jemand zum Beispiel die Gabe habe zu predigen, solle er dies auch tun. Sie habe bei sich selbst die Gabe des «Ermahnen» entdeckt, nachdem sich ihre Söhne darüber beschwert hatten, dass sie jeweils fremde Leute ermahnte. Sie zählte einige weitere Gaben auf.

Zwei Beispiele fielen uns dabei besonders auf: «Wenn deine Gabe ist, Waffenträger zu sein, solltest du dem treu sein». Sie bezog sich damit auf die Waffenträger, den wir im Alten Testament finden können. In diesem Kontext sorgte diese Formulierung bei uns für Stirnrunzeln, besonders, da sie bereits vorher kriegsverherrlichende Sprache verwendet hatte. Auch auf der Webseite finden wir solche Formulierungen, sie hätten Aufträge von Gott erhalten wie «rüstet mein Volk aus» und «trainiert mein Volk, dass sie sich als Soldaten in die Armee Gottes einberufen lassen». Es steht jeder Gemeinde offen, sich frei für jegliche Bibelverse zu entscheiden. Die kriegerische Ausdrucksweise hat uns befremdet, zumal die Formulierung „Gottes Armee“ gar nicht in der Bibel vorkommt. Wir fragten uns, ob diese selbstformulierten Aufträge die Einstellung der Gemeinschaft widerspiegeln – sowohl in Bezug auf das eigene Leben als auch auf den Umgang mit anderen.

Das zweite Beispiel war die Gabe des finanziellen Gebens, eine sehr hilfreiche Gabe, insbesondere für eine Gemeinschaft, die sich über Spenden und Zuweisungen finanziert. In ihrem Buch vertritt sie die Lehre, dass der Zehnte für «christliche Zwecke» verwendet werden sollte.

Wenn eine Therapeutin Therapie nicht empfiehlt
Der Heilige Geist teile jedem Menschen eine Gabe zu und kenne das Herz eines jeden besser als irgendein Mensch. «Da könnte auch ein Doktor in Psychologie nicht rankommen», meinte sie, sie übertrieb bewusst und erklärte, auch drei Doktortitel würden nicht reichen. Selbst nach 20 Jahren Verhaltenstherapie könnte ein einziger Trigger die ganze Arbeit zunichtemachen, verändern könne letztlich nur der Heilige Geist.

Dabei wurde viel Akzeptanz für die eigene Situation vermittelt, jedoch ohne die Aufforderung, sich bei Veränderungswunsch professionelle Hilfe zu suchen. Es wurde der Eindruck vermittelt, dass dies ohnehin nicht helfen würde. Diesen Punkt fanden wir besonders problematisch, da Verhaltenstherapie explizit erwähnt wurde. Es warf Fragen auf, wie hier der Stellenwert psychologischer Unterstützung im Vergleich zu geistlicher Hilfe eingeordnet wird. Bei der Recherche stiessen wir darauf, dass Yvonne in ihrer Praxis auch psychotherapeutische Unterstützung anbietet, darunter Verhaltenstherapie. Ob sie dabei wohl auch den Heiligen Geist um Hilfe bittet?

Durch den Heiligen Geist in die (richtige) Ewigkeit
Sie erklärte, in Freikirchen nicht unüblich, wir seien eine «neue Schöpfung», doch «wenn wir immer wieder ins Andere gehen, kommt er nicht wieder», und bezog sich damit auf den Heiligen Geist, der irgendwann aufhört zu kommen, wenn man zu oft «ins Andere» geht. Früher, im Verlauf des Gottesdiensts, hatte sie den Begriff «die Welt» gebraucht – ein Wort, mit welchem besonders fundamentalistische Gemeinden die «erretteten Christen» von «den anderen» unterscheiden, gern verbunden mit Abneigung gegenüber «der Welt». Dieser Heilige Geist diente zudem der Versiegelung. Sie erwähnte Offenbarung 7, 3 und Offenbarung 9, 4, in denen es darum geht, dass die «Knechte Gottes» versiegelt würden, und dass «nur die Menschen» gequält werden sollen, welche dieses Siegel nicht tragen würden. Dass der Heilige Geist für diese Versiegelung relevant ist, begründete sie mit Epheser 1, 13. Sie erklärte, dass wir «jetzt entscheiden» könnten, wo wir die Ewigkeit verbringen würden. Yvonne sprach nicht weiter über die Optionen – welche Möglichkeiten in der «Ewigkeit» zur Auswahl stehen, und wir gehen davon aus, dass die anderen Gemeindemitglieder zumindest eine ungefähre Vorstellung davon haben, was Yvonne damit meint. Schliesslich liegt ihr Buch, «Die Grundlagen des Evangeliums», in welchem sie die Hölle ausführlich behandelt, bei der Kaffeebar der Gemeinde auf.

Nur durch Radikalität zur Eintrittskarte
Weiter führte Yvonne das Gleichnis des Hochzeitfestes, welches wir im Matthäusevangelium 22, 2-13 finden – auch wenn sie die Stelle nicht explizit nannte – als Beispiel dafür an, was passiere, wenn jemand vor Gott komme, ohne den Heiligen Geist erhalten zu haben. Durch den Heiligen Geist erhielten wir alle den «Verlobungsring», doch wer ohne Verlobungsring an die Hochzeit käme, würde zu Recht herausgeworfen werden – denn «Gott ist gerecht», so begründet Yvonne. Wir hätten für diese Entscheidung auch «unser Leben lang Zeit». Wer den Heiligen Geist ignoriere, der betrüge diesen, ja, der Heilige Geist sei «weltlich gesprochen, unsere Eintrittskarte in den Himmel». Sie fragt noch ein wenig nach, ob wir Jesus hätten, und erklärt uns, dass wir danach im Lobpreis die einzelnen Bereiche unseres Lebens durchgehen sollten, um zu überprüfen, wo der Heilige Geist bereits wirke. Die Geschichte von Hananias und Saphira aus Apostelgeschichte 5 wird erwähnt, diese zeige «die Radikalität», welche von uns erwartet würde.

Nach etwas mehr als einer Stunde über den Heiligen Geist leitete Yvonne nahtlos zum Gebet über. Das heisst, dass sie direkt, ohne jegliche Überleitung, zu beten begann. Obwohl sie zu Beginn des Gottesdienstes betont hatte, dass man zu allen Themen in der Bibel unendlich lange sprechen könne, wirkte die Predigt inhaltlich eher repetitiv und kreiste um mehrere Beispiele zu denselben Themen. Der Gottesdienst endete erneut mit vier Gesangsliedern, bei denen sich die zuvor gezeigte Hingabe der Mitglieder deutlich wieder zeigte. Auch hier erstaunte mich wieder der Kontrast von klar positionierten Aussagen zu einem erneut sehr emotional geprägten Abschluss. Etwa die Hälfte kniete auf den Teppichen in der Raummitte, einige lagen sogar zwischen den Stühlen mit Gesicht und Oberkörper am Boden. Eine Teilnehmerin drehte sich um die eigene Achse zur Musik, bis die Stücke zu Ende waren.

Wir warteten noch auf ein offizielles Abschiedswort, doch stattdessen wurde eine Ballade eingespielt, während viele blieben, um weiter zu beten. Mit der Zeit lagen noch mehr Personen am Boden, bis nach und nach die Besuchenden den Raum verliessen und zurück in die Eingangshalle gingen.

Die Gabe des Ehefrau-Seins: Teil 1 (abgeblockt)
Wir begaben uns zurück in die Eingangshalle, wo es restlichen Kuchen von der Eröffnungsfeier der «Christlichen Privatschule» vom Vortag gab. Da betonte Lea stark, dass diese Schule nicht zu der «Christ In Us» gehöre, sondern ein eigenständiges Projekt von Yvonne sei. Interessanterweise wird jedoch die Schule auf der Webseite der Gemeinde vermerkt. Die Stimmung wechselte von intensiv zu locker. Um die letzten 1.5 Stunden Revue passieren zu lassen, sassen wir auf eines der Sofas in der Mitte, da kam auch schon Lea zu uns. Wir teilten unsere Eindrücke mit und tasteten uns wieder mit Fragen an sie heran. Ein Thema, das wir im Vorhinein recherchiert hatten und uns sehr interessierte, war das fünfteilige Kursangebot «(Ehe)Frauen Kurs». Unsere Frage an Lea, was man dort so lerne, wurde abgeblockt mit einem lachenden: «Tja, da musst du halt kommen und es dir selber ansehen». Für ein kostenpflichtiges Angebot schien das uns wenig überzeugend.

Wir merkten, dass unsere Fragerei Lea zunehmend skeptisch machte – obwohl sich diese inhaltlich kaum von den Fragen unterschied, die wir auch anderen Gemeinschaften stellen.  Irgendwann kamen keine informativen – oder brauchbaren – Antworten mehr, und so steuerten wir die Kaffee-Ecke an. Dort bedienten wir uns am Kuchen und kamen mit der Dame an der Kaffeemaschine ins Gespräch. Sie wollte genauer wissen, woher wir kamen und weshalb wir den weiten Weg ins Thurgau auf uns genommen hatten. Diese Frage haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach beantwortet. Neugierige Köpfe werden anscheinend nicht so gern gesehen, dachten wir uns.

Jeder ist willkommen, aber nicht jeder kann alles machen
Wir versuchten, mit Yvonne ins Gespräch zu kommen, doch sie war zunächst von einer anderen Besucherin in Anspruch genommen. Also positionierten wir uns allmählich näher in ihre Richtung, bis die Besucherin schliesslich ging und wir Yvonne ansprechen konnten. Wir bedankten uns für den Gottesdienst und erklärten ihr, dass wir uns für verschiedene Gemeinden interessieren. Auf unsere Frage, ob auch queere Menschen willkommen seien, ging sie zunächst nicht konkret ein. Wir präzisierten, indem wir ein Beispiel nannten: Ein Freund von uns, der queer ist, wurde in seiner Gemeinde nach seinem Outing aus dem Chor geworfen.

Yvonnes Antwort lautete: «Jeder ist herzlich willkommen; willkommen zu heissen ist eine Herzenshaltung, die jede Gemeinde vertreten sollte. Allerdings gibt der Heilige Geist jedem seine Gabe, der man treu bleiben muss und nicht jeder kann alles machen. Man solle sich auf seine zugeteilten Gaben konzentrieren.» Sie hielt ihre Antwort sehr offen und gab uns sehr viel Raum zur Interpretation. Erfahrungsgemäss würden Gemeinden, die queeren Personen gegenüber offen sind, dies auch klar kommuniziert, während fundamentalistische Gemeinschaften oft auf die Bibel verweisen oder kritischen Fragen ausweichen. Da sie letzteren Weg wählte, fällt es uns schwer, davon auszugehen, dass sie entsprechend offen wären, hätten sie einmal ein gleichgeschlechtliches Paar zu Besuch. Auch ihre Betonung auf die «Gabe» im Kontext dieses Beispiels war nicht klar. Würde sie sagen, dieser Freund hätte die Gabe gehabt, dann müsste man ihn bleiben lassen, weil es die Gabe des Heiligen Geistes wäre, oder würde sie eher sagen, «du lebst nicht im Einklang mit dem Heiligen Geist, deswegen kann dir diese Gabe nicht zuteil sein»? Es wurde aber schnell klar, dass wir hier nichts mehr von ihr erfahren würden, und so fuhren wir weiter im Gespräch.

Yvonne erwähnte im Gespräch, dass ihre jetzige Tätigkeit gar nicht ihr eigener Plan gewesen sei, sondern dass Gott ihr diesen Auftrag gegeben habe. Wäre es nach ihr gegangen, würde sie lieber selbstversorgend und weit entfernt von anderen Menschen leben. Diese betonte Demut wirkte jedoch etwas gespielt angesichts der mehrfach installierten Kameras im Gottesdienstraum und des Mikrofons auf der Bühne, über das sie während der Lieder recht performativ sang, während die Gemeinde lediglich nachsang.

Die Gabe des Ehefrau-Seins: Teil 2
Natürlich nutzten wir die Gelegenheit, die Kursleiterin Yvonne persönlich zu ihrem Ehefrauenkurs zu befragen. Sie berichtete, dass sie in ihrer Erfahrung als Paar- und Familientherapeutin folgendes festgestellt habe: Frauen heirateten oft, um jemanden zu haben, der Dinge für sie erledigt und eine Art «Schuldenliste» abzuarbeiten. Aus diesem Grund leite sie den Kurs, damit Frauen lernen, «Ehefrauen nach Gottes Herzen» zu werden.

Auf unsere Nachfrage, ob es auch einen Kurs für Männer gebe, in welchem sie diese bedingungslose Liebe erlernen könnten, verneinte sie mit der Begründung: Frauen seien egoistischer und nachtragender, Männer seien da lockerer.

Solche negativen Zuschreibungen können in einem Kurskontext nicht nur Erwartungshaltungen an Teilnehmerinnen formen, sondern auch internalisierte Geschlechterrollen verstärken.

Fazit
Der Besuch bei Christ In Us hinterlässt in uns gemischte Gefühle. Die Gemeinde wirkt nach aussen herzlich und familiär, bewegt sich auf der Freikirchenskala aber klar auf der radikaleren Seite. Das zeigt sich nicht nur in der Vision beziehungsweise dem Auftrag auf der Website, die vom «Rüstet mein Volk aus, damit sie Jesus nicht verleugnen werden! Trainiert mein Volk, dass sie sich als Soldaten in die Armee Gottes einberufen lassen!» spricht, sondern auch in der fehlenden Transparenz über Kursinhalte wie den Ehefrauenkurs, der zudem klare Rollenbilder betont. Passend zu den klaren Rollenbildern ist auch folgender Auftrag auf der Website zu finden: «Bereitet die Braut Christi vor, sodass sie makellos und ohne Runzeln dasteht, wenn Jesus wieder kommt!». Auffällig ist auch, dass neue Besuchende von einer Begleitperson kaum aus den Augen gelassen werden, was eher an Kontrolle als an Gastfreundschaft erinnert. Insgesamt entsteht so der Eindruck einer stark geschlossenen Gemeinschaft, die ihre eigenen Strukturen und Ziele konsequent verfolgt, aber nach aussen nur begrenzt Einblick zulässt. Auch das Ausdrucksverhalten der Betenden, mit dem Gesicht und Körper auf dem Boden, ist in der Freikirchenszene sehr unüblich.

Nona Poghosyan und Angela Heldstab, 14. August 2025

Lexikoneintrag «Christ in us Church»

Ein Sonntag zwischen Sonnengrüssen und Flughafenshopping – «Surya Kriya» Workshop

«Namaskaram» am Sonntagmorgen

Es ist Sonntagmorgen, ich bin früh unterwegs. Im Zug sind nur wenige Menschen; ich döse in Ruhe vor mich hin und lese schläfrig einige Seiten im Buch «Die Weisheit eines Yogi» von Sadhguru. In Zürich Kloten erwartet mich ein «Surya Kriya» Workshop bei der «Isha Hatha» Yogaschule mit dem Namen «Yogaagma». «Surya Kriya» ist eine Art Sonnengruss und bildet einen Teil der yogischen Praxis nach Sadhguru. Was heute genau auf mich zukommt, weiss ich nicht. Im Voraus musste ich einen recht ausführlichen Fragebogen ausfüllen. Etwas stutzig wurde ich, als nach einem Notfallkontakt gefragt wurde und als ich angeben musste, ob ich in den letzten fünf Jahren in psychotherapeutischer Behandlung war und ob ich mit Suchtproblemen zu kämpfen hatte. Auch durfte ich heute kein Frühstück zu mir nehmen, nur mit Wasser im Bauch soll ich in Kloten auftauchen. 

Im Buch auf meinem Schoss lese ich: «Die Wissenschaft des Yoga ist ganz schlicht die Wissenschaft, in absoluter Harmonie und vollständiger Übereinstimmung mit dem Leben zu sein.» Noch immer habe ich keine genauere Vorstellung, was mich heute erwartet.  

Doch ich finde es schnell heraus: Nach einem kurzen Fussmarsch erreiche ich ein weisses Mehrfamilienhaus und klingle an. Karuneshwari Chellaiyan öffnet mir die Tür, begrüsst mich mit «Namaskaram» und führt mich in ihre Wohnung. In einem Zimmer liegen drei violette Yogamatten bereit, auf einer davon sitzt eine Frau und lächelt mich an. Ich setze mich auf die zweite Matte, und einige Minuten später stosst ein junger Mann dazu. Das intime Setting des Workshops überrascht mich, ich hatte ein Yogastudio mit vielen Teilnehmenden erwartet. 

Karuneshwari nimmt auf einem Stuhl in der vorderen linken Ecke Platz. Gleich neben ihr, frontal vor mir, ist ein kleiner Altar aufgebaut. Auf einem Tischchen steht ein grosses Bild von Sadhguru, hinter welchem zwei Pfauenfedern hervorschauen. Vor dem Bild liegt eine Platte mit zwei sandigen Fussabdrücken. Unter dem Tischchen sind mehrere Gegenstände sorgfältig aufgestellt: eine Öllampe, eine Ganesh-Figur, ein kleines Heiligenbild, Räucherstäbchen und einige für mich nicht identifizierbare Objekte. Vorne rechts in der Ecke steht ein grosser Bildschirm.

Peace, Peace, Peace und Üben

Die Kursleiterin begrüsst uns und fragt kurz nach unseren Erfahrungen mit Isha. Es stellt sich heraus, dass ich die einzige Anfängerin bin. Die anderen beiden haben bereits andere Kurse nach Sadhgurus Vorgaben besucht. Die teilnehmende Frau, die ich auf etwas über vierzig Jahre schätze, hat sogar schon Angebote unserer Kursleiterin besucht. 

Wir beginnen den Workshop mit einem «Chant»:

Asatoma Sadgamaya
Tamasoma Jyotirgamaya
Mrutyorma Amrutangamaya
Aum Shanti Shanti Shantihi

Auf Englisch übersetzt: 
From Untruth to Truth
From Darkness to Light (From Ignorance to Enlightenment)
From Mortality to Immortality
May I be led
Aum Peace, Peace, Peace

Die erfahrene Teilnehmerin wird gebeten, einige Aufwärmübungen vorzuzeigen, währenddessen erklärt Karuneshwari uns die Bewegungen. Wir sollen dabei gut zuhören und unsere Hände, mit den Handflächen nach oben gerichtet, auf die Knie legen. 

Doch bevor wir uns selbst an den Übungen versuchen können, sollen wir die Hände nach unten drehen und uns unseren Körper in der Bewegungsabfolge genau visualisieren. Karuneshwari erklärt, dass wir so dem Körper eine genaue Vorstellung geben, wie die Übung sauber ausgeführt werden solle. Nach dem physischen Ausführen der Übungen wird auf dem grossen Bildschirm ein Video von Sadhguru abgespielt. Er trägt einen Turban auf dem Kopf und ein langer, weisser Bart säumt seinen Mund. Der Guru betont die Wichtigkeit der Sonne und des Sonnengrusses «Surya Kriya». Viel mehr Inhalt scheinen seine Worte nicht zu haben. Daraufhin zeigt uns ein Mann in einem anderen Video den Bewegungsablauf vor. 

Wir visualisieren uns in den ersten sieben Figuren und führen sie danach angeleitet aus. Karuneshwari gibt uns individuelles Feedback und erklärt das Prinzip des «Minimal Movements». Der Übergang zwischen den einzelnen Figuren solle auf möglichst direktem Weg geschehen. Es dürften also keine Zwischenbewegungen, wie ein Verschieben der Hände oder ein Rutschen der Füsse, geben. Ganz wichtig sei es immer die Augen geschlossen zu halten. 

Nach einigen Wiederholungen der Bewegungsabfolge werden uns die nächsten sieben Figuren erklärt. Wir visualisieren, führen aus und präzisieren unter Karuneshwaris scharfen Augen jede Bewegung. Nach einiger Zeit lernen wir eine Übung zum Verschluss des Zwerchfells: Wir gehen in die Hocke, stützen unsere Hände auf die Knie und blasen heftig einen Luftstrom aus. Danach spannen wir den Bauch und die Analmuskeln an, dazu halten wir kurz die Luft an. Als Nächstes wird eingeatmet und wieder durch ein heftiges Blasen ausgeatmet. Die Atem- und Bewegungsabfolge wird dreimal wiederholt, danach legen wir uns entspannt auf den Rücken ins «Shavasana». Ein Video leitet uns durch eine kurze Meditation, bei welcher wir nacheinander 61 Punkte unseres Körpers entspannen sollen. 

Es ist kurz vor Mittag, als wir die erste Kurshälfte beenden. Nochmals «chanten» wir gemeinsam das Mantra, und Karuneshwari gibt uns einige Anweisungen für die Mittagspause. Wir sollen innerhalb einer Stunde ein, wenn möglich vegetarisches, Mittagessen einnehmen und danach nichts mehr essen. Sie empfehle uns den Flughafen als Aufenthaltsort für unsere Mittagspause, dort gebe es Cafés, Einkaufmöglichkeiten und Schutz vor der Sonne. Zudem sollen wir uns nicht «auspowern», sodass wir um 16 Uhr noch genug Energie für die Abend-Session aufbringen können. 

Mittagspause im Flughafen 

Die Sonne hat unsere «Grüsse» erhört und brennt erbarmungslos auf uns nieder, als wir das Haus verlassen. Zu dritt ziehen wir in Richtung Flughafen los. Beide erzählen, dass Isha-Yoga ihr Leben positiv verändert habe. Der junge Mann berichtet, dass er viel weniger «komische Sachen» mache. Was genau er damit meint, verstehe ich nicht, doch es scheint mir unpassend, nachzufragen. Die Frau erzählt, dass sie bald einen Workshop bei Sadhguru persönlich machen möchte. Doch sie müsse zuerst zu einer Probestunde, bei welcher geschaut werde, ob sie dafür schon bereit sei. 

Vor dem Flughafen vereinbaren wir einen gemeinsamen Treffpunkt, um den Rückweg wieder gemeinsam anzutreten. Ich bin froh, endlich etwas essen zu können, und setze mich auf ein Bänkli neben dem Autoverleih. Als entspannend empfinde ich den Aufenthalt im Flughafen nicht, im Vergleich zum ruhigen Morgen wirkt das rege Treiben sehr hektisch. Trotzdem geniesse ich die allgegenwärtige Ferienstimmung und beobachte die vorbeieilenden Menschen. Nach einer Weile verlasse ich meinen Platz und spaziere durch die Shopping-Meile. Ich entdecke eine Sonnenbrille und finde, dass sie thematisch gut zum heutigen Tag passt. Gemeinsam mit meiner neuen Sonnenbrille und mit den Kursteilnehmenden mache ich mich auf den Rückweg. Karuneshwari empfängt uns herzlich und die zweite Session beginnt. 

Richtig Weiteratmen

Erneut singen wir das «Asatoma Sadgamaya» Mantra als Einstieg. Karuneshwari bringt uns die letzten Figuren des «Surya Kriya» bei und führt uns durch unsere Visualisierungen und Ausführungen. Doch nun komme der anspruchsvolle Part: die Atmung. Sie erklärt uns, zwischen welchen Figuren eine Zwischenatmung gemacht werde und wie die Atemzüge gezählt würden. Das Atemmuster ist komplex, und ich verstehe nicht alles auf Anhieb. Wir machen gemeinsam zwei Durchgänge «Surya Kriya», Karuneshwari leitet die Bewegungen und Atemzüge genau an. Beim dritten Durchgang sind wir auf uns allein gestellt. Die Bewegungsabfolge gelingt mir erstaunlich gut, doch mein Atemmuster ist noch immer ziemlich chaotisch. Karuneshwari meint, wir hätten uns gut geschlagen, und kündigt eine weitere 61-Punkte-Meditation an. Zum Abschluss wiederholen wir die drei Runden der Zwerchfellübung mit dem heftigen Ausatmen. Der körperliche Teil des Workshops ist damit abgeschlossen. Karuneshwari verteilt uns ein Blatt, auf dem die genauen Übungen und Atmungen festgehalten sind und wir besprechen den ganzen «Surya Kriya» Ablauf nochmals durch. Die Kursleiterin erklärt uns, dass wir in den folgenden vierzig Tagen mindestens einmal täglich «Surya Kriya» machen sollen. Somit werde «Surya Kriya» richtig in unserem Körper abgespeichert. Danach sei es erlaubt, die Bewegungsabfolge nur noch einige Male pro Woche auszuführen. Sehr wichtig sei es jedoch, mit leerem Magen zu praktizieren. Sie beteuert, dass wir uns bei jeglichen Fragen per E-Mail bei ihr melden dürfen, und verabschiedet uns. 

Viel Zucker nach vielen Anweisungen

Körperlich war der Workshop nicht sehr anstrengend, doch die Präzision der Übungen erforderte viel Konzentration und Energie. Sadhguru ist ein weltbekannter Yogi, der sich grosser Beliebtheit erfreut. Deshalb erstaunt es mich, dass der Isha Yoga Workshop in solch kleinem Rahmen stattgefunden hat. Meiner Meinung nach ist der recht hohe Preis von 300 Franken für den Workshop so jedoch um einiges gerechtfertigter. Der Kurs hat sich angefühlt wie eine Privatstunde.

Auch überrascht hat mich die Genauigkeit der Vorgaben: Schon die kleinste, nicht vorgegebene Bewegung galt als komplett «falsch». Teilweise haben mich diese strikten Richtlinien und das dazugehörige Vokabular irritiert. «Darüber gibt es keine Anweisung», «das dürfen wir nicht», oder «wir müssen es so machen» waren für mich etwas befremdliche Aussagen. 

Langsam etwas erschöpft, trete ich auf dem Weg zur Bushaltestelle wieder in die Sonne und gönne meinem Körper, mit einer Banane und einem Brownie, eine Portion des lang ersehnten Zuckers.

Lou Büchler, 11. August 2025

Isha Yoga Lexikonartikel

Mit Fliegenpilzen und Kakao durch das Nadelöhr – Zuvuya Peace Gathering 

Eingeräuchert zwischen Shiva und dem Appenzeller Bär 

Kurz vor 9 Uhr steigen mein Vater und ich an der Haltestelle «St. Niklaus SO» aus dem Postauto. Es ist recht kühl, grau und feucht. Wir sind auf dem Weg zum «7. Zuvuya Peace Gathering», organisiert von Urs José Zuber und Silvia Jäggi. Die beiden folgen der Zeitrechnung der Maya und möchten diese durch ihren «Zuvuya Flow Verlag» weiterverbreiten. 

Wir befinden uns in einem wohlhabenden Wohnquartier in der Nähe des Waldrandes. Noch deutet nichts auf unser Ziel hin. Doch nach einem kurzen Fussmarsch durch den «Zauberwald» entdecken wir das orange Zelt der «Chai & Cacao Lounge». Wir haben uns gegen eine frühere Anreise und somit gegen eine Teilnahme an der morgendlichen Meditation und Yogastunde entschieden. Allem Anschein nach, hatten wir den richtigen Riecher: Das Festivalgelände mit den beiden Pfadihäusern scheint noch recht unvorbereitet und verschlafen. Wir werden von den wenigen Frühaufsteher*innen und einer «Cannabis-Duftwolke» nett begrüsst. Der Empfang sei noch nicht besetzt, doch das Frühstück sei schon bereit. Also holen wir uns für 10 Franken einen veganen Porridge mit warmem Getränk und setzen uns zu einer kleinen Gruppe ans Feuer. Ich schaue mich ein bisschen um: Auf der einen Seite des Feuers liegen fellbedeckte Paletten und bilden eine Art Podest, auf welchem eine kleine, in Decken gewickelte Frau aufrecht sitzt und einen Kaffee trinkt. Neben ihr liegen mehrere Kartensets; ich entziffere «Engelsorakel» und «Tarot». Hinter der Frau sind bunte Tücher mit vielfältiger Symbolik aufgespannt. Neben dem hinduistischen Gott Shiva und einem Buddha hängt eine Fahne mit dem Appenzeller Bären drauf. Als ich nachfrage, was der Bär zu bedeuten habe, weiss leider niemand Bescheid, aus welchem Grund sich das patriotische Tier eingeschlichen hat. Auch etwas fehl am Platze wirkt ein grosser, schwarzer Würfel mit den Wurfmöglichkeiten «Blessed» und «Pray». Um das Feuer sind hölzerne Bänke und improvisierte Sitzmöglichkeiten aufgebaut. Die Anwesenden trinken Tee oder Kaffee, rauchen ihre «Guten-Morgen-Joints» und tauschen sich über den Vorabend aus. Als es zu tröpfeln beginnt, rücken wir alle näher unter die gespannte Plache. 

Hinter mir steht ein kleiner Klapptisch mit allerlei Produkten, die zum Verkauf stehen. Neben kleinen Dosen mit Kakaobutter liegen unter anderem indische Schmuckstücke, verzierte Messer, diverse Federn und «Grounding Cables» von «Pulsar Terra». Das «Grounding Cable» verspricht die Verbindung des Körpers zur Erde, die Entladung von Elektrosmog und anderen «unharmonischen Vibrationen». Dadurch verbessere sich angeblich die Schlafqualität sowie die Durchblutung, und das Immunsystem werde gestärkt. 

In der Zwischenzeit hat ein älterer Mann etwas Asche aus dem Feuer in einen Kelch geschöpft und verbrennt darin Weihrauch. Er schreitet barfuss um das Feuer und wedelt den Anwesenden duftenden Rauch zu, was genüsslich angenommen wird.

Noch ahne ich nicht, wie bezeichnend dieses vielseitige Gemisch aus religiösen sowie kulturellen Symbolen und Praktiken für die gesamte Veranstaltung sein wird. 

Das Kalender System der Maya

Der Organisator Urs José Zubler kommt mit breitem Grinsen auf uns zu, stellt sich vor und heisst uns willkommen. Ich schätze den Solothurner auf etwas über 40 Jahre, er trägt eine pinke Strickjacke und hat seine langen Haare zusammengebunden. 

Am Empfang werden wir von Keya empfangen, sie rechnet unseren «Maya-Geburts-Kin» aus. 

Da sich die Veranstaltung immer wieder auf die Maya beziehen wird, stelle ich das Volk und ihre Errungenschaften kurz vor. Die Maya waren eine mesoamerikanische Zivilisation, die sich um ca. 1500 v.u.Z. zu entwickeln begann. Als klassische Maya-Zeit bezeichnet man heute jedoch die Zeit zwischen 300 und 900 n.Chr. Maya-Städte umfassten mehrere hunderttausend Einwohner, monumentale Architekturen, Fernhandel und Mais-Kultivierung. Ausserdem verfügten die Maya über grosses mathematisches und astronomisches Wissen sowie über eine eigene Schrift. Die Maya haben drei verschiedene zyklische Kalender, die parallel zueinander laufen, entwickelt. Der «Haab-Kalender» diente zivilen, alltäglichen Zwecken. Er orientiert sich, wie unser gregorianischer Kalender, am Sonnenjahr und gleicht somit unserem 365-tägigen Jahr. Der «Haab» unterteilt das Jahr jedoch in 18 Monate mit je 20 Tagen, was 360 Tage ergibt. Um möglichst exakt dem Sonnenjahr mit ca. 365¼ Tagen zu entsprechen, gibt es einen 19. Monat mit nur 5 Tagen. Diese 5 Tage werden jedes Jahr hinzugefügt; es handelt sich also nicht um Schalttage, sondern um «Epagomene». 

Der «Tzolkin-Kalender» wiederholt sich in einem Zyklus von 260 Tagen, er diente rituellen Zwecken. Die einzelnen Tage werden durch eine Zahl und eine Schutzgottheit bezeichnet. Weil sich die Kombinationen der beiden Kalenderangaben alle 52 Haab-Jahre wiederholen, gibt es als dritten Maya-Kalender die «Lange Zählung». Aufgrund einer zyklischen Wiederholung der «Langen Zählung» im Jahre 2012 entstand in gewissen Kreisen das «2012-Phänomen», welches den Weltuntergang prophezeite. Die mathematischen Systeme der Maya haben also nicht nur wissenschaftlichen Wert, sondern finden auch in esoterischen Kreisen Anklang.

«Kin» bedeutet bei den Maya «Tag»; mein «Geburts-Kin» war laut Keya, der «Tag des Weissen Solaren Spiegels». Sie reicht mir einen Ansteck-Pin mit einer Abbildung der dazugehörigen Hieroglyphe. Wir stecken die Pins an unsere Regenjacken und betrachten das Programm. Als wir erstaunt einen Vortrag über die Einnahme von Fliegenpilzen entdecken, bemerkt mein Vater, dass dies von der Dosierung her nicht ungefährlich sei. Doch Keya unterbricht ihn und versichert, dies sei überhaupt kein Problem. Sie selbst nehme seit einigen Monaten jeden Morgen eine Mikrodosis zu sich, und ihr Leben habe sich massiv verbessert, da sie viel «gechillter» sei. Wir nehmen diese Aussage hin und sind gespannt auf den besagten Vortrag. 

Auf Fliegenpilz durch das Nadelöhr

Mit einiger Verspätung beginnt die offizielle Begrüssung wegen des starken Regens in einem der Pfadihäuser, statt unter freiem Himmel. Im Raum verteilen sich ungefähr 60 Menschen auf Hockern. Die meisten Anwesenden sind schätzungsweise über 40 Jahre alt, ich entdecke aber auch vereinzelt Kinder und jüngere Erwachsene. Das achtköpfige Organisationskomitee stellt sich der Reihe nach vor, danach ergreift Urs José Zuber wieder das Wort. Er drückt seine Freude über unsere Anwesenheit aus und erklärt, dass durch den Regen etwas improvisiert werden müsse. Er freue sich besonders über die Anwesenheit des schwedischen Ehepaars Johan und Marianne, welches einen herausragenden Vortrag über Fliegenpilze halten werde. Er selbst habe in jüngeren Jahren viel mit psychoaktiven Substanzen experimentiert, sei nun aber davon weggekommen. Denn er sei überzeugt, dass wir alle bald durch ein «Nadelöhr» gehen müssen, um eine «bessere Welt» zu erreichen. Um präzise, wie ein Laser-Pointer, direkt beim ersten Versuch durch dieses «Nadelöhr» zu finden, möchte er nüchtern durchs Leben schreiten. Er konsumiere nur noch Fliegenpilz in Mikrodosen, was ihm Ruhe und Klarheit verschaffe. Er sei der Ansicht, dass in den nächsten 5 Jahren alles vernichtet wird oder werden muss, was unsere Welt zerstört. Die «guten, aufgewachten» Menschen würden nach dem Passieren des Nadelöhrs eine friedliche, schöne, blühende Welt vorfinden. Nach seinem Verständnis sei die bessere Welt ein Ort, an dem keine Ökonomie mehr bestehe. 

Er stellt uns «sein Lebenswerk» vor: eine Agenda. Sie basiert auf den verschiedenen Maya-Kalendern und soll helfen, sich mit der «heiligen, kosmischen Zeit» zu verbinden. Urs verspricht allen, die sich ernsthaft dafür interessieren, eine Agenda zu schenken. Dies sei ein Schritt in die ökonomielose Welt. Er erhofft sich, dass die mit Agenden ausgerüsteten Menschen durch eine neue Zeit verbunden werden, und gemeinsam «alles, was nicht koscher ist vernichten». Er betont das Angebot diverser Marktstände auf dem Festivalgelände und möchte, dass wir unser Geld hier unter «Gleichgesinnten» ausgeben. So könne verhindert werden, dass das Geld zurück in die «Matrix» fliesse. Zuletzt betont er die Wichtigkeit des heutigen Tages: der 25. Juli. Heute sei der «grüne Tag», der Tag «zwischen der Zeit». Der Haab-Kalender ist gestern zu Ende gegangen, und morgen beginnt ein neues Jahr. Wir sollen diese Zeitlosigkeit geniessen und unsere gemeinsame Verbindung spüren. 

Weiber-Experte und allgemeiner Experte David Barfuss

Verschiedene Leute möchten noch das Wort ergreifen, um sich und ihre Angebote vorzustellen. Besonders fällt mir David Barfuss auf, er hat im Raum, in dem wir uns befinden einen Büchertisch aufgestellt. Er stellt seine selbstverfassten Werke und seine äusserst negative Meinung zu «Staat und System» kurz vor. Unsere Demokratie bestehe lediglich aus einer Mehrheit, die die Minderheit «vergewaltige». 

Die Titel seiner angepriesenen Bücher sprechen für sich selbst: «Souveränität – Das Handbuch für den gesetzlosen Rebellen», «Wahlen und Abstimmungen – Ein Krimi», «Betreibungswissen», «5G von allen Seiten – Eine Entscheidungshilfe», sowie «Mann ∞ Weib – Heilung und Freude». Zum Schluss bietet er an, einen spontanen «Circle» zum Thema «Mann und Weib» abzuhalten. Mir graut es davor, dass ein Mann, der mit dem Wort «vergewaltigen» in solchem Kontext um sich wirft, zum Thema «Verbindung zwischen Mann und Weib» aufklären möchte. 

Beschenk mich!

Durch das unberechenbare Wetter wird der «Circle» zum Thema «Schenkökonomie» mit Sabine vorgezogen. Wir treten in einen angenehm geheizten Raum, eigentlich dient er als Wellness-Oase mit Massage-Angeboten. Wir sitzen in einer zehnköpfigen Gruppe in einem kleinen Kreis, und der Reihe nach wird ein «Talkingstick» weitergegeben. Die Person mit dem «Stick» soll jeweils ihren Namen nennen. Sabine Kaper, die Leiterin des «Circles», stellt sich vor und erwähnt die schamanische Praxis als Hintergrund ihrer Arbeit. Sie sei die Präsidentin des «Mutterland-Vereins», welcher eine Schenkökonomie aufbauen möchte. Sabine habe von einer Privatperson 30’000 Franken für das Jahr 2025 geschenkt bekommen. Ihre Lebenskosten seien sehr tief; sie sei dadurch finanziell abgesichert und könne sich vollkommen der «Schenkökonomie» widmen. 

Sie beschreibt uns, wie sie sich anfangs Jahr fast in ein Burnout hineingeschuftet habe, da sie das Gefühl hatte, allen etwas «schenken» zu müssen, da ihre eigene Lebensgrundlage bedingungslos gedeckt sei. Nun habe sie die Balance etwas besser im Griff. Sie ist der Meinung, dass «Schenken» kein System sei, sondern eine Erinnerung an die Art, wie das Leben ursprünglich wirklich gedacht gewesen sei. Sie erzählt, dass ihr früher beim Einkaufen regelrecht übel wurde, weil sie nicht mehr mit sich selbst vereinbaren konnte, dass sie für Essen bezahlen müsse. Doch das «Prinzip des Schenkens» beinhalte nicht nur materielle Werte; auch auf geistiger, emotionaler und seelischer Ebene könne geschenkt werden. Wichtig sei jedoch, dass Schenken mit keiner Gegenerwartung einhergehen könne, sie sei stark gegen eine «Tauschökonomie». Denn in einer Schenkökonomie soll ein Geschenk an eine Einzelperson bedingungslos möglich sein. Auf die beschenkte Person solle dadurch kein Druck des «Zurückgebens» entstehen. Die schenkende Person werde durch das Kollektiv einer Schenkökonomie sowieso durch andere Schenkende zu einer empfangenden Person. So bilde sich ein Gleichgewicht. Die Scham hinter Schenkungen solle überwunden werden. Sabine möchte, dass ohne schlechtes Gewissen direkt nach spezifischen Geschenken gefragt könne. 

Die Anwesenden stellen Fragen, und es wird im Kreis diskutiert. Mein Vater fragt, ob er denn einfach seine Bekannten fragen solle, ob sie ihm sein Familienleben finanzieren möchten. Sabine bestätigt dies und betont nochmals, dass die Scham, nach Geschenken zu fragen, überwunden werden müsse. 

Für mich wird die Debatte langsam absurd. Der Gedanke des Schenkens gefällt mir grundsätzlich gut, doch eine Schenkökonomie scheint mir in unserem System sehr utopisch. Daraufhin betont Sabine, dass wir uns in einer Übergangszeit befinden. Wir seien dabei, das kapitalistische System und die «Matrix» hinter uns zu lassen und in eine bessere, natürliche Welt zu schreiten. 

Dadurch wird mir ein verschwörerischer Nebengeschmack vermittelt. Automatisch geschieht eine Abgrenzung von «uns» und den «Menschen in der Matrix». Es wird impliziert, dass «wir» schlau das System durchschaut haben, während die «Anderen» noch immer blind sind. 

Nach einer Stunde des Diskutierens möchte Sabine eine Schenkökonomie in unserem Kreis bilden. Wir alle sollen ein Geschenk auf ein Kärtchen schreiben, woraufhin alle ein Kärtchen ziehen und so beschenkt werden. Ich enthalte mich. Es werden Yogastunden, Klangtherapien, Waldspaziergänge und energetisches Haarschneiden verschenkt und empfangen. 

Vergifte deine Persönlichkeit

Es ist mittlerweile kurz vor 14 Uhr. Um unseren Hunger zu stillen, kaufen wir uns zwei Pizzen am Holzofen-Stand. Im unteren Pfadihaus findet der lang ersehnte Vortrag zum Thema «Amanita Muscaria», auf Deutsch «Fliegenpilze», statt. Vor der Leinwand steht das schwedische Ehepaar. Marianne ist in eine farbige Bluse und Jeans gekleidet. Johan trägt einen schwarzen Zylinder mit der Abbildung eines Fliegenpilzes auf Stirnhöhe, dazu einen auffälligen silbernen Mantel. Ein grauer Bart, verbunden mit einem zu Spitzen gedrehten Schnauz, schmückt sein Gesicht. Vor einem Publikum von circa 20 Menschen eröffnen sie ihre Präsentation. Johann spricht auf Englisch, Marianne übersetzt und ergänzt auf Deutsch. Auf der Leinwand erscheint ein Abbild von unzusammenhängenden Punkten; einzelne Punkte werden beispielhaft benannt: «Hier ist Yoga, da ist Hypnose, dort der Sufismus, hier findet ihr Quantenphysik, da das Christentum und dort die Traumatherapie.» So würden sie die Wichtigkeit der Perspektive hervorheben, denn werden die Punkte aus einem anderen Winkel betrachtet, bilden sie das Abbild eines Auges. Sie möchten dadurch zeigen, dass viele verschiedene Weltanschauungen eigentlich zusammenpassen können und aus der richtigen Perspektive kein Konflikt zwischen den Anschauungen entstehe. Alle diese Ansichten seien Teil der «objektiven Wahrheit». 

Durch verschiedene Wege seien Menschen an einen Teil der Wahrheit gelangt, hätten darüber ein Buch geschrieben und ihre Wissenslücken mit «Scheisse» gefüllt. Um nicht durch Bücher, sondern selbst möglichst nah an die unverfremdete Wahrheit zu gelangen, stellen die beiden uns den Pilz «Amanita Muscaria» vor. Der Fliegenpilz habe 12 bis 20 Wirkungen auf den Menschen. Unter anderem sei er eine Hilfe, um sich von der eigenen Persönlichkeit zu «desidentifizieren» und mehr zum «inneren Ich» zu finden. Unsere Persönlichkeit sei ein Schutzmechanismus, der durch unser Aufwachsen, unsere Erlebnisse und unsere Traumata aufgebaut worden sei. Die Persönlichkeit sei unsere Überlebensstrategie, sterbe sie, könne unser «inneres Wesen» erfasst werden. Die Persönlichkeit könne nie im «Jetzt» sein und habe Programme oder Vorstellungen unbewusst abgespeichert. So würden Selbstverständnisse, wie: «Ich bin schlecht in Mathe» oder «Ich bin der beste Lover der Welt», bestehen. 

Amanita Muscaria wirke sich Hauptsächlich auf unser Nervensystem aus, auf welchem auch die Persönlichkeit basiere. So könnten diese unbewussten Programme angeblich überwunden werden. Auch störe der Fliegenpilz unsere Wahrnehmung der Zeit; nur das «wahre Ich» könne im Moment existieren und so durch sich selbst kreieren, nicht nur reagieren. Auch ohne Einnahme von Substanzen könne in seltenen, spezifischen Situationen die Persönlichkeit überwunden werden, beispielsweise beim Tanzen oder beim Sex, wie Johan grinsend hinzufügt. Als Marianne «Sex» nicht auf Deutsch übersetzt, schaut er sie erwartungsvoll an und meint, er möchte das Wort gerne aus ihrem Mund hören. Die Aussage scheint mir sehr unpassend und auch mein Vater schaut irritiert. Doch Johan fährt gelassen fort. Der Fliegenpilz sei nicht wie die meisten Psychedelika, die eine Verbindung zur Aussenwelt erschaffen würden. Er richte sich nach innen und frage: «Ich bin du; was willst du?»

Fliegenpilzurin und Schamanendosen

Der Pilz sei giftig, ja sogar tödlich … denn er töte die Persönlichkeit. 

Es wird eingelenkt, dass der Pilz in grossen Mengen wirklich giftig sei. Man müsse aber 12kg frischen Pilz zu sich nehmen, um zu sterben. Dies sei physisch gar nicht möglich, da man sich durch frischen Pilz sehr schnell übergeben müsse. In kleinen Dosen sei der Fliegenpilz nicht psychodelisch, in grösseren Mengen jedoch halluzinogen, was durchaus riskant sein könne. Man solle also niemals unbeaufsichtigt mehr als 8g getrockneten Pilz zu sich nehmen. 

In den meisten Fällen werde der Pilz vor der Einnahme getrocknet; er könne in Form von Kapseln, Cremes, Ölen oder Tinkturen, im Tee oder in anderen Speisen eingenommen werden. Es sei auch möglich, den Pilz zu rauchen. Die Wirkstoffe des Pilzes würden nicht vollständig abgebaut werden und seien im ausgeschiedenen Urin noch immer vorhanden. Man könne den eigenen Urin fünfmal trinken, bevor die Wirkung verloren gehe. Auch diese Einnahmemöglichkeit hätten sie bereits getestet und als durchaus positiv wahrgenommen. 

Marianne und Johann empfehlen jedoch für das erste Mal «Microdosing». Dabei würden 0,2 bis 2g getrockneter Pilz eingenommen. Bei dieser Dosierung solle nicht gespürt werden, dass eine Substanz eingenommen wurde, die Veränderungen sollten also nur minimal bemerkbar sein. «Microdosing» verursache oft eine entspanntere, freundlichere Einstellung. Gewisse Menschen könnten auch besser «Nein-Sagen» und würden sich ihrer Grenzen bewusster werden. 

«Macrodosing», die Einnahme von 3 bis 8g, wird erst nach Erfahrung mit «Microdosing» empfohlen. Als dritte Stufe gebe es das «Herodosing»; dabei würden 8 bis 18g des getrockneten Pilzes eingenommen. Bei diesen höheren Dosen könne die Kontrolle über das Nervensystem verloren gehen, und Halluzinationen seien möglich. Da es sein könne, dass der Körper plötzlich zusammenbreche, sollten solche «Deepdives» nur mit Betreuung und im Liegen vorgenommen werden. Als letzte Stufe existiere die «Shaman-Dose», sehr erfahrene Pilzkonsument*innen nähmen dabei mehr als 18g des Pilzes zu sich. 

Blick durch die geheime Brille

Die Vortragenden erklären, dass sie den dreistündigen Vortrag auf die Hälfte kürzen, und springen zu einem neuen Thema. 

Die Wirkung des Pilzes stimme mit den meisten religiösen Überlieferungen überein. Sie glauben deshalb, dass die Religionen auf Erfahrungen mit dem Fliegenpilz basierten. Sie gehen davon aus, dass Pilze als erste Medizin genutzt wurden und ihnen dadurch eine «Heiligkeit» zugesprochen wurde. Viele religiöse Figuren würden sich durch die Überwindung des Todes auszeichnen. Für Johan ist der Fall klar: Durch den Konsum einer hohen Dosis des Pilzes gehe der Puls runter, dies sei als Nahtoderlebnis wahrgenommen worden. Zudem sei die Persönlichkeit gestorben, was als Erleuchtung interpretiert worden sein könne. Er geht sogar so weit, Christus mit dem Fliegenpilz gleichzustellen. Die Aussage «Esst mein Fleisch, trinkt mein Blut» sei als Aufforderung, den Pilz zu konsumieren, zu verstehen.

Um die Aussagen zu untermauern, beschwören Marianne und Johan uns, eine «geheime Brille» aufzusetzen. Sie verteilen pantomimisch Brillen im Publikum und setzen sich selbst ein unsichtbares Brillengestell auf die Nase. Auf der Leinwand erscheinen unzählige historische Bilder von religiösen Kunstwerken. Auf allen Abbildungen sind pilzförmige Gegenstände zu erkennen: über dem Kopf von Buddha, in Jesus’ Suppe, auf Figuren aus dem alten China oder neben Bacchus im Gras. Jesus’ Blick auf den Bildern wirkt oft abwesend oder weggetreten; er sei eindeutig «gechillt und voll drauf». Die katholische Kirche sei ein Pilzkult, und viele der religiösen Rituale seien auf den Amanita Muscaria zurückzuführen. Es sei kein Zufall, dass die Socken, die der Weihnachtsmann befülle, am Kamin aufgehängt würden. Früher habe der, übrigens nicht zufällig rot und weiss gekleidete, «Weihnachtsmann» Fliegenpilze verteilt, die am Kamin getrocknet worden seien. 

Mittlerweile hat ein ungefähr zehnjähriges Mädchen den Raum betreten und sich zu seiner Mutter gesellt. Die Mutter lacht plötzlich laut auf und teilt uns mit, dass sie sich vorstelle, was die Lehrpersonen ihrer Tochter wohl dazu sagen würden, wenn das Mädchen in der Schule von ihrem Wochenende erzählt. Die meisten Anwesenden scheinen von dieser Aussage amüsiert. Marianne und Johann stellen klar, dass der Pilz für Erwachsene, nicht für Kinder geeignet sei, und fahren ungestört fort. Das Mädchen bleibt mit ihrer Mutter im Raum. 

Ein Vortrag über Fliegenpilz-Konsum ist offensichtlich nicht der richtige Ort für ein Kind. Es irritiert mich sehr, dass niemand interveniert. Es ist möglich, dass dieses Mädchen einem Fliegenpilz in der Natur begegnet. Einen Vortrag anzuhören, bei welchem Aussagen fallen wie: «Der Pilz schmeckt auch angebraten ausgesprochen lecker!», stellt sicher eine Gefährdung für experimentierfreudige Kinder dar. 

Zwischen Psychopharmaka und Amavita

Gegen Ende der Präsentation wird der Raum für Fragen geöffnet. Ein Mann erzählt, dass sein Kumpel anstelle von Blutverdünnern, Amanita Muscaria zu sich nehme. Es nehme ihn wunder, ob das Sinn mache. Marianne stellt klar, dass sie kein medizinisches Fachpersonal seien und dies nicht beantworten können. Sie bestätigt aber, dass der Fliegenpilz durchblutungsfördern wirke und bei Impfschäden oder Long-COVID angewendet werden könne. Eine junge Frau erzählt, dass sie Psychopharmaka zu sich nehme, und möchte wissen, ob dies mit Fliegenpilz kombiniert werden könne. Auch hier fällt Mariannes Antwort vorsichtig aus. Sie erzählt von Menschen, die Amanita einsetzen, um langsam Psychopharmaka abzusetzen. Sie kenne jedoch auch eine Ärztin, die von einer Kombination stark abraten würde. Schlussendlich müsse also individuell ein Weg gefunden werden, und die Frage könne nicht allgemein beantwortet werden. Die junge Frau fragt weiter, ob der Schuss auch nach hinten losgehen könne. Damit will sie wissen, ob ein Horrortrip möglich sei, wenn Fliegenpilz in einer Phase von psychischer Instabilität eingenommen werde. Johans Antwort erschreckt mich. Er bestätigt, dass durchaus unangenehme Erfahrungen erlebt werden könnten. Diese negativen Emotionen seien jedoch schon immer ein unbewusster Teil der betroffenen Person gewesen und würden so lediglich ans Licht geholt werden. Durch die Konfrontation mit diesem Teil von sich selbst, lerne man mit sich selbst umzugehen. 

Johan impliziert also, dass der Konsum von Amanita Muscaria eine gute Strategie zur Bewältigung psychischer Probleme biete. Dies ist meiner Meinung nach ein extrem gefährlicher Ratschlag, dem ohne ärztliche Betreuung sicher nicht nachgegangen werden sollte. 

Weil Johan im Verlauf des Vortrages immer wieder sexuelle Anspielungen gemacht hat, fragt ein Mann nach, was Sex denn mit dem Fliegenpilz zu tun habe. Johann lacht auf und bezeichnet die Frage zwinkernd als «typische Männer-Frage». Sexualität sei unsere Lebensenergie, und Sex gehöre einfach zu Fliegenpilz-Erfahrungen dazu. Früher hätten beispielsweise religiöse Orgien in den Wäldern stattgefunden, denen er heute nachtrauere. Damit ist der Vortag abgeschlossen; warum Johan immer wieder etwas eklige Anspielungen auf Sex machen musste, verstehe ich jedoch noch immer nicht. 

Mushroom-Dealers

Bevor wir aus dem Raum strömen, wird auf einen Tisch mit kleinen Briefchen verwiesen. Wer will, kann vor Ort Fliegenpilzpulver erwerben. 3g werden für 10 Franken angeboten, 15g können für 50 Franken gekauft werden. Mehrere Menschen aus dem Publikum schlagen zu. 

Ich habe zur rechtlichen Lage in der Schweiz recherchiert. Die Wirkstoffe Muscarin, Ibotensäure und Muscimol des Pilzes fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Konsum ist somit rechtlich gesehen erlaubt, die Behörden raten jedoch aus gesundheitlichen Gründen davon ab. Die Pilze dürfen nicht als Lebensmittel verkauft werden, da sie nicht als Speisepilze eingestuft sind. 2016 verkaufte ein Gärtner Fliegenpilzpulver als Räucherware auf einem Zürcher Markt. Das Bezirksgericht verurteilte den Gärtner zu einer Geldstrafe. Er war damit nicht einverstanden und zog das Verfahren vor das Obergericht. Das Obergericht gab tatsächlich dem Gärtner Recht, da auf den Fläschchen Warnhinweise, die vom Konsum abrieten, angebracht waren. Der Gärtner hatte also nicht gegen das Lebensmittelgesetz verstossen und bekam seine Fläschchen wieder zurück. 

Johan und Marianne sind bestimmt mit diesem Fall vertraut; ihre Pulvertütchen sind nämlich als Räucherwerk deklariert. Zudem wird in grossen Buchstaben drauf verwiesen: «Not For Human Consumption».

Culture-Hoppers

Obwohl wir heute schon mit vielen neuen Informationen und Erlebnissen gefüttert worden sind, steht uns das Herzstück des Tages noch bevor. Die Zeit, in der wir auf den Anfang der «Kakao-Zeremonie des grünen Tages» warten, vergeht langsam. Ein Musiker singt mehrere Kinderlieder, doch das Publikum bleibt recht spärlich. Erst beim Auftritt von «Drum & Dance Zürich» erscheint immer mehr Publikum. Zur Trommelmusik wird getanzt, und im Chor wird von weissen Menschen «Africa» geschrien. Mit Ausnahme der Band sind fast alle Besuchenden weiss. Nach dem Auftritt wird ein Bandmitglied von einer Frau, die ihm Datteln schenken möchte, mit «Africa! Africa!» zurückgerufen. Der Mann nimmt die Datteln an und verschwindet. Niemand scheint sich an diesen offen zur Schau getragenen Rassismus zu stören, ganz à la «es war ja nicht böse gemeint». 

Dadurch kristallisiert sich mein Hauptproblem mit der Veranstaltung heraus. Das Festival ist ein wilder Mix diverser Praktiken aus meist aussereuropäischen Kulturen und Religionen, die sich von Europäer*innen angeeignet werden. Selbstbezeichnungen, wie «offen», «tolerant», «aus der Matrix ausbrechend» oder einfach «gut», verhindern meiner Meinung nach das kritische Hinterfragen des eigenen Verhaltens. Dass sich das «Peace Gathering» jegliche Kulturen aneignet, scheint den «Peace» der Leute überhaupt nicht zu stören. 

Das Festival bildet eine Anlaufstelle für viele Menschen, die nicht zum «Mainstream» gehören wollen. Das Hauptziel des «Zuvuya Gatherings» scheint mir das Zusammengehörigkeitsgefühl von Menschen und das Ausbrechen aus der Einsamkeit zu sein. Doch durch die bereits genannten Selbstbezeichnungen, grenzen sich die Menschen, meiner Ansicht nach, von der Bevölkerungsmehrheit ab, isolieren sich selbst und schaden sich und ihren Anliegen so in kontraproduktiver Weise.  

Ritueller Höhepunkt

Zu den «Loopsounds» von Micha Sportelli wird die «Spiral-Kakao-Zeremonie» angekündigt. Der Reihe nach dürfen wir mehrere Kakaobohnen und einen Becher mit hochkonzentriertem, zeremoniellem Kakao empfangen und stellen uns in einen grossen Kreis. In unserer Mitte schlängelt sich eine riesige Spirale aus drapierten Ästen, Pilzen und Linsen um ein Feuer. Die Stimmung ist ruhig und bedacht. Urs und ein Schamane aus Peru leiten die Zeremonie. Urs betet nach dem Vorbild von José Argüelles in die sieben Himmelsrichtungen: nach Osten, Süden, Westen, Norden, nach oben, nach unten und ins Zentrum. Nach jeder Richtung darf ein Schluck vom cremigen, bitteren Kakao-Gebräu getrunken werden. 

Als Nächstes geht der Kreis der Reihe nach entweder bei Urs oder dem Schamanen vorbei; sie fächern uns mit grossen Papageienfedern Weihrauch zu, in dem wir regelrecht gebadet werden. Jede Person folgt nun individuell der Spirale, bis das Feuer erreicht wird. Hier wird eine Kakaobohne als Symbol eines persönlichen Wunsches ins Feuer geworfen, eine andere Kakaobohne wird gegessen, um sich den Wunsch regelrecht einzuverleiben. 

Der Reihe nach treten wir der Spirale entlang wieder aus dem Kreis, als Letzter folgt die imposante Erscheinung des «Healing-Sound»-Musikers «Kailash Kokopelli». Auf seinem Kopf thront ein Leder-Hut, in erdfarbene Gewänder gehüllt und auf einen geschnitzten Spazierstock gestützt, kniet er sich vor das Feuer. In sich gekehrt, verneigt er sich mehrmals vor den Flammen und schreitet andächtig aus dem Mittelpunkt, zurück in die Reihe des Kreises. 

Nach einigen abschliessenden Worten von Urs löst sich die Kreis-Formation tröpfelnd auf, und die Klänge von Micha Sportelli erklingen erneut. Nun soll die Party losgehen.

Mein Vater und ich sind uns einig, dass wir für heute genug erlebt haben. Auf dem Weg zur Bushaltestelle diskutieren wir angeregt über die vielen Eindrücke; es war ein sehr intensiver, aber interessanter Tag. Mit ironischem Bedauern meint mein Vater: «Mit etwas Fliegenpilz intus wäre die Heimfahrt um einiges gechillter.»

Lou Büchler, 4. August 2025

Lexikonartikel Zuvuya Flow Verlag