Einleitung
Vor einiger Zeit fiel der Blick von Relinfo auf die ADISM Church, eine brasilianisch geprägte Glaubensgemeinschaft mit zwei Standorten in der Schweiz: Embrach (Zürich) und Emmen (Luzern). Geleitet wird die Gemeinschaft vom Pastoren-Ehepaar Elismar und Vanessa Trottmann. Die Gottesdienste finden jeweils samstags in Emmen und sonntags in Embrach statt, und werden auch jeweils gelivestreamt und auf ihrer Webseite veröffentlicht. Beim Durchstöbern der Aufnahmen fiel mir schnell auf, dass alle Gottesdienste von Elismar gehalten werden. Offenbar pendelt er jedes Wochenende zwischen den beiden Standorten.
Der Name „ADISM“ steht für „Assembleia de Deus International Suíça Ministério Madureira“. Der erste Teil des Namens, „Assembleia de Deus International Suíça“, verweist auf die Zugehörigkeit zur international aktiven brasilianischen Pfingstbewegung Assembleia de Deus, was auf Deutsch etwa „Versammlung Gottes“ bedeutet. „Suíça“ steht dabei einfach für die Schweiz. Der Begriff „Madureira“ bezieht sich auf einen eigenständigen Zweig der Assembleia de Deus, der 1929 von Pastor Paulo Leivas Macalão in Madureira, einem Stadtteil in Rio de Janeiro, gegründet wurde. Dieser Zweig entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen Organisation mit eigenen Strukturen und zahlreichen internationalen Ablegern und ist heute bekannt als Ministério de Madureira. Heute zählt das Ministério de Madureira zu den grössten Strömungen innerhalb der Assembleia de Deus. Die ADISM in der Schweiz ist also Teil dieses weltweiten Netzwerks und versteht sich somit als brasilianische Pfingstgemeinde, die organisatorisch zum Ministério de Madureira gehört.
Die Informationen, die wir am Anfang über die ADISM Church hatten, zeichneten zunächst das Bild einer Gemeinschaft, die aufgrund ihrer scheinbar radikalen Ausrichtung polarisieren könnte. Dies weckte unser Interesse und löste einige Fragen aus: Wie gestaltet sich das Gemeindeleben der Gemeinschaft? Welche Werte prägen sie? Wie flexibel ist die Interpretation ihrer Lehren?
Digitale Präsenz
Bereits mit einem ersten Blick auf die digitale Präsenz der ADISM Church wird deutlich, wie viel Wert die Gemeinschaft auf Erreichbarkeit und ein professionelles Auftreten legt. Die Kirche ist auf verschiedenen Plattformen aktiv: Sie betreibt eine moderne Webseite und teilt regelmässig Inhalte auf Instagram und YouTube.
Was mich dabei etwas überraschte, war, dass die Webseite der Kirche komplett auf Englisch verfasst ist, obwohl es sich eindeutig um eine brasilianische Gemeinschaft handelt. Daher fragte ich mich, ob die Gemeinschaft damit etwa bewusst internationaler wirken und ein breiteres Publikum ansprechen will, auch ausserhalb der brasilianischen Community. Es könnte aber auch sein, dass sich ihre Webseite eher an die brasilianische Diaspora richtet, die zwar in einem englischsprachigen (oder anderen fremdsprachigen) Umfeld lebt, ihren Glauben aber lieber auf Portugiesisch praktiziert. Allerdings halte ich letzteres für eher unwahrscheinlich, weil viele Brasilianer und Brasilianerinnen meiner Erfahrung nach kein Englisch sprechen. Deshalb wirkt es für mich eher so, als wäre das Ganze Teil einer bewussten Aussendarstellung. Denn eine englischsprachige Webseite verleiht der Gemeinschaft ein modernes, weltoffenes Image.
Mission und Werte
Auf ihrer Webseite wird die Vision der ADISM Church klar formuliert. Die Kirche will Menschen «aus der Dunkelheit ins Licht» führen und sie «durch die Botschaft von Jesus zu Kindern Gottes machen». Zusätzlich zur Predigt und Seelsorge wird die Jüngerschaft stark betont. Ebenfalls findet man auf der Webseite sehr ambitioniert, beinahe kriegerische Aussagen wie zum Beispiel: «Unser Ziel ist es, als rufende Stimme unter den Nationen aufzutreten, um Seelen für das Reich Gottes zu gewinnen.» Allgemein lässt sich durch die Formulierungen und Aussagen auf ihrer Webseite erkennen, dass die Gemeinschaft stark auf Wachstum, Einfluss und Reichweite ausgerichtet ist. Ein weiteres Element auf ihrer Seite ist der „Pastoral Blog“, auf dem die Pastoren ihre Gedanken zu Glaubensthemen teilen. Auch die Möglichkeit zu spenden ist prominent platziert: Mit einem Klick können Beträge von 50, 100 oder 200 CHF via Twint überwiesen werden, wobei es immerhin auch die Möglichkeit gibt, einen individuellen Betrag einzugeben.
Erste Eindrücke
An einem Sonntagnachmittag machte ich mich also auf den Weg nach Embrach, um einen Gottesdienst der ADISM Church zu besuchen. Der Standort liegt etwas abgelegen in einem Industriegebiet, was jedoch nicht weit entfernt von einem kleinen, ländlich wirkenden Wohnquartier ist. Das Gebäude selbst ist ein schlichter Mehrzweckbau, in dem laut den Beschriftungen am Eingang auch andere religiöse Gemeinschaften untergebracht sind. Einen Hinweis auf ADISM Church suchte ich jedoch vergeblich. Kurzzeitig war ich deshalb unsicher, ob ich mich im Datum oder Ort geirrt hatte. Trotzdem entschied ich mich, mal die Treppe hinaufzugehen. Im dritten Stock angekommen, hörte ich dann schliesslich im sonst so stillen Gebäude ein Stimmengewirr und Musik. Dann betrat ich den Gottesdienstraum. Es war ein relativ grosser Saal, mit etwa 150 Stühlen, die in sieben Reihen auf beiden Seiten eines Mittelgangs aufgestellt waren. Links vom Eingang befand sich eine kleine Café-Ecke mit der Möglichkeit, Getränke oder Snacks zu kaufen. Auch Tische standen bereit, an denen man das Gekaufte verzehren konnte und Kinder Platz zum Malen oder Spielen hatten. Eine Mutter sass ruhig mit ihrem Kind dort. Schon die Einrichtung des Raums machte deutlich, dass die Gemeinschaft viel Wert auf Familienfreundlichkeit legt. Der Raum schien allerdings nicht ausschliesslich auf die ADISM Church abgestimmt, da ich selbst hier nirgendwo den Namen der Gemeinschaft erkennen konnte. Auch Flyer und Aushänge an den Wänden waren grösstenteils nicht auf Portugiesisch. Deshalb denke ich, dass der Raum sehr wahrscheinlich von mehreren Gemeinschaften genutzt wird.
Gängige Vorbereitungen
Laut Webseite sollte der Gottesdienst um 17:30 Uhr beginnen. Als ich pünktlich eintraf, war davon jedoch noch wenig zu spüren. Es waren vielleicht um die fünfzehn Menschen, inklusive spielenden Kindern, zu diesem Zeitpunkt im Raum. Frauen waren den Männern gegenüber eindeutig in der Überzahl. Mir fiel direkt auf, dass alle recht elegant gekleidet waren. Diese äussere Sorgfalt verlieh der Veranstaltung eine gewisse Feierlichkeit und vermittelte den Eindruck, dass der Gottesdienst für sie einen hohen Stellenwert einnahm. Kurz nach meiner Ankunft entdeckte ich auch das Pastorenpaar. Sie bemerkten mich recht schnell und schenkten mir ein herzliches Lächeln. Später kamen sie einzeln auf mich zu, begrüssten mich freundlich und schüttelten mir die Hand. Pastor Elismar fragte zudem auch nach meinem Namen und danach, wie ich auf ihre Gemeinschaft gestossen bin. Nachdem sich der erste Eindruck vom Raum gefestigt hatte, nahm man auf einem der zahlreichen Stühle Platz und beobachtete das Geschehen. Im hinteren Teil des Raumes befand sich ein überraschend professionell ausgestattetes Technikpult, das mit Laptops und Mischpulten versehen war. Dort arbeiteten um die fünf Personen, darunter auch die Pastoren, und testeten Mikrofone, Kamera, Beamer und Lautstärke. Eine Frau mittleren Alters betrat schliesslich das Rednerpult. Sie wirkte sehr routiniert und schien mit den Abläufen bestens vertraut. Beim Mikrofoncheck sang sie direkt einige Liedstrophen ins Mikro und gab technische Rückmeldungen. Ihre Selbstverständlichkeit im Umgang mit Bühne und Technik machte deutlich, dass sie diese Aufgabe regelmässig übernimmt. Insgesamt verlief diese Vorbereitungsphase recht gelassen, allerdings auch mit einer gewissen Unverbindlichkeit, was die Zeitplanung anging. Erst gegen 17:45 oder 17:50 begann sich die Atmosphäre allmählich in Richtung Gottesdienst zu verändern. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich mit mir knapp 20 Personen im Raum. Dazu zählte neben dem Pastorenpaar auch die Technikcrew.
Das innere Feuer der Christen
Der Gottesdienst begann mit einem Eröffnungsgebet. Pastor Elismar sprach dabei ohne Pause und im zügigen Tempo ins Mikrofon. Er wirkte routiniert und so, als wolle er sicherstellen, dass alles „Wichtige“ gesagt wird und dass er es schnell sagen müsse, bevor er es vergisst. Wenn ich dieses Anfangsgebet knapp beschreiben müsste, dann wohl am ehesten mit „effizient aufgesagt“.
Anschliessend leitete er direkt zum ersten Thema des Abends, der Positionierung, über. Seine Hauptaussage hier war, dass es die Aufgabe jedes Gläubigen sei, sich klar zur eigenen Glaubenshaltung zu bekennen und Gottes Willen sichtbar in der Welt zu vertreten. Es reiche nicht, still zu glauben, sondern man müsse aktiv Stellung beziehen. Hier erkannte ich wieder das Element der Jüngerschaft, das bereits auf der Webseite der Kirche deutlich gemacht wurde. In diesem Teil erwähnte Elismar auch, dass man Gott bedingungslos vertrauen müsse. Manchmal gäbe es Dinge, die Gott einem bewusst nicht gibt. Doch das, was man schlussendlich bekomme, sei besser als alles, was man sich erträumt hätte. Es gehe also im Glauben nicht darum, persönlichen Wünschen nachzugehen, sondern Gottes Pläne als wichtiger und grösser als die eigenen anzuerkennen. Zudem rief Pastor Elismar dazu auf, den Glauben mit mehr Entschlossenheit und Leidenschaft zu praktizieren. Wir sollten keine halbherzigen Christen sein, sondern Christen mit innerem Feuer.
Pastor Elismar in Aktion
Der Predigtstil von Pastor Elismar war von Anfang an sehr energiegeladen. Er sprach mit kräftiger Stimme, gestikulierte lebhaft, lief unablässig auf der Bühne hin und her und bezog uns ständig mit ein. Immer wieder forderte er uns auf, die Hände zu heben, zu rufen oder ihm einzelne Wörter oder Sätze laut im Chor nachzusprechen. Anfangs wirkte das noch motivierend, doch mit der Zeit fand ich es etwas anstrengend. Manchmal mussten wir ihm nämlich auch belanglosere Dinge nachsagen, die nicht zu seiner Hauptbotschaft gehörten. In seiner Art blieb Pastor Elismar während des gesamten Gottesdienstes gelassen. Gelegentlich steckte er die Hände in die Hosentaschen und sprach mit einer Art kumpelhafter Lockerheit, was ihn sympathisch wirken liess.
Etwa zwanzig Minuten nach Beginn des Gottesdienstes wandte er sich dann direkt an das neue Gesicht im Raum, also mich. Er bat die Gemeinde, mich mit einem Applaus willkommen zu heissen. Die Anwesenden lächelten mir freundlich zu und klatschten in die Hände. Die Geste war zwar etwas unangenehm, doch aus früheren Gottesdienstbesuchen in brasilianischen Gemeinschaften war sie mir bereits vertraut. Es war herzlich gemeint und so konnte man es letztlich auch verstehen.
Öffne dich!
Irgendwann im Verlauf des Gottesdienstes kam Pastor Elismar auf den Begriff „Effata“ zu sprechen. Das Wort stammt aus dem Aramäischen und bedeutet „Öffne dich“. In der Bibel wird es im Zusammenhang mit der Heilung eines Gehörlosen durch Jesus verwendet (Markus 7,34). Elismar sprach lange über diesen Ausdruck, da er für ihn ein Aufruf an die Gemeinde ist. Für den Pastor ist der Begriff nicht nur ein historisches Zitat, sondern er steht auch sinnbildlich dafür, sich innerlich zu öffnen, und zwar für Gottes Wort und Veränderungen. Es ging ihm weniger um eine theologische Erklärung als um eine emotionale Einladung, sich nicht zu verschliessen.
Ernster Lobpreis
Später betrat die Frau, die bereits zu Beginn den Mikro-Check durchgeführt hatte, erneut die Bühne und sang zwei Lieder. Musikalisch war es klassische Lobpreismusik, wie sie in vielen evangelischen Freikirchen üblich ist, auf Portugiesisch gesungen, mit emotionaler Melodie. Das Auftreten der Frau, so fand ich, war geprägt von einer Ernsthaftigkeit und starker Konzentration. Es wirkte so, als würde sie ausschliesslich für Gott singen und die Gemeinde um sich herum völlig ausblenden. Zwischen den Liedern sprach sie mit zitternder Stimme davon, dass Gott Wunder tun könne. Auch sie selbst brauche eines. Ihr Auftritt wirkte recht persönlich und emotional, doch zugleich fand ich ihn auch etwas schwer. Man merkte zwar deutlich, wie wichtig ihr die Beziehung zu Gott ist, ich fand aber auch gleichzeitig, dass sie wenig Raum für Leichtigkeit oder gemeinschaftliche Freude liess.
Standhaftigkeit
Später wurden von Pastor Elismar mehrere Passagen aus Sacharja 9 thematisiert, besonders die Verse 7 bis 13. Besonders betont wurde Vers 11, in dem Gott seine Gefangenen aus einem wasserlosen Brunnen befreien wolle, sowie Vers 12 mit der Zusage, alles in doppeltem Masse wiederherzustellen. Elismar erwähnte den Begriff „Gefangene der Hoffnung“. In seiner Auslegung wurde dieser Ausdruck zu einem emotionalen Appell: Gott werde nicht nur befreien, sondern alles zurückgeben, was verloren gegangen sei – und das sogar doppelt. Die Interpretation wirkte dabei weniger als theologische Auseinandersetzung, sondern eher als motivierende Durchhalteparole: Wer standhaft bleibt und im Glauben nicht wankt, wie es im Leben oft passieren kann, wird am Ende belohnt.
«Wenn Gott will, dass du etwas tust, wirst du es tun»
Gegen Ende des Gottesdienstes erzählte Pastor Elismar eine persönliche Geschichte aus seiner Vergangenheit, die etwa 20 Minuten ging. Es war eine Art Zeugnis, das sowohl emotional als auch dramatisch und humorvoll vorgetragen wurde. Wie so oft in seinen Predigten nutzte er auch hier Wiederholungen und forderte uns mehrfach dazu auf, Sätze im Chor mitzusprechen.
Die Geschichte begann in Portugal, wo Elismar als junger Pastor lebte. Eines Nachts träumte er von einer völlig fremden, heruntergekommenen Kirche, mit der er keinerlei Bezug hatte. Einige Wochen später erhielt er eine Nachricht von Freunden aus Brasilien, die ihn einluden, sie in einem neuen Projekt zu besuchen. Dies war kein geistliches Projekt, sondern seine Freunde eröffneten eine Apotheke in Santana do Araguaia, einer recht abgelegenen Stadt im zentralen Brasilien mit etwa 70’000 Einwohnern. Warum seine Freunde genau ihn nach Unterstützung in diesem Projekt fragten, zumal er doch in Portugal wohnte und Pastor und kein Handwerker war, wurde nicht weiter erklärt.
Anfangs lehnte Elismar kategorisch ab. „Auf keinen Fall gehe ich dahin“, erzählte er. Die Stadt habe nichts gehabt, „viel Gewalt, die Leute fuhren ohne Helm Motorrad, es starben ständig Menschen“. Er wollte definitiv nicht hin. Jedoch, so sagte er, „Gott hat eben seine Art, Dinge zu lenken.“ Schliesslich liess er sich überreden, für eine Woche zu kommen – „nur mal kurz die Apotheke anschauen“ – und das extra von Portugal.
Dann erzählte Elismar, wie er, bereits in Brasilien angekommen, mit seinem Freund im Pickup-Truck auf dem Weg nach Santana do Araguaia war. Die Anreise sei lang und beschwerlich gewesen, und die Strasse, die zur Stadt führte, bestand nicht einmal aus Asphalt, sondern schlicht aus Erde. Als sie schliesslich die Stadtgrenze erreichten, blickte Elismar aus dem Fenster und sah zu seiner Überraschung genau die Kirche, von der er Wochen zuvor im Traum eine klare Vision gehabt hatte. Daraufhin rief er aus: „Ich weise das im Namen Jesu zurück!“ Doch sein Freund blieb gelassen und sagte nur: „Bruder, Gott bringt dich hierher, um uns zu helfen.“ Zu diesem Zeitpunkt war Elismar aber noch überzeugt davon, dass er bereits die Woche darauf nach Portugal zurückfliegen würde. Das Ticket sei ja bereits gebucht gewesen.
Am darauffolgenden Tag war Elismar mit seinen Freunden in der Apotheke, die gerade umgebaut werden sollte. Dort betrat dann plötzlich eine ältere Frau die Apotheke und kam auf ihn zu. Sie war eine gläubige Schwester, bekannt für ihren festen Glauben, wie er es ausdrückte. Sie teilte ihm mit, dass sie in der Nacht zuvor eine Offenbarung erhalten hatte, und zwar, dass er in die Stadt kommen und ihre Kirche besuchen würde. Als sie ihn also darum bat, sie zu besuchen, wollte Elismar sich eigentlich auf niemanden einlassen. Immerhin sei er „nur fürs Wochenende“ da. Doch als die Frau nicht locker liess, willigte er schliesslich ein und besuchte die Kirche. Zu seiner Überraschung war es jene alte, heruntergekommene Kirche, von der er zuvor geträumt und die er auf der Anreise gesehen hatte.
Dort angekommen war sein Plan simpel: Er wollte die Anwesenden nur kurz segnen und direkt wieder gehen. Doch die Kirche war voll. Und als er dort predigte, trat eine weitere ältere Frau, um die 80 Jahre alt, zu ihm nach vorne und rief laut: „Du wirst diese Stadt nicht verlassen, bevor Gottes Werk hier vollendet ist.“ Und so war es auch: Am Ende blieb Elismar ein Jahr und acht Monate in Santana do Araguaia. In dieser Zeit wurde die Kirche vollständig umgebaut und renoviert. Dies erforderte viel harte Arbeit, mit wenig Geld und der Hilfe der einfachen Menschen, die dort lebten. Viele hatten kaum etwas, manche boten laut Elismar sogar Hühner als Beitrag an.
Er selbst ging auf die Felder, sammelte Material, sprach mit dem Bürgermeister… Selbst einen Unfall überstand er in dieser Zeit. Und aus der kleinen, ärmlichen Kirche entstand schliesslich die grösste Kirche in Santana do Araguaia: mit Glasfassade, Klimaanlage und Platz für über tausend Menschen.
Nach diesem Jahr und acht Monaten wollte Pastor Elismar gar nicht mehr zurück nach Portugal. Aber Gott habe ihm gesagt, dass er zurückgehen müsse, da seine Arbeit dort vollbracht war. „Denn dort werde ich dir deine Frau schenken.“
Persönliche Einordnung
Die Geschichte war zweifellos eindrücklich erzählt. Sehr bildhaft, mit einer gewissen Dramaturgie. Sie folgte dem klassischen Schema einer Berufungsgeschichte: ein göttlicher Traum, anfänglicher Widerstand, überraschende Bestätigung, Durchbruch trotz aller Widrigkeiten, am Ende die Belohnung. Elismar verstand es, Spannung aufzubauen und Humor einzusetzen. Er teilte seine Zweifel und seine Opfer. Auch war die emotionale Dichte hoch: alte Frauen mit Offenbarungen, Menschen, die Hühner spenden, die grösste Kirche der Region, ein Unfall, eine göttliche Partnervermittlung. Das mag für manche inspirierend sein, und für andere etwas überhöht wirken. Für mich persönlich lag es irgendwo zwischen echter Hingabe und inszenierter Selbstvergewisserung. Die Botschaft, die am Ende blieb, war aber deutlich: Wenn Gott einen ruft, würde er einen auch ausstatten. Und wenn man sich ihm hingebe, könne Grosses entstehen.
Fazit
Mein Eindruck der ADISM Church ist, dass sie eine moderne, medienpräsente Freikirche mit einem stark charismatischen Stil ist. Der Gottesdienst war emotional, laut und aktivierend und hatte viel Beteiligung und persönliche Ansprache. Manches wirkte authentisch, anderes aber auch ein wenig inszeniert, um mehr Eindruck zu hinterlassen.
Wenn ich nun auf die Fragen zurückkomme, die ich mir zu Beginn gestellt habe, ergibt sich folgendes Bild: Wie gestaltet sich das Gemeindeleben? Es scheint bewusst familiär gestaltet und auf aktive Mitwirkung ausgerichtet zu sein. Das zeigte sich für mich in der freundlichen Begrüssung, dem Café-Bereich, kindergerechten Ecken im Gottesdienstraum sowie in der aktiven Beteiligung von Mitgliedern am Ablauf. Welche Werte prägen sie? Die Werte wirken insgesamt etwas konservativ. Gehorsam, Hingabe und Vertrauen darauf, dass Gottes Wille wichtiger ist als eigene Wünsche, werden oft angesprochen. Auch wird immer wieder die Bedeutung von Standhaftigkeit betont, selbst dann, wenn man Gottes Pläne gerade nicht versteht. Wie flexibel ist die Interpretation ihrer Lehren? Meiner Meinung nach scheinen ihre Lehren gerade wegen dieses Gehorsams wenig flexibel. Möglichkeiten zu verschiedenen Interpretationen werden nicht angesprochen und stattdessen stehen Ansagen und motivierende Aufrufe zum Durchhalten im Zentrum. Insgesamt hinterlässt die ADISM Church den Eindruck einer modernen, aber stark geführten Freikirche, die ihren Glauben emotional vermittelt.
Laura Meyer, 31. Juli 2025