Zeugen Jehovas: Neue Endzeit-Botschaften

In ihrer Wachtturm-Studienausgabe vom Oktober 2019 – die Zeugen Jehovas produzieren ihre Periodika jeweils weit im Voraus – wird das Thema der Endzeit wieder neu aufgewärmt. Wer meinte, die Zeugen Jehovas würden sich allmählich von ihrer Endzeitbotschaft entfernen, sieht sich getäuscht.

Das Jahr 1914: Beginn der Endzeit

Die Wachtturm-Studienausgabe nimmt Bezug auf das Jahr 1914, für welches die „Ernsten Bibelforscher“, wie die Zeugen Jehovas damals hiessen, apokalyptische Ereignisse erwartet haben. Als diese ausblieben, wurde das Jahr zum Beginn der Endzeit umgedeutet, an deren Ende die erwartete Apokalypse erfolgen würde.

Die Generation der Endzeit als Doppelgeneration

Hiess es zuerst, dass die Apokalypse erfolgen würde, solange ein Teil der Menschen noch am Leben ist, die das Jahr 1914 selbst erfahren haben, wird heute behauptet, dass die Generation der Endzeit eine Doppelgeneration sei, in welcher nach 1914 geborene Menschen die Generation von 1914 ablöst.

Konsequenterweise richtet sich die Wachtturm-Studienausgabe in erster Linie an Menschen der zweiten Hälfte der Doppelgeneration: „Wurdest du nach 1914 geboren? Dann hast du dein ganzes Leben in den ‚letzten Tagen‘ des gegenwärtigen Weltsystems verbracht.“

Das Ende ist nah

Die Idee der Doppelgeneration wurde zum Teil als Hinweis auf ein Nachlassen der akuten Endzeiterwartung der Zeugen Jehovas gelesen. Dieser Auslegung widerspricht die Studienausgabe des Wachtturms in aller Deutlichkeit: „Seit 1914 ist schon viel Zeit vergangen. Wir müssen also in den letzten Tagen der ‚letzten Tage‘ leben.“

Aus dieser Naherwartung ergeben sich Konsequenzen: „Das das Ende so nahe ist, sollten wir die Antworten auf folgende wichtige Fragen kennen: Was wird am Ende der ‚letzten Tage‘ geschehen? Was erwartet Jehova von uns bis dahin?“

Friede und Sicherheit als Hinweis auf die Nähe des Endes

In der Vergangenheit haben die Zeugen Jehovas vor allem Kriege und Kriminalität als Hinweis auf die Endzeit interpretiert. In der Studienausgabe des Wachtturms von Oktober 2019 wird ein neuer Gedanke präsentiert (der allerdings bei evangelikalen Endzeit-Experten bereits seit 20 Jahren eine gewisse Beliebtheit geniesst): Nun soll es – im Anschluss an 1. Thess 5,1ff. – nicht mehr die drohende Kriegsgefahr sein, die auf die drohende Apokalypse hinweist, sondern im Gegenteil die Verkündigung von Frieden und Sicherheit: „Kurz vor diesem ‚Tag‘ (das Ende dieser Weltzeit, red.)  werden die Nationen ‚Frieden und Sicherheit‘ verkünden.“ „Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, zu denken, führende Persönlichkeiten könnten wirklich Weltfrieden schaffen. Vielmehr wird diese Erklärung das von uns erwartete Zeichen dafür sein, dass ‚Jehovas Tag‘ unmittelbar bevorsteht“.

Was konkret haben die Zeugen Jehovas im Auge? Ein Vorgang liegt auf der Hand: die Friedensbemühungen des Trump-Schwiegersohns Jared Kushner für den Nahen Osten. Sein Friedensgipfel in Warschau vom vergangenen Februar lief unter dem Titel „Peace and Security for the Middle East“ (Frieden und Sicherheit für den Nahen Osten). Und seine Veranstaltung in Bahrain diesen Sommer trug den Titel „Peace to Prosperity Workshop“.

Jared Kushner – Antichrist?

Die Bemühungen Kushners werden in den USA von verschiedener Seite heilsgeschichtlich interpretiert : So sehen manche Exponenten des amerikanischen Evangelikalismus in Kushner den Antichristen, der ein endzeitliches Friedensreich aufrichten wird, bevor dieses in einen apokalyptischen Konflikt übergeht.

Auf diese Deutung der Bemühungen Kushners scheinen nun auch die Zeugen Jehovas Bezug zu nehmen, auch wenn sie keine einzelne Person als Antichristen erwarten, sondern den Begriff „Antichrist“ als endzeitliche Bewegung von Gegnern und insbesondere auch von ehemaligen Zeugen Jehovas („Abtrünnige“) verstehen.

Richtiges Verhalten vor dem Ende

Wie für Endzeit-Gemeinschaften typisch ziehen die Zeugen Jehovas aus der Naherwartung des Endes die Konsequenz, dass jetzt besonders striktes Befolgen der Regeln gefragt ist: „Zum Beispiel müssen wir darauf achten, neutral zu bleiben und uns nicht in politische Angelegenheiten hineinziehen zu lassen. Sonst könnten wir ‚ein Teil der Welt‘ werden.“

Intensives Missionieren

Naherwartung führt fast immer zu verstärkter Missionstätigkeit, so auch bei den Zeugen Jehovas: „Wir möchten auch andere darauf aufmerksam machen, was gemäss der Bibel auf die Welt zukommt. Wenn die grosse Drangsal (die apokalyptischen Ereingisse, red.) begonnen hat, ist es nämlich zu spät, sich auf Jehovas Seite zu stellen. Deshalb ist das Predigen so wichtig.“ „Jehova erwartet von uns, dass wir in der kurzen Zeit bis zu seinem ‚Tag‘ eifrig predigen.“

Angesichts dieser Aufforderungen ist zu vermuten, dass sich Besuche der Zeugen Jehovas an der Haus- oder Wohnungstür in den nächsten Monaten häufen werden.

Mehr zum Thema:

Lexikoneintrag: Zeugen Jehovas

Erfahrungsberichte:

Bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen

Mein Leben als Zeuge Jehovas
Oreste Wernli, in: Informationsblatt Nr. 4/1996

Startevent der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ – Gründung einer weltumspannenden Bewegung oder spirituelle Kaffeefahrt?

Heute Sonntag, 16. Juni 2019, fand im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen am Bodensee der Startevent der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ statt, welche auf eine Idee von Christina von Dreien zurückgeht und von Norbert Brakenwagen initiiert wurde. Ziel der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ ist es, den Menschen, welche durch die Botschaft der Christina von Dreien bewegt wurden, eine Gelegenheit zum Austausch und zur Präsentation ihrer Projekte zu geben. Der Name „Die Vision des Guten“ ist der Titel des zweiten Bandes der Christina-Buchreihe, in welcher Bernadette von Dreien die Geschichte und die Botschaft ihrer Tochter Christina beschreibt.

Rollup mit dem Logo der Vernetzungsplattform „Die Vision des Guten“ im Foyer des Graf-Zeppelin-Hauses

Christina-Hype am Abklingen?

Als wir kurz vor zehn Uhr beim Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen eintreffen, haben wir Mühe, den Haupteingang zu finden. Um dessen Lage haben wir uns im Vorfeld nicht gekümmert, weil wir davon ausgingen, wie bei Christina-von-Dreien-Veranstaltungen üblich einfach den Menschenströmen folgen zu können. Doch daraus wurde nichts. Die Umgebung des Graf-Zeppelin-Hauses war abgesehen von Einheimischen, die auf der angrenzenden Seewiese zu einem Bad im Bodensee ansetzten oder ihren Hund spazieren führten, ziemlich menschenleer. Besorgt nahmen wir die Veranstaltungsanzeige hervor und vergewisserten wir uns, dass wir tatsächlich zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Alles hatte seine Richtigkeit. An der Kasse erhielten wir ein Papierband als Erkennungszeichen der Teilnehmenden, sinnigerweise in der Farbe Violett gehalten, die ja allgemein für Theosophie und Esoterik steht (so auch auf dieser Website).

Im grossen Saal des Graf-Zeppelin-Hauses, der gut 1000 Sitzplätze bereithält, war nicht mal jeder zehnte Platz besetzt. Bloss 85 Personen, die Veranstalter mitgerechnet, verteilten sich in den Sitzreihen. Bei seiner Begrüssung nahm Norbert Brakenwagen auf den geringen Publikumsaufmarsch Bezug, lobte die Anwesenden für ihr Kommen und belohnte sie mit der Aussicht, bei einem wichtigen Event dabei zu sein, einer Plattform, die in Kürze eine grosse Bedeutung und starken Zulauf haben werde. Diesmal seien noch wenige Menschen dabei, weil die Veranstaltung erst vor vierzehn Tagen ausgeschrieben wurde: „Doch in einem Jahr wird dieser Saal nicht mehr ausreichen“, prognostizierte Brakenwagen.

Brakenwagen wies darauf hin, dass die Website der Vernetzungsplattform unter der Adresse www.dievisiondesguten.com immerhin schon 600 Teilnehmende habe. Allerdings ist auch diese Zahl eher gering verglichen mit den gut 7’000 Personen, die zur geschlossenen Facebook-Gruppe Christina von Dreien gehören.

Entttäuschte Christina-Fans

Mögliche Motive für ein Abklingen des Interesses an Christina von Dreien gibt es durchaus: Zum einen steht die Publikation des dritten Bandes der Christina-Buchreihe, welche dem Vernehmen nach auf Anfang 2019 geplant war, seit längerem aus. Nun ist auch die Werbung für den Band von der Website von Bernadette von Dreien verschwunden. Manche Personen, die an Christina-Veranstaltungen die dort gebotene Möglichkeit nutzten, den dritten Band vorzubestellen, fühlen sich nun veräppelt. Kommt dazu, dass der dritte Band und dessen Inhalt im zweiten Band der Buchreihe verschiedentlich angekündigt wird. Die dadurch hervorgerufene Neugier scheint nun mancherorts in Ärger umzuschlagen.

Manche Fans nehmen es Christina auch krumm, dass sie es bei der Vorbereitung ihres geplanten Anti-5G-Flashmobs unterliess, rechtzeitig die notwendigen Bewilligungen einzuholen. Ins Wasser fiel auch Christinas Ersatzprogramm einer gemeinsamen Übergabe des offenbar von Norbert Brakenwagen formulierten Anti-5G-Briefs an die Behörden im Bundeshaus: Christina von Dreien hatte nicht bemerkt, dass die von ihr recherchierten Öffnungszeiten am Sonntag nur das Besucherzentrum betrafen, nicht die im Bundeshaus domizilierten Ämter. Insgesamt machte die Flashmob-Geschichte den Eindruck einer organisatorischen Totalpleite.

Christina von Dreien und die Vernetzungsplattform: Dabei, nicht dabei, doch dabei, oder doch wieder nicht?

Die Idee der Vernetzungsplattform äusserte Christina von Dreien in einer Sendung „Time to be“ mit Norbert Brakenwagen im Februar 2019, wo sie die Zuschauenden aufforderte, sich dieser Plattform anzuschliessen. Angekündigt wurde damals, dass die Plattform über Christina von Dreiens eigene Website laufen würde.

Dann starb Uriella, und in der Öffentlichkeit wurde intensiv über die Frage diskutiert, ob Christina von Dreien in die Fussstapfen der Verstorbenen getreten ist. Den offensichtlichen Gemeinsamkeiten wurde von Christina-Verteidigern als ein wesentlicher Unterschied entgegengestellt, dass Christina von Dreien bisher keine Gemeinschaft begründet habe.

Da lag der Plan der Vernetzungsplattform nun argumentatorisch ganz quer in der Landschaft. Er las sich wie eine Bestätigung der Vermutung von Kritikern, dass sich Christinas Wirksamkeit derjenigen von Uriella nach und nach weiter annähern würde. In einer der nächsten Sendungen mit Norbert Brakenwagen distanzierte sich Christina von Dreien von der Plattform: Brakenwagen dürfe diese gründen und führen, sie wolle damit aber nichts zu tun haben, weil sie, wie sie sich ausdrückte, sonst „einen energetischen Fruchtsalat habe“. In der letzten Sendung „Time to be“ vom April 2019 versuchte Brakenwagen, Christina von Dreien eine verbale Unterstützung der Plattform abzuringen, aber Christina blieb distanziert.

Auf der Einladung zum Startevent las sich das aber nun ganz anders. Nach einigen weiteren Referenten sollte Christina von Dreien nun als Schlussrednerin auftreten. Bedenken wegen Fruchtsalaten scheinen mittlerweile keine mehr zu bestehen.

Als der Zeitpunkt von Christina von Dreiens Auftritt – 17.00 Uhr – erreicht war, trat statt ihrer ihre Mitarbeiterin Nicola Good auf die Bühne. Christina von Dreien sollte, so war zu erfahren, nicht live, sondern über eine Videoschaltung sprechen. Sie befinde sich auf einer sechswöchigen Weltreise, bei welcher es auch im ihre Mission gehe, und sei zurzeit in Südamerika. Doch die Videoschaltung kam nicht zustande, und stattdessen wurde eine vorbereitete Erklärung vorgelesen (so überraschend kamen die Probleme mit der Videoschaltung offensichtlich nicht). In dieser Erklärung sprach Christina sehr positiv von der Vernetzungsplattform: Einzelne Lichter würden sich nun verbinden, um ein Lichtnetz zu bilden, das die Welt heller machen würde. So entstünde in der Schweiz ein Energieportal, das ganz Europa helfen könne. Die Menschen müssten ihren Weg nicht mehr alleine gehen. Von der Distanziertheit des Frühjahrs war nichts mehr zu spüren.

Lena Giger, die Kristall-Mutti

Alle anderen ausgeschriebenen Referierenden waren anwesend, so Lena Giger, die sich in den 2000er Jahren als „Kristallkind Lena“ auf der Esoterik-Szene einen Namen machte. In den 2010ern spezialisierte sie sich auf Partnerschaftsfragen und führte zu diesem Thema Beratungen durch.

Jetzt ist Lena Mutter, und trat auch mit ihrem Sohn zusammen auf. Während ihres Referats sass er auf den Knien seiner Mutter, wenn er nicht Norbert Brakenwagen Wasser anbot und ihm zuprostete. Dass sich das Thema von Lenas Beratungen nun auf die Elternschaft verschoben hat, wurde so deutlich, dass eine Besuchende, welche eine Beziehungsfrage stellen wollte, sich zuerst für den Themenbruch entschuldigte.

In ihrer Antwort, die sie ins Headset sprach, während sie von ihrem Sohn durch den Saal geführt wurde, stellte Lena die Wut der Anfragenden über die Tatsache, dass ihr Partner sie verlassen hat, um sich mit einer anderen zusammenzutun, als natürlich und als Kraft dar. Zudem vertröstete sie die Anfragende auf mögliche nächste Beziehungen. Die Anfragende war sichtlich nicht überzeugt, wir auch nicht. Der Versuch, schwierige Emotionen ins Positive umzudeuten und auf die Zukunft zu vertrösten, wäre als Tipp von einem Kumpel durchaus o.k., von einer Person, die sich über Jahre als Spezialistin in Partnerschaftsfragen definiert hat, ist das nach unserer Ansicht zu banal.

Meli Jurak, Brakenwagens Nachfolgerin

Norbert Brakenwagen nutzte den Startevent der Vernetzungsplattform, um seinen Rücktritt von seiner Sendung für Ende 2021 anzukündigen. Angesichts seines Jahrgangs 1956 heisst dies, dass er sich mit 65 pensionieren lassen wird, was für sich noch keine Sensation darstellt, spannend war aber die Tatsache, dass er gleich seine Nachfolgerin präsentierte: Melanie Jurak aus Graz, Jahrgang 1995, damit 24 Jahre alt und Tochter eines esoterisch interessierten Vaters, wie sie berichtete.

Nach ihrer Matura sah sich Meli Jurak an der Uni um, kam aber zum Schluss: „Das, was dort gelehrt wird, das sind komische Sachen, das möcht ich gar nicht wissen“. Eine Ausbildung zur Krankenschwester brach sie ab und absolvierte verschiedene esoterische und esoteriknahe Ausbildungen, so auch ein Modul als Lernbegleiterin in den Lais-Schulen der umstrittenen Anastasia-Bewegung.

Neuerdings moderiert Meli Jurak eine eigene Sendung auf dem Privatsender Schweiz 5, auf welchem auch Brakenwagens Sendung läuft, jeweils jeden zweiten Freitag zwischen 16.00 und 16.30 Uhr unter dem Titel „Magic Moments“. Daneben unterstützt sie Brakenwagen in seiner Tätigkeit, so bei der Vorbereitung des heutigen Events.

Die Vision des Guten will Meli Jurak vor allem in drei Bereichen umsetzen: Gute Gedanken, gute Gefühle, gute Konsumation. Als Beispiel für letzteres meint sie, dass sie nun statt Modeschmuck Heilsteine kaufen würde.

Auf die Frage einer Teilnehmerin, ob ihr die Krankheiten der Personen, die sie berate, nicht nahegehen würden, meinte Jurak, sie sage sich jeweils über den Klienten: „Du entscheidest dich für deine Krankheiten und deine Gesundheit, deshalb berührt’s mich nicht so extrem, dass ich jetzt in Tränen ausbrechen würde.“ Negative Emotionen würde sie, so berichtete Meli Jurak, gelegentlich auf einen Zettel aufschreiben und diesen dann das Klo runterspülen.

Pfeifen und Amulette

Weitere Referenten empfahlen ihre Produkte, die für Interessierte gleich im Foyer des Saales angeboten wurden. Walter Rieske von der Firma „Genesis pro live“ bot Geräte an, die nicht nur vor schädlichen Strahlen schützen sollen, sondern auch Gesundheit und Wohlbefinden verbessern würden. Der Stromverbrauch im Haushalt würde ebenso reduziert wie der Benzinverbrauch des Autos. Ein Amulett mit einer Acht, welche eine Lemniskate kreuzt – die doppelte Unendlichkeit, wie Walter Rieske das Symbol nennt – schafften sich einige Teilnehmende an und trugen es im Fortlauf der Veranstaltung.

Daniel Grenzner vertrieb den LoveTuner, die kleinste Orgelpfeife der Welt, welche mit ihrem Klang von 528 Hertz besonders heilsam sein soll, wenn Verletzungen damit angeblasen würden. Der LoveTuner wurde einer Die-Vision-des-Guten-Version verkauft, mit einem Bändel, der von Indios gefertigt wurde und von dessen Erlös je ein Baum gepflanzt wird.

Zahlreiche Teilnehmende schafften sich eine Pfeife an, so dass manche, etwa Nicola Good, sowohl Amulett als Pfeife um den Hals trugen.

Für diese Produkte wurde so intensiv und erfolgreich geworben, dass phasenweise der Eindruck einer spirituellen Kaffeefahrt aufkam. Norbert Brakenwagen verwahrte sich zwar verschiedentlich gegen den Vorwurf, es würde sich um eine Verkaufsveranstaltung handeln, aber repetitiv wiederholte Versicherungen tendieren ja dazu, das Gegenteil nahezulegen. Ob das auch für die ebenfalls mehrfach wiederholte Beteuerung zutrifft, heute ginge es nicht um die Gründung einer Sekte, wird die Zukunft zeigen müssen.

Jahresbericht Relinfo 2018 online verfügbar

Der Jahresbericht von Relinfo fürs Jahr 2018 ist nun online verfügbar:
http://www.relinfo.ch/pdf/jahresbericht-relinfo-2018.pdf

Die Zahl der Anfragen bei Relinfo ist im vergangenen Jahr auf 2895 angestiegen. Gegenüber dem Vorjahr zugenommen haben z.B. die Erkundigungen zu Christina von Dreien, zu rechtslastiger Spiritualität (Anastasia-Bewegung, Neugermanen, Staatsverweigerer), zum Themenfeld des Okkultismus und zu Verschwörungstheorien. Unter christlichen Organisationen wurden stärker nachgefragt z.B. der Verein CARA und die Bewegung „Die letzte Reformation“ um den Dänen Torben Søndergaard. Meistnachgefragte einzelne Organisation war Scientology mit 145 Erkundigungen.

Austrittswelle aus der OCG

In den letzten Jahren haben sich die Austritte aus der umstrittenen  Gemeinschaft Organischen Christus-Generation OCG gehäuft, wobei sich auch langjährige und leitende Mitglieder zurückgezogen haben. Nun hat Ivo Sasek auf diese Austrittswelle reagiert, mit einem Lehrbrief im internen Mitteilungsblatt „Infofluss“ vom 23. Januar 2019.

Ivo Sasek nimmt hier Bezug auf die Vorschriften zum Umgang mit Aussätzigen aus den Büchern Mose im Alten Testament (Lev 13, Dtn 13) und überträgt diese auf den Umgang mit Aussteigern. Schon durch diese Bezugnahme wird deutlich, wie Ivo Sasek von kritischen Ehemaligen denkt: Ihr Verhalten ist wie eine Seuche, von welcher die Gemeinschaft beschützt werden muss. Zudem bemüht Sasek, wie viele andere umstrittene Gemeinschaften auch, das Bild der schimmeligen Früchte, welche die gesunden Früchte anstecken würden, wenn sie mit diesen in Kontakt kämen.

Konkreter Anlass des Schreibens ist der Fall einer, wie Sasek sich ausdrückt, vordersten Frontfamilie, welche mit einem Sohn, der die OCG verlassen hatte, weiterhin Kontakt hielt. Dieser konnte nun zwei seiner Geschwister davon überzeugen, die OCG ebenfalls zu verlassen.

Für Ivo Sasek ist es der Feind, welcher die Mitglieder der Gemeinschaft entreisst und damit Beute macht. Sasek sieht seine Gemeinschaft in einem kosmischen Kräfteringen, und meint, dass in dem geistlichen Krieg, in welchem sich die OCG befinde, jedes Glied notwendig sei. Zudem führe die Gemeinschaft auch einen materiellen Krieg, etwa gegen 5G, wofür ebenfalls jedes einzelne Glied gefragt sei. Wer in dieser Situation gegen den Willen des Heiligen Geistes aussteigt, begeht, so Ivo Sasek, eine Sünde zum Tod, die Sünde des Deserteurs im Krieg, im himmlischen Krieg.

Kritische Ehemalige mit diffamierenden Ausdrücken (Aussatz, schimmlige Frucht, Deserteur) abzuwerten und vom Kontakt mit ihnen abzuraten ist ein typisches Merkmal problematischer Gemeinschaften. Am Beispiel der OCG kann wieder einmal illustrativ gezeigt werden, wie sich diese Merkmale aus der Dynamik radikaler Gemeinschaften von selbst entwickeln, ohne dass sie von anderen umstrittenen Organisationen abgeschaut wären.

Besonders traurig an dieser Argumentation gegenüber kritischen Ehemaligen ist die Tatsache, dass dadurch Familien zerrissen werden. Dies ist auch in den Reihen der OCG der Fall. Eltern verlieren die Verbindung zu Kindern, welche die Gemeinschaft verlassen, Geschwister sollen sich nicht mehr sehen, und Ehepaare zerbrechen, weil einer der Partner in der OCG nicht mehr mitmachen will oder kann.

Infos von Relinfo zur Organischen Christus-Generation OCG:
http://www.relinfo.ch/lexikon/christentum/aeltere-und-evangelikale-freikirche/neuere-fundamentalistische-sondergruppen/organische-christus-generation-ocg/

Christina von Dreien sagt Flashmob am 19. Mai ab

Wie sie in ihrem Newsletter berichtet, hat Christina von Dreien den auf den 19. Mai in Bern geplanten Flashmob abgesagt. Mit dem Flashmob hätte gegen den Mobilfunkstandard 5G protestiert werden sollen.

Als Begründung für die Absage führt Christina von Dreien an, dass sie für die Aktion in Bern keine Bewilligung erhalten habe, und dass auch in Zürich sei keine Halle und kein Platz mehr zu finden gewesen. Unklar bleibt, warum sich Christina von Dreien nicht bereits vor ihrem Aufruf zum Flashmob um die nötigen Bewilligungen gekümmert hat.

Anstelle des abgesagten Flashmobs fordert Christina von Dreien ihre Fans nun auf, eine auf ihrer Website publizierte Erklärung an die Behörden zu senden, die auch im Rahmen des Flashmobs beim Bundeshaus hätte abgegeben werden sollen. In dieser Erklärung fordert Christina von Dreien die Behörden in einem ultimativen Ton auf, „UMGEHEND das illegale Errichten von 5G Antennen oder die Umrüstung von bestehenden 4G Masten auf die 5G Frequenz einzustellen.“

Ferner fordert Christina „der Schweizer Bevölkerung bis zum 15. Juni 2019 BEWEISE vorzulegen, dass diese Technik, die auch für militärische Zwecke als Waffe eingesetzt werden kann und bereits wurde, für die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze unschädlich ist.“

Als Belege für die Gefährlichkeit von 5G weist Christina von Dreien unter anderem auf verschwörungstheoretische Zeiten im Web hin, so auf die Website kla.tv, die der umstrittenen Gemeinschaft OCG nahesteht.

Christinas Erklärung zum Absage des Flashmobs:
https://christinavondreien.ch/web/content/34583

Christinas Brief an die Behörden:
https://christinavondreien.ch/web/content/34581

Unsere Infos zu Christina von Dreien:
http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/christina-von-dreien/

31. Messe Lebenskraft in Zürich Oerlikon

Vom 8. bis 12. Mai findet in der Messehalle Zürich in Oerlikon die 31. Lebenskraft statt, wie immer organisiert von Angelika Meier und ihrer Firma Kryon GmbH. Während 29 Jahren wurde die Lebenskraft jeweils im Kongresshaus Zürich veranstaltet, wo sie die vorhandenen Räume gut auffüllte und so den Eindruck von Gefragtsein und Trendiness vermittelte, auch wenn aussenstehende Beobachtende vermuteten, dass die Besucherzahl in den letzten Jahren eher abnahm, wie es ja bei Messen zu anderen Themen zurzeit ähnlich zu beobachten ist. Im weit grösseren Gebäude der Messehalle Zürich belegt die Lebenskraft nunmehr nur die oberste Etage, was zwar das Interesse eines Grossteils der Anbieter an höheren Welten schlagend abbildet, aber durch die Tatsache, dass die Besuchenden mit Rolltreppe und Lift an mehreren leerstehenden Stockwerken vorbeifahren müssen, um zur Lebenskraft zu gelangen, eine Empfindung  des Abgehobenseins und der Weltfremdheit auslöst.

Dass die Lebenskraft darauf bedacht ist, sich den Trends der Zeit nicht zu verschliessen, wird gleich beim ersten Stand deutlich, welcher die Besuchenden empfängt: vorgestellt wird die Online-Präsenz der Lebenskraft selbst. Dem Zeitgeit verpflichtet ist auch die Entwicklung der Bezeichnung der Lebenskraft: Während sie Mitte der Neunzigerjahre mit dem Untertitel «Esoterische Messe und esoterische Tage» den damals trendigen Begriff der Esoterik gleich doppelt im Namen trug, wird dieser heute, wie auf der Esoterik-Szene allgemein üblich, vermieden, indem sich die Lebenskraft 2019 als «31. Erlebnismesse und Konress für Bewusstsein, Gesundheit und Transformation» bezeichnet.

Während die Online-Präsenz und der Verzicht auf den Begriff der Esoterik zu erwarten waren, kann dies bei einem anderen Trend der 31. Lebenskraft nicht gesagt werden: Insgesamt gleich vier Stände der Lebenskraft 2019 werden von einer freikirchlichen Trägerschaft geführt:

– Schon seit vielen Jahren an der Lebenskraft vertreten sind die «Christen in der Umgebung», es handelt sich um Menschen aus unterschiedlichen Freikirchen (gut vertreten ist dem Vernehmen nach das Missionswerk Mitternachtsruf in Dübendorf), die evangelistische Schriften gratis anbieten, dieses Jahr vornehmlich aus dem Verlag des Missionswerkes Werner Heukelbach. Mir wird eine Broschüre mitgegeben mit dem Titel «Das Beste kommt noch! Gedanken zum Älterwerden.»

– Auch schon seit ein paar Jahren dabei ist Daniel Hari, der nach seinem Theologiestudium an der evangelikalen Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule STH in Basel von 1992 bis 1996 nationaler Berater für Gemeindewachstum der Heilsarmee war und seither als freischaffender Pfarrer tätig ist. Daniel Hari präsentiert an der Lebenskraft das christozentrische Heilen, wie er es auch in seinen Büchern, etwa «Heilen wie Jesus», vorstellt.

– Am Stand der «Himmelsbotschafter» sind Heilung, prophetische Zusprüche und Ermutigungen sowie Traumdeutung zu erhalten. Im Aussteller-Verzeichnis erscheinen die «Himmelsboschafter» nur mit Mobiltelefon-Nummer und mit E-Mail-Adresse. Dem Vernehmen nach handelt es sich um Menschen aus unterschiedlichen Freikirchen. Auf einem am Stand verteilten Flyer wird ein Vortrag von Angi und Attila Szilagyi angekündigt.

– Dieses Jahr das erste Mal mit einem Stand vertreten ist die Heilsarmee Zürich-Oberland, geleitet von Beat Schulthess. Am Stand werden die Angebote von Beat Schulthess in den Bereichen Heilung und Häuserbefreiung vorgestellt. Zum letzteren Thema ist am Vortag der Lebenskraft eine neue Publikation fertig gestellt worden unter dem Titel: «Schreck lass nach! Ungestört leben und schlafen dank christlicher Häuserbefreiung». Angeboten wird aber auch die im freikirchlichen fontis-Verlag erschienene Autobiographie von Zoë Bee, welche eine Zeitlang Schülerin eines umstrittenen esoterischen Meisters war, sich von diesem lösen konnte und später die Ausbildung bei Beat Schulthess absolvierte. Zoë Bee berichtet davon, dass die Häuserbefreiungen so zahlreich nachgefragt werden, dass mittlerweile vier unterschiedliche Teams tätig sind.

Angesichts dieser wachsenden Präsenz freikirchlicher Angebote an der Lebenskraft ertappe ich mich beim Gedanken, ob wohl die Lebenskraft nächstens mit der von Campus für Christus organisierten Explo fusionieren wird…

Selbstverständlich finden sich nach wie vor reichlich Angebote aus dem Bereich von Theosophie und Esoterik, so ist wie jedes Jahr auch diesmal die Organisation Share International vertreten, deren Gründer, der Engländer Benjamin Creme (1922-2016), im Jahr 1982 in weltweit erschienenen Zeitungsinseraten das baldige Auftreten des Maitreya ankündigte, der als Weltenlehrer eine Friedenszeit schaffen würde. In der Folge verkündete Creme, dass der Maitreya im Jahr 1977 aus dem Himalaya nach London gereist sei, wo er seither als Sprecher der pakistanischen Community wirken würde, und nächstens an die Öffentlichkeit träte, indem er sich als der Weltenlehrer zu erkennen geben würde. In Erwartung dieser Offenbarung haben Cremes Anhänger in den folgenden Jahrzehnten Hinweise auf Maitreyas Gegenwart gesammelt und von übernatürlichen Erscheinungen berichtet. Personen, die als Maitreya im Gespräch waren, haben jeweils selbst abgewinkt. Nach Cremes Tod im Jahr 2016 scheint sich eine gewisse Enttäuschung breit zu machen, so berichtet ein junger Mann am Stand von Share International davon, dass daran gedacht würde, die lokale Gruppe in Zürich aufzulösen, da sie immer kleiner geworden sei.

Auch schon zum Lebenskraft-Urgestein gehört der Stand der aus der sikhistischen Sant-Mat-Bewegung stammenden Organisation Eckankar. Eckankar lehrt wie Sant Mat die Meditation von Ton und Licht als spirituellen Weg. Der Gründer von Eckankar, Paul Twitchell, hat seine Bezüge zum Sant Mat in seinem ersten Buch, «Der Zahn des Tigers», das am Eckankar-Stand angeboten wird, aber verschwiegen, und stattdessen behauptet, seine Lehren von einem geheimnisvollen Meister namens Rebazar Tarzs erhalten zu haben. Dies hat Twitchell den Vorwurf des Plagiats eingetragen. Heute geht Eckankar, inzwischen vom zweiten Nachfolger von Twitchell geleitet, mit seiner Geschichte unbefangener um.

Eine problematische Person bleibt der Gründer Twitchell dennoch, so wird am Eckankar-Stand sein aus dem Jahr 1972 stammendes Buch «Das Eck-Vidya. Die uralte Wissenschaft der Prophezeiung» angeboten, welches unter anderem die theosophische Rassenlehre mit der hinduistischen Zeitalterlehre verbindet. So schreibt Twitchell etwa: «Zur Zeit sehen wir, dass die arische Rasse die Vorherrschaft über diese Welt innehat, aber dies wird sich innerhalb einiger Jahre wieder zugunsten der Ulemanen ändern, einer Rasse, die gegenwärtig den Planeten Jupiter bewohnt. Diese Rasse wird auf die Erde und andere Planeten im Bereich des Sonnensystems herunterkommen und sie mit absoluter Herrschergewalt in Besitz nehmen.» Auf die Ulemanen werden dann, so Twitchell, als nächste «Rasse» die Shatikayas folgen, deren Kultur «eine der höchsten Zivilisationen sein» wird, «die es je auf diesem irdischen Planeten gegeben hat». Sie wird für 1000 Jahre herrschen, dann folgt ihr Ende so: «Nach und nach werden Krankheiten und Mischehen diese Rasse schwächen und sie wird sich als bedeutende Rasse auflösen und von der arrianischen Rasse überwältigt werden.» (s. 232f.) Über die Vergangenheit weiss Twitchell zu berichten, dass die «weisse Rasse», die «schwarze Rasse», die «gelbe Rasse» und die «rote Rasse» in vergangenen Jahrtausenden miteinander Kriege geführt hätten, was unter anderem dazu geführt habe, dass die «rote Rasse» «auf eine fast primitive Stufe zurückgesunken» sei (s. 241). Solche aus heutiger Sicht unerträglich rassistischen und kulturimperialistischen Aussagen finden sich in theosopischer Literatur aus dem 19. und 20. Jahrhundert häufiger, sie aber heute unkommentiert zu verbreiten – und dies noch mit dem Anspruch, es handele sich um höheres Wissen – ist hoch problematisch.

Wieder dabei ist der Stand der Attilio Ferrara AG mit Produkten des 1950 in Sardinien geborenen Heilers Attilio Ferrara. Ferrara führt mit seinem Aunda Healing und seinen Produkten seit Jahren zu Anfragen bei Beratungsstellen. Ebenso seit Jahren vertreten ist die Firma Fostac AG, deren Gründer Hans Seelhofer (1949-2011) mit seinem im fostac-Verlag erschienenen Buch «Wegleitung zum Aufstieg 2012» nicht unwesentlich zu den Erwartungen im Zusammenhang mit dem 21. Dezember 2012 beigetragen hat.

Dass unter Esoterikern Verschwörungstheorien eine immer stärkere Verbreitung finden, zeigt sich auch an der Lebenskraft, etwa am Stand der ExpressZeitung, die vom Verlag InfoXpress GmbH in Oberwil produziert wird und monatlich themenzentriert über eine bestimmte angebliche Verschwörung berichtet. Die aktuelle Ausgabe vom April 2019 ist – wenig überraschend – dem Thema des Mobilfunkstandards 5G gewidmet: «Mit 5G in eine strahlende Zukunft!» Hier wird vor 5G heftig Panik gemacht, etwa mit Titeln wie «5G: Leben im Mikrowellenherd» «Schweiz: Umbau auf 5G mit verheerenden Folgen?« »Mobilfunk: Bedrohung für Tiere und Pflanzen?« »Rattenversuch: Beschleunigt elektromagnetische Strahlung den Alterungsprozess?» Ältere Ausgaben der ExpressZeitung beschäftigen sich mit der Mondlandung, mit der Psychiatrie («Werden kritische Gedanken bald auch zu Krankheitsbildern mit Behandlungszwang?»), mit multinationalen Organisationen wie der UNO, der EU und G20, mit dem Klimawandel, mit Impfungen und, vielleicht am problematischsten, die Ausgabe vom August 2018 mit dem Thema Migration. Hier wird die rechtsextreme These vom angeblich geplanten Bevölkerungsaustausch in Europa gleich auf der Titelseite verbreitet.

Erstaunliches zu erfahren ist am Stand des KenntnisBuches. Hier wird ein violetter, in Goldschnitt gehaltener Wälzer mit dem Titel «Bilgi Kitabi. Das Kenntnis Buch» angeboten. Es handelt sich um Channelings, welche die 1923 geborene türkische Esoterikerin Vedia Bülent Corak in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts empfangen hat. Inhaltlich handelt es sich um Verlautbarungen höherer und ausserirdischer Gremien und Wesenheiten, welche die Menschen auffordern, ein neues Zeitalter einzuleiten. Mose, Jesus und Muhammad erscheinen als Vorläufer der Offenbarungen des Bilgi Kitabi. Die Anhänger treffen sich in Gruppen, in der Schweiz gibt es bereits mehrere, und lesen dort wöchentlich jeweils ein Kapitel aus dem Bilgi Kitabi. Das Buch kann aber auch als Orakel dienen, so soll bei einer Frage das Bilgi Kitabi unwillkürlich aufgeschlagen werden. Die so aufgefundene Seite würde die Antwort enthalten. Diese ans «Bibelaufschlagen» pietistischer Kreise erinnernde Methode habe ich mit meinem Bilgi Kitabi, das ich an der 29. Lebenskraft vor zwei Jahren gekauft habe, einmal ausprobiert, ohne sinnvollen Erfolg. Dieses Jahr erfahre ich am Stand, dass der Name der Person, welche das Buch besitzt, mit schwarzer Tinte (schwarz, weil schwarz alle Farben umfassen würde, und Tinte, weil diese Wasser enthalte) auf die Titelseite des Buches geschrieben werden müsse. Nur so könne das Bilgi Kitabi seine Energien entfalten.

Wie in den Vorjahren vertreten ist Shiva Guruji Aruneshvar alias Arun Kalwankar mit seiner Schülerin Shivani Himalaya alias Katrin Suter. Shiva Guruji bietet sein Shiva Dhyan Yoga an, das er u.a. in der Schweizer Bergwelt praktiziert. Daneben ist er als spiritueller Maler tätig, einige seiner Werke können an der Lebenskraft bewundert werden. Eine Broschüre zeigt auf diversen Abbildungen Shiva Guruji und Shivani Himalaya vor dem Matterhorn, wobei offensichtlich viel Photoshop im Spiel ist. Als ich die Broschüre erwerben will, erfahre ich, dass sie 25.- Fr. kostet. Das scheint mir für eine zwar vierfarbig gedruckte, aber bloss 48 Seiten umfassende Broschüre eine doch etwas gar gewagte Preisgestaltung zu sein.

A propos Geschäft: Einen der flächenmässig grösseren Stände führt Norbert Brakenwagen mit seiner Sendung Time To Do. Am Stand werden, wie es Brakenwagen in seinem Newsletter angekündigt hat, Produkte der Gäste seiner Sendung angeboten, so die beiden Christina-Bände von Bernadette von Dreien für je Fr. 28.- (bei Amazon kosten die Werke je € 19.90). Offeriert wird auch das Buch «Unchurch now. Befreiung aus der kirchlichen Matrix und anderen Abhängigkeiten» von Kurt Meier, der nach eigenen Angaben acht Jahre Mönch und acht Jahre Priester in einer Pfarrei war. Meier unterstellt der katholischen Kirche übelste Absichten, so behauptet er von der katholischen Taufe etwa das folgende: «Sie legt einen Angelhaken in dein Energiefeld, sodass du manipulierbar und abhängig bist. Sie schliesst dein Drittes Auge, sodass du keinen intuitiven Zugang zu Gott mehr hast. … Es werden folgende Programme eingepflant: Ego, Erbsünde, Trennung Schuld, Angst, Sühne, Zweifel, Anti-Weiblichkeit.» (s. 93). Wer die üblen Wirkungen von Kirche und Religion loswerden will, kann das in Workshops von Kurt Meier tun, für welche im Buch geworben wird. Unter dem Namen «Unchurch Now» soll, so Meier, eine «weltweite Bewegung» entstehen, «die eine befreite Menschheit anstrebt und unterstützt.» (s. 210)

Daneben vertreibt der Stand von Norbert Brakenwagen für Fr. 1’057.- einen sog. Biophotonen-Home-Generator, der aussieht wie eine runde Metalldose, die auf einem Stecker aus Plastik montiert ist, so dass sie sich in einer Steckdose applizieren lässt. Informationen über den Inhalt des Geräts lassen sich die Verkäuferinnen am Time To Do-Stand nicht entlocken, bemerkt wird aber, dass vor allem die Energetisierung des Geräts aufwändig sei. Mit ähnlicher Begründung hat schon Uriella die z.T.  hohen Preise der Kochsalzampullen ihrer sog. Apotheke Gottes gerechtfertigt. Wie dem auch sei, wir können uns weder zum Kauf des Biophotonen Home Generators entschliessen noch zur Anschaffung des mit Fr. 527.- deutlich günstigeren Biophotonen Car Generators, der in der Bordspannungssteckdose des Autos zum Einsatz kommt.

Beim Elementewirbel-Anhänger, einem Metallring aus versetzt übereinander gelegten Metallstiften, der für Fr. 102.- erhältlich ist, besteht die Verkäuferin den Test, ob sie das von ihr empfohlene Produkt auch selbst verwendet, mit Bravour, indem Sie den Ring unter ihrem Shirt hervorzieht. Trotzdem sehen wir von einer Anschaffung ab.

Von Time To Do vertrieben werden für Fr. 36.90 ferner Flaschen mit Zedernnussöl aus der umstrittenen Anastasia-Bewegung. Angesichts der Tatsache, dass Norbert Brakenwagen den Anastasia-Gründer Wladimir Megre in seiner Sendung empfangen hat, ist das wenig erstaunlich.

Christina von Dreien organisiert Flashmob in Bern gegen 5G

Auf ihrer Website ruft Christina von Dreien für den Sonntag, 19. Mai 2019, ab 12.30 Uhr in Bern zu einem Flashmob als Protest gegen den Mobilfunkstandard 5G auf. Stattfinden wird die Aktion «mitten in Bern». Der genaue Ort – vielleicht der Bundesplatz? – und die Uhrzeit sollen erst kurzfristig am 19. Mai bekannt gegeben werden, wobei Christina von Dreien zuerst vorhatte, die Infos über ihren Twitter-Account zu publizieren. Da sie aber viele Mails von Menschen bekommen habe, welche zwar gerne mitmachen würden, aber keinen Zugang zu Twitter hätten, würden Ort und Uhrzeit nun per Whatsapp mitgeteilt. Bekannt ist schon, dass der Flashmop «nicht sehr lange gehen» wird, wie das in der Natur von solchen Veranstaltungen liege.

In der gleichen Information auf ihrer Website fordert Christina von Dreien ihre Fans dazu auf, der jeweiligen Wohnortgemeinde ein vorformuliertes Rechsbegehren zuzusenden, welches den Abbau allfällig bereits installierter 5G-Antennen verlangt.

Das Thema des Mobilfunkstandards 5G hat Christina von Dreien schon vor einigen Wochen entdeckt, so hat sie ihre zweitletzte Sendung «Time to be» mit Norbert Brakenwagen auf dem Sender Schweiz 5 am 27. März 2019 diesem Thema gewidmet.

Über die Gefahren von 5G meinte Christina von Dreien in dieser Sendung u.a.: «Also, ich meine, zum einten, da wird man ja gegrillt.» Über den Zweck von 5G scheint Christina von Dreien im März aber noch unklare Vorstellungen gehabt zu haben, wenn sie etwa meint, dank 5G würde es möglich sein, in der Sahara zu telefonieren. Irritierend war vor allem die folgende Aussage Christinas: «Ich meine auf der Sahara muss ich jetzt wirklich kein Internet haben, und sonst hat jedes Hotel WLAN.» Hotels mit WLAN «auf der Sahara»? Hat Christina von Dreien vielleicht die Begriffe Sahara und Safari durcheinander gebracht? Wie dem auch sei, bei 5G geht es nicht um das Schliessen von Funklöchern, sondern um eine höhere Datenübertragungsrate.

Auch über die politische Situation in Bezug auf die Einführung des 5G-Standards in der Schweiz war Christina von Dreien im März offenbar nicht im Bilde: «Ich weiss gar nicht, wurde irgendwann mal über 5G abgestummen?»

Nebst dem Gegrillt-Werden sieht Christina von Dreien die Hauptgefahr des 5G-Standards darin, dass dieser die Manipulation der Gedanken der Menschen ermöglichen würde. Wie dies technisch geschehen soll, bleibt offen. Christina von Dreien sieht 5G als weiteres Werkzeug der grossangelegten Manipulation, welche sie in unserer Gesellschaft am Werke vermutet. In diesem Zusammenhang kommen bei Christina z.B. die Schulen regelmässig schlecht weg, so auch in der erwähnten Sendung «Time to be» vom 27. März: «Das grösste Problem ist, nur schon von der Schule her, werden wir erzogen, dass es eine Wahrheit gibt, und der Lehrer hat sicher immer recht, in Frage stellen darf man nichts, und das ist sicher so, weil das Schulbuch, das stimmt. Und dann werden wir erzogen, dass es nur das gibt, und alles andere nicht. Und wenn man da nachfrägt, dann gib’s gleich Chaos, also das heisst, wir werden darauf programmiert, dass man eben nicht nachfrägt und gar nicht selbst denkt. Das bedeutet, wir haben kein eigenständiges Denkvermögen mehr, oder zumindest viele.» Diese Darstellung mag das Schulwesen des 19. Jahrhunderts korrekt beschreiben, für die moderne Pädagogik ist sie aber diffamierend. Heutigen Lehrpersonen geht es genau darum, ihre Lernenden zu eigenständigem Denken anzuleiten. Hintergrund von Christinas Darstellung ist möglicherweise die von Christinas Mutter in ihren Büchern berichtete Tatsache, dass Christina in ihrer Schulzeit dem Unterrichtsinhalt offenbar öfter mit ihren eigenen Theorien widersprach, die sie aus höherem Wissen geschöpft haben will. Dafür hatten ihre Lehrpersonen – wer will es ihnen verdenken – je nach Tagesform vermutlich nicht immer dieselbe Geduld.

Zu den Gefahren von 5G äussert sich Christina von Dreien auch in ihrem Aufruf zum Flashmob. Hier listet sie auf:
– «5G blockiert unsere Energiekörper», so dass das spirituelle Wachstum behindert wird.
– 5G habe die «Fähigkeit, Fähigkeit Gedanken, Emotionen, Handlungen und Körperfunktionen von Menschen und Tieren zu manipulieren, so dass sich die Menschen so verhalten wie von denen gewünscht, die die Fäden ziehen auf diesem Planeten.» Christina erwähnt andernorts übelwollende Ausserirdische als Strippenzieher hinter den Kulissen, die sich von der Angst der Menschen nähren würden.
– «5G sorgt für physische Krankheiten und Probleme wie z.B. Kopfschmerzen, Krebs, Schlafstörungen, Schwindelanfälle etc.»
– 5G könne auch im psychischen Bereich wirken.
– «5G ist perfekt für eine Totalüberwachung der Bevölkerung.»
– «5G ist eine Gefahr für alles Leben auf diesem Planeten. Es zerstört z.B. auch das Immunsystem der Bäume, so dass diese alle absterben. Genauso gefährdet es die Tierwelt.»

Christina von Dreien greift hier Theorien auf, die auch anderswo im Internet kursieren. Sehr konkret ist Christinas Voraussage des Baumsterbens durch 5G. In Ländern mit bereits eingerichtetem flächendeckendem 5G-Standard wie etwa Südkorea sollte diese Wirkung ja, wenn sie denn zutrifft, gelegentlich überprüfbare Folgen zeitigen.

Neben ihrem Flashmob am 19. Mai empfiehlt Christina von Dreien auch die Teilnahme am «Stop 5G National Event», der am 10. Mai von 18.30 – 20.30 auf dem Waisenhausplatz in Bern stattfindet. Christina von Dreien ist in diese Veranstaltung nicht direkt involviert: «Die ‚Stopp 5G National Event‘ Veranstaltung hat nichts mit mir zu tun. Ich habe sie nicht organisiert und werde dort auch nicht sprechen.» Dennoch fordert Christina von Dreien ihre Fans zur Teilnahme an beiden Terminen auf: «Haltet euch den 10. Mai und den 19. Mai frei»

Quellen:

Christina von Dreien, Newsletter 5G:
https://christinavondreien.ch/web/content/34570

Christina von Dreien, Newsletter 5G – aktualisierte Info:
https://christinavondreien.ch/web/content/34572

Christina von Dreien, Norbert Brakenwagen, Sendung «Time to be», «Gedanken die manipuliert werden durch 5G», 27. 3. 2019:
https://www.youtube.com/watch?v=-qfYbhySQyE

Unsere einführenden Informationen zu Christina von Dreien finden sich hier:
http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/christina-von-dreien/

Deutsche Buddhistische Union leitet Ausschlussverfahren gegen den Diamantweg Buddhismus ein

Wie Frank Hendrik Hortz, Delegierter der Deutschen Buddhistischen Union DBU, in seinem Blog mitteilt, hat die Mitgliederversammlung der DBU mit grosser Mehrheit der Einleitung eines Ausschlussverfahrens gegen den Diamantweg Buddhismus des umstrittenen dänischen Lamas Ole Nydahl eingeleitet.

Streitpunkt sind, so Hortz, u.a. islamkritische Aussagen Ole Nydahls, Kontakte zu Rechtsparteien sowie Nydahls Haltung zur Sexualität.

Im nun eingeleiteten Ausschlussverfahren will sich die DBU sechs Monate Zeit nehmen, um die Gemeinsamkeiten für eine Mitgliedschaft des Diamantweg Buddhismus in der DBU noch ausreichen. Eine im Herbst stattfindenden ausserordentliche Mitgliederversammlung soll dann über den Verbleib oder den Ausschluss des Diamantweg Buddhismus aus der DBU befinden.

Interessant wird sein, wie die Schweizerische Buddhistsiche Union SBU auf die Ereignisse reagiert. Der Diamantweg Buddhismus, der in der Schweiz 13 Zentren und Gruppen sowie das Retreat- und Seminarzentrum in Amden unterhält, ist in der SBU sehr gut vertreten, so wird die SBU zurzeit von einer Diamantweg-Vertreterin präsidiert.

Zum Bericht von Frank Hendrik Hortz:
http://www.frank-hendrik-hortz.de/blog/dbu-beschliesst-ausschlussverfahren-gegenuber-diamantweg

Zur Kurzinfo von Relinfo über den Diamantweg Buddhismus:
http://www.relinfo.ch/lexikon/buddhismus/tibetischer-buddhismus-vajrayana/kagyuepa/diamant-weg/

In der nächsten Ausgabe unseres Informationsblattes, welche im Mai erscheinen wird, findet sich ein Artikel zum Diamantweg Buddhismus und zu einem Besuch in einem der Schweizer Diamantweg-Zentren. Das Informationsblatt kann unter der folgenden Adresse bestellt werden: sekretariat@relinfo.ch

 

Shen Yun – die Schönheit der tanzenden göttlichen Wesen

Vom 8. bis 14. April lief im Theater 11 in Zürich eine Tanzaufführung unter dem Namen Shen Yun. Berichtet wurde darüber bereits in den Zeitungen. Man war unerfreut, dass in ihrer Werbung kein Zusammenhang mit Falun Dafa (auch Falun Gong) ersichtlich war, obwohl in der Vorstellung stark für die Gruppe geworben wurde.

Tatsächlich wurde es gemieden, den Namen der Gemeinschaft sofort zu nennen. Dennoch ist es nicht schwer, einen spirituellen Hintergrund zu erahnen, beschreiben sie doch die Aufführung als „Rückkehr der Göttlichen Kultur“ in ihrem Trailer. Und wer auf ihrer Webseite auf die Rubrik „Über Uns“ klickte, hatte zumindest die Möglichkeit zu lesen, dass die Künstler Falun Dafa praktizieren.

Gezeigt wurden mehrere Tanzeinlagen, zwei Lieder und ein Instrumentalstück. In den Tanzsegmenten wurde meist eine Geschichte aus der chinesischen Kultur kurz zusammengefasst dargestellt. Dazu nutzten sie die moderne Technik kreativ, indem sie auf einer riesigen Leinwand den Hintergrund der Szene projizierten, mit dem die Darsteller teils auch interagierten. So kam es vor, dass ein Tänzer den hinteren Rand der Bühne hinabsprang, während an derselben Stelle sein Charakter auf der Leinwand erschien und sich in die Lüfte erhob, um zu fliegen. Landete er wieder auf dem Boden, kam der Darsteller perfekt getimt wieder auf die Bühne. Der Anlass wurde von einem Mann und einer Frau gemeinsam moderiert. Sie gaben sowohl auf Deutsch als auch auf Chinesisch in wenigen Sätzen den Inhalt der Geschichten und Tänze an, damit sie für die Zuschauer verständlich waren.

Zwei der Tanzstücke sowie die beiden Lieder befassten sich mit Falun Dafa und der Kommunistischen Partei Chinas. Darin wird von der Verfolgung und Folterung von Mitgliedern der religiösen Gemeinschaft durch die Partei berichtet. Während Falun-Dafa-Mitglieder als gut, tugendhaft und unschuldig dargestellt werden – ist es doch eine Frau der Gruppe, die als einzige einem in Not scheinenden Mann zu Hilfe eilt, während die restlichen Passanten ihn ignorieren und auf ihre Handys starren – ähneln ihre Verfolger in schwarzer Kleidung und mit rot (auf Chinesisch) beschriftet schon fast dem bösen Widersacher in einem Kinderfilm.

In den beiden Liedern, die vorgetragen wurden, werden sie sogar noch deutlicher. Im Lied „Das Schiff der Erlösung“ heisst es in der Übersetzung:

„Menschen sind auf verhängnisvollem Weg
Wer den Lügen der Verfolgung glauben schenkt,
dem wird der Weg in den Himmel versperrt
Mit modernen Anschauungen, modernem Verhalten,
kommt niemand in die himmlischen Reiche“

Ein Wahrheitsanspruch und Elitarismus werden hier offenkundig, demnach nur Mitglieder von Falun Dafa den Eintritt in den Himmel schaffen. Aufdringlicher ist wohl nur noch die Zeile:

„Falun Dafa ist dabei, Menschen zu erretten“

Aber worum geht es denn eigentlich bei Falun Dafa?

Der Gründer Li Hongzhi lehrt das Bestreben sich an die „höchsten kosmischen Eigenschaften“ Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht anzugleichen mithilfe von Kultivierung. Dazu werden Kultivierungsübungen durchgeführt, die an Meditationsübungen erinnern und dem Erarbeiten von Kultivierungsenergie dienen soll. Anders als bei anderen buddhistischen Kultivierungslehren allerdings, wird einem Praktizierendem bei Falun Dafa –so die Vorstellung – ein Falun (Gebotsrad), ein Wesen aus einer höheren Dimension, welches sich ununterbrochen dreht, in den Unterbauch eingesetzt, indem er oder sie sich mit Li Hongzhis Lehren befasst. Durch das Drehen wird bei einem Schüler von Falun Dafa der Kultivierungprozess nie unterbrochen, im Gegensatz zu Schülern anderer Kultivierungslehren, die nur kultivieren, während sie die Übungen durchführen. Dadurch sollen sie viel schneller auf einer höheren Ebene kultivieren und ihre Präsenz soll wohltuend sein für andere, da das Falun diese Energie auch nach aussen abgeben könne.

Typischerweise ist es möglich durch das Kultivieren in eine höhere Dimension aufzusteigen. Auch soll man aber die ewige Jugend und Unsterblichkeit sowie übernatürliche Fähigkeiten erhalten können. Krankheiten sollen durch die Kultivierung geheilt werden können, da sie durch schlechtes Karma entstehen sollen.

Um erfolgreich zu sein, ist es aber nötig, persönliche Interessen und Eigensinn hinter sich zu lassen. Etwas haben oder erreichen wollen ist hinderlich bei der Kultivierung. „Schlechte Gedanken“ im Alltag sollen vermieden werden. Angestrebt werden soll die höchste Tugend und Moral.

Die Shen Yun Truppe behauptet, dass ihre Ausübung von Falun Dafa, sie dazu befähigt, den Tanz auf ihrem Niveau aufzuführen. Beurteilen kann man das als Aussenstehender natürlich nicht, dennoch war ihre Leistung beachtlich und, Propagandaeinlagen aussenvorlassend, war es eine schöne, gelungene Aufführung.

Nicole Rieder, 18. April 2019

«Heiligste Uriella, wir vemissen dich» – Beobachtungen an der Abdankung von Uriella am 1. März 2019 in Ibach

Icordo (Mitte) spricht an Uriellas Abdankung

Als wir um 14.00 Uhr eintreffen, ist die Pfarrkirche Unteribach, in welcher Uriellas Abdankung stattfinden wird, bereits beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt, obwohl die Feier laut Todesanzeige erst eine halbe Stunde später beginnen wird. Anwesend sind rund 120 Angehörige des Ordens Fiat Lux – in den Neunzigerjahren wurden sie noch Ordensträger oder Fiat-Lux-Träger genannt, in den Achtzigern konnte Uriella gar noch von ihren «Fiat Lüxlern» sprechen, heute heissen sie nach theosophisch-esoterischem Brauch gediegen «Chelas» – so stand es in der Todesanzeige, und so ist es auch auf dem Band eines der drei grossen Kränze mit weissen und pastellfarbenen Rosen wiedergegeben, die neben Uriellas Sarg auf der Chortreppe der Pfarrkirche stehen. Der mittlere Kranz, der als einziger nebst weissen auch goldene Rosen enthält, ist von Icordo seiner «innigstgeliebten Uriella» gewidmet. Uriellas weisser Sarg ist bedeckt von weissem Schmuck in Form von Stoffblumen und Federn, dahinter steht ein weisses Grabkreuz mit der Aufschrift «Uriella 1929-2019». An der den Besuchenden zugewandten Seite des Sargs ist ein Foto Uriellas aus den Neunzigerjahren angebracht.

Hinter den Kränzen und dem Sarg steht der Altar der Pfarrkirche Unteribach, welche Maria Magdalena geweiht ist. Da Uriella nach eigenen Angaben die Reinkarnation Maria Magdalenas ist (in einem noch früheren Leben war Uriella auch die Eva), handelt es sich fürs Verständnis des Ordens Fiat Lux bei der Kirche Unteribach gewissermassen um eine Kirche zu Uriellas eigenen Ehren. Wie dem auch sei, eindrücklich ist zu sehen, wie fürs Auge der Betrachtenden der typische überbordende Fiat-Lux-Schmuck von Sarg und Kränzen in den nazarenischen, volkskunstartigen Stil des Altars übergeht. So hat Uriella bei ihrer Abdankung gewissermassen heimgefunden in die konservativ-katholische Volksreligion ihrer Kindheit.

Abgesehen von rund einem Dutzend Medienschaffenden im hinteren Bereich der Kirche sind alle Anwesenden in Weisstönen gekleidet. Die Menschen im Seniorenalter stellen klar die Mehrheit, der Frauenanteil beträgt rund 75%.

Wenige Chelas treffen nach uns ein. Offenbar sind sich die Chelas des Ordens Fiat Lux gewohnt, einige Zeit vor Beginn der Veranstaltung einzutreffen. Dennoch wird kaum geschwatzt, vielmehr wird andächtig der Musik gelauscht, die von einem portablen CD-Player auf der Empore gespielt wird. Die eingelegte CD könnte den Titel tragen «Best of Ave Maria». Unterschiedliche Vertonungen dieses Gebets wechseln sich ab mit anderer leichter Klassik auf katholisch-liturgische Texte.

Nachdem die Musik fürs Glockengeläut verstummt ist, tritt Icordo auf, mit Elan, aber in Würde gealtert. Mit einem goldgewirkten liturgischen Gewand ruft er mit der typischen Fiat-Lux-Dreiecks-Handgeste den Segen des dreieinigen Gottes an, dankt den Anwesenden für ihr Kommen und der Gemeinde Ibach in Gestalt ihres Bürgermeisters Helmut Kaiser, der selbst unter den Trauergästen ist, für Ihre Kooperation. Icordo räumt dabei gleich ein Missverständnis auf: Die Abdankung findet zwar in der katholischen Kirche statt, ist aber keine katholische Feier. Vielmehr dient die katholische Kirche in Unteribach in Ermanglung einer Abdankungshalle allen Konfessionen für ihre Trauergottesdienste, egal ob evangelisch, Fiat Lux oder katholisch. Dennoch war offenbar eine explizite Genehmigung der Abdankung durch die Erzdiözese Freiburg notwendig, jedenfalls dankt Icordo ausdrücklich dafür.

Icordo dankt auch für das gute Wetter in den vorangegangenen Tagen, für welches sinnigerweise das Hoch Erika verantwortlich war. Am Vortag aber, so Icordo, sei eine Vielzahl von Flugzeugen am Himmel zu sehen gewesen, welche Chemtrails versprüht hätten, damit am Tag der Abdankung von Uriella regnerisches Wetter herrschen würde, und so sei es ja auch gekommen. Aber für den Regen gebe es noch einen weiteren Grund: der Himmel weine um Uriellas Tod. Dass die beiden Erklärungen gleichzeitig geäussert werden, obwohl sie zueinander in einer gewissen Spannung stehen, entspricht im Orden Fiat Lux durchaus einer gewissen Tradition. Schon Uriella konnte das, was um sie herum geschah, als signifikant und zeichenhaft deuten, und hatte keine Probleme damit, für ein und dasselbe Phänomen unterschiedliche und auch widersprüchliche Erklärungen nebeneinander zu stellen.

Wie dem auch sei, für die Zeit nach dem Gottesdienst, wenn die Gemeinde zur Beisetzung Uriellas den Friedhof aufsuchen wird, stellt Icordo eine deutliche Wetterbesserung in Aussicht. Wir würden das ja sehen.

Nun wäre zu erwarten, dass Icordo auf die Verstorbene zu sprechen kommt, zumal er ja nicht nur Abdankungsredner, sondern auch trauernder Witwer ist. Aber Uriella muss warten. Zuerst kommen die Medien dran. Es folgt eine mehrminütige Medienschelte, während welcher Icordo davon berichtet, wie nach der Meldung von Uriellas Tod auf der Gemeinde er von Kamerateams verfolgt wurde, so dass er sich nur knapp in ein Haus des Ordens retten konnte, wo er über längere Zeit belagert wurde.

Und Icordo beschwert sich über die Fake News, welche über seinen Orden verbreitet würden, etwa dass Uriella ihr Athrum-Wasser damals verkauft hätte (was tatsächlich nicht geschah. Das Athrum-Wasser, von Uriella in ihrer Badewanne gequirlt, wurde in Kanistern gratis abgegeben. Als Apotheke Gottes teuer verkauft hat Uriella Ampullen mit Kochsalzlösung, welche sie angeblich energetisch bestrahlt hat).

Icordo fährt fort, dass Uriella niemals einen Weltuntergang angekündigt hätte. Während Icordo beim Athrumwasser recht hat, ist seine Argumentation hier sehr fragwürdig. Uriella hat immer wieder angekündigt, dass die Erde gereinigt und in ein Paradies namens Amora umgeformt würde. Diese Reinigung wäre mit Katastrophen aller Art verbunden, welche Uriella im einzelnen aufzuzählen nicht müde wurde. Zu überleben wären diese Geschehnisse nur durch die Evakuation auf UFOs. Dass hingegen der Planet Erde als solcher untergehen würde, das hat Uriella tatsächlich nie behauptet. Als Weltuntergang wird aber nicht nur die Zerstörung des Planeten Erde verstanden, sondern laut Wikipedia auch «ein Ereignis», welches «die herrschenden Lebens- und Begleitumstände massiv verändert». Und solches hat Uriella immer wieder angekündigt. Insofern war Uriella sehr wohl eine Weltuntergangsprophetin.

Weiters enerviert sich Icordo darüber, dass Uriella als esoterische Lehrerin bezeichnet wurde. Uriellas Lehre sei keine Esoterik, sondern die Wahrheit. Esoterik sei vom Dunkeln. Im weiteren Verlauf des Gottesdienstes wird Icordo einen Einblick in die Lehre des Ordens Fiat Lux geben, und was er da berichtet, ist geradezu typisch esoterisch.

Icordo beginnt nun mit einem Gebet, ist aber über die Medien immer noch so echauffiert, dass er wieder in Medienschelte verfällt. Mit einem zweiten Anlauf zum Gebet geschieht dasselbe, erst beim dritten Mal hat sich Icordo beruhigt.

Nach Gemeindegesang kündigt Icordo ein Lied an, welches er «erhalten» und für Uriella auf CD gesungen habe. Icordo gilt im Orden Fiat Lux als begnadeter Musiker und als Reinkarnation von Johann Strauss. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen, als die CD eingeschaltet wird. Icordo singt «Adios Uriella, ich liebe dich, heiligste Uriella, ich vermisse dich», zu einer Melodie im Schlager-Stil, mit einer Stimme, die etwas klingt wie Hans Albers, allerdings wie ein Hans Albers nach reichlichem Bechern in einer Hamburger Hafenkneipe. Die Töne wirken verwaschen, vor allem ansteigende Intervalle schleift Icordo mit seiner Stimme hoch, und bei langen Klängen macht er sirenenartige Zwischencrescendi. Ich ertappe mich bei der Frage: Welches Karma muss sich Johann Strauss zu Lebzeiten zugezogen haben, dass sein musikalisches Talent sich zu demjenigen Icordos verwandeln konnte?

Endlich wird die Verstorbene zum Thema. Icordo geht auf Uriellas Lebenslauf ein, und hebt hervor, was ihm wichtig scheint.

Uriella sei am 20. Februar 1929 als Erika Hedwig Gessler in Zürich geboren worden. Von ihren Eltern sei Uriella «Erili» genannt und «streng katholisch erzogen» worden. Schon als Kleinkind habe sie spirituelle Interessen gezeigt, so habe sie ein Stoffkreuz anderen Spielsachen vorgezogen, und sie hätte sehr gerne auf Knien gebetet. Später habe sie 13 Jahre Schulzeit absolviert und mit einer Handelsmatur abgeschlossen. Daraufhin habe sie «verschiedene Ausbildungen und Diplome» in den Bereichen Handel und Fremdsprachen gemacht. Für zehn Jahre habe sie eine Sprachschule in England geführt, bei welcher fünf Lehrer angestellt gewesen seien. Nachher sei sie in anderen Positionen tätig gewesen, etwa als Direktionssekretärin oder als Simultan-Übersetzerin bei der UNO.

Bei einem Aufenthalt in den USA im jarh 1956 habe Uriella in Bayside, New York, ein Medium getroffen, welches eines der 33 Sprachrohre Gottes gewesen sei. Hier sei Uriella eröffnet worden, dass sie selbst dereinst eines dieser Sprachrohre sein würde.

An Uriellas 43. Geburtstag, am 20. Februar 1972, sei Uriella Jesus erschienen, in spürbarer Form, so dass Uriella ihn hätte berühren können. Jesus habe Uriella gefragt, ob sie bereit sei, eines der 33 Sprachrohre zu werden. Uriella habe zugesagt. Die 33 Sprachrohre, von welchen Uriella das letzte gewesen sei, hätten dieselbe Botschaft in unterschiedlichen Sprachen verkündet. Die Lehre der 33 Sprachrohre vermag zu erklären, weshalb Uriella trotz ihrer Fremdsprachen-Ausbildung wenig Anstalten machte, in anderen Sprachregionen tätig zu werden.

Aber Jesus hätte noch eine weitere Frage gehabt, nämlich ob Uriella bereit sei, eine Sühneseele zu sein. Warum sind Sühneseelen notwendig? Icordo erklärt dies mit einem Exkurs in die Theologie des Ordens Fiat Lux, und präsentiert ein geradezu klassisch esoterisches Weltbild: Die Seelen der Menschen seien, so erklärt Icordo, gefallene Engel, die damals beim Aufstand von Luzifer mitgemacht hätten. Als Strafe seien sie in die Materie gefallen. Jesus Christus hätte nun mit seinem Sühnetod die Möglichkeit geschaffen, dass die Seelen sich, wenn sie bereuten, durch Evolution wieder hocharbeiten könnten. Allerdings würde das Handeln der Menschen wieder neue Schuld produzieren. Und diese müsste ausgeglichen werden, so würde es das kosmische Gesetz vorschreiben. Hier kämen nun die Sühneseelen ins Spiel. Diese litten stellvertretend für andere. Neben Uriella gäbe es zahlreiche andere Sühneseelen, aber Uriella sei die grösste.

Im Jahr darauf habe Uriellas legendärer Reitunfall, der zu einem Schädelbasisbruch führte, ihren Kopf so verändert, dass Uriella hellsichtig geworden sei. Diese Hellsicht hätte sie für ihre Heilungen eingesetzt, welche sehr zahlreich gewesen seien.

Auch die Gründung des Ordens Fiat Lux im Jahr 1980 erwähnt Icordo, durch welche Uriella zur «Ordensmutti» für hunderte Mitglieder des Ordens Fiat Lux geworden sei.

Am 3. Dezember 1987 habe er, Icordo, seine zukünftige Gattin zum ersten Mal getroffen. Uriella referierte damals im Gartensaal des Zürcher Kongresshauses, und Icordo, der dem Orden bereits beigetreten war, suchte Uriella auf. Damals sei sie, so Icordo, «noch mit Uriello verheiratet gewesen». Diese Aussage ist die einzige, welche Icordo während der gesamten Feier zu den vorherigen Ehemänner seiner «ewigen Dualseele» Uriella macht. Uriellas geheimnisvoller erster Ehemann wird ohnehin nicht erwähnt, die biographischen Angaben legen die Vermutung nahe, dass diese erste Ehe mit Uriellas zehn Jahren an der von ihr geleiteten Sprachschule in England zusammenhängen könnte. Aber Uriellas zweiter Ehemann, der Unternehmer Max Bertschinger, war für Uriellas Biographie entscheidend wichtig. Immerhin trug sie seinen Namen ihr Leben lang weiter, wie wenn Bertschinger ihr Mädchenname gewesen wäre. Uriellas dritter Ehemann, der ehemalige katholische Priester Kurt Warter, prägte die Lehre des Ordens wesentlich mit, und galt ebensosehr als Uriellas Dualseele, was in seinem Geistnamen «Uriello» ja überdeutlich wird. Wie dem auch sei, jetzt ist Icordo am Drücker, und die vorherigen Ehemänner Uriellas keine Dualseelen mehr, sondern nur noch Fussnoten der Geschichte, wenn überhaupt.

Mehrfach während des Abdankungsgottesdienstes kommt Icordo auf den 1991 erschienenen Film des damaligen WDR-Journalisten Felix Kuballa unter dem Titel «Gesucht wird … das Sprachrohr Gottes» zu sprechen. Uriella habe damals zwar genau vorausgesehen, wie alles rauskommen würde, aber Jesus habe sie mehrfach aufgefordert, trotzdem mitzumachen. Allerdings seinen im Film massive Lügen verbreitet worden. So sei vom Institut Fresenius nicht Uriellas Athrum-Wasser getestet worden, sondern Rheinwasser, was die Verschmutzungen erklären würde. In kritischer Sicht handelt es sich hier um den für radikale Gemeinschaften typischen Versuch, heikle Informationen durch Verschwörungstheorien wegzuerklären. Tatsächlich hat Uriella das Athrum-Wasser ja in ihrer Badewanne «gequirlt», da erstaunt es Aussenstehende wenig, dass das eine oder andere Darmbakterium seinen Weg in einen Athrum-Kanister gefunden hat.

Für zwölf Jahre habe Jesus Uriella und Icordo im Jahr 1991 mit Öffentlichkeitsarbeit beauftragt, nachher sei Schluss. Daran hätte sich der Orden gehalten. Insbesondere nach 1996 sei die Medienarbeit intensiv worden, schwierig insbesondere deshalb, weil das Fernsehpublikum jeweils genau instruiert worden sei, wo gelacht werden sollte, und wo geklatscht und wo gestampft. Der Schreibende hat keine Hinweise auf solche Massnahmen. Wieso hätte das Fernsehpublikum vor Auftritten Uriellas auch eigens aufgefordert werden sollen, gelegentlich in Gelächter auszubrechen? Kniffliger wäre vermutlich gewesen, das Publikum darauf zu verpflichten, Uriellas Statements mit ernster Miene entgegenzunehmen, komme da, was wolle.

Schliesslich kommt Icordo auf Uriellas lange Leidenszeit zu sprechen. Im Jahr 2005 habe sie sich auf Anraten ihres Schweizer Zahnarztes – Jesus hat sie damals blöderweise nicht befragt – alle Zähne des Oberkiefers ziehen und eine Prothese montieren lassen. Ein Stiftzahn dieser Prothese habe sich in der Folgezeit als Stachel einer Dornenkrone ausgenommen, so dass Uriella wie damals Jesus gelitten habe, was eine Parallele zwischen Uriella und Jesus sei. Das Problem habe sich erst behoben, als die Prothese ausgefallen sei.

Seit dem Jahr 2010 sei Uriella von der Hüfte abwärts gelähmt gewesen und habe schlimme Schmerzen ertragen müssen. Uriella habe diese aber ohne jegliche Sedativa ertragen. Sedativa würden, so behauptete Icordo, Demenz auslösen. In Pflegeheimen würden den Bewohnern Sedativa ans Essen gegeben – meine Frau, welche als Pflegedienstleiterin in einer Seniorenresidenz arbeitet und genau weiss, wie verboten so was wäre, ist kurz davor, aufzuspringen und Icordo zu widersprechen – und wegen dieser Sedativa im Essen würden Bewohner Demenz entwickeln. Im Orden Fiat Lux gebe es keinerlei Menschen mit Demenz. (Auf der Heimfahrt diskutiere ich mit meiner Frau diesen Punkt. Für manche Demenz-Formen sind Chelas des Ordens Fiat Lux wegen ihres Lebenswandels – sie rauchen nicht, trinken keinen Alkohol und sind wegen ihrer Rohkost-Diät auch kaum je übergewichtig – tatsächlich weniger anfällig. Bei Alzheimer-Demenz sind bisher keine solchen Zusammenhänge bekannt. Denkbar ist auch, dass die Erwartung eines demenzfreien Ordens Fiat Lux dazu führt, dass Chelas, welche dementielle Entwicklungen zeigen, gar nicht mehr hingehen).

Während der zwei Stunden, die der Gottesdienst dauert, spricht nur Icordo. Niemand von den alten Weggefährten Uriellas, die teilweise weit länger beim Orden waren als Icordo, ergreift das Wort. Icordo hat den Orden fest im Griff.

Wie geht es weiter? Icordo meint, Uriella sei nun auf der Mental-Ebene, und würde von dort als erster Mensch überhaupt in die göttliche Ebene zurückkehren. Was das bedeutet, wird schon während des Abdankungsgottesdienstes klar: Icordo richtet ein erstes Gebet an Uriella.

Dass eine aus der göttlichen Ebene wirkende Uriella den Orden Fiat Lux zusammenhalten kann, ist aber mehr als fraglich. Und ein neues Sprachrohr Gottes ist nicht in Sicht, die Lehre von den 33 Sprachrohren, deren letztes Uriella gewesen sei, macht deutlich, dass ein neues Sprachrohr auch gar nicht vorgesehen ist.

An der Abdankung sind mit 120 Personen viele dabei, welche sich vorher schon länger nicht mehr blicken liessen. Am Sonntag zuvor waren beim Gottesdienst, während dem Uriella starb (gleichzeitig, aber nicht im gleichen Gebäude), 100 Leute anwesend gewesen. Icordo nennt diese Zahl der 100 Gottesdienstteilnehmenden während der Abdankung so oft, dass sehr wahrscheinlich wird, dass es sich hier um einen seit längerem nicht mehr erreichten Spitzenwert handelt. Die Chance, dass die Besucherzahlen bald wieder nachlassen und der Orden früher oder später aufgelöst wird, ist sehr gross.

Eine Prophezeiung wagt Icordo noch: Jesus würde «zu unseren Lebzeiten» wiederkommen. Als wir aber nach draussen treten, sehen wir, dass Icordos erste Prophezeiung des Tages, nämlich dass es auf Ende des Gottesdienstes eine Wetterbesserung geben würde, nicht eingetreten ist.

Georg O. Schmid, 1. März 2019