Handlesen: Von allgemeingültigen Aussagen zu … allgemeingültigen Aussagen
Das erste Ziel meines Besuchs an der diesjährigen Lebenskraft-Messe war, meine Hand lesen zu lassen. Was würde jemand zu den – für mich zufälligen – Linien auf meiner Handfläche sagen, und wie viel davon würde stimmen? Besonders, da diese Linien mehrere Jahre lang genau gleich bleiben – was dabei rauskommt, müsste für die letzten und nächsten paar Jahre stimmen.
Ich ging also zum erstbesten Stand, bei dem «Handlesen» stand, und setzte mich in einem blauen «Zelt» gegenüber einer vielleicht vierzigjährigen Frau. Vielleicht ist sie auch schon etwas älter, denn im roten «Zelt» ein paar Meter weiter soll ihre erwachsene Tochter ebenfalls Handlesen und Kartenlegen angeboten haben.
Sie startete damit, mir zu erzählen, dass ich eine lange Lebenslinie hätte, und somit ein hohes Alter erreichen würde. Es ginge mir physisch gut, aber emotional wäre ich in einem Tief – ich fühlte mich, sagte sie, kraftlos. Mir ging es zu diesem Zeitpunkt, am frühen Sonntagmorgen um 10 Uhr, tatsächlich ziemlich gut, und ich fragte mich kurz, ob ich es als Beleidigung auffassen könnte, wenn jemand Unbekanntes mich einfach mal als «kraftlos» beschreibt. Ich kommentierte nichts dazu: Ich habe vor ein paar Jahren die Empfehlung gehört, bei solchen Beratungen möglichst wenig preiszugeben, und so machte ich genau das, und liess ihre Behauptung meiner Kraftlosigkeit so stehen.
Kurz darauf meinte sie, dass es «etwas» aus meiner Vergangenheit gäbe, das mich blockierte. Ich fand das etwas unspezifisch: Wir haben wohl alle irgendwas erlebt, das wir noch nicht so ganz aufgearbeitet haben. Besonders, wenn jemand eine solche «Beratung» in Anspruch nimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand da hinsitzt und sagt, «Nein, ich habe meine Vergangenheit zu 100% aufgearbeitet». Genauer benannte sie es auch nicht.
Die Handleserin erzählte mir weiter, dass die Blockade «im Solarplexus» liege, in der Mitte des Oberkörpers. Dieses strahlte «nach oben und nach unten». Es klang fast so, als wollte sie die Blockade aus Auslöser aller körperlichen Probleme benennen. Sicherheitshalber fragte ich nach. Sie bestätigte es. Also: Wenn ich irgendwelche körperliche Probleme habe, sind die wohl alle wegen der Blockade im Magen, egal, ob mein Fuss, Kopf, oder sonst was Probleme macht.
Sie ergänzte, dass ich ein Kopfmensch sei. Am meisten erstaunt hat mich daran, dass sie es erst nach einer Weile sagte – nachdem wir bereits etwas länger gesprochen hatten. Als «Kopfmensch» werde ich grundsätzlich von allen – die dazu einen Kommentar machen – bezeichnet, und das jeweils nach kurzem Austausch. Von allen Personen, die mich bisher als Kopfmensch bezeichnet haben, dauerte es gerade bei der Handleserin am längsten, bis sie sich dazu äusserte.
Ausserdem sähe sie zwei Kurzreisen in diesem Jahr, ob ich diese schon geplant habe. Beide Reisen würden mich sehr verändern; positiv, natürlich. Tatsächlich habe ich mehr als zwei Kurzreisen dieses Jahr geplant, und eine davon schon hinter mir. Das habe ich ihr aber nicht gesagt – vielleicht etwas unfair von mir. Beruflich, so erklärte sie mir, hätte ich viel mit Menschen zu tun. An und für sich nicht ganz falsch, denn egal, wo man arbeitet, mindestens mit den eigenen Mitarbeitenden hat man Kontakt – mindestens wenn man irgendwo angestellt ist. Dann erkundigte sie sich, was ich beruflich mache. «Programmieren», antwortete ich und zuckte mit den Schultern. Sie korrigierte ihre Aussage: «In der Zukunft werden Sie beruflich viel mit Menschen zu tun haben.» So kann man’s natürlich auch retten.
Ausserdem erwarteten mich beruflich viele Veränderungen (in meinem Alter nicht selten der Fall) – die würden, erklärte sie, auch erfolgreich sein. Was meinem Erfolg im Weg stehen könnte? Genau, die «Blockade aus meiner Vergangenheit». Unspezifischer geht’s natürlich kaum.
Unerwartet: eine männliche Person in meinem Leben
Die Analyse meiner «Liebeslinie», eine der vielen Linien auf der Innenseite der Hand, begann so: «Ich sehe hier eine männliche Person.» Ich sass relativ ausdruckslos da und wartete ab, wie es weiterging. Also fragte sie mich direkt: «Welche Rolle spielt diese Person?» Ich war erstmal sprachlos. Musste ich jetzt ihre Frage beantworten? Sie wartete einfach und sagte nichts. Dann musste ich wohl etwas sagen. «Ich habe keinen Partner.» Sie nickte zufrieden. Dann erklärte sie mir, dass ich bisher nicht viel Glück in der Liebe hatte, fragte mich, wie lange meine letzte Beziehung her wäre, ob ich diese verarbeitet hätte, und deklarierte dann, dass dieser Mann – die männliche Person, die sie auf meiner Liebeslinie gesehen hatte – darauf wartete, in mein Leben zu kommen. Allerdings hätte ich aber wegen der Probleme meiner Vergangenheit zu hohe Mauern. Männer in meinem Umfeld gibt es einige – vor allem auch, weil etwa die Hälfte der Bevölkerung männlich ist. Welchen davon sie wohl meinte? Ich fragte sie also, ob dieser Mann denn schon in meinem Leben sei. Sie sah mich unsicher an und sagte dann: «Wenn er noch nicht da ist, wird er in Kürze kommen.» Nicht unwahrscheinlich, dass neue männliche Personen in meinem Leben auftauchen. Besonders, wenn ich mit dieser Erwartung rausgehe: Wenn mir gesagt wird, dass demnächst ein potenzieller Partner auftauchen soll, dann würde ich auch eher Ausschau halten – vielleicht etwas mehr rausgehen, offener mit neuen Bekanntschaften umgehen, oder darauf achten, ob jemand, der bereits in meinem Leben ist, vielleicht doch mehr Interesse hat als bis anhin angenommen. Ob es darauf ankommt, dass ich ihren Aussagen glaube, weiss ich nicht.
Ein perfektes Leben … gegen einen Aufpreis
Aber es ging hier, so erklärte sie mir, nicht einfach um irgendeinen Mann, nein: Ein Seelenverwandter wäre er. Allerdings müsste ich die Blockaden im Solarplexus lösen. Sie fragte mich, ob ich das wolle, und ich nickte natürlich. Wenn alle meine Probleme ein und denselben Grund hätten, was ihrer Darstellung entsprach, wäre es ja das Sinnvollste, diesen Grund direkt anzupacken. Dann ging es weiter. Diese Blockaden könnte ich nicht selbst lösen – das müsste jemand anderes für mich machen. Prompt bot sie sich selbst für die Aufgabe an. Vier Wochen lang, 30 Tage, an denen wir uns «zu einer bestimmten Uhrzeit medial verbinden». Ich müsste nichts machen, denn sie machte all die Arbeit. Wenn ich mal nicht könnte, sollte ich anrufen – die «Behandlung» würde sich dann entsprechend verlängern. Auf meine spätere Frage, wie viel das denn kostete, meinte sie, da wollte sie keinen Preis darauf setzen, sondern dass Menschen ihr freiwillig so viel geben, wie es ihnen wert sei. Für jemanden wie mich, die in solchen Fällen am liebsten gar nichts gibt, ist das schwierig; vor allem, weil sie mich mit ihren bisherigen Fähigkeiten nicht besonders beeindruckt hatte.
Wenn ich ihr irgendeine Frage beantwortete, kommentierte sie es jeweils eifrig mit: «Ja, das steht da auch so auf der Hand». Ausserdem hatte ich den Eindruck, dass sie alles daran setzte, mir das «perfekte Leben» auszumalen, je nachdem, was ich sagte oder fragte. Um das dann zu erreichen, müsste sie, oder sonst jemand, die Blockade lösen – natürlich gegen Geld. Es wirkte auf mich ein wenig wie eine fiese Taktik für gutgläubige, hoffnungsvolle Menschen, besonders, wenn sie gerade verletzlich sind – womit man vermutlich die meisten Menschen, die für solche Beratungen Geld ausgeben, beschreiben könnte – und ich frage mich, wie bewusst ihr dieses Potenzial ist.
Ich riet also mal, und dabei viel zu hoch – 500 – was ich feststellte, als sie dann sehr erpicht darauf war, mich als Kundin zu rekrutieren. Als Geschäftsfrau tauge ich offensichtlich nicht. Ich fand also: «Ich…muss es mir noch überlegen.» Von ihr zurück kam entsprechend: «Was überlegen? Das sind deine Zweifel! Tu dir selbst was Gutes, danach musst du nie mehr! Ich weiss nicht, wie ich für dich als Medium bin, aber ich habe einen sehr guten Zugang zu dir.» Sie sagte es so selbstsicher, dass ich mich kurz fragte, wie man an so viel Selbstvertrauen kommt, dass man so mit fremden Menschen umgehen kann. Sehr viel Allgemeingültiges, das Spezifische entweder falsch (es werden mit Sicherheit mehr als zwei Kurzreisen, und ich habe beruflich nicht besonders viel mit Menschen zu tun, mit Ausnahme meiner Mitarbeitenden) oder gut geraten – wie zum Beispiel «Kopfmensch», da braucht’s erfahrungsgemäss nicht viel, um mich so zu kategorisieren. Sie versuchte sehr energetisch, mich weiter davon zu überzeugen. Ich fand also, ganz im Esoterik-Speak, «Nein, das ist nicht stimmig für mich». Auch das war für sie ein Zeichen von Zweifeln, aber da war ich schon aufgestanden.
Ich weiss wirklich nicht, warum ich erwartet oder gehofft habe, dass jemand sich zu 100% auf meine Hand konzentriert. Da wäre mir auch egal gewesen, wenn es gar nicht stimmen würde. Stattdessen hat sie versucht herauszufinden, was ich hören möchte, und mir das gesagt. Noch dazu hat sie versucht, mir etwas zu verkaufen, und dabei auch nicht gemerkt, in wessen Auftrag ich sie besuche. Als «Wahrsagerin» taugt sie auf gar keinen Fall, egal ob man ans Konzept «Wahrsagen» glaubt oder nicht.
Engel für Angela
Nach diesem ernüchternden Erlebnis entschied ich mich, auch noch den Runen eine Chance zu geben. So ging ich also zum Stand Shiva-TV, und erkundigte mich nach dem Runenlegen. Freya Onassis, die gerade daneben stand, hielt ihre Hände vor der Brust aneinander und begrüsste mich mit einem «Sei gesegnet». Dann verschoben wir uns in eine halboffene Box.
Sie stellte sich als Freya vor, und erkundigte sich nach meinem Namen. Dann legte sie mir einen Kalender hin, und erkundigte sich nach meinem Geburtsmonat. Den Kalender schenkte sie mir – er ist gefüllt mit Bildern, die sie angeblich von Engeln erhalten hätte. Die KI-generierten Bilder zeigen grösstenteils blonde, blauäugige, und hellhäutige Personen, mit wenigen Ausnahmen, was Haar- und Augenfarbe angeht. Hellhäutig sind sie allerdings alle.
Bevor Freya die Runen zog, hiess es, ich solle «meine Augen schliessen und die Frage stellen, wie sieht mein Leben in den nächsten Monaten aus?». Das hatte ich erwartet. Als ich also meine Augen öffnete, war die «Engelsrune» da. Bei mir kamen da erstmal so einige Fragezeichen auf, da Runen eigentlich gar nichts mit Engeln, oder dem Christentum an sich, zu tun haben, aber Freya Onassis sieht das bekanntlich anders (ansonsten wäre es natürlich die «Pferderune» gewesen). Freya eröffnete mir also meine Berufung: Engelsheilung, oder eben Heilung mit Engeln.
Sie notierte eine Liste von Ressourcen, und empfahl mir, mich mehr mit Engeln zu beschäftigen. Die offensichtliche Verbindung zu meinem Namen, der ja «Engel» bedeutet, hatte sie schon vor dem Runenziehen kommentiert. Während Freya mir also eine Reihe von Namen und ein Buchtitel aufschrieb, meinte sie, fast ertappt, «Ja, Nomen est omen» – der Name ist alles, und wenn mein Name Engel bedeutet, ist es wohl naheliegend, dass ich mit Engeln zu tun haben soll. Freya beobachtete auch meinen Schmuck: Schlangenohrringe, die Schlange als Symbol in der Pharmazie, und somit der Heilung. Den Schmuck hatte ich, wie immer, bewusst ausgewählt: Ich hatte mich gefragt, ob, und falls ja, wie, Personen an einer Esoterikmesse auf Schlangensymbole reagieren würden. Einerseits natürlich, weil sich Anbietende dieser Branche an dem festhalten, was sie sehen. Andererseits auch, weil es sich bei der Schlange um ein traditionsreiches Symbol handelt. So war ich auch nicht überrascht, als Freya darauf einging, und einen Teil ihrer Lesung daran festmachte.
Verlobung … ohne Geld?
Auch Freya Onassis erkundigte sich nach einem Partner, und kündigte mir auf mein «Nein» dann eine Beziehung an – im September. Zudem sähe sie eine Verlobung in naher Zukunft. Auf ihre Frage, wie alt ich sei, antwortete ich: «24. Da steht noch viel offen.» Das sah sie anders. «Ja, aber Türen können sich auch wieder schliessen, da sollte man nicht zu lange warten. Wenn du im September merkst, es passt, und das so fühlst, dann warte nicht, und heirate im Mai.» Sie selbst hätte ihren Mann auch nach 6 Monaten geheiratet, und hätte jetzt ein Haus, vier Kinder, ein Hund und zwei Katzen mit ihm.
Wie ich vorher von den anderen hörte, hatten viele der Kund:innen zuvor ein «Fehu» erhalten – eine Rune, die für Reichtum steht. Ich erhielt diese aber nicht. Somit habe ich wohl, mindestens in den nächsten Monaten, keinen Reichtum zu erwarten (dazu fiel übrigens kein Kommentar von ihr), aber mit meinen drei Runen, die auf Beziehung und/oder Verlobung im September hindeuten, bin ich wohl dennoch gut versorgt. Freya meinte dann zur Rune Tiwaz, die zwischen September und Verlobung lag, dass ich am ehesten noch mir selbst im Weg stünde. Ich bräuchte mehr Selbstvertrauen, besonders was Männer angehe, damit es dann zur erfolgreichen Beziehung oder eben Verlobung komme. Wenigstens würde es hier an etwas scheitern, das ich selbst ändern könnte.
Beim Hinlegen der Runen kommentierte sie übrigens, dass da «viele mitgekommen» seien – sie hat womöglich mehr Runensteine erwischt als üblich. Das würde auch erklären, warum sie unsere 15 Minuten überzog.
Christliche Resonanz
Bei «Freya» und Runen denkt man natürlich an die germanische Mythologie. Ich stellte mich mental ein auf ein allfälliges Gespräch über nordische Gottheiten. Allerdings hat sie dann während des Gesprächs so viel über Engel geredet, dass ich mich fragte, wie sie die beiden Aspekte vereint. Also habe ich mich erkundigt. Ursprünglich, so erklärte sie mir, war alles Schamanismus – alles sei «beseelt» von den «Spirits» (jeder Baum, jeder Stein etc.). Die wären in der Vorstellung der Menschen später zu Elfen, und dann zu Engeln geworden. Eigentlich, fand sie, wäre alles dasselbe, aber da wir uns in der Resonanz des Christentums befinden würden, läsen wir es christlich. Sie erklärte, dass wir keine Verbindung zum Konzept «Spirit» hätten, aber sehr wohl zum Konzept «Engel». Ich sollte auch zu den Engeln beten und sie bitten, mich mal «mitzunehmen» – in den Himmel, natürlich (oder hoffentlich?) nur auf einer spirituellen Ebene.
Stehen zwei Christen an einer Esoterikmesse …
Was sich wie der Anfang eines schlechten Witzes anhört, ist faktisch seit etwa zwanzig Jahren ein christlicher Stand, an welchem jeweils schichtweise zwei fundamentalistische Christen stehen. Ihr Ziel? Die Leute von der Esoterik weg, und hin zu ihrem Glauben zu bringen.
Ich drehte also an ihrem Glücksrad – welches leider kein Glück bringt, sondern einfach entscheidet, über welche Frage diskutiert wird – und erhielt direkt die Frage: «Glaubst du an einen Gott?». Ich sprach erst mit einem der beiden Männer, dann kam das Gespräch zum Thema Bibel (wie auch nicht), und der andere Mann, der zweite Christ, suchte ein paar Stellen aus und legte mir dann die Bibel an einer der drei Stellen aufgeschlagen hin. Was wiederum dazu führte, dass ich allein am Christenstand mit den beiden diskutierte. Ehrlich gesagt, ein verhältnismässig angenehmes Gespräch; mal abgesehen davon, dass, von aussen betrachtet, zwei erwachsene Männer auf mich einredeten. Beide gingen auf meine Argumente ein, ich ging auf ihre Argumente ein – auch wenn wir beide viel zu viele Themen angeschnitten und nicht fertig diskutiert hatten – und ich erhielt nach einiger Diskussion dann ein Buch mit Titel «Der Fall Jesus». Dies wäre, so erklärte mir einer der beiden, von einem Journalisten geschrieben worden, der die historische Figur «Jesus» erforschte. Ich dachte darüber nach, das Thema der Mysterienkulte auf den Tisch zu bringen, schlug das Buch auf und sah den Untertitel «Jesus und die Mysterienkulte». Ob das an einer göttlichen Gebung, an meinem «direkten Zugang zu den Engeln», oder einfach an reinstem Zufall lag – ich bin gespannt auf die Lektüre. Das Buch hat er mir nämlich geschenkt.
Ich kommentierte an einem Punkt die Rolle der Frau im (fundamentalistischen) Christentum und drückte aus, dass ich davon nicht besonders begeistert war. Einer der beiden fand, dass die Rolle der Frau durch Jesus erhoben wurde, und begründete diese Aussage direkt damit, dass es seine Aufgabe als Mann wäre, seine Frau zu lieben. Dass damit der Wert und die Rolle der Frau weiterhin vom Mann abhängig bleibt, und sie nicht wirklich irgendwie erhoben wird, schien ihm nicht weiter aufzufallen.
Der Christenstand selbst wird nicht von einer bestimmten Gemeinde geführt, sondern vielen verschiedenen kleineren Gemeinden, welche gemeinsam Verschiedenes organisieren – beispielsweise diesen Stand, aber auch Ferienlager für Kinder. Es sind also wirklich kleine Gemeinden. Das Beste an der Diskussion war vermutlich, dass ich persönlich problemlos noch weiterreden hätte können, sie mich dann aber gegen Schluss fast schon wegschickten. Womöglich, weil ich irgendwann meinte, dass wir ein «Werteproblem» haben: Ihre Grundlage liegt darin, dass der Mensch grundsätzlich schlecht sei, und die Bibel das Wort Gottes, ich aber möchte nicht glauben, dass der Mensch grundsätzlich schlecht sei, und glaube auch nicht, dass die Bibel das Wort Gottes wäre; auf jeden Fall nicht so, dass ich es für bare Münze nehmen würde, wie ich das früher noch tat.
Auch Christus, hat aber mit Religion nichts zu tun
An einem anderen Stand gab es ebenfalls ein Glücksrad zu drehen. Vom Drehen erhalte ich wohl noch eine CD zur «Öffnung der fünften Herzkammer» (bisher nicht angekommen) und habe an einem weiteren Stand einen Flyer erhalten von einer Dame, die Brot bäckt, und dazu Kurse anbietet (natürlich mit esoterischem Twist). Sie sprach über Lichtnahrung und Lichtkörper, erwähnte ägyptische Götter und Christus, und meinte dann, dass das aber nichts mit Religion zu tun habe. So ganz konnte ich ihr nicht folgen. Bei der Dame handelte es sich um Maria Magdalena Hefti, gegen die vor ein paar Jahren ermittelt wurde, da sie eine Anhängerin veranlasst haben soll, ihr für den Kauf eines Hotels Geld zu geben. Inzwischen wurde das Hotel zwangsversteigert.
Die Kraftlosigkeit an der Lebenskraft tritt ein
Nach der Messe war ich erschöpft – die «Kraftlosigkeit», welche die Handleserin gesehen haben wollte, hatte mich wohl doch eingeholt. Allerdings, wie auch nicht: Den ganzen Tag umgeben von Personen, welche versuchen, aus einem zu lesen, oder sonst allgemeingültige Aussagen machen, alle so von sich selbst überzeugt, dass es anstrengend war, und dann noch das viele Herumlaufen zwischen all den Ständen. Diese waren gefüllt mit Klunker – Verzeihung, energetisch aufgeladenem Material – oder Formen der Lektüre, alles Mögliche von Flyern bis zu selbstgeschriebenen Büchern. Bei den ganzen angeblich «energetisch aufgeladenen» Steinen fragte ich mich, ob diese keinen Einfluss aufeinander haben – sich gegenseitig nutzlos machen. Wenn ein Stein beispielsweise beruhigen soll, und ein danebenliegender Stein Optimismus und Freude – ein gewisses «Aufgeputscht-Sein» – zur Folge haben soll, würden sie dann nicht einfach keine Wirkung haben? Oder, um noch mehr ins Esoterische hineinzukommen: ein anderer Stein, der erden soll, also runterbringen, neben einem Stein, der «offener» machen soll für höhere Schwingungen, also höher gehen. Auch die würden sich gegenseitig ausgleichen, oder alternativ: die nutzende Person in der Mitte zerreissen. Schliesslich kann man nicht gleichzeitig nach oben und nach unten gehen. Wer weiss – vielleicht hatten die mir auch einen Teil meiner Kraft geraubt.
Ich frage mich, wie viele Personen, die Hilfe und Stabilität in ihrem Leben suchen, in diese «Szene» hineinkommen, gutgläubig und hoffnungsvoll, ihr Geld darin verlieren: für eine womöglich schöne Zukunft, die «so viel kostet, wie man bereit ist, dafür auszugeben», und für irgendwelche Steine, die angeblich eine Wirkung haben sollen. Oder auch für eine Beratung, in der es nicht darum geht, was man selbst will, sondern stattdessen empfohlen wird, was die Beraterin, in diesem Fall, als «richtig» erachtet. Ich beobachtete zudem überall, wo ich hinsah, ein gewisses Mass an Heteronormativität – ob diese Menschen es merken würden, wenn jemand eben nicht auf «das andere Geschlecht» steht? – und konservative Werte, die sich immer wieder zu wiederholen schienen. In dem Sinne waren die fundamentalistischen Christen vermutlich doch nicht so fehl am Platz.
Angela Heldstab, 29. April 2025
https://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/maria-magdalena-hefti