Mit Fliegenpilzen und Kakao durch das Nadelöhr – Zuvuya Peace Gathering 

Eingeräuchert zwischen Shiva und dem Appenzeller Bär 

Kurz vor 9 Uhr steigen mein Vater und ich an der Haltestelle «St. Niklaus SO» aus dem Postauto. Es ist recht kühl, grau und feucht. Wir sind auf dem Weg zum «7. Zuvuya Peace Gathering», organisiert von Urs José Zuber und Silvia Jäggi. Die beiden folgen der Zeitrechnung der Maya und möchten diese durch ihren «Zuvuya Flow Verlag» weiterverbreiten. 

Wir befinden uns in einem wohlhabenden Wohnquartier in der Nähe des Waldrandes. Noch deutet nichts auf unser Ziel hin. Doch nach einem kurzen Fussmarsch durch den «Zauberwald» entdecken wir das orange Zelt der «Chai & Cacao Lounge». Wir haben uns gegen eine frühere Anreise und somit gegen eine Teilnahme an der morgendlichen Meditation und Yogastunde entschieden. Allem Anschein nach, hatten wir den richtigen Riecher: Das Festivalgelände mit den beiden Pfadihäusern scheint noch recht unvorbereitet und verschlafen. Wir werden von den wenigen Frühaufsteher*innen und einer «Cannabis-Duftwolke» nett begrüsst. Der Empfang sei noch nicht besetzt, doch das Frühstück sei schon bereit. Also holen wir uns für 10 Franken einen veganen Porridge mit warmem Getränk und setzen uns zu einer kleinen Gruppe ans Feuer. Ich schaue mich ein bisschen um: Auf der einen Seite des Feuers liegen fellbedeckte Paletten und bilden eine Art Podest, auf welchem eine kleine, in Decken gewickelte Frau aufrecht sitzt und einen Kaffee trinkt. Neben ihr liegen mehrere Kartensets; ich entziffere «Engelsorakel» und «Tarot». Hinter der Frau sind bunte Tücher mit vielfältiger Symbolik aufgespannt. Neben dem hinduistischen Gott Shiva und einem Buddha hängt eine Fahne mit dem Appenzeller Bären drauf. Als ich nachfrage, was der Bär zu bedeuten habe, weiss leider niemand Bescheid, aus welchem Grund sich das patriotische Tier eingeschlichen hat. Auch etwas fehl am Platze wirkt ein grosser, schwarzer Würfel mit den Wurfmöglichkeiten «Blessed» und «Pray». Um das Feuer sind hölzerne Bänke und improvisierte Sitzmöglichkeiten aufgebaut. Die Anwesenden trinken Tee oder Kaffee, rauchen ihre «Guten-Morgen-Joints» und tauschen sich über den Vorabend aus. Als es zu tröpfeln beginnt, rücken wir alle näher unter die gespannte Plache. 

Hinter mir steht ein kleiner Klapptisch mit allerlei Produkten, die zum Verkauf stehen. Neben kleinen Dosen mit Kakaobutter liegen unter anderem indische Schmuckstücke, verzierte Messer, diverse Federn und «Grounding Cables» von «Pulsar Terra». Das «Grounding Cable» verspricht die Verbindung des Körpers zur Erde, die Entladung von Elektrosmog und anderen «unharmonischen Vibrationen». Dadurch verbessere sich angeblich die Schlafqualität sowie die Durchblutung, und das Immunsystem werde gestärkt. 

In der Zwischenzeit hat ein älterer Mann etwas Asche aus dem Feuer in einen Kelch geschöpft und verbrennt darin Weihrauch. Er schreitet barfuss um das Feuer und wedelt den Anwesenden duftenden Rauch zu, was genüsslich angenommen wird.

Noch ahne ich nicht, wie bezeichnend dieses vielseitige Gemisch aus religiösen sowie kulturellen Symbolen und Praktiken für die gesamte Veranstaltung sein wird. 

Das Kalender System der Maya

Der Organisator Urs José Zubler kommt mit breitem Grinsen auf uns zu, stellt sich vor und heisst uns willkommen. Ich schätze den Solothurner auf etwas über 40 Jahre, er trägt eine pinke Strickjacke und hat seine langen Haare zusammengebunden. 

Am Empfang werden wir von Keya empfangen, sie rechnet unseren «Maya-Geburts-Kin» aus. 

Da sich die Veranstaltung immer wieder auf die Maya beziehen wird, stelle ich das Volk und ihre Errungenschaften kurz vor. Die Maya waren eine mesoamerikanische Zivilisation, die sich um ca. 1500 v.u.Z. zu entwickeln begann. Als klassische Maya-Zeit bezeichnet man heute jedoch die Zeit zwischen 300 und 900 n.Chr. Maya-Städte umfassten mehrere hunderttausend Einwohner, monumentale Architekturen, Fernhandel und Mais-Kultivierung. Ausserdem verfügten die Maya über grosses mathematisches und astronomisches Wissen sowie über eine eigene Schrift. Die Maya haben drei verschiedene zyklische Kalender, die parallel zueinander laufen, entwickelt. Der «Haab-Kalender» diente zivilen, alltäglichen Zwecken. Er orientiert sich, wie unser gregorianischer Kalender, am Sonnenjahr und gleicht somit unserem 365-tägigen Jahr. Der «Haab» unterteilt das Jahr jedoch in 18 Monate mit je 20 Tagen, was 360 Tage ergibt. Um möglichst exakt dem Sonnenjahr mit ca. 365¼ Tagen zu entsprechen, gibt es einen 19. Monat mit nur 5 Tagen. Diese 5 Tage werden jedes Jahr hinzugefügt; es handelt sich also nicht um Schalttage, sondern um «Epagomene». 

Der «Tzolkin-Kalender» wiederholt sich in einem Zyklus von 260 Tagen, er diente rituellen Zwecken. Die einzelnen Tage werden durch eine Zahl und eine Schutzgottheit bezeichnet. Weil sich die Kombinationen der beiden Kalenderangaben alle 52 Haab-Jahre wiederholen, gibt es als dritten Maya-Kalender die «Lange Zählung». Aufgrund einer zyklischen Wiederholung der «Langen Zählung» im Jahre 2012 entstand in gewissen Kreisen das «2012-Phänomen», welches den Weltuntergang prophezeite. Die mathematischen Systeme der Maya haben also nicht nur wissenschaftlichen Wert, sondern finden auch in esoterischen Kreisen Anklang.

«Kin» bedeutet bei den Maya «Tag»; mein «Geburts-Kin» war laut Keya, der «Tag des Weissen Solaren Spiegels». Sie reicht mir einen Ansteck-Pin mit einer Abbildung der dazugehörigen Hieroglyphe. Wir stecken die Pins an unsere Regenjacken und betrachten das Programm. Als wir erstaunt einen Vortrag über die Einnahme von Fliegenpilzen entdecken, bemerkt mein Vater, dass dies von der Dosierung her nicht ungefährlich sei. Doch Keya unterbricht ihn und versichert, dies sei überhaupt kein Problem. Sie selbst nehme seit einigen Monaten jeden Morgen eine Mikrodosis zu sich, und ihr Leben habe sich massiv verbessert, da sie viel «gechillter» sei. Wir nehmen diese Aussage hin und sind gespannt auf den besagten Vortrag. 

Auf Fliegenpilz durch das Nadelöhr

Mit einiger Verspätung beginnt die offizielle Begrüssung wegen des starken Regens in einem der Pfadihäuser, statt unter freiem Himmel. Im Raum verteilen sich ungefähr 60 Menschen auf Hockern. Die meisten Anwesenden sind schätzungsweise über 40 Jahre alt, ich entdecke aber auch vereinzelt Kinder und jüngere Erwachsene. Das achtköpfige Organisationskomitee stellt sich der Reihe nach vor, danach ergreift Urs José Zuber wieder das Wort. Er drückt seine Freude über unsere Anwesenheit aus und erklärt, dass durch den Regen etwas improvisiert werden müsse. Er freue sich besonders über die Anwesenheit des schwedischen Ehepaars Johan und Marianne, welches einen herausragenden Vortrag über Fliegenpilze halten werde. Er selbst habe in jüngeren Jahren viel mit psychoaktiven Substanzen experimentiert, sei nun aber davon weggekommen. Denn er sei überzeugt, dass wir alle bald durch ein «Nadelöhr» gehen müssen, um eine «bessere Welt» zu erreichen. Um präzise, wie ein Laser-Pointer, direkt beim ersten Versuch durch dieses «Nadelöhr» zu finden, möchte er nüchtern durchs Leben schreiten. Er konsumiere nur noch Fliegenpilz in Mikrodosen, was ihm Ruhe und Klarheit verschaffe. Er sei der Ansicht, dass in den nächsten 5 Jahren alles vernichtet wird oder werden muss, was unsere Welt zerstört. Die «guten, aufgewachten» Menschen würden nach dem Passieren des Nadelöhrs eine friedliche, schöne, blühende Welt vorfinden. Nach seinem Verständnis sei die bessere Welt ein Ort, an dem keine Ökonomie mehr bestehe. 

Er stellt uns «sein Lebenswerk» vor: eine Agenda. Sie basiert auf den verschiedenen Maya-Kalendern und soll helfen, sich mit der «heiligen, kosmischen Zeit» zu verbinden. Urs verspricht allen, die sich ernsthaft dafür interessieren, eine Agenda zu schenken. Dies sei ein Schritt in die ökonomielose Welt. Er erhofft sich, dass die mit Agenden ausgerüsteten Menschen durch eine neue Zeit verbunden werden, und gemeinsam «alles, was nicht koscher ist vernichten». Er betont das Angebot diverser Marktstände auf dem Festivalgelände und möchte, dass wir unser Geld hier unter «Gleichgesinnten» ausgeben. So könne verhindert werden, dass das Geld zurück in die «Matrix» fliesse. Zuletzt betont er die Wichtigkeit des heutigen Tages: der 25. Juli. Heute sei der «grüne Tag», der Tag «zwischen der Zeit». Der Haab-Kalender ist gestern zu Ende gegangen, und morgen beginnt ein neues Jahr. Wir sollen diese Zeitlosigkeit geniessen und unsere gemeinsame Verbindung spüren. 

Weiber-Experte und allgemeiner Experte David Barfuss

Verschiedene Leute möchten noch das Wort ergreifen, um sich und ihre Angebote vorzustellen. Besonders fällt mir David Barfuss auf, er hat im Raum, in dem wir uns befinden einen Büchertisch aufgestellt. Er stellt seine selbstverfassten Werke und seine äusserst negative Meinung zu «Staat und System» kurz vor. Unsere Demokratie bestehe lediglich aus einer Mehrheit, die die Minderheit «vergewaltige». 

Die Titel seiner angepriesenen Bücher sprechen für sich selbst: «Souveränität – Das Handbuch für den gesetzlosen Rebellen», «Wahlen und Abstimmungen – Ein Krimi», «Betreibungswissen», «5G von allen Seiten – Eine Entscheidungshilfe», sowie «Mann ∞ Weib – Heilung und Freude». Zum Schluss bietet er an, einen spontanen «Circle» zum Thema «Mann und Weib» abzuhalten. Mir graut es davor, dass ein Mann, der mit dem Wort «vergewaltigen» in solchem Kontext um sich wirft, zum Thema «Verbindung zwischen Mann und Weib» aufklären möchte. 

Beschenk mich!

Durch das unberechenbare Wetter wird der «Circle» zum Thema «Schenkökonomie» mit Sabine vorgezogen. Wir treten in einen angenehm geheizten Raum, eigentlich dient er als Wellness-Oase mit Massage-Angeboten. Wir sitzen in einer zehnköpfigen Gruppe in einem kleinen Kreis, und der Reihe nach wird ein «Talkingstick» weitergegeben. Die Person mit dem «Stick» soll jeweils ihren Namen nennen. Sabine Kaper, die Leiterin des «Circles», stellt sich vor und erwähnt die schamanische Praxis als Hintergrund ihrer Arbeit. Sie sei die Präsidentin des «Mutterland-Vereins», welcher eine Schenkökonomie aufbauen möchte. Sabine habe von einer Privatperson 30’000 Franken für das Jahr 2025 geschenkt bekommen. Ihre Lebenskosten seien sehr tief; sie sei dadurch finanziell abgesichert und könne sich vollkommen der «Schenkökonomie» widmen. 

Sie beschreibt uns, wie sie sich anfangs Jahr fast in ein Burnout hineingeschuftet habe, da sie das Gefühl hatte, allen etwas «schenken» zu müssen, da ihre eigene Lebensgrundlage bedingungslos gedeckt sei. Nun habe sie die Balance etwas besser im Griff. Sie ist der Meinung, dass «Schenken» kein System sei, sondern eine Erinnerung an die Art, wie das Leben ursprünglich wirklich gedacht gewesen sei. Sie erzählt, dass ihr früher beim Einkaufen regelrecht übel wurde, weil sie nicht mehr mit sich selbst vereinbaren konnte, dass sie für Essen bezahlen müsse. Doch das «Prinzip des Schenkens» beinhalte nicht nur materielle Werte; auch auf geistiger, emotionaler und seelischer Ebene könne geschenkt werden. Wichtig sei jedoch, dass Schenken mit keiner Gegenerwartung einhergehen könne, sie sei stark gegen eine «Tauschökonomie». Denn in einer Schenkökonomie soll ein Geschenk an eine Einzelperson bedingungslos möglich sein. Auf die beschenkte Person solle dadurch kein Druck des «Zurückgebens» entstehen. Die schenkende Person werde durch das Kollektiv einer Schenkökonomie sowieso durch andere Schenkende zu einer empfangenden Person. So bilde sich ein Gleichgewicht. Die Scham hinter Schenkungen solle überwunden werden. Sabine möchte, dass ohne schlechtes Gewissen direkt nach spezifischen Geschenken gefragt könne. 

Die Anwesenden stellen Fragen, und es wird im Kreis diskutiert. Mein Vater fragt, ob er denn einfach seine Bekannten fragen solle, ob sie ihm sein Familienleben finanzieren möchten. Sabine bestätigt dies und betont nochmals, dass die Scham, nach Geschenken zu fragen, überwunden werden müsse. 

Für mich wird die Debatte langsam absurd. Der Gedanke des Schenkens gefällt mir grundsätzlich gut, doch eine Schenkökonomie scheint mir in unserem System sehr utopisch. Daraufhin betont Sabine, dass wir uns in einer Übergangszeit befinden. Wir seien dabei, das kapitalistische System und die «Matrix» hinter uns zu lassen und in eine bessere, natürliche Welt zu schreiten. 

Dadurch wird mir ein verschwörerischer Nebengeschmack vermittelt. Automatisch geschieht eine Abgrenzung von «uns» und den «Menschen in der Matrix». Es wird impliziert, dass «wir» schlau das System durchschaut haben, während die «Anderen» noch immer blind sind. 

Nach einer Stunde des Diskutierens möchte Sabine eine Schenkökonomie in unserem Kreis bilden. Wir alle sollen ein Geschenk auf ein Kärtchen schreiben, woraufhin alle ein Kärtchen ziehen und so beschenkt werden. Ich enthalte mich. Es werden Yogastunden, Klangtherapien, Waldspaziergänge und energetisches Haarschneiden verschenkt und empfangen. 

Vergifte deine Persönlichkeit

Es ist mittlerweile kurz vor 14 Uhr. Um unseren Hunger zu stillen, kaufen wir uns zwei Pizzen am Holzofen-Stand. Im unteren Pfadihaus findet der lang ersehnte Vortrag zum Thema «Amanita Muscaria», auf Deutsch «Fliegenpilze», statt. Vor der Leinwand steht das schwedische Ehepaar. Marianne ist in eine farbige Bluse und Jeans gekleidet. Johan trägt einen schwarzen Zylinder mit der Abbildung eines Fliegenpilzes auf Stirnhöhe, dazu einen auffälligen silbernen Mantel. Ein grauer Bart, verbunden mit einem zu Spitzen gedrehten Schnauz, schmückt sein Gesicht. Vor einem Publikum von circa 20 Menschen eröffnen sie ihre Präsentation. Johann spricht auf Englisch, Marianne übersetzt und ergänzt auf Deutsch. Auf der Leinwand erscheint ein Abbild von unzusammenhängenden Punkten; einzelne Punkte werden beispielhaft benannt: «Hier ist Yoga, da ist Hypnose, dort der Sufismus, hier findet ihr Quantenphysik, da das Christentum und dort die Traumatherapie.» So würden sie die Wichtigkeit der Perspektive hervorheben, denn werden die Punkte aus einem anderen Winkel betrachtet, bilden sie das Abbild eines Auges. Sie möchten dadurch zeigen, dass viele verschiedene Weltanschauungen eigentlich zusammenpassen können und aus der richtigen Perspektive kein Konflikt zwischen den Anschauungen entstehe. Alle diese Ansichten seien Teil der «objektiven Wahrheit». 

Durch verschiedene Wege seien Menschen an einen Teil der Wahrheit gelangt, hätten darüber ein Buch geschrieben und ihre Wissenslücken mit «Scheisse» gefüllt. Um nicht durch Bücher, sondern selbst möglichst nah an die unverfremdete Wahrheit zu gelangen, stellen die beiden uns den Pilz «Amanita Muscaria» vor. Der Fliegenpilz habe 12 bis 20 Wirkungen auf den Menschen. Unter anderem sei er eine Hilfe, um sich von der eigenen Persönlichkeit zu «desidentifizieren» und mehr zum «inneren Ich» zu finden. Unsere Persönlichkeit sei ein Schutzmechanismus, der durch unser Aufwachsen, unsere Erlebnisse und unsere Traumata aufgebaut worden sei. Die Persönlichkeit sei unsere Überlebensstrategie, sterbe sie, könne unser «inneres Wesen» erfasst werden. Die Persönlichkeit könne nie im «Jetzt» sein und habe Programme oder Vorstellungen unbewusst abgespeichert. So würden Selbstverständnisse, wie: «Ich bin schlecht in Mathe» oder «Ich bin der beste Lover der Welt», bestehen. 

Amanita Muscaria wirke sich Hauptsächlich auf unser Nervensystem aus, auf welchem auch die Persönlichkeit basiere. So könnten diese unbewussten Programme angeblich überwunden werden. Auch störe der Fliegenpilz unsere Wahrnehmung der Zeit; nur das «wahre Ich» könne im Moment existieren und so durch sich selbst kreieren, nicht nur reagieren. Auch ohne Einnahme von Substanzen könne in seltenen, spezifischen Situationen die Persönlichkeit überwunden werden, beispielsweise beim Tanzen oder beim Sex, wie Johan grinsend hinzufügt. Als Marianne «Sex» nicht auf Deutsch übersetzt, schaut er sie erwartungsvoll an und meint, er möchte das Wort gerne aus ihrem Mund hören. Die Aussage scheint mir sehr unpassend und auch mein Vater schaut irritiert. Doch Johan fährt gelassen fort. Der Fliegenpilz sei nicht wie die meisten Psychedelika, die eine Verbindung zur Aussenwelt erschaffen würden. Er richte sich nach innen und frage: «Ich bin du; was willst du?»

Fliegenpilzurin und Schamanendosen

Der Pilz sei giftig, ja sogar tödlich … denn er töte die Persönlichkeit. 

Es wird eingelenkt, dass der Pilz in grossen Mengen wirklich giftig sei. Man müsse aber 12kg frischen Pilz zu sich nehmen, um zu sterben. Dies sei physisch gar nicht möglich, da man sich durch frischen Pilz sehr schnell übergeben müsse. In kleinen Dosen sei der Fliegenpilz nicht psychodelisch, in grösseren Mengen jedoch halluzinogen, was durchaus riskant sein könne. Man solle also niemals unbeaufsichtigt mehr als 8g getrockneten Pilz zu sich nehmen. 

In den meisten Fällen werde der Pilz vor der Einnahme getrocknet; er könne in Form von Kapseln, Cremes, Ölen oder Tinkturen, im Tee oder in anderen Speisen eingenommen werden. Es sei auch möglich, den Pilz zu rauchen. Die Wirkstoffe des Pilzes würden nicht vollständig abgebaut werden und seien im ausgeschiedenen Urin noch immer vorhanden. Man könne den eigenen Urin fünfmal trinken, bevor die Wirkung verloren gehe. Auch diese Einnahmemöglichkeit hätten sie bereits getestet und als durchaus positiv wahrgenommen. 

Marianne und Johann empfehlen jedoch für das erste Mal «Microdosing». Dabei würden 0,2 bis 2g getrockneter Pilz eingenommen. Bei dieser Dosierung solle nicht gespürt werden, dass eine Substanz eingenommen wurde, die Veränderungen sollten also nur minimal bemerkbar sein. «Microdosing» verursache oft eine entspanntere, freundlichere Einstellung. Gewisse Menschen könnten auch besser «Nein-Sagen» und würden sich ihrer Grenzen bewusster werden. 

«Macrodosing», die Einnahme von 3 bis 8g, wird erst nach Erfahrung mit «Microdosing» empfohlen. Als dritte Stufe gebe es das «Herodosing»; dabei würden 8 bis 18g des getrockneten Pilzes eingenommen. Bei diesen höheren Dosen könne die Kontrolle über das Nervensystem verloren gehen, und Halluzinationen seien möglich. Da es sein könne, dass der Körper plötzlich zusammenbreche, sollten solche «Deepdives» nur mit Betreuung und im Liegen vorgenommen werden. Als letzte Stufe existiere die «Shaman-Dose», sehr erfahrene Pilzkonsument*innen nähmen dabei mehr als 18g des Pilzes zu sich. 

Blick durch die geheime Brille

Die Vortragenden erklären, dass sie den dreistündigen Vortrag auf die Hälfte kürzen, und springen zu einem neuen Thema. 

Die Wirkung des Pilzes stimme mit den meisten religiösen Überlieferungen überein. Sie glauben deshalb, dass die Religionen auf Erfahrungen mit dem Fliegenpilz basierten. Sie gehen davon aus, dass Pilze als erste Medizin genutzt wurden und ihnen dadurch eine «Heiligkeit» zugesprochen wurde. Viele religiöse Figuren würden sich durch die Überwindung des Todes auszeichnen. Für Johan ist der Fall klar: Durch den Konsum einer hohen Dosis des Pilzes gehe der Puls runter, dies sei als Nahtoderlebnis wahrgenommen worden. Zudem sei die Persönlichkeit gestorben, was als Erleuchtung interpretiert worden sein könne. Er geht sogar so weit, Christus mit dem Fliegenpilz gleichzustellen. Die Aussage «Esst mein Fleisch, trinkt mein Blut» sei als Aufforderung, den Pilz zu konsumieren, zu verstehen.

Um die Aussagen zu untermauern, beschwören Marianne und Johan uns, eine «geheime Brille» aufzusetzen. Sie verteilen pantomimisch Brillen im Publikum und setzen sich selbst ein unsichtbares Brillengestell auf die Nase. Auf der Leinwand erscheinen unzählige historische Bilder von religiösen Kunstwerken. Auf allen Abbildungen sind pilzförmige Gegenstände zu erkennen: über dem Kopf von Buddha, in Jesus’ Suppe, auf Figuren aus dem alten China oder neben Bacchus im Gras. Jesus’ Blick auf den Bildern wirkt oft abwesend oder weggetreten; er sei eindeutig «gechillt und voll drauf». Die katholische Kirche sei ein Pilzkult, und viele der religiösen Rituale seien auf den Amanita Muscaria zurückzuführen. Es sei kein Zufall, dass die Socken, die der Weihnachtsmann befülle, am Kamin aufgehängt würden. Früher habe der, übrigens nicht zufällig rot und weiss gekleidete, «Weihnachtsmann» Fliegenpilze verteilt, die am Kamin getrocknet worden seien. 

Mittlerweile hat ein ungefähr zehnjähriges Mädchen den Raum betreten und sich zu seiner Mutter gesellt. Die Mutter lacht plötzlich laut auf und teilt uns mit, dass sie sich vorstelle, was die Lehrpersonen ihrer Tochter wohl dazu sagen würden, wenn das Mädchen in der Schule von ihrem Wochenende erzählt. Die meisten Anwesenden scheinen von dieser Aussage amüsiert. Marianne und Johann stellen klar, dass der Pilz für Erwachsene, nicht für Kinder geeignet sei, und fahren ungestört fort. Das Mädchen bleibt mit ihrer Mutter im Raum. 

Ein Vortrag über Fliegenpilz-Konsum ist offensichtlich nicht der richtige Ort für ein Kind. Es irritiert mich sehr, dass niemand interveniert. Es ist möglich, dass dieses Mädchen einem Fliegenpilz in der Natur begegnet. Einen Vortrag anzuhören, bei welchem Aussagen fallen wie: «Der Pilz schmeckt auch angebraten ausgesprochen lecker!», stellt sicher eine Gefährdung für experimentierfreudige Kinder dar. 

Zwischen Psychopharmaka und Amavita

Gegen Ende der Präsentation wird der Raum für Fragen geöffnet. Ein Mann erzählt, dass sein Kumpel anstelle von Blutverdünnern, Amanita Muscaria zu sich nehme. Es nehme ihn wunder, ob das Sinn mache. Marianne stellt klar, dass sie kein medizinisches Fachpersonal seien und dies nicht beantworten können. Sie bestätigt aber, dass der Fliegenpilz durchblutungsfördern wirke und bei Impfschäden oder Long-COVID angewendet werden könne. Eine junge Frau erzählt, dass sie Psychopharmaka zu sich nehme, und möchte wissen, ob dies mit Fliegenpilz kombiniert werden könne. Auch hier fällt Mariannes Antwort vorsichtig aus. Sie erzählt von Menschen, die Amanita einsetzen, um langsam Psychopharmaka abzusetzen. Sie kenne jedoch auch eine Ärztin, die von einer Kombination stark abraten würde. Schlussendlich müsse also individuell ein Weg gefunden werden, und die Frage könne nicht allgemein beantwortet werden. Die junge Frau fragt weiter, ob der Schuss auch nach hinten losgehen könne. Damit will sie wissen, ob ein Horrortrip möglich sei, wenn Fliegenpilz in einer Phase von psychischer Instabilität eingenommen werde. Johans Antwort erschreckt mich. Er bestätigt, dass durchaus unangenehme Erfahrungen erlebt werden könnten. Diese negativen Emotionen seien jedoch schon immer ein unbewusster Teil der betroffenen Person gewesen und würden so lediglich ans Licht geholt werden. Durch die Konfrontation mit diesem Teil von sich selbst, lerne man mit sich selbst umzugehen. 

Johan impliziert also, dass der Konsum von Amanita Muscaria eine gute Strategie zur Bewältigung psychischer Probleme biete. Dies ist meiner Meinung nach ein extrem gefährlicher Ratschlag, dem ohne ärztliche Betreuung sicher nicht nachgegangen werden sollte. 

Weil Johan im Verlauf des Vortrages immer wieder sexuelle Anspielungen gemacht hat, fragt ein Mann nach, was Sex denn mit dem Fliegenpilz zu tun habe. Johann lacht auf und bezeichnet die Frage zwinkernd als «typische Männer-Frage». Sexualität sei unsere Lebensenergie, und Sex gehöre einfach zu Fliegenpilz-Erfahrungen dazu. Früher hätten beispielsweise religiöse Orgien in den Wäldern stattgefunden, denen er heute nachtrauere. Damit ist der Vortag abgeschlossen; warum Johan immer wieder etwas eklige Anspielungen auf Sex machen musste, verstehe ich jedoch noch immer nicht. 

Mushroom-Dealers

Bevor wir aus dem Raum strömen, wird auf einen Tisch mit kleinen Briefchen verwiesen. Wer will, kann vor Ort Fliegenpilzpulver erwerben. 3g werden für 10 Franken angeboten, 15g können für 50 Franken gekauft werden. Mehrere Menschen aus dem Publikum schlagen zu. 

Ich habe zur rechtlichen Lage in der Schweiz recherchiert. Die Wirkstoffe Muscarin, Ibotensäure und Muscimol des Pilzes fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Konsum ist somit rechtlich gesehen erlaubt, die Behörden raten jedoch aus gesundheitlichen Gründen davon ab. Die Pilze dürfen nicht als Lebensmittel verkauft werden, da sie nicht als Speisepilze eingestuft sind. 2016 verkaufte ein Gärtner Fliegenpilzpulver als Räucherware auf einem Zürcher Markt. Das Bezirksgericht verurteilte den Gärtner zu einer Geldstrafe. Er war damit nicht einverstanden und zog das Verfahren vor das Obergericht. Das Obergericht gab tatsächlich dem Gärtner Recht, da auf den Fläschchen Warnhinweise, die vom Konsum abrieten, angebracht waren. Der Gärtner hatte also nicht gegen das Lebensmittelgesetz verstossen und bekam seine Fläschchen wieder zurück. 

Johan und Marianne sind bestimmt mit diesem Fall vertraut; ihre Pulvertütchen sind nämlich als Räucherwerk deklariert. Zudem wird in grossen Buchstaben drauf verwiesen: «Not For Human Consumption».

Culture-Hoppers

Obwohl wir heute schon mit vielen neuen Informationen und Erlebnissen gefüttert worden sind, steht uns das Herzstück des Tages noch bevor. Die Zeit, in der wir auf den Anfang der «Kakao-Zeremonie des grünen Tages» warten, vergeht langsam. Ein Musiker singt mehrere Kinderlieder, doch das Publikum bleibt recht spärlich. Erst beim Auftritt von «Drum & Dance Zürich» erscheint immer mehr Publikum. Zur Trommelmusik wird getanzt, und im Chor wird von weissen Menschen «Africa» geschrien. Mit Ausnahme der Band sind fast alle Besuchenden weiss. Nach dem Auftritt wird ein Bandmitglied von einer Frau, die ihm Datteln schenken möchte, mit «Africa! Africa!» zurückgerufen. Der Mann nimmt die Datteln an und verschwindet. Niemand scheint sich an diesen offen zur Schau getragenen Rassismus zu stören, ganz à la «es war ja nicht böse gemeint». 

Dadurch kristallisiert sich mein Hauptproblem mit der Veranstaltung heraus. Das Festival ist ein wilder Mix diverser Praktiken aus meist aussereuropäischen Kulturen und Religionen, die sich von Europäer*innen angeeignet werden. Selbstbezeichnungen, wie «offen», «tolerant», «aus der Matrix ausbrechend» oder einfach «gut», verhindern meiner Meinung nach das kritische Hinterfragen des eigenen Verhaltens. Dass sich das «Peace Gathering» jegliche Kulturen aneignet, scheint den «Peace» der Leute überhaupt nicht zu stören. 

Das Festival bildet eine Anlaufstelle für viele Menschen, die nicht zum «Mainstream» gehören wollen. Das Hauptziel des «Zuvuya Gatherings» scheint mir das Zusammengehörigkeitsgefühl von Menschen und das Ausbrechen aus der Einsamkeit zu sein. Doch durch die bereits genannten Selbstbezeichnungen, grenzen sich die Menschen, meiner Ansicht nach, von der Bevölkerungsmehrheit ab, isolieren sich selbst und schaden sich und ihren Anliegen so in kontraproduktiver Weise.  

Ritueller Höhepunkt

Zu den «Loopsounds» von Micha Sportelli wird die «Spiral-Kakao-Zeremonie» angekündigt. Der Reihe nach dürfen wir mehrere Kakaobohnen und einen Becher mit hochkonzentriertem, zeremoniellem Kakao empfangen und stellen uns in einen grossen Kreis. In unserer Mitte schlängelt sich eine riesige Spirale aus drapierten Ästen, Pilzen und Linsen um ein Feuer. Die Stimmung ist ruhig und bedacht. Urs und ein Schamane aus Peru leiten die Zeremonie. Urs betet nach dem Vorbild von José Argüelles in die sieben Himmelsrichtungen: nach Osten, Süden, Westen, Norden, nach oben, nach unten und ins Zentrum. Nach jeder Richtung darf ein Schluck vom cremigen, bitteren Kakao-Gebräu getrunken werden. 

Als Nächstes geht der Kreis der Reihe nach entweder bei Urs oder dem Schamanen vorbei; sie fächern uns mit grossen Papageienfedern Weihrauch zu, in dem wir regelrecht gebadet werden. Jede Person folgt nun individuell der Spirale, bis das Feuer erreicht wird. Hier wird eine Kakaobohne als Symbol eines persönlichen Wunsches ins Feuer geworfen, eine andere Kakaobohne wird gegessen, um sich den Wunsch regelrecht einzuverleiben. 

Der Reihe nach treten wir der Spirale entlang wieder aus dem Kreis, als Letzter folgt die imposante Erscheinung des «Healing-Sound»-Musikers «Kailash Kokopelli». Auf seinem Kopf thront ein Leder-Hut, in erdfarbene Gewänder gehüllt und auf einen geschnitzten Spazierstock gestützt, kniet er sich vor das Feuer. In sich gekehrt, verneigt er sich mehrmals vor den Flammen und schreitet andächtig aus dem Mittelpunkt, zurück in die Reihe des Kreises. 

Nach einigen abschliessenden Worten von Urs löst sich die Kreis-Formation tröpfelnd auf, und die Klänge von Micha Sportelli erklingen erneut. Nun soll die Party losgehen.

Mein Vater und ich sind uns einig, dass wir für heute genug erlebt haben. Auf dem Weg zur Bushaltestelle diskutieren wir angeregt über die vielen Eindrücke; es war ein sehr intensiver, aber interessanter Tag. Mit ironischem Bedauern meint mein Vater: «Mit etwas Fliegenpilz intus wäre die Heimfahrt um einiges gechillter.»

Lou Büchler, 4. August 2025

Lexikonartikel Zuvuya Flow Verlag

ADISM Church

Einleitung
Vor einiger Zeit fiel der Blick von Relinfo auf die ADISM Church, eine brasilianisch geprägte Glaubensgemeinschaft mit zwei Standorten in der Schweiz: Embrach (Zürich) und Emmen (Luzern). Geleitet wird die Gemeinschaft vom Pastoren-Ehepaar Elismar und Vanessa Trottmann. Die Gottesdienste finden jeweils samstags in Emmen und sonntags in Embrach statt, und werden auch jeweils gelivestreamt und auf ihrer Webseite veröffentlicht. Beim Durchstöbern der Aufnahmen fiel mir schnell auf, dass alle Gottesdienste von Elismar gehalten werden. Offenbar pendelt er jedes Wochenende zwischen den beiden Standorten.

Der Name „ADISM“ steht für „Assembleia de Deus International Suíça Ministério Madureira“. Der erste Teil des Namens, „Assembleia de Deus International Suíça“, verweist auf die Zugehörigkeit zur international aktiven brasilianischen Pfingstbewegung Assembleia de Deus, was auf Deutsch etwa „Versammlung Gottes“ bedeutet. „Suíça“ steht dabei einfach für die Schweiz. Der Begriff „Madureira“ bezieht sich auf einen eigenständigen Zweig der Assembleia de Deus, der 1929 von Pastor Paulo Leivas Macalão in Madureira, einem Stadtteil in Rio de Janeiro, gegründet wurde. Dieser Zweig entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen Organisation mit eigenen Strukturen und zahlreichen internationalen Ablegern und ist heute bekannt als Ministério de Madureira. Heute zählt das Ministério de Madureira zu den grössten Strömungen innerhalb der Assembleia de Deus. Die ADISM in der Schweiz ist also Teil dieses weltweiten Netzwerks und versteht sich somit als brasilianische Pfingstgemeinde, die organisatorisch zum Ministério de Madureira gehört.

Die Informationen, die wir am Anfang über die ADISM Church hatten, zeichneten zunächst das Bild einer Gemeinschaft, die aufgrund ihrer scheinbar radikalen Ausrichtung polarisieren könnte. Dies weckte unser Interesse und löste einige Fragen aus: Wie gestaltet sich das Gemeindeleben der Gemeinschaft? Welche Werte prägen sie? Wie flexibel ist die Interpretation ihrer Lehren?

Digitale Präsenz
Bereits mit einem ersten Blick auf die digitale Präsenz der ADISM Church wird deutlich, wie viel Wert die Gemeinschaft auf Erreichbarkeit und ein professionelles Auftreten legt. Die Kirche ist auf verschiedenen Plattformen aktiv: Sie betreibt eine moderne Webseite und teilt regelmässig Inhalte auf Instagram und YouTube.

Was mich dabei etwas überraschte, war, dass die Webseite der Kirche komplett auf Englisch verfasst ist, obwohl es sich eindeutig um eine brasilianische Gemeinschaft handelt. Daher fragte ich mich, ob die Gemeinschaft damit etwa bewusst internationaler wirken und ein breiteres Publikum ansprechen will, auch ausserhalb der brasilianischen Community. Es könnte aber auch sein, dass sich ihre Webseite eher an die brasilianische Diaspora richtet, die zwar in einem englischsprachigen (oder anderen fremdsprachigen) Umfeld lebt, ihren Glauben aber lieber auf Portugiesisch praktiziert. Allerdings halte ich letzteres für eher unwahrscheinlich, weil viele Brasilianer und Brasilianerinnen meiner Erfahrung nach kein Englisch sprechen. Deshalb wirkt es für mich eher so, als wäre das Ganze Teil einer bewussten Aussendarstellung. Denn eine englischsprachige Webseite verleiht der Gemeinschaft ein modernes, weltoffenes Image.

Mission und Werte
Auf ihrer Webseite wird die Vision der ADISM Church klar formuliert. Die Kirche will Menschen «aus der Dunkelheit ins Licht» führen und sie «durch die Botschaft von Jesus zu Kindern Gottes machen». Zusätzlich zur Predigt und Seelsorge wird die Jüngerschaft stark betont. Ebenfalls findet man auf der Webseite sehr ambitioniert, beinahe kriegerische Aussagen wie zum Beispiel: «Unser Ziel ist es, als rufende Stimme unter den Nationen aufzutreten, um Seelen für das Reich Gottes zu gewinnen.» Allgemein lässt sich durch die Formulierungen und Aussagen auf ihrer Webseite erkennen, dass die Gemeinschaft stark auf Wachstum, Einfluss und Reichweite ausgerichtet ist. Ein weiteres Element auf ihrer Seite ist der „Pastoral Blog“, auf dem die Pastoren ihre Gedanken zu Glaubensthemen teilen. Auch die Möglichkeit zu spenden ist prominent platziert: Mit einem Klick können Beträge von 50, 100 oder 200 CHF via Twint überwiesen werden, wobei es immerhin auch die Möglichkeit gibt, einen individuellen Betrag einzugeben.

Erste Eindrücke
An einem Sonntagnachmittag machte ich mich also auf den Weg nach Embrach, um einen Gottesdienst der ADISM Church zu besuchen. Der Standort liegt etwas abgelegen in einem Industriegebiet, was jedoch nicht weit entfernt von einem kleinen, ländlich wirkenden Wohnquartier ist. Das Gebäude selbst ist ein schlichter Mehrzweckbau, in dem laut den Beschriftungen am Eingang auch andere religiöse Gemeinschaften untergebracht sind. Einen Hinweis auf ADISM Church suchte ich jedoch vergeblich. Kurzzeitig war ich deshalb unsicher, ob ich mich im Datum oder Ort geirrt hatte. Trotzdem entschied ich mich, mal die Treppe hinaufzugehen. Im dritten Stock angekommen, hörte ich dann schliesslich im sonst so stillen Gebäude ein Stimmengewirr und Musik. Dann betrat ich den Gottesdienstraum. Es war ein relativ grosser Saal, mit etwa 150 Stühlen, die in sieben Reihen auf beiden Seiten eines Mittelgangs aufgestellt waren. Links vom Eingang befand sich eine kleine Café-Ecke mit der Möglichkeit, Getränke oder Snacks zu kaufen. Auch Tische standen bereit, an denen man das Gekaufte verzehren konnte und Kinder Platz zum Malen oder Spielen hatten. Eine Mutter sass ruhig mit ihrem Kind dort. Schon die Einrichtung des Raums machte deutlich, dass die Gemeinschaft viel Wert auf Familienfreundlichkeit legt. Der Raum schien allerdings nicht ausschliesslich auf die ADISM Church abgestimmt, da ich selbst hier nirgendwo den Namen der Gemeinschaft erkennen konnte. Auch Flyer und Aushänge an den Wänden waren grösstenteils nicht auf Portugiesisch. Deshalb denke ich, dass der Raum sehr wahrscheinlich von mehreren Gemeinschaften genutzt wird.

Gängige Vorbereitungen
Laut Webseite sollte der Gottesdienst um 17:30 Uhr beginnen. Als ich pünktlich eintraf, war davon jedoch noch wenig zu spüren. Es waren vielleicht um die fünfzehn Menschen, inklusive spielenden Kindern, zu diesem Zeitpunkt im Raum. Frauen waren den Männern gegenüber eindeutig in der Überzahl. Mir fiel direkt auf, dass alle recht elegant gekleidet waren. Diese äussere Sorgfalt verlieh der Veranstaltung eine gewisse Feierlichkeit und vermittelte den Eindruck, dass der Gottesdienst für sie einen hohen Stellenwert einnahm. Kurz nach meiner Ankunft entdeckte ich auch das Pastorenpaar. Sie bemerkten mich recht schnell und schenkten mir ein herzliches Lächeln. Später kamen sie einzeln auf mich zu, begrüssten mich freundlich und schüttelten mir die Hand. Pastor Elismar fragte zudem auch nach meinem Namen und danach, wie ich auf ihre Gemeinschaft gestossen bin. Nachdem sich der erste Eindruck vom Raum gefestigt hatte, nahm man auf einem der zahlreichen Stühle Platz und beobachtete das Geschehen. Im hinteren Teil des Raumes befand sich ein überraschend professionell ausgestattetes Technikpult, das mit Laptops und Mischpulten versehen war. Dort arbeiteten um die fünf Personen, darunter auch die Pastoren, und testeten Mikrofone, Kamera, Beamer und Lautstärke. Eine Frau mittleren Alters betrat schliesslich das Rednerpult. Sie wirkte sehr routiniert und schien mit den Abläufen bestens vertraut. Beim Mikrofoncheck sang sie direkt einige Liedstrophen ins Mikro und gab technische Rückmeldungen. Ihre Selbstverständlichkeit im Umgang mit Bühne und Technik machte deutlich, dass sie diese Aufgabe regelmässig übernimmt. Insgesamt verlief diese Vorbereitungsphase recht gelassen, allerdings auch mit einer gewissen Unverbindlichkeit, was die Zeitplanung anging. Erst gegen 17:45 oder 17:50 begann sich die Atmosphäre allmählich in Richtung Gottesdienst zu verändern. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich mit mir knapp 20 Personen im Raum. Dazu zählte neben dem Pastorenpaar auch die Technikcrew.

Das innere Feuer der Christen
Der Gottesdienst begann mit einem Eröffnungsgebet. Pastor Elismar sprach dabei ohne Pause und im zügigen Tempo ins Mikrofon. Er wirkte routiniert und so, als wolle er sicherstellen, dass alles „Wichtige“ gesagt wird und dass er es schnell sagen müsse, bevor er es vergisst. Wenn ich dieses Anfangsgebet knapp beschreiben müsste, dann wohl am ehesten mit „effizient aufgesagt“.
Anschliessend leitete er direkt zum ersten Thema des Abends, der Positionierung, über. Seine Hauptaussage hier war, dass es die Aufgabe jedes Gläubigen sei, sich klar zur eigenen Glaubenshaltung zu bekennen und Gottes Willen sichtbar in der Welt zu vertreten. Es reiche nicht, still zu glauben, sondern man müsse aktiv Stellung beziehen. Hier erkannte ich wieder das Element der Jüngerschaft, das bereits auf der Webseite der Kirche deutlich gemacht wurde. In diesem Teil erwähnte Elismar auch, dass man Gott bedingungslos vertrauen müsse. Manchmal gäbe es Dinge, die Gott einem bewusst nicht gibt. Doch das, was man schlussendlich bekomme, sei besser als alles, was man sich erträumt hätte. Es gehe also im Glauben nicht darum, persönlichen Wünschen nachzugehen, sondern Gottes Pläne als wichtiger und grösser als die eigenen anzuerkennen. Zudem rief Pastor Elismar dazu auf, den Glauben mit mehr Entschlossenheit und Leidenschaft zu praktizieren. Wir sollten keine halbherzigen Christen sein, sondern Christen mit innerem Feuer.

Pastor Elismar in Aktion
Der Predigtstil von Pastor Elismar war von Anfang an sehr energiegeladen. Er sprach mit kräftiger Stimme, gestikulierte lebhaft, lief unablässig auf der Bühne hin und her und bezog uns ständig mit ein. Immer wieder forderte er uns auf, die Hände zu heben, zu rufen oder ihm einzelne Wörter oder Sätze laut im Chor nachzusprechen. Anfangs wirkte das noch motivierend, doch mit der Zeit fand ich es etwas anstrengend. Manchmal mussten wir ihm nämlich auch belanglosere Dinge nachsagen, die nicht zu seiner Hauptbotschaft gehörten. In seiner Art blieb Pastor Elismar während des gesamten Gottesdienstes gelassen. Gelegentlich steckte er die Hände in die Hosentaschen und sprach mit einer Art kumpelhafter Lockerheit, was ihn sympathisch wirken liess.
Etwa zwanzig Minuten nach Beginn des Gottesdienstes wandte er sich dann direkt an das neue Gesicht im Raum, also mich. Er bat die Gemeinde, mich mit einem Applaus willkommen zu heissen. Die Anwesenden lächelten mir freundlich zu und klatschten in die Hände. Die Geste war zwar etwas unangenehm, doch aus früheren Gottesdienstbesuchen in brasilianischen Gemeinschaften war sie mir bereits vertraut. Es war herzlich gemeint und so konnte man es letztlich auch verstehen.

Öffne dich!
Irgendwann im Verlauf des Gottesdienstes kam Pastor Elismar auf den Begriff „Effata“ zu sprechen. Das Wort stammt aus dem Aramäischen und bedeutet „Öffne dich“. In der Bibel wird es im Zusammenhang mit der Heilung eines Gehörlosen durch Jesus verwendet (Markus 7,34). Elismar sprach lange über diesen Ausdruck, da er für ihn ein Aufruf an die Gemeinde ist. Für den Pastor ist der Begriff nicht nur ein historisches Zitat, sondern er steht auch sinnbildlich dafür, sich innerlich zu öffnen, und zwar für Gottes Wort und Veränderungen. Es ging ihm weniger um eine theologische Erklärung als um eine emotionale Einladung, sich nicht zu verschliessen.

Ernster Lobpreis
Später betrat die Frau, die bereits zu Beginn den Mikro-Check durchgeführt hatte, erneut die Bühne und sang zwei Lieder. Musikalisch war es klassische Lobpreismusik, wie sie in vielen evangelischen Freikirchen üblich ist, auf Portugiesisch gesungen, mit emotionaler Melodie. Das Auftreten der Frau, so fand ich, war geprägt von einer Ernsthaftigkeit und starker Konzentration. Es wirkte so, als würde sie ausschliesslich für Gott singen und die Gemeinde um sich herum völlig ausblenden. Zwischen den Liedern sprach sie mit zitternder Stimme davon, dass Gott Wunder tun könne. Auch sie selbst brauche eines. Ihr Auftritt wirkte recht persönlich und emotional, doch zugleich fand ich ihn auch etwas schwer. Man merkte zwar deutlich, wie wichtig ihr die Beziehung zu Gott ist, ich fand aber auch gleichzeitig, dass sie wenig Raum für Leichtigkeit oder gemeinschaftliche Freude liess.

Standhaftigkeit
Später wurden von Pastor Elismar mehrere Passagen aus Sacharja 9 thematisiert, besonders die Verse 7 bis 13. Besonders betont wurde Vers 11, in dem Gott seine Gefangenen aus einem wasserlosen Brunnen befreien wolle, sowie Vers 12 mit der Zusage, alles in doppeltem Masse wiederherzustellen. Elismar erwähnte den Begriff „Gefangene der Hoffnung“. In seiner Auslegung wurde dieser Ausdruck zu einem emotionalen Appell: Gott werde nicht nur befreien, sondern alles zurückgeben, was verloren gegangen sei – und das sogar doppelt. Die Interpretation wirkte dabei weniger als theologische Auseinandersetzung, sondern eher als motivierende Durchhalteparole: Wer standhaft bleibt und im Glauben nicht wankt, wie es im Leben oft passieren kann, wird am Ende belohnt.

«Wenn Gott will, dass du etwas tust, wirst du es tun»
Gegen Ende des Gottesdienstes erzählte Pastor Elismar eine persönliche Geschichte aus seiner Vergangenheit, die etwa 20 Minuten ging. Es war eine Art Zeugnis, das sowohl emotional als auch dramatisch und humorvoll vorgetragen wurde. Wie so oft in seinen Predigten nutzte er auch hier Wiederholungen und forderte uns mehrfach dazu auf, Sätze im Chor mitzusprechen.
Die Geschichte begann in Portugal, wo Elismar als junger Pastor lebte. Eines Nachts träumte er von einer völlig fremden, heruntergekommenen Kirche, mit der er keinerlei Bezug hatte. Einige Wochen später erhielt er eine Nachricht von Freunden aus Brasilien, die ihn einluden, sie in einem neuen Projekt zu besuchen. Dies war kein geistliches Projekt, sondern seine Freunde eröffneten eine Apotheke in Santana do Araguaia, einer recht abgelegenen Stadt im zentralen Brasilien mit etwa 70’000 Einwohnern. Warum seine Freunde genau ihn nach Unterstützung in diesem Projekt fragten, zumal er doch in Portugal wohnte und Pastor und kein Handwerker war, wurde nicht weiter erklärt.
Anfangs lehnte Elismar kategorisch ab. „Auf keinen Fall gehe ich dahin“, erzählte er. Die Stadt habe nichts gehabt, „viel Gewalt, die Leute fuhren ohne Helm Motorrad, es starben ständig Menschen“. Er wollte definitiv nicht hin. Jedoch, so sagte er, „Gott hat eben seine Art, Dinge zu lenken.“ Schliesslich liess er sich überreden, für eine Woche zu kommen – „nur mal kurz die Apotheke anschauen“ – und das extra von Portugal.
Dann erzählte Elismar, wie er, bereits in Brasilien angekommen, mit seinem Freund im Pickup-Truck auf dem Weg nach Santana do Araguaia war. Die Anreise sei lang und beschwerlich gewesen, und die Strasse, die zur Stadt führte, bestand nicht einmal aus Asphalt, sondern schlicht aus Erde. Als sie schliesslich die Stadtgrenze erreichten, blickte Elismar aus dem Fenster und sah zu seiner Überraschung genau die Kirche, von der er Wochen zuvor im Traum eine klare Vision gehabt hatte. Daraufhin rief er aus: „Ich weise das im Namen Jesu zurück!“ Doch sein Freund blieb gelassen und sagte nur: „Bruder, Gott bringt dich hierher, um uns zu helfen.“ Zu diesem Zeitpunkt war Elismar aber noch überzeugt davon, dass er bereits die Woche darauf nach Portugal zurückfliegen würde. Das Ticket sei ja bereits gebucht gewesen.
Am darauffolgenden Tag war Elismar mit seinen Freunden in der Apotheke, die gerade umgebaut werden sollte. Dort betrat dann plötzlich eine ältere Frau die Apotheke und kam auf ihn zu. Sie war eine gläubige Schwester, bekannt für ihren festen Glauben, wie er es ausdrückte. Sie teilte ihm mit, dass sie in der Nacht zuvor eine Offenbarung erhalten hatte, und zwar, dass er in die Stadt kommen und ihre Kirche besuchen würde. Als sie ihn also darum bat, sie zu besuchen, wollte Elismar sich eigentlich auf niemanden einlassen. Immerhin sei er „nur fürs Wochenende“ da. Doch als die Frau nicht locker liess, willigte er schliesslich ein und besuchte die Kirche. Zu seiner Überraschung war es jene alte, heruntergekommene Kirche, von der er zuvor geträumt und die er auf der Anreise gesehen hatte.
Dort angekommen war sein Plan simpel: Er wollte die Anwesenden nur kurz segnen und direkt wieder gehen. Doch die Kirche war voll. Und als er dort predigte, trat eine weitere ältere Frau, um die 80 Jahre alt, zu ihm nach vorne und rief laut: „Du wirst diese Stadt nicht verlassen, bevor Gottes Werk hier vollendet ist.“ Und so war es auch: Am Ende blieb Elismar ein Jahr und acht Monate in Santana do Araguaia. In dieser Zeit wurde die Kirche vollständig umgebaut und renoviert. Dies erforderte viel harte Arbeit, mit wenig Geld und der Hilfe der einfachen Menschen, die dort lebten. Viele hatten kaum etwas, manche boten laut Elismar sogar Hühner als Beitrag an.
Er selbst ging auf die Felder, sammelte Material, sprach mit dem Bürgermeister… Selbst einen Unfall überstand er in dieser Zeit. Und aus der kleinen, ärmlichen Kirche entstand schliesslich die grösste Kirche in Santana do Araguaia: mit Glasfassade, Klimaanlage und Platz für über tausend Menschen.
Nach diesem Jahr und acht Monaten wollte Pastor Elismar gar nicht mehr zurück nach Portugal. Aber Gott habe ihm gesagt, dass er zurückgehen müsse, da seine Arbeit dort vollbracht war. „Denn dort werde ich dir deine Frau schenken.“

Persönliche Einordnung
Die Geschichte war zweifellos eindrücklich erzählt. Sehr bildhaft, mit einer gewissen Dramaturgie. Sie folgte dem klassischen Schema einer Berufungsgeschichte: ein göttlicher Traum, anfänglicher Widerstand, überraschende Bestätigung, Durchbruch trotz aller Widrigkeiten, am Ende die Belohnung. Elismar verstand es, Spannung aufzubauen und Humor einzusetzen. Er teilte seine Zweifel und seine Opfer. Auch war die emotionale Dichte hoch: alte Frauen mit Offenbarungen, Menschen, die Hühner spenden, die grösste Kirche der Region, ein Unfall, eine göttliche Partnervermittlung. Das mag für manche inspirierend sein, und für andere etwas überhöht wirken. Für mich persönlich lag es irgendwo zwischen echter Hingabe und inszenierter Selbstvergewisserung. Die Botschaft, die am Ende blieb, war aber deutlich: Wenn Gott einen ruft, würde er einen auch ausstatten. Und wenn man sich ihm hingebe, könne Grosses entstehen.

Fazit
Mein Eindruck der ADISM Church ist, dass sie eine moderne, medienpräsente Freikirche mit einem stark charismatischen Stil ist. Der Gottesdienst war emotional, laut und aktivierend und hatte viel Beteiligung und persönliche Ansprache. Manches wirkte authentisch, anderes aber auch ein wenig inszeniert, um mehr Eindruck zu hinterlassen.
Wenn ich nun auf die Fragen zurückkomme, die ich mir zu Beginn gestellt habe, ergibt sich folgendes Bild: Wie gestaltet sich das Gemeindeleben? Es scheint bewusst familiär gestaltet und auf aktive Mitwirkung ausgerichtet zu sein. Das zeigte sich für mich in der freundlichen Begrüssung, dem Café-Bereich, kindergerechten Ecken im Gottesdienstraum sowie in der aktiven Beteiligung von Mitgliedern am Ablauf. Welche Werte prägen sie? Die Werte wirken insgesamt etwas konservativ. Gehorsam, Hingabe und Vertrauen darauf, dass Gottes Wille wichtiger ist als eigene Wünsche, werden oft angesprochen. Auch wird immer wieder die Bedeutung von Standhaftigkeit betont, selbst dann, wenn man Gottes Pläne gerade nicht versteht. Wie flexibel ist die Interpretation ihrer Lehren? Meiner Meinung nach scheinen ihre Lehren gerade wegen dieses Gehorsams wenig flexibel. Möglichkeiten zu verschiedenen Interpretationen werden nicht angesprochen und stattdessen stehen Ansagen und motivierende Aufrufe zum Durchhalten im Zentrum. Insgesamt hinterlässt die ADISM Church den Eindruck einer modernen, aber stark geführten Freikirche, die ihren Glauben emotional vermittelt.


Laura Meyer, 31. Juli 2025

Asatru-Stammtisch: Zwischen offenem Austausch und grenzwertigen Kommentaren

Als ich sonntags kurz vor 11 Uhr vor dem Stammlokal der Asatruar, kaum zwei Minuten vom Hauptbahnhof Zürich entfernt, stehe, bin ich unsicher, an welchen Tisch ich gehen soll, und ob wohl schon andere anwesend sind. Gerade vor mir gehen zwei Personen hinein, die ich als «vermutlich Asatru» einordnen würde: Sie tragen primär schwarze Kleidung, schwarz-silbernen Schmuck und Piercings. Sie direkt darauf ansprechen ist mir dann aber doch zu unangenehm.

Da auch der Kellner unter «Asatru» nicht weiss, wo ich hingehöre, und ich nicht weiss, unter welchem Namen reserviert wurde, drehe ich mich kurz zu einem Paar, das nach mir eingetreten ist. Der Mann, der bereits an mir vorbei läuft, sieht auch wieder «Asatru»-mässig aus: primär schwarzes T-Shirt, mehrere Piercings, einige Tattoos. Er geht auch gleich zum anderen Paar, und begrüsst sie herzlich, mit Handschütteln oder Umarmung. Das reicht mir zum Ansprechen: Ich frage seine Frau, die nach ihm hineingekommen ist, ob sie auch fürs Asatru-Treffen da sind. Sie sagt ja, und ich gehe mit ihnen an den Tisch, an welchem für zehn Personen gedeckt ist. Sie begrüssen auch mich herzlich, gar mit Umarmung, und wir setzen uns.

Ich verwende hier «germanisch» und «nordisch» austauschbar. Gewisse Unterschiede bestehen aber dennoch: Der nordische Gott Odin wird beispielsweise in der germanischen Mythologie als «Wodan» bezeichnet. Beide Namen sind gefallen, auch wenn Termini aus der nordischen Mythologie vermehrt aufgetreten sind.

Mit christlichen Hintergrund im Neuheidentum
Es dauert nicht lange, bis ich nach meinem Hintergrund gefragt werde, und ich informiere sie, möglichst kurz, über meinen christlichen Hintergrund und dass ich mich für Polytheismus interessiere. Anscheinend, so wird mir erzählt, war vor einer Weile bereits jemand «wie ich» dort, die verschiedene polytheistische Gruppen besucht hatte, und sich schliesslich für die keltische Mythologie entschieden habe. Ich bin positiv überrascht, dass (selbst-bezeichnende) Heiden heute anderen polytheistischen Religionen gegenüber so offen sind. Mindestens zwei der Anwesenden haben ebenfalls einen christlichen Hintergrund, und haben sich dann in Asatru am wohlsten gefühlt. Jemand bezeichnet es als «Hausaufgabenreligion», was wohl bereits ein etablierter Begriff ist. Ein weiterer Fokus liegt auch auf der persönlichen Erfahrung. In der Kirche, beispielsweise der christlichen, werde einem das Denken abgenommen, man sage, alles sei bereits aufgeschrieben, aber in Asatru sei die Schrift, nämlich die Edda, bloss eine Orientierungshilfe, und diene als Wegweiser. Einschätzungen müsse man immer noch selbst machen. Ein Bestehen auf die Schrift à la «aber in der Edda steht», um anderen etwas vorzuschreiben, werde nicht akzeptiert. Der Fokus läge auf dem eigenen Erleben. So und weiter werde ich zur grundsätzlichen Glaubenshaltung «gebrieft».

Im Rahmen unseres ersten Austausches reden wir auch kurz über Wiccas. Ein Mitglied meint, dies sei eher neu, was ihm weniger gefällt, sowie seines Wissens feministisch (was er durchaus neutral erwähnt). Ich erzähle ihm, dass es anfangs gar nicht feministisch war, und diese Ausprägung erst später erhielt. Wir reden noch etwas über Liebeszauber und das Einbinden von Gottheiten in Ritualen, mit denen man ansonsten nichts zu tun hat. Seinerseits habe ich den Eindruck, dass er die spirituelle Einstellung durchaus respektiert, sich selbst einfach nicht darin sieht.

Der Tisch füllt auf. Als wir dann «vollständig» sind, sitzen drei Paare am Tisch – allesamt heterosexuell – und eins davon bringt ihre Kinder mit. Eine weitere Frau bringt ebenso ihr Kind mit, und, abgesehen von mir, sitzt noch ein weiterer Mann am Tisch. Wir sind also dreizehn. Ästhetisch entsprechen die Männer gewissen Vorstellungen: Entweder gar keine Haare am Kopf, oder ein voluminöser Bart. Bei den Frauen ist dies weniger ausgeprägt. Zudem sind alle weiss, und stammen entweder aus der Schweiz, den USA, oder Deutschland. Es liegt auch noch ein hölzerner Hammer auf dem Tisch, und daneben steht ein ebenfalls hölzernes Gestell, an welchem eine Asatru-Flagge, die von einem Mitglied selbst genäht wurde, aufgehängt ist.

«Ich bin Asatruar»: Reaktionen der Aussenwelt
Eine von allen geteilte Erfahrung ist, dass ihre Aussage, Asatru zuzugehören (oder «asatreu» zu sein), jeweils zu unangenehmen Erlebnissen im Umkreis führt. Oftmals müssten sie erklären, was genau sie glauben. In gewisser Weise sei es aber auch gut, etwas unter den Radar zu fallen; man würde auch weniger angegriffen. Wenn sie dann erklären, was sie glauben, würden andere grundsätzlich negativ dazu reagieren. Eine Frage sei gewesen, ob sie denn Blut tränken, und Sexorgien abhalten würden (beides Nein). Andere hätten kommentiert, «Satan nimmt viele Gesichter an». Alle Anwesenden scheinen, so wirkt es auf mich im Gespräch, andere Religionen zu respektieren, und würden dies ebenfalls gerne so erleben; «leben und leben lassen», sagt eine und die anderen nicken.

Ein paar grenzwertige Witze: Tendenz inakzeptabel
Die Diskussion beginnt wohl erst, nachdem alle ihr Mittagessen aufgegessen haben, und so plaudern wir bis dann, über alles Mögliche. Mir werden Kinderbücher empfohlen, die Gottheiten verschiedener Mythologien und wichtige Geschichten auf einfache Art präsentieren, von einer Frau, welche diese selbst gerne liest. Andere Bücher seien in kleiner Schrift, die Zeilen zu eng, die Bücher zu dick; ein Problem, das solche Bücher auch für mich zu keiner leichten Lektüre macht. Einer der Männer erzählt, zugegebenermassen auf Nachfrage, die Hintergründe seiner Tattoos (unter anderem einige nordische Symbole). Eines, erzählt er mir, habe er an einem Konzert stechen lassen. Zwei seiner Freunde wären dann einfach mitgekommen und hätten es sich ebenfalls stechen lassen, sodass sie dann «wie so ein schwules Trio» gewirkt hätten. Er lacht, und niemand kommentiert dies weiter. Dies sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass er einen entsprechend Witz macht. Nachdem seine Frau im Rahmen der Diskussion kommentiert, dass sie gerne mit Indern im Regen tanzen würde – weil sie sehr gerne Regen habe, und anscheinend Inder darin tanzen gesehen hätte? – erklärt er, dass es einleuchte, dass diese sich freuen. Schliesslich hätten sie endlich die Gelegenheit, sich zu waschen. Auf die nicht ganz seriös wirkende Beschwerde seiner Frau erklärt er, dass der Ganges eben so dreckig sei, dass man sich darin ja nicht waschen könne. Während er zwar der Einzige ist, der solche Witze macht, beschwert sich auch niemand. Vielleicht wurde hier das «leben und leben lassen» etwas zu weit angewendet.

Von naturnahen Autobahnfahrenden und Brotopfern
Wir bestellen unser Essen, und zu meiner Überraschung ernährt sich jemand vegetarisch – oder bestellt zumindest den vegetarischen Burger, einer der wenigen vegetarischen Optionen im gutbürgerlichen Schweizer Restaurant in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das Gespräch geht weiter, und sie erzählen mir mehr über ihren Schmuck – auftretende Symbole sind das Wolfskreuz aus Island sowie den sogenannten «Vegvisir» (Wegweiser) als Island -, und über Asatru. So seien einige der langjährigen Mitglieder seltener an den Treffen, weil es zeitlich nicht mehr immer ginge. Eine erzählt mir, dass jedes Mal, wenn sie komme, komplett unterschiedliche Personen anwesend seien, und sie diese jeweils gar nicht kenne. Einzelne seien auch weggezogen. Die meisten, so erfahre ich, sind mit dem Auto gekommen, und beschweren sich über unangenehme Erlebnisse auf der Autobahn. Sie treffen sich in Zürich gleich neben dem Hauptbahnhof, weil es am praktischsten sei. Ein wenig überrascht es dann doch, dass gerade bei der geschätzten Nähe zur Natur und Naturgewalten der Treffpunkt inmitten von Zürich liegt.

Die Rituale, die viermal im Jahr stattfinden, würden sie jeweils im Wald abhalten, wenn auch nicht mehr am selben Ort, an dem es früher war. (Wobei ich natürlich auch nicht weiss, wo es «früher» stattgefunden hat.) Um an diesen Ritualen teilzunehmen, muss man mindestens zweimal an ein Stammtischtreffen gekommen sein, damit man sich kennt: «Ein Ritual ist eine persönliche Angelegenheit», heisst es auf der Webseite, die anscheinend bald etwas modernisiert wird. An den Ritualen selbst, so wird mir erzählt, wird jeweils frisch gebackenes Brot geopfert. An einem Punkt sprechen wir auch über ein neuheidnisches Festival, das jährlich in Deutschland im Kontext der germanischen Gottheiten und neuheidnischer Ostara stattfindet. Ein Mitglied erklärt mir, dass die vermutete Göttin «Ostara» erst sehr spät aufgetreten sei, und ihre Existenz umstritten sei. Ich informiere ihn später, dass Ostara anders betont werden muss – er spricht es jeweils mit Betonung auf der zweiten Silbe aus, also ostAra, statt, wie es in germanischen Sprachen korrekt werde, Ostara mit Betonung auf der ersten Silbe. Er meint, dass dies in der Szene so gehandhabt wird, betont es aber im Verlauf des Gesprächs mit Augenzwinkern in meine Richtung korrekt auf der ersten Silbe.

Verbindungen nach ausserhalb: Zwischen Neuheidentum und Rechtsextremismus
Befreundet, aber nicht vernetzt, sind sie mit dem Verein «Eldaringer» aus Deutschland – eine der Anwesenden gehört auch dazu, und ist in der Schweiz auf Besuch. Sie beschwert sich darüber, wie an Events – sie spezifiziert nicht, welche, aber vielleicht habe ich es im Gesprächschaos auch verpasst – jeweils rechtsextreme Personen aufträten. Diese seien einerseits gewaltbereit, was sie nicht möchten, und andererseits hätten sie auch keine Ahnung vom Glauben selbst. Sie erzählt weiter von Gesprächen mit den Personen, aus welchen ersichtlich wird, dass die genannten Rechtsextremen sich nicht mit der Religion als solches auseinandersetzen. Ein weiteres Mitglied meint auch, dass er gerade optisch oft auch als Rechtsextremer eingeschätzt werde, auch wenn er dies nicht sei.

Die Verbindung, oder Annäherung(sversuche) von Rechtsextremen an die germanische Mythologie und das damit verbundene, neugelebte Heidentum ist mir ebenfalls bekannt. Im germanischen Neuheidentum tauchen immer wieder Rechtsextreme auf, und Rechtsextreme verwenden oft Runen oder andere Symbole, die im germanischen Neuheidentum ebenfalls gebraucht werden. Auch gibt es die Überschneidung: Gruppen und Einzelpersonen, welche die germanischen Gottheiten verehren, aber gleichzeitig auch rechtsextrem sind. In Deutschland gab es so die völkisch-rassistische sowie antisemitische «Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung», die 2023 verboten wurde, und welche die Domain «asatru.de» solange innehatte. In der Schweiz gibt es auch Mitglieder der rechtsextremen Jungen Tat, welche die germanischen Gottheiten verehren. Die PNOS, deren Jugendorganisation Vorgängerin der Jungen Tat war, hatte gar auf ihrer Webseite Bücher zur nordischen Mythologie empfohlen, als Einstiegslektüre in den germanischen Glauben. Dass diese Überschneidung einfach ausgeklammert wird, vereinfacht natürlich das Weltbild, ist aber nicht ganz akkurat – und leistet keinen Beitrag dazu, dass die Unterscheidung von neuheidnischen Rechtsextremen und Neuheid:innen, die nicht rechtsextrem sind, eben doch notwendig ist.

Gewisse Symbole aus dem germanischen (Neu-)Heidentum sind je nach Region in West- und Nordeuropa auch verboten. Tatsache ist aber auch, dass Nationalsozialisten zur Zeit des Dritten Reiches Runen und andere germanische Symbole ebenso verwendet haben. Beispielsweise war die Schreibweise des S im «SS» der Schutzstaffel eins zu eins übernommen von einer der beiden Schreibweisen der germanischen Rune «Sowilo». Glaubende Asatruar versuchen also, sich davon zu distanzieren. Während ich die Distanzierung in Deutschland aktuell nicht einschätzen kann, würde ich nach diesem Stammtischbesuch sagen: Asatru Schweiz wirkt nicht rechtsextrem, aber man könnte mehr darin investieren, sich explizit davon zu distanzieren. Ein wenig scheint die Beschwerde, wie man es aus gewissen rechtslastigen Kreisen kennt: Lange sei das Symbol neutral gewesen, dann «kamen so ein paar Leute und machten alles kaputt.» Antisemitische Gruppierungen hatten aber schon viele Jahrzehnte, bevor der Nationalsozialismus als solches etabliert wurde, eine (Rück-)Berufung auf die germanische Mythologie beworben, da das Christentum ja ebenso mit dem Judentum verbunden sei. Egal, wie lange das Symbol nicht von Rechtsextremen gebraucht worden wäre, heute steht es damit in Verbindung, und wer es brauchen möchte, ohne mit rechtsextremer Ideologie in Verbindung gebracht zu werden, muss sich umso mehr öffentlich sowie innerhalb der Gruppe von solchen Werten distanzieren. Dies macht der Verein Asatru zwar auf seiner Webseite, indem er sich von politisch extremen Ansichten distanziert, und bezeichnet Hass und Nationalismen als unvereinbar mit ihrem Glauben. Diese Distanzierung müsste aber auch an ihren Treffen wahrgenommen werden können.

Island, wo Milch und Honig – oder: Met – fliesst?
Mir fällt zudem ein starker Island-Fokus auf. Da in Island am meisten von Asatru erhalten blieb, orientieren sich heute viele Neuheiden daran, der Fokus liegt ebenfalls auf der Edda, die aus Island stammt, als Wegweiser. Einzelne erzählen von ihren Ferien in Island, und mehrere im getragenen Schmuck verwendete Symbole sind ebenfalls aus Island. Es ist zudem das erste (und meines Wissens einzige) Land, in welchem Asatru als Religion anerkannt wurde. Im Gegensatz zu anderen Ländern wurden jene, die nach der Christianisierung den alten Glauben auslebten, auch nicht verfolgt; man durfte es in den eigenen vier Wänden ausleben. «Man sollte es einfach nicht an die grosse Glocke hängen», meint einer der Island-Fans über die damalige Zeit. Weiter gäbe es unterdessen in Reykjavik einen Asatru-Tempel. Während die historische Relevanz Islands für Asatru – das als Wort auch aus Island stammt – durchaus nicht abzustreiten ist, teile ich die grosse Begeisterung weniger.

Sprechhammer und Göttliches Erscheinen
Als dann alle ihr Mittagessen konsumiert haben, beginnt die Diskussion. Da sich nur vier Personen an der Themenabstimmung im Gruppenchat beteiligt hatten, stimmen wir erneut ab. Mit einer 3-2-2-Abstimmung gewinnt das ursprünglich ausgewählte Thema (von mir stark paraphrasiert): Sehen wir die Gottheiten so, wie sie in den Mythen auftreten? Die erste Person erhält den hölzernen Hammer, und beginnt zu sprechen. Dieser «Sprechstab» bestand bereits, als vor 6 Jahren bereits eine Relinfo-Mitarbeiterin zu Besuch war, und ist aus alternativen Schulen bekannt. Er wird in der Runde weitergegeben, bis alle einmal ihre Meinung gesagt haben. Als ich einen Kommentar à la «Oh, Mjölnir?» (Thors Hammer) mache, meint jemand, dass es nicht Mjölnir sei, sondern «einfach ein Hammer». In der Runde erzählen und erklären einige ausführlich, andere halten sich kürzer. Besonders die erste Erklärung dauert so lange, dass ich nach etwa drei Vierteln kurz die Aufmerksamkeit verliere. So wird bereits zu Beginn argumentiert, dass Götter das Erscheinen je nach Ziel wählen. Wenn sie erkannt werden wollten, wählten sie diese Form, wenn sie nicht erkannt werden wollten, dann wählten sie eine andere Form.

Zeugnisse im Neuheidentum: Eine dann doch merkwürdige Erfahrung
Einige Erzählungen erinnern mich sehr stark an Freikirchen. So ist eine Formulierung, die ich antreffe: «Ich durfte erleben, wie»; eine Wortwahl, die ich in meiner ehemaligen Freikirche durchschnittlich mindestens einmal die Woche vernommen habe, wenn Personen von persönlichen Erlebnissen mit Gott berichten («ich durfte Gottes Anwesenheit/Hilfe/Unterstützung/Macht/… erleben»).

So nannten mehrere Treffen mit Tieren, die als göttliche Unterstützung interpretiert wurden. Beispielsweise ein zufälliges Treffen mit einem Reh, welches zu einem Starrwettbewerb führte. Nach gegenseitigem Anstarren sei in der Person eine Ruhe eingetreten, und das Reh sei ruhig wieder weitergelaufen. Eine weitere Person fragt nach, welche Gottheit da seiner Auffassung nach aufgetreten sei. «Das weiss ich nicht sicher», kommt zurück, und es wird auch keine Vermutung geäussert.

Ebenso gab es Erzählungen von Gesprächen, oder Geschichten davon, mit Menschen, die visuell an die Beschreibung der Gottheiten in der Edda erinnern; beispielsweise ein alter Mann, der auf einem Auge eine Augenklappe trägt, während Raben ihn umgeben (für jene, die in der nordischen Mythologie nicht ganz fussfest sind: Odin hat eines seiner Augen verloren und wird mit Raben assoziiert). Dass die Gespräche und Begegnungen geholfen haben, freut mich natürlich für die betroffenen Personen.

Es sind auch Personen da, die hier etwas kritischer sind, und eine andere Auffassung verfolgen: Vielleicht sind Tiere auch einfach Tiere. Wie Gottheiten erscheinen, hänge von uns ab. Selbst habe er eine Gottheit auf diese Weise noch nie erlebt, auch wenn er gerne würde. In der Diskussion herrscht weiter Konsens darüber, dass uns die Gottheiten schon etliche Male im Leben begegnet sein könnten, ohne dass wir davon wüssten. Ein weiteres Mitglied erzählt ebenfalls davon, wie unerwartet ein Tier ins Leben getreten sei, dass dann später durch eine schwierige Zeit geholfen habe.

In der Gruppe selbst wird niemandem eine religiöse Erfahrung abgesprochen, und das möchte ich auch in diesem Beitrag nicht tun. Als ich meinerseits äussere, dass ich gerade bei Erlebnissen die Unterscheidung schwierig fände – ist es jetzt wirklich eine göttliche Intervention? – kommt zurück, dass alle Zweifel hätten. Der Austausch ist angenehm, offen, und meine Beiträge (die ich zugegebenermassen durchaus nervös mache) werden mit unterstützenden Blicken und Worten entgegengenommen. Insgesamt gefällt es mir besser als das Zeugnis ablegen in der christlichen Gemeinde, denn die Reaktion auf Erlebnisse ist: «Was hat das in dir ausgelöst?», und nicht, «ja, Gott ist grossartig».

Götter haben gerne Spass
Die Runde ist durch, alle haben etwas gesagt, und die offene Diskussion beginnt. Die erste Frage, die gestellt wird, lautet in etwa: «Die meisten eurer Erzählungen haben sich darauf bezogen, wie die Götter in schlechten Zeiten aufgetreten sind. Habt ihr auch Erlebnisse, als es euch gut ging?» Die Anwesenden tauschen sich darüber aus, wie man in schlechten Zeiten wohl offener ist, göttlichen Beistand wahrzunehmen, weil man mehr darauf achtet, und mehr Hoffnung und Unterstützung braucht. Dass Gottheiten aber auch gerne Spass haben, und auch im Leben sind, wenn es einem gut geht, findet ebenfalls viel Zustimmung in der Runde. Auch dieses Erleben – das vermehrte Erfahren von Göttlichem, wenn es einem weniger gut geht – scheint mir in der christlichen Religion ebenfalls oft aufzutreten, und ist wohl mehr menschlich als göttlich.

Eine andere Frage betrifft in etwa favorisierte Gottheiten, oder solche, die bereits erlebt wurden. Mehrere Mitglieder nennen Freya, weniger nennen Odin und Thor. Ein Mitglied erzählt, wie sie aufgrund einer Astralreise erfahren hat, dass Tyrs Tochter ihr bereits ihr Leben lang beistünde. Dass Tyr eine Tochter gehabt hätte, ist mir neu. Ein weiteres Mitglied erzählt von seiner Begeisterung für Gewitter und Regen. Er fühle sich als Mensch, als «untergeordnet», wenn es gewittert, und geniesse dies – sowie auch nur blossen Regen – sehr. Dass die grossen Gottheiten beliebter sind als die kleineren, gestehen alle ein. Das Gesprächsthema «Regen» geht weiter, und zwei erzählen von einer Überschwemmung. Den Regen selbst hätten sie genossen, aber als dann das ganze Dorf unter Wasser stand, hätten sie es «auch nicht mehr lustig» gefunden. Ich verkneife mir einen Kommentar zum Klimawandel. Einzelne Anwesende erzählen auch von Erfahrungen mit Wind, die sie als göttlich wahrgenommen haben – beispielsweise ein tröstender Wind an einem sonst windstillen Tag.

I will au mal es Rüebli!
Es entsteht auch eine Diskussion zu Valhalla. Dabei handelt es sich in der germanischen Mythologie um eine Halle, in welcher die Hälfte der gefallenen Krieger nach ihrem Tod gebracht werden – zuerst wählt Freya die Hälfte der Krieger aus, Odin erhält nur die andere Hälfte. Dort trainieren Krieger den ganzen Tag für Ragnarök (den vorausgesagten Weltuntergang), und essen abends Fleisch, immer desselben Ebers, und trinken Bier und Met. Schliesslich sterben sie ebenso alle bei Ragnarök. Ein Mitglied fasst dies zusammen und bezeichnet es als «Tod auf Zeit». Er ergänzt, dass Valhalla als solches erst spät als Konzept auftaucht – am Ende der Mythenentwicklung. Selbst wolle er nicht dort landen. Wer dort lande, habe im Kampf verloren, und sei dann auch nicht von Freya ausgewählt worden; er impliziert, dass nur die Übriggebliebenen nach Valhalla kommen. Ausserdem würde er nicht jeden Abend Bier trinken und Fleisch essen wollen – «i will au mal es Rüebli!», scherzt er. Seine Ausführungen finden Anklang in der Gruppe.

Die Alternative dazu ist Helheim, eine der neun Welten, wo Menschen nach ihrem Tod auf der Erde (Midgard) hinkommen. Dort würde man seine Vorfahren auch treffen können – für ihn eine schönere Vorstellung als Valhalla. Auch dies findet Zustimmung, und ein weiteres Mitglied meint, Hel sei eigentlich ein sehr liebevoller Mensch. Sie wird grinsend von anderen korrigiert: «Göttin, eher».

Abschliessende Einschätzung
Ich habe die Offenheit gegenüber verschiedenen polytheistischen Gruppierungen, beispielsweise anderen Formen des Neuheidentums, sehr genossen, und mich gefreut, offen reden zu können. Auch erfahrungsmässig scheinen einige meinen Hintergrund in christlichen Gruppierungen zu teilen. Es war ausserdem eine schöne Erfahrung, sich ausserhalb des entweder christlichen oder atheistischen Feldes, in dem ich mich meistens befinde, zu bewegen.

Gleichzeitig fehlt mir die betonte Distanz zu extremen politischen Meinungen. Die Runde erinnerte mich ein wenig an den damaligen Schützenverein aus meinem Dorf: Witze sind tendenziell unter der Gürtellinie, es ist normativ heterosexuell; ich weiss nicht, ob sich jemand sicher outen könnte, und welche konservativen Werte sonst noch vorhanden sind. Auch der tolerierte Rassismus, hier in Form von Witzen, ist nicht mehr salonfähig – besonders in einer Gruppe, die umso mehr die Aufgabe hätte, sich von ebendiesen rechtsextremen Werten zu distanzieren.

Angela Heldstab, 28.07.2025
Lexikoneintag Asatru Schweiz

Love City Church Basel – Eine emotionale Achterbahnfahrt

Ein grosses Willkommen und zwei Spezialstühle

Es ist Samstagnachmittag, ich verlasse den Badischen Bahnhof und überquere die Strasse. Laut Google Maps habe ich mein Ziel erreicht, vorerst sehe ich aber nur ein Hotel und ein indisches Restaurant in dem Gebäude. Bei näherer Betrachtung entdecke ich jedoch ein Schild mit der Aufschrift «Fortified City Church Basel». Ich besuche heute einen Gottesdienst der Jugendgruppe ebendieser Kirche, die Jugendkirche nennt sich «Love City Church». Ich bin zwar noch eine halbe Stunde zu früh aber schaue schon mal durch die Tür. Kaum im Eingangsbereich öffnet sich eine weitere Tür und eine junge Frau fragt, ob ich die «Love City Church» suche. Als ich dies bejahe, umarmt sie mich und führt mich sogleich in einen grossen Raum mit aufgereihten Stühlen und einer grossen Bühne. Hier werde ich von weiteren jungen Leuten herzlich empfangen und einem Platz in der dritten Reihe neben einer jungen Frau zugewiesen. Sie stellt sich auf Englisch vor und wir führen ein wenig Smalltalk. In der Zwischenzeit probt ein fünfköpfiges Team auf der Bühne einige Zeilen eines Worship-Songs. Drei junge Frauen wärmen ihre professionell klingenden Stimmen auf, dabei werden sie von einem E-Piano und einem Schlagzeug begleitet. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Stühle sind in drei Blöcken mit jeweils sechs Reihen aufgestellt, zwischen den Blöcken bilden sich zwei zur Bühne gerichtete Passagen. Vor der Bühne liegt säuberlich ein langer blauer Teppich, die vorderen Ecken der Bühne sind mit jeweils einem grossen Topf eines palmartigen Gewächses gesäumt. Hinter den Publikumsreihen stehen mehrere technische Geräte, Laptops und ein Beamer. 

Ein Junge tritt an mich heran und fordert mich dazu auf, einen QR-Code zu scannen. Auf meinem Handy öffnet sich ein Formular, ich gebe meinen Namen, mein Alter und mein Geschlecht an und wähle das Feld «zum ersten Mal hier» aus. Der Junge scheint zufrieden zu sein und schlendert davon. Vereinzelt tröpfeln neue Menschen in den Saal, doch die ersten zwei Publikumsreihen werden konsequent frei gelassen. Meine Sitznachbarin zeigt mir die Toilette und bei meiner Rückkehr an meinen Platz schreite ich über den Teppich durch einen der Stuhlgänge. Ich werde jedoch auf halbem Weg zurückgebeten, ich dürfe da nicht passieren, sondern soll bitte hinten um alle Stühle herum gehen und so an meinen Platz finden. Ich folge den Instruktionen, bin jedoch ein bisschen verwirrt. Einige Leute scheinen nämlich sehr wohl durch diesen speziellen Bereich spazieren zu dürfen. Vielleicht die regelmässigen, alteingesessenen «LCC» Besucher*innen? Leider weiss ich bis zuletzt nicht, wem die Teppich-Ehre gebührt, und wem nicht. 

Mittlerweile befinden sich rund vierzig Menschen im Saal. Mehrere junge Leute kümmern sich soeben um zwei «Spezialstühle» in der vordersten Reihe, mehrmals werden die gepolsterten Lederstühle umarrangiert, damit die Symmetrie der ersten Reihe perfekt stimmt. Ich höre die Aussage einer jungen Frau: «Wasser fehlt noch, ich mache nicht denselben Fehler zweimal.» Sie stellt ein Glas Wasser auf den kleinen Beistelltisch neben den besagten zwei Stühlen. Wem wohl die «Ehrenstühle» zugedacht sind? 

In den ersten zwei Reihen sitzen nun vereinzelt Menschen, es scheinen dieselben zu sein, die über den Teppich schreiten dürfen.

Das Alter der Besuchenden liegt meiner Einschätzung nach zwischen dreizehn und fünfundzwanzig. Zu meiner rechten Seite entdecke ich jedoch zwei kleine Mädchen in weissen Kleidchen. Das eine Mädchen kaut an seinem Tutu, das andere steckt sich den goldenen Kreuzanhänger ihrer Halskette in die Nase, sie scheinen nicht älter als sechs Jahre zu sein. Die Nationalitäten im Publikum sind sehr divers, ich höre viele verschiedene Sprachen. Der weibliche Anteil der Anwesenden ist etwas höher als der männliche.

Wicked World 

Eine junge Frau erhebt ihre Stimme und eröffnet den Gottesdienst. Auf der grossflächigen Leinwand erscheint ein brennendes Kreuz, und die bisher flackernden Neonröhren werden von violett-blauen LED-Lichtern abgelöst. Es soll individuell ein Gebet gesprochen werden, der ganze Raum raunt vor sich hin. Die junge Frau ergreift erneut das Wort und möchte, dass wir «unsere Nachbarn grüssen». Dies geschieht durch ein kurzes gegenseitiges Vorstellen und durch Umarmungen. Innert kürzester Zeit werde ich von mindestens zehn Leuten herzlich umarmt. Als wir alle wieder an unseren Platz zurückfinden, fällt mir auf, dass die zwei kleinen Mädchen verschwunden sind. Später erfahre ich, dass sie die Zeit des Gottesdienstes im Kinderzimmer verbringen. 

Auf die Leinwand wird nun in grossen Buchstaben «Testimony» projiziert, es wird in die Runde gefragt, wer gerne ein Zeugnis teilen möchte. Eine meiner «Umarmerinnen» steht auf, ergreift das Mikrofon und fängt an zu erzählen. In der Kita, in der sie arbeitet, gäbe es ein vierjähriges Mädchen, welches sich vermehrt selbst befriedige. Die anderen Betreuungspersonen fänden dieses Verhalten normal und sind der Meinung, dass Kinder ihren Körper entdecken dürfen. Das Mädchen werde jeweils in ein anderes Zimmer gebracht und dürfe dort allein weiter ihren Körper erforschen. Im Saal herrscht Empörung, es werden Köpfe geschüttelt und angewiderte Blicke ausgetauscht. Die Frau fährt fort, dass sie das Verhalten der anderen Betreuungspersonen stark verurteile und dass das Verhalten der Vierjährigen «komplett abnormal» sei. Sie sehe anhand von diesem Beispiel, wie schlimm es um unsere Welt stehe. Das ganze Publikum stimmt ihr zu, eine Besucherin kommentiert: «What a wicked world!»

Ich bin sehr überrascht von diesem steilen Einstieg in den Gottesdienst. Ich kann zwar gut verstehen, dass die kindliche Selbstbefriedigung bei Erwachsenen Unsicherheit oder Befremdnis auslöst, wissenschaftlich gesehen ist dies bei Kindern aber normales und natürliches Verhalten. Kinder in solch jungem Alter berühren sich nicht aus sexuellen Absichten, sondern aus Neugier. Sie erforschen ihren Körper und dazu gehören auch die Geschlechtsteile. Wenn die Kinder merken, dass sich ihre Berührungen dort besonders angenehm anfühlen, stimulieren sie sich ohne Scham. Als Eltern oder Betreuungsperson macht es natürlich Sinn dem Kind zu erklären, dass die Stimulation der Geschlechtsteile etwas Privates ist und vielleicht lieber zuhause in Ruhe weitergeforscht werden soll. So wird das Kind geschützt, nicht blossgestellt oder gar beschämt. Die Einstufung dieses Mädchens als «abnormal» ist also einfach falsch. Wird dem Mädchen sogar zu verstehen gegeben, dass mit ihm etwas nicht stimme, kann es unter Umständen langfristige seelische Schäden davontragen.

Emotionale Bible-Study-Session

Ich erwarte den Anfang der Predigt, doch wir werden in drei «Bible-Study-Gruppen» eingeteilt. Meine Sitznachbarin und ich sind in der Gruppe, die auf Englisch stattfindet. Von einem etwa dreissigjährigen Mann werden wir in einen angrenzenden, länglichen Raum geführt. Der Mann ist mir zuvor nicht aufgefallen, aber die meisten scheinen ihn zu kennen. Wir setzen uns in einen Stuhlkreis, müssen uns der Reihe nach vorstellen und erzählen, wie unsere Woche verlaufen ist. Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus: Einige berichten von ihrem Arbeitsalltag, andere sagen, sie seien diese Woche sehr «blessed» gewesen. Doch meine Sitznachbarin schüttet weinend ihr Herz aus. Sie erzählt von ihrer schlimmen Woche, dass sie ihre Familie in Brasilien vermisse und derzeit kein Zuhause habe. Die Gruppe zeigt sich sehr fürsorglich: Es werden ihr Bibelstellen vorgelesen und ihre Situation wird als «von Gott so gewollt» beschrieben. Diese Aussage und das viele Zureden scheinen sie sehr zu berühren und etwas zu beruhigen. Der Dreissigjährige möchte aber trotzdem noch eine Bibelstelle mit uns genauer anschauen. Er bittet einen jungen Mann eine Stelle aus dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher vorzulesen. 

1. Thessalonicher 5, 1-15
Leben im Vorschein der Zukunft
Über Zeiten und Fristen aber, liebe Brüder und Schwestern, braucht euch niemand zu belehren. Ihr wisst ja selber genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen wie die Wehen über die Schwangere, und es wird kein Entrinnen geben.
Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag überraschen könnte wie ein Dieb. Ihr seid ja alle ‹Söhne und Töchter des Lichts› und ‹Söhne und Töchter des Tages›; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis. Lasst uns also nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein! Wer schläft, schläft des Nachts, und wer sich betrinkt, ist des Nachts betrunken, wir aber, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung. Denn Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen, sondern dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir alle miteinander, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden.
Deshalb: Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.
Das Zusammenleben in der Gemeinde
Wir bitten euch aber, liebe Brüder und Schwestern, diejenigen zu achten, die sich besonders einsetzen unter euch, die sich im Herrn um euer Wohl kümmern und die euch zurechtweisen. Schätzt sie um dieses Tuns willen über alles in Liebe! Und: Haltet Frieden untereinander.
Wir reden euch aber zu, liebe Brüder und Schwestern: Weist die zurecht, die sich an keine Ordnung halten, ermutigt die Verzagten, steht den Schwachen bei, habt Geduld mit allen! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte. Jagt vielmehr allezeit dem Guten nach, füreinander und für alle.

Die Aufmerksamkeit liegt noch immer auf der weinenden Frau, die Interpretationsansätze sind also eher dürftig. Ein junger Mann versteht aus dem Text, dass «Verlockung in der Nacht liege». Er selbst merke dies, doch halte er gegen die Versuchung an, denn der Heilige Geist sehe uns auch in der Nacht. Ich frage mich, was er genau unter Verlockung versteht – allen anderen scheint es klar zu sein, er erntet ernstes Kopfnicken. Eine weitere Person interpretiert, dass wir uns gemeinsam helfen sollen – als Ehrung Gottes. Auch hier herrscht grosse Zustimmung, und der Leiter der Gruppe möchte deshalb für die noch immer weinende Frau beten. Wir bilden einen engen Stehkreis um die Leidtragende und legen nach ihrem Einverständnis, unsere Hände auf ihre Schultern. Alle sollen nun für sie ein Gebet aussprechen. Damit ist unsere Gruppenzeit beendet, und wir begeben uns wieder in den grossen Saal. 

Auftritt Pastor Joseph

Endlich wird, unter grossem Applaus, Pastor Joseph Antwi angekündigt. Er schreitet durch eine Stuhlpassage und setzt sich auf einen der «Spezialstühle». Das Instrumentalteam beginnt mit seiner Performance von mehreren Worship-Songs. Das Publikum wippt und klatscht im Takt zu der wohlklingenden, aber sehr lauten Musik. Der Pastor betet abwechselnd mit erhobenen Händen und auf den Knien zu den Zeilen «Wer hat das letzte Wort? Jehova hat das letzte Wort!» in Richtung Bühne. 

Nach dem Verklingen der Musik richtet sich Pastor Joseph auf und verkündet den Anfang der Predigt, die heute jedoch aus Zeitgründen etwas kürzer ausfallen werde. Er bittet uns, einen intimeren Stuhlkreis um ihn zu bilden, da er sich nicht wie auf eine Bühne gestellt fühlen möchte. Wir arrangieren uns also um ihn herum, und ich werde an einen Platz ganz vorne bugsiert – in knapp einem Meter Abstand zum Pastor. Pastor Joseph spricht nur Englisch, für alle die ihn nicht verstehen, übersetzt die junge Kita-Arbeiterin in Pastor Josephs Sprechpausen jeden Satz auf Deutsch. Der Pastor bittet uns die Augen zu schliessen und behauptet den Schmerz einer Person im Raum zu spüren. Er spricht ein Gebet für die leidende Person aus und bittet, dass die Menschen, die sich angesprochen fühlen, nach vorne kommen. Meine Nachbarin fängt wieder an zu schluchzen und tritt nach vorne. Der Pastor empfängt sie und eine andere junge Frau mit offenen Armen, er nimmt die weinende Frau zu sich und wiegt sie betend hin und her. 

Wenn die Zeit abläuft

Viele Anwesenden nehmen ihre Bibeln und Notizbücher hervor, folgende Bibelstelle wird eingeblendet: 

Kohelet 3, 1-17
Zeit und Stunde
Für alles gibt es eine Stunde,
und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:
Zeit zum Gebären
und Zeit zum Sterben,
Zeit zum Pflanzen
und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten,
Zeit zum Töten
und Zeit zum Heilen,
Zeit zum Einreissen
und Zeit zum Aufbauen,
Zeit zum Weinen
und Zeit zum Lachen,
Zeit des Klagens
und Zeit des Tanzens,
Zeit, Steine zu werfen,
und Zeit, Steine zu sammeln,
Zeit, sich zu umarmen,
und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen,
Zeit zum Suchen
und Zeit zum Verlieren,
Zeit zum Bewahren
und Zeit zum Wegwerfen,
Zeit zum Zerreissen
und Zeit zum Nähen,
Zeit zum Schweigen
und Zeit zum Reden,
Zeit zum Lieben
und Zeit zum Hassen,
Zeit des Kriegs
und Zeit des Friedens.
Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?
Gott hat alles schön gemacht
Ich sah, was Gott den Menschen zu tun überlassen hat. Alles hat er so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann. Ich erkannte, dass sie nichts Besseres zustande bringen, als sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. Und wenn irgendein Mensch bei all seiner Mühe isst und trinkt und Gutes geniesst, ist auch dies ein Geschenk Gottes. Ich erkannte, dass alles, was Gott schafft, endgültig ist. Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts ist davon wegzunehmen. Und Gott hat es so gemacht, dass man sich vor ihm fürchtet. Was einmal geschah, ist längst wieder geschehen, und was geschehen wird, ist längst schon geschehen. Gott aber sucht, was verloren ging.
Den Gerechten und den Frevler wird Gott richten
Und weiter sah ich unter der Sonne: Zur Stätte des Rechts dringt das Unrecht vor, und zur Stätte der Gerechtigkeit das Unrecht. Ich sagte mir: Den Gerechten und den Frevler wird Gott richten. Denn Zeit gibt es für jegliches Vorhaben und so auch für alles, was dort geschieht.

Wir lesen die lange Bibelstelle im Chor vor, der Pastor ist sehr zufrieden. Seine Ausführungen sind leider verhältnismässig kurz: Nochmals wird betont, dass für alles eine Zeit bestehe, welche jedoch in «Seasons» herrsche. So gebe es die Zeit unserer Geburt sowie die Zeit unseres Todes und auch dazwischen kämen und gehen verschiedene «Seasons». Wir sollen uns der Unumgänglichkeit unseres Todes bewusst sein, denn der Teufel habe uns dieses Verständnis der Vergänglichkeit geraubt. Pastor Joseph spricht einen Flugzeugabsturz in Indien an, bei welchem alle Passagiere ums Leben gekommen seien. Dies sei ein Beispiel dafür, wie schnell unsere Zeit ablaufen könne. Wenn man also eine Chance nicht ergreife, verpasse man die Zeitfenster des eigenen Lebens. Nun holt Pastor Joseph etwas aus und erzählt von der historischen Figur Jesus, sogar im Judentum und im Islam wisse man, dass Jesus existiert habe. Die Bibel sei also ein historisches Buch, das belege, dass Jesus bald zurück auf die Welt komme. Wir sollen also die Zeit ergreifen und uns dem richtigen Glauben hinwenden, da es sonst plötzlich zu spät sei. Die Ungläubigen würden Jesus, wenn es so weit sei, um eine zweite Chance anbetteln. Doch für sie sei es zu spät, ihr Zeitfenster sei dann bereits abgelaufen. Was seiner Vorstellung nach mit den Ungläubigen geschehen wird, sobald Jesus die Welt betritt, führt er nicht aus. Aber nach seiner recht willkürlichen Erwähnung des Teufels, ist hier die Vorstellung der Hölle wohl nicht abwegig. Es ist anzufügen, dass die «Fortified City Church» der «Church of Pentecost» angehört. In dem Glaubensbekenntnis der «Church of Pentecost» wird weniger um den heissen Brei geredet. Es ist klar formuliert, dass an die wortwörtliche Hölle geglaubt wird. 
Durch dieses apokalyptisches Narrativ entsteht eine gefährliche Selektion und hoher Druck auf die Gläubigen. Wenn sich die Mitglieder der Kirche stark mit diesem Abtrennungsgedanken identifiziert, sehe ich darin ein grosses Problem. Ausserdem ist es äusserst geschmackslos tödlich verunfallte Menschen in diesem Kontext zu erwähnen. 

Ich bin gespannt auf weitere Ausführungen, doch der Pastor verspricht seine Predigt nächste Woche wieder aufzunehmen – für heute sei seine Zeit um. Das Publikum geleitet den Pastor mit tosendem Applaus zurück auf seinen «Spezialstuhl». 

Turbulentes Ende

Zum Schluss des Gottesdienstes erscheinen zwei riesige QR-Codes auf der Leinwand und eine Urne wird in unsere Mitte gestellt. Wir werden gebeten den Zehnten zu spenden, es wird sogar erklärt, dass die Abgabe zehn Prozent unseres Lohnes entsprechen soll. Es ist eine Minderheit, die den Code scannt, an die Urne tritt niemand. Vielleicht wird normalerweise Anfang des Monats bezahlt, trotzdem wird für die wenigen Spendenden ein Gebet ausgesprochen. Wir werden schlussendlich über kommende Anlässe der Kirche informiert und zu guter Letzt werden alle Erstbesuchenden nach vorne gebeten. Ich trete mit drei weiteren jungen Frauen vor das Publikum, wir sollen uns vorstellen und ein paar Worte zum Gottesdienst sagen. Alle geben positives Feedback, ich beschreibe den Gottesdienst als sehr eindrücklich. Wir bekommen eine «Willkommens-Tüte» mit Prospekten der Kirche und ein paar Süssigkeiten. Danach werden wir nach draussen geführt, damit ein junger Mann unsere Kontaktdaten aufnehmen kann. Er erwähnt, dass die Angaben freiwillig sind, eine der Frauen und ich geben unsere Telefonnummern nicht an. Ich habe aber ein bisschen ein schlechtes Gewissen und füge an, dass ich ihnen vielleicht auf Instagram schreiben werde. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit, nach drei Stunden Gottesdienst bin ich mittlerweile recht erschöpft. Trotzdem ist mir meine Aussage nicht recht – ich habe nämlich nicht vor, mit der LCC in Kontakt zu treten und hätte zu meiner Position stehen sollen. 

Der weinende Zusammenbruch der jungen Frau hat mich mitgenommen und obwohl die Anwesenden sehr hilfsbereit reagiert haben, frage ich mich, ob sie mit ihren Problemen in einer Kirche am richtigen Ort gelandet ist. Sie scheint sich in der Gemeinschaft zwar wohlzufühlen. Doch soll und kann eine freikirchliche Jugendgruppe als hinreichendes soziales Auffangnetz dienen? 

Ich werde eingeladen noch länger zu bleiben, um sich zu unterhalten und etwas Kleines zu essen, doch ich habe das dringende Bedürfnis meinen Kopf durchzulüften und verabschiede mich. 

Lou Büchler, 22. Juli 2025

Lexikoneintrag The Church of Pentecost

Nancy Holten, die ganzheitliche Influencerin

Nancy Holten hat in den letzten Jahren für einigen Medien-Tumult gesorgt. Der Kampf um ihre Einbürgerung, und gegen Kuhglocken, sowie ihre diversen Fernsehauftritte und ihre politische Karriere sorgten für viel Aufsehen. Mittlerweile ist es um die 51-Jährige ruhiger geworden, sie ist jedoch nicht weniger aktiv. Holtens Hauptfokus liegt nun in der digitalen Welt, dies liege unter anderem an ihrer Abklärung im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Für sie sei der persönliche Kontakt zu grossen Menschenmengen, zum Beispiel bei Lesungen, sehr anstrengend. Die Arbeit in den sozialen Medien, biete ihr viel mehr Energie und Freude. Sie bezeichnet sich als «ganzheitliche Influencerin». Ihre Steuern bezahlt sie als Freelancerin und als Hauptberuf macht sie Youtube. Auf ebendiesem Youtube Channel hat Holten über 70’000 Followers. Anhand der Kommentare scheint ihr Publikum grösstenteils weiblich und über 40 Jahre alt zu sein. Ihre Videos greifen viele unterschiedliche Themen auf. Von monatlichen Vorhersagen, über das «Channeling» von Persönlichkeiten, bis zu privaten Updates – Holten produziert enorm viel Content und veröffentlicht mehrere Videos pro Woche. Schliesslich muss die «ganzheitliche Influencerin» irgendwie ihren Unterhalt verdienen. Was momentan anscheinend nicht ganz einfach zu sein scheint. 

Ganzheitliche Influencerin mit Geldsorgen

Holten erzählt ihren Followern im Mai, dass sie ihre Wohnung gekündigt hat, da ihre Töchter ausziehen. Doch das Prekäre daran sei, dass sie sich keine neue Wohnung leisten könne. Sie erklärt, dass sie in einer Wohngemeinschaft unterkommen werde und mit Tauschhandlungen bezahlen möchte. Einige Wochen später berichtet Holten, dass dieser Plan ins Wasser gefallen sei. Die Wohnung sei zu klein und zu dunkel gewesen und auch das Zusammenleben mit der Person, die die Wohnung besitzt, hätte nicht funktionieren können. Sie hat nun ein Zimmer mit schönem Balkon und provisorischer Küche im Auge. Im nächsten Video, jedoch die nächste Wende: Holten will bei einer anderen Bekannten einziehen und hätte im gleichen Gebäude einen Praxisraum für Lichtarbeit. Jedes neue Wohnungs-Update bezeichnet sie als «Fügung des Schicksals», als «Schliessen des Kreises» und als «es musste so kommen». Doch so kam es auch nicht – die aktuell neuste Behausungsmöglichkeit wäre nämlich nur 5 Minuten von der Wohnung ihrer Töchter entfernt gewesen. Am 3. Juli verkündet Holten, ihren «Neuanfang mit 51». Dieser beinhaltet an erster Stelle das Austreten aus der «Mutterrolle». Dafür müsse eine gewisse örtliche Distanz zu ihren Kindern bestehen. Sie entscheidet sich also für eine weiter entfernt gelegene Wohnung und scheint (mal wieder) überglücklich mit dieser Entscheidung zu sein. Ob ein weiteres Update folgen wird?

Doch Holten trotzt ihrer finanziellen Schieflage. In den Beschreibungen ihrer Videos ist ein PayPal-Link mit den Worten «Vielen Dank für deine Wertschätzung und Unterstützung» zu finden. Zusätzlich vermarktet Holten Energie Armbändeli, Erdnuss-Elixier für strahlende Haut, Energiekarten und eine Parasitenkur in Tablettenform. 

Holtens Wandel

Das Video über den «Neuanfang mit 51» ist sehr irdisch und greifbar. Holten spricht wichtige Themen an, die wohl viele Frauen mittleren Alters betreffen. Sie tut dies auf ihre übliche spirituell angehauchte Art, macht jedoch durchaus logische Aussagen. Sie beteuert ihre Kinder sehr zu lieben und ein gutes Verhältnis zu ihnen zu pflegen – auch vermisse sie ihre frisch ausgezogenen Töchter sehr – doch sie sei mit ihrer eigenen Rolle nicht mehr zufrieden. Sie will ihre Kinder loslassen, nicht vernachlässigen, sondern ihnen und sich selbst Freiheit schenken. Sie bezeichnet den Kontakt zwischen Eltern und Kindern als gut, wenn er freiwillig geschieht, nicht wenn er aus Pflichtbewusstsein entsteht. Ihre Kinder sind alle älter als einundzwanzig, ich denke da ist ein solcher «Ablösungsgedanke» völlig angebracht. Auch thematisiert Holten ihr Dasein als Single, mit welchem sie sehr zufrieden sei. Sie wolle ihre Unabhängigkeit ausschöpfen, die Ruhe geniessen und sich auf sich selbst konzentrieren. Wichtig sei ihr auch, dass ihre neue Adresse geheim bleibe.

Alle diese neuen Entscheidungen zeigen, dass sich die ehemalige quirlige Mediensensation Nancy Holten nicht mehr als solche präsentieren möchte. Trotzdem ist sie noch immer bereit ihre Follower tief in ihre Privatsphäre blicken zu lassen. Sie scheint es in den letzten Monaten nicht einfach gehabt zu haben und etwas mehr Ruhe und Beständigkeit in der analogen Welt hat sie sicherlich verdient. In der digitalen Welt sorgen ihre vielen Wohnungs-Updates jedoch für viel Aufmerksamkeit. Ihr Video «Wohnung gekündet…aber wohin ohne Geld?…» hat über 52’000 Aufrufe erzielt und auch Fanpost erhält sie reichlich. 

Die höhere 5D Sphäre 

Holten veröffentlicht nicht nur Videos mit Informationen zu ihrem Privatleben. Sie hat eine weit grössere Bandbreite an Themen zu bieten. Was wohl zu erwarten ist von einer Frau, die sich als hochsensibel, hellseherisch und als «am aufwachen» selbst bezeichnet. 

Immer Anfang des Monats veröffentlicht Holten eine Vorhersage für den kommenden Monat. Da ich leider noch nicht beurteilen kann, ob sie mit ihrer Prophezeiung für den Juli Recht behalten wird, habe ich mir das Juni Video vorgenommen. 

Holten sitzt vor einem aufgehängten Tuch mit abgebildetem Bergpanorama und darum kreisenden Vogelschwärmen, von den Seiten her wachsen kitschige Kirschblumenäste ins Bild und umrahmen ihren Kopf. Sie begrüsst herzlich und verkündet nun hellseherisch zu schauen, was der Juni bringen werde. Sie fügt mit tiefem Augenkontakt zur Kamera an, dass wir dies gemeinsam tun. Sie komme in unser Energiefeld und kreiere so unsere Realität, ihr Video werde uns wegen unserer Ausstrahlung und Resonanz angezeigt. Wenn es helfen könne – gut, wenn nicht – seien wir selbst schuld. Sie wird von Energien erfasst und prophezeit zunehmende Nervosität, mehr innere Unruhe und eine aufgewühlte Welt. Sie hält inne und schmunzelt plötzlich: «Geil! Ich liebe es!» Allgemein verwendet sie das Wort «geil» erstaunlich oft, für mich etwas irritierend. Doch sie erklärt ihren Ausdruck: Die Unruhe entstehe durch den «Aufwachprozess». Immer mehr Menschen (sie selbst gehört dazu) würden aufsteigen, aus alten Strukturen ausbrechen, das alte System hinter sich lassen und sich einer neuen, höheren Sphäre nähern. Diese Sphäre, die sie als 5D beschreibt, sei aber noch nicht erreicht. Sie seien von unserer 3D Ebene abgesprungen und befänden sich nun im Sprung, kurz vor der Landung. Die «Aufwachenden» straucheln also noch wackelig in der Luft, daher diese weltweite Unruhe. Faktisch soll der Lichtkörper der jeweils «springenden» Person durch seine hohe Frequenz die «Aufgeweckten» in die höhere 5D Sphäre beamen. 

Falls du dies gerne erleben möchtest, hier Holtens Anweisungen: Du musst dein Ego ablegen, bewusst werden, offen sein, sowie immer mehr aus der Zeitzone heraustreten. Die Zeit habe in der höheren Dimension nämlich immer weniger Relevanz, auch den Verstand werde man dort weniger brauchen. Nur um sich zu treffen, beispielsweise am Dienstag um 14 Uhr im Café, seien die Konzepte von Zeit und Verstand noch nötig. Ich frage mich, ob Holten diesbezüglich nicht schon ziemlich nah an ihrem Ziel der höheren Sphäre steht. 

Wirre Energien

«Sorry fürs schnelle Reden, aber sonst gehen die Informationen Flöte…Ah shit! Jetzt habe ich den Faden verloren. 

Die Energien waren zu schnell und zu zahlreich, um von Holten in Worte gefasst zu werden. Sie fragt nochmals konkret nach: «Juni 2025 – detaillierte Infos bitte!» Ihre Aufforderung erinnert mich an das Zuschalten einer Auslandskorrespondenz im Fernsehen. Ihrer Forderung wird anscheinend nachgekommen. Holten meint plötzlich, sie sehe in Zusammenhang mit dem verschütteten Dorf Blatten viel Wasser. Das Gebiet um Blatten sei sehr instabil, sie habe die verletzten Energiefelder der Erde wahrgenommen. Doch die Natur komme durch das warme Wetter zur Ruhe. Sie führt aus, dass durch die Hitze weniger Vögel zwitschern, die warme Jahreszeit solle also als Impuls der Stille wahrgenommen werden. Wenn ich Holten richtig verstehe, ist sie dem Klimawandel dankbar, da er die Vogelgeräusche minimiert. Nimmt sie sich nach den Kuhglocken nun das Vogelgezwitscher vor? Gegen Ende des Videos werden ihre Themenwechsel immer wirrer. Sie liest einen Fanbrief vor, promotet eine Parasitenkur und erzählt von ihrer Fussverletzung. Nach 23 Minuten, fallen ihre abschliessenden Worte: «Ich liebe dich, viel Spass beim rauf beamen.»

Taylor Swift von Sirius B

Zu Nancy Holtens Beschäftigungen gehören nicht nur Beamen, Influencen und Aufwachen, auch Channeln ist eine ihrer Begabungen. Diese Begabung greift so weit, dass Holten sich angeblich mit lebenden Persönlichkeiten in Verbindung setzen kann. In ihrem Video «Taylor Swift’s Energie hält das Gegengewicht zur dunklen Seite» stellt sie dies zur Schau. Die weltbekannte Popsängerin befindet sich während den Aufnahmen des Videos auf Tournee und tritt in Zürich auf, so sind die Energien besonders stark. Holten sitzt dieses Mal vor einer blühenden Baumallee mit vielen Rosatönen. Das Bild ist leicht überbeleuchtet und vermittelt so einen diffus strahlenden Eindruck. Holten verbindet sich mit Swifts Energie, so könne sie wie eine Zeitreisende in die Vergangenheit des Stars blicken. Swift sei zwar auf der Erde geboren, habe aber ihren Ursprung auf dem Planeten Sirius B.  Dies sei nicht verwunderlich, denn eine normale «irdische» Person könne niemals über so viel Macht wie Taylor Swift verfügen. Die «normalen Menschen» seien in ihrer Evolution schlicht noch nicht so weit. Die Sängerin werde von ausserirdischen Wesen geschützt und ihre irdische Aufgabe bestehe darin eine Energiehalterin zu sein. Sie würde positive, authentische Energie bündeln, welche einen Gegenpol zum negativen Weltgeschehen bilde. Sie biete also Halt gegen Kriege, Versklavung, Wettermanipulation und Weltmachtmanipulation. In einem Nebensatz erwähnt Holten mehrere Verschwörungstheorien, diese sind für sie jedoch so eindeutig, dass sie überhaupt nicht weiter darauf eingeht. Sie erklärt lieber, dass die Texte von Swift mit ausserirdischen Energien gespickt sind, so enthalte jedes Wort hochfrequente Botschaften. Doch auch auf irdischer Ebene seien Swifts Texte ansprechend, da sie grosses Identifizierungspotenzial bieten könnten. 

Nun schaltet Holten noch einen Gang höher, sie intensiviert ihre Verbindung mit Swift und lässt die amerikanische Sängerin aus sich sprechen. Taylor Swift spricht leider nicht englisch, sie fährt im gewohnten Ton auf Hochdeutsch mit leichtem niederländischem Akzent fort. Swift erklärt durch Holten, dass sie nicht vergöttert werden möchte. «Das Licht, das du in mir siehst, ist in dir. Ich will das alle ihr inneres Leuchten finden und es nach aussen lassen.» 

Holten schwankt leicht und schliesst ab: «Weg ist sie. Sie ist so geil drauf, so lustig, Taylor ich liebe dich!» 

Mittlerweile habe ich meine Youtube Algorithmen ziemlich verwirrt. Das digitale Angebot ist gross: «Tauche mit uns in Kristalline Gitter», «Weisse Büffelfrau sagt: das ist einmalig was euch erwartet!», «WAS DU jetzt tun MUSST! Diese Massnahmen retten dein Lichtfeld» und «Human Design – Kosmische Energien». Ich denke mein Bericht sollte langsam ein Ende finden. 

Atomkriege und Delfine

Ich kann jedoch niemandem den Einblick in die Zukunft verwehren. Zum Schluss noch Holtens Vorhersage für den Juli. Leider gibt es kein Update, ob die Springenden in der nächsten Dimension gelandet und somit «aufgewacht» sind. Stattdessen kündigt Holten unverhofft eine Atomkatastrophe an. Sie beschreibt, dass im Juli ein Atompilz zu sehen sein werde. Leider könne sie nicht sagen, von wem dieser verursacht werde, doch keine Sorge, die Gegner würden nicht darauf reagieren. Wir sollten uns also nicht von Machtgetue, Explosionen und Gerede beeindrucken lassen. Die Regierungen seien nämlich nicht die wahren Führer der Welt. Menschen mit Frieden und Liebe im Herzen, mit Verbindungen zu ausserirdischen Wesen, Engelswelten und Gotteswelten seien die eigentlichen Anführer*innen. Ihnen solle man folgen und sich mit ihnen verbinden. Der Juli sei nämlich der Anfang des Friedens. 

Wie genau eine Kernwaffenexplosion den Anfang des Friedens einläuten soll, ist mir schleierhaft. Doch da ist Holten schon zwei Schritte weiter und promotet Badeferien mit Delfinen. 

Lou Büchler, 14. Juli 2025

Lexikoneintrag Nancy Holten

Hillsong Zürich: Hoffnungsvoll voran

Erste Herausforderungen: Von Tür zu Tür

Wer an der anderen Strassenseite vorbeilief, hörte schon von weitem das überfreundliche «Hey, welcome! Willkommen!», das die beiden an der ersten Tür stehenden Hillsong-Mitglieder allen Besuchenden entgegenbrachten. Einige Personen, die hineingingen, schienen etwas unsicher, und ich fragte mich, ob diese ebenfalls das erste Mal dort waren. Als ich die Tür erreichte, wurde ich ebenfalls überfreundlich begrüsst, mit etwas fragenden Blicken in Richtung meiner Krücken (Fuss gebrochen). Ich grüsste sie ebenfalls und humpelte weiter zur zweiten Tür. Im Eingangsbereich hingen «Happy Birthday»-Ballone, und ein mutmassliches weiteres Gemeindemitglied stand davor und liess sich abbilden. Wie ich später herausfand, handelte es sich bei der Feierlichkeit an diesem Tag um Hillsong Zürichs 9. Geburtstag.

An der zweiten Tür begegnete mir ein weiteres Mitglied des vermuteten Welcome Teams, die mich erstmal fragte, welche Sprache («Deutsch, English?»), und dann folgte, ob ich das erste Mal hier sei. Ich bejahte. Sie erklärte mir also, wo was zu finden war, wobei ich die Hälfte akustisch nicht verstand. Irgendwo im Hintergrund spielte laut Musik, und das zusätzlich zu all den anderen Gesprächen im Raum war es zumindest mir nicht möglich, eine richtige Konversation zu führen. In diesem Raum gab es noch eine Treppe, die ich zum Glück nicht nehmen musste, und einen weiteren durch Glasscheiben getrennten Raum, in welchem sich Personen nach dem Gottesdienst (hier: «Service») treffen, um zu plaudern, oder – für die Neuen – einfach «Fragen zu stellen, die anderen kennenzulernen». Auf einem Tisch lagen Kopfhörer. Diese waren für Personen, welche während des Gottesdiensts, der dieses Mal auf Deutsch stattfand, eine Übersetzung ins Englische benötigten.

Ich wurde zur dritten Tür geführt, hinter welcher ich dann den Raum entdeckte, in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte. Er war voll bestuhlt, die Band spielte bereits, und war wohl auch verantwortlich für den Lärm, den ich draussen gehört hatte. Ich setzte mich hin, hatte aber nach dem Auspacken meines Notizbuchs und dem Hinstellen der Krücken keine Zeit mehr, mich umzusehen. Denn kaum hatte ich mich einigermassen eingerichtet, kam von der Band der Aufruf, aufzustehen und mitzusingen, um so unsere Verehrung von Gott zu zeigen. Ich blieb sitzen, hauptsächlich wegen des Fusses, während alle um mich um aufstanden. Das war auch die richtige Entscheidung, denn die anderen standen noch eine gute Weile länger.

Der Raum war voll – wie ich nach dem Gottesdienst herausfand, mussten einige Spätkommende auf einen Sitzplatz verzichten und bewegten sich stattdessen ins Büro oben. Ich schätze, dass etwa 100 Personen, vielleicht etwas mehr, da waren. Ein Gemeindemitglied gab später lachend zu, dass es etwa die Hälfte der Gemeinde nicht kannte, da sie in letzter Zeit so enorm gewachsen wäre.

Das erste Lied, Englisch, handelte vom Dank gegenüber Gott, beim zweiten, Schweizerdeutsch, ging es um Gottes allgegenwärtige Präsenz. Die drei Bildschirme oberhalb der Bühne zeigten jeweils den deutschen und den englischen Text. Während ich beide Lieder nicht kannte, war ich wohl nicht die einzige: Der Pastor, Simon, meinte später, dass wir (oder sie) als Hillsong Glück hätten, die Lieder als erste zu hören. Hillsong, in der Freikirchenszene insbesondere für die Musik bekannt, die dann von allen anderen modern wirkenden Freikirchen ebenso aufgenommen und an Gottesdiensten gesungen wird, schreibt also wieder neue Lieder.

Ein wenigstens ehrliches Abendmahl

Kurz darauf ging es direkt ins Abendmahl. Simon las vor aus 1. Korinther 11, 23-26, Hoffnung für alle, und ergänzte bei Vers 25 gleich selbst: «Ebenso nahm er nach dem Essen den Kelch mit Wein – Truubesaft – reichte ihn seinen Jüngern und sprach: […]». Wenigstens ehrlich, dachte ich mir, und nahm Brot und Traubensaft. Während das «Teller» weitergereicht wurde, spielte die Band (verhältnismässig) leise im Hintergrund, und ich fragte mich kurz, ob eine Sängerin «in Zungen» sang; ich verstand nämlich kein Wort. Die Band sang «Noone but Jesus», «niemand ausser Jesus», und ein Sänger äusserte sich kurz darauf. «Jesus, nichts ist höher als dein Name! Dein Name ist höher als alles!» und begann sogleich eine Aufzählung, was alles weniger hoch sei. Das Beispiel, das mir besonders auffiel: «Jesus, dein Name ist höher als jede Depression!». Während es zum Glück nicht Teil der Predigt war, fand ich das durchaus grenzwertig. Wenn dies gelehrt wird, und jemand der Gemeinde klinische Depressionen haben, oder entwickeln, sollte, so würde dieser Person wohl oder übel geraten, mehr zu glauben, oder alternativ zu wenig Glaube vorgeworfen. Jesus stünde schliesslich darüber.

Über Errettung und Errettete

Darauf folgte ein Gebet – oder besser gesagt zwei. Zuerst wurden Gebetsanliegen an den drei Bildschirmen gezeigt, wie vorhin die Liedtexte auch auf Deutsch und Englisch. Diese Gebetsanliegen waren im Vorhinein gesammelt worden, und gelistet waren Dinge wie «Neuer Job» oder «Vorstellungsgespräch», aber auch «Errettung von Ehemann». Ein wenig tat mein Herz weh. Diese «Errettung» ist oft sehr zweiseitig. Die glaubende Person hofft, dass Partner:in «zu Jesus findet», gleichzeitig hofft die andere Person, dass die glaubende Person wieder rauskommt. Im Idealfall würden beide die Entscheidung der anderen Person respektieren, aber auch die Hillsong ist hier zu evangelistisch unterwegs – sie wollen ja, dass möglichst viele «zu Jesus» (alternativ: zur Hillsong) finden. Auch das übt sehr viel Druck auf die glaubende Person aus. Eine einfache Lösung gibt es in diesen Fällen nicht, und die Spannung, die da in einer Familie, oder auch nur Partnerschaft, entsteht, ist einfach nur belastend.

Wir beteten also «jeder für sich», implizit mit der Erlaubnis, auch in Zungen zu beten, bis es dann zur nächsten Folie mit «Dank» kam. So sollen wir für die Errettung danken, aber auch für zwei Familien, die wohl neu dazugekommen waren. Beim Vorlesen der verschiedenen Anliegen jubelten einige der Anwesenden den beiden Familien zu. Und wieder betete «jeder für sich». Und ich stellte fest, dass ich konstante Gebetsunterbrüche nicht mag – lieber wäre mir, wir würden einmal «länger» beten, still und andächtig. Dafür ist die Hillsong aber die falsche Kirche. Denn auch während des Gebets spielte die Band, wenn auch leise.

Ein Stilbruch in der Kirche

Der Pastor begrüsste uns offiziell mit einem «welcome home!», willkommen zuhause, und seine Frau – hochschwanger – übersetzte. Aufgrund des neunjährigen Geburtstags von Hillsong Zürich trug ein weiteres Gemeindemitglied einen Kuchen mit brennenden Kerzen auf die Bühne, und wir wurden gebeten zu singen, «erst auf Schweizerdeutsch, dann auf Englisch». Wir sangen also, in der hochmodern wirkenden Hillsong, zumindest was die Musik angeht, «zum Geburtstag viel Glück». Ein richtiger Stilbruch, denn in den Atempausen war es mindestens zu Beginn komplett still im Raum.

Geben, aber möglichst ohne Druck

Bald ging es zum nächsten: «Giving», oder: das Geben von Geld an die Kirche. An den Bildschirmen wurde ein QR-Code gezeigt, und wir wurden auf die Kuverts aufmerksam gemacht, welche vor dem Gottesdienst verteilt auf den Stühlen lagen. Dort konnten wir Bargeld hineinlegen. Wenigstens etwas subtiler als direkt die Noten zu zeigen, wenn das Körbchen unweigerlich kommt. Überrascht wurde ich dann von einer Liste von Dingen, wofür die Kirche Geld brauchte – die Miete, beispielsweise, oder auch die Stellenprozente, die beispielsweise der Pastor angestellt war. Dass dies kostet, ist selbstverständlich, ich schätze es allerdings immer sehr, wenn es dennoch genau kommuniziert wird.

In meinem direkten Umkreis bewegte sich niemand besonders, und ich nahm an, dass sie entweder nicht gaben oder wenn, es nicht in diesem Kontext tun würden. Ich spürte gar keinen Druck, selbst zu geben, und hatte genauso wenig den Eindruck, dass irgendjemand um mich um sich dazu gedrängt fühlte. Währenddessen redete der Pastor weiter, und machte klar, dass es sich um ein Wollen handelte, oder handeln sollte. «Du darfst geben, und wir sagen dir danke», mit Betonung auf «darfst». Er dankte für die Gebenden, und sprach darüber, wie jene, die auf Besuch da waren – ich fühlte mich angesprochen – sich zurücklehnen dürften und sich nicht unter Druck fühlten, auch zu geben. Gleichzeitig sollen jene, die schon eine Weile dabei seien, und für die es langsam an der Zeit sei, auch zu geben, die Stimme Gottes in sich wahrnehmen und auch voller Freude zu geben. Ein wenig subtiler Druck muss anscheinend doch sein, dachte ich.

Während er weiter wohl das Erdenklichste tat, um den Druck möglichst wegzunehmen, frage ich mich, ob es nicht am einfachsten wäre, wenn der ganze «Giving»-Teil rausgestrichen würde, und Menschen ausserhalb des Gottesdienstes geben würden. Allerdings schien sein Ansatz einigermassen zu funktionieren, denn weder ich noch jene um mich schienen sich unter Druck zu fühlen, und ich sah niemanden, der effektiv in diesem Moment Geld spendete.

Auf dem Kuvert selbst steht «Mein Geben in bar», welches man notieren kann, sowie Felder für den Namen und die Adresse. Grund dafür sei, laut Kuvert, damit man so eine Spendenbescheinigung des Vereins in Deutschland erhält. Organisatorisch gehört die Hillsong Zürich nämlich zur Hillsong Church Germany e.V. (eingetragener Verein). Daneben sind allerdings auch «weitere Wege, um digital zu geben» gelistet, nämlich so ziemlich alles Erdenkliche mit Ausnahme von Bitcoin oder anderen Blockchain-Zahlungsmethoden.

Aktives Zuhören, oder aufschreiben

Wir waren nun fast bei der Predigt angelangt. Zuerst aber bat Simon, der Pastor, uns um «aktives Zuhören». Ein anderer Hillsong-Prediger habe neulich gesagt: «Wenn ihr wollt, dass ich gut predige, dann hört aktiv zu. Ruft hinein, wiederholt was ich sage! Wenn ihr wollt, dass ich schlecht predige, dann sitzt still und mit verschränkten Armen da.» So sollen wir ebenso hineinrufen. Ich notierte – ich schreibe leider langsamer als andere Personen reden – und Simon ergänzte seine Liste von «Hineinrufen» und «Mitmachen» mit «oder schreibt auf!». Er betete dann noch kurz darum, dass bei seiner Predigt nicht er, sondern Gott durch ihn rede, und dass alles, was er sage, nach Gottes Wille sei, und dann begann er die Predigt. Ich mag mich irren, aber es fühlte sich für mich neu an, dass der Pastor selbst direkt vor der eigenen Predigt laut betete. Seine Frau war inzwischen zum Platz zurückgegangen, und wer nur Englisch verstand, wurde gebeten, die Kopfhörer wieder einzuschalten.

Eine angekündigte Neuerweckung

Die Predigt handelte, kurz zusammengefasst, von Gottvertrauen, dem Heiligen Geist und dem Obergeschossraum – wobei letzteres uns angekündigt wurde mit «das werdet ihr dann später verstehen». Der Titel der Predigt selbst war «Versprechen und Gegenwart: eine neue Season beginnt». Das Denglisch ist in einer solchen Kirche zu erwarten, auch wenn ich mich fragte, ob ich auf Deutsch eher «eine neue Staffel» oder «eine neue Zeit» sagen würde. Vermutlich «Ära», aber dieses Wort wäre vielleicht zu gross.

Diese «neue Season» begründete Simon darin, dass eine «Neuerweckung der Church» stattfinden würde, mit dem Argument «Gott sagt mir, es geht aufwärts.» Er zeigte sich die gesamte Predigt durch sehr hoffnungsvoll und begeistert. Diese Neuerweckung sollte durch den Heiligen Geist stattfinden. Auch darin, dass «neue prophetische Lieder» geschrieben würden, will Simon ein Zeichen sehen, dass der Heilige Geist neu ausgegossen sein soll.

Der Heilige Geist und der Obergeschossraum

Simon definierte weiter den Heiligen Geist – zu meinem grossen Erstaunen, indem er sich auf die Kirchengeschichte bezog. So hätten die Kirchenväter im Jahr 381 definiert, was der Heilige Geist wäre – unter anderem «Lebensspender», «ist Gott selbst», «geht vom Vater aus», «wird angebetet» – und diese Definition sei heute noch Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses. Die vorangegangenen rund dreihundert Jahre Diskussion, die erst zum heutigen Glaubensbekenntnis führten, liess Simon aussen vor. Stattdessen erklärte er uns, dass der Heilige Geist auch eine Beziehung mit uns wolle, und las dann das erste «Ausgiessen» des Heiligen Geistes, die Pfingstgeschichte, aus Apostelgeschichte 2, 1-4 vor. Zur Referenz, da er sich im Verlauf der Predigt immer wieder darauf bezog, die Stelle, wie sie in Hoffnung für alle steht:

Zum Beginn des jüdischen Pfingstfestes waren alle, die zu Jesus gehörten, wieder beieinander. Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten. Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederliess. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in fremden Sprachen zu reden, jeder so, wie der Geist es ihm eingab.

Simon erklärte dazu, dass diese sich in einem Obergeschossraum trafen: nicht einer Kirche, sondern einem «Raum der Vorbereitung». Dieser Raum wurde bald in Verbindung mit der eigenen Kirche – Hillsong Zürich – gesetzt. Nämlich ist Hillsong Zürich neu in diese Räumlichkeiten eingezogen, das Büro im 3. Stock sei noch gar nicht bezogen, und «aus einer menschlichen Perspektive» hätte es auch gar keinen Sinn gemacht, hierhin umzuziehen. Doch Simon zeigte sich sicher, dass Hillsong Zürich in diesen Raum hineinwachsen würde. Seine Predigt, und er selbst, sprühten voller Zuversicht, dass es von nun an für Hillsong aufwärts ginge. So schlug er vor, dass die mindestens von ihm erwartete «Erweckung» durch den Heiligen Geist auch in ihrem Büro stattfinden könnte, und fantasierte, wie dann auch Zürich beben würde, wie es nach seiner Interpretation Jerusalem in Apostelgeschichte 2, 1-4 getan haben sollte. «20min» müsse dann darüber berichten: «Es sind zwar nur 100 Leute, aber Wunder passieren, wir müssen berichten!», lautet das sich vorgestellte Zitat. Der Obergeschossraum – vor allem «upper room» genannt, auf Deutsch ist es etwas unhandlich – tauchte in der Predigt immer wieder auf, und symbolisierte für Simon wohl Bereitschaft und Offenheit für den Heiligen Geist. Später sagte er nämlich: «Mach dein Herz zum upper room», und anders kann ich es mir nicht erklären.

Begeisterung: Von Geistlichen und Geistesgaben

Gerade auch im Kontext des Obergeschossraumes meinte Simon, er möchte einen «Raum, in welchem Menschen Gott erleben dürfen». Er zählte auf: «Geistliche, Nicht-Geistliche, Charismatische, weniger Charismatische, Gläubige und Nicht-Gläubige».

Bei Charismatischen handelt es sich wohl um Menschen, die das glauben, was wir als «neocharismatisch» bezeichnen. In dieser Glaubensauffassung glauben Menschen, dass der Heilige Geist einzelnen Personen Geistesgaben geben kann. Zu Geistesgaben gehört beispielsweise das Zungenreden, also das Sprechen einer nie gelernten Sprache wie es eben in der Apostelgeschichte 2, 1-4 auftaucht, Heilung – die Fähigkeit, andere Personen zu heilen – oder auch «Prophetie», also durch Eingabe von Gott Sachen zu äussern, die erst in der Zukunft stattfinden sollen. Dem gegenüber besteht die pfingstliche Bewegung, in welcher jede glaubende Person, früher oder später, die sogenannte «Geistestaufe» erlebt, wobei die Zungenrede den Beweis dafür darstellt. Wer also nicht in Zungen reden kann, hat die Geistestauf» noch nicht erlebt. In pfingstlichen Gemeinden besteht somit, im Vergleich zu charismatischen Gemeinden, ein erhöhter Druck, dies zu können. Ob die Hillsong selbst die Geistestaufe als solche vertritt, lässt sich nicht abschliessend beurteilen, sie glauben aber an die «Notwendigkeit, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein», welcher dann auch die Gabe schenkt, in Zungen reden zu können. Langfristig also müsste ein Mitglied früher oder später in Zungen reden können, um «das heilige und fruchtbare Leben zu leben, das Gott für uns vorgesehen hat», wie es auf der Webseite heisst.

Bei dieser Aufzählung komme ich natürlich nicht umhin, mich zu fragen, was genau mit «Geistlichen» gemeint ist. Anfangs dachte ich, das bezöge sich «natürlich» auf Geistliche der Landeskirchen, bis mir einfiel: Freikirchen mögen Wortspiele – meiner Erfahrung nach. Wenn eine pfingstliche Gemeinde sich vor allem am Heiligen Geist orientiert, dann ist es durchaus möglich, dass sie die «geistlich getauften» Personen als «Geistliche» sieht. Dennoch ist es möglich, dass «nur» die üblicherweise als solche bezeichneten «Geistlichen» gemeint waren.

Klarheit und Hoffnung

Simon sprach weiter darüber, dass «wir Schweizer» immer Klarheit wollten – etwas Gelächter aus dem Publikum –, einen klaren Plan, was aber nicht Gott entspräche. Dieser suche nicht «Perfektion», sondern ein «weiches Herz zu hören», aber auch «mutig, gehorsam zu sein». Gott handle dann, wenn wir bereit seien – und wenn es «Zeit ist zu handeln». Heisst übersetzt: Im Grunde genommen haben wir immer bereit zu sein, denn wir wissen nicht, wann es «Zeit ist zu handeln». Dieses «wir sind bereit» kam mir bekannt vor: Einige weitere Freikirchen warten mehr oder weniger sehnlich auf die «Entrückung», das zweite Kommen von Jesu, oder etwas überspitzt ausgedrückt, das Ende der Welt (wie wir sie kennen). Nur dass es hier nicht um das ging, sondern um eine «Erweckung», ein «Ausgiessen des Heiligen Geistes».

Weiter meinte er, dass auch Zwingli eine solche «Erweckungswelle», wie Simon sie zu erwarten schien, verursacht hätte. Über Zwingli selbst sagte er: «Er war bereit. Hat gute Sachen gemacht, weniger gute Sachen gemacht, aber er war mutig.» Etwas überrascht, dass in einer Freikirche gerade Zwingli erwähnt wird, fragte ich mich, wie genau sie zur reformierten Kirche stehen – und überhaupt zu den anderen Kirchen. Offen für deren Mitglieder sind sie auf jeden Fall.

Eine leider nicht überzeugende Liste

Simon erzählte weiter. «Ich glaube, weil!», so habe jemand den eigenen Glauben bezeugt. Ich wurde neugierig: Was wohl für Gründe fallen? Für mich waren sie etwas enttäuschend: «Ich glaube, weil Jesus für mich gestorben ist!». Wer nicht schon sowieso glaubt, dass Jesus für einen gestorben ist, der hat keinen Grund, nur schon das zu glauben. Die Liste ging weiter mit anderen Beispielen, die man entweder sowieso schon glaubt, und einen ansonsten auch nicht überzeugen würden. Als Simon dann begann, uns noch direkter anzusprechen – «eventuell hast du das Feuer nicht!», wurde klar, dass die Predigt langsam endete und zum Altarruf überging – mit Betonung auf «langsam».

So lade Gott uns heute ein, in den engeren Kreis zu treten, der Heilige Geist komme zu denen, die bereit seien. Durch das Ausgiessen des Heiligen Geistes können wir «mehr erleben». Das könnte bereits reichen, um direkt zum Altarruf zu gehen, aber Simon erklärte zuerst, dass es in diesem Raum «Evangelisten» gäbe. Damit meint Simon, wie er erklärt, nicht «Missionare», die in ein anderes Land gingen, sondern solche, die in ihrer Nachbarschaft evangelistisch tätig sind. Ich nehme an, alle sollten sich angesprochen fühlen, wobei der Druck etwas weniger stark ist als ich es in anderen Freikirchen wahrgenommen habe.

Und wir kamen beim Altarruf an. Wer «Jesus annehmen möchte als Herr und Erlöser und Erretter», der solle jetzt, wo alle die Augen schliessen, die Hand hochhalten. Sie hätten ausserdem Bibeln, die sie verschenkten, damit Menschen «auf die Reise gehen» könnten. Das Übergabegebet sprachen allerdings alle Gemeindemitglieder mit.

Während die Predigt selbst etwas chaotisch schien, fiel mir vor allem Simons Vertrauen in, oder Hoffnung auf, Gott auf – so stark, dass ich direkt nach der Predigt den Eindruck hatte, es wäre vor allem darum gegangen.

Konversationen nach der Kirche: Komm wie du bist, aber bleib nicht so?

Ich plauderte noch ein wenig mit meiner Sitznachbarin – sie hatte mir netterweise mit den Krücken geholfen – und sie stellte mir zwei weitere Gemeindemitglieder vor, die bereits etwas länger dabei waren. Alle waren sehr nett, begrüssten mich mit einer Umarmung und stellen sich vor, und fragten natürlich auch, wie ich zur Hillsong komme und ob ich bereits einer anderen Kirche angehöre. Ich hatte auch Fragen. Die Hillsong sagt von sich, «come as you are». Erfahrungsgemäss sagen dies viele Kirchen, wenn dann aber jemand auftaucht und eben weiterhin auf dasselbe Geschlecht steht, oder die Beziehung nicht beendet, gilt das als «sündhaft». Zu möglichen Konsequenzen gehört beispielsweise, dass man bei der Band nicht (mehr) mitspielen darf, nicht predigen darf, oder vielleicht auch einfach mit anderen Augen angeschaut wird – missbilligend oder mitleidig, meistens.

Die Frage taucht für mich also selbstverständlich auf: Wie steht Hillsong Zürich zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen? Ich erzählte den beiden also, wie ich bereits Kirchen besuchte, in welchen Pastoren während der Predigt politische Meinungen kommunizierten – eben beispielsweise zu Schwulen. (Das Beispiel habe ich so gebracht. Für mich als Frau ist es einfacher, über homosexuelle Männer zu reden, damit meine Sexualität nicht zum Thema wird.) Zuerst beantworteten sie meine Frage allgemein – es sollte alles in Liebe geschehen, und eine Kirche sei dann eine Kirche, wenn Jesus im Zentrum stehe, und die Kirche vom Heiligen Geist erfüllt sei. Soweit nachvollziehbar. «Was die Schwulen angeht…», sie überlegte kurz. Ich war überrascht, dass sie auf diesen Teil genauer einging. Sie betonte erneut, dass Christ:innen in der Liebe bleiben sollen und liebevoll mit unseren Mitmenschen umgehen sollen. Gleichzeitig, so erklärte sie, müssten wir «dem Wort treu bleiben und die Sünde hassen». Auch diese Auffassung ist mir bekannt: «Love the sinner, hate the sin», liebe die Sündigen, hasse die Sünden. Dass hier immer noch das Thema «Sünde» an erster Stelle steht, wird gern übersehen – genau wie die Tatsache, dass die «bedingungslose» Liebe, wie ich sie gerade von Christ:innen erwarten würde, hier plötzlich sehr bedingt wird. Übersetzt entspricht die Hillsong also: «Komm wie du bist, aber wehe, du bleibst so».

Die Frau in der Gemeinde: Darf sie sprechen?

Mir war während des Gottesdiensts aufgefallen, dass der Sänger das Publikum ansprach, zum Gebet aufrief, einzelne Meinungen äusserte, die Sängerin aber nicht. Dies müsste noch nichts heissen. Die Predigt selbst wurde von einem Mann gehalten, während der Einleitung und allen anderen Themen übersetzte seine Frau jeweils Satz um Satz (oder nach Teilsätzen) auf Englisch. War das reiner Zufall, oder lag es daran, dass Frauen eben nicht zu predigen hätten, wie gerade konservative Gemeinden 1. Timotheus 2, 12 und 1. Korinther 14, 34 gern interpretieren? (Im Timotheus steht, Frauen dürften nicht lehren, im Korinther, dass sie in Gemeindeversammlungen still sein sollten.) Ich erkundigte mich also, ob sie auch Pastorinnen hätten. Die beiden erklären mir, dass häufig Ehemann und Ehefrau auftreten. Der Mann übernähme natürlich den Lead, predigen würden beide. Ich finde dies zwar besser, als wenn die Perspektive der Frau ganz ausgeblendet wird, aber offensichtlich entspricht es dennoch einer sehr konservativen Auffassung.

ICF vs. Hillsong: Kampf der konservativ-modernen Freikirchen

Was die Musik und das äussere Erscheinungsbild angeht, sind Hillsong Zürich und das ICF sehr ähnlich, und dürften ein ähnliches Publikum ansprechen. Beide wirken modern, sprechen über das Erleben des Heiligen Geistes, haben dieselbe Musik – die zugegebenermassen grösstenteils von Hillsong produziert wurde – und beide scheinen dieselben konservativen Meinungen zu haben: Komm, wie du bist, aber wenn die Besuchenden sich in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft befinden sollten, dann gilt das trotzdem als Sünde und somit langfristig inakzeptabel. Das ICF hat sich meiner Erfahrung nach nur sehr viel expliziter zu diesen Themen geäussert. Es fallen auch einige Unterschiede auf: Das «Geben» ist etwas weniger öffentlich als beim ICF, wenn auch vergleichbar, das Gebet ist chaotischer. Politisch relevante Themen scheinen, wie Gemeindemitglieder meinten, kaum während den Predigten selbst aufzutauchen, wie auch an diesem Tag nicht. Hillsong Zürich ist um einiges kleiner als ICF Zürich, was durchaus manchen besser gefällt, aber dem Anschein nach um einiges internationaler. Dies leuchtet bei einer Kirche, deren deutsche Predigten jeweils zeitgleich auf Englisch übersetzt werden, auch ein. Ein weiterer, wichtiger Unterschied liegt in der Relevanz des Heiligen Geistes. Bei Hillsong ist Zungenrede langfristig eine Notwendigkeit, beim ICF eine Option. Kleingruppen gibt es bei beiden Kirchen.

Angela Heldstab, 11. Juli 2025

Lexikoneintrag Hillsong Zürich

Händchenhalten am Bahnhof: Missglückter Heilungsversuch

Neulich wurde ich am Bahnhof von einem mir fremden Mann, nennen wir ihn hier Nando, gefragt, ob ich Schmerzen hätte. Grund dafür war, dass ich – aufgrund eines neulichen Fussbruchs – mit Krücken unterwegs war. Ich informierte ihn also höflich, dass der Fuss gebrochen ist, ich aber nicht besonders unter den Schmerzen leide. Daraufhin stellte er mir weitere Fragen zu meinen Schmerzen, beispielsweise wie fest es denn weh täte, auf einer Skala von 1-10. Ich bin kein Fan dieser Frage – es fällt mir leichter, Menschen zu erklären, wie ich mit dem Schmerz umgehen kann (von «es tut weh, lenkt mich aber nicht zu fest ab» zu «ich kann nichts anderes denken oder tun, weil es so weh tut»). Ich erklärte also, dass ich die Frage nicht mochte, es aber aktuell ein gut aushaltbarer Schmerz sei. Ausserdem hätte ich Medikamente, falls es schlimmer werden sollte. In diesem Moment fragte ich mich, ob das Erwähnen von Medikamenten zu deren Verteufelung führen würde. Gleichzeitig fragte ich mich auch, ob er mir Drogen verkaufen wollte, was ich allerdings an einem Montagmorgen am Hauptbahnhof in Zürich schon für einen sehr gewagten Versuch halten würde. Die Frage, auf was genau er aus wollte, behielt mich im Gespräch, das sich viel länger anfühlte als es vermutlich war.

Kurz darauf begann Nando, vielleicht als Versuch, mit mir mitzufühlen, über Ärzte zu monieren: «Die sagen ja, es geht sehr lange, bis es heilt.» Die vier bis acht Wochen, die es dauern sollte, halte ich für ziemlich kurz für einen kaputten Knochen, und teilte ihm entsprechend freudig mit, dass es eben «nur» vier bis acht Wochen seien. Endlich war es soweit: «Du weisst aber schon, dass es auch einen Weg gibt, wie es schneller heilt?» Nando sah mich etwas kritisch an, und während ich die Wortwahl in Kombination mit dem Tonfall und dem Gesichtsausdruck als etwas abwertend empfand, hatte ich mich durch zu viel Gespräch gequält, als es nicht herausfinden zu wollen. Ich war also sehr ehrlich. «Jetzt bin ich aber gespannt.» Entweder esoterisch oder christlich, dachte ich mir.

Christlich, aber mit esoterischem Touch

Nando erklärte mir, dass er mir die Hände – kostenlos! – auflegen könnte, wie es Jesus getan hatte, damit ich so geheilt würde. Das «kostenlos» betonte er tatsächlich. Er sei schon ein paar Mal mit Toby Meyer mitgegangen, welcher, wie Nando erklärte, am See anderen Menschen anbot, ihnen die Hände aufzulegen. Nicht alle Menschen sagten ja, beispielsweise «Muslime, die dürfen ja nicht», wie Nando erklärte. Weiter erkundigte er sich nach meinem Glauben: ob ich denn an Gott glaube. Mit der Entscheidung, nicht einem wildfremden Mann am Bahnhof meine Lebensgeschichte zu erzählen, antwortete ich ehrlich: «Ich habe eine komplizierte Beziehung zu Gott.» Die Rückfrage kam direkt, wenn auch unsicher. «Heisst das, eine schlechte Beziehung?» Ich zögerte. «Kompliziert trifft’s am besten.» Dann kam die nächste Glaubensfrage: «Glaubst du, dass Jesus dich heilen kann?», und wieder zögerte ich. Eigentlich nicht, aber man kann’s versuchen, dachte ich mir. Dass die neutestamentlichen Heilungen nicht mit «Probier’s mal, Jesus, vielleicht klappt’s ja», sondern mit «Ich weiss, dass du es kannst» stattfanden, schien ihm auch nur zur Hälfte präsent zu sein. Er meinte nämlich selbst auch, «ich weiss nicht, ob es hilft», und ich dachte, wenigstens jemand von uns beiden sollte schon daran glauben.

Auf sein Angebot dachte ich mir, «nützt’s nüd, schadt’s nüd», sagte aber nur den letzteren Teil laut, und hielt ihm meine Hand entgegen. Er fasste sie mit beiden Händen und erkundigte sich, ob ich die andere Hand auf meinen Fuss legen könne, denn das könne zum Teil helfen. Ich stand bereits auf nur einem Bein da, das andere konnte – oder sollte, durfte, und natürlich wollte – ich ja nicht belasten, eine meiner Hände umfasst von seinen, die andere an der Krücke, und so versuchte ich kurz, meinen Fuss mit dieser anderen Hand zu erreichen. Ich merkte, dass mir das zu riskant war, und stützte mich wieder auf die Krücke. Nando murmelte «göttliche Heilung» und schloss seine Augen. Dies wirkte auf mich ein wenig esoterisch. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, was genau er sich vorstellte – es war weniger so, als würde er zu Gott beten, und mehr so, als würde er versuchen, «göttliche Heilungsenergien» über meine Hand zu senden.

Langeweile tritt ein

Ich stand eine Weile auf einem Bein da, am Zürich HB bei meinem Gleis, und wusste, der Zug würde noch mindestens 10 Minuten länger nicht eintreffen. Fairerweise hatte Nando mich vorher gefragt, ob ich im Stress sei, und irgendwo hinmüsse, aber ich war bereits genau dort, wo ich sein sollte, und meine «professionelle Neugier» hatte mich dann doch dortbehalten. Mir war ziemlich schnell langweilig, und ich fragte mich, wie lange diese Heilung genau dauern soll. Bald öffnete Nando seine Augen und redete wieder mit mir, notabene während er weiterhin meine Hand hielt.

So erzählte er mir mehr von Toby Meyer. Dieser sage jeweils: «Wenn du jemanden mit Krücken siehst, geh zu ihnen und biete ihnen Heilung an.» Als ich später mehr zu Toby Meyer in Erfahrung brachte, sah ich gewisse Gemeinsamkeiten. Wie für Toby üblich, hatte auch Nando mich nach meinen Schmerzen erkundigt. (Ob das so plötzlich und unvermittelt passieren soll, weiss ich nicht.) Nach der «Heilung» aber hatte er nicht mehr nach einer Zahl gefragt; vielleicht auch, weil ich von Anfang an keine gesagt hatte. Auch das für Toby Meyer typische «Das bringen wir weg» wurde von Nando ausgelassen. Vielleicht, weil er es einfach nicht mehr präsent hatte, oder vielleicht, weil es bei einem gebrochenen Fuss etwas merkwürdig klingt, wenn man es «weg» machen will – da müsste man vielleicht sagen, «das bringen wir zusammen».

Durch Wiedergeburt an Heilungskräfte

Nando erzählte mir weiter, dass er jeweils das ICF Zug besuche, und dass er nicht Teil einer Sekte sei, wie es beispielsweise Zeugen Jehovas wären. Dass ich mich mit Freikirchen gut auskenne, sagte ich ihm zwar, aber ohne die Anmerkung, dass ich auch bei Relinfo arbeite. Seinen Kommentar zu den Zeugen liess ich ebenfalls ohne Diskussion zum Wort «Sekte» stehen. Er meinte weiter, er könne die Heilung durchführen, weil er «wiedergeborener Christ» sei, und erklärte mir, was er darunter verstand: «Das heisst, ich habe den Heiligen Geist empfangen.» Ich erinnerte mich an die Zeit, in der ich mich selbst als wiedergeborene Christin gesehen hatte, und entschied mich dagegen, ihn darüber zu informieren. Dass ich einmal in einer Freikirche war, erzählte ich ihm aber. Nando fragte mich dann, ob ich noch weitere Christen in meinem Bekanntenkreis hätte. Tatsächlich tue ich das, sowohl solche, die sich selbst auch als «wiedergeboren» bezeichnen, als auch jene, die das nicht tun würden. Die meisten glauben allerdings nicht an diese Art der Heilung. Nando aber fand, diese könnten mir allesamt auch die Hände auflegen; ich solle sie darum bitten. Als ich am selben Tag eine christliche Freundin (fairerweise spasseshalber) fragte, meinte sie: «Der weiss aber schon, dass das nicht alle glauben, oder?» Vermutlich weiss er es nicht.

Wenn Gott zum Placebo wird… oder ein Placebo zu Gott

Nach langem Hand-Halten kam dann die nächste Frage: «Spürst du schon etwas?». Mir ist bewusst, dass die menschliche Psyche sehr mächtig ist. Sich vorzustellen, dass man etwas spürt, und dann wirklich etwas zu spüren, ist an und für sich sehr einfach. Aus diesem Grund gibt es ja auch den Placebo-Effekt, der wohl auch hier Anwendung fand, wenn auch ohne Medikamente als solches. Ich würde ausserdem von mir selbst sagen, dass ich auf solche Suggestionen relativ empfindlich reagiere, und mir also schnell mal was einbilde. Ich informierte ihn, dass es vermutlich mehr ein psychologischer Effekt sei, ich aber durchaus etwas spüre. «Ein Kribbeln, vielleicht?» Ich bejahte. Kribbeln traf es vermutlich am besten, aber dass man etwas spürt, wenn man sich so fest darauf konzentriert, war durchaus absehbar. Ich weiss aber nicht, ob ich das Kribbeln gespürt hätte – mir eingebildet hätte – wenn er nicht gefragt hätte, oder er die Hand so lange gehalten hätte. Ausserdem entschied ich mich dagegen, probeweise auf meinen gebrochenen Fuss zu stehen. Nando erfreute meine Antwort sehr. «Siehst du! So schnell wirkt Gott.» Meinen Kommentar zu psychologischen Effekten ignorierte er komplett, und auch meine Hand liess er nicht los. Ich fragte mich, wie lange er sie noch halten wollte. Er plauderte dann noch eine Weile mit mir, erzählte mir von seinem Leben, und ich fragte mich, wofür er eigentlich noch meine Hand hielt – wenn die Heilung klappen sollte, hätte sie das schon lange können – bis er sich dann endlich verabschiedete und sehr glücklich wirkend wieder seines Weges ging.

Fazit

Als ich am nächsten Tag, unabhängig von Nandos Einsatz, beim Arzt ein weiteres Röntgenbild machte, war der Knochen immer noch gebrochen, und sah, zumindest gemäss meinem medizinisch ungebildeten Auge, auch genau gleich gebrochen aus wie vorher. Ob es nun daran liegt, dass ich nicht geglaubt habe, dass Nando nicht so ganz überzeugt schien, oder daran, dass solche Heilungen grundsätzlich zu keinen Verbesserungen bei Knochenbrüchen führen, muss offen bleiben.

Angela Heldstab, 4. Juli 2025

Lexikoneintrag Toby Meyer

Witchtok – die neue Ära der Hexerei: Spiritualität, Manifestation und ihre Schattenseiten 


Die neuen Hexen

Das Bild der Hexe hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Während wir in unserer Kindheit oft an bucklige Frauen aus den Grimm-Märchen oder an freche Hexen wie Bibi Blocksberg dachten, kennen die heutigen jungen Generationen eine völlig neue Art der Hexe: die selbstfliegende Internethexe, die man auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, YouTube oder TikTok trifft.

Von wem sprechen wir?

Der Begriff Hexe wird meist aus dem Althochdeutschen hagzissa oder hagazussa abgeleitet, was meist mit Zaunreiterin zwischen den Welten übersetzt wird. Ihren Ursprung haben Hexen in heidnischen Fruchtbarkeitsritualen, sowohl in Europa als auch in Ägypten, Babylonien und Assyrien. Auch Göttinnen der griechischen Mythologie wie beispielsweise Hekate sollen mit ihrem Kräuterwissen und ihren magischen Fähigkeiten Hexerei betrieben haben. Eine neue Bedeutung erhielt das Wort Hexe in den sogenannten Hexenprozessen des 15. bis ins 18. Jahrhundert, wo Männer und Frauen wegen angeblicher Hexerei auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Man glaubte, dass diese Menschen mit dem Teufel im Bunde stehen und Krankheiten bei Menschen und Tieren verursachen. Die Hexenbulle von Papst Innozenz VIII galt dabei als Startschuss im Hexenwahn. Heutzutage ist der Begriff «Hexe» positiv konnotiert. Viele der heutigen Hexen sehen die Hexen, die in den historischen Hexenverbrennungen starben, als weise Frauen, die sich mit Heilkräutern auskannten und sich mit vorchristlichen Religionen auseinandersetzten. Daher feiern sie heute noch keltische Feuerfeste, Solarfeste, Mondfeste und Jahreskreisfeste. Dabei vermischen sich neuheidnische Motive mit esoterischen Praktiken. Auffällig ist die Naturverbundenheit, die auf Witchtok und insbesondere bei urbanen Hexen grossgeschrieben wird. Sie sehnen sich nach der Natur, beten die grosse Göttin an und folgen dem Mondkalender.

Witchtok – mehr als ein Trend

Unter dem Begriff #WitchTok (zusammengesetzt aus Witch und TikTok) findet man seit ungefähr 2019 eine Community von modernen Hexen (auch Witchfluencerinnen und Witchfluencer genannt), die kurze Videos und Tutorials zu Zaubersprüchen, Tarotkarten, Heilsteinen und -kräutern, Zaubertränken und Liebeszaubern verbreiten. Sie bezeichnen sich selbst als moderne Hexen, Hexen der neuen Generation oder magisch Praktizierende. Diese «neuen» Hexen versuchen, an die ältere Hexentradition anzuknüpfen und ihre Ansichten über Social Media zu verbreiten. Ihre Community erfreut sich grosser Beliebtheit und ist ein Ort, an dem man sich gegenseitig inspiriert und unterstützt. Diese beschützende Atmosphäre zeigt sich auch darin, dass neue Hexen auf Witchtok als «Baby Witches» bezeichnet werden. Interessierte und angehende Hexen brauchen dazu keinen Guru, keine Mentorin, sie können sich lediglich die Videos ihrer Witchtokerinnen und Witchtokern anschauen und deren Ideen ausprobieren. Jedoch birgt diese Szene auch ihre Gefahren, insbesondere wenn junge Menschen die Inhalte unkritisch konsumieren.

Eine bunte Mischung spiritueller Praktiken

In der Witchtok-Community finden sich diverse Videos, die wenig bis gar nichts mit Spiritualität oder Glauben zu tun haben, sondern vielmehr der Unterhaltung dienen. Jedoch zeigt sich in den Beiträgen auch ein Sammelsurium an unterschiedlichen spirituellen Praktiken: Manifestieren, Ahnenarbeit, Kräuter, Heilsteine, Zaubersprüche, Räucherware, Numerologie, Heilen, Runen, Tarot. Dabei sieht man, wie junge Hexen verschiedene Materialien wie Kräuter, Eierschalen oder Salz in einen Behälter wie einen Mörser geben und damit Unterschiedliches bewirken: den Schwarm dazu bringen, dass er sich in einen verliebt, Gewicht verlieren, beschützt werden oder gute Noten in der Schule bekommen – für alle gibt es etwas. Dabei herrscht oft kein Konsens über die «richtige Art» des Rituals. Uneinigkeit besteht über die wahre Bedeutung gewisser Kräuter oder auch darüber, ob man Liebeszauber wirken soll oder einen Hexenaltar braucht oder nicht. Dennoch kann man beobachten, dass gewisse Normen generiert werden. So teilt «wiccawitch222» ein Video, um zu erkennen, wenn ein Zauber mit dem «Spell Jar» nicht funktioniert hat. «Dylan» fragt, was man mit dem Spell Jar machen soll, nachdem man es gebraucht hat («Throw them in the trash?») und bekommt die Antwort: «Take everything that was in it and bury it in soil to thank Mother Nature, and you can reuse the jar!». Problematisch wird es, wenn magische Praktiken wie Manifestation und Liebenszauber einfache Lösungen für komplexe Probleme bieten. Das kann dazu führen, dass unrealistische Erwartungen entstehen und Menschen ihre Verantwortung für das eigene Handeln abgeben. So könnte man zur Überzeugung kommen, über Nacht den Traumpartner zu finden, oder eine Gehaltserhöhung zu bekommen. Irdische Lösungen haben dabei keine Relevanz mehr, einzig auf die magischen Praktiken muss man vertrauen. Und wenn es mal nicht klappt (wie das in einigen Kommentaren erzählt wird) so finden sich mindestens so viele die über die Wirkung schwärmen und Tipps geben, wie man es anders machen könnte. 

Eine eigene Hexen-Ästhetik

Neben den spirituellen Praktiken und Ritualen spielt auch die Ästhetik eine wichtige Rolle auf Witchtok. Auch wenn nicht alle Hexen dasselbe Erscheinungsbild haben, scheint es dennoch einige verbindende Elemente zu geben. So zeigt sich eine Hexe typischerweise mit dunklen Farben wie Schwarz, Violett oder Dunkelgrün, was oft auch mit mythischen Symbolen und Naturmotiven kombiniert wird. Hinzu kommen Naturfasern wie Leinen oder Baumwolle, Schmuck aus Kristallen oder Federn. Einige stylen sich mit auffälligem Make-up, dunklem Lippenstift und Smokey Eyes, haben farbige lange Fingernägel, farbige Haarsträhnen und Tätowierungen. Andere wirken zurückhaltender und zeigen sich eher in trendy Streetwear. Was auffallend ist, ist, dass sich auf Witchtok eine grosse Anzahl junger Frauen findet, die diese Ästhetik übernehmen. Auch ihre Häuser oder Zimmer werden in dieser Art dekoriert: Kristalle, Räucherstäbchen, Tarotkarten und Altäre sind dabei mindestens so wichtig wie ihre Praxis.

Kommerzialisierung zentral

Viele der modernen Hexen besitzen ein sogenanntes Buch der Schatten. Dieser Name leitet sich vom «Book of Shadows» der Wicca-Bewegung ab, in dem Rituale festgelegt sind. Heute haben viele der Hexen ein eigenes Book of Shadows, das eine Art Bullet Book darstellt und in dem die jungen Hexen alles sammeln, was ihnen für die Hexerei wichtig ist – Zaubersprüche, Rezepte, Bilder oder Gedanken. Viele dieser Bücher kann man auf Etsy, einem Online-Marktplatz, kaufen, der unterschiedliche handgemachte Produkte und Künstlerbedarf verkauft und daher auch bei modernen Hexen beliebt ist. Einige nennen ihr Buch der Schatten auch «Grimorie» (vom altfranzösischen gramaire), was auf ein Zauberbuch mit magischem Wissen zurückgeht, das insbesondere im Spätmittelalter und im 18. Jahrhundert beliebt war, und wieder andere verknüpfen beide Begriffe und versehen ihr Hexenbuch mit den Hashtags grimoire und bookofshadows. Dieses wird als heilig betrachtet und kann nach eigenen Vorlieben gestaltet werden, wobei es keine Regeln gibt, sondern nur die Intuition zählt. Jedoch finden sich einige Tipps. So rät «zelaferaco», dass man nicht perfektionistisch arbeiten, sondern dem Chaos Raum geben soll, da im Chaos die Magie stecke. Ausserdem solle man einen Schutzzauber auf der ersten Seite anbringen, um das Buch vor unerwünschten Blicken zu schützen, und magische (in diesem Fall schwarze) Tinte benützen. Viele Hexen empfehlen zudem, dass man das thebanische Alphabet nutzt, das als Hexenalphabet gilt und oft dazu gebraucht wird, um Texte zu verschlüsseln. An diesen Büchern zeigt sich die starke Kommerzialisierung von magischen Produkten in dieser Szene, die zu einem Konsumzwang führen kann. Dabei kann der Eindruck entstehen, dass man «echte» Kristalle, Kräuter, Mörser, Bücher, Outfits, Pendel und Essenzen braucht, um erfolgreich zaubern zu können. Das fördert nicht nur den Konsum, sondern kann auch zu finanziellen Problemen führen, insbesondere wenn auf den Kanälen noch Angebote wie teure Online-Kurse verlinkt werden. 

Zwei wichtige Playerinnen auf Witchtok

Shisha Rainbow ist ein Beispiel für eine moderne Hexe, die mit ihren 125600 Followerinnen und Followern eine der bekanntesten Hexen im deutschsprachigen Raum ist. Sie hat die Bücher «F*ck the Universe: Wie du die Macht deiner Emotionen nutzt, um alles zu manifestieren, was du je wolltest» und «WitchPower – Entdecke deine magischen Kräfte» veröffentlicht. Im Jahre 2019 begann sie, sich als Hexe auf Social Media zu präsentieren. Auf ihrem TikTok-Kanal findet sich eine Sammlung von Videos, in denen es um Prophezeiungen, Zaubersprüche, Rituale und «echte Hexerei» geht. Sie erklärt in einem Video: «Wenn dir diese Dinge begegnen, solltest du aufpassen!» «3 Krähen, Traum von einer brennenden Kerze, tote Ratte, Insekten in der Wohnung, Schwarze Schatten im Augenwinkel, sich «zeitversetzt» fühlen». Sie vermischt Astrologie mit Manifestation, Liebeszauber, Medialität und anderen spirituellen Praktiken. 
Ein Im englischsprachigen Raum ist «mysticprimrose» eine bekannte Witchtokerin, der 301000 Personen folgen. Sie teilt Videos mit Zaubersprüchen, Tipps und Botschaften. So sieht man in einem Video, wie sie einen Liebeszauber erklärt. Dazu soll man den Namen des Schwarms fünf Mal untereinander auf ein Papier schreiben, das eigene Parfüm darauf sprühen, Salz darüber geben und das Papier danach verbrennen. Dieses Muster wiederholt sich für andere Zauber, die sie wirkt, wobei die Anzahl der Namen, die man schreiben muss, variiert und Honig, Pfeffer oder Chili statt Salz verwendet wird. Im Zentrum steht die Manifestation – egal ob es sich um Geld («Manifest 1000 Dollar right now»), Liebe, Glück, Traumjob oder Selbstsicherheit handelt. Hier zeigt sich, wie vereinnahmend solche Ideen auch sein können. 

Selbstermächtigung auf Kosten anderer?

Bei Witchtok ist das Thema Selbstermächtigung zentral. Die jungen oder älteren Hexen betonen, dass sie selbst darüber bestimmen, was ihnen hilft und wie sie es ausführen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Selbstermächtigung über die Entscheidungsfreiheit anderer Menschen gestellt wird. Das ist insbesondere bei Liebeszauber der Fall, da die Hexen glauben, die Gefühle des Schwarms beeinflussen zu können. Zwar äussern sich einige Hexen kritisch zu diesen Praktiken, dennoch wird es von den meisten Witchtokerinnen und Witchtokern angepriesen. Es stellt sich die Frage, inwiefern solche Liebeszauber moralisch vertretbar sind, da der freie Wille der Personen beeinflusst werden soll, ohne dass diese etwas davon wissen. Der Glaube daran, dass man Zauber wirken kann, führt in der Umkehrung zum Schluss, dass man auch selbst verzaubert werden kann. Gekoppelt mit dem Glauben an «schwarze Magie» kann dies bei einige Personen auch zu Verfolgungsängsten führen. 

Das Problem mit den Heilsversprechen 

Im Kontext von Witchtok wird Wellness oft thematisiert. Es geht darum, dass man sich besser fühlt, Erfolg hat und Wünsche in Erfüllung gehen. Dabei gibt es unterschiedliche Methoden und Hilfsmittel wie Heilsteine oder energetische Heilmethoden. In vielen Videos wird gezeigt, was man als Hexe gegen Depressionen oder Schmerzen tun kann. Oftmals werden dabei schnelle Lösungen für mögliche Gesundheitsprobleme – physischer oder psychischer Natur – präsentiert. Bei unkritischer Konsumation dieser Inhalte kann es dazu kommen, dass professionelle medizinische oder psychologische Hilfe nicht in Anspruch genommen wird, obwohl dies nötig wäre. Besonders bei Menschen, die sich in einer emotional schwierigen Lage befinden oder schwerwiegende gesundheitliche Probleme haben, kann dies durchaus gefährlich sein. Daher sollte trotz Faszination für diese Szene auch stärker auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht werden, insbesondere da es sich beim Zielpublikum um Jugendliche handelt.

Bernadette Jacober, 04. Juli 2025

Frieden als Religion, Kultur und Identität: 500 Jahre Täuferbewegung

Am Hauptbahnhof Zürich bahnen wir uns einen Weg durch die Menschenmassen. Es ist ein schwüler Frühlingstag. Die einen schwitzen und schnaufen, während andere noch mit ihren Jäckchen bekleidet zu ihren Gleisen hasten. An diesem Auffahrtsdonnerstag sind die Pendelnden von den vielen Schweizertouristen und -touristinnen, die über das verlängerte Wochenende ins Tessin gehen, und anderen Kofferschleppenden ersetzt worden. Im vollen Zug nach Zürich habe ich mich noch gewundert, ob denn an diesem Jubiläum viele Teilnehmende zu erwarten sind, ob Zürich zusätzlich zu den üblichen Touristen überlaufen sein wird. Die Massen am Bahnhof lassen das vermuten. Bestätigt wird dies dann auch von einem Organisator der Feier «500 Jahre Täuferbewegung» der meint, dass mit 2500 bis 3000 Teilnehmenden, die Erwartungen von 1500 hoch übertroffen wurden.

Dass dies ein Grossanlass wird, konnte man, wenn man sich in den Tagen und Monaten davor um Zürich herum achtete, sich denken. Neben dem vielschichtigen Programm am Täuferjubiläum selbst, hat auch die Zentralbibliothek zwischen dem 14. März und 14. Juni 2025 mehrere Veranstaltungen durchgeführt. Einerseits gab es eine Ausstellung «Verfolgt, vertrieben, vergessen – 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich», einen drei-tägigen Kongress zur Täufergeschichte, eine Stadtführung der für die Reformation unter Zwingli und den Anfängen der Täuferbewegung wichtigen Orte in Zürich, und weitere Präsentationen und Führungen. Des Weiteren kam am 29. Mai 2025 auch der Film «Kinder des Friedens» auf SRF heraus, der das Täufertum in der Schweiz thematisiert und ein gleichnamiges Buch wurde veröffentlicht.

Die Haltung der Täufer und Täuferinnen

Die Ausstellung in der ZB bot einen bereichernden Einblick in das Täufertum des 16. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhundert. Die original Dokumente, die Bücher sowie die Stadtführung durch den Historiker Urs Leu zeigten eindrucksvoll den Stolz, die Dringlichkeit und die Leidenschaft der frühen Täufer: Den Stolz der Reformation anzugehören, der Dringlichkeit die Reformation ohne Kompromisse voranzutreiben und die Leidenschaft mit der sie ihre Prinzipien des christlichen Glaubens lebten.

Diese Prinzipien müssen die Täufer bis heute immer wieder unter Beweis stellen. Wie sie früher im 16. Jahrhundert für ihre Lebensweise verfolgt wurden und Ende des 19. Jahrhundert wegen der eingeführten Wehrpflicht aus der Schweiz emigrierten, so müssen die Täufer, welche in Krisengebieten leben, auch heute noch für ihre Sache einstehen. Zum Teil auch unter hohen Risiken.

Ein teilnehmender Pastor aus Malawi erklärt in einem Interview mit uns, dass für die Täufer Nächstenliebe und Frieden nicht nur im Angesicht von menschlicher Gewalt, Konflikten und Kriegen zu verstehen sind, sondern auch in Verbindung zur Klimakrise und den daraus resultierenden Folgen für viele Menschen. Man müsse Bäume pflanzen, die Schöpfung Gottes ehren, um auch im Angesicht der Klimakrise wieder Frieden zu haben. In Malawi hat sich das Täufertum durch einen kongolesischen Täufer, der sich in Flüchtlingslagern einsetzte, von dort auf ganz Malawi ausgebreitet. Nun befinden sich knapp 20 täuferische Gemeinden mit insgesamt etwa 11’000 Mitgliedern im Staat. Die Kirche dieses Pastors wurde 2009 gegründet. Der Pastor meint, dass Frieden und Nächstenliebe immer nur in Verbindung mit Krisen erkämpft oder bewahrt werden müssen. Mit dieser Logik meint der Pastor, ohne Krisen gäbe es darum auch keinen Frieden.

Mut zu Lachen

An der Podiumsdiskussion mit Leitungspersonen der Täuferbewegung darunter Amos Chin aus Myanmar, Rebecca Gonzáles aus Mexiko, Siaka Traoré aus Brukina Faso, Carolyn Yoder aus den USA und Hansuli Gerber aus der Schweiz werden weitere Dimensionen klar, wie sich Täufer auf der ganzen Welt für die Nächstenliebe und den Frieden einsetzen. Carolyn Yoder spricht zum Beispiel über das Trauma der Täufer durch Verfolgung, Flucht und Neuanfang und wie wichtig dabei die Gemeinschaft, das Singen und Lobpreisen waren und heute noch sind. Diese Resilienz und diese Methoden der Gemeinschaft, die sich für sie historisch für Traumas bewährt haben, würden ihnen auch heute «in a World of Fire», einer brennenden Welt, Kraft geben.

Auch Rebecca Gonzáles spricht über Flucht. Für Gonzáles gehört es nämlich zur Aufgabe der Täufer sich für Menschen in Krisen einzusetzen. Sie tut dies, indem sie Menschen in Mexiko über die Gefahren der Flucht informiert und gleichzeitig auch in einer Haftanstalt von Flüchtlingen arbeitet und ihnen aktiv zuhört und beobachtet. Denn nur wenn man die Leute richtig versteht, könne man ihnen wirklich helfen.

Sehr bewegend ist für mich Amos Chins Bericht über den Mut der jungen Täufer in der Militärdiktatur Myanmar. Chin erzählt, wie es ist in einer Militärdiktatur zu leben. Bedauernd macht er uns auch darauf aufmerksam, dass hinsichtlich aller Konflikte, auf welche die Welt im Moment ihr Augenmerk legt, Myanmar vergessen wurde. Regelmässig werden junge Leute auf der Strasse verschleppt und fürs Militär eingezogen. Viele sind auf der Flucht, um diesem Zwang zu entgehen. So wird es für junge Leute zu einem Risiko auch in Kirchen zu gehen. Vor allem, wenn sich diese Kirchen, wie die mennonitische Kirche, für Frieden einsetzen und humanitäre Hilfe leisten. Und trotzdem gehen die jungen Leute regelmässig in die mennonitische Kirche, um ihren Glauben und ihre Prinzipien zu leben und verströmen dabei Fröhlichkeit. Das Motto des Jubiläums «Courage to Love» also der Mut zu Lieben bekommt in Chins Ausführungen eine weitere Dimension. Chin wandelt das Motto «Courage to Love» in «Courage to Laugh» um, und im Angesicht der Lage in Myanmar wird einem plötzlich bewusst, dass es wirklich Mut braucht in diesen Konfliktzonen Fröhlichkeit zuzulassen, laut zu lachen und zusammen zu lachen. So wie Chin von seinen jungen Kirchgängern und Kirchgängerinnen inspiriert wurde, hoffe ich, dass diese Inspiration auch auf die Zuschauenden übergeschwappt ist. Vielleicht kann ja so auch Myanmar wieder ins Blickfeld des Westens rücken.

Ein weiteres Land das für seine fröhlichen Einheimischen bekannt ist, sind die Philippinen. Oft hört man in der Schweiz oder liest man von Besuchenden aus den USA oder Europa, diese Bewunderung und gleichzeitig Verständnislosigkeit gegenüber dieser Fröhlichkeit der Filipinos. Sie fragen sich: Wie können Menschen, die in so armen Verhältnissen leben, so glücklich sein und immer lachen? Natürlich gibt es auch hier eine verfälschte Wahrnehmung, dies zeigen die hohen Suizidraten in den Philippinen. Ein Pastor aus den Philippinen namens Joshua Delos Reyes bestätigt als ich nachfrage, dass in den Philippinen Armut und soziale Spaltungen das Leben prägen. In dieser Hinsicht brauchen die Filipinos sicher auch Mut, um zu lachen und fröhlich zu sein. Delos Reyes erklärt, dass die Täuferkirche in den Philippinen den Frieden predigen. Dies nicht nur als Frieden zwischen Parteien oder, wie der Pastor aus Malawi erklärt hat, durch die Umwelt, sondern auch als inneren Frieden. Ein Frieden mit sich selbst und als individuelle Person mit dem Umfeld. So wechselt der Fokus des Friedens von aussen zu einem inneren Frieden. Man solle nicht nur Frieden bringen und sich für den Frieden von anderen einsetzten, sondern auch selber mit sich selbst im Reinen sein. Dieser innere Friede mit sich selbst und seinem Umfeld setzt vielleicht auch voraus, dass man Mut zum Lachen hat.

Glauben leben durch Nähen

In der Predigerkirche zeigt eine Ausstellung wie der Frieden unter den Täufern auch aussehen kann. Die Ausstellung zeigt einerseits, dass die mennonitische Kirche auf der ganzen Welt sich für verschiedenste Menschen einsetzt und andererseits, dass sie dies unter anderem durch das Nähen tut. Die Predigerkirche ist behängt mit Patchworkdecken oder sogenannten Quilts. Jede Decke erzählt von einer eigenen Geschichte des Empowerments und der humanitären Hilfe. In Celle im Norden Deutschland gibt es beispielsweise eine Gruppe, die von einer mennonitischen Frau gegründet wurde, die aus geflüchteten Frauen besteht. Diese Frauen, die teilweise aus der Ukraine, dem Irak, Afghanistan oder Syrien geflüchtet sind, nähen zusammen Quiltdecken. Das Nähen von Quilts hat für diese Frauen dabei mehrere Funktionen: Sie lernen nähen, leisten humanitäre Hilfe, leben Gemeinschaft und sind obendrauf noch klimaneutral, da sie alte oder kaputte Textilien wiederverwenden. Auch in der Schweiz gibt es eine Gruppe von in Kanada aufgewachsenen Mennonitinnen, welche in ihrer Familiengeschichte auch Flucht erlebt haben und heute durch ihre Patchworkdecken Geflüchteten in der Schweiz helfen. Im Hintergrund dieser Gruppen steht die mennonitische Hilfsorganisation «Mennonite Central Committe» (MCC), welcher 40 Gruppen in Europa zugehörig sind.

Die Geschichte der Quilts hat in den 1940er Jahren mit der niederländischen Mennonitin An Keuning-Tichelaar begonnen. An Keuning-Tichelaar bot während des Zweiten Weltkriegs hungrigen Kindern, jüdischen Flüchtlingen und Widerstandskämpfern Schutz vor den Nazis. Nach dem Krieg bot sie diesen Schutz auch Mennoniten und Mennonitinnen, die aus der Sowjetunion geflohen waren, an. Unterstützung erhielten sie von der MCC, welche unter anderem Patchworkdecken spendeten, die von Mennonitinnen in Nordamerika genäht wurden. Als die Medien über die schockierenden Details des Zweiten Weltkrieges berichteten, spendeten verschiedenste mennonitische Gemeinden in Nordamerika Kleidung, konservierte Lebensmittel und eben selbst genähte Quilts. Als die Gefahr vorüber war und die Schutzsuchenden Keuning-Tichelaar wieder verliessen, nahmen sie alles mit aber liessen die Decken zurück. So wurden diese Patchworkdecken zu einem Symbol des Schutzes und der humanitären Hilfe der Mennoniten.

Der Wunsch nach Identität

Wenn man einen ganzen Tag von Täufern und Täuferinnen umgeben ist und auch Interviews mit ihnen durchführt, kommt man, wie man sieht, nicht um das Wort «Frieden» herum. In der Podiumsdiskussion ist zentral wie sich Mennoniten für den Frieden einsetzen, die Patchworkdecken erzählen eine Geschichte des Friedens und auch in den Interviews ist der «Frieden» zentral. Auch als ich mich mit der Geschichte der Täuferbewegung auseinandergesetzt habe, die Ausstellung in der ZB besucht habe, an der Stadtführung teilgenommen habe und den Film «Kinder des Friedens» (2025) geschaut sowie das gleichnamige Buch gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass es immer um den Frieden ging. Frieden hat in der Täuferbewegung mehrere Namen: «Nächstenliebe», «Wehrdienstverweigerung», «Gewaltlosigkeit», «Bäume pflanzen», «humanitäre Hilfe», «Courage to Love», «Courage to Laugh», «Im Reinen mit sich selbst sein» und «Patchworkdecken» oder «Quilts». Genauso zentral ist natürlich auch der Konflikt. Wie der Pastor aus Malawi im Interview betont, ist der «Frieden» nur so zentral wie der Konflikt es ist: «Wehrdienstverweigerung» wird benötigt, wenn Wehrdienst für einen Krieg gefordert wird. «Bäume pflanzen» ist im Angesicht der Klimaerwärmung nötig. «Courage to Love», «Courage to Laugh», «humanitäre Hilfe» werden in Krisengebieten betont. «Im Reinen mit sich selbst sein» ist nötig im Angesicht der psychischen Belastungen von Konflikten oder Krisen und die Patchworkdecken und Quilts erzählen von Krieg genauso wie sie den Frieden symbolisieren sollten.

Es fällt auf, dass die Friedensethik nicht nur Teil der religiösen, sondern auch kulturellen Identitätsbildung der Täuferbewegung ist. In der Geschichte der Täuferbewegung wird erwähnt, dass die Täufer und Täuferinnen die Bergpredigt wörtlich nehmen und sie versuchen die dort vermittelte Nächstenliebe zu leben. Zusätzlich wird durch den Film und das Buch klar, dass sie sich auch als Kinder des Friedens sehen könnten. Diese Eigenverantwortung für den Frieden wird dann eben auch beim Jubiläum sichtbar. Dass das Täufertum nicht nur Religion, sondern auch Kultur ist, wird nicht nur anhand der Friedensethik deutlich, sondern auch in der Art und Weise wie Gemeinschaft gelebt wird. Im Interview mit Hansuli Greber und Carolyn Yoder, die beide auf dem Podium sassen, erwähnen sie die Wichtigkeit der deutschen Sprache. Carolyn Yoder erzählt, dass für die ältere Generation bei der Gemeinschaft in der sie aufgewachsen ist, Englisch immer die Sprache der anderen war. Mit der deutschen Sprache, die die Täufer in den USA noch durch die Froschauer-Bibel aus dem 16. Jahrhundert sprachen, haben sie sich gemeinschaftlich und kulturell von den «Amerikaner:innen» abgegrenzt. Sie meint, dass die Amischen, die Mennoniten und Anabaptisten in den USA sich nicht dafür interessierten sich den Amerikanern anzupassen, sondern lieber als Subkultur ihres Heimatortes Schweiz lebten. Für das Täuferjubiläum ist Yoder mit ihrer Familie das erste Mal in der Schweiz. Sie haben eine Reise ins Emmental angetreten, da von dieser Region ihre Vorfahren kommen und dabei ist ihr auch die Ähnlichkeit der schweizerischen Kultur mit der Kultur ihrer täuferischen Gemeinschaft aufgefallen. Aus Yoders Aussagen wird deutlich, dass die Reise ins Emmental auch Identitätsstiftend war, sie haben quasi eine Erklärung bekommen für ihre Unterschiede. Auch bei Hansuli Greber, der im Jura aufgewachsen ist, war französisch die Sprache der anderen. Für die ältere Generation sei Deutsch die Sprache der Gemeinschaft, und solle gesprochen werden, damit sie sich von den Juranern abgrenzen können. Dabei spielt auch der Jurakonflikt im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle. Im Film «Kinder des Friedens» erzählt ein weiterer Greber-Nachfahre, dass für die Täufer Deutsch sogar als die Sprache Gottes angeschaut wurde.

Versöhnung und Ökumene

So wird am Jubiläum neben der Betonung des Friedens auch die täuferische Kultur und Gemeinschaft gelebt. Wie stark dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft ist, hat sich auch in der Anzahl Teilnehmenden gezeigt. Von den geschätzten 1500 Teilnehmenden sind 2500 bis 3000 Täufer aus der ganzen Welt nach Zürich gekommen, um dieses Jubiläum zusammen zu feiern. Es wird zusammen gesungen, gebetet und diskutiert.  Der gesungene Worship und die gemeinsamen Gebete sind in den Workshops wie auch im Schlussgottesdienst kraftvoll und bewegen die Leute sichtlich.

Leider gibt es vor dem Schlussgottesdienst viele enttäuschte Gesichter. Denn da die Organisatoren mit höchstens 1500 Personen gerechnet haben, haben es viele Personen nicht mehr in das Grossmünster geschafft und auch nicht in die naheliegenden Kirchen, wo ein Lifestream den Gottesdienst ausstrahlt. Meine Begleitung mit der Kamera und ich erhalten Pressebadges, da für die Presse Plätze im Grossmünster reserviert sind. Als wir also mit unseren Pressebadges vor der Kirche warten, kommt eine ältere Frau direkt auf uns zu und beschwert sich über die Organisation der Veranstalter. Ihre Enttäuschung, die sich in Frustration umgewandelt hat, ist bei vielen Personen, die vor geschlossenen Türen stehen an den Gesichtern abzulesen. Dies ist natürlich verständlich, da dieser Gottesdienst der Höhepunkt des gesamten Tages darstellt und viele Teilnehmende viel Zeit und Geld in die Hand genommen haben, um für diesen Tag in Zürich zu sein.

Die hohen Erwartungen an den Gottesdienst stellen sich als berechtigt heraus. Die Ehrengäste am Gottesdienst sind ein katholischer Kardinal und Repräsentanten der Lutheraner, der reformierten Kirche und von anderen christlichen Kirchen. Der Gottesdienst ist speziell ökumenisch gestaltet, was auch an den ausgewählten Liedern sichtbar ist, die man zum Teil vom Taizé kennt. Der Höhepunkt und auch symbolisch sehr bedeutungsvolle Akt stellen eine Fusswaschung dar. Diese Fusswaschung wird als Einschlag in einen Weg der Versöhnung gesehen. Einer Versöhnung mit der katholischen Kirche, mit dem Lutherischen Weltbund und vor allem mit der reformierten Kirche. Damit wird die Geschichte der Täuferbewegung, ihre Verfolgung und Flucht direkt thematisiert und aufgearbeitet. Die Versöhnung, die hier auch von der Täuferbewegung initiiert wird, bekräftigt die in diesem Bericht besprochenen Aktionen des Friedens, der Nächstenliebe und des Lachens. Passend dazu wird am Ende des Gottesdienstes ein Siyahamba angesungen und alle verlassen die Kirche singend zu den Klängen des Lobpreises.   

Alysejah Huber, 30. Juni 2025

Lexikoneintrag Freikirchen täuferischer (mennonitischer) Herkunft

Mein Besuch bei der Mustard Seed Chapel International in Aarau 

Ab in den Keller

Viele junge Leute stehen in kleinen, vertrauten Gruppen vor dem Seiteneingang der Minoritätsgemeinde Aarau. Es ist Sonntag und die Nachmittagssonne brennt ohne Erbarmen. Meine Begleitung packt noch schnell ihr Hütchen mit der Aufschrift «queer und hässig» weg. Wir wollen nicht gleich aus der Reihe tanzen. Wir wissen nicht, wie die MSCI-Kirche zu LGBTQIA+ eingestellt ist. Um 13 Uhr ist Türöffnung. Wir werden von mehreren Jugendlichen freundlich angelächelt und begrüsst. Der Gottesdienst findet im Keller statt. Der Raum ist recht dunkel, doch farbenwechselnde LED-Streifen und dröhnende Worship Musik sorgen für Stimmung. Gemeinsam mit einem ca. 16-jährigen Jungen, der auch neu zu sein scheint, werden wir im hinteren Teil des Saales platziert. Die vorderen Stühle sind schon eng besetzt und auch hinter uns füllen sich die Reihen. Die Demografie der Anwesenden erstaunt mich. Es scheint niemand viel älter als fünfundzwanzig zu sein. Die untere Altersgrenze ist schwammiger. Einige Jungs vor uns schätzen wir auf dreizehn, in der hintersten Reihe entdecke ich sogar einen ca. 6-Jährigen. Neben ihm ein Mann Mitte zwanzig, vielleicht sein grosser Bruder? Abgesehen vom Alter sind die ca. 100 Anwesenden sehr divers. Es hat ungefähr gleich viele junge Frauen, wie junge Männer. Auch die Nationalitäten sind vielfältig, ein stolzes Merkmal der MSCI Aarau. So veranstalteten sie kürzlich den «International Sunday», ein Gottesdienst bei dem alle, in den Farben ihres Heimatlandes gekleidet, anderen ihre Landessprachen näherbringen konnten. Uns steht jedoch der gewöhnliche, wöchentliche Gottesdienst bevor. 

Im Hintergrund schallt es noch immer «All Hail Jesus», doch die restliche Geräuschkulisse nimmt langsam ab und eine Leinwand wird runtergezogen. 

Drastischer Einstieg 

Ein Pastor Anfangs zwanzig, in rot-schwarz kariertem Hemd bittet uns alle aufzustehen. Als erstes danken wir Jesus von Herzen für seine Liebe und bitten ihn um Vergebung für unsere Sünden. Dies tun wir angeleitet vom Pastor, der von epischer Klaviermusik und einem undefinierbaren Echo begleitet wird. Als Nächstes kommt die Leinwand mit Songtexten zum Einsatz. Wir singen mehrere Worship Lieder auf deutsch und englisch zum einwärmen. Beim letzten Lied werden wir dazu aufgefordert für Jesus zu hüpfen. Einige hochmotivierte, junge Leute springen sofort nach vorne zum Pastor und hüpfen mit ihm zum Takt. Am Ende des Liedes bildet sich sogar ein kleiner Moshpit. Die Stimmung ist heiter und genau da setzt der Pastor an.

Auf der Leinwand erstrahlt Matthäus 19,14: Doch Jesus sprach: «Lasst die Kinder und hindert sie nicht, zu mir zu kommen, denn solchen gehört das Himmelreich.»

Er erklärte uns, dass Jesus unter Kindern junge Menschen voller Energie, Lebensfreude und Begeisterung versteht. Genau solche Menschen wie wir. Er schaut uns strahlend an und meint, wenn wir nicht zurück lachen, können wir sofort den Gottesdienst, ja sogar die Kirche verlassen. Wer zu Jesus gefunden habe, soll für Jesus tanzen, hüpfen und glücklich sein. Soweit so fröhlich, doch nun die unerwartete Wendung. Der Pastor greift ohne Vorwarnung das Thema «Ritzen und Selbstverletzung» auf. Er erzählt von einem Mädchen, das nicht in kurzer Kleidung das Haus verlassen kann, weil sie sich überall Wunden zugefügt habe. Er warnt uns, dass wir den Teufel nicht zu uns lassen sollen, weil sonst solches passieren könne. Eine Person, die im Stande sei sich selbst zu verletzen, habe einen zu schwachen Glauben. Also keine Sorge, an die guten, glücklichen Christen kommt der Teufel nicht so schnell ran. Damit ist das prekäre Thema für ihn und somit gezwungenermassen für alle anderen abgeschlossen. Ich bin sprachlos, meine Begleitung schüttelt nur den Kopf. Dieser junge Pastor hat soeben hundert anderen jungen Leuten erklärt, dass Selbstverletzung mit Nähe zum Teufel einher geht. Kein Wort über ein Hilfsangebot, nur wortwörtliche Verteufelung von Betroffenen. 

Dancing Stars

Weiter gehts mit einer modernen Tanzeinlage von den Hauseigenen «Dancing Stars». Sie gehören zu den aktiven Mitgliedern der Kirche, erklärt mir nach dem Gottesdienst eine junge Frau. Neben den «Dancing Stars» gibt es das «Media Team», den «Chor» und die «Ushers». Alle tragen einen Erkennungsausweis um den Hals, der ihre Funktion in der Kirche preisgibt. Die meisten sind schon etwas älter und grösser, sie haben eine gewisse Autorität. Nach meinem Gefühl herrscht dadurch eine leichte Hierarchie.

Die «Dancing Stars» geben Vollgas. Zu lauter, rhythmischer Worship Musik schwingen sie die Hüften. Ihre Outfits sind abgestimmt, weiss mit Jeans-Akzenten, das Publikum johlt. Der Auftritt ist sehr modern, einige Tanzelemente erinnern an TikTok-Trends.

Die Stimmung wird ruhiger aber nicht weniger begeistert als der in weiss gekleidete Chor nach vorne tritt. Der Gesang ist wohlklingend und recht anspruchsvoll. Es wird im Kanon und mit Echo für Salbung gebetet. 

Freiwillige Spende aus reinem Herzen 

Nach dem Chor lenkt der Pastor das Thema geschickt auf Opfergaben. Ein riesiger QR-Code und eine IBAN-Nummer werden auf der Leinwand eingeblendet. Sofort wird klar, was folgt: die Zehnten- und Spendenabgabe. Alle werden dazu aufgefordert ihre «freiwillige» Spende in die Höhe zu halten um gemeinsam zu beten. Alle ausser wir und per Zufall ein junger Mann neben uns halten ihre Bargeld oder TWINT umklammernde Hand hoch. Der Pastor betet für alle Spendenden, mögen ihre Hosentaschen im Gegenzug vor Geld platzen. Er betet auch für die Nicht-Spendenden, mögen sie nächste Woche bereit sein aus Gutherzigkeit zu spenden.

2. Korinther 9,7 wird eingeblendet: Jeder aber gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Die «Ushers» stehen auf und geben riesige senfgelbe Urnen durch die Reihen. Wie viel Geld die Leute abgeben kann ich nicht erkennen. Ich sehe, wie der neue Junge neben mir am Handy nervös auf einer Raiffeisen Seite rumdrückt. Auch für uns war es unangenehm nicht zu spenden und zwar aus einer rein zwischenmenschlichen Dynamik. Ich kann mir nicht vorstellen, wie hoch der Druck für eine Person ist, deren Selbstverständnis an eine solche Opfergabe gehaftet ist. 

Tiktok Pastor

Vor uns steht ein weiterer Pastor, ich kenne sein Gesicht von MSCI TikTok Videos. Sein Name ist Pastor Josh oder «PJ», wie er von vielen liebevoll genannt wird. Er ist älter als die meisten Besuchenden, wahrscheinlich Ende zwanzig und trägt ein Shirt mit der Aufschrift «I am Ready to Preach Gospel». «Ready» ist er wirklich, er übernimmt den Hauptteil der Predigt, spricht mitreissend, interaktiv und mit viel Emotionen, selten spickt er mit seinem Handy. Wenn das Publikum nicht laut genug auf Fragen oder Aufforderungen reagiert, fragt er empört nach mehr Lärm. Es erinnert mich an ein Popkonzert. Auch seine Sprache ist modern. Er spricht schweizerdeutsch aber verwendet viele Anglizismen und Jungendslang. 

Josh beginnt mit einer Aufzählung von vier Arten von Leuten, die die Kirche besuchen. 

Auf der Leinwand erscheint Matthäus 13,20-23: Der Same, der auf den felsigen Boden gesät wurde: Hier hört einer das Wort und nimmt es sogleich freudig auf, doch er hat keine Wurzeln, sondern ist unbeständig. Wenn es dann zu Bedrängnis und Verfolgung kommt um des Wortes willen, kommt er gleich zu Fall. Der Same, der unter Dornen fiel: Hier hört einer das Wort, und die Sorge dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Der Same, der auf guten Boden gesät wurde: Hier ist einer, der das Wort hört und versteht. Der trägt dann Frucht – sei es hundertfach, sei es sechzigfach, sei es dreissigfach. 

Er beginnt mit Typ 1 der Kirchenbesuchenden. Laut Josh interessiert diese Leute das Wort Gottes «en füechte Furz». Sie sind voll mit Hass und Unzufriedenheit. Typ 2 beinhaltet alle Leute, die der Kirche zu wenig Zeit widmen wollen. Vielleicht haben sie kleine Kinder oder viele Prüfungen oder Stress mit der Mutter und widmen deshalb zu wenig Zeit ihrem Glauben. Bei ihnen sei der Samen unter Dornen gefallen, das Wort wird vergessen oder verdrängt. Beim Typ 3 wird es persönlich, er spielt darauf an, dass einige Anwesenden zu diesem Typ gehören. Der Samen, der auf felsigem Boden gesät wurde, ist unbeständig und unsicher. Gemeint sind die Übereuphorischen, die im Vordergrund ihren Glauben lautstark präsentieren. Sie hüpfen, tanzen und jubeln, befassen sich aber abseits des Spotlights nicht weiter mit ihrem Glauben oder der Kirche. Er erzählt in einer Anekdote von einem Jungen mit einem «Saved by Jesus» Shirt, der im Bus seine Filter, Papes und seinen Tabak aus der Tasche holte. Der ganze Raum schreit entsetzt auf und Buhrufe ertönen. Josh kommentiert darauf, dass er bezweifelt, ob viele der euphorischen Jugendlichen in den ersten Reihen – die dieselben Shirts tragen – tatsächlich «besser» sind als der Junge aus dem Bus. Er geht sogar so weit zu hinterfragen, ob sie überhaupt in der Lage wären, einen einzigen Bibelvers aufzusagen. Die erste Reihe will dies nicht auf sich sitzen lassen. Einzelne versuchen sich zu beweisen, indem sie irgendwelche Bibelstellen zitieren. Eine Situation in der sich bei mir wieder dieses Gefühl von Hierarchie und ungleichmässigem Machtverhältnis einschleicht. 

Josh geht über zum Typ 4, den er als Christ (es wird immer nur von Christen gesprochen, Christinnen werden nie erwähnt), dessen Glauben ein tief verankertes Fundament hat, beschreibt. Hier wurde der Samen auf gutem, fruchtbarem Boden gesät. Seine Weiterführungen gehen auf dieses tiefe Fundament ein. 

Dazu blendet er Matthäus 7,25 ein: Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, und Winde wehten und warfen sich gegen das Haus, und es stürzte nicht ein. Denn Fels war sein Fundament.

Er beschreibt den unzureichenden, unsicheren Glauben als Haus, das ohne Fundament und Verankerung leicht davongewischt wird. Ein Haus, beziehungsweise ein Glaube mit tiefem Fundament hingegen halte jedem Sturm entgegen. Stürme und Widerstand seien Situationen, die Christen viel antreffen werden. Denn Glaube sei kein Glaube, wenn dieser nicht auf die Probe gestellt werden könne. Deshalb treffe es die gläubigen Christen manchmal am härtesten. Josh beschreibt das Durchfallen bei Prüfungen, den Streit mit dem Lehrmeister oder das Lästern deiner besten Freundin als «von Gott bewaffnet werden». Gott wisse, dass tief verankerte Gläubige mehr aushalten könnten, als schwache Gläubige. Dadurch kreiert Josh meiner Meinung nach ein leistungsorientiertes Glaubensbild: Je stärker ich glauben kann, desto besser bin ich für mein Leben gewappnet, weil Gott mir härtere Aufgaben stellt. Mir stellt sich die Frage, warum man in diesem Fall überhaupt glauben soll. Wenn ich «schwach glaube» muss ich mich keiner harten Probe entgegenstellen und kann ein schönes, entspanntes Leben führen. Ich muss aber wohl mit dem Wissen Leben, dass ich zu schwach für jegliche Herausforderungen bin. 

Dazu las er uns vor Offenbarung 2,1-3: Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: So spricht, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der einhergeht inmitten der sieben goldenen Leuchter: Ich kenne deine Werke und deinen Einsatz und deine Beharrlichkeit, und ich weiss, dass du die Bösen nicht ertragen kannst, dass du geprüft hast, die da sagen, sie seien Apostel, und es nicht sind, und dass du sie als Lügner entlarvt hast. Ausgeharrt hast du, und um meines Namens willen erträgst du dies alles und bist nicht müde geworden.

Um diese Worte noch eingänglicher zu verstehen, singen wir ein weiteres Lied. 

«I’m safe with you. I’m going to make it through. Rain came and wind blew but my house was built on you.» 

Exkurs zu Dag Heward-Mills

Dag Heward-Mills ist der Gründer der United Denomination Lighthouse Group of Churches, zu welcher die MSCI Aarau gehört. Die Mitglieder der MSCI bezeichnen Heward-Mills als ihren Bishop und lesen seine unzähligen Bücher. Ich habe sein Werk «Wie man von neuem geboren wird und der Hölle entgeht» als Vorbereitung gelesen. Laut ihm soll man die Liebe Gottes als die grösste Liebe anerkennen und wertschätzen. Zudem schreibt er vom «errettet werden» was dem «neu geboren werden» entspricht. Nur Christ*innen, die ihr Herz für Gott öffnen und richtig glauben, würden neu geboren und seien somit errettet. Alle anderen Menschen kämen in die Hölle. Ich bin mir sicher, dass Josh dieses Buch auch gelesen hat, denn im folgenden Teil seiner Predigt höre ich immer wieder Anspielungen darauf.

Sex, Drugs and Sins

Nach dem gemeinsamen Singen findet Josh seinen Roten Faden wieder und fährt fort mit 

Offenbarung 2,4: Ich habe dir aber Vorzuwerfen, dass du deine erste Liebe verlassen hast.

Der Pastor bezeichnet den ersten Tag, an dem man zu Gott findet, als den Zeitpunkt der grössten Liebe zu Gott. Alle Gläubigen sollen also Gott als ihre grosse und erste Liebe anerkennen. Gottes Liebe sei stärker als jegliche zwischenmenschliche Liebe. Beim Thema «erste Liebe», ist das Thema «Sex» nicht weit weg. Doch Josh stellt ganz klar fest, dass Liebe nicht gleich Sex ist. Er bezeichnet Sex vor der Ehe zu haben als Sünde und erklärt uns: Wenn wir errettet worden sind, wohne der Heilige Geist in uns. Der Heilige Geist sei also bei all unseren Taten mit dabei und müsse zuschauen, ja sogar mitmachen bei unseren Sünden. Ich zitiere wörtlich: «De Heilig Geist isch mit dir wenn du din Finger ih ihri Vagina ine stecksch.». Die Empörung im Saal ist gross, einige geben angewiderte Laute von sich. Josh legt noch einen drauf: «De Heilig Geist isch mit dir wenn du ah de Unterhose vo dinere Exfründin schmöksch oder dim Exfründ wo dich eh nume vermöblet und verprüglet hesch nachetruursch.» 

Ich weiss nicht was ich dazu sagen soll. Ein Opfer häuslicher Gewalt wird als Beispiel für Fehlverhalten verwendet. Die von Gewalt betroffene Frau, die Mühe hat sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen, wird als Sünderin dargestellt. In einem einfachen Nebensatz hat Josh kurz die Opfer- und Täterrollen getauscht, niemand scheint es zu kümmern. Im Gegenteil, Josh erklärt gerade, wie wir den Tempel des Heiligen Geistes (also unseren Körper) mit «fremdem Sperma vollpumpen». 

Dazu liest er uns vor 1. Korinther 6,19: Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wirkt und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?

Auch Alkohol und Drogen kritisiert er scharf. Im Sinne von du sollst ja nicht den Heiligen Geist abfüllen. 

Der Heilige Geist auf dir

Josh findet wie immer einen passenden Übergang vom heiligen Geist in dir zum heiligen Geist auf dir. 

Auf der Leinwand erscheint Apostelgeschichte 10,38: Ihr kennt Jesus von Nazareth und wisst, wie Gott ihn mit dem Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat; er zog umher und tat Gutes und heilte alle, die vom Teufel unterdrückt wurden, weil Gott mit ihm war.

Der Heilige Geist auf uns sei nach aussen gerichtet und er werde durch Salbung gestärkt. Laut Josh würden alle unseren guten Taten erst nach der Salbung Wert erlangen. Dann sei der Heilige Geist mit uns, Gott sähe unsere Taten und würde uns dafür entlöhnen. Um dies zu verstehen, verbildlichte Josh: Wenn eine Fachfrau Gesundheit plötzlich bei der Post arbeiten geht ohne sich beworben zu haben, bekommt sie keinen Lohn. Sie ist ja nicht bei der Post angestellt. Genau gleich sei es mit den guten Taten, die erst durch Salbung Wert erlangten. 

Josh kommt aus mir unerklärlichen Gründen nun nochmals auf das Thema «Sex» zu sprechen. 

Eingeblendet wird Hohelied 1,1-3:Das Lied der Lieder Salomos. Er küsse mich mit Küssen seines Mundes! Köstlicher als Wein ist deine Liebe, köstlicher als der Duft deiner Salböle. Ausgegossenes Salböl ist dein Name, darum lieben dich die jungen Frauen. 

Mir scheint als wäre Josh ein bisschen unter Zeitdruck. Er erzählt, dass die Liebe zu Gott besser als Sex und Alkohol sei. Zudem sollten wir in die Bibel eintauchen, nicht in die Geschlechtsteile anderer Leute, so verstehe ich seine Aussagen zumindest. 

They Love Me

Bevor wir nach zweieinhalb Stunden aus dem Keller, der mittlerweile recht stark nach abgestandenem Parfüm und Schweiss riecht, entlassen werden, folgt eine weitere Zehnten- und Spendenabgabe. Das gleiche Prozedere mit QR-Code und erhobenen Händen erfolgt nochmals. Dieses Mal wird zusätzlich ein Kinderheim in Ghana erwähnt, an welches die Spenden gehen sollen. Wir singen ein letztes Lied und bekommen Zeit für eigene Gebete. Zwei Mädchen vor uns werden sehr emotional und weinen lautstark. Alle anderen beten inbrünstig mit erhobenen Händen und in leichtem Schwanken weiter. 
Alle dürfen sich setzen, die Erstbesuchenden werden gebeten aufzustehen. Meine Freundin, der Junge neben mir und ich stehen auf, dazu noch sechs weitere junge Leute. Um uns tobt Applaus und alle schreien uns zu «we love you». Danach werden wir aus dem Saal gebeten, um freiwillig unsere Kontaktdaten abzugeben. Eine junge Frau aus dem Media Team verspricht mir Eintritt in den MSCI Aarau Gruppenchat und lädt mich zu den Biblestudies ein. Alle sind sehr freundlich und zuvorkommend, das Interesse bei den anderen «Neuen» scheint gross zu sein. Einer der neuen Jungen bietet sogar an, eine Webseite für die Gemeinschaft zu programmieren. Wir verabschieden uns und atmen draussen, trotz der heissen Luft, tief auf. 

Lou Büchler, 24. Juni 2025

Lexikoneintrag Lighthouse Group of Churches