New Heaven Can Wait – Relinfo gründet Shincheonji-Ausstiegsplattform

Wie Blätter, die neuen Halt finden wollen: So können sich Personen fühlen, die schlechte Erfahrungen mit der umstrittenen Gemeinschaft Shincheonji gemacht haben. Auf der Plattform New Heaven Can Wait können sich Menschen austauschen, die Shincheonji verlassen haben oder an ihrer Mitgliedschaft zweifeln.

Geschichte

Da sich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum Shincheonji-Ausstiege gehäuft haben, wurde 2025 die Austauschplattform New Heaven Can Wait gegründet. Die Idee kam vom Team der Kirchlichen Fachstelle Relinfo, die diese Lücke durch die zahlreichen Anfragen von Ausgestiegenen bemerkt haben. Ziel von New Heaven Can Wait ist es, dass die Plattform zunächst mit der Unterstützung von Relinfo läuft, bis sich eine eigenständige Community gegründet hat.

Voraussetzungen

New Heaven Can Wait ist ein sicherer Ort für alle Personen, die negative Erfahrungen mit Shincheonji gemacht haben. Deshalb werden keine Bekehrungsversuche von Shincheonji-Mitgliedern oder Mitgliedern anderer religiöser Gemeinschaften toleriert. Damit jede Person sich authentisch zu ihrer Lebensgeschichte äussern kann, wird ein respektvoller Umgang erwartet, der keinen Platz für Diskriminierung bietet.

Mitmachen

Das Angebot ist kostenlos und jeder entscheidet, wie viel er oder sie teilen möchte. Interessierte können sich gerne unter der Kontaktmail melden und uns kurz ihre Beweggründe berichten.

Julia Sulzmann und Angela Heldstab, 02. Januar 2025

Eine erfolglose EBG-Evangelisation in Aarau?

Die Evangelische Bibelgemeinde (EBG) Aarau hatte sich entschieden, Ende November eine Evangelisation durchzuführen, und sorgte also dafür, dass ein entsprechender Flyer in diverse Briefkästen in Aarau verteilt würden – so auch eines Freundes von mir, woraufhin wir entschieden, die Abschlusskonferenz ihrer Vortragsreihe am Sonntag zu besuchen. Ihn interessierte es, und ich gehe nicht «meine alte Freikirche» allein besuchen.

Ich wusste natürlich, dass einige mich kennen, und andere weniger, wusste aber auch nicht, wer denn alles dort sein würde. Einzelne erkannten mich ohne Weiteres – dann hiess es «hallo Angi!» (ein Spitzname, mit dem ich zu EBG-Zeiten immer vorgestellt wurde), während sie sich meiner Begleitung vorstellten – und andere sahen mich an und waren unsicher. Ist auch schon lange her, und ich war mir ja auch nicht bei allen sicher.

Der Ort selbst fasst wohl rund 200 Personen, und während mehr als die Hälfte der Plätze belegt waren – einige auch durch Kinder – so blieben trotzdem einige mehr leer. Ein Grossteil der jüngeren Frauen sass mit Kind (von Baby über Kleinkind zu grösseren Kindern) da, und ein zweiter, kleinerer Raum hatte Sofas und diente den Müttern und ihren Kindern als Rückzugsort. Meine Begleitung beschrieb die EBG, vermutlich nicht zuletzt deswegen, als «enorm familienfreundlich». Ergibt natürlich auch Sinn, eine Gemeinde, die so viele Kinder hat, ist aber auch nicht ganz selbstverständlich.

Vom Gitarrenchor ohne Gitarren

Bei unserem Eintreffen hatte der Gesang bereits begonnen, also setzten wir uns und sangen mal mit. Dieses Mal darf ich mich nicht beschweren, dass mir die Lieder wieder zu hoch waren – ich war ja zu spät und nicht eingesungen, auch wenn ich mich langsam frage, ob es in der EBG eher Alt bis Mezzosopran und weniger Sopranstimmen gibt für viele Lieder, die letzteres erfordern würden, hat; mich selbst eingeschlossen. Dazu gab es tatsächlich noch einen Chor: «Geschwister», also Glaubensgeschwister, seien extra aus Bern angereist, um an diesem Morgen zu singen. Nachmittags wechselten dann der Männerchor (Aarau) und der «Gitarrenchor» ab mit ihrem Gesang. Der Gitarrenchor hatte keine Gitarre dabei, weswegen ich mich mehrfach fragte, ob ich es falsch verstanden hatte, bis ein Prediger selbst einen entsprechenden Witz darüber machte, dass sie diesmal eben keine Gitarre dabeihätten. Die Lieder handelten, besonders anfangs, primär von Lob und Dank, mit nur einem kleinen Teilsatz im Stil von «komm auch du» in einer der Strophen. Ich hätte tatsächlich viel mehr und viel evangelistischere Lieder erwartet – es gibt im Singbuch ja extra ein Kapitel von Liedern mit dem Titel «Evangelisation».

Eine grösstenteils übliche Einleitung

Die Moderation begann also, und nach einem Lied des Chores wurde gebetet. Dies so wie üblich: Zuerst wurde Gott gedankt, dass man selbst «durch das Blut reingewaschen» wurde, eine sehr übliche Formulierung, dann ein Beten um den Segen für den «Bruder», der predigen würde, sowie «uns», damit wir «verstehen», was Gott uns mitteilen will, sowie ein nicht unübliches «öffne Herzen» (für Gottes Wort). Dabei kann man interpretieren, dass es um Personen geht, die noch «ungläubig» sind, also vermutlich meine Begleitung und mich, aber es können genauso gut Gläubige gemeint sein, die beispielsweise wegen eigenen Stolzes gerade etwas Mühe haben, die Predigt für sich anzunehmen. Ein wenig angesprochen fühlte ich mich natürlich trotzdem. 

Die Predigt machte an diesem Morgen Philipp Grossenbacher, ein Prediger, den ich in meiner EBG-Zeit sehr gut kennenlernte (s. Aussteigerbericht EBG). Heute ginge es um Psalm 71, morgens um die erste Hälfte, nachmittags die zweite, und die «nachfolgenden Brüder» dürften dann anknüpfen, wo sie wollten. Philipp begann also, über den Psalm zu sprechen, dass er aufgrund des Inhaltes annähme, es sei ein Psalm von David (was durchaus der Annahme vieler anderer entspricht, aber wissen tun wir es nicht), und basierte seine Predigt auf dieser Annahme. So sprach Philipp darüber, dass die im Psalm beschriebene «Zuflucht» für uns heute «der Herr Jesus Christus» sei, und es keine andere Zuflucht und keinen anderen Weg zum «ewigen Leben» gäbe. Relevant hierbei: die Formulierung, dass «religiöse Taten» nicht reichen. Beispielsweise, in die Kirche zu gehen. Auch dies eine sehr übliche Herangehensweise aller Freikirchen, das Betonen, dass die persönliche Beziehung mit Gott ausschlaggebend sei. Dies machte ein anderer Prediger – der hier nicht gepredigt hatte – übrigens auch im persönlichen Gespräch mit meiner Begleitung: Er erzählte (auf die Frage, ob er eine Ausbildung zum Prediger gemacht hätte), dass er täglich die Bibel lese und eine persönliche Beziehung zu Gott führte. Im Rahmen der Freikirchenszene ist das natürlich sehr üblich.

Erstaunt hat mich bereits sehr früh, wie sehr Philipp über Jesus als positive Zuflucht geredet hat, und im Verlauf der Predigt, wie wenig er über Gott als strafenden Gott sprach. Dies kam tatsächlich erst viel später, bei einem Zeugnis eines anderen. Zuvor sprach Philipp darüber, dass David sicherlich auch Zweifel hatte, und «sich durchringen» musste.

Wenn Tod Gottes Plan ist

Dann diskutierte er, ob jemand zuschanden komme, wenn er auf Gott vertraue, und nahm Stephanus aus der Apostelgeschichte 7 als Beispiel. Wer nicht nachlesen möchte: Nachdem Stephanus eine Rede zum Thema «Gott» hielt und gegen Ende seine Zuhörer als «halsstarrig und unbeschnitten an Herzen und Ohren» (Apostelgeschichte 7, Vers 51, gemäss Lutherbibel 2017) bezeichnete, wurden die anderen (hier: die damalige religiöse Elite) wütend, und steinigten ihn draussen. Er aber sah «die Herrlichkeit Gottes», ehe er starb. Philipp thematisierte dies, indem er erklärte, dass Stephanus nicht zuschanden wurde – er ist zwar gestorben, aber er konnte in die Herrlichkeit Gottes kommen: «Er isch heigange», nach Hause gegangen, eine Formulierung, die in der EBG für gläubige Verstorbene verwendet wird. Gott helfe uns dann schon «zur richtigen Zeit». Ich weiss ja, es entspricht der Weltanschauung der EBG, aber etwas wild fand ich es schon: ein Beispiel eines gesteinigten Mannes zu verwenden, um zu sagen, dass Gott zur richtigen Zeit hilft. Vielleicht wilder daran: Dass ich weiss, dass ich genau das auch mal geglaubt habe. Schön für die Glaubenden ist natürlich die Sicherheit, die man dadurch hat: Egal, wie schlecht es einem geht, Gott steht immer irgendwie dahinter, auch wenn man dann doch stirbt – danach kommt ja dann das ewige Leben.

In diesem Kontext des Gottvertrauens einigermassen erwartbar ist auch das Beispiel von Isaaks «Schlachtung», oder fast-Schlachtung, durch Abraham, mit der Aussage «Abraham glaubte, da nichts zu hoffen war». Ich fand diese Unterscheidung interessant – für mich hängen die beiden sehr stark miteinander zusammen, aber Philipp scheint bewusst zu unterscheiden. Ausserdem habe ich mich, vermutlich das erste Mal, gefragt, ob es Kindern guttut, dieses Beispiel in einer Predigt zu hören. Je nachdem ist es fast, als würde den eigenen Eltern gesagt werden, «wenn ihr eure Kinder umbringen sollt, weil Gott es sagt, macht das; es kommt schon gut». Ich glaube, mich hätte das als Kind irgendwie belastet. 

Neben dem bewährten Gottvertrauen («er hat uns schon alle bewahrt», mit allgemeiner Zustimmung) thematisierte Philipp dann kurz Hiob – «die anderen sehen, wie wir uns in schwierigen Zeiten verhalten». Ich vermute, er hatte da schon zu lange geredet, denn er führte mit einem «da können wir jetzt nicht auf alles eingehen» über zu einem Tipp für ebendiese schwierigen Zeiten: Es gäbe immer Grund zu loben und danken, beispielsweise dafür, «dass alles gut lief mit der Evangelisation», dass wir «noch Glaubensfreiheit in der Schweiz» hätten. Die EBG erwartet, wie viele andere Freikirchen, dass diese Glaubensfreiheit in der Endzeit – in welcher wir uns übrigens befinden, ich glaube, da sind sich alle Freikirchen einig – nach und nach abnehmen wird, und in den Jahren kurz vor dem Jüngsten Gericht bzw. Jesu’ Zweiten Kommen besonders inexistent sein wird.

Ein ungesetzlicher Vorschlag

Zudem schlug er vor, dass die Gläubigen doch die «Verheissungen» Gottes aufschreiben sollen, damit sie es dann in eigenhändiger Schrift lesen können. Zum Beispiel, indem sie es auf Zettel schreiben und diese dann herausholen, wenn die schlechten Zeiten da sind. Er schloss diesen Teil ab mit «Ich möchte euch nicht ein Gesetz vorschreiben, aber mach’s doch einfach mal für dich persönlich». Die EBG wird in der Freikirchenszene von denen, die sie kennen, nicht ungern als «gesetzlich» bezeichnet. Dies hat nichts zu tun mit dem geltenden (z.B. Schweizer) Recht, und alles zu tun mit der Auslegung der Bibel, und deren Einfluss auf das Alltagsleben. In der EBG fühlte es sich häufig so an, als müsse man gewisse Dinge tun oder eben lassen, weil es nicht sehr biblisch war – sozusagen mehr Regeln als die Bibel vorschreibt, wie die Tatsache, dass ich mit dem Schlagzeug spielen aufhören «musste», weil es sich um ein «teuflisches Instrument» handle, oder Frauen keinen Schmuck tragen (Ausnahme: Ehering). Dies hatte ich in meinem Artikel zur Gemeinde für Christus letztes Jahr (Artikel zur GfC) etwas mehr thematisiert. Als Philipp also diesen Gesetzeskommentar machte, fragte ich mich, ob die Kritik an der Gesetzlichkeit hier angekommen war.

Zum Zeitdruck und den Zeugnissen

Der erwartete Zeitdruck, dass man sich möglichst demnächst bekehren sollte, kam hier fast unbemerkt gegen Ende, mit einem beiläufigen «schauen wir auf Gott, solange wir noch da sind». Anschliessend wechselte es mit einem «Das Wort ist frei, Brüder» zum Zeugnis. Dass nur Männer Zeugnisse ableg(t)en, war natürlich zu erwarten. 

Wenn Gott zermalmt

Einer erzählte, dass er für den ersten Evangelisationsabend um ein einleitendes Gebet gebeten wurde, und sich erst noch aufregte, wie wenig Menschen anwesend waren – er habe gedacht «was ist das für ein Zeugnis nach aussen mit so wenig Menschen?». Fairerweise darf man sagen, und den Gedanken hatte er selbst auch, dass am betroffenen Tag unerwartet viel Schnee gefallen war und das wohl auch einen Einfluss darauf hatte, dass viele Menschen nicht auftauchten. Er habe sich gefragt: «Was haben wir zu bieten?» seine Antwort, kurz zusammengefasst: Gott. Denn: Im Gebet, das er so begann, «wie man ein Gebet so anfängt», sei er in die Gegenwart Gottes gekommen und habe gemerkt, dass es nur auf ihn ankommt. An und für sich auch ein schönes Erlebnis. Er führte weiter aus, dass Gottes Gnade ewiglich währe, gegen jene, die es annähmen. Die anderen seien Gottes Feinde, mit welchen er «grob» umgehe. Ein Fels für Gläubige sei eine Zuflucht, die anderen werden vom Felsen zermalmt. In solchen Fällen frage ich mich immer, ob sie mich (mit)meinen. Nach dieser halben Drohung endete er sein Zeugnis mit «Werden wir es [gemeint: die Gnade] annehmen?», und ein neues Lied folgte. Ausserdem, denke ich, darf gesagt werden, dass es sich bei diesem «Bruder» auch um einen Prediger handelt, der einfach dieses Mal nicht gepredigt hatte. Oder zumindest nicht dafür eingeteilt war.

Gnade für verhärtete Herzen?

Was diese Gnade angeht, so nahm er den Pharao (von Moses, s. 2. Mose 7) als Beispiel. Dieser hätte Zeit gehabt, um Gottes Gnade anzunehmen, und es doch nicht getan. Dieses Beispiel ist natürlich nicht optimal, denn in genau dem Kapitel steht, dass Gott gesagt habe «Aber ich will das Herz des Pharao verhärten und viele Zeichen und Wunder tun in Ägyptenland» (2. Mose 7, 3, Lutherbibel 2017). Wenn Gott sagt, er lasse nicht zu, dass der Pharao ein «geöffnetes» oder meinetwegen «weiches» Herz habe, glaube ich nicht, dass wir ebendem Pharao das vorwerfen könnten – Gott hat es ja verhindert, laut Bibel. (Dies ist übrigens ein Kritikpunkt, der ab und an auch in den Kreisen der ehemaligen Freikirchler:innen thematisiert wird.) 

Von Hunden und der Mittagspause

Ein Zeugnis betraf ein Erlebnis in Papua Neu Guinea. Er erzählte, wie ein Einheimischer sich hinter ihm vor Hunden versteckt habe, und fragte, warum jener dies wohl gemacht habe. Ich dachte «naja, ‘weil er wusste, Gott schützt ihn’ wäre jetzt ein wenig weit hergeholt», und ein Gemeindemitglied kommentierte «vielleicht war’s ihm egal». Sein Punkt war aber, dass die «Weissen» dort den Hunden nichts taten, und die Einheimischen eher noch, sodass die Hunde nicht auf die Weissen losgingen. Das war eher auch ein wenig weit hergeholt, aber auf jeden Fall passierte beiden nichts. 

Die weiteren Zeugnisse waren eher «alltäglichere» Probleme, bei denen Gottes Gegenwart den Männern geholfen hatte, und das darauffolgende Lied war etwas evangelistischer mit dem Text: «Erwählet noch heute, wem ihr dienen wollt». Der Abschluss machte einer, der erzählte, es sei «nicht Mode, das Zeugnis mit sich zu tragen», da es darum ginge, dass man das «schon allein kann». Der Psalm sei genau das, was wir brauchen, und das würden wir «dann» sehen. Und darauf begann die Mittagspause.

Wie ich in dieser herausfand, lag der Grund für die Evangelisation in der sich weiterhin zuspitzenden Endzeit. Ein Gemeindemitglied, welches ich auch seit damals kenne, erwähnte relativ beiläufig, dass wir trotz der weltweiten Ereignisse «keine Angst zu haben brauchen». Ich fragte mich schon, wie sie zu aktuellen politischen Ereignissen standen, aber wenn diese in einer Glaubensgemeinschaft weniger thematisiert werden, finde ich das ehrlich gesagt nicht schlimm. Ansonsten verbrachte ich meine Mittagspause wie üblich, und traf einige Bekannte, die ich – verständlicherweise – schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Theologie im Wandel?

Am Nachmittag ging es mit einem anderen Prediger, Ephraim, weiter. Den hatte ich zuvor nicht gekannt, oder wenn schon, dann nur am Rande. Er sprach darüber, was ihm besonders gefiel an Psalmen, denn «man sieht ins Herz, wir sehen ein Gebet eines Menschen.» Ich horchte auf – hiess das, die EBG begann, die Bibel als eher historisches Dokument zu sehen? Er relativierte seine Erkenntnis dann auch mit einem «es ist Gottes Wort, wohlverstanden!» und erklärte, dass der Psalmschreiber sich «nicht verstellte». Ich sehe seinen Punkt: In Psalmen sieht man die verletzliche Seite von Menschen, dieselbe Verletzlichkeit, welche die Mitglieder auch bei den Zeugnissen gezeigt hatten. Dann fühlt man sich natürlich weniger allein, was auch eine schöne Erfahrung ist. Die man allerdings auch ausserhalb der Freikirchenszene machen kann.

Das Vertilgen der Feinde und die gewaltvolle Sprache

Der Psalm beinhaltet einige Formulierungen, bei welchen ich mich fragte, wie diese thematisiert würden – besonders Vers 13: «Es sollen sich schämen und vertilgt werden, die meine Seele anfeinden; in Schimpf und Schande sollen sich hüllen, die mein Unglück suchen!» (Schlachter 2000). Bei der UK-Abschlusskonferenz letztes Jahr gab es vergleichbare Verse, wobei jene etwas gewaltvoller waren, und die gar nicht thematisiert wurden in der Predigt. Das bemängelte ich bei meinem Artikel zur UK-Konferenz auch. Dieses Mal aber wurde der gesamte Psalm diskutiert, auch diese von den Predigern als «alttestamentlich» bezeichneten Teile. Hier hiess es aber, dass mit «Feinden» nicht Menschen gemeint würden («denn unsere menschlichen Feinde sollen wir lieben», wie der Prediger meinte), sondern die «Gewaltigen», sozusagen die unsichtbaren Mächte «in der Luft», welche Gläubige angreifen würden. Gemeint: Der Teufel und was von ihm «gesteuert» wird. Jene Mächte sollen in Schimpf und Schande landen.  Genau genommen: sich in Schande hüllen. Ephraim nutzte dies und erklärte, dass die «Selbstanklage in der Hölle sehr schlimm» sein würde, und jeder sich immer selbst anklagen würde. Ja, den Selbsthass möchte ich nicht, aber meiner Erfahrung nach kommt er eher noch davon, dass einem erklärt wird, alles an einem selbst sei falsch und sündhaft. Am Vormittag wurden die «Kämpfe» ebenso thematisiert, denn «unser Kampf ist nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit den Gewaltigen in der Luft», ein Glaubenskampf. Ich bin froh, dass sie das aktiv relativieren.

Was sich gehört, und wie man Unfälle vermeidet

Ephraim erzählte weiter, dass eine demütige Haltung sich «gehört für einen Christen», und dass ohne Gottes Hilfe nichts möglich war. Er erzählte, wie er einem Familienmitglied bei etwas geholfen hatte (Bäume fällen, als gelernter Forstwart), und er wusste, dass er das ohne Gott nicht geschafft hätte. Als ihm im Familienchat, in welchem auch ungläubige Verwandte waren, gedankt wurde, «durfte» er, wie er erzählte, auch Zeugnis ablegen (er habe es gern gemacht, aber ohne Gottes Hilfe ginge nichts). 

Er erklärte, dass uns Gott durch das Wort (die Bibel), die Predigt, den Heiligen Geist, und das Gewissen lehre. Ich finde diesen letzten Punkt etwas schwierig, denn: Irgendwoher kommt dieses Gewissen, und wenn ich keinen Freikirchenhintergrund habe, könnte es ja sein, dass ich etwas mache, das hier «falsch» wäre, und ich das gar nicht so empfinde. Wie eben die Situation mit mir und meinem Schlagzeug.

Nach seiner Predigt sang erst der Männerchor («bist du noch am überlegen», wieder ein evangelistisches Lied) und dann wurde wieder um Zeugnisse gebeten, diesmal mit einem «Macht kurz, seid so gut.» Ein Deutscher erzählte, wie er auf der (deutschen) Autobahn einem Unfall knapp entkommen war, natürlich mit der mutmasslichen Begründung, dass Gott ihn bewahrt hatte. Ein nächster Mann erzählte, dass sein Kind auf einer Wanderung durch das Gebet neu Kraft für den Rest der Wanderung erhalten hatte. 

Eine anscheinend doch vergebbare unvergebbare Sünde

Ein weiteres Zeugnis handelte von einem älteren Mann, der «die Sünde gegen den Heiligen Geist» begangen hatte und von einem Prediger seelsorgerisch betreut wurde. Gemäss Bibel: «wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.» (Markus 3, 29, Lutherbibel 2017). Der Mann habe ausgeführt, dass für alle Vergebung sei, ausser für ihn, und der Prediger habe nicht gewusst, was er ihm sagen sollte. Anscheinend habe er es am Ende seines Lebens doch wieder «gesehen». Für mich unerwartet: Dass die EBG predigt, dass er hier doch Vergebung erhalten kann. Finde ich nicht schlimm für ihn, aber bei genau dieser Stelle ist die «irrtumsfreie Bibel» dann doch sehr explizit. Ich komme nicht umher, mich zu fragen, warum genau diese Sünde plötzlich vergeben werden kann, wenn es bei allem anderen doch heisst «die Bibel ist klar». Man könnte die Bibel ja konsequent (statt nur wenn’s passt) relativieren.

Der Punkt des Mannes, der das Zeugnis ablegte: Solche Zweifel hätten wir alle, und Gott mache uns «wieder lebendig», und hole «uns raus». 

Auch biblische Stellen wurden im Zeugnis thematisiert, einerseits Jesu Tod (bei welcher die Elite kommentierte «er hat auf Gott vertraut, der rette ihn», und Jesu blieb, denn «es hat ihm gefallen», «uns zu retten»), und andererseits Daniel, welcher so vorbildlich war, dass das Einzige, was ihm seine (menschlichen) Feinde vorwerfen konnten, sein Glaube war. Wie jene Feinde wollten unsichtbare Mächte auch «uns» fertig machen, und brächten viel Not und Unglück, doch Gott mache lebendig. 

Der feste Baum

Auch hier wurde der Baum, der sich selbst immer mehr verankert, je mehr es stürmt und windet, thematisiert. Das letzte Mal, als ich das gehört hatte, war ich noch in der EBG, und telefonierte mit einem EBG-Mitglied. Ich habe diesen Baum aber in meinem Aussteigerbericht kurz thematisiert. Als Philipp dann denselben Baum aufgriff, kam ich nicht darum, mich angesprochen zu fühlen. Er erklärte, dass Gott Stürme in unser Leben schicke, damit wir fester verankert würden, und dass wir Blickkontakt mit Gott halten sollen. Er endete sein Zeugnis mit dem Wunsch, das Jahr gut abzuschliessen «wenn wir dann noch da sind», und «wenn nicht Herr Jesus vorher kommt». Hier war es also erneut: Der erstaunlicherweise doch subtile Druck, dass man sich bekehren sollte. Meine Begleitung bezeichnete dies später als «Stilbruch». Danach beteten noch zwei Männer («bitte unter 30»), und einer der beiden meinte beim Gebet «geh reinigend durch unsere Reihen». Da er in meiner Reihe sass und das Schweizerdeutsche («oisi Reihe») hier nicht in jedem Dialekt so stark unterscheidet zwischen Singular und Plural, konnte ich mir dieses Mal das Grinsen nicht ganz verkneifen. Aber er meinte sicher nicht (nur) mich (und meine Begleitung). Ansonsten hatte ich aber keine anderen «Auswärtigen» gesehen.

Das liebe Geld

Meine Begleitung hatte, wie er mir erzählte, entschieden, Geld in die Kollekte einzuwerfen, da es schliesslich (für uns in dem Sinne kostenloses) Mittagessen gäbe. Als er dann beim Zvieri (auch kostenlos!) bei einem Gemeindemitglied nachfragte, wo man das Geld denn einwerfen könne, meinte dieser «ah, das musst du nicht, das ist alles bezahlt.» Wir bedankten uns also recht herzlich und ich musste innerlich grinsen – «alles bezahlt», eine Formulierung, die für mich sehr stark an Jesu’ Opfertod erinnert, und ich vermute, dass auch dieses Gemeindemitglied daran dachte. Nachdem ich aber verschiedene Freikirchen besucht habe, muss ich betreffend Geld eins sagen: In der EBG wird und wurde nie nach Geld gefragt. Menschen geben häufig ihren Zehnten, das wurde aber in keiner Versammlung, in welcher ich war, thematisiert, sondern nur im Gespräch mit einer Bekannten, auf Nachfrage meinerseits, wobei sie sehr zurückhaltend war und mir das erzählte, als wäre es ein Geheimnis. Für mich ist es wichtig, dass Geld in der Kirche nicht im Zentrum steht, und die EBG macht das meiner Meinung nach gut. Vielleicht habe ich das auch teils wegen meiner Zeit dort verinnerlicht.

Die Frauen und die Männer: Ein Männerbild

Nicht weiter überraschend war, dass die Predigten sowie die Zeugnisse alle von Männern gemacht wurden, während die Frauen eher im Hintergrund waren – bei ihren Kindern, oder im Küchenteam – sowie die meisten Gebete von Männern gebetet wurden. Bei den Gebeten ist es tatsächlich weniger eng, und einmal fragte der Moderator nach «zwei Geschwistern», die beten sollten, woraufhin eine Frau betete. In allen anderen Fällen, in welchen der Moderator nach Gebeten fragte, formulierte er es als «zwei Brüder». Am Schluss sogar noch «zwei Brüder unter 30 Jahren», da diese sich eher zurückgehalten hatten bisher (vermutlich nicht zuletzt aus Schüchternheit). 

Meiner Begleitung fiel aber, neben der klaren Rollentrennung, noch etwas ganz anderes auf – das mir, ehrlich gesagt, nicht aufgefallen ist und vermutlich auch nicht aufgefallen wäre – nämlich: die «gesunde Männlichkeit», die in der EBG gelebt wird. Sowohl bei den Zeugnissen als auch im privaten Gespräch zeigten sich Männer, allesamt Familienväter, sehr verletzlich und teilten durchaus intime Details aus ihrem Leben – sozusagen durch ihren Glauben an Gott oder der Vorstellung, «vor Gott» zu stehen, fähig, sich der Gemeinde zu öffnen. Mir wäre das nie aufgefallen, aber ich muss zustimmen: Es ist ein gesundes Bild, zumindest, solange es für die einzelne Person passt. Dass dieses Männerbild, das eines «traditionellen» aber dennoch verletzlichen Familienvaters, in vielen Freikirchen herrscht, ist mir vorher auch nie aufgefallen – vielleicht, weil wir in der EBG nie sehr geschlechterdurchmischt waren, und ich eigentlich erst jetzt «die männliche Perspektive» in dieser Szene besser zu verstehen beginne.

Ein Fazit

Im Verlauf der Predigt hatte ich immer wieder den Eindruck, dass mein Artikel zur UK-Konferenz (Artikel zur UK-Konferenz) letzten Jahres gelesen und verstanden wurde. Nicht zuletzt, weil Philipp plötzlich viel mehr über Gnade und Hoffnung sprach, statt, wie ich es eher noch im Kopf hatte, Sünde und Strafe (wie auch letztes Jahr thematisiert und formuliert). In Gesprächen stellte sich heraus, dass meine Arbeit bei Relinfo bekannt war: Sie haben sich informiert, was man denn über die EBG alles im Internet finden könne, und aktuell ist es natürlich so, dass das Allermeiste irgendwie von mir und somit Relinfo kommt. Mich kennen sie ja. Nach ihrer Meinung zu meinen bisherigen Berichten habe ich mich dann aber doch nicht erkundigt.

Theologisch besonders verändert haben sie sich, wie zu erwarten, nicht: charismatische Musik ist immer noch teuflisch, auch wenn es um Gott zu gehen scheint, Ehe soll zwischen Mann und Frau stattfinden, und übrigens gibt es nur zwei Geschlechter, wie sie in ihren neueren Ausgaben des «Lebenswortes», welches alle zwei Monate publiziert wird, diskutieren. Wenn sich das ändern würde, wäre ich ehrlicherweise auch (positiv) überrascht.

In dem Sinne: Schön, dass sie mich nicht rausgekickt haben. Sie meinten sogar, ich sei weiterhin willkommen, und liessen mich, wie früher, alle grüssen.

Angela Heldstab, 30.12.2024
Lexikoneintrag EBG

Umfassendes Freikirchenglossar:

Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus

Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.

Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.

Evangelisation: eine (Reihe von) Veranstaltung(en), die dazu dient, Personen zu Gott bzw. zum christlichen Glauben zu führen

Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc. Die EBG spricht sich entschieden dagegen aus und erklärt, dass Geistesgaben heute nicht mehr vergeben werden.

Geschwister: in vielen Freikirchen gängige Beschreibung von «Glaubensgeschwistern», d.h. Personen, die mindestens ähnlich an den christlichen Gott glauben; ähnlich bei «Bruder» und «Schwester»

Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»

Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung

Versammlung: in der EBG verwendete Beschreibung eines Gottesdienstes, mit der dahinterliegenden Begründung: Gott dient man jeden Tag

Wiedergeburt: Wenn der Heilige Geist im Menschen «ankommt»

Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half

2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, in der EBG ist es entschieden nicht gleichzeitig, wie in vielen anderen Gemeinden. Jesus komme dann als «Richter».

«Die Influencer:innen der Letzten Tage» zwischen Tradition und Moderne

Ein neuer Aushandlungsort von Religion

In den letzten Jahren hat sich das religiöse Feld stark verändert. Immer mehr Menschen, die sich als religiös bezeichnen, nutzen Plattformen wie Instagram, TikTok, YouTube und Facebook, um ihre Weltanschauung zu verbreiten. Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Religion im 21. Jahrhundert neu verhandelt wird. Ein bemerkenswerter Trend ist die Zunahme sogenannter religiöser Influencer:innen, die sich selbst als «Christfluencer:innen», «Glaubensinfluencer:innen» oder «Sinnfluencer:innen» bezeichnen. Diese Influencer:innen nutzen soziale Medien nicht nur, um ihre Botschaften zu verbreiten, sondern auch, um insbesondere eine jüngere Generation anzusprechen. Besonders auffällig ist die wachsende Zahl mormonischer Influencer:innen, die sich häufig auf Familienthemen konzentrieren. Tatsächlich ist ein Grossteil der sogenannten Family-Influencer:innen mormonischen Glaubens. Diese Influencer:innen erzählen dabei von ihren eigenen Erfahrungen und religiösen Werte, die ihre Erziehung und Lebensweise prägen.

Wer sind die Mormonen?

Der Mormonismus ist eine religiöse Bewegung, die als Neuoffenbarungsbewegung gilt und weltweit etwa 70 verschiedene Gruppierungen mit mehreren Millionen Anhänger:innen umfasst. Als «Mormonen» werden alle Gemeinschaften bezeichnet, die das Buch Mormon als heilige oder zumindest wichtige Schrift anerkennen. Die grösste mormonische Kirche, die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» (LSD), hat ihren Sitz in Salt Lake City, Utah. Seit 2018 möchte die LDS-Kirche und die «Gemeinschaft Christi» nicht mehr als «Mormonen», sondern als «Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» bezeichnet werden. Dennoch konnte sich diese Namensänderung in der breiten Öffentlichkeit noch nicht durchsetzen, was angesichts der Länge des Namens nicht erstaunt. Insbesondere auf Social Media wird der Begriff auch von mormonischen Personen weiterhin genutzt (und wird auch hier so verwendet) und hat dadurch auch neuen Auftrieb erhalten.

Gründungsmythos

Der Mormonismus geht auf Joseph Smiths zurück, der 1805 in Sharon, Vermont, geboren wurde. Er wuchs in einer religiösen Familie auf und soll sich bereits in jungen Jahren für unterschiedliche Religionen interessiert haben. Im Jahr 1820 soll er eine Vision gehabt haben, in der ihm Gott und Jesus Christus erschienen und drei Jahre später eine weitere, in der ihm der Engel namens Moroni erschien. Der Engel erzählte Smith von vergrabenen Goldplatten, auf denen die Geschichte eines alten Volkes aufgeschrieben sei. Smith grub die Platten aus und begann die Inschriften mithilfe von speziellen Geräten, die zunächst als «Peepstones», später als «Urim» und «Thummim» bekannt wurden (Begriffe, die auf alttestamentliche Wurzeln zurückgehen) zu übersetzen. Aus dieser Übersetzung ergab sich das Buch Mormon, das im Jahre 1830 veröffentlicht wurde. Darin ist die Geschichte zweier Völker niedergeschrieben sowie Prophezeiungen über die Wiederkunft von Jesus in den USA. Smith gründete 1830 gründete in Fayette, New York, offiziell die Kirche Jesu Christi, aus der die Gemeinschaft Christi hervorging, die heute rund 250.000 Mitglieder zählt. Smith wurde zum Propheten und Führer der Kirche ernannt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der mormonischen Lehre sind die 133 Offenbarungen, die Smith in seinem Werk «Lehre und Bündnisse» zusammengefasst hat. Dieses Dokument enthält Anweisungen zur Organisation der Kirche, zur Lebensführung (einschliesslich der Praxis der Polygamie), zu Heilslehren, zur Taufe Verstorbener und zu vielen anderen Themen. Der Gründungsmythos ist jedoch nicht unumstritten. Historiker:innen und Kritiker:innen stellen die Existenz der Goldplatten, die Umstände ihrer Entdeckung sowie andere Aspekte rund um Smiths Leben in Frage. Trotz der Kritik spielt der Gründungsmythos noch immer eine zentrale Rolle bei den mormonischen Gemeinschaften.

Mormonen auf Social Media

Mormon:innen sind auf Social Media omnipräsent. Dabei fällt ein Thema ins Auge: das Spannungsverhältnis zwischen modernen Lebensstilen und traditionellen Werten. In Utah, dem Zentrum der mormonischen Gemeinschaft, sind viele Frauen auf Social media aktiv und nutzen diverse Plattformen, um ihren Glauben zu verbreiten und ihr Einkommen zu verbessern. In der mormonischen Kultur ist es üblich, dass die Mitglieder sehr früh heiraten, oft schon mit 16 oder 18 Jahren. Mit der Ehe werden die Frauen zu Ehefrauen, Mütter und Hausfrauen und sind damit mit den familiären Pflichten betraut. Für viele dieser Frauen ermöglichen die sozialen Medien ein zusätzliches Einkommen zu demjenigen ihres Ehemannes, ohne ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter zu gefährden, da sie noch immer zu Hause arbeiten. Bereits in den 2000er Jahren gab es sogenannte «Mommy Blogger», die ihre häuslichen Fähigkeiten wie Backen, Kochen und Haushaltsführung online teilten. Auch heute werden diese Fähigkeiten über die sozialen Medien verbreitet und damit aufgezeigt, dass deren Beherrschung mit Erfolg und Zufriedenheit verbunden werden. Daher erstaunt es nicht, dass das Netz gefüllt ist mit Videos von perfekten, jungen, glücklichen und wohlhabenden mormonischen Familien. Die Kehrseite dieser scheinbar perfekten Ansichtskarten-Familien ist, dass fundamentalistische Familienvorstellungen, die Abtreibung ablehnen, die Ehe zwischen Mann und Frau betonen und die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau idealisieren, romantisiert dargestellt werden.

Mormon:innen sind insbesondere auf TikTok aktiv, um ihre Erfahrungen und ihren Glauben zu teilen. Unter dem Begriff «Mormon Tok» erstellen und verbreiten Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Inhalte, die sich auf ihren Glauben und mormonischen Alltag konzentrieren. Neben dem von der Kirche selbst erstellten Kanal gibt es auch die TikTok-Community #MomTok, die von Taylor Frankie Paul gegründet wurde. Paul nutzt diese Gruppe, um als moderne Frau über die Herausforderungen als Mutter und Frau in der mormonischen Gemeinschaft zu sprechen. Ihr Kanal wurde innerhalb kurzer Zeit bekannt und wurde durch Pauls Rolle in der Serie «Secret Life of Mormon wife» noch befeuert. In den TikTok-Videos trifft sich Paul mit Freundinnen (ebenfalls Mormoninnen) aus Utah und postet gemeinsam mit ihnen Tanzvideos. Es sind alle junge Mütter und Ehefrauen, die auf ihren individuellen Kanälen ebenfalls sehr viele Follower:innen haben und gemeinsam in der Serie «Secret Life of Mormon wife» auftreten.

Die Familie im Zentrum

Ein zentrales Element des mormonischen Glaubens ist die Betonung von Familie und Ehe. Influencer:innen in dieser Gemeinschaft geben häufig Einblicke in ihr Familienleben. Sie erklären ihre Erziehungsstile und posten gemeinsame Familienaktivitäten. Es fällt auf, dass die Darstellung von Familie und Mutterschaft auf diesen Plattformen häufig von stereotypen Rollenbildern geprägt ist, die einen grossen Druck auf die Mitglieder ausübt. Frauen werden häufig als Mütter, Ehe- und Hausfrauen dargestellt, während Männer Väter, Versorger und Entscheidungsträger in der Familie sind. Wohlgemerkt handelt es sich in diesem Familienverständnis um Frau, Mann und Kinder. LGBTQ+-Themen werden abgelehnt. Ein Beispiel einer solchen Influencerin ist Hannah Neeleman (auch bekannt als Ballerinafarm). Sie ist Mutter von acht Kindern und betreibt mit ihrem Mann eine erfolgreiche Farm. Sie postet auf ihrem Kanal «Ballerinafarm» Videos, wie sie zu Hause selbst Nahrungsmittel herstellt, im Stall mitarbeitet, Yoga macht und gleichzeitig ihre acht Kinder in Schach hält. Daneben findet man auch einige Posts von ihr als Schönheitskönigin, da sie regelmässig an Schönheitswettbewerben teilnimmt (und natürlich gewinnt). In anderen Videos tanzt sie bei Sonnenuntergang als Ballerina über den Acker ihrer Farm auf ihren Mann zu (ihr grosser Traum war es Ballerina zu werden). Auch Nara Smith ist eine aufstrebende Influencerin, die durch ihre Inhalte über das Leben als mormonische Frau und Mutter mittlerweile eine grosse Fangemeinde gewonnen hat. Sowohl Neeleman als auch Smith werden als Tradwifes gesehen, da sie beide die traditionelle Häuslichkeit und Weiblichkeit idealisieren.

«Trad Wifes»

Unter Tradwives versteht man eine Bewegung, die in letzter Zeit analog zu den Mormon:innen beliebt wurden. Dabei handelt es sich um eine Abkürzung von «Traditional Wives», die gläubige Frauen beschreibt, welche als Hausfrau, Mutter und Ehefrau leben und dies aus Social Media teilen. Tradwives stehen für eine klare Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau und damit verbundene Rollenzuteilungen ein. Solche Frauen posten Videos, in denen sie erklären, wie man eine gute Ehefrau sein kann und sich für den richtigen Partner entscheidet (da man später ja finanziell von ihm abhängig ist). Tradwives haben auch ein sehr spezifisches Verständnis davon, wie man sich als Frau kleidet und das Haus einrichtet. Die Ästhetik orientiert sich dabei an den 50er und 60er Jahren, wo die Frauen mit Dauerwelle und Kleider in der Küche standen. Die Bewegung wird – wie die meisten fundamentalistisch ausgerichteten Bewegungen allgemein – als Reaktion auf die moderne Gesellschaft gesehen, die für die Gleichstellung der Geschlechter und die Emanzipation der Frauen einsteht. Solche moderne Gegebenheiten werden in diesem Verständnis als Krise wahrgenommen, die nur durch die Rückbesinnung auf traditionelle Werte überwunden werden kann. Neben der offensichtlichen Rückwärtswendung der Frauenrechte steht diese Bewegung, wie auch die mormonischen Influencer:innen wie Ballerinafarm in der Kritik, dass sie ein idealisiertes Bild entwerfen, dem die meisten gar nicht gerecht werden können.

Glaube und Lifestyle

Neben der Familie sprechen die mormonischen Influencer:innen auch über ihren Glauben, teilen Zitate und verknüpfen dies meist auch mit Lifestyle-Inhalten. Sie teilen Rezepte, DIY-Projekte, Mode- und Fitnesstipps. Damit sprechen sie ein breites Publikum an, dass vielleicht nicht primär am Glauben, sondern an familienorientierten Lebensstilen interessiert ist. Beispiele solcher Influencer:innen, die Glaube mit Lifestyle verbinden sind Brooklyn und Bailey McKnight, mormonischen Zwillingsschwestern, die auf Instagram und über 9 Millionen Follower:innen zählen. Sie gründeten ihren Kanal 2013 als Teenager und nutzen ihre Plattform seitdem für Themen wie Mode, Beauty und Familie. «The Bucket List Family» ist ein Beispiel einer Familie, die um die Welt reist und ihre Abenteuer und ihren Glauben auf Social Media teilt und sich ebenfalls über eine hohe Followerzahl erfreut. Megan Smith ist eine bekannte Lifestyle-Bloggerin, die diverse Tipps für die Erziehung, fürs Kochen und den Haushalt gibt und gleichzeitig über ihren Glauben spricht.

Secret Life of Mormon Wives

Im Herbst 2024 ist auf Hulu die Serie «Secret Life of Mormon Wives» erschienen, die sofort hohe Wellen geschlagen und einige Fragen aufgeworfen hat. Die oben beschriebenen acht Frauen aus Utah, die über MomTok bekannt wurden, treffen in dieser Reality-TV-Serie aufeinander und teilen ihr Leben mit der Aussenwelt. Die Frauen sind Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die jungen Frauen, alle mit glänzenden Haaren, perfekt geschminkten Gesichtern und modischer Kleidung, führen immer wieder Diskussionen darüber, ob die konservative Ausrichtung des Mormonentums (in der Keuschheit eine Tugend und Homosexualität eine Sünde und der Vater die Autorität der Familie ist) noch zeitgemäss ist und ob man diese Tradition verändern könnte. In der Serie geht es auch immer um den TikTok-Kanal MomTok, der mit einzelnen Clips viral ging und zur Serie geführt hat. Am Ende jeder Folge stellen sich die Frauen nach den jeweiligen Dramen «Will MomTok survive this?»

Frauen im Kreuzfeuer von Tradition und Moderne

Die Serie soll einen authentischen Einblick in das Leben mormonischer Frauen geben, wird aber von der mormonischen Gemeinschaft kritisch betrachtet, die anmerkt, dass das vermittelte Bild nicht der Realität der mormonischen Frauen in der Kirche entspreche. Trotz der vermeintlich liberalen Lebensweise der mormonischen Influencier:innen aus Utah, lassen sich einige sehr traditionelle, mormonische Aspekte ausmachen. Mormon:innen befolgen strenge Verhaltensregeln, die den Konsum von Koffein, Alkohol, schwarzem Tee, Drogen, Glücksspiel, Pornografie und vorehelichen sexuellen Beziehungen verbieten. Diese Verbote – und die Nichteinhaltung derselben – werden in der Serie immer wieder thematisiert. Ein weiterer Aspekt bildet die spezielle weisse Unterwäsche, die bei den Mormon:innen «Garments» genannt werden. Diese Unterwäsche muss getragen werden, da sie als heilig angesehen wird und an die religiösen Pflichten erinnern soll. Diese vielen Regeln sollen gemäss dem mormonischen Verständnis den Mitgliedern zu einem reinen und gesunden Leben verhelfen. Daher sollte man alles vermeiden, was abhängig machen könnte und damit der Seele schädigt. Während dies in gewissem Masse als gesunder Menschenverstand beschrieben werden kann, so hat ein Verbot einen bitteren Beigeschmack und wird auf nachvollziehbarer Weise kritisiert. Problematisch sind solche Vorgaben besonders, da Mormon:innen glauben, dass sie durch ihre Treue zur Kirche und ihre guten Taten zu Gott werden oder eine höhere Position im Jenseits einnehmen können. Damit sind diese Vorgaben und Verbote mit dem eigenen Seelenheil verbunden und eine Nichteinhaltung hat schwerwiegende Folgen. Bei denjenigen, die den Richtlinien folgen, kommt ausserdem ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber Nichtmitgliedern oder Mitgliedern zum Zuge, die sich nicht an die Regeln halten. Auch in der Serie wird das thematisiert. Die Frauen diskutieren immer wieder darüber, wer von ihnen Gott nähersteht.

Die Crux mit der Sexualität

Taylor Frankie Paul, eine der Protagonistinnen der Serie, sorgte 2022 für Schlagzeilen, als sie enthüllte, dass sie und ihr Freundeskreis «Soft Swinging» praktizieren – eine Aussage, die von anderen Mitglieder der Gemeinschaft bestritten wird. Verschiedene Influencer:innen, die nicht Teil der Serie sind, behaupten heute jedoch, dass es in Utah eine Swinger-Community gibt und erklären sich das damit, weil viele junge Mormon:innen zu früh heiraten und daher bestimmte Erfahrungen nachholen müssen. Eine Schlussfolgerung, die zum Stirnrunzeln einlädt. Taylor Frankie, eine der Influencer:innen der Serie erklärt, dass sie von ihrer Mutter und der Kirche unter Druck gesetzt wurde, gleich nach der High School zu heiraten, da sie bereits sexuell aktiv war. Dass eine der Protagonistinnen Sex-Spielzeuge bewirbt und vertreibt täuscht dabei nicht über die Tatsache hinweg, dass eine fehlende Sexualerziehung typisch ist für die mormonische (und andere konservativere) Gemeinschaf ist. Kindliches Kirchen oder Kreischen von Seiten der Frauen in der Serie zu diesen Themen zeigt dies schön auf. Einige sehen im Skandal um das Soft-Swinging einen Zusammenhang mit der Polygamie, die von Jospeh Smith propagiert und gelebt wurde. Die Praxis der Polygamie war in der frühen Geschichte des Mormonismus weit verbreitet, wurde aber 1890 von der LDS-Kirche aber offiziell verboten. Es gibt jedoch fundamentalistische Gruppen, die weiterhin Polygamie praktizieren und sich von der Hauptgemeinde abgespalten haben. Diese Gruppen glauben, dass die Mehr-Ehe eine göttliche Ordnung und ein Weg zur eigenen Erlösung ist. Dennoch darf an dieser Stelle kritisch angemerkt werden, dass diese Thematik wohl eher weniger mit der aktuellen Serie zu tun hat.

Feminismus auf dem Prüfstand

In «Secret Life of Mormon Wives» wird das Image der «unmormonischen» Influencer:innen immer wieder in Frage gestellt. Die Frauen der Show werden in «saints» und «sinners» (welche die Regeln der Kirche missachten) eingeteilt. Die Frauen trinken Alkohol, kleiden sich freizügig, sprechen offen über ihre vorgenommenen Schönheitsoperationen und feiern gemeinsam eine Botox-Party. Sie präsentieren sich als treusorgende Mütter und Ehefrauen, die gleichzeitig sexy und selbstbewusst sind und sich zu ihrer mormonischen Identität bekennen. Diese Darstellung vermittelt den Eindruck von Frauen, die souverän über ihren eigenen Körper verfügen und durch ihre hohen Einnahmen über Social media in einer patriarchalen Gesellschaft selbstbestimmt agieren. Dies kann durchaus als feministischer Akt interpretiert werden. In der Serie fällt dazu immer das Wort «empowering», was meist an ihrem «skandalösen» Leben festgemacht wird, das eben nicht den mormonischen Vorgaben entspricht. Dennoch kann Feminismus in diesem Zusammenhang als fehlerhaft beschrieben werden. Nicht, weil Frauen, die sich freizügig kleiden und Schönheitsoperationen auf sich nehmen, direkt eine feministische Haltung abgesprochen wird, sondern weil sie ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmtheit nur innerhalb der Grenzen ausleben, die die Gruppe toleriert. Die männlichen Partner der «MomTokers» stehen beispielsweise der selbstbestimmten Rolle der Frauen oft im Weg. Viele der Frauen verdienen durch die Serie und ihre TikTok-Aktivitäten einiges an Geld und sind damit teilweise die Hauptverdienerinnen in ihren Familien. Erfolg – sowohl materielle als auch beruflicher und familiärer – ist bei den Mormonen zentral. Es zeigt, dass man ein gutes, richtiges Leben führt und mit den mindestens drei Kindern die Familie stärkt. Dennoch ist der finanzielle Erfolg in der mormonischen Gemeinschaft auf die Männer beschränkt. In der Serie ergeben sich daher auch oft Diskussionen zwischen den Geschlechtern. In einer Episode wird ein Paar gezeigt, bei dem die Frau die Hauptverdienerin ist, während der Partner eine medizinische Ausbildung absolviert. Es wird immer wieder gezeigt, wie er eifersüchtig ist, während sie versucht, ihre Unabhängigkeit und Karriere mit seinen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Ein Mann droht seiner Frau mit der Scheidung, als sie ihm mitteilt, dass sie mit Freundinnen in Vegas eine Chippendales-Show besuchen möchte, während er im Casino spielen geht was im Mormonentum ebenfalls verboten ist (Doppelmoral vom Feinsten). Schliesslich entscheidet sie sich dafür, MomTok aufzugeben und damit ihre Beziehung zu retten, respektive ihren Mann zu beruhigen. Dieses Beispiel zeigt auf, dass in der scheinbar liberalen Welt der Influencer:innen die patriarchalen Strukturen noch immer überwiegen und die Frauen unter Druck setzten. Die Drohung der Scheidung ist deshalb so gefürchtet, da verheiratete Paare oft als besser angesehen werden, als Alleinstehende. Die Ehe gilt als heilig und wird als ewiger Bund verstanden, der auch im Jenseits fortbesteht. Gemäss mormonischer Vorstellung können verheiratete Mitglieder selbst Gott zu werden, während Unverheiratete als dienende Engel in der Ewigkeit fort existieren. Diese Sichtweise kann zur Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen führen, da die Kirche traditionelle Geschlechterrollen betont (bis 1978 war es zudem schwarzen Mitgliedern nicht möglich, das Priesteramt zu erlangen, was zeigt, dass auch Rassendiskriminierung in der Vergangenheit ein Problem war).

Ein Ausstieg ist schwierig

Auffallend ist, dass die Frauen der Serie die Kirche nicht verlassen haben. Sie nennen sich alle Mormoninnen, unabhängig davon, wie eng sie die Lehre der Kirche befolgen (wir denken an die Dichotomie von Saints und Sinners zurück). Eine der Frauen erklärt in der ersten Folge, dass viele der Mütter die mormonische Basis von Liebe, Familie und Dienst schätzen, es aber nicht schaffen, eine moderne Frau zu sein gleichzeitig und alle Regeln zu befolgen. Dennoch bleiben sie Mitglieder der Kirche, deren Vorgaben sie nicht zwingend akzeptieren. Das liegt darin begründet, dass die meisten in mormonischen Familien aufgewachsen sind und daher befürchten diese familiären Beziehungen zu verlieren, wenn sie austreten. In der mormonischen Gemeinschaft herrscht die Vorstellung vor, dass ein Familienmitglied, welches die Kirche verlässt, im Jenseits nicht wieder mit der Familie vereint sein kann.

Die Reaktion der Kirche Jesu Christi HLT auf die Serie

Schon vor dem Erscheinen der Serie zeigte sich die Kirche Jesu Christi HLT alles andere als begeistert über das anstehende Projekt. Im Oktober 2024 veröffentlichten sie den Kommentar «When Entertainment Media Disorts Faith». Auch wenn die Serie darin nicht namentlich erwähnt wurde, war die Rede von einer Reihe neuer Produktionen, die «depict lifestyles and practices blatantly inconsistent with the teachings of the church.» (Lebensstile und Praktiken offensichtlich im Widerspruch zu den Lehren der Kirche darstellen). Solche kirchlichen Statements scheinen eher selten zu sein und fallen daher umso mehr auf.

Die Attraktivität der religiösen Influencer:innen

Die mormonischen Influencer:innen ist in letzter Zeit immer beliebter geworden. Laut Prof. Dr. Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie am Institut für Praktische Theologie der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, bieten religiöse Influencer:innen in Zeiten von Unsicherheit und Kontrollverlust ein Gefühl von Sicherheit, was insbesondere für jüngere Generationen attraktiv wirkt. Umso günstiger, dass die Inhalte auf Social Media Menschen zwischen 20 und 40 Jahren ansprechen. Sie werden mit einem Weltbild konfrontiert, dass klare Regeln und damit Stabilität bietet. Dass es sich dabei um fundamentalistische Grundwerte handelt, scheint dabei in den Hintergrund zu treten. Die Attraktivität der vorgeschlagenen Weltbilder geht mit der Ästhetik einher, die solche Inhalte aufweisen. Insbesondere die Verbindung von Themen wie Familie, Glück und Glaube mit Lifestyle-Themen wirkt auf jüngere Generationen ansprechend, da sie sich dabei an aktuellen Trends orientieren.

Wachsende kritische Szene

Neben den mormonischen Influencer:innen, die als Super-Frauen auftreten, wächst auch die kritische Szene, welche diese Stars und die Mormonengemeinschaft kritisch hinterfragt. Ehemalige Mitglieder nutzen sozialen Medien, um ihre Geschichten zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. Ein Hauptthema dieser Diskussionen stellen die Geschlechterrollen und patriarchalen Strukturen dar, die in der mormonischen Gemeinschaft vorherrschen und selbst bei solch liberalen Mormon:innen wie diejenigen von MomTok noch zentral sind. Ehemalige Mitglieder erzählen davon, dass sie in ihrem Leben eingeschränkt und bevormundet waren und fordern die Mormonen dazu auf, die Traditionen neu zu denken (insbesondere die Rolle der Frau). Auch der Umgang mit LGBTQ+-Themen wird kritisiert. Ehemalige Mitglieder, die sich als queer identifizieren, berichten von der Diskriminierung und dem sozialen Druck, den sie erlebt haben. Es ist bekannt, dass Mormonen zwar Homosexualität als solche nicht mehr verbieten, diejenigen, die nicht heterosexuell sind jedoch keusch leben müssen.

Ehemalige Mormonin klärt auf

Eine prominente Vertreterin dieser kritischen Stimme ist Alyssa Grenfell. Mit Tattoos und Piercings tritt sie selbstbewusst vor die Kamera und gibt einen ungeschminkten Einblick in ihre Erfahrungen als ehemalige Mormonin. Alyssa verliess die Kirche im Alter von 24 oder 25 Jahren und nutzt ihre Social-Media-Kanäle, um über die Mormonen aufzuklären. Ihre Beiträge sind deshalb wertvoll, da sie als langjähriges Mitglied detaillierte Beschreibungen liefern kann. Auf ihrem YouTube-Kanal «Alyssa Grenfell: I Gave Up Eternal Life for Coffee» und in ihrem Buch «How to Leave the Mormon Church: An Exmormon’s Guide to Rebuilding After Religion» diskutiert sie die konservativen Bräuche und Regeln, die ihr in mormonischen Erziehung vermittelt wurden und gibt Tipps, wie man den Ausstieg schafft. Mit zahlreichen Clips aus den Videos der mormonischen Influencer:innen zeigt sie auf, dass das liberale Bild, das solche Influencer:innen vermitteln wollen, meist nicht der Wahrheit entspricht.Ein Thema, das Alyssa Grenfell und andere kritische Stimmen aufgreifen, sind die sogenannten «Garments», die vorgeschriebene weisse Unterwäsche, die grundsätzlich immer getragen werden müssen (ausser beim Duschen oder Baden nicht). Einige Influencer:innen erklären, dass die Regel zum Tragen der Garments in den letzten Jahren etwas gelockert wurden und beispielsweise für Teenager und unverheiratete Frauen nicht mehr obligatorisch ist. Dennoch weist Alyssa Grenfell in Viedos darauf hin, dass bei einigen mormonischen Influencer*innen diese Garments unter der Kleidung sichtbar sind und damit noch immer zentral sind (beispielsweise bei Ballerinafarm, wo bei einer Yogaübung die Gaments sichtbar werden).

Ein zentraler Aspekt ihrer Kritik ist die Romantisierung des Tempels, die von frühester Kindheit an gefördert wird. Alyssa zitiert das Lied «I Love to See the Temple, I’m Going There Some Day, I’ll Covenant with My Father, I’ll Promise to Obey», das Kindern ab vier Jahren beigebracht wird. Sie erklärt, dass dieses Lied eine idealisierte Vorstellung vom Tempel vermittelt, der als der wichtigste Ort auf Erden gilt und auf dessen Besuch sich die Kinder freuen sollen. Alyssa selbst hatte das «Privileg», den Tempel zu betreten und beschreibt die damit verbundenen Erwartungen und den Druck.

In einem Beitrag erklärt sie, dass Kreuze bei den Mormonen verboten sind, da es der Idolatrie gleichkäme und an den Tod von Jesus erinnert. Daher finde man in mormonischen Haushalten auch keine Kruzifixe, sondern typisch mormonische Darstellungen von Jesus, meist kitschige Darstellungen, die ihn unhistorisch als hellhäutigen, blonden Mann zeigen (auch hier macht sich der langjährige Rassismus bemerkbar, bei dem gemäss mormonischer Auffassung die dunkle Hautfarbe eine Strafe Gottes war). In letzter Zeit habe sich das Kreuz als Symbol jedoch stärker durchgesetzt. Grenzfalls Theorie dazu ist, dass dadurch mehr christliche Konvertit:innen gewonnen werden.

Schlusswort und Ausblick

Mormonische Influencer:innen erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit und werden in der digitalisierten Welt wohl auf TikTok und Co. weiterhin an Einfluss gewinnen. Es konnte festgestellt werden, dass sich solche Influencer:innen in einem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne befinden und dabei insbesondere einen Einfluss auf jüngere Generationen haben, die sich Inhalte dieser scheinbar perfekten Familien anschauen. Von Seiten der mormonischen Kirchen werden diese scheinbar liberalen Ansichten meist kritisiert und als unvereinbar mit der mormonischen Tradition gesehen. Während aber Influencer:innen wie Ballerinafarm ein positives Licht auf ihre Tradition wirft, da diese das Bild der perfekten Hausfrau und Mutter abgibt, so werden die Frauen von MomTok als unmormonisch gesehen, was diese Frauen selbst mit der Bezeichnung Sinner betiteln (sich aber immer noch als Mormoninnen sehen). Auffallend und nicht zu sagen etwas besorgniserregend sind die patriarchalen Strukturen, die Geschlechtertrennung und die Rollenverteilung, die in den Inhalten idealisiert werden. Auch wenn diese Haltung als natürliche Gegenbewegung zur liberal-modernen Welt auftritt fragt man sich angesichts der wachsenden Popularität solcher Influencer:innen und Tradwives, welche Herausforderungen sich damit künftig ergeben. Es bleibt wohl nichts anderes übrig als zu hoffen und kritischen Stimmen wie Alyssa Grenfell mehr Raum zu geben.

Bernadette Jacober, 27. Dezember 2024

Gott ist flauschig – Besuch bei Gottlob in Münchwilen TG

Schon von Weitem höre ich die laute Musik, die durch die Luft vibriert. Der Bass ist so intensiv, dass ich ihn unter dem grauen Teppichboden spüre, noch bevor ich den Eingang der Zukunftsfabrik in Münchwilen TG betrete. Hier findet heute um 16.00 Uhr der Gottesdienst der Glaubensgemeinschaft Gottlob statt. Die Gruppe unter der Leitung von Daniela Eberle ist online in Form einer Website und eines Telegram-Kanals zu finden. Beides ist bunt, blinkt und glitzert. Strahlende Jesus-Bilder springen einem entgegen. Zusätzlich findet man vielfältige Darstellungen der Schweizer Fahne, sogar einen Gottesdienst zum Nationalfeiertag am 01. August hat es gegeben. Entsprechend authentisch wurde dieser mit dem Slogan «Gottes Segä über üsi Schwiz» beworben. Allerdings dominiert auch in der Werbung für andere Gottesdienste und Veranstaltungen verschriftlichte Mundart, so kann man Mittwochs häufig «Chraft tankä» und dabei «Körper und Atemüebigä zum g’sund blübä» machen.

Es weihnachtet sehr

Der heutige Gottesdienst steht allerdings unter dem Motto Advent («Mir gönd zämä id’Wiehnachts-Zyt»). Als ich den Raum betrete, ist das Thema nicht zu übersehen: Hinten im Saal steht ein Buffet mit weihnachtlichen Speisen, vorne neben der Bühne glitzert und glänzt Weihnachtsdekoration vor sich hin. Die Dekoration ist unter einem circa drei Meter hohen Jesus-Bild platziert. Links daneben hängt eine Schweizer Fahne, auf der das Motto des patriotischen Sommergottesdiensts prangt: «Gottes Segä über üsi Schwiz». Die Stimmung im Raum ist ausgelassen. Alle sind für den ersten Song aufgestanden, einige schwingen im Takt mit. Ich begebe mich in die letzte Reihe, wo eine Handvoll Personen in meinem Alter stehen. Die meisten anderen der rund 30 Teilnehmenden des Gottesdiensts sind eher in der zweiten Lebenshälfte angekommen, einige davon im sehr fortgeschrittenen Lebensalter.

Styling für Jesus

Wer an dieser Stelle eine zurückhaltende Anwendung neuer technischer Mittel im Gottesdienst vermutet, liegt weit daneben. Über der Bühne wird in bester Qualität das zu dem christlichen Rock-Song gehörende Musikvideo abgespielt, Sound und Bild sind professionell geregelt. Hinten rechts im Raum befindet sich dafür ein Technik-Pult, hinter dem zwei Männer vollen Einsatz zeigen. Dieser Eindruck wird nicht nur durch die technische Leistung erweckt, sondern auch durch das Styling der beiden. Einer trägt ein T-Shirt, das mit faustgrossen Jesus-Gesichtern gepflastert ist. Jesus ist darauf mit einem amerikanisch anmutenden Million-Dollar-Smile und perfekt gepflegtem Bart dargestellt. Der andere Technik-Verantwortliche trägt einen Hoodie, über den sich ein grosses Jesus-Bild erstreckt. Doch die beiden sind nicht die einzigen, die ihren Glauben deutlich nach aussen tragen. In der ersten Reihe sitzen drei Frauen, wovon zwei ähnlich auffällige Oberteile tragen. Eine hat ein grosses Bild von Jesus auf die Rückseite ihres T-Shirts gedruckt, während das Langarmshirt der anderen vollständig aus einer Jesus-Abbildung zu bestehen scheint. Der plakative Eindruck, den der Online-Auftritt von Gottlob macht, wird demnach zumindest von einigen Mitgliedern gelebt.

TikTok-Esoterik als Wunderbericht

Auch Daniela Eberle scheint sich mit ihrem Styling nicht zurückgehalten zu haben. Als sie nach dem Ende des ersten Lieds die Bühne betritt, funkelt ein grosses, glitzerndes Kreuz um ihren Hals. Eberle spricht in deutlicher Mundart, sie hat eine sanfte, angenehme Stimme. Mit dieser wiegt sie die Anwesenden in den heutigen Gottesdienst. Die Teilnehmenden haben wieder Platz genommen und lauschen gespannt Eberles Worten. Sie beginnt mit einer Anekdote. Sie berichtet, dass sie letztens auf TikTok unterwegs war und dort gehört habe, dass die Zeit bald eine andere Geschwindigkeit annehmen werde. Grund dafür seien nicht die teils stressigen Weihnachtsvorbereitungen, über deren Hektik sich Eberle später noch beschweren wird. In dem Video sei von einem Quantensprung die Rede gewesen, der die Zeit verändert. Blödsinn, habe sich Eberle gedacht. Eine Minute ist doch eine Minute! Aber als sie wenig später zuhause ankam, habe sich unglaubliches ereignet. Ihre zuletzt mit neuer Batterie versehene Armbanduhr ging 10 Minuten nach. Sie wollte sich schon ärgern, entdeckte dann aber, dass die Zeit auf einer anderen Armbanduhr auch genau 10 Minuten nach ging. Eberle macht an dieser Stelle eine Kunstpause, Raunen geht durch den Saal. Für Eberle und die Anwesenden scheint dies zu bedeuten, dass an dem Quantensprung wohl doch was dran sein muss.

«Hüt schenk ich öpperem en JESUS-Chläber» – Gute Taten für Jesus

Bei diesem Einblick in Eberles Verbindung zu Esoterischem soll es nicht bleiben. Als das zweite Lied, ein Weihnachtsjodler-Beitrag aus dem SRF, abgeklungen ist, erklärt sie, dass liebe Worte eine segensreiche Frequenz erzeugen würden. Das sei keine Meinung, sondern eine Tatsache. Jesus habe zu Lebzeiten selbst das Gesetz der Resonanz demonstriert, Gutes erzeuge Gutes. Dafür brauche es gar nicht viel. Und man müsse sich auch nicht zu sehr verkopfen. Eberle erklärt: «Gott ist ganz lieb» und «Gott ist unkompliziert», wobei sie das Wort «ganz» künstlich in die Länge zieht. Mit einem Lächeln auf den Lippen fügt sie hinzu: «Gott isch flauschig!».

Man brauche also keine Angst davor haben, sich ihm zu widmen. Man könne zum Beispiel einfach einmal pro Stunde das Vater Unser beten oder sich für 30 Dinge bedanken. Für den Fall, dass das den Anwesenden zu wenig konkret ist, verteilt Eberle Zettel mit Anregungen, um Gutes zu tun. Darauf steht zum Beispiel: «Hüt bet ich mit ganzem Herz für öpper wo chrank isch.» oder «Hüt schenk’ich öpperem en Geldbetrag.». Eberle liest die Ideen auf dem Zettel vor. Als sie bei meinem persönlichen Highlight ankommt, lachen die Anwesenden wissend. «Hüt schenk ich öpperem en JESUS-Chläber.», liest Eberle und grinst in die Runde. Passenderweise sitze ich neben einem kleinen Regal, in dem sich diverse Unterlagen befinden. Darunter finde ich auch ausgeschnittene Sticker mit Jesus-Abbildungen. Und so lache auch ich in mich hinein und lasse mich von dem nächsten Song, einem Weihnachtslied von Udo Jürgens, beschallen.

Glitzer gegen Teufelswerk

Jäh werde ich aufgerüttelt, als Daniela Eberle wieder in die Predigt einsteigt. Sie spricht jetzt Gott direkt an. «Du herzallerliäbschtä» sagt sie und bittet Gott darum, unsere Welt vor den bösen Machenschaften des Teufels zu bewahren. Huch, das ging aber schnell. Eben noch war alles so lieb und flauschig und jetzt auf einmal wird vom Teufel gesprochen. Eberle scheint bedrückt von den Kriegen und anderen schlechten Nachrichten auf der Welt. Sie befürchtet, dass bald ein dritter Weltkrieg ausbrechen werde. Besonders in den letzten vier Jahren sei ja nochmals einiges Schlimmes ans Licht getreten, was auf der Welt passiert. Unverkennbar spielt Eberle hier auf vermeintliche Enthüllungen von Menschen an, die sich während und nach Corona Verschwörungsdenken gewidmet haben. Passend zu dieser Vermutung spricht Eberle daraufhin einen weltumspannenden Plan des Teufels an, der von bösen Menschen umgesetzt werden würde. Problematisch seien in diesem Zusammenhang vor allem Andersgläubige und atheistische Menschen, die dem Teufel in die Hände spielen würden. Dementsprechend reiche es als christlicher Mensch nicht aus, einfach nett zu sein. Eberle ruft dazu auf, ganz aktiv andere Menschen zu Gott und Jesus zu führen, damit der Teufel weniger Chancen hat. Mir kommt es so vor, als hätte Eberle sich mit ihrem flauschigen Gott, der immer lieb und immer unkompliziert ist, eine Falle gestellt. Denn wenn so viel schlimmes auf der Welt passiert, muss es ja fast einen bösen Gegenspieler geben. Und wenn ein allmächtiger Gott die Untaten dieses Gegenspielers nicht verhindern kann, dann muss es wohl an den Menschen liegen, die zu wenig glauben. Wirklich überzeugend finde ich diese Argumentation nicht. Für Eberle ist es jedenfalls nur logisch, andere Menschen mit besonderen Methoden zum Glauben zu führen – wie etwa, wenn sie die grosse, silberne Aufschrift ihres Autos nutzt («Jesus Christus erfüllt dich mit Gottes Liebe. Öffne dein Herz!»), um Gespräche anzuregen und sie so zu Christen zu machen.

Fürbitten verschiedener Art

Nach dieser, für meine Begriffe etwas demotivierenden, Predigt wird ein aufmunterndes Lied gespielt. Passend zu dem spürbaren Bedürfnis nach Hoffnung und Frieden wurde das Musikvideo unter der Friedensglocke des Alpenraums gedreht. Im Anschluss wird es Zeit für die Fürbitten. Daniela Eberle beginnt und dankt Jesus und dem lieben Gott für ihr zweites Leben. Im Telegram-Kanal von Gottlob kann man lesen, dass Eberle angibt, von einer unheilbaren Krankheit befreit worden zu sein, nachdem ihr Jesus im Jahr 2006 erschienen sei. Sie gibt das Mikrofon nun an die Teilnehmenden, die es der Reihe nach durchgeben. Ungefähr zwei Drittel der Anwesenden nutzt die Gelegenheit, um etwas zu erbitten oder für etwas zu danken. Dabei unterscheiden sich die Fürbitten stark: Manche bitten um Banales, etwa, dass die Enkelin eine Prüfung besteht. Eine andere Person bittet Gott, ihre Tochter zu heilen, sodass sie nicht mehr im Rollstuhl sitzen muss. Ich frage mich an dieser Stelle, wie Daniela Eberle wohl damit umgeht, dass sie aus ihrer Sicht von Jesus gerettet wurde und andere, sogar Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, nicht. Und wie muss sich das für die Betroffenen anfühlen? Wie erklären sie sich, dass Eberle geheilt wurde und sie seit Jahren darauf warten?

Als ich noch in diesen Fragen versinke, erregt eine andere Fürbitte meine Aufmerksamkeit. Ein Mann, der mir zuvor durch einen eher extravaganten Tanzstil aufgefallen ist, ergreift das Wort. Er erzählt, dass er im Brüderverein aufgewachsen sei. Dort sei es streng zugegangen und das Lesen der Bibel sei für ihn wie eine Art Zwang gewesen. Ähnlich einschränkend stelle er sich die katholische Kirche vor. Nach einem Gefängnisaufenthalt habe er langsam wieder zur Bibel und so zu Danielas Gemeinschaft gefunden. An dieser Stelle könnte dieser positive Bericht enden. Stattdessen verheddert sich der Mann in Ausführungen zu schlimmen Geschehnissen, die die Bösen dieser Welt bald in die Realität umsetzen und greift damit Eberles Schilderungen zu einem möglichen dritten Weltkrieg wieder auf. Auch an diesem Mann scheinen die Ausführungen Eberles nicht spurlos vorüberzugehen.

Toleranz statt Jesus-Sticker

Als ich mich beim letzten Lied langsam aus dem Raum entferne, lasse ich die vergangene Stunde Revue passieren. Die Menschen im Gottesdienst schienen einander wohlgesinnt. Ich wurde freundlich angeschaut, und obwohl ich als neues Gesicht sicherlich aufgefallen bin, fühlte ich mich nicht bedrängt. Auch um Spenden wurde nicht aktiv gebeten – einzig ein kleiner Kasten mit der Aufschrift «Kollekte» hing unaufdringlich in einer Ecke. Dass die Gemeinschaft Gottlob patriotisch ist und dabei in buntem Glanz erstrahlt, spiegelt offenbar die persönlichen Vorlieben von Daniela Eberle wider. Ein etwas schaler Eindruck bleibt jedoch bei den Ausführungen über dunkle Mächte, die angeblich im Bunde mit dem Teufel stehen, sowie der Handlanger-Rolle, die Andersgläubigen zugeschrieben wird. Vielleicht wäre es die beste «gute Tat», den Wert von Liebe, Verständnis und auch den Glitzer, der die Gemeinschaft prägt, nicht nur untereinander, sondern auch auf Andersdenkende auszudehnen – und sie so an den gemeinsamen Werten teilhaben zu lassen.

Julia Sulzmann, 26. November 2024

Heide Göttner-Abendroth live – Eine Analyse der Dynamiken an der matriarchalen Tagung zu «Sex sells – kills – heals» im Oktober 2024 in Bozen

Bei unserer Ankunft im Four Points Hotel in Bozen werden wir von einem Schwall asiatischer Touristengruppen begrüsst. Die Ungeduld, die sich in der letzten Stunde langsam bemerkbar gemacht hat, scheint beim Anblick des vollen Foyers des Hotels schier aus mir herauszuplatzen. Wir sind schon 15 Minuten zu spät. Eigentlich wäre diese Informationsveranstaltung zu den Basics des Matriarchats für mich nicht unbedingt nötig gewesen, aber für meine Schwester, die ich absichtlich in Unwissenheit gelassen habe, schon. Meine Schwester, meine Begleitung für die morgige Tagung «Sex Sells – Kills – Heals», soll mit ungetrübtem Ohr und unvoreingenommen an der Veranstaltung teilnehmen. Ich selbst bin zu diesem Zeitpunkt schon zu tief in die Materie eingetaucht und habe mir schon zu viele Gedanken über das Matriarchat nach Heide Göttner-Abendroth gemacht, um die Tagung völlig neutral anzugehen. Nun sind wir zu spät. Die Reise, die uns das Navi als fünfeinhalb Stunden angezeigt hat, hat doch über eine Stunde länger gedauert.

Nachdem wir mühselig eingecheckt und unser Gepäck in unser Zimmer gebracht haben, eilen wir wieder hinunter ins Foyer. Ich versuche herauszufinden, in welchem Raum die Einführungsveranstaltung stattfindet, kann aber nichts finden. Auch im Foyer nicht. Als wir bei der netten Dame, die uns zuvor bedient hat, nachfragen, deutet sie auf eine Treppe im hinteren Teil des Hotels. So hasten wir weiter die Treppe hoch und befinden uns schliesslich im ersten Stock, wo zwei Frauen, ihre Arme mit farbigen Stoffen beladen, den Gang arrangieren. Auf Nachfrage hin zeigt uns eine der beiden gerne die richtige Tür. Fünfundvierzig Minuten nachdem die Einführung begonnen hat, gesellen wir uns schliesslich mit vor Anspannung klopfenden Herzen in den Kreis der Neulinge des Matriarchats.

Danke Matriarchat

Wir bekommen noch knapp die letzten fünf Minuten der Präsentation mit, bevor die Fragerunde beginnt. Die Einführung wird von zwei Gründerinnen des Matriforums gehalten. Eine davon, Simone, habe ich bereits beim Herbstfest über Zoom Ende September kennengelernt. Da die Präsentation um die 45 Minuten gedauert hat, nehme ich an, dass sie etwa das gleiche zum Matriarchat erklärt haben wie beim Herbstfest. Die letzte Folie, die jetzt als Hintergrund für die Fragerunde fungiert, zeigt ein Zitat von Heide Göttner-Abendroth und die italienische Übersetzung dazu: «Das Matriarchat zeigt uns eine ausgeglichene, gleichberechtigte und friedliche Gesellschaft ohne Krieg und dem Gesetz der Herrschaft. Ich bin überzeugt, dass das Matriarchat für eine humane Gesellschaft gebraucht wird

Die Fragen, die an jenem Abend gestellt werden, zeigen bei den meisten eine Dankbarkeit für die Existenz von Matriarchaten aber auch eine kritische Auseinandersetzung zur Realität auf. Eine Frau fragt zum Beispiel, wie matriarchale Gesellschaften umgesetzt werden können, es sei doch utopisch. Dies entwickelt sich zu einer Leitfrage, die nicht nur meine Schwester und ich uns an dieser Tagung stellen, sondern auch von vielen anderen Besuchenden in verschiedensten Formulierungen aufgeworfen wird. Die Antwort, die an diesem Abend geliefert wird, meint, dass wir nach dem Prinzip «Kairos» gehen sollten: Der günstige Augenblick kommt, wenn der der Zeitpunkt stimmt. Obwohl die Frage nach der Utopie so eigentlich nicht beantwortet wird, wird sie genutzt, um auf die negativen Aspekte des Patriarchates, indem wir leben, nochmal aufmerksam zu machen: In unserer Gesellschaft, im Patriarchat, werde das Ego gefeiert. Im Gegensatz dazu gebe es sogar Matriarchate, in denen es kein Wort für «ich» gebe. Diese Gegenüberstellung soll aufzeigen, dass in Matriarchaten anders als in Patriarchaten die Gemeinschaft im Vordergrund stehe und nicht das Individuum.

150 Europäer*innen für das Matriarchat

Am Vorabend haben circa vierzig Leute, davon etwa zehn Männer teilgenommen. Nun, einen Tag später, um 9.00 Uhr, stehen wir in einem grossen Saal, der für etwa hundertfünfzig Leute bestuhlt wurde. Meine Schwester und ich sind eine halbe Stunde zu früh. Doch wie bei den meinsten meiner Besuchen in Gemeinschaften werden wir auch hier herzlich begrüsst und mit ehrlichem Interesse begutachtet. Als wir den Saal betreten, müssen wir feststellen, dass er noch leer ist. Schnell wollen wir ihn wieder verlassen und uns um die leeren Apérotische im Gang stellen, um nicht zu verloren auszusehen, als schon eine Frau – die andere Gründerin des Matriforums, die wir gestern gesehen haben – auf uns zukommt. Andrea stellt sich uns vor und fragt, woher wir angereist sind. Als wir sagen, dass wir aus der Schweiz kommen, führt sie uns zu einer mit Plastikfächern überzogenen Pinnwand. Diese Pinnwand, so erklärt sie, soll uns bei der Vernetzung mit anderen Menschen aus der Umgebung helfen. Wir können unsere Visitenkarten, Fragen, Anliegen, Organisationen und so weiter in das Fach bei der Schweiz einwerfen und wenn jemand ähnliche Interessen habe, so könne sich diese Person bei uns melden. Nun stehen wir also höflich lächelnd vor der noch leeren Pinnwand, bis wir Andrea schließlich zu verstehen gaben, dass wir noch schnell Bargeld für das nicht inklusive Mittagessen abheben müssen.

Pünktlich um 9.30 Uhr setzen wir uns in eine der hinteren Reihen auf unsere Plätze. Der Saal hat sich inzwischen gefüllt und fast alle hundertfünfzig Stühle sind besetzt. Ich sehe etwa dreissig Männer, zehn eher jüngere Personen zwischen zwanzig und dreissig Jahren und keine anderen «People of Color». Meine Schwester und ich scheinen die einzigen Personen zu sein, die noch einen anderen als europäischen Hintergrund aufweisen.  Auch wenn das im Moment nicht wichtig erscheinen mag, ist es dennoch eindrücklich. Darauf werde ich am Ende des Berichts kurz eingehen.

Nach den Begrüssungsworten des Teams des Matriforums wird Sigrid (Sissi) Prader vom Frauenmuseum Meran auf die Bühne gebeten. Frau Prader will darauf aufmerksam machen, dass es sich das Museum zur Aufgabe gemacht hat, historische Erzählungen, die marginalisiert sind, so wie die der Frauen, zu erweitern. Brigitte Hofer, welche als nächstes auf die Bühne gebeten wird, ist Gleichstellungsrätin im Südtirol und setzt sich für Menschen ein, die am Arbeitsplatz aufgrund ihres Geschlechts Diskriminierung erfahren. Mit den einleitenden Worten: «Wir werden ein Tabu brechen und über Sexualität sprechen» zeigt sie unweigerlich auf, dass in vielen Kreisen immer noch ein Tabu zum Thema Sexualität herrscht und gibt uns damit das Gefühl, dass unsere schiere Anwesenheit hier schon ein Akt des Widerstands oder der Offenheit ist, der den stummen Regeln der Gesellschaft entgegenwirkt. In ihrer Arbeit sei ihr aufgefallen, dass obwohl Frauen NIE Schuld an Übergriffen an ihnen sind, sie dennoch immer mit den Gefühlen von Schuld und Scham zu kämpfen haben. Der Grund dafür liege eindeutig in unserer Kultur: «Seit Adam und Eva werden Frauen die Schuld gegeben.» Wie eine Umkehrung davon aussehen könnte, zeigt nun diese Tagung auf.

Sex kills und Sex sells

Der Morgen ist ganz dem Thema «Sex sells – kills – heals» gewidmet. Bis zum Mittag gibt es drei Präsentation von Frauen, welche sich mit dem Thema auseinandersetzen. Den ersten Vortrag zum Teilbereich «Sex kills» hält Dr.in Monika Hauser. Sie ist eine Ärztin und reist in Kriegsgebiete, um Hilfezentren für Frauen zu gründet, die kriegerische sexualisierte Gewalt erlebt haben. Diese Arbeit ist wertvoll und, wie ich sagen würde, heldenhaft. Medica mondial ist heute eine Organisation, die weltweit für Frauenrechte kämpft und gegen Gewalt an Frauen eintritt. Dr.in Hauser hat ein reichhaltiges Wissen und vermittelt aus erster Hand, was Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und sexualisierte Gewalt für Auswirkungen auf die Opfer haben. Medica mondial kämpft tagtäglich mit den realen Folgen von Vergewaltigungen. Vergewaltigungen, so Hauser, seien ein strukturelles Problem. Dabei spielen patriarchale Geschlechterstrukturen eine grosse Rolle.
Diese patriarchalen Geschlechterstrukturen werden auch im nächsten Vortrag von Dott.ssa Daniela Danna nochmal aufgegriffen. Dieses Mal unter dem Teilbereich «Sex sells». Prostitution und Pornographie, so Danna, beeinflussten die Überzeugungen des männlichen Geschlechts über Frauen. Da Pornographie der Weg sei, wie sich junge Menschen mit Sexualität auseinandersetzen, würden pornographische Vorstellungen bei Männern wie auch bei Frauen sozialisiert. Pornographische Darstellungen machten Frauen zum Objekten der Begierde für Männer und vermittelten Frauen das Gefühl, dies gehöre beim Geschlechtsverkehr dazu. Diese Entwürdigung der Frau geschehe auch in der Prostitution. Pornographie und Prostitution seien somit sowohl Ursachen als auch Antrieb für die patriarchalen Geschlechterstrukturen.

Von der Pastorin bis zur Hexe

Nach diesen beiden schweren Themen werden wir in die Pause geführt, wo Kaffee und Kuchen uns erwarten. Im Gang vor dem Saal stehen Puppen in traditionellen Gewändern von verschiedenen Matriarchaten oder höheren Frauenrollen auf der Welt. Sie stehen quasi Spalier beim Treppenhaus. Diese Puppen werden auch beschrieben. Bei einer gelb angezogenen Puppe steht zum Beispiel:  

«In Juchitàn, einer Stadt im Süden Mexikos existieren bis heute jahrhundertealte matriarchale Strukturen. Die Frauen bestimmen über das wirtschaftliche Geschehen, den Handel, insbesondere den grossen Markt und sie haben als Heilerinnen spirituelle Macht. Das Wertesystem und die ökonomische Struktur basierten auf sozialem Miteinander. Die Töchter sind Erbinnen. Die Menschen leben einen offenen Umgang mit Geschlechterrollen. Akzeptiert sind ‹Musche› Männer, die sich als Frau fühlen, kleiden und in Frauenberufen arbeiten. ‹Marimachas› Frauen, die sich als Männer fühlen und als solche leben sind anerkannt. – Kleidung: gelbes Originalkleid mit gestickten Blumen aus Mexiko.»

Ich schaue mir weitere Frauenkleider an. Neben der «Mexikanerin» steht eine in schwarz gekleidete «evangelische Pastorin». Der Text zu Pastorin erklärt, dass es in Deutschland erst seit 1958 evangelische Pastorinnen gebe, und bis 1974 für sie die Ehelosigkeit gegolten habe. In der Schweiz wurden die zwei ersten evangelisch-reformierten Pfarrerinnen bereits im Jahr 1918 in Zürich ordiniert. Ehelosigkeit wurde von ihnen nicht verlangt. Allerdings wurden sie wegen des Widerstands des Zürcher Kantonsrates und sogar des Bundesgerichts ihren männlichen Kollegen erst in den 1960er Jahren völlig gleichgestellt. Auf der anderen Seite des Ganges steht eine «Businessfrau» in einer schwarz-weiss gestreiften Hose und Bluse mit Stehkragen und eines schwarzen Jacketts mit rotem Reisverschluss. Im Jackett steckt eine Ansteckblume aus roter Spitze. Dazu trägt sie rote Schuhe und einen schwarzen Hut. Ich schaue mir noch eine «Mosuo», eine «Kihnu Frau» und eine «Minangkabau» an, bevor ich mich zu meiner Schwester geselle, die in ein Gespräch mit einer Frau an einem der Bücherstände vertieft ist.

Als ich an den Bücherstand stehe, fragt mich die Verkäufern, ob ich gerne mit Edelstein Essenz eingesprüht werden möchte. Verblüfft bejahe ich und werde sogleich in eine nach Kräutern riechende Wolke eingelullt. Der Duftspray mit dem Namen «Göttin Entfessle deine Macht» und der Beschreibung «Engelalm Edelstein Essenzen für die Aura» ist online für knappe 19 Franken erhältlich. Neben diesem Spray kann man bei ihr auch Räuchermischungen für je 12.90 Euro kaufen mit Namen wie «Königin der Alpen», «Stille Nacht», «Hüterin der Wiese» oder «Meisterin des Waldes», sowie Räucherzubehör und verschiedenste Bücher. Die Hauptautorin, die sie vorstellen möchte, scheint Christa Mulack zu sein. Die von ihr dargebotenen Büchern beleuchten Frauen der Bibel aus einer matriarchalen Perspektive und weisen ihnen die Rolle der Göttin zu. Der Bücherstand wirbt zudem für verschiedene Veranstaltungen, darunter matriarchale und Hexen-Anlässe. Die Ähnlichkeiten der Hexenbewegung und der Matriarchatsforschung sind mir schon vorher aufgefallen, dieser Stand hat mir jedoch bestätigt, dass es da Verbindungen gibt. Die Hexenbewegung wurde ums Jahr 1950 von Gerald B. Gardner in England begründet und in den 1960er Jahren von Alex Sanders populär gemacht. Um 1971 begründete die in die USA emigrierte Ungarin Zsuzsanna Budapest den feministischen Zweig der Hexenbewegung, der mit der Matriarchatsbewegung noch heute eng verbunden ist.

Endlich Heide Göttner-Abendroth

Als es weiter geht, wird Heide Göttner-Abendroth begrüsst und auf die Bühne gebeten. Dabei versäumen die Matriforum-Gründerinnen, die zugleich auch ihre ehemaligen Schülerinnen sind, nicht zu erwähnen, dass Göttner-Abendroth gleich zwei Nominierungen für den Friedensnobelpreis innehabe. Schon vorher fällt mir das auf, doch jetzt wo Heide Göttner-Abendroth wirklich zu Wort kommen soll, ist es nicht mehr zu leugnen, dass unter einigen Teilnehmenden – wahrscheinlich  den erfahrenen Matriarchatsforscherinnen in diesem Saal – fast schon eine Verehrung von Heide Göttner-Abendroth stattfindet. Frau Göttner-Abendroth, ganz in Orange gekleidet, betritt die Bühne langsam und stellt sich hinter das Stehpult. Sie ist nun über 80 Jahre alt und forscht seit knapp 40 Jahren zu Matriarchaten. Natürlich steht ihr die Aufgabe zu, unter dem Teilbereich «Sex heals» zu referieren. Heide Göttner-Abendroth beginnt mit den vier Punkten des Patriarchats: 1. Männliche Repression, 2. Weibliche Schuld, 3. Prostitution und 4. Libertären Sex (damit meint sie Sexkommunen). Die ersten zwei Punkte würden der Erkennung der Vaterlinie dienen. Die Mutterlinie sei ja klar. Da die Männer Söhne für ihre Kriege wollten, Söhne, die sozusagen ihre Doppelten waren, mussten sie ihre Frauen kontrollieren. So, meint Göttner-Abendroth, beruhe die Vaterlinie also auf Gewalt. Die Punkte drei und vier dienen nicht der Vaterlinie, sondern der männlichen Lust. Dazu meint sie auch, dass «Sex» oder «Sexualität» ein patriarchaler Begriff sei. In Matriarchaten gehe es mehr um «Erotik» und es gäbe keine Vergewaltigungen. Vergewaltigungen seien in Matriarchaten schlichtweg nicht bekannt. In Matriarchaten sei die soziale Lebensform der Mutterclan. Darin lebten alle Verwandten derselben Mutterlinie. In diesen Gesellschaften werde die Besuchsehe praktiziert. So, meint Heide Göttner-Abendroth, seien die Frauen freier. Durch die Besuchsehe könnten sie ihre Liebe ausleben, wie sie möchten, blieben jedoch in der Geborgenheit des Mutterclans sicher. Erotik sei somit losgelöst von Prestige, Moral, Pflichten und Beziehungen – es gehe nur um Gefühle. Dies sei möglich, weil die Sicherheit vom Mutterclan gewährleistet werde. In Patriarchaten hingegen werde erwartet, dass zwei Personen unter dem Konzept der romantischen Liebe alles alleine regeln. Die Realität spreche jedoch eine andere Sprache als die Vorstellung. Wie realistisch diese Erwartungen sind, so Göttner-Abendroth, zeige die Scheidungsrate deutlich auf. Wie Vergewaltigungen gebe es in matriarchalen Gesellschaften auch keine Eifersucht. Frauen würden sich nicht um einen Mann streiten und bei Männern spiele Eifersucht auch keine Rolle, weil ja die Frau den Partner wählen würde.

Hier sehe ich eine Kritik an Heide Göttner-Abendroth. Denn obwohl sie hinterfragt, wie realistisch gewisse Konzepte in Patriarchaten wirklich sein können, übt sie nicht dieselbe Kritik an matriarchalen Konzepten. Die Behauptung zum Beispiel, dass Vergewaltigungen und Eifersucht in Matriarchaten nicht bekannt seien, wird sehr unhinterfragt wiedergegeben und hat mich und meine Schwester sogleich aufhorchen lassen. Viele dieser Ideale des Matriarchats werden von Matriarchatsanhängerinnen im weiteren Verlauf des Morgens und auch am Nachmittag immer wieder unhinterfragt akzeptiert.

Schwarz-Weiss ist nicht gleich Grau

Als Heide Göttner-Abendroth geendet hat, werden Dr.in Monika Hauser und Dr.in Daniela Danna für die nun folgende Podiumsdiskussion wieder auf die Bühne gebeten. Für die 40-minütige Podiumsdiskussion werden Fragen gestellt, die vorher gesammelt worden sind. Was mir bei dieser Podiumsdiskussion am meisten auffällt, ist, dass Heide Göttner-Abendroth dazu tendiert, auf Fragen mit «einfachen» Lösungen oder eindeutigen Schwarz-Weiss-Konzepten zu antworten, wobei das Patriarchat als gesetzt und immer als das Negativbeispiel und das Matriarchat als Positivbeispiel fungiert. Danna scheint bei den Antworten auf einer ähnlichen Schiene zu fahren wie Göttner-Abendroth, drückt sich jedoch vorsichtiger aus und bestimmt das Patriarchat eher als potenzielle Ursache neben anderen. Hauser dagegen liefert sehr differenzierte Antworten und ist darauf aus, dabei nicht ein Schwarz-Weiss-Denken zu vermitteln. Ein Beispiel dafür liefert gleich die erste Frage: «Wie selbstbestimmt leben Frauen in unsere Gesellschaft? Auf einer Skala von 1-10.» Hauser sollte die Frage als erstes beantworten. Diese Frage könne man so nicht homogen beantworten, meint sie. «Sagen wir, Frauen in Afghanistan wären bei der Skala bei 1, so gibt es auch in Europa, in unserer Gesellschaft Frauen, die relativ tief, ca. bei drei sind, aber natürlich auch Frauen, die bei 7 sind und sehr selbstbestimmt leben können.» Daraufhin erwidert Göttner-Abendroth jedoch eilig, dass Frauen in unserer Gesellschaft schon selbstbestimmt sein mögen, aber dass sie innerhalb eines Patriarchats selbstbestimmt seien, was die ganze Skala runterbringe. Sie schätzt deshalb ein, dass die Frauen hier höchstens auf der Stufe 3 sein könnten. Nehmen wir nun noch die Frauen in unserer Gesellschaft hinzu, die weniger selbstbestimmt leben können, wären wir auf der Skala zwischen 0 bis 3.  Danna meint dann, dass sie nicht so weit gehen würde, aber die Selbstbestimmtheit von Frauen zwischen 3 und 4 legen würde. Dabei möchte sie jedoch betonen, dass wir heute eher auf einem Rückschritt sind.

Die Sicht eines matriarchalen Mannes

Etwa eine Stunde später begeben meine Schwester und ich uns zum Hotelrestaurant, wo wir am Morgen schon gefrühstückt haben. Den grossen Strom der hungrigen Teilnehmenden haben wir dank unserer kurzen Notdurft gerade verpasst und so können wir gemütlich und ohne Anstehen unsere Teller mit dem Kürbisauflauf und dem Salat füllen. Meine Schwester führt uns an einen der einzigen Tische, wo noch zwei Plätze frei sind. Am Tisch sitzen zwei weitere eher jüngere Frauen und ein Ehepaar aus der Schweiz. Sobald wir uns vorgestellt haben und merken, dass das Ehepaar auch aus der Schweiz angereist ist, wechseln wir fröhlich in unsere natürlichere Sprache. Smalltalk bleibt dabei ein kurzer Lückenfüller, bevor wir uns dem ernsteren Thema – dem Matriarchat für Männer – widmen. Da der Ehemann einer der wenigen Männer an dieser Tagung ist, muss er wohl oder übel als Repräsentant für seine ganze Geschlechtsgruppe fungieren. Doch als meine Schwester ihn gerade hinaus fragt, wie es für ihn als Mann ist, in diesem Milieu über Männer als Sündenböcke zu hören, werden wir von seiner wohlüberlegten Antwort überrascht, die zeigt, dass er nicht nur schon länger in dieser Szene unterwegs ist, sondern auch sehr reflektiert und mit viel Güte mit dem Thema umgeht. Dies, so meint er jedoch, habe er sich über Jahre anlernen müssen: Anfangs sei es ihm natürlich schwergefallen, als Mann, der als kollektiven Teil des Problems angeschaut wurde, nicht alles persönlich zu nehmen. Er musste lernen, sich von dem Mann zu distanzieren. Nicht er persönlich war schuld, sondern die Rolle des Mannes und die patriarchalen Geschlechtervorstellungen von Mann und Frau. Davon, so wendet seine Ehefrau ein, seien ja auch Männer selbst Opfer. Patriarchale Vorstellungen vom Mann belasteten Männer mit immensen Druck. Dies zeige sich unter anderem in der hohen Selbstmordrate unter Männern sowie dem Anteil an Männern, die eine Alkoholsucht entwickelten.

Das Gespräch mit dem Ehepaar leuchtet mir ein und ich bin froh, dass die Teilnehmenden die Matriarchatstheorien sehr kritisch angehen und nicht für bares Gold hinnehmen. Das Patriarchat wird von den Matriarchatsforscherinnen zwar immer als Sündenbock hingestellt, was das Patriarchat jedoch ist, hier gehen die Gefühle und persönlichen Meinungen auseinander. Für die Matriarchatsforscherinnen ist unsere Gesellschaft als ganzes ein Patriarchat. Da unsere Gesellschaft aus Institutionen aufgebaut ist und Institutionen inhärent patriarchal sind, ist unsere Gesellschaft ein Patriarchat. Aus Gesprächen mit mehreren Teilnehmenden, auch vom Nachmittag, schließe ich, dass bei den meisten nicht die Gesellschaft als Patriarchat als Sündenbock dient. Vielmehr sind es vor allem veraltete Vorstellungen von Geschlechterrollen, die in unserer Gesellschaft – sei es bewusst oder unbewusst – nach wie vor vorherrschen.

Heide Göttner-Abendroth über das Matriarchat im Patriarchat

Am Nachmittag gibt es offene Diskussionsworkshops, deren Themen von uns selbst gewählt werden. Heide Göttner-Abendroth bietet auch einen an, den ich natürlich nutze. In den Diskussionen in der kleinen Runde merke ich, dass Heide Göttner-Abendroth nicht immer solch ein Schwarz-Weiss-Denken aufweist, wie sie es in ihren Büchern und bei ihren Vorträgen meistens tut. Im kleinen Rahmen erkennt man bald, dass viele Teilnehmende mit der Vorstellung einer Umsetzung der Matriarchate Mühe haben. Göttner-Abendroth scheint das auch wahrzunehmen und erklärt, dass es in der Realität halt so sei, dass wir in einem Patriarchat leben, aber das wir versuchen können, unsere eigenen kleinen Matriarchate zu gründen. Dabei nennt sie ein Beispiel, bei welchem mehrere alleinerziehende Mütter sich zusammengeschlossen haben – zu einem Matriclan sozusagen – um die Kindererziehung zusammen zu meistern. Sie meint, damit könne man bewusst matriarchale Muster ins Patriarchat einführen. Ein weiteres Beispiel sei die Spiritualität der Matriarchate, die man gut in das eigene Leben einführen könne. Die Göttin, welche als Repräsentantin der Macht der Frauen dient, werde von Matriarchaten in verschiedenen Formen verehrt. Dabei solle man den Zyklus der Frau, des Lebens und der Natur bewusster angehen. Denn dadurch sei man auch im Reinen und in der Balance mit sich selbst. Diese Umsetzung wurde auch am Vorabend von einigen Anhängerinnen schon vorgestellt. Die Frage nach der Realisierbarkeit scheint hier geklärt zu sein. In diesem Workshop enthüllt uns Heide Göttner-Abendroth jedoch noch eine weitere spannende Einsicht. Die Frage, die dieser vorausging, bezog sich auf die Entscheidungsfreiheit der Frauen, Mütter zu werden, da in Matriarchaten mütterliche Werte betont werden. Heide Göttner-Abendroth meint dabei, dass die Entscheidungsfreiheit ganz bei den Frauen liege. Und obwohl es keine Verhütungsmittel gebe, könnten die Frauen dennoch selbst entscheiden, ob sie ein Kind austragen wollten oder nicht. Die Methoden dazu könne sie uns jedoch nicht erklären, da sie es selbst nicht wisse. Das seien Frauengeheimnisse, die nicht mit Fremden geteilt würden.

Kann das Matriarchat mit aktuellen politischen Themen mithalten?

Schon den ganzen Tag über ist mir und meiner Schwester aufgefallen, dass LGBTQ+ Themen gemieden werden. Da jedoch freie Workshopwahl herrscht, können wir dieses Diskussionsthema ungehindert anbieten. Meine Schwester war zuvor mutig genug, dieses Thema vorzuschlagen und an die Pinnwand zu hängen. Zu unserer Überraschung jedoch finden sich viele bei uns ein. Auch alle eher jüngeren Leute haben sich entschieden, diesen Workshop zu besuchen. Unsere Frage zielte ursprünglich darauf ab, herauszufinden, wie queere Menschen in Matriarchaten erfahren werden. Wir merken jedoch schnell, dass dieses Thema für viele heisse Köpfe sorgt und kein Konsens erreicht werden kann, was gar nicht den matriarchalen Prinzipien entspricht. Die erste Frau, welche ihre Stimme erhebt, bedankt sich bei meiner Schwester und meint, dass es genau aus diesen Gründen junge Personen bei den Matriarchatsthemen brauche. Sie sei zum Teil schockiert und bis auf die Knochen erschüttert über gewisse Aussagen, die sie zum Beispiel auf Facebook von anderen Matriarchatsanhängerinnen zu diesem Thema lese. Die LGBTQ+ Thematik, dabei vor allem der Transgender-Aspekt, werde von radikalen Matriarchatsanhängerinnen abgelehnt. Die Argumentation sei dabei anscheinend, dass Transgenderfrauen keine Kinder kriegen können und deswegen die mütterlichen Werte der Frauen untergrüben und so gegen Matriarchate seien. Andere Matriarchatsanhängerinnen betonen, dass Matriarchate dieses Konzept gar nicht kennten. Dort würde es das gar nicht geben. Die letzte Aussage sorgt für einen Aufschrei vor allem bei den jüngeren Teilnehmenden. Nur weil etwas versteckt sei, heisse das nicht, dass es nicht existiere. Dieses Streitgespräch entwickelte sich jedoch bald zu einer Diskussion um die Terminologie «LGBTQ+». Die einen meinen, dass LGBTQ+ eine westliche Bewegung sei, die es in Matriarchaten nicht gebe. Wodurch die Jüngeren bald erklären müssen, dass es bei dieser Frage nicht um die Terminologie, sondern um das Konzept des sozialen Geschlechts gehe: «Wie gehen Matriarchate mit Menschen um, welche sich nicht mit der Rolle ihres biologischen Geschlechts identifizieren können, welche ein anderes soziales Geschlecht aufweisen?» Da hier vor allem jüngere gegen ältere diskutieren, verlieren wir auch viel Zeit für die Aufklärung.  Am Ende meint jemand, dass es Matriarchate gibt, wie die in Juchitàn, die mehrere Geschlechter zählen. Dies dient als differenzierte Aussage, dass es auch in Matriarchaten keine einheitliche Struktur gäbe, was mir die Augen öffnete, da Matriarchatsanhängerinnen meistens von dem Matriarchat sprechen, so wie sie von dem Patriarchat sprechen.

Der nächste Workshop, den wir besuchen, sollte darauf abzielen, wie Matriarchate in aktuellen politischen Themen einen Mehrwert geben können. Dieses Thema wurde auch von einer jüngeren Person vorgeschlagen. Doch bei diesem Thema scheinen schnell eher die älteren erfahrenen Matriarchatsanhängerinnen das Zepter in die Hand zu nehmen, welche die Rhetorik der Matriarchatsforscherinnen aufgreifen. Da es für mich keinen Mehrwert gibt, gebe ich meiner Schwester zu verstehen, dass ich den Raum verlassen will. Im Gang treffen wir die junge Person an, welche das Thema ursprünglich vorgeschlagen hat, auch sie hat sich aus dem Staub gemacht. Als wir sie sehen, fragen wir sie, ob wir wohl zu dritt zu diesem Thema sprechen wollen, worauf sie zustimmend nickt. Kurz darauf gesellt sich eine weitere eher jüngere Person zu uns, die zuvor auch dabei gewesen ist. In unserem Gespräch mit den beiden fällt mir wieder auf, dass auch sie sehr kritisch und reflektiert sind. Anders als im vorigen Gespräch mit dem Ehepaar jedoch werden in diesem Gespräch vor allem Kritikpunkte an der Matriarchatsideologie eingebracht. Einerseits, so die erste Kritik, komme die Matriarchatsforschung aus einer älteren feministischen Bewegung und würde somit auch in anderen aktuellen politischen Themen keine Berührungspunkte finden. Obwohl eine Nähe zur Natur mit der Spiritualität der Matriarchatsanhängerinnen einhergeht, wurde das Thema Klimawandel, das heute schwer zu umgehen ist, nie angesprochen. Andererseits meinen beide, dass das Matriarchat einer Utopie gleichkommen und kritisieren die Umsetzbarkeit. Obwohl sie bewundern, dass es Matriarchate gibt, erkennen sie auch, dass die Idee einer Umstürzung des Patriarchats und Einführung eines Matriarchats nur imaginativ möglich sei. Die eine der beiden scheint auch ein bisschen enttäuscht zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich wahrscheinlich ein bisschen mehr zur aktivistischen Umsetzung erhofft hat.

Ein Ideal ohne Chancen

Diese Enttäuschung und auch die Kritikpunkte kann ich nachvollziehen. Mir hat das Gespräch und die Tagung noch einmal bestätigt, dass der Dualismus von Patriarchat und Matriarchat heutzutage nicht mehr funktioniert – falls er je funktioniert hat. Nicht nur im Angesicht der neueren politisch-aktivistischen Bewegungen, sondern auch weil Patriarchate wie auch Matriarchate keine Einheit bilden können. Wenn es auf der Welt – wie die Matriarchatsforscherinnen meinen – nur wenig über 25 Matriarchate gibt, dann ist der Rest dem Patriarchat zuzuordnen. Eine Ideologie, welche die ganze restliche Welt unter ein Dach packt, führt unweigerlich zu einem Drang, sich von dieser Ideologie distanzieren zu wollen. Eine weitere Kritik, die ich geben würde, ist, dass die Matriarchatsforscherinnen uns weise machen wollen, dass unsere Kultur zeige, dass seit Adam und Eva den Frauen die Schuld gegeben wird. Dies wurde ja auch so in der Einleitung ausgesprochen. Doch ebenso, wie sie uns erklären wollen, dass das Patriarchat den Frauen für alles die Schuld gebe, so weisen sie für alles dem Patriarchat die Schuld zu. Differenzierte Meinungen, wie diejenige von Frau Hauser am Anfang der Podiumsdiskussion, werden als Folge eines verinnerlichten Patriarchats abgewinkt.

Meine Schwester, welche den ganzen Tag als Person miterlebt hat, welche keine Vorbildung im Matriarchat hat, zieht folgende Schlussfolgerung: Am Vorabend bei der Einführung zum Matriarchat sei ihr aufgefallen, wie ruhig und wohlwollend die Matriarchatsforscherinnen gesprochen hätten. Mit dieser ruhigen Stimme wollten sie wahrscheinlich das Friedvolle der Matriarchate rüberbringen. Auch wenn sie von der Idee einer Gesellschaft, in der es keinen Krieg gibt und in der man aufeinander schaut, schön finde, habe sie diese ruhige Stimme gestört, da sie einfach kein Wort verstanden habe. Dieses Schauspiel ist am nächsten Tag weitergegangen und dabei habe sich meine Schwester auch ein bisschen fremdgeschämt, als sich die Matriforum-Gründerinnen auf der Bühne umarmt haben, als wollen sie die Gutmütigkeit und Liebe des Matriarchats vorspielen. Aber meine Schwester habe sich durch diese Zurschaustellung der Liebe zueinander auch zusammenreimen können, was die Botschaft sei und was das Matriforum vermitteln wolle. Zusätzlich habe ihr Heide Göttner-Abendroths Vortrag überhaupt nicht eingeleuchtet. Erstens sei es überhaupt nicht männerfreundlich und zweitens sei dieses Ideal und die Utopie einfach nicht realistisch umsetzbar. Sie habe aber auch erkannt, dass man keine Kritik daran anbringen könne, weil man dann als vom Patriarchat «verseucht» angeschaut werde. Wahrscheinlich würde der folgende Kritikpunkt auch als Folge der Unterdrückung durch das Patriarchat interpretiert werden, aber meine Schwester liess sich von der Idee eines Matriclans nicht begeistern. Bei der Vorstellung davon würde sie sich sehr eingeschränkt fühlen. Die grösste Kritik, die sie jedoch an der Matriarchatsthematik sieht, sei dass das Matriarchat anscheinend ihre Traumwelt sei, in der LGBTQ+ Themen und das Thema Inklusion von Beeinträchtigten keinen Platz habe.  In den Worten meiner Schwester: «Es ist als würden wir Vorträge hören gehen, von Leuten, die erzählen, wie ihre Traumwelt aussehen würde.»

In dieser fehlenden Männerfreundlichkeit und in der fehlenden Aktualität dieses Ideals sehe ich auch eine grosse Chance, welche die Veranstaltenden verspielt haben. Die Tagung wurde von einigen jungen Personen besucht, davon auch Männern. Sie wäre eine Chance gewesen, mehr junge Personen, dabei auch junge Männer, die am Thema interessiert sind, ins Boot zu holen. Zusätzlich dazu, dass man als Mann in diesen Kreisen eine sehr dicke Haut haben und viel Selbstreflexion aufweisen muss, könnte der fehlende Bezug zu aktuellen politischen Themen dazu führen, dass diese jungen interessierten Männer dieser Bewegung wieder den Rücken kehren.

Kurz vor Schluss noch eine Prise Orientalismus

Des Weiteren habe ich mich während der ganzen Tagung gefragt, wieso denn keine Personen aus den erforschten Matriarchaten anwesend sind. Diese würden der Tagung als Expertinnen einen hohen Wert einräumen. Ich frage mich, ob die Gesellschaften, welche als Ideale romantisiert werden, nicht an Tagungen zum Matriarchat eingeladen werden oder wenn doch, nicht genug daran interessiert sind. Wieso könnte das sein? Während meiner Recherche zum Matriarchat ist mir aufgefallen, dass «existierende» Matriarchate im globalen Süden zwar romantisiert werden, dies aber den Orientalismus der Matriarchatsforschung aufzeigt. Ähnlich wie im Orientalismus, bei dem der «Orient» aus einer eurozentrischen Perspektive konstruiert wird, geschieht dies auch in der Matriarchatsforschung: Hier wird das «ideale Matriarchat» als ein westliches Konstrukt geformt. Im Orientalismus wird der Westen häufig als «zivilisiert» und der Orient als «mysteriös», «mystisch» oder sogar «bedrohlich» dargestellt. In der Matriarchatsforschung finden sich vergleichbare dualistische Ansätze: Der Westen wird als «patriarchalisch» und als «Herrschaftssystem» wahrgenommen, während die «existierenden» Matriarchate des globalen Südens als «spirituell» und als «Gesellschaften in Balance» idealisiert werden. Dabei spielen, wie auch im Orientalismus, ungleiche Machtverhältnisse eine entscheidende Rolle. Durch diese Konstrukte wird den idealisierten Gemeinschaften oft die Selbstbestimmung genommen. Exotisierende und manchmal auch rassistische Darstellungen entstehen, die nicht nur eine romantisierte, sondern auch eine vereinfachte und verzerrte Sicht auf diese Gesellschaften fördern. Ein zentrales Problem zeigt sich daran, dass Vertreter*innen dieser Gemeinschaften, wie nun auch bei dieser Tagung, häufig nicht aktiv in den Dialog einbezogen werden. Statt einem «Sprechen mit» bleibt es bei einem «Sprechen über». Dieses Ungleichgewicht verdeutlicht, wie sehr die Matriarchatsforschung dennoch von den Machtstrukturen und Perspektiven der westlichen Welt geprägt ist.

Ein nettes Abschlusswort

Abschliessend muss ich sagen, dass ich im Großen und Ganzen positiv überrascht bin. Da ich mich mit dem Material auseinandergesetzt habe, ist es für mich keine grosse Überraschung, wie Anhänger und Anhängerinnen die Thematik angehen und vermitteln oder in ihren Worten «über die Thematik sensibilisieren». Ich bin auch nicht überrascht zu sehen, dass unter den Matriarchatsforscherinnen oder -anhängerinnen fast schon ein «Heide-Göttner-Abendroth-Kult» herrscht – diese Formulierung stammt übrigens von einer jüngeren Matriarchatsanhängerin, welche selbst die Ausbildung zur Matriarchatsforschung absolviert hat. Überrascht bin ich jedoch von den neugierigen Teilnehmenden, welche sich neu dem Thema ausgesetzt haben und mit kritischem Ohr zugehört haben. Auch wenn sie Dankbarkeit fühlen, über das Wissen, dass es Gesellschaften gibt in denen eine matriarchale Lebensweise möglich ist, so stellen sie sich dennoch Fragen über die Umsetzung und über die Aktualität des Themas.

Alysejah Huber, November 2024

Tiefe Gemeinschaft und strikte Glaubensauslegung – ein Besuch bei der Aliança do Renovo in St. Margrethen

Vor einiger Zeit wurden wir von Relinfo auf eine brasilianische Glaubensgemeinschaft namens «Aliança do Renovo» aufmerksam gemacht. Die Gemeinschaft, deren Name ins Deutsche als «Allianz der Erneuerung» übersetzt werden kann, hat ihren Sitz in St. Margrethen, nahe dem Bodensee im Kanton St. Gallen, und hat in dieser Region innerhalb religiöser Kreise zunehmend an Bekanntheit gewonnen. Die Betonung auf «Erneuerung» weckte mein Interesse, denn eine Gemeinschaft, die ihren Mitgliedern geistige Erneuerung bietet, klingt durchaus faszinierend.

Einblicke in die Theologie der Aliança do Renovo


Noch bevor ich die Gemeinde persönlich im Gottesdienst besuchte, beschäftigte ich mich eingehender mit ihrem Glaubensbekenntnis und den Lehren, die mich dort erwarten würden. Auf der Homepage der Gemeinschaft werden nur wenige Informationen zu ihrer theologischen Überzeugung bereitgestellt. Doch die veröffentlichten Werke, wie die «Theologischen Seminare» der Gemeinschaftspastorin, Frau Akelene Walser, vermitteln einen tieferen Einblick. Nach eingehender Lektüre von Walsers Schriften ergab sich für mich folgendes Bild: Ihre Theologie ist stark verankert in konservativ-evangelikalen und charismatischen Traditionen, was sowohl Stärken als auch Herausforderungen birgt. Die Betonung auf die göttliche Inspiration der Bibel und des Heiligen Geistes gibt vielen Gläubigen Sicherheit und Orientierung. Gleichzeitig jedoch wirkt ihre häufig wortwörtliche Auslegung biblischer Texte in der modernen Gesellschaft kaum anpassungsfähig. Besonders auffällig war für mich, dass in ihren theologischen Seminaren kein Raum für alternative Interpretationen bleibt.

Nachdem ich durch die Lektüre einen ersten Eindruck von den theologischen Ansichten der Kirche gewinnen konnte, war ich gespannt, wie sich diese Lehren im Rahmen eines Gottesdienstes in der Gemeinschaft widerspiegeln würden. Der nächste Schritt bestand also darin, die Atmosphäre und die Praxis der Aliança do Renovo vor Ort selbst zu erleben und einen persönlichen Eindruck davon zu gewinnen, wie diese Gemeinschaft ihren Glauben lebt.

Willkommen und Symbolik: Der erste Eindruck der Aliança do Renovo


Nach einer langen Autofahrt nach St. Margrethen erreichte ich schliesslich die Räumlichkeiten der Aliança do Renovo, die in einem Gebäude an der Hauptstrasse liegen und sehr einfach zu finden sind. Bereits beim Betreten des Raumes nahm ich eine lebhafte Atmosphäre wahr. Viele Menschen waren in Gespräche vertieft, und die Stimmung war warm und einladend. Kaum angekommen, wurde ich von mehreren Gemeindemitgliedern angesprochen, die mich herzlich begrüssten und mich nach dem Namen fragten. Mir wurde sofort das Gefühl vermitteltet, willkommen zu sein. Besonders ein älterer Herr fiel mir auf: Er kam auf mich zu, fragte nach meinem Namen und sprach mir mit einem Lächeln einen persönlichen Segen zu: «Gott segne dich, alles wird gut in deinem Leben.» Die Herzlichkeit und das ehrliche Interesse, das mir entgegengebracht wurde, machten deutlich, wie wichtig Gemeinschaft und persönliche Nähe in dieser Glaubensgemeinschaft sind.

Die Räumlichkeiten der Gemeinschaft sind klar strukturiert: Zunächst betrat ich einen Eingangsbereich, der eine Garderobe, Toiletten sowie eine kleine Station mit Essen und Getränken bietet. Weiter ging es in den eigentlichen Gottesdienstraum. Dieser war hell und schlicht gestaltet, mit einer Holzdecke, weissen Wänden und einem hellgrauen Boden. Der Raum war mit fünf Stuhlreihen ausgestattet, die jeweils etwa zehn Stühle umfassten. In der Mitte führte ein Gang durch den Raum und teilte die Sitzreihen in zwei Seiten. Im vorderen Teil des Gottesdienstraums stand ein Tisch, der mit einem langen weissen Leinentuch bedeckt war. Darauf waren verschiedene symbolische Gegenstände arrangiert: Brot, Trauben, einige grüne Pflanzen und goldfarbene Kerzenhalter im klassischen Stil. Dazu gab es Trinkgefässe, die gemeinsam eine feierliche Atmosphäre schufen. Auf dem Leinentuch war die Aufschrift «Em memória de mim» («In Erinnerung an mich») zu lesen, mit einem Hinweis auf 1. Korinther 11:24, der die Bedeutung dieses Arrangements als Gedenkmoment an das letzte Abendmahl verdeutlichte. Im vorderen Bereich des Gottesdienstraums befand sich ausserdem ein Bildschirm, auf dem später die Liedtexte für alle sichtbar eingeblendet wurden.

Vielfalt und Eleganz

Die Zusammensetzung der Gottesdienstbesucher war vielfältig und fiel durch eine klare Dominanz von Frauen auf. Etwa 70 % der Anwesenden waren weiblich. Besonders ins Auge fiel der elegante Kleidungsstil vieler Frauen, von denen mindestens sechs in auffallend roten Anzügen oder Blazern mit Röcken erschienen. Auch die Pastorin, folgte diesem Stil und trat in einem roten Blazer mit Anzugshose auf, was ihrer Präsenz zusätzliche Autorität verlieh. Die Männer, ebenfalls schick gekleidet, unterstrichen den insgesamt feierlichen Charakter des Treffens.

Die Gemeinde bestand aus etwa 30 Personen, darunter nicht nur brasilianische Mitglieder, sondern auch spanischsprachige Menschen aus dem südamerikanischen Raum sowie zwei italienische Frauen. Zudem waren wohl einige Schweizer anwesend, die Portugiesisch verstanden – vermutlich aufgrund von familiären Verbindungen, wie brasilianischen Ehepartnern. Die Altersstruktur war breit gefächert: Neben Erwachsenen waren auch Kinder, Jugendliche und sogar Babys anwesend.

Zeugnisse der Heilung und Glaubensprüfung


Zu Beginn des Gottesdienstes traten zwei befreundete Ehepaare nach vorne, um ein gemeinsames Zeugnis abzulegen. Die Geschichte, die sie teilten, drehte sich um eine schwere gesundheitliche Krise eines der Männer, der ebenfalls vorne stand. Seine Erzählung war dramatisch und emotional aufgeladen, mit langen Pausen, die Spannung aufbauten, während er beschrieb, wie er noch vor wenigen Wochen in einer lebensbedrohlichen Situation war. Der Mann berichtete, dass er schwer an Atemproblemen und einem «geschwollenen Herzen» litt und sich sein Zustand derart verschlechterte, dass eine komplizierte Operation unausweichlich war. Dann, in der Nacht vor dem Eingriff, als er bereits im Krankenhaus lag und seine bevorstehende Operation kaum noch abwenden konnte, hatte er einen Traum: Er sah sich selbst im Paradies, eine Vision, die er mit den Worten aus der Offenbarung 22:1-3 in Verbindung brachte, die von einem Strom des Lebens und der Heilung berichten. Er beschrieb, wie lebendig alles wirkte, mit klarem und warmem Licht und einer tiefen Ruhe in der Luft, so als ob alles Schwere von ihm abfallen würde. Ihm zufolge war es ein Ort ohne Schmerz und reiner Heilung.

Am nächsten Morgen, vor der finalen Untersuchung und der geplanten Operation, geschah dann etwas, das die Gemeinde als Wunder betrachtete: Sein Herz begann plötzlich wieder normal zu schlagen, sodass die Ärzte ihm mitteilten, eine Operation sei nicht mehr notwendig. Seine Ehefrau und das befreundete Ehepaar berichteten ebenfalls aus ihrer Perspektive, wie sie diese schwierige Zeit durchlebt hatten, mit Sorgen, Gebeten und einem festen Glauben an Gottes Eingreifen.

Während die Schilderungen bewegend waren und viele Anwesende tief berührten, stellte sich für mich dennoch eine Frage: War es tatsächlich der Traum, der diese unerwartete Wendung herbeiführte? Der Mann und seine Freunde waren überzeugt, dass die Vision des Paradieses der Schlüssel zur Heilung war, doch bleibt offen, ob dieser plötzliche gesundheitliche Umschwung nicht auch andere Erklärungen haben könnte. Nur weil er den Traum hatte, wurde er geheilt? Oder war es vielleicht das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, die zusammenwirkten? Unabhängig von der Antwort bleibt jedoch eines unbestritten: Für die Gemeinde und die Beteiligten war dieses Erlebnis ein Beweis für die Kraft ihres Glaubens. Die Geschichte mag zwar unterschiedlich interpretiert werden, doch sie bleibt ein Zeugnis dessen, was für viele Menschen der Kern ihres Glaubens ist: Hoffnung in den dunkelsten Momenten und die feste Überzeugung, dass Wunder möglich sind.

Musikalische Anbetung

Nach den Zeugnissen folgte eine Zeit des Lobpreises, in der ein weibliches Gemeindemitglied zur akustischen Gitarre sang. Ihr Spiel und ihr Gesang klangen sehr schön und gefühlsvoll und schufen eine besinnliche Atmosphäre, die den Gottesdienst untermalte. Anschliessend wurden weitere Lobpreislieder gesungen. Die Texte wurden dabei auf dem Bildschirm eingeblendet, sodass alle mitsingen konnten. Hier bekam ich zum ersten Mal den Eindruck, dass es ein langer Gottesdienst werden könnte, da sich das Singen zunehmend in die Länge zog.

Strenge Auslegung und göttliche Gesetzmässigkeiten


Nach dem musikalischen Teil trat schliesslich die Pastorin Akelene Walser vor die Gemeinde. Nach der langen «Einführung» in den eigentlichen Gottesdienst war ich nun gespannt darauf, was mich erwarten würde und wie ihre Botschaft auf mich wirken würde. Sie eröffnete ihre Predigt mit einem Verweis auf Johannes 3, der Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus, in der es um die Notwendigkeit einer geistlichen Wiedergeburt geht. Der grössere Sinn dieser Passage liegt in der Betonung der Erneuerung und einer neuen Beziehung zu Gott. Diese Botschaft setzte einen feierlichen Rahmen, doch Walser ging bald über zu einer viel strengeren Auslegung.

In ihrer Predigt lag ein wiederkehrender Schwerpunkt auf der Unvereinbarkeit von Spiritualität und weltlichen Werten. Sie machte deutlich, dass ein spirituelles Leben ihrer Auffassung nach nicht ohne die strikte Einhaltung göttlicher Gebote möglich sei. Mit dem wiederholten Ausruf «Não pode!» (Darf man nicht!) unterstrich sie ihre feste Überzeugung, dass weltliche Wünsche und Verhaltensweisen einen klaren Gegensatz zur göttlichen Ordnung darstellen. Dazu verwies sie auf die 613 Gebote des Alten Testaments, die sie als Gesetz des Himmels interpretierte, deren Einhaltung unerlässlich sei, um unter der Herrschaft Jesu leben zu können. Diese Gesetzestreue sei für sie das Fundament eines gottgefälligen Lebens.

Besonders auffällig war ihre intensive und stark emotionale Vortragsweise, geprägt von einer zitternden Stimme und einer lebhaften Gestik, die ihre tiefe Überzeugung unterstreichen sollte. Manchmal verzog sie vor lauter Emotion das Gesicht, was ihr einen Ausdruck tiefer Ergriffenheit verlieh. Diese eindringliche Art schien die Ernsthaftigkeit ihrer Worte betonen zu sollen, doch mit der Zeit wirkte sie auf mich zunehmend überzogen. Die ständige Wiederholung ihrer Hauptpunkte erzeugten bei mir schliesslich den Eindruck von Redundanz. Wenn man immer wieder dieselben Aussagen betont und vor einem Publikum spricht, das die Meinung teilt und seine Zustimmung lautstark äussert, entsteht schnell eine Art «Überdosis» an Emotion, die auf mich ermüdend wirkte. Am Ende fiel es mir schwer, klar zwischen dem Ausdruck und dem eigentlichen Inhalt ihrer Botschaft zu unterscheiden, nicht zuletzt, weil ihre Predigt sich über eine Dreiviertelstunde erstreckte. Während ihrer Predigt verwendete sie ausserdem die Zungenrede, was sie auch in ihren theologischen Seminaren als zentralen Ausdruck des Heiligen Geistes betont hatte. Die Einbindung dieser Redeweise überraschte mich daher nicht.

Sie sprach schliesslich davon, dass man den Himmel nicht auf beliebige Weise erreichen könne und dass menschliche Fehler zwar unvermeidbar seien, jedoch kein Freifahrtschein für Fehltritte. Ihr Appell, monotheistische Prinzipien als einzigen Weg zur Erlösung anzunehmen, liess wenig Spielraum für alternative Glaubensformen, die sie – wie bereits in ihren theologischen Seminaren betont – als unvereinbar mit der Wahrheit ansah. Dies machte sich besonders deutlich, als sie Passagen aus dem Buch Ezechiel zitierte, mit dem Hinweis, dass niemand der göttlichen Gerechtigkeit entkommen könne. Auch die Taufe erwähnte sie, die sie als spirituellen Neubeginn und als Weg zur Reinigung von Sünden darstellte.

Insgesamt hinterliess ihre Predigt einen klaren Eindruck: die Gemeinde hat eine eindeutige und oft strikte Auslegung christlicher Lehre. Diese eng gefasste Perspektive sorgte für eine spannungsgeladene Atmosphäre und vermittelte mir persönlich einen Eindruck, der gleichermassen von ihrer tiefen Überzeugung wie auch von einer gewissen Starrheit geprägt war.

Ein Abschied in Herzlichkeit

Alles in allem dauerte der Gottesdienst etwas über zwei Stunden. Zwischendurch wurde nochmals mehrfach gesungen, und es folgte die symbolische Verteilung von ungesäuertem Brot. Auch Offerten wurden eingesammelt, um die Gemeinde zu unterstützen.

Nach dem Gottesdienst kamen einige Gemeindemitglieder auf mich zu und fragten interessiert nach meinen Kontaktinformationen. Die Menschen hier waren aussergewöhnlich offen und herzlich, und auch Akelene Walser nahm sich Zeit für eine freundliche Begrüssung. Schon in unserem kurzen Gespräch wirkte sie auf mich sehr herzlich, und ich zweifle nicht daran, dass sie dies auch im Umgang mit anderen ist. Schliesslich schlug eine Frau aus der Gemeinde vor, dass die Pastorin mir ein persönliches Gebet und einen Segen geben könnte. Es war eine spontane und respektvolle Geste, die ich annahm – auch aus Höflichkeit, da ich die Herzlichkeit der Menschen schätzte und nicht unfreundlich wirken wollte. So liess ich das persönliche Gebet und den Segen zu und betrachtete diesen Moment als Teil der Erfahrung. Zum Abschluss erhielt ich eine Einladung, noch länger zu bleiben und weiter mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen. Mit einem dankenden Lächeln lehnte ich jedoch ab und machte mich schliesslich auf den Heimweg.

Schlussfolgerung

Der Besuch bei der Aliança do Renovo bot mir eine Kombination aus tiefer Gemeinschaft und strikter Glaubensauslegung. Die Atmosphäre war geprägt von Herzlichkeit und einem deutlichen Gemeinschaftsgefühl, das sich in der Offenheit der Gemeindemitglieder ebenso wie in den symbolischen Momenten des Gottesdienstes widerspiegelte. Die Geste, mich nach dem Gottesdienst in Gespräche zu verwickeln und mir einen persönlichen Segen anzubieten, zeigte, wie wichtig die persönliche Nähe und Verbundenheit in dieser Gemeinschaft sind.

Gleichzeitig verfolgte die Gemeinde eine sehr klare und in gewisser Weise starre theologische Linie, die auf tiefen Überzeugungen und einer konservativ-evangelikalen Interpretation der Bibel basiert. Besonders durch die Predigt der Pastorin wurde deutlich, wie stark hier das Prinzip der Trennung von göttlicher und weltlicher Ordnung vertreten wird. Die ständige Betonung der göttlichen Gebote und die Zungenrede verdeutlichten eine Haltung, die von starkem Engagement und einer strikten Gesetzestreue geprägt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Aliança do Renovo bietet ihren Mitgliedern eine enge Gemeinschaft und spirituelle Heimat, doch ihr strikter Weg erfordert von den Gläubigen ein tiefes Mass an Hingabe und die Bereitschaft, die strenge Glaubensauslegung kompromisslos zu leben. Dies mag für einige eine klare Orientierung bieten, während es für andere, die nach einem flexibleren Zugang zum Glauben suchen, eine Herausforderung darstellt.

Laura Meyer, Oktober 2024

Lexikoneintrag Ministério Aliança do Renovo

Christina von Dreien zurück auf der Bühne: Ein irritierendes Wiedersehen

Am 8. September 2024 trat die im ganzen deutschen Sprachraum bekannte Ostschweizer Esoterikerin Christina von Dreien erstmals seit der Corona-Pandemie wieder im Rahmen eines Tagesseminars auf. Wir haben die Veranstaltung im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen besucht – und waren erschüttert.

Vor Corona hat Christina von Dreien etliche Tagesseminare durchgeführt, die z.T. bis zu 1’000 Teilnehmende zählten und mit Eintrittspreisen für über 22jährige von 180.- bis 190.- Franken für Christinas Firma «Christina von Dreien GmbH» recht einträglich gewesen sein dürften. Während Corona hat Christina von Dreien Webinare angeboten, die sie «Love Streams» nannte. Die «Love Streams» dauerten typischerweise zweieinhalb Stunden und kosteten Fr. 45.- Eintritt. Mit mehreren Tausend Teilnehmenden dürften auch die «Love Streams» sich als Geldströme in den Kassen der «Christina von Dreien GmbH» bemerkbar gemacht haben. Dieses Jahr hat Christina von Dreien zudem ihre «Vertiefungsgruppe» begründet, die für eine monatliche Abonnementsgebühr von Fr. 15.- gemeinsame Meditationen und einmal im Monat einen Austausch mit Christina offeriert. Die Zahl der Teilnehmenden ist nicht bekannt, dürfte aber um die 1’000 Personen betragen.

Auf den 8. September 2024 hin wurde nun erstmals seit Corona wieder ein Tagesseminar angekündigt, veranstaltet im Hugo-Eckener-Saal des Graf-Zeppelin-Hauses in Friedrichshafen. Anwesend waren rund 300 Personen, vorwiegend mittlere und vor allem ältere Semester, der Median des Publikums dürfte irgendwo um die 60 Jahre herum gelegen sein, vielleicht ein wenig darunter, vielleicht auch etwas darüber. Der Zulauf blieb offensichtlich unter den Erwartungen, der Saal hätte problemlos nochmals so viele Menschen aufnehmen können.

Gut erkennbar waren die Teilnehmenden, die zu Christinas von Dreien Vertiefungsgruppe gehörten, diese erhielten nämlich ein orangefarbenes Armband, nicht ein violettes wie die Outsider. Rund zwei Drittel der Anwesenden, mithin ca. 200 Personen, gehörten zur Vertiefungsgruppe. Diese Beobachtung erlaubt eine Schätzung der Gesamtzahl der Teilnehmenden der Gruppe auf ca. 1’000 Menschen.

Christina von Dreien: ein trauriger Anblick

Christina von Dreien betrat die Bühne in Begleitung ihrer Managerin Nicola Good, die aber explizit keine Managerin sein will, sondern «Gute Fee» und «beste Freundin». Als Christina von Dreien sich hinsetzte und auf die Aufforderung ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» das Wort an das Publikum richtete, waren wir geschockt. Christina hat sich in einer für uns erschreckenden Art und Weise verändert. Sie hockte auf ihrem Stuhl wie ein kleines Kind und sprach mit einer Fistelstimme, die unsicher und verloren wirkte.

Als wir Christina von Dreien das erste Mal sahen, machte sie einen komplett anderen, gesünderen, viel dynamischeren Eindruck. Es war im Januar 2018, der Hype um die damals noch 16jährige Christina von Dreien war gerade richtig ausgebrochen, als sie im Zürcher Volkshaus auftrat, im mit 300 Leuten vollgepackten Weissen Saal. Damals wurde Christina noch nicht von ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» Nicola Good begleitet, sondern von ihrer Mutter Bernadette von Dreien. Diese sass aber nicht, wie es heute die «Gute Fee» macht, mit Christina auf dem Podium, sondern stand an der Rückwand des Raums. Interviewt wurde Christina von Emmanuel Steiger, der damals noch für die Quelle Bern arbeitete, um später zur im April 2018 gegründeten «Christina von Dreien GmbH» zu wechseln.

Christina bezauberte ihr Publikum mit ihrer frischen, lebendigen, dynamischen Ausstrahlung. Ihre schon damals hohe Stimme war kräftig, ihr Sprechtempo fliessend, ihre Gedankengänge manchmal originell, manchmal etwas eigenwillig, aber immer überraschend schnell. Ihr Verhalten war für eine 16jährige junge Frau sehr passend, eher etwas frühreif – oder altklug, je nachdem, wie man will (da wir bei Relinfo sehr oft mit 16jährigen jungen Menschen arbeiten, kennen wir dieses Alter recht gut). Das Publikum war beeindruckt von der Freude und Unbefangenheit, mit welcher Christina vor ihrem Publikum sprach. Unterschiedlich beantwortet wurde die Frage, wie neu Christinas Botschaften seien.

Das nächste Mal sahen wir Christina von Dreien live im August 2020 in Bern, nach dem ersten Lockdown, im seinerzeitigen provisorischen Nationalratssaal auf dem Gelände der BernExpo. Christina war damals 19 Jahre alt und schon seit gut einem Jahr nicht mehr mit ihrer Mutter unterwegs, sondern mit ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» Nicola Good. Mit dieser zusammen sass sie auch auf dem Podium. Christina nahmen wir immer noch als dynamisch wahr, aber nicht mehr verspielt und unbefangen, sondern sehr ernst. Trotzdem wirkte sie auf uns nicht etwa älter als im Januar 2018, sondern so, wie wenn ihre Entwicklung stehen geblieben wäre. Sie verhielt sich in unseren Augen nicht so, wie es 19jährige erwachsene junge Frauen sonst tun. Sie schien immer noch die Jugendliche zu geben. Meine Frau und ich fragten uns, ob dies die Auswirkung der Rolle sei, die sie als Christina von Dreien nun eben einnimmt, und ob sie vielleicht als Christina Meier daneben ein Leben als normale 19jährige junge Frau führt. Inzwischen wissen wir, dass das nicht so war.

Im September 2024 in Friedrichshafen wirkt Christina von Dreien auf uns nicht mehr wie eine Sechzehnjährige. Ihr Sprechtempo hat sich verlangsamt, die hohe Stimme fistelt vor sich hin, ihr Verhalten scheint retardiert. «Auf mich wirkt sie wie eine Neunjährige», meinte eine Userin zum Werbevideo für die Veranstaltung, das Christina von Dreien zusammen mit Norbert Brakenwagen für den Time-to-Do-Nachfolgesender Zen7 abgedreht hat. Wir können der Userin nicht widersprechen. Noch schockierender dünkt uns aber Christinas Stimmung: Wirkte sie 2018 verspielt und munter, im Jahr 2020 dagegen ernst, so kommt sie uns heute ziemlich traurig vor. «Sie wirkt von Mal zu Mal lethargischer», meint eine andere Userin zum selben Video. Wir können auch dieser Beobachterin nicht widersprechen.

Bei Relinfo arbeiten neben anderen auch insgesamt drei junge Frauen mit, die im selben Jahr geboren wurden wie Christina von Dreien, nämlich 2001. Die eine studiert an der Uni Zürich das Zukunftsfach Computerlinguistik und ist daneben politisch aktiv. Die zweite macht an der PH Zürich das Studium zur Primarlehrerin, was angesichts des Lehrendenmangels super ist. Die dritte ist an der ETH Zürich im Masterstudium Umweltnaturwissenschaften, auch dies eine Zukunftsdisziplin. Alle drei sind sie ausgesprochen dynamisch und engagiert. Und alle wirken sie wie 23jährige Frauen. Wenn wir da im direkten Vergleich die 23jährige Christina von Dreien vor uns auf der Bühne betrachten, dann sind wir schlicht erschüttert.

Bisher hat sich unser Mitleid mit Christina von Dreien in Grenzen gehalten, hat sie doch mit ihrer Botschaft sehr gut verdient, und anlässlich ihres 18. Geburtstags im April 2019 hat sie dem Vernehmen nach ihre Mutter, die sie aufgebaut hat und der sie alles verdankt, ziemlich kalt abserviert, um zu ihrer «Guten Fee» und «besten Freundin» Nicola Good zu wechseln.

Wie wir Christina nun auf der Bühne sehen, wie sie auf uns unerwachsen, erschöpft und traurig wirkt, so tut sie uns unglaublich leid, und wir fragen uns, ob wir ihr alle wirklich guttun. Ist es für Christina immer noch o.k., vom Publikum als grosse Weisheitslehrerin verehrt zu werden, oder blockiert sie diese Rolle zusehends? Kann Christina damit umgehen, dass Beobachtende der spirituellen Szene wie Relinfo ihre öffentliche Wirksamkeit kritisch begleiten? Und – last but not least – handelt Nicola Good wirklich so, wie es eine «Gute Fee» und «beste Freundin» tun sollte? Sieht sie die Veränderung von Christina nicht?

Die «Gute Fee» wird bejubelt

Irritierend war für uns der Augenblick, als Christinas Verlegerin auf der Bühne Nicola Good dankte für alles, was sie für Christina tut, und das Publikum mit einer minutenlangen Standing Ovation und Jubelrufen reagierte. Christina von Dreien selbst wurde weit weniger intensiv applaudiert. Ich erinnerte mich in diesem Augenblick an Gemeinschaften, bei welchen sich die Leitungsperson ein Medium hielt, das die Botschaften der Leitung zu verkünden hatte. So waren etwa die «Guerrieri della luce» in Mailand organisiert, bei welchen die Moderatorin Michelle Hunziker jahrelang dabei war, oder auch die «Lichtoase» in Belize, über welche Lea Laasner zusammen mit Hugo Stamm ein vielbeachtetes Buch schrieb. Wir wollen nicht hoffen, dass sich die Bewegung um Christina von Dreien in eine solche Richtung entwickelt.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung begleitete uns die Frage, weshalb Christina von Dreien auf uns so erschöpft und traurig wirkte.

Pech mit Voraussagen?

Auffällig ist, dass Christina von Dreien mit Prognosen vorsichtig geworden ist. Früher war sie ziemlich voraussagefreudig, sammelte damit aber auch Nieten ein.

So behauptete sie etwa ums Jahr 2015 herum, dass sie selbst eine Vorläuferin einer neuen, spirituelleren Generation sei, die sich zurzeit – 2015 – noch in den Schulen befinde. Spirituell wissende Kinder, wie sie selbst es sei, würden alsbald reichlich auftreten. Inzwischen kann gesagt werden, dass diese Erwartung nicht eintraf. Nach Christina von Dreien ist bisher keine weitere jugendliche spirituelle Person in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Und die heutigen jungen Erwachsenen sind keinesfalls im Durchschnitt spiritueller als ihre Elterngeneration, die religionssoziologische Forschung belegt vielmehr das Gegenteil.

Im Mai 2019 warnte Christina von Dreien in einem Aufruf vor dem damals neuen Mobilfunk-Standard 5G: «5G ist eine Gefahr für alles Leben auf diesem Planeten. Es zerstört z.B. auch das Immunsystem der Bäume, so dass diese alle absterben.» Inzwischen ist klar, dass dies nicht zutrifft. 5G funktioniert in der Schweiz schon in grossen Gebieten, die aber keinesfalls entlaubt oder entwaldet wären, wie das nach Christinas von Dreien Voraussage der Fall sein müsste. Inzwischen benutzen viele spirituelle Menschen selbst 5G.

Im August 2020, nach dem ersten Lockdown, warnte Christina von Dreien vor einem zweiten, «schlimmeren» und «verrückteren» Lockdown, bei welchem «mehr geschlossen» sein werde und «andere verrückte Dinge» laufen würden. Und sie riet dazu, sicherheitshalber Vorräte anzulegen. Zudem verbreitete sie die Hoffnung, dass die kommenden «verrückten Dinge» in den Aufstieg in die fünfte Dimension münden würden, dass also nach den Turbulenzen ein paradiesischer Zustand eintreten werde. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt, die empfohlene Vorratshaltung war unnötig.

Im April 2021 meinte Christina von Dreien in ihrem Love Stream 3 zum Thema der Covid-Impfungen: «Ich glaub, dass einer der Gründe, warum diese Impfungen gemacht werden, der ist, dass man die Menschen von ihrer Seele abtrennen will.» Inzwischen ist nichts geschehen, was diese Ankündigung irgendwie plausibel gemacht hätte.

Angesichts dieser Reihe von Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben, ist wenig erstaunlich, dass sich Christinas von Dreien Anhängendenschaft reduziert hat. Könnte es sein, dass auch Christina selbst mittlerweile an sich zweifelt, und dass sie das belastet?

Widerspruch für ihre eigenen Theorien?

Zum Tagesseminar in Friedrichshafen eingeladen war auch der niederländische Spirituelle Tijn Touber, der mit Christina von Dreien schon seit ein paar Jahren verbunden ist. Tijn Touber war mal Rockmusiker. Die schüttere Mähne, zu welcher sich die verbliebenen Kopfhaare versammeln, erinnert noch daran. Beim Frühstück im Hotel war er von älteren Damen umgeben – vielleicht die Groupies des Alt-Rockers? Insgesamt erinnerte die Szene weniger an wilde Tournee-Zeiten, sondern eher an den Speisesaal einer Seniorenresidenz.

Tijn Touber präsentierte sein neues Buch «Time Bender und die Rebellion der Anika Laroo», das von Verschwörungstheorien nur so strotzt. Es soll auf dieser Website nächstens in einer Besprechung detaillierter gewürdigt werden. Das Werk ist in Romanform gehalten, soll aber Tatsachen beschreiben. Nicola Good empfahl das Buch ausdrücklich, um es Menschen weiterzugeben, die «noch nicht erwacht sind», d.h. den Verschwörungstheorien, die Good und Touber propagieren, kritisch gegenüberstehen. Wenn die Beschenkten dann anbeissen, haben sie Gelegenheit «zu erwachen». Lehnen sie die Theorien des Buches ab und «schlafen weiter», dann war es ja nur ein Roman…

Der Inhalt des Buches ist wenig originell, Touber verwurstet Verschwörungstheorien von anderswoher und würzt sie, ganz dem Alt-Rocker-Clichée entsprechend, mit sexuellen Geschichten. Allein schon dadurch ergibt sich ein deutlicher Unterschied zu Christina von Dreien, die niemals mit sexuellen Inhalten aufgefallen ist, ganz im Gegenteil, für die kommende fünfte Dimension sah sie die Zeugung von Kindern durch «göttliches Licht» ohne Sex voraus. Da drängt sich uns die Frage auf: Wie wohl kann sich Christina von Dreien fühlen neben einem alternden Mann, der seine Sexualität literarisch spazieren führt und sich offenbar von Frauen umschwärmen lässt?

Eine Quelle des Werks von Touber wird am Tagesseminar in Friedrichshafen explizit erwähnt: Es sind die Botschaften, welche die Polin Malgorzata Duszak verbreitet, und die angeblich von Ausserirdischen aus dem System des Plejaden-Sterns Taygeta stammen. Gosia Duszak nennt ihre Organisation «Cosmic Agency», aber auf der Szene sind die Botschaften eher unter dem Namen des angeblichen Ursprungs-Sternsystems Taygeta bekannt. Die Taygetanerinnen und Taygetaner erscheinen auf der Website von Duszak als KI-generierte Bilder perfekt schöner junger Frauen und etwas älterer Männer. Deutlich wird ein offensichtlicher Rassismus: Die Diversität in Taygeta ist null, alle Taygetanerinnen und Taygetaner haben ein traditionell mitteleuropäisches Aussehen. Angeblich komme dies davon, dass sie mit den nordischen Menschen verwandt seien, eine Erklärung, die den Rassismus der Sache eher unterstreicht als relativiert.

Die Taygetanerinnen und Taygetaner verbreiten recht irdische Verschwörungstheorien, offenbar hat Gosia Duszak die Werke des britischen Verschwörungserzählers und Reptiloiden-Erfinders David Icke intensiv studiert. Eine Theorie von Icke besteht darin, dass die Bibel eine bewusste Fälschung durch die Römer sei. Diese Behauptung findet sich auch im Werk von Tijn Touber wieder.

Damit aber entstehen erhebliche Spannungen zu Aussagen, die Christina von Dreien früher gemacht hat. So behauptete sie im ersten Christina-Band, dass sie ihrer Religionslehrerin jeweils erzählt habe, wie sich die biblischen Geschichten wirklich zugetragen hätten. Wenn die biblischen Geschichten aber eine Erfindung römischer Schriftsteller waren, gibt es keine Basis für korrigierte biblische Geschichten. Dann wäre alles nur Quatsch, auch das, was Christina von Dreien damals ihrer Religionslehrerin erzählte.

Im zweiten Band der Christina-Buchreihe wird Christina zitiert mit den Worten: «Jesus hat ursprünglich den Menschen die universelle göttliche Wahrheit vermittelt. Die Niederschriften seiner Lehren wurden jedoch etwa ab dem Jahr 550 n. Chr. durch dunkle Mächte entweder vernichtet oder massiv verändert. Darin enthalten waren zum Beispiel Ausführungen zum Verständnis des Jenseits und der feinstofflichen Realitäten.» (Band 2 s. 87). Wenn Jesus aber eine Erfindung der Römer war, dann hat er nichts vermittelt, und seine Botschaft konnte auch nicht ab dem Jahr 550 n. Chr. verfälscht werden. Da geht so einiges überhaupt nicht auf.

Als Nicola Good nach Tijn Toubers Ausführungen Christina von Dreien fragte, ob sie mit irgendwelchen Inhalten im Buch von Tijn Touber nicht übereinstimme, hätte Christina diese und zahlreiche andere Punkte einbringen sollen, wenn sie ihrer eigenen Botschaft und Sendung vertraut. Stattdessen äusserte sie nur ein schüchternes: «Ich weiss gerade nicht…». Auch hier war Christina von Dreien nur noch ein schwacher Abglanz ihrer besten Tage, als sie sich noch mit sichtlichem Spass in Diskussionen begab und Anfragenden auch heftig widersprechen konnte.

Angst vor bösen Geistern?

Am Tagesseminar in Friedrichshafen erhielt auch Antonio Miceli das Wort. Ganz in Schwarz gekleidet berichtete er davon, dass er im Kampf gegen böse Geister engagiert sei. Auf seiner Website ist zu erfahren, dass Miceli Exorzismen anbietet. Er darf also als Exorzist bezeichnet werden. Miceli führt alle möglichen Probleme auf die Einwirkung von bösen Mächten zurück und macht sich anheischig, diese verscheuchen zu können.

Christina von Dreien wurde schon länger der Vorwurf gemacht, mit ihrer Betonung von Verschwörungstheorien sich zu sehr auf Negatives zu konzentrieren. Einen Exorzisten einzuladen geht aber noch einen happigen Schritt weiter. Wieviel Unheil es anrichten kann, wenn Menschen die Dinge, die ihnen widerfahren, als Einfluss von bösen Geistern deuten, erleben wir bei Relinfo immer wieder. Nicht umsonst ist der Exorzismus unter den spirituellen Praktiken eine der gefährlichsten, auch in der Schweiz ist es in diesem Zusammenhang immer wieder zu psychischen Belastungen und gelegentlich auch zu Todesfällen gekommen. Aktuell bekannt wurde der Fall eines süddeutschen freikirchlichen Jungexorzisten, der in einer Gemeinde in Basel eine junge Frau derart massiv exorzierte, dass diese nachher psychotherapeutische Behandlung benötigte. Mit Exorzismus ist nicht zu spassen. Dass Christina von Dreien – oder eher ihre «Gute Fee» Nicola Good? – einen Exorzisten auf die Bühne lässt, ist in meinen Augen kein gutes Zeichen, besonders nicht für die Entwicklung, welche die Bewegung um Christina von Dreien nehmen könnte.

Schwindender Erfolg beim Publikum?

Schon durch die Teilnehmendenzahl am Tagesseminar in Friedrichshafen wurde deutlich, dass sich Christinas von Dreien Anhangendenschaft reduziert hat. Dieses Faktum wurde auch thematisiert: «Viele sind wieder eingeschlafen», d.h. sie haben von den Verschwörungstheorien, die von Christina von Dreien und Nicola Good vertreten werden, wieder Abstand genommen.

Für Verschwörungsgläubige ist die Welt in den letzten drei Jahren nicht einfacher geworden, denn vieles, was sie erwartet haben, ist nicht eingetreten: die gegen Covid Geimpften sind nicht in Massen gestorben, nicht sofort, auch nicht nach einem Jahr, noch nach zwei, noch nach drei Jahren. Dass es «nie wieder wird wie vorher», wie Christina von Dreien während der Pandemie nicht müde wurde zu wiederholen, kann so auch nicht gesagt werden. Insgesamt fühlt sich das Leben für die meisten Menschen wieder sehr so an wie vor Corona.

Nicht hingegen für die Menschen, die immer noch an Verschwörungstheorien glauben. Aus ihrer Sicht ist die Normalität nur vorgetäuscht, und alsbald wird eine schlimme Krise eintreten, die dann dem Umschwung in eine paradiesische Zeit den Weg bereitet. Je länger aber sich diese Erwartungen verzögern, desto mehr Menschen distanzieren sich von diesen Hoffnungen. Sie sind im Wortgebrauch von Christina von Dreien «wieder eingeschlafen». Ist Christina von Dreien möglicherweise frustriert, weil ihr Plan, eine wachsende Zahl von Menschen zum «Erwachen» anzuleiten, so nicht aufzugehen scheint?

Kaum Zuspruch von der eigenen Generation?

Die Veranstaltung in Friedrichshafen belegte wieder einmal schlagend, dass Christina von Dreien bei ihrer eigenen Generation nicht durchdringt. Die Menge der jungen Erwachsenen im Publikum konnte an zwei Händen abgezählt werden. Dazu gehörten zwei Mitarbeitende des Time-to-Do-Nachfolgesenders Zen7, die das Geschehen aufzeichneten und in den Pausen Interviews mit Teilnehmenden machten. Eine der beiden Journalistinnen stellte eine Frage, welche den Graben zwischen der alternden Ex-New-Age- und späteren Esoterik-Generation auf der einen und der Nachwuchs-Spiritualität, wie sie in Social Media, insbesondere bei Tiktok gedeiht, auf der anderen Seite in voller Breite aufriss: Während Nicola Good und Alt-Rocker Tijn Touber von allerlei Verschwörungen, angeblichen Verfolgungen und der Hoffnung auf eine paradiesische Zeit schwadronierten, beschäftigte sich die Frage der Journalistin mit dem Positiven Denken, wie es derzeit unter jungen Spirituellen in allen möglichen Formen wie Manifestationen, Affirmationen und Visualisierungen sehr trendy ist, und nicht den Weg in eine andere Welt, sondern eine Verbesserung des Lebens in dieser Welt ermöglichen will.

Und ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich Christina von Dreien etwas mehr Positives Denken wünsche. Als 23jährige junge Frau wird sie noch Pläne haben, Ziele, die sie in ihrem Leben erreichen möchte. Für ein alterndes Publikum das weise Kind zu geben, das kann’s ja nicht gewesen sein. Und vielleicht sollte Christina sich diejenige Frage stellen, die vielen Beobachtenden auf der Zunge brennt: Kann eine 63jährige Frau die «beste Freundin» einer 23jährigen Frau sein?

Georg Schmid, Oktober 2024

Mein Besuch bei der Christian Fellowship Bern (CF Bern)

Bereits als ich die Stufen zum Kirchengebäude erklimme, in dem der Mittwochsabend-Gottesdienst stattfinden wird, werde ich herzlich begrüsst. Mehrere Menschen stehen neben der Eingangstüre. Als sie mich erblicken, werde ich direkt von ihnen angesprochen: «Bist du das erste Mal hier?» fragt mich eine junge Frau. Nacheinander strecken sie mir ihre Hände entgegen um mich einzeln begrüssen und sich vorstellen zu können. Nach kurzem Smalltalk betrete ich das Kirchengebäude. Es ist eine reformierte Kirche, eher klein, mit holzverkleideten Wänden und einer etwas klobigen Kanzel aus hellem Holz die auf einer Bühne steht. Ich erfahre später von einem Mitglied der Gemeinde, dass der Gottesdienst nur als Zwischenlösung in der reformierten Kirche stattfinden würde. Die Gemeinde plane ein eigenes Gebäude für ihre Gottesdienste und andere Community-Events bauen zu lassen. Es gestalte sich momentan jedoch etwas schwierig mit einer Bewilligung für das Bauvorhaben.

Als ich eintrete, stehen einige Leute schwatzend zwischen den Stühlen, die für den Gottesdienst aufgestellt wurden. Einige heben den Kopf und treten zu mir um mich ebenfalls mit einem Händeschütteln zu begrüssen. Es sind nur wenige Leute da – ich zähle ungefähr 18 Personen. Als einzige unbekannte Person, falle ich auf. Der Altersdurchschnitt ist eher tief, die Meisten schätze ich zwischen 20-35 Jahre. Ich setze mich in die zweithinterste Reihe und frage mich, ob noch mehr Menschen kommen werden.

In der Mitte der Bühne steht ein kleiner Altar, ein junger Mann stellt sich soeben davor und ergreift das Mikrofon. Rechts von ihm bereiten sich zwei Frauen auf ihre musikalische Darbietung während des Gottesdienstes vor. Es werden verschiedene Instrumente aufgestellt, eine Person sitzt bereits am Schlagzeug, während eine andere einige Knöpfe auf den blinkenden Armaturen des Soundsystems drückt. 

«There’s gonna be a revival in the land!»

Ein Mann welcher mich bereits zu Beginn angesprochen hat, hat sich unterdessen neben mich gesetzt. Etwas nach 19:00 beginnt schliesslich der Gottesdienst. Ohne grosse Worte der Begrüssung oder Einleitung beginnen wir zu singen. Der junge Mann, kündigt jeweils das Lied auf Englisch an, worauf die Musik eingespielt und von den Instrumenten sowie den beiden Leadsängerinnen auf der Bühne begleitet wird. Die Menschen wippen und klatschen im Rhythmus der Musik, stehen auf und singen lautstark mit. Auch für mich als Newcomerin ist es möglich mich halbsingend, halbsummend an der musikalischen Einlage zu beteiligen, denn die Liedtexte werden an die Wand projiziert. Zu Beginn singen wir einige englische Lieder wie «There’s gonna be a revival in the land» und gehen dann zu deutschen Songtexten über. Ab und zu wird auch einmal ein «Amen» oder ein «Hallelujah» (beides mit englischer Betonung)  dazwischengerufen. Es herrscht allgemein eine lockere und fröhliche Stimmung.

Nach einer knappen Viertelstunde singen wird letzte Lied zu Ende. Es wird ein QR-Code an die Wand projiziert und ein Körbchen wandert durch die Stuhlreihen – niemand wirft etwas in den Behälter oder scannt den Twint-Code. Dann ist die «Zeit zum Geben» auch schon vorbei und es wird zum Gebet übergegangen. Dieses ist von einem lauten Stimmengewirr begleitet, da alle Person ihre Gebete laut vor sich hinsprechen. Mit dem Ergreifen des Mikrofons beendet der Pastor das Gebet. Er erklärt das bevorstehende Programm und es werden Daten von zukünftigen Gottesdiensten und Auslandreisen eingeblendet. Darunter eine nach Spanien für die «Healing Crusades»und ein weiterer Event der «Memorial Stones» heisst. Es wird kurz auf die Wichtigkeit der Kirche hingewiesen und man gedenkt anderen Gemeinden, im Besonderen der Gemeinde Biel, deren Wachstum man sich wünscht.

Die Errettung der verlorenen Schafe

Nun beginnt die Predigt. Alles was der Pastor sagt, wird von einem jungen Mann, der sein Sohn ist, simultan ins Englische übersetzt. Dadurch ist die Predigt von Lebendigkeit geprägt, zeitweise aber auch etwas sprunghaft. Es wird schnell und intensiv gesprochen, manchmal überlappen sich Sätze des Pastors mit der Übersetzung.

Die Predigt beginnt mit einer persönlichen Geschichte: Er sei kürzlich mit seinem Auto durch die Gegend gefahren und habe eine Herde Schafe gesehen. Diese habe ihn an die Geschichte des «Verlorenen Schafs», des «lost sheep» erinnert (Lukas 15, 1-7). Er erzählt von Jesus der sich mit Sündern und Betrügern abgegeben habe. Wie die «Religiösen» (gemeint sind die Pharisäer und Leviten), Jesus verächtlich gefragt hätten, warum er es zuliesse, dass diese sündigen und betrügenden Menschen seinem Wort lauschen dürfen. Jesus  habe ihnen geantwortet, zitiert der Pastor «Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?» (Lukas 15:4). Immer wieder wird die Predigt unterbrochen, denn die schnelle Simultanübersetzung führt hie und da zu erheiternden Versprechern, die die Besucher*innen zum Lachen bringen. Die Predigt ist locker und dynamisch. Spontane Zwischenrufe tauchen immer wieder auf. Mein Sitznachbar erzählt mir immer wieder Anekdoten aus seinem Leben, sodass es mir manchmal schwer fällt der Predigt zu folgen.

Das Narrativ des verlorenen Schafs und des «Gefundenwerdens» zieht sich durch die ganze Predigt wie ein roter Faden. In der Schweiz seien alle gut gekleidet und lebten im Wohlstand, erzählt der Pastor weiter. Doch wieviele würden in Sünde leben, in Süchten und Abhängigkeiten? Viele dieser Menschen seien verloren und unglücklich? Die Menschen seien wie verlorene Schafe, die durch einen Hirten und den Glauben gerettet werden können. Immer wieder wird betont, dass die Menschen nicht perfekt, nicht ohne Sünden sein müssten, um zu Gott zu kommen. Wenn die verlorenen Menschen von Jesus gefunden werden wollen, würden sie auch gefunden werden. Wenn man jedoch nicht gefunden werden wolle, dann würde Jesus einem auch nicht finden und, man bliebe verloren. Auch das Narrativ der Errettung ist ein Themenfokus des Gottesdienstes. Dazu erzählt der Pastor die Geschichte des Barmherzigen Samariters (Lukas 10:25-37). Wie «die Religiösen» an dem überfallenen und am Boden liegenden Mann, vorbeigingen und statt ihm zu helfen, in die Kirche beten gehen würden. Die Ironie des Gesagten, dass Beten wichtiger sein könnte als jemandem in Not zu helfen, löst ein belustigtes Gelächter aus. Die Herberge, in die der Samariter schliesslich den Mann in Not bringt, sei die Kirche, erklärt er. Diese sei der Ort an dem die Erretteten hingehen können, um zu heilen.

Abschliessend, wird nochmals ein Gebet angekündigt.  Wir senken die Köpfe und hören auf die Worte des Pastors: «Wenn du bist wie ein verlorenes Schaf, wenn du dich fühlst wie ein verlorenes Schaf, und den Weg gehen willst, dann gib mir ein Zeichen. Hebe kurz deine Hand für mich!». Niemand hebt die Hand. Die Worte «Gib mir ein Zeichen», werden mehrmals wiederholt, ohne entsprechende Reaktion. Als auch nach mehrmaliger Aufforderung, niemand die Hand hebt, schliesst er diejenigen in seinen Aufruf mit ein, die bereits ihren Weg gefunden haben, und sich trotzdem manchmal verloren fühlen. Die Besuchenden gehen nun ins individuelle Gebet über. Jemand steht auf, um für musikalische Untermalung der Gebete zu sorgen. Mein Sitznachbar fragt mich ob ich beten möchte. Ich frage nach, was das genau bedeuten würde. Dass ich nicht genau wüsste wie man betet. Er meint er könnte mir vorsprechen, und ich könnte wiederholen was er sagen würde. Ich frage nach wofür wir beten würden: «Für andere Menschen?», frage ich. Er meint, dass es darum ginge, Jesus in mein Herz zu lassen. Daraufhin erkläre ich, dass ich nicht an Jesus Christus als Gottes Sohn glaube und ich daher dieses Gebet lieber nicht machen möchte. Er reagiert gelassen, und meint, dass solche Dinge ihre Zeit bräuchten. Wir widmen uns anderen Gesprächsthemen.

Die Predigt wird kurz darauf beendet und es wird nochmals auf weitere Gottesdienste und Anlässe hingewiesen. Ich bleibe noch etwas sitzen, werde persönlich zu weiteren Gottesdiensten eingeladen und spreche über dies und das. Nach einer halben Stunde wende ich mich dem Gehen zu, und mache mich – nach einer längeren Runde Händeschütteln – auf den Weg nach Hause.

Während dieses Besuchs bei CF Bern habe ich gemerkt, dass das Thema Mission und Konversion stark im Vordergrund steht. Beispielsweise passt das Thema der Predigt des «Verlorenen Schafs» gut zu einem Neuankömmling (wie mir), und der Verdacht liegt nahe, dass sie aufgrund meines Auftauchens spontan angepasst worden ist. Möglicherweise gibt es eine Standart-Predigt, die gehalten wird, wenn jemand Neues in den Gottesdienst kommt. Als ein weiteres Beispiel für die missionarische Tendenz von CF Bern, kann die Aufforderung des Pastors ihm «ein Zeichen» zu geben gedeutet werden. Diese war wahrscheinlich ebenfalls spezifisch an mich persönlich gerichtet. Auch die rasche Einladung zum «Übergabe-Gebet» deutet ebenfalls auf den Konversions-Charakter der Gemeinschaft hin. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Fokus auf die eigene Person durch die Predigt und das Gebet auch als einengend oder etwas bedrückend empfunden werden kann.

Mirjam Steiner, Oktober 2024

Lexikoneintrag Christian Fellowship Ministries Worldwide

Matriarchales Mysterienfest: Herbstfest über Zoom

Eine Wohlfühloase für das Matriarchat

18.50 Uhr. Frisch geduscht mit dampfenden Haaren mache ich mich an die Vorbereitungen auf die Zoom-Sitzung, die ich gleich haben werde. Ich habe mir ein frisches oranges T-Shirt und eine bequeme kurze schwarze Hose angezogen. Die orange-schwarz-Kombination wurde mir durch eine Erinnerungs-E-Mail, die ich heute bekommen habe noch zusätzlich empfohlen. Weiter stand darin, dass ich mir eine wohlige Atmosphäre schaffen solle und mir je nach Lust und Laune eine Kerze anzünden und auch ein Dufträucherwerk oder eine Duftlampe aufstellen dürfe.

Nun sitze ich in meinem Arbeitszimmer – welches ich als das passendste Zimmer eingeschätzt habe – an meinem Pult im Louis XV Stil, an den Wänden rechts und links habe ich zwei volle Bücherregale, direkt hinter mir das von meinem Grossvater handwerklich gefertigte Büffet mit Innenbeleuchtung, links hinter mir den bequemen Ledersessel und unter mir den schön geschmückten Perserteppich meiner Grossmutter. Ich habe mir eine Kerze links vor mir und eine nach Jasmine duftende Kerze rechts vor mir angezündet. Da mir die untergehende Sonne direkt durch das Fenster ins Gesicht scheint und mich blendet, mummelt mich der besinnliche Kerzenschein und das noch milde Aroma der Duftkerze jedoch noch nicht in meine beabsichtigte Wohlfühlatmosphäre.

Ich bin gespannt, denn ich habe überhaupt keine Ahnung was mich nun erwartet. Ein matriarchales Herbstfest, das über Zoom durchgeführt wird – hier stösst meine Vorstellungskraft an ihre Grenzen. Ich denke, durch meine Vorbereitungen auf matriarchale Mysterienfeste, bei denen ich gesehen habe, wie tanzende Frauen im Nebel und Sonnenschein, mit wallenden Gewändern und umgeben von der Natur, den Zyklus der grossen Göttin feiern, fällt es mir schwer zu begreifen, wie eine solche Feier auf ein Zoom-Meeting angepasst werden sollte.

Einführung in das Matriarchat

Punkt 18.58 Uhr logge ich mich also ein und werde gleich in den virtuellen Raum weitergeleitet in dem sich schon fünf weitere Frauen befinden. Eine Frau in einem rot-orangen T-Shirt und schulterlangen hellbraunen Haaren begrüsst mich mit ruhiger aber warmen Stimme. Annas herzliche Art begleitet uns während der ganzen Sitzung und schafft einen Raum und eine wohlige Atmosphäre der Entspannung. Neben Anna leitet Simone das Herbstfest. Auch sie beherrscht die Kunst des Einmummelns sehr gut. Ich bin die letzte Person, die noch gefehlt hat und so fangen wir gleich an. Nachdem sie mich noch nach der Aussprache meines Namens fragen – ich bin überrascht, dass sie ihn gleich richtig aussprechen, da das eher ein seltenes Vorkommnis in meinem Leben ist – gehen wir zum Plan für den heutigen Abend über. Zuerst soll es eine kurze Vorstellungsrunde aller Teilnehmerinnen geben, dann wird das Matriarchat erklärt, anschliessend das Herbstfest und bevor wir am Schluss «eine Perle teilen», werden wir noch eine innere Reise durchführen.

Neben mir sind noch drei andere Teilnehmerinnen da. Anna – es sind zwei Annas da – ist eine junge Frau, die sich aus Russland zugeschalten hat und sehr gutes Deutsch spricht, Gabriele und Bernadette befinden sich beide in Deutschland und sind zwischen 50 und 70 Jahre alt.  Anna und Simone gehören beide zu den Gründerinnen des Matriforums, welches Tagungen und Sitzungen zum Matriarchat und Feste des matriarchalen Jahreskreises durchführen. Anna lebt in Österreich und Simone in Deutschland. Das Matriarchat, erklären sie, sei eine friedlichere Gesellschaftsform im Gegensatz zur heutigen patriarchalen Gesellschaft. In unseren heutigen patriarchalen Gesellschaften, so Anna, befinde sich 1% der Menschen an der Spitze und das Ziel darin sei es, zu nehmen was man kriegen kann und sich zu bereichern. Eine matriarchale Gesellschaft hingegen – und das sei das Ziel des Matriforums – sei eine Gesellschaft in Balance. Im Zentrum stünden mütterliche Eigenschaften wie Fürsorge, Frieden und die Mutter als Nährerin. Ein Matriarchat sei eine egalitäre Gesellschaft, in der jede Person in ihrer Eigenart besonders sei. In einem Matriarchat würde nicht ein abstrakter Glaube im Mittelpunkt stehen, wie der an eine transzendente Gottheit, sondern die Natur und die Göttin. Das Matriarchat fördere Achtsamkeit. Durch Leben im Rhythmus der Natur könne man ein Leben in Balance und Frieden führen und die Göttin erfahren. Heute, so sagen sie, existieren noch 20-25 Matriarchate weltweit, alle erforscht von Heide Göttner-Abendroth, ihrer Ausbildnerin. Diese Information überrascht mich. Abgesehen davon, dass Matriarchate in den Sozialwissenschaften nicht empirisch nachweisbar sind, dachte ich, dass weltweit nur von zwei „Matriarchaten“ die Rede sei: den Mosuo in Südchina und den Minangkabau in Indonesien. Beide Gesellschaften werden wissenschaftlich nicht als Matriarchate betrachtet, werden aber in den Medien oft als «die letzten noch existierenden Matriarchate» thematisiert.

Kopflos vom Schütteln in den «weiblichen Schoss»

Bevor wir nun in den nächsten Teil dieser Sitzung kommen, lädt Anna uns zu einer kurzen Übung ein. Wir stehen also auf, was dazu führt, dass die Kamera bei allen den Kopf abschneidet. Plötzlich keine Gesichter mehr vor mir zu haben, verleiht der Sitzung plötzlich eine gewisse Absurdität, die mich aus dem Ambiente reisst. Mittlerweile ist auch die Sonne hinter der Jurakette verschwunden und das flackernde Licht meiner beiden Kerzen reicht für das kleine Zimmer kaum aus. Ich nutze die kurze Unterbrechung meiner Aufmerksamkeit, um das Licht einzuschalten. Nun hüllt ein warmes Licht von der Stehlampe hinter dem Sessel das Zimmer in sanften Schein, während die Innenbeleuchtung des Buffets durch die gläserne Kabinentür schöne Lichtspiele auf den Teppich wirft. Als ich meinen Blick zurück auf den Bildschirm werfe, bemerke ich, dass es weitergegangen ist. Dem Anschein nach sollen sich nun alle schütteln. Also versuche ich mich nicht allzu fest von den fehlenden Köpfen ablenken zu lassen und höre den Worten zu. Wir sollen alles abschütteln. Nachdem wir uns einige Minuten geschüttelt haben, sollen wir uns an den Händen halten, oder mehr so tun als ob. Nun, nachdem wir uns in den Kreis willkommen haben, sollen wir nun unsere Hände auf unseren «weiblichen Schoss» legen. Bei diesen Worten regte sich in mir eine kindische, unkontrollierte Heiterkeit: «weiblicher Schoss?!» Vielleicht bin ich ja zu «patriarchal» gesteuert, um diesen Ausdruck ernst zu nehmen. Zusätzlich war mir auch nicht ganz klar, was damit gemeint war. Ich legte meine Hände jedoch auf meinen unteren Bauch, so wie ich das bei den anderen sah – befindet sich der «weibliche Schoss» dort, wo sich unsere Gebärmutter und unsere Eierstöcke befinden? Wahrscheinlich ja. Nun sollten wir die Energie von unserem weiblichen Schoss in unsere Hände fliessen lassen. Nach einer kurzen Ruhe legt Anna die Hände auf den Boden und meint, wir sollen nun die Energie an Mutter Erde übergeben. Dabei sollen wir die Erde unter unseren Händen und Füssen spüren und die Verbindung zur Erde fühlen. Ich versuche das meditativ umzuwandeln, doch das Einzige, was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht, ist, dass ich hier im fünften Stock bin und meine Energie durch zu viele Räume mit eigener Energie fliessen müsste, um dann auf der Erde noch «rein» anzukommen. Wahrscheinlich spielt hier auch meine Unerfahrenheit im Umgang mit Energien eine Rolle, denn ich habe keine Ahnung, ob das überhaupt so funktioniert – vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken. Was bekanntlich in der Meditation eher kontraproduktiv ist. Nun sollen wir Energie, die uns Mutter Erde gibt, von der Erde in die Hände strömen lassen und diese dann wieder auf den weiblichen Schoss legen, damit dieser diese Energie empfangen kann. Dieselbe energetische Übung sollen wir dann auch noch mit unserem Herzen und dem Kosmos machen.

Das Herbst-, Ernte- und Todesfest aber auch das orange Fest, das Fest der Dunkelheit, der Unterwelt, des Rückzugs, der Ruhe, des Westens, der Tag-und-Nacht-Gleiche und so weiter

Nun bekommen wir eine ausführliche Präsentation zum Herbstfest, welche Simone leitet. Dabei erklärt sie uns zuerst, dass das Herbstfest eines von 12 Festen sei. Da die Feste sich lokal an der Sonne orientieren, haben global nicht alle Matriarchate die gleichen Feste. Wir in unseren Breitengraden, feiern im Winter die Zeit der Widergeburt, und das Lichtfest, im Frühling die Ostara und das Maifest, im Sommer das Sommerfest und die Schnitterin und im Herbst das Herbstfest und Samhain, das Ahninnenfest. Bei jedem Fest werde etwas Bestimmtes gefeiert. Beim Herbstfest sei es die Zeit des Rückzugs. Die Grafik, welche sie zeigen, um das System zu erklären, ist dieselbe, welche auf dem Cover des Buches «Symbolik von Erde und Kosmos – Matriarchale Mysterienfeste, Tarotkarten und Astrologie» (2023) von Heide Göttner-Abendroth zu sehen ist. Diese Kreisgrafik beinhaltet, zum einen die vier Jahreszeiten, die Himmelsrichtungen, die acht Mysterienfeste, die drei Farben/Phasen der Göttin und die vier Elemente. Der Grafik kann ich entnehmen, dass das Herbstfest, noch dem Element Wasser, dem Westen und der schwarzen Göttin zuzuordnen ist. Zudem hat jedes Fest seine eigenen Farben, welche der Natur zu diesem Zeitpunkt zu entnehmen sei.

Ich wechsle nun für ein einfacheres Verständnis vom Konjunktiv in den Indikativ. Doch auch folgende Erklärung wurde uns von Simone so gegeben: Da sich die jetzige Zeit in der Natur durch fallende Herbstblätter und durch goldene Sonnenstrahlen auszeichnet, ist das Herbstfest orange. Deswegen mussten wir uns orange anziehen. Schwarz ist die andere Farbe, welche mit der schwarzen Göttin assoziiert wird. Das Herbstfest ist das Erntefest, aber zugleich auch das Fest des Rückzugs und des Todes. Das Fest wird dem Westen zugeordnet, weil dort die Sonne untergeht und damit die Dunkelheit eintritt. Wie die Natur, die jetzt alles abschüttelt und langsam zur Ruhe kommt, soll auch der Mensch alles abschütteln und zur Ruhe finden.

Die schwarze Göttin steht jetzt im Zentrum. «Sie hat den Faden des Schicksals in der Hand; die Willigen führt die Schicksalsgöttin sanft, die Widerstrebenden zieht sie mit Macht in die Tiefe». Sie macht sich nun bereit in ihrem Zyklus den Weg in die Unterwelt anzutreten. Beim Winterfest, der Zeit der Wiedergeburt, wird sie dann von der weißen Göttin abgelöst, der jungen und wilden Göttin, die wiederum beim Maifest, der Zeit der Liebe, von der roten Göttin, der Mutter und Göttin der erotischen Kraft, abgelöst wird. Die drei Göttinnen oder die drei Phasen der Göttin, so erklärt Simone, werden in vielen Kulturen rund um die Welt durch verschiedenste Göttinnen repräsentiert: Kali, Percht, Hel, Holle, Morrigain, Freya, Hathor, Isis, Inanna usw. Weiter erklärt sie, habe das Patriarchat vielen dieser Göttinnen Unrecht getan. In unserer Gesellschaft gibt es eine grosse Trennung vom Tod, sogar eine Angst vor dem Tod. Und Menschen, die Angst haben, lassen sich gut manipulieren. Doch anders als die patriarchale Vorstellung von linearen Religionen ist der zyklische Lebenskreis der grossen Göttin tröstend. Eine weitere Aussage, die sie macht, ist, dass auch Maria, die Mutter von Jesus, ursprünglich eine Göttin gewesen sei oder sogar die dreifältige Göttin selbst war und deswegen immer in diesen drei Farben schwarz, rot und weiss gezeigt wird.

Die Sonne steht im Sternzeichen der Waage, gleichzeitig ist heute die Länge des Tages und der Nacht genau gleich. «Wachsen und Welken, Leben und Tod kommen ins Gleichgewicht». Wie der Untertitel von diesem Abschnitt zeigt, ist das Herbstfest vielfältig und gleichzeitig auch ein Fest der Balance. Das Herbstfest ist also gleichzeitig das Erntefest und das Fest der Ruhe. Jetzt wird die fertige Ernte gesammelt und eine Zeit der Fülle gefeiert und doch wird auch die Dunkelheit und der Tod gefeiert.

Nun sollen wir in einer weiteren Übung versuchen die heilige Dunkelheit zu fühlen. Nach der einstündigen Einführung in die matriarchalen Mysterien, dem einlullenden Ambiente in meinem Zimmer und dem langsam penetrant werdenden Geruch meiner Duftkerze merke ich in diesem Moment, wie sich langsam Kopfschmerzen anbahnen. Ich schliesse die Augen und versuche herauszufinden, wie ich eine «heilige Dunkelheit» fühlen könnte.

Innere Reise und «geteilte Perle»

Für die Innere Reise sollen wir es uns bequem machen. Also setze ich mich auf den Ledersessel, stelle die Kamera aus, lege den Laptop auf den Boden, lehne mich zurück und schliesse die Augen. Die geführte Meditation beginnt mit der Anweisung alles loszulassen und die eigene Körperlichkeit zu verlassen. Dies versucht Anna indem sie uns durch unseren Körper schickt und uns auffordert die jeweiligen Körperstellen gehen zu lassen. Nun setzt langsame Gitarrenmusik ein, die wahrscheinlich von Anna abgespielt wird. Durch die Zoom-Übertragung jedoch ist die Musik abgehackt und trägt überhaupt nicht zur Entspannung bei. Es meldet sich jedoch niemand und wir werden auf die Reise entsandt. Zuerst werden wir in die Natur geschickt, die von den herbstlichen Farben leuchtet. Nun gehen wir auf einen grossen Baum zu, der grosse Wurzeln hat, die so gross sind, dass man sich in den Wurzeln einnisten kann. Dort in dieser Höhle der Geborgenheit wartet die schwarze Göttin auf uns, welche uns in ihre fürsorglichen Arme nimmt.

Nach dieser Erfahrung mit der schwarzen Göttin öffnen wir langsam wieder die Augen. Unsere Augen hatten wir zu diesem Zeitpunkt 10 Minuten geschlossen, was sich bemerkbar machte, als wir uns alle wieder in den virtuellen Raum begaben: Alle blinzelten ungeschickt in ihre Bildschirme. Als Christin und noch dazu Katholikin wollte ich mich nicht auf ein Treffen mit dieser Göttin einlassen und habe sie kurzerhand mit Gott oder Jesus ersetzt. Bevor wir den Kreis wieder aufschlossen, indem wir uns nochmal imaginativ an den Händen hielten, teilte jede von uns eine «Perle» von diesem Abend: Also ein kleines positives Feedback. Die «heilige Dunkelheit» schnitt dabei am besten von allen ab.

Das Herbstfest über Zoom stellte sich als ein Fest der Entspannung heraus. Anders als tanzende Frauen in farbigen Gewändern, wurde bei diesem Fest Ruhe und Besonnenheit ins Zentrum gestellt. Dabei frage ich mich aber dennoch, ob das Herbstfest in einem nicht-virtuellen Raum, auch mehr als Fest der Ruhe und Einkehr gefeiert wird, oder ob dann nicht doch das Erntefest im Zentrum steht, bei dem Fülle und gemeinsames Essen ins Zentrum gestellt wird. Durch das Herbstfest konnte ich jedoch ein bisschen über die Komplexität dieser matriarchalen Religion erfahren, finde aber gleichzeitig, dass ihre Ansicht darüber, dass sie als Matriarchate keinen abstrakten Glauben an eine transzendente Gottheit haben, durch die innere Reise negiert wurde. Die dreifältige Göttin, welche in vielen Kulturen anscheinend andere Formen annimmt und sich in Phasen mit der Natur bewegt, erscheint mir doch sehr abstrakt und transzendent.

«Typisch Patriarchat» vs. ehrliche Gesellschaftskritik?

Obwohl mir die Mysterienfeste um die dreifältige Göttin zu esoterisch sind und ich mit diesem eindeutigen Dualismus von Patriarchat und Matriarchat nicht einverstanden bin, gibt es einige Botschaften, die ich aus dieser Erfahrung mitgenommen habe: Unsere Gesellschaft funktioniert, wie sie funktioniert. Es spielt keine Rolle, in welchen Jahreszeiten wir uns befinden; das System geht weiter. Doch den Winter als eine Zeit der positiven Dunkelheit und somit der Ruhe zu sehen, macht für mich Sinn. Im Sommer sind wir aktiv und draussen, im Winter eher ruhig und eingekehrt. Die vorgestellte «besinnliche» Adventszeit zeugt ja auch davon. Leider geht diese besinnliche Zeit im Weihnachtsstress, den Sonntagsverkäufe, Jahresabschlüssen in Firmen, Semesterprüfungen und so weiter, verloren oder rückt in den Hintergrund. Die Anhängerinnen des MatriForums würden das als «typisch Patriarchat» abstempeln; ich jedoch möchte dies hier auch als Gesellschaftskritik auffassen.

Eine weitere Botschaft, die ich mitgenommen habe, ist der Vorwurf, dass Menschen in patriarchalen Gesellschaften zu grosse Angst vor dem Tod hätten oder das der Tod versteckt wird. Natürlich würde ich dieser Pauschalisierung von patriarchalen Gesellschaften nicht zustimmen, da viele Kulturen den Tod anders wahrnehmen, egal wie patriarchal diese nun sind. Doch in unserer Gesellschaft, abgesehen davon, ob sie nun patriarchal ist oder nicht, ist mir diese annähernde Tabuisierung des Todes auch aufgefallen. Der Tod wird an den Rand gedrängt und allfällige Feierlichkeiten werden möglichst schnell durchgeführt und dauern höchstens einige Stunden. Trauer darf nicht gezeigt werden oder muss durch einen Psychologen begleitet werden. Ich denke auch, dass der Tod und die Unterbrechung, die dabei bei den Angehörigen zustande kommt, von der Gesellschaft zu wenig akzeptiert ist.

Alysejah Huber, 8. Oktober 2024

Aliança do Renovo: Eine Analyse von Akelene Walsers «Theologischen Seminaren»

Das Ministério Aliança do Renovo ist eine brasilianischsprachige pfingstliche Freikirche, die im Jahr 2022 von Akelene Walser begründet wurde und im Jahr 2024 ein neues Zentrum in St. Margrethen bezogen hat. Unsere Mitarbeiterin Laura Meyer hat die vier Bände «Seminário Teológico», in welchen Akelene Walser ihre Theologie ausführt, analysiert:

Volumen 1

Akelene Walsers Sichtweise auf die Bibel spiegelt eine traditionell evangelikale Position wider, die fest von der göttlichen Inspiration der Schrift überzeugt ist. Sie argumentiert, dass der Heilige Geist die Verfasser der Bibel direkt beeinflusste und führt dafür einige Argumente an, wie die Harmonie zwischen den biblischen Büchern, die Erfüllung von Prophezeiungen und deren Bestätigung durch Jesus Christus. Diese Argumente sind typisch für konservative theologische Ansätze, wie sie etwa in evangelikalen Gemeinden vertreten werden. Allerdings werden sie von wissenschaftlichen Theologen häufig kritisiert, da sie die komplexen historischen und redaktionellen Prozesse, die zur Entstehung der Bibel führten, oft ausser Acht lassen. Besonders hervorzuheben ist auch Walsers Tendenz, die Bibel als überlegen gegenüber anderen religiösen Texten darzustellen. Im interreligiösen Dialog kann diese Haltung als exklusivistisch empfunden werden

In ihrer Auseinandersetzung mit alternativen Theorien zur Bibelinspiration – wie der Idee, dass alle Menschen göttliche Inspiration erfahren könnten oder dass die Bibel nur teilweise inspiriert sei – lehnt Walser sämtliche abweichenden Auffassungen strikt ab. Sie vertritt die Lehre einer vollständigen und uneingeschränkten Inspiration der Bibel. Ich stehe dieser restriktiven Haltung gegenüber anderen Interpretationsansätzen etwas kritisch gegenüber: Innerhalb des Christentums gibt es eine lange Diskussion darüber, wie die Bibel zu verstehen ist – wörtlich, symbolisch oder in kulturellen Kontexten angepasst. Walsers starre Interpretation erschwert den Austausch mit Theologen, die sich einer historisch-kritischen Methode nähern und die Bibel im Kontext ihrer Entstehungszeit verstehen wollen.

Insgesamt ist Walsers Theologie innerhalb der evangelikalen Bewegung tief verwurzelt und findet dort breite Unterstützung. Doch ihre strikte Ablehnung alternativer Sichtweisen und die Überbetonung der Überlegenheit der Bibel schliessen wichtige theologische und interreligiöse Diskurse aus, die für eine zeitgemässe Auseinandersetzung mit Glaubensfragen von Bedeutung sein könnten.

Volumen 2

In diesem Volumen stehen zentrale Themen der charismatischen Theologie im Mittelpunkt, insbesondere die Gaben des Heiligen Geistes, wie Zungenrede und Prophetie. Walser argumentiert, dass das Sprechen in Zungen ein klares Zeichen der Taufe im Heiligen Geist sei, gestützt auf Beispiele aus der Apostelgeschichte. Diese Sichtweise ist jedoch umstritten. In traditionelleren Theologien, wie der reformierten oder lutherischen, wird die Zungenrede als eine von vielen Gaben betrachtet, aber nicht als zwingender Beweis für die Geistestaufe (Joseph, 2023). Meiner Meinung nach legt Walsers Theologie etwas zu viel Gewicht auf Glossolalie. Eine solche Überbetonung der Zungenrede könnte eine geistliche Hierarchie schaffen, in der diejenigen, die in Zungen sprechen, als spirituell weiter fortgeschritten gelten. Zudem bleibt Walsers Hinweis auf die Notwendigkeit der Auslegung unklar, was durch die subjektive Natur dieser Praxis zu Missverständnissen oder Manipulation führen könnte.

Weiter wird in diesem Volumen die Schöpfung des Menschen aus einer strikt biblischen Perspektive beleuchtet, wobei Walser betont, dass der Mensch gemäss der Schöpfungsgeschichte nach dem Bild Gottes erschaffen wurde (Genesis 1:26-27). Ihre Ablehnung der Evolutionstheorie ist konsequent und sie betrachtet sie als unvereinbar mit der biblischen Lehre. Walser weist sowohl die Theorien von Lamarck als auch von Darwin als wissenschaftlich unzureichend zurück und kritisiert insbesondere Darwins Konzept der gemeinsamen Abstammung von Mensch und Tier. Sie führt vermeintlich fehlerhafte Fossilienfunde als Argumente gegen die Evolutionstheorie an, um ihre Position zu stützen.

Meiner Ansicht nach führt Walsers strikte Ablehnung der Evolutionstheorie zu Spannungen zwischen Glaube und Wissenschaft. Indem sie die Evolution als spekulativ und unbelegt darstellt, ignoriert sie die zahlreichen genetischen und fossilen Beweise, die die moderne Evolutionstheorie stützen. Ihre Forderung nach „endgültigen Beweisen“ lässt ausserdem die Dynamik wissenschaftlicher Forschung ausser Acht, die auf einer fortlaufenden Sammlung und Erweiterung von Indizien basiert. Die Verbindungen zwischen verschiedenen Spezies, einschliesslich des Menschen und seiner Vorfahren, sind gut dokumentiert, was Walsers Darstellung für mich zu stark vereinfacht macht. Es scheint, dass sie sich dem fortlaufenden Charakter wissenschaftlicher Entdeckungen und der Tatsache, dass nicht jede Zwischenstufe fossil belegt sein muss, nicht bewusst ist.

Walser betont ebenfalls die spirituelle Natur des Menschen, die ihn ihrer Meinung nach grundlegend von Tieren unterscheidet. Diese spirituelle Dimension des Menschen, geschaffen nach dem Bild Gottes, wird jedoch ohne Berücksichtigung moderner Erkenntnisse über das Bewusstsein und die kognitiven Fähigkeiten höherentwickelter Tiere dargestellt. Viele Theologen vertreten die Ansicht, dass die spirituelle Natur des Menschen mit der Vorstellung einer biologischen Entwicklung vereinbar ist (Blume, 2017) – eine Perspektive, die Walser unberücksichtigt lässt.

Ihre streng bibeltreue Sicht auf die Schöpfung des Menschen und ihre Ablehnung der Evolutionstheorie stehen im Gegensatz zu einer Vielzahl moderner theologischer und wissenschaftlicher Ansätze, die versuchen, Glaube und Evolution zu vereinen. Ihre Darstellung der Evolution bleibt vereinfacht und lässt wichtige wissenschaftliche Fortschritte und Beweise aussen vor. Auch ihre strikte Trennung von Mensch und Tier sowie ihre pauschale Ablehnung der Psychologie vernachlässigen zentrale Erkenntnisse der modernen Wissenschaft und Theologie. Insgesamt wirkt Walsers Sichtweise einseitig und erschwert einen fundierten Dialog zwischen Wissenschaft und Glaube.

Zum Schluss greift Walser in diesem Band das Thema der spirituellen Schöpfung auf, mit besonderem Fokus auf die Existenz von Engeln und Dämonen. Sie argumentiert, dass Engel als Helfer Gottes und Dämonen, einst gefallene Engel, als Widersacher agieren. Diese Auffassung stützt sie auf biblische Texte wie 2. Petrus 2:4, wo die Unterscheidung zwischen „guten“ Engeln und „gefallenen“ Dämonen beschrieben wird. Besonders hervorzuheben ist ihre Darstellung von Luzifer als einem hohen Engel, der durch Stolz in Rebellion gegen Gott fiel, was die Erschaffung der Dämonen und das Böse in der Welt zur Folge hatte. Walser interpretiert Passagen, die sich oft auf irdische Herrscher beziehen, als Allegorien auf Luzifers Fall. Engel stellt sie als moralische Wesen mit freiem Willen dar, die entweder Gott treu bleiben oder wie die Dämonen eine bewusste Entscheidung gegen ihn getroffen haben. Diese Sichtweise hat eine stark wörtliche, konservative Bibelauslegung, was wenig Raum für symbolische oder modernere Interpretationen lässt.

Volumen 3

Hier interpretiert Walser die biblischen Prophezeiungen über die Wiederkunft Christi anhand von Passagen wie Matthäus 24:6-7 und Lukas 21:28-31. Sie sieht Katastrophen wie Kriege, Hungersnöte und Seuchen als Zeichen für das nahende Ende der Welt und verweist auf historische Ereignisse wie die Weltkriege als mögliche Erfüllung dieser Vorhersagen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass solche Ereignisse vorschnell als Erfüllung biblischer Prophezeiungen gedeutet werden. Diese Spekulationen können Panik auslösen, da in der Geschichte ähnliche Geschehnisse oft fälschlicherweise als Vorboten des Endes angesehen wurden. Walsers eschatologische Auslegung ist stark traditionell und fundamentalistisch, was das Risiko von Überinterpretation und unnötiger Panik birgt. Es wäre hilfreicher, historische Ereignisse im weiteren Kontext zu betrachten und die Verantwortung der Christen im Hier und Jetzt zu betonen.

Volumen 4

Walsers Theologie weist starke Parallelen zur Assembleia de Deus, einer der grössten pentekostalen Kirchen Brasiliens, auf. Beide legen grossen Wert auf den Heiligen Geist, die Geistestaufe und die Geistesgaben wie Zungenrede, Prophetie und Heilung, die sie als zentrale Elemente des christlichen Lebens betrachten. Ebenso teilen sie einen missionarischen Eifer, der sich in der Evangelisation und dem Wirken des Heiligen Geistes, besonders unter den ärmeren Schichten, zeigt. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der institutionellen Struktur. Während die Assembleia de Deus stark in die brasilianische Gesellschaft und Politik eingebunden ist, vertritt Walser eine eher spirituell orientierte und weniger institutionalisierte Sichtweise. Ihre Theologie konzentriert sich stärker auf individuelle spirituelle Erfahrungen.

Fazit

Akelene Walsers Theologie zeigt sich durchgehend als tief in konservativ-evangelikalen und charismatischen Traditionen verwurzelt, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Einerseits ist ihre Betonung der göttlichen Inspiration der Bibel und des Heiligen Geistes für viele Gläubige in diesen Kreisen eine Quelle der Sicherheit und spirituellen Orientierung. Andererseits wirkt ihre strikte, oft wörtliche Auslegung biblischer Texte in einer modernen Gesellschaft jedoch schnell starr und wenig anpassungsfähig. In ihren „Theologischen Seminaren“ wird deutlich, dass sie wenig Raum für alternative Interpretationen lässt. Ihre totale Ablehnung der Evolutionstheorie und anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse zeigt, dass sie den Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft vernachlässigt, obwohl gerade dieser Diskurs für viele Gläubige heutzutage wichtig ist. Hier zeigt sich für mich ein grosser Schwachpunkt: Anstatt Brücken zu bauen, scheint sie Gräben zu vertiefen. Auch ihre eschatologischen Ansichten – die Verbindung aktueller Katastrophen mit biblischen Prophezeiungen – wirken auf mich zu stark vereinfacht und bergen das Risiko von Panikmache. Insgesamt bleibt Walser ihrer traditionellen Linie treu, doch gerade diese Festlegung erschwert für mich den Zugang zu ihren Lehren. In einer Welt, in der der Dialog zwischen unterschiedlichen religiösen und wissenschaftlichen Strömungen zunehmend an Bedeutung gewinnt, wirkt ihre Theologie, so wertvoll sie für bestimmte Gläubige sein mag, in meinen Augen zu isoliert und wenig offen für eine weiterführende Diskussion.

Referenzen

Blume, M. (2017). Vertragen sich Religion und Evolution? Theologie & Naturwissenschaften. Retrieved from https://www.theologie- naturwissenschaften.de/startseite/leitartikelarchiv/evolution-und-religion

Joseph, D. I. (2023). What Christian Denominations Speak in Tongues? Christianity FAQ. Retrieved from https://christianityfaq.com/what-christian-denominations-speak-in- tongues/

Laura Meyer, 16.09.2024

Lexikoneintrag Ministério Aliança do Renovo