Kardecismus

1847 meldeten sich in Hydesville, USA, im Haus der Familie Fox «Verstorbene» durch Klopfzeichen bei den angeblich medial veranlagten drei Fox-Schwestern und lösten damit einen wahren «Spiritualismusboom» aus. Tischchenrücken und andere Varianten der Kontaktaufnahme mit Verstorbenen wurden zu einer eigentlichen Modeerscheinung, die den begabten Vermittlern zwischen Lebenden und Toten auch finanziellen Ertrag einbrachte. In Frankreich nahm sich nicht zuletzt Allan Kardec der neuen Mode an und versuchte, die aus Kontakten mit Geistern gewonnenen Erkenntnisse  zu vergleichen, zu ordnen, auszuweiten und aus ihnen eine eigentlichen spiritistische Wissenschaft zu gewinnen. In fünf Hauptschriften publizierte er seine Erkenntnisse:

1.    Das Buch der Geister (1857)
2.    Das Buch der Medien (1861)
3.    Das Evangelium im Lichte des Spiritismus (1864)
4.    Himmel und Hölle (1865)
5.    Genesis (1868)

Allan Kardec sieht sich selbst als Wissenschaftler, der möglichst nüchtern beobachtet, möglichst präzise Fragen stellt und der die Antworten möglichst plausibel ins Ganze einer spiritistisch-wissenschaftlichen Weltsicht fügt, wobei dieser «Wissenschaft» immer die Annahme zu Grunde liegt, dass Kontakte mit Verstorbenen nicht nur möglich sind, sondern dass solche Kontakte einen beträchtlichen Erkenntnisgewinn eröffnen. Selbstverständlich weiss Allan Kardec, wie umstritten alle durch Kontakte mit Verstorbenen gewonnenen Erkenntnisse sind. Wenn er aber alle Einwände, die gegen den Spiritismus vorgebracht werden, prüft, kommt er regelmässig zur Überzeugung, dass sich die Einwände in Luft auflösen angesichts der für Kardec unbestreitbaren Realität guter medialer Kontakte. Kurz – sein Vertrauen in die Medien und ihre Durchgaben ist enorm.

Woher rührt dieses Vertrauen? Konsequent wissenschaftlich geschulte Beobachtungsgabe allein kann ihn nicht geführt haben, sonst hätten später andere wissenschaftliche Bemühungen um die gleichen Phänomene zu analogen Erkenntnissen geführt und Spiritismus wäre heute eine an Universitäten aller Welt gepflegte Disziplin.

Allan Kardec – geb. 1804 in Lyon – hiess eigentlich Hippolyte Léon Denizard Rivail und war in seinem ersten Beruf ein talentierter Pädagoge. Er hatte selbst die Schule von Johann Heinrich Pestalozzi in Yverdon besucht, anschliessend in Paris in mehreren Fächern als Pädagoge gewirkt und mehrere Unterrichtshilfen publiziert. All dies geschah vor seiner Wende zum Spiritismus. Als ihn um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Kontakt mit Verstorbenen mehr als alles andere zu faszinieren begann, änderte er als Autor zwar seinen Namen. «Allan Kardec» wurde ihm als neuer Namen durch die Geisterwelt geschenkt. Aber er blieb noch immer Pädagoge, einem Denken verpflichtet, das Pädagogik nun zum Grundmuster der Weltdeutung erhob: Die inkarnierten Geister, d.h. die Lebenden, sind Teil eines viele Inkarationen umfassenden Erziehungskonzepts. Schulung hört nicht auf mit dem Ende der Kindheit und auch nicht mit dem Ende dieses jetzigen Lebens. Die Lebenden können ihr Schicksal oft nicht verstehen. Aber manche Verstorbene wissen, weshalb diese oder jene Inkarnation nötig war. Sie erschauen die grösseren Zusammenhänge und verstehen jede Inkarnation als notwendige Etappe in einem langen Prozess.

Wie beim Schulkind ist auf diesem Weg der Inkarnationen das Vertrauen in den Lehrer von grosser Bedeutung. Im grossen Rahmen der Inkarnationsreihen heisst dies: Unsere Hilfsgeister und Geistführer nehmen uns durch ihre durch Medien vermittelte Präsenz an der Hand und führen uns zu höherer Erkenntnis. Dass diese Geistlehrer Kardec nach dessen eigenem Verständnis nicht vom Evangelium wegführen, sondern nur immer tiefer in die christlichen Wahrheiten hinein, war sicher ein weiterer Grund, warum Kardec den Geisthelfern fast grenzenlos vertraute.

Dass der Kardec-Spiritismus viele Adepten vor allem in Brasilien fand, lässt sich vielleicht durch eine schamanistische Grundstimmung in einem Teil der brasilianischen Religiosität erklären. Mit der Welt der Geister und Götter durch Bewusstseinsveränderung in Kontakt zu treten ist das Ziel nicht nur der ursprünglich afrikanischen Kulte, auch die moderne christliche Charismatik kommt diesem Grundbedürfnis entgegen. Der Kardec-Spiritismus spielt in der bunten Welt der zahllosen Jenseitskontakte dabei eine Doppelrolle: Einerseits stellt er die Anhänger durch seine Medien auch in scheinbar direkten Kontakt mit der Welt der Geister, anderseits reduziert er die wilde Pracht der kunterbunten Geisterfahrungen auf klar geordnete, in den Büchern von Allan Kardec vorgegebene Erkenntniswelten. Er hebt Geistbegegnungen damit auch auf eine reinere, höhere, eine so. wissenschaftliche Erkenntnisstufe. Er diszipliniert auf seine Weise die Medien, in dem er von ihnen nicht nur vorbildlichen Lebenswandel, sondern auch Referenz gegenüber den Schriften von Allan Kardec verlangt.

Unter den vielen heute in Mitteleuropa lebenden Brasilianern und Brasilianerinnen finden sich nicht wenig Kardec-Spiritisten. In Deutschland zählt man (2018) 28 Zentren/Gruppen, in der Schweiz 22, in Österreich 4 und im Fürstentum Liechtenstein 1.
Ein Besuch in einer Schweizer Zentrum zeigt folgende Merkmale: Umgangssprache ist portugiesisch, einmal pro Monat deutsch. Direkte Kontakte mit Geistern können nur angeboten werden, wenn vertrauenswürdige, d.h. von der Bewegung anerkannte Medien präsent sind, was meistens nicht zutrifft. Im Normalfall wird nur eine einstündige Kardec-konforme Belehrung angeboten. Man bemüht sich, die zutiefst christlichen Qualitäten des Spiritismus zu betonen. Irgendwelche Verwandtschaft mit afro-amerikanischen Kulten wird heftig bestritten.

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