#WWG1WGA. Religiöse Elemente in der QAnon-Bewegung

I feel God led me to Q. I really feel like God pushed me in this direction. I feel like if it was deceitful, in my spirit, God would be telling me ‹Enough’s enough.› But I don’t feel that. I pray about it. I’ve said, ‹Father, should I be wasting my time on this?› … And I don’t feel that feeling of I should stop. (vgl. LaFrance 2020)

Hauptseminararbeit Religionswissenschaft

Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät 

Asia Petrino

09. Juli 2021

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Von Pizzagate zu QAnon

Basic Story

Religiöse Elemente

Gemeinschaft und kollektives Zugehörigkeitsgefühl

Dualismus Gut – Böse

Q und Trump als Propheten

Apokalyptische (Bild-) Sprache

Fazit

Literaturnachweis

Einleitung

Q, der 17. Buchstabe des Alphabetes, ist nicht länger nur ein Buchstabe, sondern Bezeichnung für einen Verschwörungsglauben mit AnhängerInnen weltweit. Aussergewöhnlich schnell hat sich das «Q-Fieber» von den Vereinigten Staaten aus global verbreitet, sodass die herkömmliche Annahme, bei VertreterInnen von Verschwörungstheorien handle es sich um ein paar einsame Nasen, die mit von Fettflecken übersäten Kleidern den lieben langen Tag vor ihren Laptops sitzen und eine obskure Website nach der anderen anklicken, die bunt gemischte QAnon-Anhängerschaft längst nicht mehr ergreifen mag. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bist du (bewusst oder unbewusst) schon jemandem begegnet, der sich mit der Bewegung identifiziert, vielleicht deine nette Nachbarin oder der Typ neben dir im Bus. 

Je grösser die Gemeinschaft wird, desto mehr rückt sie auch in den Fokus der Medien. Dabei fällt besonders auf, dass die Gruppierung bei einer grossen Anzahl der Berichterstattungen als (neue) Religion bezeichnet, oder zumindest damit verglichen wird: «Die Bewegung ‹QAnon› wird zur Religion» (vgl. Röther 2020), «Verschwörungsglaube ‹QAnon›: Entsteht da eine neue Religion?» (vgl. Eimuth 2020) und «‹QAnon ist eine Ersatzreligion›: Ein Experte sagt, warum so viele Schweizer an Verschwörungstheorien glauben» (vgl. Eiholzer 2020a) sind nur zwei von zahlreichen Beispielen. Ob als Ersatz-, Quasi-, oder «vollwertige» Religion, der mediale Diskurs bringt die beiden Phänomene miteinander in Verbindung. Erstaunt über diese Beobachtung entschied ich mich dazu, ihr im Rahmen dieser Seminararbeit näher auf den Grund zu gehen und Antworten auf entstandene Fragen zu finden. Ich sah mich nämlich mit der Unsicherheit konfrontiert, in welche Kategorie QAnon überhaupt einzuordnen ist, denn entgegen meinen Erwartungen las und hörte ich von der jungen Bewegung nicht nur als Verschwörungstheorie, sondern auch immer wieder als neuer (amerikanischer) Stern am Religionshimmel. Wie jetzt? Sind wir live bei der Geburtsstunde einer neuen Religion dabei? Oder handelt es sich bei solchen Argumenten doch nur um übereilig getroffene Konklusionen? Je mehr ich über das Thema recherchierte, desto mehr Parallelen fielen mir auf zwischen der Organisation und den Inhalten von QAnon auf der einen, und religionswissenschaftlichen Definitionsansätzen und Themenbereichen auf der anderen Seite. 

Ziel dieser Hauptseminararbeit ist deshalb herauszufinden, inwiefern die QAnon-Bewegung als Religion bezeichnet oder mit Religion(en) verglichen werden kann und inwieweit eine solche Korrespondenz aus religionswissenschaftlicher Perspektive untermauert werden kann. Lassen sich im religionswissenschaftlichen Diskurs häufig verwendete Bestimmungen von Religion und religiöser Ausübung finden, die auch auf die Bewegung und ihre AnhängerInnen zutreffen (siehe Kapitel «Religiöse Elemente»)? 

Die Relevanz obengenannter Fragestellungen ergibt sich schon allein aus der Tatsache, dass es sich bei QAnon um eine sehr junge Bewegung handelt. Folglich ist sie im medialen, öffentlich-politischen sowie wissenschaftlichen Diskurs auch heute noch ein aktuelles und stark diskutiertes Thema. Gerade im Bereich der Wissenschaft lassen sich die Artikel und Forschungsberichte über die Verschwörungstheorie an einer Hand abzählen, weshalb auch diese Seminararbeit zu einem grossen Teil auf Zeitungsberichten und anderen nicht-wissenschaftlichen Veröffentlichungen basiert. Angesichts der in rasantem Tempo ablaufenden Verbreitung von QAnon und den damit verbundenen Auswirkungen, die sich nicht mehr nur auf den digitalen Raum beschränken, sehe ich eine Auseinandersetzung mit der Gruppierung jedoch als notwendig an. 

Von Pizzagate zu QAnon

Um die Entstehungsgeschichte von QAnon grundlegend erfassen und auch verstehen zu können, muss bis zum Oktober 2016 ausgeholt werden. Auf der Website 4chan[1] kursierte damals die heute als Pizzagate bekannte Verschwörungserzählung, Hillary Clinton betreibe im Keller der Pizzeria Comet Ping Pong in Washington, D.C. einen Kindersexring. Das Gerücht entstand, als auf Wikileaks mehrere Emails von John Podesta, ehemaliger Stabschef des Weissen Hauses und Vorsitzender von Clintons Wahlkampagne, veröffentlicht wurden, in welchen er sich unter anderem mit dem Restaurantbesitzer James Alefantis über geplante Spendenaktionen ausgetauscht hatte. Dabei wurde der Comet Ping Pong mehrmals erwähnt. Die Verknüpfung zwischen den publizierten Emails und Clintons angeblichem Kindersexring kam schliesslich durch bekannte Trump-Anhänger wie Mike Cernovich und Alex Jones zustande, die behaupteten, die Nachrichten seien ein Beweis für den in der Pizzeria stattfindenden rituellen Kindermissbrauch. Zur Untermauerung ihrer These führten die beiden verschiedene Argumente auf, bspw. dass einzelne in den Mails verwendete Wörter wie «Pizza» und «Pasta» in Wahrheit Codewörter für «Mädchen» und «Jungs» seien. Ihre Annahmen verbreiteten sich, wenn auch vorerst nur im Internet, wie ein Lauffeuer und fanden schliesslich auch auf besser bekannten und disponiblen Seiten wie YouTube und Twitter Zugang (vgl. LaFrance 2020).

Für einige User stellten Cernovichs und Jones Anschuldigungen gar Anlass zum Handeln dar. So entschied sich Edgar Maddison Welch, ein mittlerweile bekannter Anhänger von Pizzagate, am 4. Dezember 2016 dazu, « […] to sacrifice ‹the lives of a few for the lives of many› and to fight ‹a corrupt system that kidnaps, tortures and rapes babies and children in our own backyard›» (vgl. ebd.). Bewaffnet betrat er an diesem Tag die Pizzeria Comet Ping Pong, um die angeblich festgehaltenen und missbrauchten Kinder aus den Händen des Clinton Kindersexrings zu befreien. Als er dann aber bemerkte, dass die Pizzeria gar keinen Keller besitzt, stellte er sich freiwillig der Polizei. Nun könnte man meinen, dass Welch’s gescheiterte Rettungsmission auch der im Internet kursierenden Pizzagate-Erzählung ein Ende gesetzt hat, doch viele der Sympathisanten hatten einen Weg gefunden, um über die Comet Ping Pong-Episode hinauszugehen. Die Kernprämissen von Pizzagate wurden auf 4chan und Reddit recycelte, überarbeitet und uminterpretiert, sodass der Glaube an eine mächtige Elite mit bösartigen Absichten und Verbindungen zum linken Flügel, den Demokraten und vor allem zu Hillary Clinton weiter auflebte. Schliesslich entstand aus Pizzagate eine Bewegung, die heute unter dem Namen QAnon bekannt ist (siehe Kapitel «Basic Story») (vgl. ebd.).

Ihren Anfang nahm sie im Oktober des darauffolgenden Jahres, als die anonyme Internetfigur Q die ersten Nachrichten auf dem message board 4chan postete. Q behauptet von sich, ein Geheimdienstoffizier bzw. Militärbeamter mit «Q Clearance» zu sein, einer Freigabestufe für Geheiminformationen einschliesslich Nuklearwaffenplänen und anderem hochsensiblen Material. Wer hinter dem Pseudonym steckt und ob es sich dabei um eine Einzelperson, oder aber eine ganze Gruppe handelt, ist bis heute nicht bekannt (vgl. ebd.). 

Als sich auf Trumps Kundgebungen immer mehr Menschen mit Slogans und T-Shirt Aufdrucken wie «We are Q», oder dem Hashtag #WWG1WGA (Where We Go One We Go All) finden liessen, wurde dann spätestens im Sommer 2018 auch die allgemeine Öffentlichkeit auf die Bewegung aufmerksam. QAnon hatte sich in der realen Welt manifestiert und konnte nicht länger als blosse Social-Media-Erscheinung aufgefasst werden. Zeitungen und Fernsehsender, darunter die New York Times, Washington Post und NBC News berichteten von der Verschwörungserzählung, die sich mit einer enormen Geschwindigkeit in verschiedensten (digitalen) Bereichen ausbreitet (vgl. ebd.). Auf Apple Store kam es zu einer Download-Welle von mit QAnon in Verbindung stehenden Apps und auch ein damit zusammenhangendes YouTube-Video erhielt bis August 2018 rund 203’000 Views (Fee 2019: 525). 

Basic Story

Das QAnon-Universum zeichnet sich durch eine Vielfalt von Annahmen, Themenschwerpunkten und einer heterogenen Anhängerschaft aus. Trotzdem lässt sich bei umfassender Betrachtung eine gemeinsame Kernerzählung erkennen: In Wahrheit wird die Welt von einer Elite gesteuert und kontrolliert, die sich zusammen mit dem sogenannten Tiefenstaat (engl.: Deep State) gegen die noch ahnungslose Globalbevölkerung und ganz besonders gegen Donald Trump verbündet hat. Dabei setzt sich diese Gruppe von BösewichtInnen aus satanistischen und pädophilen PolitikerInnen, Promis, besonders wohlhabenden und/oder einflussreichen Personen, Medienschaffenden und anderen unbekannten DrahtzieherInnen zusammen (vgl. Eiholzer 2020a). Trotz angeblicher Demokratie regiert allein diese Gruppe und beeinflusst als Verschwörung alle Bereiche unseres Lebens (vgl. LaFrance 2020). Um dies noch lange tun zu können, halten sie in Kellern und Tunnelsystemen Kinder gefangen und zapfen ihnen mittels Folterritualen Blut ab, um daraus das verjüngend wirkende Adrenochrom[2] zu gewinnen (vgl. Eimuth 2020). Trump wiederum wurde von hochrangigen Personen des Militärs zur Kandidatur für das Präsidentenamt überredet, damit er gemeinsam mit dem Geheimdienstler Q gegen den Komplott vorgehen kann[3] (Fee 2019: 525f). Dieser Kampf wird zu einem Tag der Abrechnung mit Massenverhaftungen, Inhaftierungen nach Guantanamo Bay und Erschiessungen von Elitemitgliedern führen, bei welchem die Welt von diesen Verbrechern befreit werden wird (vgl. Eiholzer 2020b). 

Das ist die Grundbotschaft, die sich als roter Faden durch die unzähligen Mitteilungen und Theorien des QAnon-Universums zieht und somit das vereinende Moment der Bewegung bildet. 

Religiöse Elemente 

Die beiden vorhergehenden Kapitel dienen einer ersten Charakterisierung von QAnon. Diese ist aufgrund der dünnen Forschungslage und starken (organisatorischen und inhaltlichen) Heterogenität der Gruppe notwendig, um auf weitere Fragen eingehen zu können. Nun grenze ich den geweiteten Blick wieder ein und widme mich in einem nächsten Abschnitt der Hauptfragestellung: Inwiefern kann QAnon als Religion bezeichnet werden bzw. kann ein Vergleich der Bewegung mit Religion(en) aus religionswissenschaftlicher Perspektive legitimiert werden? 

Um die Frage(n) am Ende der Arbeit beantworten zu können, habe ich innerhalb der QAnon-Gruppierung, d.h. betreffend ihrer Organisation und ihren Überzeugungen, nach bestimmten religiösen Elementen gesucht. Unter einem solchen religiösen Element verstehe ich Definitionsansätze und Theorien über Religion und Religionsausübung, die sich in der Religionswissenschaft etabliert haben und innerhalb der Disziplin dementsprechend oft anzutreffen sind. Dabei beschränke ich mich nicht einzig auf substanzielle[4] oder funktionale Religionsbegriffe[5], sondern mache von beiden Gebrauch. Auch fokussiere ich mich nicht nur auf Ansätze und Theorien eines/einer spezifischen AutorIn oder eine konkrete religionswissenschaftliche Strömung. Verwendete substanzielle Elemente beziehen sich alle auf das Christentum, sind aber genauso bei anderen Religionen als Definitionsansätze üblich. 

Die folgenden fünf Unterkapitel behandeln jeweils ein solches religiöses Element. Dabei sind alle nach demselben Schema aufgebaut: Für jeden Abschnitt habe ich in einem QAnon gewidmeten Telegram-Gruppenchat Nachrichten herausgesucht, die den entsprechenden religionswissenschaftlichen Ansatz innerhalb der Bewegung und ihren Überzeugungen widerspiegeln. Die Screenshots befinden sich am Anfang der Passagen und leiten in die Thematiken ein (Aus Datenschutzgründen wurden die Screenshots gelöst). Danach erläutere ich auf einer theoretischen Ebene das jeweilige Element im Kontext der Religionswissenschaft und wende den Ansatz dann auf die QAnon-Bewegung an. Immer mit der Frage im Hinterkopf, ob die substanziellen und funktionalen Definitionsansätze auch auf die Gruppierung zutreffen, arbeite ich im Zuge dessen mögliche Vergleichspunkte und Parallelen heraus. Die Unterkapitel hängen stark miteinander zusammen und ergänzen sich zum Teil gegenseitig. Eine ausführliche Beantwortung obengenannter Fragen würde den vorgegebenen Rahmen einer Hauptseminararbeit sprengen, weshalb sich meine Ausführungen nur oberflächlich halten. 

Gemeinschaft und kollektives Zugehörigkeitsgefühl

Die gemeinschaftsbildende Funktion von Religion ist nebst der weltanschaulichen, ethnischen und psychischen Wirksamkeit eines der populärsten und meistgenannten Kriterien im Bereich der funktionalistischen Religionsdefinition. Diese bestimmt Religion nicht über ihren Inhalt, sondern versteht sie als menschliche Institution mit einer Funktion für die Gesellschaft. Einer der bedeutsamsten Wegbereiter für diesen Ansatz war Émile Durkheim mit seinem Werk Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Durkheim mass der Religion für das gemeinsame Leben und Gefühl der Zusammengehörigkeit eine zentrale Rolle bei und stellte sie infolgedessen in den Mittelpunkt seiner soziologischen Studien. Durch die Verbindung von Gruppenemblemen, Symbolen und Riten mit bestimmten Verhaltensregeln, werden in Religionen Glaubens- und Handlungsorientierungen geschaffen, die den Gemeinschaftssinn und die Verbundenheit einer Gruppe stärken und aufrechterhalten (Pickel 2011: 80). Durkheims Religionsverständnis kreist damit weniger um eine transzendente Göttlichkeit, sondern basiert viel mehr auf religiösen Praktiken und ihren Wirkungen:

In diesem Sinne definiert Durkheim Religion folgendermassen: ‹Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören› (Durkheim 1912:75). (Heiser 2018: 59)

Betrachtet man das QAnon-Universum aus dieser funktionalistischen Perspektive und bezieht man dabei Durkheims Überlegungen mit ein, lässt sich die Anziehungskraft der Bewegung für die Millionen von Anhängern zu einem grossen Teil erklären. Dieses Verständnis ist angesichts der in rasantem Tempo ablaufenden Verbreitung von QAnon und den damit verbundenen Auswirkungen dringend wichtiger geworden. In einem nächsten Schritt soll also ebenjene funktionalistische Brille aufgesetzt und die QAnonBewegung aus diesem spezifischen Blickwinkel genauer untersucht werden. 

Die Mitteilungen von Q und der Austausch der QAnons auf Nachrichtendiensten wie Telegram nachverfolgen und überhaupt erst verstehen zu wollen, gleicht dem Vokabellernen bei der Aneignung einer Fremdsprache. Treffend dazu hält Adrienne LaFrance in ihrem Online-Artikel folgende Beobachtung fest: 

The QAnon universe is sprawling and deep, with layer upon layer of context, acronyms, characters, and shorthand to learn. (vgl. LaFrance 2020)

So ist mit «castle» das Weisse Haus und mit «crumbs» die angeblichen Hinweise in den von Q geposteten Nachrichten (sogenannte Q-Drops) gemeint. «Calm before the storm» wird mit CBTS abgekürzt und WWG1WGA steht für den Slogan «Where We Go One We Go All», welcher als Solidaritäts- und Zugehörigkeitsbekundung unter den AnhängerInnen verwendet wird und in vielen ihrer digitalen Nachrichten als Abschlussformel zu lesen ist. Weiter gibt es auch eine «Q clock». Diese impliziert einen Kalender, der auf Basis von Zeitangaben und -stempeln zur Decodierung von Q-Drops und Trump-Tweets verwendet wird. Kurz: Für eine aussenstehende Person erscheint der Austausch nicht nur zwischen Q und seinen AnhängerInnen, sondern auch unter den FollowerInnen selbst verschlüsselt und zusammenhangslos. Das wiederum bedeutet, dass man sich der Bewegung umso mehr zugehörig fühlt, hat man das QAnon-Einmaleins gelernt. Zu dessen Grundlagen zählen nicht nur die obengenannten Codewörter und Abkürzungen, die von QAnons fast schon rituell in Posts zitiert und auf Kleidung und Plakate für Demonstrationen gedruckt werden, sondern auch Symbole wie der Buchstabe Q, ein weisser Hase, oder eine Kombination der beiden. Der Hase als QAnon-Gruppentotem erscheint oft zusammen mit Phrasen wie «down the rabbit hole» und «follow the white rabbit» (siehe Abbildung 4), beides Anspielungen auf die Erzählungen Alice im Wunderland und The Matrix. Ob bei den Phrasen oder den beiden Filmen, die Kernbotschaft ist dieselbe: Bist du genug wachsam und gehst dem noch so kleinsten Zweifel nach, wirst du die verborgene Welt der Verschwörungen und die allen Dingen zugrundeliegende Wahrheit erkennen. Die Metapher des/der wachsamen Hasen/Häsin impliziert dabei die Aufforderung, als AnhängerIn der Bewegung jeglichen Medien, dem Staat und seinen Eliten zu misstrauen und infolgedessen Zeitungen zu deabonnieren, durch keine Tagesschauen zu zappen und Informationen exklusiv aus QAnon-message boards, Foren und Chats zu beziehen (vgl. Röther 2020). An diesem Punkt lässt sich nun ein klarer Bogen zur Anfangs erläuterten Theorie Durkheims schlagen: Durch die unzähligen Abkürzungen, Codewörter, Metaphern und Symbole und deren Zusammenwirken mit bestimmten Verhaltensregeln, wird dem/der einzelnen Gläubigen eine Identifikationsgrundlage sowie Orientierungshilfe für das eigene Handeln und den eigenen Glauben bereitgestellt. Auf die gesamte Bewegung bezogen, wird damit der Zusammenhalt unter den AnhängerInnen gestärkt. Dadurch, dass untereinander in einer Art Geheimsprache kommuniziert wird, tritt auch die Grenze zwischen «Wir» und «Ihr» unverkennbar hervor: Das Erlernen des QAnon-Einmaleins kommt einer Eintrittskarte in die Gruppe gleich und ermöglicht den Austausch mit Gleichgesinnten. Auch ist es die Basis dafür, die Q-Drops entschlüsseln und darin enthaltene Handlungs- und Glaubensanweisungen verstehen und befolgen zu können.  

An dieser Stelle soll jedoch auch darauf hingewiesen werden, dass genannte Begriffe wie «Gemeinschaft», «Bewegung» und «Wir» mit einer Prise Skepsis gelesen und verwendet werden müssen. Solche Wörter suggerieren eine homogene Gruppe von Menschen, die im Falle der QAnon-Bewegung (und bei vielen anderen Gruppierungen auch) nicht der Realität entspricht. Passend dazu hält LaFrance in ihrem Artikel folgende Beobachtung fest: 

You can’t always tell what kind of Q follower you’re encountering. Anyone using a Q hashtag could be a true believer, like Shock [Teilnehmer einer Wahlkampfveranstaltung Donald Trumps], or simply someone crusing a site and playing along for a vicarious thrill. Surely there are people who know that Q is a fantasy but participate because there’s an element of QAnon that converges with a live-action role-playing game. (vgl. LaFrance 2020)

QAnon-AnhängerIn ist also nicht gleich QAnon-AnhängerIn. Auch bezüglich der Glaubenssätze besteht eine grosse Heterogenität, nicht alle QAnons halten dieselben Dogmen und Deutungen für wahr. So herrscht zwar ein weitgehender Konsens hinsichtlich des bevorstehenden Erwachens der Menschheit (siehe Kapitel «The Great Awakening»), bei Annahmen im Hinblick auf das Hier und Jetzt gehen die Meinungen allerdings wieder auseinander (vgl. ebd.). Bspw. zählen zurzeit kursierende Theorien betreffend dem neuartigen Covid-19 Virus zu solchen unstrittigen Annahmen. Auch lassen sich länderspezifische Differenzen finden. Bei den Schweizer Q-FollowerInnen stellt Donald Trump als Heilsbringer denjenigen Teil der Erzählung dar, der sich am wenigsten durchzusetzen scheint. Viele von ihnen teilen zwar den Glauben an eine satanistisch-pädophile Elite, der USPräsident wird dabei aber nicht erwähnt. Im Gegensatz dazu wird er von der überwiegenden Mehrheit der amerikanischen VertreterInnen als Helden angepriesen (vgl. Eiholzer 2020a). 

Dualismus Gut – Böse

Abbildung 2: Q-Drop auf qanon.pub, eigener Screenshot vom 10.November 2020 

Abbildung 5 ist ein Beispiel eines Q-Drops, der am 6. Oktober 2020 auf qanon.pub gepostet wurde. Haben Sie verstanden, was Q mit diesem Post aussagen will? Ich auch nicht. Der Screenshot macht deutlich, weshalb von der Decodierung und nicht vom blossen Lesen dieser Drops gesprochen wird. Das Ganze läuft dabei wie ein Spiel ab: Q verfasst seine Nachrichten in verschlüsselter und kryptischer Form und veröffentlich diese als Rätsel, ohne weitere Hinweise oder Interpretationsansätze mitzugeben. Es liegt dann an den QAnons, die Q-Drops zu deuten und die angeblich darin enthaltenen Informationen, sogenannte crumbs, herauszufiltern. Nicht selten handelt es sich dabei um Bezüge zu apokalyptischen, religiösen Motiven wie dem prophezeiten Endkampf zwischen Gut und Böse. 

In den meisten uns bekannten Religionen stellt dieser Dualismus eine Kernsubstanz der jeweiligen Glaubenslehre dar. So kennt das Christentum im Kampf zwischen Himmelreich und Hölle eine solche Kontrastierung von Gut und Böse. Beiden Polen ist zusätzlich ein «Herr» zugeteilt, wobei auch diese zwei metaphysischen Wesen im Gegensatz zueinanderstehen: Gott hat den Chef Sitz im Himmel inne, Satan regiert das Reich der Finsternis. Von den meisten Theologen wird dabei jedoch betont, dass zwischen Gott und Satan kein Gleichgewicht besteht. Letzterer ist ein Geschöpf Gottes und ihm deshalb untertan. Das Ur-Gute und Ur-Böse ist für gläubige Christen nicht nur eine weitere Glaubensvorstellung, sondern wird auch als Orientierungshilfe für das eigene Handeln verstanden. Demnach ist jedem Menschen die Wahlmöglichkeit gegeben, sich zwischen einer guten und schlechten Tat zu entscheiden. Der Endkampf zwischen Gut und Böse ist im Christentum also, wie in vielen anderen Religionen auch, festes Dogma der Theologie und internalisierte Handlungsanweisung ihrer Glaubensmitglieder (Bossart 1992: 1f.). 

Im Falle der QAnon-Bewegung treten nicht Gott und Satan, sondern die Gruppe der Erwachten und die Player des Deep State den kosmischen Endkampf an. Let’s get ready to rumble! Auf der einen Seite haben wir also die Gruppe der Bösen. Dazu zählen all diejenigen, die sich den Staat insgeheim aufgeteilt haben: SatanistInnen, Juden/Jüdinnen, Homosexuelle, DemokratInnen, Massenmedien, korrupte Politiker wie Barak Obama und Hillary Clinton und einflussreiche Personen wie Bill Gates. Ihre Gegner erscheinen ebenso zahlreich: Zur Gruppe der Guten zählen (logischerweise) alle QAnons, die Dank Q und seinen Berichten die Wahrheit erkannt haben und sich somit als erwacht bezeichnen dürfen. Gemeinsam mit ihnen kämpft auch Donald Trump gegen die hinterlistige Elite. Vom Weissen Haus aus geht er den Kampf auf politischer Ebene an und wird, so Q, jeden/ jede PatriotIn in dieser Schlussrunde leiten (siehe Kapitel «Q und Trump als Propheten»). 

Was hierbei besonders spannend ist, ist das interaktive Moment. Als Alleinstellungsmerkmal unterscheidet es die QAnon-Bewegung von Verschwörungserzählungen, bei welchen die Anhängerschaft zwar von einer angeblichen Intrige weiss, jedoch keine Möglichkeit auf ein Mitwirken im Endkampf zwischen Gut und Böse hat. Im Gegensatz zu dieser passiven Haltung kommt den AnhängerInnen von Q eine aktive Rolle als RechercheurInnen und VerbreiterInnen der Wahrheit zu (Fee 2019: 525f.). Das folgende Zitat aus dem Video «Q for Beginners Part 1» von David Hayes, einem der bekanntesten QAnon-Evangelisten, verdeutlicht diese Charakterisierung: 

Some of the people who follow Q would consider themselves to be conspiracy theorists, I do not consider myself to be a conspiracy theorist. I consider myself to be a Q researcher. I don’t have anything against people who like to follow conspiracies. That’s their thing. It’s not my thing. (vgl. LaFrance 2020)

Die QAnons kennen zwei Selbstbezeichnungen für die Rolle, die sie in der Bewegung innehaben: Sie sind BäckerInnen (engl.: baker) und digitale SoldatInnen zugleich. Die Metapher des/ der BäckerIn bzw. des Backens verweist dabei auf eine Aufgabe, die ich bereits am Anfang dieses Unterkapitels erläutert habe: Die in den Q-Drops enthaltenen Krümel (engl.: crumbs) gilt es herauszupicken und zu einem ganzheitlichen Teig (engl.: dough) zusammen zu kneten. Oder andersgesagt: In verschlüsselter Weise enthüllt Q in seinen Nachrichten angebliche Regierungsgeheimnisse und Hinweise zum «finalen Programm», macht Prophezeiungen oder bietet Deutungsansätze für aktuelle Geschehnisse. All diese Hinweis-Krümel werden dann von den AnhängerInnen entschlüsselt und in das allumfassende QAnon-Weltbild integriert. Sie und Q stehen also via elektronischer Beiträge in ständigem Austausch miteinander. Als seine SoldatInnen sehen sie ihre Pflicht darin, die Botschaften von Q zu verbreiten und möglichst viele noch im Dunkeln tappende Menschen auf die Verschwörung aufmerksam zu machen. Dabei sind einige aktiver als andere. Q-FollowerInnen mit knappen Zeitressourcen können sich auf zusammenfassende Analysen und Updates verlassen, die von engagierteren BäckerInnen in Form von Artikeln, Textnachrichten oder Videos auf QAnonWebsites und -Chats geteilt werden (vgl. LaFrance 2020). 

Ebendieser Aspekt des Mitwirkens scheint auch die grösste Gefahr darzustellen, die von der Bewegung ausgeht. Denn treten von Q gemachte Prophezeiungen nicht ein, oder wird Trump an der Umsetzung des Erlösungsplans gehindert, könnten besonders radikale AnhängerInnen den Kampf gegen das Böse komplett selbst in die Hand nehmen (vgl. Huesmann 2020). Einige besonders aufsehenerregende Nacht-und-Nebel-Aktionen haben das bestehende Risiko aufgezeigt, wenn QAnons auf eigene Faust gegen an einer angeblichen Verschwörung beteiligte Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen vorgehen (ob geplant oder bereits umgesetzt). So hat das FBI die QAnon-Bewegung als Terrorgefahr eingestuft und in einem internen Memo unter anderem einen Mann erwähnt, bei welchem Materialien zum Bau einer Bombe gefunden wurden. Nach seiner Festnahme im Jahr 2018 sagt dieser aus, er habe die Hauptstadt von Illinois angreifen wollen, um auf Pizzagate und «The New World Order» (NWO) aufmerksam zu machen (vgl. LaFrance 2020). 

Q und Trump als Propheten 

Die vorhergehenden Ausführungen zum substanziellen Element des Dualismus zwischen Gut und Böse legen den Vergleich von Q und Trump mit Personen prophetischer Natur nahe, wie man sie aus dem Christentum, Judentum, Islam und anderen Religionen kennt. Wie beim Religionsbegriff selbst, hat sich in der Religionswissenschaft keine allgemein anerkannte ProphetInnen-Definition durchgesetzt. Es lässt sich jedoch eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Prophetenverständnis in der religionsgeschichtlichen Literatur der Zeit um 1900 finden. Darin dominiert die Auffassung eines/ einer ProphetIn als eine Persönlichkeit von ausgeprägter Individualität. Sie wirken von aussen in die Geschichte ein, wobei ihr Handeln nicht extrinsisch, sondern intrinsisch aufgrund eigener Überzeugungen und einem «inneren Zwang des Gewissens» motiviert ist (Lang 2001: 169). Ihrer Anhängerschaft verkünden ProphetInnen auf möglichst einfache Weise eine einheitliche Lebensauffassung, ein Lebensideal, das Teil der von ihnen vertretenen Lehre ist. Dazu schreibt der evangelische Theologe Wilhelm Bousset: 

Was den Propheten offenbar geworden ist, und was sie verkünden, das ist eine einheitliche, in sich geschlossene Überzeugung vom Inhalt und Wesen des Lebens, seinen tiefsten Fundamenten und seinen höchsten Zielen. Es ist ein wirklich einheitliches Ganzes, eine geschlossene Überzeugung, die in wenigen Sätzen zusammengefasst werden kann, nicht mehr ein buntes Vielerlei von Gewohnheiten, Herkommen, Volkssitten, kultischen und rituellen Forderungen, ekstatischen Äusserungen, moralischen Sätzen. (ebd.: 169f.)

Es sind auch die Anhänger*innen, die Menschen prophetischer Natur ihre fast schon göttliche Gestalt verleihen, so Bousset weiter (ebd.: 169). 

Auf diese um 1900 vorherrschenden Ansichten gestützt, weisst die QAnonBewegung mit der Internetfigur Q und Donald Trump gleich zwei Propheten auf. Der grosse Unterschied zwischen den beiden liegt dabei in der Art und Weise, wie sie sich ihren Gefolgsleuten zeigen: Q agiert anonym und kommuniziert ausschliesslich in der digitalen Welt. Weder ist bekannt, ob es sich dabei um eine Einzelperson oder eine ganze Gruppe handelt, noch weiss man, ob der Status «Q Clearance» wirklich zutrifft. Im Gegensatz dazu ist das prophetische Sein und Tun von Trump nicht nur auf das Internet beschränkt. Als Präsident der Vereinigten Staaten ist er der Prophet in Fleisch und Blut, der auch abseits des digitalen Raumes von QAnonFollowerInnen verehrt werden kann. Mehr noch, die Würdigung ihm gegenüber können sie an seinen Veranstaltungen, Auftritten und Wahlkämpfen ganz real und in Gemeinschaft ausleben. 

Schlicht und einfach wäre es, wäre der Vergleich damit getan. Doch obwohl nach der Definition von Bousset sowohl Q wie auch Trump als prophetische Personen bestimmt werden können, gibt es zwischen den beiden einen weiteren, entscheidenden Unterschied – mehr noch, eine hierarchische Aufteilung: Was die Umsetzung des finalen Plans betrifft, werden Q und Trump innerhalb der Bewegung gleichermassen eine Schlüsselfunktion zugesprochen. Doch als alleiniger Verfasser der Q-Drops (so scheint es zumindest) kommt es nur ersterem zu, die hungrigen QAnon-Mäuler mit breadcrumbs zu füttern (siehe Kapitel «Gemeinschaft und kollektives Zugehörigkeitsgefühl»). Das hat zur Konsequenz, dass Trump nicht darüber (mit-) entscheiden kann, was und wer in den Nachrichten erwähnt wird. Versteht man die digitalen Mitteilungen in diesem Kontext als Heilsbotschaften, die innerhalb der Gemeinschaft und über deren Grenzen hinweg verbreitet werden, so erfüllt also nur Q diese weitere prophetische Eigenschaft. 

Kommen wir nochmals genauer auf die Q-Drops zu sprechen – das hierarchische Gefälle zwischen den beiden Propheten spiegelt sich nämlich auch in deren Inhalt wider. Neben Updates über aktuelle Geschehnisse, Prophezeiungen bezüglich des bevorstehenden Endkampfes zwischen Gut und Böse und hochgeheimen (Regierungs-) Informationen, ist auch der Präsident der Vereinigten Staaten ein immer wiederkehrendes Motiv. In den Drops erinnert Q seine AnhängerInnen kontinuierlich daran, dass Trump als ihre Erlösungsfigur den Schlachtzug anführt und sie beim Kampf gegen die Mitglieder des Tiefenstaates unterstützt. Viele der crumbs beinhalten daher Hinweise für das von den beiden Propheten ausgetüftelte finale Programm und warnen vor dem Versuch des Deep States, Trump am Handeln zu unterbinden und dadurch den Endkampf für sich zu gewinnen. So sollen seine Mitglieder beabsichtigt haben, Trumps Gipfeltreffen 2018 in Nordkorea zu verhindern oder Flugzeuge der US Air Force abzuschiessen (Fee 2019: 525f.). Ich fasse den Gedankengang dieses Abschnittes nochmals zusammen: Auf der Propheten-Hierarchie befindet sich Trump also nicht nur deswegen weiter unten als Q, weil er schlichtweg keine Entscheidungsmacht über den Inhalt und die Form der Drops hat, sondern auch, weil es Q ist, der ihm seine Rolle und sein Ansehen innerhalb der Bewegung überhaupt erst verleiht. Die Wichtigkeit von Trump als QAnon-Prophet wäre bedeutend kleiner, würde Q das Narrativ nicht so auslegen, dass ihm die Heldenrolle in der analogen Welt zukommt. 

Diese Darstellung(en) verwendet Trump zu seinem eigenen Vorteil. Indem er mit der QAnon-Bewegung flirtet, stärkt er seine politische Macht, sichert sich die Loyalität seiner AnhängerInnen und gewinnt im selben Augenblick neue dazu. So sind zwar bis jetzt noch keine verlässlichen Zahlen publiziert worden, es kann aber mit Sicherheit behauptet werden, dass die allermeisten QAnon-Followers auch Donald Trump ihre Unterstützung zusagen. Nicht nur findet man an seinen Wahlkämpfen und anderen Veranstaltungen immer mehr Menschen mit QAnon Merch, auch betonen bei Interviews die meisten von ihnen, dass sie Q und Trump gleichermassen Vertrauen schenken – als Weltretter und verlässliche Informationsquelle. So berichtet LaFrance in ihrem Artikel «The Prophecies of Q. American conspiracy theories are entering a dangerous new phase» von einem Gespräch, welches sie mit zwei Personen an einer Trump Veranstaltung in Toledo, Ohio hatte. Dazu schreibt sie folgendes: 

Shock and Harger rely on information they encounter on Facebook rather than news outlets run by journalists. They don’t read the local paper or watch any of the major television networks. ‹You can’t watch the news›, Shock said. ‹Your news channel ain’t gonna tell us shit.› Harger says he likes One America News Network. Not so long ago, he used to watch CNN, and couldn’t get enough of Wolf Blitzer. ‹We were glued to that; we always have been,› he said. ‹Until this man, Trump, really opened our eyes to what’s happening. And Q. Q is telling us beforehand the stuff that’s going to happen›. (vgl. LaFrance 2020)

Aus diesen Aussagen werden zwei Dinge ersichtlich: Einerseits begegnen wir hier der weiter oben angesprochenen hierarchischen Differenz zwischen den beiden Propheten sowie ihren unterschiedlichen Aufgaben bzw. Rollen innerhalb der Bewegung. Andererseits veranschaulichen die Schilderungen, dass Q und Trump bezüglich ihrer Verehrung und Überzeugungskraft unter QAnon-AnhängerInnen gleichberechtigt sind. Schlussfolgernd ist es für Trump ein Kinderspiel, mit Hilfe von gezielten Anspielungen die Bewegung für sich zu gewinnen. Bspw. zeichnete er an einer Pressekonferenz vom 5. Oktober 2017 mit seinem Finger einen unvollständigen Kreis in die Luft und fragte anschliessend die anwesenden ReporterInnen, ob sie wissen, was diese Geste zu bedeuten hätte. Als diese verneinten, meinte Trump: «Could be the calm – the calm before the storm» (vgl. LaFrance 2020) (siehe Kapitel «Apokalyptische (Bild-) Sprache). Mittlerweile werden seinen Aussagen eine solche Gewichtung beigemessen, dass ihm die QAnon-Gemeinschaft den Spitznamen Q+ verliehen hat. Besonders in seinen Tweets sehen viele eine tiefere Bedeutung, sodass diese genau wie die Q-Drops decodiert und interpretiert werden. Zum Beispiel wurde die Vermutung laut, dass Trump mit den beiden Posts «I am a great friend and admirer of the Queen & the United Kingdom» und «I am giving consideration to a QUARANTINE» insgeheim das Geständnis «I am… Q» ablegt (vgl. ebd.) Aus einzelnen Buchstaben wurde also ein bahnbrechendes Bekenntnis zusammengebastelt – wenn auch völlig aus dem Kontext gerissen. 

An dieser Stelle noch eine kleine Beobachtung, die ich aber nicht weniger bemerkenswert finde: Obwohl Q in seinen Heilsbotschaften bereits einige Prophezeiungen gemacht hat, die schlussendlich nicht eingetroffen sind, hat das der Bewegung nicht geschadet. Auf den ersten Blick erscheint es zwar logisch, dass solche Falschaussagen zwingend eine Verkleinerung der Anhängerschaft zur Konsequenz haben müssen – doch aufgrund des Mottos «Trust the Plan. Enjoy the show. Nothing can stop what is coming» werden falsche Vorhersagen einfach als gewollte Täuschungen abgetan, die Teil des umfassenden Plans sind (vgl. ebd.). 

Apokalyptische (Bild-) Sprache 

Ob wahr oder falsch bzw. stattgefunden oder doch nicht eingetroffen – Prophezeiungen sind also ein fester Bestandteil der Drops und damit auch des umfangreichen QAnon-Narratives. Mehr noch, untersucht man seine einzelnen Bestandteile anhand des Fünf-Punkte-Erzählbogens[6] für die Erfassung chronologischer Konstruktionen in Romanen und Geschichten, so stellt man fest, dass eine ganz spezifische Vorhersage den Höhepunkt des Bogens bildet – die Prophezeiung der Ruhe vor dem Sturm. Sie ist Grundlage für die gesamte Verschwörungserzählung und Hoffnung für die Gläubigen zugleich. Als Spekulation über die Vorzeichen, den Zeitpunkt und Verlauf des Weltunterganges gehört sie zu den apokalyptischen Motiven, denen man in nahezu allen Kulturkreisen und während der gesamten fassbaren Geschichte der menschlichen Zivilisationen begegnet (Tilly 2012:7). 

Auch die christliche Theologie bzw. die Jesusbewegung des frühen Christentums lässt sich ohne Bezugnahme auf übernommene apokalyptische Motive aus dem antiken Judentum nicht verstehen. Michael Tilly schreibt dazu: 

 Apokalyptische Texte und Traditionen sind deshalb ein wichtiger Hintergrund für das umfassende Verständnis der frühchristlichen Religion. Die – zu den Grundlagen des frühchristlichen Glaubens gehörende – Erwartung des nahen Endes der Welt und die im Glauben an die Auferstehung Jesu aus Nazareth begründete Verheissung einer allgemeinen Auferstehung der Toten als Voraussetzung eines vergeltenden Endgerichts nahmen zentrale apokalyptische Motive auf[7]. (ebd.: 89)

Bereits der urchristliche Osterglaube beinhaltet solch aus dem Judentum erworbene Motive. Die Auferstehung des totgeglaubten Jesus wurde von den ersten ChristInnen mit Hilfe apokalyptischer Vorstellungen und Bilder als Machttat Gottes und Zeichen der anbrechenden Endzeit gedeutet. Auch erwarteten sie die Wiederkunft Christi und die bevorstehende Gottesherrschaft auf Erden in unmittelbarerer Zukunft, d.h. noch zu ihren Lebzeiten. Als Angehörige der vorösterlichen Jesusbewegung sahen sie sich als das von Gott exklusiv erwählte, wahre Volk Israels an und lebten in der enthusiastischen Überzeugung, nach dem Weltgericht ein neues Leben geschenkt zu bekommen (ebd.: 89f.).

Soweit die Verknüpfung zur Religionswissenschaft als theoretischer Hintergrund. Wie bereits angesprochen, lässt sich auch innerhalb der Bewegung das substanzielle Element der apokalyptischen Zukunftsvision finden. In diesem Kontext können die QAnon-AnhängerInnen sogar eins-zueins mit den ChristInnen der vorösterlichen Jesusbewegung verglichen werden. Denn mit der Erzählung «Ruhe vor dem Sturm» erwarten auch sie eine Art Weltgericht, bei welchem sie als auserwählte, exklusive Gemeinschaft ohne einen Kratzer davonkommen werden. Der anzunehmende Sturm steht dabei für den von Q angekündigten Tag der Abrechnung mit Massenverhaftungen und Erschiessungen von PolitikerInnen, JournalistInnen und anderen Mitgliedern des Deep States (siehe Kapitel «Basic Story»). Es wird der Tag sein, an welchem die schlafende Weltbevölkerung endlich erwachen und von Q, Trump und all ihren Gläubigen ein «Ha, was haben wir euch die ganze Zeit über gesagt!» zu hören bekommen wird. Die Welt wird danach nicht mehr dieselbe sein, sondern viel, viel besser. Gereinigt von allen BösewichtInnen, müssen sich die Menschen vor keine Verbrechen, Kindesentführungen und Korruptionen mehr fürchten – das Paradies auf Erden. 

Im Qanon-Fachjargon wird dieser Moment des zu sich Kommens «The Great Awakening» genannt. Dabei wird ein grosses Erwachen in doppelter Hinsicht erwartet: Nicht nur wird sich die Öffentlichkeit darüber bewusst werden, dass sie Sklavin eines korrupten Systems geworden ist, sondern durch die Erkenntnis über die Verdorbenheit der Elite werden sich die Menschen auch über die eigene Verwerflichkeit bewusst werden. Und diese Selbsterkenntnis ist fruchtbarer Boden für die zweite, spirituelle Erweckung. Zusammengefasst wird der ganze Prozess also nicht nur ein faktisches, sondern auch ein spirituelles Erwachen zur Folge haben (vgl. LaFrance 2020). 

Betrachtet man diese Überzeugung aus einer psychologischen Perspektive, lässt sich damit auch der Entstehungszeitpunkt und die Anziehungskraft der Bewegung zu einem grossen Teil erklären. In Zeiten gesellschaftlichen Wandels, wie wir sie jetzt erleben, haben Verschwörungserzählungen schon immer grossen Anklang gefunden. Sie bieten ein spezifisches Sinn- und Erklärungsangebot und befriedigen das menschliche Bedürfnis nach ersichtlichen Mustern und Verbindungen. Auch die vielen Ansichten und Überzeugungen von QAnon sind dermassen flexibel, dass die noch so unterschiedlichsten Handlungen, Aussagen und Entwicklungen in das umspannende Narrativ eingeordnet werden können. LaFrance schreibt dazu: 

There are QAnon followers out there, who suggest that what we’re going through now, in this crazy political realm we’re in now, with all of the things that are happening worldwide, is very biblical, and that this is Armageddon. (vgl. LaFrance 2020)

Unerklärliche und besonders (negativ) einschneidende Erlebnisse sind nicht mehr bloss Zufälle, sondern werden als intentionale Handlungen verstanden – schliesslich sind die Verschwörer schuld daran, dass es einem selbst so schlecht geht (Butter 2018: 106f.). Und da die gefürchteten Entwicklungen von Menschen gemacht sind, können sie auch von Menschen gestoppt werden. Dazu muss die Verschwörung lediglich erkannt, aufgedeckt und besiegt werden. Dabei wird in demselben Mass, wie die Gruppe der angeblich Bösen verteufelt wird, ein positives Bild der eigenen Gemeinschaft konstruiert (ebd.: 110f.). Dieses schafft Identität, Zusammenhalt und lässt in erster Linie hoffen. 

Fazit 

Das Ziel der vorliegenden Hauptseminararbeit war eine erste, allgemeine Annäherung an die Welt von QAnon sowie die Beantwortung folgender (Haupt-) Fragestellung: Lassen sich im religionswissenschaftlichen Diskurs häufig verwendete Bestimmungen von Religion und religiöser Ausübung finden, die auch auf die Bewegung und ihre AnhängerInnen zutreffen? Wie meine Recherchen und Darlegungen aufzeigen, können durchaus solch multipel anwendbare Definitionsansätze bestimmt werden – dafür braucht es auch keinen wirklich tiefen Taucher in die Materie. Bereits zu Beginn meiner Untersuchungen habe ich Parallelen zwischen der Gruppierung (ob auf organisatorischer oder inhaltlicher Ebene) und Konzepten feststellen können, die mir im Verlaufe des Studiums begegnet sind. Nach getroffener Auswahl konnte ich bei allen vier Elementen (siehe Kapitel «Religiöse Elemente») Verknüpfungspunkte zwischen religionswissenschaftlichen Themenbereichen und der Bewegung ausarbeiten, weshalb ich an dieser Stelle die Schlussfolgerung ziehe, dass die Bezeichnung von QAnon als (neu entstehende) Religion legitimiert werden kann – zumindest aus Sicht der Religionswissenschaft. 

Natürlich ist es damit aber noch nicht getan. Mein Fazit stützt sich auf Recherchen über ein paar wenige Referenzpunkte und dient aus diesem Grunde «lediglich» als ein erster Anhaltspunkt zur sehr jungen Bewegung. Die wissenschaftlichen Disziplinen haben sich noch kaum mit ihr und ihren AnhängerInnen auseinandergesetzt, es fehlen Sachbücher und wissenschaftliche Paper als verlässliche Quellen. Bereits die Erörterung der Frage, welchen diskursiven Unterschied verschiedene Bezeichnungen wie «Verschwörung» und «Religion» zur Folge haben, würde einen solchen Artikel füllen. Oder die Seiten einer weiteren Seminararbeit. 

Die (Wissens-) Lücken werden jedoch zunehmend geschlossen. Aufgrund aktueller Ereignisse rückt QAnon immer mehr in den Fokus von Öffentlichkeit und Wissenschaft. Erst vor wenigen Monaten, am 06. Januar 2021, hat die Bewegung mit der Erstürmung des Kapitols in Washington zum wiederholten Mal für Schlagzeilen gesorgt, da sich viele der beteiligten Personen als AnhängerInnen zu erkennen gegeben haben (vgl. Klaus 2021).

It is a movement united in mass rejection of reason, objectivity, and other Enlightenment values. And we are likely closer to the beginning of its story than the end. (vgl. LaFrance 2020)

Literaturnachweis 

Bossart, Adolf (1992): Der Dualismus von Gut und Böse – die Achillesferse des Christentums, in: Freidenker, Jg. 75, Nr.1, S. 1-2

Butter, Michael (2018): «Nichts ist, wie es scheint». Über Verschwörungstheorien. Berlin: Suhrkamp Verlag 

Eimuth, Kurt-Helmuth (2020): Verschwörungsglaube «QAnon»: Entsteht da eine neue Religion? [online] https://www.efomagazin.de/magazin/gottglauben/qanon/ [26.06.2021]

Eiholzer, Leo (2020a): «QAnon ist eine Ersatzreligion»: Ein Experte sagt, warum so viele Schweizer an Verschwörungstheorien glauben, [online] https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/qanonisteineersatzreligioneinexpertesagtwarumsovieleschweizeranverschwoerungstheorienglauben139068821 [26.06.2020]

Eiholzer, Leo (2020b): Die unheimlich netten Q-Schweizer: Radikale Verschwörungs-Bewegung breitet sich auch hierzulande aus, [online] https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/dieunheimlichnettenqschweizerradikaleverschworungsbewegungbreitetsichauchhierzulandeausld.1254908 [26.06.2021]

Fee, Christopher R. (2019): Conspiracies and conspiracy theories, in: American history. Santa Barbara, CA ABC-CLIO

Greelane (2019): Was ist der Erzählbogen in der Literatur? [online] https://www.greelane.com/geisteswissenschaften/literatur/whatisnarrativearcinliterature852484/ [09.07.2021]

Heiser, Patrick (2018): Religionssoziologie (1. Auflage). Paderborn: Fink

Huesmann, Felix (2020): QAnon: Wie eine gefährliche

Verschwörungserzählung in Deutschland Fuss fassen konnte, [online] https://www.nationalgeographic.de/geschichteundkultur/2020/09/qanonwieeinegefaehrlicheverschwoerungserzaehlungindeutschland  [26.06.2021]

Klaus, Julia (2021): Eskalation in Washington. Rechtsextreme und QAnons bei Kapitol-Sturm, [online] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/uswahlenrechtsextremekapitolproudboys100.html [26.06.2021]

LaFrance, Adrienne (2020): The Prophecies of Q. American conspiracy theories are entering a dangerous new phase., [online]

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2020/06/qanonnothingcanstopwhatiscoming/610567/ [26.06.2021]

Lang, Bernhard (2001): Prophet, Priester, Virtuose, in: Hans G. Kippenberg et al.: Max Webers Religionssystematik. Tübingen: Mohr Siebeck Verlag. S. 167-191

Pickel, Gert (2011): Religionssoziologie. Eine Einführung in zentrale Themenbereiche. 1st ed. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011. Web.

Röther, Christian (2020): Die Bewegung «QAnon» wird zur Religion, [online] https://www.deutschlandfunk.de/verschwoerungsmythendiebewegungqanonwirdzurreligion.886.de.html?dram:article_id=478337 [26.06.2021]

Tilly, Michael (2012): Apokalyptik. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 

Wikipedia (2021): Adrenochrom, [online] https://de.wikipedia.org/wiki/Adrenochrom [26.06.2021]


[1]4chan ist ein englischsprachiges Imageboard, auf welchem anonym Bilder und Kommentare geteilt werden können.

[2] Adrenochrom ist ein Stoffwechselprodukt des Adrenalins und gehört zur chemischen Gruppe der Aminochrome (vgl. Wikipedia 2021)

[3] Teile dieser Seminararbeiten wurden vor den US-Präsidentschaftswahlen 2020 geschrieben, als Donald Trump das Präsidentenamt noch ausübte

[4] Der substanzielle Religionsbegriff definiert Religion über ihren Inhalt. Ein inhaltliches Merkmal von Religion kann bspw. die Auseinandersetzung des Menschen mit einer übernatürlichen Macht sein 

[5] Der funktionale Religionsbegriff definiert Religion über ihre (soziale) Funktion, da in diesem Fall davon ausgegangen wird, dass Religion eine wichtige Rolle für das Individuum und die Gesellschaft spielt und diese mitgestaltet 

[6] Bestehend aus den Elementen Ausstellung, Rising Action, Höhepunkt, Falling Action und Lösung (vgl. Greelane 2019)

[7] Übernommen wurden hauptsächlich traditionelle jüdische Zukunfts- und Gegenwartsaussagen, bei welchen das kommende bzw. anbrechende Reich Gottes thematisiert wird (Tilly 2012: 88) 

Just Love? – Ein Besuch bei Bhakti Marga «im Herzen Deutschlands»

Gegen 11:00 komme ich auf dem Gelände der Gemeinschaft «Bhakti Marga» an – «im  Herzen Deutschlands» – wie es auf der Internetseite der Gemeinschaft heißt. Ich fahre auf ein großes Areal mitten im Nirgendwo im Taunus, einem Gebirge in der Nähe von Frankfurt am Main. Es dauert nicht lange, bis ich zwischen zwei kleinen Außentempeln hindurch auf den Parkplatz fahre. Ich steige aus und gehe zunächst zu den Tempeln und fotografiere sie. Wird sich jemand daran stören? Bis jetzt hatte ich noch niemanden auf dem Gelände gesehen. Es wirkt ausgestorben und das graue Wetter tut sein Übriges, damit mir ein wenig mulmig wird. Plötzlich kommt eine junge Frau in einem roten Sari an mir vorbei und grüßt mich nett. Mein Handy stecke ich schnell wieder in meine Tasche und sehe mich um. Die Frau entfernt sich langsam von mir, dreht dann allerdings um und fragt mich, ob sie mir helfen könne. Ich sage ihr, dass ich gestern eine Mail geschrieben habe und mir gesagt worden sei, ich könne ohne weiteres vorbei schauen. Dies hatte mich aufgrund der jüngsten Berichterstattung jedoch gewundert: In der ARD-Mediathek befindet sich ein am 27.01.2022 ausgestrahlter Beitrag über Bhakti Marga, in dem mehrere junge Männer von sexuellem Missbrauch durch den «Master» der Gemeinschaft, Vishwananda, berichten. Bereits 2008 tauchen erste Missbrauchsbezichtigungen auf. Auf der deutschen Website von Bhakti Marga findet man seit dem 20.01.22 eine ausführliche Stellungnahme zu dem Beitrag, in dem alle Vorwürfe gegen Vishwananda ausdrücklich zurückgewiesen werden. Es handle sich laut Bhakti Marga und laut Vishwananda selbst, der im Videoformat aussagt, um Lügen von enttäuschten Aussteigern.

Die Frau, mit der ich nun spreche, macht auf mich jedoch einen offenen und ausgesprochen freundlichen Eindruck. Sie führt mich zum Haupteingang. Dort wolle sie für mich eine Führung durch das Gebäude organisieren, sagt sie. Ich trete in eine große Eingangshalle ein, an deren Ende sich eine Rezeption befindet. Insgesamt lässt das Gebäude bei mir den Eindruck einer Jugendherberge entstehen. Dahinter sitzen ein paar Leute und arbeiten. Vereinzelt durchqueren Menschen in gelben Saris die Eingangshalle. Nachdem die Frau mit einigen Menschen hinter der Rezeption gesprochen hat, kommt sie wieder zu mir zurück. Sie berichtet mir, dass sie normalerweise in der Küche arbeite, mich jedoch  gerne herumführt.

Nur ein Kaffeekränzchen?

Zunächst lädt sie mich auf einen Kaffee ein. Eigentlich gibt es im Ashram ein öffentliches Café – das Bhajan Café – aber durch Corona und die abgeschottene Lage des Ashrams sei es zu selten besucht worden und somit zur Zeit geschlossen. Deshalb nimmt sie mich mit in den Speisesaal der im Ashram arbeitenden und lebenden Devotees. Sie bereitet uns einen Kaffee zu und wir setzen uns an einen Tisch. Wir unterhalten uns für circa eine halbe Stunde. In dieser Zeit erzählt sie mir von ihrem Weg zu Vishwananda: Sie komme aus Californien und habe dort zum ersten mal «Guruji», wie sie Vishwananda nennt, gesehen. Er sei dort auf Tour gewesen und habe sie sofort tiefgründig berührt, es sei für sie ein spiritueller Erweckungsmoment gewesen. Sie habe sofort gewusst: «Diesem Mann muss ich folgen.» Dabei sei es ihr egal gewesen, was dieser Mensch genau macht oder predigt.

Sie lebe seit 14 Jahren im Ashram in Heidenrod und arbeite in der Küche. Sie erzählt jedoch nicht nur von sich, sondern fragt mich auch einiges. Ich sage ihr, dass ich mich für Religionen interessiere und da meine Eltern in der Nähe leben, habe sich ein Besuch angeboten. An mehreren Stellen im Gespräch fragt sie: «Wo wohnen deine Eltern genau?» und: «Wie bist du darauf gekommen, uns zu besuchen?». Angesichts der aktuellen Berichterstattung hielt ich es für ratsamer, meine Arbeit für Relinfo auszusparen. Da ich aufmerksam darauf achte, was sie mich fragt, fällt mir ihr vertieftes Interesse an meinem Hintergrund auf. Sie schafft es jedoch, diese gezielten Fragen beiläufig und sympathisch ins Gespräch einzubauen, sodass es mir unter anderen Umständen vermutlich nicht aufgefallen wäre. Mir scheint als wäre es ihr bewusst, mit einer Außenstehenden zu sprechen, die womöglich einige Lebensweisen und Glaubenssätze der Gemeinschaft seltsam vorkommen könnten. So nimmt sie immer wieder Kontoversen vorweg, indem sie beispielsweise sagt, dass es für westliche Menschen oft nicht leicht zu verstehen sei, einen Guru bzw. Lehrer zu haben, dem man folgt. Für mich stellt sich das als Versuch dar, Bedenken hinsichtlich eines Führerkults zu relativieren.

Das Aushängeschild: Der Tempel

Nachdem wir unseren Kaffee ausgetrunken haben, führt sie mich in das spirituelle Zentrum von «Shree Peetha Nilaya», in den Tempel des Ashrams. Im Vorzimmer des Tempels befinden sich Bilder von Vishwananda und auf einer großen Tafel steht:

«Love the one above you. Don’t trust the one in front of you. You will not escape the one behind you. And the one below you is inevitable

Als ich sie nach der Bedeutung dieser Sätze frage, erklärt sie mir, dass es hauptsächlich um die Erkenntnis gehe, dass auf dem Weg zur Erleuchtung viele Gefahren lauern. Der einzig sichere Weg und der Weg zu Gott gehe von Vishwananda aus, der, der «über uns» steht. Wir ziehen unsere Schuhe aus und gehen in den Tempel. Ich sehe einen großen, von Wandmalereien und Statuen geschmückten Raum. An der Decke befinden sich herabgesetzte Wandelemente, auf der die Lebensgeschichte Krishnas farbenfroh portraitiert ist. Der Raum ist in zwei Stuhlgruppen aufgeteilt: Während den Gebeten sitzen auf einer Seite Männer, auf der anderen Seite Frauen. Am rechten Ende des Tempels steht der «Thron» Vishwanandas, auf dem passenderweise ein gerahmtes Bild von ihm platziert ist.

Eine weitere Darstellung des Gurus befindet sich in der Nähe des Eingangs, die ihn mit der Heiligen «Meerabai» und «Giridhari» zeigt. Meine Gästeführerin erklärt mir, dass die Heilige schon seit dem 16. Jahrhundert verstorben sei. Sie sei dennoch mit Vishwananda in einem Tempel in Kontakt getreten. Dort habe er von dem zuständigen Priester die kleine Figur Giridhari erhalten, die seitdem in seinem Besitz ist und täglich geehrt werde. Bei meiner anschließenden Recherche finde ich heraus, dass «Meerabai» oder auch «Mirabai» eine Heilige war, von 1498 bis 1546 in Nordindien gelebt haben soll. Von ihr sind hunderte Lieder überliefert, die heute noch in verschiedenen Religionen gesungen werden. Mir scheint die enge Verbindung von ihr und Vishwananda nicht zufällig: Meerabai ist dafür bekannt, sich leidenschaftlich und aufopferungsvoll ihrem Gott hingegeben zu haben. Vishwananda bezieht sich auf sie als Vorbild für Unterwerfung und Selbstaufgabe. Sie sei so involviert gewesen, dass sie ihren Verstand und ihren Körper vergessen habe. Nur wenn man so fokussiert auf Gott sei wie sie, dann werde man zu ihm kommen. Es stellt sich die dringliche Frage, ob «Meerabai» hier ein Exempel statuieren soll: Vishwanandas Anhänger werden erst zu ihm finden, wenn sie sich ihm vollends hingeben und ihren Verstand hinter sich lassen. Dafür spricht, dass Bhakti Marga mittlerweile ausdrücklich darauf hinweist, dass Vishwananda «gleichbedeutend mit Gott» ist.

Die Heiligen und ihre Schuhe

Nachdem ich den Tempel fotografieren durfte, führt mich die nette Frau in das Museum des Ashrams. Hier darf ich leider keine Fotos machen. Vor mir bäumen sich dutzende Glasvitrinen auf, in denen nebeneinander kleine Bilder von Heiligen gestaffelt sind. Sie sind jeweils mit einem persönlichen Gegenstand der Heiligen versehen. Oft sind es alte Holzsandalen, die von den Gurus getragen worden sein sollen. Manchmal sind es Kristalle oder einfache Alltagsgegenstände.

Sie erzählt mir etwas zu dem Hintergrund einiger wichtiger Gurus, zum Beispiel Yogananda. An den Wänden hängen Zeittafeln, auf denen der Werdegang Vishwanandas dargestellt wird oder die Entwicklung von Bhakti Marga skizziert ist. Die Frau berichtet mir in diesem Zusammenhang von Wundern, die Vishwananda schon als Kind vollbracht habe.

Im hinteren Teil des Raums befindet sich ein Bereich, den ich nicht betreten darf, wie die Frau mir sagt. Wir dürfen ihn uns jedoch ansehen. Umgeben von einer auf die Wände gezeichneten Berglandschaft befindet sich eine Höhle, in der eine düster wirkende Statue sitzt. Es handle sich dabei um «Mahavatar Babaji», durch den Vishwananda spirituell erleuchtet worden sein soll. Er sei mehrere tausend Jahre alt und lebe im Himalaya. Begeistert erzählt mir die Frau, dass Vishwananda als einziger mit ihm kommunizieren könne.

Jesus, Krishna oder einfach Vishwananda?

Während wir uns auf den Weg zur letzten Station der Führung machen, erklärt sie mir, dass es bei Bhakti Marga so viel zu wissen und zu lernen gebe. Sie selbst sei allerdings nicht so streng, was die Schriften angeht. Sie sei mehr der Typ für freiere Umgangsformen und lege viel Wert darauf, einfach drauf losquasseln zu können. Bei mir kommt dies als – sympathisch verdeckter – Versuch an, möglichst locker zu wirken und die Gemeinschaft offen und wenig problematisch wirken zu lassen. Es gibt ihr zudem eine Erklärung dafür, dass sie immer wieder, getarnt durch ihre lebendige, ungezwungene Art, mit direkten Fragen rausplatzt. Ohne direkten Zusammenhang fragt sie mich beispielsweise: «Glaubst du an Gott?».

Gott stellt sich in der Gemeinschaft Bhakti Marga nicht einseitig dar, was sich an unserem letzten Stopp erkennen lässt: Einer russisch-orthodoxen Kapelle mitten im Ashram.

Die Wände der Kapelle sind mit bunten Bildern christlicher Heiliger gepflastert. In Sachen Extravaganz steht die Kapelle dem Rest des Ashrams nichts nach. Meine Begleiterin erklärt mir, dass Vishwananda ein zertifizierter russisch-orthodoxer Priester sei. Den Zusammenhang zwischen dem neohinduistischen und dem christlichen Teil der Gemeinschaft erklärt sie mir mit dem ehrenwerten Versuch Gurujis, Westen und Osten spirituell zusammenzuführen. Ich frage mich, ob sich die Relikte, die Vishwananda Anfang der 2000er Jahre in der Schweiz gestohlen hat, in der Kapelle befinden.

Nachdem wir die Kapelle besichtigt haben begleitet mich die Frau im roten Sari wieder in die Eingangshalle zurück. Sie drückt mir ihre Visitenkarte in die Hand und wir verabschieden uns. Als ich in meinem Auto langsam vom Parkplatz fahre, entdecke ich eine andere Frau im roten Sari, die einen Papagei auf dem Arm trägt. Mit langsamen 20 Stundenkilometern verlasse ich erleichtert diese Parallelwelt im Taunus.

Julia Sulzmann, 01.02.2022

 

Quellen

Paramahamsa Vishwananda International. (2014). Meerabai – a model of devotion and surrender. http://paramahamsavishwananda-info.blogspot.com/2014/10/meerabai-model-of-devotion-and-surrender.html

Süß, S. & Gerhardt, P. (2022). Just Love? Sektenaussteiger packen aus. ARD Mediathek. https://www.ardmediathek.de/video/doku-und-reportage/just-love-sektenaussteiger-packen-aus/hr-fernsehen/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8xNjAzNDU/

Paramahamsa Vishwanandas Stellungnahme zur jüngsten Fernsehsendung des Hessischen Rundfunks. (2022). Bhakti Marga. https://pages.bhaktimarga.org/de/stellungnahme-bhakti-marga-zur-berichterstattung-des-hessischen-rundfunk

Link zum Lexikoneintrag zu Bhakti Marga

http://www.relinfo.ch/lexikon/hinduismus/neuere-aus-dem-hinduismus-stammende-religioese-bewegungen/bhakti-marga/

 

Besuch in der «Zwischenwelt» bei Wilhelm «Dreamdancer» Haas in Luzern

In Luzern aufgewachsen und auch jetzt noch die meiste Zeit in der Stadt unterwegs, bin ich schon oft am kleinen Laden mit dem Namen «Zwischenwelt» vorbeigeschlendert. Da es bis jetzt immer bei einem neugierigen Blick von aussen durch das Schaufenster geblieben ist, war ich umso gespannter auf meine Verabredung mit dem Gründer des an der Bruchstrasse gelegenen Hexenladens, Wilhelm Haas. Per Mail hatten wir einen Termin vereinbart, und am Vormittag des 27. Januars wurde ich dann in der Zwischenwelt herzlich willkommen geheissen. Der Name ist Programm: Zwischen Räucherwerken, Symbolschmuck, Karten, Runen, harmoniefördernden Düften, Literatur und vielen anderen Utensilien der naturspirituellen und magischen Tradition, fühlt man sich wahrlich in einer anderen Realität, einer Zwischenwelt. Über eine kleine Treppe und durch zwei farbige Vorhänge hindurch, wurde ich in einen Raum mit kleiner Küche und halbkreisförmig angeordneten Stühlen geführt, wo mir Wilhelm bei einer Tasse Tee Einblick in sein Tun und Denken gewährte.

Dem Ruf der magischen Welt gefolgt

Der «Dreamdancer», wie er sich ebenfalls nennt, sieht sich selbst als eine progressive männliche Hexe an. Das Hexen-Sein könne man sich am besten als einen Zustand zwischen verschiedenen Welten vorstellen, so Wilhelm weiter. Begriffe wie «Hexenmeister», «Magier» oder «Hexerich» lehnt er bewusst ab – nicht nur sei «Hexe» eine geschlechtsneutrale Bezeichnung, auch beschreibe sie seinen magischen Lebensstil und Lehrweg am zutreffendsten.

Dass es nebst dem vom Menschen Erfass- und Wahrnehmbare noch anderes, andere Realitäten und andere Wesen geben muss, sei Wilhelm bereits als Kind klar gewesen. So schnellte seine Hand im römisch-katholischen Schulunterricht des Öfteren in die Höhe, um kritische Fragen zu ihm unlogisch erscheinenden Dingen zu stellen – denn wer sagt eigentlich, dass Gott ein Mann ist? Obwohl ihm also die Neugierde und Offenheit für andere Weltanschauungen schon im Kindesalter gegeben war, konnte er seine Intuitionen lange Zeit nicht richtig einordnen. Dem römischen Katholizismus stand er zwar nicht ablehnend gegenüber, als seine Welt bzw. Religion empfand er ihn jedoch nie. Dazu kam, dass sich Wilhelm als stark nachdenkliches Kind mit einer depressiven Erkrankung zu nichts und niemandem richtig zugehörig fühlte.

Halt fand er im wachsenden Interesse für den Okkultismus als Lehre von übersinnlichen, unerklärlichen Kräften und Erscheinungen sowie für die Spiritualität und Esoterik im Allgemeinen. Dabei übte das Buch «Die Nebel von Avalon» von Marion Zimmer Bradley eine besondere Faszination auf ihn aus – Wilhelm sah sich, seine Emotionen und Gedanken in der darin aufgegriffenen Fantasie mit starkem Bezug zur Wicca-Hexerei widergespiegelt. Dem Ruf der Welt der Magie, des Schamanismus und der Naturreligion vollumfänglich gefolgt, ist er jedoch erst Jahre später mit seiner individuell, aber auch im «Coven» vollzogenen Initiation. Im «Circle of the Enchanted Forest», so der Name des Zirkels, wurde Wilhelm als Mitglied nicht nur in die Hexerei initiiert, dort hat er auch die Priesterschaft in der Naturreligion angenommen. Mittlerweile hat sich der Zirkel „in Freundschaft aufgelöst“.

Die Wicca-Hexerei als ein progressiv-moderner Ansatz

Wicca ist eine neureligiöse Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die dem Neopaganismus oder Neuheidentum (Sammelbegriff für im 19. Jahrhundert aufgekommene religiöse und kulturelle Strömungen, die einen starken Bezug zu antikem, keltischem, germanischem und slawischem Heidentum sowie aussereuropäischen ethnischen Religionen aufweisen) zugeordnet werden kann. Als «Religion der Hexen» handelt es sich neben dem Druidentum und anderen Richtungen des Neopaganismus um eine eigene Strömung innerhalb des Hexentums. In England und den USA ist sie, im Gegensatz zur Schweiz, als staatliche Religion anerkannt.

Wilhelm selber ordnet Wicca in die Kategorie der Naturreligionen ein, wobei er «Natur» aber breiter als das Allgemeinverständnis fasst. Er spricht von einer «allumfassenden kosmologischen Natur», die nicht nur Aspekte wie «Bäume umarmen und Vögel anbeten» beinhaltet und über die diesseitige Welt hinausgeht. Zwar sei die Wicca-Hexerei schon immer eine Zusammenstellung eklektischer, okkultistischer, spiritueller und praktischer Bestandteile gewesen, die Bezeichnung als Naturreligion decke aber die allermeisten ihrer Zugänge ab.

In den späten Sechzigern, anfangs Siebzigern fand das Gedankengut der Wicca-Hexerei Einzug in die feministische Bewegung. Dadurch, dass es in Wicca männliche wie auch weibliche Gottheiten gibt und beiden Kräften gleichermassen Achtung geschenkt wird, fand sie bei entsprechenden Vertreter:innen besonderen Anklang. Für Feminist:innen war das Verehren der Göttin eine Form des Protestes, um Widerstand gegen die «patriarchale Gott-Gewalt, Lebensfeindlichkeit und der durch männliche Dominanz verursachten Schäden an Mutter Erde» auszuüben, wie Wilhelm auf seiner Website schreibt. Innerhalb der Wicca-Szene gab und gibt es dafür aber nicht nur Lob: Einigen Traditionalist:innen kippt die Fokussierung auf weibliche Kräfte und das damit schwindende Interesse an den männlichen Gottheiten zu sehr ins Extreme.

Einen Umschwung löste Scott Cunningham mit seinem 1989 erschienenen Buch «Wicca – A guide for the solitary practicioner» aus. Das Buch ist als Leitfaden für Hexen gedacht, die den Wicca-Glauben und die dazugehörige Vielfalt an Ritualen zwar kennenlernen, sich aber keinem Zirkel anschliessen möchten. Damit war der Weg für ein «modernes Wicca» geebnet. Dass die Publikation von Cunningham nicht nur zustimmende Reaktionen auslöste, erscheint logisch: Die Behauptung, dass eine Initiation auch individuell und nicht nur in einem Hexenzirkel durchgeführt werden kann, eckte mit dem elitären Denken vieler traditioneller Anhänger:innen an – bis heute.

Nach seiner ganz persönlichen Meinung gefragt erklärt mir Wilhelm, dass er solch traditionelle Einstellungen zwar akzeptiert, sich selbst aber klar der modern-progressiven Strömung innerhalb der Wicca-Hexerei zuordnet, ohne den älteren Traditionen dabei die kalte Schulter zu zeigen. Dass man sich initiiert, wenn man den magischen Lebens- und Lehrwegen gehen möchte, findet er wichtig – ob individuell oder als Mitglied in einem Zirkel. Dabei spielt es auch keine Rolle, auf welchen Initiationsritus aus der vorhandenen Vielfalt zugegriffen wird. Grössere Gewichtung legt der Dreamdancer jedoch darauf, dass man sich an die Leitlinien der Wicca-Ethik hält:

  • «Tu was Du willst, aber schade niemandem» als philosophische Grundlage
  • Die Lehre von Ursache und Wirkung, die sich im «Gesetz der Drei» spiegelt. Bedeutet: «Alles was man aussendet, kehrt zu einem zurück»
  • Selbstverantwortung
  • Stete Weiterentwicklung
  • Stetes Einstimmen auf die Kräfte, mit denen man arbeitet – mittels Gebeten, Meditation, Trance, aber auch und vor allem durch bewusstes Leben und Erfahren in all seinen Aspekten

Dass die Grundgebote zum Teil metaphorisch formuliert sind und deshalb auch auf unterschiedliche Weise ausgelegt werden können, ist ihm klar. Er versteht sie nicht als starre Regeln, wie das bspw. bei den 10 Geboten im Christentum der Fall ist, sondern als eine philosophische Zusammenstellung, die dem Leben Orientierung und Struktur verleihen kann. Für diese Meinung hagelt es dann auch mal Kritik. Insbesondere junge Anhänger:innen, die Wicca auf sozialen Plattformen wie TikTok und Instagram promoten, möchten eine durch und durch freie Hexerei ausüben und sich infolgedessen an keine vorgeschriebenen Regeln und Leitlinien halten müssen.

Als modern-progressiv sieht sich Wilhelm in dem Sinne, als dass für ihn Religion und das Diesseits nicht zwei voneinander getrennte Bereiche sind. Ersteres definiert er nicht als einen Zufluchtsort vor der Realität, weshalb er vielmehr versucht, die von ihm gelebte Magie und Spiritualität im alltäglichen Leben zu integrieren. Denn nur durch das wiederholte Praktizieren kann die «Anderswelt» erfahren werden. Um dabei eine Brücke zwischen Tradition und Gegenwart schlagen zu können, müssen die Praktiken auch mal an vorherrschende Bedingungen angepasst werden – denn das Ausüben eines dem Winter gewidmetes Ritual bei einem durch die Klimaerwärmung aufgeheizten Wetter macht wenig Sinn. Die inneren Prozesse und äusseren Kreisläufe, die sich im Jahreskreis mit seinen Festen ausdrücken, sind jedoch zeitlos.

Crafting – Die Hexenschule als Herzschlag der Zwischenwelt

Die enorme Ritual- und Praxisvielfalt in Wicca widerspiegelnd, können in der Zwischenwelt verschiedenste Angebote wahrgenommen werden: Von der spirituellen Beratung mit Karten und Runen, über Ritual- und individuelle Räucherberatung, bis zur eigenen Mojo-Erstellung (Kräutersäckchen). Doch das Kernstück seiner Arbeit bildet die Hexenschule «Crafting», die Wilhelm seit 2003 regelmässig als Jahreskurs durchführt. Auf der Website schreibt er dazu:

In Crafting lernen die Schüler*innen magische Praktiken und eine Ritualistik die sich gut in den Alltag einfügen lässt, bekommen Werkzeuge in die Hand mit denen – ganz in der alten Tradition magischer Schulen – die Selbsterkenntnis zu einem wichtigen Faktor der authentischen Entwicklung wird, und die es einem ermöglichen die Eigenmacht zu fördern. […] Crafting bietet die Möglichkeit sein Bewusstsein zu erweitern, mit Göttinnen, Göttern und anderen Helferwesen zu arbeiten und es liefert ein gutes Fundament auf dem man, auch nach dem Kurs und selbst wenn man einen anderen Pfad wählen sollte, wunderbar weiter aufbauen kann.

Oberstes Ziel sei das Starkmachen der Selbstwahrnehmung und -erkenntnis, ganz im Sinne der Wicca-Leitlinien. Das Kennenlernen des Hexenhandwerkes und der darin enthaltenen Rituale sei zwar ein wichtiger Bestandteil, den Schüler:innen soll aber immer bewusst bleiben, dass sie sich «ihre Realität selbst schaffen». Die Verantwortung auf Gött:innen abwälzen – für Wilhelm ein No-Go.

Initiationsriten bietet er jedoch nicht an. Wenn sich jemand für den Weg als Hexe berufen fühlt, kann die Initiation eigenständig durchgeführt werden. Ausserdem möchte er dafür auch kein Geld verlangen.

Was die Teilnehmenden betrifft, so sind diese punkto Alter und Lebenshintergrund bunt durchmischt: Von Theolog:innen über Lichtarbeiter:innen bis zu Bankangestellten hatte er alles dabei. Die Altersspanne schätzt er zwischen 18 und 75 Jahre ein. Nur bezüglich dem Geschlecht könne er eine Konstante ausmachen, denn in seinen 20 Jahren Tätigkeit seien die Angebote bei weitem mehr von Frauen als von Männern genutzt worden.

Aufgeschlossen, herzlich und respektvoll

Dass sich Wilhelm mit dem Zwischenwelt-Lädeli einen Kindheitstraum erfüllt hat und im magischen Weg als männliche Hexe seine Berufung gefunden hat, merkt man in jedem einzelnen Aspekt seines Tuns und Auftretens. Dabei ist er bodenständig und für andere Weltanschauungen und Meinungen offen geblieben – etwas, von dem sich viel mehr Menschen eine zünftige Scheibe abschneiden könnten, ganz egal, ob religiös oder nicht.

Insgesamt habe ich den vorausgehenden Austausch und Besuch beim Dreamdancer in der Zwischenwelt gleichermassen herzlich wie interessant empfunden. Er hat sich meiner Neugierde und anfänglichen Orientierungslosigkeit in der Welt der Hexerei angenommen und meine Fragen mit viel Geduld beantwortet.

Asia Petrino, 31.01.2022

Lexikoneintrag Zwischenwelt Luzern

Zum Tod von Thich Nhat Hanh

Buddha hat von seinen Schülern gefordert, einzig der eigenen Wahrnehmung und Erkenntnis zu vertrauen. Doch bezeichnenderweise empfanden und dachten willige Schüler in der Folge immer weitgehend meisterkonform. Dieses Phänomen der meisternahen persönlichen Erkenntnis wiederholt sich seit den Tagen Gautamas, des Buddhas, bis in unsere Zeit. Das überrascht nicht. Wie kann sich mein eigenes persönliches Erkennen dem Einfluss des Meisters entziehen, der in meiner unmittelbaren Umgebung unendlich einleuchtend Buddhismus «vor-denkt»?

Thich Nhat Hanh (11. Oktober 1926 – 22. Januar 2022) verstand es wie nur wenige buddhistische Meister vor und neben ihm, Buddhismus für moderne Menschen «vorzudenken» und vorzuleben. Er verband die überzeugendsten Elemente aus alten buddhistischen Schulen in geradezu genial schlichter, dem westlich gesinnten Menschen mehr als nur bekömmlichen Weise zu einem Buddhismus für unsere Zeit. Hier fanden viele, was sie im Raum christlicher Spiritualität nicht mehr ansprach: Alltagsnahe Meditationspraxis und jene Verbindung von Präsenz und Gelassenheit, die jeden Moment erst den rechten Zauber verleiht. Achtsamkeit hiess eines seiner grossen Leitworte, das er mit sanfter Interpretation der Theravada-Schriften füllte. Von Hause aus war er vietnamesischer Zen-Mönch, dem grossen Fahrzeug verbunden.  Aber auch Zen lebte er wie Theravada, ohne Ecken und Kanten, Zen nicht als erhofften, derben Durchbuch ins Absolute, sondern als friedliches Erahnen einer geheimnisvollen, absoluten Präsenz.

Soft-Ice-Buddhismus? Nicht wenige strammere Vertreter dieser oder jener buddhistischen Schule haben – meist hinter vorgehaltener Hand – leise gespottet. Aber auch sie konnten und können das grosse soziale, pädagogische und sogar politische Engagement von Thich Nhat Hanh nicht klein reden.  Er war die Leitfigur des engagierten Buddhismus, der Martin-Luther-King des Neo-Buddhismus, menschennah, engagiert, pazifistisch, umweltbewusst. (Nicht zufällig fühlte er sich dem bekannten US-Pastor auch freundschaftlich verbunden).

War er zu sanft? Wer bei ihm unter der Schar seiner vornehmlich westlichen Jünger sass, hätte dies meinen können. So sanft spricht anderswo kaum ein Meister. Aber wir durften uns nicht täuschen lassen. Achtsamkeit gleicht einem zarten Hauch. Aber sie verändert unsere Perspektiven und Friede verwandelt die Welt.

Prof. Dr. Georg Schmid, 24. Januar 2022

Lexikoneintrag Thich Nhat Hanh

Die Liebesgeschichte des Meisters Thich Nhat Hanh – Ein Besuch im Plum Village

Buddhistische Meister der Gegenwart – Vortrag von Margrit Meier

Besuch Zusammenkunft Zeugen Jehovas Zürich Altstadt

«Hallo?» meldet sich Christian[1] überrascht, als ich anrufe. Seine Nummer hatte ich auf der offiziellen Seite der Zeugen Jehovas, jw.org, gefunden.

Ich sage ihm, dass ich neu in Zürich sei und Interesse hätte, einer Zusammenkunft beizuwohnen. Dabei sei ich auf seine Nummer gestoßen. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, mein Interesse begründen zu müssen, um kein Misstrauen zu wecken. Das ist aber gar nicht nötig. Freudig entgegnet er, das sei super und natürlich gar kein Problem. Freundlich weise ich ihn darauf hin, dass ich noch den Zugangslink für die Zusammenkunft bräuchte. Er rufe mich zurück, um sich meine E-Mail-Adresse zu notieren, gerade sei er unterwegs. Gesagt, getan und so sitze ich um 19:30 bereit, um an der Zusammenkunft teilzunehmen.

Ein harmloser Einstieg

Als ich einschalte läuft schon ein Lied. Es singt keiner mit und der Text wird ohne Stimmeinlage eingeblendet. Es geht um Gott – Jehova, wie er von den Zeugen genannt wird – und um seine treuen Diener. Ich zähle 62 teilnehmende Zoom-Accounts. 24 Frauen, 16 Paare, 20 Männer und zwei Accounts, auf denen 3 oder mehr Namen stehen. Es sind sowohl alte, als auch junge Menschen zu sehen. Das Thema der heutigen Zusammenkunft lautet: Was sind die Folgen, wenn man Jehovas Gebote missachtet? Schwere Kost, finde ich und schaue mit möglichst neutraler Mimik in die Kamera. Zuvor hatte ich mir viele Gedanken über mein Auftreten gemacht. Wird jemand ansprechen, dass ich neu bin? Was nenne ich als Grund für mein Erscheinen? Allerdings beachtet mich niemand und so kann ich später sogar meine Kamera ausschalten, wie einige andere Teilnehmende auch.

Folgenschwere Entscheidungen

Die Stimmung ähnelt einer Schulklasse, in der die Schüler Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Trotzdem sind alle sehr freundlich zueinander und achten auf ihre Wortwahl. Einige Personen sollten für diese Zusammenkunft Bibelstellen vorbereiten und dabei den Schwerpunkt auf ein bestimmtes Thema legen. Wer diesen Schwerpunkt festlegt, ist für mich nicht ersichtlich.

Der erste «Bruder», wie sich die Zeugen gegenseitig nennen, ist schon mal nicht da. Auf betretenes Schweigen hin wird mit dem nächsten Punkt weiter verfahren. Bruder Müller sollte die Bibelstelle Richter 17:2-4 vorbereiten, in der es um Micha geht, der seiner Mutter Silber stiehlt, es dann vor ihr zugibt und sie ihm verzeiht. Anschließend gibt Michas Mutter jedoch zweihundert Silbermünzen zum Silberschmied, der daraus eine Götterstatue machen soll – ein Götzendienst also. Bei den Zeugen Jehovas ein verbotener Brauch. Micha stiehlt also und zudem leistet seine Mutter auch noch einen Götzendienst. Ich erwarte nun, gemäß dem Thema der heutigen Zusammenkunft, die fatalen Folgen des Verhaltens der beiden zu erfahren, aber dazu wird nichts gesagt. Als ich später selbst in der Bibel und in der NWÜ (der Neue-Welt-Übersetzung der zeugen Jehovas) nachlese, stelle ich fest, dass Micha die Statue und andere Dinge geklaut werden. Der Zeuge, der den größten Redeanteil hat, berichtet jedoch lediglich von einem Bild, das vor ihm liege und verdeutliche, was passiert, wenn man sich Jehova widersetzt. Er sehe ein Bild einer Frau, die früher mal Zeugin Jehovas war und nun, wo sie die Gebote Gottes missachtet, ein trauriges Leben führt. Sie sei mit einem Alkoholiker zusammen und betrachte sehnsüchtig eine Ausgabe des «Wachtturms», der Zeitschrift der Zeugen.

Ein anderes Mitglied meldet sich zu Wort und betont, wie wichtig es sei, sich den Folgen seines Handelns bewusst zu sein. «Sehr gut.» antwortet der «Bruder», der das Bild der Aussteigerin vor sich liegen habe. So oder so ähnlich wird in der gesamten Zusammenkunft geantwortet werden. «Danke für deinen Beitrag.» oder «Gut, vielen Dank.» sind die Floskeln, mit denen die Brüder, die gerade das Wort haben, auf die Antworten und Gedanken ihrer Brüder und Schwestern reagieren. Eine Diskussion kommt nicht zustande. Mir kommt es so vor, als sei das den Anwesenden auch ganz recht.

Training und Bibelstunde: Zwei Fliegen mit einer Klappe

Es melden sich nun, nach Aufforderung, auch Schwestern zu Wort. Vier Frauen haben in Zweiergruppen Dialoge einstudiert, die helfen sollen, die Frage nach dem Leid auf der Welt zu beantworten und vor allem wie Gott es zulassen kann. Die Bibelstelle, auf die sie sich beziehen ist Jeremia 29:11: «Denn ich selbst weiß ja, welche Gedanken ich euch gegenüber habe», […] «Gedanken des Friedens und nicht des Unglücks, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben». Die Dialoge sollen ein Gespräch zwischen einer Zeugin und einer Interessentin darstellen. Es wird deutlich geübt, nicht nur die Botschaft der Bibel zu transportieren, sondern auch das Interesse zu wecken und die interessierte Person an sich zu binden. Aber das ist ja genau im Sinn der Zeugen: So viele Menschen missionieren wie möglich, sie zu treuen Dienern Gottes machen und somit vor ihrem sicheren Tod bewahren, wenn der Endkrieg kommt.

Gott kümmere sich um unsere Probleme, was an dieser Bibelstelle deutlich werden soll. Damit wir besser durchs Leben kommen, bräuchten wir Informationen darüber, wie das besser gelingt. Und wo finden wir die? Natürlich in der Bibel! Es stehe ganz genau drin, was Gott schon alles getan habe, damit es uns «besser geht» (damit sind seine Strafen gemeint, die uns zeigen sollen, wie wir uns richtig verhalten) und was er noch tun werde, um das Leid in der Welt zu beenden (Harmagedon, der Krieg, bei dem alle Ungläubigen getötet werden).

Die Frau, die die Interessentin spielt, fragt daraufhin: «Aber wie soll ich denn die Informationen in der Bibel verstehen und umsetzen?». Da hat die Zeugin eine Lösung parat: Sie rufe nächste Woche nochmal an und sende ihr eine Ausgabe des Wachtturms zu, damit lasse sich die Bibel besser verstehen. Die Versammlung ist begeistert.

So werden die Leute also am Telefon zu den Zeugen Jehovas gebracht, denke ich mir.

Kinder! Fürchtet euch!

Es folgt ein weiterer Dialog dieser Art. Dann wird zu einem Programmpunkt übergegangen, den der dafür zuständige Bruder Brambilla begeistert einleitet. Es soll ein Video gezeigt werden, auf das anschließend von anwesenden Kindern, seinen Neffen, reagiert werden soll. Ganz im Sinn des Themas geht es hier darum, was passiert, wenn man seinen Eltern nicht gehorcht. Ich muss an das Buch von Sophie Jones denken und daran, wie sie beschreibt, dass Satan für sie real war, überall Gefahren gelauert haben und sie sich ständig vor Jehova und ihrer Mutter fürchtete, wenn sie etwas falsch machte. Ich verdränge die Gedanken und lasse das animierte Video auf mich wirken. Ein kleiner Junge läuft mit seinen dreckigen Schuhen über den frisch – natürlich von der Mutter – geputzten Boden. Sein Vater erwischt ihn und fragt ihn, wie seine Mutter sich wohl jetzt fühlen werde. Der Junge stellt sich seine theatralisch weinende Mutter vor. Gemeinsam mit dem Vater putzt er den Schmutz weg. Der Vater bespricht mit ihm, dass die beiden jetzt sehr viel Arbeit hatten, die sie sich bei korrektem Verhalten hätten sparen können. Er liest dem Sohn die passende Bibelstelle vor, in der steht, dass Kindern ihren Eltern gehorchen sollen, damit es den Kindern selbst gut gehe. Ich finde es interessant, dass es um das Wohl der Kinder geht, wenn doch das Unwohlsein der Kinder vermutlich mehr durch die Strafe bei Fehlverhalten entsteht und weniger durch das Mitgefühl mit den Eltern. Zu einer solchen Perspektivübernahme sind die meisten Kinder sowieso erst ab Primarschulalter in der Lage («Theory of Mind»). In der nächsten Szene entscheidet sich der Junge, trotz anfänglichen Zögerns, dazu, seine Murmeln wegzuräumen. De Entscheidung fällt, weil er sich ein Katastrophen-Szenario ausmalt, in dem der Vater auf den Murmeln stürzt und das halbe Haus demoliert. Er stellt sich die anmaßenden Blicke seiner Eltern vor und räumt auf, ganz zur Freude seiner Mutter, die ihn überschwänglich lobt.

Für mich wird deutlich, dass hier mit Angst und Schuld gearbeitet wird, so wie es viele ehemalige Zeuginnen und Zeugen Jehovas beschreiben.

Die Neffen des Bruders Brambilla werden nun gefragt, was sie gelernt haben. Sie antworten brav, dass man auf Jehova hören soll. Auf Nachfrage erklären sie, dass man auch auf die Eltern hören soll. Und warum soll man das ganze machen? «Weil Jehova sonst böse wird.», antworten sie und treffen damit ins Schwarze. Denn die Kinder nehmen natürlich nicht die von den Erwachsenen weitergedachte Botschaft mit, dass es den Kindern selbst besser geht, wenn sie sich richtig verhalten. Sie haben einfach Angst vor der Strafe Gottes und der Strafe der Eltern.

Anschließend wir noch ein Lied mit dem passenden Titel «Höre doch auf Gottes Wort!» gespielt.

Harmagedon – die Folge aller Taten

Die ultimative Folge der Missachtung Jehovas Gebote sei selbstverständlich der Tod im Endkrieg, zu dem nach dem Lied einige Fragen gestellt und beantwortet werden. Gott habe ein genaues Datum im Kopf, wann dieser Krieg beginnen soll, er weiß auch genau was passieren wird und wie es passieren wird. Nach Harmagedon wird es für die Gläubigen, die nach Gottes Geboten leben, das Paradies auf Erden geben. Eine Schwester betont, dass es nicht ausreiche, die Gebote zu kennen, es sei kein Selbstläufer. Man müsse aktiv an sich arbeiten, um Gott bestmöglich zu folgen. Ihr wird energisch beigepflichtet.

Männer an die Macht! – So steht es doch in der Bibel?

Auch organisatorisches wird in der Zusammenkunft besprochen: Erstens geben es nun, durch den großen Zulauf zur Gemeinde, nun sieben Männer, die eine Verantwortungsposition innehaben und an die man sich wenden kann. Dabei wird sich auf folgende Bibelstelle berufen: «Darum, Brüder, sucht euch aus eurer Mitte sieben Männer aus, die ein [gutes] Zeugnis haben und mit Geist und Weisheit erfüllt sind, damit wir sie über dieses notwendige Geschäft setzen können» (Apg, 6,3).

Mich fasziniert es, wie sogar die Strukturen der Organisation biblisch begründet werden.

Es folgt der Rechnungsbericht von Dezember und ein Abschlusslied. Das war`s!

[1] Alle Namen wurden verändert.

Julia Sulzmann, 14. Januar 2022

http://www.relinfo.ch/lexikon/christentum/zeugen-jehovas-2/

«Die transformierende Kraft von Om» – Om-Chanting von Bhakti Marga in Winterthur

Es war ein Freitagabend im Dezember, in der Winterthurer Altstadt liessen die Leute die Arbeitswoche ausklingen. Mein Freitagabend-Programm war dagegen eher unkonventionell: ein Besuch beim Om-Chanting von Bhakti Marga, einer neueren aus dem Hinduismus stammenden Bewegung, stand mir bevor.

Ayuverdische Tees, vegane Energiekugeln und Keto Bars

10 Minuten zu Fuss vom Bahnhof Winterthur entfernt, erreichten meine beiden Freundinnen und ich das Ganapati Yogazentrum, wo das Om-Chanting stattfinden sollte. Om-Chantings von Bhakti Marga finden regelmässig in der ganzen Schweiz statt, so auch alle zwei Wochen in Winterthur. Das Ganapati Yogazentrum war ein verwinkelter Ort, der aus einem kleinen Laden und vielen davon abzweigenden Räumen bestand. Ayuverdische Tees, vegane Energiekugeln und Keto Bars waren auf den Regalen zu entdecken, von den Nebenräumen hörte ich beim eintreten Stimmen. Ein älterer Mann, ca. 70 Jahre alt, kam uns entgegen und begrüsste uns freundlich. Er schien Freude zu haben, junge Leute zu sehen.

Die Regeln des Om-Chantings

Der Mann organisiert zusammen mit einer ebenfalls ca. 70-jährigen Frau das Om-Chanting in Winterthur. So begleitete er uns durch den Abend und erklärte, was uns noch bevorstand. Das Om-Chanting hält was es in seinem Namen verspricht: eine Gruppe von Leuten singt 45 Minuten lang die Silbe «Om». Dabei gibt es einige Regeln zu beachten. Man sollte während des Gesangs keine unnötigen Pausen machen, sondern möglichst ununterbrochen singen. Man sollte mit Kraft singen und den eigenen Ton finden, gleichzeitig aber möglichst gemeinsam mit der Gruppe mitstimmen, um einen schönen Ton zu erzeugen. Der Kreis darf während des Chantings nicht verlassen werden. Uns wurde deshalb extra noch geraten vorher auf die Toilette zu gehen.

Anklage wegen Nicht-Heilen

Das Om-Chanting folgt auch einer gewissen Struktur und Ordnung, damit es eine möglichst hohe Wirkung erzeugen kann. Die Gruppe wird in einen inneren und äusseren Kreis geteilt, wobei die Zuteilung zufällig ist und nicht irgendeiner Hierarchie folgt. Ziel des Om-Chantings ist das Heilen – psychisch, körperlich, für die ganze Menschheit und für den Einzelnen. Deshalb hiess das Om-Chanting ursprünglich Om-Healing, was nach einer Anklage geändert werden musste. Der Kläger aus Deutschland meinte es dürfe nicht Om-Healing heissen, weil es ihn nicht geheilt hatte. Die beiden Kreise sollten eigentlich zu einem Kreislauf der heilenden Energie führen: im inneren Kreis steigt sie nach oben, dann runter zum äusseren Kreis, zurück zum inneren Kreis und so weiter. Um die heilende Energie besser zu entfalten, können, gemäss älterem Herr, «mudras», also symbolische Handgesten wie man sie typischerweise aus dem Hinduismus kennt, hilfreich sein.

Der umstrittene Meister

Kurz vor Beginn des Chantings weist uns der Herr darauf hin, dass solche Om-Chanting-Gruppen nicht einfach so gebildet werden dürfen, sondern der Segen des Gründers und Meisters von Bhakti Marga, Sri Swami Vishwananda, erforderlich ist. Den Namen des Meisters sprach der Herr mit einer gewissen Ehrfurcht aus. Ich fragte mich, ob er die zahlreichen Vorwürfe gegen den Meister nicht kennt, nicht glaubt oder einfach ignoriert. Sri Swami Vishwananda wird vorgeworfen Sex mit seinen Schülern gehabt zu haben, Aussteiger unter Druck zu setzen, Tricks zu verwenden und seine Anhänger und Anhängerinnen auszunehmen, indem sie ihr ganzes Geld in die Ashrams einbringen müssen.

Die drei Sris

Die Stühle für die beiden Kreise waren schon bereitgestellt worden. Es herrschte eine entspannte Atmosphäre, zu spüren war auch Vorfreude auf den bevorstehenden Abend. Der Raum gehört zum Ganapati Yogazentrum, deren Leiterin der Sri Chinmoy-Bewegung angehört. Der Raum war deshalb mit der Kunst von Sri Chinmoy dekoriert. Auf vielen Bildern waren Vögel zu sehen, die die Freiheit der Seele verkörpern sollen. Einzelne Wörter wie «unity» (Einheit), «perfection» (Perfektion) oder «hope» (Hoffnung) wurden unter die Bilder geschrieben. Der Raum war weiss gestrichen und mit blauen Vorhängen verziert, Kerzen waren im gesamten Raum verteilt worden. Kontrastierend zu den Bildern von Sri Chinmoy, stand vorne auf einem kleinen Tisch ein Portrait von Sri Swami Vishwananda sowie ein Portrait dessen Gurus und angeblichen Vorfahren, Sri Mahavatar Babaji.

Die transformierende Kraft von Om

Zu diesen Portraits drehten wir uns zu Beginn des Om-Chantings. Meine beiden Freundinnen und ich besetzten 3 der 4 Stühle des inneren Kreises, da die 7 Stühle des äusseren Kreises schon voll waren. Zu Beginn sangen wir gemeinsam, Sri Swami Vishwanda und Sri Mahavatar Babaji anschauend, ein Mantra. Im Mantra, beginnend mit «Om Sri Gurubhyo Namaha», begrüssten wir die beiden Gurus. Danach drehten wir uns wieder, sodass die Personen der beiden Kreise einander anschauen konnten. Als nächstes starteten wir den Hauptteil des Abends: das Om-Chanting. Und tatsächlich sangen wir 45 Minuten lang die Silbe Om. Nach hinduistischem Verständnis ist das gesamte Universum aus den Vibrationen dieser Silbe entstanden und es soll die Gegenwart des Absoluten, der höchsten Gottesvorstellung bezeichnen.

Übung macht die Meisterin

Der ältere Herr hatte uns bereits vor Beginn des Chantings gesagt, dass man die heilende Energie nicht nur für sich selber brauchen sollte. Man solle an Personen denken, die die Kraft brauchen und könne diese Wünsche auch auf einen Zettel schreiben und in die Mitte des inneren Kreises legen. Zu Beginn des Chantings versuchte ich mich darauf einzulassen und ich erhoffte mir in einen meditativen Zustand zu kommen. Ich schloss die Augen und liess das tiefe Om durch mich vibrieren. In Realität begann aber meine Stimme weh zu tun nach relativ kurzer Zeit und ich musste mich darauf konzentrieren regelmässig die Stimmlage zu wechseln, um verschiedene Stimmbänder in Anspruch zu nehmen. Meine Freundin, die christlich ist, regelmässig an Gottesdiensten teilnimmt und betet, schaffte es einen meditativen Bewusstseinszustand zu erreichen, wie sie mir später berichtete. Auch beim Beten sei sie jeweils hochkonzentriert aber trotzdem tief entspannt. Übung macht die Meisterin.

Die Anhänger und Anhängerinnen von Bhakti Marga

Zweimal, nach 15 und nach 30 Minuten, wechselten wir die Plätze, damit jede Person einmal im inneren Kreis sitzen konnte. Während des Om-Chantings hatte ich grösstenteils die Augen geschlossen, unter anderem auch um die anderen Praktizierenden zu respektieren. Trotzdem nahm ich mir kurz Zeit, um diese Bhakti Marga Anhänger und Anhängerinnen zu begutachten. Es waren 4 Männer und 7 Frauen (mit uns) anwesend, die meisten im mittleren oder älteren Alter. Nur ein jüngerer Mann, ca. 25 Jahre alt, sass neben mir. Er schien fast schon am enthusiastischsten zu singen und ich wurde regelmässig von seiner lauten, manchmal etwas schiefen Tonlage abgelenkt. Auch das Singen in einem kleinen, ungelüfteten Raum ohne Masken schien mir zu diesen Zeiten ein wenig unpassend und irritierend.

Leider kein Om-Healing

Die 45 Minuten gingen schnell vorbei. Der ältere Mann läutete einen Gong, die Teilnehmenden öffneten die Augen und lächelten. Um die heilende Energie nicht zu verlieren, rieben wir schnell die Hände aneinander und berührten uns an einer Stelle, die geheilt werden sollte. Ich berührte meinen Hautausschlag an den Armbeugen. Den Ausschlag habe ich jetzt noch an der exakt gleichen Stelle, da ich aber auch während des chantens kaum etwas der Energie spürte, zog sie vielleicht an mir vorbei. Die anderen Teilnehmenden sahen aber erfrischt und glücklich aus, während wir noch einige Minuten in Stille dasassen. Der Gedanke, dass man die heilende Kraft an Personen wünscht, die sie in diesem Moment brauchen, fand ich schön. Dieser Gedanke widerspiegelte sich im Abschluss-Mantra: Lokah Samstah Sukhino Bhavantu – Mögen alle Wesen Glück und Harmonie erfahren.

Der Hinduismus im Westen

Wir hatten das Ende des Om-Chantings erreicht. Wie immer bei solchen neohinduistischen Praktiken war es mir ein wenig unwohl, dass sich Personen aus dem westlichen Kulturkreis Praktiken aus der östlichen Welt zu eigen machen. Ein ähnlicher Gedanke ging wohl einem Teilnehmer durch den Kopf, der ursprünglich aus Indien stammte und das erste Mal am Om-Chanting in Winterthur teilnahm. Er erklärte die Bedeutung der Mantras, die wir soeben aufgesagt hatten und es schien ihm wichtig zu sein, uns ein Verständnis darüber zu geben, was wir soeben gemacht hatten.

Keine Religion, sondern Spiritualität

Im Gespräch mit dem älteren Herrn nach dem Om-Chanting, zeigte dieser ein grosses Interesse an meinem Studium der Religionswissenschft. Ihm war es wichtig zu betonen, dass alle Religionen ähnlich sind und ähnliche Ziele haben. In dieser Hinsicht hätte jede Religion ihre Daseinsberechtigung. Nur was manchmal mit der Religion gemacht werde, sei nicht gut. Bhakti Marga sei aber keine Religion und gehöre auch nicht dem Hinduismus an. Bhakti Marga sei eine Art von Spiritualität und eine Lebensweise. Ich war erschöpft vom Gesang und vom Abend und freute mich an die frische Luft zu gehen. Der Einladung für einen Tee zu bleiben folgte ich daher nicht.

Louisa Bernet, 6. Januar 2022

Lexikoneintrag Bhakti Marga

«Gottes Plan erfüllt sich in allen Details» – Gottesdienstbesuch bei der Christ International Church in Baden

Das erste Geschenk in Corona-Zeiten

Es war der zweite Weihnachtstag, ein verregneter, kalter Dezembermorgen. Das grösste Geschenk erhielt ich schon in den ersten Minuten bei der Christ International Church. Nachdem ein freundlicher Mann mir die Tür aufgehalten hatte, konnte ich erfreut feststellen, dass alle Menschen vorschriftsmässig ihre Masken trugen und auf Abstand achteten. Das war auch nicht besonders schwer, da der Raum relativ gross war für die 14 Personen, die am Gottesdienst teilnahmen.

Der Altarbereich war stimmungsvoll mit Lichterketten geschmückt und mit Krippenfiguren dekoriert. Neben Leinwand und Beamer stand in der Ecke ein grosses Holzkreuz mit einem Banner. Darauf stand «God is Love». Passend dazu liefen christliche Indie-Rock- und Pop-Songs im Hintergrund.

“You raise me up, so I can stand on mountains, You raise me up, to walk on stormy seas, …” trällerte es aus den Lautsprechern während sich die wenigen Gemeindemitglieder herzlich begrüssten. Fast alle von ihnen sprachen hauptsächlich Englisch.
Da die Leinwand für die hinteren Stuhlreihen doch etwas weit weg war, gab es einen weiteren Bildschirm in der Mitte des Raumes. Darauf waren Psalmen aus der King James Bibel zu lesen.

“O come let us adore him”

Der Gottesdienst begann, wie könnte es auch anders sein, mit fetzigen Weihnachtsliedern. «Hark, now hear the angels sing, a king was born today. And man will live for evermore, because of Christmas Day” – “O come, all ye faithful, joyful and triumphant. O come ye, o come ye to Bethlehem” – “Mary, did you know that your baby boy. Would one day walk on water?”
Zwei Sängerinnen mit Mikrofon versuchten die kleine Gemeinde zum Singen zu motivieren. Die eine war noch sehr jung und stand etwas verschüchtert vor dem Publikum und sang sehr unsicher und etwas schief. Die andere Frau war das komplette Gegenteil. Sie strahlte voller Lebensfreude in ihrem pinken Kleid mit bunten Mustern und ihrem passenden Haarschmuck. Sie sang voller Innbrunst und tanzte dazu mit.

Es folgte die erste Lesung aus Matthäus 1 Verse 18 bis 21 und darauf Jesaia 9 Vers 6. Zwischen den Lesungen wurde immer wieder «Amen» oder «Halleluja» gemurmelt. Gelesen wurde jeweils zuerst auf English vom Pastor der Gemeinde und dann von der Pfarrerin auf Deutsch. Dieses Muster zog sich durch und so übersetzte die Pastorin alles jeweils auf Deutsch oder Englisch. Das ist sicherlich nicht immer einfach, jedoch konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, da ihr Schweizer Akzent doch schon sehr ausgeprägt war, in Englisch und in Deutsch.

Lichtjahre und der Kaiser von Äthiopien

Ein anderer Pastor war an diesem Tag zu Gast mit seiner Frau und hat die Predigt auf Deutsch gehalten. Ein älterer Herr in Anzug und Krawatte. Der Titel seiner Predigt war «www – Weihnachten wie weiter?», was doch etwas schräg war, da viele Anwesenden Englisch sprachen und es da nicht mehr so viel Sinn mit dem «www» macht.

Der Pastor sagte, Weihnachten sei vergleichbar mit der Schöpfung von Himmel und Erde. Die Bedeutung habe das gleiche Ausmass für die Menschheit. «Stellt euch vor! Der Schöpfer kommt persönlich auf die Welt!» Dazu nannte er unnötig viele Zahlen zu Lichtjahren und Entfernungen zu Sternen und wie viele Sekunden ein Jahr hat. Das alles hat nicht sonderlich viel Sinn ergeben. In Lichtjahren werden Entfernungen gemessen und in Sekunden Zeit, aber zurück zum Thema.

Der wohl etwas verwirrte Pastor las aus Johannes 1 Vers 11. Danach erzählte er davon, wie einst der Abessinische Kaiser (Äthiopien) nach Baden gekommen war. Alle wollten diesen Kaiser sehen. Die Welt könne also jemanden willkommen heissen, wenn sie will und dieser Kaiser war nur ein gewöhnlicher Mensch. Mit Jesus sei jedoch der König der Könige gekommen und er hatte keinen Platz in einer Herberge.

Der Plan Gottes in allen Details

Dieser ältere Herr trat sehr selbstbewusst auf, leider fehlten ihm ein gewisses Talent zum Predigen. Er fuhr unbeirrt fort mit Lukas 2 Verse 13 bis 14. Jesus sei nicht in eine friedliche Zeit hineingeboren worden. Die Römer besetzten das Land und überall wimmelte es von Soldaten. Genau wie im Film «Ben Hur». Einen Film als historische Referenz zu gebrauchen ist meiner Meinung nach dann doch etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Doch der motivierte Pastor sprach bereits weiter von der Volkszählung des Augustus und dass Joseph und Maria einen so weiten Weg zu Fuss gehen mussten bis in ihre Heimatstadt. Er bewundere Joseph, er hätte damals Maria geglaubt, obwohl das Kind nicht von ihm war. Er war ein wahrer Gläubiger und so hätte sich Gottes Plan in allen Details erfüllt. «Amen», «Amen», die Zuhörerinnen und Zuhörer nickten und bejahten innbrünstig.

Maria und Joseph hätten sich mehrmals gewundert, ob Gott wirklich mit ihnen war. So wundern die meisten von uns sich auch. Doch Gottes Plan für unsere Leben würden sich auch in allen Details erfüllen. «Amen». Dazu Matthäus 2 Verse 13 bis 15, Joseph und Maria fliehen mit Jesus nach Ägypten. Gottes Wege seien seltsam, jedoch erfüllt sich Gottes Plan in allen Details. «Amen».

Juden und das alte Ehepaar

Die Juden hätten damals geglaubt, das Frieden herrschen würde, wenn die Römer fort seien. Doch Jesus brachte eine andere Art von Frieden. Ihr Glaube wäre an Bedingungen geknüpft gewesen. Wenn Gott sie von den Römern befreit hätte, dann wären sie gläubig gewesen. Doch so funktioniert der Glaube nicht, das machte der Pastor sehr klar. Die Juden seien damals wie alte Ehepaare gewesen, die sich miteinander arrangieren, aber nicht mehr lieben. Jesus aber brächte einen Göttlichen Frieden, einen inneren Frieden, einen Frieden mit Gott. Nur Gott könne diesen Frieden geben, nur er die Heilsgewissheit und das damit verbundene Sicherheitsempfinden. Die Masse, von 13 Personen, bejahte begeistert diese Aussage «We are saved». Wir müssten keine Angst vor Covid haben, nicht vor dem Tod, denn wir wüssten, dass es danach weitergeht.

Easy durchs Leben gehen

Die Lesung zu Römer 8 Vers 31. Mit Gottes Frieden würde man easier durchs Leben gehen. Ein Leben ohne Gott sei wie über eine Brücke zu gehen die kein Geländer hat. Der Mensch kann sich nur sicher fühlen mit dem Geländer, also mit der Beziehung zu Gott. Nur diese Beziehung würde Sicherheit bieten und nur diese auch Herzensfrieden. Nur in Gott könnten wir geborgen sein. Diese Aussagen liessen mich dann doch etwas den Kopf schütteln. Schliesslich gibt es zum Beispiel auch Atheisten die so empfinden können auch ohne Gott. Ich habe ja nicht das Recht ihnen «Herzendfrieden» abzusprechen. Ausserdem klingt dieser Ausdruck «Herzensfrieden» für mich doch schon sehr esoterisch.

Gottes Plan für jeden

Der Pastor kam nun dem Höhepunkt seiner Predigt nahe, als er von einem Pastor in Nigeria zu erzählen begann. Dieser sei entführt und ermordet worden, was eine Tragödie für alle Christen sei. Aber Gebete würden den Hinterbliebenen helfen, was alle Anwesenden kräftig bejahten. «Amen». Objektiv betrachtet lasse ich das mal lieber unkommentiert.

Diese Gewalt würde nicht von Gott kommen. «Hört gut zu», sprach der Pastor dann. Wir könnten nämlich Gott nicht von seinem Plan abbringen. «Christus der Retter ist da!», jedoch sollten wir nicht auf seien Rückkehr warten, sondern die Botschaft verbreiten. Jesus würde uns immer helfen, uns beistehen und uns mit Wundern versorgen. «Amen».

Es folgte Jesaia 9 Verse 6 bis 7. Es gäbe Konflikte auf der Erde, doch am Ende würde sich der Plan Gottes in allen Details erfüllen. Denn wir seien in Christus befreit und erhöht. Gottes Hilfe sei uns sicher. «Amen».
Damit war die etwas zu lang geratene Rede des älteren Pastors vorbei und er setzte sich wieder.

Opfert dem Herrn

 Es folgte ein Gebet und danach wurde wieder gesungen. «Joy to the world! The Lord is come
Let earth receive her King!” Dazu wurde das Opfer eingezogen und zwar nicht wie ich es aus der katholischen Kirche gewohnt bin, am Ausgang der Kirche. Mittig vor dem Rednerpult wurde ein Topf aufgestellt und die Gemeindemitglieder gingen nach vorne, um das Opfer einzuwerfen. So konnten alle schön sehen wer was spendet. Nur der junge Mann, der mit mir ganz hinten gesessen hatte, spendete nichts. Wahrscheinlich war ihm das alles ziemlich egal, da er sowieso die ganze Zeit auf sein Handy gestarrt hatte, anstatt dem Gottesdienst zu folgen. Die ganze Gemeinde wirkte auf mich etwas willkürlich zusammengewürfelt. Die eine Sängerin auf der Bühne trug ein buntes, afrikanisches, Kleid, die andere einen grauen Pullover. Einige Männer trugen Anzüge, andere Pullover und Jeans. Einige Frauen waren in Pullover und Jeans da und eine sogar in einem seidenen Abendkleid. Das ganze Bild hinterliess einen etwas lustigen Eindruck.

Zum Schluss trat nochmals der eigentliche Pastor der Gemeinde vor und sagte ein paar Worte. Er las aus Galater 4 Verse 4 bis 5. Wir alle seien durch Jesus Söhne Gottes und wir müssten unserem Licht erlauben zu scheinen. «Spread the Light». «Amen». Der Pastor verabschiedete sich und wies auf das Fest nach dem Gottesdienst hin.

«Kling, Glöckchen, Klingelingeling»

Alle sangen und wippten zu «We wish you a merry Christmas» und danach sprach der Pastor nocheinmal. «Let’s talk to the Lord before we end.» Interessant, da er sich bereits verabschiedet hatte, überraschte ich diese Wendung etwas. Der Pastor bat darum, dass Gott auch im neuen Jahr mit uns sein werde. Er ermahnte uns alle, dass wir auf das hören sollen was Gott uns sagen würde. Sein Name sei Immanuel und er hätte versprochen immer mit uns zu sein. «Amen». Er dankte Gott für dessen Schutz. «Amen». Und er bat um Segen für die Opfer der Gemeinde und alle die was gegeben hatten. «Amen».

Nun folgte wirklich das Ende. Der Gottesdienst wurde ausgeklingelt durch eine Bildpräsentation der Gemeindemitglieder zu «Kling, Glöckchen, Klingelingeling».

Jasmin Schneider, 28. Dezember 2021

Lexikoneintrag Christ International Church

Impressionen der Tagung «Das spirituelle Lied im 21. Jahrhundert» am 4. Dezember 2021 im Tüchelsaal Rüti ZH

Am Samstag, 4. Dezember 2021 führte Relinfo gemeinsam mit der Kommission «Neue Religiöse Bewegungen» der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS und der Reformierten Kirche Rüti ZH die Tagung «Das spirituelle Lied im 21. Jahrhundert» durch. Im folgenden sollen ein paar Bilder einen Eindruck der Tagung vermitteln.

Theres Schmid von der Kirchenpflege Rüti begrüsste die rund 50 Teilnehmenden im Tüchelsaal der Reformierten Kirche Rüti an der Amtshofstrasse 14.

Pfr. Martin Zürcher hiess die Teilnehmenden als Präsident der Kommission «Neue Religiöse Bewegungen» der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS willkommen.

Pfr. Wolfgang Rothfahl leitete den Gesang, der die Teilnehmenden durch den Tag begleitete.

Dr. Stefan Klarer von der Zürcher Hochschule der Künste referierte zum Thema: «Gregorianik – Impulse für heute».

Dr. Stefan Klarer bezog das Publikum mit ein, indem er die Grundlagen des gregorianischen Gesangs in praktischen Übungen vermittelte.

Anschliessend referierte Prof. Dr. Georg Schmid zum Thema: «Gesänge der Weltreligionen».

Dabei machte er u.a. auf den Unterschied zwischen «OM-Gesängen» und «Amen-Gesängen» aufmerksam.

Das Mittagessen wurde bereitgestellt von Kamaly’s Foodtruck in Ermenswil.

Zu Beginn des Nachmittags stellte Krishna Premarupa Dasa, der Leiter von ISKCON Schweiz, die Bedeutung des spirituellen Gesangs bei der Hare-Krishna-Bewegung dar.

Zusammen mit drei weiteren Devotees präsentierte Krishna Premarupa Dasa bengalische Bhajans, traditionelle spirituelle Gesänge des Hinduismus, und das Hare-Krishna-Maha-Mantra.

Louisa Bernet, stellvertretende Leiterin von Relinfo, stellte den Gesang bei der umstrittenen You Church in Kloten vor.

Als Beispiel präsentierte Louisa Bernet ein Lied der Ex-Frau von Gemeindeleiter Jella Wojacek.

Anschliessend referierte Asia Petrino, Mitarbeiterin von Relinfo, über das Liedgut der Gemeinschaft Organische Christus-Generation OCG.

Dabei diskutierte Asia Petrino das Lied «Söhne Gottes stehen auf!» aus der Feder des OCG-Leiters Ivo Sasek, gesungen von ihm selbst und seiner Familie.

René Christen und Reto Pelli von der Kirche im Prisma Rapperswil referierten über die Bedeutung der Anbetungsmusik in modernen Freikirchen.

Musizierende aus der Kirche im Prisma führten eigene Anbetungslieder vor.

Charles Lewinsky, der vielleicht bekannteste Liedautor der Schweiz, diskutierte mit Prof. Georg Schmid die handwerklichen Grundlagen eines verständlichen und eingänglichen Liedes.

Zum Abschluss der Tagung sang der Reformierte Kirchenchor Rüti, verstärkt durch Sänger des Chors NowaCanto aus Wels, unter der Leitung von Judith Graf neue spirituelle Lieder aus der Feder von Prof. Georg Schmid.

Judith Graf, Sopran, und Michael Nowak, Tenor, sangen drei Lieder solistisch und im Duett.

Abschliessend wurden die anwesenden Liedkomponierenden Matthias Wamser, Annalise Bereiter und Wolfgang Rothfahl (von links) geehrt.

Relinfo, 13. Dezember 2021

Christliches Zentrum Buchegg – Virtueller Gottesdienst

Das Christliche Zentrum Buchegg ist eine Gemeinde der Pfingstmission und gleich beim Bucheggplatz. Sonntags werden gleich vier Gottesdienste in verschiedenen Sprachen ausgetragen. Im Angebot steht Hochdeutsch, Schweizerdeutsch, Englisch und Spanisch. Den ersten Gottesdienst um 09.30 Uhr auf Hochdeutsch besuchte ich am vergangenen Sonntag virtuell für Relinfo. 

Ein Worship, der nicht alle Töne trifft

Der Gottesdienst beginnt mit dem Worship. Eine vierköpfige Band singt Contempory Worship Music auf Deutsch und die zwei Leadsängerinnen treffen leider nicht alle Töne. Mir fällt gleich das eher hochwertige Kamerasetting auf. Es wird wechselweise das Bild von drei Kameras mit verschiedenen Blickwinkeln übertragen und auch die Tonqualität ist sehr gut. Auf einem der Kameraausschnitte ist das Publikum besonders gut zu erkennen. Es sitzen etwa 25-35 Personen unter Einhaltung von kleineren Abständen beisammen. Abgesehen von ein paar Ausnahmen scheint das Publikum eher älter zu sein. Eine Maske schien niemand zu tragen.  Als die Musik langsam ausklang, lieferten noch zwei ältere Damen eine persönliche Erklärung ab. Eine erzählte, dass ihr die Stimme Jesu aus einem sinnlosen und depressiven Leben geholfen habe. Die andere Frau erzählte eine Geschichte von Jesus als Heiler von Gläubigen. 

Leben für Jesus 

Nach dem Worship kommt Susanne Kuttruff auf die Bühne. Gemäss der Homepage des Christlichen Zentrums Buchegg ist sie Pastorin im Gebiet Ost. Ich dachte schon, dass sie uns durch den ganzen Gottesdienst leiten wird und war gespannt. Relativ schnell stellte sie jedoch den Gemeindeleiter Matthias Theis vor, der die Predigt übernahm. Dieser begrüsst zuerst alle Gäste. Virtuell und vor Ort. Einen besonderen Gruss erhielten noch zwei Gäste aus Ägypten. Ein Predigerkollege und dessen Sohn. Diese wird Theis im März in Ägypten besuchen. Das alles zur Einleitung des Themas des Gottesdienstes: Wenn der Gast zwei Mal kommt. Gott braucht Menschen, die ihre Unwürdigkeit vor ihm erkannt haben und ihm ihr Leben ihm widmen. Es werden Bilder von der Helimission gezeigt. Dort habe in den 90er-Jahren mitgemacht und das Wort Gottes verbreitet. Die beste Entscheidung, die er je getroffen hatte, war sogar eine Englische Bibelschule zu besuchen. Theis lebt vollkommen und nur für Jesus, der Licht und Klarheit ins Leben bringt. Er könne sich nicht vorstellen, nur für die Arbeit, Freizeit oder Ferien zu leben. Echte Lebensqualität erhält er, wenn er spürt, dass Jesus ihn leitet und mit ihm spricht. 

Jesu, Jesus, Sohn Gottes, Jeschua, Isa

Mit Jesus geht es erst Mal weiter. So wird nochmals verdeutlicht, dass Jesus wegen jedem einzelnen von uns auf die Welt gekommen ist. Die Welt sollte aber nie sein Zuhause sein. Zur jener Zeit als er auf der Erde weilte, gab es solche, die ihn akzeptierten. Jene, die auf ihn gewartet hatten. Opportunisten, die ihm solange gefolgt sind, solange es sich auszahlte, aber nicht mit Jesus zum Kreuz gingen. Und es gab auch die Menschen, die nicht an ihn glaubten. Ja er kam auf die Welt, die ihm gehörte und sein Volk nahm in auf. Um diese Nachrichten zu verdeutlichen, werden noch verschiedene Bibelverse angezeigt. Nun ist Jesus für die Sünden der Menschen gestorben – aber nicht aller Menschen. Denn Jesus hat zwar sein Blut für alle Menschen vergossen, aber nur jene, die sich Jesus anvertrauten und die eigenen Sünden bei ihm bekennen, erhalten Vergebung. 

Die Kirche würde in einer ewigen Verlobungszeit leben. Es herrsch die Vorfreude auf den einen Tag. Ein Paar würde auf den Hochzeitstag hoffen und die Kirche wartet auf die Wiederkehr von Jesus. Und wir sind jetzt in der Verlobungszeit mit dem «König der Könige» und dies sei eine Bewährungszeit für alle Gläubige. Dies ist eine Zeit, in der wir das werden können, was wir eigentlich schon sind: Heilig. 

Die Zeit ist da, für…

Theis habe vollstes Verständnis dafür, dass aufgrund von Corona Christen nicht mehr dabei sind. Doch die Zeit sei gekommen, dass alle gemeinsam herauskommen und den Glauben stärken oder diesen suchen. Denn wer alleine mit Jesus unterwegs sei, gefährde den Glauben. Wie es im Brief an die Hebräer steht: «Verlas die Zusammenkünfte nicht.» Die aktuelle Zeit würde verunsichern, doch bei aller Liebe würde Theis lieber im Glauben mit Geschwistern sterben als alleine in der Hoffnung auf eine «grosse Gesundheit». 

Es werde die Zeit des Antichristen kommen. Nämlich, jemand der sich gegen alles was göttlich ist erheben würde. Eine Person, die alle Bosheiten vom Antichristen in sich vereinige und gegen alles kämpfen würde, für was Jesus steht. Aber Jesus wird den Antichristen ja mit seinem Hauch umbringen. Daher fürchtet sich Theis nicht vor der Zukunft, den Jesus sitzt auf dem Thron. Es gab noch nie eine Zeit in der das Evangelium so greifbar für alle war. Alle Nationen sollen Jesus erkenne, ihn lieben und ihm folgen. So hiess es auch, dass wenn die Botschaft von Jesus auf der ganzen Welt für alle Völkergruppen – nicht alle Menschen –  gepredigt wird, werde schon bald das Ende kommen. So mache Jesus alle Gläubiger zu einem Teil der Aufgabe. Gott wolle uns Gläubigen mehr Mut machen und wir sollen dafür Autorität ergreifen. Als Christen, die an Jesus glauben, sollen wir in Weihnachtsgottesdienste einladen oder Kranke durch das Auflegen von Hände heilen. Es sei ein wahres Privileg an Jesus zu glauben und auf diesem Weg unterwegs zu sein. 

Theis ist fest davon überzeugt, dass Jesus wiederkommen wird und kann es nicht abwarten. Zum Schluss möchte er noch für zwei Gruppen beten. Für jene, die Jesus schon kennen, aber noch nicht ganz für ihn leben. Die andere Gruppe, sind Menschen, die Jesus noch nicht aufgenommen haben.  Es sollen noch alle für sich beten und sich am Platz zu Gott ausstecken. Die Band kommt wieder auf die Bühne und das Ganze wird mit einem neuen Worship-Lied beendet. 

Digitales Fundraising und Anglizismus 

Susanne Kuttruff kommt wieder auf die Bühne und macht den Abschluss. Sie weist daraufhin, dass man eine «Connect Card» online oder beim Ausgang ausfüllen kann. In dieser kann man den Kontakt zum Christlichen Zentrum Buchegg suchen. Die Onlien-Version ist ein simples Kontaktformular. Man darf auch zur «Ministry-Zone» und kann Fragen stellen oder mit jemandem beten. Sie weist auch auf die kommenden speziellen Weihnachtsgottesdienste hin. Darunter ein Musical aber auch ein klassischer Gottesdienst mit professioneller Musik. Für die Vermarkung gibt es Flyer und Gratis-Guetzli. Für das Musical brauche man Ticket, die zwar kostenlos sind, aber mittels eines QR-Codes reserviert werden müssen. Das alles ist nur dank vielen grosszügigen Menschen möglich. So gibt es die Möglichkeit gleich per Twint über den eingeblendeten QR-Code oder per SMS zu spenden. Natürlich akzeptieren sie auch Spenden in Bar. Im Shop könne man noch einen Adventskalender kaufen oder einen Kaffee trinken. Zum Schluss erhalten wir noch einen Segen von ihr ausgesprochen. 

Schlusswort

Bis auf ein paar schräge Aussagen und den Passagen zu üblichen Bräuchen der Pfingstmission, erlebte ich den Gottesdienst relativ emotionslos. Die «Furchtlosigkeit» gegenüber Corona hatte ich fast schon erwartet und die restliche Predigt handelte vor allem über Jesus. Vielleicht lag das auch an der Vorweihnachtszeit. Die Homepage lässt darauf deuten, dass viele Jugendliche beim Christlichen Zentrum Buchegg mitmachen und mit den spanischen und englischen Gottesdiensten sprechen sie eine internationale Gemeinschaft an. Soweit ich das im Stream beurteilen konnte, ist die Realität etwas anders. Das Publikum eher homogen und in einer Altersklasse ab 50. Ich wollte mich noch in den schweizerdeutschen, englischen und spanischen Gottesdienst einschalten, um zu schauen, ob die Demografie anders aussieht. Da mich «wenn der Gast zwei Mal kommt» aber nicht umgehauen hatte, ist mir das leider untergegangen. 

Dafina Gash, 1. Dezember 2021

Yasmine Keles: Und dann wurde ich endlich jung. Eine Befreiungsgeschichte, Zytglogge Verlag 2021

Die Religionswissenschaftlerin Yasmine Keles berichtet in ihrem Buch «Und dann wurde ich endlich jung. Eine Befreiungsgeschichte», das im Zytglogge-Verlag erschienen ist, von ihrer Kindheit und Jugend als Zeugin Jehovas.

Als Zeugin Jehovas im Wallis

Yasmine Keles wurde im Jahr 1977 geboren als Kind eines Zeugen-Jehovas-Ehepaars der zweiten Generation, das nach Naters ins Wallis zog, um dort für die Zeugen Jehovas werben zu können. Keles besucht das Gymnasium in Brig, obwohl dies in ihrem Zeugen-Jehovas-Umfeld kritisch gesehen wurde, weil der Mittelschulstoff den Glauben gefährden könnte. Dies durchaus zu Recht: Inspirationen aus der Gymnasialzeit werden in den folgenden Jahren zu Quellen kritischer Hinterfragung ihres Glaubens, die im Alter von 24 Jahren zum Austritt aus der Gemeinschaft führt.

Regeln und Kompromisse

Sehr illustrativ berichtet Yasmine Keles von den Konflikten, in welche sie als Schülerin durch die Regeln der Zeugen Jehovas kam, und wie sie diese oft recht kreativ zu ihren Gunsten auslegte, so z.B. im Zusammenhang mit dem Schulgebet: «In jedem Schulzimmer hing ein grosses Holzkreuz an der Wand. Der Morgen begann jeweils mit einem Gebet, zu dem wir alle aufstehen mussten. Ich stand auch immer auf, sah aber nicht zum Kreuz hin, wie die anderen, und brummelte auch nicht das Gebet mit. Ich starrte jeden Morgen strikt auf die Wandtafel und hoffte, der Moment möge bald zu Ende sein.» (s. 40f.)

Ähnlich anpassungsfähig zeigte sich Keles im Fall eines unwiderstehlichen Geburtstagskuchens: «Das erste Mal, als ein Kind in der Schule seinen Geburtstag feierte, stand ich vor einem echten Problem. Marco hatte einen Kuchen mitgebracht, den er in der Pause von der Lehrerin anschneiden lassen und mit allen Kindern teilen durfte. Mama hatte mir zwar erlaubt, von dem Geburtstagskuchen zu essen, aber ich hatte nicht daran gedacht, dass die Kinder davor ein Geburtstagslied singen würden. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich musste ein Stück von diesem schönen, duftenden, mit Puderzucker bestreuten Zitronenkuchen haben, keine Frage. Aber ich durfte nicht mitsingen. Wie frech das wäre, nicht für Marco zu singen und dann doch von seinem Kuchen zu essen! Aber ich wollte doch auch Jehova auf keinen Fall kränken. Die Lösung meines Problems fiel mir genau in dem Moment ein, als die Klasse Zum Geburtstag viel Glück anstimmte: Ich sang nicht mit, bewegte aber meine Lippen so, als würde ich singen. Ich genoss das Stück Zitronenkuchen und bat Gott zur Sicherheit am Abend vor dem Schlafen trotzdem noch rasch um Vergebung.» (s. 42f).

Gegenseitige Überwachung

Die Mitglieder der Zeugen Jehovas werden motiviert, Regelverstösse von Glaubensgeschwistern bei den Ältesten der Versammlung zur Kenntnis zu bringen. Dies erlebt auch Yasmine Keles, als sie sich von einer «weltlichen» Freundin dazu überreden lässt, kurz deren Blauring-Marktstand zu hüten, damit die Freundin mal aufs WC gehen kann. Dabei wird sie von einer Mitzeugin ertappt, die Yasmines Mutter informiert und die Sache einem Ältesten zur Kenntnis bringt, welcher dann Yasmine zum Einzelgespräch in die Garderobe des Königreichssaals bittet. Dort verteidigt er die Anzeige der Zeugin: «Sie will doch nur, dass du ins Paradies kommst.» (s. 60).

Frust im Predigtdienst

Beim wöchentlichen Predigtdienst an Haus- und Wohnungstüren macht auch Yasmine Keles mit, insbesondere nachdem sie im Alter von 17 Jahren die Taufe empfangen hat und damit als Mitglied der Zeugen Jehovas gilt. Die Erfolge sind aber bescheiden: «Sehr selten kam es vor, dass man eine Person fand, die tatsächlich interessiert an der Wahrheit war. Diese wurde dann wöchentlich aufgesucht, wir nannten diese Besuche Heimbibelstudien, mit dem Ziel, dass die Person mit der Zeit auch an der Versammlung teilnehmen würde. In all den Jahren, die meine Eltern bereits im Wallis dienten, hatten wir das als Versammlung nicht mal bei einem halben Dutzend Menschen erreicht. Diese Zahl beelendete mich, wenn ich an die Tausenden von Stunden dachte, die wir hierfür jahrelang aufgewendet hatten. Aber darum ging es ja nicht. Es ging darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu Jehova zu bekennen. Das war unsere Aufgabe, nicht, sie zu retten.» (s. 149)

Fazit

Yasmine Keles beschreibt ihre Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas sehr authentisch und illustrativ, oft mit Augenzwinkern und ohne die Dramatisierung, wie sie in manch anderem Ehemaligen-Bericht entgegentritt. Wer sich für das konkrete Leben in einer umstrittenen Gemeinschaft in der Schweiz Ende des 20. Jahrhunderts interessiert, dem kann Keles’ Buch sehr empfohlen werden.

Georg O. Schmid, 29. November 2021

Lexikoneintrag Zeugen Jehovas