Sekte auf dem Jakobsweg

Spanien, 02. August 2024: Schon morgens konnte man spüren, dass es ein heisser Tag werden würde. Die Luft ist feucht, wie es im Baskenland üblich ist. Als wir die ersten steilen Treppenstufen nehmen, um uns von Pasaía nach Donostia-San Sebastián aufzumachen, läuft uns der Schweiss bereits in Strömen runter. Wir waren eine Weile in einem idyllischen Waldstück unterwegs, als vor uns, scheinbar wie aus dem Nichts, eine Frau auftaucht. Die grosse schlanke Person mit kurzgeschorenen grauen Haaren steht mitten auf dem Weg. Sie streckt beide Arme von sich und winkt uns in grossen Bewegungen herbei. Ob sie wohl Hilfe braucht? Nein, denn sie beginnt enthusiastisch drauf los zu reden. Sie habe uns einfach mal sagen wollen, dass sie gerade Kaffee mit den wohl nettesten Menschen überhaupt getrunken hat. Sie lädt uns ein, mit ihr reinzugehen und diese Menschen kennenzulernen. Erst da fällt uns das grosse Gelände auf, das rechts von uns am Wegrand liegt. Ich kann gerade noch denken, dass mir das ein bisschen suspekt vorkommt, als ich das grosse Schild am Eingang des Geländes entziffere: «Las Doce Tribus», auf deutsch «Die Zwölf Stämme».

Steigende Pilgerzahlen

«St. Gallen hat jetzt eine Pilgerseelsorgerin» titelt das St. Galler Tagblatt am 29.08.2024. Ines Schaberger kümmert sich um Pilger, die zum Beispiel in der Herberge in St. Gallen unterkommen, während sie schweizerische Teile des Jakobswegs bewältigen. Dass selbst schweizerische Jakobswege gut besucht sind, wundert wenig. Pilgern ist so beliebt wie nie: Allein im Jahr 2023 wanderten 446.035 Pilger aus der ganzen Welt den Jakobsweg in Spanien. «Der Jakobsweg» besteht allerdings aus unzähligen Varianten und verschiedenen Wegen, die nach Santiago de Compostela führen. Obwohl der sogenannte französische Jakobsweg, der Camino Francés, immer noch der beliebteste ist, weichen viele auf die anderen Wege aus. Einer davon ist der Camino del Norte, der auch als Küstenweg bekannt ist. Anfang August 2024 bin ich selbst einen Teil dieses Jakobswegs gelaufen und durfte das traumhafte Baskenland und Teile Kantabriens durchqueren.

Herbergenknappheit als Gelegenheit

Wer den Norden Spaniens kennt, weiss, dass die atemberaubende Natur längst kein Geheimtipp mehr ist. In Donostia-San Sebastián findet man so nicht selten Schilder mit der Aufschrift «Tourists go home!». Der Massentourismus treibt die Preise nach oben und wirkt sich so auch auf die Herbergensituation auf dem Camino del Norte aus. Statt gelassen die Natur zu geniessen, schlägt man sich häufig mit der Frage herum, wo man heute Nacht wohl einen bezahlbaren Schlafplatz finden wird. Dieses Pilgerdilemma scheinen die «Zwölf Stämme», eine umstrittene Gemeinschaft, erkannt zu haben. Denn sie bieten gleich zwei Herbergen auf dem Camino del Norte an: erst auf dem Weg von Irun nach Donostia-San Sebastián auf dem Monte Ulia und eine weitere auf der nächsten Etappe kurz vor Orio.

Sektenbarometer Freundlichkeit?

Dass die Zwölf Stämme mindestens eine Unterkunft auf dem Jakobsweg anbieten erfuhr ich schon im renommierten Reiseführer von Raimund Joos. Der Theologe hielt sich zu meiner grossen Überraschung jedoch mit seinem Urteil über die Gemeinschaft, gelinde gesagt, zurück. Die Gemeinschaft werde von manchen als Sekte bezeichnet, schreibt er. Viele Pilger hätten aber gute Erfahrungen mit der Gruppe gemacht, insbesondere mit der Gastfreundschaft und der freundlichen Art der Mitglieder.

Da möchte man fast ein freches «Ach, wirklich?» von sich geben, denn wer nach einer Sekte Ausschau hält, deren Mitglieder sich gegenüber Aussenstehenden grundsätzlich unfreundlich verhalten, kann lange suchen. Das Klischee einer nach Aussen verschlossenen Gruppe, die einem sofort das Gruseln lehrt, entspricht nur in seltenen Fällen der Realität. In der Regel sind problematische, umstrittene Gemeinschaften, die wegen ihrer schädlichen Struktur mitunter als Sekten bezeichnet werden, durch ihre überfreundlichen Mitglieder gekennzeichnet. Wer dazu aufruft, Gemeinschaften in Eigenregie zu beurteilen, und dafür Offenheit und Nettigkeit der einzelnen Mitglieder als Bewertungsmassstab heranzieht, sollte auf eine Dauerniete in Sachen Sektenfund gefasst sein.

Die Zwölf Stämme

Dass es sich bei den Zwölf Stämmen selbst bei einer relativ engen Sektendefinition um eine solche handelt, wird schnell deutlich. Die Gruppe, die 1972 in Chattanooga (Tennessee) von Elbert Eugene («Gene») Spriggs ins Leben gerufen wurde, kann ohne weiteres als Sekte bezeichnet werden. Selbst einige Pilger auf dem Jakobsweg wussten über die Gruppierung Bescheid, zumindest munkelte man über «die, die ihre Kinder schlagen».

Tatsächlich gibt es neben dieser markanten Kontroverse weitere kritische Eigenschaften der Gruppierung. Die Zwölf Stämme empfinden sich als das neue, endzeitliche Israel, wobei alle anderen Kirchen vom Glauben abgefallen seien. Die Gemeinschaft zeichnet sich in diesem Sinn durch einen starken Exklusivitätsanspruch aus, der bekanntlich vielseitige Folgen für Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft hat. In den nach aussen fast Hippie-artig wirkenden Kommunen regeln strenge Abläufe und Vorschriften das Zusammenleben. Die Haare werden lang getragen und Frauen müssen Röcke oder weite Hosen anziehen. Im Übrigen sind sie dazu verpflichtet, den männlichen Mitgliedern der Gemeinschaft zu gehorchen. Darüber hinaus darf niemand über Privatbesitz verfügen. Eins der wichtigsten Warnsignale einer Sekte besteht jedoch in der Unfehlbarkeit der Leitungsperson. Wer Kritik an Spriggs übt, der sich «Yoneq» nennen liess, muss mit einem Rauswurf rechnen. Gene Spriggs ist im Januar 2021 gestorben, für kurze Zeit war unklar, wie es mit der Gemeinschaft weitergeht. Augenscheinlich sind sie mit dem Tod ihres Anführers nicht hausieren gegangen, so finden sich dazu kaum Informationen.

Die Aktualität der Hölzernen Rute

Es bestehen jedoch keine Zweifel daran, dass die dogmatische Haltung der Gruppe, insbesondere in Sachen Körperstrafen in der Erziehung, unverändert geblieben ist. Im Februar 2021, einige Wochen nach Spriggs Tod, veröffentlichten die Zwölf Stämme auf ihrer Website einen Artikel zum Thema Kindererziehung, der heute noch online ist. Dort schreiben sie:

«In diesen verwirrenden Zeiten, in denen die moralischen Grundlagen nahezu zerstört sind, in denen das Gute als böse und das Böse als gut bezeichnet wird, ist die uralte Praxis der Prügelstrafe (wörtl. «spanking») unter Verdacht geraten. […] In den meisten Kulturen wird es seit jeher als die Pflicht der Eltern angesehen, ihre Kinder zu disziplinieren, und sie haben das Recht, sie zu schlagen (wörtl. «spank»), wenn es angemessen ist. […] Für diejenigen, die sich vorgenommen haben, bei der Erziehung ihrer Kinder der Weisheit Gottes zu folgen, gab es nie eine andere Praxis als den Einsatz der Rute zur Disziplinierung.»

Ehemalige Mitglieder berichten von dem Einsatz einer «hölzernen Rute», der weit über Disziplinierung heraus geht. Ziel sei es, den Eigenwillen der Kinder zu brechen und das so früh wie möglich. Kinder haben immer zu gehorchen und dürfen nicht spielen, sondern arbeiten stattdessen genau wie die erwachsenen Mitglieder der Kommunen.

Professionelle Imagepflege

Trotz der dramatischen Berichte von Ausgestiegenen besitzen die Zwölf Stämme häufig ein gutes Image, was nicht zuletzt mit der oftmals gelobten Freundlichkeit der Mitglieder zusammenhängt. Die Zwölf Stämme haben allerdings nicht nur diese Freundlichkeit strategisch zur Erschaffung ihres guten Rufs eingesetzt, sondern auch ökonomisch wirksames Marketing betrieben. So gehört ihnen die vegane Restaurantkette «Yellow-Deli», die den nach aussen entstehenden Hippie-Touch der Gruppe verstärkt. Die Restaurants dieser Kette finden sich mittlerweile an vielen Orten der Welt und laden auch in Donostia-San Sebastián zu einem vergleichsweise günstigen Curry ein. Diese Fähigkeit der Gruppe, ein benötigtes Angebot zu schaffen und dabei gleichzeitig ihre Aussenwirkung zu verbessern, spielt auch auf dem Jakobsweg eine Rolle. Während die erste Herberge auf dem Monte Ulia gut bekannt ist, war die zweite Unterkunft nur schwer als Teil der Zwölf Stämme zu identifizieren.

Spanien, 03. August 2024: Nachdem wir gestern von der überschwänglichen Dame von den Zwölf Stämmen angehalten worden sind, haben wir viel über die Gruppe gesprochen. Noch abends haben uns die Berichte von Ex-Mitgliedern verfolgt. Die Frau hatte sich später bei uns als Andrea vorgestellt und uns noch mehrmals zum Kaffee eingeladen. Meine Begleitungen waren von meiner Zurückhaltung abgeschreckt worden und hatten sich mit mir zusammen ohne einen Kaffeestop auf den Weg gemacht. Dass wir bereits am nächsten Tag wieder mit den Zwölf Stämmen in Kontakt treten würden, wussten wir nicht.

Als wir heute ungefähr 15 Kilometer in der gleissenden Sonne hinter uns hatten, tauchte am Ende der Weggabelung ein mit Jakobsmuscheln geschmücktes Haus auf. Beim Näherkommen sahen wir Pilgerstäbe, die zum Verkauf standen und «Santiago» Schilder, die mit der übrig gebliebenen Distanz des Weges versehen waren. Wir erkannten, dass heisser Kaffee und selbstgemachter Kuchen auf einfachen Tischen und Bänken serviert wurden. Dahinter standen strahlende Menschen, die weite Hosen trugen und lange Haare hatten. Bei mir dauerte es einen Moment, bis ich wusste, wie mir geschah.  Meine Begleiterinnen flüsterten mir zu, dass wir uns woanders Kaffee holen können, als ich noch der festen Überzeugung war, vor einem offiziellen Jakobswegs-Gebäude zu stehen. Nachdem wir uns entfernt hatten, erzählte mir eine meiner Begleiterinnen, dass sich das strahlende Lächeln der Personen hinter der Kaffeetheke zu einem verächtlichen Blick wandelte, als wir uns keinen Kaffee holten. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Doppelmiene auch von den zahlreichen Pilgern beobachtet wurde, die heiter ihren Kaffee genossen. So würde vielleicht auch denjenigen, die sich bei ihrem Urteil lediglich auf die Freundlichkeit der Mitglieder stützen, ein Licht aufgehen.

Julia Sulzmann, 30.08.2024

Änderungen bei den Zeugen Jehovas – Begriffskosmetik oder echter Wandel?

In der Studienausgabe der Zeitschrift «Wachtturm» vom August 2024 hat das führende Gremium der Zeugen Jehovas, die «Leitende Körperschaft» (Governing Body) in mehreren Texten Veränderungen präsentiert, die im Umgang mit Menschen gelten, welche sich nicht an die Vorgaben der Zeugen Jehovas gehalten haben.

So konnten Menschen, die einen aus Sicht der Zeugen Jehovas unpassenden Lebensstil trotz Ermahnungen weiterführten, bisher von den Ältesten in der Versammlung öffentlich «bezeichnet» (marked) werden, mit dem Ziel, dass die Mitglieder mit diesen Personen keinen engeren Umgang mehr pflegen, indem sie z.B. sich nicht mehr privat mit ihnen treffen. Nun wird auf eine solche offene Nennung verzichtet. Stattdessen werden die Zeuginnen und Zeugen gehalten, sich in ihren Familien darüber abzusprechen, wessen Lebensführung für engere Kontakte unpassend scheint.

Wenn Personen erheblich gegen die Vorgaben der Zeugen Jehovas verstossen haben, bilden die Ältesten der Versammlung ein Komitee zur Befragung der Betroffenen. Bisher hiess dieser Ausschuss «Rechtskomitee» (judical committee) und war berüchtigt für detaillierteste Befragungen zu intimen Vorgängen. Neu sprechen die Zeugen Jehovas nur noch von einem «Komitee aus Ältesten» (committee of elders) und weisen diesem nicht nur eine richtende, sondern vor allem eine beratende Funktion zu. Bei der Befragung der Täterschaft sollen nun «gut durchdachte, aber nicht unnötig indiskrete Fragen» (meaningful questions without being unnecessarily intrusive) gestellt werden (s.22). Zudem soll das «Komitee aus Ältesten» sein Urteil nicht mehr wie bisher nur aufgrund von einer Befragung fällen, sondern mit den Betroffenen mehrfach das Gespräch suchen. Minderjährige werden nicht mehr, wie bisher, allein von den Ältesten befragt, sondern in Gegenwart ihrer Eltern, falls diese Zeugen Jehovas sind, oder anderer nahestehender erwachsener Personen.

Kommt es zum Ausschluss, so heisst dieser nicht mehr wie bisher «Gemeinschaftsentzug» (disfellowshipping), sondern es ist die Rede davon, dass eine Person «aus der Versammlung entfernt» (removed from the congregation) wurde. Zu Personen, die aus der Versammlung entfernt wurden, war bisher jeder Kontakt untersagt, auch Grüssen auf der Strasse. Dies gilt in Zukunft nur noch für Ausgeschlossene, die «Abtrünnige» (apostate) sind, indem sie die Zeugen Jehovas kritisieren, und für solche, die schwere Taten wie Kindesmissbrauch begangen haben. Alle anderen «aus der Versammlung Entfernten» dürfen nun gegrüsst und zur Versammlung eingeladen werden. Darüber hinaus gehender Kontakt bleibt aber untersagt.

Was ist das Ziel dieser Änderungen? Aussenstehende vermuten, dass die Zeugen Jehovas vor allem ihr Image aufpolieren wollen. Die Bestimmung, Minderjährige nur noch im Beisein ihrer Eltern zu befragen, lässt einen oft gehörten Vorwurf gegen die Organisation entfallen. Durch das Ersetzen der Ausdrücke «Gemeinschaftsentzug» und «Rechtskomitee» verschwinden zwei Begriffe, die in der kritischen Diskussion um die Zeugen Jehovas eine wesentliche Rolle spielen. Mit dem Verzicht auf peinliches Rumwühlen in privatesten Dingen wird negativen Ehemaligen-Berichten ein wesentliches Motiv entzogen. Und dass Ausgeschlossene, soweit sie auf Kritik an den Zeugen verzichten, in Zukunft gegrüsst werden dürfen, macht die Vorstellung der Meidung für die Öffentlichkeit erträglicher, war es doch gerade die Herzlosigkeit des «Nicht-mal-mehr-Grüssens», die in der kritischen Öffentlichkeit sauer aufstiess.

Insofern reagieren die Zeugen Jehovas mit ihren Reformen recht geschickt auf manche der Kritikpunkte in der Öffentlichkeit. Wie weit sich die Änderungen auch auf das Leben der Zeuginnen und Zeugen auswirken, wird sich weisen müssen. Ebenso wird sich zeigen, ob weitere Schritte folgen, z.B. in der Frage der Bluttransfusion. In der Vergangenheit konnten Reformen umstrittener Gemeinschaften, die vor allem kosmetisch gemeint waren, durchaus zu realen und manchmal auch radikalen Folgen führen. Es wird spannend sein zu beobachten, wohin die Reise der Zeugen Jehovas geht.

Georg O. Schmid, 6. August 2024

Lexikoneintrag Zeugen Jehovas

Erste Liebe Kirche: Wenn man in einem Unigebäude zur Kirche geht

Ein grosser Vorteil der Erste-Liebe-Kirche ist, dass sie ihren Raum in dem Gebäude mieten, in welchem ich üblicherweise meine Vorlesungen habe, und ich also nur zwei Treppen nehmen musste, um zu ihnen zu gelangen. Das erste Mal aufgefallen sind sie mir vor längerer Zeit, als ich kurz sonntags ins Gebäude ging und sie auf der Strasse und in der Halle mit Schildern, die den Weg wiesen, standen. Das dürfte dieses Mal nicht ganz so ausgesehen haben; anscheinend sind viele Personen aktuell in den Ferien, sodass der Raum nicht mal halbvoll war. Sie erklärten mir später, dass es im Normalfall nur ein paar freie Plätze gab. Eine meiner Hauptfragen war, inwiefern sie mit dem Bamboo Lovers zu tun hatten und vergleichbar waren, und es wurde für mich sehr klar, dass mindestens die Struktur dieselbe ist.

Etwas viel Liebe zum Anfang

Ich lief also in Richtung Tür und erkundigte mich, ob ich einfach hineinlaufen dürfe. Daraufhin wurde ich freudig begrüsst, erhielt eine Abendmahlskapsel und wurde in einen Raum geführt, wo eine nächste Person mich an einen Platz verwies. Innerhalb kürzester Zeit begrüssten mich verschiedene Mitglieder, alle sehr herzlich, mit Umarmung und selbstverständlich auf Vornamensbasis, für mich angenehm, aber das kann gut auch überfordern. Es waren spürbar weniger Personen als damals, als ich einfach mal vorbeigelaufen war, und als der Raum zulassen würde. Am Bildschirm vorn lief ein Countdown, zudem wurde Musik abgespielt, und am exakten Punkt, als der Countdown bei 00:00 ankam, stand ein junger Mann mit Mikrofon vorne hin und begann zu sprechen. Wir sollen einander willkommen heissen in der Kirche, beispielsweise jemanden, den wir länger nicht gesehen hatten. Ich begrüsste also endlich die beiden, die neben mir sassen.

Ein nicht gelungenes Gebetschaos

Dann standen wir auf für ein Dankesgebet. Der junge Mann, nennen wir ihn mal M., erklärte uns, wir sollen unsere Augen schliessen und alle auf unsere Art «in unseren Worten» und «auf unsere Sprache» beten und Gott danke sagen, dann fiel er selbst ins Gebet. Er lief die ganze Zeit vorne auf und ab und betete, während im Raum nach einer Weile ein immer noch eher ruhiges Gemurmel entstand. Ich meine, mich an etwas «Zungenrede» irgendwo in einer Reihe hinter mir erinnern zu können. Ich nehme auch sehr stark an, dass dies mit «unsere Sprache» impliziert ist. Wenn ich das Gebetschaos bei den Bamboo Lovers, als alle gleichzeitig laut gesprochen und gebetet haben, erinnere, dann würde ich sagen, hier hatte es einfach viel zu wenig Personen für denselben Effekt. Als nächstes sollen wir Gott um Vergebung bitten für die Sünden, die wir diese Woche gemacht haben, und gleichzeitig auch anderen vergeben, im selben chaotischen Stil, nur dass einzelne Personen hier auf die Knie fielen (zugegeben, ich habe meine Augen ab und an geöffnet). Zu guter Letzt sollen wir dann um die Anwesenheit des Heiligen Geists beten. Alle drei Gebetsthemen wurden mit jeweiligen Bibelversen eingeleitet.

Erste-Liebe-Kirche: eine mehr oder weniger deutschsprachige Church

Nach dem dritten Gebet standen drei Personen, zwei Frauen und ein Mann, mit Mikrofon nach vorne und begannen zu singen, während wir stehen blieben und mitsangen. Ein Lied mit dem Hauptmotiv «du bist bei mir, Herr» (wobei es hier sehr viel abwechselnden Text gab), dann «Jesus ich lieb dich», und zuletzt «Yeshua». Der Text wurde vorne gezeigt – nicht immer ganz korrekt, manchmal gab es bei den Folienwechsel Probleme, dann dauerte es einen Moment, bis die richtige Folie gefunden war, und so weiter – und die Melodien waren sehr einprägsam. Überraschend war, dass absolut gar kein Lied auf Englisch war, auch nicht teilweise; ich vermute, dass alle Lieder entweder komplett übersetzt oder der Text neu geschrieben wurden. Sie sind auch sehr entschieden eine «deutschsprachige church», wie mir eine von ihnen später erzählte, auch wenn im Gespräch und der Predigt eine gute Menge an Anglizismen auftauchen. Auch hier stehen sie im Gegensatz zu den Bamboo Lovers, die auch im Gespräch miteinander viel mehr Englisch zu sprechen schienen als die Mitglieder der Erste-Liebe-Kirche.

Wie man Autoritätspersonen ehrt: Indem man Geld gibt

Wir setzten uns wieder, und ein Video eines Mitglieds aus Bern wurde gezeigt. Sie hätte an einem «Camp» teilnehmen können, und die Chance gehabt, «Prophet Dag», den Gründer der Erste-Liebe-Kirche Dag Heward-Mills, zu sehen (was bei uns im Publikum zu einem lauten «Wow!» führte). Es sei beim Camp auch darum gegangen, Autoritätspersonen zu ehren, und da er eine Autoritätsperson sei, habe sie sich überwunden, ihm dennoch ein «Offering» (Geld) zu geben, um ihn zu ehren, obwohl sie nicht ganz überzeugt davon gewesen sei. Er wollte dann jene, die ihn geehrt hatten, nochmals kurz sehen, sie also auch. Er habe dann «aus dem Nichts» nach ihren Eltern, beziehungsweise ihrer Beziehung mit ihren Eltern, gefragt und habe ihr auch Tipps und einfache «Steps», die sie machen konnte, gegeben, und für sie gebetet. Auf ihr «Danke, dass du Interesse zeigst», antwortete er, dass nicht er, sondern Gott durch ihn Interesse an ihr zeigt: «Gott spricht durch mich zu euch». Sie hat uns ermuntert, ebenfalls ans «Camp» zu gehen (dieses Mal: vom 12. bis zum 14. August), und gesagt, sie danke Gott für seine Unterstützung, und Dag, der ein «treuer Diener» Gottes sei und sie ebenfalls unterstützt habe. Wir sangen erneut ein Lied, «nur dich loben wir alle Ewigkeit», und eine Tanzgruppe mit fünf Personen trat auf. Während es etwas bizarr war, Personen im Gottesdienst zuzuschauen, tanzten sie, meiner Einschätzung nach, gut, und schienen auch sehr viel Spass dabei zu haben.

«Gott hat euch durch TWINT gesegnet»

Daraufhin folgte einer der informativsten Teile der Gottesdienste: Die Offerings, oder «Opfergabe». Ein Deutscher, der in seinem Dialekt sprach – welchen ich nicht ganz zuordnen konnte, aber ich würde auf süddeutsch gehen – redete über das «Säen», welches wir mit der Opfergabe machen, in Referenz zu 2. Korinther 9, 6 und den folgenden Versen: «Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer mit Segen sät, wird mit Segen ernten» (hier Einheitsübersetzung, sie selbst variieren mit den Bibelversionen primär zwischen Hoffnung für alle und der Lutherbibel). Der Deutsche sprach also weiter und weiter darüber, dass wir säen sollen, um zu ernten, und ich fühlte mich ehrlich gesagt etwas bedrängt dazu, ebenfalls zu geben. Als IBAN und TWINT-Code angezeigt wurden, sah ich die offizielle Adresse der First-Love-Church: Birgistrasse 7 in Wallisellen, also an derselben Adresse, an welcher sich weiterhin die Bamboo Lovers und die Mustard Seed Chapel treffen. Er führte dann aus, dass wir Schweizer «mit TWINT gesegnet» waren, dass wir so einfach geben können, und sprach mindestens eine volle Minute darüber, dass Gott die Schweiz mit TWINT gesegnet hat. Grosse «Kollektentaschen» wurden durch die Reihe gereicht, dieselben wie bei den Bamboo Lovers, und wenige legten etwas hinein. Die meisten hatten bereits mit TWINT gezahlt.

Eine weitere Performance

Eine Choreinlage war der nächste Teil, wobei ich kommentieren müsste, dass es nur drei Personen waren. Alle drei tanzten zur Musik, der Text war «Jesus, Retter dieser Welt» und das Lied erinnerte mich, abgesehen vom Text, sehr stark an «Good Master», welches bei den Bamboo Lovers gesungen wurde. Vom Stil her könnte es je nachdem als «Ska» klassifiziert werden, wie ich später in Erfahrung brachte. Wie auch bei der Tanzgruppe war es auch hier etwas merkwürdig, einfach bei der Performance zuzuschauen, auch wenn ich beide fairerweise sehr gut fand.

Tonprobleme beim Gebet

Rund eine Stunde nach Ablauf des Countdowns begann dann das Gebet, welches die Predigt einleiten würde. Der Prediger, Pfarrer oder Pastor, Roger Hiltbrunner, kommentierte, dass es irgendwo noch einen merkwürdigen Ton gab. Die technikverantwortliche Person machte dann irgendwas, was zu einem höheren, lauteren Ton führte. «Nicht einfach mit dem Ton nach oben!», tadelte Roger, etwas ungeduldig, und erklärte etwas genauer, was gemacht werden sollte. Perfekt war es nicht, aber er startete. Zu meiner Überraschung gab Roger später während der Predigt erstaunlich klare Anweisungen, was genau diese Person machen soll, damit der Ton besser klappt.

Wer zu wenig macht, ist (innerlich) pensioniert

Wir würden heute ein neues Thema anfangen, mit welchem wir uns die nächsten drei Wochen beschäftigen würden: «Wie wird man zu einem hingebungsvollen Christen?». Dazu definierte er erst Hingabe, unter anderem als etwas, dem man sich «mit ganzem Herzen verschreibt», und «vollen Einsatz» dafür zeigt. Seine Einleitung führte zu einigen «Wow!»s aus dem Publikum. Dann meinte er, manche von uns seien in unseren 20er-Jahren und verhielten uns wie Pensionierte («ey!»), wenn es um die Evangelisation (oder «die Mission») oder Meetings ginge.

Die beste Nachtaktivität: Beten

Er erzählte, dass manche Leiter einfach nicht an Meetings auftauchen, ohne einen Grund (wie «Arbeit») zu haben, weil sie keine Lust hätten, oder argumentierten: «die Nacht ist zum Schlafen da». «Hexen arbeiten zwischen zwei und drei Uhr morgens am besten… hab ich mal gehört», erklärte Roger, und führte aus, dass irgendwas an der Nacht dämonisch ist. Seine Begründung – die meisten Sünden, die wir tun, finden in der Nacht statt – löste erneut eine grosse, bejahende Reaktion aus dem Publikum aus. Entsprechend wäre es nachts besonders sinnvoll, sich mit dem Glauben zu beschäftigen.

Keine Rösti für den Ehepartner

Roger verglich dann einen Christen, der nicht hingebungsvoll war, mit einem halbherzigen Ehepartner, der einem nur Salat zubereitete, und bei der Anfrage «Rösti mit Bratwurst» verneinte und deklarierte, er könne das nicht, und wolle es nicht lernen. Eine Nachtschicht für Geld mache man, aber für Gott nicht. Gottes Wort sei da, um uns zu erquicken, und um uns zu helfen. Damit wir aber lernen können, hingebungsvolle Christen – dieses Wort wurde übrigens nie gegendert – zu werden, müssten wir erst wissen, auf welchem «Level» wir seien.

Bambi, oder: die Rehstufe

Beim ersten Level handle es sich um die «Rehstufe». Roger nannte mehrere Bibelstellen, die von einem Reh oder einem Hirsch – welche er hier gleichsetzte – handelten, namentlich Sprüche 6, 5 und Jesaja 35, 6. In beiden Fällen sprang das Tier, tendenziell weg, und Roger führte aus. Ein Reh sei flink, agil, schnell. Reh-Christen kommen und gehen, wie Wasser, niemand kenne ihren Namen, wenn Zeit für «Offerings» ist, suchen sie nach der Tür, und haben keinen Erfolg. Der Grund dafür: Sie sind nicht an einem Ort gesammelt, wie das Wasser in einer Flasche, welche er hochhielt. Wer auf der Rehstufe sei, der sei unbrauchbar. Ein Reh-Christ wollen wir nicht sein, erklärte Roger.

Ebenso nutzlos: «Ich lebe das Christentum auf meine Art»

Die nächste Stufe war dann die «Ziegenstufe». Die sei zwar besser als die Rehstufe, aber immer noch nicht gut. Er bezog sich auf Matthäus 25, ab Vers 31, in welchem beschrieben wird, dass Gott beim Gericht die Schafe von den Böcken trennt. Ein Bock sei ein altes Wort für Ziege (technisch gesehen nicht ganz richtig, es ist nur der Begriff für eine «männliche Ziege»), sodass wir dies gleichsetzen können. Böcke kämen dann ins ewige Feuer, während Schafe errettet würden. Roger führte dann aus, dass Ziegen die Nächstenliebe, eines der beiden höchsten Gebote, nicht befolgten, und formulierte, dass diese Ziegen «das Christentum auf ihre Art ausleben». Sie seien selektiv gehorsam, hätten nie den Zehnten gegeben (also 10% des eigenen Einkommens), und bei der Opfergabe gäben sie allgemein nie mehr als fünf Franken. Wenn er sage «kein Sex vor der Ehe», antworten sie «ich kaufe auch kein Auto, wenn ich es nie getestet habe» (Gelächter aus dem Publikum, eine wohlbekannte Antwort). Zu diesen Ziegen würde Gott sagen «Mit dir kann ich nicht viel anfangen. Geh bitte.» Ziegen hätten ausserdem immer eine Antwort, und eine Erklärung, warum etwas nicht geklappt habe, im Gegensatz zu beispielsweise David, der, als er auf seine Sünden aufmerksam gemacht wurde, hinkniete und sagte «ja, das stimmt, du hast recht». Die Sturheit der Ziegen werde sie brechen, sie sollten flexibel sein, damit das Haus nicht zusammenbricht.

Das Ziel: zum Schaf werden

Die dritte Stufe, jene, die wir anstreben sollen, ist die Schafstufe. Unser Ziel soll sein, ein Schaf zu werden. Wichtig sei, was unser Herz mache und sage. «Es ist so rebellisch», erklärte Roger, «du kannst nicht mal deine Eltern ehren, dein Herz ist so verstockt.» Wenn ein Schaf das höre, dann kniet es nieder, betet wie Jesus «Vater, nicht mein Wille, sondern dein Wille», sagt «es ist schwierig, Herr, hilf mir». Schafe, erklärt Roger weiter, hören die Stimme von Gott, und sagen «ich mach das, was du willst». Wer vorher nicht auf Gott gehört habe, und dann zum Schaf wird, mache dann die bisherigen Entscheidungen rückgängig bis zur letzten Instruktion Gottes, was auch wieder Jahre dauern könne. Er erklärt weiter, wenn jemand sage «ich verlasse die church, weil Gott es mir gesagt hat», dann handle es sich nicht wirklich um Gott, sondern um das Fleisch und die Emotionen.

Wen man bitte nicht heiraten sollte…

Im nächsten Predigtteil thematisierte Roger die Ehe, oder alternativ formuliert, die Suche nach geeigneten Ehepartnern. Anhand von diesem Thema kann bereits eine gewisse Differenz zu den Bamboo Lovers festgestellt werden: Die Bamboo Lovers sind primär Jugendliche, die noch weit von der Ehe entfernt sind und bei denen es eher um das Thema «Sex» geht (beziehungsweise, dass man das nicht haben soll), während es hier eher Erwachsene waren, die definitiv heiratsfähig und gewissermassen auch heiratswillig waren, und bei denen es eher darum geht, die Person fürs Leben zu finden. Roger führte aus, dass das erste, was er fragt, wenn jemand ihm von seinen Interessen erzählt, ist: «Ist er oder sie Christ?», und wenn nicht sofort ein überzeugtes «Ja» zurückkommt, dann klappe dies nicht, denn «ein Christ kann nicht eineiig sein mit einem Ungläubigen», und bezog sich auf 2. Korinther 6, 14: «Zieht nicht unter fremdem Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat Gerechtigkeit zu schaffen mit Gesetzlosigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?» (Lutherbibel 2017). In einer solchen Ehe könne man nicht sagen «zurück zur Bibel», wie es in einer christlichen Ehe gehen würde. Wir sollen unser «Herz nicht verstocken», wenn Gott zu uns geredet habe, dann müsse dies die Bibel bestätigen können. Roger erzählte, wie er jemanden heiraten wollte, was nicht geklappt habe (er ist unterdessen seit fünf Jahren anderweitig verheiratet), und kommentierte, dass er sogar geweint habe («awww»), dann grinsend «aber nur 1-2 Tränen». Gottes Wille sei nicht immer einfach zu akzeptieren, manchmal kommt er und schmeisst es einfach weg, aber «du weisst nicht, wovor er dich bewahrt.» Aus dem Publikum kommt zustimmendes Murmeln. Gott habe viele Menschen in der Kirche, aber die meisten seien mit dem Herz weit weg.

…Talahons, anscheinend

Was ein Schaf von Gott erwarten dürfte, fänden wir in Psalm 23, 6: «Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.» (Lutherbibel 2017). Bei manchen Menschen, so Roger, denke er: «wenn das die Güte Gottes ist, dann will ich sie nicht», und nennt als Beispiel Leasing. «Ein paar ziehen Gottes Namen in den Dreck», erklärte er weiter, bei denen sei das Herz weit weg von Gott. Ich nehme an, dass er sich nicht ausschliesslich auf Leasing bezieht, denn er fährt weiter mit: «Depressionen sind nicht die Güte von Gott».

Die Predigt ging weiter. «Dieser Typ, diese Frau ist nicht Güte von Gott. Dieser Talahon» – Gelächter aus dem Publikum, «diese Talahina ist nicht Güte von Gott». «Talahon» ist in diesem Fall ein relativ neuer Begriff, um primär jugendliche Männer mit Migrationshintergrund, die in Gruppen mit Fake-Markenprodukten in der Öffentlichkeit «rumhängen», zu beschreiben. Somit beschreibt «Talahon» schlicht und ergreifend sehr spezifische Stereotypen und wird nicht selten abwertend benutzt. Roger unterstreicht den Stereotypen mit: «sogar die Gucci-Tasche ist fake». Weil wir fleischlich und emotional seien, und unser Herz nicht bei Gott hätten, hörten wir nicht, was er uns sagt.

Ein einigermassen schönes Ende

Roger habe gestern mit der Kirche in Winterthur angefangen. Er führte aus, dass er seit zwanzig Jahren auf diesem Weg lief, und dass er jetzt dazu kommen konnte, eine eigene Kirche zu gründen. Hier hatte er einen kleinen Versprecher, er sagte nämlich zuerst: «Ich hatte die Idee», bemerkte es und korrigierte direkt: «Nein, sorry, Gott hat mir die Idee gegeben». Roger erklärte, wir sollten jetzt anfangen, jetzt unser Herz an Gott geben, denn wir müssten zuerst noch unsere bisherigen Fehler rückgängig machen, was auch ein paar Jahre dauern sollte (je länger, desto mehr), und wir sollten jetzt daran arbeiten, dass wir in zwanzig Jahren etwas hätten, und irgendwann müssten wir anfangen. Wer anfange damit, der würde für gute Sachen ausgewählt, der würde Barmherzigkeit erfahren («aus einem 3.75 wird dann ein 4.5»), und der hätte «unsichtbare Kräfte, die für einen kämpfen». Damit endete die Predigt.

Wir beteten erneut, und es gab einen Altarruf. Etwa fünf Personen gingen nach vorne, vielleicht ein Viertel oder Fünftel der Anwesenden. Sie sprachen das Hingabegebet, welches Roger ihnen vormachte, nach, bei welchem es unter anderem darum ging, dass Jesus sie durch sein Blut reingewaschen hat – Momente, in denen mir auffällt, dass die freikirchliche Formulierung für mich fast zu normal ist – und in welchem sie sagten «Teufel, du hast keine Macht mehr über mich». Während ich mich nicht mehr an den genauen Text bei den Bamboo Lovers erinnern kann, war es inhaltlich in etwa dasselbe. Alle erhielten dann ein Büchlein («wie man von neuem geboren wird und der Hölle entgeht» von Dag Heward-Mills, dem Gründer), und gingen gemeinsam nach draussen, vermutlich um mehr zu lernen und zu erfahren, wie sie am besten mehr lernen konnten.

Probleme mit dem Abendmahl

Dann wurde ein Video abgespielt, von Dag Heward-Mills, wie er das Abendmahl durchführte. Ich hatte etwas Probleme mit meiner Abendmahlskapsel, und meine übernächste Sitznachbarin war so nett, den Brot-Teil aus dem Deckel zu nehmen, obwohl ich hier wieder später dran war als der Rest. Den Traubensaft schaffte ich alleine zu öffnen und zu trinken. Naja, bei den Bamboo Lovers hatte es damals auch nicht geklappt, dort aber aus anderen Gründen.

Merkwürdige Ehrungen und ein sicher gut gemeintes Gebet

Roger sagte dann, alle, die den Zehnten gegeben hätten, sollten jetzt bitte kurz aufstehen, und er betete für sie spezifisch und bat darum, dass sie bis Ende Monat reichlich belohnt werden sollten. Von den rund 20 anwesenden Personen standen bloss etwa zwei Personen auf. Ich war ehrlich überrascht, ich hätte gedacht, mehr Personen würden aufstehen. Dann die Ankündigungen: Erweckungstreffen um 19 Uhr – was genau dort passierte, hat mir irgendwie niemand sehr genau erklärt, aber es ginge darum, «tiefer» in die Glaubensthemen hineinzugehen – und Bibeltreffen unter der Woche an anderen Adressen, ausserdem ein «Freunde- und Familiengottesdienst» am 1. September – meine Hypothese ist, dass es ein evangelistischer Gottesdienst wird – und wenn das klappe, denn sie sind unsicher, würden sie gern 200 Personen und draussen einen Pizza-Truck haben. Dafür möchten sie eine Gebetskette machen. Für das Camp vom 12.-14. August mit Dag wurden die Kosten sehr klar kommuniziert, was ich allgemein sympathisch fand, und CHF 140 für drei Nächte in einem Massenlager mit eigenem Schlafsack und Verpflegung klingen ebenfalls angebracht. Das Camp heisst aber «Mustard Seed Camp», und somit relativ ähnlich wie die «Mustard Seed Chapel», von der sich die First-Love-Church ja getrennt hat, auch wenn sie natürlich weiterhin denselben Gründer haben und somit wohl grundsätzlich auch eine ähnliche Lehre.  Ausserdem gäbe es ein Frühstückstreff am 24.08., aber wenn ein Mitglied der Kirche alleine käme, müsse es zahlen: Der Sinn des Treffens ist die Evangelisation.

Ein wenig zu viel Evangelisation

Und evangelisieren ist etwas, das sie machen, wie ich besonders auch nach dem Gottesdienst feststellte. «Wir haben jemanden, die das erste Mal hier ist», deklarierte Roger. Damit war ich gemeint. Ich folgte also seiner Anweisung, aufzustehen, während um mich herum geklatscht wurde, und verneigte mich, denn in der Mitte des Raumes als Einzige zu stehen und beklatscht zu werden, ist etwas überfordernd. Mir wurde mitgeteilt, meine Sachen mitzunehmen und einer vom «Welcome-Team» zu folgen. Dabei hatte ich versehentlich noch den «Abendmahlsmüll» umgeschüttet, wobei zwei Mitglieder mir netterweise gesagt haben, ich könne es lassen. Ich hoffe, sie haben wegen mir jetzt keine Flecken im Teppich. Ich folgte also dem Mitglied des Teams, P., nach draussen und redete eine Weile mit ihr. Sie hiess mich herzlich willkommen, gab mir ein Willkommensgeschenk (eine Flasche und ein paar Guetzli), und fragte mich, was ich so mache und wie ich zu ihnen gefunden hätte. Ausserdem liess sie mich ein Formular auf ihrem Handy ausfüllen, in welchem gefragt wurde, wie ich auf sie gekommen sei, aber auch mein Name (verpflichtend), Kontaktdaten (nicht verpflichtend, aber ich habe meine Nummer hinterlassen), ob ich wiedergeboren sei und zum wievielten Mal ich hier sei, und so weiter. Ich habe einen relativ langen Kommentar hinterlassen, weil die Frage nach Wiedergeburt in meinem Fall ja etwas kompliziert ist. Naja. P. hat mich später gefragt, ob sie mir im Verlauf der Woche schreiben dürfe, wie es mir so gehe. Ich bin gespannt darauf, wie häufig mir geschrieben wird, denn am Tag darauf wurde ich informiert, dass sich auch Roger noch bei mir melden würde, und habe ein Dokument erhalten zum Thema, warum man bei der Erste-Liebe-Kirche Mitglied werden soll.

Ein Ballspiel nach dem Gottesdienst: Ich bin der Ball

Nach etwas mehr Plaudern mit ihr und einem weiteren Mitglied wollte ich dann wieder arbeiten gehen, und ging quer durch die Halle. Fast bei der Treppe angekommen sprach mich die nächste Person an und plauderte mit mir, was ich mache und wie ich dazu gekommen sei. Dann die nächste Person. Als diese kurz gehen musste für eine Besprechung, rief sie nach einer anderen Freundin, die mich weiterhin unterhielt. Während ich es sehr unterhaltsam fand, wie ein Ball von Person zu Person gespielt zu werden, waren die Gespräche nicht in dem Sinne schlecht – ich konnte gut mit ihnen sprechen, Witze machen, ihnen relativ ehrlich meine Backgroundstory erzählen, auch wenn vielleicht zwei, drei Details etwas veraltet waren, und habe mich sehr wohl gefühlt, auch obwohl die meisten dort, etwa drei Viertel, afrikanische Wurzeln haben und ich eine der wenigen weissen Personen war. Bei meiner Erklärung, im Moment «Freikirchenhopping» zu betreiben, meinte eine von ihnen, dass sie das gut fände, aber ich solle es auch nicht zu viel machen – «das Gras ist nicht immer grüner auf der anderen Seite, wie beim Suchen eines Ehemannes». Die Fragen «wie kamst du zu uns», «was hast du für einen Hintergrund (im Glauben)», und «wie hat es dir gefallen» habe ich insgesamt etwa fünfmal beantwortet. Ich frage mich jetzt nur, wie stark ich weiterhin «missioniert» werde.

Ein allgemeines Fazit

An diesem Gottesdienst hatte ich grundsätzlich wieder Spass, es gab etwas zu wenig Platz fürs Tanzen und war enger als bei dem Bamboo Lovers, aber dafür waren die anderen eher noch in meinem Alter. Auch hier: Die Art, wie mit Offerings umgegangen wird, wie sie auch in der Predigt thematisiert wurden, empfand ich als unpassend und etwas belastend; ich bevorzuge Kirchen, bei welchen das Geld «klammheimlich» irgendwie versteckt gegeben wird. Die Evangelisation war, besonders im Vergleich zu anderen Freikirchen, aber auch den Bamboo Lovers, sehr viel ausgeprägter; sicher auch, weil ich die einzige neue Person war und nicht besonders viele anwesend waren. Dies kann sowohl für Mitglieder als auch für einmalig Besuchende etwas belastend werden, besonders für introvertiertere Personen.

Angela Heldstab, 05.08.2024

Lexikoneintrag First Love Church / Erste Liebe Kirche

Bärte okay, höhere Bildung nicht: Reform und Stillstand bei den Zeugen Jehovas

Ein Besuch beim Sonderkongress der Zeugen Jehovas in Zürich

Glossar:

Das Königreich: Das Königreich Jehovas breitet sich durch die Verkündigung der guten Botschaft, also das Missionieren, aus.

Das neue System: Die Zeugen Jehovas glauben, dass wir aktuell in einem «alten System» («dieses System») sind, in welchem Satan regiert. Jehova wird «bald» alle zerstören und ein Millenium wird anbrechen, in welchem nur die Zeugen auferstehen. Dieses Millenium wird «Das neue System» genannt. Regiert wird es von den 144000 «Geistesgesalbten» unter der Leitung von Gott. Dort soll es keine Krankheiten und Nöte mehr geben.

Einlass

Es war ein sonniger, warmer Samstagvormittag, als ich mich auf den Weg zum Kongress der Zeugen Jehovas machte. Um das Stadion Letzigrund standen einige Männer, die mich an die Zeugen erinnerten: Formell angezogen, alles Männer, beobachteten die umliegenden Ereignisse und überprüften vermutlich den Einlass. Ich lief zu einem der Eingänge und fragte nach, ob ich denn den Kongress besuchen dürfe. Einer der beiden Zeugen, nennen wir ihn R., am Eingang lächelte mich an und erkundigte sich, von welcher Versammlung ich denn sei. Damit meinte er, welche lokale Ortsgemeinde ich denn üblicherweise besuche, und ich schüttelte den Kopf und erklärte ihm, dass ich aus Interesse hier wäre. Ich sei über die Webseite auf sie gestossen und da auch die Medien über sie berichtet haben, dachte ich mir, ich könne sie auch gleich mal besuchen kommen. Technisch gesehen ungelogen – die Zeugen Jehovas, die man vor allem im Kontext ihres Tür-zu-Tür-Gehens kennt, interessieren mich durchaus, auch wenn ich mehr über ihren Glauben weiss und wusste, als ich ihm mitgeteilt habe. R. führte mich zum deutschen Sektor – das Stadion war in drei eingeteilt: Deutsch, Englisch, Italienisch – und erklärte dem Platzanweiser: «Das ist Angela, sie ist interessiert und würde gern teilnehmen.» Ich erhielt einen Platz auf einer Reihe, die noch in der Sonne war; diese sei in 20 Minuten weg. Aufgrund meiner Angst, nicht hineinzukommen, war ich tatsächlich eine Stunde zu früh dort, und hatte ausreichend Zeit, mich umzusehen, und ausserhalb der Sonne zu stehen.

Die Taufe: vollständiges Untertauchen im Letzigrund

Über Samstagmittag fand die Taufe statt. Sie hatten beim englischen Sektor einen grösseren Pool aufgestellt, gefüllt, und rund acht Männer standen darin und warteten auf die Täuflinge. Diese Männer, von Zeugen auch als «Brüder» bezeichnet, trugen alle ein weisses Oberteil und Badehosen. Ein Täufling nach dem anderen kam über eine Treppe in den Pool hinein, wurde von einem der Männer vollständig ins Wasser gelegt, kam zu Publikumsapplaus hinaus, und kletterte danach über die andere Treppe wieder hinaus. Die Täuflinge, sowohl Männer als auch Frauen, trugen neben ihren eher langen Badehosen alle ein farbiges oder schwarzes T-Shirt. R. erklärte mir, dass die Zeugen neben der Taufe auch ein «persönliches» Bekenntnis zu Jehova machen, sozusagen hinter geschlossenen Türen, welches sie «Hingabe» nennen. Nach der Hingabe lassen sie sich öffentlich taufen, um zu bezeugen, dass sie nun offiziell zu den Zeugen Jehovas zählen. R. erklärte mir, dass sich die Zeugen eher als Erwachsene taufen lassen – was natürlich viele Freikirchen machen – und die meisten zwischen 16 und 80 sind. Es sei aber kulturell abhängig, bei manchen, beispielsweise in Lateinamerika, würden auch schon 10- bis 12-jährige getauft. Er persönlich fände das etwas zu früh, und da musste ich ihm zustimmen. Für den lebenslangen Einsatz für Jehova, den man mit der Taufe kommuniziert, ist 10-jährig definitiv zu früh.

Erste Eindrücke 

Anderen Zeuginnen wurde ich ebenfalls als «interessiert» vorgestellt, und sie waren sehr nett, haben mich ebenfalls direkt geduzt und mir ebenso schnell angeboten, dass ich mich bei Fragen über die Bibel an sie wenden könne. Sie interessierten sich für den Grund meines Auftauchens, aber auch ganz allgemein mein Leben: was ich mache, woher ich komme, und so weiter. Ich habe mich schnell wohl- und aufgenommen gefühlt, und auch ihre persönlicheren Fragen, die sie mit «also, du musst nicht antworten, wenn du nicht möchtest» begleitet hat, beantwortet.

Wenn Bärte plötzlich erlaubt werden

Die Tatsache, dass ich sehr brav angezogen war, half natürlich darin, dass ich nicht besonders auffiel. Die Kleidung habe ich sehr bewusst gewählt: ein langes Kleid, darunter ein weisses T-Shirt, wenig Schmuck, wenig Haut. Das Riskanteste an meinem Outfit: die Sandalen, die hatten nämlich hohe Absätze. Die meisten Zeuginnen trugen flache Schuhe, wie mir dort auffiel. Alle Frauen, die ich sah, trugen Kleider oder zumindest Röcke, auch wenn wir hier argumentieren können: Mitten an einem heissen Juli-Tag geht auch niemand in langen Hosen ins Stadion Letzigrund, zumindest nicht, wenn stattdessen ein langes Kleid getragen werden kann. Das gilt natürlich nicht für die Männer. Bei denen fiel mir etwas ganz anderes auf. Seit Ende letzten Jahres, anfangs Dezember, dürfen die Männer bei den Zeugen Jehovas wieder einen Bart tragen. Das war vorher lange nicht erlaubt (oder «empfohlen»), mit der Begründung, dass einen Bart zu tragen ungepflegt sei, keinen guten Eindruck mache. Die meisten Männer waren weiterhin glattrasiert, aber ich sah mehrere, die einen Bart tragen. Selbst Tattoos sah ich – aber diese stammten, wie meine Sitznachbarin meinte, vermutlich eher von «vorher». Zeugen würden sich, wenn überhaupt, an unauffälligeren Orten, die man besser verbergen konnte, tätowieren.

Die «geladenen Gäste», 3000 Zeuginnen und Zeugen aus «aller Welt», hatten festliche Gewänder aus ihren jeweiligen Kulturen an. Mit der Vielfalt der Kleidung, und dem Wissen: «Das sind alles Zeugen Jehovas», entstand selbst für mich das Gefühl einer riesigen Einheit, die über alle Welt verteilt «die gute Botschaft» predigt. Wer den geladenen Gästen geholfen hatte, beispielsweise indem sie diese am Flughafen abgeholt und zum Hotel geführt hatte, trug ein grünes Band, sozusagen ein Halsband, an welchem man Schlüssel anhängen konnte, mit einigen Badges, auf denen beispielsweise stand «Welcome to Switzerland». 

Hauptthema das Kongresses: Der Predigtdienst.

Der Kongress stand unter dem Titel «Macht die gute Botschaft bekannt», anderweitig auch «Missionieren» genannt. Die Zeugen Jehovas würden es auch als «Verkündigung des Königreichs» beschreiben, oder eben: den Predigtdienst. Beim Predigtdienst handelt es sich um einen Überbegriff, der die Ansätze beschreibt, mittels welchen man anderen Personen, die nicht Zeugen Jehovas sind, von der eigenen Religion erzählt. Beim Predigtdienst einbegriffen sind die Tür-zu-Tür-Dienste, vermehrt als störend empfunden, aber auch das «Predigen auf der Strasse», das heisst, mit ihren kleinen Rollwagen auf die Strasse zu stehen und Traktate oder Magazine zu verteilen, sowie das «Bibelstudium»: Regelmässig zu Personen nach Hause zu gehen und mit ihnen die Bibel lesen, Fragen beantworten, oft bevor diese Personen selbst zu Zeugen werden. Der Ausdruck «die Bibel studieren» wurde übrigens ausschliesslich so verwendet, die Worte «die Bibel lesen» fielen nicht.

Kindliche Predigt

Nach einem ersten Musikvideo, in dem es darum ging, dass die Zeugen Jehovas alle ihren Alltag alleine bestritten, unter konstantem Risiko, von der Polizei kontrolliert zu werden, und sich am Ende gemütlich trafen, begann die Moderation. Der Moderator sprach langsam, deutlich, aber: als wären wir Kinder. Er verwendete die einfachsten Wörter, und die Sprachmelodie war am ehesten vergleichbar damit, wie ich mit kleinen Kindern sprechen würde, um ihnen «ganz schwierige Sachen» möglichst einfach und nachvollziehbar zu erklären. Diesen Eindruck erhielt ich bei mehreren Predigern. Bevor es mit den Kurzpredigten verschiedener Männer losging, sangen wir ein Lied – «dafür bitte aufstehen, wer kann» – und als das Lied endete, blieben alle stehen, bis der Moderator in seinem üblichen Tonfall sagte: «Ihr dürft euch wieder setzen.» Im Verlauf des Nachmittags sagte er stattdessen: «Nach dem Lied und den Bekanntmachungen dürft ihr euch wieder setzen», ehe das Lied begonnen hatte. Eine zweite Anweisung brauchte es dann nicht.

Abfälliges Geschwätz: ein paar gute Tipps

Bei der ersten Predigt ging es um «abfälliges Geschwätz», also das Lästern oder Verbreiten von Lügen. Dass dies «Diener von Jehova» nicht machen sollten, hat er schnell klargestellt, denn hierbei handelt es sich um eine «Erfindung von Satan im Garten Eden», um die Menschen gegen Gott rebellieren zu lassen. Somit sei es eine sehr gefährliche Handlung. Der Prediger, Bühler, erklärte, dass «wir Zeugen» versuchen sollten, das Gespräch in eine positive Richtung zu lenken, und, wenn dies nicht möglich war, uns aus dem Gespräch hinauszuklinken. Wer über einen selbst oder «die Organisation» (gemeint: die Zeugen Jehovas) Schlechtes sagte, den soll man, wie Jesus es tat, durch die eigenen Taten entkräften. Die angenommene Vorbildfunktion von Jesus war stark präsent, die Frage «was hat Jesus getan» prägte auch die folgenden Predigten. Auch bei jeder Predigt gab es ein Video, das inhaltlich das Genannte aus der Predigt entweder ergänzte oder einfach wiederholte. Alle Videos waren zudem auf Schweizerdeutsch synchronisiert. In diesem Video ging es um eine Familie, die «eine Schwester» bei der Geburt verloren hatten. Das Thema Bluttransfusion wurde beiläufig angesprochen; die Verwandten warfen es den Zeugen vor, dass die junge Frau deswegen gestorben sei. Ob dies der Fall war, wurde nicht weiter diskutiert; stattdessen ging es darum, dass sie ruhig bleiben konnten und weiterhin den Predigtdienst machten, am Schluss sogar einige ebendieser Verwandten für den Besuch einer Versammlung gewannen.

Unreine sollen bitte die Klappe halten

In der nächsten Kurzpredigt ging es darum, was zu tun wäre, wenn man zwar bereits die eigenen Sünden bereut habe und Jehova «die Tafel gewischt hat», man aber weiterhin von Gewissensbissen geplagt werde. Wir sollen diese mittels Jesus besiegen. Als Petrus Jesus dreimal nacheinander verleugnete, ehe der Hahn krähte, liess Jesus ihn später dreimal beteuern, dass er ihn liebte. Die «unmoralische Frau», die Jesu Füsse wusch, hörte danach «Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.» (Lukas 7, 50, Neue-Welt-Übersetzung). Jehova hälfe uns bei der Überwindung unserer Schuld. An diesem Teil interessierte mich eher das gezeigte Video. Eine Frau aus den USA erklärte, dass sie gesündigt und bereut hätte, und sich weiterhin schlecht fühlte. Sie investierte ihre Zeit vermehrt in den Predigtdienst und darin, die Bibel zu studieren. «Als ich dann wieder Kommentare machen durfte», erklärte sie. Ich erkundigte mich später, was genau damit gemeint sei. Die befragte Person war unsicher, sie hatte das Video nicht vollständig mitbekommen, aber es könne sein, wenn jemand unmoralisch gehandelt habe – ich schlug Ehebruch als Beispiel vor – gesagt würde, sie solle sich jetzt gerade etwas zurückhalten, bis die «Situation geregelt» sei. Heisst, wer beispielsweise einem Ältesten gesteht, dass er gesündigt hat, dem wird gesagt, er, oder sie, solle vorläufig dem gemeinsamen Bibelstudium nichts beitragen, da er gerade nicht «mit Jehova im Reinen» sei. Wer unmoralisch handle, sei kein Vorbild mehr und somit auch nicht mehr rein. Und Reinheit sei Jehova wichtig. Der Gesichtsausdruck bei diesem Satz war ernst, im Gegensatz zu vorher, als immer mindestens ein leichtes Lächeln dabei war. Die Reinheit ist Jehova also besonders wichtig. Ich erkundigte mich, ob das auch für den Predigtdienst gilt. «Nein», lautete die Antwort, «um da ausgeschlossen zu werden, muss man etwas ganz Schlimmes gemacht haben – zum Beispiel ein Kind der Versammlung missbraucht haben». Ein unerwartetes Beispiel. Der Vorwurf, dass die Zeugen Jehovas Kinderschänder schützen, besteht bereits lange. Unterdessen dürfen Zeugen aber zur Polizei gehen, wenn so etwas passiert. Zuvor hiess es, dass man «keinen Bruder vor ein weltliches Gericht» ziehen soll, und hat allfällige Disziplinarmassnahmen innerhalb der Gruppe durchgeführt.

Keine Reue für die Sünden zu zeigen oder eine «besonders schwere Sünde» zu begehen, kann Grund eines vollständigen Ausschlusses aus der Organisation sein, wobei man mit letzterem durch das Zeigen von Reue «nur» vom Predigtdienst ausgeschlossen werden könnte. Der Prediger beendete die Rede mit einem: «wichtig sind nicht unsere Fehler, sondern das, was wir daraus machen, wenn die Tafel gewischt ist», und die nächste Predigt begann. 

Das Normalste der Welt: Amokläufe an Schulen, auch in der Schweiz

Unter dem Titel «Beunruhigende Nachrichten» ging es weiter. Ein Schweizer Prediger aus Bümpliz predigte auf Schweizerdeutsch. In seiner Einleitung beschrieb er, wie wir beim Essen unseres Frühstücks die Nachrichten schauten, in diesen «mal wieder» über einen Amoklauf an einer Schule berichtet wurde, und uns das erst mal kalt liesse, bis wir den Namen der Schule hörten und vielleicht jemanden kannten, oder Angst um unsere Kinder oder andere Kinder hätten. Der Prediger erzählte das, als wäre es auch für ihn ganz normal, morgens in den Nachrichten von einer Schulschiesserei zu hören, und den Namen der Schule vielleicht sogar zu kennen. Die Zuhörenden verzogen ebenfalls keine Miene. Die Predigten werden zentral produziert und von den Predigern einfach eingeübt, und das wurde bei diesem Beispiel besonders klar. Zwei Wochen später soll in Friedrichshafen übrigens der exakt selbe Kongress stattfinden, mutmasslich auch dort mit diesem Beispiel.

Ein Applaus auf die Vernichtung?

Neben diesen beunruhigenden Nachrichten gäbe es auch eine gute Nachricht, noch bevor «dieses System» ende: Die gute Botschaft würde überall auf der Erde bekanntgemacht werden. Das Königreich im Himmel bringe dann «echten Frieden»: Er erklärte, Jehova würde «jene vernichten, die die Erde zerstören, und was Neues erschaffen». Es entstand ein spontaner Applaus. Der Tonus war einfach: Je schlechter die Nachrichten, desto baldiger kommt das Ende. Dank der Sicherheit durch Jesus können wir, so erklärte er weiter, einen positiven Ausblick auf die Zukunft haben. Das gezeigte Video diskutierte, wie das «Refokussieren der Energie auf Jehova» dabei half, sich nicht von den schlechten Nachrichten in den Bann ziehen zu lassen, auch hier wieder an erster Stelle: der Predigtdienst als erste Alternative. «Unsere Zukunft hängt nicht von den Nachrichten, sondern vom Königreich ab». Wie Jesus sollen wir die gute Botschaft predigen, wie bei Jesus würden auch nicht alle gut reagieren, aber wir sollen nicht aufgeben, uns auf das Positive konzentrieren: was Jehova für uns gemacht habe, mache, und machen würde.

Entmutigung

Die schönste Blume ohne Wasser verdorre – und Jehova sähe jetzt, wenn er in den Letzigrund schaue, einen wunderschönen Blumenstrauss. Damit wir nicht verdorren, sollen wir einander ermutigen, Kraft spenden, wie es Jesus getan hat und tut. Auch sollen wir Initiative zeigen und nicht warten, bis jemand nach Hilfe fragt. Im gezeigten Video wurde genau das erneut thematisiert und zusammengefasst.

«Ich muss dir unbedingt was erzählen»

Die nächste Reihe an Kurzvorträgen begann mit Robert T.: «voller Eifer verkünden» sei nicht nur Aufgabe der Apostel. Er verwendete das Beispiel, jemandem «unbedingt» etwas erzählen zu müssen: «wer hat dir gesagt, dass du es erzählen musst?», und beantwortete es selbst, «niemand», es sei einfach der Wunsch, etwas zu erzählen, und ein Verantwortungsbewusstsein, wie bei Paulus. Jehova möchte, dass wir «die gute Botschaft» überall überbringen, doch das «Verlangen nach allerlei» entziehe diesem Wunsch den Sauerstoff. Subtil mitgeteilt, aber doch klar: Wer zu viel anderes auch noch will, der hat keinen Platz für den Predigtdienst mehr. Darum soll man seine eigenen Wünsche zurückstellen. Dies hat mir eine andere Zeugin im persönlichen Gespräch ebenfalls so bestätigt. In etwa paraphrasiert: «Wenn ich voll bin mit meinen eigenen Sachen, dann habe ich gar keinen Platz für Jehovas Geist». Wer diesen Wunsch des Verkündigens am Leben behalte, dem werde dies als «sehr starker Glaube» angerechnet. 

«Glaube ist etwas Persönliches», oder: was man besser nicht denken soll

Das darauffolgende Video, mit «es wird euch gefallen» angekündigt, handelte von einem Paar, das sich etwas schwer damit tat, «Zeugnis abzulegen», also anderen Personen von Jehova zu erzählen. Dieses frisch verheiratete Paar, das noch vermehrt in den anderen Videos auftauchen sollte, traf sich mit einem anderen, erfahreneren Paar und erzählte von dieser Problematik. Sie meinten: «Glaube ist etwas Persönliches», und «ich möchte niemandem Ideen aufzwingen». Das erfahrene Paar empfahl ihnen, sich mehr mit dem Bibelstudium auseinanderzusetzen, in welchem sie merkten «auch wir sind gemeint», an der Seite des verkündigenden Engels aus Offenbarung 14, 6. Sie fühlten sich weniger alleine, und das Video endete damit, dass sie doch noch Zeugnis ablegten.

Dem Predigtdienst «den richtigen Stellenwert geben»

Die nächste Kurzpredigt handelte davon, dass der Predigtdienst nicht einfach eine Aufgabe sei, die man erfüllen soll, sondern stattdessen Teil der Anbetung von Jehova. Das Missionieren soll also den «richtigen» Stellenwert erhalten. Mit demselben Paar, das bereits vorher erwähnt wurde, wiederholte das nächste Video dieses Fazit. Das wichtigste Gebot, Gott mit ganzem Herzen und ganzen Denken zu lieben, wurde genannt, und erklärt, dass Gott auch jetzt die eigene Situation sehe. «Mache ich alles, was ich jetzt gerade kann?», so sollen wir, oder die Zeugen, sich fragen, ob sie mehr Predigtdienst machen könnten. Während Nächstenliebe den Tag durch durchaus erwähnt wurde, liessen sie es hier aussen vor, obwohl direkt nach dem genannten Vers das «gleichwertige» Gebot der Nächstenliebe kommt (Matthäus 22, 37-40)

Gute Vorbereitung: Pfeile im Köcher, um Herzen zu treffen

Im dritten Teil ging es um eine «gute Vorbereitung». Ein römischer Soldat, der seine Sandalen falsch angezogen hatte, fiel beim Rennen um. Das «gute Schuhwerk» helfe nur, wenn man es richtig anzieht. Danach bezog sich die Kurzpredigt auf die «Waffenrüstung» in Epheser 6, hier Vers 15: «und habt die Bereitschaft, die gute Botschaft des Friedens bekannt zu machen, als Schuhe an euren Füßen.» (Neue-Welt-Übersetzung, die von Zeugen Jehovas verwendete Bibelversion) Wer sich gut auf den Predigtdienst vorbereite, sei weniger nervös und entspannter, könne mehr auf andere Personen eingehen, besser zuhören und für die Sorgen anderer da sein. Der Prediger, Simon B., fragte wiederum auf Schweizerdeutsch, ob wir unsere Waffe (nach Epheser die Bibel) griffbereit hätten, ob wir unsere «Toolbox» richtig einsetzen konnten und ob wir unseren «Köcher» mit ausreichend vielen «Pfeilen» gefüllt hatten. Damit gemeint war das wohlbekannte «Mäppchen», mit Traktaten und Flyern gefüllt, das Zeugen Jehovas mindestens beim Predigtdienst auf sich führen. Auch für zufällige Begegnungen soll man ausreichend «Pfeile im Köcher» haben. Es lohne sich, jede Methode auszuprobieren.

«Interesse zeigen»

Besonders betont wurde hier erneut, dass man echtes Interesse an anderen Personen zeigen soll. Das Fazit des Paars im Video war: «Wir haben Menschen schon immer geliebt, wir müssen es ihnen nur zeigen». Im Video wurde eine Szene gezeigt, in welchem sie die Grenzen einer Person, die gerade beschäftigt war, respektierten und selbst zu gehen vorschlugen, als die Person fragte, worum es denn überhaupt ginge. Indem sie «wahres Interesse» zeigten, konnten sie nun ins Gespräch kommen, und «einen Samen für Jehova pflanzen». Inwiefern eine einzelne Person wirklich Interesse hat, kann kaum gesagt werden, aber die Personen, mit denen ich sprach, konnten das Interesse mir gegenüber zeigen. Ich fühlte mich wichtig, wertgeschätzt, und ernst genommen. Dass die Zeugen Jehovas genau das in ihren Versammlungen und anderen Zusammenkünften lernen, erstaunt mich nicht weiter.

Die Schlussfolgerung dieser zweiten Predigtreihe war: Das Verkünden der Botschaft bzw. das Missionieren liegt in der persönlichen Verantwortung eines jeden Christen, Jehova sei dies sehr wichtig, und die Vorbereitung auf den Dienst sei wichtig und mache Freude.

Video 1: Rettung in Italien?

Im nächsten Video ging es um einen älteren Zeugen Jehovas, der trotz Knieprobleme in ein italienisches Städtchen, schwierig zu Fuss begehbar, gesendet wurde, und einen Mann, der aus Ghana nach Italien emigriert war. Der ältere Zeuge Jehovas musste wegen einiger Unfällen später in einen Rollstuhl, der Mann aus Ghana wurde wegen Drogenhandel inhaftiert, und der Zeuge erhielt die Erlaubnis, im Gefängnis Predigtdienst bzw. Seelsorge zu leisten. Die beiden Männer tauschten sich darüber aus, wie dankbar der ghanaische Mann ihm dafür war, ihm von der guten Botschaft erzählt zu haben, und wie nun auch sein Sohn bei den Zeugen war. Das Fazit hier war klar: «Akzeptiere, wo auch immer du hingesendet wirst, auch wenn du meinst, es passt nicht. Jehova hat einen Grund dafür.» und «Verkünde die gute Botschaft, egal wie hoffnungslos es ist, jemand wird dir dankbar sein».

Video 2: Verfolgung in Georgien

Weiter ging es mit einem Video zur Verfolgung in Georgien, eine Regierung, die tatenlos da sass, während eine religiöse Gruppierung die Zeugen Jehovas angriff. Es wurden Aufnahmen gezeigt, erzählt, wie brutal es vonstatten ging, wie Personen sogar Kindern auf den Kopf schlugen, die Tatenlosigkeit der Polizei. Daneben wurde erzählt, wie sie dennoch im Predigtdienst waren, unauffällig, die Traktate im Plastiksack, in Freizeitkleidern, während sie im Dienst von Personen angegriffen wurden, und einander gegenseitig schützten. «Satans Taktik bewirkte das Gegenteil», erzählten sie, und ihre Versammlungen wuchsen mehr und mehr. Das Aushalten einer Gruppierung gegen solche Verfolgung ist, egal, ob man mit deren Glaubenssätzen übereinstimmt, auf jeden Fall beeindruckend, so empfinde es zumindest ich. Dank einem Regierungswechsel konnten sie vor den Europäischen Gerichtshof ziehen und einen klaren Entscheid zu ihren Gunsten erwirken, und als ein Sonderkongress in Georgien stattfand, erzählte man ihnen, die ganze Welt habe für sie gebetet. Ich habe meine Tränen nur mit Mühe zurückhalten können. Das Geld für gute Videos haben sie.

Gute Botschaft: symbolisch lebensrettende Massnahmen / Flexibel wie ein Chamäleon

Zeugen Jehovas, so lautete es in der nächsten Kurzpredigt, haben das Ziel, Leben zu retten, vergleichbar mit jenen, die im Rettungsdienst arbeiten. Beide kämpfen sich durch diverse Schwierigkeiten durch, «irgendwas ist immer», aber wir sollen im Alltäglichen predigen, wo sie gerade sind. Sie träfen auf Widerstand, Gleichgültigkeit, aber jemand, der heute sagt, er habe «kein Interesse», brauche morgen Gott. Sie sollen, wie Jesus, Personen begrüssen, freundlich sein, damit anfangen, womit sie gerade beschäftigt sind, die Gesprächsentwicklung offen lassen. Er erzählte anekdotisch, dass jemand, deren Bruder kürzlich verstorben war, zufällig dreimal an unerwarteten Orten auf Zeugen traf – das erste Mal zwar vor der Haustür, dann in den Ferien, dann bei der Rückkehr im Café. Diese Geschichte vermittelte erneut ein Gefühl der Verbundenheit, Zeugen gibt es «überall». Für den Predigtdienst sollen sie – oder wir –, als «liebe Kinder» angesprochen, sich vier Sachen merken und dazu ein Symbol aufzeichnen: Die Augen offen halten («da malt ihr bitte ein Auge»), gute Beobachter sein («ein Fernglas»), den richtigen Moment erwischen («eine Uhr»), und zu guter Letzt flexibel sein («ein Chamäleon»). Mein Chamäleon sieht nicht besonders realitätsgetreu aus. 

Zeugen sollen hingehen, «wo immer Gott uns hinführt». Denn Jehova führe sie zu aufrichtigen Personen, darum sollen sie im Gebet sein und jemanden mit «der richtigen Einstellung erbitten». Wenn ein «Gebiet» mehr Hilfe brauche, sollen sie «Rat in den Publikationen suchen». Ich habe die Hypothese, dass in den Publikationen stark die Idee des Umzugs in ein «Gebiet, das Hilfe braucht» unterstützt und deren Notwendigkeit untermalt wird. Jesus als Haupt der Versammlung führe sie, aber wie bei einem Auto lenkt er erst, wenn sie «in Bewegung» sind. Sie hätten eine Garantie im Leben: Jehova sei immer mit ihnen.

Ein mächtiger Mann tritt auf

Wir warteten, bis wir mit allen Sprachen synchronisiert waren, und der Moderator schlug vor, einen Schluck Wasser zu trinken. Was dann auch alle taten, ich ebenfalls. Beim nächsten Aufsehen entdeckte ich einen Herrn, der mir aus den Videos der Zeugen sehr gut bekannt ist: M. Stephen Lett, eines der aktuell neun Mitglieder der leitenden Körperschaft, das heisst, einer der neun Männer, die in der Organisation die Entscheidungen treffen. Was sie sagen, gilt, egal ob es bisher Gesagtem widerspricht oder nicht, und was sie im Wachtturm schreiben, gilt ebenso, auch wieder unabhängig davon, ob es früher publizierten Wachttürmen widerspricht. Und dieser sass nun auf die Bühne und lächelte ins Publikum. Lett hat ein Lächeln, das auf mich etwas unheimlich wirkt. Die Augen lächeln mit, und gleichzeitig sieht es gezwungen aus. Er strahlt ins Publikum, der Übersetzer nimmt am Tisch neben ihm Platz, und Lett beginnt zu sprechen.

Wir lieben euch.

Lett erklärte anfangs, dass es drei Arten von Personen gibt: «people who make things happen» (Personen, die dafür sorgen, dass etwas passiert), «people who watch things happen» (Personen, die zuschauen), und jene, die fragen: «was ist passiert?». Wir, oder das Publikum, die Zeugen Jehovas, seien in der ersten Kategorie. Er richtete sich dann direkt an «the young ones», die Jungen unter uns. Auch diese gehören zu dieser Gruppe, denn die Jungen lieben Jehova und andere, und «we love you», so Lett, die Ältesten, die Brüder und Schwestern, die leitende Körperschaft, alle lieben die Jungen, und «most importantly, Jehova loves you». Er sprach über die Herausforderungen, die vor uns standen, und die Möglichkeiten, die wir hatten, Bethel – die lokalen Büros, in welchen Zeugen arbeiten können – oder die Schule für Königreichsverkündiger, sozusagen die «Bibelschule», als zwei dieser Optionen. Jehova suche Personen, die «willing to work», gewillt zu arbeiten, sind, und es gäbe «willing people» bei den Zeugen Jehovas. Die Frage, was die Jungen für die gute Botschaft machen wollten, beantwortete er ebenfalls gleich selbst: «Wir wissen», dass die Jungen alles für das Königreich tun wollen.

Was man bei den Zeugen braucht

Zusätzlich zur Bereitwilligkeit bräuchten die «Jungen» drei Fähigkeiten und zwei Qualitäten: Sie sollen lesen und schreiben können, sich mittels irgendeiner Fähigkeit den Lebensunterhalt finanzieren können, um den anderen keine Last zu sein, und gute Kommunikationsfähigkeiten haben. Mit guten Kommunikationsfähigkeiten könnten sie auch wahres Interesse zeigen, was im Predigtdienst, wie bisher klar wurde, besonders wichtig scheint. Beim Lebensunterhalt fügte Lett ebenfalls hinzu, sie müssten weniger arbeiten, wenn sie ein einfacheres Leben führten, und sollten besser sparen, bis sie etwas wirklich brauchen, statt «jetzt kaufen, später zahlen».

Soweit keine schlechten Tipps, wenn es jemandem so gefällt. Dann wurde es schwierig. 

Die Jungen, und da fühlte ich mich ebenfalls angesprochen, sollen sich nämlich auch vor «dangerous higher education» in Acht nehmen, die gefährliche höhere Bildung. Auch bei Paulus war seine juristische Bildung für das Verkündigen des Evangeliums irrelevant, er verdiente sein Geld mit dem Zeltbau. Lett verglich die höhere Bildung mit «Abfall», und fragte: «How do you feel about stinky, smelly garbage?», was wir von stinkendem, übelriechendem Abfall hielten. «Bist du traurig darüber, ihn wegzuwerfen? Denkst du den ganzen Tag darüber nach? Nein, tust du nicht, du sagst zum Abfall ‹Ich will dich nie wieder sehen›.» Es ging weiter: Satan wolle, dass wir «in seiner Welt» Karriere machen, damit er uns mitnehmen kann, in den Feuersee, in den er einst geworfen werden soll. Doch unser Ziel sei «die neue Welt», nicht der Feuersee. Er hat also nicht nur impliziert, dass Personen, die Karriere machen, in den Feuersee geworfen, also vernichtet, würden, sondern auch, dass höhere Bildung ein «stinkender, übelriechender Abfall» sei, der weggeworfen werden müsse. 

Ausserdem sollen wir demütig und bescheiden sein. Jehova könne uns formen wenn wir demütig sind, und indem wir uns bescheiden kleiden, können wir die Gefühle und Meinungen anderer respektieren. Letzteres richtete er besonders an Frauen: «Wenn ihr euch bescheiden kleidet, respektiert ihr die Gefühle anderer». Übersetzt dürfte das heissen, wer sich nicht provokativ oder «sexy» anzieht, sorgt dafür, dass andere keine entsprechenden Gedanken haben, man schützt also seine Geschwister vor dem Sündigen. Wer ausserdem auffällige Kleidung trage, sei «entweder auf dem Weg zur Wahrheit, oder von der Wahrheit weg».

Was Frauen sollen (und Männer wohl nicht): Finanzen, Gastfreundschaft, und Interesse zeigen

Besonders an die Frauen gerichtet war die Erklärung, dass sie «diligent», gewissenhaft, sein sollen und gut mit Finanzen umgehen sollen. Wenn sie verheiratet seien, sollen sie sich am Beispiel der «guten Hausfrau» in Sprüche 31 orientieren, die im Grunde genommen gut wirtschaftet und alles zuhause regelt. Zudem sollen sie gastfreundlich sein, wie Lydia in der Apostelgeschichte 16, und Interesse zeigen. «Auch euren Bibelstudenten: ihr wollt ihnen wirklich helfen.» An letzter Aussage wiederum spürbar: was «wir» wollen (sollen).

Was die Ehe angeht, sollen sie gut aufpassen: Wird es der Ausbreitung des Königreichs, also der Mission, helfen oder dies verhindern? Ob geheiratet wird oder nicht, soll also daran erkennbar sein, ob dies der Mission hilft oder schadet. Wer eine bestimmte Person im Kopf habe, soll sie «hart mit den Augen Jehovas anschauen», die Qualität der Gebete messen, und beobachten, wie er mit anderen umgehe, denn so würde er mit ihr umgehen. «Wenn ihr auf den ersten Bus geht, der kommt, ist die Wahrscheinlichkeit, am richtigen Ort anzukommen, viel geringer». Es sei besser, alleine zu sein und heiraten zu wollen, als verheiratet zu sein und single sein zu wollen: Es sei nämlich eine «one-way-street», eine Einbahnstrasse. Heisst: Scheidung gibt’s nicht.

Was Männer sollen (und Frauen wohl nicht): Denken und Ziele setzen, nur nicht zu viel an Geld denken

Männer hingegen sollen ihr Denkvermögen verbessern. Sie sollen die Prinzipien der Bibel anwenden können und sich fragen: Was ist das Prinzip hinter diesem Gesetz?. Ausserdem sollen sie vernünftig sein, wissen, wann sie ernst werden müssen, ein reines Gewissen, und lehren können. Was durchaus Sinn ergibt, wenn man sich daran erinnert, dass Frauen bei den Zeugen nicht lehren dürfen, zumindest nicht, wenn die Belehrten selbst Zeugen sind. Männer sollen treu, gewissenhaft in jeder Verantwortung sein, hart arbeiten und nicht faul sein. Ausserdem sollen sie sich Ziele setzen, denn diese geben eine Richtung vor, und: Wer keine Ziele hat, ist zufrieden mit allem, oder mit gar nichts. Die Beispiele bezogen sich auf den Predigtdienst, eines davon war, sich ein «Bibelstudium» als Ziel zu setzen. Damit gemeint war vermutlich, Personen zuhause regelmässig zu besuchen und mit ihnen die Bibel zu lesen. Männer sollen zudem ein einfaches Leben anstreben, in welchem Geld nicht die höchste Priorität ist, und budgetieren lernen. Bei den Männern schien es eher darum zu gehen, Geld nicht unnötig auszugeben, während Frauen gesagt wurde, sie sollen allgemein den Umgang mit Finanzen lernen («managing finances»). Was genau wer genau tun soll, wurde mir daraus nicht ganz schlüssig. Ausserdem sollen die Männer Teilzeit arbeiten, damit sie mehr Zeit für Jehova hätten, denn man werde «nicht einfach so» Dienstamtgehilfe (eine Person, die technisch oder organisatorisch die Zusammenkünfte unterstützt, häufig später zum Ältesten ernennt wird), sondern müsse ein Vorbild dafür sein. Jehova sähe, ob man schon bereit wäre oder nicht.

Was es zu geben und zu erhalten gibt

Lett führte aus über die Möglichkeiten, welche die «Jungen» hatten, was alles mit dem Pionierdienst beginne. Wenn wir gerne geben, im Ebenbild von Jehova, der ebenfalls gerne gebe, werden wir glücklich. Wer im Bibelstudium ist, mit anderen Zeugen spricht, ist direkt mit den Engeln, die Jehovas Werk leiten, in Verbindung. Er betonte, wir sollen sein wie Jesaja: «Hier bin ich, sende mich», ohne irgendwelche Fragen zu stellen. «Jehova macht den Rest», und wer ihm alles gibt, der erhalte das Hundertfache «in diesem System» zurück. Die erworbenen Fähigkeiten seien ausserdem sehr gefragt im neuen System; wir bräuchten keine Ärzte und Anwälte, sondern Lehrer und Bauarbeiter. Mit einem «wir lieben euch» und erneuter Zusammenfassung, dass wir, falls wir all das machen, ein «zufriedeneres Leben» hätten und «wunderbaren Segen erfahren» würden. 

Nach einem letzten Lied machten sich die Zeugen und ich auf den Weg nach Hause. Meine Sitznachbarin und ich redeten noch ein paar Minuten lang, nicht zuletzt über das Thema Glauben. Erstaunlich fand ich, wie stark sie betonte, jede Person habe ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und getroffen, und diese würden respektiert. In bisherigen Freikirchenkreisen kam viel häufiger zurück, dass Gott einem helfe oder Gott dann schon dafür sorge; oder es wird vermehrt versucht, einen zu «überzeugen». Die Kommunikationsfähigkeiten, über die gesprochen wurden, waren auf jeden Fall da, und ich habe mich sehr respektiert – nicht als Autoritätsperson, sondern als gleichwertiger Mitmensch – gefühlt.

Eine Deklaration des Verständnisses

Ich denke, ich verstehe, was die Zeugen attraktiv macht: Es besteht ein ehrliches Interesse an einem als Person, man fühlt sich aufgenommen, als Teil einer riesigen, weltweiten Gruppe, einerseits wird man als Individuum gesehen und andererseits gehört man dazu. Schwierig für mich wird es an dem Punkt, an welchem gesagt wird, vielleicht Druck gemacht wird, man soll die eigenen Interessen zurückstellen, die Freizeit mit dem Predigtdienst verbringen, und keine Karriere machen. Ich persönlich war danach merkwürdig motiviert, anderen Personen von Jehova zu erzählen, auch wenn ich nicht wüsste, was genau; nicht zuletzt, weil ich ihren Glauben nicht teile. Wenn vermehrt so über den Predigtdienst gesprochen wird, verstehe ich den Anreiz, den ganzen Morgen auf offener Strasse zu verbringen und fremde Menschen, die ich gemäss Prediger «liebe», anzulächeln und zu warten, bis jemand zu mir kommt und ich die Möglichkeit habe, «Interesse zu zeigen». Wer diesen Dienst leistet, dem werde das ja, so hiess es an diesem Nachmittag, als «sehr starker Glaube» angerechnet. Damit steigt auch das Ansehen in der Organisation selbst, denn wer eine gewisse Mindestanzahl Stunden im Jahr macht, kann in den «Pionierdienst» gehen, und mit diesem kann man dann auch die Bibelschule besuchen oder anderweitig in der Organisation aufsteigen.

Auch das Abraten von höherer Bildung, als «Abfall» bezeichnet, die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen sowie das «kleidet euch bescheiden, um die Gefühle anderer zu berücksichtigen» kamen bei mir nicht gut an. Mir wurde klar, dass auch hier mehr soziales Ansehen entsteht, wenn man mehr mithilft, was natürlich dazu führt, dass man mehr Zeit braucht, und weniger Zeit für eigene Freizeitaktivitäten oder die Arbeit hat. Wer also bei den Zeugen ist, könnte schnell mal das ganze Leben genau so verändern, dass man eben dieses Ansehen erreicht. Auch fiel mir auf, wie häufig Lett meinte, was «wir» wollen, was «wir» tun. Was, wenn «wir» das nicht wollen? Mit seiner Begründung «because you love Jehova» fragte ich mich, ob weniger Predigtdienst den Umkehrschluss zulassen würde, dass jemand Jehova doch nicht liebt.

Ein letztes, schwieriges Detail: Das Konzept «wir» oder «du», sowohl als einzelner Zeuge oder einzelne Zeugin als auch als Gruppe, wurde immer wieder gleichgesetzt mit der Organisation. Im Gespräch fiel mir dies ebenso auf, denn in der Aussage «Menschen machen Fehler, die Organisation macht Fehler» wurden diese gleichgesetzt. Auch in den Predigten, besonders bei Lett, war die Organisation gleichzusetzen mit der einzelnen Person. «Jehovas Organisation», so beschreibt die leitende Körperschaft die Organisation, die sie führen. Besonders das hinterliess bei mir einen unschönen Nachgeschmack.

Angela Heldstab, 25.07.2024
Lexikoneintrag Zeugen Jehovas

St. Michaelsvereinigung, oder auch: Wie man sich von einer gleichaltrigen Tonbandaufnahme beschimpfen lässt

Mit einigen Bekannten, die wie ich allesamt Aussteiger:innen aus christlich-fundamentalistischen Freikirchen sind, fuhr ich nach Dozwil, um die St. Michaelsvereinigung zu besuchen. Während unserer Fahrt an diesem sonst verschlafenen Auffahrtsmorgen stellten wir fest, dass viele andere ebenfalls den Weg auf sich genommen hatten, um 10 Uhr pünktlich dort zu sein.

Erschlagendes Gebet

Als wir dem Chor folgend ins Gebäude traten, fühlte ich mich erst mal erschlagen. Kaum waren wir durch die Tür getreten, vernahmen wir ein monoton, von vermutlich einem Grossteil der Anwesenden, gesprochenes Gebet an Maria, die Muttergottes bzw. die Mutter von Jesus. Daneben gab es in der St. Michaelsvereinigung bis 1988 noch eine weitere Maria, Maria Gallati, was mich im Verlauf des Gottesdiensts manchmal etwas irritierte.

Das erschlagende, monotone Abbeten desselben Gebets von definitiv, aber vermutlich mehr als 500 Personen zu diesem Zeitpunkt, immer wieder wiederholt – angeblich dreimal, aber mir kam es nach mehr vor – wirkte auf mich, als wäre ich gerade in eine «Bilderbuchsekte», wie man sie aus Filmen kennt, eingetreten, besonders, da alle es auswendig konnten. Auf den ersten Blick sah ich auch eine Liste, eine «Gebetsliste», in die man sich eintragen konnte, wohl um frühmorgens bereits hier für den Gottesdienst die Gebete abzubeten.

Knien, Sitzen, Beten

Wir traten in den Saal hinein. Eine vor uns laufende Person kniete an den Rand des Teppichs, richtete sich gegen Jesus, und verneigte sich, quasi mittels Ausfallschrittes. Für mich war das sehr bizarr. Was es aber noch schwieriger machte, war die Tatsache, dass wir Jesus am Kreuz anfangs gar nicht sehen konnten oder gesehen hatten. Die Empore nahm fast den gesamten Teil des eher grossen Saales als «zweiter Stock» ein, und die Säulen, die sie stützten, versperrten uns ebenfalls die Sicht auf das Kreuz. Einer unserer Gruppe kommentierte später, dass hier wohl jede Architektursünde begangen wurde. Auf das Knien verzichteten wir.

Während unserer leise gehaltenen Diskussion, wo wir denn sitzen könnten, stand ein Herr der allerhintersten Reihe, deren Stühle effektiv direkt an der Wand waren, auf und erklärte ebenso leise, in einer für die (Park-)Platzanweisenden reservierten Reihe hätte es noch Platz, diese würden nur einen Teil der Plätze einnehmen. Wir setzten uns also und nahmen die Bücher unter den Stühlen, die dort zur Verfügung gestellt worden waren, hinaus. Bei dem Buch handelte es sich um das «Mess- und Gesangsbuch», in welchem die wichtigsten Gebete drin waren, aber auch die Lieder. Diese standen leider ohne Noten. Trotz nicht-katholischem Hintergrund konnte ich herausfinden, dass die dort vorhandenen Gebete teilweise mit den bekannten katholischen Gebeten übereinstimmten, aber beispielsweise das «Gegrüsset seist du, Maria» ein Addendum hat, in welchem auch Jesus und Josef vorkommen, nämlich mit einer «zentralen Bitte» (gemäss Webseite): «Jesus, Maria, Josef, wir lieben euch, rettet Seelen!» Diese Bitte hörten wir auch bei unserem Besuch, mehrfach, immer wieder während des zweistündigen Gottesdienstes, und während das bereits selbst etwas merkwürdig ist, wird es merkwürdiger, wenn es 1000 Personen gleichzeitig sprechen.

Allgemeine Eindrücke

Mir fiel auch auf, was Personen so anhatten: einige Frauen waren mit langem Rock und hochgesteckten Frisuren, wie beispielsweise einem Dutt, anwesend, aber abgesehen davon, dass alle «gut» angezogen waren, schien es keine Kleiderordnung zu geben. Sogar lange Haare bei Männern schienen kein Grund zu sein, nicht im Chor mitsingen zu dürfen, sodass ich davon ausgehe, dass es allgemein kein Problem ist. Im Rahmen der Kleidung, der Geschlechter und der Alter war die Besucherschaft enorm durchmischt, was mich etwas überraschte.

Zudem tauchten im Gang zwischen unserem «Block» und jenem rechts von uns noch eine Gruppe von Kindern in weissen Gewänden auf. Die anwesenden Kinder, 22 der 24 übrigens Mädchen, bestand etwa zur Hälfte aus rund 11-jährigen, aber viele davon signifikant jünger, die jüngsten vielleicht so 6-jährig. Sie hatten alle eine Kerze in den Händen, und liefen später gemeinsam nach vorne. Zuerst aber erklang ein Glockengeläut – und zwar ein digitales, d.h., es wurde eine Aufnahme eines «Einläutens» abgespielt – und die zwei Priester sowie vier junge Frauen, auf beiden Seiten zwei, verneigten sich in ihren schönen Roben vor Jesus, der am Kreuz hing, und setzten sich auf ihre Plätze, während die Priester bereits an ihren Platz hinter den «Tisch» gingen. Die Orgel spielte «Ode an die Freude», zum Glück nicht als Aufnahme.

Das «Benedicite», das gesagt wurde, verstand ich zuerst als «venedit site», und fragte mich schon, ob ich mein Kleines Latinum bereits komplett vergessen hatte. Wie es scheint, sprechen sie es hier einfach «anders» aus – das heisst, als die Aussprache einmal kritisiert wurde, hiess es «die Engel sprechen es so aus». Irritierend an der lokalen Aussprache ist die Betonung auf dem letzten i, also ein BenedicIte. Altphilolog:innen würden dies benedIcite aussprechen, mit Betonung auf der drittletzten Silbe. Auf jeden Fall wird es in der St. Michaelsvereinigung, zumindest nach Standard der Altphilolog:innen, «falsch» ausgesprochen. Anschliessend sang der Chor, der sich übrigens auf der Empore befand, ein «Halleluja».

Die Anwesenden bekreuzigten sich mehrfach, unter anderem strichen sie über ihre Lippen, malten also sozusagen die «Arme» des Kreuzes auf ihren Mund. Direkt zuvor und direkt danach malten sie sich ein ähnliches Kreuz auf Stirn und Brust.

Das gemeinsame Beichten

Nach diesem Bekreuzigen beteten sie erneut, und zwar bald mal das «St. Michaelsgebet» (gemäss Messebuch), zweimal, die «Heilige Beichte», bei welcher es eine Stille gab, vermutlich, damit die Menschen Gott ihre Sünden beichteten, und dann sprachen sie den «Reue und Vorsatz»-Teil, der im Messebuch vorhanden war. Danach, und davon war ich etwas überrumpelt, knieten sie hin und waren ruhig. Die Priester sprachen ihren Teil, die Sündiger ihr Bussgebet – in dem zweimal das Wort «gebenedeit» in Bezug auf die Mutter Maria vorkam und ich mir sehr fehl am Platz vorkam – und die Priester wechselten dann zu der Lossprechung. Ich fragte mich, ob es zusätzlich zu diesem Ritual eine Art Beichte gab, in der man sich unterhielt und die eigenen Sünden auch «für menschliche Ohren» nennen konnte. Vielleicht ja mittels Briefkastens beim Ausgang.

Fragwürdige Gebetstexte: Nährboden für Verschwörungstheorien?

Wir sangen gemeinsam das Lied «in Jesu Armen», wobei die Orgel etwas schneller spielte, als wir sangen. Anschliessend sang der Chor das «Kyrie eleison», dann das «Gloria». Beides Lieder, die ich aus klassischen Konzerten viel besser kenne als aus der Kirche. Dann beteten wir ein Gebet an den «Hl. Bruder Klaus», in welchem mir besonders zwei Teile sehr auffielen: «Zeige den Verantwortlichen dieses Landes … den Weg zum wahren inneren Frieden und behüte sie vor dem Eidesbruch mit Gott» und «erwecke starke Männer, dass sie dieses Volk aus seinem Schlafe reissen, und führe sie mit den nach Frieden und Sicherheit rufenden Menschen zu neuen Ufern». Der erste Teil, der innere Friede für die Verantwortlichen dieses Landes, kann man sicherlich verstehen als «hilf ihnen», was ich noch als gut gemeinte Fürbitte interpretieren kann. Beim Teil mit dem Eidesbruch hatte ich meine Probleme. Hatten «die Verantwortlichen dieses Landes» denn einen Eid mit Gott? Handelt es sich hierbei um den Bundesrat? Wenn es sich um den Bundesrat handelt, muss ich davon ausgehen, dass der Eid höchstens in der Bundesverfassung, d.h. in der rechtlich nicht bindenden Präambel, vorkommen könnte. Bei den starken Männern kommentierten meine Bekannten sarkastisch, dass es sich natürlich nur um Männer handelt, denn die sind schliesslich stark und müssen beschützen. Für mich hatte diese Strophe einen sehr verschwörungstheoretischen Unterton. «Aus dem Schlafe reissen» impliziert, dass das Volk schläft und geweckt werden muss, und zudem beinhaltet «reissen» ein gewisses Minimum an Gewalt. Es ist kein sanftes Wecken, sondern ein gewaltvolles Reissen. Nur schon an diesem Gebet bemerkt man eine Differenzierung zwischen «wir», die wach sind, und «dem Volk», das wach werden muss. Ich hatte etwas Mühe mit der Formulierung und fragte mich, ob hinter verschlossenen Türen Verschwörungstheorien verbreitet werden. Der Nährboden dürfte da sein.

Nun lasen die Priester aus dem Epheser. Ich hatte meine Bibel offen und blätterte im Epheser, und schon regte ich mich darüber auf, dass ich die genaue Angabe mit Kapitel und Vers selbst wohl nicht gehört hatte, als er dann wechselte und etwas «aus Lukas» las. Diesmal war klar, dass ich die Angabe auch so nicht hören hätte können, da er sie schlicht und ergreifend nicht genannt hatte. Ich war übrigens auch die Einzige im Raum, die danach suchte. An der Stelle im Epheser ging es um Hoffnung, bei Lukas erzählte er die Geschichte der Auffahrt selbst. Beim nächsten Lied spielte die Orgel wieder schneller als die Menschen sangen, und wir beteten erneut das Gebet an den hl. Bruder Klaus.

Endlich: Die Predigt fängt an…

Nach einer halben Stunde Gesang und Gebet, nennenswerterweise auch erst nach dem Sündenbekenntnis, wurden wir endlich angesprochen von den Priestern. Namentlich mit «Liebe Gotteskinder». Der erste Fokus, den wir haben sollten, sei «Liebe und Gnade». Jesus sei nach seinem Kreuzestod und der Auferstehung nicht mehr derselbe gewesen, der er vorher war. Er redete auch darüber, dass Jesus die «Utensilien», die ihn festnagelten, segnete. Wie er gegangen war (in Macht und Herrlichkeit), würde er wieder zurückkommen. Den vollen Zusammenhang dieser Aussagen hatte ich nicht ganz verstanden, zumindest bezüglich der Utensilien. Ich hatte mich gefragt, ob «Werkzeug» nicht ein besseres Wort wäre.

…und es wird langsam merkwürdig

Der Priester erklärte weiter, wir würden heute eine von drei Predigten hören, die «Matthäus» am 24. Mai 2001 erhalten hat. Wer denkt, er hätte sich beim Jahr gerade verlesen: Nein, 2001, das ist 23 Jahre her. Wir hörten also eine Predigt, d.h., eine Aufnahme aus dem Jahr 2001. Bei «Matthäus» handelt es sich übrigens nicht um einen Mann, der bürgerlich so hiess, sondern um Ulrich Aeberhard, der nett gesagt behauptete oder die Meinung vertrat, dass Matthäus, der Matthäus des Matthäusevangeliums, durch ihn sprach, oder eher durch automatisches Schreiben durch ihn sprach. Übersetzt: Ulrich Aeberhard schrieb etwas und erklärte, dass Matthäus durch ihn geschrieben hat. Wer glauben will, darf natürlich, ich habe meine Zweifel und behalte sie. Diese Aufnahme startete mit den Worten: «Wir Werkzeuge begrüssen euch.» Genau, die Werkzeuge Gottes, die uns wohl erneut das Evangelium verkünden sollten, bezeichneten sich selbst sehr aktiv als Werkzeuge und werden auch heute, nach ihrem Tod, noch als Werkzeuge bezeichnet. Aus diesem Grund werden die «Utensilien», die Jesus ans Kreuz nagelten, mit Sicherheit auch nie als «Werkzeuge» beschrieben.

Eine Beschimpfung aus dem Jahr 2001

Mit diesem ungewohnten Anfang ging es weiter. «Matthäus» erklärte 2001, dass nicht alle Gesichter, die hier im Raum waren, freudig schienen. Obwohl sie dies sein sollten, denn Christen sollen sich freuen. Er beschrieb, dass wir diese Worte «30 Jahre lang von Paulus» (Paulus aka Paul Kuhn, ursprünglicher Gründer und ebenfalls «Werkzeug») gehört hatten, und es immer noch nicht schafften. «Wie oft sollen wir’s denn noch sagen?», gehörte zu seinen Lieblingssätzen, auch «Braucht es immer eine Ermahnung?», in einer lauten, aggressiven Stimme. Genau genommen habe ich mich noch nie von einer Aufnahme, und schon lange nicht mehr von einem Menschen, so «beschimpft» gefühlt. Was doppelt so merkwürdig war, da jener, der schimpfte, mich ja nie gesehen hatte. Unser Werkzeug, Priester, «Matthäus», oder einfach Ulrich Aeberhard, erhielt, wie er es erzählte, auch Briefe, in denen keine Freude vorkam, was er stark kritisierte. Dazu setzte er den Satz: «Diese [Briefe] behalte ich natürlich für mich.». Das würde ich für ihn auch hoffen, egal, ob er rechtlich eine Art seelsorgerische Schweigepflicht hat oder nicht.

Sprachgebrauch als Selbstlegitimation?

Bei seinen weiteren Ausführungen dazu, dass wir uns gefälligst zu freuen hatten, verwendete Ulrich Aeberhard eine Mischung aus «biblisch anklingenden» Formulierungen und «modernerem» Vokabular. Ich empfand diese biblisch anklingenden Formulierungen sehr stark als Selbst-Legitimationen, so, als würde er ausreichend häufig in der Bibel lesen, um die entsprechende Formulierung zu treffen, aber nicht häufig genug, um komplett bibeltreu zu sprechen. Was ja alles grundsätzlich nicht negativ ist, aber irgendwas fühlte sich falsch an. Vielleicht war ein grösseres Problem hierbei, dass er auch stark darüber redete, wie Jesus immer wieder versucht hatte, seinen Jüngern gewisse Dinge zu erklären oder beizubringen, und diese es einfach nicht verstanden. Vermutlich war das grössere Problem hierbei, dass er sehr stark implizierte, mit «Paulus» und Jesus auf einer Stufe zu sein.

Fragwürdige Fragen an die Gemeinde

Die nächste Frage, die Ulrich Aeberhard uns (oder der Gemeinde vor über 20 Jahren) stellte, war: «Was wollen wir auf der Erde erreichen?». Eine gute Frage, die ich durchaus sinnvoll finde: Was ist das Ziel? Was will man selbst? Die Antwort war, dass wir in den Himmel wollten. Dass dies nicht «auf der Erde» war, schien schlicht übergangen worden zu sein.

Weitere grossartige Aussagen waren «sind Sie durchdrungen von dieser Freude?», und «ein gläubiger Christ, der hier einen Platz hat, nimmt [das, was in den Gottesdiensten gesagt wird] mit», damit er nicht wieder jede Woche dasselbe sagen müsse. Einen weiteren Verweis auf den (Mutter) Maria-Fokus, von dem ich zwar schon wusste, war die Erklärung, «wir wollen zu Jesus, neben Maria». Das war für mich auf jeden Fall das erste Mal, dass jemand in diesem Kontext auch Maria erwähnte, im Normalfall handelte die Diskussion doch eher davon, dass Jesus zur Rechten Gottes sass, und wir dann ebenfalls irgendwo dort am Tisch. Dies klappt übrigens, so «Matthäus», nur, wenn wir gehorchen, uns unterordnen, nicht immer unseren Willen durchsetzen wollen. Auch hier: Er sagte uns nicht, was genau wir jetzt tun sollten, aber betonte, dass es in erster Linie schon mal nicht das war, was wir machen wollen würden. Was bisher aus der Predigt entnommen werden konnte, war, dass ich mich zu freuen und zu gehorchen hätte.

Grosse Gefahr?

Die nächste zumindest interessante Aussage war «diese Worte hörte ich, als ich in grosser Gefahr war, und ich sage es ohne Filter». Es bezog sich weiterhin auf dieselbe Situation, und ich frage mich immer noch, in was für einer «grossen Gefahr» Ulrich Aeberhard sich befunden haben möchte, als er «diese Worte hörte» – war er zufällig zu schnell auf der Autobahn unterwegs? Oder verbrachte er einen Teil seines Lebens irgendwie in einer Region, in welcher Christen verfolgt würden? In der Schweiz kann ich mir kaum eine solche «grosse Gefahr» vorstellen, aber ich war 2001 auch nicht besonders alt. Oder sprechen wir hier gar nicht über Ulrich Aeberhard, sondern «Matthäus» anno dazumal, als das Evangelium geschrieben wurde, und die Vorstellung Aeberhards davon, was Evangeliums-Matthäus erlebt haben könnte? 

Fehlende Kritikfähigkeit? Nein, Kritik ist Sünde

Der Gottesdienst ging weiter, und «Matthäus» sagte: «Meine Körperlichkeit» – also jener Teil von «Matthäus», den Ulrich Aeberhard darstellte – sei «hinten angestellt», nicht besonders wichtig, mit Betonung, dass «auch ich habe meine Schwächen, doch auf diesen soll niemand herumreiten, denn das wäre eine Sünde». Diese Aussage fand ich besonders stark von einem Mann, der gerade vorher auf unseren Schwächen – nicht donnerstagmorgens voller Freude zu sein, oder manchmal nicht so erfreut zu sein – herumgeritten war. Durfte man nur auf seinen Schwächen nicht herumreiten, oder durfte nur er auf Schwächen herumreiten?

Aeberhard «warnte» uns, davor, dass der «Feind» uns ein «Bein stellt» und fragte im Rahmen seiner Ausführungen: «Wollt ihr bei den Verdammten sein? Sicher nicht! Ihr tätet mir Leid.» Interessante Aussage für jemanden, der anscheinend das Gegenteil von dem macht, was er von anderen verlangt.

Ein freudiger Widerspruch

Aeberhard verglich sich weiterhin mit Jesus und sagte, er spräche «aus Herzen, ohne Verstand», und doch glauben es Leute nicht. Er und Jesus hätten «so oft gesagt und ihr glaubt immer noch nicht». Für die, die glauben, hatte er aber noch eine gute Nachricht: Wir würden im Himmel verherrlicht. Erst dann dürfen wir uns so freuen wie noch nie. Zur Erinnerung: Am Anfang der Ausführungen hiess es, dass wir uns mehr freuen sollten. Jetzt heisst es, dass wir uns «erst dann» wie noch nie freuen sollen. Ich bin nicht sicher, wie genau man die eigene Freude so stark messen kann. Die Himmelsfreude sei «durch Schmerzen, Leid und Nöte» verdient worden. Damit bezog er sich nicht auf Jesu Schmerz, Leid, und Nöte, sondern auf jene der Zuhörenden. Wir mussten uns also freuen, aber gleichzeitig leiden, und uns dann erst im Himmel so richtig freuen. Wenn ich anhand dieser Predigt mein Leben anpassen wollen würde, dann würde ich spätestens hier kläglich scheitern.

Eine christliche Wiedergeburt?

Die nächste Aussage war «viele von uns waren mal» (im Bezug auf den Himmel) «und sind zurückgekehrt». Nach meinem Verständnis sind «damalige Zeugen», also verstorbene Christ:innen, auf die Erde zurückgekommen. Wie genau, ob mittels einem «eigenen» Körper oder so, wie es die Michaelsvereinigung von sich behauptet – nämlich indem die «Zeugen» durch jetzt lebende Menschen oder «Werkzeuge» sprechen, war nicht ganz klar, aber ich gehe von letzterem aus. Verwirrend hier war aber die andere Aussage, dass «damalige Zeugen abfallen wegen schwerster Sünden». Mittels «Werkzeug» Sünden zu begehen, stelle ich mir als schwierig vor. Es ist gut möglich, dass sie doch Reinkarnation lehren. Allgemein schwierig fand ich dieses merkwürdige Weltbild, das irgendwie an eine Form der Reinkarnation glaubte und sich als christlich, dann sogar noch katholisch, darstellte oder zu darstellen versucht.

Geistige Sprache: Unverständnis ist selbstverschuldet

Natürlich bietet uns die St. Michaelsvereinigung auch eine Ausrede an, warum beispielsweise ich von diesen Aussagen so verwirrt sein könnte. Es gibt nämlich, so hiess es, die «geistige Sprache», welche wir verstehen, wenn wir «Kinder des Lichts» sind. Diese Sprache spräche Gott. Gleichzeitig kann man diese Aussage auch als Einleitung zum nächsten Teil verstehen, denn dieser war sogar noch wirrer als die bisherige «Predigt», und klang etwas kompliziert. Natürlich versteht man das nur, wenn man den «Kindern des Lichts» zugehört, wer das nicht tut, ist selbst schuld, wenn man das, was Ulrich Aeberhard sagt, nicht versteht. Den nächsten Teil habe ich aber ansatzweise verstanden: Er meinte: «Gott hat die Mutter, Maria, geholt und gab ihr seinen Leib, den sie ihm gab.» Übersetzt: Gott hat eine Frau «rekrutiert», jemand, die einen menschlichen Körper hat, und gesagt «hallo, ich müsste da mal einen menschlichen Körper für mich selbst machen. Ich gebe mich dir, sozusagen als Leib, Embryo, Kind, damit du mich erst in deinem Bauch wachsen lassen kannst, dann gebär mich bitte, damit ich einen Leib habe». Sie gab ihm den Leib (Geburt), den er ihr gegeben hatte (Befruchtung), nachdem Gott die Mutter «geholt» (sozusagen «rekrutiert») hatte.

Als die wirre Erläuterung aus dem Jahr 2001 von «Matthäus»-Ulrich-Aeberhard endete, kommentierte ein Priester, er wäre «froh, Aufzeichnungen von Werkzeugen» zu haben. Ich irgendwie auch – es gibt einen aussagekräftigen Einblick darin, wie diese Gemeinschaft funktioniert – und irgendwie auch nicht: Ich hätte gerne eine aktuellere Predigt gehört, die optimalerweise diese Woche vorbereitet wurde.

Eine alte Eingebung

Eine vergleichbare «Aufnahme einer «Eingebung»», von Maria Gallati, die im Jahr 1988 gestorben war und meistens den Erzengel Michael «channelte», würde als nächstes drankommen. Heisst, der Engel soll sozusagen durch ihren Körper mit ihrer Stimme sprechen. Besser noch: der Prediger sagte, er fände es «gut, sowas zu hören in Momenten der Schwäche». Also liessen sie auch diese Aufnahme laufen.

Direkt auffällig war ihre Stimme. Sie sprach enorm monoton, exakt dieselbe Tonhöhe, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Dann, bei der letzten Silbe, oder teils auch dem letzten Wort, fiel die Tonhöhe ab, sie verstummte, verschluckte diese Silbe sehr häufig. Fast, als hätte sie auch einfach keine Luft mehr gehabt. Wer von trance-artigen Gesängen ausgeht, und dann einfach noch eine durchdringende, weibliche Stimme mit dieser Monotonalität und dem Ausbleiben der Luft gegen Ende kombiniert, dürfte eine gute Vorstellung des Klangs haben. Pausen machte sie ebenfalls einige.

Inhaltlich war ihre erste Frage, wie viele Menschen denn heute, an Auffahrt, ihre Kinder aufgeklärt hätten, was heute für ein Tag war, und sagte, dass der erste Gedanke Christus zu gelten habe. «Jesus hat uns geliebt und ist zum Vater zurück». Die Himmelfahrt wäre sein Weg gewesen, um zu zeigen, dass es ein vollständiges, unsterbliches Leben gäbe. Doch die Menschheit erkenne die grosse Liebe des ewigen Vaters nicht. Maria Gallati klingt verzweifelt, ihre letzten Wörter sind kaum hörbar, als wäre die Luft weg.

Mutter Marias Blut am Kreuz

Als wäre dieser Gottesdienst nicht schon ausreichend merkwürdig, zumindest für mich persönlich, kam eine nächste Überlegung, die in erster Linie an die Mütter im Raum – von denen es, gemessen an der Präsenz der Kinder, einige gab – ging: «Ihr Mütter, euer Kind hat euer Blut.» Mit meinen nicht beeindruckenden Biologiekenntnissen könnte ich hier jetzt weder fundiert dafür oder dagegen argumentieren; während die Blutgruppe nicht zwingend dieselbe sein muss, könnte man sicherlich argumentieren, dass für die Entstehung des Kinds das Blut der Mutter irgendwie relevant ist. Ihre Schlussfolgerung war aber um einiges merkwürdiger: Jesus hat (auch) (Mutter) Marias Blut. Das heisst, als am Kreuz Jesu’ Blut vergossen wurde, wurde «auch» Mutter Marias Blut vergossen, denn Jesus war ja ihr Kind. Und wenn er König ist, dann ist Mutter Maria Königin. Sie, d.h. nicht die Mutter Maria, sondern das «Werkzeug» Maria Gallati, sprach dann über die Himmelskönigin, die Mutter Maria, die «uns allen» Mutter ist, wer sie anfleht, werde nie leer ausgehen, denn sie lege Fürbitte bei Jesus ein. Diesen Teil leitete sie ein mit «Ihr wurdet gelehrt». Durch die Mutter Maria würden wir geprüft, ob Menschen in Wahrheit und Liebe lebten oder ob sie Feindschaft im Herzen hätten. Jesus habe gesagt, wer meine Mutter nicht annimmt, dem werde ich sagen, ich habe dich nie gekannt. Meine Schlussfolgerung aus dieser Ausführung war, dass die Verehrung der Mutter Maria wohl gemäss dieser Vereinigung relevant für das persönliche Heil bzw. die eigene Errettung war.

Die Aufnahme endete, Personen bekreuzigten sich «über den Mund». Zur Aufnahme wurde gesagt: «Werkzeug Maria, aus ihr sprach Erzengel Michael». Ein zweizeiliges Gebet an Mutter Maria, nicht im Heftchen vorhanden, dann dreimal das Bussgebet, ein Lied, das Glaubensbekenntnis. Beim Glaubensbekenntnis war spannenderweise der Teil «ich glaube an die heilige katholische Kirche» drin, obwohl es in den 1990er-Jahren zu einer Trennung zwischen der St. Michaelsvereinigung und der römisch-katholischen Kirche kam.

Das Abendmahl: Mundkommunion durch Ministrantinnen

Das letzte war nun die «Darbringung des Brotes», die «Aufopferung des Brotes», bei welcher sie Wein und Wasser mischten. Gemäss ihrem Messbuch war das Mischen so geplant, aber persönlich hatte ich davon das erste Mal gehört. Die beiden Priester, die gar nicht synchron sprachen oder sich irgendwie synchron bewegten, trotz gleicher Aufgabe, «opferten» den «Kelch des Heiles». Sanctus-Gesang untermalte das Vorbereiten des Abendmahls. Beim späteren Sprechen verwendeten die Priester lateinische Formeln – hoc est enim corpus meum (dies ist mein Körper, zum Brot) etc. –, überkreuzten den Kelch mit dem Brot, alles komplett asynchron. Das Vaterunser der Gemeinde beinhaltete die Variante «und führe uns in der Versuchung». Ich nahm am Abendmahl teil, auch wenn das vermutlich nicht besonders gut ankam oder angekommen wäre, und reihte mich in die Linie ein. Vorne, beim Kreuz, an dem Jesus hing, verneigte auch ich mich via Ausfallschritt vor Jesus – das wäre ansonsten sehr aufgefallen, denn das haben alle gemacht – und kniete dann, als ich an der Reihe war, auf eine Art Sitzpolster. Die St. Michaelsvereinigung hat keine besondere Freude an der Handkommunion (dass man das Brot selbst in die Hand nimmt) und verfolgt Mundkommunion. Es gab im grossen Raum insgesamt vier solche Polster, je zwei links und rechts von der Mitte des Altars. Auf beiden Seiten stand je ein Priester und eine ähnliche Menge an Mädchen, die ebenfalls das Abendmahl verabreichten. Ich erhielt also mein Brot, mit gemischtem Wein und Wasser getränkt, indem ein maximal 12-jähriges Mädchen, vielleicht noch jünger, es mir in den Mund legte und dabei «Jesus» flüsterte. Neben ihr stand einer der beiden Priester, der ebenfalls Personen das Brot in den Mund legte, und mich kurz böse anschaute. Zugegeben, ich war auch neugierig stehen geblieben und nicht ganz sicher, was ich als nächstes tun sollte. Nachdem alle rund tausende Menschen gesättigt und zurückgekehrt waren, fand ein Gebet an den heiligen Josef statt, welches ich im Messbuch nirgends finden konnte. In den Mitteilungen hiess es, dass sie an den darauffolgenden Einkehrtagen bereits über 100 Teilnehmende hatten, und dass ein Abendessen im Landhaus für die Angemeldeten stattfinden würde. Die Lehre selbst würde wohl eher an solchen Einkehrtagen diskutiert. Mit dieser Predigt konnte ich persönlich erstaunlich wenig anfangen.

Offene Fragen

Wir verliessen den Saal und ich sammelte noch einzelne aufliegende Flyer ein, in der Hoffnung, irgendwie noch mehr zu ihrer Lehre herauszufinden, ohne an den Einkehrtagen teilnehmen zu müssen. Eines dieser Heftchen gehörte zur Stiftung Sokrates, eine gemeinnützige Organisation, die finanziell unter anderem Bildung basierend auf christlichen Werten unterstützt. Ein anderes Heftchen deklarierte, dass die «SARS-CoV2-Impfungen» beendet werden sollte. Beim Erblicken dieses Heftchens vermutete ich, dass Verschwörungstheorien, die eben auch besonders im Kontext mit Covid19 stehen, hier zirkulieren könnten.

Auf dem Weg zum Parkplatz erkundigte ich mich bei einem älteren Herrn, ob das mit den Aufnahmen denn hier so üblich wäre. Er fragte nach, ob ich «die Aufnahmen der Werkzeuge» meinte, und ich nickte. Das gäbe es nur an speziellen Tagen, beispielsweise an Auffahrt, fünf bis sieben Mal im Jahr. Er selbst sei seit über 50 Jahren dabei, seit er ein kleiner Junge ist. Sein Gesichtsausdruck war, meinem Empfinden nach, etwas verträumt, was sicherlich bei allen älteren Menschen geschieht, wenn sie über ihre Kindheit sprechen. Nur die Art, wie er «Werkzeuge» gesagt hatte, fand ich merkwürdig. Wer also keine Aufnahmen hören möchte, sollte an einem möglichst normalen Sonntag gehen. Gottesdienste haben sie ausreichend viele.

Die grosse Besucherzahl, rund tausend Personen, hatte mich überrascht. Die St. Michaelsvereinigung betrieb rund um den Muttertag 1988 merkbar Panikmache, indem sie deklarierten, dass innert kürzester Zeit UFOs auf die Erde kämen, um die Kinder vor den kommenden Endzeitereignissen zu retten. Damals waren es rund 3000 Mitglieder. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie mehr schrumpfen, und ich frage mich, inwiefern die St. Michaelsvereinigung mit gemeinnützigen Stiftungen arbeitet, die dann finanziell schwache Personen zum Besuch in die Kirche «einlädt». Am Gottesdienst selbst kann es kaum liegen, zumindest nicht, wenn dieser, mit oder ohne Aufnahme, ansatzweise repräsentativ ist. Die Frage, was genau an der St. Michaelsvereinigung so faszinierend ist, dass sie am Wochenende tausend Besuchende, zu guten Teilen aus anderen Kantonen anzieht, bleibt für mich ebenfalls offen.

Angela Heldstab, 18.07.2024
Lexikoneintrag St. Michaelsvereinigung

«Coffee with a Stranger» – Neue Missionierungsstrategie von Shincheonji

Die aus Korea stammende umstrittene Gemeinschaft Shincheonji, die seit ein paar Jahren in der Schweiz massiv junge Menschen mit christlichem Hintergrund rekrutiert, setzt zur Kontaktaufnahme mit ihrem Zielpublikum immer wieder neue Trends ein. In den letzten zwei Jahren wurden Foodsharing-Events organisiert, bei welchen die Interessierten für das «Bible Study», die einführenden Kurse von Shincheonji motiviert wurden, oder es wurden «After Work Hikes» angeboten, die am Ziel ebenfalls in Werbung fürs «Bible Study» mündeten.

«Coffee with a Stranger» als neue Methode

Neueste Strategie ist die Adaption des amerikanischen Konzepts «Coffee with a Stranger»: Junge Menschen werden auf der Strasse angesprochen mit der Legende, dass die Leute in der Schweiz ja eher verschlossen seien, und dass die Sprechenden dem durch «Coffee with a Stranger» entgegenwirken möchten. Zeigt sich die angesprochene Person interessiert, wird ein Termin vereinbart.

Shincheonji-Kaffee-Gespräch

Beim Kaffee-Treffen läuft das Anwerbe-Gespräch von Shincheonji im bewährten Stil ab: nach einleitendem Small Talk wird auf die private Ebene gewechselt und hier möglichst viel Information gesammelt. Unvermeidlicherweise kommt die «Gretchen-Frage»: Wie hält es die angesprochene Person mit der Religion? Wer darauf bekundet, mit Religion wenig anfangen zu können, fällt wie bisher aus dem Zielpublikum von Shincheonji heraus. Es erfolgt keine weitere Einladung, sondern eine höfliche Verabschiedung.

Motivation zum «Bible Study»

Personen, die sich an der Bibel interessiert zeigen, werden motiviert, das «Bible Study» zu besuchen. Dieses habe, so versichern es die Werbenden, ihnen ihre eigenen Fragen zur Bibel endlich klären können. Gemeint ist damit die spezifische Bibelauslegung von Shincheonji, die davon ausgeht, dass die Bibel verschlüsselt sei, sodass der Wortsinn der biblischen Texte nicht das eigentlich Gemeinte sei. Die wirkliche Bedeutung sei nur im «Bible Study» zu erfahren.

«Love Bombing» und «Sandwiching»

Dort werden Teilnehmende dann typischen Manipulationsmethoden problematischer Gemeinschaften ausgesetzt, z.B. dem «Love Bombing»: die Neuen werden mit Zuneigung überschüttet, um das Gefühl zu bekommen, die besten Freundschaften in ihrem Leben gefunden zu haben. Eine andere von Shincheonji angewandte Methode ist das «Sandwiching»: den Neuen werden mindestens eine, idealerweise zwei bisherige Mitglieder zugeteilt, die sich aber ebenfalls als Neue ausgeben. Als «Leaves», «Blätter» sollen sie die «Fruit», «Frucht» betreuen, indem sie die interessierte Person aushorchen, damit die Kursleitung «zufällig» zu ihrer Situation passende Aussagen machen kann, die dann wie ein göttliches Zeichen wirken. Im Kursraum sitzt die «Frucht» zwischen den «Blättern», was den kritischen Austausch zwischen Neuen verhindert. Um dies zu gewährleisten, sind die Plätze im Kurslokal angeschrieben.

Lügen gegenüber kritischen Angehörigen

Wenn die Bible-Study-Teilnehmenden in ihrem sozialen Umfeld auf Kritik stossen, wird ihnen geraten, ihre Angehörigen anzulügen, indem etwa behauptet wird, es ginge bei den abendlichen Treffen um einen Englisch-Kurs oder um sportliche Aktivitäten. Wenn die Teilnehmenden Hemmungen haben, ihren Liebsten die Unwahrheit zu sagen, wird ihnen die Lehre des Shincheonji-Gründers Man Hee-Lee unterbreitet, dass Shincheonji-Mitglieder ihre Angehörigen mit ihrem Einsatz miterlösen können, sodass diese auch in das Paradies, das Shincheonji auf dieser Erde errichten will, einziehen werden.

Indoktrination statt Studium

Insgesamt stellt das «Bible Study» gerade das nicht dar, was der Name versprechen würde, nämlich ein gemeinsames, ergebnisoffenes Studium der Bibel. Effektiv findet eine durch manipulative Methoden unterstützte Indoktrination in die Lehren von Shincheonji statt.

Georg O. Schmid, 18. Juli 2024

Lexikoneintrag Shincheonji

Noch immer wie bei Werner Arn: Besuch beim Gottesdienst der Mission-WW

Die Sonne strahlt uns an, als wir auf dem Parkplatz vor dem Hotel-Traube in Ebnat Kappel aus dem Auto steigen. Das Hotel, idyllisch im Toggenburg gelegen, ist Schauplatz des sonntäglichen Gottesdiensts der Mission-WW, auch als Gemeinschaft Adullam bekannt. Die Gruppe zentrierte sich um ihre Gründungsperson Werner Arn, der für seine gesetzliche und rigorose Theologie, sowie für seine apokalyptischen Vorhersagen bekannt war. Nachdem er 2016 verstarb, übernahm sein Sohn seine Nachfolge. Diese hielt aber nur kurz an, denn im April 2022 wurde er zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, wobei er bereits seit 2019 in U-Haft sass und vorzeitigem Strafvollzug verbüsste. Das von ihm veruntreute Geld in Millionenhöhe hat den Ruf von Adullam nicht gerade verbessert. Vielleicht hat sich die Gruppe deshalb von einst festen Grundsätzen Werner Arns abgewendet, als sie sich 2022, entgegen der Aussage Arns, eine offizielle Struktur einer Gemeinschaft führe zur Sektenbildung, als «Verein Mission-WW» neuorganisierte.

Einzig ein Schaukasten

Abgesehen von dieser Änderung ist über das Gemeinschaftsleben von Mission-WW seit 2016 nur wenig bekannt. Um zu erfahren, wann und wo die Gemeinschaft aktiv ist, muss man direkt beim Hotel Traube vorbeisehen. Neben der Tür befindet sich ein Schaukasten, der zusätzlich zur Information, dass jeden Sonntag ein Gottesdienst im Traubensaal stattfindet, Flyer für Jugendveranstaltungen und Termine für Frauenkreise enthält.

Ob die Vereinsgründung als Abwendung von Werner Arn und damit von seinen problematischen Lehren – wie etwa die Verteidigung von Körperstrafen in der Erziehung – gelten kann, wollen wir herausfinden, als wir uns an dem Schaukasten vorbei durch die Tür bewegen.

Himmel oder Feuersee

Wir gehen einen spärlich eingerichteten Flur entlang, wo uns ein buntes Poster ins Auge springt. «Die 1. und 2. Auferstehung» prangt es darauf als Überschrift, bunte Pfeile und Feuerflammen dominieren das Bild. Es geht um das Thema, das bereits Werner Arn in den Bann gezogen hat: Die Apokalypse. Die in mehreren Schritten dargestellte Geschichte, die von der Ankunft Jesu auf der Erde bis zum «Endkampf» und «Endsieg» reicht, schliesst mit einer finalen Sortierung. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Unterschieden wird zwischen den «Erlösten», wie es auf dem Bild heisst, und denjenigen, die in «den FEURIGEN PFUHL», also in den Feuersee, geworfen werden. Das Bild, das je nach Gesinnung drohend oder hoffnungsvoll wirkt, begleitet uns gedanklich, als wir die Treppe hinunter in den Traubensaal gehen.

Verwunderte Begrüssung

Wir setzen uns gespannt hin und lassen unsere Blicke durch den Saal gleiten. Wir bemerken schnell, dass wir nicht die einzigen Beobachtenden im Raum sind, denn wir werden regelrecht angestarrt. Das ist auch wenig verwunderlich, denn wir sind die einzigen Frauen, die keine langen Röcke, sondern Hosen tragen. Die Frauen haben zudem ihre Haare meist lang und hochgesteckt frisiert, während die Männer kurze Haare haben. Insgesamt hat der Saal Platz für knapp 200 Personen und inklusive der vielen Kinder befinden circa 60 Menschen im Raum. Hauptsächlich sind Familien und ältere Damen im Saal. Einige Männer kommen auf uns zu, schütteln uns die Hände und begrüssen uns freundlich und verwundert zugleich. Einer dieser Männer trägt ein auffälliges weisses Hemd mit Goldverzierungen. Es wird sich später herausstellen, dass er den Löwenanteil des Gottesdiensts leitet und Adrian Jud heisst.

Absenzenkontrolle im Gottesdienst

Zunächst tritt allerdings ein junger Mann auf die Bühne, der angibt, Roger Bachmann – den aktuellen Leiter der Gemeinschaft – zu vertreten. Bachmann sei heute aufgrund eines Auslandsaufenthalts verhindert. Interessanterweise macht der Mann nicht nur auf die Abwesenheit Bachmanns aufmerksam, sondern zählt darüber hinaus die anderen fehlenden Gemeindemitglieder auf. Eine Absenzenkontrolle erleben wir in einem Gottesdienst zum ersten Mal, wobei das nicht das einzige an vergangene Schultage erinnernde Element des Gottesdiensts bleiben wird. Der Mann fährt damit fort, über aktuelle Geschehnisse zu berichten: Zuletzt habe man ein Grillfest in Rot am See (Baden-Württemberg) gefeiert und eine Bibelwoche in Annaberg (Österreich) veranstaltet. Ein aktuelles Projekt bestünde im Aufbau einer Vollzeitmission in Addis Abeba in Äthiopien. Auslandmissionen, die schon zu Zeiten Werner Arns fester Bestandteil von Adullam waren, scheinen heute immer noch eine grosse Bedeutung zu haben. Immer wieder ist die Rede von verschiedenen Missionsschulen im Ausland, manche fest etabliert und andere erst im Aufbau.

Filmreifes Gebetsprozedere

Nachdem die aktuellen Geschehnisse vorgestellt worden sind, wird gebetet. Der Mann beugt sich über sein Redepult und legt den Kopf auf seinen gefalteten Händen ab. In diesem Moment wirft sich eine ältere Dame ein weisses Tuch über den Kopf und lässt diesen ebenso sinken. Der Mann auf der Bühne betet für alle Menschen, die in dieser schwierigen Zeit nach Orientierung suchen. Man müsse sich dennoch keine Sorgen machen, denn auf der Welt geschehe nichts zufällig, keine Krise und auch kein Attentat auf Donald Trump. Jesus bestimme ganz genau wann und wie etwas geschieht und habe einen Grund dafür. Als der Mann mit «Amen» abschliesst, beginnt unmittelbar darauf ein weiterer Mann laut zu beten. Er sitzt in der hintersten Reihe und nimmt sich in seinem Gebet ähnliche Inhalte vor. Es wirkt wie einstudiert, als nach seinem Gebet ein neuer Mann, diesmal in den vorderen Reihen, das Wort ergreift. Nach ihm fängt die Dame an zu sprechen, die sich zuvor das Tuch übergeworfen hatte. Sie betet für die Gemeinde und ist die letzte aus dem Publikum, die laut betet. Der Mann auf der Bühne fährt mit der Verlesung von Könige 2 fort, wo die Rede von Elia ist, der als einer der zwei einzigen Figuren in der Bibel von Gott direkt in den Himmel genommen worden sein soll, ohne dafür sterben zu müssen.

Kindernarr Adrian Jud

Danach betritt Adrian Jud die Bühne. Er erklärt zunächst sein weiss-goldenes Hemd: Damit habe er sich optisch auf die Mission in Äthiopien einstimmen wollen. Abgesehen davon erzählt er ein wenig über sich – seine Vergangenheit bei der Pfadi, seine Begeisterung für Kinder und seine dazu passende Rolle bei Mission-WW. Jud ist verantwortlich für das Kinderprogramm der Gemeinschaft, so steht auf dem Flyer für das diesjährige Kinderfreizeitlager sein Kontakt. Jud beobachtet uns genau, als er mit seinem ersten Predigt-Thema beginnt. Ab nun geht es um die Erziehung von Kindern. Jud schildert unsere Welt als einen Ort, an dem Kinder zur Respektlosigkeit erzogen würden. Er fragt sich, woran das liegt, denn Kinder – ihr Wesen – sei nicht anders als noch vor 40, 200 oder 2.000 Jahren. Es müsse also an der Erziehung hapern. Man merkt, wie Jud nach den richtigen Worten sucht. Immer wieder schaut er zu uns nach hinten. Er scheint zu ahnen, dass wir ihm beim Thema Kindererziehung genau zuhören, denn eine der bestehenden Kontroversen von Werner Arn war seine Verteidigung von Körperstrafen in der Erziehung.

Gott fürchten lernen

Jud erklärt, ohne ein konkretes Beispiel zu nennen, dass die Furcht vor Gott für Kinder eine sichere Festung sei. Dabei bezieht er sich auf Sprüche 14 [26]: «Wer den Herrn fürchtet, hat eine sichere Festung, und auch seine Kinder werden beschirmt». Wir fragen uns, wie Kindern diese Gottesfurcht vermittelt werden soll. Jud geht nicht direkt darauf ein, erzählt aber einige Momente später eine Anekdote von einem seiner prägenden Erziehungsmomente. Seine Söhne hätten im Kindergarten etwas gemacht, was er zunächst gar nicht glaube wollte. Seine Kinder? Aber auch das gehöre dazu, betont er, dass die Kinder einen auch im Negativen überraschen. Jedenfalls habe er sich – zusammen mit seiner Frau Laura – überlegen müssen, welche Strafe nun angebracht sei. Schliesslich entschied er sich dazu, den Kindern drei Tage lang zum Abendessen nur Wasser und Brot zu geben. Ironischerweise sei der Schuss zunächst nach hinten losgegangen: Die Kinder hätten sich sogar über das frische Brot gefreut. Als sie dann am dritten Tag nach einem Schulausflug furchtbar hungrig nach Hause gekommen seien, hätten sie die Strafe doch noch bemerkt.

In Werner Arns Schulzimmer

Während Adrian Jud von seinen Vorstellungen von Kindererziehung berichtet, erhalten wir das Gefühl, zurück im Schulunterricht angekommen zu sein. Dazu trägt nicht nur das Whiteboard bei, das Jud hervorzieht und für Zeichnungen benutzt, sondern auch sein Vortragsstil. Immer wieder stellt er rhetorische Fragen an sein Publikum, wie etwa: «Ist ein Kind ein Hindernis oder eine Gabe Gottes?». Dabei macht er nach dem Wort «Hindernis» eine Pause und zieht das Wort in die Länge. Selbst die langsamsten Zuschauenden können erahnen, dass es sich bei der ersten Option um die falsche Antwort handeln muss. Damit nicht genug, präsentiert Jud die Inhalte gerne als verbalen Lückentext, bei dem die Gemeinde zur Vervollständigung aufgerufen wird. Als er auf die Geschichte von Elia zurückkommt, schreibt er gross «Abholbereit!» auf das Whiteboard und kommt in den nächsten Minuten immer wieder darauf zurück: «Was war Elia?» – Abholbereit! Wir leben unser Leben und seien trotzdem … abholbereit! Werner Arn war bekannt für diese Rhetorik, mit der er seine Gemeinschaft immer wieder in die ihm wohlbekannte Rolle seiner Schülerinnen und Schüler versetzte. Doch nicht nur Juds Stil weist auf eine bestehende Verbindung zu Arn und seinen Lehren hin. Werner Arn wird von Jud häufig erwähnt, zum Beispiel wenn er sich an seinen Enthusiasmus für die verschiedenen Missionen erinnert.

Klare Rollenverteilung

Jud geht darüber hinaus auf das Fehlen von Arn ein, nachdem er verstorben war. So habe er für die Trauung mit seiner Frau Laura nach dem Tod Werner Arns nach einem Ersatz für ihn gesucht. Er habe sich verschiedene Möglichkeiten dafür überlegt, wer sie statt Werner trauen soll und sei bei Lauras Bruder, einem der Ältesten, gelandet. Laura hingegen sei von dieser Idee nicht «inspiriert» gewesen, wie Jud sich ausdrückt. Nun hätte er als Mann, sagt Jud, in dieser Situation entscheiden können, dass er bei seiner Wahl bleibt. Aber ihm sei es wichtig gewesen, die Inspiration seiner Frau zu wecken und sei deshalb in die Stille gegangen, ins Gebet. Er habe Gott gebeten, ihm eine Anregung zu schicken, wen er für die Trauung anfragen soll. Schlussendlich habe er die Eingebung erhalten, einen Marcel aus Albanien auszuwählen. Als er Laura von seinem Plan erzählte, habe sie gestrahlt und ihre Inspiration sei nicht mehr zu übersehen gewesen.

Hochzeitsglocken der anderen Art

Gegen Ende des Gottesdiensts, nach gut zwei Stunden, greift Jud das Hochzeitsthema noch einmal auf, allerdings völlig anders als zuvor. Es geht jetzt nicht mehr um eine persönliche Anekdote, sondern um ein Gleichnis aus dem Matthäusevangelium. Jud stellt die Frage in den Raum, ob eine Braut wisse, wann ihre Hochzeit ist. Laut ihm wisse eine normale Braut Bescheid, denn Gott bereite sie darauf vor. «Wir dürfen uns vorbereiten» sagt Jud, «es geht nach Hause». Jetzt wird klar, dass er nicht wirklich von Bräuten und Hochzeiten spricht, sondern das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen (Mt. 25, 1-13) meint.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen

Dieses in endzeitlichen Gemeinschaften beliebte Gleichnis erzählt von zehn Jungfrauen, von denen fünf klug und fünf töricht sind. Alle Jungfrauen sind in der Geschichte mit Lampen ausgestattet, aber nur die Klugen haben daran gedacht, ihre mit Öl zu befüllen. Als der Bräutigam nachts ankommt und von den Jungfrauen in Empfang genommen werden will, können dies nur die klugen Jungfrauen tun, denn die törichten sehen nicht genug. Obwohl die törichten nach Öl fragen, erhalten sie keines und in der Zeit, in der sie nachträglich Öl erwerben, wird die Tür zum Hochzeitssaal verschlossen. Selbst als sie betteln dürfen sie nicht herein und der Bräutigam spricht eine Bannformel aus: «Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht!». Symbolisieren soll diese Geschichte, dass am Tag der Entrückung, dem endzeitliche Gemeinschaften entgegenfiebern, die vorbereiteten, die guten Christen von den unvorbereiteten getrennt werden. Es soll dann keine Möglichkeit mehr geben, in den Himmel zu kommen und mit Gott zu regieren. Nur die Menschen in Habachtstellung sollen belohnt werden. Die Vorstellung dieser scharfen Trennung hatten wir bereits heute vor dem Gottesdienst erkannt, als uns das Poster im Flur deutlich vermittelte: Entweder Himmel oder Feuersee.

Abschied mit Aufruf

Der Gottesdienst wird beendet und wir nutzen die Gelegenheit, uns noch ein wenig im Saal umzusehen. Dabei werden wir von verschiedenen Frauen angesprochen, die uns zum Mittagessen einladen möchten. Wir lehnen dankend ab und bewegen uns langsam in Richtung Ausgang. Direkt neben dem Feuersee-Poster im Gang befindet sich ein Stand mit diversen Informationsblättern, die wir auf Nachfrage hin mitnehmen dürfen. Als wir uns gerade an dem Stand bedienen, kommt eine Frau auf uns zu und spricht uns freundlich, wenn auch bestimmt an. Sie erzählt uns unaufgefordert ihre Geschichte: Sie habe studiert und ein normales Leben gelebt. Drucksend erzählt sie von «Freunden», die sie gehabt habe, was ihr sichtbar unangenehm ist. Aber jetzt sei sie befreit, denn vor ungefähr fünf Jahren sei sie – in Werner Arns Wortwahl ausgedrückt – «auf die Knie gegangen». Sie habe erkannt, dass nur ein Leben mit Gott richtig sei und am Ende jeder seinen gerechten Lohn erhält. Sie wirbt stark für ihren Lebensstil, der bei uns nicht richtig fruchten will.

Das Motto: Stillstand

Dass sogar eine Person, die erst nach Werner Arns Tod zur Mission-WW dazugestossen ist, für ihn typische Formulierungen verwendet, ist aussagekräftig für den Stillstand der Gruppe. Mit der Treue zu ihrem ehemaligen Leiter scheinen es die Mitglieder der Mission-WW insgesamt ernst zu nehmen. Sogar die Flyer, die wir mitgenommen haben, sind sowohl grafisch als auch was die Formulierungen betrifft, überraschend übereinstimmend mit denen von Werner Arn. Vielleicht teilen die Mitglieder der Mission-WW die Einstellung Adrian Juds, der während des Gottesdiensts sagt, für ihn sind drei Dinge fest verankert: Gott, die Ehe und diese Gemeinschaft. Bei der Erinnerung an die vielen leeren Plätze im Saal erscheint die Wirkungskraft dieser Überzeugung fraglich. Man könnte dem entgegen vermuten, dass das Festhalten an Werner Arn bei einigen zum genauen Gegenteil führt. Als wir das Hotel Traube verlassen, wirkt bei uns der dominierende Satz der mitgenommenen Flyer nach: «Menschen ohne richtige Information unterliegen einer Manipulation».

Julia Sulzmann, 16. Juli 2024

Lexikoneintrag Mission-WW

«Es steht das Fortbestehen der weissen Bevölkerung auf dem Spiel»:  Röcke Nähen und Rassismus – Victoria Vesta verbreitet Vorstellungen weisser Vorherrschaft in der Schweiz

In den letzten Jahren haben sich in der Schweiz die sogenannten Post-Corona-Bewegungen ausgebreitet und für Aufsehen gesorgt. Charakteristisch für Urig und Graswurzle sind die Vermischung harmloser, gar hausbackener Inhalte wie Brotbacken, Stricken oder Nähen mit hochproblematischen Lehren und Verschwörungstheorien. Besonders prekär ist diese Kombination, weil in einem wachsenden Milieu die Grenzen zwischen «Sagbar» und «Unsagbar» derart verschwimmen, dass Phänomene wie Germanische Neue Medizin oder Staatsverweigerung salonfähig werden. Nicht zuletzt ist diese Entwicklung auf die wiederholten Einladungen von Vertreterinnen und Vertretern problematischer Lehren zurückzuführen, denen so eine Plattform geboten wird.

Russisches Neuheidentum: Rodismus

Ein neues Gesicht in der Szene ist Victoria Vesta, die im März 2024 von Urig Stadt Luzern eingeladen wurde, einen Vortrag zu halten. Vesta ist eine aus der Westukraine stammende und lange in Deutschland wohnhafte Übersetzerin, die früher als Esoterik-Anbieterin tätig war. Heute ist sie Anhängerin des Rodismus, der alte slawische Traditionen wieder aufleben lassen will. Dazu gehört vergleichsweise harmloses – wie etwa das Nähen von Röcken oder das Tragen von Tüchern mit altertümlichen Mustern – aber auch problematisches, wie etwa die Vorstellung der Überlegenheit weisser Menschen. Anhängerinnen und Anhänger des Rodismus sind davon überzeugt, dass es eine slawische Urkultur gegeben habe, die sich «wedische» Kultur genannt hätte.

Rassismus

Vesta erklärt, dass diese wedische Kultur allen «weissen» Menschen zugrunde liege und sie deshalb ein und demselben «Stamm» entsprungen wären. Andere Stämme – mit denen sie Personen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft meint – hätten sich in früheren Zeiten nicht «vermischt». Dass dies heute geschehe, beschreibt sie als Vergrauung der Gesellschaft. Vesta betont vermehrt, dass ihr «das Erblühen der weissen Völker und insbesondere auch des deutschen Volkes sehr am Herzen»[1] liege, wobei sie jegliche Rassismusvorwürfe von sich weist.

Grosser Austausch

Diese sogenannte Vergrauung ist für Vesta kein Zufall, dahinter stecke ein böser Plan einer geheimen Elite, einer Gruppe, die sie «die Grauen» nennt. Sie zeigt sich besorgt über das Schicksal weiss gelesener Menschen, wie in ihrem YouTube Video vom 09.10.23 deutlich wird «Es steht das Fortbestehen der weissen Bevölkerung auf dem Spiel. Nicht mehr und nicht weniger.»[2] Vesta schliesst sich der Verschwörungstheorie des Grossen Austauschs an, die in rechtsradikalen Kreisen vertreten wird und hinter Globalisierung und Migration einen Plan zur Dezimierung «des weissen Volks» vermutet. Dazu passend erklärt eine ihrer Interview-Partnerinnen: «Defacto ist es ein Genozid.»[3] Dieser Aussage schliesst sie sich nickend an.

Antisemitismus

Unter ihrem YouTube-Video «Was sind Weden? Sind Weden rassistisch?» verlinkt sie das Buchfragment «Die russischen Götter schlagen zu» von Wladimir Aleksejewitsch Istarchow. In diesem sind problematische antisemitische Aussagen enthalten, die unter anderem jüdische Menschen diskriminieren und den Holocaust verleugnen:

«Während des Zweiten Weltkriegs wurden über 40 Millionen Vertreter der slawischen und arischen Volker getötet und nur etwa 1,5 Millionen Juden. Ein sehr vorteilhaftes Verhältnis eines Rassenkrieges für die Juden. Das ganze Gelaber über den jüdischen „Holocaust“ und den Tod von 6 Millionen Juden in den Gaskammern ist eine dreiste jüdische Lüge.» (S. 181)

Die Verbreitung von Büchern, die den Holocaust leugnen, ist in der Schweiz, sowie in Deutschland strafbar.

Röcke Nähen in Luzern

Ungeachtet dieser zahlreichen Kontroversen wurde Victoria Vesta erneut von Urig Stadt Luzern eingeladen, um am 07. und 08. September 2024 einen zweitägigen Kurs zum Nähen von Unterröcken zu veranstalten. Bei diesem Kurs sollen explizit historische und theoretische Hintergründe besprochen werden. Dass dabei ihre rassistischen Überzeugungen nicht weitergegeben werden, ist höchst unwahrscheinlich.

Relinfo ist besorgt über diese Entwicklung und empfiehlt dringend, Personen mit derart rassistischen Vorstellungen keine Plattform zu bieten.

Julia Sulzmann und Georg O. Schmid, 12.07.2024

Quellen

[1] YouTube Video vom 15.06.2024: «Die Nazi Keule: Wie der Mainstream immer mehr dem rechtsradikalen-Beschuldigungswahn verfällt», Minute 8:05

[2] YouTube Video vom 09.10.2023: «Warum das wedische Erbe auch dein Erbe ist.», Minute 38:35

[3] YouTube Video von 06.07.2024 «Interview mit Vorreiterin energiebewahrender Kleidung Aljonuschka – Rückkehr zu den Wurzeln», Stunde 01:04:35

Julia Sulzmann, 12.07.2024

Besuch im «Hexenladen» in Zürich

Erster Eindruck

Der «Des Balances» oder auch «Hexenladen», befindet sich in der Kruggasse 12 in Zürich. Er wird von Monika-Jacqueline Maag Hug geführt. Am 09. Juli 2024 besuchten wir diesen Laden. Ich war voller freudiger Erwartung und gespannt, was uns erwarten wird. Schon als wir in die Seitengasse einbogen, bemerkte ich das weisse Schild, auf dem der Name des Ladens zu sehen war. In den Schaufenstern erblickte ich Statuen, Kerzen und weitere interessante Gegenstände. Als wir eintraten, schlug mir ein starker Duft entgegen, der von den vielen Räucherstäbchen und Kräutern kommen musste. Später erfuhren wir, dass der Duft Ambrosia war. Die Atmosphäre im Laden gefiel mir sofort. Der Holzboden und das angenehme Deckenlicht gaben mir ein behagliches und heimeliges Gefühl. Im Hintergrund lief mir bekannte Pop-Musik und trotzdem lag etwas Geheimnisvolles in der Luft. Ich war überwältigt von der Vielfalt des Sortiments und wusste nicht, wo ich zuerst hingehen sollte.

Sortiment

Der Verkaufstisch, an dem auch Maag Hug stand, befand sich etwas mehr links im vorderen Raum. An den Wänden dahinter hingen zahlreiche Diplome sowie ein Schwert und ein Familienfoto. Neben der Theke hatte es zudem ein Poster, auf dem Heilsteine aufgeführt waren mit Bild, Namen und ihrem Nutzen. Vor dem Verkaufstisch gab es getrocknete Blumen, sowie auch Kräuter und Geschenkkarten. Zudem werden Kettenanhänger und Ohrringe verkauft, die eher altertümlich aussahen. Im ganzen Geschäft fielen mir die vielen Pentagramme auf. Maag Hug erklärte mir, dass diese ein Zeichen des Schutzes seien. Dass die Pentagramme, die einen Zacken nach oben haben auch ein Zeichen der Hexen und der Hexengemeinschaft Wicca sind, erwähnte sie mit keinem Wort. Ich begab mich in den hinteren Bereich des Ladens, den man über eine kleine Holztreppe erreichte. Dort befanden sich an zwei Wänden etliche Kerzen verschiedener Farben und Grössen. Die Kerzen kann man für Kerzenrituale brauchen. Ich habe gehört, dass diese Kerzen die Träger des Hauptumsatzes seien. Daneben standen Statuen von hinduistischen Gottheiten aber auch beispielsweise eine Menora, eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums. Mir fiel auf, dass es auch weitere Merkmale anderer Religionen hatte, so bot das Fachgeschäft für Magie auch antike griechische und keltische Götterstatuen und ägyptische, chinesische sowie buddhistische Statuen an. In der Hexenbewegung ist es üblich, dass alle möglichen Götter von verschiedenen Religionen eingesetzt werden, weil sie daran glauben, dass das Göttliche in zwei Personen existiert, als weibliche Göttin und als männlicher Gott und dass alle Götter aller Religionen von dieser Urgöttin und von diesem Urgott abstammen und diese verkörpern. Hinter diesem Gedanken gibt es eine gewisse Problematik, kritische Menschen würden sagen, es sei kulturelle Aneignung.

Es verwunderte mich nicht, als ich auch noch etliche Statuen von mythischen Wesen wie Feen, Drachen und Einhörner entdeckte. Auf einem Tisch gab es eine breite Auswahl an verschiedenen Kristallen, die als Heilsteine bezeichnet wurden. Es wurden viele Bücher über hohe Magie, Wicca und Anleitungen für Tarot-Karten und Wahrsagungen angeboten. Da vieles traditionell in den Bereich der weissen Magie fiel und den Zweck hatte, heilsam zu wirken, erstaunte es uns, dass sie auch die Satanische Bibel verkaufte, in der doch sehr problematische Meinungen vertreten sind, wie zum Beispiel, dass Menschen ohne Matura sich nicht fortpflanzen sollten. Auf unsere Frage hin sagte Maag Hug uns, dass es eben beide Seiten brauche, schwarze sowie weisse Magie und es eigentlich gar keine Seiten gebe, sondern alle Magie wichtig ist. Es gab auch viele Tarotkarten-Sets sowie Ouija-Bretter, welche von Hand angefertigt wurden. Ein sehr grosser Teil des Sortiments bestand aus Kräutern und Räucherstäbchen. Es gab so viele verschiedene Kräuter und Düfte, dass ich bald den Überblick verlor. Ausserdem hingen viele Traumfänger von der Decke. Daneben standen auf einem Tischlein grosse Federn, die man als Schreibutensilien benutzen konnte, Glöckchen und Muscheln. In ihrem Laden befanden sich auch grosse und teure Schwerter, die kunstvoll verziert waren. Diese entzückten mich besonders.

Kundenfreundlichkeit und Gespräche

Während wir uns im Geschäft umschauten, stand Monika-Jacqueline Maag Hug an der Theke und begrüsste uns freundlich. Sie bot uns ihre Dienste an, falls wir Hilfe bräuchten und begann kurz darauf, mit uns über das Taylor-Swift-Konzert zu reden. Je nach dem, mit wem Maag Hug sprach, wechselte sie geschickt zwischen Schweizerdeutsch und einwandfreiem Hochdeutsch.

Später kam eine weitere Kundin in ihren Laden, die Maag Hug ebenso herzlich begrüsste, wie uns zuvor auch. Sie kaufte eine der Kerzen. Es war mir bald klar, dass es eine Stammkundin war, denn die beiden Frauen schienen sich zu kennen. Sie pflegten einen sehr vertrauten Umgang miteinander und sprachen über private Angelegenheiten. Auch mit uns war Maag Hug sehr offen. Ich empfand sie als sehr sympathisch und kundenfreundlich. Ihre schwarze Kleidung und ihre schwarzen Locken gaben ihr etwas Mysteriöses. In Momenten, in denen wir selbstständig das Sortiment bewunderten, spielte Maag Hug Juwels Magic, ein Spiel, das ähnlich ist, wie Candy Crush Saga. Maag Hug erzählte uns bei vielen Gegenständen, dass diese die letzten Exemplare seien und sie neue bestellen müsse. Dabei kamen wir darauf zu sprechen, dass sie seit der Corona Pandemie viel weniger geliefert bekomme als vorher, da viele Lieferfirmen eingegangen seien. Zudem gäbe es auch bei ihr Ladendiebstähle, die sie viel Geld kosten würden. Und dennoch blieb ihre optimistische Weltanschauung und ihr fröhliches Wesen bestehen, die zum kleinen gelben Stein passten, der auf der Theke lag, auf dem ein Smiley war und die Aufschrift Keep smiling.

Verabschiedung und Kommentar

Als wir uns für einige Bücher über Magie und Heilsteine, eine Athene-Statue und Weiteres entschieden hatten, gingen wir an die Theke bezahlen. Sie packte das Gekaufte in eine Tasche und verabschiedete uns mit den Worten, dass sie sich sehr über unseren Besuch gefreut hätte und sie sich sicher sei, uns sehr bald wiederzusehen. Da wir wenige Minuten später noch einmal in den Laden zurückkehrten, weil wir etwas vergessen haben zu kaufen, lag sie mit dieser Behauptung sehr richtig.

Der Besuch im «Des Balances» gefiel mir. Mich beeindruckte das Sortiment und die Einrichtung. Die Preise waren meiner Meinung nach ein wenig überteuert. Dennoch finde ich, dass es sich gelohnt hat, den Laden in Zürich zu besuchen.

Erneuter Besuch

Am Tag darauf ging ich erneut in den Laden, um ein Geschenk zu kaufen. Der Laden war mir nun bekannt, dennoch war ich überwältigt von den vielen Verkaufsgegenständen. Maag Hug sprach mit Kundinnen darüber, dass sie das «Fotografieren verboten» Zeichen auf der Vordertür rot machen sollte, weil es niemand sehe. Bis zu diesem Moment habe auch ich dieses Zeichen nie bemerkt, so kann ich ihr Recht geben. Sie habe es ungern, wenn Leute in ihrem Geschäft Fotos machen würden, weil sie sie dann weiterschicken würden und sie kopiert werde, wenn diese Leute es auf ihren eigenen Webseiten auch verkaufen würden. Maag Hug ist genau wie am vorherigen Tag sehr nett und zuvorkommend und spricht mit ihren Kunden über alle möglichen Dinge. Als ich an die Kasse ging, um zu bezahlen, erkannte sie mich leider nicht mehr. Sie sagte, dass sie sehr viele Kunden habe und sich keine Gesichter merken könne. Ich fand es sehr nett von ihr, dass sie mit viel Mühe das Geschenk in farbiges Papier – gratis – einpackte. Ich freue mich auf einen weiteren Besuch in unbestimmter Zeit.

Adresse

Des Balances AG

Kruggasse 12

8001 Zürich

www.desbalances.ch

Florinda Cotting, 12.07.2024

Leo Bigger kritisiert Sekteninfo-Stellen und bezeichnet sie als Gehilfen Satans

Leo Bigger ist seit 1996 der Senior Pastor der ICF (International Christian Fellowship). In seiner Predigt «Warum werden Christen gehasst?» vom 02.06.24, die ein Teil der Predigtserie «Send revival: Sieben Sendschreiben» ist, thematisiert Bigger den Brief an die Gemeinde Smyrna und die Verfolgung der Christen. Dieser Brief ist einer der sieben Briefe, die in der Johannes Offenbarung stehen. Smyrna ist die einzige Gemeinde, die von Gott nicht kritisiert wird. Bigger erzählt, dass die Bewohner von Smyrna einmal im Jahr dem Kaiser Weihrauch hätten bringen sollen, um diesen zu verehren. Die Christen hätten sich jedoch dagegen gewehrt, da sie nur Gott und Jesus Christus verehren wollen und nicht den Kaiser.

Während er diesen Brief thematisiert, kommt er auch darauf zu sprechen, dass gewisse Juden andere Juden an den Römer verpfiffen hätten. So sagt Bigger (14:10-14:47):«Sie haben sie beim Römer verpfiffen, unsere Brüder, unsere Schwester und die Bibel sagt, ihr wart Gehilfen vom Satan. Ich hab überlegt, was ist denn das heutzutage bei uns? Sekteninfo von der Landeskirche, genau gleich, hat das Gefühl wir sind die Christen, wir sind der Hüter vom Glauben, lesen nicht mal die Bibel, glauben nicht an die Auferstehung und sagen dann ob ICF eine Sekte ist, ja oder nein, vor den Medien, genau das gleiche.» Dabei bezieht er sich auf eine Textstelle aus diesem Brief, von dem er sprach: «Ich kenne die Verfolgung, die du ertragen musst, und ich weiß, in welcher Armut du lebst; doch in Wirklichkeit bist du reich. Mir ist auch nicht entgangen, wie bösartig euch die Leute verleumden, die sich als Juden ausgeben, in Wirklichkeit aber Gehilfen des Satans sind.» (Offenbarung 2:8,2:9, die Bibel: Hoffnung für alle) Bigger setzt Informationsstellen für Sekten und Religionen mit den «falschen Juden» gleich, die ihre Mitmenschen verraten haben und als Gehilfen Satans beschrieben werden. Die Informationsstellen schreiben jedoch neutrale Berichte über alle Religionen, Sekten und Weltanschauungen. Problematische Gemeinschaften werden kritisch beleuchtet und dennoch gilt ein respektvoller Umgang. Mit seiner Aussage zeigt Bigger – und zwar nicht zum ersten Mal –, dass er jegliche Kritik an seinem Glauben und an der ICF untersagt und nicht erträgt.

Es ist nicht klar, auf welche Informationsstelle(n) Bigger sich in seiner Aussage bezieht oder ob er sogar eine bestimmte Fachperson im Auge hat. Mit der Behauptung, die von ihm attackierte Stelle würde sich als «Hüterin des Glaubens» verstehen, aber nicht an die Auferstehung glauben und auch nicht in der Bibel lesen, trifft er sehr spezifische Aussagen. Vermutlich möchte er seinen Zuhörenden mitteilen, dass die angegriffene Stelle zu geringe Kenntnisse vom christlichen Glauben und von der Bibel habe, weshalb sie nicht in der Position dafür wäre, Aussagen über ICF zu treffen. Sollte Bigger mit seinen Ausführungen Relinfo meinen, würde es sich um Fake News handeln: Relinfo wird von verschiedenen Kirchen unterstützt und «hütet» keinen «Glauben», sondern informiert über die religiöse und weltanschauliche Landschaft der Schweiz. Die Mitarbeitenden von Relinfo gehören verschiedenen Kirchen und Religionen oder auch keiner an und verstehen die Auferstehung dementsprechend unterschiedlich. Ebenso verschieden ist der Umgang der Mitarbeitenden von Relinfo mit der Bibel.

Florinda Cotting, 08. Juli 2024