Musterbeispiel einer schrumpfenden Freikirche? Besuch bei der CGT Winterthur

«Welcome» im leeren Saal

15 Minuten vor Gottesdienstbeginn traf ich in den Räumlichkeiten der Christlichen Gemeinde an der Töss (CGT) in Winterthur ein. Es sprühte mir ein Industriecharakter entgegen als ich durch die Tür und in den fast leeren Empfangsraum trat. Ein Mann füllte gerade Wasser in eine Kaffeemaschine und begrüsste mich, während aus dem Gottesdienstsaal die Band einige letzte Lieder probte. Eine etwas ältere Frau kam auf mich zu, mit einem «Welcome»-Namensschild und begrüsste mich freundlich. Anscheinend würden alle erst auf den letzten Drücker zum Gottesdienst kommen. Die Frau erzählte mir von ihrer Gemeinde und den wenigen Mitgliedern, die sie nicht hatten. Ihr Pastor war vor einiger Zeit in Rente gegangen und hätte ein grosses Loch hinterlassen.

Musikalische «Meisterwerke»

Mit zehnminütiger Verspätung begann der Gottesdienst. Mit mir im Saal waren insgesamt 25 Menschen und einige Kleinkinder, so blieben die meisten Stühle unbenutzt. «Jesus ich komme zurück zu dir, Jesus zu deinem Kreuz, mein Leben lege ich vor dich hin, als ein Opfer für dich» Ein Lied nach dem anderen spielte die Band, zwei Männer an Gitarren und eine Frau am Keyboard, ergänzt durch die eifrig mitsingende Gemeinde. «To our God we lift up one voice, to our God we lift up one song…», Immer leidenschaftlicher sangen die Menschen mit und wiegten sich im Takt. «Chains have been broken, eyes have been opened, an army of dry bones, starting to rise…» Irgendwie kein musikalisches Meisterwerk, aber die «Menge» war zufrieden.

Aus alten Zeiten

Beim nächsten Lied fiel mir auf, dass es sechs Bildschirme für die Liedtexte gab, was mir für nicht mal 30 Personen etwas übertrieben vorkam. Wohl ein Überbleibsel aus besseren Tagen mit volleren Stuhlreihen. «Alle Götter sind Nichtse vor dir», einige Frauen warfen ergriffen ihre Hände nach oben und tanzten hin und her. Die Erwachsenen schienen sich ganz in den sehr langatmigen und eintönigen Liedern zu verlieren. Ich jedoch war etwas abgelenkt von den Kleinkindern, die wild herumrannten. Ein kleiner Junge spielte mit einem Ball und warf in immer wieder an eine der Seitenwände. Irgendwann waren jedoch die Lieder zu Ende und eine ältere Frau stellte sich mit einem Mikrophon vor ein Podest.

Schulfragen und Twint

Wir seien alle heute hier, weil der Vater des Lichts seine Kinder lieben würde. Die Frau sprach im Namen Gottes, Jesu und des Heiligen Geistes, dass wir heute einen schönen Morgen haben würden. Zu meiner Verwunderung begann sie dann nicht mit einer Predigt, sondern mit Ankündigungen für die Gemeinde. Bald würde wieder eine Synode stattfinden, bei der alle gern dabei sein dürften. Danach fragte sie in die Runde, was denn schon wieder in der Predigt von letzter Woche vorgekommen war und ob es jemanden bewegt hatte? Da fühlte ich mich doch etwas unbehaglich, als niemand reagierte und alle irgendwie wegschauten. Ich kam mir vor wie in der Schule, wenn niemand die Antwort weiss. So beantwortete die Frau ihre Frage schnell selbst. Bill habe vom Menschen als Krone der Schöpfung gesprochen und dass sich die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung und in Jesus zeigen würde. Meine Erwartung jetzt müsse doch die Predigt kommen, wurde erneut enttäuscht, als ein Twint-QR-Code auf den vielen Bildschirmen im Raum angezeigt wurde und eine andere Frau losging und Kollekten einsammelte. Währenddessen sprach die Frau am Podest ein Gebet und segnete diesen Morgen.

Überheblichkeit und Intoleranz

Die Frau blickte wieder von ihrem Gebet auf und fragte in die Runde, ob jemand etwas vom wunderbaren Gott zu berichten hätte. Eine Frau erhob sich und kam zielstrebig aufs Podest zu. Sie erzählte, dass sie ein berührendes Erlebnis hatte. Bei einem Gerümpel-Turnier sei sie mit vielen Flüchtlingen ins Gespräch gekommen. Sie hätten dann gemeinsam Pizza gegessen und kamen auf Schweinefleisch zu sprechen, da viele von den Flüchtlingen Muslime gewesen seien. Nun verkündete die Frau mit stolzer Stimme, wie sie dort die Gelegenheit hatte, diesen Muslimen zu erklären, dass ihre Speisevorschriften ungültig wären. Denn nur Jesus sei wichtig und keine anderen Gesetze. Dass die Frau diesen Menschen das erklären und ihnen Jesus näherbringen durfte, war ihr wunderbares Erlebnis mit Gott. Alle im Saal stimmten ihr ehrfürchtig zu und ich sass sprachlos da und starrte die Frau an, als sie zurück zu ihrem Platz ging. Meiner Meinung nach braucht es eine ganze Menge Überheblichkeit um sich für einen solchen Mangel an Toleranz und Feingefühl feiern zu lassen.
Das beschäftigte mich noch eine Weile, während ein Mann von seinen Konflikten mit einer Arbeitskollegin erzählte. Diese habe er durch Gebete und Gespräche lösen können und dankte Gott dafür.

Wer Jesus kennt, kennt sich selbst

Der Prediger Bill trat gemeinsam mit einer Übersetzerin zum Podium. Er sprach English und sie übersetzte direkt ins Schweizerdeutsche. Bill sprach davon heute über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen, denn je besser unsere Theologie sei, desto besser würden wir Jesus kennen und dadurch auch uns selbst. Die Theologie sei das Fundament um in die Welt hinauszusprechen. Da fragte ich mich, wie missionarisch das gemeint war. Bill sprach aber schon weiter über seinen Kurs zum «Induktiven Bibellesen», an dem doch möglichst viele teilnehmen sollten. Nebenbei wurden einige Bilder auf den vielen Bildschirmen gezeigt von eben diesem Bibelkurs.

Golgatha, wo David und Jesus ihre Riesen bezwangen

Bill fuhr fort und erklärte, dass Gott zu uns durch das Abendmahl sprechen würde und durch Jesus am Kreuz. Darüber sollten wir nachdenken. In Markus 15:22 ginge es um den Ort des Schädels, Golgatha. Das würde sich auf 1. Samuel 17 beziehen, auf David und Goliath, denn David schlug dem Riesen Goliat den Kopf ab. Das sei sehr mutig von David gewesen, aber leider kein familienfreundliches Thema. Bill zog verschiedene Verse zu seiner Argumentation bei und meinte, dass dieser Schädel Goliaths in Golgatha begraben worden sei und diesen Ort so zu einem Mahnmal für die Niederlage der Feinde Israels gemacht habe. Jetzt sei alles verbunden, sagte Bill, Golgatha sei Gottes Siegesort. 1’000 Jahre später seien wir mit Jesus am selben Ort. Jesus sei wie David gewesen und hätte den Riesen von Sünde und Tod bekämpft. Amen, rief Bill und die Menge stimmte mit ein. Wie in Lukas 1:32 angekündigt, würde Davids Sohn für immer auf Gottes Thron sitzen. Bill fragte, ob wir mit ihm seien und alle riefen «Ja, Amen».

Abendmahl

Jesus habe am Kreuz auf Aramäisch «Eli, Eli, lema sabachtani?» gesprochen (Psalm 22:2). Gott habe dort durch Jesus gesprochen. Bill forderte uns alle auf die Augen zu schliessen, während die Übersetzerin den Psalm 22 vorlesen würde. Fast alle kamen dem nach und lauschten mit geschlossenen Augen und öffneten sie wieder als die Vorleserin geendet hatte. Bill fuhr gleich mit Jesaja 53:11 fort. Jesus würde auf seine Jünger schauen und glücklich sein. Wir sollen Jesus’ Sieg mit dem Abendmahl feiern und Bill deutete auf das Zupfbrot und die kleinen Plastikbecher mit Wein, die auf einem mit Tüchern geschmückten Stehtisch standen.
«Mit jedem Atemzug am Kreuz…» spielte die Band, während alle anderen nach vorne traten und sich an Wein und Brot bedienten. Die meisten assen bedächtig mit geschlossenen Augen. «Würdigt das Lamm das geopfert ist, würdigt das Lamm zu nehmen…» spielte die Band und einige Frauen streckten die Arme aus und wiegten sich in der Melodie. Ein Saxophon stieg etwas schief in den nächsten Song mit ein» Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir…». Der Liedtext erschloss sich mir nicht ganz, viele Zeilen ergaben nicht viel Sinn. Es schien mir, als hätte jemand einen englischen Song mit einem schlechten Übersetzungsprogramm ins Deutsche übertragen und unkorrigiert so vorgesungen. «Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben…»

Schlusssegen und Einschätzung der Gemeinde

Zum Abschluss trat die ältere Frau vor und segnete uns im Namen dessen, der den Tod besiegt hatte. Alle erhoben sich und fingen an miteinander zu reden, als sich die Band auch noch am Abendmahl bediente. So erhob ich mich und trat mit vielen neuen Eindrücken hinaus in die Mittagssonne.

Die CGT Winterthur kam mir im Vergleich mit anderen Freikirchen, die ich schon besucht hatte, sehr altbacken vor. Die Songs waren oft langatmig und langweilig, mit teilweise sehr schlechten Texten, was bei anderen Freikirchen definitiv besser umgesetzt wird. Auch die Predigt zeugte von einem konservativen Gedankengut, das wenig mitreissend präsentiert wurde. Der sonstige Elan der Freikirchler, das Herzblut, dass man in ihren Predigten hört, hat bei der CGT komplett gefehlt.

Die CGT Winterthur ist ein Musterbeispiel einer schrumpfenden Freikirche, die so, wie sie sich heute gibt, meiner Meinung nach kaum Chancen hat, in den nächsten Jahren wieder grösser zu werden. Da gibt es einfach zu viele Freikirchen auf dem Markt, die moderner, frischer und mitreissender unterwegs sind.

Jasmin Schneider, 28. Juni 2024

Lexikoneintrag CGT Winterthur

Der «Rolex-Guru» im ehemaligen Mystery Park in Interlaken

Am 25. Mai fand im JungfrauPark in Interlaken, dem ehemaligen Mystery Park von Erich von Däniken, das «Awakening Love» Festival der umstrittenen neo-hinduistischen Organisation Bhakti Marga statt. Deren Gründer und Leiter Visham Mahadeosingh Komalram alias Paramahamsa Swami Vishwananda, der wegen seiner Vorliebe für teure Uhren als der «Rolex-Guru» bezeichnet wurde, lud ein zum Darshan, zur Begegnung mit dem Meister. Vishwanandas Anhängerinnen und Anhänger gaben Konzerte und Belehrungen. Vegetarisches Essen und ein Stand mit dem wachsenden Schrifttum der Bewegung rundeten den Anlass ab.

Das Berner Oberland – ein Hotspot für Bhakti Marga?

Vishwananda kennt das Berner Oberland gut. 1978 in einer indischstämmigen Familie in Mauritius geboren, besuchte er als Jugendlicher mehrfach den Ashram von Sathya Sai Baba in Putthaparti, wo er auch Personen aus der Schweiz begegnete. Von diesen eingeladen kam er um 1998 in die Schweiz, wurde in den folgenden Jahren in Privathäusern beherbergt und scharte Schülerinnen und Schüler um sich. Ein Jahr lang soll er in Spiez bei Sundar Robert Dreyfus gelebt haben und auch im Zentrum der Einheit Schweibenalp in Brienz aufgetreten sein, das von Sundar Robert Dreifus begründet wurde und dem indischen Guru Babaji geweiht ist. Ob Vishwananda hier auf die Idee kam, zu behaupten, er sei spirituell von Babaji zum Guru geweiht worden?

Vom Sai-Baba-Klon zum Vaishnava-Guru

In dieser ersten Zeit trat Vishwananda sehr deutlich in die Fussstapfen von Sathya Sai Baba. Wie dieser materialisierte Vishwananda Vibhuti, heilige Asche, und goldene Eier, die als Lingam, als das Symbol des Gottes Shiva gedeutet werden. Und wie Sathya Sai Baba wollte Vishwananda die verschiedenen Religionen vereinen. Zu diesem Zweck liess er sich gar in orthodoxen Kirchen taufen und später zum Priester weihen. Im Jahr 2001 entwendete Vishwananda mit zwei Anhängerinnen Reliquien aus mehreren katholischen Kirchen und Klöstern. Auch heute noch findet sich in den grossen Bhakti-Marga-Zentren neben hinduistischen Tempeln und Altären jeweils eine orthodoxe Kapelle.

Ab dem Jahr 2002 wendete sich Vishwananda wieder stärker dem Hinduismus zu. Heute versteht er sich als Hindu-Guru aus der Sri Sampradaya, einer Traditionslinie des Vaishvanismus, derjenigen Form des Hinduismus, die sich auf Vishnu als Verkörperung des Göttlichen bezieht.

Der Guru als höchster Gott

Während die Hare Krishnas in Krishna die höchste Form von Vishnu sehen, ist dies bei Bhakti Marga Narayana, eine in Indien beliebte und oft verehrte Form von Vishnu. Dieser zeigt sich aber nicht wie bei den Hare Krishnas in erster Linie in den Bildgestalten, den Deities, sondern in Vishwananda selbst als dem Satguru, dem wahren Guru. Wer zu einer eingeweihten Schülerin, zu einem eingeweihten Schüler von Vishwananda werden will, zu einer oder einem Devotee, erfährt in den Erläuterungen zur Devotee-Einweihung: «Für uns ist klar, dass der Satguru eine Verkörperung von Sriman Narayana selbst ist und daher gleichbedeutend mit Gott. Folglich ist Guruji nicht nur der Weg, sondern auch das Ziel.» Als höchster Gott steht der Satguru Vishwananda über allen anderen Göttern und verkörpert diese mit: «Als Konsequenz dieser Überzeugung, dass Guruji eine Verkörperung von Sriman Narajana ist, sind alle anderen Gottheiten Guruji untergeordnet, so wie sie Sriman Narayana untergeordnet sind. Alle werden als Qualitäten oder Aspekte von Sriman Narayana/ Guruji angesehen.» Auf den Altären von Bhakti Marga findet sich deshalb immer prominent ein Bild von Guru Vishwananda. Am «Awakening Love»-Festival war immer wieder zu beobachten, wie sich Menschen vor Vishwananda auf den Boden werfen.

Alles Liebe, aber wozu?

Die Liebe, Sanskrit «Bhakti», die sich Bhakti Marga, der «Weg der Liebe» programmatisch auf die Fahnen geschrieben hat, und die am «Awakening Love» Festival geweckt werden soll, zielt nicht im christlichen Sinn auf die Nächsten, auch nicht wie bei den Hare Krishnas als Krishna-Bhakti auf Gott, sondern in der Tradition der Sri Sampradaya auf den Meister, den Guru. Dieser ist ja Gott. Und indem der Meister geliebt wird, wird Gott verehrt. «Guru-Bhakti», Meister-Liebe nennt Bhakti Marga seine Form der Liebe.

Es kann nur einen geben

Was es heisst, den Meister als Gott zu lieben, kann am Bücherstand von Bhakti Marga am «Awakening Love»-Festival beobachtet werden. Wer hier einen Tour d’horizon durch die spirituelle oder doch durch die neo-hinduistische Literatur erwartet, wird enttäuscht. Es wird ausschliesslich Literatur von Bhakti Marga angeboten. Eingeweihte Schülerinnen und Schüler bräuchten sich, so heisst es in den Devotee-Erläuterungen, «nirgendwo anders nach spiritueller Ausbildung oder Segen umzusehen. Alle Aufmerksamkeit, alle Hingabe und aller Dienst des Devotees werden ausschliesslich dem Satguru und niemand anderem erbracht.»

Liebe in Gehorsam

Wer den Guru liebt, gehorcht ihm. Bhakti Marga ist nicht nur der Weg der Liebe, sondern auch der Weg des Gehorsams. Wer sich einweihen lässt, muss sich ausdrücklich verpflichten zu «Gehorsam gegenüber Paramahamsa Vishwananda und Seinen Anweisungen»: «Nun, du siehst, Gehorsam ist das allerhöchste Gebet, höher sogar als auf dein eigenes Herz zu hören. Denn auf dein eigenes Herz zu hören, kann auch eine Mode deines Verstandes sein. Wenn der Guru also etwas sagt, dann ignoriere vollständig, was du fühlst.»

Liebe auf Abwegen?

Die Geschichte von Bhakti Marga wird begleitet von Vorwürfen, Vishwananda habe Sex mit Schülern. Im Jahr 2008 hat er dieses auch zugegeben, aber betont, dass der Geschlechtsverkehr immer einvernehmlich war. Wie kann aber Sex einvernehmlich sein, wenn mein Meister, den ich als Gott verehre und dem ich Gehorsam versprach, von mir Sex will, und ich dann vollständig ignorieren soll, was ich fühle? Dass sexuelle Beziehungen zwischen Leitungspersonen spiritueller Gemeinschaften und deren Anhängerinnen und Anhängern in kritischer Sicht niemals wirklich freiwillig sein können, illustriert Bhakti Marga auf markante Art.

Darshan im Post-Corona-Stil

Vor Corona pflegte Vishwananda beim Darshan, der Begnung mit dem Meister, die Menschen, die vor ihm niederknieten, auf der Stirn zu berühren. Mit Corona wurde dies umgestellt. Seither gibt Vishwananda den Braco. Wie beim kroatischen Heiler Josip Grbavac alias Braco stellen sich die Menschen vor Vishwananda hin, um ihm in die Augen zu schauen. Vishwananda steht aber nicht wie Braco auf derselben Höhe, sondern er thront auf einem Podium und blickt auf die vor ihm stehenden Fans herab. Diese werden von Helfenden in Viererreihen herangeführt und nach einem tiefen Blick in die Augen des Satgurus wieder weggebeten. Wer Objekte segnen lassen möchte, legt diese auf Metalltabletts, die von den Helfenden dem Guru gereicht werden, worauf er sie berührt. Was mit dem Guru in Körperkontakt stand, ist mit seiner Energie aufgeladen. So werden bei Bhakti Marga auch getragene Schuhe von Vishwananda oder von ihm benutzte Betttücher in Ehren gehalten.

Stundenlanges Anstehen für einen Blick des Meisters

Am «Awakening Love»-Festival findet der Darshan in der Metallpyramide des ehemaligen Mystery-Parks von Erich von Däniken statt. Deren Platz ist aber beschränkt, sodass die Darshan-Suchenden teilweise über mehrere Stunden anstehen müssen. In der Wartezeit können die lustigen Fake-Hieroglyphen betrachtet werden, mit welchen Erich von Däniken den Zugang zu seiner Pyramide dekorierte – und die paar Sprüche, die in Einkonsonanten-Hieroglyphen geschrieben, aber in deutscher Sprache abgefasst sind wie «Erich, der Augen-Öffner». Was würde Erich von Däniken wohl davon halten, dass die Menschen nun in seiner Pyramide ihre Augen für einen tiefen Blick eines umstrittenen Gurus öffnen?

Das Warten gehört beim Darshan dazu und macht strategisch Sinn. Wenn ich für eine Sache stundenlang anstehen muss, steigt deren Wert für mich. Die sich einstellende Müdigkeit lässt mich für Reize suggestibler werden, womit die Chance, dass ich im Blick eines älteren Herrn, der vor dem Bild der Gizeh-Pyramiden thornt, eine spirituelle Erfahrung erlebe, deutlich ansteigt.

Vishwananda zum letzten Mal in der Schweiz?

Während der Wartezeit erkennen wir die Landes-Swamini der Schweiz. Vishwananda lässt Bhakti Marga von seinen Swaminis und Swamis verwalten. Diese tragen orange Kleider, sind enthaltsam und leben in einem der Ashrams, der Klöster der Bewegung. Der jüngste Ashram wurde eben eröffnet, ebenfalls im Berner Oberland: Die Bhakti Marga nahestehende Stiftung Sri Sampradaya ersteigerte im Jahr 2023 das Chalet Sursum in Oberhofen am Thunersee, welches seit diesem Jahr als Ashram Padmalaya Chalet firmiert. Die Landes-Swamini der Schweiz, Bärbel Köhler alias Swamini VishwaKishori Ma ist am Ashram beteiligt, führt aber auch ihren eigenen Tempel, den Sri Kamala Netra Krishna Tempel in Cudrefin VD. Personen, die mit uns zusammen für den Darshan angestanden sind, behaupten, von der Landes-Swamini erfahren zu haben, dass Vishwananda möglicherweise das letzte Mal für einen Darshan in die Schweiz gekommen sei.

Gottesverwirklichung statt Lifestyle-Coaching

Hintergrund dieser Nachricht könnte sein, dass Bhakti Marga in der Schweiz weniger Erfolg hat als in manch anderen Ländern. Auf dem Parkplatz des JungfrauParks waren beim «Awakening Love»-Festival rund 300 Fahrzeuge zu zählen, davon nur ca. ein Drittel aus der Schweiz. Viele Besuchende reisten aus den umliegenden Ländern an, sehr zahlreich aus Italien.

Bei den Belehrungen durch Bhakti-Marga-Vertretende, die in den Zelten des «Awakening Love»-Festivals zu hören waren, wurde eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen spürbar: Immer wieder wurde betont, dass alles Glück auf Erden vergänglich sei, dass auch zwischenzeitliches Wohlergehen damit letztlich nur noch grösseres Leid beschere, und dass es deshalb sinnvoller sei, der Welt zu entsagen, sich auf den spirituellen Weg der Guru-Bhakti zu machen und durch Verehrung und Gehorsam dem Guru gegenüber Gott zu verwirklichen. Von den Botschaften der trendigen Lifestyle-Coaching-Gurus ist dies denkbar weit entfernt. Attraktiv scheinen solche Botschaften eher für Menschen, die von dieser Welt nichts Positives mehr erwarten. Vishwanandas Accessoires scheinen zu diesem Ansatz in einer nicht unerheblichen Spannung zu stehen. Dies und die Auskunft, die auf die Diskussion um Vishwanandas Sexualleben zu hören ist, dass nämlich dieses seiner Göttlichkeit keinen Abbruch tue, sind nicht geeignet, kritische Menschen für Bhakti Marga zu gewinnen.

Georg O. Schmid, 28. Juni 2024

Lexikoneintrag Bhakti Marga

Opfer von Pastor Klaus Vollmer in der Schweiz? Aufruf der unabhängigen Aufarbeitungskommission

Im Jahr 2022 wurde öffentlich bekannt, dass gegen den deutschen Evangelisten, Buchautor und Gemeinschaftsgründer Pastor Klaus Vollmer (1930-2011) massive Missbrauchsvorwürfe laut geworden sind. Die von Vollmer im Jahr 1977 begründete Gemeinschaft «Kleine Brüder vom Kreuz», heute «Evangelische Geschwisterschaft e.V.» hat in einem Bericht festgehalten, dass Klaus Vollmer als Gründer und Leiter der Gemeinschaft sexuelle Beziehungen zu mehreren ihm untergebenen jungen Männern seiner Gemeinschaft gepflegt hat. Auch spiritueller Missbrauch wird Vollmer vorgeworfen.

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, in deren Dienst Klaus Vollmer stand, hat eine unabhängige Aufarbeitungskommission damit beauftragt, den sexualisierten Machtmissbrauch zu untersuchen, der durch Pastor Klaus Vollmer in der Zeit seit seiner Aufnahme in den landeskirchlichen Dienst im Jahr 1955 ausgeübt worden ist.

Die unabhängige Aufarbeitungskommission fragt nun nach Opfern von Pastor Klaus Vollmer auch in der Schweiz. Im Rahmen seiner evangelistischen Tätigkeit ist Klaus Vollmer in den 1970er- bis 1990er Jahren verschiedentlich in der Schweiz aktiv geworden.

So trat Vollmer am 2. und 3. September 1992 an einer Mitarbeiterschulung des Jugendzentrums Eulerstroos nüün in Basel auf. Dieser Anlass und ähnliche andere in der Schweiz könnten ihm Gelegenheit für missbräuchliches Verhalten gegeben haben.

Wer von missbräuchlichem Verhalten Klaus Vollmers in der Schweiz betroffen war, wird aufgerufen, sich mit der unabhängigen Aufarbeitungskommission in Verbindung zu setzen:

Aufruf der unabhängigen Aufarbeitungskommission

Relinfo, 14. Mai 2024

Ein Besuch bei «Bamboo Lovers», dem Jugendgottesdienst der Mustard Seed Chapel

Mein erster Eindruck der «Bamboo Lovers» war ein guter: Die Jugendlichen waren sehr freundlich, grüssten einen, auch wenn man sich nicht kannte, aber nicht so übertrieben, wie man es vielleicht von anderen Gruppierungen kennt oder erwartet. Manche sprachen untereinander (afrikanisches) Englisch. Der Lärmpegel der Gespräche und die Beleuchtung des Raumes, in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte, erinnerten etwas an eine Party.

Eine atypische Einleitung und ein sympathisches Chaos

Im Raum des Gottesdiensts spielten einige Jugendliche «Pantomime» (man musste ein Wort pantomimisch darstellen und die anderen mussten es erraten), während auf den Monitoren abgezählt wurde, wie lange es noch ging bis 19:00. Währenddessen wurden andere Leute in den Raum hinein «gehuscht» von den Jugendlichen, die mitarbeiteten. Als die Zeit abgelaufen war, stand ein Jugendlicher auf der Bühne mit dem Mikrofon hin und sagte, es wäre Zeit zu beten, wir sollen doch alle aufstehen. Wir standen also auf, und bevor das «Beten» begann, hielt er einen kleinen Vortrag: Wir alle wären solche Sünder, dass wir eigentlich den Tod verdient hätten, aber Gott liebte uns so, dass er uns gerettet hat, sodass wir ihm immer für alles dankbar sein sollten, auch, dass wir hier im Gottesdienst sind. Das Schlagzeug untermalte seine Rede, und als er ins Gebet fiel, wurde es etwas lauter, während die anderen Jugendlichen, die ebenfalls ein Mikrofon trugen, gleichzeitig laut in ihr eigenes Gebet einstimmten. Das daraus erfolgende Gebetschaos war für mich neu und ungewohnt, aber dass man nicht ganz so «performativ» betete wie in anderen Gemeinden, in welchen eine Person allein laut betet, und gleichzeitig den restlichen Jugendlichen die Möglichkeit gab, für sich zu beten, fand ich durchaus sympathisch. Schon dort begannen einzelne Jugendliche irgendwann mit «Zungenrede», also eine andere Sprache zu sprechen, die sie nicht gelernt hatten, oder in «Engelszungen», wo es sich nicht um von Menschen gesprochene Sprachen handelt. Ich hörte bei den Zungenreden jedenfalls nichts auf einer anderen Sprache, das ich verstanden hätte, obwohl das Sprachenlernen eines meiner liebsten Hobbies ist.

Ein halbes Konzert: Sport beim Gottesdienst

Nach dem Beten war nicht Zeit zu sitzen, denn jetzt wurde gesungen: Einige Jugendliche, alles Mädchen, nahmen den Jungen die Mikrofone ab und begannen nach einer kurzen Einleitung («Jesus ist in der Mitte von allem!») zu singen. Erst «at the center of it all» (d.h., Jesus ist in der Mitte von allem), dann veränderte sich das Hauptmotiv zu «in your name» (in deinem Namen), dann wechselte es zu «casting crowns, lifting hands, bowing hearts, is all I’ve come to do». Ich war unsicher, ob es sich hier um ein langes eigenes Lied oder um drei nahtlos aneinandergereihte Lieder handelt, allerdings konnte man dank dem Text, der vorne angezeigt wurde, und den häufigen Repetitionen derselben Liedzeilen schnell mitsingen, was vermutlich auch das Ziel war. Ich erwartete, nach dem Singen dann sitzen zu können – ich erwarte bei Gottesdiensten relativ viel zu sitzen, da man das ja meistens auch macht – und wurde komplett überrascht: Stattdessen wurde zum Tanz aufgerufen. Die Jugendlichen gingen nach vorne, und ich folgte ihnen. Wir tanzten also eine gute Weile zu «Worship Music», wobei die Jugendlichen vorne uns «vortanzten» und wir ihnen einfach nachtanzten. Während ich ab und an Angst hatte, jemandem auf den Fuss zu treten (unter anderem bei einem langgezogenen «Praise the lord», bei welchem wir einmal mehrfach nach rechts, dann gleich lange nach links, dann wieder nach rechts und anschliessend nach links hüpften, das alles auf einem Bein), oder komplett in sie hinein zu kollidieren, war es irgendwie schön, einfach in einer Gruppe zu Musik zu tanzen, ohne dass man sich schlecht fühlen musste, wenn man mal einen Schritt falsch machte (solange man natürlich niemandem wirklich auf den Fuss trat). Dass das Tanzen nicht auf sexualisierende Weise körperbetont war, könnte von einem Jugendgottesdienst angenommen werden, ich schreibe es aber sicherheitshalber auch nochmal. Es war wirklich angenehm.

Offerings! Wenn man Jugendliche um Geld bittet

Nach diesem Tanzen gingen wir zurück an unsere Plätze. Es war 19:40, und ich ging spätestens jetzt davon aus, dass dieser Gottesdienst sicherlich zwei Stunden dauern würde – es war nicht ganz klar, aber die Predigt hatte ja noch nicht einmal angefangen – und ich konnte mich endlich setzen (und notieren, was alles gesagt und getan wurde, nicht, dass ich etwas Wichtiges vergesse), und es war «Zeit für offerings!». Erst fragte ich mich, was für Offerings – Christen geben ja keine Opfer, wie es viele andere Religionen tun – bis mir einfiel: Geld. Sie wollen Geld. Dass Jugendliche von Jugendlichen Geld verlangen, oder danach fragen, war auch mal was Neues. Es gab zwar Körbe, um Geld zu sammeln, aber die meisten scannten den QR-Code, der vorne angegeben wurde, und zahlten elektronisch – was von Jugendlichen vermutlich auch erwartet werden dürfte – und ich fühlte mich nicht dazu gedrängt, auch zu twinten oder anderweitig Geld zu spenden, obwohl einer der Jugendlichen dann meinte, wir sollen «unser Offering zeigen» (indem wir unser Handy hochhielten). Er erklärte, wer gibt, der erhält, und bezog sich auf Sprüche 11, in welchem unter anderem steht «Manche sind freigebig und werden dabei immer reicher, andere sind geizig und werden arm dabei» (Vers 24, Hoffnung für alle – die Bibelversion, die sie verwenden).

Tanz und Theater

Nachdem auf der Bühne – ohne uns – getanzt wurde, zu «You’re my first love» (Du bist meine erste Liebe), und «I’ll do what you want me to do» (ich werde tun, was du willst, dass ich tue), gab es einen kurzen Moment der Stille, während die Mitarbeitenden durch den Raum rannten. Dabei fiel mir das Neonkreuz an der Wand, welches schon vorher da war, aber irgendwie nicht so ins Gewicht, oder ins Auge gefallen war, auf. Es hing da und leuchtete geduldig, während sich im Publikum langsam eine gewisse Unruhe breit tat. Kurz darauf war klar, warum es so lange ging: Sie hatten sich für ein Kurztheater vorbereitet. Es handelte von «quiet time», «stiller Zeit», in welcher man die Bibel lesen und zu Gott beten sollte. Im Grunde erklärten zwei Jungs einem Mädchen, dass sie «quiet time» machen sollte, während sie meinte, sie habe keine Zeit dafür – sie müsse sich schminken. Die Jungen beriefen sich auf Johannes 15, 7 (Wenn ihr aber fest mit mir verbunden bleibt und euch meine Worte zu Herzen nehmt, dürft ihr von Gott erbitten, was ihr wollt; ihr werdet es erhalten. Hoffnung für alle), um sie dazu zu überreden, ihre Beziehung mit Gott zu pflegen. Bei einem Gebet, das sie untereinander führten, bat sie also Gott um «mehr Schminke». Sie übertrieb es im Rahmen des Theaterstückes komplett (was sich für ein Theaterstück durchaus gehört). Die Jungs unterbrachen sie, «zeigten» ihr, wie man richtig betet, während sie sie «beleidigten» («mit dem Make-Up siehst du aus wie ein Clown, wofür trägst du es überhaupt»), was bei den Jugendlichen Gelächter auslöste. Mir war dabei etwas unwohl. Als Jugendliche hätte ich es sicherlich um einiges lustiger gefunden, da, wo ich noch andere Frauen für «zu viel Schminke» eher hart verurteilt hatte. Aber jetzt hier zuzuhören? Auch wenn es sich um ein Theaterstück handelte, wenn ein Mädchen in unserer Zeit andauernd hört oder ihr zu verstehen gegeben wird, sie habe gewissen Schönheitsidealen zu entsprechen, und sie diesem Ruf dann folgt, aber anschliessend kritisiert wird, weil sie «es übertreibt», ist das bereits grundsätzlich ein schwieriges Szenario. Wenn dann noch zwei Jungen so mit einem Mädchen sprechen, ist dies noch belastender – auch wenn es «nur» ein Theater ist. Es könnte natürlich auch eine gewisse Erleichterung für die Jugendlichen sein: Du musst dich nicht schminken, Gott liebt dich auch so. Es wäre mir aber lieber gewesen, wenn es nicht zwei Jungs, sondern vielleicht noch ein anderes Mädchen, oder ein etwas älteres Mädchen gesagt hätten. Die Implikation, dass zwei mutmasslich gleichaltrige Jungen es besser wissen als ein Mädchen, und die einzigen anderen Mädchen, die im Stück auftraten, ebenso oberflächlich waren wie jenes erste Mädchen, welches sich dann wegen dem Eingriff der beiden Jungen «verbesserte», lag mir sehr schwer auf dem Magen.

Rejoice! Wer in der Kirche nicht tanzt, ist im Leben traurig; oder: Wie man Depressionen los wird

Nach dem Theater trat ein bisher ungesehener Mann auf, welcher auf Englisch kurz predigte. Ich durfte später herausfinden, dass es sich bei diesem Mann um Reverend Eben Johnson handelte. Eine Jugendliche übersetzte jeden Satz ins Deutsche, wobei er sie nicht immer ausreden liess. Bei dieser Predigt ging es um einen Aufruf, «Rejoice!», «freut euch». Wer in der Kirche nicht glücklich sei und tanze, der sei auch im Leben traurig, und er verwies auf Nehemiah 8, 10 (Und nun geht nach Hause, esst und trinkt! Bereitet euch ein Festmahl zu und feiert! Gebt auch denen etwas, die sich ein solches Mahl nicht leisten können! Dieser Tag gehört unserem Gott. Lasst den Mut nicht sinken, denn die Freude am Herrn gibt euch Kraft! Hoffnung für Alle). Während das ein Ansatz ist, war sein Umkehrschluss nicht optimal: «Wenn du depressiv bist, liegt es daran, dass du dich nicht in Gott freust», und «wenn du dich nicht freust, wirst du depressiv». Eine Mutter habe ihn neulich angerufen, ihre Tochter sei suizidal und wolle sich umbringen. Seine Reaktion? «I laughed», er lachte, denn die Lösung sei Jesus Christus. Er erzählte dann die Geschichte von Paulus und Silas, die im Gefängnis um Mitternacht beteten und Gott lobten, und dann durch ein Erdbeben alle von ihren Ketten befreit wurden. Eben Johnson meinte, «as you are dancing, singing, every chain will be destroyed in Jesus’ name», wer tanzt und singt, von dem wird Jesus alle Ketten zerstören.

Es war also wieder Zeit zu tanzen, und wir gingen wieder nach vorne, zu den Liedern «te amo» (nicht Rihanna, aber die Melodie kam mir bekannt vor, doch der Text war komplett «geistlich»), und «let everything that has a breath praise the lord» (lasst alles, was einen Atem hat, Gott anpreisen). Als wir wieder auf unseren Plätzen waren, war bereits 20:30, und die Predigt hatte immer noch nicht angefangen. Ich hatte durchaus Spass – auch wenn ich mich etwas unsportlich fühlte – aber so langsam machte ich mir Sorgen, wie lange ich noch dort sein würde. Die Bühne wurde gefüllt von Jugendlichen, die in einem Kreis stehend zu singen begannen. Ein anderer Jugendlicher dirigierte, sehr zu meinem Erstaunen (auch wenn ich nicht weiss, wie «professionell» oder «korrekt» er dirigierte). Die Bühne wechselte, ein Mädchen nahm ein Mikrofon entgegen. «Predigt sie?», fragte ich mich kurz. Bisher war ich mit der These gefahren, dass die Jungen eher noch predigten, während die Mädchen eher sangen. Dann begann das Schlagzeug zu spielen, und sie sang «Good master», bzw. um es phonetischer zu schreiben: «good masta», also in afrikanischem Englisch mit der entsprechenden Betonung. Währenddessen wurde der Raum gekühlt (vermutlich waren die beiden Doppeltüren weit offen), was nach dem Tanzen sehr angenehm war.

Supernatural Metamorphosis: Die Depression wegtanzen

Nach diesem Lied begann die lang erwartete Predigt. Eben Johnson nahm das Mikrofon an und begann, auf Englisch zu predigen. Das Thema war «supernatural metamorphosis», und bezog sich primär auf 2. Korinther 5, 17: «Siehe, das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden». Wer in Christus sei, habe ein neues Leben erhalten, aber nur in die Kirche zu gehen, lasse einen nicht «in Christus» sein.

Ist also das alte vergangen, vergeht, wer hätte das nach der ersten Kurzpredigt erwartet, auch die Depression. Spätestens hier begann es sehr repetitiv zu werden: Viele Inhalte, grundsätzliche Aussagen wurden immer wieder wiederholt, manchmal mit einzelnen anderen Wörtern (wie «Don’t be sad! Don’t be morose!», was alles als «bis nöd truurig» übersetzt wurde und bei ihm zu etwas Unverständnis führte). Wer also neugeboren ist, kann nicht gleich wie vorhin sein, was ja bedeuten dürfte, wenn man depressiv ist und das schon vor der Bekehrung war, kann man nicht neugeboren sein. Da depressive Verstimmungen, aber auch klinisch diagnostizierbare Depressionen ausreichend häufig sind, dass mindestens eine Jugendliche, ein Jugendlicher im Raum davon betroffen sein dürfte, und diese noch dazu äusserst beeinflussbar sind, war ich nicht besonders begeistert von den Aussagen des Predigers. Eine Depression wird man nicht einfach «los», indem man zu «Praise the lord» tanzt oder indem man neugeboren ist. Eine depressive Verstimmung könnte vielleicht besser werden, wenn man singt und tanzt, aber bei einer klinischen Depression wird man dadurch nicht plötzlich glücklich und «geheilt», ansonsten gäbe es ja viel weniger depressive Personen. Auch wenn man sonst eigentlich gerne tanzen würde, gehört es zu den Symptomen einer klinischen Depression, dass man an Dingen, an denen man Freude hatte, plötzlich keine Freude mehr empfindet oder empfinden kann. Dann Jugendlichen zu sagen, sie werden sowas durchs Tanzen los? Es tut mir Leid für jene, die eben genau wegen ihrer Depression auch die Freude am Tanzen verloren haben.

Er nannte zwei Verse, welche die Techniker:innen – mutmasslich auch Jugendliche – aufschalten sollten. Es dauerte ihm wohl etwas zu lange, denn er kommentierte die Wartezeit mit einer Variation von «Kommt, beeilt euch». Die beiden Verse waren Jesaja 60, 22, und Galater 4, 19, wobei es bei Jesaja um ein «schnell wachsendes Volk» handelt, denn «Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dies alles ganz schnell tun. Darauf gebe ich, der Herr, mein Wort!», und bei der Stelle im Galaterbrief um das Leiden des Schreibenden geht (Euretwegen, meine lieben Kinder, leide ich noch einmal alle Schmerzen und Ängste, wie sie eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes auszustehen hat – so lange, bis Christus in eurem Leben Gestalt gewonnen hat. Hoffnung für Alle). So ganz konnte ich die Bibelstellen nicht in die Predigt hineinbetten, aber die war sowieso etwas chaotisch, meiner Meinung nach.

Supernatural metamorphosis: von der Fleischlichkeit zur Geistlichkeit

Neben der «Person», die sich ändert (von depressiv zu nicht depressiv, von Lügner zu jemandem, der gar nicht mehr lügt), ändert sich auch die Spiritualität und die «Fleischlichkeit»: Auf die Frage, ob ihr Sohn neugeboren sei, antwortete die Mutter von Bishop (aka Dag Heward-Mills, Gründer der Kirche und natürlich auch ein hochgeschätzter Mann): «Ich weiss nicht, was das bedeutet, aber er ist eine komplett andere Person. Ich erkenne den Jungen, den ich geboren habe, nicht mehr.» Wenn sich dies änderte, erhielten wir auch das Bedürfnis, «Gospel»-Musik statt weltlicher Musik zu hören.

Anschliessend folgte eine Erklärung zur «carnality», Fleischlichkeit, der Jugendlichen, in welchen er sie im Grunde genommen beleidigte. «Du bist 14, schaust einem Jungen hinterher und machst», er hechelte, wie ein Hund, und folgt darauf mit «was bist du, ein Hund?». Etwas besser fand ich sein «du bist 14 und willst einen Freund?». Während ich mit 14 keinen Freund hatte und nicht urteilen kann, ob das jemals langfristig klappen kann oder soll oder tut, würde ich zustimmen, dass das nicht unbedingt notwendig ist für die persönliche Entwicklung, schlimmstenfalls vielleicht auch schaden kann, und höchstwahrscheinlich schon etwas zu früh ist, je nachdem, was man sich von einer solchen Beziehung erwartet. Seine Rede dazu, dass es auch okay ist, die Bibel zu lesen und in Zungen zu sprechen, fand ich nicht besonders verwerflich, aber man könnte ja auch weder die Bibel lesen noch einen Freund haben, und sich einfach auf die eigenen Hobbys fokussieren, die Persönlichkeit unabhängig vom einen oder anderen entwickeln.

Nach «es ist okay, in Zungen zu sprechen!» folgte übrigens ein solches «in Zungen sprechen». Teile davon machte ich als «gogoro gara» aus, was keine mir bekannte Sprache als solches beinhaltet. Das Motiv der Zungen blieb weiterhin, auch im nächsten Beispiel: Statt zu vapen, was mit 12, das von ihm genannte Alter, definitiv zu früh ist, da bin ich ganz auf der Seite von Eben Johnson, soll man also in Zungen sprechen: statt Vape-Dampf kommt dann «Holy Ghost Fire» raus. Die Vorstellung, dass Menschen dann Feuer «spucken», hatte eine gewisse Ästhetik und führte auch zu einem Lachen im Publikum.

Kaum hatte ich mich gefragt, wie viel länger es wohl noch ging, meinte Eben Johnson «We will soon be finished», wir werden bald fertig sein, aber Grund dafür, dass wir alle so entspannt waren, sei, da die Ketten Satans durch das Tanzen gebrochen seien. Wer spirituell sei, bespreche mit einer anderen spirituellen Person auch spirituelle Dinge. Wer «carnal», also fleischlich sei, der bespreche auch mit einer spirituellen Person oberflächliche Dinge, und der sei ein «baby in Christ», der nur Milch vertrage in Referenz zu 1. Korinther 3, 2.

Das Thema der Jugendgottesdienste weltweit: Sex

Dann begann ein Thema, welches Jugendliche in ihrem Hormonchaos sicherlich betrifft: Sex. Hierbei handelt es sich nämlich um etwas, das auch mit Kondom unglücklich macht, denn Sex sei wie eine Droge, die einen zerstört. Mütter, die meinten, solange man ein Kondom verwende, könne man «glücklichen Sex» haben, lägen komplett falsch. Wenn man mal einen treuen christlichen Mann geheiratet hat, würde man ihn andauernd mit den bisherigen Ex-Freunden vergleichen (was erstens nicht sein muss und zweitens wohl schon etwas an einem Ego kratzt). Aber diese «Vergleichsgefahr» scheint nicht der Hauptgrund zu sein: Nein, wer Sex hat, der «wird zu einem Fleisch». Ist also der Sexpartner ein Idiot, wird man selbst auch zum Idioten. Auch Dämonen und Krankheiten können, trotz Kondom, «überschwappen».

Man (oder frau) solle also nicht Angst davor haben, schwanger zu werden, erklärte Reverend Eben Johnson weiter, sondern vor anderen Dingen. Da er selbst früh gerettet wurde (d.h., sich früh bekehrt hat), habe er nicht so viele Fehler gemacht, und entsprechend «weniger Dämonen», wobei ich glaube, dass er mit diesen Dämonen Dinge meint, die er falsch gemacht hat, also Sünden, die ihn «bis heute verfolgen», oder die er austreiben musste. Wer also bei Umarmungen «schlechte» Gedanken habe, der habe die falschen Dinge angeschaut. Eben Johnson sieht nämlich Frauen als Schwestern, Töchter, Mütter (im Glauben) an, nicht Sexobjekte. Dies möchte ich auch gar nicht kritisieren, nur die Implikation, dass Jugendliche, die sowieso in einem riesigen Hormonchaos sind, wegen eines Gedankens, den sie bekanntlich nicht kontrollieren können, automatisch Frauen als «Sexobjekte» ansehen, finde ich etwas übertrieben.

Ein guter Grundsatz, den er ebenfalls im Rahmen seiner Ausführungen aussprach, war: «Complete, not compete!». Hier, bei den Bamboo Lovers, sollen wir einander vervollständigen (wobei das «L» für «Liebe» steht). Wir sollen einander motivieren, die beste Version von uns selbst zu sein, und uns nicht miteinander vergleichen.

Gebet und Nudes: was man (nicht) soll

Der zweite Punkt des Abends war «Gebet», um die spirituelle Metamorphose zu begleiten oder «im Glauben zu wachsen», wie es in anderen Freikirchen heissen würde. Da das Publikum langsam müde war, drohte er anfangs, es nicht mitzuteilen, wenn keine entsprechende Reaktion aus dem Publikum käme («I can keep it to myself», ich kann es auch für mich behalten), was dazu führte, dass eine Jugendliche laut hineinrief, und gleich kicherte, da ihre Stimme laut und hörbar war, aber zumindest hatte sie die notwendige Reaktion erbracht und wir durften mehr über das Gebet hören. Mit langen Ausführungen erklärte uns Eben Johnson, dass wir um 4 oder 5 Uhr morgens aufstehen sollten, um zu beten. «Du kannst die ganze Nacht auf Tik Tok sein und nicht um 4 Uhr aufwachen, um Gott anzubeten?». Nach einigen Wiederholungen der grundsätzlichen «Message» sprach er dann über das Versenden von Nacktfotos. Wer ein Bild seiner Brüste irgendwelchen Fremden schickte, riskierte es, dass dieser es aufzeichnen und herumzeigen würde, oder einen später damit erpressen würde. Ich bin ganz mit ihm, dass das Versenden von Nacktfotos enorm riskant ist und, auch wenn man es über Snapchat macht, immer noch mit mindestens einem zweiten Handy fotografiert werden kann (was zu meinen Jugendzeiten an unserer Schule wohl mal passierte, was ich aber nur am Rande mitbekommen hatte). Ausserdem, aber das dürfte für Jugendliche kein zentrales Thema sein und wurde auch nicht erwähnt, würden sie sich möglicherweise des Vertriebs und/oder Besitz von Kinderpornographie strafbar machen, je nach aktueller Gesetzgebung. Das Thema «Nacktbilder» hatte allerdings weniger mit Gebet zu tun und war an dieser Stelle irgendwie unpassend. Auf jeden Fall sollen wir nie «dem Geist der Entschuldigung» folgen, da dieser unser Leben zerstöre, und wer betet, könne nicht versucht werden. Also: Besser die ganze Zeit beten und nicht in Versuchung kommen als immer wieder sündigen und sich andauernd entschuldigen. Jesus selbst betete drei Stunden, gar die ganze Nacht, während seine Jünger andauernd einschliefen.

(Not) keeping company: Mit wem man (keine) Zeit verbringen soll

Geistlicher Austausch mit anderen Personen sei wichtig, und wer sich um Sündigende zu wohl fühlt, sei selbst nicht genug «spirituell», oder geistlich. Dies führte uns zum dritten und letzten Punkt des Abends – für den vierten hatte er keine Zeit mehr –, nämlich: «Not keeping company with sinners», also nicht die eigene Zeit mit Sündigenden (oder: nicht neugeborenen Personen) verbringen. Mit wem man Zeit verbringe, habe einen Einfluss auf einen selbst, man werde wie die andere Person, deren Gewohnheiten übernehmen, und sich nicht mehr ändern können. Ich bin nicht komplett anderer Meinung: Auch ich habe mich bereits jenen Personen, die ich am häufigsten sehe, angepasst, und der Grundsatz «du bist der Durchschnitt der fünf Personen, die du am häufigsten siehst» ist nahe an diesen Aussagen dran. Kritisch wird es erst, wenn man im Rahmen des am Gottesdienst Gelehrten alte Freund:innen aufgibt, mit der Begründung, dass diese sündig seien. Wenn man so einen sozialen Kreis verliert, verletzt das nicht nur beide Seiten, sondern es macht einen allfälligen Austritt in der Zukunft, wenn sich entweder die Kirche zu etwas ändert, was man nicht unterstützen kann oder will, oder wenn man sich selbst zu stark von der Kirche «weg-ändert», um einiges schwieriger. Im Idealfall bleiben alte Freund:innen dennoch ein wenig in Kontakt, damit man schlimmstenfalls weiss, sie sind noch da für mich, aber besonders Jugendliche, die so ihre Freund:innen verlieren, möchten vermutlich nichts mit der «verlassenden» Person zu tun haben. Das kann ich ihnen auch nicht vorwerfen. Umso wichtiger ist es, dass die Angehörigen in Kontakt bleiben, besonders, wenn sie selbst nicht dabei sind.

Zungenrede: Obligatorisch für Neugeborene

Reverend Eben Johnson fragte nach, wer denn alles noch nicht in Zungen sprechen könnte, und auf die schüchtern erhobenen Hände antwortete er, nächste Woche am Freitag machten sie «holy ghost prayer» und tauften im Heiligen Geist. Dies ist bekannt als «Geistestaufe», wonach gemäss pfingstlicher Auslegung dann jede getaufte Person in Zungen sprechen können müsste als «Beweis» für den Heiligen Geist. Er meinte weiter, dass Tabletten nichts gegen «Geistliches» nützten, dass wir beten müssten, und dass wir so stark genug würden, um dem Mädchen zu sagen «hey, hör auf» (wobei das eher an die Jungen gerichtet war, so meine Annahme). Das war eine angenehme Abwechslung zum üblichen Freikirchenansatz, dass das Mädchen den Jungen stoppen müsse. Ja, auch Jungs dürfen «Nein» sagen. Zur Untermalung der eigenen Geistlichkeit, so kam es mir vor, erzählte Reverend Eben Johnson, dass er am nächsten Tag acht Stunden lange beten würde, was mich zwar überraschte – acht Stunden sind viel, das ist ein ganzer Arbeitstag – allerdings passte es irgendwie zu ihm: Er wirkte sehr gesprächig, auch für einen Prediger. Ich selbst war an diesem Zeitpunkt schon drei Stunden bei «Bamboo Lovers», und vermerkte in meinen Notizen: «Ich bin nicht ausreichend geistlich für drei Stunden Gottesdienst».

Bekennet euch! Und claimt Satan weg.

Es gab einen «Bekehrungsaufruf», dem einige Jugendliche folgten: Sie gingen nach vorne zum Prediger, auch die Reihe vor mir, die mutmasslich schon lange «das erste Mal» (Bekehrung) hinter sich hatte. Mein Sitznachbar, der mutmasslich nicht ganz so motiviert gewesen war, am Gottesdienst teilzunehmen (er hatte einen Grossteil davon am Handy verbracht) wurde von zwei Jungen «bearbeitet», dass auch er nach vorne gehen sollte. Dass er nicht ging, überraschte mich weniger. Eben Johnson betete ihnen ein Gebet vor – ein klassisches Bekehrungsgebet, mit «ich bekenne meine Sünden» und «danke dafür, dass du mich errettet hast» – und sie beteten es alle nach. Etwas spannender war dann der «Zeigefinger», in welchem sie «Satan weg-claimten». Er sprach vor (allerdings auf Englisch): «Satan, du hast hiermit keine Macht über mein Leben mehr!», sowie einige weitere «Befehle», während er mit dem Zeigefinger eine entsprechende befehlerische Haltung einnahm. Diese wurde sowohl von den «Sich-Bekehrenden» als auch von anderen Besuchenden nachgeahmt und nachgesprochen.

«Come! Jesus will be there»

Wir kamen zu den Mitteilungen. An einem kommenden Sonntag stehe der Gottesdienst unter dem Titel «come!», wobei es um die Evangelisation ging. «Jesus will be there», deklarierte Eben Johnson und er wollte mindestens 300 Personen «for a glorious time in Jesus Christ!». Das Ziel ist, Menschen zu Jesus zu bringen. Im November findet wohl ein «Homecoming» in Ghana statt, welches einige Jugendliche besuchen werden. Im August gäbe es eine «powerful conference», und, aber das sei ein Geheimnis: Bishop, also Dag Heward-Mills, käme in die Schweiz, um ein «camp» mit uns zu machen. Die Jugendlichen freuten sich enorm und ich fragte mich, wie stark der Fokus auf «Bishop» hier war. Zwei Bilder vom «Bishop» waren ganz vorne in der Kirche, auf grossen Fahnen, die vermutlich bei «Evangelisationseinsätzen» aufgestellt wurden. Nach dieser Information gab es das zweite Offering – also das zweite Mal, dass die Jugendlichen um Geld für die Kirche gefragt wurden, wieder mit Code und Korb – und durch das Offering würden wir belohnt werden.

Zu guter Letzt gab es noch ein Abendmahl, in welchem ich das Brot, als wir es nehmen hätten sollen, noch nicht hatten, was dazu führte, dass ich den Traubensaft vor dem Brot einnahm. Atypisch war, dass Eben Johnson dies kommentierte mit «bread, that supernaturally transforms into your body as we eat it», also Brot, das sich auf übernatürliche Weise in deinen (Jesu’) Körper verwandelt, wenn wir es essen. Dasselbe sagte er über das Blut bzw. den Traubensaft. Diese Lehre des «Veränderns» statt einem symbolischen Einnehmen der beiden Nahrungsmittel kenne ich nur von der katholischen Kirche, oder Gruppierungen, die sich an der katholischen Kirche orientieren.

Wer das erste Mal kommt…kommt vermutlich wegen Tik Tok

Als das Abendmahl vorbei war, meinte einer der Jugendlichen, wer heute alles zum ersten Mal da sei, soll nach vorne kommen. Ungefähr zwanzig Personen – von den, meiner Schätzung nach, bis zu 120 Besuchenden – kamen nach vorne und wir stellten uns in einer Linie auf. Normalerweise würde man sich hier bereits vorstellen, aber da der Pastor überzogen hatte (es war etwa 22:20), könnten wir dies nicht machen, und würden nun in einen Raum gehen, für einige «weitere Informationen». Zuvor gab es einen Applaus für uns, quasi als Belohnung dafür, dass wir den Weg gefunden hatten (und mutmasslich auch, dass wir es so lange ausgehalten hatten). Beim Weglaufen hörte ich den jugendlichen Moderator noch sagen, dass sie mittwochs jeweils Hauskreise machten. Im Raum angekommen stellten wir uns in einem Kreis auf und eine der Jugendlichen machte ein kurzes «Debriefing»: Wir hätten ja gemerkt, dass dieser Gottesdienst etwas anders war – womit sie komplett richtig lag, ich hatte noch nie an einem Gottesdienst getanzt – und dass sie sich sehr freuten, dass wir gekommen wären. Sie hatten jeweils am Freitag um 19 Uhr und sonntags um 15 Uhr einen Gottesdienst, und sie würden sich freuen, wenn wir wieder kommen. Anschliessend konnten wir uns alle im Kreis vorstellen (Name, warum wir hier waren, und wo wir wohnten), und ein Formular ausfüllen. Auch im Formular wurden wir um den Namen gebeten, und darum, mitzuteilen, wie wir darauf aufmerksam wurden. In Ermangelung einer besseren Alternative kommunizierte ich, von «Georg» eingeladen worden zu sein, was sicherlich etwas kryptisch war. Dass ich auch im Kreis sagte, ich wäre eingeladen worden, erstaunte den Gesichtsausdrücken nach einige Personen, da ich die ganze Zeit mehr oder weniger allein gesessen war. Mich erstaunte, wie viele der Jugendlichen wegen Tik Tok auf den Gottesdienst aufmerksam wurden. Vielleicht die Hälfte der zwanzig Neuen gab an, wegen Tik Tok hier zu sein. Ich musste mich sehr zusammenreissen, um nicht nach den Statistiken der «Tik Tok Anwerbung» zu fragen, aber es scheint, dass es funktioniert. Bevor ich ging, nahm ich noch eines der Teller mit Nachos mit (und verschluckte mich auf dem Nachhauseweg fast). Ich war so müde vom langen Gottesdienst, dass ich zuhause noch nicht einmal erzählte, wie es gelaufen war, wie ich es bisher immer handgehabt hatte. Die Jugendlichen, die noch eine Weile dort plauderten, werden vermutlich ähnlich müde gewesen sein.

Allgemeine Zusammenfassung: The Good and The Bad

Insgesamt gab es viele Ansätze, die ich grundsätzlich unterstütze: mit 14 braucht man keine Beziehung zu haben, mit 12 zu vapen ist sicherlich nicht gesund, Nacktfotos herumzuschicken ist sehr problematisch, vor allem in einem Alter, in dem man noch nicht voll handlungsfähig ist, und noch nicht alle Konsequenzen der eigenen Handlungen ausreichend versteht. Auch einander zu unterstützen statt sich konstant zu vergleichen ist ein guter Ansatz, und singen und tanzen ist am Gottesdienst sicherlich besser als in irgendeiner Disco, besonders auch für Jugendliche. Mit vielen anderen Ansätzen hatte ich Mühe: Tanz und Lobpreis, der Depressionen heilen soll, ein gewisser Druck, in Zungen sprechen zu müssen (oder es zu können), dass man beim Sex mit anderen Menschen deren Dämonen und Eigenschaften (wie «Idiot-Sein») übernimmt, oder dass man keinen Kontakt mit «Sündigenden» pflegen soll.

Problematisch hierbei ist vor allem, dass besonders Jugendliche gute und schlechte Ansätze von derselben Person eher weniger gut als solches unterscheiden können. Sagt er etwas Gutes, mit dem beispielsweise auch ich einverstanden bin, heisst das nicht, dass er gleich danach nichts Schlechtes, welches langfristig schaden kann, sagt. Gefährlich ist es besonders dann, wenn er Jugendlichen ihren mentalen Zustand, wie die Depression, abspricht, oder sie indirekt dafür verantwortlich macht («nicht neugeboren»), oder anderweitig Angst macht. Auch möglich ist es, dass ein:e Jugendliche:r dann gar nichts ernst nimmt, was er sagt, auch wenn die guten Tipps bedenkenlos verfolgt werden können.

Daneben, dass es viel zu lange ging, hatte ich vermutlich noch nie so viel Spass an einem Gottesdienst, und fühlte mich, abgesehen von etwas Übelkeit, besser als vorher. Den Jugendlichen dürfte es ähnlich gehen, und es ist bestimmt ein besserer Zeitvertrieb als freitagabends Alkohol zu trinken, ob an einer Party oder in einer Bar (solange man hineingelassen wird). Wenn es nur die guten Tipps und das Tanzen und Singen wäre, dann würde ich die Kirche unbekümmert weiterempfehlen, allerdings verderben Teile der Lehre, wie beispielsweise die «Dämonen», die Notwendigkeit der Zungenrede, um wirklich neugeboren zu sein, der Gruppendruck, nach vorne zu gehen beim Altarruf, und das doppelte Verlangen nach Geld die «Bamboo Lovers» für mich.

Angela Heldstab, 10.05.2024
Lexikoneintrag Mustard Seed Chapel

Infobroschüre zu Verschwörungstheorien

Relinfo hat eine Infobroschüre zu Verschwörungstheorien herausgegeben, welche die typischen Merkmale des Konspirationsdenkens auflistet, die heute am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien kurz auflistet und Handlungsoptionen für den Umgang mit Konspirationsgläubigen aufzeigt:

Infobroschüre zu Verschwörungstheorien

Inhalt:

Was sind Verschwörungstheorien?

Das Verschwörungstheorien-Diagramm

Bekannte Verschwörungstheorien

Wieso glauben Menschen an Verschwörungstheorien?

Wie werden Verschwörungstheorien verbreitet?

Problematische Merkmale

Handlungsoptionen

Weiterführende Informationen

Infobroschüre zur Staatsverweigerungs-Szene

Relinfo hat eine Infobroschüre über die Staatsverweigerungsszene herausgegeben, die sich zurzeit in Post-Corona-Kreisen ausbreitet, gegenüber Aussenstehenden oft rechthaberisch und intolerant auftritt und Institutionen und Behörden mit penetrantem und z.T. aggressivem Verhalten Probleme bereitet:

Staatsverweigerung – Empfehlungen zum Umgang

Die Broschüre informiert in knappster Form über:

Was ist Staatsverweigerung?

Wie kommt man mit Staatsverweigernden in Kontakt?

An was glauben Staatsverweigernde?

Problematische Merkmale

Wie kommt man zur Staatsverweigerung?

Empfehlungen für Betroffene

Weiterführende Links

Besuch bei der Igreja Pentecostal Deus é Amor (IPDA) in Dietikon

Die Igreja Pentecostal Deus é Amor (IPDA), von David Martins Miranda im Jahr 1962 in São Paulo, Brasilien, gegründet, ist eine brasilianische Pfingstgemeinde. Früher standen viele Pfingstkirchen radikal gegen Politik, Scheidung, Fernsehen und andere Auswirkungen der modernen Gesellschaft. Doch im Laufe der Zeit wurden viele dieser Überzeugungen abgemildert und zeitgemässere Bräuche akzeptiert, was zur Gründung der IPDA führte. Der Name «Igreja Pentecostal Deus é Amor (IPDA)» [Deutsch: Pfingstkirche Gott ist Liebe] wurde laut Miranda von Gott selbst in einer morgendlichen Andacht offenbart. Heute zählt die Gemeinde etwa 900’000 Mitglieder und betreibt rund 18’000 Kirchen in Brasilien sowie weitere in 136 anderen Ländern.

Theologische Inbrunst und weltliche Kritik

Die neocharismatische Gemeinde vertritt eine konservative, fundamentalistische Theologie, die stark auf persönlicher Bekehrung, Heiligung, Gemeinschaft und missionarischem Engagement basiert. Aufgrund ihrer radikalen Ansichten wird sie zum Teil als Sekte betrachtet. Die katholische Kirche wirft der IPDA vor, dass Miranda fragwürdige Methoden angewendet hat, um Geld von den Anhängern und Anhängerinnen zu erhalten. Es wird behauptet, dass er fürs Jahr 1999 die Rückkehr von Jesus Christus vorausgesagt hatte, was sich jedoch nicht erfüllte. Danach soll er mit 3’000’000 brasilianischen Real (welche damals den Wert von etwas mehr als 1’000’000 britischen Pfund hatte) an Kirchengeldern nach England geflohen sein und seinen Rücktritt als Leiter der IPDA bekannt gegeben haben.

Von Verbrechern zu Verkündern: Fragwürdige Bekehrungen

Des Weiteren wird die IPDA kritisiert, weil sie angeblich ehemalige Schwerkriminelle als Laienprediger rekrutiert. Diese berichten während der Predigten von ihren grausamen Taten und behaupten, unter dem Einfluss von Dämonen gehandelt zu haben. Sie geben an, durch den Kontakt mit der IPDA von ihren Dämonen befreit worden zu sein und eine Verbindung zu Gott gefunden zu haben. Hierbei kann bemängelt werden, dass diese Laienprediger ihre dunkelsten Lebensmomente nutzen, um nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Sie schieben Morde und andere Verbrechen dem Teufel zu, um ihre eigene Schuld und Verantwortung zu leugnen und sich als Opfer darzustellen.

Auf den Spuren der IPDA

Nachdem wir von Relinfo darauf aufmerksam gemacht wurden, dass die IPDA auch in der Schweiz aktiv ist und dadurch bereits teilweise negative Aufmerksamkeit erregt hat, wurde mir der Auftrag erteilt, diesbezüglich nach weiteren Informationen zu suchen. Es gestaltete sich jedoch als Herausforderung, im Internet die erforderlichen Informationen zu finden. Die Kirche verfügt lediglich über eine Hauptwebseite, die hauptsächlich über ihre Gemeinden in Brasilien berichtet und keine Hinweise oder Informationen zu IPDA-Gemeinden in der Schweiz liefert. Nach weiterer Recherche stiess ich auf einen Facebook- sowie einen Instagram-Account, die beide den Anschein erweckten, vor einiger Zeit erstellt, aber seitdem kaum aktualisiert oder gepflegt worden zu sein. Obwohl ich nicht vollständig überzeugt war, ob die von ihnen erhaltenen Informationen tatsächlich legitime Fakten waren, musste ich darauf vertrauen, dass ihr Hauptsitz in Dietikon ist und die Gottesdienste dort jeweils mittwochabends stattfinden. Also begab ich mich an einem solchen Abend zu einem ihrer Gottesdienste, gespannt darauf, was mich erwarten würde und worauf ich mich da eingelassen hatte.

Verloren auf der Suche

Die Gottesdienste der IPDA finden im Plaza Dietikon statt. Dort angekommen, musste ich feststellen, dass das Gebäude leer war. In ihrem Instagram-Account hatte ich gelesen, dass die Gottesdienste im Untergeschoss stattfinden, also ging ich die beiden Treppen hinunter, die an den entgegengesetzten Flügel des Gebäudes lagen, und suchte vergeblich nach dem Raum. Beide Treppen führten nur zu einer Tiefgarage. Zurück am Eingang gab es auch keinerlei geschriebene Information darüber, wohin ich lang musste, noch fand ich sonst irgendwelche Informationen über die IPDA. Ebenfalls stand niemand am Informationspult, den ich hätte fragen können, wie ich zum Gottesdienstraum komme. Ich wusste, dass der Gottesdienst um 19:00 Uhr beginnen würde, und weil ich etwas früher dort war, beschloss ich, am Eingang des Gebäudes zu warten und zu hoffen, jemandem zu begegnen, der mich dort hinführen könnte. Nach einiger Zeit tauchte eine Frau auf, die gerade telefonierte. Da sie sich auf Portugiesisch unterhielt, nutzte ich meine Chance und fragte sie, ob sie wisse, wo die Gottesdienste der IPDA stattfinden. Daraufhin meinte sie, dass sie ebenfalls auf dem Weg dorthin sei. Anschliessend führte sie mich zum Gottesdienstraum, der sich tatsächlich im Untergeschoss befand. Nur mussten wir vorerst tiefer ins Gebäude rein, um erst weiter hinten die Treppe runter nehmen zu können. Ich war froh, die Frau getroffen zu haben, denn ohne sie hätte ich die Mission wahrscheinlich aufgeben müssen.

Es war etwa 19:10 Uhr, als wir den Gottesdienstraum betraten. Ich erwartete, dass ich bereits einige Anwesende im Saal vorfinden würde, doch zu meiner Überraschung war er noch leer.

Ankunft im Reich der IPDA

Ein einzelner Mann kniete vorne auf dem Podest, leicht hinter einem Rednerpult verborgen, seine Hände fest auf einem Stuhl verschränkt. Sein Gebet erklang mit kraftvoller Stimme, begleitet von einer melodischen Hintergrundmusik. Der Raum war mit etwa 50 Stühlen gefüllt, in Reihen angeordnet mit einem Mittelgang, der sie in zwei Seiten trennte. Am vorderen Ende des Raumes stand das Podest, flankiert von einer Leinwand, einem Schlagzeug, einer Gitarre und vier verschiedenen Fahnen: Brasilien, Zürich, Schweiz, Portugal. Helles Licht und weisse Wände sorgten für Helligkeit im Raum. Ein Spruch auf portugiesisch prangte an der Wand. Übersetzt lautet er: «Die Herrlichkeit des zweiten Hauses wird grösser sein», eine Anspielung auf Haggai 2:9, wo Gott den Menschen beim Wiederaufbau des zweiten Tempels Mut macht, und ihnen verspricht, sie zu segnen, wenn sie ihm treu bleiben und seinen Geboten gehorchen.

Gebetspower

Als ich den Raum betrat, nahm ich in der dritten Reihe Platz, während die Frau, die mich begleitet hatte, sich in der letzten Reihe setzte. Der Pastor liess sich von meinem Eintreten nicht ablenken und fuhr mit seinem Gebet fort. Seine Worte erschienen mir oberflächlich, da er alles mehrmals wiederholte, hauptsächlich Gebete um Segen und Bestätigung der göttlichen Herrlichkeit. Ausserdem scheute er sich auch nicht, manchmal seine Stimme zu heben. Ich erwartete, dass das Gebet etwa zehn Minuten dauern würde, doch ich irrte mich, denn es erstreckte sich schliesslich bis 20:00 Uhr – eine Stunde des Knieens und Betens.

Im Laufe des Gebets betraten weitere Personen den Raum. Die Anwesenden waren hauptsächlich mittleren Alters. Zuerst kamen drei weitere Frauen, eine davon mit ihrem Kind. Dann gesellten sich drei Männer dazu. Sie nahmen Plätze hinter mir ein, sodass ich nur ihre Stimmen hörte. Später kamen zwei Frauen gemeinsam, die zwei Reihen vor mir Platz fanden und sofort in das Gebet einstimmten. Jeder betete jedoch sein eigenes Gebet, was zu einem Durcheinander von Worten führte, und ich wusste nicht, auf welches Gebet ich mich konzentrieren sollte. Einige beteten so laut, dass ich jedes einzelne Wort mithören konnte.

Pfingstharfe

Nachdem die Gebetszeit vorüber war, begannen wir zu singen. Ein Büchlein namens «Harpa Pentecostal» wurde mir gereicht, das 693 verschiedene Lieder und Hymnen enthielt. Diese wurden ausschliesslich ohne Instrumente gesungen, was die schiefen Töne noch deutlicher machte. Bei einigen Liedern wurde jedoch geklatscht, um einen gewissen Rhythmus vorzugeben. Das erste Lied hiess «Sê valente», übersetzt «Sei tapfer», eine Botschaft der Zuversicht und des Vertrauens in Gottes Führung und Fürsorge. Wir sangen ungefähr drei Lieder, bevor der eigentliche Gottesdienst begann.

Eine Predigt im Wiederholungstakt

Der Pastor eröffnete den Gottesdienst, indem er uns inhaltlich dasselbe predigte, was er bereits während seines einstündigen Gebets berichtet hatte. Diesmal nicht in Form eines Gebets, sondern als Bericht. Durch die Redundanz seiner Worte empfand ich diesen Teil als einfallslos und langweilig. Anschliessend begann er eine Geschichte von früheren Gemeindemitgliedern zu erzählen, die aus seiner früheren Kirchgemeinde in Brasilien stammten. Er schilderte die Geschichte eines jungen Kirchgängers namens Manuel, der bei den Frauen sehr beliebt war. Manuel suchte oft Rat beim Pastor und vertraute ihm seine Gedanken an, darunter auch seine Suche nach einer Partnerin. Als der Pastor darauf hinwies, dass Manuel erst 22 Jahre alt sei und daher noch genügend Zeit und Auswahl an Frauen habe, um eine richtige Entscheidung zu treffen, lernte Manuel eine junge Frau namens Larissa kennen. Auch sie besuchte regelmässig dieselbe Kirche. Innerhalb weniger Monate verlobten sich die beiden, und ein Jahr später waren sie bereits verheiratet.

Die Moral der Geschicht: Ehe, Tätowierungen und himmlische Führung

Wie das Schicksal es wollte, entstanden kurz darauf Spannungen zwischen dem Paar, und sie gerieten immer öfter in Streit. Während dieser Zeit suchte Manuel angeblich immer wieder den Pastor auf, um ihm von seinen Sorgen zu berichten. An diesem Punkt wies der Pastor uns darauf hin, dass eine Ehe etwas Wundervolles sein kann, wenn man die richtige Person geheiratet hat. Gleichzeitig könne es jedoch zur Hölle auf Erden werden, wenn man die falsche Person gewählt hat.

Manuel und Larissa entfernten sich daraufhin immer mehr von der Kirche, besuchten die Gottesdienste nicht mehr regelmässig und wurden insgesamt seltener gesehen. Nach einiger Zeit kam es sogar zur Trennung des Paares. Manuel fand daraufhin wieder den Weg zur Kirche, während Larissa weiterhin abwesend blieb. Der Pastor erzählte, dass er kürzlich neugierig auf Larissas Verbleib geworden sei und sie schliesslich auf Facebook gesucht habe. «Die Frau hat sich in eine Richtung verändert, die niemand für möglich gehalten hätte. Als ich aktuelle Bilder von ihr sah, tat es mir im Herzen weh. Sie hat ihren ganzen Körper tätowiert.» Daraufhin gab es aus dem Publikum verstört klingende Kommentare wie «Oh mein Gott!» oder «Wirklich?». Der Pastor schloss die Geschichte mit den Worten: «Gott hat Manuel beschützt. Er wusste, dass Manuel nicht weiterhin das Leid durch Larissa ertragen könnte. Deshalb hat er ihn gerettet.»

Ich konnte aus dieser ganzen Geschichte seine Kernbotschaft nicht erkennen, daher bin ich mir nicht sicher, was er uns mit dieser Geschichte lehren wollte. Ich hoffe nicht, dass er uns vermitteln wollte, dass Tattoos gotteslästerlich sind… Es schien mir, als würde er Larissa verteufeln, nur weil sie ihren Körper tätowiert hat. Jedoch konnte er keinen überzeugenden Grund nennen, warum sie sich in eine «falsche» Richtung entwickelt hat. Der Pastor nahm in seinen Äusserungen eine recht starre und moralisierende Haltung ein. Seine Darstellung von Larissa, die sich tätowiert hat, als eine «falsche» Entwicklung oder gar als Zeichen einer «falschen» Richtung, empfinde ich als problematisch und sie trägt zur Stigmatisierung von Menschen bei, die sich anders äussern oder ihren Körper auf andere Weise gestalten als die Norm. Darüber hinaus fand ich, dass der Pastor eine sehr deterministische Sichtweise auf die Ehe hat.  Diese lässt wenig Raum für individuelle Verantwortung und die Komplexität menschlicher Beziehungen. Beziehungen können ja schliesslich von vielen Faktoren beeinflusst werden und sowohl positive als auch negative Erfahrungen sind nun mal Teil des Lebenswegs.

Bibelstunde

Der Gottesdienst setzte sich fort, indem wir einige Bibelverse lasen und ihre Bedeutung vertieften. Einer dieser Verse war Lukas 18:35, der die Heilung eines Blinden durch Jesus Christus beschreibt. In diesem Abschnitt erfährt ein blinder Mann von der Anwesenheit Jesu in der Nähe und bittet um sein Erbarmen und seine Hilfe. Obwohl die Leute ihn zum Schweigen bringen wollten, möglicherweise weil sie dachten, er solle Jesus nicht belästigen oder weil sie nicht glaubten, dass Jesus Zeit für einen blinden Bettler haben würde, rief der Blinde noch lauter nach Jesus. Schliesslich bleibt Jesus stehen, fragt den Blinden, was er wolle, und heilt ihn dann aufgrund seines festen Glaubens.

Lautstarkes Lob: Glossolalie und frenetischer Gottesdienst

Hier betonte der Pastor noch einmal die Bedeutung des Vertrauens auf Gott und die Notwendigkeit, trotz möglicher Hindernisse fest an seinen Segen und seine Hilfe zu glauben. Er ermutigte uns Anwesende, uns nicht von Zweifeln oder negativen Stimmen abbringen zu lassen, sondern entschlossen und beharrlich nach Gottes Hilfe zu suchen. Während des Gottesdienstes begann der Pastor manchmal in normaler Lautstärke zu sprechen, doch um seine Punkte zu betonen und seine Aussagen zu bekräftigen, steigerte er seine Stimme in regelmässigen Abständen, bis er schliesslich schrie. Ausserdem wiederholte er oft bestimmte Äusserungen in seiner seiner Predigt mehrmals. Ein weiteres Merkmal, das mir auffiel, war die Glossolalie. Dabei äusserte der Pastor zuweilen unverständliche Laute, die für Charismatiker eine spirituelle Bedeutung haben, aber für mich als Zuhörerin nicht nachvollziehbar waren.

Dieses Verhalten ist für charismatische Gemeinden recht typisch, jedoch empfand ich es in dieser speziellen Gemeinde als besonders extrem im Vergleich zu anderen. Jedes Mal, wenn der Pastor lauter wurde, erwiderte das Publikum mit derselben Energie. Am Ende entstand oft ein Durcheinander von Ausrufen, Schreien und Klatschen.

Während des Gottesdienstes rief der Pastor irgendwann einen jungen Mann nach vorne. Der junge Mann, etwa 22 Jahre alt, schien auf dem Weg zum Pastorat zu sein oder war vielleicht schon Pastor. Er wirkte, als käme er gerade von der Arbeit in der Bank, denn er trug einen kompletten Anzug. Obwohl ich mich nicht mehr im Detail an den Inhalt seiner Predigt erinnern kann, bleibt mir besonders die Art und Weise seines Predigens in Erinnerung. Es schien fast, als wetteiferte er mit dem älteren Pastor darum, wer lauter sprechen konnte. Auch er steigerte in regelmässigen Abständen seine Lautstärke, um seine Botschaft zu betonen. Ich schätze, insgesamt predigte er vielleicht etwa zehn Minuten lang, bis der erste Pastor wieder das Wort übernahm.

Spenden im Namen des Herrn

Zum Schluss trat ein Mitglied der Gemeinde vor und richtete alles für die Spendenaktion her. Er verteilte an jeden von uns ein Couvert, in dem wir selbst entscheiden konnten, ob wir etwas spenden wollten oder nicht. Nach etwa einer Minute sammelte er die Umschläge wieder ein und bedankte sich bei allen, auch bei denen, die keine Spende abgegeben hatten. Der Pastor betonte an dieser Stelle, dass Gott alle segnen möge, die gespendet haben, aber auch diejenigen, die dazu nicht in der Lage waren.

Schlusswort

In Anbetracht meiner Erfahrungen während des Besuchs der IPDA bleibt eine gemischte Einschätzung zur Gemeinde bestehen. Die IPDA, als eine neocharismatische Pfingstkirche, pflegt eine konservative Theologie und betont stark die persönliche Bekehrung, Heiligung und missionarisches Engagement. Trotzdem wirft sie einige kritische Fragen auf. Ihre stark konservative Ausrichtung und ihre Neigung, bestimmte Lebensweisen und Entscheidungen zu moralisieren, könnten dazu führen, dass sich manche Menschen ausgeschlossen oder unwohl fühlen. Darüber hinaus hinterlassen die fragwürdigen Rekrutierungspraktiken von ehemaligen Kriminellen als Laienprediger einen bitteren Beigeschmack und werfen Zweifel an der Integrität der Gemeinde auf. Mein persönlicher Besuch des Gottesdienstes zeigte mir, dass die Gemeinde eine lebendige und laute Lobpreis- und Predigtkultur hat, die jedoch für manche als übertrieben empfunden werden könnte. Die Suche nach der IPDA-Gemeinde in der Schweiz gestaltete sich schwierig, was darauf hinweisen könnte, dass sie keine transparente Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Insgesamt bleibt die IPDA eine interessante, aber auch kontroverse religiöse Bewegung, deren Einfluss und Praktiken weiterhin analysiert und diskutiert werden sollten.

Laura Meyer, März 2024

Himmlisches Jerusalem – ein Besuch zur Frühjahrskonferenz

Bei der Bewegung «Himmlisches Jerusalem» handelt es sich um eine Gruppierung, die ums Jahr 2015 aus Ortsgemeinden der Brüderbewegung, einer eher konservativeren Seite der Freikirchenszene, herausgewachsen ist. «Himmlisches Jerusalem» legt einen grossen Fokus auf die Endzeit und das baldige Einsetzen der entsprechenden Ereignisse. Um ein besseres Verständnis ihrer Lehren, aber auch ihrer «Mitglieder» zu erreichen, besuchte ich die «Frühjahrskonferenz», die über das Osterwochenende stattfinden sollte, via Zoom.

Exkurs: «Endzeit»? Was ist das, und was genau glaubt Himmlisches Jerusalem?

Die «Endzeit» bezeichnet einen Zeitrahmen, in welchem Jesus nicht auf dieser Erde ist, aber dass die Entrückung und Jesu’ Zweites Kommen (und somit auch das Jüngste Gericht) kurz vor der Tür steht. Bei der Entrückung handelt es sich um ein plötzliches Verschwinden glaubender Christ:innen, woran übrigens viele Freikirchen glauben. «Himmlisches Jerusalem» geht ebenfalls davon aus, dass wir uns bereits in der Endzeit befinden. Sie gehen aber noch einen Schritt weiter: Es scheint, so ist mir nach diesem Besuch klar, die Erwartung zu geben, dass wir uns bereits in den sieben Jahren Trübsal befinden, die meistens, auch in nach Auffassung anderer Freikirchen, mit Jesu Zweitem Kommen und dem Gericht beendet werden. In der Hälfte dieser sieben Jahre, also nach dreieinhalb Jahren, geschehen nach ihrer Auffassung drei Dinge: Erstens, die Christ:innen, die «Erstlingsfrüchte» – also die lebendigen Personen, die als erstes Frucht gebracht haben, die als erstes im Glauben gewachsen sind, die sich «korrekt» verhalten  – werden entrückt. Das heisst, sie verschwinden plötzlich, unerwartet, sind einfach weg. Allerdings nicht alle, sondern nur 144’000. Ein solches Limit ist selten. Und wenn es mal mehr als 144’000 lebendige, glaubende Christ:innen sind (was, meine Einschätzung, bereits zutrifft), dann sind es dennoch nur 144’000 Christ:innen, die wirklich oder genug glauben, die genug «göttlich» leben. Ich stelle mir vor, dass das als Mechanismus, um das Verhalten von Personen zu kontrollieren, sehr effizient sein könnte (Du willst doch auch eine Erstlingsfrucht sein? Dann mach, was ich dir sage., auch wenn es natürlich niemand so direkt ausdrücken würde). «Erstlingsfrucht» ist übrigens ein wichtiges Wort fürs Vokabular von «Himmlisches Jerusalem». Wenn also die Erstlingsfrüchte entrückt sind, taucht der Antichrist auf, dem dann alle Menschen folgen, besonders die «Ungläubigen». Währenddessen werden 144’000 jüdische Personen «versiegelt», dass ihnen also während der zweiten Hälfte dieser sieben Jahre Trübsal kein Schaden entstehen kann.

Achtung Gewalt

Sobald die sieben Jahre vorbei sind, kommt Jesus und «zermatscht» die Heere, welche der Antichrist zum Angriff auf Jerusalem gesammelt hat – sympathischerweise in einem Video der Webseite sehr schön dargestellt, mit Beschreibungen, wie viel Blut dabei entsteht, wenn Jesus die Heere der Welt wie Weintrauben zertritt, für mich ehrlich gesagt zu gewaltverherrlichend, und mit Jesus kommen die 144’000 Entrückten, als «sein Heer», mit welchem er die «gottlose Menschheit» besiegt. Beim Schauen des Videos und Lesen der Beschreibung ihrer Erwartungen lief es mir mehr als einmal kalt den Rücken hinunter. Für Christ:innen haben sie erstaunlich detaillierte und intensive Gewaltfantasien. Das fiel übrigens auch beim Gebet auf: «dass du stichst und blossstellst, Herr» (namentlich die Ungläubigen), und «dass auch dein Gericht Anwendung finden kann, auch in diesem Haus» sind zwei Zitate, die für mich so über der Grenze waren, dass ich sie mir notiert habe. Wenn Christ:innen «gewaltverherrlichend» sind, dann wohl so.

Die Frühjahrskonferenz: eine erste Analyse

Die «Frühjahrskonferenz», die in Stuttgart stattfand, begann bereits am Gründonnerstag, abends, und dauerte gemäss Plan Gründonnerstagabend bis Ostermontagnachmittag, alle Tage dazwischen inklusive. Da donnerstagabends auch eine wöchentliche Versammlung stattfinden sollte, wählte ich mich erst in den falschen Zoomlink ein und war anfangs verwirrt, bis mir einfiel: Gründonnerstag. Natürlich gehört das zur Frühjahrskonferenz. Ich schaltete mich also diesmal in den richtigen Zoomlink ein – der auf der Webseite frei zugänglich war – und bemerkte, trotz der Verspätung, dass die Predigt noch nicht angefangen hatte. Noch war Gebet an der Tagesordnung. Was mir natürlich als erstes auffiel, war das «Amen», mit welchem andere Versammlungsteilnehmende die Betenden konstant bekräftigten. Aber wirklich konstant: Etwa nach jedem Satz, oder Teilsatz, kam wieder eines. Die «Amens» wurden nicht deutsch betont, das heisst, nicht Amen, sondern amen. Während das meines Wissens in semitischen Sprachen durchaus korrekt ist, dass man also nicht die erste, sondern eher die zweite Silbe betont, ist das in der «deutschen Freikirchenszene» vor allem auf US-amerikanischen Einfluss zurückzuführen. Wie stark dieser bei «Himmlisches Jerusalem» ist, sollte ich im Verlauf des Abends noch herausfinden.

Während einzelne Personen, auch Frauen, in Stuttgart beteten, beobachtete ich die Alters- und Geschlechterverteilung der verschiedenen Personen. In erster Linie war ich überrascht, wie international die Namen im Zoom-Call waren: Neben klassisch deutschen Namen kamen auch einige chinesische und vietnamesische Namen dazu, es gab einzelne Spanier, amerikanische Namen, «gemischte» Paare, auch im Konferenzsaal, und dann noch Namen, die ich nicht abschliessend zuordnen konnte. Dazu gab es Übersetzer, die man für den Zoomcall ein- und ausschalten konnte (Englisch, Griechisch, Chinesisch, Vietnamesisch, Polnisch), und die in der Turnhalle – wo die Versammlung stattfand – auch wirklich eigene «Übersetzerboxen» hatten. Die Anzahl Personen überraschte mich auch: Anfangs waren wir noch 105 (und das mit meiner leichten Verspätung!), und im Verlauf der Predigt wurden wir etwa 155. Zusätzlich dazu waren anfangs etwa 100 Personen im Raum in Stuttgart (wobei die Kamera, welche die Versammlung zeigte, so schlecht war, dass ich anfangs meinte, sie hätten die Gesichter extra verpixelt), gegen Ende vermutlich um die 120. Die vielen älteren Frauen und älteren Pärchen im Zoomcall, die ihr Video eingeschaltet hatten, überraschten mich weniger. Es gab aber einige junge Frauen – und Männer –, die via Zoom oder vor Ort waren, und die teilweise etwa in meinem Alter waren, plus mindestens eine Mutter mit Baby vor Ort. Eine «Kleiderordnung», wie ich es von der Brüderbewegung, aus welcher «Himmlisches Jerusalem» entstanden ist, gehört und erwartet habe, gab es nicht. Klar, niemand trug einen «gottlosen Ausschnitt», soweit mit der Kamera erkennbar, aber offene Haare, Hosen bei Frauen, auch «lockerere» Kleidung wie Jeans bei Männern und Frauen waren kein Problem.

Bevor es (endlich?) anfing, sangen sie noch ein Lied. Ich vermute, es ging um Jesus und sein erwartetes baldiges Kommen, aber der Gesang war so schräg (vermutlich auch wegen der Audioqualität), dass mir nichts anderes aufgefallen ist. Der letzte Betende vor der Predigt bezeugte sein sehnliches Erwarten: «Zeig, was du verborgen hast in deinem Herzen. Wir wollen von dir wissen, wie der Weg aussieht. Wir beten, dass du uns jetzt bereit machst für dein Kommen.». Weiter ging es mit: «Gib uns einen tiefen Eindruck von deinem Wort», eine relativ erwartbare Aussage, aber «Salbe uns, und salbe unser Reden», und das spätere Bezeichnen von «uns, die wir durch den Heiligen Geist gesalbt sind», waren etwas unüblich, etwas überraschend. Durch den Heiligen Geist geheiligt, ja, das kenne ich, gesalbt sein kenne ich auch, aber salbe unser Reden? Naja. Die Einleitung zur Predigt machte der Herr, der auch in vielen Videos zu sehen ist. Dieser heisst wohl Tobias Widmer. Er erklärte, dass wir beim letzten Punkt «Zeichen der Zeit» beginnen, mit einem kleinen Witz über «die letzten werden die ersten sein» (ich bin immer erfreut, wenn ich dann doch noch ein Witz in deprimierenden Endzeitgemeinschaften höre), mit der Begründung: «weil es sehr nahegerückt ist». Was nahegerückt ist, wie er gleich danach feststellte: Die Zeit, in der «unser Herr», also Jesus, das zweite Mal auf die Erde kommt, und «wir freuen uns sehr, dass in unserer Zeit es bald geschieht.» Wenn ich kurz erklären kann, warum ich dies so genau zitiere: Endzeiterwartungen sind nicht selten, und es gibt einige Freikirchen, die vermehrt darüber sprechen. So weit zu gehen, dass sie sagen «in unserer Zeit geschieht es», und «wir freuen uns sehr», passiert eher selten, aus dem einfachen Grund: Was, wenn nicht? Diese Option scheint für Himmlisches Jerusalem nicht zu existieren.

Die Kuh: Diesmal wirklich

Gott habe uns also ein ganzes Kapitel (Matthäus 24) geschenkt, um zu zeigen, was «in Kürze» geschehen muss und wie wir das interpretieren sollen (dass es ein wenig länger dauern könnte und auch schon die Frühchrist:innen auf «in Kürze» gewartet haben, ist wohl irgendwie an ihnen vorbeigeschossen, vor allem, da sie auch gar nicht über frühere Christ:innen gesprochen haben). Tobias Widmer bezeichnete die Bibel in einem Video mal als «zuverlässige Quelle», sodass ich annehme, dass er sie als unfehlbar sieht. Neben der biblischen Begründung, wobei sie an diesem Abend aber vor allem über das Buch Daniel geredet haben, sprachen sie auch über «das Zeichen der roten Kuh». Gemäss mosaischem Gesetz müssen sich jüdische Priester vor ihrem priesterlichen Dienst mit der Asche einer «makellosen roten Kuh» (die Kühe sind übrigens braun mit rötlichem Stich, nach meiner Einschätzung), waschen, wobei die Kuh etwas älter als zwei Jahre sein muss (zum Zeitpunkt ihres Opfers). Seit zweitausend Jahren gäbe es keine makellose rote Kuh mehr, aber jetzt, seit dem 15. September 2022, gibt es wieder Kühe, welche die Anforderungen erfüllen, nämlich damals fünf, jetzt noch drei davon, extra von den USA eingesendet. Dies ist übrigens das Alleinstellungsmerkmal, die Antwort auf «Was, wenn nicht?»: Nein, denn die Kühe gab es vorher nicht. Dann spielte er noch ein wenig mit dem jüdischen Zahlensystem: Das Geburtsjahr der Kühe 2020/2021 war, im jüdischen Kalender, das Jahr 5781. Die Charaktere oder «Buchstaben», mit denen das Jahr dargestellt werden, bilden ein «Anagramm» für den Satz: «Es wird ein Jahr der roten Kuh sein.» Solche Zahlenspielereien kenne ich eigentlich mehr aus der esoterischen Szene, es ist irgendwie lustig und gleichzeitig anstrengend, dass manche christliche Kreise auch auf solche Argumentationen verweisen (besonders, wenn sie die esoterische Szene verurteilen). Bei der Erklärung, dass über das Osterwochenende «Shabbat Parah», Sabbat der (roten) Kuh war, fügte er hinzu: «Wer weiss, was geschieht! Diese rote Kuh allein muss uns zeigen, die Zeit ist nah.» Entrückt wurden sie meines Wissens über das Osterwochenende nicht, aber bei nur 144‘000 Menschen weiss ich nicht, wie stark das jetzt ins Gewicht fallen würde.

«Die Juden»

Auch auffallend war, wie sie über die jüdische Gemeinschaft sprachen: «Die Juden». Dass sie nicht genderten, überraschte mich gar nicht, aber irgendwie gibt es bei zionistischen Christ:innen eine merkwürdige Mischung aus internalisiertem Antisemitismus kombiniert mit zionistischen Bestrebungen, im Sinne von «die Juden glauben zwar falsch, aber sie sind immer noch Gottes Volk, und wenn wir das zionistische Ziel erreichen, kommt Jesus und die Welt ist vorbei». Diese Formulierung, «die Juden», hatte entsprechend einen sehr abwertenden Unterton.

Politikwissen in Endzeitgemeinden: Ein wenig Geopolitik

Desübrigen erklärte Tobias Widmer auch, dass die Kuh so wichtig sei, die Hamas hätten öffentlich «durch dies…den da» (den Sprecher der Hamas, dessen Name womöglich zu schwierig war; vielleicht hat er sich aber auch bewusst geweigert, den Namen zu nennen) gesagt, der Anschlag des 7. Oktobers sei wegen der roten Kuh gewesen, weil sie Angst hätten, wenn die Kuh dargebracht wird, dass sie dann die Moschee auf dem Tempelberg verlieren. «Was auch immer.», wie Tobias Widmer erklärte. Ja, wenn natürlich zionistische Christ:innen auf die Wiederherstellung des jüdischen Tempels warten, können islamische Moscheen da nicht bestehen, die müssen weg. Irgendwelche geopolitischen Implikationen von einer Zerstörung eines heiligen Ortes oder andere Themen wie «Respekt gegenüber der Religion anderer Personen», auch wenn es eben nicht die eigene Religion ist, sind irrelevant, weil ja Jesus sowieso demnächst kommt, und bis dann ist sowieso alles schlecht (sieben Jahre Trübsal), wenn man nicht entrückt wurde.

Politikwissen in Endzeitgemeinden: Die Demokratie

Denn, neben der roten Kuh, muss auch das Zeitalter der Demokratie zu Ende kommen. Die möglicherweise bekannte Statue aus dem Buch Daniel, deren Teile jeweils verschiedenen Regierungen oder «Reichen» zugeordnet wird (Löwe = Kopf = Babylon, Bär = Schultern = Persien, Leopard = Rumpf = Griechenland, „aussergewöhnlich starkes Tier“ = Beine = römisches Reich) wird als Symbol für diesen Teil der Predigt genutzt. Bei den Füssen handelt es sich nämlich um die USA, oder „die Demokratie“. Die ist darum wichtig, weil die Demokratie in den USA angefangen habe (was in erster Linie nicht stimmt, ausser wir zählen Athen nicht, oder nur das Vorhandensein einer Verfassung führt zu einer Demokratie), und dass sie darum auch in den USA enden würde. Und auf dieses Ende – der USA – warten «wir», oder zumindest «Himmlisches Jerusalem». Bei US-Amerikaner:innen erwarte ich es nicht anders, aber wenn Deutsche oder viele andere Nicht-Amerikaner:innen, wie auch Tobias Widmer einer zu sein schien, einen derartigen USA-Fokus haben, ist das für mich ein wenig anstrengend.

Die Definition von «Demokratie» laut Tobias Widmer war «Recht und Ordnung, ein Grundgesetz, eine Verfassung». Auch hier konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich das lustig oder zum Heulen finden sollte: Mit dieser Aussage behauptet er ja, dass alle Staatsformen ausserhalb der Demokratie kein Recht und keine Ordnung hatten. Und während es seit den USA eine Verfassung gibt, und das auch nach Europa hinübergeschwappt ist, gab es die Demokratie als solches auch im antiken Athen. Während wir in den letzten Jahrzehnten so wenig Krieg wie selten gesehen haben – natürlich nach den zwei gröberen Kriegen – sehen wir, so «Himmlisches Jerusalem», heute eine «massive Gesetzlosigkeit», ein Zeichen, dass die Demokratie in den gesetzlos werdenden USA „komplett demoliert und von innen heraus zerstört“ wird.

Der Prediger wechselte nun, von Tobias Widmer, den ich aus den Videos kannte, zum amerikanischen Prediger und Tobias Widmer blieb vorne, um jeden Satz einzeln zu übersetzen. Der US-amerikanische Prediger begann zu sprechen, sofort emotional (soweit rhetorisch ganz in Ordnung, nicht überraschend für US-Amerikaner:innen). Die USA habe lange die Demokratie verteidigt, und diese Demokratie werde zerstört («dismantled!»). Als Amerikaner kenne er die Verfassung gut. Da ich aufgrund der US-Zentrierung meiner Bildung die Verfassung der USA auch ein wenig vom Geschichtsunterricht kenne, erstaunt es mich gar nicht, dass das bei einem Amerikaner, der vermutlich sein ganzes Leben lang in den USA gelebt hat, auch zutrifft. Man könnte seine Aussage aber auch als Einleitung zu einem «Appeal to Authority», ein Fall eines logischen Fehlschlusses, werten, namentlich: Da er ein Amerikaner ist und die Verfassung kennt, ist er auch eine Autorität auf dem Gebiet. Weil er auf dem Gebiet eine Autorität ist, gilt bei allem, was er sagt, dass es stimmt, weil er schliesslich eine Autorität ist. Den Fehlschluss treffen natürlich die Zuhörenden und nicht er selbst, man könnte aber sagen, er «verleitet» sie dazu. Das sei aber nur am Rande dahingestellt.

Demokratie basiert auf «das Volk regiert», wofür man Pressefreiheit braucht, aber Pressefreiheit ohne Recht und Ordnung werde «versagen». «Ohne Recht und Ordnung hast du keine sicheren Wahlen», und wenn das alles fehle, oder «vor unseren Augen zerstört [wird]», dann sei das ein Zeichen dafür, dass die Demokratie zu Ende geht. Mit dieser Einleitung hatte es mir schon «abgeschaltet», aber es wurde nur schlimmer. Der Prediger sprach über Fake News. Wenn die ganze «Mainstream Media» (die Massenmedien) die «exakt selbe Lüge» jedes Mal wiederholen, dann «wirst du die Lüge glauben» (ausser natürlich, man hat die Fähigkeit, sowas zu unterscheiden). Ja, auch das ist mir bereits bekannt. Wiederholung führt dazu, dass man Dinge glaubt. Was mich mehr überrascht, ist, dass es von der «anderen Seite» des Spektrums kommt. Ich habe es nämlich spätestens während Trumps Regierungszeit gehört, da dieser sich konstant wiederholte, wenn nicht schon vorher mit dem Beispiel des Fisches, dem das ganze Leben gesagt wird, er sei dumm, wenn er nicht klettern kann, und der es dann irgendwann glaubt, obwohl er super schwimmen könnte. Seine Ausführungen über die Massenmedien gingen weiter: Nur schon, wenn man die Titel liest, sei es das Gegenteil der Nachricht. Ja, Titelwahl kann schwierig sein, manchmal schreiben Agenturen reisserische Titel, einfach nur, damit sie die Klicks kriegen. Unsere Medienlandschaft ist eben komplex und versucht zu überleben, idealerweise mit etwas Gewinn, auch wenn man viele Ansätze kritisieren kann. Vielleicht ist eine Versammlung gründonnerstagabends nicht der produktivste Ort, aber vielleicht gehören solche Ausführungen auch einfach dazu. Aber hier hat sich nicht nur ein Mann über etwas aufgeregt, sondern er hat aufgebaut: Das Fundament, auf welchem er weiterhin arbeiten wollte, die «bösen Medien», denen man nicht vertrauen kann. Denn es gibt genau eine Lösung, wie die Demokratie überleben könnte.

Trump.

Bei seinen nächsten Aussagen wurde mir klar, welchen Hintergrund dieser Mann hatte. Er sprach über Trump. Er sprach nicht einfach über einen Präsidenten, der die letzte Wahl verloren hatte und vielleicht dieses Mal gewählt wird, oder einen Präsidenten, den er unterstützt hat und gern weiterhin unterstützen würde. Er sprach über einen Mann, den er später mit Jesus vergleichen würde, einer, über den die Medien negativ berichteten, «nur Lügen» verbreiteten. Der Hintergrund dieses Mannes ist nicht «ich unterstütze Trump», er ist nicht «ich bin rechts-konservativ». Eine Demokratie muss diese beiden Dinge aushalten, auch wenn es vielleicht nicht meiner persönlichen Meinung entspricht. Nein, dieser Prediger vertritt Verschwörungstheorien, wie die Verfälschung der letzten US-Präsidenten-Wahl, und verwendet die Wortwahl, die «in dieser Szene» verwendet wird. Dies würde später noch klarer werden.

Ein gewaltfreies Blutbad?

Ganz grossartig, natürlich ironisch, war sein Beispiel, als er sich aufregte, dass Trump über «a bloodbath», ein Blutbad, gesprochen hat. Das sei «aus dem Kontext gerissen» (natürlich, was sonst?), und Trump hätte eigentlich über die Autoindustrie geredet, nicht über Gewalt! Wenn es mir nicht schon vorher «abgestellt» hätte, dann spätestens jetzt. Gewaltverherrlichende Sprache ist gewaltverherrlichende Sprache. Wenn Jesus tausende Menschen zerstampfen soll und wir das cool finden, dann ist das gewaltverherrlichend. Wenn ein Blutbad in der Autoindustrie passieren soll, ist das auch gewaltverherrlichende Sprache, auch wenn es keine «echten» Blutlachen gibt. Wenn wir, wie in einem Lied meiner ehemaligen Gemeinde, singen «Vorwärts im Krieg, vorwärts zum Siege oder Tod», ist das gewaltverherrlichend, auch wenn niemand aus dieser Gemeinde wirklich in einen «blutigen», «realen», «physischen» Krieg gezogen wäre. Diese Wortwahl ist gewaltverherrlichend und brutal, und hat, zumindest meiner Auffassung nach, weder in der Kommunikation eines US-Präsidenten oder einer anderweitig politisch relevanten Person noch in einer Versammlung von Christ:innen etwas zu suchen.

Zensur und Kommunismus

Aber natürlich war das noch nicht alles zur Pressefreiheit. So erklärt der Prediger, andere Menschen sagten, Zensur sei «angeblich» gut, um falsche Informationen zu vermeiden. Aber für ihn seien falsche Informationen eine Art zu sagen: «Wir werden die Wahrheit vor dir verstecken“. Alles, das nicht dem Narrativ der Regierung entspräche, werde unterdrückt. Google, alles, was einen Algorithmus hat (er zählte auf: Instagram, Facebook, Youtube, …), bei alledem sei es eingebaut, dass die Wahrheit unterdrückt wird. (Dass das erst später eingebaut wurde und auch jetzt noch eingebaut wird, da das automatisierte Entdecken von Desinformation weiterhin schwierig ist, scheint hier entweder unbekannt oder nicht relevant zu sein. Ich erwähne es vollständigkeitshalber.) Aber es wurde besser: an den Unis höre man nur noch eine Sache, nämlich «Communism is the way to go», also Kommunismus ist das, was angestrebt werden sollte. «Alle» sagten das heutzutage. «Alle» Rekrutierenden bestätigten dies, wie der Prediger erklärte: Die Einstellung der neuen Generation. Denn die Erwartungshaltung dieser Generation, deren Ziel sei es, die US-Verfassung zu zerstören, die Polizei komplett zu ignorieren. Während ich alles, was ich über die aktuellen Bewegungen in den USA weiss, in meinem Kopf zusammenkratzte, um zu überlegen, wie er auf diese Aussage kam, erklärte unser Prediger uns nun das erste grosse Problem: Offene Grenzen. Namentlich Landesgrenzen.

Das grösste Problem der USA

Der Prediger regt sich nun also auf über illegale Immigranten, denn man könne nicht mehr sagen «illegale Aliens» (es klingt etwas weniger merkwürdig auf Englisch), denn das sei «zu stark, anscheinend». Diese illegalen Immigranten dürften sich ein Jahr lang in den USA aufhalten, erhielten ein kostenloses Mobiltelefon, unlimitiert, eine «gratis» Debitkarte, mit welcher sie 1000-3000 US-Dollar pro Monat ausgeben können («kostenlos»), und wer in den grossen Städten lebe, dürfe «kostenlos» in fünf-Sterne-Hotels leben. Während ich ihm, aus möglicherweise ersichtlichen Gründen, kein Wort glaubte, hatte er sich genug in Rage geredet, um jetzt, sichtlich bewusst, die «illegalen Immigranten» stattdessen als «illegal aliens» zu bezeichnen, also genau die Wortwahl, die man nicht verwenden sollte. Tobias Widmer, der Satz für Satz vorne stehend übersetzte, schaute ihn einen kurzen Moment lang überrascht an, fasste sich aber schnell und verwendete dies dann auch im Deutschen. Und diese «illegalen Aliens» kriegen angeblich kostenlose Krankenversicherungen. Bei US-Amerikaner:innen trifft dies gar nicht zu. Die katastrophale Situation mit den Krankenversicherungen, und wie wenig diese übernehmen (meistens nur Teile), ist seit langer Zeit Teil des öffentlichen Diskurses. Dass jetzt «illegale Immigranten» (die häufig vom ICE fast schon gejagt werden, und nicht immer, wenn überhaupt je, ganz menschlich behandelt) plötzlich kostenlose Krankenversicherungen erhalten sollten, und die Pflegefachkräfte Amerikaner:innen anderer Staaten mitteilen, sie sollen doch sagen, sie seien illegale Immigranten, damit sie auch kostenlos behandelt werden, wage ich jetzt mal zu bezweifeln. Auf jeden Fall sei das alles «komplett gesetzlos». Man spreche sogar darüber, ihnen das Recht zu wählen und Waffen zu tragen zu geben. Ich bin ja kein Amerikaner, aber an diesem Punkt bezweifle ich so ziemlich alles, was dieser Herr zu irgendwas sagt. Meiner Erwartung nach gehöre ich aber zu den Ausnahmen dieser bis zu 300 Personen, die ihm seine Aussagen nicht abnehmen. Er erklärte weiter, dass man das Gefängnis räumen wolle, beispielsweise indem man eine Gesetzesänderung einführe: Wer unter 950 Dollar stehle, soll nur eine Busse bekommen, kein Gefängnis. Heisst, man könnte jeden Tag für 950 Dollar «einkaufen» ohne zu bezahlen, und müsste nur eine Busse blechen. Dass in Rechtsstaaten wiederholte Straftaten tendenziell härter bestraft werden, scheint ihm auch ein fremdes Konzept zu sein. Ja, die Linksradikalen wie BLM (black lives matter) oder Antifa können nach der Ausübung von Gewalt einfach «weglaufen». Lustigerweise übersetzte der deutsche Prediger die beiden Gruppen als «die Linksradikalen». Ich fragte mich, ob er nicht wusste, wofür «BLM» stand (der Prediger hatte nur die Abkürzung gesagt). Anscheinend hätten illegale Immigranten sogar Polizist:innen verprügelt und seien freigelassen worden. Nach der BLM-Bewegung und der Thematisierung von Brutalität, welche die Polizei ausübt («police brutality») kann ich eine solche Aussage als «ziemlich sicher falsch» (oder «aus dem Kontext gerissen») bezeichnen. Ganz extrem formuliert: Wenn sie beispielsweise ins Jenseits freigelassen wurden, nachdem sie Polizist:innen verprügelt haben, stimmt seine Aussage zwar inhaltlich, aber der relevante Kontext ist eben nicht ganz da.

Eine faire Wahl und die Frage nach dem aktuellen US-Präsidenten

Bevor ich mich erholen konnte, ging es weiter mit seinen vermutlich falschen Aussagen: Man brauche keinen Personalausweis, um zu wählen, man werde so nie eine faire Wahl haben, das klang schon stark nach der Verschwörungstheorie: «Trump ist eigentlich Präsident.» Das bestätigte sich im nächsten Satz: «every charge put against president Trump», jede Anklage, die gegen ‚Präsident Trump‘ erhoben wurde, sei sowieso falsch, und «es gibt keine Beweise, dass er einen kriminellen Akt verübt hat». Wir (oder er und die anderen US-Amerikaner:innen) leben in einem Land, das gesetzestreu («lawful») sein sollte, unschuldig bis erwiesenermassen schuldig, aber heute sei es genau umgekehrt. Irgendwie hat er gleichzeitig MeToo als Bewegung verpasst und doch nicht: Er hat von der Bewegung mitbekommen, dass man nicht alle Straftaten beweisen kann, und dass es hier ein Problem gibt, über welches gesprochen wird, aber gleichzeitig hat er nicht mitbekommen, dass die Grundlage der Rechtssprechung selbst sich nicht geändert hat. Es wurde «nur» etwas thematisiert, was bisher von der Rechtssprechung nicht ausreichend diskutiert wurde. Aber es blieb nicht dabei, dass Trump eigentlich unschuldig sei (was er als Satz genau genommen nie sagte: nur, dass es keine Beweise gäbe). Nein, alles, was ihm vorgeworfen würde, seien eigentlich Straftaten, die «the guy who’s currently in the White House», also der Mann, der aktuell im Weissen Haus sei – das heisst, der aktuelle US-Präsident Joe Biden – verübt habe. Dass sie weder seinen Namen noch seine Rolle (Präsident) nannten, sondern nur, wo er sich befindet, würde alleinstehend bereits reichen für die Schlussfolgerung, dass sie die Verschwörungstheorie vertreten, dass Trump dennoch gewählt worden sei. Aber das in Kombination mit dem Rest? Ja, sogar das FBI habe geholfen, die Demokratie zu kontrollieren, alle Ebenen der Macht seien korrupt, und wenn es so weitergehe, «glaube ich gar nicht, dass wir es bis zu den Wahlen im November schaffen», und wenn die USA falle, werden alle Demokratien der Welt zusammenstürzen, wie er erklärt. Seine Ausführungen beendete er mit der Information, er hoffe, er habe uns «einen kleinen Eindruck gegeben, wie böse dies ist, wie die Demokratie vor unseren Augen zerstört wird». Tobias Widmer fügte an, dass es sich hier um ein «wichtiges Zeichen der Zeit» handle, und der US-amerikanische Prediger entfernte sich wieder vom Podium.

Die Zeichen am Himmel

Eine «Pause» von diesem sehr anstrengenden, äusserst politischen Gottesdienst offenbarte sich im Rahmen eines neuen Kapitels: Gottes Zeichen im Himmel. Ein Alternativbegriff meinerseits: christliche Astrologie. (kleine Erinnerung für die, welche es andauernd verwechseln, wie ich lange: Astronomie ist die Wissenschaft, die sich mit den eigentlichen Bewegungen und dem «messbaren» auseinandersetzt, Astrologie ist die Pseudowissenschaft, die aber auch in anderen Kulturen eingesetzt wird). Denn jedes Mal, wenn etwas Grossartiges passiert, wie beispielsweise der Auszug aus Ägypten, gibt Gott am Himmel irgendein Zeichen. Beispielsweise wird der Himmel bedeckt und die Sterne verdunkelt. Auf einer Karte der USA, die gezeigt wird, sehen wir den Verlauf einer Sonnenfinsternis des Jahres 2017, die nur über die USA ging. Auf diesem Pfad liegen sechs von sieben «Salems» (Städten mit demselben Namen, der wohl «Friede» bedeutet), und da die Sonnenfinsternis 2017 stattfand, und dies das erste Jahr von Trumps Regierung war, interpretierten sie dies als «Gott hat einen Mann eingesetzt, um Frieden in dieses Land zu bringen» (gemeint war natürlich Trump), und in diesem Jahr habe es keinen Krieg, sichere Grenzen, und viele andere Dinge, die das Land sicher machten, gegeben. Dies war eine Warnung von Gott, aber der Friede wurde in den Folgejahren vollständig vom Land weggenommen, «verdunkelt» mit den innenpolitischen «Kriegen», der «Bosheit», und dies gipfelte, so Tobias Widmer, im «grossen Wahlbetrug im Jahr 2020». Der Mann, der dort eingesetzt wurde (Biden), sei «für alles andere als für Frieden», und Gott habe uns mit der Sonnenfinsternis gewarnt und gesagt, der Friede soll kommen, aber weggenommen werden. Am 8. April 2024 gibt es wieder eine totale Sonnenfinsternis, die mit der Sonnenfinsternis von 2017 ein Kreuz bildet, und durch Mexiko, die USA und Kanada geht: Die USA wurde also mit einem Kreuz markiert und wird ausgelöscht, für Gottes Gericht markiert. Das letzte Mal, dass dies geschah, war 1807 und 1811, und nach diesem Kreuz (drei Monate später) gab es das grösste Erdbeben der Geschichte der USA. «Wir werden sehen, was der Herr diesmal tut», erklärte Tobias Widmer.

Die bösen Einwanderer und Städte der USA

Das grösste Problem, die Einwanderung, die eigentlich eine Invasion ist (anscheinend), und über einen sogenannten «Eagle Pass» kommen, welcher übrigens von der Sonnenfinsternis verdeckt sein wird. Die gewalttätigen, illegalen Einwanderer sind «finster, darum gibt es eine Finsternis». Auf der Sonnenbahn lagen übrigens auch Städte mit Namen «Jonah» (wie der Mann der Bibel, welche sich weigerte, Niniveh zu bekehren, und dann von einem Wal dorthin geliefert wurde), und «Niniveh», wobei zwei davon auf der Strecke lagen und viele weitere «ringsum». Die Frage des Predigers: «Ist das nicht erstaunlich?» würde ich beantworten mit: Wenn so viele Städte denselben Namen tragen, ist es eigentlich nicht erstaunlich, nein. Nach einer kurzen Ausführung über die Sonnenfinsternis über Niniveh, welche auf die Warnung Gottes gehört haben und sich bekehrten, und der Erklärung, dass wir nicht auf die Warnung gehört hätten, kam etwas «Positives» in diesem X der beiden Sonnenfinsternislaufbahnen: Eine Stadt namens «Rapture», «Entrückung». Neben dem Pfad habe jemand eine Arche Noah nach biblischem Mass nachgebaut. Das Gebiet, in welchem das X sich befand, heisst wohl «little egypt». Diese vielen kleinen Zufälle sollen Gottes Hand im Rahmen dieser Endzeit zeigen. Man könnte fast, wenn man viel Fantasie hat, sich vorstellen, dass die Menschen, welche die Städte benannten, einfach sehr christlich geprägt waren und entsprechende Namen verwendeten. Aber vielleicht ist das ja zu weit hergeholt.

Himmlischer Zufall oder göttliches Line-Up?

Am Tage der Sonnenfinsternis reihen sich alle sieben Planeten mit der Sonnenfinsternis. Toll war seine Erklärung zu «warum nur sieben Planeten», nämlich weil wir auf dem achten bereits sind (die Erde). An genau diesem Tag, dem 08.04.2024, komme noch ein Eindringling, ein besonderer Komet, der nur alle 71 Jahre kommt, und 100x heller als üblich ist, wegen verschiedener Explosionen. Der Komet ist noch wichtiger, da er spasseshalber «Teufelskomet» genannt wird (er sieht aus wie ein Teufel mit zwei Hörnern). Denn «der Teufel möchte immer seine Nase reinstecken und sich überall in das einmischen, was Gott tut». Dass das Auftauchen eines Kometen auch Gottes Werk sein könnte, wird nicht diskutiert. Aber wenn Gottes Gericht kommt, wird er «nicht nur die Erde richten, nein, der ganze Himmel wird erschüttert werden». Da der Himmel bereits in guter Lage sein wird, wie’s scheint, hoffe ich, die Erde wird nicht zu stark erschüttert. Denn Tobias Widmer endete mit: «Die Zeit ist wirklich nahe», «wir wissen nicht», aber «wir werden sehen, was in den nächsten Wochen, Monaten geschieht». «Die Zeit ist wirklich nahe», so endete er seine Predigt, und ich mache mir etwas Sorgen, um die Leute, die vermutlich enttäuscht werden wie so unendlich viele vor ihnen.

Publikumsfrage nach den USA und Abschluss

Nachdem die Predigt geendet hatte, beteten einige Personen, und jemand fragte nach, warum alle Demokratien zusammenfallen, wenn die Demokratie in den USA zusammenfällt. Ein Mann, der bisher nicht gesprochen hat, ein älterer US-Amerikaner ebenfalls asiatischen Aussehens, beantwortet diese Frage auf Deutsch (meine Einschätzung: enorm beeindruckend vom Sprachlevel her). Nach einer langen Ausführung, die für mich nichts mit der Frage zu tun hatte, einem Jesus = Trump-Vergleich (beide wollen die Welt, die Menschheit retten, und werden bzw. wurden gehasst, obwohl sie nichts getan haben), wurde die Sache klar: Trump hätte den Globalismus stoppen sollen, und wenn die USA fällt, dann fallen alle Nationen; nicht weil die USA so wichtig war, sondern weil Gott das Land eingesetzt hat, um Frieden zu halten (was gewissermassen schon darauf hinausläuft, dass die USA wichtig war/ist). Er betonte, dass der Stein den Fuss trifft, nicht den Kopf, weil dann alles einstürzt. Dass «Himmlisches Jerusalem» kreationistisch tendiert, also an die Schöpfung nur durch Gott glaubt, wurde auch angehaucht. Der ältere Herr meinte, die ganze Schöpfung hört auf Gott, ausser die Menschen. Grossartig fand ich folgendes Zitat: «Die Menschen kommen von Affen? Wenn ich ein Affe bin, bin ich beleidigt!» Es entspricht zwar weder der Evolutionstheorie noch stelle ich mir vor, dass Tiere in diesem Sinne auf Gott hören (wenn überhaupt), aber ein paar Witze nach dieser Predigt sind besser als keine Witze.

Zum Schluss wurde noch gesungen. Diesmal wurde zwar der Liedtext angezeigt, aber dafür klappte die Tonübertragung nicht mehr. Der Text handelte vom «Bräutigam» (Jesus), der die «Braut» (Gemeinde) holen soll (=entrücken). Die Versammlung wurde offiziell beendet mit den Worten. «Morgen früh selber Ort um 10, lobe den Herrn. Maranatha!», was wohl so viel heisst wie «[Unser] Herr, komm», also quasi «Jesus, komm zu uns!».

Das «Auslaufen»: Interaktionen der Gemeindemitglieder untereinander

Da die Kamera auf den Versammlungsort wieder freigeschaltet war, zählte ich kurz durch. Es waren etwas über 120 Personen. Ein Baby wurde durch den Raum getragen und begann später zu schreien – nicht überraschend, donnerstagabends um 10. Personen umarmten sich – meiner Meinung als ehemalige «sehr konservativ denkende Freikirchlerin» nach – zu intensiv, wenn auch nicht alle, dann doch mehr als erwartet. Im Zoomcall entsteht ein Gespräch zwischen einem älteren Pärchen und einem Spanier. Das Pärchen ist wohl nach Malaga umgezogen. Anfangs fragte ich mich, ob sie fürs Evangelisieren dorthin gezogen sind. Jetzt frage ich mich, ob sie mit der Endzeiterwartung «Geniessen wir das Leben noch, solange wir noch auf der Erde sind» nach Malaga umgezogen sind, natürlich mit der Restriktion, so viel wie möglich im Glauben zu wachsen. Ein anderes Pärchen sei auch dorthin gezogen. Im Versammlungssaal läuft ein rund 10- oder 12-jähriges Kind zu Tobias Widmer, während es mit einem Tennisball spielt. Tobias spielt kurz mit ihm, lacht fröhlich, das Kind scheint froh, und haut den Tennisball so fest auf den Boden, dass ich Angst habe, der Ball macht beim Hochfliegen die Kamera versehentlich kaputt. Der Ball landet, ohne Schaden verursacht zu haben, und das Kind verschwindet wieder. Ein Zoomteilnehmer verabschiedet sich aus der Konservation mit «Amen halleluja! Lobe den Herrn. Bis morgen. Amen!» Während «Amen» ja durchaus «so sei es» bedeutet, ist es für mich sehr bizarr, das in einer Verabschiedung unter Bekannten oder Freund:innen zu verwenden.

Zwei andere Gemeindemitglieder begannen eine Konservation. F. erzählt, er hat eine kleine Zusammenstellung gemacht, und stellt B. einige Verständnisfragen. Er fragte beispielsweise nach, ob der Teufelskomet, der hundert Mal heller wäre, hundert Mal heller als normal oder hundert Mal heller im Vergleich zu den Planeten sei. Der Grund, warum Gott die Füsse der Statue (also die USA) kaputt macht, war, wie sie diskutierten, weil der Kopf ja schon in der Vergangenheit liegt. Die beiden diskutierten noch eine Weile länger, und es war klar, dass sie erwarteten, bereits in den sieben Jahren Trübsal zu sein. Heisst: Die Mitte der «Woche», dieser sieben Jahre, wenn die Entrückung stattfindet und der Antichrist auftaucht, könnte schon «sehr sehr bald» sein. Aber vorbei kann die Mitte der «Woche» noch nicht sein, heisst also, es kann nicht bereits 2020 angefangen haben. Einer empfahl dem anderen noch einen YouTube-Kanal, wobei ihre Diskussion dazu, wie dieser aufgefunden werden könnte, etwas länger dauerte als wenn ich mich mit Freund:innen austauschen würde. Dass das @ eine Kennzeichnung ist, auf welche ein Benutzername folgt, schienen sie nicht zu wissen. Entsprechend muss ich davon ausgehen, dass sie eher ältere Menschen oder technisch weniger talentierte Menschen sind (was sich ja nicht gegenseitig bedingt). Ich fand’s sehr süss, traute mich aber nicht, ihr Gespräch zu unterbrechen. Im Chat konnte man es auch nicht schreiben, da nur die Option, den Versammlungsleitenden (also «dem Host») zu schreiben, bestand.

Ein besorgtes Fazit

Als Fazit muss ich schliessen: Diese Gemeinde vertritt nicht nur seit bald 10 Jahren, d.h. seit ihrer Entstehung 2015, die Auffassung, dass Jesus bald kommt, sondern gehen davon aus, dass es weniger als sieben Jahre dauert. Es wirkt auf mich, als würden sie regelmässig auszurechnen versuchen – auch wenn sie das natürlich nicht sagen – wann die Entrückung stattfindet. Auf ihrer App «Berg Zion» gibt es auch einen «Countdown», den man einstellen kann: Man gibt einfach den Tag ein, wo man denkt, dass die «letzte Woche» (also die sieben Jahre Trübsal) begonnen haben, und dann läuft der Countdown. Es scheint zwar nicht so schlimm zu sein, dass sie gar keine Kinder mehr produzieren (es gab ja immerhin ein Baby), aber ältere Pärchen, die nach Malaga umziehen, möglicherweise weil es sich nicht lohnt, noch zu sparen, das Vertreten von Verschwörungstheorien, die gewaltverherrlichende Sprache, vor allem auch in ihren Videos, eine Erwartung, dass es jederzeit, und zwar innerhalb der nächsten 7 Jahre, zu Ende geht, die Internationalität, die eine gewisse Unvorhersehbarkeit impliziert; dies alles gibt mir zu bedenken. Ich weiss nicht, wie gross sie sind, abgesehen von diesen knapp 300 Personen, aber schon diese Gruppe bereitet mir Sorgen. Was wird passieren, wenn nichts passiert? Werden Personen enttäuscht in einen alten Trott zurückfallen? Werden sie nach mehr suchen? Das hängt vermutlich auch davon ab, wie viel sie verloren haben. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der einzelnen Mitglieder.

Angela Heldstab, 02.04.2024

Lexikoneintrag Himmlisches Jerusalem

Besuch beim «Königreich Deutschland» in Gossau SG

Das Königreich Deutschland expandiert in die Schweiz. Was klingt, wie ein abstruse Dystopie, ist in den letzten Wochen zur Realität geworden. Erleichtert atmet man auf, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass Deutschland kein Königreich ist und dass es sich beim «Königreich» um einen Fantasiestaat handelt. Gleichwohl beunruhigend ist die Tatsache, dass sich dieser aus Staatsverweigerern und Reichsbürgern zusammensetzt, welche die Legitimität von Nationalstaaten weitgehend ablehnen. Berechtigterweise fragt man sich, warum nun gerade ein «Königreich» und dann auch noch ein deutsches, die Schweiz für sich entdeckt hat. Vermutet wird vor allem ein Grund: Geld. Wir hoffen, mehr zu den Motiven der Bewegung zu erfahren, als wir uns auf den Weg nach Gossau SG machen, um dort unter anderem Peter Fitzek, den selbsternannten «König» der Gruppe zu erleben.

Königlicher Treffpunkt

Leuchtturm. Diese unverfängliche Aufschrift springt uns auf einem Schild entgegen, das zum Eingang des Hofstadls Gossau zeigt. Am Tag zuvor haben wir erfahren, dass die Veranstaltung mit dem Namen «Ausrichten, Aufbauen, Netzwerken» dort stattfinden wird. Der Ort sollte so lange wie möglich geheim bleiben, damit nur «geladene Gäste» erscheinen, heisst es in der Bestätigungsmail. Damit meint es die Anhängerhaft des Königreich Deutschlands ernst, denn unmittelbar nachdem wir das urige Gebäude betreten haben, müssen wir unsere Namen nennen. Auf einer Liste wird pflichtbewusst abgehakt. Als wir aufblicken, sehen wir ein bekanntes Gesicht auf uns zu hasten: Joel F., der offizielle Botschafter des Königreichs Deutschland in der Schweiz. Er organisiert Wanderungen, Treffen und ist «begeistert» vom Königreich, für das er in der Telegramgruppe «Mein LEUCHT-TURM» kräftig die Werbetrommel rührt. Deshalb war er vor kurzem in mehreren Fernsehbeiträgen zu sehen, die sich mit der Ausbreitung des «Königreichs» in die Schweiz beschäftigten. Strahlend schüttelt er uns die Hand und stellt sich vor – scheinbar vollkommen unbeeindruckt von der Tatsache, dass auch eins unserer Gesichter in demselben Fernsehbeitrag zu sehen war.

Ein Schweizer für ein Königreich

Joel führt uns durch den angemieteten Raum des Hofstadls. Auf einer kleinen Bühne steht ein Bildschirm, auf dem das Wappen des Königreichs im Grossformat eingeblendet ist. Vor der Bühne sind Stuhlreihen aufgebaut. Es haben sich ungefähr 60 Personen versammelt, als Joel als erster Redner auf die Bühne steigt. Zu unserer Überraschung beginnt er seinen Beitrag damit, den Fernsehbeitrag zu kommentieren. Sich selbst im Fernsehen zu sehen – damit habe er nicht gerechnet. Amüsiert erzählt er, dass er zwischen Trump und Putin gezeigt worden sei. Die Anwesenden applaudieren und scheinen seine Erheiterung zu teilen. Sichtbar getroffen von den investigativen Recherchen des SRF, betont Joel, dass am heutigen Tag keinerlei Ton- und Bildaufnahmen gestattet seien. Wir lassen unseren Blick durch den Raum gleiten. Fast alle Teilnehmenden sind über 40, viele befinden sich im Altersspektrum von 50 bis 70 Jahren. Es sind ähnlich viele Frauen und Männer vor Ort.

Königliche Begleitung

Unser Blick bleibt an der Entourage Peter Fitzeks hängen. Mindestens fünf Personen scheinen ihm bei dem Anlass zur Seite zu stehen. Britta und Holger stehen schon neben der Bühne bereit, um Joel abzulösen. Britta, die als «Vortragsredner & Multitalent» auf der Leuchtturm-Website aufgeführt ist, erwidert meinen Blick. Irritiert sieht sie Holger («Sprecher & Volksvernetzer») an und flüstert ihm etwas ins Ohr. Man scheint uns erkannt zu haben. Die beiden gehen auf die Bühne und erklären einführend, dass es heute um Vernetzung gehen soll. Man solle die Chance nutzen, andere Menschen kennenzulernen und das Königreich als «Inspiration» für die Schweiz in Betracht ziehen. Vor allem aber dürfe man sich freuen, dass König Peter selbst anwesend sei und zu uns sprechen wird. Die beiden lassen uns für die restliche Veranstaltung nicht aus den Augen, sie positionieren sich oft direkt neben uns oder beobachten uns aus der Ferne.

Die Anderen, die Defizite                                                                                                 

Wenige Minuten später thront König Peter auf einem Barhocker auf der Bühne. Sein blumengeziertes blau-grünes Hemd und seine charakteristische Zopf-Frisur lassen ihn aussehen, als sei er gerade aus dem Mallorca-Urlaub gekommen. Alle Augenpaare sind auf ihn gerichtet. Bei seinem Vortrag, das heisst, dem Schwank aus seinem Leben, den er mit uns teilt, beginnt er ganz von vorne: In seiner Kindheit. Diese sei nicht immer leicht gewesen. Dafür sieht er seine Familie in der Verantwortung, die teils durch ihr Verhalten oder durch Einschränkungen kein Vorbild für ihn war. Seine Mutter habe eine körperliche Beeinträchtigung gehabt, sein Vater sei Raucher und Trinker gewesen, seine Schwester habe sich vor lauter Nervosität ihre Fingernägel zwanghaft abgekaut und seine Cousine beschreibt er zu guter Letzt als «geistig umnachtet». So sei er in der Schule gehänselt worden. Dazu habe auch seine Hornbrille beigetragen – schliesslich waren in den 80er Jahren Kontaktlinsen noch wenig verbreitet. Fitzek redet sich in Rage – man kann die Abscheu gegenüber seiner familiären Ausgangslage förmlich greifen.

Blind für Magie

Allerdings gibt es einen Wendepunkt in der Geschichte. Fitzek stellt dar, wie er von jeder Person etwas gelernt habe: So zu sein, wie sie es nicht waren. Besser. Schlauer. Stärker. Er habe Kampfsport betrieben, um körperlich fit zu sein, und sich früh autodidaktisch zu naturwissenschaftlichen Themen weitergebildet. Das genügte ihm allerdings nicht. Sein grosses Ziel bestand darin, ein Mädchen zu küssen. Dem stand seine Hornbrille im Weg und so liess er sich etwas einfallen. Wochenlang absolvierte er Konzentrationsübungen, um seine Sicht zu verbessern. In dieser Zeit stiess er auf Bücher, mit denen übernatürliche Fähigkeiten erlernt werden konnten – sein ganzes Potenzial ausschöpfen, darum ging es ihm. So soll es dazu gekommen sein, dass er – wunderähnlich – seine minus fünf Dioptrien besiegt und eine perfekte Sicht erhalten hat. Er berichtet über die Verwunderung von Ärzten und seines Umfelds, darüber, wie engstirnig sie alle gewesen seien.

Kein Zaubern ohne gutes Karma

Im Gegensatz zu ihm wüssten sie nichts von Menschen in Indien, die 150 Jahre alt werden, die erst schwarze, dann weisse und dann gelbe Haare bekämen. Die zaubern können und sich nicht wie hier von gesellschaftlichen Zwängen formen und einschränken liessen. Er sei diesen Menschen auf einer Reise begegnet, zu einem Zeitpunkt, an dem er seine magischen Kräfte schon stark weiterentwickelt habe. Dort sei er jedoch einem dunklen Magier begegnet, der ihm mit einem Blick seine Kräfte entzogen habe. Später sei für Fitzek klar geworden, dass er die Kräfte verlor, weil er sie für falsche Zwecke eingesetzt hätte. Seine andere Strafe für die Zauberei sei sein erster Gefängnisaufenthalt gewesen. Er macht eine beruhigende Geste, als er erklärt, dass heute seine Kräfte – inklusive Telepathie – wieder zurückgekehrt seien. Er ist dennoch erschüttert von der Beschränktheit der anderen, die laut ihm darin gipfelte, bei einer Spezialeinheit der Bundeswehr abgelehnt worden zu sein. So sei er, trotz seiner mittlerweile einwandfreien Sicht, wegen eines früheren Arztberichts abgewiesen worden, in dem seine Sehschwäche dokumentiert ist. Was Fitzek darstellen will, ist klar. Die Unzulänglichkeit von Fachkräften, die zur Einhaltung von Regeln über das Offensichtliche hinwegsehen. Die Medizin ist nicht der einzige gesellschaftliche Bereich, der sein Fett abkriegt. In seinem Monolog folgen Ausschweifungen über Schule und Staat, über Medien und sogar dem Königreich nahestehende Bewegungen.

Verschwörungstheorien aus dem Bilderbuch

Fitzek verstrickt sich in der nächsten Stunde in diverse Verschwörungstheorien. Im Vordergrund steht, wenig überraschend, dass Staaten illegitim seien und wir alle von geheimen Mächten gelenkt würden. Es handle sich dabei um eine jüdische Gruppe, die uns regiere. Relativierend betont er, dass die allermeisten Jüdinnen und Juden gar nichts von diesem Komplott wüssten. Zum zweiten grossen Thema macht er die «satanische» Verschwörung, bei der Kinder angeblich strukturell von politischen Amtsträgern misshandelt würden. Fitzek hat dazu einen besonderen Bezug, weil seine ehemalige Lebensgefährtin angeblich Opfer dieses satanistischen Missbrauchsrings gewesen sei. Das Wort Satanist benutzt er im Verlauf seines Auftritts für verschiedenste andere Menschen: Medienschaffende, Lehrpersonen, Ärztinnen und Ärzte. Eigentlich für alle, die sich nicht seinen Ideen zugeneigt fühlen.

Die Schweiz als Schlupfloch

An den Vortrag Fitzeks angeschlossen besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Interessant wird es, als ein Mann fragt, was Fitzek eigentlich in die Schweiz bringt. Gespannt horchen wir auf, als er zu erzählen beginnt. Wir sind auf vieles gefasst, aber nicht auf eine solch ehrliche Antwort. In wenigen Sätzen erklärt Fitzek klipp und klar, dass die Schweiz für ihn eine Art Zufluchtsort darstellt. Dem Druck der deutschen Behörden kann und will er scheinbar nicht mehr standhalten. Solche Veranstaltungen wie heute seien in Deutschland wegen der starken Polizeipräsenz kaum mehr möglich. Zudem würden mittlerweile selbst seine Vertretungen keine Bankkonti mehr für ihn aufmachen können – so genau habe man ihn im Blick. In der Schweiz sei das alles kein Problem. Und man erfahre ja Unterstützung. Bereits über 170 Leute aus der Schweiz seien dem Königreich beigetreten, 177 oder 178, ganz sicher sei er sich gerade nicht. Besonders attraktiv mache die Schweiz für ihn, wie er hier als Ausländer behandelt wird. Die zehn Prozent Quellensteuer verschmerze man gut und ein Unternehmen gründe sich schnell. Begeistert erzählt er, wie ansprechend er den vergleichsweise hohen Stellenwert von Privatbesitz in der Schweiz findet. Er plant, das auszunutzen, indem er sich bei einem Schweizer «Sender» einkauft. So, glaubt er, könne man seine Inhalte nicht (mehr) zensieren. Kurze Zeit später berichtet er, sich morgen mit Norbert Brakenwagen zu treffen. Dieser führt den Sender «timetodotv», auf dem esoterische, pseudowissenschaftliche und verschwörungstheoretische Inhalte geteilt werden. Ob Fitzek dort Fuss fassen will, bleibt unklar. Er kündigt jedenfalls an, vom 22.-26. Mai wieder in der Schweiz sein zu wollen, für ein neues Projekt.

Eine Welt voller Angsthasen

Im Anschluss an seine Lobeshymne berichtet Fitzek jedoch von einem weniger erfreulichen Versuch der Zusammenarbeit mit der Schweiz. Er habe mit Aletheia Kontakt gehabt, einem schweizerischen «Gesundheitsnetzwerk», das sich mehrheitlich aus kritischen Stimmen zu den Corona-Massnahmen formiert hat. Fitzek erzählt, dass 16 Personen aus dem Vorstand von Aletheia zu ihm nach Wittenberg gereist seien, um sich zusammen zu überlegen, wie man der schweizerischen Krankenversicherungspflicht aus dem Weg gehen kann. Aletheia hätte zu diesem Zweck bereits mit juristischen Fachpersonen diskutiert, die jedoch keine Gesetzeslücke finden konnten. Anders sei das bei Fitzek gewesen, der in kürzester Zeit gleich mehrere Lücken entdeckt und Aletheia mitgeteilt habe. Er wisse genau, wie man der Grundversicherungspflicht entgehen könne. «Und wie geht das?» ruft jemand aus dem Publikum, bevor Fitzek weiterreden kann. Er antwortet, dass man ja sein zweitägiges Seminar besuchen könne und widmet sich wieder Aletheia. Er habe die Gruppe, über die Entdeckung der Gesetzeslücke hinaus, auf das erfolgreich laufende Geschäft mit seiner Gesundheitskasse hingewiesen, die pro 1000 Mitglieder 10.000 Euro Überschuss produziere. Er bot ihnen an, etwas ähnliches auf die Beine zu stellen – selbstverständlich zum Preis einer kleinen prozentualen Abgabe an ihn selbst. Aletheia lehnte ab, wie Fitzek sagt, weil sie sich noch nicht getraut hätten. So gehe es ihm mit vielen Menschen: Er biete Lösungen an, für die die meisten Menschen schlicht und einfach noch nicht bereit seien.

Der Unfehlbare

Wer Peter Fitzek schon mal gegoogelt hat, stellt sich unweigerlich die Frage, wie jemand, der in Windeseile nicht vorhandene Gesetzeslücken zu finden glaubt und darüber hinaus magische Kräfte haben will, schon mehrmals im Gefängnis gelandet ist. Hätte er dies nicht verhindern können, so mächtig und schlau, wie er sich beschreibt? Diese Kontroverse scheint Fitzek vorwegnehmen zu wollen, als erklärt, dass alle Haftstrafen immer nur dann zustande gekommen seien, wenn er das auch so gewollt habe. Für seine Mission wäre es manchmal viel zu gefährlich gewesen, nicht ins Gefängnis zu gehen. So wären all die Ideen, wegen denen er angeklagt wurde, für andere zugänglich geworden. Man hätte gesehen, dass sein Vorgehen funktioniert, dass man damit durchkommen kann. Nachahmungsaktionen wären unausweichlich gewesen. Er habe also immer die volle Kontrolle darüber, ob er ins Gefängnis muss oder nicht. Eine andere Kontroverse umgeht er indirekt: Während der gesamten zwei Stunden beschwört er Veränderungen, einen persönlichen und gesellschaftlichen Wandel. Der Weg, diesen Wandel möglich zu machen, lässt er offen. Das Offensichtliche wird ausgelassen: Mit keinem Wort wirbt er für einen Beitritt zum Königreich Deutschland. Das Publikum soll selbst darauf kommen, dass dies eine Option ist, keiner soll sich gedrängt fühlen. Dem von den Medien vermittelten Bild eines gierigen und nach neuer Gefolgschaft lechzendem König wirkt er so entgegen.

Leise Zweifel

Eine weitere Frage wird von einer Frau gestellt, die mit leiser Stimme ihr Problem schildert. So leise, dass die anderen sie nicht verstehen. Rufe hallen durch den Saal: «Lauter, lauter!». Verunsichert blickt sie sich um und steht auf. «Nein, nicht aufstehen, du sollst lauter sprechen!» erklärt jemand anders. Sichtlich errötet setzt sich die Dame hin und beginnt von Neuem. Sie habe eben keine so laute Stimme, erklärt sie zu Anfang. Sie habe jedoch ein praktisches Problem, dass sie dringend besprechen müsste. Und so beginnt sie zu erzählen, dass sie sich bereits 2021 aus Deutschland «abgemeldet» habe, danach eine Weile im Österreich im Bus gelebt und nun in der Schweiz angekommen sei. Sie habe auch nie Probleme mit Behörden gehabt, denn sie war ja so gut wie von der Bildfläche verschwunden. Jedoch hatte sie sich im Zuge ihres neuen Lebensstils für einen Jobwechsel entschieden: Von einer respektablen Position bei einem der grössten Wirtschaftssoftware-Unternehmen zu einem selbstständigen Dasein, scheinbar im spirituellen Coaching-Bereich. Diese neue Unternehmung hat, im Gegensatz zu ihr, eine Adresse. Das sei ihr nun zum Verhängnis geworden. Denn ihr Ex-Mann, beziehungsweise sein Anwalt, kommuniziere nun mit ihr über die Adresse ihrer Firma, in dem Wissen, dass es ihre einzige Anschrift ist. In den Briefwechseln gehe es um Geld, aber auch um die gemeinsamen Kinder, über die der Mann nun das medizinische Bestimmungsrecht der Kinder erhalten will. Er sei nämlich, im Gegensatz zu ihr, kein Impfgegner und wolle die Kinder «spritzen», wie es die Dame ausdrückt.

Frage ohne Antwort

Raunen geht durch den Saal und erwartungsvolle Blicke richten sich auf Fitzek. Zugegebenermassen hat die Frau nicht wirklich eine konkrete Frage gestellt. Ihr Anliegen steht dennoch in die Luft geschrieben: Was soll sie jetzt bloss tun? Fitzek reagiert verhältnismässig barsch und kanzelt sie regelrecht ab. Sowas könne hier in diesem Rahmen nicht besprochen werden, sie könne ja ein Systemausstiegs-Seminar besuchen, vielleicht werde ihr dann manches klarer. Die Dame versucht noch ein paarmal eine Antwort zu erhalten, bis Fitzek irgendwann entschieden fragt, ob noch jemand anders eine Frage hat.

Käse und Kuchen

Es wird Zeit für die Pause und Holger erklärt, dass es nun Kaffee und Kuchen gebe – auf Spendenbasis. Immerhin kann jede und jeder selbst entscheiden, wie viel er nach den 77 Euro, die das Event gekostet hat, noch für Verpflegung ausgeben möchte. Die Dame von eben fragt in die Runde, ob der Kuchen denn auch vegan sei. Eine Antwort erhält sie nicht. Stattdessen geht Holger auf eine andere Spezialität des Königreichs ein, die man hier vor Ort erwerben könne: mRNA-freien Käse. «Warum essen wir überhaupt Tiere?» klingt es aus der Richtung der nun deutlich verärgerten Dame, auf die wieder niemand reagiert. Holger macht nun darauf aufmerksam, dass man sich in der Pause vernetzen soll. Er hält ein DinA4-Blatt hoch: Man könne auch ganz niederschwellig eine Staatszugehörigkeit beantragen. Als die Pause beginnt, machen wir uns auf den Weg. Brittas Blicke sind immer bohrender geworden, sie wirkt herausfordernd. Wir atmen tief durch als wir wieder auf dem Parkplatz ankommen. Wir schauen auf Autos aus dem Aargau, aus St. Gallen, aus Zürich und aus Deutschland. Uns scheint niemand gefolgt zu sein, als wir losfahren und das Königreich Deutschland weit hinter uns lassen.

Julia Sulzmann, 27. März 2024

Lexikoneintrag Königreich Deutschland

Infobroschüre zum Salafismus

Der Mordversuch eines salafistisch radikalisierten 15-Jährigen an einem orthodoxen Juden in Zürich hat wieder deutlich vor Augen geführt, wie problematisch sich salafistische Propaganda bei jungen Menschen auswirken kann. Salafistinnen und vor allem Salafisten nutzen alle Kanäle, um Jugendliche für ihre Botschaft zu gewinnen und gegen die moderne Gesellschaft zu radikalisieren. Insbesondere Tiktok stellt ein bevorzugtes Medium salafistischer Prediger dar. Bei Relinfo haben die Anfragen von besorgten Eltern, deren Kinder sich salafistische Botschaften ansehen, in den letzten Monaten deutlich zugenommen.

Wie merken wir, wenn Angehörige sich dem Salafismus öffnen? Was sind die typischen Merkmale des Salafismus? Wo liegen die Gefahren? Was können wir tun, wenn Angehörige durch Salafismus betroffen sind?

Diese Fragen beantwortet die neueste Infobroschüre von Relinfo zum Thema Salafismus:

http://www.relinfo.ch/wp-content/uploads/2024/03/Infobroschuere_Salafismus.pdf