Am 04.12.2025 wurde der britische Conspiritualist David Icke von dem Podcaster Liam Tuffs interviewt. Tuffs ist mit 300,000 Abonnierten auf YouTube für seine «tabulosen» Inhalte bekannt. Er redet mit seinen Gästen über True Crime, Kampfsport und sozialpolitische Themen. So sprach er schon mit ehemaligen Gang-Mitgliedern, einem Pornostar, einem Männlichkeits-Coach und einem Profi-Kampfsportler. Er betont immer wieder, er würde sich mit seinem Podcast für Meinungsfreiheit einsetzten und Themen behandeln, die der «Mainstream» ignoriert. Sein dreistündiges Interview mit Icke ist als «Most Controversial Interview Yet» betitelt.
Der ehemalige britische Fussballer David Icke ist seit den neunziger Jahren einer der einflussreichsten Verschwörungstheoretiker im englischsprachigen Raum, sozusagen ein Trendsetter der Szene. In seinen Lehren verbindet er Verschwörungstheorien mit New-Age-Spiritualität. Was er im Interview erzählt, kann Aussenstehenden einen umfassenden Überblick über die Landschaft der modernen Verschwörungstheorien geben. Ein Spaziergang, der sich lohnen kann, um seine Anhängenden besser zu verstehen und so einen Schritt auf sie zuzugehen. Denn auch im deutschsprachigen Raum ist zu beobachten, wie Ideen von Icke, teilweise unverändert, von populären Personen wiedergegeben werden.
Icke (geb. 1952, Leicester) musste seine sportliche Laufbahn als Torwart im Alter von 21 Jahren abbrechen. Die dafür verantwortliche rheumatoide Arthritis veranlasste ihn damals auch, sich mit alternativen Heilmethoden zu befassen und später mit Verschwörungstheorien. Er präsentierte sich im Interview seriös, in einfachem Hemd und Pullover.
Das Weltbild von David Icke im Überblick
Icke lässt sich in die «Conspirituality»-Bewegung einordnen, welche New-Age-Spiritualität und Verschwörungstheorien vermischt. In seinen Veröffentlichungen wurde er anfangs von dem theosophischen Medium Deborah Shaw beeinflusst. Die wichtigsten Aspekte seines Weltbilds zusammengefasst:
- Viele berühmte Persönlichkeiten sind humanoide Reptilien-Aliens vom Draco Sternbild, die ihre Gestalt wandeln können und pädophil sind
- Es steht eine faschistische «Neue Weltordnung» bevor (unter der Leitung dieser Reptilien-Aliens)
- Die meisten politischen Ereignisse sind von der «Globalen Elite» inszeniert (beispielsweise 9/11, Erderwärmung oder der Tod von Prinzessin Diana)
- Reinkarnation existiert
- Alle sind verbunden durch ein kollektives Bewusstsein
- Wir leben im modalen Realismus (ausserhalb der wahrnehmbaren Welt befinden sich weitere Welten) mit unendlich vielen Dimensionen
- Gesetz der Anziehung (auch Manifestieren genannt, Gedanken erschaffen die Realität)
- Zeit existiert nicht, sondern nur ein «ewiges Jetzt»
Icke sieht überall Zusammenhänge. Am 07. Oktober 2023 postete er auf der Social-Media-Plattform «X» (ehemals Twitter): «Surprise attack my arse. This is being allowed to happen. Hamas is owned by the Cult. Netanyahu is owned by the Cult. Mossad is owned by the Cult. And the Cult wants war involving Cult-owned Iran.»
Dramatischer Auftakt
Vor dem eigentlichen Interview ist eine Vorschau zu sehen, die das Publikum neugierig machen soll. Icke sagt: «The vast majority of people are living in a prison and it’s called fear of what other people think. I don’t give a shit». Nach diesem, an Selbsthilfe-Vorträgen erinnernden, Start werden viele kontroverse Schlagwörter einmal schnell in den Raum geworfen: «There is a global network of secret societies that are driving human dystopia. Having sex with dead bodies, drinking blood, satanic human sacrifice ritual.»
«Reincarnation is real. We’re not human. We are consciousness having a brief human experience. We form our perceptions from information. Control information. You control the perceptions. This is what censorship’s all about.»
«The official story of 9/11. It’s a joke.»
Abrupt folgt ein Clip vom Sponsor des Videos. Ein E-Commerce Programm, bei dem man ohne Vorerfahrung viel Geld verdienen könne.
Unsere gleichgeschaltete Welt
Das eigentliche Interview beginnt damit, dass Tuffs das neue Buch von Icke «Road Maps» in die Kamera hält. Er dankt Icke dafür gekommen zu sein, denn das Buch sei zu lang für ihn zu lesen. Die erste Frage, die Icke gestellt wird ist, ob er noch daran glauben würde, dass einige Weltherrscher gestaltwandelnde Aliens seien. Icke antwortet darauf, dass man niemals aufhören sollte zu hinterfragen, niemals glauben sollte, man wisse, man verstehe alles. Er holt weiter aus: Es gäbe ein globales Netzwerk aus Geheimgesellschaften. Personen in diesem Netzwerk, hätten selbst allerdings keinen Überblick darüber. Das Netzwerk wirkt durch die Politik. Und zwar sowohl durch die linke als auch die mittlere und rechte Seite. Auch durch Unternehmen, insbesondere die in Silicon Valley, die WHO, die Weltbank und die EU, denn die Masse kann durch zentralisierte Machtpunkte besser kontrolliert werden. Daher treiben sie auch die Globalisierung an.
Fundamentale Bestandteile dieses geheimen Netzwerks seien satanistische Rituale inklusive Menschenopfern und Pädophilie. Er referenziert dazu den Skandal um Jeffrey Epstein.
Tuffs unterbricht, «Was he shapeshifting lizard, Epstein?» Icke behauptet daraufhin, dass das von Epstein missbrauchte Model Juliette Bryant beobachtet hätte, wie dieser seine Gestalt gewandelt hat. Doch um dieses Phänomen genau zu verstehen, müssten wir erst einmal lernen, wie die Natur der Realität eigentlich funktioniert. Das Netzwerk würde diese Wahrheit vor uns verstecken und nur ihren eigenen Mitgliedern von Generation zu Generation weitergeben. Darunter seien auch die Familien Rockefeller und Rothschild. Das Netzwerk, von nun an im Gespräch von Icke Kult genannt, würde auch die Medien und das Schulsystem kontrollieren.
Es gibt also zwei Welten und nur eine kennt die Wahrheit und hält diese vor der Masse geheim. An dieser Stelle eine Anmerkung zum besseren Verständnis. Wenn Icke von satanistischen Ritualen spricht, setzt dies nicht die Existenz eines abrahamitischen Gottes in seinem Weltbild voraus. Dies kann hier einfach bedeuten, dass die globale Elite im dualistischen Sinne das «maximale Böse» verehrt.
Die Natur der Realität
Icke will die Geheimnisse nun live im Interview lüften. Das menschliche Auge könne nicht alles wahrnehmen, was tatsächlich da ist. Er erklärt UFO-Sichtungen so: Ein Raumschiff hat seine Frequenz verändert, sodass es im menschlich wahrnehmbaren Lichtspektrum erscheint. Auch erwähnt er mehrfach den in der Szene heissgeliebten Film Matrix. Dieser sei eine visuelle Darstellung von der Simulation in der wir alle leben würden. Wir sind eigentlich unendliches Bewusstsein ausserhalb der Matrix, welches nur eine menschliche Erfahrung hier macht.
Tuff fragt aufgeregt, ob Icke jemals einen Alien gesehen hat. Icke antwortet nur, er kenne viele Menschen überall auf der Welt, die Gestaltwandler gesehen hätten. Diese seien eine Spezies von humanoiden Reptilienaliens. Sie sollen auch hinter dem Kult stecken. Icke erwähnte dies bereits in seinen Büchern aus den neunziger Jahren.
An dieser Stelle wird ein Muster im Interview erkennbar. Icke weicht selbst einfachen Ja-Nein-Fragen aus, indem er unnötig weit ausholt und zwischen Themen springt. Er nutzt leicht verständliche Vergleiche und allgemeines Physikwissen, um die Gestaltwandlung der Aliens zu erklären. Auch betont er, wie wichtig es sei eigene Recherchen zu betreiben. Seine Quellen gibt er im Interview nicht konkret an. Wenn er überhaupt den Ursprung einer Information preisgibt, so stammt diese meist von «Insidern», die sich Icke geöffnet hätten.
Warum es so viel Leid in der Welt gibt
Da unsere Realität eine videospielartige Simulation sei, sind laut Icke auch Astralreisen möglich. Viele Menschen würden beim Astralreisen die reptilienartigen Aliens sehen, die sich von niedriger Schwingung ernähren (wie Angst, Depressionen, Hass, Schuld). Als Tuff fragt, ob Icke Astralreisen beherrscht, verneint er nicht direkt. Er würde aber oft in einem komaartigen Schlaf fallen. Danach hätte er stets viel neues Wissen. Auch sieht er Berichte über Nahtoderfahrungen als Evidenz für Reinkarnation.
Die reptilienartigen Aliens ernähren sich von niedriger Schwingung, also negativen Emotionen. Diese müssen sie, durch den Kult, der alle grossen Autoritäten der Welt kontrolliert, in der Menschheit erzeugen. Daher veranstalten sie Kriege und erzeugen so viel Leid wie möglich. Die wahren Anführer des Kultes würden sich allerdings in höheren Dimensionen befinden.
Wie bereits erwähnt, soll der Kult nach Icke auch satanistische Rituale mit Menschenopfern durchführen. Ziel ist, dass das Opfer dabei maximalen Terror erfährt. Das schüttet im Körper Adrenalin aus. Anschliessend wird das Blut des Opfers getrunken. Das solle wie eine Droge wirken. Ausserdem sei es auch ein Anti-Aging-Mittel. Von den Eliten Missbrauchte bekommen ihre Erinnerungen daran ins Unterbewusstsein verdrängt. So sind diese dann scheinbar vergessen. Nur durch bestimmte Worte können sie später «reaktiviert» werden.
Ickes Vergangenheit
Icke betont hier nochmal: Er sieht sich nicht als Sektenanführer. Und er arbeitet allein. Man solle ihm nicht blind folgen, nur sich selbst. Es sind Aussagen wie diese, die das Vertrauen seiner Fans in ihn nur stärken.
Tuff spricht das berühmte Interview (1991) von Terry Wogan im BBC an. Menschen, die sich nicht für Verschwörungstheorien interessieren, kennen David Icke oft nur von diesem Fernsehauftritt. Damals befand Icke sich noch am Anfang seiner Karriere als Verschwörungstheoretiker. Unter anderem war er davon überzeugt, der Sohn einer höheren Entität zu sein. Und er prophezeite bei dem Auftritt den baldigen Untergang der Welt. Das Publikum lachte ihn aus. BBC wurde später scharf für die Ausstrahlung kritisiert. Auch trug er zu der Zeit nur türkise Kleidung, für positive Energie. Tuffs trägt gerade ein türkises Shirt im Video. Icke lacht. Er achtet mittlerweile nicht mehr auf die Farbe seiner eigenen Kleidung. Icke erklärt: Trotz des damaligen Skandals, ermutigte ihn eine Stimme in seinem Kopf, dass er durchhalten sollte. Tuffs reflektiert daraufhin: «So, in the first interview you had with him (Wogan), the audience laughed at you. 16 years later, you then returned to the show and his own audience at the end laughed at him.«
Icke scheint hier keine von seinen vergangenen Aussagen zu bereuen. Und auch das ist ein Muster in diesem Interview: Es gibt kaum neue Erkenntnisse. Icke präsentiert nur, was er schon in anderen Vorträgen und Büchern gesagt hat. Icke nutzt sogar die Skepsis gegen ihn für sich, indem er erklärt: Dass viele ihn für einen Narren halten, sei ein Schutzmechanismus. So müsste der Kult ihn nicht beseitigen, weil ihn kaum jemand ernst nehme.
Das Ziel der Elite
Was ist das langfristige Ziel des Kults? Nach Icke sei es ein elektromagnetisches Feld um die Erde zu konstruieren. So soll ein Kollektivbewusstsein (vergleichbar mit den Borg bei Star Trek) entstehen. Dies würde dem Kult die absolute Kontrolle über die Menschheit geben. Die Chinesen seien angeblich schon in der Lage, Informationen von elektromagnetischen Feldern in menschliche Gehirne zu schicken.
Die Pandemie war, mahnt Icke, ein Schritt auf dem Weg ins Ziel. Er kenne so viele junge Menschen, die nach der Corona-Schutzimpfung «für immer verändert» seien und eine völlig neue Persönlichkeit entwickelt hätten. Icke erklärt sich das folgendermassen: Das in der Impfung enthaltene Graphenoxid könne Informationen von elektromagnetischen Feldern in das menschliche Gehirn leiten. Es ist übrigens mehrfach wissenschaftlich bewiesen, dass sich kein Graphenoxid in den Corona-Schutzimpfungen befand. Später sei es auch geplant Mensch und KI zu fusionieren.
Die Ereignisse vom 7. Oktober
Tuff und Icke sprechen auch über die Theorie, dass der Hamas-Anschlag am 7. Oktober 2023 von Israel selbst inszeniert gewesen sei. So hätte Israel dann eine Rechtfertigung, um Gaza anzugreifen. Tuff selbst sei neulich nach Israel gereist und habe Beweise dafür gefunden, dass der Anschlag nicht von Israel geplant war. Tuff behauptet auch, dass Israel in der Lage wäre den Gaza-Streifen an einem Nachmittag zu vernichten und wundert sich, weshalb sie dies nicht tun. Er fragt Icke nach seiner Meinung dazu. Dieser stottert kurz und möchte erst mehr über die Reise wissen. Tuff behauptet vor Ort mehrere israelische Personen einfach offen gefragt zu haben «Did you orchestrate that so you could return fire and wipe out the Palestinians? And I also asked everybody that I come into contact with, what’s the final solution? How does this end?» (mit Final Solution meint Tuff hier den Ausgang der Gesamtsituation in Westasien, nicht den Begriff der Endlösung im Kontext des Holocaust) Ihre Erklärungen erscheinen Tuff plausibel. Icke nennt sie «freaking bollocks» (Schwachsinn). Er widerspricht Tuff mit Aussagen von unbenannten IDF-Soldaten (die angeblich an die Öffentlichkeit gegangen wären, Quelle wird nicht erwähnt) und Charlie Kirk.
Icke beginnt über das Konzept von «Problem Reaction Solution» zu sprechen, welches er in den neunziger Jahren konzipiert hat. Zusammenfassend lässt sich das Konzept: Die Regierung präsentiert dem Volk ein (reales oder erfundenes) Problem, beispielsweise eine Finanzkrise. Anschliessend reagiert die Regierung, beispielweise mit Gesetzänderungen. Und ohne das Problem hätte es keine Rechtfertigung für die Massnahmen der Regierung gegeben. 9/11 sei ein perfektes Beispiel dafür. Genauso wie die Ereignisse vom 7. Oktober 2023.
Und was sollen wir nach Icke tun?
Der Kult würde von allen Seiten auf uns einwirken. Donald Trump sei zum Beispiel eine Figur, die er einsetzt, um die skeptischen Menschen zu ködern und von der eigentlichen Wahrheit abzulenken. Ein weiteres Problem sei, dass wir alle so ein festes Weltbild haben. Wir müssen uns, egal woran wir glauben, zusammenschliessen. Sonst stünde uns Grauenhaftes bevor. «The power that politicians have is the power we bloody give to them every day in the form of acquiescence and obedience.» Genauere Tipps und Tricks, um eine Dystopie abzuwenden, gibt Icke uns nicht. Doch er ermutigt uns wenigstens mit einem vergangenen «Erfolg».
1990 weigerte Icke sich, die von Margaret Thatcher eingeführte Gemeindesteuer zu zahlen. Dafür wurde er beim BBC als Sportreporter gefeuert. Viele andere verweigerten die Steuer ebenfalls. Das sei quasi der Anfang vom Ende Thatchers gewesen, laut Icke. «Fascism, communism, tyranny is never brought in by fascist, communists, and tyrants because there’s never enough of them. Those things are brought in by the population acquiescing to the communist, fascists, and tyrants.»
Womöglich gibt der, im Interview nicht erwähnte, Rausschmiss als Sportreporter beim BBC Icke noch mehr Legimitation unter seinen Fans. Immerhin kam Icke nicht von nirgendwo, sondern war mit der Welt hinter den Kulissen eines riesigen Medienhauses bekannt. Und er musste seinen Job auch gerade deswegen verlassen, weil er zu seinen Werten stand. Somit kann er sich als authentischer Whistleblower darstellen.
Wenig Neues, neu aufgelegt
Icke tritt aktuell wieder häufiger in Interviews und eigenen Videos auf. Zeitlich passt das zur Veröffentlichung seines 26. verschwörungstheoretischen Buches. Heute ist schwer zu sagen, wie viele Menschen dank Icke Verschwörungstheorien verfallen sind. Er ist begabt darin, alte Mythen neu aufzulegen, die Neugier nach «etwas mehr als die langweilige Realität» zu befriedigen. Und er kann eine narrative Verbindung zwischen jedem einzelnen Vorfall finden, der sich in der Welt ereignet. Dieser Universalzusammenhang ist ein typisches Merkmal für Verschwörungstheorien, die bei Relinfo klassifiziert werden. Genauso wie Ickes Ideen von dem Kult als Gruppe der Verschworenen und den reptilienartigen Aliens als Sündenbock.
Er prägte die Szene massiv, und berühmte Stars der deutschsprachigen alternativen Szene haben Teile seiner Ideen in ihre Lehren mit eingebaut. Und das, obwohl er hierzulande weniger bekannt ist. War David Icke also vielleicht selbst die ganze Zeit der geheime Strippenzieher?
von Marla Engelschalk