Die Wurzel der Verschwörungen – Ein Interview mit David Icke

Am 04.12.2025 wurde der britische Conspiritualist David Icke von dem Podcaster Liam Tuffs interviewt. Tuffs ist mit 300,000 Abonnierten auf YouTube für seine «tabulosen» Inhalte bekannt. Er redet mit seinen Gästen über True Crime, Kampfsport und sozialpolitische Themen. So sprach er schon mit ehemaligen Gang-Mitgliedern, einem Pornostar, einem Männlichkeits-Coach und einem Profi-Kampfsportler. Er betont immer wieder, er würde sich mit seinem Podcast für Meinungsfreiheit einsetzten und Themen behandeln, die der «Mainstream» ignoriert. Sein dreistündiges Interview mit Icke ist als «Most Controversial Interview Yet» betitelt.

Der ehemalige britische Fussballer David Icke ist seit den neunziger Jahren einer der einflussreichsten Verschwörungstheoretiker im englischsprachigen Raum, sozusagen ein Trendsetter der Szene. In seinen Lehren verbindet er Verschwörungstheorien mit New-Age-Spiritualität. Was er im Interview erzählt, kann Aussenstehenden einen umfassenden Überblick über die Landschaft der modernen Verschwörungstheorien geben. Ein Spaziergang, der sich lohnen kann, um seine Anhängenden besser zu verstehen und so einen Schritt auf sie zuzugehen. Denn auch im deutschsprachigen Raum ist zu beobachten, wie Ideen von Icke, teilweise unverändert, von populären Personen wiedergegeben werden.

Icke (geb. 1952, Leicester) musste seine sportliche Laufbahn als Torwart im Alter von 21 Jahren abbrechen. Die dafür verantwortliche rheumatoide Arthritis veranlasste ihn damals auch, sich mit alternativen Heilmethoden zu befassen und später mit Verschwörungstheorien. Er präsentierte sich im Interview seriös, in einfachem Hemd und Pullover. 

Das Weltbild von David Icke im Überblick

Icke lässt sich in die «Conspirituality»-Bewegung einordnen, welche New-Age-Spiritualität und Verschwörungstheorien vermischt. In seinen Veröffentlichungen wurde er anfangs von dem theosophischen Medium Deborah Shaw beeinflusst. Die wichtigsten Aspekte seines Weltbilds zusammengefasst:

  • Viele berühmte Persönlichkeiten sind humanoide Reptilien-Aliens vom Draco Sternbild, die ihre Gestalt wandeln können und pädophil sind
  • Es steht eine faschistische «Neue Weltordnung» bevor (unter der Leitung dieser Reptilien-Aliens)
  • Die meisten politischen Ereignisse sind von der «Globalen Elite» inszeniert (beispielsweise 9/11, Erderwärmung oder der Tod von Prinzessin Diana)
  • Reinkarnation existiert
  • Alle sind verbunden durch ein kollektives Bewusstsein
  • Wir leben im modalen Realismus (ausserhalb der wahrnehmbaren Welt befinden sich weitere Welten) mit unendlich vielen Dimensionen
  • Gesetz der Anziehung (auch Manifestieren genannt, Gedanken erschaffen die Realität)
  • Zeit existiert nicht, sondern nur ein «ewiges Jetzt»

Icke sieht überall Zusammenhänge. Am 07. Oktober 2023 postete er auf der Social-Media-Plattform «X» (ehemals Twitter): «Surprise attack my arse. This is being allowed to happen. Hamas is owned by the Cult. Netanyahu is owned by the Cult. Mossad is owned by the Cult. And the Cult wants war involving Cult-owned Iran.»

Dramatischer Auftakt

Vor dem eigentlichen Interview ist eine Vorschau zu sehen, die das Publikum neugierig machen soll. Icke sagt: «The vast majority of people are living in a prison and it’s called fear of what other people think. I don’t give a shit». Nach diesem, an Selbsthilfe-Vorträgen erinnernden, Start werden viele kontroverse Schlagwörter einmal schnell in den Raum geworfen: «There is a global network of secret societies that are driving human dystopia. Having sex with dead bodies, drinking blood, satanic human sacrifice ritual.» 

«Reincarnation is real. We’re not human. We are consciousness having a brief human experience. We form our perceptions from information. Control information. You control the perceptions. This is what censorship’s all about.» 

«The official story of 9/11. It’s a joke.»

Abrupt folgt ein Clip vom Sponsor des Videos. Ein E-Commerce Programm, bei dem man ohne Vorerfahrung viel Geld verdienen könne.

Unsere gleichgeschaltete Welt

Das eigentliche Interview beginnt damit, dass Tuffs das neue Buch von Icke «Road Maps» in die Kamera hält. Er dankt Icke dafür gekommen zu sein, denn das Buch sei zu lang für ihn zu lesen. Die erste Frage, die Icke gestellt wird ist, ob er noch daran glauben würde, dass einige Weltherrscher gestaltwandelnde Aliens seien. Icke antwortet darauf, dass man niemals aufhören sollte zu hinterfragen, niemals glauben sollte, man wisse, man verstehe alles. Er holt weiter aus:  Es gäbe ein globales Netzwerk aus Geheimgesellschaften. Personen in diesem Netzwerk, hätten selbst allerdings keinen Überblick darüber. Das Netzwerk wirkt durch die Politik. Und zwar sowohl durch die linke als auch die mittlere und rechte Seite. Auch durch Unternehmen, insbesondere die in Silicon Valley, die WHO, die Weltbank und die EU, denn die Masse kann durch zentralisierte Machtpunkte besser kontrolliert werden. Daher treiben sie auch die Globalisierung an.

Fundamentale Bestandteile dieses geheimen Netzwerks seien satanistische Rituale inklusive Menschenopfern und Pädophilie. Er referenziert dazu den Skandal um Jeffrey Epstein.

Tuffs unterbricht, «Was he shapeshifting lizard, Epstein?» Icke behauptet daraufhin, dass das von Epstein missbrauchte Model Juliette Bryant beobachtet hätte, wie dieser seine Gestalt gewandelt hat. Doch um dieses Phänomen genau zu verstehen, müssten wir erst einmal lernen, wie die Natur der Realität eigentlich funktioniert. Das Netzwerk würde diese Wahrheit vor uns verstecken und nur ihren eigenen Mitgliedern von Generation zu Generation weitergeben. Darunter seien auch die Familien Rockefeller und Rothschild. Das Netzwerk, von nun an im Gespräch von Icke Kult genannt, würde auch die Medien und das Schulsystem kontrollieren.

Es gibt also zwei Welten und nur eine kennt die Wahrheit und hält diese vor der Masse geheim. An dieser Stelle eine Anmerkung zum besseren Verständnis. Wenn Icke von satanistischen Ritualen spricht, setzt dies nicht die Existenz eines abrahamitischen Gottes in seinem Weltbild voraus. Dies kann hier einfach bedeuten, dass die globale Elite im dualistischen Sinne das «maximale Böse» verehrt.

Die Natur der Realität

Icke will die Geheimnisse nun live im Interview lüften. Das menschliche Auge könne nicht alles wahrnehmen, was tatsächlich da ist. Er erklärt UFO-Sichtungen so: Ein Raumschiff hat seine Frequenz verändert, sodass es im menschlich wahrnehmbaren Lichtspektrum erscheint. Auch erwähnt er mehrfach den in der Szene heissgeliebten Film Matrix. Dieser sei eine visuelle Darstellung von der Simulation in der wir alle leben würden. Wir sind eigentlich unendliches Bewusstsein ausserhalb der Matrix, welches nur eine menschliche Erfahrung hier macht.

Tuff fragt aufgeregt, ob Icke jemals einen Alien gesehen hat. Icke antwortet nur, er kenne viele Menschen überall auf der Welt, die Gestaltwandler gesehen hätten. Diese seien eine Spezies von humanoiden Reptilienaliens. Sie sollen auch hinter dem Kult stecken. Icke erwähnte dies bereits in seinen Büchern aus den neunziger Jahren. 

An dieser Stelle wird ein Muster im Interview erkennbar. Icke weicht selbst einfachen Ja-Nein-Fragen aus, indem er unnötig weit ausholt und zwischen Themen springt. Er nutzt leicht verständliche Vergleiche und allgemeines Physikwissen, um die Gestaltwandlung der Aliens zu erklären. Auch betont er, wie wichtig es sei eigene Recherchen zu betreiben. Seine Quellen gibt er im Interview nicht konkret an. Wenn er überhaupt den Ursprung einer Information preisgibt, so stammt diese meist von «Insidern», die sich Icke geöffnet hätten.

Warum es so viel Leid in der Welt gibt

Da unsere Realität eine videospielartige Simulation sei, sind laut Icke auch Astralreisen möglich. Viele Menschen würden beim Astralreisen die reptilienartigen Aliens sehen, die sich von niedriger Schwingung ernähren (wie Angst, Depressionen, Hass, Schuld). Als Tuff fragt, ob Icke Astralreisen beherrscht, verneint er nicht direkt. Er würde aber oft in einem komaartigen Schlaf fallen. Danach hätte er stets viel neues Wissen. Auch sieht er Berichte über Nahtoderfahrungen als Evidenz für Reinkarnation.

Die reptilienartigen Aliens ernähren sich von niedriger Schwingung, also negativen Emotionen. Diese müssen sie, durch den Kult, der alle grossen Autoritäten der Welt kontrolliert, in der Menschheit erzeugen. Daher veranstalten sie Kriege und erzeugen so viel Leid wie möglich. Die wahren Anführer des Kultes würden sich allerdings in höheren Dimensionen befinden.

Wie bereits erwähnt, soll der Kult nach Icke auch satanistische Rituale mit Menschenopfern durchführen. Ziel ist, dass das Opfer dabei maximalen Terror erfährt. Das schüttet im Körper Adrenalin aus. Anschliessend wird das Blut des Opfers getrunken. Das solle wie eine Droge wirken. Ausserdem sei es auch ein Anti-Aging-Mittel. Von den Eliten Missbrauchte bekommen ihre Erinnerungen daran ins Unterbewusstsein verdrängt. So sind diese dann scheinbar vergessen. Nur durch bestimmte Worte können sie später «reaktiviert» werden.

Ickes Vergangenheit

Icke betont hier nochmal: Er sieht sich nicht als Sektenanführer. Und er arbeitet allein. Man solle ihm nicht blind folgen, nur sich selbst. Es sind Aussagen wie diese, die das Vertrauen seiner Fans in ihn nur stärken.

Tuff spricht das berühmte Interview (1991) von Terry Wogan im BBC an. Menschen, die sich nicht für Verschwörungstheorien interessieren, kennen David Icke oft nur von diesem Fernsehauftritt. Damals befand Icke sich noch am Anfang seiner Karriere als Verschwörungstheoretiker. Unter anderem war er davon überzeugt, der Sohn einer höheren Entität zu sein. Und er prophezeite bei dem Auftritt den baldigen Untergang der Welt. Das Publikum lachte ihn aus. BBC wurde später scharf für die Ausstrahlung kritisiert. Auch trug er zu der Zeit nur türkise Kleidung, für positive Energie. Tuffs trägt gerade ein türkises Shirt im Video. Icke lacht. Er achtet mittlerweile nicht mehr auf die Farbe seiner eigenen Kleidung. Icke erklärt: Trotz des damaligen Skandals, ermutigte ihn eine Stimme in seinem Kopf, dass er durchhalten sollte. Tuffs reflektiert daraufhin: «So, in the first interview you had with him (Wogan), the audience laughed at you. 16 years later, you then returned to the show and his own audience at the end laughed at him.«

Icke scheint hier keine von seinen vergangenen Aussagen zu bereuen. Und auch das ist ein Muster in diesem Interview: Es gibt kaum neue Erkenntnisse. Icke präsentiert nur, was er schon in anderen Vorträgen und Büchern gesagt hat. Icke nutzt sogar die Skepsis gegen ihn für sich, indem er erklärt: Dass viele ihn für einen Narren halten, sei ein Schutzmechanismus. So müsste der Kult ihn nicht beseitigen, weil ihn kaum jemand ernst nehme.

Das Ziel der Elite

Was ist das langfristige Ziel des Kults? Nach Icke sei es ein elektromagnetisches Feld um die Erde zu konstruieren. So soll ein Kollektivbewusstsein (vergleichbar mit den Borg bei Star Trek) entstehen. Dies würde dem Kult die absolute Kontrolle über die Menschheit geben. Die Chinesen seien angeblich schon in der Lage, Informationen von elektromagnetischen Feldern in menschliche Gehirne zu schicken.

Die Pandemie war, mahnt Icke, ein Schritt auf dem Weg ins Ziel. Er kenne so viele junge Menschen, die nach der Corona-Schutzimpfung «für immer verändert» seien und eine völlig neue Persönlichkeit entwickelt hätten. Icke erklärt sich das folgendermassen: Das in der Impfung enthaltene Graphenoxid könne Informationen von elektromagnetischen Feldern in das menschliche Gehirn leiten. Es ist übrigens mehrfach wissenschaftlich bewiesen, dass sich kein Graphenoxid in den Corona-Schutzimpfungen befand. Später sei es auch geplant Mensch und KI zu fusionieren.

Die Ereignisse vom 7. Oktober

Tuff und Icke sprechen auch über die Theorie, dass der Hamas-Anschlag am 7. Oktober 2023 von Israel selbst inszeniert gewesen sei. So hätte Israel dann eine Rechtfertigung, um Gaza anzugreifen. Tuff selbst sei neulich nach Israel gereist und habe Beweise dafür gefunden, dass der Anschlag nicht von Israel geplant war. Tuff behauptet auch, dass Israel in der Lage wäre den Gaza-Streifen an einem Nachmittag zu vernichten und wundert sich, weshalb sie dies nicht tun. Er fragt Icke nach seiner Meinung dazu. Dieser stottert kurz und möchte erst mehr über die Reise wissen. Tuff behauptet vor Ort mehrere israelische Personen einfach offen gefragt zu haben «Did you orchestrate that so you could return fire and wipe out the Palestinians? And I also asked everybody that I come into contact with, what’s the final solution? How does this end?» (mit Final Solution meint Tuff hier den Ausgang der Gesamtsituation in Westasien, nicht den Begriff der Endlösung im Kontext des Holocaust) Ihre Erklärungen erscheinen Tuff plausibel. Icke nennt sie «freaking bollocks» (Schwachsinn). Er widerspricht Tuff mit Aussagen von unbenannten IDF-Soldaten (die angeblich an die Öffentlichkeit gegangen wären, Quelle wird nicht erwähnt) und Charlie Kirk.

Icke beginnt über das Konzept von «Problem Reaction Solution» zu sprechen, welches er in den neunziger Jahren konzipiert hat. Zusammenfassend lässt sich das Konzept: Die Regierung präsentiert dem Volk ein (reales oder erfundenes) Problem, beispielsweise eine Finanzkrise. Anschliessend reagiert die Regierung, beispielweise mit Gesetzänderungen. Und ohne das Problem hätte es keine Rechtfertigung für die Massnahmen der Regierung gegeben. 9/11 sei ein perfektes Beispiel dafür. Genauso wie die Ereignisse vom 7. Oktober 2023.

Und was sollen wir nach Icke tun?

Der Kult würde von allen Seiten auf uns einwirken. Donald Trump sei zum Beispiel eine Figur, die er einsetzt, um die skeptischen Menschen zu ködern und von der eigentlichen Wahrheit abzulenken. Ein weiteres Problem sei, dass wir alle so ein festes Weltbild haben. Wir müssen uns, egal woran wir glauben, zusammenschliessen. Sonst stünde uns Grauenhaftes bevor. «The power that politicians have is the power we bloody give to them every day in the form of acquiescence and obedience.» Genauere Tipps und Tricks, um eine Dystopie abzuwenden, gibt Icke uns nicht. Doch er ermutigt uns wenigstens mit einem vergangenen «Erfolg».

1990 weigerte Icke sich, die von Margaret Thatcher eingeführte Gemeindesteuer zu zahlen. Dafür wurde er beim BBC als Sportreporter gefeuert. Viele andere verweigerten die Steuer ebenfalls. Das sei quasi der Anfang vom Ende Thatchers gewesen, laut Icke. «Fascism, communism, tyranny is never brought in by fascist, communists, and tyrants because there’s never enough of them. Those things are brought in by the population acquiescing to the communist, fascists, and tyrants.»

Womöglich gibt der, im Interview nicht erwähnte, Rausschmiss als Sportreporter beim BBC Icke noch mehr Legimitation unter seinen Fans. Immerhin kam Icke nicht von nirgendwo, sondern war mit der Welt hinter den Kulissen eines riesigen Medienhauses bekannt. Und er musste seinen Job auch gerade deswegen verlassen, weil er zu seinen Werten stand. Somit kann er sich als authentischer Whistleblower darstellen.

Wenig Neues, neu aufgelegt

Icke tritt aktuell wieder häufiger in Interviews und eigenen Videos auf. Zeitlich passt das zur Veröffentlichung seines 26. verschwörungstheoretischen Buches. Heute ist schwer zu sagen, wie viele Menschen dank Icke Verschwörungstheorien verfallen sind. Er ist begabt darin, alte Mythen neu aufzulegen, die Neugier nach «etwas mehr als die langweilige Realität» zu befriedigen. Und er kann eine narrative Verbindung zwischen jedem einzelnen Vorfall finden, der sich in der Welt ereignet. Dieser Universalzusammenhang ist ein typisches Merkmal für Verschwörungstheorien, die bei Relinfo klassifiziert werden. Genauso wie Ickes Ideen von dem Kult als Gruppe der Verschworenen und den reptilienartigen Aliens als Sündenbock.

Er prägte die Szene massiv, und berühmte Stars der deutschsprachigen alternativen Szene haben Teile seiner Ideen in ihre Lehren mit eingebaut. Und das, obwohl er hierzulande weniger bekannt ist. War David Icke also vielleicht selbst die ganze Zeit der geheime Strippenzieher?

von Marla Engelschalk

Lexikoneintrag zu David Icke

Witchtok – die neue Ära der Hexerei: Spiritualität, Manifestation und ihre Schattenseiten 


Die neuen Hexen

Das Bild der Hexe hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Während wir in unserer Kindheit oft an bucklige Frauen aus den Grimm-Märchen oder an freche Hexen wie Bibi Blocksberg dachten, kennen die heutigen jungen Generationen eine völlig neue Art der Hexe: die selbstfliegende Internethexe, die man auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, YouTube oder TikTok trifft.

Von wem sprechen wir?

Der Begriff Hexe wird meist aus dem Althochdeutschen hagzissa oder hagazussa abgeleitet, was meist mit Zaunreiterin zwischen den Welten übersetzt wird. Ihren Ursprung haben Hexen in heidnischen Fruchtbarkeitsritualen, sowohl in Europa als auch in Ägypten, Babylonien und Assyrien. Auch Göttinnen der griechischen Mythologie wie beispielsweise Hekate sollen mit ihrem Kräuterwissen und ihren magischen Fähigkeiten Hexerei betrieben haben. Eine neue Bedeutung erhielt das Wort Hexe in den sogenannten Hexenprozessen des 15. bis ins 18. Jahrhundert, wo Männer und Frauen wegen angeblicher Hexerei auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Man glaubte, dass diese Menschen mit dem Teufel im Bunde stehen und Krankheiten bei Menschen und Tieren verursachen. Die Hexenbulle von Papst Innozenz VIII galt dabei als Startschuss im Hexenwahn. Heutzutage ist der Begriff «Hexe» positiv konnotiert. Viele der heutigen Hexen sehen die Hexen, die in den historischen Hexenverbrennungen starben, als weise Frauen, die sich mit Heilkräutern auskannten und sich mit vorchristlichen Religionen auseinandersetzten. Daher feiern sie heute noch keltische Feuerfeste, Solarfeste, Mondfeste und Jahreskreisfeste. Dabei vermischen sich neuheidnische Motive mit esoterischen Praktiken. Auffällig ist die Naturverbundenheit, die auf Witchtok und insbesondere bei urbanen Hexen grossgeschrieben wird. Sie sehnen sich nach der Natur, beten die grosse Göttin an und folgen dem Mondkalender.

Witchtok – mehr als ein Trend

Unter dem Begriff #WitchTok (zusammengesetzt aus Witch und TikTok) findet man seit ungefähr 2019 eine Community von modernen Hexen (auch Witchfluencerinnen und Witchfluencer genannt), die kurze Videos und Tutorials zu Zaubersprüchen, Tarotkarten, Heilsteinen und -kräutern, Zaubertränken und Liebeszaubern verbreiten. Sie bezeichnen sich selbst als moderne Hexen, Hexen der neuen Generation oder magisch Praktizierende. Diese «neuen» Hexen versuchen, an die ältere Hexentradition anzuknüpfen und ihre Ansichten über Social Media zu verbreiten. Ihre Community erfreut sich grosser Beliebtheit und ist ein Ort, an dem man sich gegenseitig inspiriert und unterstützt. Diese beschützende Atmosphäre zeigt sich auch darin, dass neue Hexen auf Witchtok als «Baby Witches» bezeichnet werden. Interessierte und angehende Hexen brauchen dazu keinen Guru, keine Mentorin, sie können sich lediglich die Videos ihrer Witchtokerinnen und Witchtokern anschauen und deren Ideen ausprobieren. Jedoch birgt diese Szene auch ihre Gefahren, insbesondere wenn junge Menschen die Inhalte unkritisch konsumieren.

Eine bunte Mischung spiritueller Praktiken

In der Witchtok-Community finden sich diverse Videos, die wenig bis gar nichts mit Spiritualität oder Glauben zu tun haben, sondern vielmehr der Unterhaltung dienen. Jedoch zeigt sich in den Beiträgen auch ein Sammelsurium an unterschiedlichen spirituellen Praktiken: Manifestieren, Ahnenarbeit, Kräuter, Heilsteine, Zaubersprüche, Räucherware, Numerologie, Heilen, Runen, Tarot. Dabei sieht man, wie junge Hexen verschiedene Materialien wie Kräuter, Eierschalen oder Salz in einen Behälter wie einen Mörser geben und damit Unterschiedliches bewirken: den Schwarm dazu bringen, dass er sich in einen verliebt, Gewicht verlieren, beschützt werden oder gute Noten in der Schule bekommen – für alle gibt es etwas. Dabei herrscht oft kein Konsens über die «richtige Art» des Rituals. Uneinigkeit besteht über die wahre Bedeutung gewisser Kräuter oder auch darüber, ob man Liebeszauber wirken soll oder einen Hexenaltar braucht oder nicht. Dennoch kann man beobachten, dass gewisse Normen generiert werden. So teilt «wiccawitch222» ein Video, um zu erkennen, wenn ein Zauber mit dem «Spell Jar» nicht funktioniert hat. «Dylan» fragt, was man mit dem Spell Jar machen soll, nachdem man es gebraucht hat («Throw them in the trash?») und bekommt die Antwort: «Take everything that was in it and bury it in soil to thank Mother Nature, and you can reuse the jar!». Problematisch wird es, wenn magische Praktiken wie Manifestation und Liebenszauber einfache Lösungen für komplexe Probleme bieten. Das kann dazu führen, dass unrealistische Erwartungen entstehen und Menschen ihre Verantwortung für das eigene Handeln abgeben. So könnte man zur Überzeugung kommen, über Nacht den Traumpartner zu finden, oder eine Gehaltserhöhung zu bekommen. Irdische Lösungen haben dabei keine Relevanz mehr, einzig auf die magischen Praktiken muss man vertrauen. Und wenn es mal nicht klappt (wie das in einigen Kommentaren erzählt wird) so finden sich mindestens so viele die über die Wirkung schwärmen und Tipps geben, wie man es anders machen könnte. 

Eine eigene Hexen-Ästhetik

Neben den spirituellen Praktiken und Ritualen spielt auch die Ästhetik eine wichtige Rolle auf Witchtok. Auch wenn nicht alle Hexen dasselbe Erscheinungsbild haben, scheint es dennoch einige verbindende Elemente zu geben. So zeigt sich eine Hexe typischerweise mit dunklen Farben wie Schwarz, Violett oder Dunkelgrün, was oft auch mit mythischen Symbolen und Naturmotiven kombiniert wird. Hinzu kommen Naturfasern wie Leinen oder Baumwolle, Schmuck aus Kristallen oder Federn. Einige stylen sich mit auffälligem Make-up, dunklem Lippenstift und Smokey Eyes, haben farbige lange Fingernägel, farbige Haarsträhnen und Tätowierungen. Andere wirken zurückhaltender und zeigen sich eher in trendy Streetwear. Was auffallend ist, ist, dass sich auf Witchtok eine grosse Anzahl junger Frauen findet, die diese Ästhetik übernehmen. Auch ihre Häuser oder Zimmer werden in dieser Art dekoriert: Kristalle, Räucherstäbchen, Tarotkarten und Altäre sind dabei mindestens so wichtig wie ihre Praxis.

Kommerzialisierung zentral

Viele der modernen Hexen besitzen ein sogenanntes Buch der Schatten. Dieser Name leitet sich vom «Book of Shadows» der Wicca-Bewegung ab, in dem Rituale festgelegt sind. Heute haben viele der Hexen ein eigenes Book of Shadows, das eine Art Bullet Book darstellt und in dem die jungen Hexen alles sammeln, was ihnen für die Hexerei wichtig ist – Zaubersprüche, Rezepte, Bilder oder Gedanken. Viele dieser Bücher kann man auf Etsy, einem Online-Marktplatz, kaufen, der unterschiedliche handgemachte Produkte und Künstlerbedarf verkauft und daher auch bei modernen Hexen beliebt ist. Einige nennen ihr Buch der Schatten auch «Grimorie» (vom altfranzösischen gramaire), was auf ein Zauberbuch mit magischem Wissen zurückgeht, das insbesondere im Spätmittelalter und im 18. Jahrhundert beliebt war, und wieder andere verknüpfen beide Begriffe und versehen ihr Hexenbuch mit den Hashtags grimoire und bookofshadows. Dieses wird als heilig betrachtet und kann nach eigenen Vorlieben gestaltet werden, wobei es keine Regeln gibt, sondern nur die Intuition zählt. Jedoch finden sich einige Tipps. So rät «zelaferaco», dass man nicht perfektionistisch arbeiten, sondern dem Chaos Raum geben soll, da im Chaos die Magie stecke. Ausserdem solle man einen Schutzzauber auf der ersten Seite anbringen, um das Buch vor unerwünschten Blicken zu schützen, und magische (in diesem Fall schwarze) Tinte benützen. Viele Hexen empfehlen zudem, dass man das thebanische Alphabet nutzt, das als Hexenalphabet gilt und oft dazu gebraucht wird, um Texte zu verschlüsseln. An diesen Büchern zeigt sich die starke Kommerzialisierung von magischen Produkten in dieser Szene, die zu einem Konsumzwang führen kann. Dabei kann der Eindruck entstehen, dass man «echte» Kristalle, Kräuter, Mörser, Bücher, Outfits, Pendel und Essenzen braucht, um erfolgreich zaubern zu können. Das fördert nicht nur den Konsum, sondern kann auch zu finanziellen Problemen führen, insbesondere wenn auf den Kanälen noch Angebote wie teure Online-Kurse verlinkt werden. 

Zwei wichtige Playerinnen auf Witchtok

Shisha Rainbow ist ein Beispiel für eine moderne Hexe, die mit ihren 125600 Followerinnen und Followern eine der bekanntesten Hexen im deutschsprachigen Raum ist. Sie hat die Bücher «F*ck the Universe: Wie du die Macht deiner Emotionen nutzt, um alles zu manifestieren, was du je wolltest» und «WitchPower – Entdecke deine magischen Kräfte» veröffentlicht. Im Jahre 2019 begann sie, sich als Hexe auf Social Media zu präsentieren. Auf ihrem TikTok-Kanal findet sich eine Sammlung von Videos, in denen es um Prophezeiungen, Zaubersprüche, Rituale und «echte Hexerei» geht. Sie erklärt in einem Video: «Wenn dir diese Dinge begegnen, solltest du aufpassen!» «3 Krähen, Traum von einer brennenden Kerze, tote Ratte, Insekten in der Wohnung, Schwarze Schatten im Augenwinkel, sich «zeitversetzt» fühlen». Sie vermischt Astrologie mit Manifestation, Liebeszauber, Medialität und anderen spirituellen Praktiken. 
Ein Im englischsprachigen Raum ist «mysticprimrose» eine bekannte Witchtokerin, der 301000 Personen folgen. Sie teilt Videos mit Zaubersprüchen, Tipps und Botschaften. So sieht man in einem Video, wie sie einen Liebeszauber erklärt. Dazu soll man den Namen des Schwarms fünf Mal untereinander auf ein Papier schreiben, das eigene Parfüm darauf sprühen, Salz darüber geben und das Papier danach verbrennen. Dieses Muster wiederholt sich für andere Zauber, die sie wirkt, wobei die Anzahl der Namen, die man schreiben muss, variiert und Honig, Pfeffer oder Chili statt Salz verwendet wird. Im Zentrum steht die Manifestation – egal ob es sich um Geld («Manifest 1000 Dollar right now»), Liebe, Glück, Traumjob oder Selbstsicherheit handelt. Hier zeigt sich, wie vereinnahmend solche Ideen auch sein können. 

Selbstermächtigung auf Kosten anderer?

Bei Witchtok ist das Thema Selbstermächtigung zentral. Die jungen oder älteren Hexen betonen, dass sie selbst darüber bestimmen, was ihnen hilft und wie sie es ausführen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Selbstermächtigung über die Entscheidungsfreiheit anderer Menschen gestellt wird. Das ist insbesondere bei Liebeszauber der Fall, da die Hexen glauben, die Gefühle des Schwarms beeinflussen zu können. Zwar äussern sich einige Hexen kritisch zu diesen Praktiken, dennoch wird es von den meisten Witchtokerinnen und Witchtokern angepriesen. Es stellt sich die Frage, inwiefern solche Liebeszauber moralisch vertretbar sind, da der freie Wille der Personen beeinflusst werden soll, ohne dass diese etwas davon wissen. Der Glaube daran, dass man Zauber wirken kann, führt in der Umkehrung zum Schluss, dass man auch selbst verzaubert werden kann. Gekoppelt mit dem Glauben an «schwarze Magie» kann dies bei einige Personen auch zu Verfolgungsängsten führen. 

Das Problem mit den Heilsversprechen 

Im Kontext von Witchtok wird Wellness oft thematisiert. Es geht darum, dass man sich besser fühlt, Erfolg hat und Wünsche in Erfüllung gehen. Dabei gibt es unterschiedliche Methoden und Hilfsmittel wie Heilsteine oder energetische Heilmethoden. In vielen Videos wird gezeigt, was man als Hexe gegen Depressionen oder Schmerzen tun kann. Oftmals werden dabei schnelle Lösungen für mögliche Gesundheitsprobleme – physischer oder psychischer Natur – präsentiert. Bei unkritischer Konsumation dieser Inhalte kann es dazu kommen, dass professionelle medizinische oder psychologische Hilfe nicht in Anspruch genommen wird, obwohl dies nötig wäre. Besonders bei Menschen, die sich in einer emotional schwierigen Lage befinden oder schwerwiegende gesundheitliche Probleme haben, kann dies durchaus gefährlich sein. Daher sollte trotz Faszination für diese Szene auch stärker auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht werden, insbesondere da es sich beim Zielpublikum um Jugendliche handelt.

Bernadette Jacober, 04. Juli 2025

«The Book of Mormon»: ein unverfrorenes Musical

Ich würde mich nicht unbedingt als Musicalfan bezeichnen. Mein letzter Musicalbesuch liegt einige Jahre zurück, als ich in London den König der Löwen (ein fantastisches Erlebnis!) besucht habe. In meiner Kindheit war meine Faszination für diese Art der Unterhaltung noch deutlich grösser. Dennoch mag ich es, mich heute zwischendurch einmal von mitreissender Musik in Kombination mit einer guten Geschichte begeistern zu lassen. Das Musical «Book of Mormon» habe ich im Rahmen eines Praktikums an einer Kantonsschule mit einer Abschlussklasse besucht. Zuvor haben wir im Fach Religion eine Unterrichtseinheit zum Thema «Mormonismus» eingebettet. Die Schüler:innen waren somit thematisch bestens vorbereitet und konnten sich auf einen Semesterabschluss der etwas anderen Art freuen. Wie anders dieser sein würde, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. 

Kontext

Das Musical «Book of Mormon» wird vom 4. bis zum 23. Februar im Theater 11 in Zürich Oerlikon aufgeführt. Als «The funniest Musical» oder «die unverschämte Musical-Komödie» ausgeschrieben zieht der 9-fache Tony-Award-Gewinner ein grosses Publikum an. Das Musical wurde von Trey Parker, Matt Stone und Robert Lopez kreiert und im Jahre 2011 uraufgeführt. Die drei sind durch die Produktion der Fernsehserie South Park bekannt, in der alle möglichen Randgruppen auf die Schippe genommen werden. Die Faszination für Musicals und das Mormonentum führte zur Produktion. Dabei bekommen sowohl das Mormonentum als auch andere Buchreligionen ihr Fett weg. Der typische South Park Humor prägt die Geschichte und Szenerie ungemein. Wenn man sich mit dem Hintergrund auseinandergesetzt hat, kann man sich die Stossrichtung der Geschichte sehr gut vorstellen. Ein dickes Fell und eine gute Portion satirischer Humor sind gefragt. 

Der erste Eindruck

Das Musical ist nicht komplett ausgebucht, aber gut besucht. Unsere nicht ganz günstigen Plätze sind im oberen Balkon, was auch Einfluss auf den Hörgenuss haben wird. Das Musical aus den USA wird in der Originalsprache aufgeführt, was meist die bessere Lösung ist, da die Dialoge und Songtexte nicht an ihrer Originalität einbüssen. Musik erklingt, der Vorhang wird aufgezogen und die erste Szene mit dem Song «Hello» wird aufgeführt. Der Auftakt bilden mormonische Missionare (nur Männer), die vom hochnäsigen Elder Price angeleitet werden, wie man richtig an die Türe klopft und mit «Hello» die mormonische Lehre übermittelt. Als Zuschauer:in wird man schnell mitgerissen. Die Szenerie ist witzig, die Lieder sind eingängig und erinnern an andere bekannte Stücke. Schon jetzt wird jedoch klar, dass die Tonqualität nicht besonders gut ist. Während die Instrumente in den Ohren dröhnen, muss man sich sehr konzentrieren, um das Gesungene zu verstehen. Dank der einfachen Songtexte fällt es jedoch nicht schwer, dem Geschehen zu folgen. Die Stimmung ist ausgelassen. Zwei Frauen in der Reihe vor uns wippen mit den Körpern im Takt mit. Das Bühnenbild ist einfach aber effektvoll. Eine weisse Leinwand, auf der jeweils unterschiedliche Hintergründe, wie beispielsweise der Tempel in Salt Lake City, zu sehen sind und auf der Bühne davor einzelne Objekte und Einrichtungsgegenstände.

Die Geschichte

Im Zentrum der Geschichte stehen zwei amerikanische Missionare, die zusammen mit anderen Missionaren für ihre 2-jährige Missionstätigkeit in alle Teile der Welt geschickt werden. Elder Price, der «Vorzeige-Mormone» und einer der Hauptdarsteller, hofft darauf, in Orlando eingeteilt zu werden. Für ihn stellt dies, seit einem Besuch in seiner Kindheit, das Paradies auf Erden dar. Sehr zu seinem Missfallen wird er aber nicht nur in Uganda eingeteilt, sondern auch noch mit Elder Cunningham losgeschickt, der gegensätzlicher nicht sein könnte. Während Elder Price wenig Begeisterung zeigt, ist der kleine und aufgestellte Elder Cunnigham hin und weg und hofft, in Elder Price den Freund fürs Leben zu finden. Am Flughafen verabschieden sie sich von der Familie. Während der Vater von Elder Price Grosses von seinem Sohn erwartet, warnt der Vater von Elder (Arnold) Cunnigham seinen Sohn, nicht von seinem speziellen «Talent» Gebrauch zu machen. Schnell wird klar, dass der kleine, lustige Elder eine stark ausgeprägte Fantasie besitzt. Er neigt zu «Ausschmückungen» der Realität und lügt im Verlaufe des Abends das Blaue vom Himmel herunter. Für Elder Price wird dies eine wahre Herausforderung, da er nun an diesen jungen Mann gekettet ist. Gemäss mormonischer Vorschrift sollten die beiden nämlich alles zusammen erledigen – abgesehen vom Toilettengang. 

Der Plot greift unterschiedliche Themen auf, die auch über das Thema Mormonismus hinausreichen. Als Vorbotin für die anstehende Reise nach Afrika erscheint am Flughafen eine schwarze Frau mit traditionellem afrikanischem Kostüm auf der Bühne und singt ein Lied, das aus «König der Löwen» stammen könnte. Am Ende der Szene nimmt Mrs. Brown ihre Maske ab und wünscht den beiden Missionaren in breitem Weststaaten-Dialekt eine gute Reise und meint, sie selbst sei auch noch nie in Afrika gewesen. Diese herrliche Darstellung von Stereotypen lädt das Publikum zum Lachen ein.

Ankunft in Uganda

Als Zuschauer:in wird man nach der Ankunft der beiden Missionaren mit jeglichen Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert, die zu Afrika vorherrschen. Bereits bei der Ankunft in Uganda treffen die beiden Missionare auf eine gegensätzliche Welt. Die beiden Gruppen unterscheiden sich in Sprache (derb vs. gehoben), Aussehen (einfach vs. adrett) und Weltbild (gottlos vs. religiös). Die dargestellte Stereotypisierung, die klar als Kritik am Eurozentrismus gesehen werden kann, schmerzt, wenn sie bis zum Schluss so klar vor Augen geführt wird. Kaum im Dorf angekommen, werden die beiden Missionare vom Schreckensbaron Butt F***ing Naked und seinen Leuten umzingelt und bestohlen. Diese Figur des Generals ist eine Anspielung auf den liberianischen Warlord Joshua Milton Blahyi, der als General Butt Naked für seine Grausamkeit bekannt ist und dabei auch nicht vor Kannibalismus zurückschreckte. In Uganda treffen die beiden Missionare auf eine Bevölkerung, die stereotyper nicht sein könnte. Arm, ungebildet, «gottlos» und von HIV und Gewalt geprägt. So empfangen sie die beiden Neuankömmlinge mit einem Lied, das diese sogleich enthusiastisch mitsingen. Am Ende will Elder Price dann doch wissen, was denn der Refrain «Hasa Diga Eebowai» übersetzt bedeutet und erfährt zu seinem Entsetzen, dass es so viel wie «F**k dich, Gott» bedeutet. Entsetzt über diese Gotteslästerung und sein eigenes Mitsingen zieht er sich mit Elder Cunnigham in ihre neue Behausung zurück. Die Themen Gewalt, Aids oder Genitalverstümmelung werden – als Witze verpackt – im Verlauf des Abends immer wieder eine Rolle spielen und meine Nerven auf die Folter spannen. Die sehr übertriebene und meiner Meinung nach teilweise auch geschmackslose Art und Weise, in der diese doch sehr ernsten Themen ausgeschmückt werden, fordern heraus. Nichts anderes kann man von einer guten Satire erwarten. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen. An einigen Stellen stellt sich aber – wohl nicht nur mir – die Frage: Soll man lachen? Darf man lachen?

Religionen im Kreuzfeuer

Die Geschichte ist durchzogen von Witzen, ober- und unterhalb der Gürtellinie. Teilweise erscheint der Humor derb und baut auf verschiedenen Rassismen, Sexismen und Stereotypen auf, die das ganze Stück durchziehen und damit Gesellschaftskritik vom Feinsten üben. Das Musical kritisiert auch religiöse Dogmen aufs Äusserste. Schnell wird klar, dass institutionalisierte Religion als Übel angesehen wird, das Menschen einengt und ihrer Selbstermächtigung im Wege steht. Das Offenbarungserlebnis von Joseph Smith wird als wenig glaubwürdiges Ereignis in einer der Rückblenden dargestellt, welche der Geschichte immer wieder einen Kontext-Teil vermitteln wollen. Natürlich handelt es sich dabei um eine vereinfachte Wiedergabe der Ereignisse mit klar gesetztem Fokus. So erfährt man, wie Joseph Smith die Goldplatten gefunden hat, diese wieder zurückgeben musste, die erste Kirche gründete und schliesslich umgebracht wurde. Die Szene ist satirisch gestaltet und nimmt dabei nicht nur die mormonische, sondern jegliche in den Buchreligionen beschriebenen Offenbarungen aufs Korn. Damit wagen sich die Musicalmacher tief in die Religionskritik hinein.

Umgang mit Problemen

Die bereits versammelte Gemeinde der Missionare in Uganda ist begeistert über die Ankunft von Elder Price, von dem sie sich so viel erhoffen. Mit seiner Hilfe, davon sind sie und auch Elder Cunningham überzeugt, werden sie endlich einige der Leute im Dorf zur Taufe bewegen können. Bereits vor den Mormonen sind katholische Missionare nach Uganda gekommen, scheinen aber wenig Eindruck auf die Gemeinde gemacht zu haben. Die mormonischen Missionare sind zwar enttäuscht, haben aber einen einfachen Weg gefunden, mit solchen negativen Gefühlen umzugehen. Tanzend und singend erklären sie den beiden Neuankömmlingen: «turn it off». Elder McKinleys, einer der anwesenden Missionare, erklärt, dass er das auch mit seinen homosexuellen Gefühlen so mache. Damit wird auf den im Mormonentum bekannte Umgang mit Homosexualität hingewiesen, wobei dies nicht als verboten gilt, man es jedoch nicht ausleben darf. Die beiden Missionare machen sich an die Arbeit und Elder Price kommt an seine Grenzen, als er merkt, dass er mit seinen Lehren im Dorf auf taube Ohren stösst. Seine viel beachtete Person scheint in Uganda nicht das gleiche Gewicht zu haben. Als schliesslich General Butt F***ing Naked das Dorf mit der Forderung der Beschneidung aller Mädchen in Rage versetzt und er vor den Augen des Dorfs und Elder Price und Cunnigham einen Mann erschiesst, hat Price genug und verabschiedet sich von seinen mormonischen Genossen. Die Aufregung ist gross und Elder Cunnigham sieht sich angesichts des anstehenden Berichts für den Missionspräsidenten gezwungen, sein Bestes zu geben und die Menschen zur Taufe zu bewegen. 

Die Geschichte nimmt Fahrt auf

In der zweiten Hälfte nimmt die Absurdität der Geschichte zu. Cunnighams Versuch, die Menschen vom Mormonentum zu überzeugen, scheitern. Die Menschen fühlen sich nicht angesprochen. Auch das Mormonentum scheint keine Lösungen für ihre Probleme (Aids, Gewalt usw.) bereit zu haben. Da macht Elder Cunnigham von seinem geheimen und sehr unmormonischen «Talent» Gebrauch und beginnt, die Geschichte des Buch Mormons auszuschmücken. Da er selbst das Buch nie gelesen hat (schliesslich sei es zu langweilig) stellt sich die Aufgabe als weniger schwer dar als gedacht. Einem Dorfbewohner, der ankündigt, Geschlechtsverkehr mit einem Baby zu haben, um sich von Aids zu befreien (Anspielung auf die Vorstellung, dass die Vereinigung mit einer Jungfrau Aids heilen soll) erklärt er, dass dies gemäss dem Buch Mormon verboten ist und «zitiert» die fragliche Stelle. Seine Geschichte nimmt Fahrt auf und zieht die Menschen mit seinen Marvel-Helden, Figuren aus Herr der Ringe und Star Trek in den Bann. Die Szene zeigt auf, dass die «Heilige Schrift» den Menschen mit ihren echten Problemen nicht zu helfen vermag. 

Nicht ganz jugendfrei

An etlichen Stellen der Geschichte bin ich froh, dass wir nur volljährige Schüler:innen dabeihaben. In Anbetracht der schweren Umstände in Uganda und der drohenden Beschneidung der Mädchen, entschliesst sich Nabulungi, die hübsche und etwas naive Tochter des Dorfführers Mafala Hatimbi, sich taufen zu lassen. Elder Cunnigham ist entzückt, nicht zuletzt, weil er sich in das Mädchen verliebt hat. Es folgt eine Szene, in der er Nabulungi (deren Namen er bis zum Ende der Show nicht richtig aussprechen kann) tauft. Dabei wird die Szene so dargestellt, dass diese erste Taufe wie das «erste Mal» zwischen den beiden wirkt. Allgemein gibt es viele Anspielungen auf Sexualität, die es meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte. Während einige der Gags setzt witzig sind und grosses Gelächter hervorrufen, erscheinen andere eher geschmackslos. Elder Price hat beispielsweis nach seinem Verlassen der Gemeinde einen Höllentraum, den er bereits als Kind einmal hatte, als er einen Donut in der Küche stibitzte und behauptete, sein Bruder sei es gewesen. Von dieser kindlichen Erinnerung wird man im Lied «Spooky Mormon Hell Dream» in eine groteske Ansammlung von Gestalten geworfen, die seine Träume beherrschen. So tanzt Dschingis Khan neben Jeffery Dahmer, Hitler und Johnnie Cochran. Von diesem Traum zur Besinnung gebracht, merkt Elder Price, dass es falsch war, die anderen zu verlassen und kehrt zurück. Er erwartet grosse Freude über sein Auftauchen, doch Elder Cunnigham ist noch immer verletzt und weist ihn ab. Daher begibt er sich auf die Suche nach General Butt F***ing Naked, um ihn das Buch Mormon zu überbringen. Dieser ist weniger begeistert vom Vortrag und meint, dass sich Elder Price dies buchstäblich sonst wo hinstecken könne. Es folgt eine Szene, in der das Buch Mormon operativ aus Elder Price entfernt werden muss. Details werden hier erspart. Die Bevölkerung entscheidet sich dazu, dem Missionspräsidenten, der aufgrund der hohen Zahl an Taufen einen Besuch ankündigt, eine Aufführung über die Geschichte von Joseph Smith, «dem Moses der USA», vorzubereiten. Das Drehbuch richtet sich dabei wohlweislich nach Cunnighams Version der Geschichte. Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Das Schauspiel ist dermassen absurd, dass bereits das Zuschauen schmerzt. Es scheint die Krönung des Musicals darzustellen und alle Sexismen, Rassismen und Stereotypen in sich zu vereinen. Die als rückständig und naiv dargestellten Dorfbewohner erzählen mit toller musikalischer Begleitung ihre (verstörende) Geschichte von Joseph Smith in derber Sprache (Song: Joseph Smith American Moses). Die Geschichte spitzt sich weiter zu, soll hier aber nicht ausgeführt werden. Falls Interesse besteht, kann man den Songtext in voller Länge online nachlesen. Nicht nur der Mormonenpräsident erstarrt vor Schock, auch in unserer Reihe oberhalb der Bühne herrscht Stille. Das Stück ist nichts für schwache Nerven – und auch nichts für Starke mit weniger Sinn für Satire.

Der Schluss

Die Missionare müssen auf Befehl des Mormonenpräsidenten alle nach Hause zurückkehren und er erklärt den Bewohnern Ugandas, dass sie keine Mormonen sind. Elder Cunnigham sieht sich in der Schuld, den Leuten Leid gebracht zu haben, wird aber von Elder Price bekräftigt, zusammen mit ihm in Afrika zu bleiben und den Menschen zu helfen. Er habe nämlich erkannt, dass Elder Cunnigham Recht habe und die Schriften zwar wichtig sind, es aber viel wichtiger ist, den Menschen zu helfen, so wie das Cunnigham vorhatte. Hier spitzt sich die Religionskritik einerseits zu und legt offen, dass religiöse Dogmatik als verwerflich gilt. Andererseits wird Religion auch als Chance dargestellt, solange sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. 

Auch die Dorfbewohner werden beruhigt und verstehen die Botschaft Cunnighams schliesslich als Metaphern und nicht als wirkliche Geschichte. Sie werden von den Missionaren, die sich ebenfalls entschlossen haben zu bleiben, zur Missionsarbeit angeleitet. Der Schluss bildet die vom Anfang bekannte Szene «Hello», in der nun aber die Leute aus Uganda an die Türe klopfen und nicht das Buch Mormon, sondern das Buch «Arnold» verbreiten, was sich auf den Vornamen ihres als «Propheten» bezeichneten Elder Cunnigham bezieht. Sie haben dabei ihre eigene und sehr sympathische Art und Weise. Somit nimmt das Musical sowohl für die Freundschaft zwischen Elder Price und Elder Cunningham als auch für die Leute aus Uganda ein gutes Ende. Zwar haben sie die Probleme wie Aids nicht gelöst, scheinen aber durch ihren Glauben (und letztlich nur durch die mormonischen Missionare) neue Zuversicht gefunden zu haben. Der Schluss ist wunderbar geglückt. Die Geschichte bildet einen Kreis und man kann sich gut vorstellen, wie die Geschichte weitergehen könnte…

Eine Überraschung vor den Toren des Theaters

Nachdem der Vorhang gefallen ist und die Lichter im Raum wieder angehen, ist die Stimmung divers. Viele, insbesondere die beiden Frauen vor uns, sind begeistert. Andere halten sich die Ohren zu und beklagen sich über die Lautstärke. Ich blicke in einige ratlose Gesichter, inklusive einige unserer Schüler:innen. Auch ich bin etwas überrollt von der Vorstellung und werde wohl noch Zeit brauchen, um das Erlebte zu verdauen. Wir tauschen uns noch kurz über das Musical aus, brechen aber bald auf. Die Lehrperson wird das Thema nach den Ferien noch einmal aufgreifen und insbesondere auch kritisch beleuchten. Vor den Türen des Theaters treten sogleich zwei junge Missionare auf uns zu. Die anfängliche Verwirrung über die Situation (wir denken im ersten Moment, es handle sich um die Schauspieler) weicht der Erkenntnis, dass es sich tatsächlich um mormonische Missionare handelt, die das Theater als Werbefläche für ihren Missionsdienst nutzen. Ein freundlicher, adrett gekleideter junger Elder aus Texas überreicht uns sogleich ein Exemplar vom Buch Mormon und beginnt zu erklären, was denn nun wirklich darin geschrieben steht. Wir hören aufmerksam zu, bedanken und verabschieden uns. Ein intensiver Abend mit interessantem Schluss – so viel lässt sich sagen. 

Bernadette Jacober, 21. Februar 2025


Lexikoneintrag Mormonismus

Eine erfolglose EBG-Evangelisation in Aarau?

Die Evangelische Bibelgemeinde (EBG) Aarau hatte sich entschieden, Ende November eine Evangelisation durchzuführen, und sorgte also dafür, dass ein entsprechender Flyer in diverse Briefkästen in Aarau verteilt würden – so auch eines Freundes von mir, woraufhin wir entschieden, die Abschlusskonferenz ihrer Vortragsreihe am Sonntag zu besuchen. Ihn interessierte es, und ich gehe nicht «meine alte Freikirche» allein besuchen.

Ich wusste natürlich, dass einige mich kennen, und andere weniger, wusste aber auch nicht, wer denn alles dort sein würde. Einzelne erkannten mich ohne Weiteres – dann hiess es «hallo Angi!» (ein Spitzname, mit dem ich zu EBG-Zeiten immer vorgestellt wurde), während sie sich meiner Begleitung vorstellten – und andere sahen mich an und waren unsicher. Ist auch schon lange her, und ich war mir ja auch nicht bei allen sicher.

Der Ort selbst fasst wohl rund 200 Personen, und während mehr als die Hälfte der Plätze belegt waren – einige auch durch Kinder – so blieben trotzdem einige mehr leer. Ein Grossteil der jüngeren Frauen sass mit Kind (von Baby über Kleinkind zu grösseren Kindern) da, und ein zweiter, kleinerer Raum hatte Sofas und diente den Müttern und ihren Kindern als Rückzugsort. Meine Begleitung beschrieb die EBG, vermutlich nicht zuletzt deswegen, als «enorm familienfreundlich». Ergibt natürlich auch Sinn, eine Gemeinde, die so viele Kinder hat, ist aber auch nicht ganz selbstverständlich.

Vom Gitarrenchor ohne Gitarren

Bei unserem Eintreffen hatte der Gesang bereits begonnen, also setzten wir uns und sangen mal mit. Dieses Mal darf ich mich nicht beschweren, dass mir die Lieder wieder zu hoch waren – ich war ja zu spät und nicht eingesungen, auch wenn ich mich langsam frage, ob es in der EBG eher Alt bis Mezzosopran und weniger Sopranstimmen gibt für viele Lieder, die letzteres erfordern würden, hat; mich selbst eingeschlossen. Dazu gab es tatsächlich noch einen Chor: «Geschwister», also Glaubensgeschwister, seien extra aus Bern angereist, um an diesem Morgen zu singen. Nachmittags wechselten dann der Männerchor (Aarau) und der «Gitarrenchor» ab mit ihrem Gesang. Der Gitarrenchor hatte keine Gitarre dabei, weswegen ich mich mehrfach fragte, ob ich es falsch verstanden hatte, bis ein Prediger selbst einen entsprechenden Witz darüber machte, dass sie diesmal eben keine Gitarre dabeihätten. Die Lieder handelten, besonders anfangs, primär von Lob und Dank, mit nur einem kleinen Teilsatz im Stil von «komm auch du» in einer der Strophen. Ich hätte tatsächlich viel mehr und viel evangelistischere Lieder erwartet – es gibt im Singbuch ja extra ein Kapitel von Liedern mit dem Titel «Evangelisation».

Eine grösstenteils übliche Einleitung

Die Moderation begann also, und nach einem Lied des Chores wurde gebetet. Dies so wie üblich: Zuerst wurde Gott gedankt, dass man selbst «durch das Blut reingewaschen» wurde, eine sehr übliche Formulierung, dann ein Beten um den Segen für den «Bruder», der predigen würde, sowie «uns», damit wir «verstehen», was Gott uns mitteilen will, sowie ein nicht unübliches «öffne Herzen» (für Gottes Wort). Dabei kann man interpretieren, dass es um Personen geht, die noch «ungläubig» sind, also vermutlich meine Begleitung und mich, aber es können genauso gut Gläubige gemeint sein, die beispielsweise wegen eigenen Stolzes gerade etwas Mühe haben, die Predigt für sich anzunehmen. Ein wenig angesprochen fühlte ich mich natürlich trotzdem. 

Die Predigt machte an diesem Morgen Philipp Grossenbacher, ein Prediger, den ich in meiner EBG-Zeit sehr gut kennenlernte (s. Aussteigerbericht EBG). Heute ginge es um Psalm 71, morgens um die erste Hälfte, nachmittags die zweite, und die «nachfolgenden Brüder» dürften dann anknüpfen, wo sie wollten. Philipp begann also, über den Psalm zu sprechen, dass er aufgrund des Inhaltes annähme, es sei ein Psalm von David (was durchaus der Annahme vieler anderer entspricht, aber wissen tun wir es nicht), und basierte seine Predigt auf dieser Annahme. So sprach Philipp darüber, dass die im Psalm beschriebene «Zuflucht» für uns heute «der Herr Jesus Christus» sei, und es keine andere Zuflucht und keinen anderen Weg zum «ewigen Leben» gäbe. Relevant hierbei: die Formulierung, dass «religiöse Taten» nicht reichen. Beispielsweise, in die Kirche zu gehen. Auch dies eine sehr übliche Herangehensweise aller Freikirchen, das Betonen, dass die persönliche Beziehung mit Gott ausschlaggebend sei. Dies machte ein anderer Prediger – der hier nicht gepredigt hatte – übrigens auch im persönlichen Gespräch mit meiner Begleitung: Er erzählte (auf die Frage, ob er eine Ausbildung zum Prediger gemacht hätte), dass er täglich die Bibel lese und eine persönliche Beziehung zu Gott führte. Im Rahmen der Freikirchenszene ist das natürlich sehr üblich.

Erstaunt hat mich bereits sehr früh, wie sehr Philipp über Jesus als positive Zuflucht geredet hat, und im Verlauf der Predigt, wie wenig er über Gott als strafenden Gott sprach. Dies kam tatsächlich erst viel später, bei einem Zeugnis eines anderen. Zuvor sprach Philipp darüber, dass David sicherlich auch Zweifel hatte, und «sich durchringen» musste.

Wenn Tod Gottes Plan ist

Dann diskutierte er, ob jemand zuschanden komme, wenn er auf Gott vertraue, und nahm Stephanus aus der Apostelgeschichte 7 als Beispiel. Wer nicht nachlesen möchte: Nachdem Stephanus eine Rede zum Thema «Gott» hielt und gegen Ende seine Zuhörer als «halsstarrig und unbeschnitten an Herzen und Ohren» (Apostelgeschichte 7, Vers 51, gemäss Lutherbibel 2017) bezeichnete, wurden die anderen (hier: die damalige religiöse Elite) wütend, und steinigten ihn draussen. Er aber sah «die Herrlichkeit Gottes», ehe er starb. Philipp thematisierte dies, indem er erklärte, dass Stephanus nicht zuschanden wurde – er ist zwar gestorben, aber er konnte in die Herrlichkeit Gottes kommen: «Er isch heigange», nach Hause gegangen, eine Formulierung, die in der EBG für gläubige Verstorbene verwendet wird. Gott helfe uns dann schon «zur richtigen Zeit». Ich weiss ja, es entspricht der Weltanschauung der EBG, aber etwas wild fand ich es schon: ein Beispiel eines gesteinigten Mannes zu verwenden, um zu sagen, dass Gott zur richtigen Zeit hilft. Vielleicht wilder daran: Dass ich weiss, dass ich genau das auch mal geglaubt habe. Schön für die Glaubenden ist natürlich die Sicherheit, die man dadurch hat: Egal, wie schlecht es einem geht, Gott steht immer irgendwie dahinter, auch wenn man dann doch stirbt – danach kommt ja dann das ewige Leben.

In diesem Kontext des Gottvertrauens einigermassen erwartbar ist auch das Beispiel von Isaaks «Schlachtung», oder fast-Schlachtung, durch Abraham, mit der Aussage «Abraham glaubte, da nichts zu hoffen war». Ich fand diese Unterscheidung interessant – für mich hängen die beiden sehr stark miteinander zusammen, aber Philipp scheint bewusst zu unterscheiden. Ausserdem habe ich mich, vermutlich das erste Mal, gefragt, ob es Kindern guttut, dieses Beispiel in einer Predigt zu hören. Je nachdem ist es fast, als würde den eigenen Eltern gesagt werden, «wenn ihr eure Kinder umbringen sollt, weil Gott es sagt, macht das; es kommt schon gut». Ich glaube, mich hätte das als Kind irgendwie belastet. 

Neben dem bewährten Gottvertrauen («er hat uns schon alle bewahrt», mit allgemeiner Zustimmung) thematisierte Philipp dann kurz Hiob – «die anderen sehen, wie wir uns in schwierigen Zeiten verhalten». Ich vermute, er hatte da schon zu lange geredet, denn er führte mit einem «da können wir jetzt nicht auf alles eingehen» über zu einem Tipp für ebendiese schwierigen Zeiten: Es gäbe immer Grund zu loben und danken, beispielsweise dafür, «dass alles gut lief mit der Evangelisation», dass wir «noch Glaubensfreiheit in der Schweiz» hätten. Die EBG erwartet, wie viele andere Freikirchen, dass diese Glaubensfreiheit in der Endzeit – in welcher wir uns übrigens befinden, ich glaube, da sind sich alle Freikirchen einig – nach und nach abnehmen wird, und in den Jahren kurz vor dem Jüngsten Gericht bzw. Jesu’ Zweiten Kommen besonders inexistent sein wird.

Ein ungesetzlicher Vorschlag

Zudem schlug er vor, dass die Gläubigen doch die «Verheissungen» Gottes aufschreiben sollen, damit sie es dann in eigenhändiger Schrift lesen können. Zum Beispiel, indem sie es auf Zettel schreiben und diese dann herausholen, wenn die schlechten Zeiten da sind. Er schloss diesen Teil ab mit «Ich möchte euch nicht ein Gesetz vorschreiben, aber mach’s doch einfach mal für dich persönlich». Die EBG wird in der Freikirchenszene von denen, die sie kennen, nicht ungern als «gesetzlich» bezeichnet. Dies hat nichts zu tun mit dem geltenden (z.B. Schweizer) Recht, und alles zu tun mit der Auslegung der Bibel, und deren Einfluss auf das Alltagsleben. In der EBG fühlte es sich häufig so an, als müsse man gewisse Dinge tun oder eben lassen, weil es nicht sehr biblisch war – sozusagen mehr Regeln als die Bibel vorschreibt, wie die Tatsache, dass ich mit dem Schlagzeug spielen aufhören «musste», weil es sich um ein «teuflisches Instrument» handle, oder Frauen keinen Schmuck tragen (Ausnahme: Ehering). Dies hatte ich in meinem Artikel zur Gemeinde für Christus letztes Jahr (Artikel zur GfC) etwas mehr thematisiert. Als Philipp also diesen Gesetzeskommentar machte, fragte ich mich, ob die Kritik an der Gesetzlichkeit hier angekommen war.

Zum Zeitdruck und den Zeugnissen

Der erwartete Zeitdruck, dass man sich möglichst demnächst bekehren sollte, kam hier fast unbemerkt gegen Ende, mit einem beiläufigen «schauen wir auf Gott, solange wir noch da sind». Anschliessend wechselte es mit einem «Das Wort ist frei, Brüder» zum Zeugnis. Dass nur Männer Zeugnisse ableg(t)en, war natürlich zu erwarten. 

Wenn Gott zermalmt

Einer erzählte, dass er für den ersten Evangelisationsabend um ein einleitendes Gebet gebeten wurde, und sich erst noch aufregte, wie wenig Menschen anwesend waren – er habe gedacht «was ist das für ein Zeugnis nach aussen mit so wenig Menschen?». Fairerweise darf man sagen, und den Gedanken hatte er selbst auch, dass am betroffenen Tag unerwartet viel Schnee gefallen war und das wohl auch einen Einfluss darauf hatte, dass viele Menschen nicht auftauchten. Er habe sich gefragt: «Was haben wir zu bieten?» seine Antwort, kurz zusammengefasst: Gott. Denn: Im Gebet, das er so begann, «wie man ein Gebet so anfängt», sei er in die Gegenwart Gottes gekommen und habe gemerkt, dass es nur auf ihn ankommt. An und für sich auch ein schönes Erlebnis. Er führte weiter aus, dass Gottes Gnade ewiglich währe, gegen jene, die es annähmen. Die anderen seien Gottes Feinde, mit welchen er «grob» umgehe. Ein Fels für Gläubige sei eine Zuflucht, die anderen werden vom Felsen zermalmt. In solchen Fällen frage ich mich immer, ob sie mich (mit)meinen. Nach dieser halben Drohung endete er sein Zeugnis mit «Werden wir es [gemeint: die Gnade] annehmen?», und ein neues Lied folgte. Ausserdem, denke ich, darf gesagt werden, dass es sich bei diesem «Bruder» auch um einen Prediger handelt, der einfach dieses Mal nicht gepredigt hatte. Oder zumindest nicht dafür eingeteilt war.

Gnade für verhärtete Herzen?

Was diese Gnade angeht, so nahm er den Pharao (von Moses, s. 2. Mose 7) als Beispiel. Dieser hätte Zeit gehabt, um Gottes Gnade anzunehmen, und es doch nicht getan. Dieses Beispiel ist natürlich nicht optimal, denn in genau dem Kapitel steht, dass Gott gesagt habe «Aber ich will das Herz des Pharao verhärten und viele Zeichen und Wunder tun in Ägyptenland» (2. Mose 7, 3, Lutherbibel 2017). Wenn Gott sagt, er lasse nicht zu, dass der Pharao ein «geöffnetes» oder meinetwegen «weiches» Herz habe, glaube ich nicht, dass wir ebendem Pharao das vorwerfen könnten – Gott hat es ja verhindert, laut Bibel. (Dies ist übrigens ein Kritikpunkt, der ab und an auch in den Kreisen der ehemaligen Freikirchler:innen thematisiert wird.) 

Von Hunden und der Mittagspause

Ein Zeugnis betraf ein Erlebnis in Papua Neu Guinea. Er erzählte, wie ein Einheimischer sich hinter ihm vor Hunden versteckt habe, und fragte, warum jener dies wohl gemacht habe. Ich dachte «naja, ‘weil er wusste, Gott schützt ihn’ wäre jetzt ein wenig weit hergeholt», und ein Gemeindemitglied kommentierte «vielleicht war’s ihm egal». Sein Punkt war aber, dass die «Weissen» dort den Hunden nichts taten, und die Einheimischen eher noch, sodass die Hunde nicht auf die Weissen losgingen. Das war eher auch ein wenig weit hergeholt, aber auf jeden Fall passierte beiden nichts. 

Die weiteren Zeugnisse waren eher «alltäglichere» Probleme, bei denen Gottes Gegenwart den Männern geholfen hatte, und das darauffolgende Lied war etwas evangelistischer mit dem Text: «Erwählet noch heute, wem ihr dienen wollt». Der Abschluss machte einer, der erzählte, es sei «nicht Mode, das Zeugnis mit sich zu tragen», da es darum ginge, dass man das «schon allein kann». Der Psalm sei genau das, was wir brauchen, und das würden wir «dann» sehen. Und darauf begann die Mittagspause.

Wie ich in dieser herausfand, lag der Grund für die Evangelisation in der sich weiterhin zuspitzenden Endzeit. Ein Gemeindemitglied, welches ich auch seit damals kenne, erwähnte relativ beiläufig, dass wir trotz der weltweiten Ereignisse «keine Angst zu haben brauchen». Ich fragte mich schon, wie sie zu aktuellen politischen Ereignissen standen, aber wenn diese in einer Glaubensgemeinschaft weniger thematisiert werden, finde ich das ehrlich gesagt nicht schlimm. Ansonsten verbrachte ich meine Mittagspause wie üblich, und traf einige Bekannte, die ich – verständlicherweise – schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Theologie im Wandel?

Am Nachmittag ging es mit einem anderen Prediger, Ephraim, weiter. Den hatte ich zuvor nicht gekannt, oder wenn schon, dann nur am Rande. Er sprach darüber, was ihm besonders gefiel an Psalmen, denn «man sieht ins Herz, wir sehen ein Gebet eines Menschen.» Ich horchte auf – hiess das, die EBG begann, die Bibel als eher historisches Dokument zu sehen? Er relativierte seine Erkenntnis dann auch mit einem «es ist Gottes Wort, wohlverstanden!» und erklärte, dass der Psalmschreiber sich «nicht verstellte». Ich sehe seinen Punkt: In Psalmen sieht man die verletzliche Seite von Menschen, dieselbe Verletzlichkeit, welche die Mitglieder auch bei den Zeugnissen gezeigt hatten. Dann fühlt man sich natürlich weniger allein, was auch eine schöne Erfahrung ist. Die man allerdings auch ausserhalb der Freikirchenszene machen kann.

Das Vertilgen der Feinde und die gewaltvolle Sprache

Der Psalm beinhaltet einige Formulierungen, bei welchen ich mich fragte, wie diese thematisiert würden – besonders Vers 13: «Es sollen sich schämen und vertilgt werden, die meine Seele anfeinden; in Schimpf und Schande sollen sich hüllen, die mein Unglück suchen!» (Schlachter 2000). Bei der UK-Abschlusskonferenz letztes Jahr gab es vergleichbare Verse, wobei jene etwas gewaltvoller waren, und die gar nicht thematisiert wurden in der Predigt. Das bemängelte ich bei meinem Artikel zur UK-Konferenz auch. Dieses Mal aber wurde der gesamte Psalm diskutiert, auch diese von den Predigern als «alttestamentlich» bezeichneten Teile. Hier hiess es aber, dass mit «Feinden» nicht Menschen gemeint würden («denn unsere menschlichen Feinde sollen wir lieben», wie der Prediger meinte), sondern die «Gewaltigen», sozusagen die unsichtbaren Mächte «in der Luft», welche Gläubige angreifen würden. Gemeint: Der Teufel und was von ihm «gesteuert» wird. Jene Mächte sollen in Schimpf und Schande landen.  Genau genommen: sich in Schande hüllen. Ephraim nutzte dies und erklärte, dass die «Selbstanklage in der Hölle sehr schlimm» sein würde, und jeder sich immer selbst anklagen würde. Ja, den Selbsthass möchte ich nicht, aber meiner Erfahrung nach kommt er eher noch davon, dass einem erklärt wird, alles an einem selbst sei falsch und sündhaft. Am Vormittag wurden die «Kämpfe» ebenso thematisiert, denn «unser Kampf ist nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit den Gewaltigen in der Luft», ein Glaubenskampf. Ich bin froh, dass sie das aktiv relativieren.

Was sich gehört, und wie man Unfälle vermeidet

Ephraim erzählte weiter, dass eine demütige Haltung sich «gehört für einen Christen», und dass ohne Gottes Hilfe nichts möglich war. Er erzählte, wie er einem Familienmitglied bei etwas geholfen hatte (Bäume fällen, als gelernter Forstwart), und er wusste, dass er das ohne Gott nicht geschafft hätte. Als ihm im Familienchat, in welchem auch ungläubige Verwandte waren, gedankt wurde, «durfte» er, wie er erzählte, auch Zeugnis ablegen (er habe es gern gemacht, aber ohne Gottes Hilfe ginge nichts). 

Er erklärte, dass uns Gott durch das Wort (die Bibel), die Predigt, den Heiligen Geist, und das Gewissen lehre. Ich finde diesen letzten Punkt etwas schwierig, denn: Irgendwoher kommt dieses Gewissen, und wenn ich keinen Freikirchenhintergrund habe, könnte es ja sein, dass ich etwas mache, das hier «falsch» wäre, und ich das gar nicht so empfinde. Wie eben die Situation mit mir und meinem Schlagzeug.

Nach seiner Predigt sang erst der Männerchor («bist du noch am überlegen», wieder ein evangelistisches Lied) und dann wurde wieder um Zeugnisse gebeten, diesmal mit einem «Macht kurz, seid so gut.» Ein Deutscher erzählte, wie er auf der (deutschen) Autobahn einem Unfall knapp entkommen war, natürlich mit der mutmasslichen Begründung, dass Gott ihn bewahrt hatte. Ein nächster Mann erzählte, dass sein Kind auf einer Wanderung durch das Gebet neu Kraft für den Rest der Wanderung erhalten hatte. 

Eine anscheinend doch vergebbare unvergebbare Sünde

Ein weiteres Zeugnis handelte von einem älteren Mann, der «die Sünde gegen den Heiligen Geist» begangen hatte und von einem Prediger seelsorgerisch betreut wurde. Gemäss Bibel: «wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.» (Markus 3, 29, Lutherbibel 2017). Der Mann habe ausgeführt, dass für alle Vergebung sei, ausser für ihn, und der Prediger habe nicht gewusst, was er ihm sagen sollte. Anscheinend habe er es am Ende seines Lebens doch wieder «gesehen». Für mich unerwartet: Dass die EBG predigt, dass er hier doch Vergebung erhalten kann. Finde ich nicht schlimm für ihn, aber bei genau dieser Stelle ist die «irrtumsfreie Bibel» dann doch sehr explizit. Ich komme nicht umher, mich zu fragen, warum genau diese Sünde plötzlich vergeben werden kann, wenn es bei allem anderen doch heisst «die Bibel ist klar». Man könnte die Bibel ja konsequent (statt nur wenn’s passt) relativieren.

Der Punkt des Mannes, der das Zeugnis ablegte: Solche Zweifel hätten wir alle, und Gott mache uns «wieder lebendig», und hole «uns raus». 

Auch biblische Stellen wurden im Zeugnis thematisiert, einerseits Jesu Tod (bei welcher die Elite kommentierte «er hat auf Gott vertraut, der rette ihn», und Jesu blieb, denn «es hat ihm gefallen», «uns zu retten»), und andererseits Daniel, welcher so vorbildlich war, dass das Einzige, was ihm seine (menschlichen) Feinde vorwerfen konnten, sein Glaube war. Wie jene Feinde wollten unsichtbare Mächte auch «uns» fertig machen, und brächten viel Not und Unglück, doch Gott mache lebendig. 

Der feste Baum

Auch hier wurde der Baum, der sich selbst immer mehr verankert, je mehr es stürmt und windet, thematisiert. Das letzte Mal, als ich das gehört hatte, war ich noch in der EBG, und telefonierte mit einem EBG-Mitglied. Ich habe diesen Baum aber in meinem Aussteigerbericht kurz thematisiert. Als Philipp dann denselben Baum aufgriff, kam ich nicht darum, mich angesprochen zu fühlen. Er erklärte, dass Gott Stürme in unser Leben schicke, damit wir fester verankert würden, und dass wir Blickkontakt mit Gott halten sollen. Er endete sein Zeugnis mit dem Wunsch, das Jahr gut abzuschliessen «wenn wir dann noch da sind», und «wenn nicht Herr Jesus vorher kommt». Hier war es also erneut: Der erstaunlicherweise doch subtile Druck, dass man sich bekehren sollte. Meine Begleitung bezeichnete dies später als «Stilbruch». Danach beteten noch zwei Männer («bitte unter 30»), und einer der beiden meinte beim Gebet «geh reinigend durch unsere Reihen». Da er in meiner Reihe sass und das Schweizerdeutsche («oisi Reihe») hier nicht in jedem Dialekt so stark unterscheidet zwischen Singular und Plural, konnte ich mir dieses Mal das Grinsen nicht ganz verkneifen. Aber er meinte sicher nicht (nur) mich (und meine Begleitung). Ansonsten hatte ich aber keine anderen «Auswärtigen» gesehen.

Das liebe Geld

Meine Begleitung hatte, wie er mir erzählte, entschieden, Geld in die Kollekte einzuwerfen, da es schliesslich (für uns in dem Sinne kostenloses) Mittagessen gäbe. Als er dann beim Zvieri (auch kostenlos!) bei einem Gemeindemitglied nachfragte, wo man das Geld denn einwerfen könne, meinte dieser «ah, das musst du nicht, das ist alles bezahlt.» Wir bedankten uns also recht herzlich und ich musste innerlich grinsen – «alles bezahlt», eine Formulierung, die für mich sehr stark an Jesu’ Opfertod erinnert, und ich vermute, dass auch dieses Gemeindemitglied daran dachte. Nachdem ich aber verschiedene Freikirchen besucht habe, muss ich betreffend Geld eins sagen: In der EBG wird und wurde nie nach Geld gefragt. Menschen geben häufig ihren Zehnten, das wurde aber in keiner Versammlung, in welcher ich war, thematisiert, sondern nur im Gespräch mit einer Bekannten, auf Nachfrage meinerseits, wobei sie sehr zurückhaltend war und mir das erzählte, als wäre es ein Geheimnis. Für mich ist es wichtig, dass Geld in der Kirche nicht im Zentrum steht, und die EBG macht das meiner Meinung nach gut. Vielleicht habe ich das auch teils wegen meiner Zeit dort verinnerlicht.

Die Frauen und die Männer: Ein Männerbild

Nicht weiter überraschend war, dass die Predigten sowie die Zeugnisse alle von Männern gemacht wurden, während die Frauen eher im Hintergrund waren – bei ihren Kindern, oder im Küchenteam – sowie die meisten Gebete von Männern gebetet wurden. Bei den Gebeten ist es tatsächlich weniger eng, und einmal fragte der Moderator nach «zwei Geschwistern», die beten sollten, woraufhin eine Frau betete. In allen anderen Fällen, in welchen der Moderator nach Gebeten fragte, formulierte er es als «zwei Brüder». Am Schluss sogar noch «zwei Brüder unter 30 Jahren», da diese sich eher zurückgehalten hatten bisher (vermutlich nicht zuletzt aus Schüchternheit). 

Meiner Begleitung fiel aber, neben der klaren Rollentrennung, noch etwas ganz anderes auf – das mir, ehrlich gesagt, nicht aufgefallen ist und vermutlich auch nicht aufgefallen wäre – nämlich: die «gesunde Männlichkeit», die in der EBG gelebt wird. Sowohl bei den Zeugnissen als auch im privaten Gespräch zeigten sich Männer, allesamt Familienväter, sehr verletzlich und teilten durchaus intime Details aus ihrem Leben – sozusagen durch ihren Glauben an Gott oder der Vorstellung, «vor Gott» zu stehen, fähig, sich der Gemeinde zu öffnen. Mir wäre das nie aufgefallen, aber ich muss zustimmen: Es ist ein gesundes Bild, zumindest, solange es für die einzelne Person passt. Dass dieses Männerbild, das eines «traditionellen» aber dennoch verletzlichen Familienvaters, in vielen Freikirchen herrscht, ist mir vorher auch nie aufgefallen – vielleicht, weil wir in der EBG nie sehr geschlechterdurchmischt waren, und ich eigentlich erst jetzt «die männliche Perspektive» in dieser Szene besser zu verstehen beginne.

Ein Fazit

Im Verlauf der Predigt hatte ich immer wieder den Eindruck, dass mein Artikel zur UK-Konferenz (Artikel zur UK-Konferenz) letzten Jahres gelesen und verstanden wurde. Nicht zuletzt, weil Philipp plötzlich viel mehr über Gnade und Hoffnung sprach, statt, wie ich es eher noch im Kopf hatte, Sünde und Strafe (wie auch letztes Jahr thematisiert und formuliert). In Gesprächen stellte sich heraus, dass meine Arbeit bei Relinfo bekannt war: Sie haben sich informiert, was man denn über die EBG alles im Internet finden könne, und aktuell ist es natürlich so, dass das Allermeiste irgendwie von mir und somit Relinfo kommt. Mich kennen sie ja. Nach ihrer Meinung zu meinen bisherigen Berichten habe ich mich dann aber doch nicht erkundigt.

Theologisch besonders verändert haben sie sich, wie zu erwarten, nicht: charismatische Musik ist immer noch teuflisch, auch wenn es um Gott zu gehen scheint, Ehe soll zwischen Mann und Frau stattfinden, und übrigens gibt es nur zwei Geschlechter, wie sie in ihren neueren Ausgaben des «Lebenswortes», welches alle zwei Monate publiziert wird, diskutieren. Wenn sich das ändern würde, wäre ich ehrlicherweise auch (positiv) überrascht.

In dem Sinne: Schön, dass sie mich nicht rausgekickt haben. Sie meinten sogar, ich sei weiterhin willkommen, und liessen mich, wie früher, alle grüssen.

Angela Heldstab, 30.12.2024
Lexikoneintrag EBG

Umfassendes Freikirchenglossar:

Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus

Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.

Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.

Evangelisation: eine (Reihe von) Veranstaltung(en), die dazu dient, Personen zu Gott bzw. zum christlichen Glauben zu führen

Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc. Die EBG spricht sich entschieden dagegen aus und erklärt, dass Geistesgaben heute nicht mehr vergeben werden.

Geschwister: in vielen Freikirchen gängige Beschreibung von «Glaubensgeschwistern», d.h. Personen, die mindestens ähnlich an den christlichen Gott glauben; ähnlich bei «Bruder» und «Schwester»

Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»

Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung

Versammlung: in der EBG verwendete Beschreibung eines Gottesdienstes, mit der dahinterliegenden Begründung: Gott dient man jeden Tag

Wiedergeburt: Wenn der Heilige Geist im Menschen «ankommt»

Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half

2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, in der EBG ist es entschieden nicht gleichzeitig, wie in vielen anderen Gemeinden. Jesus komme dann als «Richter».

Urig Stadt Luzern organisiert rassistischen Vortrag

Am 22. März 2024 bietet Urig Stadt Luzern einen Vortrag an unter dem Titel «Unser wedisches Erbe», der von Victoria Vesta gehalten wird und von einer rassistischen Weltsicht geprägt ist.

Die Referentin Victoria Vesta stammt aus der Ukraine und hat sich der Bewegung der Rodnover angeschlossen, einer Form des russischen Neuheidentums. Rodnover wollen die vorchristlichen Religionen der slawischen Völker wieder aufleben lassen. Da über die vorchristlichen slawischen Religionen kaum historische Quellen vorliegen, wird vieles aus Brauchtum, Erzählungen und traditionellen rural geprägten Vorstellungen rekonstruiert. Unterlegt wird diese Rekonstruktion mit nationalistischen und rassistischen Ideen, die in Russland im 19. Jahrhundert florierten und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder populär wurden.

Träger der urslawischen Religion sei, so der Glaube der Rodnover, eine slawische Urkultur gewesen. Diese hätte sich «wedische» Kultur genannt, abgeleitet vom Verb «wedat», wissen. Die gleichnamige vedische Phase der indischen Geschichte sei von Menschen aus der «wedischen» Kultur Russlands begründet worden, die südwärts auf den indischen Subkontinent gezogen seien.

Dass die Bewegung der Rodnover mindestens in Teilen nicht nur nationalistische, sondern auch rassistische Züge hat, erweist sich darin, dass sie sich nicht nur an Menschen slawischer Sprache richtet, sondern auch in West- und Mitteleuropa Werbung macht. Alle «weissen Menschen» würden, so wird behauptet, von Urahnen abstammen, die zur «wedischen» Kultur dazu gehört hätten, und an sie alle richte sich die Botschaft der Rodnover.

Für diese hochproblematische Weltanschauung macht Victoria Vesta Werbung im Rahmen einer Vortragstournee, die sie schon durch verschiedene Orte in Deutschland geführt hat, und die nun am 22. März auf Einladung von Urig Stadt Luzern hin erstmals in der Schweiz Station machen soll.

Schon die Ausschreibung des Vortrags legt den Verdacht nahe, dass da in braunen Gewässern gefischt werden könnte:

Unsere Ahnen in Europa richteten ihren Glauben und das alltägliche Leben nach den Weden aus. Das Wort «Weden» stammt vom russischen «wedat» auf Deutsch «wissen» ab.

Mit dem Siegeszug der abrahamitischen wurde unser wedisches Erbe verschüttet, totgeschwiegen, verzerrt und geriet für die Massen in Vergessenheit.

Wir streifen die Grundzüge der wedischen Weltanschauung unserer Ahnen, ihre Stammeskultur, die Geschlechterrollen und die Frage, wie wir heute in den dunklen technokratischen Zeiten von Kali Juga – oder im wedischen die «Nacht von Swarog» genannt – dieses Erbe wieder auferstehen lassen und in unseren Alltag integrieren können».

(Vortragsflyer, https://www.urig-stadtluzern.ch/kalender/unsere-veranstaltungen/)

Dieser Verdacht wird schnell bestätigt durch die Ausschnitte aus vergangenen Durchführungen ihres Vortrags, die Victoria Vesta bei YouTube und in ihrem Telegram-Kanal publiziert hat.

Ihre rassistische Haltung macht Victoria Vesta da überdeutlich, z.B. im Vortrag in Oberfranken am 16. September 2023.

Hier äussert Victoria Vesta ab Minute 12.35:

… Für uns weisse Menschen so absurd: Wie weit sind wir denn schon gekommen, dass jeder Afrikaner total stolz ist auf seinen Mumba-kumba-kumba-Grossvater, und jeder Indianer… ich war auch persönlich in Peru, in Bolivien, ich hab’s ja gesehen, wie stolz sie sind auf ihren Stamm, auf ihr Volk, ja, und los abuelos, los ancestros, ahaha, und all diese Lieder, und wie wir, wie weit sind wir jetzt schon gekommen, wie weit ist das fortgeschritten, das mehr, also ein Grossteil der Bevölkerung, der weissen Bevölkerung, sich eigentlich scheut, stolz darauf zu sein, dass man ein weisser Mensch ist, dass man weisse Vorfahren hat, dass man eine weisse Kultur hat.

Victoria Vesta ist durchaus bewusst, dass ihre Ausführungen rassistisch sind, wie die folgende Passage belegt (ab 17.12):

Und wenn man sich damit anfängt zu beschäftigen, und immer mehr gräbt, und immer mehr schaut, dann begreift man eigentlich, dass wir eine sehr reiche Stammeskultur und Ahnenkultur haben, und ja, würde das jetzt nicht überheblich und rassistisch klingen, dann würd ich sagen, um einiges auch in bestimmten Aspekten reicher als die Kultur, die wir jetzt in Mexiko finden, und in Peru, oder in Indien sowieso.

Nichteuropäische Hochkulturen sind, so die rassistische Lehre vieler Rodnover, von Vertretern der angeblichen «wedischen Kultur» begründet worden, was auch Victoria Vesta an ihrem Vortrag so vertritt (ab 22.25):

Es gibt sogar sehr kühne russische Wissenschaftler, die sagen, die ersten Pharaonen waren weiss, und die Pyramiden wurden auch von weissen Menschen erbaut.

Wie die Rodnover die Geschlechterrollen sehen, darüber berichtet Victoria Vesta in einem anderen Video, das bei Youtube zugänglich ist:
https://www.youtube.com/watch?v=QrgiJzrBpXA&ab_channel=VictoriaVesta

Hier äussert sich Victoria Vesta ausführlich über die Geschlechterrollen in der Sicht der Rodnover und über ihren Weg, diese anzunehmen (ab Minute 8.41):

Und eine grosse Katastrophe, grosse Tragödie für die Frau in unserer heutigen Gesellschaft ist, dass der Frau suggeriert wird, von den dunklen Mächten, das ist ein Teil dieses Agendas, dass die Frau Entscheidungen treffen muss, dass sie zielstrebig sein muss, dass sie ganz genau wissen muss, was sie im Leben zu tun hat, und dieser Agenda folgte ich auch lange Zeit, und mit verheerenden Folgen für meine psychische und hormonelle Gesundheit, sagen wir’s mal so, denn eigentlich ist es, wenn wir ehrlich sind, wir Frauen, ist es sehr schwer für uns, uns zu entscheiden, eine Entscheidung zu treffen. Es ist eine grosse Erleichterung für uns, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen, weil für uns ist alles in Ordnung, wir sind ja, wie eine Gebärmutter es auch ist, Potenzial, es ist alles in Ordnung, es ist alles da, es ist Schatten und Licht ist da, eine Frau muss nicht strukturieren, der Mann… die Gebärmutter an sich, die Eizelle ist nicht strukturiert. Es muss erst das Sperma des Mannes kommen, und das Sperma strukturiert. Die Eizelle teilt sich in zwei, in vier, in sechzehn und so weiter und so fort, und der Mann ist dazu da, um zu strukturieren, die Frau ist dazu da, um zu fliessen, und der Mann ist auch derjenige, der die Richtung vorgibt und die Frau schwingt mit, und so, wenn man das bedenkt, dass Wasser… dass Frau Wasser ist, und Mann ist Feuer, und wenn man… und wenn man dem anderen seine Rolle gewährt, statt Krieg mit dem Mann zu führen, statt mit ihm zu diskutieren, im Wedischen sagt man, der Mann ist viel besser dafür ausgerichtet zu sagen, was gut und was falsch ist, er gibt den Ton an, er sagt der Frau und den Kindern, was ist gut und was ist böse, und das hat mich auch lange gekostet, um das zu akzeptieren, in meiner feminist… feminiss…äh… feministisch infizierten Denkweise, aber als ich das akzeptiert und eingesehen hatte, dass ich die Seele einer Beziehung sein kann und der Mann der Geist der Beziehung, es ist eine grosse Erleichterung.

Wie problematisch binär diese Geschlechterrollen im Verständnis der Rodnover formuliert sind, zeigt sich auch da, wo Victoria Vesta von der Körperbehaarung spricht. Diese sieht sie als Antennen zu höheren Ebenen, weshalb sie nicht entfernt werden sollte. Jedes Härchen sei an seinem Platz. Soweit wäre das ja ganz unproblematisch, wenn nicht die Einschränkung käme: Auf der Oberlippe sind Haare bei Frauen nicht an ihrem Platz. «Damenbart» sei Zeichen einer «Hormonstörung», ein «Umschwenken hin zum Männlichen». Wenn eine Frau anderswo Haare hat, als es bei Victoria Vesta vorgesehen ist, dann ist das gleich eine Störung im Hormonhaushalt und in der Geschlechtsidentität, und liegt damit auf der Linie der von Victoria Vesta öfters erwähnten Agenda der üblen Mächte, welche diese Welt beherrschen und eine «Rollenvertauschung zwischen Mann und Weib» durchführen wollen.

Dass Urig Stadt Luzern diesen rassistischen Vortrag, über dessen Inhalt sich jede Person online ohne Weiteres im Voraus informieren kann, seinem Publikum anbietet, weist erneut auf die Problematik um die Urig-Vereine hin. So treten sie oft als Veranstaltende von Vorträgen mit Staatsverweigerern auf, ein Beispiel ist der Verein Urig Stadt Luzern selbst, der am 26. Januar einen Abend mit dem bekannten Staats- und Rechtskritiker Roman Haudenschild alias Don Icon organisiert. Nun kommt noch die Verbreitung rassistischer Ideen dazu. Die Urig-Bewegung muss sich fragen, wo sie hinwill. Im Moment befinden sich manche Urig-Vereine auf einem höchst problematischen Weg.

Victoria Vesta selbst scheint eine wachsende Anzahl von Fans zu haben, jedenfalls berichtet sie davon. Auf ihrem Telegram-Kanal hat sie eben das 1000. Abonnement gefeiert. Es war dasjenige von Relinfo.

Georg Schmid, 19. Januar 2024

Spenden und Missionieren für die Herrlichkeit Gottes – Besuch bei der International Mission Church IMC in Bern

Die Mitfahrgelegenheit nach Bern

Ein kühler Wind blies mir ins Gesicht, als ich an diesem Sonntagmorgen in Unterzollikofen bei Bern vor verschlossenen Toren stand. Ich hatte bereits mehrfach nachgeschaut, ob ich hier wirklich richtig war, denn trotz der Namenstafel der International Mission Church IMC neben der Tür war bis jetzt noch niemand aufgetaucht. Kurzerhand ergriff ich mein Handy und rief die auf der Website angegebene Nummer an. Ich landete beim Leiter der IMC Bern Clyde Bonato. Dann war schnell klar, ich war am falschen Ort. Wegen Renovierungsarbeiten hatte sich die IMC vorübergehend in der Stadt Bern eingemietet. Rechtzeitig wäre es mir unmöglich gewesen, wieder zurück in die Hauptstadt zu fahren. Sehr hilfsbereit organisierte mir Clyde Bonato eine Mitfahrgelegenheit, und nach kurzem Warten war sie auch schon da. Eine spanischsprachige junge Familie, mit zwei entzückenden kleinen Kindern, nahm mich mit in die Innenstadt von Bern, und so kam ich doch noch beim Gottesdienst der International Mission Church Bern an.

Der ohrenbetäubende Einstieg

Am Eingang wurde ich von einem jungen Mann im Anzug freundlich begrüsst und gleich in den Gottesdienstsaal geführt. Dort schallte mir laute Musik entgegen. Der Saal war gefüllt mit geschätzten 50 Menschen, die imbrünstig und laut ein spanisches Loblied mitsangen. Viele warfen ihre Hände in die Luft, wiegten sich, knieten auf dem Boden oder hatten Tränen in den Augen. Als das Lied langsam ausklang schrie Veronica Bonato auf Spanisch ins Mikrofon, mit Sprechpausen für die deutsche Übersetzung. Nach diesen herzzerreissenden Worten kehrte etwas Ruhe ein und Veronica begann aus der Bibel zu zitieren.

Der Schlüssel zu allem

«Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.» (Matthäus 18, 18)

Veronica erklärte, dass wir Gott jeden Tag um so vieles bitten würden. Schlussendlich könne uns jedoch nur Gott erfüllen und wir hätten von ihm einen mächtigen Schlüssel bekommen, um alles auf Erden und im Himmel zu erreichen. Durch Gott hätten wir ein Versprechen von Schutz.

Die finanzielle Spende für Gott

«Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.» (Johannes 12,3)

Das Opfer für Gott habe kein Limit. Mit unseren eigenen Bedürfnissen zu Gott zu kommen sei einfach, doch wir müssten uns wahrlich hingeben können. Wir bräuchten eine Hingabe sowohl finanziell als auch mit unserem Schweiss. Heute würden wir alle zusammen Spenden sammeln, um damit unseren Duft fliessen zu lassen, wie bei Johannes 12,3. Veronica sprach weiter von Spenden und Gebeten während zwei Frauen vor die kleine Bühne traten mit grossen Eimern für die Spenden. Zu spanischer Popmusik gingen im Anschluss die Gläubigen nach vorne und warfen ihre Spenden für Jesus in die Eimer.

Der Junge, der Gott präsentiert wurde

Neben Veronica Bonato trat nun auch ihr Mann Clyde gemeinsam mit einem jungen Paar auf die Bühne. In den Armen des jungen Vaters lag ein Neugeborenes, welches nun Gott präsentiert werden sollte. Die IMC lehnt Kindertaufen ab, sondern führt die Taufe erst im Erwachsenenalter durch. Um nun für den kleinen Jungen zu beten, mussten alle Gottesdienstbesucher die Hände nach dem Kind ausstrecken, mit den Handflächen nach vorne. Viele schlossen dabei ihre Augen und beteten. Der Junge solle ein Mann Gottes werden und Tag und Nacht geschützt sein. Auch die Eltern sollten von Gott Liebe, Geduld und Weisheit erhalten, um dem Kind zu helfen, die beste Version von sich selbst zu werden.

Der Name des Kindes wurde hinter den stolzen Eltern auf dem Bildschirm eingeblendet und die Menschen jubelten. Mit dieser Vorstellung seien wir nun alle Teil der Fürsorge für diesen kleinen Jungen, wie auch seine Wächter. Das bejahten die Gottesdienstbesucher eifrig und jubelten erneut. Nachdem ein Fotograf einige Bilder gemacht hatte, setzte sich die junge Familie wieder und der eigentliche Gottesdienst wurde weitergeführt.

Die Missionierung als Pflicht für alle

Es folgten einige Ankündigungen zu den Aktivitäten der IMC, wie die Andacht mit dem Apostel Rodolfo Rojas via Instagram, den Einsatz um den Namen Christus gemeinsam auf der Strasse zu proklamieren, die Schule des Reiches und die Zell-Gruppen. Interessierte könnten die Kirche kennenlernen durchs Assistieren im Gottesdienst oder durchs gemeinsame Kochen. Zur Evangelisation am Samstag seien auch alle eingeladen. Auch wenn wir uns nicht bereit dazu fühlen würden, sollten wir einfach rausgehen und mit der Hilfe des Heiligen Geistes würden wir mit denjenigen vereint werden, die Gottes Botschaft hören müssten. Zu den sonntäglichen Gottesdiensten sollten wir alle jede Woche neue Personen mitbringen, als eine Art Spende eines Herzens. Natürlich würde dies nicht die finanzielle Spende ersetzen. Wer Gott liebt, der würde auch Seelen lieben.

Der brüllende Gott

Das würde uns sagen, dass Gott wie ein Löwe brülle. Seine Stimme sei stark und würde von allen anerkannt werden. Dieses Gebrüll würde die Herzen der Menschen erwecken. Veronica forderte uns auf, die Augen zu schliessen und nun Gottes Stimme zu hören. Musik setzte ein und fast alle schlossen die Augen. Gott würde zu uns sprechen wollen und wir würden ihn hören. Die Anwesenden begannen so laut und leidenschaftlich zu singen, wie sie nur konnten und der Saal verdunkelte sich. «Lass den Löwen brüllen, lass die Erde beben vor der Majestät Jesu!» Die Musik dröhnte in meiner Brust, so laut war sie und Veronica schrie darüber in ihr Mikrofon «Die Kirche will dich hören Papa!» und «Brülle, brülle, brülle!». Sie schrie fast mit weinerlicher Stimme, dass Gottes Stimme unsere Feinde fliehen lassen sollte, und die Menschen begannen erneut zu singen.

Das Flehen, Gott als Person kennenlernen zu dürfen

Arme schossen in die Höhe und gemeinsam flehten die Menschen zu Gott, sie würden ihn suchen und lieben. Eine Stimme würde sich erheben und heute würden hier alle gemeinsam Gott um das selbe bitten, nämlich um ihn selbst. Wir alle würden Gott suchen und heute würden wir Gott als Person und sein Herz wollen. Gott wäre nämlich nicht glücklich, wenn wir ihn immer nur um etwas bitten würden, ohne ihn selbst kennenlernen zu wollen, so wie er sei. Dies wäre unser Gebet, im Namen von Jesus.          

Clyde Bonato leitete ein gemeinsames Gebet an. Die meisten Gottesdienstbesucher kamen dafür nach vorne zur Bühne, knieten sich hin und einige legten ihre Köpfe auf den Boden. Clyde flehte zu Gott und die Gemeinde tat es ihm gleich. Einige weinten ergriffen. Nur wenige Menschen standen noch in den Stuhlreihen und beteten mit erhobenen Händen. Ein paar Helferinnen standen mit Decken bereit und legten diese auf die Rücken von Betenden. Vermutlich sollten sie durch das Sich-auf-den-Boden-Werfen nicht entblösst werden, wenn ihre Kleidung verrutschte. Als das Gebet vorbei war, erhoben sich alle wieder und gingen zurück auf ihre Plätze.

Das Wort Gottes, kein chinesischer Glückskeks

So wurden wir alle aufgefordert unsere Bibel zu öffnen und zu lesen. Kolosser 1,27: «Ihnen wollte Gott kundtun, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Völkern ist: Christus ist unter euch, die Hoffnung auf Herrlichkeit.» Die Lichter gingen wieder an und Clyde Bonato wies uns an, aufmerksam zu lesen, denn dies sei Gottes Wort und keine Nachricht aus einem chinesischen Glückskeks. Diese Worte sollten wir leben und jeder Vers in unserem Geist verankert sein. Christus würde auf der Welt leben, in uns allen. In uns sei ein Schatz, ein Geheimnis und das sei Jesus in uns. Mit Christus sei in uns Licht und Reichtum, sowie die Sicherheit, dass wir an der Herrlichkeit teilhaben werden. Alle Gottesdienstbesucher sollten nun nachsprechen: «Gott offenbare mir deine Herrlichkeit, im Namen Jesus, Amen.»

Die Persönlichkeit Gottes

Gottes Wort sei kraftvoll und Reichtum sei in uns allen. Doch wie dieser herauszubringen sei, das sei die Schwierigkeit. Heute sei ein spezieller Sonntag, denn jeder würde normalerweise mit seinen eigenen Wünschen zu Gott kommen. Das sei auch nicht schlecht, denn wir hätten schliesslich sechs Tage überlebt und sicher alle vieles erlebt. Hier in der Kirche würden wir auf Antworten hoffen, auch Clyde selbst würde dies tun. Heute würden wir jedoch alle gemeinsam etwas als Kirche tun, nur diesen Sonntag. Wir würden nicht um unsere Finanzen bitten, nicht um Gesundheit oder unsere Familien. Ausnahmsweise würden wir nichts von Gott erbitten, sondern um Gott selbst bitten. Gleichgeschlechtliche Liebe, Geldgeilheit oder berühmt werden, all diese Bitten an Gott seien schlecht. Wir müssten uns immer für das interessieren, was eine Person sei, nicht für das, was sie habe. Dies sollten wir auch für Gott tun. So bat Clyde Bonato uns alle, den gleichen Wunsch im Herzen zu haben, Gott zu ersehnen.

Die Herrlichkeit in uns

Gott habe seine Herrlichkeit in uns gelegt und wir hätten die Sicherheit an seiner Herrlichkeit teilzuhaben. Da Clyde nun mit sehr vielen Worten immer wieder dasselbe sagte, schweifte ich mit meinen Gedanken irgendwann ab. Er sprach zwar voller Leidenschaft, leider mit wenig Nährwert. Irgendwann war der Gottesdienst dann einfach zu Ende und ich war etwas enttäuscht, dass zum Schluss nicht nochmals ein Lied gesungen wurde. Denn offen gesagt, waren die Songs das Beste an diesem Gottesdienst, der keineswegs so war, inhaltlich und liturgisch, wie ich es von den Landeskirchen kannte.

Das Einlullen der Neuen

Nach dem Gottesdienst in dem Foyer wurde ich mit allen anderen Neuen nochmals speziell empfangen. Sie erklärten uns nochmals, wer sie genau waren und, dass wir natürlich herzlich willkommen seien wiederzukommen. Ich wurde auch gefragt, wer mich eingeladen hätte und wie ich auf die Kirche gestossen sei. Mir wurden viele Fragen gestellt und ich bekam eine Art Willkommenspaket. Darin befand sich neben Taschentüchern und ein paar Süssigkeiten ein Gebetsbüchlein. Zum Schluss kam noch eine der Frauen zu mir, nahm meine Hand in ihre und betete für mich, damit ich auch sicher mit Jesus im Herzen nach Hause gehen würde.

Jasmin Schneider, Oktober 2023

Lexikoneintrag International Mission Church IMC

Wannabe-High-Society: Ex-EBG-Mitglied besucht die YOU Church

Der Anfang

Meine allererste Erfahrung mit der YOU Church war enttäuschend: Ich versuchte mich dreimal auf der Webseite für den Gottesdienst anzumelden, und es klappte gar nicht. Da schrieb ich eine Mail, auf die ich die Bestätigung erhielt, dass ich gehen könnte. Ein Fehler im Backend hätte die Fehlermeldung ausgelöst. Türöffnung sei um 16:45. Ich landete also mit dem Bus um 16:38 an der Haltestelle direkt bei der YOU Church, mitten im Industriegebiet. Es schien sonntags in dieser Umgebung nichts anderes zu geben als die YOU Church, vor der etwa vier Personen bereits warteten. Diese begrüssten mich freudig und jener, der mich am allerfreudigsten begrüsste, verwies mich direkt an seine Frau, die mir alles zeigen und erklären soll. Sie tauchte sofort in der Tür auf und meinte, ich solle kurz warten, sie kontrolliere noch, ob der Soundcheck bereits vorbei war, und verwies mich auf die Toilette, falls ich gehen müsste. Dort hatte es einen riesigen Spiegel, sowohl in der Kabine als auch beim Waschbecken, was natürlich super war, um meine vom Wind verwehten Haare in Ordnung zu bringen.

Das Gefühl von «(Frei)Kirche» spürte ich gar nicht, es war eher, als wäre ich irgendwie an einem Wannabe-High-Society-Treffen gelandet. Beim Gespräch mit jener Frau, die mir alles zeigen sollte – obwohl es viel zu wenig zu zeigen gab – fühlte ich mich erstmal ausgequetscht: Wie ich auf die YOU Church gestossen sei, ob ich die Webseite angeschaut hätte, ob ich in einer anderen Freikirche wäre, ob ich den Weg schon mit Gott ginge. («Zufällig, ja sicher, nein, nur der reformierten, und ja, natürlich»). Das Gespräch erinnerte mich mehr an ein Vorstellungsgespräch, und ich erwartete schon fast, mehr zu meinem Lebenslauf und meinen Stärken mitteilen zu müssen. Allerdings ein unangenehmes Vorstellungsgespräch: Ich fühlte mich so unwohl beim Ausgequetscht-Werden, dass ich meine Antworten enorm kurz hielt, und mir mehrmals überlegte, ob ich jetzt einfach weglaufen sollte. Schon in diesem Gespräch erzählte sie mir von ihrer eigenen Glaubensfindung, wie in der Bibel steht «wer Gott sucht, der wird rewarded, auf Deutsch…», ich half ihr: «belohnt», und noch viel mehr. Ich dachte erst, es gäbe eine Verwechslung mit «wer Gott sucht, der findet», aber sie meinte Hebräer 11, 6: «Denn Gott hat nur an den Menschen Gefallen, die ihm fest vertrauen. Ohne Glauben ist das unmöglich. Wer nämlich zu Gott kommen will, muss darauf vertrauen, dass es ihn gibt und dass er alle belohnen wird, die ihn suchen.» (Hoffnung für alle). Die Anglizismen, die es von überall hagelte, konnte ich verhältnismässig schnell akzeptieren, ich muss mich auch immer zusammenreissen, nicht konstant von Sprache zu Sprache zu wechseln. Viel mehr überraschte mich, dass wir über Gott und Jesus redeten. Ich hatte vor lauter Strahlen und Schminken und High-Society vergessen, dass ich eine Freikirche besuchte.

Das Strahlen der Sterne des Kreators

Irgendwann war der Soundcheck vorbei und wir konnten hineingehen. Jede Person, die mir irgendwie über den Weg lief, war so überfreundlich, dass andere Freikirchenmitglieder im «Strahlen» keinem Vergleich standhalten würden. Einige kommentierten, wie schön es sei, dass ich so jung schon auf der Suche nach Gott wäre. Diese Aussage kenne ich, als Ex-Freikirchenmitglied in meiner Jugend ohne «gläubige» Eltern, natürlich sehr gut. Jene, S., welche mich in einer Liste eintrug und mich nach meiner Nummer fragte, erkundige sich nach dem Herkunftsort meines Dialektes, den ich ihr natürlich mitteilte. Ihre Antwort darauf war «Ah, sieht man dort nicht die Sterne enorm gut?» (Ja, sieht man!) Und dann kam: «Es ist wunderbar, was der Kreator alles geschaffen hat.» S. wirkte enorm nett, aber die Art, wie sie sprach, die glasigen Augen; ich würde es als «verliebt» oder «verblendet» bezeichnen. Es war wirklich, als würde sie unser Gespräch ganz anders wahrnehmen als ich. In diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich hier nicht an irgendeinem sozialen Event war, sondern eben in einer Freikirche, und ich sprach darüber, wie wunderbar es war, dass Gott sich für uns, die wir im Vergleich zu den Sternen so klein sind, doch interessiert. Ich hatte deklariert, dass ich «den Weg mit Gott» ging, also musste ich zumindest auch so tun. Sie verwies mich dann an meinen Platz – erst wollte sie selbst, aber eine andere Frau kam uns entgegen und es wechselte dann zu «ah, sie zeigt dir, wo du sitzen darfst». Ich liess mich also nieder und sah, dass auf den Stühlen neben und vor mir noch Zettelchen waren. Auf meinem Stuhl hatte es keinen mehr gegeben, vermutlich wurde der vorzeitig entfernt, wie ich es anschliessend bei den restlichen Platzanweisungen beobachtete. Ich setzte mich auf meinen Platz, packte meine Sachen aus und schaute mich um.

Der Raum hätte locker mehr als das Doppelte tragen können, wir waren etwa zwanzig Personen (allenfalls noch weniger), doch die familiäre Atmosphäre, die sich in solchen Situationen ergeben könnte, war für mich weniger spürbar. Es war eher eine überfreundliche Atmosphäre von den meisten Personen, die versuchten, offen zu sein. Bei einigen fühlte ich mich aber klar beobachtet und beurteilt. Ein paar gingen mir auch aus dem Weg, was für mich passte, denn wenn 20 Personen alle fast schon aggressiv auf einen zugehen, ist es dann schnell zu viel. Irgendwann begannen wir zu singen – der Text erneut auf der Leinwand projiziert. Dafür standen wir auf. Der Typ vor mir war leider zu gross und ich zu klein, und ich musste, um den Text lesen zu können, mich die ganze Zeit von links nach rechts bewegen. Ich bin nicht sicher, ob andere Personen das als charismatischen «Heiligen Geist» interpretiert hatten, aber an irgendeinem Punkt machte ich das Hin- und Her in Kombination mit etwas «tänzerischer» Ausgestaltung. Spannender war, wie genau der Liedtext gezeigt wurde: Es war eine Aufnahme eines Gospelchores aus Nigeria mit Untertiteln. Aus Nigeria, weil: Es wurden im Video mehrere Telefonnummern angezeigt mit der Vorwahl +234, was die nigerianische Vorwahl ist. Das Video schien eine Mischung aus Online-Konzert und Werbung für den Chor zu sein, und da sie genügend laut waren, fühlte es sich auch gar nicht an, als wären wir nur 20 Personen, sondern eben, als wären wir eine riesige Gruppe. Etwas beeindruckend fand ich das Ausnutzen der Technik, um potenziellen Katzengesang auszugleichen, schon. Etwas gewöhnungsbedürftig war das «Yes, Amen, Praise the Lord!», das neben, hinter und vor mir immer wieder hineingerufen wurde, mitten im Lied.

Eines der Lieder hatte den Liedtext «there’s no place I’d rather be». So ganz konnte ich das nicht vertreten, aber ich hatte schon lange entschieden, dass ich bei Dingen mitsingen würde, unabhängig davon, ob ich derselben Meinung bin, weil ich eben einfach gerne singe. Mit Ausrufen der Zustimmung während des Singens konnte ich also noch weniger anfangen.

Eine Pastorenzentrierung

Nach Singen gab es dann eine «Lesung» – aus dem «Rhapsody», dem Andachtsbüchlein für jeden Tag. Der Text aus dem Rhapsody wurde auf dem Bildschirm angezeigt und ein Mann las es vor. Wir konnten mitlesen. Das war enorm schräg, besonders bei den paar Wörtern, bei welchen er sich versprach. Wir sprachen gemeinsam das Gebet, das er uns Stück für Stück vorsagte (obwohl es auf dem Bildschirm angezeigt wurde?), das gemeinsame Gebet war aber «jeder in seinem Tempo». Etwas enttäuscht davon, dass wir es nicht wirklich gemeinsam und gleichzeitig sprachen, war ich schon. Besonders bei so wenigen Leuten sollte es doch umso einfacher sein. Es ging weiter und die Predigt begann nach weiteren Liedern. Diese wurde gehalten von: einer Frau. Keine Seltenheit mehr, aber ich hatte schon den Pastor J erwartet, der ja auf der Webseite sehr ersichtlich auftaucht (riesiges Bild als das Erste, das man sieht). Bei der Frau handelte es sich, wie ich später herausfand, um Andrea Wanieck, die Pressesprecherin und jene, die mein Mail beantwortet hatte. Eines der ersten Dinge, die sie sagte: Sie richtete den Dank des Pastors (Jella Wojacek, aber niemand nannte ihn so) aus, der schon viele Geburtstagswünsche erhalten hätte und ganz herzlich danken liess. Ich dachte erst, er hätte diese Woche Geburtstag gehabt, anscheinend war es aber wirklich an genau diesem Tag. Ich fand die Situation enorm schräg. Bei keiner anderen Kirche oder Freikirche, weder der Evangelischen Bibelgemeinde EBG noch der reformierten Kirche noch irgendeiner anderen, die ich besucht hätte, wäre so etwas gesagt worden. Ich wusste und weiss bei keinem einzigen Pfarrer, Prediger, Priester oder Pastor (oder Pfarrerin oder Predigerin), wann sie Geburtstag haben, ausser jetzt beim «Pastor J».

Christliche Fragen: Aggression und die Bibel

Die Predigt war etwas chaotisch, obwohl es um ein Thema ging, wurden doch verschiedenste Dinge und enorm viele Bibelverse angesprochen. Besonders nervte mich schon sehr früh in dieser Predigt, dass Andrea die ganze Zeit fast schon aggressiv «OKAY?!» zu allen möglichen Aussagen dazunahm. Das nächste, was sie machte, war eine Liste von Bibelversen hinauszuhauen und all die erwähnten Bibelverse zu erläutern und zu erklären. Auch ganz toll: Manchmal dauerte es etwas länger, bis der Techniker den Bibelvers aufgeschaltet hatte. Und dann wurde Andrea fast schon aggressiv, nannte den Vers, den sie sehen wollte, mit einem sehr herrischen Unterton, und lief wartend auf und ab, und einmal sagte sie sogar drohend «ich such ihn gleich selbst» (auf ihrem eigenen Handy). Der Techniker tat mir enorm leid. Er war schon bei den Liedern, als die Lyrics noch nicht aufgeschaltet waren, halb verzweifelt an seinem Technikerpult, und jetzt wurde er auch noch praktisch vor versammelter Gemeinde beleidigt. Ein wenig unchristlich fand ich das Verhalten schon, Geduld sollte ja vor allem Christen kein Fremdwort sein.

Es dauerte nicht lange, bis der – mutmassliche – Lieblingsvers der Gemeinde aufgesagt wurde, nämlich Hebräer 11, 6, in dem es darum geht, dass Gott jene, die ihn suchen, auch belohnt. Wir sollen Gott im Wortstudium (ein spannendes Synonym für «Bibelstudium») suchen, und Loblieder singen. Andrea redete darüber, wie Personen bei einem Coldplay-Konzert auch komplett hin und weg von der Band waren, und wie sie von all ihrem Singen und Glauben und die Band-Anbeten genau: Nichts hätten. Zumindest auf länger gerechnet. Aber Gott belohnt ja. Um mich um erklang dabei «Praise the lord!», «Yes!», «Amen» und fast schon spöttisches Gelächter. Das fühlte sich nicht sehr christlich an, vor allem, weil ja in Römer 2,1 steht «Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, wer du auch seist, der du richtest! Denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst; denn du, der du richtest, verübst ja dasselbe!» (Schlachter 2000).

Eine chaotische Liste von «Messages»

Weitere «Messages», die einigermassen in die Predigt passten, aber dann doch etwas zusammenhanglos waren: Schau auf Gott, die Wissenschaft entwickelt sich weiter, aber Gott war schon vorher; das Zeugnis dient für dich, nicht um andere zu bekehren, das Wort Gottes schafft («er sprach: es werde Licht, und es ward Licht»), man soll verstehen, was man unterschreibt, wir arbeiten alle in unserem besten Wissen und Gewissen, aber Gottes Wort ist ewig und immer wahr, die Frage «lebst du in deinem höchsten Potenzial?», welches von einer hinter mir ganz leise mit «nonid!» beantwortet wurde, man soll das Evangelium predigen, damit Menschen die Wahl hätten, zu Jesus zu finden («wenn du noch nie von der Insel Korfu gehört hast, kannst du auch nicht dort hin!»), «mach du dein Ding! Und ich mach meins!» zu den Personen, die «Nein» zu Gott sagen, «wenn du keine Liebe hast, biste nichts. Biste einfach ein Poser», «nimm das Wort und werde besser. Jesus ist gekommen, damit du perfekt sein kannst.»

Und wer an Gott glaube, erklärte Andrea, der werde eben manchmal als «dumm» bezeichnet. Sie redete so intensiv darüber, dass andere einen als «dumm» bezeichneten, «dann sind wir halt dumm», dass jedes «Dumm» sich immer mehr in meinem Kopf festsetzte. Soll sich eine Gemeinde so verhalten, wenn Leute sie als dumm bezeichnen? Ist das etwas, was YOU Church-Besuchende häufig hören? Es fühlte sich an, als würde sie uns darauf aufmerksam machen, dass wir uns diese Beleidigung nicht zu Herzen nehmen sollten, da es sowieso nicht stimmt – nur die, welche Gott nicht kennen, bezeichnen jene, die ihm folgen, als «dumm». Das war das «Take-Away» dieses Teils.

Dann ging es darum, dass man sich nicht schlecht fühlen sollte, wenn jemand das Evangelium nicht hören will – «sie sagen nein zu Gott, nicht zu uns!», und dass es die freie Entscheidung jeder Person sei, nicht an Gott glauben zu wollen. Man soll das akzeptieren, wie andere einen auch akzeptieren sollten. Andreas erste «Message», die auch wieder aufgegriffen wurde, war: Das Wort Gottes vermischt sich mit dem Glauben und «löst etwas aus». Und wir sollen das Wort selbst konsumieren, heisst: selbst die Bibel lesen, damit es in uns etwas auslöste. Die Predigt beinhaltete auch die (teilweise paraphrasierten) Botschaft «wenn du betest und etwas nicht klappt, dann liegt es nicht an deinem Glauben! Lies das Wort und arbeite an deiner Beziehung mit Gott!», auch: «Dann leidet deine Beziehung mit Gott!». Ich fragte mich dabei, wie sich der Typ im Rollstuhl hinter mir fühlte. Die Gemeinde predigt Heilung – das war schnell klar, denn Andrea erzählte, kurz bevor sie das sagte, von Wundern, die Ärzte bereits erlebt hatten. Und dann ist also nicht sein Glaube das Problem, sondern seine Beziehung mit Gott? Läuft das nicht irgendwie auf dasselbe raus, nämlich dass er selbst schuld daran sei, dass er noch im Rollstuhl ist?

Die Esoterik – von Gott, aber ohne Gott

Andrea erklärte, Dinge wie «positive affirmations» und «Bestellung im Universum» (was man vielleicht bei Würfelspielen macht: «so, jetzt bitte eine 6»), das alles sei dasselbe, und käme ursprünglich von Gott, «ne». «Die» (vermutlich «die Welt» oder «die da draussen») bedienten sich der Glaubensprinzipen, und liessen aber Gott aus. Dabei wolle Gott nur eines: Gemeinschaft mit dir. Besonders spannend an der Ausführung fand ich, wie sie die esoterische Terminologie sehr gut kannte. Andere Freikirchen hätten das eher noch als teuflisch verurteilt oder erklärt, worum es sich handelt, und warum es falsch oder gottlos war, und irgendwelche einigermassen (halb)richtig klingende Wörter verwendet, aber Andrea verwendete alle Begriffe aus der «Szene» selbst. Vielleicht hatte sie selbst mal eine Phase?

Die Sprache

Sympathisch an der Predigt war, wie häufig es um das griechische «Originalwort» ging. Immer wieder übersetzte Andrea das Wort und las die verschiedenen alternativen Übersetzungen vor. Ich finde diesen Ansatz enorm spannend und würde am liebsten selbst besser im Altgriechischen sein, um es ihnen nachzuempfinden. Anscheinend ist das auch der YOU Church-«Bibelstudium»-Ansatz, was meines Wissens bei den meisten Gemeinden gern auch gesehen wird.

Die Bibelverse wurden sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch angezeigt. Ich persönlich verstehe Bibeldeutsch gut – es ist einfach etwas älteres Deutsch und etwas gewöhnungsbedürftig, aber wer zwei Jahre lang intensiv Bibeldeutsch liest, lernt es schnell – aber das konnte wohl über die restliche Gemeinde nicht gesagt oder angenommen werden, denn Andrea verwies bei einigen Bibelversen auf die englische Version. Sie las die deutsche Variante vor, kommentierte «das ist wieder so komisches Deutsch!», erklärte, was in der englischen Version stand und wie sie es auf Deutsch übersetzen würde. Selbst bei einzelnen Wörtern: «Einsicht» war wohl zu schwierig, im Englischen steht «Understanding», also hiess es «Verständnis im Englischen». Da fragte ich mich wirklich, warum man nicht einfach eine andere Übersetzung verwendete. Wenn eine Gemeinde Mühe hat mit «Bibeldeutsch», ist das ja nicht schlimm, aber dann verwendet man eben eine verständlichere Bibelübersetzung. Oder die Gemeinde lernt eben Bibeldeutsch. Oder man erklärt den deutschen Bibelvers, indem man die deutsche Version liest. Wörter wie «Einsicht» sind sicherlich für Personen, die nicht deutscher Muttersprache sind – wovon es ein paar in dieser Kirche gibt – schwieriger, aber auch dann: Warum nicht einfach eine andere Bibelübersetzung? Ich erhielt in der YOU Church wirklich das Gefühl, dass Personen denken, die englische Übersetzung wäre irgendwie besser oder «ursprünglicher» als die deutsche, obwohl erst die deutsche (1466) und erst später die englische (1535) Übersetzung existierte. Die Häufigkeit, mit der englische statt deutsche Wörter – trotz sehr einfachen Übersetzungen – verwendet wurden, wirkte fast «zu modern» auf mich. Und in diesem Fall war es im Vergleich zu anderen sich «modern» positionierenden Freikirchen noch falscher, weil so stark auf die englische Bibelübersetzung verwiesen wurde.

Die «Holy Communion» und das Geben

Nach der Predigt gab es die «Holy Communion». Es handelte sich hierbei nicht um das «Abendmahl», das ich als Wort kein einziges Mal hörte, sondern eben: die «Holy Communion». An jedem ersten Sonntag im Monat gibt es wohl Abendmahl, und genau den Sonntag erwischte ich. Die Service-Leute gingen bereits etwas früher aus dem «Publikum» und holten Brot und Wein, während Andrea sprach. Das ging so lange, wenn ich eine der zwei Frauen, die mit Essen und Trinken dort gewartet hatten, gewesen wäre, dann hätte ich es nicht geschafft, sie so verliebt-verblendet und geduldig anzuschauen und zuzuhören. Etwas Rücksicht auf die Mitarbeitenden dürfte man ja nehmen. Aber nur schon die Technikersituation spricht dafür, dass dieses Konzept der YOU Church fremd ist. Wir erhielten also alle Brot und Wein. Ich war nicht besonders motiviert, unerwartet Alkohol zu konsumieren, aber mein Problem löste sich beim Trinken schnell, es handelte sich nämlich um (nicht alkoholischen) Traubensaft. Vielleicht war das ja absichtlich, weil die beiden Jungs vor mir vielleicht noch unter 16 waren, aber in anderen Gemeinden (namentlich der EBG, die sonst enorm abstinent ist) schien dies fürs Abendmahl nie ein Problem zu sein. Vielleicht waren ja einige schwanger? Kleine Kinder gab es keine, und ob die Erwachsenen noch in einem zeugungsorientierten Alter waren, konnte ich auch nicht beurteilen. Andere Leute zwischen 12 und 30 schien es auch nicht zu geben, neben uns dreien.

Nach Abendmahl begann etwas für mich Ungewohntes, nämlich das Geben (von Geld). Alle Personen machten sich auf den Weg nach vorn, zu einer Bühne mit einem Tritt, und legten ihre kleinen Briefumschläge auf den Tritt. Auch die zwei Jugendlichen, die mutmasslich ihr Lehrgeld opferten, legten den bereits vorbereiteten Briefumschlag auf den Tritt. Jetzt wusste ich zumindest, was drin war. Während alle nach vorn gingen, sprach Andrea weiter. Sie erzählte erst, dass Jesus sagte, wer sät, wird das Dreissigfache ernten. «Kannste ausrechnen!». Sie bezog sich damit vermutlich auf Markus 4, 8: «Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.» (Luther 2017), oder auch Matthäus 13, 3-8. Wer die Bibel etwas kennt, weiss es bereits, wer den Vers aus Markus liest, merkt vielleicht: «Das Übrige?» Ja, in Markus 3-8 wird erzählt, wie ein Sämann säte, einiges wurde von den Vögeln gegessen, anderes landete auf felsigem Boden, und anderes wurde von den Dornen erstickt. Der Rest brachte die Frucht. Dasselbe wird im erwähnten Matthäus auch geschrieben. Dieser Teil wurde aber nicht erwähnt, was durchaus aussagekräftig war: Mit der Information, wer sät, wird dreissigfach ernten, werden Personen dazu animiert, selbst zu geben, aber dass es sich bei der YOU Church um felsigen Boden handeln könnte, die Vögel es wegessen könnten, Dornen die Frucht ersticken könnten, das wird nicht kommuniziert. Aber niemand, der eine Kirche besucht, glaubt, dass es sich bei der Kirche nicht um «gute Erde» handelt.

Neben dieser Animation erzählte Andrea uns auch die Geschichte, nämlich die der armen Witwe mit jungem Kind, die nur noch eine Portion Essen und eine Portion Trinken  hatte, und es dem Propheten Elia gab, und die später dafür belohnt wurde. Die Botschaft der Erzählung war klar: Gib alles, was du hast. Gott belohnt dich dann schon. Andrea versuchte, die Erzählung noch mit etwas anderem zu verbinden, nämlich «für andere wäre das wenig gewesen, aber für sie war es alles! Verurteile andere nicht! Es kommt nur darauf an, ob du mit dem Herzen gibst!» Diese ganze Erzählung machte sie, während sie mit mir den Blickkontakt hielt. Es war also nicht sehr schwer, sich betroffen oder angesprochen zu fühlen.

Dank der Tatsache, dass ich bereits wusste, wie Personen alles Geld an die Kirche verloren – Verzeihung, gegeben – hatten, und dass ich gehört hatte, wie der Pastor J einen teuren Lifestyle hätte, konnte ich ihrem Blick eher problemlos standhalten. Spannend fand ich, wie sie nicht ansatzweise erwähnte, wozu das Geld ausgegeben würde. Es wurde nicht erwähnt, dass die Technik oder der Traubensaft – Wein – kostete, oder dass damit die Mission aufgebaut wurde, oder meinetwegen die Familie des Pastors im Ausland finanziert, nein, es ging darum, Geld zu geben, um Geld gegeben zu haben. Auch über «knausrige» Personen sprach sie, aber während sie mit einer anderen Frau, die zuvorderst sass, Blick- und teils Körperkontakt (ihre Schulter) hielt. «Die können nix dafür, ihre Eltern waren knausrig und Kinder schauen ab!». Als Person, die sich als «sparsam» bezeichnet, fühlte ich mich natürlich gar nicht betroffen, aber wenigstens wurde ich nicht mehr in den Boden gepredigt.

Das Rhapsody und der Abschluss

Dann sangen wir noch ein wenig, und Andrea sprach noch mehr, und irgendwie endete dieser Gottesdienst dann auch. Ich erhielt noch das «Rhapsody» (Andachtsbuch) des Monats Juli, das wohl alle Newcomers (kostenlos) erhalten – Bisherige dürfen es im Shop kaufen oder täglich auf der Webseite, auf welcher es aufgeschaltet wird, anschauen – und Andrea erklärte mir, wie genau es aufgebaut war. Es beinhaltet einen Vers, eine Ausführung zum Vers, ein Gebet, das man sprechen kann (was ich schräg finde, man soll doch eigenständig beten?), und zwei bis vier weiterführende Bibelstellen. Dabei stehen manchmal auch die Übersetzungen, die man sich anschauen soll, und manchmal eben auch die englische Version, beziehungsweise der Vers ist auf Deutsch, aber verweist auf eine englische Version, und die Übersetzung wurde von den Predigern getätigt. Zudem gibt es noch ein Bild eines Pastors oder anderer Gemeindemitglieder oberhalb des Titels. Ein Titel heisst mal «Wahrheit: Realität über Fakten hinaus», mal «Gib alles». Eine linguistische Analyse der Häufigkeit des Konzepts «Geben» wäre sicherlich spannend. Ich packte also mein neu erworbenes Rhapsody im Briefumschlag ein und verstaute es in meiner Tasche.

Wir sprachen noch über Bibel-Apps und ich erkundigte mich nach dem Pastor, «der, welcher so gross auf der Webseite auftaucht», wo der denn sei. Dann erfuhr ich, dass Andrea die Predigt netterweise übernommen hatte, damit er Geburtstag feiern konnte, dass er aber nächste Woche käme, zusammen mit vielen anderen Predigern aus «aller Welt» (beispielsweise «Holland» und «Italien»). Ich kommunizierte also, dass ich eventuell nächste Woche wiederkommen würde, und sie erzählte mir, wie einige Personen wirklich bei der Anmeldung fragten, ob denn Pastor J dort wäre, und wenn er nicht dort war, dann kämen sie auch nicht. Das fand ich dann schon ein wenig krass. Die zwanzig Personen, die dort waren, gehörten wohl zum «harten Kern». Andrea erzählte mir auch, dass es viele Personen gab, die mal kamen, aber auch noch andere Freikirchen besuchten, und erkundigte sich, wie es bei mir aussähe. Ich erzählte, dass ich auch einige Freikirchen kannte, die ab und an besuchte, und dass ich nicht auf der Suche nach einer Kirche war, aber auch nicht abgeneigt dagegen, bei einer zu bleiben, die mir passte. Strategie: alle Türen offenlassen. Mit Andrea zu sprechen war aber durchaus angenehm, wir sprachen neben «wie fandest du es» und anderen «religiösen» Angelegenheiten auch über mein Studium und die Sprachen, die wir sprechen, bis ich mich entschied zu gehen. Da die Predigt drei Minuten vor dem nächsten Bus geendet hatte und ich ja noch mein Rhapsody entgegennehmen musste, hatte ich bereits entschieden, auf den Bus eine halbe Stunde später zu gehen.

Ich verabschiedete mich also noch vom Rest und wartete dann rund 15 Minuten auf den Bus. Lieber draussen im Wind warten, als weiterhin dort drin sein. Der Gottesdienst hatte knapp zwei Stunden gedauert und ich war komplett erschöpft. Bei anderen Gemeinden hatte ich die Räumlichkeiten verlassen und meine Musik gehört, mich über allfällige Homophobie und Bibelironie aufgeregt, aber dieses Mal war ich einfach k.o. Solche Wannabe-High-Societies sind gar nichts für mich. Es wäre vermutlich angenehmer gewesen, wenn wir über Aktien und Investitionen gesprochen hätten, was mehr dem «Vibe» der Gesellschaft dort entsprochen hätte, denn dann wüsste ich wenigstens, worin das Geld investiert wird und inwiefern es sich lohnen könnte, wie gross das Risiko wäre, wie diversifiziert wird, und so weiter. Hier fühlte es sich mehr an, als würde das Geld einfach in eine Kasse mit Loch gepumpt, und man hofft dann einfach, dass Gott die Rendite schon auszahlt. Ehrlich: Lieber richtig in Aktien und andere Wertschriften investieren als in ein Luftschloss, wie es die YOU Church zu sein scheint. Ansonsten besser das Investieren ganz sein lassen.

Angela Heldstab, August 2023

Lexikoneintrag YOU Church

Hunderte Menschen mit Mikrochips im Hirn? – Besuch bei der Gemeinde Gospel Lifestyle in Basel

Die grüne Frau an der Strassenlaterne

An einem schönen Sonntagmorgen machte ich mich auf nach Basel und fuhr mit dem Tram zum Claraplatz. Zwischen Dönerbuden und Bars fragte ich mich, wo ich hier denn gelandet sei. Nun nahm ich eine falsche Abzweigung, wo grüne Markierungen auf dem Boden mit einer stilisierten Frau an einer Strassenlaterne den Strassenstrich markierten. Schliesslich fand ich dann doch noch das Contact Center, wo der Gottesdienst von Gospel Lifestyle Basel stattfand.

Eine Bar für Jesus

Das Contact Center bestand aus einem grossen Lounge-Bereich mit vielen Sofas, einer langen Bar, wo es Kaffee und Zitronen-Wasser gab, und einigen Stuhlreihen, die auf ein Rednerpult und eine Leinwand ausgerichtet waren. Das Gebäude war offensichtlich in der Vergangenheit eine Bar oder eine Art Club gewesen, wozu auch die Menschen passten, die bereits an der Bar und auf den Sofas herumlümmelten. Es waren nur sehr wenige junge Leute da, die meisten waren Männer im mittleren Alter und einige Senioren. Allgemein waren die Männer deutlich in der Überzahl, und nicht alle machten den gepflegtesten Eindruck.

Wie Gottlose an Mangel leiden

Ein junger Mann begann auf dem Klavier zu spielen, der Gottesdienst begann und der Gospel-Lifestyle-Leiter Yves Kull trug den Psalm 23 vor. Er beginnt mit «Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln». Doch der Prediger fragte, ob Jesus denn wirklich unser Hirte sei? Ja, aber viele würden doch sagen, sie brauchen neue Kleider, brauchen dies und das, klagten über Mangel. Kull argumentierte, dass der Herr nicht wirklich der Hirte dieser Menschen sein könne, denn wer Gott folgen würde, hätte keinen Mangel. Das Leben mit Gott sei zwar kein Schlaraffenland, wo gebratene Hähnchen geflogen kommen würden, doch würde uns Gott auf den rechten Pfad führen. Wir alle müssten nach Gottes Reich trachten, mit dem Blick auf Jesus wären unsere Prioritäten richtig gesetzt. Jesus würde uns alle leiten, weil er uns liebe. Gott würde seine Jünger mit Überfluss segnen und wir sollten dies mit anderen Menschen teilen. Jesus wäre für uns am Kreuz gestorben, damit wir alle ein qualitativ gutes Leben führen können. Es sei nur gut für uns, wenn wir Gott gehorchen würden.

Durch Gebete die Welt verändern

Nach einigen «Amen»-Zwischenrufen ging der Gottesdienst für mich überraschend mit den Ankündigungen für die kommende Woche weiter. Momentan würde die Gemeinde einen Gebetsmarathon durchführen und in kleinen Gruppen jeweils für drei Stunden beten. Insgesamt würden sie 30 Stunden beten, denn nur durch Gebete könnten sie die Politik, Wirtschaft und das restliche Weltgeschehen beeinflussen. Bald würde es eine Revolution im Leib Christi geben und diese Gebetsveranstaltungen würden die grössten Events der Welt sein. Wir müssten für die Zukunft gerüstet sein und so wäre es umso wichtiger, dass wir die Grundlagen des Glaubens beherrschen würden. Dazu gäbe es einen Kurs am Freitag. Am Sonntagmorgen würde zusätzlich eine Gebetsschule stattfinden, damit alle Interessierten lernen könnten richtig zu beten.

Beamer-Probleme und Zungenrede

Zum Lobpreis sollten wir alle aufstehen und unseren Herrn von Herzen preisen. Der junge Mann am Klavier begann zu spielen und eine Frau sang in ein Mikrofon «Jesus my savior, Lord there is none like you». Mitsingen gestaltete sich etwas schwierig, da die Songtexte auf der Leinwand nicht die richtigen waren und der Beamer anscheinend nicht recht mitmachen wollte. Einige der etwa 15 Personen im Gottesdienst erhoben die Hände, sangen voller Imbrunst und tanzten auf der Stelle. «… forever I love you». Als das Lied zu Ende war, riefen alle «Halleluja» und sprachen irgendwelche unverständlichen Worte vor sich hin. Das war offensichtlich Zungenrede. Lange darüber nachdenken konnte ich nicht, schon begannen die Menschen wieder mit dem Lied, dass sie schon gesungen hatten, bevor es nahtlos in den nächsten Song überging. «Licht dieser Welt…» sangen alle und ein Mann mittleren Alters kniete sich hin, die Hände erhoben. Wieder riefen alle «Halleluja» und sprachen in Zungen. Dieses Spiel von Musik und seltsamen Worten wiederholte sich einige Male, bis Yves Kull das Wort ergriff.

Die Kraft des Heiligen Geistes und das nahende Ende

Yes Kull sprach in einer Mischung von Zungenrede und Deutsch, das meiste war jedoch unverständlich. Dann sagte er, dass wir zuhören sollten, denn Gott wolle uns etwas sagen. Es gäbe kein Problem, das wir nicht lösen könnten, denn Jesus hing an diesem Holz und hätte an jeden einzelnen von uns gedacht. Wir seien alle Sünder und Jesus hätte unseren Platz am Kreuz eingenommen, damit wir seinen Platz in dieser Welt einnehmen könnten. Wir seien wie Jesus, «Halleluja». Gott sei in Jesus Mensch geworden ohne Sünde. Als Jesus seine Jünger bat zu wachen und zu beten, seien sie immer wieder eingeschlafen. Wir heutzutage jedoch hätten durch das Opfer von Jesus die Kraft, 24 Stunden am Tag zu beten. Kull sagte, als er noch nicht gerettet worden war, hätte er 24 Stunden Party machen können. Doch Gott würde uns durch den Heiligen Geist die Kraft geben, andere Menschen zu lieben. Wir sollten auch denen helfen, die mit Gott nichts zu tun hätten. Dabei müssten die Männer mehr Braut von Jesus und die Frauen mehr Söhne von Jesus werden. Diese Unterschiede von Mann und Frau würden in naher Zukunft verschwinden. Die Welt würde bald untergehen und Jesus zurückkehren am Jüngsten Tag. Wir alle seien nur noch hier, um anderen Menschen zu ermöglichen, Jesus kennenzulernen.

Von Mikrochips und Handy-Göttern

Yes Kull erklärte, wir müssten nicht in die Kirche gehen, um Christen zu sein. Wir müssten auf der Strasse mit den Menschen feiern. Jeder würde behaupten, Christ zu sein, doch nur wenige würden Gott tatsächlich gehorchen. Wir selbst müssten gar nichts tun, denn Jesus würde durch uns handeln, wenn wir ihm folgten. Doch jetzt wollte Kull ins Wort gehen, zu Lukas 21 und der Endzeit. So fragte er in die Runde, ob wir denn gerade in der Endzeit seien? Die Gemeinde hob die Hände und sagte «Ja, definitiv.» Die Menschen zu Jesu Zeiten hätten auch geglaubt, in der Endzeit zu sein, doch wir seien viel näher dran heute. Vor allem in den letzten drei Jahren sie das deutlich zu sehen gewesen. Schon in den letzten 15 Jahren wäre das Smartphone für die Menschen Gott geworden. Doch schon bald würden diese Geräte nutzlos werden. Denn bereits Hunderten von Menschen seien Mikrochips ins Hirn eingepflanzt worden, mit denen diese ins Internet gehen und alles downloaden könnten, was sie wollten. Doch dies sei nichts für uns, meinte Yves Kull und bekam Zustimmung aus dem Publikum. Wir sollen nach oben schauen zu Gott und nach vorne zu Jesus.

Glauben statt verstehen

Dieses Chaos in der Welt heutzutage sei nur der Anfang. Doch wir müssten zum himmlischen Papa eine Beziehung aufbauen, um das Wort Gottes verstehen zu können. Wir alle seien gerufen, Menschenfreunde zu werden. Yves Kull lief zur Hochform auf, als er die Gemeinde fragte, wie viele ihrer Freunde denn Prostituierte oder Drogendealer seien? Denn Jesus sei mit solchen Menschen befreundet gewesen. Kull ging dann nicht genauer darauf ein, als einige sagten, sie würden Drogendealer kennen. Heute gäbe es zudem viele falsche Prediger, die nicht das Wort Gottes verkünden würden. Auch dies sei für die Endzeit in den Schriften angekündigt worden. Kull sagte, er würde gerade jetzt von Gott eindeutig vernehmen, dass dieser eine betende Braut haben wolle. Die Bibel zu verstehen sei jedoch nicht einfach. Yves Kull sagte, er selbst hätte sie nicht verstanden. Doch eines Nachts habe er geträumt, er hätte die Bibel gegessen. Am nächsten Morgen dann hätte er Gottes Stimme vernommen, die ihm sagte, er müsse die Worte einfach aufnehmen. Er solle alles glauben, die Worte zu verstehen sei dabei nicht so wichtig. Dort habe Kull auch seine Geistestaufe erhalten.

Christenverfolgung?

Bald würde eine Zeit kommen, wo die Menschen immer mehr in Sklaverei geraten werden. Schuld daran sei das digitale Geld, welches viele Staaten nun einführen wollten. Nur dadurch sei eine Diktatur möglich, denn das Volk müsse in einer Krise sein, um es zu manipulieren. Wie Hitler das Leid der Menschen ausgenutzt hatte und die Juden zum Sündenbock machte. Genauso würde es wahrscheinlich den Christen in Zukunft ergehen, wenn sie jetzt nicht aufpassen würden. Viele Menschen würden heute nicht wissen, dass es den Zweiten Weltkrieg nur gegeben habe, weil der Leib Christi geschlafen habe. Jesaia 7 habe bereits über Jesus geschrieben und wir würden keine Zeichen mehr von Gott brauchen. Denn Jona und der Wal seien schon eindeutig genug gewesen. Dort wurde auch angekündigt, dass es eine Zeit geben werde, wo Schlechtes gut geheissen würde. Dies sei heute! Wenn Gott etwas von uns fordern würde, dann müssten wir gehorchen. Wenn Gott sprechen würde, dann gäbe es immer Kontroversen. Jeder, der in der heutigen Welt die Wahrheit sagen würde, der würde verfolgt werden.

Eine Vision von Gott und die Vergebung von Mord

Wenn deine Seele dem Vater gehören würde, dann wüsstest du das, meinte der Kull. Er selbst hätte als Teenager so viele Zeichen von Gott bekommen und sie alle als Zufälle abgetan. Irgendwann sei er dann niedergekniet um zu beten, habe den Mund geöffnet und eine Vision von Gott erhalten. Dort hätte er sich in einem Sarg gesehen, tot. Da sei eine Klaue von unten gekommen und hätte den Sarg mit in die Tiefe gezogen, hinein ins Feuer. Gott hätte zu ihm gesprochen, er würde dort eines Tages landen. Als Ausweg habe er ihm Jesus gezeigt. Wenn er sein Leben ihm geben würde, dann würde er nicht brennen. Also habe Yves Kull genau das getan und alles Negative sei sofort von ihm abgefallen. Jesus hätte zu ihm gesagt, dass er ihn mit dem Evangelium um die Welt schicken würde. Kull habe gelernt Papa zu vertrauen, denn durch ihn könnten wir jede Schlechte Erinnerung und jedes Trauma vergessen.  Der Prediger erzählte dazu von einem Mörder in den USA, der etwa 50 Menschen getötet hätte. Alle Hinterbliebenen hätten ihm in der Verhandlung gesagt, sie würden ihn hassen. Nur ein Mann hätte ihm vergeben, und da sei der Mörder in Tränen ausgebrochen. Doch wenn jemand zu Gott findet, könne ihm alles vergeben werden.

Über den Teufel regieren

Die Menschen heute würden immer mehr versklavt werden und glauben, sie hätten es verdient. Doch Jesus habe sein Leben für uns gegeben. Mit Jesus im Herzen seien wir Priester und Könige und sollten auch so leben. Wir würden jedoch nicht über Menschen regieren, sondern über den Teufel. Doch die meisten Menschen würden andere Menschen regieren wollen. Doch wir seien nicht abhängig von anderen Menschen, nur von Jesus. Deshalb müssten wir das Evangelium weitergeben, die Kirchen könnten das nämlich nicht.

Leben für Jesus

Nun erhoben sich alle zum Gebet und Yves Kull stimmte ein mit den Worten «Danke Papa». Sie beteten auch für Menschen, die von Bier und Geld abhängig wären und darum mehr Raum im Herzen für Jesus zu schaffen. Danach sang die Gemeinde ein «Halleluja» und erhoben die Hände zu «You are worthy». Kull richtete im Anschluss noch das Wort an eine Person, die online geschrieben hatte und nun bei dem Livestream zuschaute. Diese habe Selbstmordgedanken gehabt und der Prediger sagte, die Person solle ihr Leben einfach Jesus geben und dann würde sie das wahre Leben empfangen. Der Priester sprach noch einige Worte «Satan dein Lügengeist ist gebrochen, ich setze dich frei» und endete mit «Danke Papa».

Heilung für die Gläubigen

Nun war der Gottesdienst offenbar vorbei und wer wollte, konnte noch nach vorne gehen und sich vom Prediger heilen lassen. Ein junger Mann trat vor und Yves Kull nahm seine rechte Hand und legte seine linke Hand auf dessen Brust. Dann murmelte er voll ergriffen irgendwelche Worte, die sich für mich nach Zungenrede anhörten. Das reichte mir dann auch, denn während der Predigt waren weitere Personen in die Lounge gekommen, unter denen ich mir fehl am Platz vorkam. Also machte ich mich auf zum nächsten Tram und liess das doch etwas spezielle Klientel von Gospel Lifestyle hinter mir.

Jasmin Schneider, September 2023

Lexikoneintrag Gospel Lifestyle

Informationsblatt November 2019 erschienen

Das Informationsblatt Nr. 3 und 4 November 2019 berichtet über folgende Themen:

– Verstärkte Missionstätigkeit von Shincheonji
– Freibischöfliche Landschaft in der Schweiz
– AGAPE Christian Centre Ministries ACCM
– Besuch im Hilfszentrum Universal der IURD
– Neuere Trends bei den Hare Krishnas: ISKCON heute
– Besuch im ISKCON-Tempel Langenthal
– Zum Tod von Sogyal Rinpoche
– Neue Religionen in Japan – Teil 4: Reiyuukai
– World Foundation for Natural Science warnt vor 5G

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