Besuch in der «Zwischenwelt» bei Wilhelm «Dreamdancer» Haas in Luzern

In Luzern aufgewachsen und auch jetzt noch die meiste Zeit in der Stadt unterwegs, bin ich schon oft am kleinen Laden mit dem Namen «Zwischenwelt» vorbeigeschlendert. Da es bis jetzt immer bei einem neugierigen Blick von aussen durch das Schaufenster geblieben ist, war ich umso gespannter auf meine Verabredung mit dem Gründer des an der Bruchstrasse gelegenen Hexenladens, Wilhelm Haas. Per Mail hatten wir einen Termin vereinbart, und am Vormittag des 27. Januars wurde ich dann in der Zwischenwelt herzlich willkommen geheissen. Der Name ist Programm: Zwischen Räucherwerken, Symbolschmuck, Karten, Runen, harmoniefördernden Düften, Literatur und vielen anderen Utensilien der naturspirituellen und magischen Tradition, fühlt man sich wahrlich in einer anderen Realität, einer Zwischenwelt. Über eine kleine Treppe und durch zwei farbige Vorhänge hindurch, wurde ich in einen Raum mit kleiner Küche und halbkreisförmig angeordneten Stühlen geführt, wo mir Wilhelm bei einer Tasse Tee Einblick in sein Tun und Denken gewährte.

Dem Ruf der magischen Welt gefolgt

Der «Dreamdancer», wie er sich ebenfalls nennt, sieht sich selbst als eine progressive männliche Hexe an. Das Hexen-Sein könne man sich am besten als einen Zustand zwischen verschiedenen Welten vorstellen, so Wilhelm weiter. Begriffe wie «Hexenmeister», «Magier» oder «Hexerich» lehnt er bewusst ab – nicht nur sei «Hexe» eine geschlechtsneutrale Bezeichnung, auch beschreibe sie seinen magischen Lebensstil und Lehrweg am zutreffendsten.

Dass es nebst dem vom Menschen Erfass- und Wahrnehmbare noch anderes, andere Realitäten und andere Wesen geben muss, sei Wilhelm bereits als Kind klar gewesen. So schnellte seine Hand im römisch-katholischen Schulunterricht des Öfteren in die Höhe, um kritische Fragen zu ihm unlogisch erscheinenden Dingen zu stellen – denn wer sagt eigentlich, dass Gott ein Mann ist? Obwohl ihm also die Neugierde und Offenheit für andere Weltanschauungen schon im Kindesalter gegeben war, konnte er seine Intuitionen lange Zeit nicht richtig einordnen. Dem römischen Katholizismus stand er zwar nicht ablehnend gegenüber, als seine Welt bzw. Religion empfand er ihn jedoch nie. Dazu kam, dass sich Wilhelm als stark nachdenkliches Kind mit einer depressiven Erkrankung zu nichts und niemandem richtig zugehörig fühlte.

Halt fand er im wachsenden Interesse für den Okkultismus als Lehre von übersinnlichen, unerklärlichen Kräften und Erscheinungen sowie für die Spiritualität und Esoterik im Allgemeinen. Dabei übte das Buch «Die Nebel von Avalon» von Marion Zimmer Bradley eine besondere Faszination auf ihn aus – Wilhelm sah sich, seine Emotionen und Gedanken in der darin aufgegriffenen Fantasie mit starkem Bezug zur Wicca-Hexerei widergespiegelt. Dem Ruf der Welt der Magie, des Schamanismus und der Naturreligion vollumfänglich gefolgt, ist er jedoch erst Jahre später mit seiner individuell, aber auch im «Coven» vollzogenen Initiation. Im «Circle of the Enchanted Forest», so der Name des Zirkels, wurde Wilhelm als Mitglied nicht nur in die Hexerei initiiert, dort hat er auch die Priesterschaft in der Naturreligion angenommen. Mittlerweile hat sich der Zirkel „in Freundschaft aufgelöst“.

Die Wicca-Hexerei als ein progressiv-moderner Ansatz

Wicca ist eine neureligiöse Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die dem Neopaganismus oder Neuheidentum (Sammelbegriff für im 19. Jahrhundert aufgekommene religiöse und kulturelle Strömungen, die einen starken Bezug zu antikem, keltischem, germanischem und slawischem Heidentum sowie aussereuropäischen ethnischen Religionen aufweisen) zugeordnet werden kann. Als «Religion der Hexen» handelt es sich neben dem Druidentum und anderen Richtungen des Neopaganismus um eine eigene Strömung innerhalb des Hexentums. In England und den USA ist sie, im Gegensatz zur Schweiz, als staatliche Religion anerkannt.

Wilhelm selber ordnet Wicca in die Kategorie der Naturreligionen ein, wobei er «Natur» aber breiter als das Allgemeinverständnis fasst. Er spricht von einer «allumfassenden kosmologischen Natur», die nicht nur Aspekte wie «Bäume umarmen und Vögel anbeten» beinhaltet und über die diesseitige Welt hinausgeht. Zwar sei die Wicca-Hexerei schon immer eine Zusammenstellung eklektischer, okkultistischer, spiritueller und praktischer Bestandteile gewesen, die Bezeichnung als Naturreligion decke aber die allermeisten ihrer Zugänge ab.

In den späten Sechzigern, anfangs Siebzigern fand das Gedankengut der Wicca-Hexerei Einzug in die feministische Bewegung. Dadurch, dass es in Wicca männliche wie auch weibliche Gottheiten gibt und beiden Kräften gleichermassen Achtung geschenkt wird, fand sie bei entsprechenden Vertreter:innen besonderen Anklang. Für Feminist:innen war das Verehren der Göttin eine Form des Protestes, um Widerstand gegen die «patriarchale Gott-Gewalt, Lebensfeindlichkeit und der durch männliche Dominanz verursachten Schäden an Mutter Erde» auszuüben, wie Wilhelm auf seiner Website schreibt. Innerhalb der Wicca-Szene gab und gibt es dafür aber nicht nur Lob: Einigen Traditionalist:innen kippt die Fokussierung auf weibliche Kräfte und das damit schwindende Interesse an den männlichen Gottheiten zu sehr ins Extreme.

Einen Umschwung löste Scott Cunningham mit seinem 1989 erschienenen Buch «Wicca – A guide for the solitary practicioner» aus. Das Buch ist als Leitfaden für Hexen gedacht, die den Wicca-Glauben und die dazugehörige Vielfalt an Ritualen zwar kennenlernen, sich aber keinem Zirkel anschliessen möchten. Damit war der Weg für ein «modernes Wicca» geebnet. Dass die Publikation von Cunningham nicht nur zustimmende Reaktionen auslöste, erscheint logisch: Die Behauptung, dass eine Initiation auch individuell und nicht nur in einem Hexenzirkel durchgeführt werden kann, eckte mit dem elitären Denken vieler traditioneller Anhänger:innen an – bis heute.

Nach seiner ganz persönlichen Meinung gefragt erklärt mir Wilhelm, dass er solch traditionelle Einstellungen zwar akzeptiert, sich selbst aber klar der modern-progressiven Strömung innerhalb der Wicca-Hexerei zuordnet, ohne den älteren Traditionen dabei die kalte Schulter zu zeigen. Dass man sich initiiert, wenn man den magischen Lebens- und Lehrwegen gehen möchte, findet er wichtig – ob individuell oder als Mitglied in einem Zirkel. Dabei spielt es auch keine Rolle, auf welchen Initiationsritus aus der vorhandenen Vielfalt zugegriffen wird. Grössere Gewichtung legt der Dreamdancer jedoch darauf, dass man sich an die Leitlinien der Wicca-Ethik hält:

  • «Tu was Du willst, aber schade niemandem» als philosophische Grundlage
  • Die Lehre von Ursache und Wirkung, die sich im «Gesetz der Drei» spiegelt. Bedeutet: «Alles was man aussendet, kehrt zu einem zurück»
  • Selbstverantwortung
  • Stete Weiterentwicklung
  • Stetes Einstimmen auf die Kräfte, mit denen man arbeitet – mittels Gebeten, Meditation, Trance, aber auch und vor allem durch bewusstes Leben und Erfahren in all seinen Aspekten

Dass die Grundgebote zum Teil metaphorisch formuliert sind und deshalb auch auf unterschiedliche Weise ausgelegt werden können, ist ihm klar. Er versteht sie nicht als starre Regeln, wie das bspw. bei den 10 Geboten im Christentum der Fall ist, sondern als eine philosophische Zusammenstellung, die dem Leben Orientierung und Struktur verleihen kann. Für diese Meinung hagelt es dann auch mal Kritik. Insbesondere junge Anhänger:innen, die Wicca auf sozialen Plattformen wie TikTok und Instagram promoten, möchten eine durch und durch freie Hexerei ausüben und sich infolgedessen an keine vorgeschriebenen Regeln und Leitlinien halten müssen.

Als modern-progressiv sieht sich Wilhelm in dem Sinne, als dass für ihn Religion und das Diesseits nicht zwei voneinander getrennte Bereiche sind. Ersteres definiert er nicht als einen Zufluchtsort vor der Realität, weshalb er vielmehr versucht, die von ihm gelebte Magie und Spiritualität im alltäglichen Leben zu integrieren. Denn nur durch das wiederholte Praktizieren kann die «Anderswelt» erfahren werden. Um dabei eine Brücke zwischen Tradition und Gegenwart schlagen zu können, müssen die Praktiken auch mal an vorherrschende Bedingungen angepasst werden – denn das Ausüben eines dem Winter gewidmetes Ritual bei einem durch die Klimaerwärmung aufgeheizten Wetter macht wenig Sinn. Die inneren Prozesse und äusseren Kreisläufe, die sich im Jahreskreis mit seinen Festen ausdrücken, sind jedoch zeitlos.

Crafting – Die Hexenschule als Herzschlag der Zwischenwelt

Die enorme Ritual- und Praxisvielfalt in Wicca widerspiegelnd, können in der Zwischenwelt verschiedenste Angebote wahrgenommen werden: Von der spirituellen Beratung mit Karten und Runen, über Ritual- und individuelle Räucherberatung, bis zur eigenen Mojo-Erstellung (Kräutersäckchen). Doch das Kernstück seiner Arbeit bildet die Hexenschule «Crafting», die Wilhelm seit 2003 regelmässig als Jahreskurs durchführt. Auf der Website schreibt er dazu:

In Crafting lernen die Schüler*innen magische Praktiken und eine Ritualistik die sich gut in den Alltag einfügen lässt, bekommen Werkzeuge in die Hand mit denen – ganz in der alten Tradition magischer Schulen – die Selbsterkenntnis zu einem wichtigen Faktor der authentischen Entwicklung wird, und die es einem ermöglichen die Eigenmacht zu fördern. […] Crafting bietet die Möglichkeit sein Bewusstsein zu erweitern, mit Göttinnen, Göttern und anderen Helferwesen zu arbeiten und es liefert ein gutes Fundament auf dem man, auch nach dem Kurs und selbst wenn man einen anderen Pfad wählen sollte, wunderbar weiter aufbauen kann.

Oberstes Ziel sei das Starkmachen der Selbstwahrnehmung und -erkenntnis, ganz im Sinne der Wicca-Leitlinien. Das Kennenlernen des Hexenhandwerkes und der darin enthaltenen Rituale sei zwar ein wichtiger Bestandteil, den Schüler:innen soll aber immer bewusst bleiben, dass sie sich «ihre Realität selbst schaffen». Die Verantwortung auf Gött:innen abwälzen – für Wilhelm ein No-Go.

Initiationsriten bietet er jedoch nicht an. Wenn sich jemand für den Weg als Hexe berufen fühlt, kann die Initiation eigenständig durchgeführt werden. Ausserdem möchte er dafür auch kein Geld verlangen.

Was die Teilnehmenden betrifft, so sind diese punkto Alter und Lebenshintergrund bunt durchmischt: Von Theolog:innen über Lichtarbeiter:innen bis zu Bankangestellten hatte er alles dabei. Die Altersspanne schätzt er zwischen 18 und 75 Jahre ein. Nur bezüglich dem Geschlecht könne er eine Konstante ausmachen, denn in seinen 20 Jahren Tätigkeit seien die Angebote bei weitem mehr von Frauen als von Männern genutzt worden.

Aufgeschlossen, herzlich und respektvoll

Dass sich Wilhelm mit dem Zwischenwelt-Lädeli einen Kindheitstraum erfüllt hat und im magischen Weg als männliche Hexe seine Berufung gefunden hat, merkt man in jedem einzelnen Aspekt seines Tuns und Auftretens. Dabei ist er bodenständig und für andere Weltanschauungen und Meinungen offen geblieben – etwas, von dem sich viel mehr Menschen eine zünftige Scheibe abschneiden könnten, ganz egal, ob religiös oder nicht.

Insgesamt habe ich den vorausgehenden Austausch und Besuch beim Dreamdancer in der Zwischenwelt gleichermassen herzlich wie interessant empfunden. Er hat sich meiner Neugierde und anfänglichen Orientierungslosigkeit in der Welt der Hexerei angenommen und meine Fragen mit viel Geduld beantwortet.

Asia Petrino, 31.01.2022

Lexikoneintrag Zwischenwelt Luzern

Zum Tod von Thich Nhat Hanh

Buddha hat von seinen Schülern gefordert, einzig der eigenen Wahrnehmung und Erkenntnis zu vertrauen. Doch bezeichnenderweise empfanden und dachten willige Schüler in der Folge immer weitgehend meisterkonform. Dieses Phänomen der meisternahen persönlichen Erkenntnis wiederholt sich seit den Tagen Gautamas, des Buddhas, bis in unsere Zeit. Das überrascht nicht. Wie kann sich mein eigenes persönliches Erkennen dem Einfluss des Meisters entziehen, der in meiner unmittelbaren Umgebung unendlich einleuchtend Buddhismus «vor-denkt»?

Thich Nhat Hanh (11. Oktober 1926 – 22. Januar 2022) verstand es wie nur wenige buddhistische Meister vor und neben ihm, Buddhismus für moderne Menschen «vorzudenken» und vorzuleben. Er verband die überzeugendsten Elemente aus alten buddhistischen Schulen in geradezu genial schlichter, dem westlich gesinnten Menschen mehr als nur bekömmlichen Weise zu einem Buddhismus für unsere Zeit. Hier fanden viele, was sie im Raum christlicher Spiritualität nicht mehr ansprach: Alltagsnahe Meditationspraxis und jene Verbindung von Präsenz und Gelassenheit, die jeden Moment erst den rechten Zauber verleiht. Achtsamkeit hiess eines seiner grossen Leitworte, das er mit sanfter Interpretation der Theravada-Schriften füllte. Von Hause aus war er vietnamesischer Zen-Mönch, dem grossen Fahrzeug verbunden.  Aber auch Zen lebte er wie Theravada, ohne Ecken und Kanten, Zen nicht als erhofften, derben Durchbuch ins Absolute, sondern als friedliches Erahnen einer geheimnisvollen, absoluten Präsenz.

Soft-Ice-Buddhismus? Nicht wenige strammere Vertreter dieser oder jener buddhistischen Schule haben – meist hinter vorgehaltener Hand – leise gespottet. Aber auch sie konnten und können das grosse soziale, pädagogische und sogar politische Engagement von Thich Nhat Hanh nicht klein reden.  Er war die Leitfigur des engagierten Buddhismus, der Martin-Luther-King des Neo-Buddhismus, menschennah, engagiert, pazifistisch, umweltbewusst. (Nicht zufällig fühlte er sich dem bekannten US-Pastor auch freundschaftlich verbunden).

War er zu sanft? Wer bei ihm unter der Schar seiner vornehmlich westlichen Jünger sass, hätte dies meinen können. So sanft spricht anderswo kaum ein Meister. Aber wir durften uns nicht täuschen lassen. Achtsamkeit gleicht einem zarten Hauch. Aber sie verändert unsere Perspektiven und Friede verwandelt die Welt.

Prof. Dr. Georg Schmid, 24. Januar 2022

Lexikoneintrag Thich Nhat Hanh

Die Liebesgeschichte des Meisters Thich Nhat Hanh – Ein Besuch im Plum Village

Buddhistische Meister der Gegenwart – Vortrag von Margrit Meier

Besuch Zusammenkunft Zeugen Jehovas Zürich Altstadt

«Hallo?» meldet sich Christian[1] überrascht, als ich anrufe. Seine Nummer hatte ich auf der offiziellen Seite der Zeugen Jehovas, jw.org, gefunden.

Ich sage ihm, dass ich neu in Zürich sei und Interesse hätte, einer Zusammenkunft beizuwohnen. Dabei sei ich auf seine Nummer gestoßen. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, mein Interesse begründen zu müssen, um kein Misstrauen zu wecken. Das ist aber gar nicht nötig. Freudig entgegnet er, das sei super und natürlich gar kein Problem. Freundlich weise ich ihn darauf hin, dass ich noch den Zugangslink für die Zusammenkunft bräuchte. Er rufe mich zurück, um sich meine E-Mail-Adresse zu notieren, gerade sei er unterwegs. Gesagt, getan und so sitze ich um 19:30 bereit, um an der Zusammenkunft teilzunehmen.

Ein harmloser Einstieg

Als ich einschalte läuft schon ein Lied. Es singt keiner mit und der Text wird ohne Stimmeinlage eingeblendet. Es geht um Gott – Jehova, wie er von den Zeugen genannt wird – und um seine treuen Diener. Ich zähle 62 teilnehmende Zoom-Accounts. 24 Frauen, 16 Paare, 20 Männer und zwei Accounts, auf denen 3 oder mehr Namen stehen. Es sind sowohl alte, als auch junge Menschen zu sehen. Das Thema der heutigen Zusammenkunft lautet: Was sind die Folgen, wenn man Jehovas Gebote missachtet? Schwere Kost, finde ich und schaue mit möglichst neutraler Mimik in die Kamera. Zuvor hatte ich mir viele Gedanken über mein Auftreten gemacht. Wird jemand ansprechen, dass ich neu bin? Was nenne ich als Grund für mein Erscheinen? Allerdings beachtet mich niemand und so kann ich später sogar meine Kamera ausschalten, wie einige andere Teilnehmende auch.

Folgenschwere Entscheidungen

Die Stimmung ähnelt einer Schulklasse, in der die Schüler Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Trotzdem sind alle sehr freundlich zueinander und achten auf ihre Wortwahl. Einige Personen sollten für diese Zusammenkunft Bibelstellen vorbereiten und dabei den Schwerpunkt auf ein bestimmtes Thema legen. Wer diesen Schwerpunkt festlegt, ist für mich nicht ersichtlich.

Der erste «Bruder», wie sich die Zeugen gegenseitig nennen, ist schon mal nicht da. Auf betretenes Schweigen hin wird mit dem nächsten Punkt weiter verfahren. Bruder Müller sollte die Bibelstelle Richter 17:2-4 vorbereiten, in der es um Micha geht, der seiner Mutter Silber stiehlt, es dann vor ihr zugibt und sie ihm verzeiht. Anschließend gibt Michas Mutter jedoch zweihundert Silbermünzen zum Silberschmied, der daraus eine Götterstatue machen soll – ein Götzendienst also. Bei den Zeugen Jehovas ein verbotener Brauch. Micha stiehlt also und zudem leistet seine Mutter auch noch einen Götzendienst. Ich erwarte nun, gemäß dem Thema der heutigen Zusammenkunft, die fatalen Folgen des Verhaltens der beiden zu erfahren, aber dazu wird nichts gesagt. Als ich später selbst in der Bibel und in der NWÜ (der Neue-Welt-Übersetzung der zeugen Jehovas) nachlese, stelle ich fest, dass Micha die Statue und andere Dinge geklaut werden. Der Zeuge, der den größten Redeanteil hat, berichtet jedoch lediglich von einem Bild, das vor ihm liege und verdeutliche, was passiert, wenn man sich Jehova widersetzt. Er sehe ein Bild einer Frau, die früher mal Zeugin Jehovas war und nun, wo sie die Gebote Gottes missachtet, ein trauriges Leben führt. Sie sei mit einem Alkoholiker zusammen und betrachte sehnsüchtig eine Ausgabe des «Wachtturms», der Zeitschrift der Zeugen.

Ein anderes Mitglied meldet sich zu Wort und betont, wie wichtig es sei, sich den Folgen seines Handelns bewusst zu sein. «Sehr gut.» antwortet der «Bruder», der das Bild der Aussteigerin vor sich liegen habe. So oder so ähnlich wird in der gesamten Zusammenkunft geantwortet werden. «Danke für deinen Beitrag.» oder «Gut, vielen Dank.» sind die Floskeln, mit denen die Brüder, die gerade das Wort haben, auf die Antworten und Gedanken ihrer Brüder und Schwestern reagieren. Eine Diskussion kommt nicht zustande. Mir kommt es so vor, als sei das den Anwesenden auch ganz recht.

Training und Bibelstunde: Zwei Fliegen mit einer Klappe

Es melden sich nun, nach Aufforderung, auch Schwestern zu Wort. Vier Frauen haben in Zweiergruppen Dialoge einstudiert, die helfen sollen, die Frage nach dem Leid auf der Welt zu beantworten und vor allem wie Gott es zulassen kann. Die Bibelstelle, auf die sie sich beziehen ist Jeremia 29:11: «Denn ich selbst weiß ja, welche Gedanken ich euch gegenüber habe», […] «Gedanken des Friedens und nicht des Unglücks, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben». Die Dialoge sollen ein Gespräch zwischen einer Zeugin und einer Interessentin darstellen. Es wird deutlich geübt, nicht nur die Botschaft der Bibel zu transportieren, sondern auch das Interesse zu wecken und die interessierte Person an sich zu binden. Aber das ist ja genau im Sinn der Zeugen: So viele Menschen missionieren wie möglich, sie zu treuen Dienern Gottes machen und somit vor ihrem sicheren Tod bewahren, wenn der Endkrieg kommt.

Gott kümmere sich um unsere Probleme, was an dieser Bibelstelle deutlich werden soll. Damit wir besser durchs Leben kommen, bräuchten wir Informationen darüber, wie das besser gelingt. Und wo finden wir die? Natürlich in der Bibel! Es stehe ganz genau drin, was Gott schon alles getan habe, damit es uns «besser geht» (damit sind seine Strafen gemeint, die uns zeigen sollen, wie wir uns richtig verhalten) und was er noch tun werde, um das Leid in der Welt zu beenden (Harmagedon, der Krieg, bei dem alle Ungläubigen getötet werden).

Die Frau, die die Interessentin spielt, fragt daraufhin: «Aber wie soll ich denn die Informationen in der Bibel verstehen und umsetzen?». Da hat die Zeugin eine Lösung parat: Sie rufe nächste Woche nochmal an und sende ihr eine Ausgabe des Wachtturms zu, damit lasse sich die Bibel besser verstehen. Die Versammlung ist begeistert.

So werden die Leute also am Telefon zu den Zeugen Jehovas gebracht, denke ich mir.

Kinder! Fürchtet euch!

Es folgt ein weiterer Dialog dieser Art. Dann wird zu einem Programmpunkt übergegangen, den der dafür zuständige Bruder Brambilla begeistert einleitet. Es soll ein Video gezeigt werden, auf das anschließend von anwesenden Kindern, seinen Neffen, reagiert werden soll. Ganz im Sinn des Themas geht es hier darum, was passiert, wenn man seinen Eltern nicht gehorcht. Ich muss an das Buch von Sophie Jones denken und daran, wie sie beschreibt, dass Satan für sie real war, überall Gefahren gelauert haben und sie sich ständig vor Jehova und ihrer Mutter fürchtete, wenn sie etwas falsch machte. Ich verdränge die Gedanken und lasse das animierte Video auf mich wirken. Ein kleiner Junge läuft mit seinen dreckigen Schuhen über den frisch – natürlich von der Mutter – geputzten Boden. Sein Vater erwischt ihn und fragt ihn, wie seine Mutter sich wohl jetzt fühlen werde. Der Junge stellt sich seine theatralisch weinende Mutter vor. Gemeinsam mit dem Vater putzt er den Schmutz weg. Der Vater bespricht mit ihm, dass die beiden jetzt sehr viel Arbeit hatten, die sie sich bei korrektem Verhalten hätten sparen können. Er liest dem Sohn die passende Bibelstelle vor, in der steht, dass Kindern ihren Eltern gehorchen sollen, damit es den Kindern selbst gut gehe. Ich finde es interessant, dass es um das Wohl der Kinder geht, wenn doch das Unwohlsein der Kinder vermutlich mehr durch die Strafe bei Fehlverhalten entsteht und weniger durch das Mitgefühl mit den Eltern. Zu einer solchen Perspektivübernahme sind die meisten Kinder sowieso erst ab Primarschulalter in der Lage («Theory of Mind»). In der nächsten Szene entscheidet sich der Junge, trotz anfänglichen Zögerns, dazu, seine Murmeln wegzuräumen. De Entscheidung fällt, weil er sich ein Katastrophen-Szenario ausmalt, in dem der Vater auf den Murmeln stürzt und das halbe Haus demoliert. Er stellt sich die anmaßenden Blicke seiner Eltern vor und räumt auf, ganz zur Freude seiner Mutter, die ihn überschwänglich lobt.

Für mich wird deutlich, dass hier mit Angst und Schuld gearbeitet wird, so wie es viele ehemalige Zeuginnen und Zeugen Jehovas beschreiben.

Die Neffen des Bruders Brambilla werden nun gefragt, was sie gelernt haben. Sie antworten brav, dass man auf Jehova hören soll. Auf Nachfrage erklären sie, dass man auch auf die Eltern hören soll. Und warum soll man das ganze machen? «Weil Jehova sonst böse wird.», antworten sie und treffen damit ins Schwarze. Denn die Kinder nehmen natürlich nicht die von den Erwachsenen weitergedachte Botschaft mit, dass es den Kindern selbst besser geht, wenn sie sich richtig verhalten. Sie haben einfach Angst vor der Strafe Gottes und der Strafe der Eltern.

Anschließend wir noch ein Lied mit dem passenden Titel «Höre doch auf Gottes Wort!» gespielt.

Harmagedon – die Folge aller Taten

Die ultimative Folge der Missachtung Jehovas Gebote sei selbstverständlich der Tod im Endkrieg, zu dem nach dem Lied einige Fragen gestellt und beantwortet werden. Gott habe ein genaues Datum im Kopf, wann dieser Krieg beginnen soll, er weiß auch genau was passieren wird und wie es passieren wird. Nach Harmagedon wird es für die Gläubigen, die nach Gottes Geboten leben, das Paradies auf Erden geben. Eine Schwester betont, dass es nicht ausreiche, die Gebote zu kennen, es sei kein Selbstläufer. Man müsse aktiv an sich arbeiten, um Gott bestmöglich zu folgen. Ihr wird energisch beigepflichtet.

Männer an die Macht! – So steht es doch in der Bibel?

Auch organisatorisches wird in der Zusammenkunft besprochen: Erstens geben es nun, durch den großen Zulauf zur Gemeinde, nun sieben Männer, die eine Verantwortungsposition innehaben und an die man sich wenden kann. Dabei wird sich auf folgende Bibelstelle berufen: «Darum, Brüder, sucht euch aus eurer Mitte sieben Männer aus, die ein [gutes] Zeugnis haben und mit Geist und Weisheit erfüllt sind, damit wir sie über dieses notwendige Geschäft setzen können» (Apg, 6,3).

Mich fasziniert es, wie sogar die Strukturen der Organisation biblisch begründet werden.

Es folgt der Rechnungsbericht von Dezember und ein Abschlusslied. Das war`s!

[1] Alle Namen wurden verändert.

Julia Sulzmann, 14. Januar 2022

http://www.relinfo.ch/lexikon/christentum/zeugen-jehovas-2/

«Die transformierende Kraft von Om» – Om-Chanting von Bhakti Marga in Winterthur

Es war ein Freitagabend im Dezember, in der Winterthurer Altstadt liessen die Leute die Arbeitswoche ausklingen. Mein Freitagabend-Programm war dagegen eher unkonventionell: ein Besuch beim Om-Chanting von Bhakti Marga, einer neueren aus dem Hinduismus stammenden Bewegung, stand mir bevor.

Ayuverdische Tees, vegane Energiekugeln und Keto Bars

10 Minuten zu Fuss vom Bahnhof Winterthur entfernt, erreichten meine beiden Freundinnen und ich das Ganapati Yogazentrum, wo das Om-Chanting stattfinden sollte. Om-Chantings von Bhakti Marga finden regelmässig in der ganzen Schweiz statt, so auch alle zwei Wochen in Winterthur. Das Ganapati Yogazentrum war ein verwinkelter Ort, der aus einem kleinen Laden und vielen davon abzweigenden Räumen bestand. Ayuverdische Tees, vegane Energiekugeln und Keto Bars waren auf den Regalen zu entdecken, von den Nebenräumen hörte ich beim eintreten Stimmen. Ein älterer Mann, ca. 70 Jahre alt, kam uns entgegen und begrüsste uns freundlich. Er schien Freude zu haben, junge Leute zu sehen.

Die Regeln des Om-Chantings

Der Mann organisiert zusammen mit einer ebenfalls ca. 70-jährigen Frau das Om-Chanting in Winterthur. So begleitete er uns durch den Abend und erklärte, was uns noch bevorstand. Das Om-Chanting hält was es in seinem Namen verspricht: eine Gruppe von Leuten singt 45 Minuten lang die Silbe «Om». Dabei gibt es einige Regeln zu beachten. Man sollte während des Gesangs keine unnötigen Pausen machen, sondern möglichst ununterbrochen singen. Man sollte mit Kraft singen und den eigenen Ton finden, gleichzeitig aber möglichst gemeinsam mit der Gruppe mitstimmen, um einen schönen Ton zu erzeugen. Der Kreis darf während des Chantings nicht verlassen werden. Uns wurde deshalb extra noch geraten vorher auf die Toilette zu gehen.

Anklage wegen Nicht-Heilen

Das Om-Chanting folgt auch einer gewissen Struktur und Ordnung, damit es eine möglichst hohe Wirkung erzeugen kann. Die Gruppe wird in einen inneren und äusseren Kreis geteilt, wobei die Zuteilung zufällig ist und nicht irgendeiner Hierarchie folgt. Ziel des Om-Chantings ist das Heilen – psychisch, körperlich, für die ganze Menschheit und für den Einzelnen. Deshalb hiess das Om-Chanting ursprünglich Om-Healing, was nach einer Anklage geändert werden musste. Der Kläger aus Deutschland meinte es dürfe nicht Om-Healing heissen, weil es ihn nicht geheilt hatte. Die beiden Kreise sollten eigentlich zu einem Kreislauf der heilenden Energie führen: im inneren Kreis steigt sie nach oben, dann runter zum äusseren Kreis, zurück zum inneren Kreis und so weiter. Um die heilende Energie besser zu entfalten, können, gemäss älterem Herr, «mudras», also symbolische Handgesten wie man sie typischerweise aus dem Hinduismus kennt, hilfreich sein.

Der umstrittene Meister

Kurz vor Beginn des Chantings weist uns der Herr darauf hin, dass solche Om-Chanting-Gruppen nicht einfach so gebildet werden dürfen, sondern der Segen des Gründers und Meisters von Bhakti Marga, Sri Swami Vishwananda, erforderlich ist. Den Namen des Meisters sprach der Herr mit einer gewissen Ehrfurcht aus. Ich fragte mich, ob er die zahlreichen Vorwürfe gegen den Meister nicht kennt, nicht glaubt oder einfach ignoriert. Sri Swami Vishwananda wird vorgeworfen Sex mit seinen Schülern gehabt zu haben, Aussteiger unter Druck zu setzen, Tricks zu verwenden und seine Anhänger und Anhängerinnen auszunehmen, indem sie ihr ganzes Geld in die Ashrams einbringen müssen.

Die drei Sris

Die Stühle für die beiden Kreise waren schon bereitgestellt worden. Es herrschte eine entspannte Atmosphäre, zu spüren war auch Vorfreude auf den bevorstehenden Abend. Der Raum gehört zum Ganapati Yogazentrum, deren Leiterin der Sri Chinmoy-Bewegung angehört. Der Raum war deshalb mit der Kunst von Sri Chinmoy dekoriert. Auf vielen Bildern waren Vögel zu sehen, die die Freiheit der Seele verkörpern sollen. Einzelne Wörter wie «unity» (Einheit), «perfection» (Perfektion) oder «hope» (Hoffnung) wurden unter die Bilder geschrieben. Der Raum war weiss gestrichen und mit blauen Vorhängen verziert, Kerzen waren im gesamten Raum verteilt worden. Kontrastierend zu den Bildern von Sri Chinmoy, stand vorne auf einem kleinen Tisch ein Portrait von Sri Swami Vishwananda sowie ein Portrait dessen Gurus und angeblichen Vorfahren, Sri Mahavatar Babaji.

Die transformierende Kraft von Om

Zu diesen Portraits drehten wir uns zu Beginn des Om-Chantings. Meine beiden Freundinnen und ich besetzten 3 der 4 Stühle des inneren Kreises, da die 7 Stühle des äusseren Kreises schon voll waren. Zu Beginn sangen wir gemeinsam, Sri Swami Vishwanda und Sri Mahavatar Babaji anschauend, ein Mantra. Im Mantra, beginnend mit «Om Sri Gurubhyo Namaha», begrüssten wir die beiden Gurus. Danach drehten wir uns wieder, sodass die Personen der beiden Kreise einander anschauen konnten. Als nächstes starteten wir den Hauptteil des Abends: das Om-Chanting. Und tatsächlich sangen wir 45 Minuten lang die Silbe Om. Nach hinduistischem Verständnis ist das gesamte Universum aus den Vibrationen dieser Silbe entstanden und es soll die Gegenwart des Absoluten, der höchsten Gottesvorstellung bezeichnen.

Übung macht die Meisterin

Der ältere Herr hatte uns bereits vor Beginn des Chantings gesagt, dass man die heilende Energie nicht nur für sich selber brauchen sollte. Man solle an Personen denken, die die Kraft brauchen und könne diese Wünsche auch auf einen Zettel schreiben und in die Mitte des inneren Kreises legen. Zu Beginn des Chantings versuchte ich mich darauf einzulassen und ich erhoffte mir in einen meditativen Zustand zu kommen. Ich schloss die Augen und liess das tiefe Om durch mich vibrieren. In Realität begann aber meine Stimme weh zu tun nach relativ kurzer Zeit und ich musste mich darauf konzentrieren regelmässig die Stimmlage zu wechseln, um verschiedene Stimmbänder in Anspruch zu nehmen. Meine Freundin, die christlich ist, regelmässig an Gottesdiensten teilnimmt und betet, schaffte es einen meditativen Bewusstseinszustand zu erreichen, wie sie mir später berichtete. Auch beim Beten sei sie jeweils hochkonzentriert aber trotzdem tief entspannt. Übung macht die Meisterin.

Die Anhänger und Anhängerinnen von Bhakti Marga

Zweimal, nach 15 und nach 30 Minuten, wechselten wir die Plätze, damit jede Person einmal im inneren Kreis sitzen konnte. Während des Om-Chantings hatte ich grösstenteils die Augen geschlossen, unter anderem auch um die anderen Praktizierenden zu respektieren. Trotzdem nahm ich mir kurz Zeit, um diese Bhakti Marga Anhänger und Anhängerinnen zu begutachten. Es waren 4 Männer und 7 Frauen (mit uns) anwesend, die meisten im mittleren oder älteren Alter. Nur ein jüngerer Mann, ca. 25 Jahre alt, sass neben mir. Er schien fast schon am enthusiastischsten zu singen und ich wurde regelmässig von seiner lauten, manchmal etwas schiefen Tonlage abgelenkt. Auch das Singen in einem kleinen, ungelüfteten Raum ohne Masken schien mir zu diesen Zeiten ein wenig unpassend und irritierend.

Leider kein Om-Healing

Die 45 Minuten gingen schnell vorbei. Der ältere Mann läutete einen Gong, die Teilnehmenden öffneten die Augen und lächelten. Um die heilende Energie nicht zu verlieren, rieben wir schnell die Hände aneinander und berührten uns an einer Stelle, die geheilt werden sollte. Ich berührte meinen Hautausschlag an den Armbeugen. Den Ausschlag habe ich jetzt noch an der exakt gleichen Stelle, da ich aber auch während des chantens kaum etwas der Energie spürte, zog sie vielleicht an mir vorbei. Die anderen Teilnehmenden sahen aber erfrischt und glücklich aus, während wir noch einige Minuten in Stille dasassen. Der Gedanke, dass man die heilende Kraft an Personen wünscht, die sie in diesem Moment brauchen, fand ich schön. Dieser Gedanke widerspiegelte sich im Abschluss-Mantra: Lokah Samstah Sukhino Bhavantu – Mögen alle Wesen Glück und Harmonie erfahren.

Der Hinduismus im Westen

Wir hatten das Ende des Om-Chantings erreicht. Wie immer bei solchen neohinduistischen Praktiken war es mir ein wenig unwohl, dass sich Personen aus dem westlichen Kulturkreis Praktiken aus der östlichen Welt zu eigen machen. Ein ähnlicher Gedanke ging wohl einem Teilnehmer durch den Kopf, der ursprünglich aus Indien stammte und das erste Mal am Om-Chanting in Winterthur teilnahm. Er erklärte die Bedeutung der Mantras, die wir soeben aufgesagt hatten und es schien ihm wichtig zu sein, uns ein Verständnis darüber zu geben, was wir soeben gemacht hatten.

Keine Religion, sondern Spiritualität

Im Gespräch mit dem älteren Herrn nach dem Om-Chanting, zeigte dieser ein grosses Interesse an meinem Studium der Religionswissenschft. Ihm war es wichtig zu betonen, dass alle Religionen ähnlich sind und ähnliche Ziele haben. In dieser Hinsicht hätte jede Religion ihre Daseinsberechtigung. Nur was manchmal mit der Religion gemacht werde, sei nicht gut. Bhakti Marga sei aber keine Religion und gehöre auch nicht dem Hinduismus an. Bhakti Marga sei eine Art von Spiritualität und eine Lebensweise. Ich war erschöpft vom Gesang und vom Abend und freute mich an die frische Luft zu gehen. Der Einladung für einen Tee zu bleiben folgte ich daher nicht.

Louisa Bernet, 6. Januar 2022

Lexikoneintrag Bhakti Marga

«Gottes Plan erfüllt sich in allen Details» – Gottesdienstbesuch bei der Christ International Church in Baden

Das erste Geschenk in Corona-Zeiten

Es war der zweite Weihnachtstag, ein verregneter, kalter Dezembermorgen. Das grösste Geschenk erhielt ich schon in den ersten Minuten bei der Christ International Church. Nachdem ein freundlicher Mann mir die Tür aufgehalten hatte, konnte ich erfreut feststellen, dass alle Menschen vorschriftsmässig ihre Masken trugen und auf Abstand achteten. Das war auch nicht besonders schwer, da der Raum relativ gross war für die 14 Personen, die am Gottesdienst teilnahmen.

Der Altarbereich war stimmungsvoll mit Lichterketten geschmückt und mit Krippenfiguren dekoriert. Neben Leinwand und Beamer stand in der Ecke ein grosses Holzkreuz mit einem Banner. Darauf stand «God is Love». Passend dazu liefen christliche Indie-Rock- und Pop-Songs im Hintergrund.

“You raise me up, so I can stand on mountains, You raise me up, to walk on stormy seas, …” trällerte es aus den Lautsprechern während sich die wenigen Gemeindemitglieder herzlich begrüssten. Fast alle von ihnen sprachen hauptsächlich Englisch.
Da die Leinwand für die hinteren Stuhlreihen doch etwas weit weg war, gab es einen weiteren Bildschirm in der Mitte des Raumes. Darauf waren Psalmen aus der King James Bibel zu lesen.

“O come let us adore him”

Der Gottesdienst begann, wie könnte es auch anders sein, mit fetzigen Weihnachtsliedern. «Hark, now hear the angels sing, a king was born today. And man will live for evermore, because of Christmas Day” – “O come, all ye faithful, joyful and triumphant. O come ye, o come ye to Bethlehem” – “Mary, did you know that your baby boy. Would one day walk on water?”
Zwei Sängerinnen mit Mikrofon versuchten die kleine Gemeinde zum Singen zu motivieren. Die eine war noch sehr jung und stand etwas verschüchtert vor dem Publikum und sang sehr unsicher und etwas schief. Die andere Frau war das komplette Gegenteil. Sie strahlte voller Lebensfreude in ihrem pinken Kleid mit bunten Mustern und ihrem passenden Haarschmuck. Sie sang voller Innbrunst und tanzte dazu mit.

Es folgte die erste Lesung aus Matthäus 1 Verse 18 bis 21 und darauf Jesaia 9 Vers 6. Zwischen den Lesungen wurde immer wieder «Amen» oder «Halleluja» gemurmelt. Gelesen wurde jeweils zuerst auf English vom Pastor der Gemeinde und dann von der Pfarrerin auf Deutsch. Dieses Muster zog sich durch und so übersetzte die Pastorin alles jeweils auf Deutsch oder Englisch. Das ist sicherlich nicht immer einfach, jedoch konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, da ihr Schweizer Akzent doch schon sehr ausgeprägt war, in Englisch und in Deutsch.

Lichtjahre und der Kaiser von Äthiopien

Ein anderer Pastor war an diesem Tag zu Gast mit seiner Frau und hat die Predigt auf Deutsch gehalten. Ein älterer Herr in Anzug und Krawatte. Der Titel seiner Predigt war «www – Weihnachten wie weiter?», was doch etwas schräg war, da viele Anwesenden Englisch sprachen und es da nicht mehr so viel Sinn mit dem «www» macht.

Der Pastor sagte, Weihnachten sei vergleichbar mit der Schöpfung von Himmel und Erde. Die Bedeutung habe das gleiche Ausmass für die Menschheit. «Stellt euch vor! Der Schöpfer kommt persönlich auf die Welt!» Dazu nannte er unnötig viele Zahlen zu Lichtjahren und Entfernungen zu Sternen und wie viele Sekunden ein Jahr hat. Das alles hat nicht sonderlich viel Sinn ergeben. In Lichtjahren werden Entfernungen gemessen und in Sekunden Zeit, aber zurück zum Thema.

Der wohl etwas verwirrte Pastor las aus Johannes 1 Vers 11. Danach erzählte er davon, wie einst der Abessinische Kaiser (Äthiopien) nach Baden gekommen war. Alle wollten diesen Kaiser sehen. Die Welt könne also jemanden willkommen heissen, wenn sie will und dieser Kaiser war nur ein gewöhnlicher Mensch. Mit Jesus sei jedoch der König der Könige gekommen und er hatte keinen Platz in einer Herberge.

Der Plan Gottes in allen Details

Dieser ältere Herr trat sehr selbstbewusst auf, leider fehlten ihm ein gewisses Talent zum Predigen. Er fuhr unbeirrt fort mit Lukas 2 Verse 13 bis 14. Jesus sei nicht in eine friedliche Zeit hineingeboren worden. Die Römer besetzten das Land und überall wimmelte es von Soldaten. Genau wie im Film «Ben Hur». Einen Film als historische Referenz zu gebrauchen ist meiner Meinung nach dann doch etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Doch der motivierte Pastor sprach bereits weiter von der Volkszählung des Augustus und dass Joseph und Maria einen so weiten Weg zu Fuss gehen mussten bis in ihre Heimatstadt. Er bewundere Joseph, er hätte damals Maria geglaubt, obwohl das Kind nicht von ihm war. Er war ein wahrer Gläubiger und so hätte sich Gottes Plan in allen Details erfüllt. «Amen», «Amen», die Zuhörerinnen und Zuhörer nickten und bejahten innbrünstig.

Maria und Joseph hätten sich mehrmals gewundert, ob Gott wirklich mit ihnen war. So wundern die meisten von uns sich auch. Doch Gottes Plan für unsere Leben würden sich auch in allen Details erfüllen. «Amen». Dazu Matthäus 2 Verse 13 bis 15, Joseph und Maria fliehen mit Jesus nach Ägypten. Gottes Wege seien seltsam, jedoch erfüllt sich Gottes Plan in allen Details. «Amen».

Juden und das alte Ehepaar

Die Juden hätten damals geglaubt, das Frieden herrschen würde, wenn die Römer fort seien. Doch Jesus brachte eine andere Art von Frieden. Ihr Glaube wäre an Bedingungen geknüpft gewesen. Wenn Gott sie von den Römern befreit hätte, dann wären sie gläubig gewesen. Doch so funktioniert der Glaube nicht, das machte der Pastor sehr klar. Die Juden seien damals wie alte Ehepaare gewesen, die sich miteinander arrangieren, aber nicht mehr lieben. Jesus aber brächte einen Göttlichen Frieden, einen inneren Frieden, einen Frieden mit Gott. Nur Gott könne diesen Frieden geben, nur er die Heilsgewissheit und das damit verbundene Sicherheitsempfinden. Die Masse, von 13 Personen, bejahte begeistert diese Aussage «We are saved». Wir müssten keine Angst vor Covid haben, nicht vor dem Tod, denn wir wüssten, dass es danach weitergeht.

Easy durchs Leben gehen

Die Lesung zu Römer 8 Vers 31. Mit Gottes Frieden würde man easier durchs Leben gehen. Ein Leben ohne Gott sei wie über eine Brücke zu gehen die kein Geländer hat. Der Mensch kann sich nur sicher fühlen mit dem Geländer, also mit der Beziehung zu Gott. Nur diese Beziehung würde Sicherheit bieten und nur diese auch Herzensfrieden. Nur in Gott könnten wir geborgen sein. Diese Aussagen liessen mich dann doch etwas den Kopf schütteln. Schliesslich gibt es zum Beispiel auch Atheisten die so empfinden können auch ohne Gott. Ich habe ja nicht das Recht ihnen «Herzendfrieden» abzusprechen. Ausserdem klingt dieser Ausdruck «Herzensfrieden» für mich doch schon sehr esoterisch.

Gottes Plan für jeden

Der Pastor kam nun dem Höhepunkt seiner Predigt nahe, als er von einem Pastor in Nigeria zu erzählen begann. Dieser sei entführt und ermordet worden, was eine Tragödie für alle Christen sei. Aber Gebete würden den Hinterbliebenen helfen, was alle Anwesenden kräftig bejahten. «Amen». Objektiv betrachtet lasse ich das mal lieber unkommentiert.

Diese Gewalt würde nicht von Gott kommen. «Hört gut zu», sprach der Pastor dann. Wir könnten nämlich Gott nicht von seinem Plan abbringen. «Christus der Retter ist da!», jedoch sollten wir nicht auf seien Rückkehr warten, sondern die Botschaft verbreiten. Jesus würde uns immer helfen, uns beistehen und uns mit Wundern versorgen. «Amen».

Es folgte Jesaia 9 Verse 6 bis 7. Es gäbe Konflikte auf der Erde, doch am Ende würde sich der Plan Gottes in allen Details erfüllen. Denn wir seien in Christus befreit und erhöht. Gottes Hilfe sei uns sicher. «Amen».
Damit war die etwas zu lang geratene Rede des älteren Pastors vorbei und er setzte sich wieder.

Opfert dem Herrn

 Es folgte ein Gebet und danach wurde wieder gesungen. «Joy to the world! The Lord is come
Let earth receive her King!” Dazu wurde das Opfer eingezogen und zwar nicht wie ich es aus der katholischen Kirche gewohnt bin, am Ausgang der Kirche. Mittig vor dem Rednerpult wurde ein Topf aufgestellt und die Gemeindemitglieder gingen nach vorne, um das Opfer einzuwerfen. So konnten alle schön sehen wer was spendet. Nur der junge Mann, der mit mir ganz hinten gesessen hatte, spendete nichts. Wahrscheinlich war ihm das alles ziemlich egal, da er sowieso die ganze Zeit auf sein Handy gestarrt hatte, anstatt dem Gottesdienst zu folgen. Die ganze Gemeinde wirkte auf mich etwas willkürlich zusammengewürfelt. Die eine Sängerin auf der Bühne trug ein buntes, afrikanisches, Kleid, die andere einen grauen Pullover. Einige Männer trugen Anzüge, andere Pullover und Jeans. Einige Frauen waren in Pullover und Jeans da und eine sogar in einem seidenen Abendkleid. Das ganze Bild hinterliess einen etwas lustigen Eindruck.

Zum Schluss trat nochmals der eigentliche Pastor der Gemeinde vor und sagte ein paar Worte. Er las aus Galater 4 Verse 4 bis 5. Wir alle seien durch Jesus Söhne Gottes und wir müssten unserem Licht erlauben zu scheinen. «Spread the Light». «Amen». Der Pastor verabschiedete sich und wies auf das Fest nach dem Gottesdienst hin.

«Kling, Glöckchen, Klingelingeling»

Alle sangen und wippten zu «We wish you a merry Christmas» und danach sprach der Pastor nocheinmal. «Let’s talk to the Lord before we end.» Interessant, da er sich bereits verabschiedet hatte, überraschte ich diese Wendung etwas. Der Pastor bat darum, dass Gott auch im neuen Jahr mit uns sein werde. Er ermahnte uns alle, dass wir auf das hören sollen was Gott uns sagen würde. Sein Name sei Immanuel und er hätte versprochen immer mit uns zu sein. «Amen». Er dankte Gott für dessen Schutz. «Amen». Und er bat um Segen für die Opfer der Gemeinde und alle die was gegeben hatten. «Amen».

Nun folgte wirklich das Ende. Der Gottesdienst wurde ausgeklingelt durch eine Bildpräsentation der Gemeindemitglieder zu «Kling, Glöckchen, Klingelingeling».

Jasmin Schneider, 28. Dezember 2021

Lexikoneintrag Christ International Church

Impressionen der Tagung «Das spirituelle Lied im 21. Jahrhundert» am 4. Dezember 2021 im Tüchelsaal Rüti ZH

Am Samstag, 4. Dezember 2021 führte Relinfo gemeinsam mit der Kommission «Neue Religiöse Bewegungen» der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS und der Reformierten Kirche Rüti ZH die Tagung «Das spirituelle Lied im 21. Jahrhundert» durch. Im folgenden sollen ein paar Bilder einen Eindruck der Tagung vermitteln.

Theres Schmid von der Kirchenpflege Rüti begrüsste die rund 50 Teilnehmenden im Tüchelsaal der Reformierten Kirche Rüti an der Amtshofstrasse 14.

Pfr. Martin Zürcher hiess die Teilnehmenden als Präsident der Kommission «Neue Religiöse Bewegungen» der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS willkommen.

Pfr. Wolfgang Rothfahl leitete den Gesang, der die Teilnehmenden durch den Tag begleitete.

Dr. Stefan Klarer von der Zürcher Hochschule der Künste referierte zum Thema: «Gregorianik – Impulse für heute».

Dr. Stefan Klarer bezog das Publikum mit ein, indem er die Grundlagen des gregorianischen Gesangs in praktischen Übungen vermittelte.

Anschliessend referierte Prof. Dr. Georg Schmid zum Thema: «Gesänge der Weltreligionen».

Dabei machte er u.a. auf den Unterschied zwischen «OM-Gesängen» und «Amen-Gesängen» aufmerksam.

Das Mittagessen wurde bereitgestellt von Kamaly’s Foodtruck in Ermenswil.

Zu Beginn des Nachmittags stellte Krishna Premarupa Dasa, der Leiter von ISKCON Schweiz, die Bedeutung des spirituellen Gesangs bei der Hare-Krishna-Bewegung dar.

Zusammen mit drei weiteren Devotees präsentierte Krishna Premarupa Dasa bengalische Bhajans, traditionelle spirituelle Gesänge des Hinduismus, und das Hare-Krishna-Maha-Mantra.

Louisa Bernet, stellvertretende Leiterin von Relinfo, stellte den Gesang bei der umstrittenen You Church in Kloten vor.

Als Beispiel präsentierte Louisa Bernet ein Lied der Ex-Frau von Gemeindeleiter Jella Wojacek.

Anschliessend referierte Asia Petrino, Mitarbeiterin von Relinfo, über das Liedgut der Gemeinschaft Organische Christus-Generation OCG.

Dabei diskutierte Asia Petrino das Lied «Söhne Gottes stehen auf!» aus der Feder des OCG-Leiters Ivo Sasek, gesungen von ihm selbst und seiner Familie.

René Christen und Reto Pelli von der Kirche im Prisma Rapperswil referierten über die Bedeutung der Anbetungsmusik in modernen Freikirchen.

Musizierende aus der Kirche im Prisma führten eigene Anbetungslieder vor.

Charles Lewinsky, der vielleicht bekannteste Liedautor der Schweiz, diskutierte mit Prof. Georg Schmid die handwerklichen Grundlagen eines verständlichen und eingänglichen Liedes.

Zum Abschluss der Tagung sang der Reformierte Kirchenchor Rüti, verstärkt durch Sänger des Chors NowaCanto aus Wels, unter der Leitung von Judith Graf neue spirituelle Lieder aus der Feder von Prof. Georg Schmid.

Judith Graf, Sopran, und Michael Nowak, Tenor, sangen drei Lieder solistisch und im Duett.

Abschliessend wurden die anwesenden Liedkomponierenden Matthias Wamser, Annalise Bereiter und Wolfgang Rothfahl (von links) geehrt.

Relinfo, 13. Dezember 2021

Christliches Zentrum Buchegg – Virtueller Gottesdienst

Das Christliche Zentrum Buchegg ist eine Gemeinde der Pfingstmission und gleich beim Bucheggplatz. Sonntags werden gleich vier Gottesdienste in verschiedenen Sprachen ausgetragen. Im Angebot steht Hochdeutsch, Schweizerdeutsch, Englisch und Spanisch. Den ersten Gottesdienst um 09.30 Uhr auf Hochdeutsch besuchte ich am vergangenen Sonntag virtuell für Relinfo. 

Ein Worship, der nicht alle Töne trifft

Der Gottesdienst beginnt mit dem Worship. Eine vierköpfige Band singt Contempory Worship Music auf Deutsch und die zwei Leadsängerinnen treffen leider nicht alle Töne. Mir fällt gleich das eher hochwertige Kamerasetting auf. Es wird wechselweise das Bild von drei Kameras mit verschiedenen Blickwinkeln übertragen und auch die Tonqualität ist sehr gut. Auf einem der Kameraausschnitte ist das Publikum besonders gut zu erkennen. Es sitzen etwa 25-35 Personen unter Einhaltung von kleineren Abständen beisammen. Abgesehen von ein paar Ausnahmen scheint das Publikum eher älter zu sein. Eine Maske schien niemand zu tragen.  Als die Musik langsam ausklang, lieferten noch zwei ältere Damen eine persönliche Erklärung ab. Eine erzählte, dass ihr die Stimme Jesu aus einem sinnlosen und depressiven Leben geholfen habe. Die andere Frau erzählte eine Geschichte von Jesus als Heiler von Gläubigen. 

Leben für Jesus 

Nach dem Worship kommt Susanne Kuttruff auf die Bühne. Gemäss der Homepage des Christlichen Zentrums Buchegg ist sie Pastorin im Gebiet Ost. Ich dachte schon, dass sie uns durch den ganzen Gottesdienst leiten wird und war gespannt. Relativ schnell stellte sie jedoch den Gemeindeleiter Matthias Theis vor, der die Predigt übernahm. Dieser begrüsst zuerst alle Gäste. Virtuell und vor Ort. Einen besonderen Gruss erhielten noch zwei Gäste aus Ägypten. Ein Predigerkollege und dessen Sohn. Diese wird Theis im März in Ägypten besuchen. Das alles zur Einleitung des Themas des Gottesdienstes: Wenn der Gast zwei Mal kommt. Gott braucht Menschen, die ihre Unwürdigkeit vor ihm erkannt haben und ihm ihr Leben ihm widmen. Es werden Bilder von der Helimission gezeigt. Dort habe in den 90er-Jahren mitgemacht und das Wort Gottes verbreitet. Die beste Entscheidung, die er je getroffen hatte, war sogar eine Englische Bibelschule zu besuchen. Theis lebt vollkommen und nur für Jesus, der Licht und Klarheit ins Leben bringt. Er könne sich nicht vorstellen, nur für die Arbeit, Freizeit oder Ferien zu leben. Echte Lebensqualität erhält er, wenn er spürt, dass Jesus ihn leitet und mit ihm spricht. 

Jesu, Jesus, Sohn Gottes, Jeschua, Isa

Mit Jesus geht es erst Mal weiter. So wird nochmals verdeutlicht, dass Jesus wegen jedem einzelnen von uns auf die Welt gekommen ist. Die Welt sollte aber nie sein Zuhause sein. Zur jener Zeit als er auf der Erde weilte, gab es solche, die ihn akzeptierten. Jene, die auf ihn gewartet hatten. Opportunisten, die ihm solange gefolgt sind, solange es sich auszahlte, aber nicht mit Jesus zum Kreuz gingen. Und es gab auch die Menschen, die nicht an ihn glaubten. Ja er kam auf die Welt, die ihm gehörte und sein Volk nahm in auf. Um diese Nachrichten zu verdeutlichen, werden noch verschiedene Bibelverse angezeigt. Nun ist Jesus für die Sünden der Menschen gestorben – aber nicht aller Menschen. Denn Jesus hat zwar sein Blut für alle Menschen vergossen, aber nur jene, die sich Jesus anvertrauten und die eigenen Sünden bei ihm bekennen, erhalten Vergebung. 

Die Kirche würde in einer ewigen Verlobungszeit leben. Es herrsch die Vorfreude auf den einen Tag. Ein Paar würde auf den Hochzeitstag hoffen und die Kirche wartet auf die Wiederkehr von Jesus. Und wir sind jetzt in der Verlobungszeit mit dem «König der Könige» und dies sei eine Bewährungszeit für alle Gläubige. Dies ist eine Zeit, in der wir das werden können, was wir eigentlich schon sind: Heilig. 

Die Zeit ist da, für…

Theis habe vollstes Verständnis dafür, dass aufgrund von Corona Christen nicht mehr dabei sind. Doch die Zeit sei gekommen, dass alle gemeinsam herauskommen und den Glauben stärken oder diesen suchen. Denn wer alleine mit Jesus unterwegs sei, gefährde den Glauben. Wie es im Brief an die Hebräer steht: «Verlas die Zusammenkünfte nicht.» Die aktuelle Zeit würde verunsichern, doch bei aller Liebe würde Theis lieber im Glauben mit Geschwistern sterben als alleine in der Hoffnung auf eine «grosse Gesundheit». 

Es werde die Zeit des Antichristen kommen. Nämlich, jemand der sich gegen alles was göttlich ist erheben würde. Eine Person, die alle Bosheiten vom Antichristen in sich vereinige und gegen alles kämpfen würde, für was Jesus steht. Aber Jesus wird den Antichristen ja mit seinem Hauch umbringen. Daher fürchtet sich Theis nicht vor der Zukunft, den Jesus sitzt auf dem Thron. Es gab noch nie eine Zeit in der das Evangelium so greifbar für alle war. Alle Nationen sollen Jesus erkenne, ihn lieben und ihm folgen. So hiess es auch, dass wenn die Botschaft von Jesus auf der ganzen Welt für alle Völkergruppen – nicht alle Menschen –  gepredigt wird, werde schon bald das Ende kommen. So mache Jesus alle Gläubiger zu einem Teil der Aufgabe. Gott wolle uns Gläubigen mehr Mut machen und wir sollen dafür Autorität ergreifen. Als Christen, die an Jesus glauben, sollen wir in Weihnachtsgottesdienste einladen oder Kranke durch das Auflegen von Hände heilen. Es sei ein wahres Privileg an Jesus zu glauben und auf diesem Weg unterwegs zu sein. 

Theis ist fest davon überzeugt, dass Jesus wiederkommen wird und kann es nicht abwarten. Zum Schluss möchte er noch für zwei Gruppen beten. Für jene, die Jesus schon kennen, aber noch nicht ganz für ihn leben. Die andere Gruppe, sind Menschen, die Jesus noch nicht aufgenommen haben.  Es sollen noch alle für sich beten und sich am Platz zu Gott ausstecken. Die Band kommt wieder auf die Bühne und das Ganze wird mit einem neuen Worship-Lied beendet. 

Digitales Fundraising und Anglizismus 

Susanne Kuttruff kommt wieder auf die Bühne und macht den Abschluss. Sie weist daraufhin, dass man eine «Connect Card» online oder beim Ausgang ausfüllen kann. In dieser kann man den Kontakt zum Christlichen Zentrum Buchegg suchen. Die Onlien-Version ist ein simples Kontaktformular. Man darf auch zur «Ministry-Zone» und kann Fragen stellen oder mit jemandem beten. Sie weist auch auf die kommenden speziellen Weihnachtsgottesdienste hin. Darunter ein Musical aber auch ein klassischer Gottesdienst mit professioneller Musik. Für die Vermarkung gibt es Flyer und Gratis-Guetzli. Für das Musical brauche man Ticket, die zwar kostenlos sind, aber mittels eines QR-Codes reserviert werden müssen. Das alles ist nur dank vielen grosszügigen Menschen möglich. So gibt es die Möglichkeit gleich per Twint über den eingeblendeten QR-Code oder per SMS zu spenden. Natürlich akzeptieren sie auch Spenden in Bar. Im Shop könne man noch einen Adventskalender kaufen oder einen Kaffee trinken. Zum Schluss erhalten wir noch einen Segen von ihr ausgesprochen. 

Schlusswort

Bis auf ein paar schräge Aussagen und den Passagen zu üblichen Bräuchen der Pfingstmission, erlebte ich den Gottesdienst relativ emotionslos. Die «Furchtlosigkeit» gegenüber Corona hatte ich fast schon erwartet und die restliche Predigt handelte vor allem über Jesus. Vielleicht lag das auch an der Vorweihnachtszeit. Die Homepage lässt darauf deuten, dass viele Jugendliche beim Christlichen Zentrum Buchegg mitmachen und mit den spanischen und englischen Gottesdiensten sprechen sie eine internationale Gemeinschaft an. Soweit ich das im Stream beurteilen konnte, ist die Realität etwas anders. Das Publikum eher homogen und in einer Altersklasse ab 50. Ich wollte mich noch in den schweizerdeutschen, englischen und spanischen Gottesdienst einschalten, um zu schauen, ob die Demografie anders aussieht. Da mich «wenn der Gast zwei Mal kommt» aber nicht umgehauen hatte, ist mir das leider untergegangen. 

Dafina Gash, 1. Dezember 2021

Yasmine Keles: Und dann wurde ich endlich jung. Eine Befreiungsgeschichte, Zytglogge Verlag 2021

Die Religionswissenschaftlerin Yasmine Keles berichtet in ihrem Buch «Und dann wurde ich endlich jung. Eine Befreiungsgeschichte», das im Zytglogge-Verlag erschienen ist, von ihrer Kindheit und Jugend als Zeugin Jehovas.

Als Zeugin Jehovas im Wallis

Yasmine Keles wurde im Jahr 1977 geboren als Kind eines Zeugen-Jehovas-Ehepaars der zweiten Generation, das nach Naters ins Wallis zog, um dort für die Zeugen Jehovas werben zu können. Keles besucht das Gymnasium in Brig, obwohl dies in ihrem Zeugen-Jehovas-Umfeld kritisch gesehen wurde, weil der Mittelschulstoff den Glauben gefährden könnte. Dies durchaus zu Recht: Inspirationen aus der Gymnasialzeit werden in den folgenden Jahren zu Quellen kritischer Hinterfragung ihres Glaubens, die im Alter von 24 Jahren zum Austritt aus der Gemeinschaft führt.

Regeln und Kompromisse

Sehr illustrativ berichtet Yasmine Keles von den Konflikten, in welche sie als Schülerin durch die Regeln der Zeugen Jehovas kam, und wie sie diese oft recht kreativ zu ihren Gunsten auslegte, so z.B. im Zusammenhang mit dem Schulgebet: «In jedem Schulzimmer hing ein grosses Holzkreuz an der Wand. Der Morgen begann jeweils mit einem Gebet, zu dem wir alle aufstehen mussten. Ich stand auch immer auf, sah aber nicht zum Kreuz hin, wie die anderen, und brummelte auch nicht das Gebet mit. Ich starrte jeden Morgen strikt auf die Wandtafel und hoffte, der Moment möge bald zu Ende sein.» (s. 40f.)

Ähnlich anpassungsfähig zeigte sich Keles im Fall eines unwiderstehlichen Geburtstagskuchens: «Das erste Mal, als ein Kind in der Schule seinen Geburtstag feierte, stand ich vor einem echten Problem. Marco hatte einen Kuchen mitgebracht, den er in der Pause von der Lehrerin anschneiden lassen und mit allen Kindern teilen durfte. Mama hatte mir zwar erlaubt, von dem Geburtstagskuchen zu essen, aber ich hatte nicht daran gedacht, dass die Kinder davor ein Geburtstagslied singen würden. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich musste ein Stück von diesem schönen, duftenden, mit Puderzucker bestreuten Zitronenkuchen haben, keine Frage. Aber ich durfte nicht mitsingen. Wie frech das wäre, nicht für Marco zu singen und dann doch von seinem Kuchen zu essen! Aber ich wollte doch auch Jehova auf keinen Fall kränken. Die Lösung meines Problems fiel mir genau in dem Moment ein, als die Klasse Zum Geburtstag viel Glück anstimmte: Ich sang nicht mit, bewegte aber meine Lippen so, als würde ich singen. Ich genoss das Stück Zitronenkuchen und bat Gott zur Sicherheit am Abend vor dem Schlafen trotzdem noch rasch um Vergebung.» (s. 42f).

Gegenseitige Überwachung

Die Mitglieder der Zeugen Jehovas werden motiviert, Regelverstösse von Glaubensgeschwistern bei den Ältesten der Versammlung zur Kenntnis zu bringen. Dies erlebt auch Yasmine Keles, als sie sich von einer «weltlichen» Freundin dazu überreden lässt, kurz deren Blauring-Marktstand zu hüten, damit die Freundin mal aufs WC gehen kann. Dabei wird sie von einer Mitzeugin ertappt, die Yasmines Mutter informiert und die Sache einem Ältesten zur Kenntnis bringt, welcher dann Yasmine zum Einzelgespräch in die Garderobe des Königreichssaals bittet. Dort verteidigt er die Anzeige der Zeugin: «Sie will doch nur, dass du ins Paradies kommst.» (s. 60).

Frust im Predigtdienst

Beim wöchentlichen Predigtdienst an Haus- und Wohnungstüren macht auch Yasmine Keles mit, insbesondere nachdem sie im Alter von 17 Jahren die Taufe empfangen hat und damit als Mitglied der Zeugen Jehovas gilt. Die Erfolge sind aber bescheiden: «Sehr selten kam es vor, dass man eine Person fand, die tatsächlich interessiert an der Wahrheit war. Diese wurde dann wöchentlich aufgesucht, wir nannten diese Besuche Heimbibelstudien, mit dem Ziel, dass die Person mit der Zeit auch an der Versammlung teilnehmen würde. In all den Jahren, die meine Eltern bereits im Wallis dienten, hatten wir das als Versammlung nicht mal bei einem halben Dutzend Menschen erreicht. Diese Zahl beelendete mich, wenn ich an die Tausenden von Stunden dachte, die wir hierfür jahrelang aufgewendet hatten. Aber darum ging es ja nicht. Es ging darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu Jehova zu bekennen. Das war unsere Aufgabe, nicht, sie zu retten.» (s. 149)

Fazit

Yasmine Keles beschreibt ihre Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas sehr authentisch und illustrativ, oft mit Augenzwinkern und ohne die Dramatisierung, wie sie in manch anderem Ehemaligen-Bericht entgegentritt. Wer sich für das konkrete Leben in einer umstrittenen Gemeinschaft in der Schweiz Ende des 20. Jahrhunderts interessiert, dem kann Keles’ Buch sehr empfohlen werden.

Georg O. Schmid, 29. November 2021

Lexikoneintrag Zeugen Jehovas

Besuch der GvC Winterthur

Am Sonntag, den 07. November 2021, besuchte ich um 10:30 Uhr den wöchentlichen Gottesdienst der GvC Winterthur, ehemals GvC Chile Hegi. Diese befindet sich in Winterthur Neuhegi. Die Räumlichkeiten präsentierten sich als modern und gemütlich. Dies empfanden wohl auch die ca. 250 – 300 Personen unterschiedlichen Alters so, welche – aufgrund Corona – auf drei Räume aufgeteilt am Gottesdienst teilnahmen. Die Ankunft in der Parkarena, wo die meisten Personen mit Zertifikat sassen, empfand ich als einladend. Der gedimmte Saal, erhellt von blauem und pinkem Licht sowie die beleuchtete Bühne hatten etwas Vielversprechendes und die ruhige Worship-Pop-Musik, die im Hintergrund lief, wirkte beruhigend. Die Gottesdienstbesuchenden durften sich auf die Stühle direkt vor der Bühne verteilen sowie in die erhöht hintereinander gestaffelten Sitzreihen, welche sich in einem offenen Halbkreis um die Bühne befanden. Während die Besucher eintrafen und sich setzten, lief vorne bereits eine Powerpoint-Präsentation, welche Informationen zu kommenden Veranstaltungen, Angeboten und Projekten enthielt, darunter eine Päckliaktion (Essenspakete für Menschen in Bulgarien), eine Einladung zu einem Männer-Weekend sowie die Frage «Was ist eine Freikirche?» mit Link zur Webseite freikirchen.ch. Auch ein sogenannter «Visionskurs» wurde angeboten, um die Gemeinde kennenlernen zu können.

Fünf Minuten vor offiziellem Gottesdienstbeginn startete ein Countdown mit Video. Zu sehen war eine junge Frau, welche sich müde und abgekämpft durch einen Winterthurer Stadtteil bewegte, schliesslich zusammenbrach und auf dem Boden liegenblieb. Dabei wurden die Worte «Tempo», «Power» und «Dynamik» eingeblendet. In Ergänzung zur Frau auf dem Boden wurden Szenen einer weiteren Frau eingeblendet, die auf einer Bühne lag und ähnlich erschöpft wirkte. Im Gegensatz zur Frau auf der Strasse begann diese sich langsam zu regen und zur kraftvollen Musik zu tanzen. Der Videoclip wurde dabei von einem Ladezeichen überlagert, welches von 0% auf 100% anstieg.

Im Anschluss daran wurde das Publikum von Simone Siddiqui durch ein Gebet begrüsst. Darin dankte sie Gott für die anwesenden Personen, für seine Liebe zu den Menschen und forderte die Besuchenden zur gemeinsamen Anbetung auf. Diese gestaltete sich durch ein modernes, mitreissendes Lied, es handelte von Gottes vielen Eigenschaften. Schlagworte in diesem waren «almighty», «victorious», «only King» und «forevermore». Das Schlagzeug wirkte trotz Schallschutz lauter als die Sänger und anderen Instrumente, was dem Lied einen mächtigen Aspekt gab.

Vor der Predigt durften vier Familien ihre Neugeborenen «einsegnen» lassen. Dies bedeute, dass das Leben dieser jungen Menschen von dem Guten begleitet werden solle, welches man «über ihnen ausspreche». Die vier Familien durften nacheinander je einen Bibelvers für ihre Sprösslinge ziehen. Die Bibelverse und nachfolgenden Gebete handelten von den kostbaren und einzigartigen neuen Leben, dass die Kinder zu Personen mit starken Charaktern heranwachsen mögen, sie ein Segen für ihre Familien und Mitmenschen sein dürften, aber auch davon, dass Gottes Schutz und Gegenwart mit ihnen sei und die Kinder ein tiefes Gottvertrauen erleben dürften. Die Eltern sollten Liebe, Weisheit und Weitsicht erhalten in der Erziehung. Bis auf die Aussage, dass der Mensch grundsätzlich eine Sehnsucht nach Gott besitzt – es gibt Menschen, die nicht so empfinden – konnte ich den Einsegnungen nichts Negatives abgewinnen.

Die darauffolgende Predigt war Teil der Serie «Generations». Am Sonntag zuvor wurde über die sogenannte «Boomer»-Generation gesprochen, ich durfte der Predigt über die nachfolgende Generation X, kurz GenX, zuhören. Zu Beginn wurde eine kurze Radiosendung eingespielt, welche über das Zeitgeschehen in den Jahren 1965-1980 berichtete. Angetönt wurden unter anderem die Sowjetunion, die Berliner Mauer, Tschernobyl, die Opernhauskravalle und auch der Platzspitz. Diese Ereignisse wurden aber nicht genauer thematisiert. Der Prediger Timon Studler versuchte daraufhin, eine Definition der GenX zu geben. Sie sei die Generation gewesen, die ihn den Glauben gelehrt und vorgelebt habe. Eigenschaft der GenX sei eine frühe Selbständigkeit gewesen («Schlüsselkinder»), sie habe sich eine grosse Freiheit erkämpft und sich von den damaligen starren Gesellschaftsregeln befreit. Sie sei gebildet, lebe nicht wie ihre Eltern nur für die Arbeit und der Begriff «Work-Life-Balance» sei von ihr geprägt worden. Die heutigen Jugendlichen würden der GenX viel verdanken, auch wenn die GenX selbst Schwierigkeiten gehabt hätte, mit der grossen Freiheit umzugehen. Timon Studler sprach daraufhin von der GenX heute und der Sinnfrage, die sich nun vor der Pensionierung wieder stelle. Da die nachfolgenden Generationen die GenX nun entlasten, müsse sie sich mit Achtsamkeit und Selbstfindung beschäftigen. Er verglich die aktuelle Lebenssituation der GenX mit den Jüngern, welche nach Jesus’ Tod nicht weiterwussten. In der Bibel sei Jesus den Jüngern in dieser Leerlaufphase erschienen und habe Petrus den Auftrag gegeben, sich von nun an von jemand anderem führen zu lassen. Früher habe Petrus, als er noch jung war, selbst entschieden, was er tun wolle, nun sei es an der Zeit, den Auftrag von jemand anderem auszuführen. Genau so solle sich auch die «erfahrene, kreative und auf ihren ehrlichen Glauben geprüfte GenX» – die den Mitmenschen deshalb nichts vormache – erneut dafür entscheiden, «Jesus nachzufolgen.» Was diese Nachfolge beinhaltet, wurde nicht genauer definiert. Am Ende wurden alle Personen im Saal mit Jahrgang 1965-1980 aufgerufen aufzustehen, und es wurde ein Gebet speziell für diese Generation gesprochen. Im Gebet wurde der Generation unter anderem für ihre Fragen an die Welt, die Kirche und den Glauben gedankt und es wurde ein Bibelvers erwähnt, der auf das Neue verweist, das Gott in Zukunft tun wolle. Man solle nicht in der Vergangenheit verweilen.

Die Predigt war informativ, aber auch allgemein gehalten. Der Fokus lag auf der Wertschätzung der Besuchenden und während den fast eineinhalb Stunden sind viele aufbauende Worte gefallen. Dies ist attraktiv, denn jeder hört gern ein Lob. Ansonsten wurden grosse Fragen des Lebens angetönt, diese jedoch nicht konkret beantwortet. Man könnte sagen, den Besuchenden wurde der Freiraum gelassen, sich selbst eine Antwort zu geben. Die GenX sollte sich fragen, ob sie «versöhnt sei mit Gott» und wo sie momentan stehe. Die anderen Generationen sollten sich fragen, was sie von der GenX lernen könnten, ob sie etwas mit der GenX zu bereinigen hätten und ob sie mit der GenX mehr «connecten» sollten.

Die darauffolgenden Lieder besagten, Gott sei ein Tröster, ein Hirte, und für den Menschen «zum Äussersten» bereit. Ansonsten zeige sich Gott in der Schöpfung und sei von Allem der Ursprung. Man solle Gott in jeder Situation danken, egal wie schwer sie sein mag. Die Lieder waren mehrheitlich Mundart-Worship, wenige auf Hochdeutsch oder auf Englisch. Ganz zum Schluss gab es einen Spendenaufruf und einen Verweis auf den «Next Step Desk», falls man noch Fragen zur Kirche oder spezifischen Angeboten habe.

Alles in allem war es ein moderater Gottesdienst, der es vermochte, die Menschen in eine geborgene Atmosphäre mitzunehmen. Diese Stimmung wurde jedoch vertrieben, als am Ende die Rolläden hochgingen und das helle Tageslicht in den Raum einfiel. Der Kontrast zwischen «heiler Welt» und Alltag war spürbar.

Lilian Zwygart, 9. November 2021

Lexikoneintrag GvC Bewegung

Hohle Welt und unbeseelte Menschen – Love Stream 8 mit Christina von Dreien

Am 25. Oktober, von 19.00 bis 21.30 Uhr, fand der achte Love Stream von Christina von Dreien statt. Diese Streams sind Webinare, also online durchgeführte Seminarkurse, die Christina und ihr Team vom Planet One aus durchführen – ein Streaming-Event-Restaurant am Bodensee in Arbon. Auf der Homepage wirbt das Restaurant explizit mit der Möglichkeit, von gemieteten Räumlichkeiten aus Darbietungen wie Vorträge, Lesungen, Theater- und Musikaufführungen für ein Publikum online zu streamen.

Übertragung aus dem Restaurant «Planet One» in Arbon

Begrüsst wurden die Teilnehmenden von der Event-Managerin Nicola Good, die, wie Christina, auf einem schwarzen Sofa vor der Frontalkamera platzgenommen hatte – an dieser Aufstellung und dem ersichtlichen Hintergrund änderte sich während der gesamten Seminarlänge nichts: das kleine, schwarze Sofa, ein in warmer Farbe leuchtender Kristallstein und eine Pflanze auf der Sitzseite von Christina. Nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten drückte die Managerin ihre Freude über das grosse und vor allem internationale Publikum aus. Laut eigenen Angaben haben nicht nur Menschen aus der Schweiz, sondern auch solche von Neuseeland, Australien, Kanada, Norwegen und Finnland zugeschaut. Ich als Seminarbesucherin hatte weder auf eine Teilnehmerliste, noch auf die Bildschirme des restlichen Publikums Zugriff, weshalb diese Aussage nur schwer überprüfbar ist. Trotz dieser überstaatlichen Zuschauerschaft wurde ausschliesslich auf Deutsch gesprochen, jedoch darauf hingewiesen, dass Christina neu jeden Freitag Interviews mit englischer Übersetzung durchführt. Übersetzerin ist dabei Nicola. Anschliessend erklärte sie den Aufbau der Veranstaltung: Im Rahmen der ersten Hälfte werde Christina «aus dem Moment heraus sprechen» und auf Themen eingehen, die ihr aktuell besonders auf dem Herzen liegen. Dann, nach einer 20 minütigen Pause, werde sie auf Fragen der Teilnehmenden eingehen. Die Fragen konnten Christinas Team im Vorhinein zugeschickt werden, wie man nach Anmeldung und Bezahlung der 48.47 CHF. für den Love Stream informierte wurde.

Beseelte und unbeseelte Menschen

In die erste Seminarhälfte ist Christina mit der Unterscheidung zwischen beseelten und unbeseelten Wesen eingestiegen, wobei diese Unterteilung auch auf Menschen, Tiere und Gegenstände übertragen werden kann. Der Gruppe der unbeseelten fehlt die ausschlaggebende göttliche Liebesverbindung, weshalb sie nicht in der Lage sind, Emotionen wie Mitgefühl oder Liebe zu verspüren. Solche «Unlichtwesen», wie sie Christina auch nennt, sind die direkten Verursacher aller üblen Dinge der Welt. Ob bei «komischen» oder «schlechten» Geschehnissen, als Sündenböcke kann also mit dem Finger auf sie gezeigt werden.

Üble Ausserirdische und die hohle Erde

Diese Vorstellung verbindet Christina mit einer weiteren Theorie, welche stark an die Reptiloiden-Verschwörungserzählung des Briten David Icke erinnert: Bereits seit mehreren 1000 Jahren sollen sich Ausserirdische auf der Welt «inkarniert» haben. In verschiedenen Rassen und Zivilisationen gruppiert, sind sie zu unterschiedlichen Zeiten und aus sich divergierenden Beweggründen auf die Welt gelangt. Auch unter ihnen befinden sich solche mit und solche ohne Seele, wobei erstere zur guten Sorte gehören und den Menschen eine Hilfe sind, letztere aber zu den Unlichtwesen zählen. Gewisse verweilen nun auf der Erdoberfläche, andere wiederum in einer «inneren Welt». Laut Christina handelt es sich dabei um einen von mehreren «innerirdischen Zivilisationen» bewohnten Hohlraum unter dem Erdboden, der über verschiedene Eingänge betreten werden kann – keinesfalls eine neue Überzeugung. Die Anfänge der Hohlraumtheorie lassen sich zurückverfolgen bis ins 17. Jahrhundert. Nebst den Ausserirdischen und der weltlichen Regierung – und jetzt natürlich Sie als Leser oder Leserin dieses Berichtes sowie Christinas Anhängerschaft – weiss allerdings niemand von dieser Innenwelt. Die Zeitungen und Massenmedien berichten (bewusst) nicht davon. Dass die unterirdische Welt geheim gehalten wird, liegt dabei auch im Interesse der Regierung, da sie den Hohlraum für Forschungszwecke (mit-)benutzt. Mithilfe «riesiger Anlagen» werden bspw. Mischexperimente zwischen Mensch und Tier durchgeführt, aus welchen die aus der Mythologie bekannten Mischwesen entstanden sind.

Die Menschen als Sklaven der Ausserirdischen

Wie allen Unlichtwesen, fehlt den unbeseelten Ausserirdischen nicht nur die göttliche Liebesverbindung, sondern auch die damit zusammenhängende «Schöpferkraft». Sie sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft heraus etwas zu erschaffen oder zu verwirklichen und deshalb auf die beseelten Menschen als ihre Handlanger angewiesen. Durch die Verbreitung von Angst und dem Einsatz von Drohungen, versetzen die Ausserirdischen ihre «Sklaven» in einen leicht zu manipulierbaren Zustand, in welchem sie einfacher für eigene geschmiedete Pläne und Vorteile ausgebeutet werden können. Das ist auch der Grund, weshalb die Unlichtwesen in die menschliche DNA eingegriffen haben. Indem die ursprünglichen 12 DNA-Stränge auf zwei reduziert wurden, konnte das «volle Potenzial der Menschen ausgeschaltet» werden – auch das eine über das Christina-von-Dreien-Universum hinaus bekannte und weitverbreitete Theorie. An dieser Stelle machte Christina deutlich, dass sie die Evolutionstheorie ablehnt.

Aufgewachte, Narkotisierte und leere Hüllen

Während ihren Ausführungen betonte sie immer wieder, dass «das Aufwachen» eine Möglichkeit ist, um sich gegen die Ausbeutung zu schützen. Dazu braucht es die Erkenntnis der eigenen Multidimensionalität sowie Einsicht in die Pläne der Verschwörungsgruppe (zusammengesetzt aus den «bösen Ausserirdischen» und anderen Unlichtwesen), welche insgeheim das weltweite Geschehen beeinflusst und kontrolliert. Ohne zu wissen, was sich auf der Welt wirklich ereignet, können sich die Menschen auch nicht «für das Gute und gegen das Böse» entscheiden. Als metaphorische Darstellung nannte Christina die Matrix. Diese könne man sich als «künstliche Umhüllung» vorstellen, innerhalb welcher uns eine so eigentlich nicht existente Realität vorgegaukelt wird. Wacht eine Person aus dieser Illusion auf, schiesst sie automatisch ein Loch hindurch. Je mehr Menschen den schrittweisen Prozess des Aufwachens durchmachen, desto instabiler wird die Matrix. Dasselbe gelte nun auch im Kampf gegen die Unlichtwesen: Je mehr Menschen die Wahrheit erkennen und für das Ideal einer «heilen Welt» ohne Unlichtwesen und künstliche Intelligenz einstehen, desto unwahrscheinlicher wird ihre Ausbeutung. Doch nicht alle Menschen sind dazu in der Lage. Unter den «noch komplett in der Narkose liegenden Meschen» gibt es auch solche, die die für das Aufwachen benötigte «seelische Stärke» gar nicht besitzen. Zum Beispiel sind das Personen, die ihren «seelischen Halt» anstatt bei sich selbst in physischen Dingen suchen – «Leere Hüllen», wie sie von Christina genannt werden. Nebst solch schlafenden Menschen sind auch Roboter und andere künstliche Intelligenzen nicht in der Lage die Wahrheit zu erkennen, da ihnen dazu ein bestimmtes «Energiefeld» fehlt. Die Behauptung, nicht alle Menschen besitzen die Fähigkeit zum Aufwachen, ist neu. Es kann angenommen werden, dass sie Christina und ihrem Team als Rechtfertigungsstrategie für die nicht weiter ansteigende Anhängerschaft dient.

Pause und Fragestunde

Um 19.57 Uhr kündigte Nicola Good eine Pause von 15 Minuten an. Die Kameras waren für dieses Zeitfenster zwar ausgeschaltet, man konnte jedoch dem Lied «Dona Nobis Pacem I» von Alexander Aandersan lauschen.

In der zweiten Seminarhälfte wurde auf die von der Zuschauerschaft erbrachten Fragen eingegangen. Dabei erinnerte der Ablauf an ein Interview oder gar Verhör: Nicola stellte die Fragen, gab Inputs und hackte bei Unklarheiten nach, Christina reagierte und gab die Antworten.

Für Geimpfte besteht Hoffnung

Laut eigenen Angaben hatte die Mehrheit der Teilnehmenden Bedenken bezüglich der COVID-19 Impfung geäussert. Demnach haben sich vor allem bereits geimpfte Personen ratsuchend an Christina gewendet und gefragt, wie mit persönlichen Unsicherheiten und kritischen Einwänden umzugehen ist. Diese erklärte dann, dass man «den eigenen Geist darum bitten kann, die durch die Impfung in den Körper gelangten Substanzen zu neutralisieren». Auch könne man nach «natürlichen Mitteln» suchen, mit welchen möglichst viele der Substanzen wieder aus dem Körper herausbefördert werden können.

Paradoxe Botschaften

Als einen weiteren Punkt riet Christina den Zuschauenden, «sich Vorräte anzuschaffen». Abgesehen von der aktuellen Pandemielage sei dies eine gute Vorbereitung «für das, was die Unlichtwesen planen». Genauer spezifizieren konnte sie diese Aussage nicht, weil niemand wisse, was dieser Plan im Detail beinhalte. Falls dann wirklich etwas geschehen sollte, sei man mit einem Vorrat gewappnet und dazu in der Lage, «die eigene Schwingung aufrecht zu erhalten». Angesichts dessen, dass die bösartigen Unlichtwesen auf die Angst der Menschen angewiesen sein sollen, scheint dieser Tipp paradox. Denn er lässt einem mit einem unguten bist fast schon ängstlichen Gefühl zurück.

Nicola Good als Ersatzmutter?

Insgesamt erstaunt Christinas Auftreten. Bei einem esoterischen Medium mit einem solch umfassenden Publikum erwartet man eine charismatische, argumentativ starke Persönlichkeit. In Wahrheit begegnet man einer 20jährigen, schüchternen Frau, die immer wieder nach den richtigen Worten sucht und peinlich berührt lacht, wenn ihr eine Aussage nicht gelingt. Während der gesamten Love Stream-Länge hat sie nur wenige Male direkt in die Kamera gesprochen, die meiste Zeit schaute sie entweder in eine Ecke, auf den Boden, oder dann zu Nicola. Auch das Verhältnis der beiden Frauen scheint auffällig: Obwohl Nicola Good «nur» als Managerin eingestellt ist, scheint sie mittlerweile eine Art Bewacher- bis fast schon Mutterrolle übernommen zu haben. Immer wieder hat sie Christina bei der Beantwortung der Zuschauerfragen auf die Sprünge geholfen, ganz spezifische Antworten von ihr verlangt oder selbst längere Inputs gegeben. Nicht wenige Male kam es zwischen den beiden zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten.

Trotz dessen stellt sich Christina ganz klar als spezielle Person dar, was auch von Nicola während des Streams immer wieder stark betont wurde. So erzählte sie, dass Christina als allererstes das «Energiefeld» und nicht die äussere Erscheinung eines Menschen sieht. Sie verfüge somit über eine besondere Wahrnehmung, deren Funktionsweise sich stark von jener «normaler» Menschen unterscheidet. Auch habe sie sich ganz bewusst dazu entschieden, zu früh auf die Welt zu kommen, um «das Bewusstsein leichter mitzunehmen».

Zum Schluss wurden wir Zuschauenden zu einer gemeinsamen, fünfminütigen Meditationseinheit aufgerufen, in welcher man sich mit dem eigenen «Lichtkörper» verbinden sollte. Dazu wurde erneut das Lied von Alexander Aandersan im Hintergrund abgespielt. Bevor das Meeting dann definitiv beendet wurde, bedankte sich Nicola bei Christina für «ihre Worte und ihren grossen Willen» und bei den Teilnehmenden für das Zuhören. Als letzte eingeblendete Folie folgte eine Werbung für von Christina produzierte Kärtchen.

Asia Petrino, 29. Oktober 2021