Osho Rajneesh-Bewegung

Andere Namen: Bhagwan Rajneesh-Bewegung, Neo-Sannyas-Bewegung, Rajneesh-Foundation.

Rajneesh Chandra Mohan (1931–1990) fand 1953 in einer Erleuchtung, so wird gesagt, Zugang zu einer anderen Realität. In einer der Religion der Jainas zugehörigen Familie aufgewachsen und später von tantrischen Ideen beeinflusst, wandte er sich als Dozent für Philosophie bewusstseinsverändernden Lehren und Praktiken zu und entwickelte meditative Techniken, in denen sich östliche Weisheit mit westlichen Therapieformen verband. Mit seinen unkonventionellen suggestiven Lehrmethoden spaltete er schon bald die Öffentlichkeit. Die einen verehrten ihn als Bhagwan «den Göttlichen», die anderen schalten ihn «Sexguru» und «Scharlatan». 1969 gründete er seinen ersten Ashram in Bombay, 1974 verlegte er den Ashram nach Poona.

Westliche Therapeuten und Journalisten entdeckten den universal gebildeten, genialen und provokativen Meister. (Rajneesh kannte in jenen Jahren einen guten Teil der psychologischen, philosophischen und religiösen Literatur der östlichen und der westlichen Welt und interpretierte in provokativ-eindrücklicher Weise Meistertexte der Zenmeister, des alten Buddhismus, der Sufis und des Neuen Testaments.) Probleme mit den indischen Steuerbehörden waren 1981 der Anlass zur Übersiedlung nach Antelope, Oregon, USA, wo Rajneesh 1315 Tage lang nur noch schweigend lehrte. Jeden Tag zeigte er sich nun seinen Jüngern in einem seiner vielen Rolls-Royces langsam durch die im Aufbau befindliche Stadt (Rajneeshpuram) seiner Anhänger fahrend. 1983 erklärte er seine Bewegung zur Religion.

Das Bekenntnis der Buddhisten zu Buddha wurde nun feierlich auch ihm, dem Buddha der Gegenwart, zugedacht. Mit den amerikanischen Nachbarn gab es Probleme. Sie fühlten sich durch die Tausenden von zugewanderten rotgekleideten Sannyasin, Rajneesh-Jüngern, bedroht. Eine unter Ma Anand Sheela, der rechten Hand von Rajneesh, betriebene aggressive Verteidigungsstrategie der Gemeinschaft, führte 1985 zum abrupten Bruch zwischen Rajneesh und Sheela. Sheela, Inderin, aber durch Heirat Schweizerin geworden, zog, nachdem sie eine Gefängnisstrafe in den USA abgesessen hatte, in die Schweiz. Rajneesh wurde ebenfalls in den USA verhaftet und nach einigen Tagen wegen Übertretung der Einwanderungsgesetze des Landes verwiesen. Nachdem andere Länder Rajneesh und seiner Kommune ebenfalls die Einwanderung verweigert hatten, kehrte der Meister 1985 nach Poona/Indien zurück.

Rajneeshpuram, die mit viel Opferbereitschaft und finanziellem Engagement errichtete «Stadt» wurde mit grossen Verlusten liquidiert. Im Jahr seiner Heimkehr dekretierte Rajneesh auch das Ende des Rajneeshismus. Die Verpflichtung, rote Kleider und die Mala, die Kette mit dem Rajneesh-Bild, zu tragen, beschränkte sich von nun an auf das Leben im Ashram. Alles Singen religiöser Bekenntnisse wurde unterlassen. Die Rajneesh-Bewegung galt nun nicht mehr als Religion. Ab 1989 wollte Rajneesh nicht mehr Bhagwan, sondern nur noch Osho genannt werden (ein Ehrentitel aus dem Zen-Buddhismus für erleuchtete Meister). Alle diese Kehrtwendungen in der jungen Geschichte der Rajneesh-Bewegung wurden von der willigen Anhängerschaft sofort mitvollzogen. Nun war Osho die Mitte eines Energiefeldes («Buddhafeldes»), das es in Poona und in den Hunderten von Oshogruppen vestreut über die ganze Welt zu erleben galt. Am 19. Januar 1990 ist Rajneesh nach der offiziellen Sprachregelung des Ashrams zwar nicht gestorben – er war das Nichts, das Nirvana, das nicht sterben kann – aber er hat an diesem Tag seine körperliche Existenz beendet.

Sein Ableben wurde sofort als Märtyrertod gedeutet. Der Leibarzt von Rajneesh behauptete noch 1999, dass der Meister an den Folgen eines Giftes gestorben sei, das ihm während seines kurzen Aufenthaltes in den US-Gefängnissen eingegeben worden sei. In vielen Städten der westlichen Welt finden sich heute Zentren, die mehr oder weniger eng der Rajneesh-Bewegung verpflichtet sind (Rajneesh Encounter Institut, Osho Rajneesh Zentrum für Spirituelle Therapie, Institut für Meditation und Spirituelles Wachstum u.a.m.). Die Zentren sind wie der Ashram in Poona selbständig organisiert und offerieren ein kleines oder grösseres Angebot an Kursen (Self-Acceptance, Intuition und Awarness, Neo-Tantra, Rajneesh Neo Astrology, Rajneesh Neo Taro, Full Moon Meditation, auch Buchläden und Zorba-the-Buddha-Restaurants).

Zentrum der Bewegung ist das riesige Ashramgelände in Poona mit seinem reichhaltigen Kursangebot und seiner rigorosen Aidsprophylaxe. Nachdem der Guru des freien Sexes in den 80er Jahren die tödliche Gefahr von Aids für seine Kommune erkannt hatte und nachdem er selber schon seit Jahrzehnten unter einer eigentlichen Infektionsphobie gelitten hatte – er soll nur sterilisierte Bücher in die Hand genommen haben –, kippte der vorher laxe Umgang mit Gefahren des freien Sexes um in eine eigentliche Aidsphobie. Streicheln ist nur mit sterilen Gummihandschuhen erlaubt. Küssen ist verboten.

Wer im Ashram in Poona meditieren oder Kurse besuchen will, muss sich vorher einem Aidstest unterziehen. Zeitweilig wurden in Poona aus Angst vor Ansteckung sogar die Telefonhörer nach jedem Gespräch desinfiziert. Was die lehrmässige Entwicklung der Bewegung betrifft, so war Rajneesh ein Meister, der allem und jedem, auch sich selber, mit grossem Genuss immer wieder widersprach. Das Prinzip des immer wieder neuen Widerspruchs, der alle lehrmässige Verfestigung verhindert und die Anhänger immer wieder aus der Theorie ins eigene Erleben stösst, war vielleicht das einzige Prinzip eines Meisters, der nichts von Theorien und Prinzipien hielt. Welches Erleben aber mutet Rajneesh seinen Jüngern zu?

Das Ziel, die Befreiung, die Erleuchtung, liegt jenseits aller Worte und aller Konzepte. Aber auch jenseits jeden Ichs. Unser Ich muss zerbrechen, wenn die Erleuchtung uns ergreifen soll. Die Methoden, die Rajneesh und seine Kommune anwandten, um dieses Ich zu zerbrechen, waren zeitweilig ausgesprochen derb. In sog. Gruppentherapien sollten alle psychischen und physischen Barrieren durchbrochen werden. Nicht selten haben diese «Rosskuren» feinfühligere Teilnehmer überfordert. In den letzten Jahren werden in Gruppensitzungen und Meditationen sanftere Methoden eingesetzt. Der Ashram in Poona entwickelte sich zum wahrscheinlich grössten und z.Zt. erfolgreichsten spirituellen Selbsterfahrungszentrum der Welt.

Rüde Schocktherapien könnten die immer breiter werdende europäische, amerikanische und japanische Kundschaft nur abschrecken. Inder und Afrikaner sind im Ashram in Poona noch immer die Ausnahme. Auch der Kritiker kann Rajneesh weder die umfassende Bildung noch das offensichtliche poetische Talent absprechen. Osho sprach ohne Manuskript druckreif. Seine gewaltige suggestive Kraft ist auch heute noch, wo er nur in Videoaufnahmen und Büchern zu seiner Anhängerschaft spricht, fühlbar. Aber ebenso augenfällig war und ist seine Egomanie. Angeblich war er das Nichts, das nie verehrt wurde und nie Verehrung verlangte.

Der kritische Beobachter erahnt in Rajneesh aber immer offenkundiger das grosse verwöhnte Kind, das völlig liebesunfähig nur noch sich selbst und seine Bedürfnisse sieht und niemand und nichts Gleichwertiges in dieser Welt entdeckt. Nachdem er sich zeitweilig Jesu und Buddha gleichgestellt hatte, entwickelte er später den Spott über die grössten Gestalten der Vergangenheit und der Gegenwart beinah zum Unterhaltungsspiel: Er mockierte sich über Jesus und Buddha wie auch über Mutter Theresa und Gandhi. Seine krankhaft wirkende Ich-Besessenheit, die er als Erleuchtung deutete, machte es ihm m.E. unmöglich, die totalitären Potenzen, die in seiner Bewegung steckten, wahrzunehmen. Seine Jünger waren in seinen Augen die freiesten Menschen der Welt, und gleichzeitig ihm kritiklos hörig. Das Ableben von Osho hat diese Hörigkeit der freiesten Menschen zwar nicht aufgehoben, aber doch sehr relativiert. Heute lebt dieser uralte Widerspruch der Osho-Bewegung in Poona noch als feierliche und inbrünstige «Nichtverehrung» weiter.

Offiziell wird Osho in Poona überhaupt nicht verehrt. Tatsächlich werden aber vor allem die sog. Weissen Nächte als suggestiv-mystisches Zusammensein mit dem Meister inszeniert. Rajneesh war, was seine Bildung und sprachliche Kraft betrifft, vielleicht der originellste indische Meister des 20. Jh., aber vielleicht auch der Eitelste. Die letzten Monate damals in Rajneeshpuram, Oregon, haben gezeigt, wie rasch eine originelle Bewegung in totalitäre Strukturen ab- gleiten kann.

E-Mail: devapar@gmx.ch

www.oshonet.ch

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