Herrlichkeits- und Wundergottesdienst am 20. Januar 2024 im Hirschensaal in Hinwil

Stets auf der Suche nach dem grösseren Wunder

Glory Life ist eine Gemeinde, die sich in ihrer wechselvollen Geschichte in einem Schlingerkurs am radikalen und wundersüchtigen Rand der Freikirchenszene bewegte. 1995 wurde sie von Georg Karl und seiner Frau Irina gegründet. Georg Karl war als junger Mann, wie er selbst berichtet, auf der Suche nach einem Glauben, der sich in konkreten Wunderwirkungen erweist, und kam von der evangelischen Kirche in erweckliche Kreise, dann weiter in charismatische Gefilde, um schliesslich 1992 bei der damaligen Biblischen Glaubens-Gemeinde BGG Stuttgart zu landen. Nach Abschluss der Bibelschule eröffneten die Karls im Jahr 1995 ihre eigene Gemeinde unter dem Namen «Christliches Lebenszentrum Tübingen-Reutlingen», die sich als Teil der BGG Stuttgart verstand. Zu dieser Zeit vertrat die BGG die Lehren der Wort-des-Glaubens-Bewegung, die besagen, dass den Gläubigen nicht nur Erlösung, sondern auch Gesundheit und Wohlstand geschenkt sei, und dass sich das Reich Gottes bereits unter den Gläubigen verwirkliche. Im Jahr 2006 wechselte die Gemeinde der Karls von der BGG Stuttgart zur Wort+Geist-Bewegung um Helmut Bauer, wo sich zu dieser Zeit vermeintlich grössere Wunder ereigneten. Die Wort+Geist-Bewegung lehrt, dass in der Gemeinde das Reich Gottes bereits ausgebrochen sei, indem die Gläubigen mit ihrem Wort und ihrem Geist Realitäten schaffen könnten. Die Gemeinde von Georg und Irina Karl nannte sich nun «Wort+Geist Zentrum Stuttgart». Dem Vernehmen nach soll es schon bald zu Spannungen zwischen Georg Karl und seinem nunmehrigen Vorgesetzten, dem selbsternannten «Völkerapostel» Helmut Bauer gekommen sein. Bei gemeinsamen Gottesdiensten habe Helmut Bauer mit seiner Ausstrahlung und seinem Charisma Georg Karl komplett in den Schatten gestellt, so wird berichtet. Ab 2010 traten nun bei Wort+Geist Stuttgart Phänomene auf, die an den Toronto-Segen Mitte der Neunziger Jahre erinnerten: Lachen, Umfallen (sog. «Ruhen im Geiste»), Heilungsberichte in grosser Zahl. Als Helmut Bauer sich zum «wiedergekommenen Christus im Fleisch» erklärte und die Verbindlichkeit von Ehen aufhob, war es Georg und Irina Karl zu viel. Sie lösten sich von Wort+Geist, benannten ihre Gemeinde in «Glory Life Zentrum» um und begründeten eine eigene Bewegung unter dem Namen «Glory Life Netzwerk». Als «Pastor Georg» tritt Georg Karl nun als Leiter seines eigenen Verbandes auf.

Wunder sollen die Gegenwart der Herrlichkeit Gottes beweisen

Die Gegenwart des Reiches Gottes in der Gemeinde wird bei Glory Life nach wie vor gelehrt, jetzt unter dem Begriff der «Herrlichkeit», der «Glory». Im «Glory Life Netzwerk» sei die Herrlichkeit Gottes am stärksten wirksam, «der Himmel bricht herein», wie es auf der Website des Netzwerks programmatisch heisst. In dieser Herrlichkeit hätten, so die Lehre, Krankheiten und Probleme keinen Platz. Wer richtig glaube, dessen Krankheiten seien von Jesus am Kreuz getragen worden, Gläubige könnten in Anspruch nehmen, geheilt zu sein. Die zahlreichen Heilungsberichte, die in den Gottesdiensten von Glory Life gesammelt werden, dienen als Erweis der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes. Nur wo Wunder in so hoher Zahl geschähen, wie bei Glory Life, nur da sei die Herrlichkeit Gottes gegenwärtig. Menschen, die im Sinne von Glory Life gläubig sind, könnten, so der Glaube, auch selbst Wunder schaffen, indem sie etwa Heilung proklamierten. Dies würde aber, so die Einschränkung, nur funktionieren, wenn die Proklamationen in Übereinstimmung mit dem Heiligen Geist stünden. Zudem müsse der Glaube der Gläubigen stark genug sein. Den grössten Glauben habe, so erklären es Menschen, die zu Glory Life gehören, «Pastor Georg» Karl selbst. Deshalb würden Gottesdienste mit ihm, Worte von ihm und Berührungen durch ihn besonders wirksam sein.

Die Endzeit-Armee Gottes und die Herrlichkeits- und Wundergottesdienste

Die Gläubigen werden aufgerufen, in ihrem Umfeld Wunder zu wirken und damit den Glauben an die Gegenwart der Herrlichkeit Gottes in die Welt zu tragen. Als «Endzeit-Armee Gottes» sollen sie das Reich Gottes ausbreiten, nicht mit Waffen, sondern mit Wundern. Finden sich mehrere Gläubige in einer Region, tun sie sich zu einem Glory Haus zusammen. In der Schweiz existieren zurzeit drei Glory Häuser, in Grenchen, in Hirzel und in Wetzikon. Glory-Häuser organisieren in ihrer Region «Herrlichkeits- und Wundergottesdienste», zu denen Pastor Georg und seine Frau Irina eingeladen werden. So waren die Karls im Mai 2023 im Schützenmattsaal in Hirzel zu Gast. Der Saal war, wie es die Karls auf ihrer Facebook-Seite beschrieben, «vollgepackt mit Menschen, die sich voller Hunger nach dem Wirken Gottes ausstreckten».

Herrlichkeits- und Wundergottesdienst im Hirschensaal in Hinwil

Entsprechend hoch sind unsere Erwartungen, als wir am 20. Januar um 15.00 Uhr den Herrlichkeits- und Wundergottesdienst besuchen, der im Hirschensaal Hinwil stattfindet. Hinwil liege in der Nähe des Zürichsees, war auf der Website von Glory Life zu erfahren – vielleicht von Filderstadt aus gesehen, dem heutigen Zentrum der Bewegung. Schon bei der Anfahrt sind wir erstaunt, keine strömenden Heerscharen von Wundersuchenden anzutreffen. Auf dem Parkplatz des Hirschen ist ein Platz reserviert für «Pastoren». Auf das in Erfolgsberichten aus der Wort-des-Glaubens-Bewegung öfter auftauchende Parkplatz-Freiglauben resp. Parkplatz-Freiproklamieren wollen sich die Karls also nicht verlassen. Dies scheint erstaunlich angesichts der geballten Präsenz an Herrlichkeit, die insbesondere in «Pastor Georg» zugegen sein soll.

Volle und weniger volle Säle

Als wir den Hirschensaal wenige Minuten vor 15.00 Uhr betreten, sind noch rund 100 Plätze frei, die sich auch durch später Hinzukommende nie ganz füllen werden. Der Hirschensaal ist, offenbar im Gegensatz zum Schützenmattsaal in Hirzel im Mai, keinesfalls «vollgepackt», sondern könnte noch Dutzenden zusätzlichen Besuchenden Raum bieten. Insgesamt schätzen wir die Zahl der Anwesenden auf rund 250 Menschen. Wir erinnern uns zurück an eine Veranstaltung mit Benny Hinn im Jahr 1994, der damals mit ähnlichen Wunderverheissungen das Hallenstadion in Zürich gefüllt hat. Der Zulauf war da um ein Vielfaches grösser als jetzt dreissig Jahre später in Hinwil. Dasselbe gilt für andere Wunder-Phänomene der vergangenen Jahrzehnte: Zu den Toronto-Segen-Veranstaltungen bei Vineyard Bern um 1995 kam das Publikum zahlreicher, ebenso zum Lakeland-Blessing im Jahr 2008 in der Stiftung Schleife in Winterthur. Dass die Zahl der Wundersuchenden in der Freikirchenlandschaft der Schweiz in den letzten Jahrzehnten zugenommen hätte, das kann angesichts der freien Plätze im Hirschensaal in Hinwil nicht behauptet werden.

Der harte Kern der Pastor-Georg-Fans

Als «Pastor Georg» im Rahmen der Veranstaltung nachfragt, ob die Anwesenden einen bestimmten Heilungs-Erfolgsbericht bereits kennen – es handelt sich um eine Heilung von Krebs – da wird klar, dass rund 40% der Menschen schon andere Veranstaltungen mit den Karls besucht haben und möglicherweise bereits in Hirzel dabei waren. Es scheint in der Deutschschweiz einen harten Kern von rund 100 eingefleischten Pastor-Georg-Fans zu geben, die jeweils seinen Veranstaltungen in der Schweiz nachfahren, aber gelegentlich, wie zu vernehmen war, auch in die Zentrale nach Filderstadt reisen.

Herrlichkeit ganz Retro?

Zu Beginn des Gottesdienstes werden Lobpreislieder gespielt, vorgesungen von Irina Karl. Nach der Erfahrung von Relinfo teilen sich die Singenden in Lobpreisbands in zwei Gruppen: Die einen singen aufgrund ihres Talents, die anderen, weil sie Ehefrau oder Kind des Leiters sind. Der Musikstil bei Glory Life erinnert uns an das Lobpreis-Liedgut der Achtziger- und Neunzigerjahre. Dazu werden von drei Teammitgliedern Flaggen in unterschiedlichen Farben gezeigt, wie das in der neocharismatischen Szene ums Jahr 2000 herum trendy war. In den meisten Gemeinden ruhen die Flaggen heute in den Kellern. Nicht so bei Glory Life. Hier wird vor allem mit Gold beflaggt. Die Farbe Gold bedeutet nach der damaligen Flaggen-Logik – wenig überraschend – «Herrlichkeit». Dass eine Gemeinschaft, die den hereinbrechenden Himmel darstellen will, sich so Retro gibt, überrascht uns. Allerdings passt es zum Altersdurchschnitt der Anwesenden, der deutlich über 50 Jahre liegen dürfte.

Georg Karl, der uncharismatische Charismatiker

Georg Karl ist, erkennbar an seiner typischen braunen Lederjacke, zu Beginn des Gottesdienstes schon im Saal zugegen. Die Chance eines dramatischen Auftritts nach längerer Aufwärmzeit des Publikums, wie sie andere Pastoren mit ähnlicher Wunderbotschaft sonst wirksam einsetzen, lässt er ungenutzt. Dieser Verzicht passt allerdings auch zur Aura, die «Pastor Georg» umgibt. Trüge er nicht seine immer gleiche braune Lederjacke, Georg Karl könnte von seiner Ausstrahlung her jederzeit in einer Fernsehwerbung den freundlichen Versicherungsvertreter geben, der alle kennt und sich um alles kümmert. Niemand käme auf die Idee, ihn in einem Film als Reformator, als Ordensgründer oder als Prophet besetzen zu wollen. Etliche Gemeindeleitende in der Schweiz würden Georg Karl in Sachen Charisma ähnlich an die Wand spielen wie Helmut Bauer das offenbar tat. Vermutlich ist aber genau dieses Fehlen einer besonderen Ausstrahlung bei «Pastor Georg» attraktiv für sein Publikum, das ja mit charismatischen Figuren wie Peter Wenz, Leo Bigger, Erich Engler oder gar Jella Wojacek und Helmut Bauer bereits seine Erfahrungen gemacht hat. Wenn der Büro-Heini von nebenan zu Gottes Wundertäter in unserer Zeit wird, weshalb soll denn nicht auch ich von Gott zu besonderem Dienst erwählt sein können?

Alle wirken Wunder, alle sprechen in Zungen

Konsequenterweise vertritt das Glory Life Netwerk die neocharismatische Gaben- und Salbungstheologie, welche in anderen Organisationen die besondere Ausstrahlung von wunderwirkenden Leitungspersonen begründen soll, ausdrücklich nicht. Jede gläubige Person kann Wunder wirken, und auch jede Person kann in Zungen reden, «in Sprachen», wie «Pastor Georg» jeweils sagt. «Sprecht in Sprachen», werden die Anwesenden mehrfach aufgefordert. Auch Georg Karl spricht gern «in Sprachen» ins Headset: «Schakkara Lalalala Nananana…» «Korra Bassika Labaschika…» Die Varianz der Silben ist nicht sehr hoch. Falls es sich wirklich um eine oder mehrere Sprachen handeln sollte, würde «Pastor Georg» immer wieder in etwa dasselbe sagen. Die Lautfolge «Schakkara», die Georg Karl häufig wiederholt, bedeutet in der altbabylonischen Sprache «betrunken, trunksüchtig». Unnüchtern war die Veranstaltung auf jeden Fall.

Tote Oma wiederbelebt – oder doch nicht?

Anschliessend an die Lobpreiszeit kommt eine Phase, in welcher Gottes Herrlichkeit Wunder wirken soll. «Pastor Georg» berichtet vom Erlebnis eines Anhängers, der in der Pflege arbeitet. Eine ältere Frau, Georg Karl spricht von einer «Oma», sei auf der Toilette tot zusammengebrochen und darauf vom Personal auf ihr Bett gelegt worden. Dann sei der Glory-Life-Anhänger dazu getreten und habe der «Oma» seine Hand aufgelegt, worauf die Dame wieder zu leben begann. Das vermeintliche Wunder wird vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Tatsächlich kommt es in Seniorenzentren nicht ganz selten vor, dass ältere Menschen auf dem WC kollabieren und dann liegend im Bett wieder zu sich kommen – auch ohne, dass eine Wunderwirkung im Spiel wäre. Das geschilderte Wunder steht beispielhaft für zahlreiche andere Berichte, die an diesem Abend zu hören sind. Erfreulich ist, dass es den betroffenen Personen nachher besser geht, oder sie sich zumindest besser fühlen. Ein übernatürliches Wunder ist zur Erklärung des Berichteten jeweils nicht notwendig.

Begeistertes Publikum

Das Publikum greift jede Wunder-Behauptung mit Freuden auf. «Halleluja»-Rufe hallen durch den Hirschensaal, und eine Frau juchzt jeweils wie in einer Alpenmilch-Schokolade-Werbung. Manche Geheilten steigern sich in eine Euphorie hinein, so eine Frau, die sich von Polyneuropathie in den Füssen geheilt fühlt: «Ich habe neue Füsse – Jetzt kann ich mir ein Auto kaufen!». Als «Pastor Georg» die Anwesenden aufruft, sich gegenseitig zu heilen, machen fast alle mit. Bei Benny Hinn im Jahr 1994 wurden die Heilungssuchenden angewiesen, sich selbst die Hand auf die kranke Körperstelle aufzulegen. Georg Karl ist dreissig Jahre später viel unbekümmerter: Er fordert seine Leute auf, sich gegenseitig anzufassen. Manche fühlen sich damit, wer möchte es ihnen verdenken, sichtlich unwohl. Doch nur wenige haben den Nerv, sich dieser handgreiflichen Übung zu entziehen. Dann kommt die Weisung, für einander in Sprachen zu beten. Auch da ist Ratlosigkeit spürbar. Manche lösen das Problem, indem sie Georg Karl imitieren: «Schakkara Lalalala Nananana…».

Halb schiebt er sie, halb sinken sie hin

Wenn sich Wundersuchende bei Pastor Georg angestellt haben, um sich von ihm die Hände auflegen zu lassen, dann wartet er erst, bis sich eine Helferin oder ein Helfer hinter die betreffende Person gestellt hat. Schnell wird deutlich, weshalb: Bei Glory Life zeigt sich das schon vom Toronto-Segen her bekannte «Ruhen im Geiste». Betroffenen wird vom Pastor die Hand auf die Stirn gelegt, dann wird gebetet, als Reaktion sacken viele Wundersuchende nach hinten, werden von den Helfenden aufgefangen und auf den Boden gelegt, wo sie länger oder auch kürzer «im Geiste ruhen». Als «Pastor Georg» die Anwesenden in den hinteren Reihen auffordert, nach vorn zu kommen, um das Geschehen genauer beobachten zu können, folgen wir gerne. Wir erhalten den Eindruck, dass Georg Karl beim Handauflegen mitunter einen gewissen Druck nach hinten ausübt. Ein junger Mann «ruht» nicht «im Geiste», sondern zeigt in unseren Augen Anzeichen eines üblen Tripps oder einer psychotischen Episode. Helfende müssen sich um ihn kümmern.

Schöpferische Wunder?

Die Erfolgsberichte des Nachmittags entsprechen weitgehend dem Standard anderer Heilungsveranstaltungen. Geheilt werden vor allem Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Dazu kommt ein Bericht von der Heilung eines fortgeschrittenen Krebsleidens. Hier bleibt offen, ob es sich um ein Wunder handelte, oder um eine sog. Spontanremission, wie sie auch bei fortgeschrittenen Krebsleiden gelegentlich vorkommt. Über diese Standards hinaus gehen die von Pastor Georg so genannten «Schöpferischen Wunder». Dabei handelt es sich um das Ersetzen von Metallteilen im Körper durch organisches Gewebe. Dieser Typus Wunder tritt im Dienst von Glory Life öfter auf. Dass je ein Fall medizinisch verifiziert und publiziert wurde – was eigentlich ohne weiteres möglich sein sollte – wäre uns nicht bekannt. Auch am Heiligkeits- und Wundergottesdienst in Hinwil behauptet eine Person, dass Metall in ihrem Körper nun ersetzt worden sei. Überprüft kann das vor Ort nicht werden. Falls beim Nachuntersuch im Spital das Metall wieder an seinem Platz ist, muss das nach der Logik der Wort-des-Glaubens-Bewegung nicht gegen eine Heilung sprechen. Vielleicht ist diese ja zwischenzeitlich erfolgt, und ging danach aber wieder verloren, weil die betreffende Person zu wenig geglaubt hat.

Schmerz, lass nach!

Die besondere Präsenz der Herrlichkeit Gottes in «Pastor Georg» soll sich nicht nur in Heilungen zeigen, sondern auch in «Worten der Erkenntnis»: Georg Karl behauptet, von Gott Hinweise zu erhalten, wer als nächstes geheilt werden sollte. So erhält «Pastor Georg» den angeblich göttlichen Wink, dass sich unter den 250 ein Wunder suchenden Anwesenden, davon die Hälfte über 50 Jahre alt, Menschen befinden, die Schmerzen im Rücken oder am Bewegungsapparat haben. Selbstverständlich melden sich die Betroffenen zahlreich und lassen sich von «Pastor Georg» von ihrem Leiden befreien, indem er die Menschen berührt, die Macht des Leidens über den Menschen bricht oder den Geist des Leidens austreibt. Nach ihrem Zustand nach erfolgter Behandlung gefragt, geben viele an, dass sie auf der Schmerzskala nun weniger Schmerzen haben. Damit ist Georg Karl aber nicht zufrieden. «Gott macht keine halben Sachen». Wieder wird gebrochen und ausgetrieben. Manche Betroffene behaupten nachher, keine Schmerzen mehr zu haben. Diejenigen, die sich immer noch nicht ganz geheilt fühlen, lässt «Pastor Georg» ziehen. Die vollständige Heilung könne auch später erfolgen.

Proklamierte Heilung vs. erfahrene Heilung

Manche Menschen, die sich als geheilt erklären, fordert «Pastor Georg» auf, ihre wiedergewonnene Beweglichkeit vorzuführen. Eine Person muss schnell hin- und herlaufen. Beim zweiten Mal wirkt sie unsicherer und langsamer. Der Verdacht legt sich da nahe, dass die Schmerzen eher wegproklamiert werden, als dass sie wirklich verschwunden sind. Bei Heilungsveranstaltungen in der Wort-des-Glaubens-Bewegung spielt dieses Phänomen eine wesentliche Rolle. Wer nach vorne tritt, und sich als geheilt erklärt, obwohl seine Symptome weiter andauern, «nimmt die Heilung in Anspruch», worauf sie sich später realisiert, so die Theorie der Wort-des-Glaubens-Bewegung. Symptome sollen weggeglaubt und wegproklamiert werden. Auch Georg Karl vertritt diese Position, wie in online verfügbaren Predigten deutlich wird. Die Realität der medizinischen Diagnose und der Symptome sei die eine Wirklichkeit, die Realität des Glaubens, geheilt zu sein, die andere. Welcher Wirklichkeit nun die Heilungsberichte bei Veranstaltungen von Glory Life entsprechen, ist deshalb jeweils sehr die Frage.

Wahrsage-Spiele

Dass die Voraussage von Schmerzen bei einem Publikum von 250 Personen mit einem Altersdurchschnitt um 50 herum nicht gerade eine gewagte Prognose darstellt, würden vermutlich auch Hardcore-Pastor-Georg-Fans konzedieren. Und auch Georg Karl wird dies bewusst sein. So macht er im Rahmen seiner angeblich von Gott eingegebenen «Worte der Erkenntnis» weitere Aussagen, die konkreter wirken und auf den ersten Blick beeindrucken können. So nennt Pastor Georg die Folge von drei Ziffern – 4,5,3 –, die für eine anwesende Person eine besondere Bedeutung habe. Niemand meldet sich. Da erweitert Pastor Georg die Ziffernfolge auf 4-5-3-7. Nun meint ein jüngerer Herr, dass diese Zahlen in seiner Telefonnummer vorkommen würden. «Pastor Georg» erklärt darauf hin, dass Gott ihm die Telefonnummer des Mannes gezeigt habe, um dem Betroffenen zu sagen, dass Gott ihn kenne und zu sich rufe.

Hier wendet Georg Karl gleich mehrere bekannte Tricks an:

– So bringt «Pastor Georg» mit der Folge von vier Ziffern eine sehr spezifisch wirkende Aussage, die aber nicht wirklich spezifisch ist. Bei 250 Menschen findet sich bei jeder beliebigen Folge von vier Ziffern fast immer irgendjemand, der diese Ziffern aus seiner Telefonnummer, Autonummer, Sozialversicherungsnummer, Kontonummer, seinem Bankkarten- resp. E-Banking-Code oder dem Lottoschein der letzten Woche kennt. Gegebenenfalls könnte es sich ja auch um die Telefonnummer des Partners, der Eltern, der Kinder, des Geschäfts oder der Gemeinde handeln. Zu bedenken ist, dass eine Telefonnummer ja sechs unterschiedliche Folgen von vier Ziffern enthält, eine Autonummer meist drei, eine Sozialversicherungsnummer gar zehn. So kommt jede anwesende Person auf 50 oder mehr Kombinationen von vier Ziffern, was die 10’000 möglichen Varianten gut abdeckt. Fachleute sprechen von «Joker-Aussagen», die (fast) immer zutreffen.

– Eine allgemeine Aussage wird nach ihrer Bestätigung konkretisiert und bleibt dann als spezifischer in Erinnerung, als sie wirklich war. Dass Gott ihm eine Telefonnummer gezeigt habe, sagt Georg Karl erst, als er vom Betroffenen erfahren hat, dass es sich um seine Telefonnummer handelt. In Erinnerung wird aber bleiben: «Wow, Gott teilt Pastor Georg die Telefonnummern von Anwesenden mit».

– Fehlende Überprüfung: Ob die Ziffern tatsächlich der Telefonnummer des Mannes entsprachen, wurde nicht überprüft. An einer Verifikation bestand kein Interesse.

Die Art des Vorgehens von Georg Karl bei diesen «Worten der Erkenntnis» erinnert an die Methodik von Jahrmarktswahrsagenden und von spiritistischen Medien. Dass Georg Karl von diesen gelernt hat, ist unwahrscheinlich. Seit dem Jahr 2010 mit Wunderglauben unterwegs, hat «Pastor Georg» inzwischen längst selbst feststellen können, welche Art von Aussagen zum Erfolg führt.

Trunkenheit des Wunderglaubens

Das Glory Life Netzwerk tritt an mit der Behauptung, durch die Wunder in ihren Gottesdiensten die Herrlichkeit Gottes belegen und verbreiten zu wollen. In kritischer Sicht drängen sich da Anfragen auf. Wenn sich die Herrlichkeit Gottes in der Milderung von Schmerzen zeigen soll, wogegen die Menschen im Rollstuhl und im Pflegebett den Gottesdienst auch im Rollstuhl und im Pflegebett wieder verlassen, wenn eine seltene Spontanremission geschieht, aber die meisten Krebskranken keine Heilung erleben, und wenn bekannte Wahrsage-Tricks vorgeführt werden, dann kann diese vermeintliche Herrlichkeit nicht überzeugen. Müssten Herrlichkeits- und Wundergottesdienste nicht ganz anders aussehen, wenn da tatsächlich Gott am Wirken wäre? In kritischer Sicht fehlt der Glory Life Bewegung die Bescheidenheit und die Demut, ihre Wirkungen realistisch einzuschätzen und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Lieber steigern sich «Pastor Georg» und sein Publikum gegenseitig hinein in eine Trunkenheit der Selbstüberschätzung und des Wunderglaubens, eine Trunkenheit, die zur Sucht werden kann, wie das Stammpublikum der Veranstaltungen belegt.

Relinfo, 24. Januar 2024

Lexikoneintrag Glory Life Netzwerk

Urig Stadt Luzern organisiert rassistischen Vortrag

Am 22. März 2024 bietet Urig Stadt Luzern einen Vortrag an unter dem Titel «Unser wedisches Erbe», der von Victoria Vesta gehalten wird und von einer rassistischen Weltsicht geprägt ist.

Die Referentin Victoria Vesta stammt aus der Ukraine und hat sich der Bewegung der Rodnover angeschlossen, einer Form des russischen Neuheidentums. Rodnover wollen die vorchristlichen Religionen der slawischen Völker wieder aufleben lassen. Da über die vorchristlichen slawischen Religionen kaum historische Quellen vorliegen, wird vieles aus Brauchtum, Erzählungen und traditionellen rural geprägten Vorstellungen rekonstruiert. Unterlegt wird diese Rekonstruktion mit nationalistischen und rassistischen Ideen, die in Russland im 19. Jahrhundert florierten und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder populär wurden.

Träger der urslawischen Religion sei, so der Glaube der Rodnover, eine slawische Urkultur gewesen. Diese hätte sich «wedische» Kultur genannt, abgeleitet vom Verb «wedat», wissen. Die gleichnamige vedische Phase der indischen Geschichte sei von Menschen aus der «wedischen» Kultur Russlands begründet worden, die südwärts auf den indischen Subkontinent gezogen seien.

Dass die Bewegung der Rodnover mindestens in Teilen nicht nur nationalistische, sondern auch rassistische Züge hat, erweist sich darin, dass sie sich nicht nur an Menschen slawischer Sprache richtet, sondern auch in West- und Mitteleuropa Werbung macht. Alle «weissen Menschen» würden, so wird behauptet, von Urahnen abstammen, die zur «wedischen» Kultur dazu gehört hätten, und an sie alle richte sich die Botschaft der Rodnover.

Für diese hochproblematische Weltanschauung macht Victoria Vesta Werbung im Rahmen einer Vortragstournee, die sie schon durch verschiedene Orte in Deutschland geführt hat, und die nun am 22. März auf Einladung von Urig Stadt Luzern hin erstmals in der Schweiz Station machen soll.

Schon die Ausschreibung des Vortrags legt den Verdacht nahe, dass da in braunen Gewässern gefischt werden könnte:

Unsere Ahnen in Europa richteten ihren Glauben und das alltägliche Leben nach den Weden aus. Das Wort «Weden» stammt vom russischen «wedat» auf Deutsch «wissen» ab.

Mit dem Siegeszug der abrahamitischen wurde unser wedisches Erbe verschüttet, totgeschwiegen, verzerrt und geriet für die Massen in Vergessenheit.

Wir streifen die Grundzüge der wedischen Weltanschauung unserer Ahnen, ihre Stammeskultur, die Geschlechterrollen und die Frage, wie wir heute in den dunklen technokratischen Zeiten von Kali Juga – oder im wedischen die «Nacht von Swarog» genannt – dieses Erbe wieder auferstehen lassen und in unseren Alltag integrieren können».

(Vortragsflyer, https://www.urig-stadtluzern.ch/kalender/unsere-veranstaltungen/)

Dieser Verdacht wird schnell bestätigt durch die Ausschnitte aus vergangenen Durchführungen ihres Vortrags, die Victoria Vesta bei YouTube und in ihrem Telegram-Kanal publiziert hat.

Ihre rassistische Haltung macht Victoria Vesta da überdeutlich, z.B. im Vortrag in Oberfranken am 16. September 2023.

Hier äussert Victoria Vesta ab Minute 12.35:

… Für uns weisse Menschen so absurd: Wie weit sind wir denn schon gekommen, dass jeder Afrikaner total stolz ist auf seinen Mumba-kumba-kumba-Grossvater, und jeder Indianer… ich war auch persönlich in Peru, in Bolivien, ich hab’s ja gesehen, wie stolz sie sind auf ihren Stamm, auf ihr Volk, ja, und los abuelos, los ancestros, ahaha, und all diese Lieder, und wie wir, wie weit sind wir jetzt schon gekommen, wie weit ist das fortgeschritten, das mehr, also ein Grossteil der Bevölkerung, der weissen Bevölkerung, sich eigentlich scheut, stolz darauf zu sein, dass man ein weisser Mensch ist, dass man weisse Vorfahren hat, dass man eine weisse Kultur hat.

Victoria Vesta ist durchaus bewusst, dass ihre Ausführungen rassistisch sind, wie die folgende Passage belegt (ab 17.12):

Und wenn man sich damit anfängt zu beschäftigen, und immer mehr gräbt, und immer mehr schaut, dann begreift man eigentlich, dass wir eine sehr reiche Stammeskultur und Ahnenkultur haben, und ja, würde das jetzt nicht überheblich und rassistisch klingen, dann würd ich sagen, um einiges auch in bestimmten Aspekten reicher als die Kultur, die wir jetzt in Mexiko finden, und in Peru, oder in Indien sowieso.

Nichteuropäische Hochkulturen sind, so die rassistische Lehre vieler Rodnover, von Vertretern der angeblichen «wedischen Kultur» begründet worden, was auch Victoria Vesta an ihrem Vortrag so vertritt (ab 22.25):

Es gibt sogar sehr kühne russische Wissenschaftler, die sagen, die ersten Pharaonen waren weiss, und die Pyramiden wurden auch von weissen Menschen erbaut.

Wie die Rodnover die Geschlechterrollen sehen, darüber berichtet Victoria Vesta in einem anderen Video, das bei Youtube zugänglich ist:
https://www.youtube.com/watch?v=QrgiJzrBpXA&ab_channel=VictoriaVesta

Hier äussert sich Victoria Vesta ausführlich über die Geschlechterrollen in der Sicht der Rodnover und über ihren Weg, diese anzunehmen (ab Minute 8.41):

Und eine grosse Katastrophe, grosse Tragödie für die Frau in unserer heutigen Gesellschaft ist, dass der Frau suggeriert wird, von den dunklen Mächten, das ist ein Teil dieses Agendas, dass die Frau Entscheidungen treffen muss, dass sie zielstrebig sein muss, dass sie ganz genau wissen muss, was sie im Leben zu tun hat, und dieser Agenda folgte ich auch lange Zeit, und mit verheerenden Folgen für meine psychische und hormonelle Gesundheit, sagen wir’s mal so, denn eigentlich ist es, wenn wir ehrlich sind, wir Frauen, ist es sehr schwer für uns, uns zu entscheiden, eine Entscheidung zu treffen. Es ist eine grosse Erleichterung für uns, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen, weil für uns ist alles in Ordnung, wir sind ja, wie eine Gebärmutter es auch ist, Potenzial, es ist alles in Ordnung, es ist alles da, es ist Schatten und Licht ist da, eine Frau muss nicht strukturieren, der Mann… die Gebärmutter an sich, die Eizelle ist nicht strukturiert. Es muss erst das Sperma des Mannes kommen, und das Sperma strukturiert. Die Eizelle teilt sich in zwei, in vier, in sechzehn und so weiter und so fort, und der Mann ist dazu da, um zu strukturieren, die Frau ist dazu da, um zu fliessen, und der Mann ist auch derjenige, der die Richtung vorgibt und die Frau schwingt mit, und so, wenn man das bedenkt, dass Wasser… dass Frau Wasser ist, und Mann ist Feuer, und wenn man… und wenn man dem anderen seine Rolle gewährt, statt Krieg mit dem Mann zu führen, statt mit ihm zu diskutieren, im Wedischen sagt man, der Mann ist viel besser dafür ausgerichtet zu sagen, was gut und was falsch ist, er gibt den Ton an, er sagt der Frau und den Kindern, was ist gut und was ist böse, und das hat mich auch lange gekostet, um das zu akzeptieren, in meiner feminist… feminiss…äh… feministisch infizierten Denkweise, aber als ich das akzeptiert und eingesehen hatte, dass ich die Seele einer Beziehung sein kann und der Mann der Geist der Beziehung, es ist eine grosse Erleichterung.

Wie problematisch binär diese Geschlechterrollen im Verständnis der Rodnover formuliert sind, zeigt sich auch da, wo Victoria Vesta von der Körperbehaarung spricht. Diese sieht sie als Antennen zu höheren Ebenen, weshalb sie nicht entfernt werden sollte. Jedes Härchen sei an seinem Platz. Soweit wäre das ja ganz unproblematisch, wenn nicht die Einschränkung käme: Auf der Oberlippe sind Haare bei Frauen nicht an ihrem Platz. «Damenbart» sei Zeichen einer «Hormonstörung», ein «Umschwenken hin zum Männlichen». Wenn eine Frau anderswo Haare hat, als es bei Victoria Vesta vorgesehen ist, dann ist das gleich eine Störung im Hormonhaushalt und in der Geschlechtsidentität, und liegt damit auf der Linie der von Victoria Vesta öfters erwähnten Agenda der üblen Mächte, welche diese Welt beherrschen und eine «Rollenvertauschung zwischen Mann und Weib» durchführen wollen.

Dass Urig Stadt Luzern diesen rassistischen Vortrag, über dessen Inhalt sich jede Person online ohne Weiteres im Voraus informieren kann, seinem Publikum anbietet, weist erneut auf die Problematik um die Urig-Vereine hin. So treten sie oft als Veranstaltende von Vorträgen mit Staatsverweigerern auf, ein Beispiel ist der Verein Urig Stadt Luzern selbst, der am 26. Januar einen Abend mit dem bekannten Staats- und Rechtskritiker Roman Haudenschild alias Don Icon organisiert. Nun kommt noch die Verbreitung rassistischer Ideen dazu. Die Urig-Bewegung muss sich fragen, wo sie hinwill. Im Moment befinden sich manche Urig-Vereine auf einem höchst problematischen Weg.

Victoria Vesta selbst scheint eine wachsende Anzahl von Fans zu haben, jedenfalls berichtet sie davon. Auf ihrem Telegram-Kanal hat sie eben das 1000. Abonnement gefeiert. Es war dasjenige von Relinfo.

Georg Schmid, 19. Januar 2024

Infobroschüre zu Shincheonji

Relinfo hat eine Infobroschüre über die umstrittene Gemeinschaft Shincheonji herausgegeben, die zurzeit massiv junge Menschen mit christlichen Wurzeln anwirbt, und zahlreiche Merkmale problematischer Organisationen (sog. Sekten) erfüllt:

Shincheonji – Empfehlungen zum Umgang

Die Broschüre informiert in knappster Form über:

Was ist Shincheonji?

Wie kommt man mit Shincheonji in Kontakt?

An was glaubt Shincheonji?

Problematische Merkmale

Empfehlungen für Betroffene

Weiterführende Links

Ein unerwünschter Gast hinter dem Vorhang – Besuch in der Synagoge der Chabad Lubawitsch Gemeinde in Zürich

Ausgesperrt

Es war ein grauer und kalter Samstagmorgen in Zürich. Dieser Besuch würde sicher anders werden, als ich es von Freikirchen und Moscheen gewohnt war, da war ich mir sicher. Denn schon im Voraus erwies es sich als nicht ganz so einfach, die Gottesdienstzeiten und den Ort herauszufinden. Ich schlenderte durch die Gassen auf der Suche nach der Synagoge der Chabad Lubawitsch Gemeinde. Als ich dort ankam, war aber noch niemand da und auch auf mein Klingeln kam keine Reaktion. Also lief ich durchs Quartier, um nicht auf der Strasse festzufrieren. Da traf ich einige jüdische Familien auf dem Weg in eine andere Synagoge. Diese sagten mir, dass die Chabad Gemeinde erst später die Tür öffnen würde.

Im muffigen Treppenhaus

Trotzdem ging ich nach einer Weile zurück zu Chabad und versuchte es erneut. Diesmal war die Tür zum etwas heruntergekommenen Wohnhaus offen und ich trat ein. Im ersten Stock befand sich eine Tür mit einem Zahlenschloss und einer hebräischen Beschriftung. Also klingelte ich und wartete. Ein älterer Mann mit langem Bart öffnete mir und sah mich verwundert an. Als ich ihm erklärte, dass ich gerne bei einem Gottesdienst zuschauen möchte, wusste er nicht recht was er sagen sollte. Die Tür halb geschlossen sagte er mir, ich müsse auf den Rabbi warten. Also schloss er die Tür wieder und liess mich auf dem Gang stehen. Es roch muffig in dem älteren Gebäude, und von Zeit zu Zeit kamen einige bärtige Männer und gingen in die Synagoge. Die meisten fragten mich, was ich hier machen würde, aber keiner liess mich eintreten.

Ein nicht wirklich begeisterter Rabbi

Endlich kam der Rabbi. Allerdings war dieser nicht wirklich glücklich über meine Anwesenheit. Nächstes Mal solle ich zuerst anrufen und nicht einfach ohne Erlaubnis hierherkommen. Dennoch liess er mich eintreten. Er zeigte mir, wo die Frauen sitzen und wo ich meine Jacke aufhängen soll, und liess mich dann einfach stehen. Nachdem ich einige Minuten etwas seltsam herumgestanden war, kam er zurück und wies mich an, im Frauenteil des Gebetsraumes zu warten. Naja, nicht gerade ein freundlicher Empfang.

Tische im Gebetsraum

So trat ich in den Gebetssaal und war etwas überrascht. Die Fenster waren mit langen weissen Vorhängen verdeckt, auf dem Boden lag ein blauer Teppich und überall waren lange Tischreihen mit goldenen Stühlen aufgestellt. Bewegliche Trennwände mit Vorhängen trennten den kleinen Frauenbereich vom Rest des Raumes. So konnte ich weder den Tora-Schrein sehen, noch die Männer, die bereits eingetroffen waren.

Mit Anzug und Krawatte

Während ich wartete, dass irgendetwas passieren würde, traten mehr und mehr Männer in den grossen Teil des Saales und begrüssten sich. Sie waren in Anzug und Krawatte gekleidet, auch die kleinen Kinder. Das war ein schon sehr modernes Bild, denn die meisten orthodoxen Juden tragen eher Kleidungsstile aus vergangenen Jahrhunderten. Auch die sonst von orthodoxen Juden gern getragenen Hüte sah ich kaum. Die meisten Männer trugen eine Kippa. Viele murmelten Gebete und manchmal begannen einzelne laut zu singen. So dachte ich jedes Mal, dass der offizielle Gottesdienst nun beginnen würde, aber da wurde ich enttäuscht. Eine halbe Stunde nach dem eigentlich angekündigten Gottesdienstbeginn fing es dann trotzdem an. Ich war auch nicht mehr alleine. Eine ältere Frau mit dunkler Perücke sass nun am anderen Ende des Frauenbereiches.

Ist das nun der Anfang?

Es wurden viele Gebete gesprochen, alle Männer murmelten mit einem Buch in der Hand ihre Gebete. Viele bewegten sich dabei leicht vor und zurück. Diese Art von Gebet ist typisch für das orthodoxe Judentum. Dabei trugen die Betenden das jüdische Gebetstuch Tallit, ein weisses Tuch mit schwarzen Streifen, das während des Gebetes über die Schultern gelegt wird.

Ich dachte das wäre der Beginn des Gottesdienstes gewesen, denn zwischendurch wurde immer mal wieder gemeinsam gesungen. Doch es kamen nach und nach immer mehr Männer, Frauen und Kinder dazu. Am Schluss waren es sicher 40-50 Männer, 10 Frauen und einige Kinder. Letztere konnte ich nur teilweise sehen, da viele sich im Männerbereich aufhielten oder draussen vor der Tür sprachen.

Perücken und moderne Kleider

Ständig ging die Tür auf und zu und Kinder kamen herein und gingen wieder hinaus. Die meisten Frauen kümmerte das anscheinend wenig. Als ich mir die Frauen um mich herum etwas genauer ansah, fiel mir auf, dass die älteren alle Perücken trugen. Ob jung oder alt, waren alle in Röcke oder Kleider gekleidet, keine Frau trug Hosen. Aber auch da sah ich Unterschiede zu anderen orthodoxen Frauen, denn die Kleider waren modern, teilweise sogar recht kurz und eng geschnitten.

Lesung mit leisen Gebeten

Als alle Frauen nun aufstanden, tat ich es ihnen gleich. Durch den Vorhang konnte ich nur wage erkennen, dass nun die Tora-Rollen hervorgeholt wurden und einige Männer sich versammelt hatten. Einer nach dem anderen las nun Texte aus der Tora vor. Für mich klang es sehr monoton und die Männer sprachen sehr schnell. Vielleicht klang es aber ja auch nur für mich so, denn ich verstand sowieso kein einziges Wort. Für mich völlig zufällig standen nun die Frauen immer mal wieder auf und setzten sich wieder. Alle beteten aber während der Lesung auch für sich selbst und sprachen leise Gebete.

Ein feierlicher Nicht-Abschluss

Also lauschte ich den hebräischen, durcheinandergesprochenen, leisen Gebeten um mich herum und entdeckte einige Kinder im Männerbereich vor mir. Sie rannten herum und öffneten immer wieder einen der Vorhänge, die den Frauen- und Männerbereich voneinander trennten. So wirklich engagiert wirkten die Männer allerdings nicht beim Versuch, die kichernden Kleinkinder zu stoppen. Irgendwann wurden auch die Tora-Rollen wieder weggeräumt und alle beteten für sich weiter. Zwischendurch sangen die Männer auch ein sehr fröhlich klingendes Lied und klatschten. Die Frauen blieben jedoch stumm wie die Fische. Ich dachte, das wäre nun das Ende gewesen, quasi ein feierlicher Abschluss. Doch dem war nicht so und die gemurmelten Gebete begannen erneut.

Noch lange kein jüdisches ICF

Nach zwei doch sehr langen Stunden endete der Gottesdienst dann doch, wie aus dem Nichts heraus. Ohne grosse Worte wurden einfach die Trennwände zwischen den Frauen und Männern zur Seite geschoben, alle nahmen Platz und liessen sich Essen auftischen. Da ich mich nicht allzu wohl fühlte, ging ich hinaus um meine Jacke zu holen. Wirklich willkommen hatte ich mich nicht wirklich gefühlt, eher als störender Eindringling. Ich dachte Chabad wollte quasi das jüdische ICF sein, das hatte ich zumindest gehört. In einigen Punkten war Chabad, oder zumindest das was ich davon gesehen habe, durchaus Modern unterwegs. Die Kleidung war modern und festlich, sowohl bei den Frauen, als auch bei den Männern. Doch gesehen hatte ich eine konservative, eher abgeschottete Gemeinde, die nicht wirklich an Neulingen interessiert gewirkt hatte. Die herzlichen Begrüssungen, die man bei einem Besuch beim ICF geniessen kann, habe ich vermisst. Genau wie ich auch die bei ICF so typischen Shows und modernen Elemente in der Liturgie bei Chabad gar nicht finden konnte. Das moderne orthodoxe Judentum, das Chabad online versprach, konnte ich in Zürich so nicht antreffen. Also verliess ich die Chabad Synagoge über das muffige Treppenhaus und trat hinaus in die kühle Dezemberluft.

Jasmin Schneider, Dezember 2023

Lexikoneintrag Chabad Switzerland

60 Jahre Relinfo

Relinfo wurde im November 1963 von Pfr. Dr. theol. Oswald Eggenberger begründet, damals noch unter dem Namen «Evangelische Orientierungsstelle: Kirche, Sondergruppen, religiöse Bewegungen». Oswald Eggenberger erblickte am 4. August 1923 das Licht der Welt in Schwanden GL, wo sein gleichnamiger Vater Oswald Eggenberger (1890-1959) als Pfarrer wirkte. Im Jahr 1931 wechselte Oswald Eggenberger Senior ins Pfarramt von Speicher AR, wo Oswald Junior die Primarschule besuchte. Anschliessend absolvierte Oswald das Gymnasium an der Kantonsschule Trogen AR und studierte dann Theologie in Zürich, Basel und Genf. Im Jahr 1984 machte Oswald Eggenberger sein Vikariat in der Kirchgemeinde Thalwil und empfing im Jahr darauf seine Ordination.

Die erste Pfarrstelle bezog Oswald Eggenberger in Davos-Frauenkirch und Davos-Glaris; die damals überschaubare Berggemeinde ermöglichte es Oswald Eggenberger, neben dem Pfarramt an seiner Dissertation zu arbeiten, die einem konfessionskundlichen Thema gewidmet war: «Die Neuapostolischen. Ihre Geschichte und Lehre. Ein Beitrag zur Kirchenkunde der Gegenwart», erschienen im Jahr 1951. Zwei Jahre darauf wechselte der frischgebackene Dr. theol. von der Landschaft Davos an den Zürichsee und wurde Pfarrhelfer, zehn Jahre später Pfarrer in Richterswil ZH.

Sekten und problematische Gemeinschaften

Neben seiner Tätigkeit als Pfarrhelfer in Richterswil fand Oswald Eggenberger Zeit, sich weiterhin mit konfessionskundlichen Fragestellungen zu beschäftigen, und setzte sich mit den damals geläufigen Sektenbegriffen auseinander, dem religionssoziologischen von der Sekte als radikaler Kleingruppe, dem traditionell römisch-katholischen von der Sekte als Abspaltung und dem traditionell protestantischen von der Sekte als Gemeinschaft, die zur Bibel hinzu weitere Offenbarung(en) kennt. Letzterer Sektenbegriff wurde von Oswald Eggenbergers Vorgänger als Kirchen- und Sektenexperte auf dem Platz Zürich, Prof. Fritz Blanke (1900-1967), auf die einprägsame und für Jahrzehnte die Diskussion dominierende Formel gebracht: «Sekte = Bibel und …». Oswald Eggenberger setzte diesen formalen Sektendefinitionen eine inhaltliche entgegen, wie er sie im Schlusssatz seiner im Jahr 1955 erschienenen Schrift «Wie beurteilt man eine Sekte?» formulierte: «Demgegenüber dringt die biblisch-theologische Beurteilungsart tiefer, bis auf das Wesen, bis in den Wesenskern, um im Blick auf diesen Kern ihr Urteil zu finden. Damit ist der Weg gezeigt: Von der Bibel ausgehend ist theologisch beiderlei, Lehr- und Lebensgestalt der Sondergruppe zu beleuchten» (s.27).

Gründung von Relinfo

Im Jahr 1961 zog Oswald Eggenberger ins Zürcher Oberland weiter, indem er das Pfarramt in Mönchaltorf ZH übernahm. Dort wurde ein neues Pfarrhaus erbaut, das reichlich Platz bot für die im November 1963 begründete Evangelische Orientierungsstelle.

Das Informationsblatt

Erste Handlung der neu gegründeten Orientierungsstelle war die Herausgabe der ersten Nummer des Informationsblattes im November 1963. Auf dem Titelblatt wurden die Motive zur Gründung der Stelle aufgeführt, verfasst von Fritz Blanke «Zum Geleit»: «Es ist noch nicht lange her, dass man in kirchlichen Kreisen einfach zwischen Landeskirche und Sekte unterschieden hat. Heute können wir nicht mehr in diesem allzu bequemen Schema denken. Die Vielfalt der Aeusserungen religiösen Gemeinschaftslebens ist dafür zu reichhaltig. Neben Landeskirche und Sekte gibt es noch die Freikirchen, die Erweckungskreise, die Bruderschaften, die Weltanschauungsvereine und andere Gruppierungen. Die Zahl dieser Richtungen mehrt sich von Jahr zu Jahr. Ein Ueberblick wird zunehmend schwieriger.» Zum Ende seines Geleitwortes greift Fritz Blanke den Beurteilungsrahmen auf, den Oswald Eggenberger in seiner Schrift aus dem Jahr 1955 angedacht hat: «Das ‹Informationsblatt› will nicht bloss über neue und alte Gruppenbildungen unterrichten, sondern es will diese Bildungen immer zugleich an der Botschaft, die uns Christus gebracht hat, messen. Damit ist eine sachliche, gerechte Beurteilung gewährleistet.»

Oswald Eggenbergers Bezugsrahmen

Trotz dieser biblisch-theologischen Zielsetzung beschrieb Oswald Eggenberger Gemeinschaften vorwiegend religionskundlich in ihrer Geschichte und in der Nähe und Distanz zu ihrem Umfeld. Deutlich wurde Oswald Eggenberger da, wo Gemeinschaften faktenwidrig argumentierten. Ein wichtiges Thema war für Oswald Eggenberger auch der Umgang der Kirchen und Gemeinschaften miteinander. Ansprüche, den allein wahren Glauben zu vertreten, wurden offengelegt, so in einem Text über Wim Malgo, den Gründer des «Mitternachtsrufs», der sich auch heute noch in seiner mittlerweile etwas verstaubt wirkenden Zionshalle bei Dübendorf trifft: «Zusammen mit dem nicht fehlenden Sendungsbewusstsein ergibt sich das Bild eines fundamentalistischen Erweckungspredigers, der eine gewisse Anziehungskraft ausübt. … Wim Malgo, der nominell der Zürcher Kirche angehört, praktisch aber ganz für sich arbeitet, hat gegenüber den Kirchen verschiedene Bedenken. Sehr scharf lehnt er die Oekumene ab. Er scheint allerdings ihre Art und Absicht gar nicht richtig zu kennen; denn er sieht und bekämpft in der Oekumene den Beginn einer Einheitskirche, sogar mit Einschluss oder unter Führung Roms, was indessen keineswegs mit den Tatsachen übereinstimmt. Wim Malgos Nein richtet sich weiter gegen den theologischen Freisinn und nicht weniger bestimmt gegen jede Theologie, die mit seiner eigenen nicht übereinstimmt» (Informationsblatt Nr. 3, Mai 1964, s. 20).

Vorausschauende Beschreibungen

Zunehmend fanden auch Auswirkungen auf die Mitglieder Beachtung, etwa beim damals populären amerikanischen Heilungsprediger Tommy Lee Osborn (1923-2013): «Dem unvoreingenommenen Beobachter macht es Mühe, alle Angaben in den Schriften Osborns ernst zu nehmen. Dass grosse Menschenmengen zusammenströmen und viele Kranke hinzugebracht werden, ist allerdings kaum anzuzweifeln. … Schwere Bedenken müssen im Blick auf die Krankenheilungen erhoben werden. Wenn von zahllosen Heilungen sozusagen aller möglichen Krankheiten berichtet wird, so ist dreierlei zu beachten: Als erstes kann man nicht abschätzen, wie weit Propaganda und tatsächliche Heilungen auseinandergehen. Zweitens lässt sich auch die Menge der Kranken nicht zählen, die tief enttäuscht und in ihrem Glauben irre gemacht zurückgelassen werden. Drittens erweist sich die Heilungsart Osborns nicht als biblisch. Dass trotzdem in gewissem Umfang Heilungen vorkommen, durch Suggestivwirkungen oder persönliche Einwirkungen, ändert an der erwähnten Kritik nichts!» (Informationsblatt August 1965, s. 58)

Der «Eggenberger»

Schon in den ersten Jahren seiner Orientierungsstelle nahm es Oswald Eggenberger in die Hand, die religiöse Szene der Schweiz lexikalisch zu beschreiben. Im Jahr 1969 war es soweit, dass die Resultate publiziert werden konnten, als erste Auflage von Oswald Eggenbergers später legendärem Handbuch «Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen». Ziel des Verfassers war explizit eine vollständige Erfassung aller in der Schweiz tätigen Organisationen: «Alle bekannten Kirchen, Gemeinden und Vereinigungen werden genannt und durch knappe geschichtliche Ausführungen, Hinweise auf die Gemeindeordnung und eine kurze Zusammenfassung der Glaubensanschauungen beschrieben. Statistische Angaben und Adressen ergänzen die Darstellung der einzelnen Kirchen und Gemeinden».

Insgesamt 236 unterschiedliche Gemeinschaften hat Oswald Eggenberger in der ersten Ausgabe seines Handbuchs erfasst. Die christlichen Kirchen wurden alphabetisch aufgelistet von «Die Alt-katholischen Kirchen» bis zu «Waldenser-Kirche». Darauf folgten die «Sondergruppen», von «Adventisten» bis «Zeugen Jehovas». Unter die «Sondergruppen» zählte Oswald Eggenberger auch die pfingstlichen Freikirchen und Verbände, z.B. die Schweizerische Pfingstmission, wogegen nichtpfingstliche Freikirchen unter den Kirchen aufgeführt waren. Das dritte Kapitel bildeten die «Ausserchristliche Religionen», wieder alphabetisch von «Buddhistische Strömungen und Vereinigungen» bis «Yoga-Vereinigungen und Yoga-Schulen». Als nächstes kamen unter der Überschrift «Synkretismus und neue Gnosis» Organisationen, die heute eher unter dem Titel «Theosophie und Esoterik» aufgelistet würden, von «Anthroposophie» bis «Werner Zimmermann», ein früher Schweizer Esoteriker aus Ringgenberg BE. Es folgten «Spiritistische und spiritualistische Versammlungen», darunter die «Geistige Loge» in Zürich, in welcher Uriella das Channeln lernte, die «Geistige Vereinigung Methernitha» von Paul Baumann alias «Vatti», der wenige Jahre darauf wegen Missbrauchs von Minderjährigen ins Gefängnis ging, und «Paul Kuhn», der später die St. Michaelsvereinigung in Dozwil gründen sollte. Das Handbuch schloss mit «Freireligiöse und freigeistige Vereinigungen» und «Verschiedene».

Dass eine vollständige Erfassung aller religiösen Gemeinschaften zeitgebunden ist und in Teilen schneller Veraltung ausgesetzt sein könnte, war Oswald Eggenberger klar: «Ausführungen und Zahlen entsprechen den heutigen Verhältnissen. …Die grösste der in diesem Buch erwähnten Kirchen zählt viele Millionen Mitglieder; die kleinste der beschriebenen Vereinigungen umfasst eine einzige Versammlung. Die älteste der Gemeinden hat eine jahrtausendlange Geschichte; die jüngste ist eben erst gegründet worden, und es muss sich erst zeigen, ob sie Bestand haben wird» (Eggenberger 1969, s. 1f.).

Umzug nach Zürich-Wollishofen

Im Jahr 1972 wechselte Oswald Eggenberger vom Zürcher Oberland in die Stadt Zürich, er wurde Pfarrer in Zürich-Wollishofen. Damit war sein dortiges Pfarrhaus Auf der Egg 9 der neue Standort der Orientierungsstelle. Zeit für seine Arbeit an Informationsblatt und Handbuch gewährte ihm damals der Zürcher Kirchenrat, indem Oswald Eggenberger vom Konfirmationsunterricht freigestellt wurde. In der Wollishofer Zeit aktualisierte und ergänzte Oswald Eggenberger die Daten fürs Handbuch und gab 1978 dessen zweite Ausgabe heraus, die nun 263 unterschiedliche Gemeinschaften aufführte.

Weitere Auflagen des Handbuchs

Weitere Auflagen des Handbuchs folgten in immer kürzeren Abständen und in jeweils grösserem Umfang, die dritte Auflage 1983 mit 322 Gemeinschaften, die vierte 1986 mit 351 Einträgen und die fünfte 1990 mit 378 Einträgen. Ab der dritten Auflage wurden die einzelnen Organisationen innerhalb der Religionen nicht mehr alphabetisch, sondern nach ihren Konfessionen und Traditionen und deren jeweiligen Alter geordnet aufgelistet, wodurch die historischen und konfessionskundlichen Bezüge der einzelnen Gemeinschaften verdeutlicht wurden.

Unruhiger Ruhestand

Im Jahr 1988, zwei Jahre nach der vierten Auflage seines Handbuches mit 351 Einträgen, wurde Oswald Eggenberger pensioniert und wechselte vom Pfarrhaus Auf der Egg 9 an die Frohalpstrasse 77, ebenfalls in Zürich Wollishofen, wo der Standort der Orientierungsstelle für die nächsten Jahre sein sollte. In dieser Zeit edierte Oswald Eggenberger im Jahr 1990 die fünfte Auflage mit 378 Einträgen.

Auf Ende 1992 hin, nach dreissig Jahren der Leitung der Orientierungsstelle, gab Oswald Eggenberger diese ab an Prof. Georg Schmid, damals in Greifensee. Oswald Eggenberger besorgte noch die sechste Auflage des Handbuchs im Jahr 1994 mit 380 Einträgen, die aber eine wenig veränderte Variante der fünften Auflage war. Nachher zog sich Oswald Eggenberger aus der Informationsarbeit zurück. Er starb am 21. Februar 2003.

Neue Leitung

Neuer Leiter von Relinfo wurde Prof. Dr. theol. Georg Schmid. Georg Schmid wurde am 21. Juni 1940 in Chur geboren, besuchte da Primar- und Kantonsschule und studierte dann Theologie und Religionswissenschaft in Zürich, Basel, Rom und in Alexandria, Virginia, USA. Ab 1965 wirkte er als Pfarrer in Trimmis und Haldenstein und verfasste in dieser Zeit seine Dissertation: «Interessant und heilig. Auf dem Weg zur integralen Religionswissenschaft». Im Jahr 1970 wechselte er nach Chur, wo er Religionslehrer am damaligen Bündner Lehrerseminar wurde. Im Jahr 1979 habilitierte Georg Schmid an der Universität Zürich mit der Schrift: «Principles of Integral Science of Religion». Darauf erhielt er einen Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät Zürich für eine Veranstaltung pro Semester mit Schwerpunkt Asiatische Religionen und Neue Religiöse Bewegungen. Im Lauf der Jahre las Georg Schmid über Hinduismus, Buddhismus, Mystik, Neue Religiöse Bewegungen, New Age, Esoterik und Okkultismus.  Im Jahr 1986 wechselte Georg Schmid als Pfarrer nach Greifensee.

In dieser Zeit verfasste Georg Schmid im Rahmen seines Lehrauftrags an der Universität Zürich verschiedene Werke zu aktuellen spirituellen Trends, so «Die Mystik der Weltreligionen», 1990, und «Im Dschungel der neuen Religiosität», 1992.

Ende der Achtzigerjahre und in den Neunzigerjahren bestand von Kirchgemeinden und Pfarreien ein hoher Bedarf an Vorträgen zu den Themen «Neue Religiöse Bewegungen», «Sekten», «New Age» und «Esoterik», den Oswald Eggenberger immer weniger abdecken konnte, worauf Georg Schmid einsprang und die Vortragstätigkeit der Orientierungsstelle weitgehend übernahm. So war es nur folgerichtig, dass Oswald Eggenberger die Orientierungsstelle auf den Jahresbeginn 1993 an Georg Schmid abgab. 1993 und 1994 war Relinfo im Pfarrhaus Im Baumgarten 24 in Greifensee zu Hause, ab 1995 im historischen Pfarrhaus Im Städli 79 in Greifensee.

Sektendramen und ihre Folgen

Die Sektendramen um die Branch Davidians in Waco 1993, den Ordre du Temple Solaire OTS in Cheiry und Salvan 1994, sowie in Verclos bei Grenoble 1995, um die Gemeinschaft Aum Shinrikyo des Shoko Asahara in Tokyo 1995 und um die UFO-Gruppe Heaven’s Gate in Rancho Santa Fe, Kalifornien 1997 führten zu einem starken Anstieg der Anfragen bei der Orientierungsstelle und zu einem hohen Bedarf an Informationen zum Thema Sekten. In dieser Situation präzisierte Relinfo per Jahresbeginn 1997 die eigene Bezeichnung. Die mittlerweile etwas unklar wirkenden Begriffe «Orientierungsstelle» und «Sondergruppen» wurden ersetzt, und die Benennung der Stelle neu gefasst als «Evangelische Informationsstelle: Kirchen – Sekten – Religionen».

Pioniere im Internet

Bereits im Jahr 1997, als weltweit zweite Infostelle zu Kirchen – Sekten – Religionen, richtete die Informationsstelle eine Website ein, damals noch als Unterseite der Website der Reformierten Kirche Kanton Zürich mit der Adresse www.ref.ch/zh/infoksr. Im Jahr 2000 wurde für die Website eine neue Domain gesucht, wobei das bisherige Kürzel «infoksr» wenig sprechend schien. So wurde schliesslich für die Variante www.relinfo.ch entschieden, welche das Ziel der Information über Religionen zum Ausdruck bringen sollte. Zuerst war angedacht, dass die Benennung «Relinfo» strikte auf die Domain der Website beschränkt werden sollte, woran sich die Vertretenden von Relinfo auch hielten, doch das Publikum setzte «Relinfo» zusehends als (Über-)Name der Infostelle ein.

Breitere Finanzierung

Für den Aufbau der Website hilfreich war die Tatsache, dass die Finanzierung der Informationsstelle in den Neunzigerjahren durch die Reformierte Kirche Kanton Zürich und durch die in der Deutschschweizer Kirchenkonferenz zusammengeschlossenen reformierten Kirchen der Deutschschweiz auf eine breitere Basis gestellt wurde. Dies ermöglichte es, weitere Mitarbeitende einzustellen, vornehmlich Studierende von Theologie, Religionswissenschaft und Psychologie, die teilzeitlich neben ihrem Studium für die Infostelle arbeiteten, Gemeinschaften recherchierten und Infotexte verfassten. Bis heute steuern Studierende einen wesentlichen Teil der Recherchen von Relinfo bei und ermöglichen damit den steten Ausbau unserer Website.

Umzug nach Rüti ZH

Auf die Pensionierung von Georg Schmid als Pfarrer von Greifensee im Januar 2004 hin suchte Relinfo eine neue Adresse, und fand sie in der Gestalt der Liegenschaft Wettsteinweg 9 in Rüti ZH. Die Liegenschaft gehörte damals der Heilsarmee und beherbergte das ehemalige Korps Rüti, das zusammen mit anderen Korps zum Korps Zürcher Oberland mit Sitz in Uster fusioniert wurde. Mit ihrer Lage in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Rüti ZH und ihrem Annex-Gebäude, das die ehemalige Kapelle der Heilsarmee enthielt, schien die Liegenschaft sehr geeignet. Im Herbst 2003 zog die Infostelle nach Rüti um, wo sie auch heute noch domiziliert ist. Es handelt sich mittlerweile um denjenigen Standort, den Relinfo in seiner Geschichte am längsten innehatte.

Letzte Auflage des Handbuchs

Im Herbst 2003 erschien auch die siebente und letzte Auflage des Handbuchs «Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen», nun unter dem Titel «Die Kirchen – Sekten – Religionen», betreut durch Prof. Georg Schmid und seinen Sohn Georg O. Schmid, der seit Anfang 1993 als Mitarbeiter der Infostelle wirkte. Das Handbuch wies nun 492 Einträge unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften auf.

Workshop für junge Menschen

Seit dem Jahr 2008 bietet Relinfo einen Workshop zum Themenkreis Sekten, problematische Bewegungen und Okkultismus an, der in einem Einstieg anhand von ein zwei aktuellen Gemeinschaften die typischen Merkmale problematischer Organisationen zeigt. Anschliessend können sich die jungen Menschen eine Gemeinschaft oder Bewegung aussuchen, die sie besonders interessiert, und diese in einer von vier ganz unterschiedlichen Arbeitsformen vertiefen. In der Schlussrunde präsentieren die jungen Leute ihre Resultate, zudem werden Rückfragen beantwortet. Dieser Workshop wurde in den vergangenen fünfzehn Jahren immer wieder aktualisiert, indem neu auftretende Gemeinschaften aufgenommen und weniger relevant gewordene weggelassen wurden.

Verein Relinfo

Auf Jahresbeginn 2014 hin übernahm der Verein Relinfo, der 2012 begründet wurde, die Verantwortung für die Informationsstelle, dies im Auftrag der Deutschschweizer Kirchenkonferenz KIKO, welche Relinfo massgeblich finanziert. Leiter der Stelle wurde Georg O. Schmid, geboren 1966.

Neues Corporate Design

Im Jahr 2016 ermöglichte ein Zusatzbeitrag der Kirchenkonferenz KIKO die Neugestaltung des Corporate Designs, das in Teilen (z.B. beim Informationsblatt) noch auf die Zeit von Oswald Eggenberger zurückging, z.T. von Mitarbeitenden geschaffen wurde (Website, Jahresbericht). Mit der Neugestaltung beauftragt wurde die Firma filmreif. Sie kreierte den neuen grafischen Auftritt mit dem charakteristischen Farbbalken, der für die Vielfalt der Religionen in der Schweiz steht. Nun wurde auch der Name Relinfo offiziell, als «Relinfo – Evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen».

Online-Lexikon statt Handbuch

Im gleichen Zug wurde unsere Website, die im Jahr 2000 noch von einem Mitarbeiter in reinem HTML programmiert wurde, neu designt und in WordPress veröffentlicht, sodass die Grafik zeitgemäss aussieht und Aktualisierungen deutlich erleichtert werden. Die neue Website schuf Platz für das Online-Lexikon, das die Einträge der 7. Auflage des Handbuchs in aktualisierter und deutlich vermehrter Form aufnimmt. Zählte das Handbuch im Jahr 2003 429 Einträge, sind es im Online-Lexikon unter www.relinfo.ch zurzeit 1’110. Damit ist das Online-Lexikon von Relinfo das umfangreichste Verzeichnis religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften und Bewegungen in deutscher Sprache.

Stellvertretende Leitung

Während Jahrzehnten verfügte Relinfo zwar über einen Leiter, nicht jedoch über eine reguläre stellvertretende Leitung. Eine solche wurde nur situativ und punktuell benannt. Im November 2021 entschied der Vorstand des Vereins Relinfo, dass diese ad-hoc-Struktur nicht mehr zeitgemäss ist, und beschloss deshalb, die Position der stellvertretenden Leitung auf Dauer einzurichten. Erste stellvertretende Leiterin nach diesem Entscheid wurde Louisa Bernet, B.A. Religionswissenschaft, geboren 1997. Louisa Bernet arbeitete schon seit Januar 2020 als Mitarbeiterin bei Relinfo, verliess die Stelle aber Ende August 2022, um eine neue Ausbildung zu beginnen. Seit September 2022 ist Julia Sulzmann, B.Sc. Psychologie, geboren 1998, als stellvertretende Leiterin tätig.

Ein Christbaumbrand mit Folgen

Am 2. Januar 2022 zerstörte ein Christbaumbrand im Annex-Gebäude den Gruppenraum von Relinfo samt dem Material für die Workshops und einem Teil des Archivs. Dank zahlreicher Spenden konnte das Material für die Workshops wieder zusammengestellt werden. Das ausgebrannte Gebäude wurde inzwischen abgetragen, und ein Neubau befindet sich in Konstruktion. In diesem wird Relinfo eine Kompakt-Anlage für die inzwischen auf 36’500 Titel angewachsene Dokumentation erhalten.

Von der evangelischen zur kirchlichen Fachstelle

Über lange Zeit ihrer Geschichte war Relinfo die evangelische Partnerstelle der in den Achtzigerjahren begründeten katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen», die von Kaplan Joachim Müller (1953 – 2007) geleitet wurde. Seit dem Jahr 2010 wurde diese Stelle nicht mehr besetzt, sodass die katholische Kirche in der Schweiz über keine spezialisierte Beratungsstelle für Fragen zu problematischen Gemeinschaften mehr verfügte. Seit 2019 wird nun Relinfo von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich und von Katholisch Stadt Zürich mitunterstützt. Um diese erfreuliche Entwicklung zu verdeutlichen, gibt sich Relinfo ab dem 1. Januar 2024 einen neuen Namen: «Relinfo – Kirchliche Fachstelle Religionen, Sekten, Weltanschauungen».

Georg O. Schmid, Dezember 2023

Das Haus der Religionen – kulturelle Co-Existenzen im Hinblick auf aktuelle weltpolitische Geschehnisse

Das Haus der Religionen ist das einzige Mehrreligionen Haus in der Schweiz und steht so nicht nur für einen religionstheologischen Pluralismus, sondern auch eine interreligiöse Gastfreundschaft. Das Zweite geschieht über das Restaurant Vanakam, wo am Mittag aussschliesslich koscher-ayurvedisches Essen angeboten wird. Im Haus der Religionen wird die Verantwortung über die Repräsentation der Religionen den verschiedenen Vereinen, die dort ihre sakralen Räume haben, übergeben. So steht die Entscheidungsmacht bei den Religionsvertretern. Im Haus der Religionen haben der Förderverein Alevitische Kultur, der Inter-Buddhistische Verein, der Verein Kirche im Haus der Religionen, der tamilische Verein Saivanerikoodam und der Muslimische Verein Bern sakralen Räume. Vertreten aber ohne eigene Räumlichkeiten sind die Schweizer Bahá’i Gemeinde, die Jüdische Gemeinde Bern und die Sikh Gemeinde Gurudwara Sahib Switzerland. Ich habe die Führung am 18. November 2023 zusammen mit meiner Mutter und etwa dreißig anderen Personen im Alter zwischen 15 und 70 besucht und würde so eine Führung allen empfehlen, die noch nicht dort waren.

Wichtigkeit von interreligiösen Konzepten

Wenn wir die weltpolitische Lage zum jetzigen Zeitpunkt beachten, ist der Grundsatz des Hauses der Religionen fast schon utopisch und doch ist das, was es repräsentiert umso wichtiger. Multireligiöse Konzepte nehmen in Bezug zu heutigen Geschehnissen einen wichtigen Stellenwert ein, da sie zeigen, dass religiöse Co-Existenzen möglich sind. Der religionstheologische Pluralismus des Hauses der Religionen zielt darauf ab, allen vertretenen Religionen einen gleichwertigen Vorrang zu geben. Der Dialog zwischen den Religionen zelebriert so Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Dies steht in einem Gegensatz zum House of One in Berlin – wo aber dennoch eine Art der religiösen Co-Existenz gelebt wird. Das House of One in Berlin dient als multireligiöses Gebetshaus für die drei abrahamischen Religionen. Dort wird vor allem auf die gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam fokussiert, wodurch die Unterschiede zwischen den Religionen mehr vernachlässigt werden. Eine weitere Möglichkeit einer interreligiösen Praxis zeigt die Kirchenmoschee in Hamburg auf, deren Räumlichkeiten Inter- und Transreligiös sind. Dies weil die ehemalige Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde. Von außen sieht das Gebäude also aus wie eine Kirche, mit einem kleinen aber wichtigen Detail, dem arabischen Schriftzug «اللە» (Allah), auf dem Kirchenturm, wo früher das Kreuz thronte. Die Geschichte des Gebäudes als ehemalige Kirche ist wichtig und wird auch an den sorgfältig ausgewählten Suren an den Wänden und den bewahrten christlichen Fenstern ersichtlich.

Obwohl die Initiative für ein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» in Bern erstmals von Christian Jaquet von der Imagestudie Bern und von Harmut Haas von der Herrnhuter Gemeinschaft gekommen ist, gibt es vordergründig keine asymmetrische Entscheidungsmacht im Dialog zwischen den Religionen. Auch ein Synkretismus also eine Vermischung zwischen den religiösen Vereinen wird im Haus der Religionen nicht gelebt. Vielleicht kann man auch behaupten, dass nicht einmal innerhalb einer Religion unter den verschiedenen Auslegungen ein Synkretismus angestrebt wird, sondern auch dort mehr auf Pluralismus gesetzt wird. Dies ist an der schlichten Einrichtung mehrerer sakralen Räume ersichtlich, mit dem Prinzip, dass spezifische Einrichtungsgegenstände für die jeweiligen Gemeinschaften mobil hingestellt und wieder entfernt werden können.

Interbuddhismus

Besonders sichtbar ist dies in den Räumen des Inter-Buddhistischen Vereins. Wir werden von Frau Graf, welche die Führung leitet, in die Räumlichkeiten des Buddhismus geführt und dort von einer Vertreterin des Sozialen Buddhismus begrüsst. Neben den ersichtlichen Eindrücken, fällt mir auch der Geruch eines Räucherstäbchens auf, das im Hauptraum brennt. Die Buddhistin erklärt uns, dass die Buddhafigur am Eingang den lehrenden Buddha darstellen sollte und die Figur im Hauptraum den meditierenden Buddha.
Es gibt zwei Räume, der erste Raum dient dem Empfang und beinhaltet eine Küche und eine kleine Bibliothek, der zweite Raum, welches auch als Hauptraum fungiert, wird für die Meditation genutzt und ist sehr schlicht gehalten. Der grosse meditierende Buddha sitzt ganz vorne an der Wand. Vor ihm befinden sich runde orange Kissen, die sorgfältig in mehreren Reihen angeordnet sind. An der linken Wand befindet sich ein Bild eines Mönchs und an der rechten Wand steht ein Möbel, das verschiedene rituelle und dekorierende Objekte beinhaltet, die für die verschiedenen buddhistischen Gemeinschaften jeweils hervorgenommen werden können. Sonst schmückt wenig den Raum. Es fühlt sich so an, als sei jeder einzelne Gegenstand mit Bedacht und mit Intention platziert worden. Anders sieht es im Vorraum aus: Eine Vitrine gefüllt mit vielen verschiedenen Glücksbuddhas, farbige 3D-Bilder von Szenen aus dem Leben Buddhas, buddhistische Gegenstände auf dem Fenstersims, Bücher, Flyer und Pinnwände mit Informationen oder Anlässen.

Bei den Christen und Aleviten wäscht die eine Hand die andere

Auch bei den christlichen und alevitischen Räumen steht eine Schlichtheit im Vordergrund. Bei den christlichen Räumen aus dem gleichen Grund wie bei den buddhistischen. Leider können wir die Kirche nicht besuchen, da die Kirche im Moment genutzt wird, um Stille und Schweigen zu üben. Die Kirche und die alevitische Dergâh befinden sich beide im 1. Stock. Während des Baus konnten der Förderverein Alevitische Kultur und der Verein Kirche im Haus gegenseitig voneinander profitieren. Da, wie die Mitarbeiterin des Hauses der Religionen erzählt, der Förderverein für Alevitische Kultur Knowhow über das Bodenlegen verfügte und Mitglieder hatte, welche Bodenleger waren, hatte der Verein in der Kirche den Boden verlegt. Zum Dank oder als Gegenzug hatte der Verein Kirche im Haus der Religionen dem Förderverein einen Architekten zur Verfügung gestellt, der die Räume zu ihren Wünschen konstruieren konnte.

Die Dergâh wirkt fast leer. Unwissende Augen könnten den Raum für einen Mietraum für Workshops oder andere Anlässe halten. Doch die Derga birgt einige religiöse Hinweise. Die Wände sind in einer hellen lehmähnlichen Farbe gestrichen, welche leicht mit einem warmen Beige zu verwechseln sind. Nimmt man die Wände näher in Augenschein, fällt einem auf, dass es keine Kanten gibt, die Kanten des Raumes wurden abgerundet, was an die Lehmhöhlen erinnern soll, wo die Aleviten ihre geheimen Zusammenkünfte halten mussten, da ihr Glaube verboten war. (In der Türkei ist ihre Situation auch heute noch heikel.) In die Wände wurden 12 grössere Nischen und mehrere kleinere Nischen eingearbeitet. Frau Graf meint, auf Nachfrage, wozu diese dienen, dass die Antwort variieren kann. Für die einen stehen die 12 Nischen für 12 Dichter, für die anderen stehen sie für 12 Imame. Frau Graf erwähnt, dass das Alevitentum keine Buchreligion sei, sondern dass die Religion lange mündlich über Gesänge und Gedichte überliefert wurde. Gesang, Musik und Tanz sei sowieso sehr wichtig für die Aleviten. Dies wird durch das einzige Bild, das an der vorderen Wand hängt, auch betont. Das Bild ist schwungvoll und zeigt im Kreis tanzende um sich drehende Figuren. Da die vier Elemente auch wichtig für den alevitischen Glauben sind, werden auch diese im Bild repräsentiert. Zudem steht vorne rechts neben dem Bild eine Feuerschale, welche Kerzen beinhaltet, da ja kein grosses Feuer gemacht werden kann. Nun sieht man hier die gleiche Sorgfalt und bestimmte Intention mit der der Raum konzipiert wurde, die man auch in den buddhistischen Räumen fühlen kann.

Rituelle Waschung in der Moschee

«Mit den Schuhen nicht auf den roten Teppich stehen!», dies wird uns regelrecht eingetrichtert bevor wir uns zu den muslimischen Räumlichkeiten aufmachen. Aus hygienischen Gründen ziehen wir vor der Moschee die Schuhe aus und legen sie in die dafür vorgesehen Fächer. In dem ganzen Prozedere müssen wir aufpassen, dass wir nicht auf den roten Teppich vor den Schuhregalen stehen. Neben dem Eingang zur Mosche gibt es einen kleinen Raum, der für die Waschung vor dem Betreten der Mosche vorgesehen ist. Dieser sei für die Männer gedacht und im ersten Stock gibt es auch einen für die Frauen, welche oben auf der Empore beten. Die Moschee ist im Vergleich zu den buddhistischen und alevitischen Räumen fast schon prunkvoll eingerichtet. Der ganze Boden ist mit einem schönen roten mit Ornamenten verzierter Teppich ausgelegt. Nebst dem Teppich, fällt einem gleich zu Beginn auch der riesige Kronleuchter auf, der von der Decke bis über die Mitte der Höhe des Raumes hängt. Gleich darunter ist auch das augenscheinliche Zentrum des Raumes. Auge in Auge schauen sich nun das grosse rundliche Mandala auf dem Teppich und der Kronleuchter gegenüber an. Zudem ist der Raum mit Mandalas und Suren, welche an die Wände gemalt worden sind geschmückt. Als gefragt wird, auf welche Sprachen die Gebete und Predigten durchgeführt werden, rezitiert Frau Graf den früheren Imam, der meinte: Predigten werden «Arabisch in der Sprache des Korans, Albanisch in der Sprache der Besucher und Deutsch in der heimischen Sprache der Moschee» durchgeführt. Gebete werden jedoch ausschliesslich auf Arabisch durchgeführt.

Frau Graf erläutert zudem, dass der Imam, nachdem bekanntgeworden ist, dass in dieser Moschee Zwangsehen durchgeführt wurden, die Verantwortung dafür übernommen habe und zurückgetreten sei. Das Präsidium des eigenständigen Muslimischen Vereins Bern ging danach an die nächste Generation über. Das Haus der Religionen hat daraufhin einen klaren Code of Conduct eingeführt, der unter anderem das Vorgehen und die Dokumentation bei religiösen Eheschliessungen klar regelt. So können zum Beispiel im gesamten Haus der Religionen nur Hochzeiten durchgeführt werden, wenn das Paar ihre zivilstandesamtliche Ehe vorzeigen kann.

Gerüche, Geschmäcker und Geräusche im Hinduistischen Tempel

Wir ziehen die Schuhe wieder an, aber nicht für lange, und werden von der ruhigen Moschee zum belebten Hindutempel geführt. Schon von aussen hören wir Musik und als wir die Türe öffnen, schlägt uns der Geruch von Weihrauch und tamilischen Essen entgegen. Als wir die Schuhe ausgezogen haben, dürfen wir den Hindutempel betreten. Es findet gerade eine Prozession statt, in der eine goldige Kuh von Gläubigen umzingelt im Uhrzeigersinn von Altar zu Altar geführt wird. Im Gegensatz zu der Stille, der Schlichtheit und der Besonnenheit der anderen Räume, wirkt der Hindutempel nahezu schallend, bunt und lebendig. Die vier Instrumentalisten, welche von Südindien angereist sind, begleiten die gegenwärtig laufende Prozession musikalisch mit zwei Trommeln und dem Nadaswaram, einem indischen Blasinstrument. Da wir nicht lange stören wollen, umrunden wir den Hauptaltar in der Mitte schnellstens auch im Uhrzeigersinn. Die Götterfiguren in den Altären werden im Moment von sanften Vorhängen bedeckt und wir werden ausdrücklich darum gebeten, den Respekt zu wahren und nicht hinter die Vorhänge zu blicken.

Als wir wieder draussen sind, erklärt uns Frau Graf, dass Hindutempel normalerweise von aussen umrundbar sein sollten, da diese Prozessionen um den Tempel eine wichtige rituelle Funktion für Hinduisten darstellen würde. Das Haus der Religionen grenze aber auf der einen Seite an die Gleise, wodurch diese Bedingung nicht erfüllbar gewesen sei. Durch zwei Eingänge in der Tiefgarage jedoch, kann die Prozessionen, welche den Tempel umrunden sollten unterirdisch stattfinden. Gleichzeitig sollte ein Hindutempel direkten Kontakt mit der Erde haben auf der er steht, daran konnten sie sich jedoch aufgrund der eben genannten Tiefgarage auch nicht halten. Um diese Bedingungen dennoch auf die ein oder andere Art zu erfüllen, wurde ein mit Erde gefülltes Rohr in die Säule im Hindutempel gestellt, das bis durch die Tiefgarage reicht und dort mit der Erde in Kontakt gerät.
Speziell am Verein Saivanerikoodam ist, dass sie einen reformierten Leitsatz im Tempel führen, der alle Menschen willkommen heisst. Gleichzeitig dürfen auch Frauen in diesem Tempel zu Priesterinnen geweiht werden.

Die verschiedenen Konfessionen und Überzeugungen im Haus der Religionen

Vielen Leuten sind die stark unterschiedlichen Dogmen innerhalb einer Religion nicht so bewusst. Und genau dies wird im Haus der Religionen deutlich. Der Dialog der Kulturen findet nicht nur zwischen den verschiedenen grossen Religionen statt, sondern wird auch innerhalb der Religionen geführt. Dies ist evident an der Einrichtung der verschiedenen sakralen Räume.  Frau Graf hat uns informiert, dass es innerhalb des Hinduismus sogar grössere Unterschiede zwischen den verschiedene Konfessionen gäbe als zwischen dem Glauben der Muslime, Christen und Juden. Durch die Führung wurde aufgezeigt, dass nicht Synkretismus zwischen und innerhalb der Religionen, sondern religionstheologischen Pluralismus angestrebt wird. Im Haus der Religionen treffen also unzählige Welten aufeinander, die zusammen unter ein Dach geholt werden und unter diesen findet ein Dialog statt, der Verständnis und Respekt voraussetzt und dasselbe auch befördert.

Alysejah Huber, November 2023

Haus der Religionen – Dialog der Kulturen Bern – Relinfo.ch

Haus der Religionen – Dialog der Kulturen – Begegnungsstätte der Religionen und ein Ort des Dialogs der Kulturen in Bern (haus-der-religionen.ch)

Schöpfung nach dem Sündenfall? – Bericht zur Konferenz «Wohl Gemacht» in Kehrsatz

Am 20. Oktober durfte ich den Beginn der zwei-tägigen Konferenz von «Wort + Wissen» zum Thema «Wohl gemacht» oder in den Worten vom Referenten Markus Widenmeyer «Das geplante Universum» besuchen. In den beiden Vorträgen, die ich mitangehört habe, sollte Gott als Schöpfer hinter allem auf Erden identifiziert werden.

Ich bin mit der Erwartung nach Kehrsatz angereist, dass ich in einem Seminarraum mit ca. 50 Personen sitzen werde, so ähnlich wie ich es bei der Tagung zu Verschwörungsdenken in Basel erlebt habe. Doch schon am Bahnhof Kehrsatz Nord werde ich mit dem ersten Hinweis konfrontiert, dass das eine eher grössere Veranstaltung sein könnte. Denn dort wird vor mir eine Kehrsatzerin nach mehr Parkplätzen gefragt. Auf der anderen Strassenseite stehen Personen in Leuchtwesten, die die herankommenden Autos lotsen. Als ich ums Eck des neuen Gebäudes der Neutestamentlichen Gemeinde komme, erblicke ich eine Schlange, die sich vor zwei Pavillons vor dem Eingang gebildet hat. Nun bin ich mir sicher, dass ich den Anlass völlig unterschätzt habe.

Ich werde sehr freundlich empfangen, bekomme ein Bändeli, wie ich es von Festivals kenne, und darf mich in das Gebäude begeben. Mir fällt sofort die angenehme Atmosphäre auf, die mich den Laufe des Abends begleiten wird. Im Saal sind ca. 200 Personen, ich werde von allen Seiten nett angelächelt und spüren deren Motivation für diesen Abend. Ich setze mich neben eine jüngere Frau, die, so merke ich bald, zum Organisationskomitee gehört. Der Anlass wird von der Neutestamentlichen Gemeinde Bern getragen und ist für alle Teilnehmenden kostenlos. So auch das Abendessen. Von allen Personen, welche ich diesen Abend treffen werde, schlägt mir ehrliches Interesse entgegen.

Evolution – so sicher wie die Kugelgestalt der Erde?

Als ich den Empfangsraum betreten habe und mir die Flyer angeschaut habe, ist mir dieser Titel ins Auge gestochen. Dieser Flyer von «Wort + Wissen», welcher vier «Arten von Evolutionsbeweisen» auf kreationistische Weisen kritisch beleuchten will, hat gleich den Ton des Abends angegeben: Die Kritik an der Naturwissenschaft. Doch was bedeutet für sie so sicher wie die Kugelgestalt der Erde? Ich meine, wir haben alle wahrscheinlich schon von den Flat earthers oder auf Deutsch den Flacherdler gehört. Das heisst, nicht einmal die Erde als Kugel ist ein allgemein akzeptierter Fakt.  Ich frage mich: Gibt es überhaupt noch irgendetwas, das so sicher ist, wie es uns der Titel des Flyers Weise machen will? Dadurch, dass sie mit diesem Titel die Reaktion «Ah, Fragezeichen! Heisst das, die Evolution ist nicht so sicher wie die Kugelgestalt der Erde?» hervorrufen wollen, haben sie bei mir durch ihre Titelwahl eher die Reaktion hervorgerufen, sie auf eine Wellenlinie mit den Flacherdler zu stellen.

In meinem letzten Bericht habe ich mich mit den verschiedenen Arten von Verschwörungsdenken auseinandergesetzt. Es fällt auf, dass Kreationisten einige Gemeinsamkeiten mit Verschwörungstheorien teilen. Unter anderem, dass sie oft auf intuitiven und nicht wissenschaftlichen Grundlagen stehen. Es werden rationale Zugänge gelegt, welche aber abgrenzend zu anerkannten Wissensbeständen fungieren. Zudem gehört bei Verschwörungsdenkenden oft die Haltung dazu, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles seine Gründe hat und alles miteinander verbunden ist. So sind Verschwörungstheoretiker Teil eines inneren geheimen Wissens. (Aus dem Bericht Tagung zu Verschwörungsdenken, Esoterik und Conspirituality an der Universität Basel, Huber, 18. Juli 2023). Diese Gemeinsamkeiten können erklären helfen, dass manche Kreationisten eine Tendenz zu Verschwörungstheorien aufweisen, wie dies z.B. im Magazin «factum» deutlich wird, welches kreationistische und verschwörungstheoretische Texte in bunter Mischung publiziert.

«Spinnen 8-Beinige Seidenkünstlerinnen»

Obwohl ich erwähnt habe, dass der Ton dieses Abends durch die evolutionskritische Auseinandersetzung von «Wort + Wissen» angegeben wurde, möchte ich noch einen anderen Ton erwähnen, der ab und zu erklingt, und zwar der des Lobpreisens von Gott. Die Begrüssung  wurde mit einem Halleluja quittiert: «Wenn alles klar ist … Halleluja!» Und auch in den beiden Vorträgen wird die Allmächtigkeit Gottes auf verschiedene Arten betont.

Als Harald Binder, Chemiker von Beruf, die Bühne betritt, möchte er zuerst auf einen Fehler im Titel hinweisen und wechselt ihn von Seidenkünstler zu Seidenkünstlerinnen. Nicht etwa aus gender-politischen Gründen, sondern schlichtweg deshalb, weil die meisten Spinnen weiblich sind. Um die Arachnophoben zu warnen, gibt er eine Triggerwarnung, dass in seinem Vortrag Bilder von Spinnen gezeigt werden. Gleichzeitig fordert er sie auf, diesen Abend als Chance zu sehen, diese Phobie zu überwinden. Was mich angeht: Ich bin den Spinnen grundsätzlich gleichgültig eingestellt. Doch ich muss zugeben, dass mich der Vortrag letztendlich dazu gebracht hat, eine Faszination für Spinnen zu entwickeln.

«Wort + Wissen» steht laut Binder bewusst auf diese Art und Weise. Erstens stellt das Plus gleichzeitig auch ein Kreuz dar, was auf den christlichen Glauben hinweist. Zweitens, ist die Reihenfolge – zuerst Wort und dann Wissen – auch die Absicht der Studiengemeinschaft. Denn sie wollen auf der Grundlage des «Wortes» also der Bibel, die Wissenschaft beleuchten. In dieser Prämisse werden in den beiden Vorträgen auch Naturwissenschaftler*innen vor allem immer wieder angefochten.

Harald Binder ist Chemiker, also Naturwissenschaftler, betont jedoch, dass er kein Spezialist für Spinnen ist. Als Chemiker ist er jedoch fasziniert von Spinnen und ihren verschiedenen Arten von Seidenfäden, die sie produzieren können. Die Fähigkeiten, die diverse Spinnen besitzen, werden im Vortrag anhand vieler verschiedenen Beispiele aufgezeigt, dabei kann Binder nicht anders als Gottes Hand in deren Kreation immer wieder zu loben. Doch wie er von Gott beeindruckt ist, so ist er auch von einigen naturwissenschaftlichen Befunden zu Spinnen fast angeekelt. Da diese Gottes Hand in der Erschaffung der Spinnen nicht sehen wollen.

In einem Beispiel erwähnt er die Jagdmethode der Bola Spinne, welche den Duftstoff einer weiblichen Motte aussendet, um so männliche Motten anzulocken, die dann in ihrem Netz landen. An diesem Beispiel erwähnt er, dass doch irgendjemand dieser Spinne das Geheimrezept des Duftstoffes der Motte verraten haben müsse, und verweist so auf Gott als Schöpfer hinter einem geplanten Universum. In anderen Worten, die Spinne hat nicht durch die Evolution, welche gezeigt hat, dass der Duftstoff einer weiblichen Motte als Anlockmittel funktioniert, diese Jagdmethode entwickelt, sondern sie hat diese Fähigkeit von Gott erhalten. Unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Betrachtung von Spinnen, möchte Binder so aufzeigen, dass Gott hinter den verschiedenen Arten von Spinnen steckt.

Gleichzeitig kritisiert er aber auch naturwissenschaftliche Befunde. Unter dem Folientitel «Spinnen können auch Farbe» zeigt er eine farbenfrohe Spinne aus Australien, welche ihre Farben bei der Balz nutzt. Dies solle beweisen, dass Spinnen also nicht nur hell-dunkel sehen, wie das von der Wissenschaft verbreitet wird, sondern dass zumindest diese Art von Spinne farbig sehen könne. Da ich mich nicht mit Spinnen auskenne, wurde mir durch diese Aussage impliziert, dass normalerweise also verbreitet ist, dass Spinnen vor allem hell-dunkel sehen. Doch eine kurze Googlesuche hat mich belehrt, dass schon seit einigen Jahren naturwissenschaftlich bekannt ist, dass nicht alle Spinnen farbenblind sind. Somit ist die Kritik an die Naturwissenschaftler in diesem Fall nichtig. Hier frage ich mich, ob Binder als Naturwissenschaftler eine veraltete Annahme vertritt oder ob er sich dessen bewusst ist, sie aber aus argumentativen Gründen für seinen Vortrag nicht aufnimmt. Beides wäre scharf zu kritisieren.

Naturwissenschaft diffamieren

Harald Binder erwähnt in seinem Vortrag, wie Naturwissenschaften funktionieren. Dabei benutzt er das Wort Naturwissenschaft und Wissenschaft als Synonym. In erster Linie erläutert Binder, dass der Anspruch der Objektivität in der Wissenschaft eigentlich nicht möglich ist, da man immer von einem bestimmten gewählten Standpunkt aus arbeitet. Dies sei den Naturwissenschaftler*innen zum Teil nicht immer bewusst, da sie in diese Arbeitsweisen oder im Naturalismus trainiert wurden. Die Methoden, die in der Wissenschaft benutzt werden, bringen bestimmte Konsequenzen mit sich. Obwohl er das nicht klar erläutert, glaube ich, dass er damit meint, dass man mit den Methoden der Naturwissenschaft den göttlichen Interventionen oder dem Übernatürlichen keinen Raum geben kann. Das übernatürliche Existiert dabei schlichtweg nicht. Was ja genau die Naturwissenschaft ausmacht. Oder anders gesagt: das macht ja genau das Übernatürliche aus. Empirische Herangehensweise sind auf rationale beobachtbare Grundlagen ausgerichtet.

Binder erklärt, dass Naturwissenschaften nur Regelhaftigkeiten untersuchen können, und aus der Regel fallende Beobachtungen werden als Ausnahme gekennzeichnet. Gott folgt jedoch keiner Regel. «[Naturwissenschaftliche] Hypothesen  sind im Grunde genommen einfach irgendwelche Ideen, da gibt es keine Kriterien.» Ich denke dieser Aussage würden Naturwissenschaftler*innen sicher widersprechen. Eine weitere Aussage Binders, die unter Naturwissenschaftler*innen ohne kreationistischen Hintergrund starke Reaktionen auslösen würde, ist folgende: «Das was dann in unsere Lehrbücher kommt, ob das wahr ist, das wissen wir gar nicht.»

Des weitern provoziert Binder mit zwei widersprüchlichen Aussagen, die, wie er sagt, dennoch zusammenpassen können. Erstens «Glaube ist unabhängig von den (Natur-)Wissenschaften!» und zweitens «Glaube und Naturwissenschaften gehören zusammen». Diese beiden Sätze fassen den Abend gut zusammen. Binder schliesst damit, dass er alle ermutigt, nicht «seine» Wissenschaft zu übernehmen, sondern durch seinen Vortrag näher zu Jesus zu finden. Was dem Ganzen ein Gefühl einer Predigt vermittelt.

Das Curriculum

«Was für ein wunderbares Curriculum» war der Titel der nächsten Präsentation. André Eggen möchte durch seinen Vortrag zeigen, dass wir um Gott zu begegnen und Gottes Fähigkeiten zu erleben nur die Natur beobachten müssten. Die Natur sei der Lebenslauf oder das Curriculum Vitae also CV von Gott. Seine Prämisse lautet: «Kein Design ohne Designer». So wie wir bei einem Auto nicht glauben, dass es durch Zufall entstanden sei oder dorthin gekommen sei, so sollten wir auch nicht bei der Natur davon ausgehen, dass sie zufällig entstanden sei also keinen Designer habe.

Eggen bringt in seiner Präsentation einige Beispiele, wie die Natur als Inspiration für viele Erfindungen der Menschen fungierte. Die Beispiele sind faszinierend und lassen mich nicht daran zweifeln, dass der Mensch viel von der Natur lernen kann. Die Absicht Eggens jedoch ist es unter anderem nicht einfach zu zeigen, wie inspirierende und wie klug die Natur ist, sondern zu zeigen, wie klug und kreativ Gott ist, da er ja hinter allem stecke.

Das geplante Universum

Obwohl ich Widenmeyers Präsentation nicht beiwohnen konnte, möchte ich dennoch auf sein Buch eingehen, das den gleichen Titel trägt. Im Buch «Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet» geht es im Grunde genommen um die naturwissenschaftliche Präzision der Erde, welche uns ermöglicht auf ihr zu leben und dass es fast unlogisch sei, hier nicht einen «höchst intelligenten Schöpfer» hinter allem zu erkennen.

Wie Harald Binder ist auch Markus Widenmeyer Chemiker. In seinem Buch fängt er mit einer schönen Allegorie an: «Stellen Sie sich vor, Sie haben Schiffbruch erlitten und treiben in einem kleinen Schlauchboot auf dem weiten Ozean. Sie haben grosse Glück und erreichen eine kleine grüne [unbewohnte] Insel. Sie gehen an Land. Dann aber stossen Sie auf ein nettes Häuschen. Genau Ihr Geschmack.  […] In einem hübschen, dekorativen Bilderrahmen (wieder Ihr Geschmack!) lesen Sie, ziemlich verblüfft, den Schriftzug: «Willkommen, [Ihr Name]!» Auf dem Tisch steht bereits […] Ihr Lieblingsessen. Auch andere Details der Einrichtung sind persönlich auf Sie zugeschnitten. […]» Mit dieser Allegorie möchte er die Feinabstimmung, mit welcher die physikalischen Eigenschaften des Universums auf unser Leben massgeschneidert sind, aufzeigen. Das Universum (oder zumindest die Erde) sei biozentrisch eingerichtet und somit sei Leben im höchsten Grad willkommen. Doch die naturgesetzliche Ordnung unserer physikalischen Realität stelle eigentlich eine statistisch äusserst unwahrscheinliche Besonderheit dar (S.28). Es sei erstaunlich, wie alle diese Naturphänomene harmonisch zusammenwirken. Die Feinabstimmung und das harmonische Zusammenwirken der Naturphänomene können nicht durch diesen unlogischen riesigen Zufall entstanden sein, die Welt oder die Natur müsse demnach das Design eines «Star-Architekten» sein (S.53-4).

In diesem Sinne erklärt Widenmeyer dann, dass es rational sei, ausserweltliche und personale Erklärungen in Betracht zu ziehen, wenn innerweltliche Erklärungen nachhaltig prinzipiell scheitern. Ich würde hier jedoch nicht sagen, dass die innerweltlichen Erklärungen scheitern, sondern, dass sie für viele Leute wahrscheinlich einfach eher unbefriedigend sind. Dies ist jedoch subjektiv. Während «Wort + Wissen» versucht durch eigene grosse Theorien und Definitionen, welche nach ihrem Massstab auch wissenschaftlich angeschaut werden sollten, ein Dogma zu setzten, welche die Existenz Gottes hinter der Schöpfung beweist, erkennen sie nicht an, dass nach einer nach naturwissenschaftlichen Methoden abgeleiteten Erklärung, die subjektive Wahrnehmung dann entscheidet, ob eine Erklärung für einen persönlich scheitert oder nicht. Wenn jedoch eine Erklärung für mich scheitert, hat das nichts damit zu tun, dass die Naturwissenschaft gescheitert ist. Mit den naturwissenschaftlichen Methoden werden beobachtbare, fassbare und empirisch nachweisbare Naturerscheinungen thematisiert.  Viele Gläubige nehmen eine nach heutiger Kenntnis wissenschaftliche Erklärung auf und würden die Lücken, die diese Erklärung nicht decken kann, mit ihrem Glauben füllen.

Übrigens gehört die Falsifizierbarkeit als Kriterium für wissenschaftliche Methoden zur Naturwissenschaft dazu. Eine Aussage ist genau dann falsifizierbar, wenn es einen Beobachtungsansatz gibt, mit dem die Aussage widerlegt werden könnte. Dieses Kriterium macht zusätzlich aus, ob eine Aussage empirisch oder nichtempirisch ist. «Wort + Wissen» lässt diesen Aspekt der Naturwissenschaft völlig aus und spricht es in ihrer Kritik nicht an. «Wort + Wissen» behauptet zudem, die Evolution sei ein allgemein akzeptierter Fakt, der von der Naturwissenschaft nicht hinterfragt wird. Obwohl dieser «allgemein akzeptierter Fakt» die Falsifizierbarkeit beinhaltet und somit eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Naturwissenschaft in Punkto Evolution auf neue Erkenntnisse kommen wird.

Die unvernünftige Logik hinter «Wort + Wissen»

Widenmeyer schreibt: «Unsere Vernunft verlangt für hochspezifische, statistisch unwahrscheinliche Muster eine klare, systematische Erklärung. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ordnung zufällig, «einfach so», ohne einen speziellen Grund vorhanden ist. Und je spezifischer und komplexer die Ordnung ist, je geringer die mit ihr verbundene statistische Wahrscheinlichkeit, desto dringlicher ist der Erklärungsbedarf.» (S.103)

Ich denke, das Buch fasst gut zusammen, worum es während der zweitägigen Konferenz eigentlich ging: Gottes Wirken hinter der Natur aufzuzeigen und die Absurdität aufzuführen, dass das Dogma des Naturalismus verhindert einen übernatürlichen Schöpfer hinter der Existenz alles Weltlichen anzuerkennen. Ich würde hier jedoch die Absurdität entgegenstellen, dass «Wort + Wissen» in einer Wissenschaft, in der die Existenz Gottes mit ihren Methoden nicht bewiesen werden kann, dennoch versucht Gott und die Naturwissenschaft miteinander zu verflechten und diese Wissenschaft dann abwertet, weil sie das nicht zulassen will oder kann. In den Naturwissenschaften ist heute klar, dass Gott mit den naturwissenschaftlichen Methoden weder beweisbar noch widerlegbar ist.

Auf der anderen Seite würde «Wort + Wissen» interessante Predigten anbieten, wenn sie sich darauf beschränken würden, Predigten durchzuführen, in denen Gottes Werk anhand der Natur gelobt wird. Doch ihr Anspruch begrenzt sich eben nicht nur darauf. Sie wollen vor allem Kritik an der Naturwissenschaft üben, dass diese nicht zulässt, die Existenz Gottes hinter der Natur zu erfassen. Was an und für sich eigentlich eine unlogische Kritik ist, da die Methoden ja genau die Naturwissenschaft ausmachen. Wie das Stichwort «übernatürlich» vom vorigen Abschnitt eigentlich schon impliziert, kann die NATURwissenschaft nicht ÜBERnatürliche Phänomene erfassen. 

Podiumsdiskussion

Bei der Podiumsdiskussion wird sehr stark sichtbar, wie männerdominiert «Wort + Wissen» ist. Am Anfang wurde erwähnt, dass über 70 Männer und Frauen an der Organisation des Abends beteiligt gewesen waren und auch die Besucher würde ich sagen sind etwa 50/50 Männer und Frauen. Das heisst, das Interesse ist bei beiden Geschlechtern vertreten. Deswegen ist mir sehr stark aufgefallen, dass das Podium aus 7 Männern, alle ca. um die 50, eher darüber, und einem jungen männlichen Moderator besteht. Bei «Wort + Wissen» gibt es nur im wissenschaftlichen Beirat eine Frau und bei «Bible et Science», wo André Eggen tätig ist, gibt es auch nur von einer Frau einen veröffentlichten Artikel. Auch wenn ich jetzt davon ausgehen würde, dass «Wort + Wissen» oder «Bible et Science» zwei Organisationen sind, die ich vertreten könnte, finde ich, dass eine fast rein männliche Belegschaft heutzutage einfach nicht mehr tragbar ist.

Nun zur Diskussion selbst. Die NTG hat den Besuchern ermöglicht während den zwei Konferenztagen ihre Fragen über einen QR-Code an das Team weiterzuleiten. Davon wurden ca. fünf Fragen behandelt. Leider konnten aus zeitlichen Gründen nicht mehr Fragen an das Podium gestellt werden.

Eine Frage ist in Bezug zu der 6-Tage Schöpfung. Waren das 6 Tage oder könnten das auch 6 Epochen gewesen sein? Roger Schönthal argumentiert so, dass, wenn in der Bibel normalerweise von Tagen die Rede ist, dann wird das auch als Tag verstanden, wieso sollten die Tage in der Schöpfungsgeschichte also plötzlich als Epochen oder Zeitintervalle angesehen werden? Eggen möchte noch eine andere Perspektive reinbringen, die mir ein bisschen trotzig vorkommt. Und zwar argumentiert er damit, dass wenn die Wissenschaft nun erklären würde, dass die Erde sehr jung sei, würde ihnen dann auch diese Frage gestellt werden? Weiter meint er, dass es nicht sein darf, dass gewisse Leute ihnen Fragen stellen, die nicht sein sollten. In dieser Antwort sehe ich eine Müdigkeit, die ihn hinsichtlich dieser Frage überkommen hat. Obwohl doch genau diese Frage, da sie ja am klarsten die Unterschiede der naturwissenschaftlichen Erklärung und der biblischen Erklärung zur Entstehung der Erde aufzeigt, für «aufgeklärte» offene Christen spannend ist.

«Die Schöpfung ist perfekt, wunderbar und einzigartig. Warum dient sie dennoch dazu andere zu fressen um selbst zu überleben? In der Tierwelt gilt oft fressen oder gefressen werden. Warum hat Gott nicht alle Tiere als Vegetarier kreiert?» Ich denke, mit dieser Frage oder einer Art davon haben die Referenten von «Wort + Wissen» sicher einige Erfahrung. Harald Binder liefert hier eine Erklärung, die wie ich behaupte mit seinem Referat über Spinnen im Widerspruch steht. Und zwar betont er nochmal, dass die Schöpfung nach biblischer Information nach 6 Tagen beendet war: «Und er sah, dass es gut war!» Diese Worte würden die Schöpfung auch als fehlerfrei darstellen. Die Schöpfung war also beendet und fehlerfrei. Nun geschah jedoch der Sündenfall, der erst den Tod und die Vergänglichkeit in die Welt brachte. Nun wurde in Binders Vortrag über Spinnen jedoch immer wieder betont, dass Gott in der Schöpfung der Spinnen eine zentrale Rolle innehatte. Beispielsweise, hat Gott der Bola Spinne den Duftstoff der weiblichen Motte eingegeben, damit sie männliche Motten im Netz einfangen kann und diese fressen kann. Hat Gott also nach seiner 6-tägigen Schöpfung und nach dem Sündenfall die Schöpfung nochmal in die Hände genommen? Und nicht nur das, hat Gott einigen Tieren verraten, wie man andere Tiere töten kann und sie somit bevorzugt? Davon würde nichts in der Bibel stehen…glaube ich.

«Für gewisse Dinge», sagt Binder, «gibt es keine Erklärungen und wir Christen sollen ehrlich sein und dies auch akzeptieren können.» Dies in Bezug zu biblischen Widersprüchen oder auch zu Widersprüchen mit ihren «naturwissenschaftlichen» Vorträgen zuzugeben, ist das eine. Doch, dass Gott im naturwissenschaftlichen Kontext genauso nicht erklärbar ist, ist das andere und das hat er nicht akzeptiert. Dies wiederum stellt die «Wort + Wissen»-Wissenschaftler in einen Widerspruch mit sich selbst.

Fazit

Obwohl der Abend bei mir oft ein ungutes Gefühl hervorbrachte – dies vor allem in Bezug auf die Kritik an die Naturwissenschaft, die ich, um es kurz zu halten mit den Stichworten «Falsifizierbarkeit» und «übernatürlich», eben nicht einsehen kann – habe ich mich durch die Atmosphäre, vor allem die Gutmütigkeit und das ehrliche Interesse der Leute an mir und meiner Arbeit, sehr wohlgefühlt. Gerne möchte ich Harald Binders Worte nochmal hervorheben, dass Christen sich selber und anderen das Leben schwerer machen als es sein müsste, weil sie glauben, dass sie jetzt die richtige Idee gefunden haben und es zu ihrem Glaubensansatz erheben. Wir sollten den Mut haben gewisse Sachen auch offen zu lassen (Podiumsdiskussion). Wie Binder das den Besuchenden nahelegen möchte, so könnte man das auch der Studiengemeinschaft «Wort und Wissen» nahelegen.

Alysejah Huber, November 2023

Links

https://www.wohl-gemacht.ch/

Alle Referate und die Podiumsdiskussion: https://www.youtube.com/@WohlGemacht/featured

Widenmeyer, Markus. 2021. Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet. Holzgerlingen: SCM Hänssler.

Lexikoneintrag Wort und Wissen: Studiengemeinschaft Wort und Wissen – Relinfo.ch

Lexikoneintrag NTG: Neutestamentliche Gemeinde Bern (NTG) – Relinfo.ch

Gesetzestreue gegen Krieg – Besuch beim Freitagsgebet der MSAZ

Ein unpersönliches Turmzimmer

Im obersten Turmzimmer der Universität Zürich gibt es einen Gemeinschaftsraum. Dorthin gingen wir gemeinsam zum Freitagsgebet der Muslim Students Association Zurich (MSAZ).

Als wir den Raum betraten, sass dort eine junge Frau an einem Tisch. Neben ihr befand sich eine kleine Küche in dem ansonsten offenen Raum. Sie stand gleich auf und fragte uns, ob wir den Raum benötigten. Sie habe hier nur zu Mittag gegessen. Da sie den Raum abschliessen wollte, gingen wir wieder hinaus und warteten vor der Tür.

Bald schon kamen einige Männer und stellten sich zu uns in den Flur. Keiner der Männer sprach uns an oder nahm überhaupt gross Notiz von uns. Einige Frauen traten ebenfalls aus der Fahrstuhltür, gingen aber in ein anderes Zimmer.

Ein verwirrendes Frauenzimmer

Ich war verunsichert, wohin ich denn nun gehen sollte, und als der Mann mit dem Schlüssel kam und alle Männer in den grösseren Raum links vom Fahrstuhl gingen, trat ich in den kleinen Raum rechts. Im Eingang dieses Raumes befand sich eine kleine Garderobe und dahinter ein Gebetsraum mit vielen Gebetsteppichen zum Ausleihen und Sitzkissen. Eine junge Frau betete bereits und zwei weitere legten ihre Sachen ab, bevor sie kichernd wieder verschwanden. Wahrscheinlich würden sie bald zurückkommen, dachte ich mir, sie mussten sicher nur noch die rituelle Waschung vollziehen. Also setzte ich mich in den kleinen Raum auf den Boden und wartete. Es war alles sehr seltsam, denn die junge Frau betete in der Mitte des Raumes und in einer Ecke sass ein Mann auf einem Kissen, zugedeckt mit seiner Jacke. Ich dachte, das sei hier der Frauengebetsraum?

Aus dem Koran – Ein gesetzestreuer Prophet

Währenddessen lief bei den Männern deutlich mehr. Sie holten die Gebetsteppiche und legten sie auf den Boden, als die zwei Frauen ebenfalls eintraten.
Ein Mann fungierte als Vorbeter und stand auf. Er hielt ein paar Blätter in der Hand und fing an zu lesen, angefangen mit Versen aus dem Koran. Zum Thema wählte er die Übereinkunft der Muslime von Mekka und Medina. Abu Sufyan ibn Harb war damals der Vertreter von Mekka und dem Stamm der Quraisch und sein Gegenpart in Medina war der Prophet Muhammad. Sie hatten eine Abmachung getroffen, wonach jeder Muslim, der aus Mekka nach Medina kam, zurückgeschickt werden sollte. Abu Sufyans Sohn Abu Jandal reiste trotzdem von Mekka nach Medina, um den Propheten Muhammad und seine Gefährten zu treffen. Muhammad schickte Abu Jandal jedoch umgehend zurück nach Mekka, so wie er es mit dessen Vater vereinbart hatte.

Alles geschieht zu deinem Besten! – Eine Predigt mit Friedensmission

Der Vorbeter meinte, dieses rechtschaffene Verhalten Muhammads sei ein gutes Vorbild auch für die Konflikte in der heutigen Welt. So könne man den Frieden zwischen Staaten, Nationen und Bündnissen bewahren. Was auch immer mit uns Menschen geschehen würde, es sei immer zu unserem Besten. Das müssten die Menschen verstehen. Dies sei der Weg, um die Realität zu akzeptieren und den Frieden in dieser Welt zu erhalten.

Ein gemeinsames Gebet ohne Gemeinschaft?

Nun erhoben sich alle zum Gebet und auch die Frauen blieben im selben Raum. Warum diese beiden mit den Männern beteten und die anderen Frauen für sich im anderen Raum, blieb unklar. Nach dem Gebet gingen die Männer und Frauen eilig in den Fahrstuhl und zurück in ihren Uni-Alltag. Während des ganzen Freitagsgebetes wurden wir von keiner einzigen Person angesprochen oder irgendwie begrüsst. Man nahm schlicht keine Notiz von uns, und so machte die MSAZ nicht den Eindruck, als wollte sie irgendwelche neuen Mitglieder gewinnen. Von einer muslimischen Studentenverbindung hatten wir deutlich mehr Gemeinschaft und Offenherzigkeit erwartet. Also gingen wir etwas enttäuscht nach Hause.  

Jasmin Schneider, November 2023

Lexikoneintrag Muslim Students Association Zurich (MSAZ)

Der goldene Schrein von Bassersdorf – Besuch im Gurudwara Sahib Zurich

Eine Farbexplosion in der Fabrikhalle

Es war ein zauberhafter Sonntagmorgen, die Sonne schien und der Weg vom Bahnhof Bassersdorf bis zum Gurudwara führte uns an einem kleinen Bach entlang. Ich war schon sehr gespannt, was ich wohl an diesem Tag erleben würde, denn in einem Gurudwara, also einem Sikh Tempel, war ich noch nie zuvor gewesen. Nach einem kurzen Spaziergang standen wir vor einem Fabrikgebäude, zum Glück kamen gerade einige andere Menschen an und so fanden wir schnell den Eingang. Dort wurden wir sehr herzlich begrüsst und uns wurde erklärt, wo wir hingehen sollten. So zogen wir unsere Schuhe aus und betraten den Gurudwara. Mein Begleiter musste sich beim Eintreten ein oranges Tuch um den Kopf binden und ich bedeckte meine Haare mit einem Schal. Wir befanden uns in einer Art Aufenthaltsraum, die Wände waren auf der unteren Hälfte blau gestrichen und oben hingen um den ganzen Raum herum Bilder, welche die Geschichte der Sikhs zeigten. Viele Krieger und Kämpfe waren darauf zu sehen, aber auch der Gründer des Sikhismus Guru Nanak. An der Decke hingen bunte Tücher, der ganze Raum war eine reine Farbexplosion. Ausserdem gab es eine offene grosse Küche mit einer Theke, wo zwei Männer bereits arbeiteten.

Der goldene Schrein

Über eine Treppe neben der Küche gelangten wir in den eigentlichen Gebetsraum. Auch hier waren die Wände bis zur Hälfte in einem hellen Blauton gestrichen, auf dem Boden lag orangener Teppich und an einem Ende des Raumes stand ein riesiger goldener Schrein. Darin befand sich das Guru Granth Sahib, das heilige Buch, zugedeckt mit einer reich verzierten grossen Decke. Vor dem Schrein war ein kleiner silberner Zaun, mit blinkenden Lichtern umwickelt und mit einer eisernen Truhe davor, die einen Schlitz zum Einwerfen von Spenden hatte. Auf dieser standen einige Symbole der Sikhs, rechts und links flankiert von Vasen mit Kunstblumen.

Halwa und Gebete

Als wir uns hinsetzten kam ein älterer Mann zu uns und gab uns etwas Halwa, eine Süssspeise aus Ölsamen und Zucker. Es schmeckte sehr gut und als wir fertig waren, begannen schon bald die ersten Gebete. Ein älterer Mann begann Gebetstexte vorzutragen, die jeweils von einem Mann und einer Frau vor einem Mikrofon, sowie den anderen Anwesenden beantwortet wurden. Die Gebete klangen etwas monoton, vorgetragen in einem alten Punjabi. Inhaltlich ging es um viele verschiedene Themen, Guru Nanak solle uns beschützen, immer bei uns bleiben und uns von unseren Feinden fernhalten. Niemand könne sich uns in den Weg stellen, Gott solle die ganze Welt glücklich machen, uns von Sünden fernhalten und uns zu Gläubigen machen.

Ungewohnte Köstlichkeiten

Ein freundlicher Mann erklärte uns, dass diese Gebete von 10:30 bis um 12 Uhr gehen würden und danach erst das eigentliche Ritual stattfindet. Wir könnten jederzeit gerne nach unten gehen, um zu frühstücken. Das taten wir sehr gerne und als wir wieder in den Aufenthaltsraum kamen, bemerkte ich erst den Bildschirm an der Wand, der den Gebetsraum mit dem Schrein zeigte. Per Lautsprecher wurden die Gebete übertragen und so setzten wir uns auf den Boden mit dem Rücken zur Wand. Ein junger Mann brachte uns schon bald zwei Teller mit Frühstück und traditionellen indischen Tee. Zu essen gab es Pakora einmal mit Kartoffeln und Gewürzen, einmal mit Brot und Ei. Zusammen mit einem scharfen Kürbis Chutney schmeckte das Frühstück für Schweizer Gaumen ungewohnt aber sehr lecker.

Zauberhafte bunte Kleider

Während wir im Aufenthaltsraum sassen, kamen immer mehr Menschen in den Gurudwara. Viele der Männer trugen Turbane und fast alle Frauen traditionelle Punjabi Kleider. Diese Hemdkleider mit Schlitzen an den Seiten, kombiniert mit weiten Hosen und einem passenden Dupatta, einem grossen Schal, der über den Kopf gelegt wird, wurden in den buntesten Farben und Mustern getragen. Die Neuankömmlinge gingen nach dem Eintreten direkt nach oben, verneigten sich vor dem Schrein, legten die Stirn auf den Boden und warfen einige Münzen in die Box. Danach richteten sie sich wieder auf und verneigten sich kurz auf jeder Seite des Schreines, bevor sie nach unten kamen um zu frühstücken. Es waren viele ältere Leute da und Familien mit Kindern.

Die Probleme der Sikhgemeinde

Neben uns setzten sich immer mehr ältere Männer hin und begannen, miteinander über die Sikhgemeinde in Bassersdorf zu sprechen und über die Probleme aller Sikhs. Das Leben in der Diaspora sei nicht einfach, da die Sikhs einander nicht richtig unterstützen würden. Den Sikhs würde es an einer internationalen Gemeinschaft fehlen. Ausserdem hätten sie Probleme, ihre nun erwachsenen Kinder in der Gemeinde zu halten. Vielen jungen Leuten würde Gurudwara und Religion nicht mehr so viel bedeuten und sie würden sich nicht mehr engagieren. Die Männer meinten, sie würden langsam alt werden und bräuchten mehr junge Menschen, um ihnen alles einmal zu übergeben. Ein Problem, dass ich schon aus vielen Kirchen und Moscheen kannte.

Von Gott vorherbestimmt

Als sich der Aufenthaltsraum langsam leerte, standen wir auch auf und gingen nach oben in den Gebetsraum. Dort setzten wir uns an eine Wand und hörten den monotonen Gebeten des älteren Mannes zu, während sich der Raum immer mehr füllte. Inhaltlich ging es in den Gebeten wieder um dieselben Themen wie zuvor, alles würde Gott gehören, niemand könne uns schaden. Gott habe alles in unserem Leben vorherbestimmt und wir hätten nur ein einziges Leben, deshalb sollten wir es nutzen. Die ganze Zeit über wechselten sich eine Frau und ein Mann ab beim Winken des Chauri, eine Art Wedel aus Federn, über dem Schrein. Dabei trugen sie eine Art weisse Stola mit blauen Verzierungen auf der Borte. Während der alte Mann die Gebete vortrug, standen zwei Personen auf und legten ihm Geld auf das kleine Rednerpult.

Gesang und Trommeln

Als die Gebete verstummt waren kam eine kleine Frau auf das kleine Podest und setzte sich vor das Rednerpult. Hinter ihr sassen zwei Kinder und neben ihr ein junger Mann mit zwei Trommeln. Sie begann ein Lied auf Punjabi zu singen und der Mann begleitete sie mit Trommelschlägen. Einige Zuhörer nahmen ihre Handys hervor und filmten, andere hatten einen Video-Anruf offen. Nachdem die Frau geendet hatte, gingen alle zurück auf ihre Plätze und die Zuhörer dankten der Frau. Sie stamme aus Thailand und könne kein Punjabi, trotzdem habe sie wunderschön gesungen. Für meine Ohren klang es etwas schief, aber so unterschiedlich sind wohl Geschmäcker.

Guru Granth Sahib

Nun begann der alte Mann hinter dem Schrein, seine Gebete zu singen, und winkte selbst mit dem Chauri. Dann stand er singend vor dem Schrein und verneigte sich tief, und alle im Raum sangen mit ihm. Der alte Mann ging wieder in den Schrein und Helfer hoben vorsichtig die Decke beiseite und enthüllten das heilige Buch, den Guru Granth Sahib. Der Mann trug in einer Art Sprechgesang den Text vor und wurde von einem Handy unterbrochen, das plötzlich anfing zu klingeln. Davon liess er sich jedoch nicht beirren und fuhr einfach fort.  Nach einem letzten Gesang wurde das Buch wieder geschlossen und zugedeckt. Zwei Männer brachten dann einige nun gesegnete Lebensmittel, die neben dem Schrein gestanden hatten, nach unten in die Küche. Dort würden sie mit den anderen Zutaten vermengt werden und so alle Speisen für das spätere Langar (Gemeinschaftmahl) gesegnet. Die Menschen erhoben sich und sangen, verneigten sich mehrfach und legten ihre Stirn auf den Boden. Es folgten weitere Gebete und Verneigungen, bevor sich alle wieder setzten.

Die Whatsappgruppe der Sikh Chamber of Commerce

Ein Mann trat hinter ein Rednerpult und machte einige Ankündigungen, wer nächstes Mal fürs Langar zuständig war, dass es kommende Woche ein Mitgliedertreffen geben würde und dankte noch einmal der thailändischen Frau für ihren Gesang. Zum Schluss dankte er allen fürs Kommen und machte Platz für den nächsten Redner.
Es war einer der älteren Männer, die wir beim Frühstück miteinander reden gehört hatten. Er sprach von den Problemen der Sikhs, dass sie nicht gut vernetzt waren und davon, dass sie hier seien, um etwas daran zu ändern. Sie seien von der Sikh Chamber of Commerce und kämen direkt aus Delhi. Ziel sie es, die Sikhs auf der ganzen Welt und vor allem auch hier in Europa miteinander zu vernetzen und sich gegenseitig finanzielle, medizinische und weitere Unterstützung zu geben. Guru Nanak hätte uns gelehrt, wie wir mit Finanzen umzugehen hätten, ausserdem sei die Demokratie in Indien auf engagierte Sikh zurückzuführen. Alle Sikhs auf der Welt wären früher einmal respektiert worden und dahin müssten wir zurückfinden. Also würden sie eine Whatsappgruppe mit allen Sikhs in der Schweiz erstellen, damit gegebenenfalls einander geholfen werden kann. Die Schweiz sei eine starke Nation, denn sie habe ein gutes Bildungssystem, ein gutes Gesundheitssystem und eine kleine Arbeitslosenquote.

Orange Schals und Halwa für alle

Den Männern aus Delhi wurden orange Schals umgehängt, und sie übergaben ein Ehrengeschenk an die Gemeinde in Bassersdorf. Auch die thailändische Sängerin bekam einen Schal und es wurden einige Fotos gemacht. Als die Männer sich wieder gesetzt hatten, rannten alle Kinder nach vorne und setzten sich auf das kleine Podest neben dem Schrein, um zu singen. Es wurde an alle Halwa und Servietten verteilt, während die Kinder etwas zögerlich sangen. Danach trat ein weiterer Mann ans Rednerpult. Er sei aus Amsterdam hierhergekommen um von den Männern aus Delhi zu lernen und ihre Idee mit in die Niederlande zu nehmen. Die Männer der Sikh Chamber of Commerce würden in viele Städte überall in Europa reisen in den nächsten zwei Wochen, um die Sikhs besser zu vereinen. Als er vom Rednerpult trat, war das Ritual zu Ende und die Menschen gingen nach unten.

Das Langar

Als wir den Aufenthaltsraum betraten, waren die meisten schon beim Essen. Wir holten tablettartige Teller aus Blech und Wasserbecher und setzten uns auf den Boden. Schnell kamen Erwachsene und Kinder mit verschiedenen Speisen vorbei und gaben uns von allem. Ich begnügte mich mit gemischtem Gemüse, das sehr scharf war, Salat mit Äpfeln, Reis und Roti, einem Fladenbrot. Es gab aber auch Daal, einen Linseneintopf, Jogurt und Kheer, eine Süssspeise aus Reis und Nüssen. Das Essen war sehr scharf aber hervorragend. Die ganze Zeit liefen Kinder zwischen den Essenden hindurch und boten Nachschub an. Keiner ging hier hungrig nach Hause oder fragte nach Geld. Es gab an der Wand einen QR-Code für Spenden, aber es wurde weder darauf hingewiesen noch irgendwie verlangt. Es schien mehr um die Gemeinschaft zu gehen, ob jemand Sikh war oder nicht, spielte dabei keine Rolle.
Ich verliess das Gurduwara mit vielen neuen Eindrücken und so satt wie noch nie nach einem Gottesdienstbesuch.

Jasmin Schneider, Oktober 2023

Lexikoneintrag Gurudwara Sahib Zurich, Bassersdorf

Lexikoneintrag Traditioneller Sikhismus

Spenden und Missionieren für die Herrlichkeit Gottes – Besuch bei der International Mission Church IMC in Bern

Die Mitfahrgelegenheit nach Bern

Ein kühler Wind blies mir ins Gesicht, als ich an diesem Sonntagmorgen in Unterzollikofen bei Bern vor verschlossenen Toren stand. Ich hatte bereits mehrfach nachgeschaut, ob ich hier wirklich richtig war, denn trotz der Namenstafel der International Mission Church IMC neben der Tür war bis jetzt noch niemand aufgetaucht. Kurzerhand ergriff ich mein Handy und rief die auf der Website angegebene Nummer an. Ich landete beim Leiter der IMC Bern Clyde Bonato. Dann war schnell klar, ich war am falschen Ort. Wegen Renovierungsarbeiten hatte sich die IMC vorübergehend in der Stadt Bern eingemietet. Rechtzeitig wäre es mir unmöglich gewesen, wieder zurück in die Hauptstadt zu fahren. Sehr hilfsbereit organisierte mir Clyde Bonato eine Mitfahrgelegenheit, und nach kurzem Warten war sie auch schon da. Eine spanischsprachige junge Familie, mit zwei entzückenden kleinen Kindern, nahm mich mit in die Innenstadt von Bern, und so kam ich doch noch beim Gottesdienst der International Mission Church Bern an.

Der ohrenbetäubende Einstieg

Am Eingang wurde ich von einem jungen Mann im Anzug freundlich begrüsst und gleich in den Gottesdienstsaal geführt. Dort schallte mir laute Musik entgegen. Der Saal war gefüllt mit geschätzten 50 Menschen, die imbrünstig und laut ein spanisches Loblied mitsangen. Viele warfen ihre Hände in die Luft, wiegten sich, knieten auf dem Boden oder hatten Tränen in den Augen. Als das Lied langsam ausklang schrie Veronica Bonato auf Spanisch ins Mikrofon, mit Sprechpausen für die deutsche Übersetzung. Nach diesen herzzerreissenden Worten kehrte etwas Ruhe ein und Veronica begann aus der Bibel zu zitieren.

Der Schlüssel zu allem

«Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.» (Matthäus 18, 18)

Veronica erklärte, dass wir Gott jeden Tag um so vieles bitten würden. Schlussendlich könne uns jedoch nur Gott erfüllen und wir hätten von ihm einen mächtigen Schlüssel bekommen, um alles auf Erden und im Himmel zu erreichen. Durch Gott hätten wir ein Versprechen von Schutz.

Die finanzielle Spende für Gott

«Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.» (Johannes 12,3)

Das Opfer für Gott habe kein Limit. Mit unseren eigenen Bedürfnissen zu Gott zu kommen sei einfach, doch wir müssten uns wahrlich hingeben können. Wir bräuchten eine Hingabe sowohl finanziell als auch mit unserem Schweiss. Heute würden wir alle zusammen Spenden sammeln, um damit unseren Duft fliessen zu lassen, wie bei Johannes 12,3. Veronica sprach weiter von Spenden und Gebeten während zwei Frauen vor die kleine Bühne traten mit grossen Eimern für die Spenden. Zu spanischer Popmusik gingen im Anschluss die Gläubigen nach vorne und warfen ihre Spenden für Jesus in die Eimer.

Der Junge, der Gott präsentiert wurde

Neben Veronica Bonato trat nun auch ihr Mann Clyde gemeinsam mit einem jungen Paar auf die Bühne. In den Armen des jungen Vaters lag ein Neugeborenes, welches nun Gott präsentiert werden sollte. Die IMC lehnt Kindertaufen ab, sondern führt die Taufe erst im Erwachsenenalter durch. Um nun für den kleinen Jungen zu beten, mussten alle Gottesdienstbesucher die Hände nach dem Kind ausstrecken, mit den Handflächen nach vorne. Viele schlossen dabei ihre Augen und beteten. Der Junge solle ein Mann Gottes werden und Tag und Nacht geschützt sein. Auch die Eltern sollten von Gott Liebe, Geduld und Weisheit erhalten, um dem Kind zu helfen, die beste Version von sich selbst zu werden.

Der Name des Kindes wurde hinter den stolzen Eltern auf dem Bildschirm eingeblendet und die Menschen jubelten. Mit dieser Vorstellung seien wir nun alle Teil der Fürsorge für diesen kleinen Jungen, wie auch seine Wächter. Das bejahten die Gottesdienstbesucher eifrig und jubelten erneut. Nachdem ein Fotograf einige Bilder gemacht hatte, setzte sich die junge Familie wieder und der eigentliche Gottesdienst wurde weitergeführt.

Die Missionierung als Pflicht für alle

Es folgten einige Ankündigungen zu den Aktivitäten der IMC, wie die Andacht mit dem Apostel Rodolfo Rojas via Instagram, den Einsatz um den Namen Christus gemeinsam auf der Strasse zu proklamieren, die Schule des Reiches und die Zell-Gruppen. Interessierte könnten die Kirche kennenlernen durchs Assistieren im Gottesdienst oder durchs gemeinsame Kochen. Zur Evangelisation am Samstag seien auch alle eingeladen. Auch wenn wir uns nicht bereit dazu fühlen würden, sollten wir einfach rausgehen und mit der Hilfe des Heiligen Geistes würden wir mit denjenigen vereint werden, die Gottes Botschaft hören müssten. Zu den sonntäglichen Gottesdiensten sollten wir alle jede Woche neue Personen mitbringen, als eine Art Spende eines Herzens. Natürlich würde dies nicht die finanzielle Spende ersetzen. Wer Gott liebt, der würde auch Seelen lieben.

Der brüllende Gott

Das würde uns sagen, dass Gott wie ein Löwe brülle. Seine Stimme sei stark und würde von allen anerkannt werden. Dieses Gebrüll würde die Herzen der Menschen erwecken. Veronica forderte uns auf, die Augen zu schliessen und nun Gottes Stimme zu hören. Musik setzte ein und fast alle schlossen die Augen. Gott würde zu uns sprechen wollen und wir würden ihn hören. Die Anwesenden begannen so laut und leidenschaftlich zu singen, wie sie nur konnten und der Saal verdunkelte sich. «Lass den Löwen brüllen, lass die Erde beben vor der Majestät Jesu!» Die Musik dröhnte in meiner Brust, so laut war sie und Veronica schrie darüber in ihr Mikrofon «Die Kirche will dich hören Papa!» und «Brülle, brülle, brülle!». Sie schrie fast mit weinerlicher Stimme, dass Gottes Stimme unsere Feinde fliehen lassen sollte, und die Menschen begannen erneut zu singen.

Das Flehen, Gott als Person kennenlernen zu dürfen

Arme schossen in die Höhe und gemeinsam flehten die Menschen zu Gott, sie würden ihn suchen und lieben. Eine Stimme würde sich erheben und heute würden hier alle gemeinsam Gott um das selbe bitten, nämlich um ihn selbst. Wir alle würden Gott suchen und heute würden wir Gott als Person und sein Herz wollen. Gott wäre nämlich nicht glücklich, wenn wir ihn immer nur um etwas bitten würden, ohne ihn selbst kennenlernen zu wollen, so wie er sei. Dies wäre unser Gebet, im Namen von Jesus.          

Clyde Bonato leitete ein gemeinsames Gebet an. Die meisten Gottesdienstbesucher kamen dafür nach vorne zur Bühne, knieten sich hin und einige legten ihre Köpfe auf den Boden. Clyde flehte zu Gott und die Gemeinde tat es ihm gleich. Einige weinten ergriffen. Nur wenige Menschen standen noch in den Stuhlreihen und beteten mit erhobenen Händen. Ein paar Helferinnen standen mit Decken bereit und legten diese auf die Rücken von Betenden. Vermutlich sollten sie durch das Sich-auf-den-Boden-Werfen nicht entblösst werden, wenn ihre Kleidung verrutschte. Als das Gebet vorbei war, erhoben sich alle wieder und gingen zurück auf ihre Plätze.

Das Wort Gottes, kein chinesischer Glückskeks

So wurden wir alle aufgefordert unsere Bibel zu öffnen und zu lesen. Kolosser 1,27: «Ihnen wollte Gott kundtun, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Völkern ist: Christus ist unter euch, die Hoffnung auf Herrlichkeit.» Die Lichter gingen wieder an und Clyde Bonato wies uns an, aufmerksam zu lesen, denn dies sei Gottes Wort und keine Nachricht aus einem chinesischen Glückskeks. Diese Worte sollten wir leben und jeder Vers in unserem Geist verankert sein. Christus würde auf der Welt leben, in uns allen. In uns sei ein Schatz, ein Geheimnis und das sei Jesus in uns. Mit Christus sei in uns Licht und Reichtum, sowie die Sicherheit, dass wir an der Herrlichkeit teilhaben werden. Alle Gottesdienstbesucher sollten nun nachsprechen: «Gott offenbare mir deine Herrlichkeit, im Namen Jesus, Amen.»

Die Persönlichkeit Gottes

Gottes Wort sei kraftvoll und Reichtum sei in uns allen. Doch wie dieser herauszubringen sei, das sei die Schwierigkeit. Heute sei ein spezieller Sonntag, denn jeder würde normalerweise mit seinen eigenen Wünschen zu Gott kommen. Das sei auch nicht schlecht, denn wir hätten schliesslich sechs Tage überlebt und sicher alle vieles erlebt. Hier in der Kirche würden wir auf Antworten hoffen, auch Clyde selbst würde dies tun. Heute würden wir jedoch alle gemeinsam etwas als Kirche tun, nur diesen Sonntag. Wir würden nicht um unsere Finanzen bitten, nicht um Gesundheit oder unsere Familien. Ausnahmsweise würden wir nichts von Gott erbitten, sondern um Gott selbst bitten. Gleichgeschlechtliche Liebe, Geldgeilheit oder berühmt werden, all diese Bitten an Gott seien schlecht. Wir müssten uns immer für das interessieren, was eine Person sei, nicht für das, was sie habe. Dies sollten wir auch für Gott tun. So bat Clyde Bonato uns alle, den gleichen Wunsch im Herzen zu haben, Gott zu ersehnen.

Die Herrlichkeit in uns

Gott habe seine Herrlichkeit in uns gelegt und wir hätten die Sicherheit an seiner Herrlichkeit teilzuhaben. Da Clyde nun mit sehr vielen Worten immer wieder dasselbe sagte, schweifte ich mit meinen Gedanken irgendwann ab. Er sprach zwar voller Leidenschaft, leider mit wenig Nährwert. Irgendwann war der Gottesdienst dann einfach zu Ende und ich war etwas enttäuscht, dass zum Schluss nicht nochmals ein Lied gesungen wurde. Denn offen gesagt, waren die Songs das Beste an diesem Gottesdienst, der keineswegs so war, inhaltlich und liturgisch, wie ich es von den Landeskirchen kannte.

Das Einlullen der Neuen

Nach dem Gottesdienst in dem Foyer wurde ich mit allen anderen Neuen nochmals speziell empfangen. Sie erklärten uns nochmals, wer sie genau waren und, dass wir natürlich herzlich willkommen seien wiederzukommen. Ich wurde auch gefragt, wer mich eingeladen hätte und wie ich auf die Kirche gestossen sei. Mir wurden viele Fragen gestellt und ich bekam eine Art Willkommenspaket. Darin befand sich neben Taschentüchern und ein paar Süssigkeiten ein Gebetsbüchlein. Zum Schluss kam noch eine der Frauen zu mir, nahm meine Hand in ihre und betete für mich, damit ich auch sicher mit Jesus im Herzen nach Hause gehen würde.

Jasmin Schneider, Oktober 2023

Lexikoneintrag International Mission Church IMC