Faith Jones: Ungehorsam. Wie ich der Sekte meiner Familie entkam

Buchbesprechung von Faith Jones: Ungehorsam. Wie ich der Sekte meiner Familie entkam, HarperCollins, Hamburg 2023

Die folgende Buchbesprechung diskutiert den Erfahrungsbericht von Faith Jones aus der Gemeinschaft Children of God, später The Family International. Faith Jones hat in ihrer Kindheit und Jugend, wie jedes andere Kind, das bei den Children of God aufwuchs, massivsten Missbrauch erlebt, von dem im Folgenden auch die Rede sein wird.

Die Autorin: Faith Jones

The Family International oder auch Children of God wurden 1968 in Kalifornien gegründet von David Brandt Berg und seinen Kindern Deborah, Aaron, Faithy und Hosea. Letzterer ist Faith Jones` Vater.

Das Buch

Eine (nicht ganz so) kurze Chronik der Children of God

Faith Jones schriebt, ihr Vater sei Evangelist in der vierten Generation. Bereits dessen Urgrossvater sei Baptistenprediger, später Anführer der Disciples of Christ, gewesen und seine Grossmutter Virginia war die erste weibliche evangelikale Radiopredigerin in den USA. Virginia hatte einen schweren Unfall nach der Geburt ihres ersten Kindes Hjalmar Jr., bekannte sich zu ihrem Glauben an Gott und sei auf wundersame Weise geheilt worden. Sie und ihr Mann Hjalmar Berg predigten dies und wurden darauf von den Disciples of Christ ausgeschlossen. Virginia und Hjalmer traten der Christian and Missionary Alliance bei und bekamen zwei weitere Kinder, Virginia und am 18. Februar 1919 Faiths Grossvater David. Später ging David mit seiner Mutter Virginia auf Prediger-Tour durch die USA.

1941 wurde David in die Armee eingezogen, erkrankte aber noch während der Ausbildung schwer an einer Lungenentzündung. Die Ärzte hätten ihm keine grossen Überlebenschancen gegeben, doch David hätte Gott geschworen sein Leben in seinen Dienst zu stellen und wie seine Mutter sei er darauf sofort auf wundersame Weise geheilt worden. Wegen eines Herzleidens schied er aus dem Militärdienst aus und arbeitete wieder als Assistent seiner Mutter. Auf Tour in Kalifornien traf er Jane Miller und heiratete sie heimlich 1944. Sie bekamen ihr erstes Kind Deborah 1946 und Aaron 1948. David Berg wurde dann zum Prediger ernannt in einer Gemeinde voller Spannungen zwischen weissen Südstaatlern, Ureinwohnern und Mexikanern. David predigte einen christlichen Kommunismus, der die Probleme nur verschärfte. Daraufhin wurde David entlassen und zoig nun mit seiner Familie als Wanderprediger umher. 1949 wurde Faiths Vater Hosea geboren und auch seine Schwester Faithy. Die Familie zog zu Davids Eltern und 1951 soll David eine Offenbarung erhalten haben auf Missionierungstour zu gehen, wozu er die Jordan Missionary School besuchte. Danach eröffnete David eine Zweigstelle in Miami. Wegen seiner aggressiven Predigten hetzten ihm die anderen Kirchengemeinden irgendwann die Polizei auf den Hals und die Familie zog fort. Hosea war damals in der 8. Klasse und würde von nun an nie wieder in die Schule gehen. Zurück in Texas begannen Hosea und seine Geschwister auf Geheiss vor allem ihrer Grossmutter Virginia Hippies zu bekehren. David überzeugte viele davon, dass die Endzeit nahe sei und sie alles aufgeben sollen, um Missionare zu werden.

1968 starb Virginia Berg und David wurde noch radikaler in seinen Ansichten und Aufforderungen an seine stets wachsende Jüngerschaft. Zu dieser Zeit begann David eine Affaire mit Karen Zerby, die damals Anfang 20 war und auch zu ihm und seiner Familie in deren Wohnwagen. Wegen negativen Schlagzeilen zog die ganze Familie mit ihren Jüngern bald nach Arizona, um dort gleich wieder auf der Strasse zu missionieren. David bestimmte, dass die Leiter dieser Missionsteams verheiratete Ehepaare sein sollten und so heirate 1969 der zwanzigjährige Hosea neunzehnjährige Esther, eine der frühesten Anhängerinnen seines Vaters.
Ein Journalist nannte die Gruppe «Children of God». David gefiel der Name, übernahm ihn und nannte sich fortan Moses David, nach dem Propheten Moses. Seine Jünger sollten sich auch neue biblische Namen geben, so wurde seine Ehefrau Jane zu Eve und seine andere Frau Karen zu Maria. Auf der Suche nach einer Heimat für den wachsenden Zug von Jüngern, liess David sich 1970 auf der Ranch, der Jordan Missionary School, in Texas nieder. David sendete immer wieder Missionstrupps in ganz Amerika aus, um neue Mitglieder zu rekrutieren.

Hosea lernte Faith`s Mutter Ruthie kennen, als er schon 2 Jahre mit Ester verheiratet war und bereits einen Sohn namens Nehi hatte. Ruthie`s Vater war Militärpilot und Ruthie arbeitete später als Tänzerin in New York, bevor sie anfing Drogen zu nehmen und in eine Hippie-Kommune zog. 1971 trat sie den Childern of God bei. Ruthie`s Vater, sowie andere Eltern von Neueinsteigern, waren besorgt und beschuldigten David ihre Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Daraufhin soll David gesagt haben, Amerika hätte seine Chance vertan und plante nun Missionen auf der ganzen Welt. David erklärte das Gebot keinen Sex vor der Ehe zu haben als veraltet, mit der Begründung «Liebe deinen Nächsten» sei das wichtigste Gebot und so sollen die Jünger frei mit jedem Sex haben können mit dem sie wollen. Faithy, Hosea, Esther und brachen kurz darauf zur Mission nach Europa auf und liessen Faith`s Halbbrüder Nehi und Hobo in den USA zurück. Ruthie heiratete kurz vor ihrer eigenen Entsendung nach Europa einen ihr völlig fremden Mann. Die Ehe scheiterte allerdings bereits nach 3 Monaten und Ruthie ging zu Faithy um als Sekretärin für sie zu arbeiten. Hosea und Esther holten ihre beiden Söhne Nehi und Hobo zu sich nach Paris und bekamen in den folgenden 3 Jahren die Zwillinge Josh und Caleb, sowie Aaron und zum Schluss noch Mary.

David Berg flüchtete vor den Strafverfolgungsbehörden bald aus Amerika und kommunizierte fortan schriftlich mit den meisten seiner Jünger. Er warnte, dass Amerika bald bestraft werden würde und viele seiner Jünger liessen sich in anderen Teilen der Welt nieder. Bald darauf verkündete David seinen Jüngern, dass die traditionelle Ehe egoistisch sei und die Männer ihre Ehefrauen miteinander teilen sollten. So entstand dann auch das «flirty fishing» auf Teneriffa bei dem Frauen angehalten wurden mit bevorzugt reichen Männern Sex zu haben, um sie dann von David Bergs Botschaft zu überzeugen.
Nach dem seine erste Fraue Eve (Jane) sich einen neuen Partner gesucht hatte und David Maria zu seiner offiziellen Frau nahm, gebar diese 1975 den Thronerben Davidito. Noch im selben Jahr besuchte David mit seiner Royal Family den revolutionären Oberst Muammar al-Gaddafi in Libyen. David befahl damals Ruthie nun seinen Sohn Hosea zu lieben und seine zweite Frau zu werden. Zurück in Teneriffa wurden viele Frauen wegen Prostitution verhaftet und David und Maria flüchteten nach Barcelona. Zu dieser zeit wurde Faith in Hongkong geboren und ihr Vater Hosea, seine erste Frau Esther und seine anderen sechs Kinder zogen ebenfalls dorthin. Schon 1978 zogen alle gemeinsam nach Macau. Noch im selben Jahr löste David seine Führungsriege auf und liess neue wählen. Er benannte seine Bewegung in «The Family of Love» um und lockerte die Zügel für seine Mitglieder. Durch den Verlust ihrer Vormachtstellung verliessen viele Führungsmitglieder die Gruppe, so auch Eve. Faith`s Vater und dessen Frau Esther wurden von David 1980 aus der Führungsriege ausgeschlossen, die bis dahin noch die Druckerei der Mo-Briefe geleitet hatten. Nach einer Welle der negativen Presse und Anschuldigungen wegen Prostitution zog Faith`s Familie nach Hac Sa um, einem kleinen Dorf am entlegensten Ende von Macau.

Kindheit

Das Leben in Hac Sa

Als Faith vier Jahre alt war floh ihre Familie von Macau nach Hac Sa. Ihr Vater erklärte ihr damals, dass böse Menschen sie verfolgen würden, um sie davon abzuhalten Gottes Werk zu tun. Als einzig wahre Jünger Gottes würden die Mächte des Teufels sie bedrohen. Dort lebte die ganze Familie in ärmlichen Verhältnissen, abgeschnitten von allen Annehmlichkeiten der Stadt. Faith und ihre Geschwister mussten in den ersten Wochen in Hac Sa die Vorzeigefamilie spielen, immer höflich lächeln und im Dorf Müll aufsammeln.

Als eine andere Familie der Family International zu Besuch kam, erklärte Faith, dass sie alle Erwachsenen Auntie (Tante) und Uncle (Onkel) nennen musste. Sie seien alle eine grosse Familie und so durften auch alle Erwachsenen alle Kinder züchtigen und schlagen. Damals war Faiths Leben komplett durchgeplant. Jeden Morgen nach dem Frühstück wurde für zwei Stunden eine Andacht gehalten, mit Lobliedern, Gebeten, Bibel- und Mo-Brief-Lesungen. Danach folgte die Hausarbeit, Joyful Job Time (JJT), dazu manchmal Unterricht. Gefolgt vom Mittagessen, einer Stunde Ruhezeit, der Nachmittagsarbeit, Sport und einer Dusche. Nach dem Abendessen gab es eine Stunde Familienzeit bevor alle in ihre Zimmer gehen mussten um zu Beten oder in der Bibel zu lesen.

Sexualität

Schon in ihrer Kindheit war Sex für Faith allgegenwärtig. Frauen wurden dazu angehalten sich so wenig wie möglich zu kleiden, je nach dem was in den jeweiligen Ländern noch erlaubt war. «Sex ist unser Dienst an Gott. Sex zu verweigern gilt als unnachgiebig und egoistisch, dem Willen Gottes ungehorsam. Und von uns wird absoluter Gehorsam erwartet.» (Jones, 2023: 68) Schon mit drei Jahren bekam Faith Bilder von Menschen die Sex hatten zum Ausmalen. Sie bekam damals auch mit wie ihre Mutter zusammen mit anderen Frauen zum Flirty Fishing nach Macau gehen musste, um dort Männer mit Sex zu locken und sie als Gönner zu gewinnen. Frauen durften sich dem Flirty Fishing nicht verweigern, konnten sich jedoch aussuchen mit wem sie es tun wollten, wenn die Führung ihnen nicht befahl mit jemand bestimmten zu schlafen. Faith erinnerte sich daran, wie ihre Mutter manchmal weinte, wenn sie mit einem unattraktiven «Fisch» schlafen musste, denn verweigern durfte sie sich ihm nicht.

Mo behauptete ihm seien immer wieder verführerische himmlische Frauen erschienen, die ihn dazu anhielten die Welt zu missionieren und zu erretten. In den Mo-Briefen forderte er Mädchen und Frauen dazu auf aufreizend zu tanzen und Videos davon an ihn zu schicken. Faith musste mit drei Jahren das erste Mal bei so einem Video mitmachen, bedeckt nur mit durchsichtigen Tüchern. Bei der zweiten Aufnahme ist Faith sechs Jahre alt und noch zu jung um an der anschliessenden «Sharing Time» teilzunehmen. Dabei werden alle Erwachsenen und die Mädchen und Jungen ab einsetzen der Pubertät, ungefähr mit 10 Jahren, dazu angehalten miteinander freien Sex zu haben. Denn in den Mo-Briefen stand, dass der Teufel Sex hassen würde. «Im Gesetz der Liebe gibt es keine Beeinträchtigungen in Bezug auf Verwandtschaft oder Alter.» (Jones, 2023: 115)

Mit 6 Jahren musste Faith das erste Mal einem erwachsenen Mann bei der Masturbation unterstützen. Von da an versuchte sie die Männer zu meiden und sich unter den anderen Kindern vor ihnen zu verstecken, was nicht immer gelang.

Als viele der Kinder der Family International zu Teenagern wurden mussten diese Fragebögen ausfüllen und es kam heraus, dass sich diese durch Sex mit Erwachsenen traumatisiert fühlten. So wurden an alle erwachsenen Briefe verschickt, in denen sie dazu aufgefordert wurden keinen Sex mehr mit Minderjährigen zu haben. In den meisten Ländern war das 15 oder 16 Jahre. Sex unter Kindern war aber weiterhin kein Problem. Faith war 10 Jahre alt bei dieser Neuerung und erleichtert, da sie furchtbar Angst gehabt hatte mit 12 Jahren Sex mit einem erwachsenen Mann haben zu müssen. Doch schon kurz darauf wurde sie von einem erwachsenen Mann zu einem Zungenkuss gezwungen. Verweigerung war nicht möglich, so sollte sie ja Gottes Liebe zeigen. Etwa ein halbes Jahr später vergriff sich auch ein anderer Mann an ihr.

Als Faith 11 Jahre alt war gab es eine Änderung in ihrem Tagesablauf. Nun waren viele Jugendliche in ihrem Zuhause und alle Mädchen wurden einmal pro Woche einem Jungen zugeteilt mit dem sie dann Sex haben sollten. Auch Faith wurde einem Vierzehnjährigen zugeteilt, den sie mit den Händen befriedigen musste.

Bildung

Faith schrieb, dass zwar rein theoretisch Männer und Frauen einander gleichgestellt waren, die Realität jedoch ganz anders aussah. Geleitet wurde fast alles von Männern und die Frauen kümmerten sich um Haushalt und Kinder. Als sie in Hac Sa lebten kam auch ein Betreuer namens Uncle Michael dazu, der den Kindern Heimunterricht erteilte. Im Allgemeinen bekam Faith damals keine besonders gute Schulbildung, ihre Geschwister lernten Lesen, Schreiben und Rechnen, aber alles nur auf Grundschulniveau. Der Hauptteil der Bildung beruhte auf der Bibel und den Mo-Briefen.

Mehr und mehr Familien zogen nach Hac Sa und so wurde die Schule und der Unterricht für Faith und ihre Geschwister ausgebaut. Gelehrt wurde, was im Childcare Handbook stand, dem offiziellen Lehrbuch der Family. Dies beinhaltete die Schöpfungsgeschichte, Mathematik (Einmaleins, Division und etwas Geometrie für Jungen), Wissenschaft und Biologie beginnend mit der Schöpfung und einer langen Widerlegung der Evolution.

Bestrafungen

Faith erzählte von Anfang an, wie sie ihren Vater fürchtete. Sie beschreibt seine unberechenbare Art und die brutalen Strafen, die auf jeden kleinsten Ungehorsam folgten. «All das ist darauf ausgelegt, den grösstmöglichen Schmerz zuzufügen, ohne uns tatsächlich zu verletzen. Das nennt er «gottesfürchtige Kindererziehung».» (Jones, 2023: 87) Über Ohrfeigen, Schläge mit Stöcken, fieses Zwicken in Arme und Nacken berichtet Faith. Wenn sie nicht zu Hause waren in einem Restaurant, habe ihr Vater die ungehorsamen Kinder gezwungen Tabasco Sauce zu essen.
Auch Faiths Mutter bestrafte sie ab und zu selbst, indem sie ihr den Mund mit Seife auswusch. Meistens rief sie jedoch Faiths Vater zu Hilfe.

Medizin

Wenn jemand in der Familie krank wurde, durften sie nicht ins Krankenhaus gehen. Stadtessen wurde für den Kranken gebetet und er wurde gesalbt, sowie mit allerlei alternativer Medizin behandelt. Faith wurde gesagt, die Medikamente der Systemärzte würden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit töten. Als alle Kinder Madenwürmer bekamen, wurden sie gezwungen drei Tage lang nur Kokosnüsse zu essen, das sollte die Würmer abtöten. Als die Kinder danach immer noch Würmer hatten bekamen sie dann doch Medikamente aus der Apotheke und ihre Eltern waren überzeugt, dass ihr Glaube nicht stark genug gewesen sei.

Geld

Die Kinder mussten in Macau an verschiedensten Orten auftreten, singen und tanzen, um Menschen für Jesus zu begeistern und allem voran Geld zu sammeln. Faith und ihre Geschwister mussten alles geben, immer lächeln, immer freundlich, auch wenn Fremde sie umarmten oder mit ihnen auf Fotos posieren wollten. Fehltritte wurden Zuhause vom Vater hart bestraft. Allgemein war es Faith und den anderen Mitgliedern nicht erlaubt irgendeinen «System»-Job anzunehmen. Finanzieren sollten sie sich ausschliesslich von Spenden, um nur für Gott zu leben.

Kontrolle

Jeden Monat mussten Faiths Familie, wie die anderen Mitglieder, 10% ihrer Spendeneinnahmen zusammen mit einem Bericht über Mitgliederzahlen und die Missionsarbeit an sogenannte «World Services» schicken. Diese Verwaltungseinheiten wurden streng geheim gehalten und wer einen Bericht nicht abgab, der wurde exkommuniziert.

Faith spricht auch die allgemeinen Strafen für Mitglieder der Family an. Ihr Grossvater Mo, hätte alle immer augenblicklich gelobt oder öffentlich getadelt, was dazu führte, dass alle sehr bemüht waren absolut gehorsam zu sein. Jeder sollte seine Sünden stets selbst zugeben und gleich gestehen, bevor andere ihn verraten konnten. Die Mitglieder wurden auch dazu angehalten jede kleinste Sünde der anderen zu melden, sonst würden sie sich selbst versündigen.

Einmal im Jahr fand ein Treffen aller Family-Homes in der asiatisch-pazifischen Region statt, das General Area Fellowship. Dort mussten alle Mitglieder hingehen, es wurden Berichte ausgetauscht, aber auch Entscheidungen diskutiert. Eigentlich sollten Home-Schäfer gewählt werden, doch Faiths Eltern waren durch ihre Blutsverwandtschaft mit Mo, die unangefochtenen Führer. Auf Basis der Mo-Briefe legten Faiths Eltern fest, wie die Mitglieder was zu tun hatten, von Alkoholkonsum, über genehmigte Filme, bis hin zu der Art wie Kleidung zu waschen war. Alles wurde von ihnen diktiert.

«Die Home-Schäfer müssen den Gebiets-Schäfern Bericht erstatten, die wiederum den Landes- oder Regions-Schäfern berichten, und immer so weiter die Hierarchieleiter hinauf.» (Jones, 2023: 112)

Geburt

Als Faith erfuhr, dass sie bald eine kleine Schwester bekommen würde, war sie überglücklich. Diese Freude wich jedoch teilweise, als sie und ihre Geschwister bei der Geburt dabei sein mussten. Ihre Eltern wollten, dass sie alle genau zuschauten, während ihre Mutter Ruthie das kleine Geschwisterchen entband. Die neugeborene Amy war eigentlich nur Faiths Halbschwester, denn ihr Vater war der Fisch von Faiths Mutter. Solche Kinder, die durch Flirty Fishing entstanden waren, wurden «Jesus-Baby» genannt und galten als besonderen Segen für die Familie.

Bücher

Als Faith etwa 8 Jahre alt war, liebte sie die Geschichten von Heaven`s Girl, einer Superheldin aus einem Kinderbuch, geschrieben von ihrem Grossvater Mo. Es ging um eine fünfzehnjährige, in eine durchsichtige Toga gekleidet, die in der Zukunft lebte. Dort wurde sie von einer Truppe antichristlicher Soldaten gefangen genommen. Während diese sie vergewaltigten, flüsterte sie ihnen Botschaften von Jesus ins Ohr. Die Superheldin überlebt auch eine Löwengrube und bekehrt die Soldaten, die ihr dann als Jünger folgen. Es gab viele Geschichten von Heaven`s Girl in denen sie Sex nutzte, um zu überleben und dieselben Wunder wie Moses vollbrachte.

Offiziell waren nur genehmigte Bücher der Family International erlaubt. Doch eines Tages als Faith etwa 10 Jahre alt war fand sie eine Ausgabe von “Der geheime Garten”. Daraufhin ging sie zu anderen Eltern der Family und las dort noch mehr. Sie wollte sich in diesen Fantasiewelten verlieren und ihrer Realität entfliehen.

Die Endzeit

Faith wurde beigebracht, dass die Endzeit bereits 1986 begonnen hatte. Ihr Grossvater Mo prophezeite, dass Jesus 1993 wiederkehren würde. Deshalb sei auch Geld, Besitz oder Altersvorsorge komplett unnötig. Es gab viele Spekulationen über den Antichristen und seit Beginn der “Trübsal” trafen immer mehr Mo-Briefe ein die auf Ereignisse in den Medien hinwiesen, welche die Herrschaft des Antichristen zeigen würden. Faith und alle anderen Mitglieder waren immer bereit für das Ende, für Naturkatastrophen und Krieg, der unweigerlich bald kommen würde, wenn der Antichrist sich offenbarte und die Weltherrschaft an sich riss. So hatten sie alle eine Fluchttasche immer bereit und übten manchmal mitten in der Nacht die Flucht.

Teenagerjahre

Teen Home

Als Faith 10 Jahre alt war wurde aus ihrem Zuhause in Hac Sa ein Teen Home gemacht und Jugendliche untergebracht, die zuvor in den Philippinen gelebt hatten. Das hiess, dass nun viele ”Sexgelage” stattfanden, sowie Talentabende bei dem die jugendlichen Mädchen Striptease vorführten. Mit der Ankunft von Faiths Tante Faithy änderten sich dann auch die Regeln und alle, auch Faith, bekamen einen Buddy zugeteilt, dem sie niemals von der Seite weichen durften. So mussten sie sich gegenseitig überwachen und Verstösse sofort melden.

Thailand

Faith bekam einen kleinen Bruder namens Jondy als sie gerade 11 Jahre alt war und musste sich von da an um ihn kümmern. Ihr Vater wurde zu dieser Zeit mit ihren beiden ältesten Brüdern nach Japan geschickt. Kurz darauf wird auch ihre Mutter versetzt und Faith bleibt mit Jondy zurück, blieb aber nur wenige Monate weg. Danach zog Faith mit ihrer Mutter, sowie Amy uns Jondy nach Thailand. Dort herrschte eine militärische Atmosphäre und Faith wurde zu den Kindern geschickt, nicht mehr wie in Macau zu den Teens. Als Faith dagegen protestierte wurde sie zu einem Monat Schweigen verurteilt, das nur kurz für ihren Zwölften Geburtstag ausgesetzt wurde.

Faiths Mutter ging es in Thailand immer schlechter und eines Tages nahm sie Faith und ihre Geschwister und rannte einfach davon. Sie hatte grosse Angst, dass die Family ihr Faith, Amy und Jondy wegnehmen würden. Doch weil sie kein Geld hatten kehrten sie dann doch zum Home zurück. Bald darauf zogen die drei nach Amerika um dort in einem Trailer zu leben und zu missionieren.

USA

Die Ankunft in den USA war nicht gerade erfreulich für Faith, ihre Mutter und ihre Geschwister. Niemand war so wirklich informiert, dass sie kommen würden und es gab einiges Chaos, bis sie schliesslich nach Atlanta kamen und auch Faith´s Grossmutter mütterlicherseits besuchen konnten. Faith mochte ihre Tante Madeline auf Anhieb, auch wenn diese ihrer Mutter vorwarf in einer Sekte zu sein und den Kindern ein normales Leben vorzuenthalten. Richtig begeistert war Faith jedoch von der Geschirrspülmaschine ihrer Tante, etwas, dass sie in den Family Homes nie kennengelernt hatte. Doch schon bald zog Faith mit Mutter und Geschwistern in einem alten Camper los, um zu missionieren. Doch die Eindrücke, die Faith in einem “Systemleben” bei ihrem Grossvater sammeln konnte, liessen sie nicht ganz los. Über Winter blieben sie in Atlanta, aber fest aufnehmen wollte kein einziges Family Home die kleine Familie, alle wiesen sie ab. Wegen neuen Regeln wurden Faith und ihre Familie zu Mitgliedern zweiter Klasse herabgestuft, zu “Unterstützern”, weil sie nicht in einem Home lebten. Nun musste Faith auf der Strasse betteln gehen, indem sie vorgab Geld für gemeinnützige Projekte zu sammeln. Um nicht zu verhungern schlossen sie sich einer anderen Familie an, die herumreist. Doch der Vater zwang Faith´s Mutter mit ihm Sex zu haben und kontrolliert sie alle. Weshalb die kleine Familie sich von den anderen trennte und wieder zu Faith´s Grossmutter ging.

Das Leben im «System»

Faith`s Mutter musste sich einen Job suchen und die Kinder nun in die Schule gehen. Schnell konnte Faith sich damit arrangieren, schrieb gute Noten und verschlang so viele Bücher wie sie nur konnte. Doch schon nach einem halben Jahr kam ihr Vater unerwartet in die USA und nahm Faith wieder mit nach Macau zur Family.

Hac Sa und doch ist alles anders

Wieder zurück in Macau war nichts mehr wie es war. Alle vertrauten Menschen waren weg, fast alle Tiere verkauft und das Haus verwahrlost. Schnell brachte die fünfköpfige Familie alles wieder in Ordnung und verdienten ihr Geld von da an mit Reitunterricht. Doch durch die Erlebnisse war der Glauben der ganzen Familie an die Family gebrochen und Faith`s Eltern wollten nicht mehr einfach alles von der Führungsriege akzeptieren. Bücher konnte Faith trotz ihres Umzugs noch lesen, da ihre Grossmutter immer wieder Pakete schickte. Auch ihr Vater hatte sich verändert und als Faith 14 Jahre alt war lebten sie ein ruhiges Leben in Macau, die Regeln der Family nur halb befolgend. Ihr Vater war während seines Aufenthalts in Japan 2 Jahre lang isoliert und gebrochen worden, was ihn zu einem anderen Menschen gemacht hatte, der ruhig und gelassen war und seine Kinder nicht mit Gewalt bestrafte. Auch Faiths Mutter hatte sich verändert und wollt nie mehr komplett von der Family abhängig sein, so wollte sie selbst einen College-Abschluss machen und erlaubte Faith einen High School-Abschluss anzustreben.

Das erste Mal und ab nach Japan

Als Faith 15 Jahre alt war, zogen zwei Mädchen im selben Alter zu ihr nach Hac Sa. Gemeinsam schlichen sie sich nachts aus dem Haus um Jungen zu treffen. Faith erlebte ihren ersten Sex mit einem 20 Jahre alten Jungen. Gut waren ihre Erfahrungen nicht, es tat einfach nur weh. Danach erzählte ihr ihre Mutter, wie sie früher vergewaltigt worden war. Faith fühlte sich unwohl, musste aber schon bald entscheiden, ob sie exkommuniziert werden wollte oder nach Japan umziehen.
Als sie 16 war reiste sie in ein Teen Home in Japan. Dort tat Faith sich schwer wieder ein braves Mitglied der Family zu sein, vermisste sie doch ihre Freiheiten. Sie konnte nun nicht mehr über ihr Leben bestimmen, jedoch fand sie eine neue Freundin namens Joy, durch die sie sich nicht ganz verloren fühlte.

Nachdem sie von Joy verraten wurde stürzte sich Faith ins Bibelstudium, doch wenn sie zu viele Fragen stellte wurde ihr vorgeworfen an Gott zu zweifeln. Immerhin hatte Faith in Japan die Möglichkeit einige ihrer Geschwister wiederzusehen und als sie 17 war durfte sie mit ihren Eltern in die USA, machte dort sogar ihren High School Abschluss.

Erwachsen

Ein Prinz in Russland

Als Faiths Grossvater Mo starb übernahm Maria die Leitung der Family, was nicht allen passte. Faith war vor allem wütend, dass ihr Grossvater sie ihr ganzes Leben lang ignoriert hatte. Nun sollte sie sich einen guten Mann suchen, wie die anderen Teenager. Aber Faith konnte nichts und niemanden mehr lieben und zwang sich mit einem Jungen zu gehen. Von ihr wurde bald erwartet sich zu verloben, doch fand sie einen Ausweg und begab sich auf eine neue Mission in Russland. Dort traf Faith auf ihre Brüder Nehi und Caleb, die dort mit ihren Familien lebten. Ganz unverhofft begegnete sie in Moskau auch Davidito, der ungefähr gleich alt war wie sie selbst. Ihr Leben lang hatte sie ihn für seine Vorrangstellung in der Family beneidet, doch nun hatte sie Mitleid mit ihm. Er war ein trauriger junger Mann, dem es nur selten erlaubt war mit gleichaltrigen in Kontakt zu treten.

Kasachstan

Faith musste wegen des Ablaufenden Visum von Russland nach Kasachstan umziehen. Dort wurde sie mit der bitteren Kälte und der Armut in dem ehemaligen Sowjetstaat konfrontiert. Dort wurde sie gezwungen mit einem jungen Mann zu schlafen, nachdem sie bestraft worden war, weil sie sich ihm nicht freiwillig hingeben wollte. Später verliebte sie sich in einen anderen Mann, der jedoch bald darauf nach Moskau geschickt wurde und wieder mit seiner Exfreundin zusammengekommen war. Faith wollte nur noch weg aus Kasachstan und bald bot sich ihr die Gelegenheit für eine Mission in China.

China – Freiheit und Leid

In China konnte Faith wieder mehr Freiheiten geniessen und lebte dort mit ihren Eltern und anderen, die sie bereits aus ihrer Kindheit in Hac Sa kannte. Da Missionsarbeit in China verboten war mussten sie verdeckt operieren. Faiths Mutter arbeitete als Englischlehrerin und Faith selbst, zusammen mit ihren Kindheitsfreunden Patrick, Ching-Ching und Sophia, durfte die Universität besuchen. Als Faith 21 war, rief ihre Grossmutter überraschend an und nahm ihre Enkelin mit auf eine Reise durch Europa. Die letzte Nacht verbrachte sie alleine in einem Family Home in England, wo ein junger Mann sie vergewaltigte. Aus Angst bestraft zu werden behielt sie alles für sich, doch innerlich war sie gebrochen und allein. Mit 22 führ sie dann mit einer Gruppe junger Leute nach Peking, wo sie einen Freund von der Uni wiedertraf. Nach einem Kuss fühlte sie sich jedoch so schuldig, dass sie sich selbst an die Gebietsschäfer verpetzte. Diese schickten sie zur Rehabilitierung nach Taiwan, wo ihr Bruder Josh sie abholte.

Taiwan – Depression und neue Hoffnung

Nach einiger Zeit in einem Family Home ging Faith aushilfsweise zur Familie ihres Bruders, wo sie eines der schlimmsten Erdbeben Tawians miterleben musst. Nach den Aufräumarbeiten konnte sie in ein Home für junge Erwachsene ziehen, wo sie wieder mit Männern Sex haben musste, mit denen sie nicht wollte. Sie begann immer mehr die Family und ihre Taten zu hinterfragen, ihr ganzes Leben kam ihre so sinnlos vor. Zum ersten Mal überlegte Faith sich ernsthaft die Family zu verlassen. Immer mehr wuchs ihre Sehnsucht zu studieren, weswegen sie furchtbare Schuldgefühle plagen, neben einer schlimmen Depression. Doch irgendwann wollte sie einfach nicht mehr im Elend gefangen sein.
«Ich fasse endlich einen Entschluss. Ich. Bin. Durch.
Ich werde mein Leben selbst in die Hand nehmen.
Nur wenige Minuten zuvor hat sich das noch wie ein unmöglicher Schritt angefühlt, aber sobald ich die Entscheidung getroffen habe, die Family zu verlassen und zu studieren, verfliegt die Depression.
Zum ersten Mal in meinem Leben handle ich nach meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen.» (Jones, 2023: 367)

Ein beschissener Abschied aus der Family

Faith teilte ihren Entschluss die Family zu verlassen den Schäfern und auch ihrem Vater mit. Ihre Eltern waren mittlerweile getrennt, konnten ihr finanziell aber nicht helfen. Ihr Vater half ihre einen Job in Macau zu bekommen und so flog sie dorthin. Bevor sie jedoch zum Flughafen kam wurde sie zum Abschied aus Tawain und der Family ein weiteres Mal von einem älteren Mann der Family vergewaltigt. «Der körperliche und seelische Schmerz macht mir eines klar: Ich komme nie mehr wieder zurück.» (Jones, 2023: 374)

Frei von der Family?

Von Macau nach Kalifornien

Faith erreichte Macau im Jahr 2000 und konnte dank der Kontakte ihres Vaters in einem Casino als Englischlehrerin arbeiten und bei einer Witwe ein Zimmer mieten. Das Leben alleine ausserhalb der Family war für Faith nicht leicht, als sie krank war kümmerte sich niemand um sie und als sie sich einen Ventilator ihrer Vermieterin lieh wurde sie als Diebin beschimpft.
Nach einem heissen Sommer in Macau hatte Faith genug Geld zusammen und flog in die USA. Dort besuchte sie der Reihe nach ihre Verwandten und kam schlussendliche bei ihrer Tante mütterlicherseits in Kalifornien unter. Da ihr Heimunterricht von den Universitäten nicht anerkannt wurde, musste Faith zuerst ans Community College und nebenbei als Barkeeperin arbeiten. Nun musste sie sich damit beschäftigen wer sie eigentlich war, was sie mit ihrem Leben machen wollte und an was sie glauben möchte. Langsam wurden ihr all die Ungerechtigkeiten mit denen sie in der Family aufgewachsen war bewusst. Faith wollte alles aufholen, was sie bisher verpasst hatte. Ehrgeizig arbeitete sie auf ihre Ziele hin und wurde bald Managerin eines Bistro und zog mit einer Freundin zusammen. Nach einem Jahr zahlte sich ihre harte Arbeit aus und Faith wurde an der Georgetown University in Washington D.C. angenommen.

Studentenleben

In der Universität lernt Faith eine ganz neue Seite von Amerika kennen, dass ihr Leben lang als «Hure Babylon» bezeichnet wurde. Sie traf viele junge, idealistische Menschen, welche die Welt wirklich zu einem besseren Ort machen wollten. Ausserdem lernte Faith, dass es nicht immer eine einzige Wahrheit gibt oder eine Autorität, die diese Wahrheit vermittelt. Sie musste auch lernen, dass die Bibel nicht so fehlerfrei war, wie die Family ihr weismachen wollte. Faith arbeitete hart und unablässig, um im Studium mitzuhalten und nebenbei genug Geld zum leben zu verdienen. Ihr wurde bewusst, dass trotz all der Strapazen in ihrem Leben, sie doch dadurch gelernt hatte hart zu arbeiten, zielstrebig zu sein und beharrlich.

Die Entdeckung eines Traumas

Auf der Universität lernte Faith Rob kennen. Er war beim Militär und arbeitete beim Justizministerium. Durch ihn lernte sie, dass Sex nicht weh tun sollte und sie konnte ihren eigenen Körper besser verstehen. Irgendwann erzählte sie ihm die ganze Geschichte über die Family und ihre Erlebnisse. Rob war schockiert und wütend. Erst jetzt erkannte Faith wie schrecklich ihre Erlebnisse in der Family wirklich waren und wie weit entfernt von allem was richtig ist. Doch auch von Rob musste sie sich irgendwann lösen, so war er doch ebenfalls ein autoritärer Gläubiger der Siebenten-Tags-Adventisten.

Daviditos Ende

Es war überall in den Medien. Davidito, der Prinz der Family, hatte seine Nanny erstochen und sich danach selbst erschossen. In einem Video veröffentlichte er harte Anschuldigungen gegen seine Eltern und die ganze Family, erzählte von seinem lebenslangen Missbrauch. Das war für Faith schockierend und erleuchtend zugleich. Nun wurde ihr erst richtig bewusst wie sie seit ihrer Geburt vergewaltigt und missbraucht wurde, ihrer Kindheit beraubt. Sie konnte nicht verstehen, wie ihre Eltern ihr das hatten antun können. Faith war innerlich aufgewühlt und trotzdem schaffte sie den Abschluss an der Universität mit summa cum laude.

Traumabewältigung

Nach ihrem Abschluss ging Faith nach Kalifornien an die Berkley School of Law. Das Jurastudium war eine rein rationale Entscheidung, trotzdem fand Faith gefallen daran. Nach dem Abschluss bekam sie einen gut bezahlten Job in Los Angeles und nach einiger Zeit wurde sie nach Hongkong versetzt. Faith wechselte 2012 zu einer kleinen Kanzlei in Kalifornien und machte sich 2018 im Gesellschaftsrecht selbständig. So begann Faith sich intensiver mit sich selbst zu beschäftigen und erkannte die emotionalen Mauern, die sie durch die Traumata in ihrem Leben errichtet hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie sich öffnen musste um zu heilen. 10 Jahre nach dem Austritt aus der Family sahen auch ihre Eltern ihre Fehler ein und entschuldigten sich bei ihren Kindern für das, was sie ihnen angetan hatten. Faith und ihre Mutter kamen sich nach langer Zeit wieder näher und begannen miteinander über ihre Traumata zu sprechen und ihre Taktiken zur Heilung. Die Family zerfiel langsam und einige von Faiths Geschwistern traten aus, andere blieben. Faith wusste nun, wie wichtig es war seine eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen und sich bewusst zu entscheiden aus ihrem Trauma etwas Gutes zu machen.

«Ich gehöre mir»

20 Jahre nach ihrem Austritt aus der Family, mit 41 Jahren, war Faith bereit ihre Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen. Sie hatte sich intensiv mit den Mechanismen der Family und den Manipulationen auseinander gesetzt und wollte ihre Erkenntnisse teilen. Sie war nun davon überzeugt, dass der Körper eines Menschen dessen Eigentum war und dieses Recht konnte ihm niemals angesprochen werden. Diebstahl bleibt Diebstahl und genau so bleibt Vergewaltigung auch Vergewaltigung und es gibt keine Entschuldigung dafür. Der Kern von Faiths Erkenntnissen war «individuelle Freiheit, ohne die anderen zu missachten». (Jones, 2023: 439) Jeder Mensch hat das Recht auf seinen Körper, seine Arbeit, seine Ideen. Niemals sollte eine Person dazu gezwungen werden, ob durch Gewalt, durch Manipulation oder Druck, eine seiner individuellen Freiheiten aufzugeben.

Kommentar

Bereits im ersten Kapitel war eine gewisse Angst der Kinder ihrem Vater Hosea gegenüber spürbar. Die Kinder konnten niemandem vertrauen, weder einander noch den erwachsenen, nichteinmal den eigenen Eltern. Die Angst ist in Faiths Erzählungen fast immer präsent, die Angst vor dem Ende der Welt und der Verfolgung durch das System, aber auch die Angst vor Bestrafung und vor sexuellem Missbrauch. Faith beschreibt teilweise auch den einigermassen normalen Familienalltag, die Beziehungen zu ihren Geschwistern, Spass mit Freunden und auch liebevolle Momente. Das alles wird jedoch überschattet von immer mal wieder Vorkommenden für Kinder vollkommen unangemessener Literatur oder auch sexuellen Übergriffen und brutalen Strafen.

Sex war in Faiths Kindheit überall gegenwärtig und sie selbst spielte auch damit als sie erst vier Jahre alt war. Sie beschreibt wie Frauen in The Family sexualisiert wurden und sich dabei niemals einem Mann der Sex mit ihnen wollte verweigern durfte. Denn das wäre gegen Gottes Wille gewesen. Doch klar handelt es sich bei all dem um Vergewaltigung und Missbrauch.

Es ist auch von den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs der Family von Seiten der Behörden die Rede und davon, dass Faith glaubte das seien alles Lügen. Sie dachte Kinder zu vernachlässigen, ihnen die Knochen zu brechen oder sie halb verhungern zu lassen sei Kindesmissbrauch, nicht jedoch was sie erfahren hatte. Die Menschen in der Family waren so manipuliert worden, dass sie glaubten, sie würden das richtige tun. Dabei bleiben erzwungene sexuelle Handlungen immer Vergewaltigungen und somit eine Straftat.

Faith beschreibt auch wie ihre Mutter ihr erzählte, wie sie vergewaltigt wurde. Die Family hätte Vergewaltigung nie als besonders schlimm angesehen und Frauen sollten es einfach über sich ergehen lassen, sich fügen, dann wäre es ja gar nicht so schlimm. Eine komplett unangebrachte, gewaltverherrlichende, frauenfeindliche Ansicht!

Selbst zu denken war offenbar in der Family International unerwünscht und wurde den Mitgliedern auf brutalste Weise ausgetrieben. Faith wurde körperlich und seelisch von Geburt an missbraucht und gebrochen. Zu Recht gilt die Family International als eine der schlimmsten Religionsgemeinschaften die in der Schweiz zu finden sind.

Literaturverzeichnis
Jones, Faith (2023): Ungehorsam. Wie ich der Sekte meiner Familie entkam, HarperCollins: Hamburg.

Jasmin Schneider 2023

Lexikoneintrag The Family International

Bekim Ahmeti – der neue Stern im Universum des Positiven Denkens?

Wer ist Bekim?

Bekim Ahmeti vertritt ein holistisches Weltbild und präsentiert sich als jemand, der Personen bei der Manifestation unterstützt. Manifestieren bedeutet, sich etwas, das man möchte, klar vorzustellen, damit es dann vom Universum «geliefert» wird. Jemand, der beispielsweise eine Lohnerhöhung will, stellt sich vielleicht das Gespräch mit den Vorgesetzten oder einen Brief mit der gewünschten Lohnanpassung vor, wobei die Vorstellung so stark sein soll, dass man sich davon überzeugt, dass es passiert. Sobald dies der Fall ist, erhält man es vom Universum. Über Bekims Ansatz zu diesem Thema geht es in diesem Text. Bekim kam als 14-jähriger das erste Mal in Kontakt mit Spiritualität, hatte mit 19 ein Burnout und absolvierte sowohl ein Handelsdiplom als auch mehrere Weiterbildungen, unter anderem bei der Akademie für Naturheilkunde. Er hat zwei Unternehmen, die im Handelsregister eingetragen sind: eine, die sich mit Coaching beschäftigt, und eine andere, die sich mit dem Vertrieb von Waren beschäftigt.

Ich fand ihn, als ich nach Manifestation suchte, klickte mich auf seiner Webseite etwas durch und sah dann, dass ein kostenloses Webinar stattfinden würde. Da sah ich, dass heute wohl «nur noch 1 Platz» frei war. Ich schrieb mich also direkt ein und nahm am Webinar teil. Später würde ich feststellen, dass es sich bei diesem Webinar um eine gut inszenierte Aufnahme handelte. Dass «nur noch 1 Platz» frei war, ist wohl als einer der vielen Marketingtricks, von denen ich später erzähle, zu betrachten.

«Jeder macht ein Webinar, um etwas zu verkaufen»

Bekim erklärt anfangs, dass er heute alle Informationen komprimiert darstellen wird, und es sich bei diesem «Deep-Dive-Seminar» um Grundlagen halte, die man immer anwenden könne. Das Webinar sei ein «Deep Dive Workshop» für «tiefe Heilung», und Bekim wolle uns die Tür aufmachen. Wie es im Verlauf des Webinars kommen soll, ist die Tür vor allem zu seinen Produkten. Er stellt sich von Anfang an als jemand dar, den diesen Personen hilft, die es immer noch nicht geschafft haben, richtig zu manifestieren. Im ersten Teil spricht er darüber, wie einfach seine Methode sei, dass sie schon jederzeit vor unserer Nase war. Dann sagt er «Jeder macht einfach ein Webinar, um irgendwas zu verkaufen», regt sich ein wenig darüber auf und betont dann, dass das Webinar eigenständig sei, und Personen, die es nicht wertschätzen, sollen hinausgehen – damit sie nicht anderen Leuten den Platz wegnehmen. Was bei einer Aufnahme ja sowieso fragwürdig ist. Ein Urteil muss ich bereits jetzt fällen: Bekim ist gut darin, sich als beliebter Mann darzustellen. Vielleicht ist das ja auch eine Manifestationsmethode. Im Verlauf des Webinars, heisst, nachdem er eine Weile schon ausführte, erklärt er, er sei nicht hier, um uns «Honig um den Mund zu schmieren», und: «Jetzt kann sich dein Verstand auch konzentrieren», da wir ja vorher Angst haben könnten, dass jetzt sein Verkaufsargument käme. Damit hat er recht, ich habe nämlich schon die ganze Zeit auf sein Produkt gewartet. Dann kommt er damit hervor: Es handelt sich um ein Bonus-Bündel, sein «Back-to-basics»-Paket, wie ich später herausfinden sollte.

Ein «Safe Space»

Der Chat ist so eingestellt, dass wir automatische Nachrichten von Bekim erhalten, aber nicht die Nachrichten anderer sehen können. Bekim erklärte, dies sei dazu da, dass wir uns sicher fühlen konnten, und um einen «Safe Space» zu schaffen, ich stelle aber im Verlauf des Webinars fest, dass es einfach nur ein Trick war, Leute glauben zu lassen, dass es wirklich live passiert. Wenn niemand etwas schreibt und alle das sehen, müsste Bekim ja darauf reagieren, dass nichts steht, und uns zum Schreiben motivieren – was eine Aufnahme natürlich nicht kann. Nach dem Chat-Safe Space will Bekim auch «in uns» einen Safe Space schaffen. Wir sitzen da, und er spricht darüber, wie wir unseren eigenen Körper wahrnehmen sollen, aus einer Beobachtungsperspektive, ohne Werten und mit Akzeptieren von allen Emotionen und Gedanken. Eine Meditationstechnik namens «Achtsamkeit», die mir durchaus bekannt ist und auch von einigen Fachpersonen empfohlen wird, und die ich sympathisch finde, weil sie nicht in die «positiv denken!!»-Richtung geht. Dann geht es aber weiter und es heisst, wir sollen jetzt alles, was wir wahrnehmen, in eine riesige Bubble packen, und die so weit wegtun, wie sie gehen kann. Das ist ein neues Addendum an die alte Technik. Anstatt nun einfach die Emotionen wahrzunehmen, schieben wir sie weg und denken darüber nach, warum wir hier seien, was unsere «Erlösung» sei (was auch immer das heissen mag) und was unsere Herausforderungen seien. Das alles dürfen wir dann im Chat schreiben, und ich habe natürlich nichts geschrieben – ich war damit beschäftigt, mir seine Fragen aufzuschreiben, und gross zum Nachdenken reicht die Zeit dann nicht. 

«Bullshit stories» und Bekims Regisseurstuhl

Bekims Vorschlag, statt Handlungen, Gefühle, Gedanken und Glaubenssätze zu modifizieren einfach nur die Erinnerungen an die Erfahrungen zu ändern, präsentiert er als den grossen Durchbruch. Wir seien Regisseure und ändern die Verknüpfungen, die es im Unterbewusstsein gäbe. Dafür hat er extra einen Regisseurstuhl und empfiehlt auch uns ein entsprechendes «heiliges» Örtchen. Auch die Frage, was sei, wenn wir uns nicht erinnern können, löst er – indem er kommentiert, nur weil wir uns nicht dran erinnern können, kann es unser Bewusstsein. Und wenn es nicht komme, dann brauchen wir es nicht – da nur «zu uns fliesse», was wir brauchen. Viel mehr spricht er aber nicht darüber, das wäre vielleicht kostenpflichtig. Um möglichst zeiteffizient vorzugehen, reiche es, wenn wir «nur» die Kindheit heilen. Schliesslich gäbe es «Hauptträger», und wenn wir diese finden und korrekt behandeln, gehen all unsere kleinen Probleme mit weg. Eine seiner Aussagen war, wie alles in unserem Leben nur Symptome seien, auch körperliche – dass unsere Realität nur ein Spiegel unseres Lebens sei, und wir diese somit nur «kreierten». «Ab heute gibt es keine Probleme mehr! Statt zu jammern, feierst du es», mit der Wahl, diesen «Mangel zu glauben», oder alternativ «Verantwortung zu übernehmen». Anstatt also zu sagen, «ah ja, Schulden sind schön» gehe es darum zu sagen, «ups, ich habe das verursacht! Will ich das? Nein!», denn der einzige Grund für Mangel und Unglück sei, dass wir diese «bullshit stories» glauben, dass wir an diese «Unwahrheiten» glauben. Die einzige logische Wahrheit sei, dass wir «grenzenlos / Energie / vollkommen /…» sind, und alles andere eine Lüge und eine Illusion.

Auffällig ist sein Fokus auf «geiles Leben» und «das Leben macht Spass». Ich bin zwar nicht dagegen, dass Menschen ihr Leben geniessen sollen, aber ich denke, mit 28 Jahren darf der Fokus nicht mehr darauf liegen, wie das Leben möglichst «geil» und «spasshaft» ist. Auf seinen Folien verwendete er konstant Listen mit drei Punkten, nur leider macht dies ab irgendeinem Punkt keinen Sinn mehr, da es sich wirklich nicht mehr um eine Liste handelt.  

Die Energie – alles eins oder doch nicht?

Bekim verwendet sehr häufig den Film «The Secret» als Beispiel. Den habe ich nie gesehen, und netterweise erklärt er kurz, worum es da ging, nämlich um das Gesetz der Anziehung. Dagegen hält er sein Gesetz der Energie. Die drei Aspekte dessen sind die folgenden: «Alles ist Energie», «es ist nur eine Energie», und «Du bist das Universum! Dein Sein bestimmt, nicht Dein Tun!». Dieses Konzept käme auch im zweiten Buch der Autorin von «The Secret» vor. Er kommentiert dann auch, sehr elegant: «Armut bringt dich auch nicht weiter», dass Arme gerne motzen, und dass wir den ganzen Tag eine gute Ausstrahlung haben sollten, nicht einfach 15 Minuten am Tag «positiv denken».

Zu Bekims «Gesetz der Energie» gehört, dass alle Energie eines ist, und es keine gute oder schlechte Energie gäbe. Gleichzeitig spricht er darüber, wie einige Leute trotz positiven Denkens «Scheisse ausstrahlen», und dass er nur Menschen wolle, die «all-in» gehen, damit eine «geile Energie» da sei. Offensichtlich ist Energie doch nicht immer ganz dasselbe?

«Selbst schuld» – ein Manifestationsproblem

Aus Sicht des Gesetzes der Anziehung kann argumentiert werden, beispielsweise ein Übergriff habe nur stattgefunden, da jemand es «manifestiert» hatte. Dies führt zu einer Schuldzuweisung und kann Personen enorm belasten. Dies wird vom Gesetz der Energie nicht gelöst, was mich so lange beschäftigt hat, dass ich mich dazu überwunden habe, es erst in den Chat zu schreiben und dann mit Bekim über sein Formular Kontakt aufzunehmen. Ich verwende also das Beispiel von sexuellen Übergriffen und frage ihn, ob denn Menschen daran selbst schuld wären, da sie es ja «manifestiert» haben, und ob man dabei die Erinnerung mit seiner Methode einfach überschreiben soll. Er sendet mir eine Antwort als Videobotschaft, die knapp 15 Minuten dauert, und in der er meint, die Frage sei enorm wichtig und er wolle sich die Zeit nehmen, diese Frage nun so zu beantworten.

Bekim meint hierbei, dass genau die «Schuldzuweisung» das Problem sei, da man hierbei die Macht, nämlich die Schöpfermacht, weggäbe. Die Erfahrung würde so zu einer Story, die man sich selbst erzählt, über die man sich identifiziert, und durch die man leidet. Bekim führt dann aus, wie man in diesem Fall mit der IIIMM-Methode vorgehen soll. Bei allem, was passiere, soll man «einen Schritt zurück» gehen, analysieren, was passiert ist, ohne Bewertung. Er bezieht sich wieder auf das Gesetz der Energie: «alles ist eins, darum gibt es keine Bewertung und kein Gut und Schlecht». Sein Ansatz, wenn jemand ihm vorwirft, schlechte und potenziell traumatisierende Erfahrungen «klein zu machen», lautet, schön zusammengefasst, «ich mach’s nicht klein, aber auch nicht gross». Es sei wichtig, den Schritt Abstand zu nehmen und die Situation «von aussen» zu sehen. Es gehe nicht darum, was passierte, sondern was man fühle. Man müsse auf die Emotionen schauen, und dabei wirklich: hinschauen. Die Verantwortung, von der er spricht, ist wohl nicht etwa Verantwortung als Schuld, sondern Verantwortung, die eigenen Emotionen «radikal ehrlich» wahrzunehmen. Soweit klingt es wieder plausibel, die eigenen Emotionen ehrlich wahrzunehmen, was er wieder ablöst mit: «Wir heilen es auf tiefster Ebene durch Liebe». Diese Liebe, so betont er, kommt von uns selbst – wir müssten uns selbst die notwendige Liebe schenken, die notwendige Aufmerksamkeit. Und dann, sobald wir radikal hingeschaut haben, und die «Belastung lösen», ist es «nicht mehr in deiner Frequenz enthalten, und das spiegelt sich dann nicht in deinem Leben.»

Das Manifestieren in der Bibel

Nach einer Aufstehübung (mit der linken Hand das rechte Knie berühren, während man das rechte Bein hebt), erklärt er «ab heute ist leiden eine Entscheidung», und dann tauchen wir (erneut?) ein in die Materie. An diesem Punkt dauert das Webinar schon gut 1.5 Stunden, und es ist gefühlt das dritte Mal, dass er über ein Eintauchen spricht. Er gibt uns eine vierteilige Manifestierungsanleitung. Wir sollen uns fragen, was wir wollen, wie unser perfekter Alltag aussieht, welches Gefühl dahinter stehe, und wie wir dieses leben können. Die Liste klingt auch sympathisch ohne den Manifestierungsaspekt, und ist sicherlich besser als das Ziel «Ferrari kaufen». Sich zu fragen, wie man sich fühlen will, halte ich für eine bessere Idee als einfach eine Geschenkliste zu schreiben und warten, bis das Universum «liefert». Auch sein Vorschlag, nicht «Ja» zu sagen, wenn man «Nein» meint, uns treu zu bleiben und immer in uns hinein zu spüren, was gerade «stimmig» war, sind Ansätze, die ich durchaus vertreten kann.

Bekim macht auch einen (hier passenden) Bibelvergleich. Er sagt, es werde behauptet, dass in der Bibel stehen würde: «wenn man darum betet, dann wird man es erhalten» – es stehe aber eigentlich, und da muss er kurz nachdenken, weil er «nicht so religiös» sei: «Glaubt daran, dass ihr erhaltet, dann wird es kommen». Damit bezieht er sich vermutlich auf Matthäus 7, 7.

Der IIIMM-Prozess, sein täglich Brot

Bekims zweiter, wichtigster Teil ist der IIIMM-Prozess, in welchem es um Interrupt («Drama unterbrechen»), Immerse («Eintauchen in den Ursprung»), Iterate (Prozess wiederholen), Metamorphose, und Manifestieren geht. Über diesen spricht er eine Weile, und erklärt dabei einige Aspekte davon. Sein Fokus liegt darauf, den «wahren Ursprung» zu finden und die ursprüngliche Belastung zu «lösen».

Ich denke, das Webinar reicht nicht, um diesen Prozess genügend zu kennen und ihn ausführen zu können, doch Bekim erklärt, dass er uns gern beim Umsetzen seiner Methode unterstützt. Er kommentiert, dass alles Wissen, das er im Seminar kommuniziert, «sein täglich Brot» sei – ob er weiss, dass das eigentlich eher für «Arbeit, mit der man sein Geld verdient» steht? Bei seiner Ausführung wirkt er etwas genervt und erklärt, dass es sich hierbei nicht um «einen scheiss Verkaufstrick» handle, und dass er uns genauso feiere, wenn wir es ohne Hilfe schaffen.

Nach etwa zwei Stunden kommt es zu einem Abschluss. Leider nicht des Webinars. Ab diesem Punkt, etwa in der Hälfte des Webinars, so mein Eindruck, beginnt seine sehr ausführliche Werbung.

Seine Marketing-Skills

Gegen Ende seines eigentlichen Webinars – dessen Inhalt gefühlt in einer halben Stunde verpackt war – findet noch eine einstündige Ausführung über seines «Back2Basics»-Pakets aus, mit welchem wir seine Methoden kennenlernen würden und seinen Support hätten. Um nicht auch noch Werbung dafür zu machen, komme ich direkt zum wichtigen, nämlich den Preisen. Im Paket enthalten sind verschiedene Inhalte, beispielsweise seine IIIMM-Methode (2240 Euro), aber auch die Q&A-Sessions (999 Euro), und noch einiges anderes, und das alles sei «nur» 499 Euro, auch in Raten zahlbar. Er erklärt, dass er selbst mehr als 70’000 Euro investiert hat, und uns alles jetzt «so viel günstiger» anbietet. Bekim folgt auf jeden Fall diversen Marketingtricks und, wenn der Einstieg ins Marketingwesen nicht so schwierig wäre, hätte er vielleicht sogar eine Karriere darin.

Nicht nur das Webinar ist voll mit Marketing, sondern auch seine Webseite. Wer sie öffnet, wird direkt eine Nachricht à la «Hans be.stellte ein bestimmtes Produkt» sehen. Damit wird der Eindruck erweckt, dass die Webseite beliebt ist, was wiederum zum Kaufen motiviert. Mir persönlich ist unklar, ob die Kunden wirklich jetzt gerade diese Produkte kaufen, oder ob diese Nachrichten einfach automatisch generiert werden, um Beliebtheit zu simulieren. Es steht allerdings jeweils, wann sie diese bestellt haben, und das Aufpoppen hört nach ein wenig Zeit auf, und so ist es zumindest möglich, dass es sich hierbei nicht nur um eine generierte Nachricht, sondern um eine korrekte Meldung handelt. Um das auszuprobieren, müsste ich etwas kaufen, und da bin ich zugegebenermassen weniger motiviert. Da er aber durchaus engagiert scheint und seine Webseite beim Googeln nach «Manifestieren» schnell auftaucht, zumindest bei mir, kann ich mir vorstellen, dass andere Menschen ebenso schnell auf die Webseite stossen und sich durch diese Marketingskills beeindrucken lassen.

Die Q&A am Ende des Webinars

Über seinen Kurs sagt Bekim, das Schlimmste, was mit seiner – mächtigsten Methode – passieren könne, sei, dass es länger als 30 Tage ginge. Und das sei überhaupt nicht schlimm. Auf die Frage «Funktioniert die IIIMM-Methode bei mir?» erhalten wir ein schlichtes «Wenn du sie anwendest». Eine weitere Frage, die ich spannend finde, war «Was ist, wenn Personen sich verschulden, weil sie deinen Kurs buchen wollen?». Da kommentiert er «Wenn du willst, dann findest du einen Weg», und regt sich auf, dass er es absichtlich so günstig mache, und er bei seinen Schulden auch immer eine Lösung gefunden hätte. Wenn es aber gar nicht ginge, dann sollen wir erst seinen Kurs «money love» buchen. Den Kurs empfiehlt er auch später, bei der Frage zum IIIMM-Prozess: «gibt es eine Garantie? …. Eine Geld-zurück-Garantie?». Seine direkte Antwort darauf: «Ah. Okay. Schönes Thema. Ganz klares Nein.» Sein Kurs «money love» sei aus genau diesem Grund mit der Geld-Zurück-Garantie. In diesem Sinne ist sein Vorschlag sicherlich gut, die Frage ist natürlich, wie viel man mit dem «money love»-Kurs anfangen kann. Aber dort kriegt man natürlich sein Geld zurück, wenn man innerhalb der geforderten Zeit danach verlangt.

Ein Fazit

Insgesamt im Webinar hatte ich den Eindruck, Bekim hat talentiert esoterisch konnotierte Wörter verwendet und eine «immer funktionierende» Lösung vorgeschlagen, die vermutlich nicht immer funktioniert, sondern nur, wenn man «bereit ist, sie zu verstehen und voll umzusetzen» – damit auch ja ein Türchen offenbleibt. Spannend ist auch, wie er seine Notizen überprüft. Immer wieder, wenn er eine Geschichte über eine Freundin oder «The Secret» erzählt, frage ich mich, was wirklich sein geistiges Eigentum ist, und was er einfach nur zusammengefasst hat – intuitiv fühlt es sich mehr an wie ein Webinar, in welchem er viel, das er lernte, zusammenfasst. Gleichzeitig sagt er, andere hätten ihn kopiert, was natürlich schwierig zu beurteilen ist. Mit diesem Webinar wolle er einen Samen in uns pflanzen, wobei er bei der Wortwahl anfängt zu lachen und ergänzt: «nicht im zweideutigen Bereich», damit wir uns eines Tages denken würden «ah! Stimmt!». Wer weiss, vielleicht kommt dieser Tag bei mir ja auch irgendwann. Einige seiner Methoden wirken sogar sympathisch, nur: Personen zu betreuen, während sie ihre Traumata bearbeiten, finde ich schwierig, wenn man keine therapeutische Ausbildung hat.

Angela Heldstab, 12.07.2023

Lexikoneintrag Bekim Ahmeti

Ein Besuch eines ehemaligen EBG-Mitglieds in der Freien Kirche Uster

Einige Erwartungen und Hypothesen

Die FKU liegt nicht weit von meinem Wohnort und ich fragte mich, wie die Menschen dort so sind. Also entschied ich mich, einen ihrer Gottesdienste zu besuchen, und machte mich am Sonntag um 9:24, damit ich auch ja nicht zu früh in den Gottesdienst um 9:30 ankam, auf den Weg in die Kirche. Ich befürchtete, dass ich zum Grund meines Kommens ausgefragt würde und wollte dies vermeiden.

Das Thema des Gottesdiensts war angekündigt als «Mit Freude die Ziellinie erreichen», und der Predigttext als Hebräer 12, 1-3. Ich dachte mir bei dieser Wortwahl schon, es gehe dabei um die Entrückung und das zweite Kommen von Jesus – Themen, von welchen ich schon so häufig hörte, dass es für mich nicht viel andere Optionen gab. Beim Verwenden des Hebräerbriefs war ich etwas überrascht, geht es doch dort eher darum, im Glauben weiterzukämpfen, was ja nichts mit der Entrückung zu tun hat. Zudem erwähnt er nicht sehr viel Freude, ausser, je nach Bibelübersetzung, die Vorfreude. Aber Ziellinie kann bekanntlich für allerlei stehen, und hier stand sie wohl doch nicht für die Entrückung, sondern einfach «das Ende». 

Als ich dann knapp vor Gottesdienstbeginn in die kleine Kirche am Aabach ankam, war der Raum bereits gut gefüllt, sowohl von älteren als auch von jüngeren Erwachsenen, und ich entschied mich, direkt auf die Empore zu gehen. Ein klarer Dresscode schien nicht vorhanden zu sein, einzelne waren eher elegant gekleidet, andere fast schon sportlich – letzteres besonders bei den jungen Erwachsenen. Ein Fokus auf «Bescheidenheit» fiel mir nicht auf, höchstens beim Ausschnitt, ich sah nämlich keine beträchtlichen. Beim Begrüssen jeder Person, die mir zufällig über den Weg lief, wie dies in so Gemeinden üblich ist, wurde ich von allen angestrahlt. Das war nicht weiter erstaunlich und ich kenne es von anderen Freikirchen. Etwas unangenehm war es mir aber dann doch. Zum Glück war ich so knapp vor Gottesdienstbeginn dort und musste nur den paar anderen, späteren die Hand schütteln.

Die Webseite der Freien Kirche Uster nennt «Mission» als einen für sie wichtigen Fokus. Entsprechend betrat ich den Gottesdienst mit der innerlichen Frage, wie stark ich hier dieses Bedürfnis nach Mission verspüren würde – im Sinne von, wie stark Gemeindemitglieder und der Prediger anfangen würden, mich zu ihrem Glauben zu bekehren, oder dies zumindest zu versuchen. Ich war mir bereits gewöhnt, dass in anderen Freikirchen ab Besuch einer neuen, vermutlich unbekehrten Person der ganze Gottesdienst nur von der Sündhaftigkeit der Menschen und der Notwendigkeit der Bekehrung handelten.

Tipps und Tricks zum Nicht-Austreten

In der Einleitung des Gottesdiensts, die diesmal ein Mann machte, fand ich heraus, dass ich wohl im Taufgottesdienst gelandet war. Ich wusste, dass im Juli einer stattfinden würde, war mir aber nicht bewusst, dass es genau jetzt war. In einer Taufpredigt würden wohl kaum missionarische Elemente, die zur Sündenbusse und Bekehrung aufrufen, vorkommen, und es blieb tatsächlich dabei, dass bis Ende Gottesdienst die «ungläubigen» Personen (gemäss FKU: Personen, welche noch nicht den Weg mit Jesus gehen) nur im Gebet erwähnt wurden. Im Gottesdienst ging es stattdessen um «Tipps und Tricks», im Glauben zu bleiben und nicht aus der Kirche auszutreten. Da ja auch die reformierte Kirche genügende Austritte zu verzeichnen hat, war ich sehr gespannt auf diese Aspekte und vergass dabei, dass ich mich gerade in einer Freikirche befand. Stefan Hardmeier, der aktuelle Prediger, listete mit teilweiser Unterstützung des Predigttexts im Hebräerbrief vier Aspekte auf: Gemeinschaft mit anderen Christen, Vorbild der älteren, «erfahreneren» Christen, das Überwinden von Sünden, und das Aufsehen zu Jesus. Und in diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich ja hier in einer Freikirche war. In der reformierten Kirche würde es wohl nicht reichen. Ob mich diese vier Punkte damals vom Austreten aus einer konservativeren Freikirche abgehalten hätten? Ich bezweifle es, gab ich doch mein Bestes, um alle vier bereits zu erreichen. Auch die «geistlichen Abkürzungen», die Menschen letzten Endes zum Austritt zu verleiten schienen, waren mir bekannt. Zu wenig Bibellesen, zu wenig Gebet, und zu wenig Gemeinschaft durch Gottesdienstbesuch, wobei letzteres notwendig war für die «Ermutigung und Korrektur». Ermutigung ist ja selbsterklärend, aber wie stark wird hier korrigiert? Das ist wohl schwierig einzuschätzen. Ein «Ermahnen vor der Gemeinde» kann genauso gut als «Blossstellen vor versammeltem Bekanntenkreis» beschrieben werden, egal, wie gut es gemeint wird. Wenn eine solche «Korrektur» unter vier Augen geschieht, ist es zumindest nur etwas unangenehm und für andere Menschen nicht (zwingend) ersichtlich.

Die Zukunft des Schlagzeugs

Einige typische Eigenschaften, die mir auffielen, war das Sprechen über Jesus als «unser Herr Jesus», die absolute Absenz des Genderns – nicht einmal nur maskulin und feminin, sondern alles im generischen Maskulinum – und, die Aussage, die ein Taufgehilfe tätigte: «Unser Herz ist böse.» Diese Aussage habe ich tatsächlich noch nie so gehört, und ich war genügend überrascht über so eine Wortwahl. Dass Menschen sündig sind, wird in Freikirchen nicht infrage gestellt. Aber ein böses Herz?

Typisch für «modernere» Freikirchen wurde der Gottesdienst von einer Power-Point-Präsentation untermalt. Dabei leider auch typisch: Das Anzeigen der Liedtexte ohne jegliche Noten. Ich weiss, Notenlesen können nicht alle, und das muss auch nicht so sein. Aber ich wüsste gern, wie das Lied notentechnisch in etwa aussieht, statt nur auf die beiden Mikrofontragenden zu hören und denen nachzusingen. Es gab auch einige Stellen, bei welchen der Rhythmus des Liedes auch für diese beiden unklar war, und die Gemeinde konnte nicht dem folgen, wo nichts war. Die allgemeine musikalische Untermalung war angenehm, es gab ein Klavier, jemanden mit einer Panflöte, und in der Ecke stand noch ein – diesmal nicht genutztes – Schlagzeug. Dort spielt anscheinend, wenn jemand spielt, auch ein über 70-jähriger Mann Schlagzeug. Es hätten sich wohl einzelne ein wenig darüber beklagt, dass es heute weniger rhythmisch war, aber wenn kein Schlagzeuger und keine Schlagzeugerin vorhanden ist, dann wird es schwierig. Wer wohl einst das Schlagzeug übernehmen wird?

«Sexuelle Unmoral»

Auch ganz klassisch war dann natürlich noch das Sprechen über «sexuelle Unmoral». Dieses Wort hört sich angenehm breit an, bezieht sich aber grundsätzlich auf alles, was nicht Sexualität im Rahmen einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau (idealerweise christlich) betrifft. Wie anzüglich man sich kleiden darf und inwiefern eine Frau schuldig ist, wenn sie einen Mann durch ihre Kleidung «verführt», wurde nicht erwähnt, und mit dem nicht vorhandenen Dresscode scheint auch nicht enorm viel Wert darauf gelegt zu werden. Auch was genau Sexualität alles beinhaltet, kann ein wenig gedreht und gewendet werden, was eben gerade passt. Klar ist: Sex vor der Ehe, Sex mit mehr als nur dem Ehepartner (gleichzeitig), Sex mit Gleichgeschlechtlichen, das alles ist sicher sündhaft, egal, wer alles einverstanden ist. Gott und «sein Wille» ja nicht.

Weder Bibel noch Notizen: Was ist los?

Von meiner freikirchlichen Zeit bin ich es mir gewöhnt, mir während des Gottesdiensts Notizen zu machen, und behalte dies auch in der reformierten Kirche, wenn möglich, bei. In der FKU schien es aber niemand zu machen, was vielleicht daran lag, dass sie ihre Gottesdienste jeweils aufzeichnen. Aus meinem Unileben weiss ich, dass die Aufnahmen sowieso niemand schaut, der schon anwesend war, auch wenn man es sich vornimmt, und fragte mich, ob es hier gleich sein könnte. Ein wenig schräg fühlte ich mich schon. Aber vielleicht erhielten Gemeindemitglieder die Power-Point-Präsentationen ja und konnten die dann nochmals eigenständig durchklicken. Die Bibel zu Hand hatte auch niemand, oder vielleicht sah ich diese einfach nicht, da ich ja auf der Empore war. Ein Gottesdienst von Gläubigen, ohne dass sie in der Bibel jeweils nach dem Vers suchten? Eine Eingrenzung der verwendbaren oder eine Empfehlung für die Bibelversion besteht nicht, Prediger Stefan Hardmeier wählte die Elberfelderübersetzung für diesen Gottesdienst, da sie eben am besten passe – und über einen «Wettlauf» spräche. Er wollte mit seiner Predigt ein Vergleich zum Ausdauerjogging schaffen, was für mich durchaus passte. Ansonsten verwenden sie allerlei, auf den Folien waren vor allem Schlachter 2000-Verse zu finden, was in meiner konservativen Gemeinde noch akzeptierte Verse waren.

Predigende Frauen? Die im Gottesdienst sprechen (dürfen)? Ein Kulturschock.

In den Taufbekenntnissen sprachen drei Leute, unter anderem eine Frau. Ich fragte mich also: Welche Positionen und Erlaubnisse haben Frauen in dieser Gemeinde? Dürfen sie Zeugnis ablegen, predigen? Ich erkundigte mich bei Stefan Hardmeier, dem Prediger. Es gibt organisatorisch zwei Gremien, der Vereinsvorstand, der etwa zur Hälfte aus Frauen besteht, und die Gemeindeleitung, der «Ältestenrat», der bewusst nur aus Männern besteht. Die Frau darf sich also grundsätzlich einbringen. Auch Zeugnis abzulegen ist erlaubt, und wird von Frauen auch während des Gottesdiensts häufiger gemacht als von Männern, wenn die Zeit bleibt. Die Einleitungen werden wohl auch häufiger von Frauen als von Männern gemacht und scheint diesmal nur ausnahmsweise ein Mann gewesen zu sein. Predigen tun sie nur, wenn sonst kein Mann kann oder will, im Sinne von: grundsätzlich ja, aber Männer bevorzugt. Selbst die Position der Frau als Mutter erstaunte mich: Mütter hätten nicht etwa zuhause zu bleiben und auf die Kinder aufzupassen, sondern auch ein Hausmann mit berufstätiger Frau sei eine Option. Da mische sich die Gemeinde weniger ein. Nur tägliche Krippenbetreuung sei gar nicht in ihrem Sinne, ein- bis zweimal die Woche gehe aber noch, wenn es denn nicht anders klappen kann. Die weibliche Position ist also bei ihnen nicht so stark wie in der reformierten Kirche, aber doch stärker als in anderen Gemeinden. Die Gemeinde scheint sich bewusst zu sein, dass Frauen doch auch etwas sagen möchten, und die Frauen dort scheinen sich ebenfalls wohl zu fühlen. Eine Bekannte bezeichnete die Frauen in der FKU gar als «emanzipiert». Aber ganz dieselben Rechte wie die Männer haben sie doch nicht. Auch nicht auf Events: Der «Manneträff» geschieht etwa alle zwei Monate, während der «Ladies Brunch» nur einmal im Herbst stattfindet. Vielleicht sind natürlich Frauen auch einfach besser darin, sich untereinander zu vernetzen, ohne einen solchen Event zu brauchen.

Die Taufe der Erwachsenen aus «gläubigen» Familien

Auffällig in den drei Bekenntnissen war auch, dass alle über sich selbst sagten, sie seien in einer «gläubigen» Familie aufgewachsen, und sie seien sehr dankbar dafür. Diese Aussagen waren mir schon sehr bekannt, und ich war damals etwas neidisch auf die anderen Kinder, die – ganz im Gegensatz zu mir – bereits in eine «gläubige» Familie geboren wurden. Heute bin ich froh, dass ich nicht in einer Freikirche gross geworden bin. Auch ihre Taufe machten sie nicht nur aus Liebe oder zur Bekennung, sondern, wie zwei der drei sagten, aus «Gehorsam zu Gott». Einer, der seine Taufe schon um einiges aufgeschoben hatte, erzählte, wie ein Bekannter mit ihm «über die Taufe sprach» und er sich dann dazu entschied, sie endlich zu machen. Ich kenne natürlich das Gefühl, wenn jemand mit einem über etwas «spricht», und fragte mich, was genau ihn dann überzeugt hatte. Er führte aber – verständlicherweise – nicht weiter aus. Eine Taufe ist schliesslich ein Bekenntnis zu Gott, und ein Gespräch mit einem Freund muss ja nicht ein Zwang sein.

Für die Taufe selbst gingen wir an den Aabach, einen Fluss, der mitten durch Uster fliesst. Am See fand wohl bereits eine andere Taufe statt, und der Weg wäre auch zu weit gewesen, um kurz zum See und wieder zurück zu gehen. Die drei hatten sich also wassertauglich umgezogen, alle mit weissen T-Shirts – vielleicht bewusst? – und wateten nacheinander ins Wasser. Der Prediger fragte jeden, ob sie an eine exakte Liste von Dingen – wie eben den dreieinigen Gott, Jesu Tod und Auferstehung, etc. – glaubten, und sobald sie sagten «Ja, ich glaube», kreuzten sie die Arme vor der Brust und liessen sich von Prediger und dem Taufgehilfen ins Wasser tauchen. Sie wurden natürlich direkt wieder hinausgenommen, komplett nass, und erhielten beim Auftauchen erst Applaus, dann ein «Gott segne ihn/sie»-Gesang der Gemeinde. Nach dem Taufen informierte ich den Prediger, dass ich einen Bericht für Relinfo schreibe, und noch einige Fragen hätte. Es ist tatsächlich schon länger her, seit ich das letzte Mal wegen «ein paar Fragen» mit einem Prediger sprach, und das Gefühl war entsprechend nostalgisch. Er zog sich aber erst um, also ging ich zu meinen Bekannten in ihr «Kafi nach dem Gottesdienst».

Christen auf Mission in der Gemeinde

Dort erzählte ich einem meiner Bekannten von meiner freikirchlichen Erfahrung, und dass ich für Relinfo da war. Er fragte also, wie es mit meinem Glauben im Moment aussähe. Um den Bericht nicht unnötig zu verlängern: Mein Glaube ist nicht sehr freikirchenkompatibel, und ich hätte ihn natürlich anlügen können, um Zeit zu sparen. Das war mir aber dann zu blöd und ich informierte ihn möglichst zeiteffizient. Er und meine andere Bekannte begannen also mit etwas, das sich wie ein «Missionierungsauftrag» ihrerseits anfühlte. Sie stellten zwar Fragen, aber bei vielen Fragen musste ich innerlich – teils auch äusserlich – etwas lachen, weil sie mir einfach so bekannt vorkamen. Einer der beiden tätigte die Aussage, dass die Bibel als einzige Schrift eine konsequente Geschichte erzählte und andere Schriften voller Widersprüche waren, und als ich ihn informierte, dass auch die Bibel Widersprüche beinhaltete, kam von der anderen Person die Frage, ob ich denn die Unterschiede zwischen Altem und Neuem Testament meine. Darüber hatte ich vor mehr als 8 Jahren mal in einem konservativ-freikirchlichen Gottesdienst eine Predigt angehört, also informierte ich sie, dass mir der Grund dafür durchaus bekannt war. Ich beschäftige mich aber ungern mit genauen Diskussionspunkten, um mit glaubenden Menschen zu diskutieren – es nützt sowieso nichts – und schlug die fortführende Frage, was ich denn genau meine, aus. Sie vertraten auch die Meinung, dass die Bibel als Gottes Wort bewahrt wurde. Als ich persönlich in meiner Jugend herausfinden musste, dass die Bibel sich ursprünglich mit dem Urchristentum weiterentwickelte, und Kirchengeschichte wohl wichtig wäre, um das alles nachzuvollziehen, war ich enttäuscht, und wollte mich also auf diese Diskussion auch nicht einlassen. Etwas unterhaltsam war es aber schon. Mit meinem Hintergrund, den sie ja durchaus kannten, könnte man ja sagen, ich kenne das Evangelium, und ich kenne die ganzen Argumente. Ich diskutierte sie ja mit meiner Familie, sogar meinem Biolehrer. Mich brachte es damals nicht vom Glauben ab, und meine Familie ebenso wenig zum Glauben. Der Biolehrer tat damals das einzig richtige und blockte die Diskussion ab, also versuchte ich es auch hier, indem ich sie informierte, dass mir das Evangelium bekannt war, und ich einen Zugang zu Gott wieder alleine finden müsste, wenn es denn so kommen würde. Ich fühlte mich in diesem Moment etwa bedrängt, und mein Abblocken war gar nicht erfolgreich, da sie dann kommentierten, ich solle doch die Bibel mal für mich alleine lesen. Was ich ja noch nie gemacht hatte, damals, als ich sie vollständig durchlas. Ich nahm beide nicht als böswillig wahr – sie sind eben beide überzeugt davon, dass der Mensch sündig ist, dass er Jesus als Retter braucht, um nicht ewig im Elend zu sein. Für Christen, die eine vergleichbare Überzeugung haben, ist der Missionierungsversuch teilweise sogar ein Zeichen von Liebe. Ich würde mich aber geliebter fühlen, wenn meine Grenzen respektiert würden, und wenn man mich nach klarem Ausformulieren meiner Stellung nicht zum Christentum zu argumentieren versuchte. Vielleicht hätte ich einfach «Stop» sagen sollen, wie es Kinder machen, oder das Thema komplett wechseln müssen. Wie es scheint, waren die beiden aber im Vergleich zur restlichen Gemeinde doch sehr missionarisch tätig. Bei anderen Gemeindemitgliedern, so erzählte mir der Prediger, würde er sich teilweise doch etwas mehr missionarischen Ansatz erwünschen. Ich persönlich bin ja froh, dass nicht die ganze Gemeinde so missionsfokussiert ist, ein Besuch dort wäre ansonsten viel anstrengender. Irgendwann hatte der Prediger sich umgezogen und tauchte wieder auf, um mich von meinem Leiden zu erlösen, oder alternativ: um über meine Fragen zu sprechen.

Ja zu Jesus als «freie Wahl»?

Ich setzte mich also mit ihm in ihr Kaffee draussen, in welchem sie jeweils unter der Woche für ein bis zwei Nachmittage offen hatten, und holte meine Notizen hervor. Ich stellte mich vor und erklärte meinen Hintergrund, dass ich in einer doch sehr konservativen Gemeinde war und jetzt für Relinfo schrieb. Im Rückblick hätte ich diesen Hintergrund vielleicht kurz auslassen können, bis er danach fragte, da mir ja die ganzen freikirchlichen Begriffe nicht fremd sind. Ich quetschte ihn also aus, zu ihrer Auffassung bezüglich Entrückung, zweites Kommen von Jesus, der Endzeit, Geistesgaben und der Wiedergeburt. Diese Begriffe sind alle unten erklärt, für alle, die keinen Hintergrund in Freikirchen haben. Die FKU spricht, teilweise zum Murren einiger Gemeindemitglieder, selten über die Entrückung und das zweite Kommen von Jesu, und Prediger Stefan Hardmeier gab mir gegenüber offen zu, dass er häufiger darüber sprechen könne. Er sei aber auch kein «Endzeitspezialist», und müsste sich zu allen drei Themen mehr einlesen. Sein Fokus liegt, so erzählt er mir, darauf, bei seiner Gemeinde die «Vorfreude» auf den Himmel zu wecken – was mit seiner Predigt inhaltlich übereinstimmt – und weniger einen «Zwang» auszulösen, wie ich es von meiner Zeit kenne. Er erzählt mir von der Geschichte der FKU, wie sie sich von der reformierten Kirche abspalteten, weil ein Pfarrer sagte, Jesus sei nicht leiblich auferstanden, dass sie wegen einer Änderung im Kantonsgesetz den Status als Minorität verloren, und dass sie jetzt eine «freie Freikirche» wären; voll und ganz. Sie sind zwar noch mit anderen Gemeinden in der evangelischen Allianz und tauschen sich auch mit den Leitungen der anderen Freikirchen Usters aus, aber sie nehmen sich als frei war. Im Vergleich zu meiner Erfahrung sind sie zumindest freier, es sind weniger Sachen, die «sündhaft» sind, die Religion wird nicht so extrem ausgelebt, und Unbekehrte verspüren wohl nicht so einen Druck, sich endlich zu bekehren. Wie sich dies im Gemeindeleben äussert, können unbekehrte Jugendliche aber vielleicht besser beurteilen als ich als Besucherin. Hardmeiers Beschrieb, dass er lieber Menschen hineinzog als hineinstiess, schien mir zwar sympathisch, ich fragte mich dann aber schon, ob es nicht ein Zwang war, wenn man denn glaubt, dass es die ewige Verdammnis gab. Da dachte er etwas nach, murmelte vor sich hin und meinte dann «ja, da hast du recht. Hier gibt es nur zwei Optionen.» Die ewige Verdammnis oder das ewige Leben. Eine schöne Auswahl, aber doch auch im freikirchlichen Raum verbreitet. Notwendig für das ewige Leben sind Bekehrung und Wiedergeburt, die FKU glaubt also auch an eine Wiedergeburt, und akzeptiert grundsätzlich Geistesgaben. In den Gottesdiensten gäbe es einfach keinen Platz dafür, aber wer es zuhause machen wolle, könne das. Ausserdem gäbe es ja die pfingstliche Gemeinde, die ganz in der Nähe war, bei der die Geistesgaben wohl eher noch Platz im Gottesdienst fänden, und zu der man ja bei Bedarf gehen könne.

Der Teufel und der Exorzismus

Neben diesen grossen Themenblöcken war auch die «sichtbare» und die «unsichtbare» Welt ein Thema, vor allem, weil alle Taufenden bei ihrem Zeugnis erklärten, dass sie dieses Bekenntnis vor beiden, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, ablegten. Ich fragte den Prediger, was für sie denn alles zur unsichtbaren Welt gehöre, mal neben dem dreieinigen Gott und dem Teufel. Dazu gehören für sie Dämonen, Engel, natürlich eben auch der Teufel. Die Nachfrage zu Exorzismen schien er mit der fast schon mittelalterlichen Ausübung zu vergleichen und verneinte es, erwähnte aber, wer ein Anliegen hätte, könne zu ihnen – zum Ältestenrat, auch Gemeindeleitung genannt – gehen und um Gebet bitten.

Homosexuelle, Bisexuelle und die, die beides sind

Ich fragte Stefan auch, wie sie als Gemeinde zur LGBTQI+-Community standen. Das Akronym schien schon zu viel zu sein, denn Stefan bezog sich jeweils auf ein Buchstabensalat à la «LGDT…I» oder sprach einfach von den «homo- oder bisexuellen, oder die, die beides sind». Das reichte schonmal, um die Grundakzeptanz und das vorhandene Wissen einzuschätzen. Ihre Position ist klar: Sie betrachten das «Ausleben» von Homosexualität als sündig, wer aber schwul sei und nicht mit Männern, oder nur mit der eigenen Ehefrau Sex hätte, das wäre dennoch in Ordnung. Im Sinne vom heute beliebten: love the sinner, hate the sin (liebe den Sünder, hasse die Sünde). Grundproblem ist dabei natürlich, dass der Mensch doch von Anfang an als Sünder dargestellt wird. Es scheint fast, als wäre Homosexualität eine grössere Sünde als anderes. Dies wird, auch bei der FKU und Stefan Hardmeier, gern abgeschwächt mit «ah, aber andere Sünden sind genauso schlimm! Beispielsweise Geldgier, und anderes». Geldgier und Homosexualität ist wohl nicht ähnlich angeboren, aber das hält Freikirchen nicht davon ab, sie bei solchen Gesprächen gleichzusetzen. Ja, ausserehelicher Sex und Geldgier, die genauso genetisch bedingt sind wie Homosexualität. Tatsächlich erzählte er mir aber, dass sie dieses Thema in der Gemeinde besprochen hätten, und dass sie eine Kultur des Willkommenheissens fördern wollten. Er kommentierte aber direkt im Anschluss, dass ein gleichgeschlechtliches Paar sich vielleicht in dieser Gemeinde nicht wohlfühlen würde. Ich kann mir schon vorstellen, dass all die strahlenden Gemeindemitglieder sichtliche Irritation auf ihrem Gesicht zeigen, vielleicht sogar nachfragen würden, wenn sie ein händchenhaltendes gleichgeschlechtliches Paar sähen. Andere Gemeinden und Organisationen, wie der Zwischenraum oder die reformierte Kirche Zürich wären da offener. Dabei zählt er aber nur wenige auf und stellt die FKU eher als Durchschnitt statt als Ausnahme dar, ganz in Ignoranz anderer Freikirchen, die da auch offener sind. Er kenne Christen, die lebten in einer homosexuellen Partnerschaft, obwohl sie nach der Bibel die Überzeugung haben, dass sie es nicht sollten. Doch sie schaffen es nicht, «ihre Triebe nicht auszuleben», wie er es formuliert. Zudem betonte er, dass dies immer noch besser sei als jemand, der dann die ganze Zeit Ehebruch beginge – oder eben viele verschiedene Männer gleichzeitig hatte. Das sei, sagte er, vor allem bei schwulen Männern häufig der Fall, nämlich dass sie oft mit anderen Männern ausserhalb ihrer Beziehung Sex hätten und den Partner somit betrogen. Davon habe ich auch schon gehört, nur leider kann ich mir gut vorstellen, dass die heterosexuellen Paare da wirklich nicht besser sind. Die homosexuellen Paare diskutieren die Option einer offenen Beziehung aber sicher häufiger als heterosexuelle Paare. Aus Sicht von «Gott» oder gewisser Bibelinterpretation sind offene Beziehungen aber auch nicht erlaubt, wenn solche Gemeinden überhaupt wissen, worum es bei diesem Konzept geht. Ich fragte ihn, ob er denn ein homosexuelles Paar trauen oder taufen würde, und er dachte eine Weile darüber nach. Dann meinte er «nein, das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren». Ja, ein Trauungsentscheid obliegt dem einzelnen Pfarrer, ich persönlich würde mich ehrlich gesagt auch nicht gern von einem homophoben Pfarrer trauen lassen, egal, wen ich heiratete. Stefan Hardmeier würde somit nur homosexuelle Personen taufen oder trauen, die ihre Homosexualität nicht «auslebten», wie auch immer dies mit einer Identität möglich ist.

Konversionstherapie gewünscht?

Ich fragte ihn dann auch, wie er reagieren würde, wenn sein eigenes Kind – er hat vier davon – sich bei ihm outen würde. Besonders überrascht hat mich an seiner Antwort, dass er da tatsächlich auch schon darüber nachdachte. Es scheint fast, als würde die Idee, dass Sexualität angeboren ist, in der Gemeinde doch langsam Fuss fassen. Davon wurde ich enttäuscht, als er über einen Christen zu sprechen begann, der wohl «mit einer Belastung» (in diesem Kontext wohl ein Trauma) sich als schwul identifizierte, dann durch Gebet und Glauben die Belastung – und das Schwulsein – ablegte und nun mit einer Frau verheiratet war und Kinder hatte. Ja, Bisexualität, nämlich sowohl Frauen als auch Männer (sexuell) attraktiv finden zu können, das scheint im Raum der FKU doch noch ein Fremdwort zu sein. Man könne auch «beten», und wenn jemand sie um ein Gebet bitte, dann beteten sie gerne für diese Person. Auch als ich in nach den umstrittenen Konversionstherapien fragte, verneinte er zwar die Unterstützung derer, fand aber auch, das «Ablegen» dieses «Auslebens» könne nur über langjähriges Beten gemacht werden, und nicht mit einem einzelnen Gebet. Seine Überzeugung ist: «Wenn jemand Veränderung wünscht, führt der Weg über Therapie, Gebet kann diesen langen Prozess unterstützen. Doch längst nicht alle homosexuell Empfindenden erfahren eine Veränderung darin, obwohl gewünscht.» Für mich klingt das eher danach, dass er Konversionstherapien unterstützt, solange diese genügend Gebet und «christliche Ansätze», beispielsweise biblische Schwerpunkte, enthalten. Zumindest würde er seine Kinder nicht aus dem Haus schiessen, und zu ihrer Trauung gehen, auch wenn er sie – sofern sie es «auslebten» – nicht taufen oder trauen würde. Er betonte hier auch, dass das «Rausschmeissen» von Kindern ganz und gar nicht christlich war, und dass er seine Kinder immer lieben würde. Wenigstens das absolute Minimum, alles andere wäre darunter.

Das «Bestätigen» der «Geschlechtsidentität» in der FKU

Trotz des «T» in LGBTQI+ sprach er nur über Homosexualität und Bisexualität, und erzählte mir erst auf erneute Nachfrage von ihrer Haltung gegenüber trans Identitäten. Sie «bestätigen Jugendliche» in ihrer «Geschlechtsidentität», was ich fälschlicherweise und wohl aus Gewohnheit erst als Bestätigung der trans Identität interpretierte. Übersetzt heisst es aber, sie versuchen, für Männer und Frauen ein Bild zu schaffen, was ist ein Mann, was ist eine Frau? Mit diesem sollen die Jugendlichen, die ja auch viele körperliche Änderungen durchgingen, vor allem Mädchen, mehr Halt und Orientierung finden. Da wechselte er das Thema sehr schnell auf die Horrorgeschichten, von denen ich oben schrieb. Spannenderweise erwähnte er auch die Personen, die sich weder mit dem einen noch dem anderen identifizieren konnten – nicht-binäre Personen. Bei diesen meinte er, sie würden beten, dass sich die Personen dann doch irgendwie wohlfühlen konnten. Ich denke zwar, nicht-binäre Personen fühlen sich grundsätzlich in ihrer Identität wohl und dafür weniger in solchen Gemeinden, aber das geht wohl in eine andere Richtung.

Im Gegensatz zur Homosexualität scheint auch weniger Offenheit und «Akzeptanz», wenn man es überhaupt so nennen kann, für trans Personen da zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass die ganzen Einzelfälle häufiger diskutiert werden als die grosse Mehrheit der zufriedenen trans Personen. Die nicht mit dem Körper gekoppelte Geschlechtsidentität scheint bei ihnen mit dem Körper verwechselt zu werden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich trans Personen auch nur ansatzweise in dieser Gemeinde wohlfühlen könnten.

Christliche Transphobie (und meine Meinung dazu)

Auch zu trans Personen erzählte er mir einige Horrorgeschichten. Ein Mädchen, das sich nicht in ihrem sich ändernden Körper wohlfühlte, und die Brüste wegoperieren liess. Eine halbe Klasse, die sich «plötzlich so fühlten». Personen, die das Ändern bereuten. Alles Horrorgeschichten, die – trotz statistischer Seltenheit – gern in solchen Kreisen geteilt werden. Wie schwierig es in der Schweiz für trans Personen lange war, um überhaupt etwas zu machen, wie stark trans Personen heute noch leiden, wie selten das Detransitioning (Zurück-Ändern) ist, und dass es vor allem bei den Personen geschieht, deren Umfeld sie trotz allem nicht akzeptiert: Nein, das gibt es in den Kreisen nicht. Es gibt nur die armen Jugendlichen, die wegen einer kurzen Aufklärung im Schulunterricht plötzlich alle auch trans sein wollen, es gibt nur diese teuflische Macht, die diese Kinder belastet und dazu verführt, jetzt auch trans zu sein, weil es eben gerade in Mode ist. «Früher gab es das ja auch nicht», erklärt mir Hardmeier. «Doch, schon», dachte ich und entschied ich mich wiederum dagegen, dies mit ihm zu diskutieren. Ja, ich dachte, die Verführungen des Teufels machten wenigstens Spass, wie es immer in diesen Kreisen behauptet wird, aber was trans Personen heute noch durchzugehen haben, das wünsche ich niemandem.

Fazit

Ich kann die FKU somit nur Personen empfehlen, die ebenfalls schon dieselben Auffassungen haben, und die ihre Kinder, wenn sie solche wollen, entsprechend erziehen wollen. Wer eine Familie gründen will, die Homosexualität und trans Identitäten mehr akzeptiert, ist bei der FKU am falschen Ort. Auch die Mission (was für mich persönlich ein imperialistisches Überbleibsel eines europäischen, hochmütigen Selbstbildes ist) kann ein heikler Punkt sein. Abgesehen davon – für mich beides sehr wichtige Faktoren – ist die FKU grundsätzlich angenehm. Sie leben ihren Glauben aufrecht aus und gehen einigermassen mit der Zeit, während sie gleichzeitig versuchen, diese mit der Bibel möglichst zu vereinen. Das klappt sicherlich nicht ganz und es wäre somit wohl auch möglich, die Homosexualität nicht mehr so zu verteufeln, aber zumindest haben die Frauen in der Gemeinde mehr zu sagen als in einigen anderen christlichen Gruppierungen.

Freikirchenglossar:

Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus

Wiedergeburt: Wenn der heilige Geist im Menschen «ankommt»

Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung

Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»

Ungläubig: selten verwendetes Wort für Personen, die nicht «bibeltreu» an Gott glauben; häufiger: Personen, die in der Welt leben oder Personen, die ohne Jesus leben

Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half

Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.

2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, häufig sind sie gleichzeitig. Jesus komme dann als «Richter».

Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.

Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc.

Predigttext Hebräer 12, 1-3 nach Elberfelderbibel (in diesem Gottesdienst verwendet):

1 Deshalb lasst nun auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, jede Bürde und die ⟨uns so⟩ leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausdauer laufen den vor uns liegenden Wettlauf, 2 indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet und in euren Seelen ermattet!

Angela Heldstab, 11.07.2023

Lexikoneintrag Freie Kirche Uster FKU
Lexikoneintrag Evangelische Bibelgemeinde EBG

Kongress im Volkshaus – Die Vision des Guten und das Manifest der neuen Erde

Als wir um kurz vor 10:00 Uhr am Volkshaus in Zürich eintreffen, scheinen wir zu den letzten zu gehören. Menschen in Batik-Blusen umringen uns, die Stimmung ist aufgeregt. Es ist ein grosser Tag für die Esoterik-Community der Deutschschweiz: Heute wird im Volkshaus derjenige Kongress abgehalten, der in den vergangenen Wochen zu einem Medienwirbel geführt hat. Der Kongress, der sich «die Vision des Guten» und «das Manifest der neuen Erde» auf die Fahne geschrieben hat, lädt kritischen Medienberichten zum Trotz zum wohligen Beisammensein ein. Dass dieser mitunter als «dubiose Veranstaltung» bezeichnet wurde, bei der «Scharlatane ein und aus gehen»[1], scheint die Anwesenden wenig zu interessieren. Gute Stimmung macht sich breit, als die Hallen des Theatersaals im Volkshaus gefüllt werden. Wenn man die Gäste des Kongresses betrachtet, die erwartungsvoll auf die Bühne sehen, kann man sich kaum vorstellen, dass sogar eine Petition gegen die Veranstaltung gestartet worden war. Diese hatte beträchtlich zum Medienwirbel beigetragen: Linke Kreise starteten «Reclaim Volkshaus – keine Bühne für Antisemit*innen»[2] und erreichten kurz vor dem Beginn der Veranstaltung 3.398 von 4.000 geforderten Stimmen[3].

Kritik an Verschwörungserzählungen

Die Gründe für die heftige Kritik an der Veranstaltung sind vielfältig. Zum Beispiel treten bei dem Kongress diverse Rednerinnen und Redner auf, die Verschwörungserzählungen verbreiten und sich mitunter nicht von rechtsradikalen Akteuren abgrenzen. Dazu gehören unter anderem Christina von Dreien, die von einer Manipulation unserer Welt durch «Reptiloide» ausgeht, oder auch Ricardo Leppe, der mit den bekanntlich verschwörungstheoretischen Büchern der «Anastasia-Reihe» sowie der «Neuen Germanischen Medizin» liebäugelt. Letzterer wurde wegen einigen seiner Äusserungen vom Volkshaus ausgeladen. Auf seinem Youtube-Kanal «Wissen schafft Freiheit» findet man nun eine Stellungnahme, in der er sich teilweise von den ihn betreffenden Vorwürfen distanziert[4].

Wer jedoch weiterhin willkommen ist, ist Daniele Ganser, eines der ganz grossen Gesichter der Szene. Wir werden später feststellen: Das hat seinen Grund.

Das Manifest der neuen Erde

Nun handelt es sich bei dem Kongress nicht um eine willkürliche Zusammenstellung esoterischer und verschwörungsaffiner Redner, sondern das Ganze hat einen Zweck. Besprochen werden soll vorrangig «Das Manifest der Neuen Erde», ein Konzept einer «besseren» Welt, in Buchform festgehalten von Catharina Roland und Corinne Tâche-Berther alias Coco Tache.

Gedacht für den Zeitpunkt nach einem möglichen Zusammenbruch der aktuellen weltpolitischen Strukturen, erklärt das «Manifest» eine aus ihrer Sicht spirituellere und ökologischere Form des Zusammenlebens. Bei der Veranstaltung im Volkshaus sind einige Akteure dabei, die im zukünftigen «Weisenrat» sitzen werden, dem exekutive Funktionen zukommen sollen. Es wird also interessant zu erfahren, welches Weltbild die Menschen haben, die zukünftig solch wichtige Ämter begleiten sollen.

Eröffnungszeremonie

Wir setzen uns an den Rand des Theatersaals, von wo aus wir eine gute Sicht auf das Publikum haben, das mehrheitlich im Altersspektrum über 50 anzusiedeln ist. Zudem zeigt sich auf den ersten Blick eine ungleiche Verteilung der Geschlechter. Der weibliche Anteil der Anwesenden dürfte circa 75 Prozent ausmachen. Schätzungsweise füllen knapp 1000 Personen den Theatersaal.

Als Coco Tache und Priska Broese zusammen mit einigen Rednern und Rednerinnen die Bühne betreten, fällt schallender Applaus. Sogar die ersten Standing Ovations lassen sich beobachten, als sich die Runde auf der Bühne verneigt. Thomas Schmelzer, der Moderator des Kongresses, ergreift das Wort. Er sehe sich selbst in der Rolle eines Reiseleiters, der durch die verschiedenen Programmpunkte führe. Es wird von einer grossen Familie gesprochen, die heute anwesend sei – das Publikum kann sich kaum halten. Die eigentliche Zeremonie leiten Priska Broese und Coco Tache. Sie berichten von einer neuen Zeit, die bereits angebrochen sei. Dies sei auch schon überfällig, denn wir alle hätten vergessen, wer wir sind. Wie viele andere Sätze an diesem Tag, wird nicht näher erläutert, was damit genau gemeint ist. Es folgt eine einführende Anekdote über einen Kondor, der wir schwer folgen können. Überliefert sei diese Geschichte von einer Maya-Ältesten, die Priska auf Telegram kontaktiert haben soll. Das erstaunt, denn typischerweise sind Kondore in der Inka-, und nicht in der Maya-Mythologie zu finden. Schliesslich kamen und kommen in Gegenden, in denen historische und heutige Maya leben, keine Kondore vor. Während wir uns gedanklich mit Fragen zu Vogelmythologie befassen, sind Priska und Coco schon bei dem Zwischenresümee ihres Vortrags angekommen: Heute soll etwas Grosses geschehen, gemeinsam mit diversen Geistführern und selbstverständlich Jesus Christus.

Eine politische Botschaft zu Beginn

Die Rednerinnen und Reder stehen aufgereiht auf der Bühne, während Coco und Priska weiter auf die Geschichte mit dem Kondor eingehen. Sie setzen ihn zu unserem Erstaunen mit einem Adler gleich – obwohl es sich bei Kondoren um Geier handelt. Einen Kondor als Adler zu bezeichnen hat allerdings den Vorteil, dass eine gute Überleitung zum Neugermanentum erfolgen kann. Der Adler war nämlich in der Mystik der Germanen für die Bewachung des Weltenbaums Yggdrasil zuständig und stehe, laut Priska und Coco, somit sowohl für «die kosmische Ordnung» als auch für Souveränität. Als hätte Coco auf ein Stichwort gewartet, platzt sie heraus: «Und wir hoffen, dass wir weiterhin neutral bleiben!». Die Menge klatscht und jubelt, alle hängen den beiden Vortragenden an den Lippen.

Männer und Frauen – Vereint in der Trennung?

Trotz der nicht zu leugnenden Begeisterung des Publikums verzichten Priska und Coco nicht darauf, das Geschehen interaktiv zu gestalten. So werden zunächst die Männer gebeten, sich zu erheben und einen Ton von sich zu geben, worauf hin ein tiefes «Ohh» durch den Saal wandert. Wenig verwunderlich sollen im Anschluss die Damen aufstehen, die analog ein – etwas höheres – «Ohh» von sich geben. Passend zu der der geschlechtertreuen Aufteilung des interaktiven Moments, meldet sich die Künstlerin Aurelia Wasser zu Wort, die sich auch auf der Bühne befindet. Eigentlich stellt sie ihre Skulpturen aus Kristallglas vor, deren ungefähr 20 Zentimeter grosse Fotografien man im Volkshaus zu einem Preis von circa 250 Franken erwerben kann. Sie erklärt, dass Männer und Frauen an ihren ursprünglichen «Platz» zurückkehren sollen; dahin, wo sie hingehören. So könnte männliche und weibliche Energie verschmelzen. Priska schliesst sich wenig später dem Thema an und verlautbart: Uns sei nicht mehr klar, was Mann-Sein und Frau-Sein bedeute. Man hätte deswegen Mühe, herauszufinden, wie weit man beim anderen Geschlecht gehen könne. Sie lädt die Anwesenden dazu ein, sich beim Kongress nicht zu zieren – es seien schon an anderen Events, bei denen sie teilnahm, romantische Beziehungen entstanden. Das würde dann auch ganz im Sinn der Maya-Ältesten sein, die eine zeitnahe Verschmelzung von männlicher und weiblicher Energie vorhergesehen habe. Es ist spannend: Während offensichtlich der Wunsch nach etwas Gemeinsamem, gar einer Verschmelzung herrscht, wird im gleichen Atemzug von einer Rückkehr an ursprüngliche Plätze gesprochen – einer klaren Trennung von männlich und weiblich. Wir fragen uns, ob die Anwesenden nicht schon viel näher an der von ihnen erhofften Vereinigung wären, wenn sie weniger auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern pochen würden.

Christina von Dreien  

Nachdem Priska und Coco fast eineinhalb Stunden leidenschaftlich vorgetragen haben, steht nach einer kurzen Pause der Auftritt von Christina von Dreien an. Nicola Good soll während der ersten paar Minuten ihres Auftritts anwesend sein, danach werde Christina alleine Fragen beantworten. Es wirkt wie ein elterlicher Begleitprozess beim Zahnarzt, als das genaue Vorgehen erklärt wird. Mit dabei ist wieder der «Reiseführer» Thomas Schmelzer, der die beiden interviewt. Nicola erzählt die in weiten Zügen bekannte Geschichte des Kennenlernens zwischen ihr und Christina. Nachdem sie eine mit Fügung und Manifestation gespickte Version davon berichtet hatte, wie sie Christinas Buch als Hörbuch einsprach und sie sich so kennenlernten, verabschiedet sie sich.

Elitarismus im Schafspelz

Als Christina mit Schmelzer zurückbleibt, wird ihre kindliche Ausstrahlung noch deutlicher als sonst. Sie sitzt auf einem Sessel, von dem aus ihre Füsse nicht bis zum Boden reichen. Wenn wir sie nicht kennen würden, würden wir einen Teenager vor uns vermuten und keine 22-jährige Frau. Wer jedoch meint, dass ihre leise, hohe Stimme und ihre zurückhaltende, infantile Art dem Inhalt ihrer Aussagen gleichkommen, täuscht sich gewaltig. Christina trennt Menschen im Interview durchgängig in diejenigen, die noch nicht «weit» oder «offen» genug sind, um Zusammenhänge zu verstehen, die sie bereits durchblickt habe, von den «erwachten». So postuliert sie, dass manche Menschen mit höheren Schwingungen, die zum Aufstieg unserer Erde in die fünfte Dimension nötig seien, nicht umgehen könnten. Sie sagt: «Es gibt Menschen, die wachen auf und andere, die werden immer aufgewickelt». Dieses Narrativ setzt sich fort, als Schmelzer schildert, die Pandemie sei für einige Menschen als ein «Aufwachen» erlebt worden. Er fragt Christina, ob die Menschen somit in ihrem Bewusstsein weitergekommen seien. Als Christina mit «Nicht alle Menschen.» antwortet, lacht der ganze Saal. Man kann sich der aus den Auftritten resultierenden Stimmung nicht entziehen, bei der die spirituell erwachten den politisch verklärten gegenübergestellt werden.

Weltpolitik auf esoterisch

Es bleibt jedoch keinesfalls bei diffusen Andeutungen und Stimmungsbildern. Christina erklärt wörtlich, dass die Menschheit von manipulativen Wesen versklavt sei. Wir haben uns bereits daran gewöhnt, dass bei solchen Aussagen kein Raunen durch den Saal geht – für die Anwesenden ist es längst zur Normalität geworden, sich derart in ihrer Freiheit beraubt zu fühlen, dass eine «Versklavung» durch höhere Mächte wenig abwegig erscheint.

Schmelzer knüpft im Anschluss an das Gefühl des betrogen seins an: Man wisse ja, dass sich die Zirbeldrüse durch die Einnahme von Fluorid, welches unter anderem in fast jeder Zahnpasta enthalten ist, verkleinere. Er fragt sich, ob es sich bei solchen Dingen um Zufall oder einen bösen Plan handle. Dieses, für Verschwörungsfans typische Vorgehen, «nur Fragen zu stellen», werden wir später noch speziell bei Daniele Ganser beobachten können, der sich das Einverleiben dieser Technik zur Aufgabe gemacht hat.

Im Gespräch zwischen Christina von Dreien und Thomas Schmelzer wird häufig zwischen harmlosem und problematischem gewechselt, mal widmet man sich Tierwohl, ein Ander mal dem Ukraine-Krieg. Um gegen letzteren anzugehen, müssten alle Menschen ihre Liebe senden. Wenn dies nicht funktioniere, müsse man sich fragen, ob gewisse am Krieg beteiligte Mächte gar keinen Frieden wollen.

Gegenmobilisierung der unauffälligen Art

Wir verlassen den Auftritt Christinas wenige Minuten früher, um darauf vorbereitet zu sein, was uns vor der Tür erwartet. Die Antifa kündigte nämlich eine Gegenmobilisierung an – als Antwort auf die trotz Protesten stattfindende Veranstaltung im Volkshaus. Auf Instagram kann man lesen, dass alles mitgebracht werden soll, was Lärm macht. Auch 20 Minuten berichten über die geplante Gegendemo. Als wir also um 13:00 Uhr den Saal verlassen, rechnen wir mit einer Horde von Demonstrierenden. Wir verlassen das Gebäude und entdecken ein grosses Nichts. Die Einsatzfahrzeuge der Polizei, die bereits am Morgen vor dem Volkshaus standen, sind immer noch da – aber keine Demonstrierenden weit und breit. Später werden wir erfahren, dass gegen 12 Uhr, als sich alle Teilnehmenden des Kongresses wohlig im Innern des Volkshauses befanden, circa 50 Demonstrierende anwesend waren.

Ein Lied für Ricardo Leppe

Nach der Mittagspause hält Mathias Forster einen Vortrag, der sich der Bedeutung von Pfingsten widmen soll. Zuvor erscheint jedoch Ute Ulrich, die vor jedem Vortrag des Kongresses ein Lied singt. Während es beim letzten Auftritt um Vertrauen ging, singt sie sich nun in die Offensive: Das Lied handelt von zu hohem Leistungsdruck in Schulen, davon, dass man sich mehr auf seine Intuition verlassen sollte und von einer Abkehr vom «Notenzwang». Im Refrain resümiert sie:

«Ein neues Schulsystem, ein neues Schulsystem, wirf doch das alte Denken über Bord.»

Die Menschen im Saal beginnen zu tanzen und als Ute Ulrich erklärt, dass das Lied dem ausgeladenen Ricardo Leppe gewidmet ist, sind Jubelrufe zu hören.

Umweltmetaphern und Spaltung

Die von Ute Ulrich in Hochstimmung katapultierte Menge hört nun aufmerksam Mathias Forster zu, dem Geschäftsführer der Bio-Stiftung Schweiz. Entgegen unserer Erwartung erzählt er nicht von biologischer Landwirtschaft der «neuen Erde», sondern lässt sich von Pfingsten inspirieren. Er referiert über den schöpferischen Urbeginn, der seiner Ansicht nach nichts mit dem Urknall zu tun habe. Schnell befindet er sich jedoch thematisch in der Gegenwart. Der rote Faden des Vortrags befindet sich weniger im Pfingstthema, sondern mehr in der Auseinandersetzung mit dem Dualismus zwischen Gut und Böse.

Das Böse sei letztendlich nur ein Widerstand, an dem man sich reiben könne, sodass gutes entsteht. Es ist klar, dass wir wieder beim Thema Corona angekommen sind. So sagt er, dass man heutzutage Andersdenkende gerne auf einen Scheiterhaufen werfen würde. Und obwohl es gut sei, dass dies nicht möglich ist, gebe es auch andere Methoden, Menschen an den Pranger zu stellen. Es sei klar, dass das «Neue» nicht das «Alte» bekämpfe, sondern andersrum das «Alte» das «Neue». So kryptisch diese Aussagen auch scheinen mögen, sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Menschen im Saal sind gebannt und saugen die Worte Forsters auf. Dazu trägt auch seine anschauliche Erzählweise bei. Er bedient sich an Natur-Metaphern wie der des Schmetterlings, der aus seinem Kokon ausbricht. In diesem Zusammenhang erklärt er, dass man niemandem dabei helfen könne, «aufzuwachen». Denn der Prozess sei vergleichbar mit dem eines Schmetterlings: Wenn man diesen während seiner Entwicklungszeit aus dem Kokon befreie, würde er sterben. Er entwickle erst beim Befreiungsprozess die Kraft, anschliessend als Schmetterling zu leben. Es entsteht wieder einmal an diesem Tag der Eindruck, dass die Anwesenden von sich als missverstandene Erwachte denken, die alle anderen in ihrer Naivität oder gar rückschrittlichen Entwicklung bedauern.

Zudem wird das Selbstbild des Publikums als kämpferische Andersdenkende bestärkt, als Forster von einer «Monokultur des Denkens» spricht. Wegen dieser sende die Natur von sich aus «Schädlinge», die bekämpft würden – und zwar mit Gift.

Eiche rustikal

Da Nicola Good bis jetzt nur einen kurzen Auftritt hatte, wird sie nun einzeln von Thomas Schmelzer interviewt. Dieser fragt sie zu Beginn, was man sich denn unter der «Vision des Guten» vorstellen könne. Ausweichend antwortet Good, dass man sich dazu erst mal fragen müsse, was «gut» bedeute. Es gebe schliesslich Menschen, die unter «gut» den «Great Reset», eine Abtreibung bis zum neunten Schwangerschaftsmonat oder die Verwandlung des Menschen in Maschinen verstünden. Einschränkend fügt sie hinzu, dass trotzdem alle Menschen den göttlichen Funken in sich trügen. Man unterscheide sich einfach dahingehend, wie sehr der Funke nach aussen durchscheinen kann. Um ihren Punkt deutlicher zu machen, beschreibt sie den Funken als Glühbirne und die Hüllen der Menschen als Lampenschirme. Während einige einen zarten Schirm hätten, der viel Licht durchlasse, bestehe der Schirm bei anderen aus «Eiche rustikal». Die Menge jubelt.

Der Mann des Tages

Unter tosendem Applaus betritt der letzte Redner des Tages die Bühne. Daniele Ganser, einer der bekanntesten Protagonisten der verschwörungsideologischen Szene im deutschsprachigen Raum, wurde von der Menge gebannt erwartet. Der gutsitzende Anzug, den er modern mit weissen Sneakern kombiniert, verleiht ihm einen professionellen Glanz, den andere Rednerinnen und Redner vermissen. Dennoch wird sich der Eindruck erhärten, dass sich Gansers Weltbild kaum von dem der Gäste sowie dem der anderen Rednerinnen und Redner abgrenzt. Wir dürfen jedoch in der nächsten Stunde sein Alleinstellungsmerkmal beobachten: Das Talent, die von ihm kritisierten Techniken von Meinungsmache und Manipulation selbst anzuwenden.

Aus alt mach neu: Die anderen und wir

Daniele Ganser knüpft inhaltlich er dort an, wo seine Vorgängerinnen und Vorgänger aufgehört haben – nämlich bei der Unterscheidung in «Wir» und «die Anderen». Allerdings dreht er, unterstützt von einer professionellen Powerpoint-Präsentation, den Spiess um und verzichtet vordergründig auf eine Hetze gegen andere. Stattdessen diskutiert er die sogenannte «In & Out Theorie». Damit meint Ganser das Prinzip der Eigen- und Fremdgruppe und der dazugehörigen Sympathien bzw. Antipathien, welche angeblich Mord, Totschlag, Krieg, Hexenverfolgung und zu guter Letzt die Diffamierung Ungeimpfter während der Pandemie erklären. Die Unterscheidung in ein «Wir» und in eine andere Gruppe, meist mit Negativem assoziiert, führe zwangsläufig zu Konflikten. Ganser schreckt bei seiner Darstellung nicht vor harten Themen zurück. Der Holocaust, die Anschläge des 11. September oder die Corona-Pandemie, immer gehe es um eine Unterscheidung in Eigen- und Fremdgruppe. Neben dieser offenkundigen vereinfachten Anwendung eines sozialpsychologischen Konstrukts, geht Ganser mit seiner nächsten Behauptung noch einen Schritt weiter: Wer «Inside» und wer «Outside» sei, werde massgeblich von Medien bestimmt. Ganser porträtiert «die Medien» hier nicht als Beeinflusserinnen von Meinungsprozessen, sondern wirft ihnen vielmehr vor, kalkuliert und böswillig bestimmte Gruppen herabzusetzen und so einen Meinungsbildungsprozess der Bevölkerung gänzlich zu manipulieren.

Fehler in Medien – ihr wahres Gesicht?

Um den Eindruck einer manipulativen Presse entstehen zu lassen, zählt Ganser Beispiele für Verfehlungen und Lügen von bekannten Zeitungen, aber auch von Regierungen auf. Relativ zu Beginn seines Vortrags berichtet Ganser von einem im Spiegel publizierten Text namens «Die letzte Zeugin» aus dem Jahr 2018. Der Autor, Claas Relotius, erzählt von einem Besuch in den USA, bei dem er eine Zeugin zu dem Fall eines Serienmörders interviewt. Ganser pickt sich einen Auszug aus dem Text heraus und zeigt sich entrüstet über die dort vorhandenen Formulierungen. So leitet er aus dem Teilsatz « […] der Mann mit teigigem Gesicht […]» einen Ausschluss des beschriebenen Mannes aus der «Menschheitsfamilie» ab. Weshalb sonst, würde man solche Formulierungen wählen, um jemanden zu beschreiben? Gansers Vorgehen erstaunt uns. Er wählt vollkommen normale Stilmittel aus und verleiht ihnen einen taktischen Charakter.  Es stellt sich die Frage, was die Zuhörerschaft in Zukunft denken wird, wenn sie Reportagen liest. Werden wertende Adjektive ausreichen, um journalistische Texte als unseriös und manipulativ zu verstehen?

Im nächsten Schritt erzählt Ganser von dem zweiten, weitaus grösseren Problem des Spiegel-Artikels. Der Autor des Textes, Claas Relotius, wurde dafür bekannt, sich eine Vielzahl an Reportagen vollständig ausgedacht zu haben, so auch den Text «Die letzte Zeugin»[5]. Der kontrovers diskutierte Fall löste selbstverständlich Fragen nach systematischen Problemen grosser Medienhäuser aus. Das unbestritten groteske Vorgehen des Journalists Claas Relotius mündete in einer Debatte über die Glaubwürdigkeit anerkannter Zeitschriften und führte zu internen, sowie externen Untersuchungen. Der Spiegel führte als Reaktion ein Gremium ein, bei dem Hinweise auf ähnliche Vorgehensweisen anonym untersucht werden können. Das lässt Ganser in seiner Schilderung jedoch aus. Er weist lediglich abermals darauf hin, dass man getäuscht werde und manchmal der Schwindel eben auffliege.

Gegnerisches Repertoire

Ganser präsentiert selektiv Fehler von Medienschaffenden und erreicht so, ein Narrativ entstehen zu lassen, welches Medien plump formuliert als «Lügenpresse» dastehen lässt. Er verzichtet allerdings auf derartige Formulierungen und macht stattdessen auf universale Wirkprinzipien aufmerksam, an denen sich Medien bedienen würden, um uns zu beeinflussen. Ein bekanntes Prinzip beschreibt er als «Neuro-Prinzip» des Lernens. Ich frage mich, welches Lernprinzip denn nichts mit Nervenzellen zu tun hat, aber bevor ich den Gedankengang vertiefen kann, erläutert Ganser schon, was er damit meint. Es gehe um die Entstehung neuronaler «Autobahnen» im Gehirn, wenn Inhalte sich für uns wiederholen. Dass Wiederholung zu Lernen und stärkeren assoziativen Verknüpfungen im Gehirn beiträgt, kann man also auch so formulieren. Spannend ist, was Ganser aus dieser Erkenntnis macht. Er behauptet, dass Medien gezielt so oft Aussagen wiederholen, bis man sich gar nicht mehr dagegen wehren könne, sie zu glauben. Wir müssen schmunzeln. Ganser blendet nämlich fast gebetsmühlenartig nach jedem von ihm präsentierten Beispiel eine Folie ein, auf der steht: «Die Leserinnen und Leser wurden getäuscht.». Er scheint wohl kein Problem damit zu haben, das rhetorische Repertoire der feindbildlich dargestellten Medien für seine eigenen Zwecke zu nutzen.

Tipps und Tricks

Für diejenigen, die sich nun fragen, wie man der permanenten Manipulation entgegentreten kann, hat Daniele Ganser einige Tipps parat. Zunächst mal solle man nicht jeden Tag Nachrichten konsumieren. Offline sei das neue Bio, sagt Ganser und der Saal bebt vor Begeisterung. Er führt aus, dass es nicht von Nöten sei, sich über alle Themen en Detail zu informieren. In der Podiumsdiskussion wird er sagen, man solle mithilfe von Achtsamkeitstechniken versuchen, die für sich wirklich wichtigen Themen zu erspüren. Er wende diese auch an, damit er sich von dem Übel der Welt distanzieren könne. Um sich vor der Täuschung durch Medien zu schützen, müsse man jedoch auch üben, eine Täuschung überhaupt erst zu erkennen. Auf uns wirkt das als Widerspruch: Wenn ich doch Nachrichten meide, wie soll ich dann deren Inhalte so gut verstehen, dass ich Falsches von Wahrem trennen kann? Darauf hat Ganser eine Antwort: Man solle in sich rein hören und sich fragen, ob sich das Gesagte für einen plausibel oder als Lüge anfühlt. Ihm muss klar sein, dass er damit bei dem esoterischen Publikum ins Schwarze trifft, denn Intuition hat in der spirituellen Bewegung einen hohen, wenn nicht sogar den höchsten Stellenwert. Dass Ganser kein Freund des täglichen Zeitungslesens ist, wird von seiner Kritik an der Negativität in Berichterstattungen unterstrichen, die mitunter dazu führe, dass «man gar nicht mehr auf dieser Welt leben möchte». Offen bleibt bei dieser Aussage, ob das, was im ersten Moment als suizidale Tendenz interpretiert werden kann, am Ende vielleicht «nur» die Brücke zum Manifest der neuen Erde ist.

Ganser verlässt unter ausnahmslosen Standing Ovations die Bühne. Uns geht nach seinem Auftritt eine Phrase nicht aus dem Kopf: «Jenen, die sagen, man solle nicht alles glauben, glauben sie alles.»

Ein Kongress der Erwachten

Den krönenden Abschluss des Tages soll eine Podiumsdiskussion bilden, zu deren Zweck sich nun Patrick Pedrazzoli, Dieter Boers, Mathias Forster, Robin Kaiser, Nicola Good, Anke Evertz und Daniele Ganser auf der Bühne versammeln. Mit dabei ist homas Schmelzer, der die Diskussion moderiert. Es stellt sich allerdings schnell heraus, dass vergleichsweise wenig diskutiert und dafür umso mehr referiert wird. Daniele Ganser vertieft sich noch einmal in seine Achtsamkeitspraxis und verrät, dass er in Wahrheit auch eine «Spirit Soul» sei. Dieter Boers spricht von elektromagnetischen Feldern und dem «Energiespektrum des neuronalen Verbunds». Robin Kaiser erklärt, dass es noch einen weiten Weg bis zu Erleuchtung gebe und Nicola Good betont, dass es wichtig sei «das Unmögliche zu denken». Insgesamt entsteht weniger der Eindruck, dass man hier eine neue Art des Zusammenlebens bespricht. Vielmehr scheint sich jeder einzelne Protagonist darauf zu beschränken, sein spezielles Interesse dem Publikum näher zu bringen. Insofern wird beim letzten Programmpunkt des Tages deutlich, was sich zuvor abgezeichnet hatte: Als gemeinsamer Nenner findet sich nur, dass man auf die noch nicht «Erwachten» hinabblickt und sich ihnen entgegenstellt.

Julia Sulzmann, 9. Juni 2023

Anmerkungen

[1] Beck, R. (2023). Dubiose Veranstaltung: Wo die Scharlatane ein und aus gehen. WOZ. Verfügbar unter: https://www.woz.ch/2313/dubiose-veranstaltung/wo-die-scharlatane-ein-und-aus-gehen/!BPJMGSE9G8FG

[2] https://act.campax.org/petitions/reclaimvolkshaus-keine-buhne-fur-antisemit-innen-kein-geschaft-mit-braunen-esoteriker-innen

[3] Beispielsweise: Mark, Y. & Krähenbühl, D. (2023). Heftige Kritik an «Esoterik- und Verschwörungstheorienkongress im Volkshaus». 20 Minuten. Verfügbar unter: https://www.20min.ch/story/keine-buehne-fuer-antisemiten-kein-geschaeft-mit-braunen-esoterikern-939461014618

[4] Leppe, R. Hetzjagd in den Medien – Vorwürfe über Rassismus, Antisemitismus und mehr – klare Antworten! Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=PAIgvd_Wsoo

[5] Der Fall Relotius. Verfügbar unter: https://www.spiegel.de/thema/der_fall_claas_relotius/

Lexikoneinträge

Christina von Dreien

Daniele Ganser

Manifest der neuen Erde

Nicola Good

Thomas Schmelzer

Relinfo zu Besuch bei Scientology Zürich

Als wir an der verlassenen Bushaltestelle im Industriegebiet von Volketswil ankommen, wissen wir noch nicht, dass uns eine Reise erwartet. Eine Reise in eine andere Welt – die Welt der Scientology Kirche Zürich. Das Relinfo Team wurde eingeladen, sich die neuen Räumlichkeiten der Gemeinschaft anzusehen. Im Dezember 2020 zog die Kirche um, scheinbar wurden die alten Hallen für neue Zwecke abgerissen. So streifen wir jetzt durch das riesige Industriegebiet, in dem nichts erahnen lässt, dass hier eine hochumstrittene Glaubensgemeinschaft aktiv ist.

Rentner statt Rebellen?

Scientology, einst gigantische Psycho-Sekte, hat heute mit Mitgliederschwund zu kämpfen. Grund dafür ist unter anderem, dass fast jeder die Gemeinschaft kennt. Auf YouTube findet man unzählige Dokumentationen über die Psychotricks der Gemeinschaft. Auch die Geheimdienst-ähnlichen Zustände in Clearwater (Florida) sind gut belegt. Zudem gelten die erkenntnistheoretischen und psychologischen Ideen L. Ron Hubbards längst als überholt. Der Umzug erscheint in diesem Sinn als Analogie der Entwicklung: Die ehemals jungen, dynamischen Städter der 80er und 90er Jahre sind nun mit Kleinwägen unterwegs ins Industriegebiet. Der Umgang sei gemütlicher geworden, bestätigt Stettler, als wir ihn später auf diese Entwicklung ansprechen. Während man sich früher in hitzige Diskussionen habe verstricken lassen, nehme man heute vieles gelassener.

Verstecktes Revier

Google Maps führt uns zu einem riesigen Gebäude, in dem mehrere Firmen sitzen. Erst wenige Meter vor dem Eingang entdecken wir ein Schild, das uns verrät: Wir sind auf der richtigen Route. Zwischen einer Steuerberatungsfirma und einer Organisation für Behindertensport befindet sich die Aufschrift: «Scientology. Dianetik». Wir brauchen ein wenig, um den Eingang zu finden. Glücklicherweise holt uns Jürg Stettler persönlich ab. Der Präsident der Gemeinschaft, auf dessen Einladung hin wir nun den Eingang des Zentrums betreten, ist ein freundlicher Mann. Er führt uns zu der Empfangsdame, die unsere Körpertemperatur misst und unsere Namen notiert.

Zeitreise

Als wir unsere Jacken ablegen, blicken wir uns zum ersten Mal richtig um. Das grosse Gewerbebüro, das eine Glaubensgemeinschaft beheimatet, versprüht den Charme der 90er Jahre. Dunkle Teppichböden und bunte Bücher von L. Ron Hubbard begleiten uns durch die Räume. Man entdeckt kaum Computer. Stattdessen finden sich allerlei andere interessante Geräte. So hängt sich neben einem «Materialien-Guide» – einer riesigen Stellwand mit chronologischer Auflistung von Hubbards Werken – ein unscheinbar wirkender Bildschirm. Mit ihm verknüpft sind grosse Kopfhörer.  Wir erfahren, dass man dort aus einer Mediathek Vorträge von Hubbard anhören kann. Der Touchscreen des Bildschirms erinnert an die Smartphones der ersten Generation – man muss einen leichten Druck ausüben, damit etwas passiert.

Der Alltag von Scientology Zürich

Stettler führt uns geduldig durch alle Räume der Gemeinschaft. Es herrscht reges Treiben, insgesamt sollen 100 Mitarbeitende in Volketswil tätig sein. Es scheint, als wären alle von ihnen anwesend. Uns wird zugelächelt, wenn man uns sieht. Die überschwängliche Freundlichkeit passt zu dem Bild, das man von Scientologen hat: Das Streben nach Perfektion und Selbstoptimierung, welches insbesondere viele Prominente in den Bann der Gemeinschaft gezogen hat. Andere, die gerade Kurse zu besuchen scheinen, bemerken uns erst gar nicht. Sie arbeiten allein oder in Gruppen. Vertieft in den Stoff, den Hubbard mehrheitlich vor mehr als 50 Jahren erstellte. Stettler erklärt uns, dass dies prinzipiell die Hauptaktivität einer Mitgliedschaft bei Scientology darstelle. Man besuche Kurse und bilde sich selbstständig weiter. Mittlerweile sei auch vieles online möglich. Inhaltlich gehe es um grundlegende Fragen wie Ethik, man finde aber auch neue Denkanstösse und Inspirationen für bestimmte Lebensweisen.

Selbstoptimierung der ersten Stunde

Eine der prekären Kontroversen um Scientology klammert Stettler in diesem Zusammenhang aus. Die Kurse sind nicht nur banales Freizeitprogramm: Sie ermöglichen, die «Brücke zur völligen Freiheit» zu erklimmen. Zu hohen Preisen wohlgemerkt – um die Stufe «OT-8» zu erreichen, benötigt man mehrere hundert Tausend Franken. Man könnte sagen: Hubbard bediente sich an dem menschlichen Bedürfnis nach Unantastbarkeit bereits in einer Zeit, in der Selbstoptimierungs-Coaches noch nicht modern waren. Stettler selbst habe die Stufe «OT-5» erreicht und so circa 100.000 Franken für seine Entwicklung ausgegeben.

Das ewige Warten

Wir werden von Stettler durch die langen Gänge geführt. Er redet viel und schnell, wir stellen immer mal wieder Fragen, auf die er freundlich antwortet. Später stellt sich heraus, dass er solche Führungen öfter gibt. In einem langen Gang spähen wir zu unserer rechten Seite in ein offenes Büro hinein. Neben der Tür ist das Namensschild des Inhabers angebracht: «L. Ron Hubbard». So ist es Tradition bei Scientology. In jeder Org muss es ein Büro für Hubbard geben – gedacht für den Tag, an dem er zurückkehrt. In Gold Base (Kalifornien) ist sogar eine Villa für Hubbard gebaut worden. Als wir Stettler auf die verbundene Reinkarnationslehre ansprechen, winkt er ab. Jeder könne hier glauben was er wolle, aber manche stellen es sich so vor. Es wirkt, als wolle er bewusst nicht den Eindruck vermitteln, dass alle Scientologen tatsächlich an eine physische Rückkehr Hubbards glauben. Er scheint sich der Wirkung der Vorstellungen von Scientology auf Aussenstehende sehr bewusst zu sein.

Beratung, das neue Auditing?

Dieses Bewusstsein dafür, dass manches für Aussenstehende seltsam oder zweifelhaft erscheint, wird besonders bei Stettlers Präsentation des Auditing-Raums deutlich. Er stellt diesen als Raum für «Beratungen» vor. Nur durch unser Vorwissen sehen wir auf den ersten Blick, dass in diesem Raum das für Scientology typische «Auditing» durchgeführt wird. Auf der Mitte des den Raum füllenden Tischs steht ein Gerät, das sogenannte E-Meter. Dieses soll erkennen, welche Themen Menschen vom Zustand «Clear» zurückhalten. Die Erreichung dieses Zustands ist die Grundvoraussetzung zur Erklimmung der «Brücke der vollkommenen Freiheit». Wir stellen Stettler die sich für uns aufdrängende Frage danach, wie denn nun das Auditing mittels E-Meter funktioniert. Wir erhalten eine ausweichende Antwort. Das Gerät spüre einfach, welche Themen die Menschen beschäftigen und schlage dann aus. Deshalb sei es auch so wichtig, so viele Themen wie möglich anzusprechen, um die entsprechenden Punkte zu finden. Wir dürfen das E-Meter selbst ausprobieren. Stettler bittet uns, an etwas zu denken, dass uns emotional beschäftigt. Siehe da, das E-Meter schlägt aus. Was Stettler nicht weiss: Meine Kollegin setzt gerade keinesfalls die Kraft ihrer Gedanken ein. Die beiden Metallgriffe des E-Meters werden von ihr einfach etwas fester gedrückt. So schafft sie es – vielleicht zu Stettlers Erstaunen – das E-Meter immer gleich stark ausschlagen zu lassen.

Alte Technik, neues Marketing

Neben der zweifelhaften Wirkung des E-Meters bestehen folgenreiche Kontroversen rund um das Auditing. Es geht hierbei zum einen um die pseudotherapeutische Repetition belastender Ereignisse, die so oft erzählt werden sollen, bis sie keinen Einfluss mehr auf einen haben. Diese möglicherweise das Gegenteil bewirkende Technik stellt Stettler abgemildert so dar, als dass es beim Auditing lediglich um das konstruktive Besprechen schwieriger Lebensinhalte gehe. Von sich aus versucht er, den anderen Skandal vorwegzunehmen, der das Auditing bei Scientology umgibt. Er erzählt, dass die Informationen, die bei der «Beratung» zu Tage treten, zwar aufgezeichnet würden, aber strengster Geheimhaltung unterlägen. Der Umgang mit den persönlichen Erzählungen sei vergleichbar mit der beim Beichtgeheimnis und der ärztlichen, respektive psychotherapeutischen Schweigepflicht. Er scheint bewusst die zahlreichen Vorwürfe von Austeigerinnen und Aussteigern ausklammern zu wollen, die Scientology beschuldigen, mit den sensiblen Informationen des Auditings unter Druck gesetzt worden zu sein.

Saunieren im Büro

Wir werden von Stettler in den Saunabereich der Org gebracht. Bei Scientology muss ein regelrechtes Reinigungsritual absolviert werden: Stundenlange Saunagänge sollen Rückstände von Drogen und Umweltgiften entfernen. Interessant ist, dass man sich ganz dem US-amerikanischen Sauna-Prinzip verschrieben zu haben scheint, ohne Kleidung geht es nicht. Es spannend, den Saunabereich zu begutachten. Er gleicht weniger einem Wellnessbereich und mehr einer Sportumkleide, in der jedoch ein grosses Gemälde hängt. Die Brücke zur völligen Freiheit ist hierauf bildlich dargestellt. Über ihr schweben Heissluftballons, die die Wappen der Schweizer Kantone tragen. Am Ende der Brücke sitzt Helvetia, die Identifikationsfigur der Eidgenossenschaft. Im Hintergrund leuchtet das Symbol für OT, das mit dem spirituell übergeordneten Status von Scientologen im Zusammenhang steht. Selbstverständlich haben wir nicht die Deutungshoheit über das Gemälde. Jedoch kann man sich der Botschaft des Gemäldes kaum entziehen: Das Ideal von einem «Clear Switzerland» schlägt einem geradezu entgehen. Stettler hingegen erwähnt beiläufig, das Bild habe keine besondere Bedeutung.

Gegenseitige Fragerunde

Zum Ende unseres Besuchs setzen wir uns mit Stettler und Jacqueline Ceriani in das Wartezimmer für die «Beratungsgespräche».  Es stellt sich heraus, dass nicht nur wir Fragen haben. Stettler ist sehr interessiert an der Struktur von Relinfo, an den Arbeitspensen der Mitarbeitenden und an unseren persönlichen Geschichten. Er kommt besonders dann auf die Arbeit unserer Stelle zurück, wenn wir ihn auf den Mitgliederschwund von Scientology ansprechen. Stettler gerät das einzige Mal in Rage, als er betont, dass es keinesfalls einen Schwund von Mitgliedern zu beklagen gebe. Natürlich würden die Leute älter, aber es kämen auch immer wieder neue dazu. Insgesamt gebe es in der Schweiz circa 5000 Mitglieder, die mehr oder weniger aktiv seien.

Wolf im Schafspelz?

Insgesamt verbringen wir einen netten und unterhaltsamen Nachmittag bei einer der grössten Psychosekten der Welt. Stettler ist ein zuvorkommender und sympathischer Mann, dem seine Gemeinschaft am Herzen liegt. Er betont – naturgegeben – die Vorteile von Scientology und lässt kontroverses weg. Interessant ist, wie sehr die Glaubensinhalte der Gemeinschaft in den Hintergrund gerückt werden. Es geht in unseren Gesprächen betont wenig um beispielsweise Reinkarnation, dafür umso mehr um Persönlichkeitsentwicklung. Man könnte meinen, dass der Eindruck einer Auswahl an Produkten entstehen soll, die Scientology anbietet und an denen sich jeder nach seiner Fasson bedienen kann. Dies steht im krassen Kontrast zu dem, was Austeigerinnen und Aussteiger berichten: Druck mithilfe der beim Auditing erfahrenen Geheimnisse, hohe finanzielle Investitionen und vieles mehr. Unabhängig davon, wie sich Scientology uns gegenüber präsentiert, eins ist sicher: Man kennt die Skandale der hochumstrittenen Gemeinschaft und wer Informationen benötigt, wird ganz sicher fündig.

Julia Sulzmann, 31.05.2023

Das liebestrunkene Paradies auf Erden – 25 Tage Onlinekurs mit Christina von Dreien

Vom 01. bis zum 30. Januar 2023 fand der vom Begegnungszentrum «Die Quelle» realisierte Onlinekurs «Erinnerung ans Paradies» mit Christina von Dreien statt. Für 146.62 CHF konnte man sich den gesamten Monat lang durch insgesamt 25 Module durchklicken sowie am Ende des Kurses zusätzlich an einem einstündigen Live-Stream teilnehmen, bei welchem Christina Fragen von Zuschauer:innen beantwortete. Eine dieser Zuschauerinnen war ich.

An ihrem Aussehen und Auftreten hat sich, verglichen zu meiner Teilnahme am «Love Stream 8» vor zwei Jahren, kaum etwas verändert: Man begegnet einer scheu wirkenden Frau, die immer wieder nach den richtigen Worten sucht und peinlich berührt lacht, wenn ihr eine Aussage nicht gelingt. Für viele der Zuschauer:innen und Anhänger:innen mag ebendiese befangene, kindliche Erscheinung ansprechend sein, in mir löste sie eher Befremdung aus. Ob dies von ihr bewusst inszeniert wird, um sich als eine Art ewig jugendliche «Botschafterin» zu verkaufen, oder ob es sich dabei tatsächlich um ihre natürliche Ausdrucksweise handelt, bleibt weiterhin unklar.

Die Quelle – The Source AG

Ohne Kontext keine Bedeutung – worum handelt es sich bei «Die Quelle»? Nachdem Patric Pedrazzoli von verschiedenen spirituellen Lehrern und Heilern aus unterschiedlichen Ländern «eine breite Ausbildung erfahren durfte», gründete er am 06. Mai 2006 in Bern zusammen mit seinem Vater, Hansjörg Weyermann, sowie einem weiteren Freund das Seminarzentrum «Die Quelle». Dieses fungiert heute als Sammelbecken für spirituelle Anlässe jeglicher Art – über 3.000 Seminare, Vorträge, Ausbildungen und Konzerte soll das Zentrum allein in den letzten Jahren organisiert und durchgeführt haben.[1]

Was die dahinterstehende Vision des Seminarzentrums betrifft, so erklärt Pedrazzoli in einem kurzen YouTube-Video, dass «Die Quelle»

[e]in Zentrum [sein soll], [welches] viele Menschen dazu einlädt, die auf der Suche sind, nach dem Sinn des Lebens, nach `wer bin ich wirklich`, oder haben körperliche Probleme, geistige Themen, die sie beschäftigen, Philosophie und noch vieles, vieles mehr.

Die Vision der Quelle ist für mich so, dass wir viele Referenten und Referentinnen einladen, das ist für mich wie ein riesengrosses Orchester. Und wir holen viele Menschen daher, die an und für sich Profis sind auf ihrem Instrument, ihre Leidenschaft durch dieses Instrument zeigen können und es auch lernen, weitergeben. Dass viele Menschen hierher in die Quelle kommen können und verschiedene Instrumente spielen dürfen und herausfinden, `welches ist meines`, oder `welche zwei oder drei sind meines`.[2]

Die von Pedrazzoli angesprochenen Referent:innen sind mitunter dafür verantwortlich, dass der Plattform ein Ruf vorauseilt: Man könne sie als einen Querschnitt der esoterischen und verschwörungstheoretischen Szene der Schweiz bezeichnen. Beispielsweise findet am 27. und 28. Mai diesen Jahres der Kongress «Vision des Guten und das Manifest der Neuen Erde» statt, in dessen Rahmen nebst Christina von Dreien und ihrer Managerin Nicola Good auch Personen wie Daniele Ganser oder Ricardo Leppe auftreten sollen[3]. In linken Kreisen regte sich Protest, dass im traditionsreichen Zürcher Volkshaus ein solcher Kongress stattfinden soll. Unter dem Titel «Reclaim Volkshaus» läuft eine Petition, die zur Absage der Veranstaltung aufruft. Die 4000 angestrebten Unterschriften wurden fast erreicht.[4] Die Veranstalter reagierten auf den gesellschaftlichen Druck und luden eine der problematischsten Figuren der Veranstaltung aus: Ricardo Leppe.[5]

Dieser steht dem Verein «Wissen schafft Freiheit» als Präsident vor. Bereitgestellt werden dort alternativ-komplementäre Lernmethoden und -angebote. Dabei zeichnen sich Leppes Lerninhalte im Spezifischen und der Verein im Allgemeinen durch eine fehlende wissenschaftliche Grundlage, eine Hinwendung zu Verschwörungstheorien sowie zur Schetinin-Pädagogik und einer Ablehnung evidenzbasierter Medizin aus.[6] Auch andere Gäste, die bisher wie geplant auftreten sollen, wird die Verbreitung von Verschwörungstheorien nachgesagt. Dazu gehört Daniele Ganser, der insbesondere aufgrund seiner öffentlichen Anzweiflung der offiziellen Version der Terroranschlägen vom 11. September 2011 kritisiert wird. Eine solch verschwörungstheoretische Tendenz lässt sich ebenfalls in seinen Büchern finden, so zum Beispiel, wenn er die USA beschuldigt, hinter dem Putsch in der Ukraine zu stecken oder wenn er hinter dem Anschlag auf Charlie Hebdo einen Legitimationsversuch für einen Krieg gegen muslimische Länder sieht.[7]

Im virtuellen Vorlesungssaal

Christina von Dreien wird auch als Referentin bei «Die Quelle» auftreten, um eine Utopie einer friedvollen, fast schon liebestrunkenen Welt vorzustellen, die sich die Referenten wünschen. Hinter dem «Manifest der neuen Erde», welches das Überthema des Kongresses darstellt, steckt allerdings nicht nur Liebe, sondern ein Plan für eine Parallelgesellschaft. Es überrascht nicht, dass einige der Referent:innen wichtige Positionen in der Staatsform der «neuen Zeit» einnehmen sollen.

In ihrem 25 Tage langen Onlinekurs macht sie die Vision einer neuen Welt gar zu einem der Kernthemen und erklärt bereits in einem kurzen Video auf der Anmeldungsseite:

Wenn wir Menschen wieder mit unserer Liebe in Kontakt kommen, dann erschaffen wir automatisch ein Paradies auf der Erde. Und wenn Menschen eine heile Welt möchten und diesen Wunsch haben, dann kann das nur daherkommen, dass wir das schon mal erlebt haben, dass wir diese Information in unseren Zellen drin haben.

[…] die Erde selbst, die kann sich auch noch an dieses Paradies erinnern, weil sie will ja so oder so aufsteigen. Und die Frage ist einfach, welche Menschen möchten das auch. Wir sind ja multidimensional und Menschen, wenn sie die ganze DNA wieder aktiviert haben, so, wie das Mal am Anfang gewesen war, dann können sie ja eigentlich dieses reine, göttliche Bewusstsein haben. Menschen sind ja eigentlich Menschenengel. Ich bin ja hier inkarniert, weil ich ja mehr Bewusstsein hier hinbringen möchte und viele andere Menschen, die sind ja auch aus diesem Grund hier. Darum ist ja auch jeder einzelne Mensch so wichtig.

Was den Aufbau des Kurses betrifft, so erhielt man nach erfolgter Bezahlung einen Link mit Zugang zum umfangreichen Kursmaterial zugeschickt. Dieses bestand aus jeweils 10 bis 15 Minuten langen Videos, welche ab dem 01. Januar 2023 über einen Zeitraum von einem Monat täglich auf der «Quelle»-Homepage freigeschaltet wurden. Als Häppchen aufbereitet und geordnet nach Themen wie «Wir und die Anderen», «Blick ins Paradies», «Lichtkörper und geistige Heimat», «Über das Sterben und Inkarnieren» sowie «Am Ende kommt alles gut», führte Christina die Teilnehmer:innen Video für Video in ihr eigenes Weltbild ein, indem sie in einer Art Q&A-Format auf eingeblendete Fragen einging. Dass sie dabei allein in den 25 «Lektionen» zu sehen war, wunderte mich, so sah man sie in der Vergangenheit meist im Doppelpack mit Nicola Good, der eine Rolle als Christinas «Ersatzmutter» nachgesagt wird. Good nahm bei öffentlichen Auftritten und Videos die Zügel in die Hand und lenkte das Gespräch. Manchmal gab sie sogar längere eigene Ideen preis.

Ausserirdische als Schöpfer der Menschheit

Meine Kursteilnahme begann also damit, dass ich mich in meinem stillen Kämmerchen durch ungefähr fünf Stunden Videomaterial durchklickte, wobei es mir aufgrund Christinas Sprechtempo um einiges länger vorgekommen ist. Es folgen einige nennenswerte Ausschnitte:

Gestützt auf die Reptiloiden-Verschwörungstheorie des Briten David Icke, behauptet Christina im sechsten Modul «Wir und die anderen», dass sich seit mehreren tausend Jahren Ausserirdische auf der Welt inkarniert hätten. Diese liessen sich nach «Rasse» (Aussehen) sowie «feinstofflicher» oder physischer Manifestation voneinander unterscheiden. Zwar gebe es auch solche, die zur Beobachtung der Menschen den Planeten in Raumschiffen umkreisen oder sich anderswo in unserem Sonnensystem aufhalten, die allermeisten «ausserirdischen Rassen» befänden sich jedoch aus diversen Gründen auf oder unter der Erdoberfläche in einem «Hohlraum». An dieser Stelle des Moduls kommt Christina auf die Evolutionstheorie zu sprechen und erzählt den Teilnehmer:innen, in der Schule habe sie ebendieses Thema immer zum Lachen gebracht. Schliesslich seien die Menschen nicht «aus dem Meer gekommen», sondern in Wahrheit von den ausserirdischen Wesen erschaffen worden.

Liebe als Allheilmittel

Doch die Entstehungsgeschichte des Menschen ist nicht die einzige Theorie, von der Christina nichts hält. Das Modul «Blick ins Paradies» thematisiert die «kollektive Erschaffung des Paradieses auf Erden». Um ein Paradies auf Erden zu etablieren, sieht Christina es generell als notwendig an, dass die Menschen nicht nach Theorien oder Gesetzen handeln, sondern nach Gefühlen: «Um das Paradies zu schaffen und alle momentanen Probleme zu lösen, brauchen wir keinen ausgetüftelten Lösungsplan, sondern wir müssen einfach in Liebe handeln und uns immer wieder bewusst machen, welches Ziel wir verfolgen».

Wie genau ihre Vision des irdischen Paradieses aussieht, konnte Christina dabei nicht sagen. Nicht nur gäbe es dafür keine Worte – die Menschen seien auch zu sehr an den «momentanen Zustand der Erde» und entsprechend zu wenig an die «Schwingungen» eines solchen Paradieses gewöhnt. Deshalb sei es gar unmöglich, das Paradies zu erfassen. Das Einzige, so Christina weiter, über was sie sich diesbezüglich sicher sei, ist das kommende harmonische Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen. Denn angesichts dessen, dass Liebe «das Gefühl ist, welches das Leben schön macht und fördert und nicht etwas ist, das Leben zerstört», würde es für den liebenden Menschen keinen Grund für Krieg, Fleischkonsum oder die Ausbeutung der Natur geben. Schuld am Übel der Welt seien andere, die Christina wechselnd benannt werden.

Der Live-Stream

Dann, am 30. Januar diesen Jahres um 19.00 Uhr, fand die Zoom-Sitzung als Abschluss des Kurses statt, an dem insgesamt 238 Teilnehmer:innen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Spanien und Thailand dabei waren. Unter Berücksichtigung der teilweise ausgeschalteten Kameras, schätze ich die Altersspanne der Partizipierenden auf Mitte 20 bis 60, wobei auch vereinzelt Familien mit Kleinkindern zu sehen waren. Genau wie in den 25 «Lektionen», war Nicola Good auch an diesem Event nicht anwesend, dafür wurde die Session von Joelle Hodler von «Die Quelle» moderiert. Sie las die im Vorhinein eingereichten oder dann während der Sitzung im Chat gestellten Fragen vor und forderte Christina bei unklaren Antworten zu weiteren Erläuterungen auf.

Dauerbrenner Corona

Vor dem Hintergrund aktuell verbreiteter Annahmen in der Esoterikszene war es kaum verwunderlich, dass sich viele der Anliegen um das Thema Covid-19 drehten. So wurde von einem Teilnehmer die folgende Frage gestellt: «Können Impfstoffe von einer Person auf andere übertragen werden durch bspw. die Benutzung desselben Geschirrs oder auch von geimpften Tieren auf Menschen durch bspw. den Verzehr des Fleisches?». Christina bejahte und merkte an, dass es «auf der physischen Ebene Dinge gibt, die man machen und nehmen kann», um die Wirkstoffe der Impfung wieder zu neutralisieren. Auf der «feinstofflichen Ebene» wiederum, müsse man «energetisch an sich arbeiten» und sich «wiederholt bewusst mit der eigenen Seele verbinden», um die durch die Impfung entstandenen «energetischen Blockaden» wieder lösen zu können.

Die obengenannte Frage basiert auf der Annahme des sogenannten «Sheddings», eine wissenschaftlich nicht haltbare Behauptung über das Coronavirus und die angewendeten Impfstoffe – mit angeblich gefährlichen Konsequenzen. Dabei hegen besonders Impfskeptiker:innen die Angst, in der Nähe von bereits geimpften Personen Krankheitssymptome zu entwickeln. Laut der Falschbehauptung würden Letztere nämlich in den ersten Wochen nach der Impfung «virale Spike-Proteine» produzieren, welche dann über Hautkontakt, Ausatmen oder Husten an ungeimpfte Personen weitergegeben werden und genannte Symptome wie Kopfschmerzen, Ausschläge oder Übelkeit verursachen.[8]

Eine gemeinsame Basis

Mit den allermeisten Fragen vonseiten des Publikums sowie Christinas Antworten konnte ich nichts anfangen. Als aber jemand gegen Ende anmerkte, bei Christinas Ausführungen häufiger in einen schläfrigen Zustand zu verfallen, fühlte ich mich dann doch verstanden und klinkte ich mich mit einem Schmunzeln aus dem Zoom-Meeting aus.

Asia Petrino, 17.05.2023

Fussnoten:

[1] Schmuck, Peter (2022): Die Quelle in Bern – Europas Seminarzentrum für Potentialentfaltung und Spiritualität, Zukunftskommunen, online: https://zukunftskommunen.de/blog/die-quelle-in-bern-europas-seminarzentrum-fuer-potentialentfaltung-und-spiritualitaet/, [16.02.2023]

[2] Patric Pedrazzoli (2019): Was ist die Vision der Quelle, Die Quelle, YouTube, online: https://www.youtube.com/watch?v=SifVuK16kMo&t=1s, [16.02.2023]

[3] Die Quelle (o.V.) (o.D.): Kongress «Vision des Guten und das Manifest der Neuen Erde», online: https://die-quelle.ch/tc-events/kongress-die-vision-des-guten-zusammen-fuer-eine-bessere-welt/, [16.02.2023]

[4] 3350 Stimmen. Stand: 17.05.2023. https://act.campax.org/petitions/reclaimvolkshaus-keine-buhne-fur-antisemit-innen-kein-geschaft-mit-braunen-esoteriker-innen

[5] Tagesanzeiger. «Umstrittener Redner darf nicht in Zürich auftreten». https://www.tagesanzeiger.ch/umstrittener-redner-darf-nicht-in-zuerich-auftreten-143292514622

[6] Relinfo (o.V.) (o.D.): Wissen schafft Freiheit, online: https://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/wissen-schafft-freiheit/, [16.02.2023]

[7] Relinfo (o.V.) (o.D.): Daniele Ganser, online: https://www.relinfo.ch/lexikon/themen/verschwoerungstheorien/daniele-ganser/, [16.02.2023]

[8] Heigl, Jana (2021): «Impfstoff-Shedding»: Die Angst vor dem Kontakt zu Geimpften, online: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/fr-f-impfstoff-shedding-die-angst-vor-dem-kontakt-zu-geimpften,SdE76lT, [15.05.2023]

Die innere Ruhe finden – Besuch des Freitagsgebets der Marburger Moschee

Ein grau verziertes Minarett und blaue Bruchglasfenster

Die Moschee in Marburg ist ein moderner Bau, schlicht in weiss und schwarz gehalten mit einem Minarett, eingefasst in ein Netz aus grauen Verzierungen. Auf dem Vorplatz steht ein Kunstwerk, welches die fünf Säulen des Islams repräsentieren soll. Als ich am Freitagnachmittag eintreffe, sind noch nicht viele Menschen in der Moschee. Über eine Treppe gelange ich in das obere Stockwerk, wo sich der Frauenbereich befindet. Ich ziehe meine Schuhe aus und betrete den Gebetsraum. Einige Frauen und Kinder sind bereits da, beachten mich aber nicht weiter. So setze ich mich ganz hinten an die Wand gelehnt auf den Boden und lasse den Raum auf mich wirken. Es ist hell und freundlich, die Wände sind in einem schlichten weiss gehalten. Durch die blauen Bruchglasfenster dringt sanftes Licht in den Raum und die Farben spiegeln sich im blau gemusterten Teppich wieder.

Adhan, der Gebetsruf

Einige Frauen beten in der Mitte des Raumes, die meisten sitzen jedoch an die Wand gelehnt auf dem Boden wie ich. Manche unterhalten sich miteinander auf Deutsch oder Arabisch, andere lesen im Koran. Die Frauen tragen ganz unterschiedliche Kopftuch-Stile, viele davon sehr modisch. „Allahu Akbar„. Vom Männerbereich unter mir erklingt der Adhan, der Gebetsruf, und mehr Frauen strömen zu dem melodischen Ruf in den Raum. Einige davon tragen kein Kopftuch und nehmen sich Röcke oder Gebetskleider aus einer Truhe am hinteren Ende des Raumes. Trotz der weiterhin sprechenden Kinder entsteht eine fast mystische Stimmung durch den gesangsartigen Gebetsruf.

Arabische Predigt und herumtollende Kinder

Die Frauen bleiben sitzen, als der Imam einige Gebete zu sprechen beginnt. Ich kann nicht verstehen was er sagt, alles ist auf arabisch und der Mann spricht sehr schnell ohne Luft zu holen. Die meisten Frauen sind nun still, nur die Kleinkinder rennen weiter herum und ein kleines Baby weint bitterlich. Zwei kleine Jungen stehen ganz vorne am gläsernen Galeriegeländer, drücken ihre Hände ans Glas und blicken auf den Imam und die Männer herunter. Weitere Frauen kommen herein, als mir die junge Frau neben mir sagt, der Imam erzähle etwas von der Schlacht von Uhud. Unbeirrt rattert der Imam seine Predigt ab, während sich einige Frauen unterhalten, die Kinder herumtollen und eine Frau ihren Lippenstift nachzieht.

Die innere Ruhe als Geschenk Gottes

Unvermittelt wechselt der Imam in seiner Predigt auf Deutsch. In einem enormen Tempo spricht er von der inneren Ruhe, die Allah den Gläubigen geschenkt hatte. In der Not sah Gott, was in den Herzen der Gläubigen war, und sandte ihnen innere Ruhe in ihre Herzen hinab. Diese Gelassenheit half ihnen bei der Auswanderung von Mekka nach Medina und so würde Gott allen Gläubigen in schweren Zeiten innere Ruhe senden. Dies sei ein grosses Geschenk und je mehr Schwierigkeiten ein Mensch habe, desto mehr innere Ruhe würde dieser von Gott erhalten. Nach dem Kummer sei die innere Gelassenheit eine Belohnung und eine Art der Stärkung zugleich. Denn nur wer innerlich ruhig sei, könne gute Entscheidungen treffen.

Die drei Säulen der inneren Ruhe

Die drei Säulen der inneren Ruhe seien dabei Licht, Kraft und Liebe. Diese drei müssten aus dem Herzen kommen, welches erfüllt von Wahrhaftigkeit und Wissen sein solle. Doch wie können wir diese Dinge erreichen? Dazu bedürfe es Selbstabrechnung, Freundlichkeit und das Bewusstsein von Gottes Anwesenheit. Man solle seine Absichten und Taten hinterfragen und sein Verhalten stetig verbessern, um so nach dem Guten zu streben. Dabei sollten die Menschen freundlich miteinander sein, denn wie wir andere Menschen behandeln, würde unser Herz beeinflussen. Unfreundlichkeit und Kaltherzigkeit würden das Herz verderben. Den Menschen sollte bewusst sein, dass Gott in allem präsent sei und uns genau sehen würde – bei allem was wir tun.

Ein frecher kleiner Wirbelwind

Der Imam spricht weiter, jedoch bekomme ich den nächsten Teil nicht genau mit. Ein kleines Mädchen, vielleicht knapp zwei Jahre alt, steht plötzlich vor mir in ihren rosaroten Latzhosen, mit wilden braunen Locken auf ihrem kleinen Kopf. Sie packt meinen Bleistift, mit dem ich gerade Notizen mache, und will damit davonrennen. Sanft sage ich Nein und die Mutter sieht mich entschuldigend an, als das freche kleine Ding schnell wieder davon rennt. Ohne meinen Stift natürlich. Das Mädchen versucht noch zwei weitere Male meinen Stift zu stibizen, bevor sie endgültig aufgibt. Statdessen luchst sie einem kleinen Jungen seinen Ball ab und rennt wie ein kleiner Wirbelwind durch den Raum.

Richtige Entscheidungen und zweiter Gebetsruf

Ich versuche den Faden wiederaufzunehmen und der Predigt des Imams zu folgen. Er spricht davon, dass wir standhaft bleiben sollten und auf Gott vertrauen. Egal in welcher Not wir auch sein mögen, innere Ruhe sei unabdingbar, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ohne Luft zu holen, geht die deutsche Predigt in ein arabisches Gebet über, gefolgt von einem erneuten Gebetsruf. Nun erheben sich die Frauen und strömen im vorderen Teil des Raumes zum gemeinsamen Gebet zusammen. Nur wenige bleiben mit mir an der Wand sitzen und schauen zu. Vielleicht wollten sie oder durften sie im Moment nicht beten. Beispielsweise darf eine Frau während der Menstruation nicht am gemeinsamen Gebet teilnehmen.

Magische Stimmung und Kinderlieder

Als die Frauen Seite an Seite stehen und einige Kinder noch immer herumlaufen, beginnt der Vorbeter zu rezitieren. Die Art der Rezitation ist schwer zu beschreiben und hat nichts mit den einschläfernden Lesungen in der Kirche zu tun, die ich sonst gewohnt war. Der Vorbeter singt mehr als er sprach und es entsteht eine fast magische Stimmung im Raum. Die Frauen antworten zwischendurch mit einem „Amin“ und verändern ihre Gebetshaltungen alle gemeinsam. Die betenden Frauen und die gesangsartige Rezitation des Vorbeters, die voller Inbrunst durch den Raum hallt, haben etwas sehr Bewegendes an sich. Durchbrochen wird diese Stimmung allerdings von einigen Kindern, die auf einem Handy ein Kinderlied hören und von anderen, die wild durch die betenden Frauen rennen.

Meine innere Ruhe finden

Als der Vorbeter endet, murmeln die Frauen ein paar Worte vor sich hin, bevor einige von ihnen aufstehen und nach draussen strömen. Andere bleiben noch und sprechen zusätzliche Gebete. Viele gehen auch auf einander zu, unterhalten sich und sammeln ihre Kinder ein. Ich selbst bleibe noch einen kurzen Moment sitzen und versuche diese innere Ruhe zu spüren, von der der Imam gesprochen hatte. Vielleicht liegt es an der Stimmung im Raum oder an der wunderschönen Rezitation des Vorbeters, aber ein bisschen innere Gelassenheit kann ich wirklich fühlen.

Die Überschwemmung des Vorplatzes

Also stehe ich auf, gehe hinaus, ziehe meine Schuhe an und trete ins Treppenhaus. Ich erstarre einen Moment, als ich aus dem Fenster sehe und die Masse an Menschen vor der Moschee erblickte. In dem abgetrennten Frauenbereich war mir gar nicht klar gewesen, wie voll die Moschee eigentlich war. Viele Männer, darunter auch viele junge Leute, drängen sich auf dem Vorplatz der Moschee zwischen dem Eingang und den fünf Säulen des Islams. Einige machen sich bereits auf den Weg zu ihren Autos oder gehen zu Fuss, andere bleiben und sprechen miteinander. So viele junge Menschen hatte ich selten in Kirchen angetroffen.

Ein Lernraum mit Panoramablick

Ich reisse meinen Blick von den Menschen draussen los und gehe weiter die Treppe hinauf. Dort möchte ich mir noch die anderen Räume der Moschee anschauen, lasse dann aber den obersten Stock mit Studentenwohnungen weg. Einen Stock über dem Frauenbereich befindet sich eine kleine Bibliothek mit Lernraum für Schüler und Studenten. Von dort gibt es einen wunderbaren Ausblick auf die Altstadt und das Schloss von Marburg. Damit endet auch mein Nachmittag in der Moschee voller neuer Eindrücke und ich mache mich auf den Weg nach Hause.

Jasmin Schneider, 17.05.2023

Besuch bei der Impact City Church International (ICCI)

„You’re a seeker. I hope you find the truth. I pray for you.”

Fast genau 5 Jahre ist es her, seit ich die Migrationskirche ICCI besucht habe und mir diese Worte entgegengebracht wurden. In all dieser Zeit wurde ich sie nicht los. Bis heute ist mir nicht ganz klar, was die Pastora damit meinte. Ob ich der Wahrheit seither ein Stück nähergekommen bin, bleibt mir ebenso ein Rätsel. Vielleicht werde ich bei meinem Folgebesuch schlauer.

Zusammenkunft

Ich habe die Kirche insgesamt drei Mal besucht, zwei Mal im April 2018 und anfangs Mai in diesem Jahr erstattete ich der Pfingstkirche ICCI[1] einen Folgebesuch im Rahmen von Relinfo. Als ich ICCI vor 5 Jahren für einen Methodenkurs der Uni besucht habe, war ich zum ersten Mal in einer Kirche, in welcher die Mitglieder so lebhaft und voller Einsatz dabei waren. Da ich in letzter Zeit mit dem Gedanken gespielt habe dem Pastorenehepaar und der Kirche wieder einen Besuch abzustatten, ist es naheliegend, diesen Besuch mit einem Bericht für Relinfo zu verbinden.

In diesem Folgebesuch werde ich von der Pastora sofort wiedererkannt, ihr Ehemann – der Pastor – braucht ein bisschen mehr Zeit, um mein Gesicht einzuordnen. Da vor dem Gottesdienst jedoch noch viel zu tun ist und die Pastoren von vielen Mitgliedern beansprucht werden, wird es vorerst eine kurze Zusammenkunft. Ich werde jedoch als first timer eingestuft und habe die Ehre mich nach der Begrüssung aller Anwesenden vorzustellen. Trotz meiner kurzen Überforderung bringe ich dies mit einer nervösen und gebrochenen Stimme gut fertig.

Die fehlende Zeit zu Anfang des Gottesdienstes wird beim wöchentlichen Nachtessen der ICCI nach dem Gottesdienst dafür umso mehr kompensiert. Nach dem Gottesdienst wird uns new comers gesagt, dass ICCI uns gerne beim gemeinsamen Abendmahl kennenlernen wolle, woraufhin wir sofort als erstes Essen schnappen dürfen. Bei Spagetti und Älplermagronen erzähle ich der Pastora von Relinfo und erkläre ihr, dass ich einen Bericht über diesen Besuch schreiben werden. Worauf sie antwortet: „Ah, are you still doing that?“ – „Ah, machst du das immer noch?“

Disco und Kirche

Im Interview, das ich vor 5 Jahren mit dem Pastorenehepaar aus den Philippinen geführt habe, schilderte mir der Pastor, wie er auf der Suche nach der Disco zum Glauben gefunden hatte. Der Pastor erzählte, dass er als 16-jähriger, wie ein typischer Teenager, mit vielen Freunden den Weg in die Disco suchte. Die Disco war der Ort, wo alle waren und wo alles geschah. Menschen tanzten, sangen und waren beglückt. Doch als sie eines Tages auf dem Weg zur Disco eine Kirche passierten, stellte er fest, dass die Menschen dort beglückter waren. Sie tanzten leidenschaftlich und sangen lauthals. Daraufhin überredete er seine Freunde: „Hier müssen wir hineingehen!“

Diese Energie ist heute auch in der ICCI sehr spürbar. Der Gottesdienst strotzt vor Enthusiasmus der Mitglieder und der Pastoren. Zum Teil habe ich auch wegen lauten Einwürfen der Mitglieder Teile der Predigt, der Gebete und der Verehrung nicht ganz verstanden. Der ganze Gottesdienst lebt von Ausrufungen wie „Amen!“, „Yes, Lord!“, „Praise him!“ etc. Zusätzlich fördern die Pastoren die Begeisterung, indem sie die Teilnehmenden zur Bestätigung aufrufen. So rufen sie oft: „Am I right?“ Worauf die Mitglieder „Yes!“ oder „Amen!“ brüllen. Falls diese Bestätigung zu leise oder zu verhalten ist, forderen sie alle nochmal auf, bis die Euphorie fast greifbar ist.

Das Horn von Jericho

Der Worship der Kirche hat in diesen 5 Jahren nicht an Intensität und Energie eingebüsst. Neben den oben genannten Ausrufungen, welche auch während des Worship nicht abnehmen, lassen sich die Mitglieder gerne von der Musik leiten und tanzen oder strecken ihre Arme aus. Es gibt jedoch auch einige, die es bevorzugen, eher still zu sein.

…Und dann gibt es noch Alfred*.

Als ich letzten Sonntag meinen Folgebesuch abstatte, fällt mir gleich zu Beginn des Gottesdienstes ein Mann auf, der eine Art Geweih mit sich trägt. Es ist lang und grau. Mir ist sofort klar, dass es sich um ein Horn handelt. Was es jedoch in der Kirche zu suchen hat, ist mir schleierhaft. Die Auflösung lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Wir beginnen mit einem Worship-Lied den Gottesdienst und beim Refrain ertönt plötzlich dröhnend das Horn. Es kommt mehrere Male zum Einsatz. Dies, so scheint es mir, jedes Mal, wenn der Worship besonders euphorisch war.

Nach dem Gottesdienst kann ich natürlich nicht anders, als den Mann darauf anzusprechen. Dieser Mann, Alfred, erläutert mir, dass das Horn im Alten Testament wichtige Aufgaben gehabt hätte. Eine davon sei die jährliche Ankündigung des neuen Jahres gewesen. Im Gottesdienst darf er das Horn unter Vereinbarung mit dem Pastor auch spielen, was er gerne tut, wenn er vom Worship besonders spirituell bewegt wird. Trotz Androhungen der Einwohner lässt er das Horn auch zu verschiedensten Feiertagen gerne ertönen und läuft dabei durch die Stadt Olten. Er erzählt mir von einer Begegnung mit der Polizei, in der sie von ihm wissen wollten, weshalb er diesen Lärm veranstalte, woraufhin er die Bibel hervornahm, um ihnen die Stelle zu zeigen, wo diese Praxis geschrieben stand. Die Polizei sei daraufhin geflüchtet.

Transformation

Nicht nur die persönliche Art zu Glauben und Verehren wird gefördert, die Kirche lebt auch von persönlichen Geschichten. Die beliebtesten dabei sind solche über Transformationen.

Als ich die Kirche das erste Mal besuchte standen Erfahrungen von Mitgliedern, welche eine schwere Zeit durchmachten und durch den Glauben zu Gott auf den richtigen Weg kamen, im Zentrum. Diese Erzählungen oder testimonies, wie sie in der ICCI genannt werden, bildeten einen beträchtlichen Teil des Gottesdienstes. Nicht weniger als 7 testimonies wurden an diesem Gottesdienst gehalten. Eine Teilnehmerin, welche aus Uganda in die Schweiz migriert war, erzählte von ihrer Mutter, welche mit Hexerei zu tun hatte. Sie erzählte zudem, wie Alkohol einen grossen Einfluss auf ihr Leben hatte und dass sie durch Gott und den Heiligen Geist den Weg fort vom Teufel in die Freiheit und in ein gutes Leben schaffte.

Spirituelle Eltern

Auch die Pastora hat eine bewegte Transformation erlebt, welche sie bei meinem Folgebesuch in ihrer Predigt erwähnt. Diese Geschichte ist mir nicht neu. Die Pastora hat sich mir gegenüber auch im Interview vor 5 Jahren geöffnet. Dennoch bin ich erstaunt, als sie die Geschichte letzten Sonntag nochmas im Gottesdienst erzählt. Dass die Pastora offen ihre Verletzlichkeit im Gottesdienst zeigt, überrascht mich. Doch es macht Sinn, weil das Pastorenehepaar vermitteln will, dass wir alle fehlerhafte Menschen seien, welche durch den Heiligen Geist transformiert werden können. Auf diese Weise werden die Predigten und Erzählungen der Pastoren auch für die Teilnehmer*innen gut nachempfindbar.

Die Pastora erzählt von ihrer Kindheit in den Philippinen mit ihrem absent father und ihrer drogensüchtigen teen-mom. Sie berichtet von den Schwierigkeiten, welche sie dadurch gehabt hat und wie sie eines Tages einer Person begegnet ist, über welche sie zu Gott und Jesus gefunden hat. Diese Person wurde zu ihrem spiritual father. Er zeigte viel Geduld und Vergebung, bis ihr Glaube genug stark war und sie heilen konnte. Nach dieser Erfahrung sei sie nun an der Reihe für die Mitglieder dieser Kirche eine spiritual mother zu sein und sie fordert uns Teilnehmer*innen dazu auf, selbst zu versuchen, spiritual parents zu sein und Menschen zu transformieren. Menschen, die gebrochen sind, können geheilt werden. Und Menschen, die verloren sind, können gefunden werden.

Go and make disciples

In Matthäus 28,19 wird zur Missionierung aufgefordert. ICCI nimmt dies als eine der wichtigsten Aufgaben wahr. Ich verspürte das bei meinen ersten Besuchen und auch jetzt bei meinem Folgebesuch. Abgesehen davon, dass das Pastorenehepaar ausdrücklich zur Missionierung aufruft – wie auch die Aufforderung, spiritual parents zu werden, aufzeigt – ist die Teilnahme von verschiedensten Mitgliedern der Kirche ein Indiz für deren starke Missionierung. Vor 5 Jahren fanden sich Besucher aus Deutschland, Spanien, Uganda, Ghana, Monte Carlo, Brasilien und vor allem aus den Philippinen in der Kirche ein. Aus der Schweiz reisten Personen speziell für den Gottesdienst aus Graubünden, Schwyz, Rapperswil und Basel nach Olten.

Bei meinem Folgebesuch fällt mir als erstes auf, dass kaum mehr afrikanische Teilnehmer*innen im Gottesdienst sind. Dies rührt wahrscheinlich daher, dass sich im selben Gebäude die Migrationskirche „La Main de l’Éternel“, welche sich an Interessenten aus Afrika wendet, befindet[2]. Obwohl Personen aus dem afrikanischen Kontinent eine weniger stark ausgeprägte Präsenz zeigen als noch vor 5 Jahren, gibt es vermehrt Personen aus Asien. Filipinos und Filipinas sind noch immer in der Mehrzahl, doch nun finden sich auch einzelne Personen aus China, Thailand und Indonesien im Gottesdienst wieder.

Die eindrücklichste Folge dieser Missionierung offenbarte sich mir, als die Pastora mir erklärte, dass sich von Zeit zu Zeit auch Randständige, wie Obdachlose oder drogenabhängige Personen, im Gottesdienst einfänden. Obwohl diese Begegnungen meistens von kurzzeitiger Natur seien, gäben sich die Pastora und der Pastor Mühe, auch für sie spiritual parents zu sein.

Spiritual Impact

Eine weitere Frucht der Missionierung wird mir gleich zu Anfang des Gottesdienstes anvertraut. Die Pastora eröffnet mir, dass sie in Zürich und in Lausanne eine Filipino Kirche gegründet haben, wo auch Gottesdienste auf Tagalog angeboten werden. „The Great Awakening Church“[3], wie die Kirche genannt wird, sei noch in den Anfängen, aber verspreche grosses.

Wie die testimonies von Transformationen schon implizieren, möchte die Kirche spirituelle Auswirkungen haben. Dazu gibt es in der Predigt meines Folgebesuches auch noch eine Botschaft: to make a major spiritual impact receive the word and act on it“ – um eine grosse spirituelle Auswirkung zu haben solle man das Wort (Gottes) empfangen und damit handeln. Man solle sich vom Heiligen Geist leiten lassen, um einen spirituellen Einfluss auf das Umfeld zu haben.

Eine weitere Erfahrung, die ich in dieser Kirche machen durfte – dies war auch vor 5 Jahren- war die Auswirkung, welche das Beten für eine Person auf sie haben kann. Die Pastoren forderten die Mitglieder auf, nach vorne zum Altar zu kommen, wenn sie das Bedürfnis verspürten, dass mit ihnen gebetet werden sollte. In diesen 15 Minuten wurde ich Zeugin von Folgendem: Die Pastoren und Mitleiter*innen stellten sich vorne auf, woraufhin sich je ein Fürbitter oder eine Fürbitterin zu ihnen gesellte und ihnen von ihren Wünschen und Problemen berichtete. Daraufhin beteten die Pastoren oder Mitleiter*innen für sie. Auf diese Handlung hin begannen viele der Fürbitte zu weinen an. Was ich hier beobachten konnte, könnte man als spirituelle Auswirkung des Betens für eine Person sehen. Ob der Heilige Geist hier gewirkt hatte oder ob es andere Gründe für die Tränen gab, ist eine Sache der Perspektive.

Auch ich habe nach diesen Besuchen versucht herauszufinden, ob es einen spiritual impact auf mich gibt Ich empfinde die Kirche und das Pastorenehepaar als sehr positiv und erkenne die Wertschätzung ihrer Mitglieder. Doch das grösste Rätsel oder vielleicht den spiritual impact, den sie auf mich haben, bleibt die Frage nach der Wahrheit. Was ist diese Wahrheit? In der Bibelstunde erwähnte die Pastora, dass viele die Wahrheit suchen, was darauf hindeute, dass es eine Wahrheit gäbe.

Die Frage nach der Wahrheit

Mit der Betonung auf EINE Wahrheit, könnte man hiervon ausgehen, dass die Pastora von einem absoluten Wahrheitsverständnis ausgeht.  In diesem Kontext wären die ICCI-Predigten über den Heiligen Geist, Gott und Jesus unerschütterliche Lehren. Man solle den Heiligen Geist willkommen heissen und Ihn durch uns wirken lassen. Um diese Lehren treu zu folgen, bedarf es auch an einem ebenso unerschütterlichen Glauben. Das Hinterfragen dieser Lehren und dieser Absolutheit würde so unweigerlich zu einer Haltung führen, in der das verlangte Aufnehmen des Heiligen Geistes gehemmt ist. Dies würde erklären, wieso sie die zu Anfang des Berichts genannte Aussage gemacht hat.

„You’re a seeker. I hope you find the truth. I pray for you.”

Durch den Kontext des absoluten Wahrheitsverständnisses der ICCI bekomme ich eine mögliche Begründung für diese Aussage, dass ich eine Suchende bin und dass sie hoffen, ich möge die Wahrheit finden. Indem ich sie zur Kirche und zu ihrem Glauben interviewte, habe ich offensichtlich ihre Wahrheit hinterfragt und versucht, sie logisch nachzuvollziehen. Dadurch wurde ich sozusagen zu einem „seeker“, der nach der Wahrheit sucht. Da sich dieses Hinterfragen aber für jemanden, der die Wahrheit gefunden hat, ihrer Ansicht nach wahrscheinlich erübrigt, vermittelte sie mir, dass sie hoffe und bete, ich würde die Wahrheit finden – also die absolute Wahrheit der ICCI über den Heiligen Geist, Gott und Jesus.

Alysejah Huber, 17.05.2023

Quellen:

[1] https://icciswitzerland.com/

* Name wurde geändert

[2] Graf, Thomas. 2010. “Rund 15 Migrationskirchen in Olten.“ In Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Olten – Kirchen-Info (34/10). (https://www.ref-olten.ch/dok/352

[3] https://www.facebook.com/people/Great-Awakening-Church-GAC-Lausanne/100071229018535/

Lexikoneintrag ICCI

«Die Schweiz betet» in Urdorf am 3. Mai 2023

Eine kleine Gruppe gläubiger Christen

Es ist ein wunderschöner warmer Frühlingsabend und ich spaziere zusammen mit meinem Freund durch Urdorf. Wir sind auf dem Weg zur katholischen Kirche Urdorf, einer von zehn Orten in Zürich, (und über 100 in der Schweiz) an denen sich am Mittwochabend die Bewegung «die Schweiz betet» versammelt.

Der Internetseite konnte ich entnehmen, dass das Gebet vor dem Eingang der Pfarrei «Heiliger Bruder Klaus» stattfindet und die drei Organisator*innen sich auf eine zahlreiche Teilnahme freuen. Aufgrund meiner Recherche erwarte ich eine eher kleine Gruppe mit überwiegend älteren Personen. Wir treffen pünktlich vor der Kirche ein und stehen etwas ratlos auf dem leeren Platz. Über der Brüstung der Kirchenmauer hängt ein Banner der Bewegung und da sehen wir, dass in der Kirche drei Personen beieinanderstehen und uns beobachten. Wir öffnen also die Tür und werden sehr freundlich aber mit etwas erstaunten Blicken begrüsst. Wir scheinen hier richtig zu sein. Man erklärt uns, dass die Gruppe bei schönerem Wetter das Gebet jeweils vor der Kirche abhält. Schöner als heute? Die drei – ein etwa 50-jähriger Mann, eine etwas ältere Frau und eine deutlich ältere Dame – stehen um das Weihwasserbecken im Eingangsbereich der Kirche. Darauf stehen drei kleine Laternen mit einem Teelicht und dazwischen etwa neun ausgedruckte Flyer, die man auch auf ihrer Internetseite findet. Da es bereits 17:58 Uhr ist, bleibt keine Zeit sich gegenseitig vorzustellen. Schnell werden uns noch zwei weitere Stühle besorgt.

 Das Rosenkranzgebet

Die Uhr schlägt zur vollen Stunde und der Mann der Runde erklärt, dass das Gebet zum Frieden weltweit und in der Schweiz beitragen soll und die Schweiz damit zum Christentum und insbesondere Jesus Christus zurückfinden soll. Wir alle setzen uns und das Rosenkranzgebet beginnt mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis, dass alle miteinander sprechen. Da weder mein Freund noch ich den Rosenkranz beten können, falten wir lediglich unsere Hände. Alle drei halten einen individuell gestalteten Rosenkranz in den Händen. Die beiden Frauen einen farbigen und der Mann einen gröberen mit Holzperlen. Der Mann ist der Gebetsleiter und führt die Gruppe Perle für Perle während den dreissig Minuten durch das Rosenkranzgebet. Ich erinnere mich noch dunkel an den Ablauf des Gebets, kenne aber abgesehen vom Vaterunser die Worte nicht auswendig. Das scheint jedoch nicht weiter ins Gewicht zu fallen. Die drei beten inbrünstig ihr Gebet mit geschlossenen Augen und wirken dabei wie ein eingespieltes Team. Zweimal verspricht sich der Gebetsleiter, wobei er von der älteren Frau sofort aber nicht unfreundlich darauf aufmerksam gemacht wird. Er lächelt etwas verlegen und spricht weiter. Auch in den Gesangsabschnitten zeigt sich, wie gut die drei aufeinander eingestimmt sind. Zweistimmig singen sie die Strophen. Zwischendurch betritt eine Frau die Kirche, geht an unserer kleinen Gruppe vorbei in das Innere der Kirche. Fünf Augenpaare folgen ihr, ohne vom Gebet abgelenkt zu werden. Etwas nach halb sieben ist das Gebet mit dem letzten Amen zu Ende.

Ein Hoch auf Bruder Klaus und die christliche Schweiz

Zum Schluss gelten einige Worte des Gebets dem Schutzherrn der Bewegung, Bruder Klaus, und bekommt dabei sehr patriotische Noten: «[…] Heiliger Bruder Klaus, erflehe uns allen die opferfrohe Kraft, das Kreuz im Schweizerwappen als heilige Verpflichtung unversehrt in Ehren zu halten. Hilf uns, dass wir uns dieses Zeichens stets würdig zeigen, dass das Kreuz in strahlendem Weiss über den Bergen unserer Heimat leuchte, umloht vom roten Blut unseres Herrn Jesus Christus, in dessen Kreuz und Eid wir christliche Eidgenossen sind. […]»[1]

Der Rosenkranz

Die ältere Frau, welche links neben mir sitzt, fragt mich nach dem Gebet, ob ich nicht wisse, wie man den Rosenkranz bete. Ich verneine und erkläre, dass ich dies jeweils nur bei meiner Grossmutter beobachten konnte, selber aber noch nie gebetet habe. Sie meint freundlich, dass es ja nie zu spät sei und der Mann erwidert, dass er erst mit 37 Jahren dazu gefunden hätte. Sie fragen uns, wie wir auf sie gestossen seien und ich erkläre, dass ich von der Bewegung gelesen habe und mich grundsätzlich für Religionen interessiere. Alle Anwesenden sind sich darin einig, dass Religion und Glaube ein spannendes Themengebiet darstellt und die Frau beginnt sogleich in ihrem Buch nach dem genauen Wortlaut des Rosenkranzgebets zu suchen. Sie erklären uns, wie man das Gebet mithilfe des Rosenkranzes betet, wofür die einzelnen Perlen stehen und der Mann fragt mich daraufhin, ob ich denn einen Rosenkranz besitze. Ich verneine und er bietet sogleich seinen eigenen an, den ich freundlich, aber bestimmt abzulehnen versuche. Er besteht darauf und nachdem auch die anderen beiden Frauen mich dazu animieren und erklären, dass er diese als Hobby selbst herstellt, um sie zu verschenken, nehme ich ihn an. Leider habe er keinen zweiten für meinen Freund dabei, meint der Mann. Sogleich bietet die jüngere der beiden Frauen ihren eigenen an, welchen mein Freund mit mehr Erfolg abzulehnen weiss. Die Frau erklärt, dass sie diesen aus Fatima selbst habe und ich bin sehr erleichtert, dass mein Freund ihn nicht angenommen hat, da sich sein Rosenkranz-Interesse wohl auch nach dem heutigen Tag in Grenzen halten wird. Wie ich aus meiner Recherche weiss, unternimmt die Bewegung auch Fatima-Pilgerfahrten durch die Schweiz, wobei auch Maria ein zentrales Element in ihrer Verehrung einnimmt.

Die Idee hinter «Die Schweiz betet»

Die ältere Frau erklärt uns die Ziele der Bewegung: das Bekenntnis zum Christ-Sein in einer Zeit der Krise und des Kriegs. Der Verein ist in der Corona-Pandemie entstanden und in der ganzen Schweiz aktiv. Das Mittwochabendgebet findet an allen Standorten zur gleichen Zeit statt. Die Initiative ist ursprünglich in Österreich entstanden und breitete sich durch Benjamin Aepli auch in der Schweiz aus. Er ist überzeugt davon, dass die Abwendung vom Christentum der Grund für die Corona-Krise war und nur die Rückkehr zu den christlichen Werten und das gemeinsame Beten den Frieden bringen kann.

Rosenkranzwunder und ihre Kraft

Die ältere Frau erklärt uns, dass sich die Kraft des Glaubens bereits in der Vergangenheit bestätigt habe. So beispielsweise im zweiten Weltkrieg, als die deutschen Panzer vor der Schweiz standen und das Angriffskommando kam – jedoch keiner der Panzer aber starten konnte. Auch soll eine Hand aus Wolken am Himmel erschienen sein, welche an die knorrige Hand von Bruder Klaus, dem Schutzpatron der Gebetsinitiative, erinnert habe. Auf unsere etwas zweifelnden Blicke meint der Mann lächelnd, dass das eben Glaube sei. Ich erinnere mich an weitere solche Rosenkranzwunder, über die ich auf dem Telegram-Kanal von «die Schweiz betet» gelesen habe. So war unter er Überschrift «Der Rosenkranz – stärker als eine Atombombe» ein Video verlinkt («Die Wunder der Jungfrau Maria in Hiroshima und Nagasaki»), in dem die Geschichte eines kleinen Jesuitenordens in Hiroshima erzählt wird, welcher die Explosion der Atombombe überlebt haben soll, da die Jesuiten die Botschaft Fatimas gelebt und täglich den Rosenkranz gebetet haben. Auch von einem Gläubigen in Nagasaki wird berichtet, der dem Tod durch die Atombombe entgehen konnte. Zudem wird im Telegram-Kanal das sogenannte «Rosenkranzwunder von Kiew» aufgeführt, bei dem eine Rakete in einem Familienhaus landete, jedoch nicht explodierte, während die 11-köpfige Familie im Wohnzimmer gemeinsam den Rosenkranz betete. Über die echten Zusammenhänge und Umstände des Bildes wird bis heute spekuliert. Klar darf man an solche Wundererzählungen glauben, ohne dass es jemanden schadet. Das ist Glaube.

Konservativ, politisch und umstritten

Gleichzeitig denke ich aber mit einem etwas unguten Gefühl an den geistlichen Begleiter der Initiative, den emeritierten Churer Weihbischof Marian Eleganti, der in der Corona-Pandemie viel Kritik geerntet hat, indem er erklärte, dass man nur durch den Glauben, durch die Hingabe zu Gott und das Gebet Krieg und Krankheit überstehen könne. Dass das Weihwasser und die Mundkommunion zur Ausbreitung der Corona-Ausbreitung beitragen können, bestritt er, da diese ja heilig seien und Heilung bringen. Die Verbindung der Gebetsinitiative mit dieser in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Person wirft bei mir Fragen auf. Als Gegner von Sterbehilfe, Abtreibung, Leihmutterschaft und Gender-Fragen ist er sehr aktiv. Gewisse erzkonservative Haltungen kommen auch in den Posts auf dem Telegram-Kanal zum Vorschein und lassen die Bestrebung des Initiators, eine Bewegung ohne Politisierung zu schaffen, etwas zweifelhaft dastehen.

Der Ukraine-Krieg als Leitlinie?

Während immer wieder andere Themen des Gebets im Telegram-Kanal genannt werden (Beispiel: «diese Woche wollen wir insbesondere für die zwei nationalen Initiativen zum Schutz des ungeborenen Lebens beten») hat sich seit Kriegsbeginn in der Ukraine das Gebet für ein friedliches Ende des Kriegs verstärkt. Ich frage die ältere Frau daher, was nach dem Ende der Krise, nach Ende des Kriegs mit der Bewegung passieren wird. Auf ihrer Internetseite schreiben sie nämlich, dass die Initiative so lange Bestand haben wird, wie die aktuelle Krise anhält. Die Frau meint, dass dies ursprünglich der Plan war – sie das wöchentliche Gebet aber, wenn möglich, weiterziehen wollen. Daher freue es sie sehr, dass auch junge Leute kommen. Sie seien eine eher kleine Gruppe – meist sie drei und manchmal auch ein paar mehr – wobei in anderen Gemeinden, beispielsweise der ihrer Tochter, sehr viel mehr kämen. Wir verabschieden uns freundlich voneinander und ich frage, ob ich den Flyer mitnehmen darf, worüber sie sich sehr freuen. Ausserdem wären sie sehr erfreut, wenn wir auch das nächste Mal dabei sein könnten. Wir versprechen nichts, halten uns die Möglichkeit offen, bedanken uns und machen uns auf den Weg, um die Abendsonne noch zu geniessen.

Bernadette Jacober, 3. Mai 2023

[1] Aus dem Gebetsflyer: «Die Schweiz betet. La Suisse Prie. La Svizzera Prega. Betet, freie Schweizer, betet!” https://die-schweiz-betet.ch

Lexikoneintrag «Die Schweiz betet»

Infoveranstaltung zu Shincheonji am 4. Mai 2023 in Zürich

Zusammen mit der Schweizerischen Evangelischen Allianz, den VBG und Campus Live veranstaltet Relinfo am 4. Mai 2023 in Zürich eine Infoveranstaltung zu Shincheonji. Informiert wird über die neuesten Werbetricks der umstrittenen Organisation, über ihre problematischen Züge und über die Möglichkeiten, junge Menschen auf die oft verdeckte und manipulative Werbung von Shincheonji zu sensibilisieren. Zudem berichtet ein ehemaliges Mitglied von ihren Erfahrungen.

Die Infoveranstaltung findet zweimal statt, um 15.00 Uhr und um 19.00 Uhr an der Josefstrasse 206, 8005 Zürich. 1. Stock. Eingeladen sind alle Interessierten, insbesondere aus christlichen Kirchen und Gemeinschaften.

Hier finden Sie die Einladung als PDF-File.

Wir freuen uns, Sie an der Infoveranstaltung zu begrüssen!

Julia Sulzmann und Georg Schmid, 20. April 2023