Wannabe-High-Society: Ex-EBG-Mitglied besucht die YOU Church

Der Anfang

Meine allererste Erfahrung mit der YOU Church war enttäuschend: Ich versuchte mich dreimal auf der Webseite für den Gottesdienst anzumelden, und es klappte gar nicht. Da schrieb ich eine Mail, auf die ich die Bestätigung erhielt, dass ich gehen könnte. Ein Fehler im Backend hätte die Fehlermeldung ausgelöst. Türöffnung sei um 16:45. Ich landete also mit dem Bus um 16:38 an der Haltestelle direkt bei der YOU Church, mitten im Industriegebiet. Es schien sonntags in dieser Umgebung nichts anderes zu geben als die YOU Church, vor der etwa vier Personen bereits warteten. Diese begrüssten mich freudig und jener, der mich am allerfreudigsten begrüsste, verwies mich direkt an seine Frau, die mir alles zeigen und erklären soll. Sie tauchte sofort in der Tür auf und meinte, ich solle kurz warten, sie kontrolliere noch, ob der Soundcheck bereits vorbei war, und verwies mich auf die Toilette, falls ich gehen müsste. Dort hatte es einen riesigen Spiegel, sowohl in der Kabine als auch beim Waschbecken, was natürlich super war, um meine vom Wind verwehten Haare in Ordnung zu bringen.

Das Gefühl von «(Frei)Kirche» spürte ich gar nicht, es war eher, als wäre ich irgendwie an einem Wannabe-High-Society-Treffen gelandet. Beim Gespräch mit jener Frau, die mir alles zeigen sollte – obwohl es viel zu wenig zu zeigen gab – fühlte ich mich erstmal ausgequetscht: Wie ich auf die YOU Church gestossen sei, ob ich die Webseite angeschaut hätte, ob ich in einer anderen Freikirche wäre, ob ich den Weg schon mit Gott ginge. («Zufällig, ja sicher, nein, nur der reformierten, und ja, natürlich»). Das Gespräch erinnerte mich mehr an ein Vorstellungsgespräch, und ich erwartete schon fast, mehr zu meinem Lebenslauf und meinen Stärken mitteilen zu müssen. Allerdings ein unangenehmes Vorstellungsgespräch: Ich fühlte mich so unwohl beim Ausgequetscht-Werden, dass ich meine Antworten enorm kurz hielt, und mir mehrmals überlegte, ob ich jetzt einfach weglaufen sollte. Schon in diesem Gespräch erzählte sie mir von ihrer eigenen Glaubensfindung, wie in der Bibel steht «wer Gott sucht, der wird rewarded, auf Deutsch…», ich half ihr: «belohnt», und noch viel mehr. Ich dachte erst, es gäbe eine Verwechslung mit «wer Gott sucht, der findet», aber sie meinte Hebräer 11, 6: «Denn Gott hat nur an den Menschen Gefallen, die ihm fest vertrauen. Ohne Glauben ist das unmöglich. Wer nämlich zu Gott kommen will, muss darauf vertrauen, dass es ihn gibt und dass er alle belohnen wird, die ihn suchen.» (Hoffnung für alle). Die Anglizismen, die es von überall hagelte, konnte ich verhältnismässig schnell akzeptieren, ich muss mich auch immer zusammenreissen, nicht konstant von Sprache zu Sprache zu wechseln. Viel mehr überraschte mich, dass wir über Gott und Jesus redeten. Ich hatte vor lauter Strahlen und Schminken und High-Society vergessen, dass ich eine Freikirche besuchte.

Das Strahlen der Sterne des Kreators

Irgendwann war der Soundcheck vorbei und wir konnten hineingehen. Jede Person, die mir irgendwie über den Weg lief, war so überfreundlich, dass andere Freikirchenmitglieder im «Strahlen» keinem Vergleich standhalten würden. Einige kommentierten, wie schön es sei, dass ich so jung schon auf der Suche nach Gott wäre. Diese Aussage kenne ich, als Ex-Freikirchenmitglied in meiner Jugend ohne «gläubige» Eltern, natürlich sehr gut. Jene, S., welche mich in einer Liste eintrug und mich nach meiner Nummer fragte, erkundige sich nach dem Herkunftsort meines Dialektes, den ich ihr natürlich mitteilte. Ihre Antwort darauf war «Ah, sieht man dort nicht die Sterne enorm gut?» (Ja, sieht man!) Und dann kam: «Es ist wunderbar, was der Kreator alles geschaffen hat.» S. wirkte enorm nett, aber die Art, wie sie sprach, die glasigen Augen; ich würde es als «verliebt» oder «verblendet» bezeichnen. Es war wirklich, als würde sie unser Gespräch ganz anders wahrnehmen als ich. In diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich hier nicht an irgendeinem sozialen Event war, sondern eben in einer Freikirche, und ich sprach darüber, wie wunderbar es war, dass Gott sich für uns, die wir im Vergleich zu den Sternen so klein sind, doch interessiert. Ich hatte deklariert, dass ich «den Weg mit Gott» ging, also musste ich zumindest auch so tun. Sie verwies mich dann an meinen Platz – erst wollte sie selbst, aber eine andere Frau kam uns entgegen und es wechselte dann zu «ah, sie zeigt dir, wo du sitzen darfst». Ich liess mich also nieder und sah, dass auf den Stühlen neben und vor mir noch Zettelchen waren. Auf meinem Stuhl hatte es keinen mehr gegeben, vermutlich wurde der vorzeitig entfernt, wie ich es anschliessend bei den restlichen Platzanweisungen beobachtete. Ich setzte mich auf meinen Platz, packte meine Sachen aus und schaute mich um.

Der Raum hätte locker mehr als das Doppelte tragen können, wir waren etwa zwanzig Personen (allenfalls noch weniger), doch die familiäre Atmosphäre, die sich in solchen Situationen ergeben könnte, war für mich weniger spürbar. Es war eher eine überfreundliche Atmosphäre von den meisten Personen, die versuchten, offen zu sein. Bei einigen fühlte ich mich aber klar beobachtet und beurteilt. Ein paar gingen mir auch aus dem Weg, was für mich passte, denn wenn 20 Personen alle fast schon aggressiv auf einen zugehen, ist es dann schnell zu viel. Irgendwann begannen wir zu singen – der Text erneut auf der Leinwand projiziert. Dafür standen wir auf. Der Typ vor mir war leider zu gross und ich zu klein, und ich musste, um den Text lesen zu können, mich die ganze Zeit von links nach rechts bewegen. Ich bin nicht sicher, ob andere Personen das als charismatischen «Heiligen Geist» interpretiert hatten, aber an irgendeinem Punkt machte ich das Hin- und Her in Kombination mit etwas «tänzerischer» Ausgestaltung. Spannender war, wie genau der Liedtext gezeigt wurde: Es war eine Aufnahme eines Gospelchores aus Nigeria mit Untertiteln. Aus Nigeria, weil: Es wurden im Video mehrere Telefonnummern angezeigt mit der Vorwahl +234, was die nigerianische Vorwahl ist. Das Video schien eine Mischung aus Online-Konzert und Werbung für den Chor zu sein, und da sie genügend laut waren, fühlte es sich auch gar nicht an, als wären wir nur 20 Personen, sondern eben, als wären wir eine riesige Gruppe. Etwas beeindruckend fand ich das Ausnutzen der Technik, um potenziellen Katzengesang auszugleichen, schon. Etwas gewöhnungsbedürftig war das «Yes, Amen, Praise the Lord!», das neben, hinter und vor mir immer wieder hineingerufen wurde, mitten im Lied.

Eines der Lieder hatte den Liedtext «there’s no place I’d rather be». So ganz konnte ich das nicht vertreten, aber ich hatte schon lange entschieden, dass ich bei Dingen mitsingen würde, unabhängig davon, ob ich derselben Meinung bin, weil ich eben einfach gerne singe. Mit Ausrufen der Zustimmung während des Singens konnte ich also noch weniger anfangen.

Eine Pastorenzentrierung

Nach Singen gab es dann eine «Lesung» – aus dem «Rhapsody», dem Andachtsbüchlein für jeden Tag. Der Text aus dem Rhapsody wurde auf dem Bildschirm angezeigt und ein Mann las es vor. Wir konnten mitlesen. Das war enorm schräg, besonders bei den paar Wörtern, bei welchen er sich versprach. Wir sprachen gemeinsam das Gebet, das er uns Stück für Stück vorsagte (obwohl es auf dem Bildschirm angezeigt wurde?), das gemeinsame Gebet war aber «jeder in seinem Tempo». Etwas enttäuscht davon, dass wir es nicht wirklich gemeinsam und gleichzeitig sprachen, war ich schon. Besonders bei so wenigen Leuten sollte es doch umso einfacher sein. Es ging weiter und die Predigt begann nach weiteren Liedern. Diese wurde gehalten von: einer Frau. Keine Seltenheit mehr, aber ich hatte schon den Pastor J erwartet, der ja auf der Webseite sehr ersichtlich auftaucht (riesiges Bild als das Erste, das man sieht). Bei der Frau handelte es sich, wie ich später herausfand, um Andrea Wanieck, die Pressesprecherin und jene, die mein Mail beantwortet hatte. Eines der ersten Dinge, die sie sagte: Sie richtete den Dank des Pastors (Jella Wojacek, aber niemand nannte ihn so) aus, der schon viele Geburtstagswünsche erhalten hätte und ganz herzlich danken liess. Ich dachte erst, er hätte diese Woche Geburtstag gehabt, anscheinend war es aber wirklich an genau diesem Tag. Ich fand die Situation enorm schräg. Bei keiner anderen Kirche oder Freikirche, weder der Evangelischen Bibelgemeinde EBG noch der reformierten Kirche noch irgendeiner anderen, die ich besucht hätte, wäre so etwas gesagt worden. Ich wusste und weiss bei keinem einzigen Pfarrer, Prediger, Priester oder Pastor (oder Pfarrerin oder Predigerin), wann sie Geburtstag haben, ausser jetzt beim «Pastor J».

Christliche Fragen: Aggression und die Bibel

Die Predigt war etwas chaotisch, obwohl es um ein Thema ging, wurden doch verschiedenste Dinge und enorm viele Bibelverse angesprochen. Besonders nervte mich schon sehr früh in dieser Predigt, dass Andrea die ganze Zeit fast schon aggressiv «OKAY?!» zu allen möglichen Aussagen dazunahm. Das nächste, was sie machte, war eine Liste von Bibelversen hinauszuhauen und all die erwähnten Bibelverse zu erläutern und zu erklären. Auch ganz toll: Manchmal dauerte es etwas länger, bis der Techniker den Bibelvers aufgeschaltet hatte. Und dann wurde Andrea fast schon aggressiv, nannte den Vers, den sie sehen wollte, mit einem sehr herrischen Unterton, und lief wartend auf und ab, und einmal sagte sie sogar drohend «ich such ihn gleich selbst» (auf ihrem eigenen Handy). Der Techniker tat mir enorm leid. Er war schon bei den Liedern, als die Lyrics noch nicht aufgeschaltet waren, halb verzweifelt an seinem Technikerpult, und jetzt wurde er auch noch praktisch vor versammelter Gemeinde beleidigt. Ein wenig unchristlich fand ich das Verhalten schon, Geduld sollte ja vor allem Christen kein Fremdwort sein.

Es dauerte nicht lange, bis der – mutmassliche – Lieblingsvers der Gemeinde aufgesagt wurde, nämlich Hebräer 11, 6, in dem es darum geht, dass Gott jene, die ihn suchen, auch belohnt. Wir sollen Gott im Wortstudium (ein spannendes Synonym für «Bibelstudium») suchen, und Loblieder singen. Andrea redete darüber, wie Personen bei einem Coldplay-Konzert auch komplett hin und weg von der Band waren, und wie sie von all ihrem Singen und Glauben und die Band-Anbeten genau: Nichts hätten. Zumindest auf länger gerechnet. Aber Gott belohnt ja. Um mich um erklang dabei «Praise the lord!», «Yes!», «Amen» und fast schon spöttisches Gelächter. Das fühlte sich nicht sehr christlich an, vor allem, weil ja in Römer 2,1 steht «Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, wer du auch seist, der du richtest! Denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst; denn du, der du richtest, verübst ja dasselbe!» (Schlachter 2000).

Eine chaotische Liste von «Messages»

Weitere «Messages», die einigermassen in die Predigt passten, aber dann doch etwas zusammenhanglos waren: Schau auf Gott, die Wissenschaft entwickelt sich weiter, aber Gott war schon vorher; das Zeugnis dient für dich, nicht um andere zu bekehren, das Wort Gottes schafft («er sprach: es werde Licht, und es ward Licht»), man soll verstehen, was man unterschreibt, wir arbeiten alle in unserem besten Wissen und Gewissen, aber Gottes Wort ist ewig und immer wahr, die Frage «lebst du in deinem höchsten Potenzial?», welches von einer hinter mir ganz leise mit «nonid!» beantwortet wurde, man soll das Evangelium predigen, damit Menschen die Wahl hätten, zu Jesus zu finden («wenn du noch nie von der Insel Korfu gehört hast, kannst du auch nicht dort hin!»), «mach du dein Ding! Und ich mach meins!» zu den Personen, die «Nein» zu Gott sagen, «wenn du keine Liebe hast, biste nichts. Biste einfach ein Poser», «nimm das Wort und werde besser. Jesus ist gekommen, damit du perfekt sein kannst.»

Und wer an Gott glaube, erklärte Andrea, der werde eben manchmal als «dumm» bezeichnet. Sie redete so intensiv darüber, dass andere einen als «dumm» bezeichneten, «dann sind wir halt dumm», dass jedes «Dumm» sich immer mehr in meinem Kopf festsetzte. Soll sich eine Gemeinde so verhalten, wenn Leute sie als dumm bezeichnen? Ist das etwas, was YOU Church-Besuchende häufig hören? Es fühlte sich an, als würde sie uns darauf aufmerksam machen, dass wir uns diese Beleidigung nicht zu Herzen nehmen sollten, da es sowieso nicht stimmt – nur die, welche Gott nicht kennen, bezeichnen jene, die ihm folgen, als «dumm». Das war das «Take-Away» dieses Teils.

Dann ging es darum, dass man sich nicht schlecht fühlen sollte, wenn jemand das Evangelium nicht hören will – «sie sagen nein zu Gott, nicht zu uns!», und dass es die freie Entscheidung jeder Person sei, nicht an Gott glauben zu wollen. Man soll das akzeptieren, wie andere einen auch akzeptieren sollten. Andreas erste «Message», die auch wieder aufgegriffen wurde, war: Das Wort Gottes vermischt sich mit dem Glauben und «löst etwas aus». Und wir sollen das Wort selbst konsumieren, heisst: selbst die Bibel lesen, damit es in uns etwas auslöste. Die Predigt beinhaltete auch die (teilweise paraphrasierten) Botschaft «wenn du betest und etwas nicht klappt, dann liegt es nicht an deinem Glauben! Lies das Wort und arbeite an deiner Beziehung mit Gott!», auch: «Dann leidet deine Beziehung mit Gott!». Ich fragte mich dabei, wie sich der Typ im Rollstuhl hinter mir fühlte. Die Gemeinde predigt Heilung – das war schnell klar, denn Andrea erzählte, kurz bevor sie das sagte, von Wundern, die Ärzte bereits erlebt hatten. Und dann ist also nicht sein Glaube das Problem, sondern seine Beziehung mit Gott? Läuft das nicht irgendwie auf dasselbe raus, nämlich dass er selbst schuld daran sei, dass er noch im Rollstuhl ist?

Die Esoterik – von Gott, aber ohne Gott

Andrea erklärte, Dinge wie «positive affirmations» und «Bestellung im Universum» (was man vielleicht bei Würfelspielen macht: «so, jetzt bitte eine 6»), das alles sei dasselbe, und käme ursprünglich von Gott, «ne». «Die» (vermutlich «die Welt» oder «die da draussen») bedienten sich der Glaubensprinzipen, und liessen aber Gott aus. Dabei wolle Gott nur eines: Gemeinschaft mit dir. Besonders spannend an der Ausführung fand ich, wie sie die esoterische Terminologie sehr gut kannte. Andere Freikirchen hätten das eher noch als teuflisch verurteilt oder erklärt, worum es sich handelt, und warum es falsch oder gottlos war, und irgendwelche einigermassen (halb)richtig klingende Wörter verwendet, aber Andrea verwendete alle Begriffe aus der «Szene» selbst. Vielleicht hatte sie selbst mal eine Phase?

Die Sprache

Sympathisch an der Predigt war, wie häufig es um das griechische «Originalwort» ging. Immer wieder übersetzte Andrea das Wort und las die verschiedenen alternativen Übersetzungen vor. Ich finde diesen Ansatz enorm spannend und würde am liebsten selbst besser im Altgriechischen sein, um es ihnen nachzuempfinden. Anscheinend ist das auch der YOU Church-«Bibelstudium»-Ansatz, was meines Wissens bei den meisten Gemeinden gern auch gesehen wird.

Die Bibelverse wurden sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch angezeigt. Ich persönlich verstehe Bibeldeutsch gut – es ist einfach etwas älteres Deutsch und etwas gewöhnungsbedürftig, aber wer zwei Jahre lang intensiv Bibeldeutsch liest, lernt es schnell – aber das konnte wohl über die restliche Gemeinde nicht gesagt oder angenommen werden, denn Andrea verwies bei einigen Bibelversen auf die englische Version. Sie las die deutsche Variante vor, kommentierte «das ist wieder so komisches Deutsch!», erklärte, was in der englischen Version stand und wie sie es auf Deutsch übersetzen würde. Selbst bei einzelnen Wörtern: «Einsicht» war wohl zu schwierig, im Englischen steht «Understanding», also hiess es «Verständnis im Englischen». Da fragte ich mich wirklich, warum man nicht einfach eine andere Übersetzung verwendete. Wenn eine Gemeinde Mühe hat mit «Bibeldeutsch», ist das ja nicht schlimm, aber dann verwendet man eben eine verständlichere Bibelübersetzung. Oder die Gemeinde lernt eben Bibeldeutsch. Oder man erklärt den deutschen Bibelvers, indem man die deutsche Version liest. Wörter wie «Einsicht» sind sicherlich für Personen, die nicht deutscher Muttersprache sind – wovon es ein paar in dieser Kirche gibt – schwieriger, aber auch dann: Warum nicht einfach eine andere Bibelübersetzung? Ich erhielt in der YOU Church wirklich das Gefühl, dass Personen denken, die englische Übersetzung wäre irgendwie besser oder «ursprünglicher» als die deutsche, obwohl erst die deutsche (1466) und erst später die englische (1535) Übersetzung existierte. Die Häufigkeit, mit der englische statt deutsche Wörter – trotz sehr einfachen Übersetzungen – verwendet wurden, wirkte fast «zu modern» auf mich. Und in diesem Fall war es im Vergleich zu anderen sich «modern» positionierenden Freikirchen noch falscher, weil so stark auf die englische Bibelübersetzung verwiesen wurde.

Die «Holy Communion» und das Geben

Nach der Predigt gab es die «Holy Communion». Es handelte sich hierbei nicht um das «Abendmahl», das ich als Wort kein einziges Mal hörte, sondern eben: die «Holy Communion». An jedem ersten Sonntag im Monat gibt es wohl Abendmahl, und genau den Sonntag erwischte ich. Die Service-Leute gingen bereits etwas früher aus dem «Publikum» und holten Brot und Wein, während Andrea sprach. Das ging so lange, wenn ich eine der zwei Frauen, die mit Essen und Trinken dort gewartet hatten, gewesen wäre, dann hätte ich es nicht geschafft, sie so verliebt-verblendet und geduldig anzuschauen und zuzuhören. Etwas Rücksicht auf die Mitarbeitenden dürfte man ja nehmen. Aber nur schon die Technikersituation spricht dafür, dass dieses Konzept der YOU Church fremd ist. Wir erhielten also alle Brot und Wein. Ich war nicht besonders motiviert, unerwartet Alkohol zu konsumieren, aber mein Problem löste sich beim Trinken schnell, es handelte sich nämlich um (nicht alkoholischen) Traubensaft. Vielleicht war das ja absichtlich, weil die beiden Jungs vor mir vielleicht noch unter 16 waren, aber in anderen Gemeinden (namentlich der EBG, die sonst enorm abstinent ist) schien dies fürs Abendmahl nie ein Problem zu sein. Vielleicht waren ja einige schwanger? Kleine Kinder gab es keine, und ob die Erwachsenen noch in einem zeugungsorientierten Alter waren, konnte ich auch nicht beurteilen. Andere Leute zwischen 12 und 30 schien es auch nicht zu geben, neben uns dreien.

Nach Abendmahl begann etwas für mich Ungewohntes, nämlich das Geben (von Geld). Alle Personen machten sich auf den Weg nach vorn, zu einer Bühne mit einem Tritt, und legten ihre kleinen Briefumschläge auf den Tritt. Auch die zwei Jugendlichen, die mutmasslich ihr Lehrgeld opferten, legten den bereits vorbereiteten Briefumschlag auf den Tritt. Jetzt wusste ich zumindest, was drin war. Während alle nach vorn gingen, sprach Andrea weiter. Sie erzählte erst, dass Jesus sagte, wer sät, wird das Dreissigfache ernten. «Kannste ausrechnen!». Sie bezog sich damit vermutlich auf Markus 4, 8: «Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.» (Luther 2017), oder auch Matthäus 13, 3-8. Wer die Bibel etwas kennt, weiss es bereits, wer den Vers aus Markus liest, merkt vielleicht: «Das Übrige?» Ja, in Markus 3-8 wird erzählt, wie ein Sämann säte, einiges wurde von den Vögeln gegessen, anderes landete auf felsigem Boden, und anderes wurde von den Dornen erstickt. Der Rest brachte die Frucht. Dasselbe wird im erwähnten Matthäus auch geschrieben. Dieser Teil wurde aber nicht erwähnt, was durchaus aussagekräftig war: Mit der Information, wer sät, wird dreissigfach ernten, werden Personen dazu animiert, selbst zu geben, aber dass es sich bei der YOU Church um felsigen Boden handeln könnte, die Vögel es wegessen könnten, Dornen die Frucht ersticken könnten, das wird nicht kommuniziert. Aber niemand, der eine Kirche besucht, glaubt, dass es sich bei der Kirche nicht um «gute Erde» handelt.

Neben dieser Animation erzählte Andrea uns auch die Geschichte, nämlich die der armen Witwe mit jungem Kind, die nur noch eine Portion Essen und eine Portion Trinken  hatte, und es dem Propheten Elia gab, und die später dafür belohnt wurde. Die Botschaft der Erzählung war klar: Gib alles, was du hast. Gott belohnt dich dann schon. Andrea versuchte, die Erzählung noch mit etwas anderem zu verbinden, nämlich «für andere wäre das wenig gewesen, aber für sie war es alles! Verurteile andere nicht! Es kommt nur darauf an, ob du mit dem Herzen gibst!» Diese ganze Erzählung machte sie, während sie mit mir den Blickkontakt hielt. Es war also nicht sehr schwer, sich betroffen oder angesprochen zu fühlen.

Dank der Tatsache, dass ich bereits wusste, wie Personen alles Geld an die Kirche verloren – Verzeihung, gegeben – hatten, und dass ich gehört hatte, wie der Pastor J einen teuren Lifestyle hätte, konnte ich ihrem Blick eher problemlos standhalten. Spannend fand ich, wie sie nicht ansatzweise erwähnte, wozu das Geld ausgegeben würde. Es wurde nicht erwähnt, dass die Technik oder der Traubensaft – Wein – kostete, oder dass damit die Mission aufgebaut wurde, oder meinetwegen die Familie des Pastors im Ausland finanziert, nein, es ging darum, Geld zu geben, um Geld gegeben zu haben. Auch über «knausrige» Personen sprach sie, aber während sie mit einer anderen Frau, die zuvorderst sass, Blick- und teils Körperkontakt (ihre Schulter) hielt. «Die können nix dafür, ihre Eltern waren knausrig und Kinder schauen ab!». Als Person, die sich als «sparsam» bezeichnet, fühlte ich mich natürlich gar nicht betroffen, aber wenigstens wurde ich nicht mehr in den Boden gepredigt.

Das Rhapsody und der Abschluss

Dann sangen wir noch ein wenig, und Andrea sprach noch mehr, und irgendwie endete dieser Gottesdienst dann auch. Ich erhielt noch das «Rhapsody» (Andachtsbuch) des Monats Juli, das wohl alle Newcomers (kostenlos) erhalten – Bisherige dürfen es im Shop kaufen oder täglich auf der Webseite, auf welcher es aufgeschaltet wird, anschauen – und Andrea erklärte mir, wie genau es aufgebaut war. Es beinhaltet einen Vers, eine Ausführung zum Vers, ein Gebet, das man sprechen kann (was ich schräg finde, man soll doch eigenständig beten?), und zwei bis vier weiterführende Bibelstellen. Dabei stehen manchmal auch die Übersetzungen, die man sich anschauen soll, und manchmal eben auch die englische Version, beziehungsweise der Vers ist auf Deutsch, aber verweist auf eine englische Version, und die Übersetzung wurde von den Predigern getätigt. Zudem gibt es noch ein Bild eines Pastors oder anderer Gemeindemitglieder oberhalb des Titels. Ein Titel heisst mal «Wahrheit: Realität über Fakten hinaus», mal «Gib alles». Eine linguistische Analyse der Häufigkeit des Konzepts «Geben» wäre sicherlich spannend. Ich packte also mein neu erworbenes Rhapsody im Briefumschlag ein und verstaute es in meiner Tasche.

Wir sprachen noch über Bibel-Apps und ich erkundigte mich nach dem Pastor, «der, welcher so gross auf der Webseite auftaucht», wo der denn sei. Dann erfuhr ich, dass Andrea die Predigt netterweise übernommen hatte, damit er Geburtstag feiern konnte, dass er aber nächste Woche käme, zusammen mit vielen anderen Predigern aus «aller Welt» (beispielsweise «Holland» und «Italien»). Ich kommunizierte also, dass ich eventuell nächste Woche wiederkommen würde, und sie erzählte mir, wie einige Personen wirklich bei der Anmeldung fragten, ob denn Pastor J dort wäre, und wenn er nicht dort war, dann kämen sie auch nicht. Das fand ich dann schon ein wenig krass. Die zwanzig Personen, die dort waren, gehörten wohl zum «harten Kern». Andrea erzählte mir auch, dass es viele Personen gab, die mal kamen, aber auch noch andere Freikirchen besuchten, und erkundigte sich, wie es bei mir aussähe. Ich erzählte, dass ich auch einige Freikirchen kannte, die ab und an besuchte, und dass ich nicht auf der Suche nach einer Kirche war, aber auch nicht abgeneigt dagegen, bei einer zu bleiben, die mir passte. Strategie: alle Türen offenlassen. Mit Andrea zu sprechen war aber durchaus angenehm, wir sprachen neben «wie fandest du es» und anderen «religiösen» Angelegenheiten auch über mein Studium und die Sprachen, die wir sprechen, bis ich mich entschied zu gehen. Da die Predigt drei Minuten vor dem nächsten Bus geendet hatte und ich ja noch mein Rhapsody entgegennehmen musste, hatte ich bereits entschieden, auf den Bus eine halbe Stunde später zu gehen.

Ich verabschiedete mich also noch vom Rest und wartete dann rund 15 Minuten auf den Bus. Lieber draussen im Wind warten, als weiterhin dort drin sein. Der Gottesdienst hatte knapp zwei Stunden gedauert und ich war komplett erschöpft. Bei anderen Gemeinden hatte ich die Räumlichkeiten verlassen und meine Musik gehört, mich über allfällige Homophobie und Bibelironie aufgeregt, aber dieses Mal war ich einfach k.o. Solche Wannabe-High-Societies sind gar nichts für mich. Es wäre vermutlich angenehmer gewesen, wenn wir über Aktien und Investitionen gesprochen hätten, was mehr dem «Vibe» der Gesellschaft dort entsprochen hätte, denn dann wüsste ich wenigstens, worin das Geld investiert wird und inwiefern es sich lohnen könnte, wie gross das Risiko wäre, wie diversifiziert wird, und so weiter. Hier fühlte es sich mehr an, als würde das Geld einfach in eine Kasse mit Loch gepumpt, und man hofft dann einfach, dass Gott die Rendite schon auszahlt. Ehrlich: Lieber richtig in Aktien und andere Wertschriften investieren als in ein Luftschloss, wie es die YOU Church zu sein scheint. Ansonsten besser das Investieren ganz sein lassen.

Angela Heldstab, August 2023

Lexikoneintrag YOU Church

Hunderte Menschen mit Mikrochips im Hirn? – Besuch bei der Gemeinde Gospel Lifestyle in Basel

Die grüne Frau an der Strassenlaterne

An einem schönen Sonntagmorgen machte ich mich auf nach Basel und fuhr mit dem Tram zum Claraplatz. Zwischen Dönerbuden und Bars fragte ich mich, wo ich hier denn gelandet sei. Nun nahm ich eine falsche Abzweigung, wo grüne Markierungen auf dem Boden mit einer stilisierten Frau an einer Strassenlaterne den Strassenstrich markierten. Schliesslich fand ich dann doch noch das Contact Center, wo der Gottesdienst von Gospel Lifestyle Basel stattfand.

Eine Bar für Jesus

Das Contact Center bestand aus einem grossen Lounge-Bereich mit vielen Sofas, einer langen Bar, wo es Kaffee und Zitronen-Wasser gab, und einigen Stuhlreihen, die auf ein Rednerpult und eine Leinwand ausgerichtet waren. Das Gebäude war offensichtlich in der Vergangenheit eine Bar oder eine Art Club gewesen, wozu auch die Menschen passten, die bereits an der Bar und auf den Sofas herumlümmelten. Es waren nur sehr wenige junge Leute da, die meisten waren Männer im mittleren Alter und einige Senioren. Allgemein waren die Männer deutlich in der Überzahl, und nicht alle machten den gepflegtesten Eindruck.

Wie Gottlose an Mangel leiden

Ein junger Mann begann auf dem Klavier zu spielen, der Gottesdienst begann und der Gospel-Lifestyle-Leiter Yves Kull trug den Psalm 23 vor. Er beginnt mit «Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln». Doch der Prediger fragte, ob Jesus denn wirklich unser Hirte sei? Ja, aber viele würden doch sagen, sie brauchen neue Kleider, brauchen dies und das, klagten über Mangel. Kull argumentierte, dass der Herr nicht wirklich der Hirte dieser Menschen sein könne, denn wer Gott folgen würde, hätte keinen Mangel. Das Leben mit Gott sei zwar kein Schlaraffenland, wo gebratene Hähnchen geflogen kommen würden, doch würde uns Gott auf den rechten Pfad führen. Wir alle müssten nach Gottes Reich trachten, mit dem Blick auf Jesus wären unsere Prioritäten richtig gesetzt. Jesus würde uns alle leiten, weil er uns liebe. Gott würde seine Jünger mit Überfluss segnen und wir sollten dies mit anderen Menschen teilen. Jesus wäre für uns am Kreuz gestorben, damit wir alle ein qualitativ gutes Leben führen können. Es sei nur gut für uns, wenn wir Gott gehorchen würden.

Durch Gebete die Welt verändern

Nach einigen «Amen»-Zwischenrufen ging der Gottesdienst für mich überraschend mit den Ankündigungen für die kommende Woche weiter. Momentan würde die Gemeinde einen Gebetsmarathon durchführen und in kleinen Gruppen jeweils für drei Stunden beten. Insgesamt würden sie 30 Stunden beten, denn nur durch Gebete könnten sie die Politik, Wirtschaft und das restliche Weltgeschehen beeinflussen. Bald würde es eine Revolution im Leib Christi geben und diese Gebetsveranstaltungen würden die grössten Events der Welt sein. Wir müssten für die Zukunft gerüstet sein und so wäre es umso wichtiger, dass wir die Grundlagen des Glaubens beherrschen würden. Dazu gäbe es einen Kurs am Freitag. Am Sonntagmorgen würde zusätzlich eine Gebetsschule stattfinden, damit alle Interessierten lernen könnten richtig zu beten.

Beamer-Probleme und Zungenrede

Zum Lobpreis sollten wir alle aufstehen und unseren Herrn von Herzen preisen. Der junge Mann am Klavier begann zu spielen und eine Frau sang in ein Mikrofon «Jesus my savior, Lord there is none like you». Mitsingen gestaltete sich etwas schwierig, da die Songtexte auf der Leinwand nicht die richtigen waren und der Beamer anscheinend nicht recht mitmachen wollte. Einige der etwa 15 Personen im Gottesdienst erhoben die Hände, sangen voller Imbrunst und tanzten auf der Stelle. «… forever I love you». Als das Lied zu Ende war, riefen alle «Halleluja» und sprachen irgendwelche unverständlichen Worte vor sich hin. Das war offensichtlich Zungenrede. Lange darüber nachdenken konnte ich nicht, schon begannen die Menschen wieder mit dem Lied, dass sie schon gesungen hatten, bevor es nahtlos in den nächsten Song überging. «Licht dieser Welt…» sangen alle und ein Mann mittleren Alters kniete sich hin, die Hände erhoben. Wieder riefen alle «Halleluja» und sprachen in Zungen. Dieses Spiel von Musik und seltsamen Worten wiederholte sich einige Male, bis Yves Kull das Wort ergriff.

Die Kraft des Heiligen Geistes und das nahende Ende

Yes Kull sprach in einer Mischung von Zungenrede und Deutsch, das meiste war jedoch unverständlich. Dann sagte er, dass wir zuhören sollten, denn Gott wolle uns etwas sagen. Es gäbe kein Problem, das wir nicht lösen könnten, denn Jesus hing an diesem Holz und hätte an jeden einzelnen von uns gedacht. Wir seien alle Sünder und Jesus hätte unseren Platz am Kreuz eingenommen, damit wir seinen Platz in dieser Welt einnehmen könnten. Wir seien wie Jesus, «Halleluja». Gott sei in Jesus Mensch geworden ohne Sünde. Als Jesus seine Jünger bat zu wachen und zu beten, seien sie immer wieder eingeschlafen. Wir heutzutage jedoch hätten durch das Opfer von Jesus die Kraft, 24 Stunden am Tag zu beten. Kull sagte, als er noch nicht gerettet worden war, hätte er 24 Stunden Party machen können. Doch Gott würde uns durch den Heiligen Geist die Kraft geben, andere Menschen zu lieben. Wir sollten auch denen helfen, die mit Gott nichts zu tun hätten. Dabei müssten die Männer mehr Braut von Jesus und die Frauen mehr Söhne von Jesus werden. Diese Unterschiede von Mann und Frau würden in naher Zukunft verschwinden. Die Welt würde bald untergehen und Jesus zurückkehren am Jüngsten Tag. Wir alle seien nur noch hier, um anderen Menschen zu ermöglichen, Jesus kennenzulernen.

Von Mikrochips und Handy-Göttern

Yes Kull erklärte, wir müssten nicht in die Kirche gehen, um Christen zu sein. Wir müssten auf der Strasse mit den Menschen feiern. Jeder würde behaupten, Christ zu sein, doch nur wenige würden Gott tatsächlich gehorchen. Wir selbst müssten gar nichts tun, denn Jesus würde durch uns handeln, wenn wir ihm folgten. Doch jetzt wollte Kull ins Wort gehen, zu Lukas 21 und der Endzeit. So fragte er in die Runde, ob wir denn gerade in der Endzeit seien? Die Gemeinde hob die Hände und sagte «Ja, definitiv.» Die Menschen zu Jesu Zeiten hätten auch geglaubt, in der Endzeit zu sein, doch wir seien viel näher dran heute. Vor allem in den letzten drei Jahren sie das deutlich zu sehen gewesen. Schon in den letzten 15 Jahren wäre das Smartphone für die Menschen Gott geworden. Doch schon bald würden diese Geräte nutzlos werden. Denn bereits Hunderten von Menschen seien Mikrochips ins Hirn eingepflanzt worden, mit denen diese ins Internet gehen und alles downloaden könnten, was sie wollten. Doch dies sei nichts für uns, meinte Yves Kull und bekam Zustimmung aus dem Publikum. Wir sollen nach oben schauen zu Gott und nach vorne zu Jesus.

Glauben statt verstehen

Dieses Chaos in der Welt heutzutage sei nur der Anfang. Doch wir müssten zum himmlischen Papa eine Beziehung aufbauen, um das Wort Gottes verstehen zu können. Wir alle seien gerufen, Menschenfreunde zu werden. Yves Kull lief zur Hochform auf, als er die Gemeinde fragte, wie viele ihrer Freunde denn Prostituierte oder Drogendealer seien? Denn Jesus sei mit solchen Menschen befreundet gewesen. Kull ging dann nicht genauer darauf ein, als einige sagten, sie würden Drogendealer kennen. Heute gäbe es zudem viele falsche Prediger, die nicht das Wort Gottes verkünden würden. Auch dies sei für die Endzeit in den Schriften angekündigt worden. Kull sagte, er würde gerade jetzt von Gott eindeutig vernehmen, dass dieser eine betende Braut haben wolle. Die Bibel zu verstehen sei jedoch nicht einfach. Yves Kull sagte, er selbst hätte sie nicht verstanden. Doch eines Nachts habe er geträumt, er hätte die Bibel gegessen. Am nächsten Morgen dann hätte er Gottes Stimme vernommen, die ihm sagte, er müsse die Worte einfach aufnehmen. Er solle alles glauben, die Worte zu verstehen sei dabei nicht so wichtig. Dort habe Kull auch seine Geistestaufe erhalten.

Christenverfolgung?

Bald würde eine Zeit kommen, wo die Menschen immer mehr in Sklaverei geraten werden. Schuld daran sei das digitale Geld, welches viele Staaten nun einführen wollten. Nur dadurch sei eine Diktatur möglich, denn das Volk müsse in einer Krise sein, um es zu manipulieren. Wie Hitler das Leid der Menschen ausgenutzt hatte und die Juden zum Sündenbock machte. Genauso würde es wahrscheinlich den Christen in Zukunft ergehen, wenn sie jetzt nicht aufpassen würden. Viele Menschen würden heute nicht wissen, dass es den Zweiten Weltkrieg nur gegeben habe, weil der Leib Christi geschlafen habe. Jesaia 7 habe bereits über Jesus geschrieben und wir würden keine Zeichen mehr von Gott brauchen. Denn Jona und der Wal seien schon eindeutig genug gewesen. Dort wurde auch angekündigt, dass es eine Zeit geben werde, wo Schlechtes gut geheissen würde. Dies sei heute! Wenn Gott etwas von uns fordern würde, dann müssten wir gehorchen. Wenn Gott sprechen würde, dann gäbe es immer Kontroversen. Jeder, der in der heutigen Welt die Wahrheit sagen würde, der würde verfolgt werden.

Eine Vision von Gott und die Vergebung von Mord

Wenn deine Seele dem Vater gehören würde, dann wüsstest du das, meinte der Kull. Er selbst hätte als Teenager so viele Zeichen von Gott bekommen und sie alle als Zufälle abgetan. Irgendwann sei er dann niedergekniet um zu beten, habe den Mund geöffnet und eine Vision von Gott erhalten. Dort hätte er sich in einem Sarg gesehen, tot. Da sei eine Klaue von unten gekommen und hätte den Sarg mit in die Tiefe gezogen, hinein ins Feuer. Gott hätte zu ihm gesprochen, er würde dort eines Tages landen. Als Ausweg habe er ihm Jesus gezeigt. Wenn er sein Leben ihm geben würde, dann würde er nicht brennen. Also habe Yves Kull genau das getan und alles Negative sei sofort von ihm abgefallen. Jesus hätte zu ihm gesagt, dass er ihn mit dem Evangelium um die Welt schicken würde. Kull habe gelernt Papa zu vertrauen, denn durch ihn könnten wir jede Schlechte Erinnerung und jedes Trauma vergessen.  Der Prediger erzählte dazu von einem Mörder in den USA, der etwa 50 Menschen getötet hätte. Alle Hinterbliebenen hätten ihm in der Verhandlung gesagt, sie würden ihn hassen. Nur ein Mann hätte ihm vergeben, und da sei der Mörder in Tränen ausgebrochen. Doch wenn jemand zu Gott findet, könne ihm alles vergeben werden.

Über den Teufel regieren

Die Menschen heute würden immer mehr versklavt werden und glauben, sie hätten es verdient. Doch Jesus habe sein Leben für uns gegeben. Mit Jesus im Herzen seien wir Priester und Könige und sollten auch so leben. Wir würden jedoch nicht über Menschen regieren, sondern über den Teufel. Doch die meisten Menschen würden andere Menschen regieren wollen. Doch wir seien nicht abhängig von anderen Menschen, nur von Jesus. Deshalb müssten wir das Evangelium weitergeben, die Kirchen könnten das nämlich nicht.

Leben für Jesus

Nun erhoben sich alle zum Gebet und Yves Kull stimmte ein mit den Worten «Danke Papa». Sie beteten auch für Menschen, die von Bier und Geld abhängig wären und darum mehr Raum im Herzen für Jesus zu schaffen. Danach sang die Gemeinde ein «Halleluja» und erhoben die Hände zu «You are worthy». Kull richtete im Anschluss noch das Wort an eine Person, die online geschrieben hatte und nun bei dem Livestream zuschaute. Diese habe Selbstmordgedanken gehabt und der Prediger sagte, die Person solle ihr Leben einfach Jesus geben und dann würde sie das wahre Leben empfangen. Der Priester sprach noch einige Worte «Satan dein Lügengeist ist gebrochen, ich setze dich frei» und endete mit «Danke Papa».

Heilung für die Gläubigen

Nun war der Gottesdienst offenbar vorbei und wer wollte, konnte noch nach vorne gehen und sich vom Prediger heilen lassen. Ein junger Mann trat vor und Yves Kull nahm seine rechte Hand und legte seine linke Hand auf dessen Brust. Dann murmelte er voll ergriffen irgendwelche Worte, die sich für mich nach Zungenrede anhörten. Das reichte mir dann auch, denn während der Predigt waren weitere Personen in die Lounge gekommen, unter denen ich mir fehl am Platz vorkam. Also machte ich mich auf zum nächsten Tram und liess das doch etwas spezielle Klientel von Gospel Lifestyle hinter mir.

Jasmin Schneider, September 2023

Lexikoneintrag Gospel Lifestyle

Tränen für Jesus und Applaus für Gott – Besuch bei der Momentum Church in Aarau

Am Check-In

Die Momentum Church Aarau befindet sich in einem attraktiven Neubau mit Flughafen-Flair. Im Eingang traf ich auf zwei Check-In-Schalter, wo Eltern ihre Kinder einchecken mussten. Jedes Kind erhielt eine Nummer, um bei Bedarf während des Gottesdienstes die Eltern aufrufen zu können. Der Gottesdienst selbst fand in einem Konzertsaal mit Empore statt. Um nicht zu sehr aufzufallen setzte ich mich ganz hinten neben einen Pfosten. Es waren viele Familien und ältere Leute in der Kirche und begrüssten sich herzlich. Zwei Kameramänner waren bereit für ihren Einsatz, als sich der Saal gemächlich füllte. So waren noch viele Plätze frei, als die Band auf die Bühne trat und der Pastor uns begrüsste. Egal was bei uns los sei, meinte er, wir sollten alle zuerst Gott fragen und ihm danken.

Die Tücher schwingende Tänzerin

«No other name but the name of Jesus…» so begann die Band mit ihrem ersten Song. Zum Mitsingen gab es die Texte auf der Leinwand. Die Menge klatschte aufgeregt mit, einige warfen die Hände in die Luft und wieder andere tanzten voller Freude. «… no other name is wonderful.» Nahtlos ging es zum zweiten Lied über, diesmal auf Deutsch. «Ich will dich loben…» sang die Band und wurde dabei von einer Tänzerin mit Tüchern und Fahnen begleitet. «Jesus du bist Sieger, du allein regierst» sang die Band, anscheinend so ergriffen, dass einige sogar die Augen schlossen. Zum Lied «Würdig besch nor du – Jesus» ging ein Mann, der eine Reihe vor mir stand, auf die Knie, erhob die Hände und wiegte sich andächtig.

Tränen für Jesus

Als die letzten Zeilen von «Mer erhebed dech oise König» verklungen waren, spielte die Band nur noch sanfte Hintergrundmusik und eine der Sängerinnen begann zu sprechen. Sie sagte, wir sollen uns Gott übergeben, und dass wir jetzt hier seien, wäre ein sichtbarer Act gegenüber Gott. Ihre Stimme zitterte so sehr, als würde sie jeden Moment anfangen zu weinen, während sie davon sprach, wie viel Power in diesem Raum gerade fliessen würde. Alle die Lust hatten durften dann ihre Macht ans Kreuz bringen. Viele Menschen gingen dann zu einem Kreuz, dass rechts neben der Bühne an der Wand hing, erhoben die Hände und wiegten sich ergriffen. «Würdig besch nor du – Jesus» erklang erneut von der Band. Die Szene wirkte auf mich befremdlich: das mantraartige Wiederholen des Liedtextes, die Tänzerin mit ihrem weissen Tuch und die Menschen, die sich wiegten und teilweise schluchzten und weinten.

Das Ende des Anfangs

Das Lied «Ich gebe dir mein Herz und alles was ich bin» ging nahtlos ins nächste über «Mein ganzes Leben geb ich dir». Zwischendurch wurden immer wieder Nummern von Kindern, die ihre Eltern brauchten, auf einer kleinen Tafel über den Songtexten angezeigt. Manche Menschen hatten noch immer die Hände erhoben beim Singen, oder tanzten hin und her. Eine Frau zu meiner Linken kniete und presste die Stirn auf den Boden, die Hände ausgestreckt. «Ich lasse los und vertraue dir», das Lied wurde unterbrochen von einer Sängerin, die sagte, dass Christus in ihr lebe und er auch in uns allen leben solle. Mit «I surrender my whole life to you» endete nach gut 40 Minuten der konzertmässige Auftakt des Gottesdienstes und der Pastor betrat endlich die Bühne.

Applaus für Gott

Der Pastor zeigte ein Bild mit einem leeren Vertrag darauf, und eine Frau sprach zur Gemeinde. Gott würde uns auch ein leeres Blatt zu unterschreiben geben, wir müssten ihm jedoch vertrauen, denn er habe uns erschaffen und würde uns genau kennen. Alles müssten wir hergeben für Gott. Können wir so einen Vertrag ertragen? «Amen» erklang es da aus der Menge und einige klatschten. Die Frau sprach weiter, wir sollten uns für Gott hingeben und auch füreinander hingeben. Wir sollten nun die Augen schliessen und die Worte wirken lassen. Viele Menschen um mich herum taten wie ihnen geheissen wurde und schlossen die Augen. Die Frau auf der Bühne legte eine Hand auf ihr Herz und murmelte sichtbar ergriffen etwas vor sich hin. Als sie die Augen wieder aufschlug, dankte sie Jesus und forderte einen Applaus für Gott. Die Menschen klatschten und gingen vom Kreuz zurück auf ihre Plätze. Das war eine sehr schräge Erfahrung für mich, so bin ich doch bereits seit Kindestagen in vielen Gottesdiensten gewesen, doch noch nie hatte ich Gott applaudieren sollen.

Keine Zeit für Jesus

Nun stellte uns der Pastor einen jungen Mann vor, der uns seine Geschichte erzählte. Vor etwa drei Monaten habe er angefangen, gegen sein Burnout anzukämpfen, und hätte Jesus gefragt, was denn los sei. Er sei zum Psychologen gegangen, hätte Therapien gemacht, aber sich immer noch gefragt wo Jesus sei. Er hätte wie durch ein Feuer laufen müssen, doch alleine konnte er es nicht. Dann hätte Jesus ihn auf den Arm genommen und durchs Feuer getragen. Vor dem Burnout hätte er so viel zu tun gehabt, dass er Jesus keine Zeit mehr gewidmet habe. Jetzt wisse er wieder, dass er sich auf Jesus fokussieren müsse. Ohne ihn gäbe es zu viele Sorgen und Ängste.

Die Jesus-Erscheinung

Er sei Musiker und hätte gerade ein Lied aufgenommen, als das passierte, doch Jesus sagte ihm, er solle weitermachen. Seit seiner Kindheit hatte er grosse Angst vor Wasser, doch im Musikvideo sollte er sich ins Wasser fallen lassen. Dank Jesus konnte er das und als er unter Wasser war und nach oben blickte, habe er Jesus gesehen und Frieden erlebt. Das Publikum klatschte und rief begeistert, als es diese unglaubliche Geschichte hörte. Der junge Mann erzählte weiter, dass er das Lied veröffentlicht hatte, und genau dann habe sein Therapeut ihm gesagt, er sei nun geheilt. Dankbarkeit gegenüber Gott sei der Schlüssel für alles. Wir müssten uns alle auf Jesus fokussieren und von ihm führen lassen. Von ihm würde alles kommen was wir brauchten. Nach dem «Amen» folgte grosse Zustimmung von der Gemeinde.

Livemusik für Jesus

Nun trat der Pastor wieder auf die Bühne und forderte die Menge auf, sich zu erheben für die «Proklamation». Um mich herum begannen alle mit «Jesus du besch alles…» und endeten mit «Halleluja». Danach sang der junge Mann von vorhin eines seiner Lieder auf Spanisch, in dem es darum ging, dass die Liebe von Jesus niemals enden würde. Er hatte eine schöne helle Stimme, doch leider war das Musikvideo auf dem Bildschirm nicht ganz synchron mit der Livemusik.

Ein Prophet in der Psychiatrie

Ein anderer Pastor trat nun auf: Es handelte sich um Matthias Truttmann, den Leitenden Pastor der Momentum Church. Truttmann hielt nun eine Predigt aus seiner Predigtserie zu Hesekiel. Hesekiel sei nämlich ein grosser Prophet und kurioser Typ gewesen. Als junger Mann sei er in die Verbannung nach Babylon gegangen und hätte dort in der Fremde Gottes Gegenwart vernommen. Dort hätte er die Chance gehabt, die Herzen der Babylonier mit Gottes Botschaft zu erreichen. Das hätte nur leider nicht funktioniert, da ihre Herzen verhärtet gewesen seien. Hesekiel sei dann als Strassenprediger aufgetreten. Heutzutage in Aarau wäre Hesekiel damit wahrscheinlich in der psychiatrischen Klinik in Königsfelden gelandet. Aber Gott wolle auch heute die Herzen der Menschen erreichen, damit sie Gott wieder repräsentieren würden.

Der Feind

Wir alle müssten gemäss Hesekiel 33, 7-9 das Evangelium zu den Menschen bringen, oder wir würden uns selbst schuldig machen. Hesekiel selbst sei ein Wächter für sein Volk gewesen. Der Feind würde nämlich die Menschen hassen, weil sie das Ebenbild Gottes seien. Um Gottes Platz einnehmen zu können, würde der Feind danach gieren, die Menschen zu vernichten. Doch jeder Mensch könne ein Kind Gottes sein, wenn er mit Jesus verbunden wäre, dann seien wir wahrlich ein Volk von Priestern und Wächtern wie Hesekiel. Diese Aufrufe zum Missionieren kannte ich bereits von anderen Gemeinden, trotzdem sind sie für mich immer etwas schräg.

Die Festungen des Feindes

2. Korinther 10, 4-5: «Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Absichten zerstören wir und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus.» So eine Festung könne Gutes schützen aber auch Angst oder Scham. Wie Paulus seien wir in der Lage, mit Hilfe des Heiligen Geistes Festungen des Feindes niederzureissen. Erst wenn wir den menschlichen Hochmut vernichtet hätten, würden wir sehen, was dahinter ist. Das sei nicht immer einfach, die Festungen könnten getarnt sein wie Schweizer Bunker, die als Ställe gestaltet sind. Durch Hesekiel würden wir sehen, wo Festungen im Herzen seien, um diese niederzureissen, und auch in einem Sturm Jesus repräsentieren zu können.

Matthias Truttmann sprach immer wieder vom «Feind», ohne genauer zu sagen, was gemeint war. Anscheinend spielt wohl Satan eine doch sehr präsente Rolle in der Verkündigung der Momentum Church.

Beerdigungen – ein Ort, um Kinder zu missionieren?

Der Heilige Geist sei eine mächtige Waffe. Auch wenn Menschen unsere frohe Nachricht ablehnen, das Evangelium ablehnen, würde doch der Heilige Geist in ihnen wirken und sie die Wahrheit sehen lassen. Es sei unsere eigentliche Aufgabe, auf dieser Welt den Menschen das Evangelium zu bringen, damit sie Jesus kennenlernen könnten. Truttmann erzählte, dass er erst vor kurzem eine junge Mutter hatte beerdigen müssen, und ein Grossteil der Schulklassen ihrer Kinder seien bei der Feier gewesen. Das sei genau der richtige Moment gewesen, all diese Kinder zu erreichen und ihnen Jesus Botschaft näher zu bringen. Dies schien mir ein Missbrauch der Situation und respektlos gegenüber den Hinterbliebenen zu sein? Und wie konnte er es wagen, einfach Kinder zu missionieren, die ja wohl ohne ihre Eltern dagewesen waren? Das ist für mich ein massiver Eingriff ins elterliche Recht auf religiöse Erziehung. 
Zum Abschluss der Predigt las Truttmann einige Bibelstellen vor, in denen es darum ging, was die Menschen füreinander tun sollten. Wir sollten nur zuhören und Gottes Worte wirken lassen.

Traum oder Vision

«God I look to you» spielte nun die Band ,und die Menschen wiegten sich hin und her. «Halleluja our God reigns» sangen die Menschen ergriffen, während die Tänzerin mit einem violetten Tuch über die Bühne hüpfte. Danach bedankte sich der Pastor bei allen Mitwirkenden und beim Heiligen Geist. Die Sängerin, die bereits einmal gesprochen hatte, klang erneu, als würde sie gleich weinen, als sie von einem Traum erzählte. Sie hätte von einem Wachturm geträumt mit Gewittern um die Spitze und von einer Plattform mit vielen Menschen darauf. Dies wäre der Leib Christi gewesen und seine Kirche. Dann hätte sie eine dröhnende Stimme vernommen die fragte: «Seid ihr meine Anbeter?» All die Menschen auf der Plattform hätten «Ja» geschrien und zu jedem von ihnen kam ein goldener Stab. Es war die neue Kraft und die Gegenwart Gottes für all seine Anbeter. Darauf sei die Frau aufgewacht, habe aberimmer noch Gottes Gegenwart gespürt. Sie selbst und auch die Gemeinde schienen ergriffen und ihren Traum als Vision zu deuten. Ich selbst fand jedoch, dass sie dem viel zu viel Bedeutung zumassen. So weiss ich aus eigener Erfahrung, dass man Träume beeinflussen kann und manchmal nur das sieht, was man sehen will.

Ende

Nach letzten Ankündigungen für ein Anbetungs-Treffen am Freitagabend, den sie «Ort der Hingabe» getauft hatten, war der Gottesdienst zu Ende. Die Gemeinde klatschte und ging nach draussen, um gemeinsam zu Mittag zu essen oder nach Hause zu gehen. Letzteres tat ich dann auch und machte mich durch den Kinder-Check-In auf den Weg zum Bahnhof.

Jasmin Schneider, 15. September 2023

Wer braucht schon einen Theologen? Besuch bei Tablighi Jamaat im Iman Verein Wädi

Ein heisser Gebetsraum unter dem Dach

Die Moschee und das Gebäude des Iman Vereins Wädi lag an einer Seitenstrasse nicht weit vom Bahnhof entfernt. Im unteren Stockwerk befand sich auch der Friedensrichter der Stadt Wädenswil und in den oberen Stockwerken befand sich die Moschee, je ein Stock für Männer und einen für Frauen. Vor dem Gebäude standen bereits einige junge Männer, plauderten miteinander und beachteten mich nicht weiter, als ich an ihnen vorbei ging. Eine sehr schmale und alte Holztreppe führte mich in den zweiten Stock, wo ich meine Schuhe in ein Regal auf dem Gang ablegte. Das Dachgeschoss war verwinkelt und neben einem Gebetsraum befand sich dort auch eine kleine Küche und ein kleiner Schulungsraum mit Whiteboard. Nur wenige Frauen waren bereits anwesend, so setzte ich mich auf den Boden und lehnte mich gegen die Wand. Nach und nach trafen immer mehr Frauen ein, und als der Vortrag begann, waren es am Ende 21 Frauen und ein Kind.

Es gibt immer einen dem es schlechter geht

Aus dem an einer Ecke angebrachten Lautsprecher erklang die Stimme eines Mannes vom unteren Stockwerk. Mit einem starken Akzent begann er ohne grosse Umschweife mit seinem Vortrag. Er sprach in einem Jugendslang gemischt mit arabischen Ausdrücken. Sehr ausschweifend sagte er uns, wir sollen dankbar sein gegenüber Gott. Wenn wir eine Person im Rollstuhl sehen, sollen wir Gott für unsere Beine danken, wenn wir einen Blinden sehen, sollen wir Gott für unsere Augen danken und so weiter. Jederzeit sollen wir dankbar sein für das was Gott uns gegeben hat, denn es gäbe immer Menschen die es viel schlechter hätten als wir.

Der Glaube wiegt alle Sünden auf

Das Wichtigste sei der Glaube an Gott und viele Gebete. Wenn ein Mann, der so viele Sünden begangen hat, dass sie auf 99 Schriftrollen niedergeschrieben wurden, diese Taten auf die Waagschale legen muss und auf der anderen Seite nur ein kleiner Zettel liegt, auf dem das Glaubensbekenntnis steht, dann wiegt dieses schwerer all alle seine Sünden. Denn Gott sei allmächtig und hätte alles erschaffen. Wir müssten Gott danken für seine Barmherzigkeit. Der Prediger redete unablässig, ohne jedoch auf bestimmte Koranverse zu verweisen oder zu zitieren. Er sprach einfach darauf los, ohne theologische Auseinandersetzungen und Vorüberlegungen, so schien es mir zumindest. Das ganze machte auf mich einen eher unprofessionellen Eindruck.

Islamische Mode

Interessant waren für mich auch die Frauen, die an die Wände gelehnt um mich herumsassen. Die allermeisten davon waren zwischen 20-30 Jahre alt und sehr konservativ gekleidet. Fast alle waren in lange Abayas und wallende Kleider gehüllt und die meisten trugen Kopftücher, die wie ein Zelt über ihre Schultern fiel und somit auch Brust und Rücken bedeckten. Ein paar sagten mir, sie seien Konvertitinnen, und auch sie waren konservativ gekleidet. Umso bizarrer war es für mich, als ich bemerkte, wie einige immer wieder auf ihrem Smartphone herumtippten, während der junge Mann in seinem Slang unablässig weiterredete. Er sprach davon, wie wichtig es sei, viele Bittgebete zu machen, am besten über den ganzen Tag hinweg. Viel Dua machen und Gott danken sei so wichtig, und Zakat zu zahlen, die Armenspende, wie er freundlicherweise für alle erläuterte.

Lernstunde für Frauen und Bittgebet

Irgendwann erstarb die Stimme des Mannes und die Frauen im Raum fingen an miteinander zu plaudern. Nach etwa fünf Minuten wurden sie von einer Durchsage unterbrochen, dass am Sonntag eine Lernstunde nur für Frauen stattfinden würde, wo sie Hadithe studieren würden. Wir sollten doch bitte alle «Schwestern» dazu einladen. Nach einer weiteren kurzen Pause begann der Mann ohne Vorwarnung Dua zu sprechen und die Frauen wurden abrupt still und hoben ihre Hände. Der Mann sprach ohne Punkt und Komma, leierte sein Bittgebet zuerst auf Arabisch, dann im schweizerdeutschen Slang herunter.

Als ich den Raum verlassen musste

Als das Bittgebet beendet war, erklang ein Gebetsruf aus dem Lautsprecher und die Frauen standen auf. Alle sammelten sich im hinteren Teil des Raumes fürs Gebet, warum war mir nicht ganz klar, denn so standen die Frauen dicht gedrängt an der Wand, obwohl sie eigentlich auch in der Mitte hätten stehen können. Eine junge Frau erklärte mir, dass die Frauen, die nicht beten, nun in einen anderen Raum gehen sollen, worauf ich ihr folgte. So setzte ich mich mit drei anderen Frauen in den kleinen Schulungsraum auf den Boden und wartete, bis die anderen fertiggebetet hatten. Das war neu für mich, denn in den anderen Moscheen, in denen ich bisher gewesen war, sammelten sich die betenden Frauen im vorderen Teil des Raumes, während diejenigen, die nicht beteten, einfach sitzenblieben, wo sie waren.    

Snacks and Drinks

Also sass ich nun da und sah mich im kleinen Schulungszimmer etwas um. Der Teppich hier war etwas weicher und auf dem Whiteboard an der Wand standen arabische Buchstaben. Hier wurde wohl auch Arabisch unterrichtet. In einem kleinen Regal standen diverse islamische Kinderbücher zu kaufen. Wenn die Betenden sich alle gleichzeitig auf die Knie fallen liessen, vibrierte jedes Mal der Boden des alten Gebäudes. Als das Gebet zu Ende war, kamen die Frauen nach und nach in den kleinen Schulungsraum und legten auf ein Plastiktuch auf dem Boden Chips und Kekse, sowie Wasser und Eistee. Die Frauen unterhielten sich munter miteinander und ich wurde immer wieder gefragt, woher ich denn komme, wie ich hierhergekommen sei und was ich so mache. So wurde ich direkt darauf angesprochen, wer mich denn mitgebracht hätte. Wahrscheinlich ist es üblich, dass die Mitglieder immer wieder andere Bekannte mitbringen.

Investigativer Journalismus

Da alle Frauen nun ungezwungen miteinander redeten, hatte ich die Gelegenheit, auch selbst einige Fragen zu stellen, um mehr über den Iman Verein Wädi zu erfahren. So fragte ich, wie sie denn zu dieser Moschee gekommen seien, worauf mir gesagt wurde, dass dies einmal eine Moschee des türkischen Kulturvereins gewesen sei und diese dann in eine neue Moschee in Au gezogen seien. Als ich nach ihrer eigenen Geschichte und Entstehung fragte, wichen mir alle Frauen immer wieder aus. Keine wollte mir irgendeine Antwort darauf geben. Auch als ich nachhakte, ob sie zu einer Bewegung gehören würden, hörte ich nur ausweichende Bemerkungen. So wurde immer wieder betont, sie seien ein unabhängiger Verein, hauptsächlich von Schweizern, und eine der einzigen Moscheen, die auf Schweizerdeutsch predigen würden. Sie sagten mir auch, das Durchschnittsalter betrage etwa 24 Jahre. Als ich fragte, ob sie einen Imam hätten, verneinten sie. Einen studierten Theologen würden sie nicht brauchen, und wenn schon, dann würden sie zum Imam Rachid nach Dübendorf gehen. Viel mehr konnte ich von den Anwesenden nicht erfahren.
Nachdem ich mehrmals gefragt wurde, ob ich denn wiederkommen wolle, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach Hause.

Mein Fazit

Noch auf der Heimfahrt im Zug machte ich mir so meine Gedanken über das gerade Erlebte. Der ganze Vortrag machte auf mich einen eher unprofessionellen Eindruck, was sich ja auch durch die Aussage bestätigte, dass sie keine studierten Theologen im Verein hätten. Sie fanden das anscheinend unnötig und setzen lieber auf Laien-Prediger. Der ganze Vortrag erschien mir wild zusammengewürfelt und ich vermisste klare Referenzen zu Koranstellen oder Hadithen, wie auch theologische Interpretationen. Dass es in der Gemeinschaft eigentlich nur junge Leute und keine Senioren gibt, kam mir auch seltsam vor. Normalerweise sind Moscheegemeinden, wie auch Kirchgemeinden, ein Ort wo viele ältere Leute anzutreffen sind. Auch was mir über die Moschee und den türkischen Kulturverein erzählt wurde, der «weggegangen» sei, kam mir verdächtig vor. Warum hätten sie einfach so gehen sollen?                     
Meine innere Alarmglocke meldete sich auch, als ich mehrere Personen immer wieder nach ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Bewegung gefragt hatte. Diese ausweichenden Antworten liessen in mir den Verdacht aufkommen, dass sie Order erhalten hatten, dazu nichts preis zu geben. Wenn da nichts dahinterstecken würde, hätten sie keinen Grund, so etwas zu verschweigen.    
Die Laien-Prediger, der Fokus auf das religiöse Handeln, die Jugendsprache, das Verschweigen der Geschichte, die ausweichenden Antworten zu ihrer Bewegung, all diese Eindrücke passen hervorragend zur Tablighi Jamaat.

Jasmin Schneider, 18. August 2023

Lexikoneintrag Tablighi Jamaat

Meine Zeit in der Evangelischen Bibelgemeinde EBG

Es ist eine Weile her, und dauerte von 2014 bis 2016, von 13-jährig bis 15-jährig. Es war eine verhältnismässig anstrengende Zeit, mit viel Leid und Schmerz, aber auch vielen guten Erlebnissen und neuen Menschen. Es war eine Zeit, die mich sehr geprägt hat, vermutlich am meisten geprägt von all meinen verschiedenen Phasen, die Jugendliche, so auch ich, eben durchmach(t)en.

Meine EBG-Zeit. In diesem Aussteigerbericht erzähle ich von meinen Erlebnissen, mit der Absicht, einerseits Einsicht in die Gruppe, andererseits Einsicht in eine Jugendliche, die von allein in so einer Gruppe landete, zu gewähren. Ich erzähle, was ich erlebt habe, um es zu erzählen, für mich selbst zum Schreiben und für andere zum Lesen. Es ist gut möglich, dass Gespräche nicht ganz genau so abliefen, ich habe es jeweils sinngemäss und wie ich mich daran erinnere, wiedergegeben.

Der Aussteigerbericht ist erst chronologisch, mit Erzählung über die Anwerbungsphase, meine Bekehrung, dann der nächste Meilenstein – der UK, Unterweisungskurs, quasi Konfirmationslager – und dann der Austritt. Danach kommen kürzere oder längere Erzählungen über Erfahrungen, die ich machte, von denen ich nicht mehr sagen kann, ob sie vor oder nach dem UK stattfanden, denn es ist eine Weile her. Besonders empfehlen möchte ich den Brief an meine Familie und die Schulzeit. Interessieren könnten auch die Kapitel über Frauen, über Sex, und was alles erlaubt war (und was nicht).

Besonders wichtig ist mir, dass die Lesenden (möglichst) nicht urteilen. Meinetwegen über Gruppen und Institutionen, aber nicht über Menschen. Wir haben alle, so denke ich, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, einander manchmal verletzt und mal unterstützt, ob absichtlich oder nicht.

Terminologie

Die EBG nutzt das Wort «Versammlung» für den sonntäglichen «Gottesdienst» (Begründung «man dient Gott täglich, nicht nur sonntags») und «gläubig» für Christinnen und Christen, die bekehrt sind und «bibeltreu» leben, wobei das sich eher auf das Neue Testament bezieht – sie befolgen also nicht die Regeln des Alten Testaments. Gläubig sind Menschen, die an Gott glauben, und eventuell regelmässig in einen Gottesdienst gehen, somit nicht zwingend. Ich verwende dieses Wort in meinem Bericht trotzdem für meine Familienmitglieder, da diese durchaus an Gott glauben und in ihrem Glauben aufrecht und ehrlich sind, auch wenn sie weder bekehrt noch bibeltreu sind oder sein wollen. Dann noch kurz das «Freikirchenglossar»:

Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus

Wiedergeburt: Wenn der heilige Geist im Menschen «ankommt»

Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung

Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»

Ungläubig: selten verwendetes Wort für Personen, die nicht «bibeltreu» an Gott glauben; häufiger: Personen, die in der Welt leben oder Personen, die ohne Jesus leben

Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half

Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.

2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, in der EBG ist es entschieden nicht gleichzeitig, wie in vielen anderen Gemeinden. Jesus komme dann als «Richter».

Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.

Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc. Die EBG spricht sich entschieden dagegen aus und erklärt, dass Geistesgaben heute nicht mehr vergeben werden.


Von der Bekehrung bis zum Austritt
Anwerbungsphase und Bekehrung

In Kontakt mit der EBG kam ich durch eine Freundin und ihre Familie – nennen wir sie Samira -, während ich die Sekundarschule besuchte. Wir gingen an die gleiche Schule und redeten immer wieder über den Glauben. Ich wuchs in einer Familie mit starker Bindung zur reformierten Kirche auf, und meine Kinderbibel war eines meiner meistgelesenen Bücher, was in meinem Fall viel heisst. Mit Samira habe ich über «Gott und die Welt», Astrologie und Harry Potter diskutiert, und ihre Mutter begann, ihr für mich eine Tasche mit «Schoggistängeli» und Bibelversen mitzugeben. Diese erhalte ich tatsächlich auch heute noch, was ich durchaus schätze. Sie luden mich öfters ein, an die Versammlung, die Sonntagsschule oder die Jugendgruppe zu kommen, was ich eigentlich etwa ein halbes Jahr lang ausschlug. Irgendwann kehrte es – ich weiss nicht, warum, aber es war in den Sommerferien. Wir redeten über Sünden und ich erzählte ihnen so einiges aus meinem Leben, was mich immer belastet hatte, und was ich nie jemandem erzählen konnte, oder das Gefühl hatte, ich könnte es nicht erzählen. Rückblickend glaube ich, das war wichtig. Ich hatte endlich eine Vertrauensperson. Die war zwar gleich alt wie ich, aber ich konnte endlich darüber reden, was mich so lange belastet hatte, was ich so lange nur «mit Gott» besprochen hatte. Rückblickend wäre ich vielleicht besser direkt in die Psychotherapie gegangen. Davon waren aber sowohl meine Eltern als auch die EBG (und damit Samiras Familie) nicht besonders begeistert. So begann ich also, die Versammlungen der EBG zu besuchen, in denen immer wieder darüber geredet wurde, dass man sich bekehren müsse. Das war mir neu. In der reformierten Kirche gibt es keine Bekehrung, höchstens die Konfirmation und ein persönliches Glaubensbekenntnis. Ich sprach also mit Samira über die Bekehrung. Ich fühlte mich durch die Versammlungen dazu gedrängt, diese zu machen, und hatte das Gefühl, es war noch viel zu früh – ich verstand zu wenig davon, was eine Bekehrung war, was sie bedeutete, wie sie ablief, und so weiter. Samira beruhigte mich. Ich weiss nicht mehr, was sie sagte, aber es ging in die Richtung «lieber jetzt als zu spät». Ihre Familie organisierte dann die ganze Bekehrung. Ich würde mich am (passenden) Buss- und Bettag, am 21. September 2014, an der Konferenz in Biberist bekehren. Es gab noch eine Diskussion, bei wem ich mich bekehren würde: entweder Philipp, dessen Frau aber eher zurückhaltend wirkte, oder Oskar, dessen Tochter sie sehr gut kannten. Am Schluss entschieden sie sich für Oskar. Ich kannte beide nicht, also war es mir egal. Die Anwesenheit einer Frau wurde mir als wichtig mitgeteilt: Man könnte sich schon ohne Drittperson bekehren, aber die Prediger wollten Kontroversen vermeiden und junge, weinende Mädchen nicht berühren. Man könne ihnen höchstens ein Taschentuch reichen. Mir gefiel das Engagement zur Vermeidung solcher Übergriffe (und solcher Übergriffsgerüchte), besonders weil meine Mutter die ganze Zeit Angst hatte, dass jemand in der EBG übergriffig werden könnte, und sich entsprechend laut (und fast schon aggressiv) Sorgen machte. Ob vor, während oder nach meiner Zeit jemals Übergriffe stattgefunden haben, kann ich nicht einschätzen. Es ist durchaus möglich, dass vor meiner Zeit mal etwas passierte, was dazu führte, dass sie diese Massnahmen einleiteten. Ich ging also an diesem Tag an die Konferenz, hatte schön eine Liste meiner «Sünden», die ich dann bekennen würde, vorbereitet, und war ziemlich nervös. Über die Mittagspause ging ich dann mit Oskar und Ramona, wie wir seine Tochter nun nennen, auf die Suche nach einem geeigneten Bekehrungsraum. Wir landeten in einem Vorraum der Waschküche, das heisst, in einem kleineren Raum, dessen Tür offen war, standen Waschmaschine und Tumbler. Ich war sowieso nervös und hatte keine Ahnung davon, was bei einer Bekehrung normal war, dass es mir wiederum egal war. Oskar war zu diesem Zeitpunkt bereits Grossvater von Ramonas Kindern, die in meinem Alter waren, und sein starker Berner Dialekt war für mich eine erste Herausforderung. Die Bekehrung lief in etwa wie folgt ab: Wir setzten uns, redeten, ich wurde gefragt, warum ich mich bekehren wolle, wir lasen gemeinsam die Bibel, Oskar redete über die Notwendigkeit, sich zu bekehren, sich zu Christus zu bekennen, und während ich nicht mehr alles weiss, blieb mir eines: Er fragte mich, warum ein Milchkrug so genannt wurde. Da verwendete er aber ein Berner Wort für den Milchkrug, das ich nicht kannte. Vielleicht war auch einfach «Miuch» ein zu neues Wort – ich wuchs ohne jegliches Berndeutsch auf. Glücklicherweise kommentierte Ramona, dass das Wort «Milchkrug» bedeute, was seine ganze Erklärung wiederum erklärte: Ein Milchkrug ist ein Milchkrug, weil Milch drin ist. Ein Christ ist ein Christ, weil Christus drin ist. Während ich als 13-jährige natürlich direkt die klassischen pubertierenden Gedanken hatte (à la «haha, sex mit jesus»), schob ich den Gedanken ganz weit nach hinten in meinem Kopf und nickte verständnisvoll (vor allem, weil ich endlich verstand, dass es um einen Milchkrug ging). Ich musste irgendwann meine Sünden bekennen, habe aber das Timing verwechselt – ich hatte schon viel zu früh mit einer Aufzählung begonnen, und als mir dann später mitgeteilt wurde, meine Sünden zu bekennen, war das Thema in meinem Kopf eigentlich abgeschlossen. Es war entsprechend anspruchsvoll, irgendwie doch noch genügende Sünden aufzuzählen. Wie ich später herausgefunden habe, reicht grundsätzlich eine einzige Sünde, um sich zu bekehren. Gar keine hat niemand, auch wenn anscheinend ein EBG-Kind dem einmal sehr nahe kam, und sie intensiv nach Sünden suchen mussten. Zudem hatte ich das Gefühl, dass Oskar von mir fast mehr Sünden erwartete, da ich ja nicht einmal in einem gläubigen Haushalt aufwuchs. Jedes Mal, wenn mir gerade nichts mehr einfiel, fühlte ich mich fast schon dazu gedrängt, mehr aufzuzählen. Zu all meinen Sünden führte er jeweils aus, was daran alles schlecht war, und bezog sich immer wieder auf die Bibel. Das war ein wenig anstrengend, denn wenn ich nicht sowieso schon gewusst hätte, dass es eine Sünde war (für die EBG), hätte ich sie gar nicht aufgezählt. Nach meinem fast schon unbeholfenen Aufzählen weiterer Sünden knieten wir auf den Boden, falteten die Hände auf dem Stuhl und beteten um Vergebung. Leider war in meinem Kopf Jesus schon für meine Sünden gestorben (was wohl der falsche Zeitpunkt an der Bekehrung war), und ich dankte ihm dafür. Da unterbrach mich Oskar im Gebet und sagte: «Tut es dir überhaupt leid?» Dieser Satz ist mir eingefahren. Ich habe einen grösseren Teil der Bekehrung nicht mehr wortgenau im Kopf, aber dieser Satz hängt mir auch 9 Jahre später noch in den Ohren. Ich erschrak in diesem Moment enorm und war kurz den Tränen nahe. Da merkte ich: falscher Zeitpunkt, um Gott zu danken. Der kam später, nachdem mir Oskar von der Rettung meines armen Sünderdaseins durch Jesus erzählte. Wie gesagt: Das war zwar nichts Neues für mich, aber ich tat zumindest so. Alles in allem war meine Bekehrung eher psychisch belastend als entlastend. Als ich – etwas später als Konferenzbeginn – wieder zu Samira und meinen Freundinnen ging, fühlte ich mich merkwürdig. Damals erzählte ich ihnen, ich glaube, ich spüre den heiligen Geist. Heute würde ich eher vermuten, dass ich wegen der emotionalen Belastung einfach zu dissoziieren begann. Irgendwie fühlte sich nichts mehr real an.

Ich wusste von vornherein, dass viele Personen an einer Bekehrung weinten, weil sie endlich Jesu Opfer und Gottes Gnade erfahren würden. Ich wuchs aber in einem gläubigen – auch wenn reformiert-geprägtem, und nicht freikirchlichem – Haushalt auf, und der Neuigkeitsgehalt dieser Nachricht lag eher tief. Während meiner Bekehrung fühlte ich mich aber immer gestresster und falscher und schlechter, sodass ich etwa ab der zweiten Hälfte Tränen in meinen Augen hatte. Ich glaube, Oskar wartete darauf. Sobald die Tränen aufkamen, schien er zufrieden und das Gespräch verlief weniger stressig. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet – es ist schwierig, in dem Alter andere Menschen so gut zu klassifizieren, und rückwirkend weiss ich nicht mehr alles. Alles in allem war meine Bekehrung gar nicht so ein «rettender Moment», das erzählte ich aber natürlich niemandem. Endlich ging es in den Versammlungen nicht mehr darum, dass wir armen Sünder uns bekehren müssen, sondern auch um andere Teile der Bibel. Da merkte ich: Sie hatten den Inhalt der Versammlung angepasst, da sie wussten, dass ich kommen würde (Samiras Familie hatte sie vermutlich informiert). Jetzt, wo ich bekehrt war, brauchten sie mich nicht mehr zu retten, also konnte ich hören, wie ich jetzt in meinem christlichen Leben sein konnte. Zur Bekehrung erhielt ich ausserdem ein Geschenk von Ramona: eine Menora (siebenteiliger Kerzenständer, der nur im Tempel angezündet werden darf) sowie die Information, dass ich erst das Johannesevangelium lesen soll, weil dies für neu Bekehrte das beste Evangelium sei. Ein wenig hatte ich in der EBG immer den Eindruck, dass sie dachten, ich hätte keine Ahnung vom christlichen Gott oder der Bibel, nur weil meine Eltern eben nicht in einer «bibeltreuen» Gruppe waren. Umso schöner war es, wenn ich in den «was passierte genau in dieser Geschichte»-Quizfragen mit gleichaltrigen EBG-Jugendlichen den Tisch komplett abräumte, weil ich meine Kinderbibel ja durchaus sehr gut kannte, und im Religionsunterricht auch ganz gut war.

Der UK und die Lungenentzündung

Der nächste Meilenstein meiner religiösen Entwicklung war der Unterweisungskurs. Hierbei handelt es sich um einen zweiwöchigen Kurs, fast schon ein «Sommerlager», in welchem ca. 16-jährige EBG-Mitglieder zwei Wochen lang mit Predigern mehr über den eigenen Glauben lernen. Ich nenne den Kurs manchmal spasseshalber «Indoktrinationskurs». Dieser Kurs ist mit einer zeitlich kürzeren Konfirmation oder Firmung zu vergleichen, bei welcher die Informationen der zweijährigen Konfirmationsunterrichts auf zwei Wochen komprimiert werden. Am Konfirmandenunterricht der reformierten Kirche nahm ich auch teil, aber zeitlich später als am UK. Samiras Familie setzte sich ein, dass ich ein wenig früher den UK absolvieren konnte, da sie merkten, dass mir Wissen fehlte, und dass ich enorm wissensdurstig war. Das lag vielleicht daran, dass ich jede Woche ein neues Buch (oder drei) aus der «Ortsgemeindebibliothek» auslehnte und alles am nächsten Sonntag gelesen zurückbrachte. Und dann war es so weit. Meine Mutter und Schwester fuhren mich an den Ort, an welchem mein UK stattfinden würde. Dabei hatte meine Schwester Hotpants (kurze, enge Hosen) an, was schon für Aufsehen und ein paar merkwürdige Blicke, wie sie mir später erzählte, sorgte. Offen beklagt hat sich niemand, man musste meiner ungläubigen Familie den wahren Glauben vorleben, damit diese sich ebenfalls bekehren würden. Zwei Wochen lang wohnte ich mit 7 anderen Mädchen im (ausreichend grossen) Haus eines Predigers. Durchaus aufregend, nur war mir am zweiten Tag schlecht. Und am fünften. Am sechsten, Tag des Fotoshootings, war ich so blass, dass wir zum (christlichen) Arzt gingen. Der merkte noch nichts und schickte mich in die Bettruhe. Am Sonntag gings mir so schlecht, dass ich nicht einmal in die Versammlung, die gemeinsam mit den Jungs besucht wurde, gehen konnte, sondern einfach schlief. Montag fanden wir raus: Lungenentzündung. So ging ich in die Geschichte ein als die, die erstens: aus einer ungläubigen Familie so jung schon die «Wahrheit» erfuhr, aber auch zweitens: am UK krank wurde, und von Gott (und den Antibiotika) geheilt wurde. Zumindest bin ich froh, dass ich bei einer Gemeinde landete, die wenigstens nicht medizinkritisch war, ansonsten hätte das unschön enden können. Wie es neulich bei Corona aussah, weiss ich nicht. Ich nahm also Antibiotika bis und mit Ende UK, vielleicht auch noch länger, ich bin nicht mehr sicher, und verpasste einen Teil des Kurses, neben einigen Halbtagen und der Sonntagsversammlung auch die Wanderung am Dienstag. Dafür las ich die Bibel fertig (mir fehlten nur noch ein paar Psalmen) und begann, «Pidgin» – Tok Pisin, die Kreolsprache in Papua Neu Guinea, kurz PNG – zu lernen. Viele EBG-Prediger und ihre Familien waren bereits in PNG, mehrere Jahre lang auf Missionierungstour. So auch Philipp, bei dem ich mich vielleicht bekehrt hätte, und Oskar, bei dem ich mich bekehrte. Die Tochter von letzterem, hier Ramona genannt, wuchs sogar in PNG auf, wie die Kinder von Philipp auch. Und wenn ich während des UKs meine Medizin nehmen sollte, rief mich die Betreuerin jeweils mit «Susa, marasin!», was übersetzt «Schwester, Medizin!» heisst. Schwester natürlich im Sinne von Glaubensschwester. Ich selbst überlegte mir zu dieser Zeit, auch mal zu missionieren, rückblickend ging es mir aber wohl eher um den Spracherwerb und das Kennenlernen neuer Kulturen, und nur sekundär um die Rettung und das Seelenheil anderer Personen. Ich betrachtete andere Götter zwar als falsch, aber eher für mich selbst als für andere Menschen. Ganz spannend bei meiner Erkrankung waren auch die verschiedenen Interpretationen, warum ich den krank geworden sei. Realistisch könnte ich mich angesteckt und der Durchzug, in dem ich das vorhergehende Wochenende war, die Erkrankung begünstigt haben. Eben irgendwas medizinisch-begründetes. Meine Mutter fand, das sei ein Zeichen, dass mein Körper sich gegen die EBG wehrte, und versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich auf meinen Körper hören und die EBG verlassen soll. Half nicht. Die EBG fand «hm. Das könnte ein letztes Überbleibsel von Satan sein, der sich ein letztes Mal dagegen wehrt, dass sie weg von seiner Kontrolle und unter die Kontrolle von Gott kommt.» Also gab es in erster Linie ein Gespräch mit den zwei Predigern, die den UK leiteten, und der weiblichen Unterstützung und Frau einer der beiden, die mich während und nach meinem UK sehr begleitet und unterstützt hat. Sie nannte sich spasseshalber «UK-Tante», und war eine der Frauen, mit denen ich häufig intensivem Kontakt hatte, und weiterhin habe. Wir sassen zu viert da und dachten nach, was denn da sein könnte. Irgendwann entschieden die Prediger, mich mit ihr allein zu lassen, da es sich möglicherweise um ein «Frauenthema» handeln könnte, und wir sassen zu zweit da. Wie ich viel später erfahren habe, ist das Frauenthema in diesem Kontext als «Thema zu Sex und Sexualität» zu interpretieren. Ich fragte mich damals, was die Mens (in meinem Kopf das einzige «Frauenthema») mit Sünden zu tun hatte. Ich erzählte also das einzige, das mir einfiel: Mein Schwarm für einen Jungen in der EBG. Nach dem Gespräch ging es mir mental um einiges besser, da ich nicht wirklich über ihn (oder mit ihm) reden konnte. Schliesslich war ich 14 Jahre alt und weit von einer Hochzeit entfernt, und dazu noch überfordert und unerfahren mit solchen Themen. Gegen die Lungenentzündung brachte dieses Gespräch nichts, und am Sonntag, als noch nichts entdeckt war und es mir dennoch ziemlich schlecht ging – ich schlief einfach den ganzen Tag -, kamen die drei unerwartet ins Zimmer, formten einen Kreis und erklärten mir folgendes: Sie würden mich jetzt salben. In der Bibel stehe, man müsse Kranke salben. Irgendwo im Jakobus, wenn es mir richtig im Kopf ist, auch wenn es dort wohl eher um Sterbende als um 14-Jährige mit Lungenentzündung geht. Eigentlich steht, man müsse selbst die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen, aber ich war krank und sie dachten wohl, dass ich vermutlich nie davon gehört hätte, da meine Eltern ja (im Vergleich zur EBG) nicht sehr bibelorientiert leben, lasen mir den betroffenen Vers vor und erklärten die Situation. Ich stimmte zu. Sie beteten also mit mir (ich lag einfach da und versuchte, nicht einzuschlafen), und salbten mich dann mit Salböl. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wenn jemand einfach die Stirn einstreicht, während alle fast verzweifelt daneben sitzen und nicht mehr wissen, was man sonst noch machen könnte, damit ich wieder gesund werde. Fast so, als wäre ich wirklich am Sterben gewesen. Tatsächlich machte ich an irgendeinem Punkt während des Uks, aber etwas vor dieser Salbung, einen geschmackslosen Kommentar, in etwa: «ah, ich bin (fast) am sterben». Während es als Witz nicht besonders lustig ist, reagierte ein Prediger darauf mit der Frage: «Willst du denn sterben?» Was antwortet man darauf? Ich sagte nichts. Ich dachte nach. Wollte ich sterben? Ich wollte nicht mehr die ganze Zeit mit meiner Familie streiten. Ich wollte mich nicht mehr so schlecht fühlen. Die ganze Angelegenheit war enorm belastend für mich und ich erfuhr nur von Seite der EBG Unterstützung. Meine Familie feuerte immer nur gegen die EBG. Gleichzeitig wusste ich: Selbstmord kann ich nicht begehen, das wäre sündhaft, und ich könnte danach nicht um Vergebung bitten, weil ich weg wäre. Sterben müsste ich zufällig. Wollte ich sterben? Irgendwie schon. Es wäre schön, einfach aus dieser enormen Anstrengung raus. Wenn ich einfach sterben würde, dann wär’s fertig und ich hätte nicht einmal gesündigt. Wenn dann so ein Prediger raushaut «willst du sterben?», dann ist das irgendwie schmerzhaft. Und ob es psychologisch-therapeutisch der richtige Ansatz ist, weiss ich auch nicht. Aber Psychologen (und Psychiater) waren in der EBG sowieso verachtet, mit der Begründung: «die verwirren einen nur». Aus demselben Grund wurde mir von einem Theologie-Studium abgeraten: «das verwirrt einen nur (im Glauben)». Ich betrachte meine Therapie nicht als Verwirrung und wäre froh, wenn ich schon viel früher gehen hätte können; es hätte mir viel Leid erspart. Am UK selbst sprachen wir nicht darüber. Wir sprachen über die Rettung durch Jesus, dass alle Menschen unter satanischem Einfluss stehen, bis sie unter Gottes Einfluss sind, warum Rockmusik satanisch ist (unter anderem wegen dem Rhythmus), warum Tanzen schlecht ist («vertikales Ausdrücken einer horizontalen Tat», ja, es ging wieder um Sex), und so weiter. Wir hatten ausserdem den Auftrag, Psalm 91 (wenn ich mich recht entsinne) auswendig zu lernen. Ganz gelungen ist es uns nicht, ich glaube, nur ein bis zwei meiner Gruppe lernten ihn auch wirklich auswendig.

Wir erhielten alle einen Ordner, der im Preis des Kurses inbegriffen war, und arbeiteten diesen gemeinsam durch. Dabei hatten wir nicht alles, das im Ordner war, auch wirklich durchgearbeitet. Die Arbeitsblätter waren genau das, Arbeitsblätter. Auf einer der ersten Seiten ging es darum, wer unser Gott ist. Bei den leeren Zeilen schrieben wir (sinngemäss) auf «Gott, der Vater», «Jesus Christus, der Sohn», und «Der Heilige Geist». Bei jeder leeren Zeile oder Aussage stand eine Referenz zu einem (oder mehreren) Bibelvers(en), in welchem dies stand. Dann sprachen wir über den Sündenfall. Das Verlassen von Gottes Gegenwart. Ich weiss nicht, wie viel Alttestamentliches wir diskutiert haben, aber der Prediger (das Buch, etwa in der Mitte der Bibel) wurde mehrfach zitiert. Dabei im Kopf geblieben ist mir das «Haschen nach Wind» aus Prediger 1, 14. «Alles Tun, das unter der Sonne geschieht,» ist «eitel und Haschen nach Wind». Und so ist jedes Imperium, das man auf der Erde aufbaut, effektiv wertlos, denn wenn man stirbt, ist es weg. Ein Haschen nach Wind, der sowieso wegbläst. Und weil es weg sein wird, brauchen wir auch nicht danach zu streben. Der Wind kommt, wie er geht. Mit diesem Verständnis kann man sehr schnell darauf kommen, was auch unsere Schlussfolgerung war, nämlich dass das, was nach dem Tod kommt, wichtiger ist als das, was sowieso vorbeigeht. Und was nach dem Tod kommt: Wir haben die Wahl, zwischen Himmel und Hölle zu wählen. Himmel heisst, ewige Gemeinschaft mit Gott, ihn tagein, tagaus loben und preisen und ehren, Hölle heisst, ewig verbrannt werden. (In einer Versammlung hiess es einmal, vielleicht auch «ewig fallen», «ewig nicht in Gottes Gegenwart sein»). Dafür erklärte Philipp illustrativ, wie heftig das Leiden sein könne. Er zeigte auf die kürzeste Strecke im Raum, von einer Tür zur gegenüberliegenden, und fragte, ob wir es aushalten könnten, diese fünf-Sekunden-Strecke zu laufen, wenn es hier drin brennen würde. Wie stark wir leiden würden, wenn alles Feuer wäre. Die Antworten lauteten natürlich «nein, könnten wir nicht», und «sehr fest». So stark über die Hölle zu sprechen, das war mir neu. Ich hatte nur im Religionsunterricht beim ersten und zweiten Anschauen desselben Martin Luther Films (irgendwie schien den jeweiligen Lehrpersonen nicht klar zu sein, dass wir den schonmal gesehen hatten?) einen Eindruck erhalten. Und dort war die Botschaft, die ich erhielt, eher «katholische Kirche = böse, und darum ging Luther weg von dieser angstmachenden, Höllenfeuer-lehrenden Kirche». Dass die katholische Kirche nicht böse ist, weiss ich unterdessen. Und dass Luther auch nicht wegwollte, weiss ich unterdessen auch. Naja. Philipp erklärte mit seinem Beispiel eindrücklich, dass wir es keine Sekunde in dem Feuer aushalten würden. Es war fast schon Angstmacherei, und ich bin enorm froh, dass die Angst vor der Hölle für mich damals so neu war. Wenn meine Eltern auch daran geglaubt hätten, dann wäre das Trauma sicher grösser. In dem Sinne tut es mir enorm leid für meine EBG-Mitmenschen, die mit dieser Angst aufwuchsen. Ich hatte schon Angst davor, nach dem Tod zu leiden, und wollte in diesem Kontext Sicherheit, aber diese erneute Angstmacherei gegenüber etwa 16-jährigen Jugendlichen empfand ich als unpassend. Vielleicht war auch das ein Punkt, von dem ich nicht so begeistert war.

Ausserdem lernten wir, wer Satan war. Kurz: Gefallener Engel, verführte Eva, und testet uns heute. Ist bei allem möglichen (wie eben Rockmusik) drin und kann sich sehr gut verstecken, und einen einlullen. Die EBG hinterliess bei mir über die zwei Jahre einen sehr abschottenden Eindruck. Einer der Gründe war auch, um sich vor Irrlehren zu schützen. Geistesgaben, wie sie in pfingstlich-charismatischen Kirchen gelehrt werden, wurde explizit abgelehnt. Wenn Gott keine mehr sendet, wer kann ihn ausreichend imitieren, und so die Christen täuschen, um sie von Gott abzuwenden? Genau, Satan, der täuschende Teufel.

Der Tagesablauf verlief in etwa wie folgt: Wir standen auf, versammelten uns am Tisch und hielten gemeinsam eine Andacht. Heisst: Wir lasen die Bibel und beteten zu Gott. Dann assen wir Frühstück und gingen in den «Unterrichtsraum». Dort sprachen wir über das jeweilige Thema, das wir eben gerade anschauen würden, ganz im Schulunterricht-Stil. Besonders gut im Kopf geblieben sind mir all die Fliegen, die dort herumflogen, und die detaillierte Beschreibung der Hölle als ein feuriger Ort, das Haschen nach Wind und die Herrschaft des Teufels über alle, bei denen nicht Jesus herrscht. In der Mitte des Morgens gab es eine kleine Pause, dann ging es weiter, dann Mittagessen. Nachmittags machten wir erneut Unterricht. Einige Male kamen weitere Personen zu Besuch, zum Beispiel eine Frau, bei der ich überhaupt nicht mehr weiss, worüber sie sprach. Wahrscheinlich ging es um Sex, denn die Prediger waren nicht mehr im Zimmer. Ich hustete viel, wegen der Lungenentzündung, und sie schaute mich jedes Mal ein wenig genervt an. Irgendwann schickte mich meine «UK-Tante» ins Bett und erklärte der Vortragenden, dass ich krank war. Sobald die Frau herausgefunden hatte, dass ich wirklich krank war, und nicht einfach hustete, um sie zu unterbrechen (oder sonst etwas), wirkte sie um einiges verständnisvoller. Das war zumindest ein spannender Wechsel. Irgendwann war der Unterricht fertig, und wir spielten mal gemeinsam ein Spiel, dann Klavier – die Hälfte der Absolventinnen spielten damals Klavier -, dann Ping-Pong, und so weiter. Nach dem Abendessen gab es erneut eine Andacht. Wir beteten ausserdem jedes Mal vor dem Essen, vor dem Abfahren im Auto, und ganz grundsätzlich jedes Mal, wenn es irgendeinen Grund zu beten gab. Am Abschluss selbst waren zwei meiner Verwandten anwesend – die sich wohl «aufgeopfert» hatten, damit zumindest jemand ging, ich glaube, meine Mutter hätte es nicht ausgehalten – und einer der Prediger sprach darüber, wie eben auch jemand krank wurde, sie beteten und «ds Gspänli» (wenn ich mich richtig entsinne) jetzt wieder besser drauf war. Ich durfte ausserdem meinen Aufsatz vorlesen. Wir hatten alle einen Aufsatz geschrieben, und durften wählen zwischen «Wunder der Schöpfung», «Das 5. Gebot», und «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe». Ich wollte erst das erste nehmen, und dann kamen die UK-Leitenden und fanden, es wäre spannender, letzteres zu hören. Schliesslich war ich nicht aus einem gläubigen Elternhaus. Nachdem ich Jahre nach Austritt einmal wieder den UK-Abschluss besuchte, verstand ich auch warum: Der Aufsatz von Kindern aus gläubigen Elternhäusern ist enorm langweilig. Sprachlich ist es noch in Ordnung, es sind immer noch 16-jährige, aber inhaltlich: Sie bekehren sich erst als Kind, dann, nachdem sie den Eltern wieder nicht gehorcht haben, erneut als Jugendliche, dann «erfahren» sie Gottes Vergebung, aber diesmal vermutlich richtig und bleiben (bis auf Weiteres, bis zur nächsten Sünde, bis sie wieder Busse tun müssen). Die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Aufsätzen sind minim. Ich schrieb also meinen Aufsatz, mit Unterstützung der UK-Tante, und las ihn also dort vor etwa 500 Leuten, inklusive meiner Grossmutter und meiner Tante, vor. Die meisten fanden es spannend und hörten gerne zu (sicherlich auch wegen der Abwechslung). Meine Verwandten waren nicht sehr begeistert davon, dass ich sie als ungläubig darstellte (auch wenn mein Satz nicht sehr gemein formuliert war, ich schrieb einfach, dass ich «Jesus» kennenlernte dank einer Freundin, und erwähnte kein «gläubiges Elternhaus» wie die anderen). Der Text endete und ich durfte wieder hinsitzen. Im Verlauf mussten wir noch Psalm 91, den wir auswendig lernen hätten müssen, aufsagen. Ich glaube, sie stellten die, welche es weniger wussten, in die hintere Reihe, damit wir ablesen konnten, und die vorne sagten es oder taten einfach so. Ausserdem konnten wir Lippenlesen, der Prediger sprach es uns vor. Einige Absolvierenden spielten ein Stück auf ihrem jeweiligen Instrument, so auch eine Freundin von mir, die unterdessen Musik studiert. Sie hatte auch ihren Text zum Thema «Gottes Schöpfung», den ich damals super fand, vorgelesen. Ein anderes Textthema, das mir blieb, war das 6. Gebot – du sollst niemanden töten. Vorgelesen hatte es der jüngste Sohn einer Predigerfamilie (und der häufigste Schwarm unter Gleichaltrigen, wirklich jede mochte ihn. Ich hatte meinen eigenen Schwarm, aber trotzdem. Unterdessen ist er verheiratet). Er sprach darüber, wie er manchmal auch Wut gegenüber seiner Familie verspürte, so intensiv, dass er sie am liebsten umbringen würde. Gewaltfantasien sind keine Seltenheit (wirklich nicht! Solange sie nur Fantasien bleiben, sind sie auch aus psychologischer Sicht total in Ordnung), aber religiöse Gemeinschaften, die mehr Regeln aufstellen als die Bibel selbst beinhaltet (also, wie die EBG), kombinieren auch das 6. Gebot und Matthäus 5, 28: «Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat mit ihr schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen.» zu einem: «Wer jemanden ansieht, ihn zu töten, der hat ihn schon getötet in seinem Herzen.» Und so handelte der 1-2-seitige Aufsatz davon, wie er sich manchmal so über seine Familie aufregte, dass er sie am liebsten getötet hätte. Joa. Meine Verwandten waren in der Mittagspause nirgends zu sehen – sie waren in ein Restaurant geflohen – und teilten mir später mit, dass sie die Augen von allen, aber besonders uns auf der Bühne, als sehr glasig empfunden hätten. Das erstaunte mich, hatte meine UK-Tante einmal erzählt, dass sie den Kommentar erhalten habe, dass man den Heiligen Geist in den Augen sähe (oder «Gottes Wirken», ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern). War Gott…glasig?

Der UK endete ohne weitere Geschehnisse, eben, abgesehen von meinem Krankwerden. Unsere Handys wurden am Anfang entzogen, nachdem sie merkten, dass wir zu viel am Handy waren. Nur eine halbe Stunde Handy pro Tag, um unsere Verwandten zu informieren, dass es uns gut ging, etc. Ich erhielt das Handy früher zurück, damit ich mehr mit meinen Eltern telefonieren durfte, die sich sicherlich Sorgen machten. Auch einen Post-UK-Treff («UK-Weekend») schafften wir nur einmal, als es von unserer UK-Tante (mit)organisiert wurde. Meine UK-Gspänli sind unterdessen in aller Welt mit verschiedenster Kontakthäufigkeit. Ich bin ausgetreten und habe ein nicht-freikirchen-kompatibles Weltbild, Samira ist weiterhin bei der EBG dabei, eine ging zu einer «Finanzsekte» (nicht Wohlstandsevangelium, soweit ich weiss), eine hat unterdessen geheiratet, eine studiert Musik, mit einer anderen habe ich versucht, den Kontakt aufrecht zu halten und es ging einfach nicht. Eine andere ist weiterhin bei der EBG, und die letzte, die ist schon lange geflohen. Aber als ich ihr damals schrieb, dass ich austräte, antwortete sie mir, dass ich Glück hätte und dass sie froh sei, aber auch ein wenig neidisch, dass ich austreten konnte. Sie war noch eine Weile «gefangen» in der EBG, aufgrund einer komplizierten Familiensituation. Aber ich bin froh, dass sie jetzt auch rausgekommen ist.

Austrittsphase

Eine Weile vor meinem Austritt, vielleicht ein halbes Jahr, vielleicht nur ein Viertel, begann ich, nicht mehr in die Gottesdienste gehen zu wollen. An einem Punkt wünschte ich mir, meine Eltern würden es mir wieder verbieten – was ironisch war, denn anfangs ging ich sowieso, egal, ob sie es mir verbaten oder nicht. Jetzt würde ich sie sicher nicht fragen, es mir doch bitte zu verbieten. Das würde meine Glaubwürdigkeit komplett zerstören. Ich zwang mich also, weiterhin zu gehen, und fühlte mich immer eingeschränkter in der Gruppe. Es gab so viele Dinge, die so und so zu machen waren, nicht zu machen war, oder doch zu machen waren, und ich war an irgendeinem Punkt einfach zu überfordert mit allem. Es war eng, und ich fühlte mich unfrei. Ich hatte neben der EBG dank ein paar Mitschülerinnen und Mitschülern ein neues Supportsystem aufgebaut, auf welches ich mich verlassen konnte. Eines, das nicht nur über Jesus sprach und mich akzeptierte, als ich nicht wusste, über was sprechen, wenn nicht über Jesus. Ein wichtiger Auslöser hier war auch ein Gespräch mit einer Schulpsychologin, die mir vom Klassenlehrer wegen meiner emotionalen Auslastung empfohlen wurde. Da ich vorher zum Klassenlehrer ging, um mentale Unterstützung zu erhalten, konnte ich schlecht nein sagen, und ging also zu ihr. Sie brachte mir das Konzept von «Babysteps» bei (welches auch heute noch bei allem enorm wichtig ist), und traf eine Aussage, die wiederum mich traf: «Ich finde es schade, wenn jemand, der so jung wie Sie ist, sich bereits so stark einschränkt in seiner Weltanschauung.» Dies hätte nicht so eingeschnitten, wenn ich das Problem nicht auch gehabt hätte. Vor meiner EBG-Zeit dachte ich immer über Gott und die Welt, verschiedenste Interpretationen, Paralleluniversen und so weiter nach. Dass Schöpfung und Evolution kompatibel waren, gehörte zu Meinungen, die ich anfangs Primarschule äusserte (natürlich auch, weil meine Familie durchaus an Gott glaubt). In der EBG gab es nicht mehr so viel Spielraum. Plötzlich war alles definiert und ausformuliert, was zwar anfangs viel Sicherheit gab, mich aber gegen Ende zu stark einengte. Ich konnte nicht mehr über Gott und die Welt nachdenken, sondern nur noch über den EBG-Gott und die EBG-Welt. Ich spürte in meinem Kopf eine metaphorische Box: Die Box war durch die EBG definiert, und alles ausserhalb der Box war automatisch falsch. Warum über etwas nachdenken, das gemäss Bibel oder EBG sowieso falsch war? Das belastete mich. Nicht, dass ich es je jemandem gesagt hätte. Und dann sitzt die Schulpsychologin da und trifft einen wunden Punkt, vermutlich sogar unbewusst. Ich war im ersten Moment erschrocken, und dachte «ja, aber es ist die RICHTIGE Weltanschauung! Ist doch gut, dass ich sie schon so früh habe!». Ich merkte in diesem Moment, dass ich auf etwas, das mich selbst belastete, eine Antwort hatte. Ich war aber trotzdem betroffen, da es mich, trotz «richtiger Weltanschauung», störte, nicht mehr über alles nachdenken zu können. Die Antwort reichte also nicht aus, um das Problem zu lösen. Rückblickend denke ich, dies war der erste Moment, in dem ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Irgendwann später würde ich mich aktiv dagegen entscheiden, kritische Punkte bei EBG-Mitgliedern anzusprechen, weil ich meine Zweifel behalten wollte. Ich wusste: Wenn ich etwas thematisiere, lerne ich solche «Antworten» auf Aussagen, wie wir lernten, die Antwort auf «warum lässt Gott dies zu?» ist (ganz kurz zusammengefasst) «er gab den Menschen den freien Willen». Die Antworten halfen aber nur oberflächlich, fast schon als Reflex-Antworten zur Besänftigung, aber sie lösten das Problem nicht. Es brauchte noch mehr, bis ich zum Austrittsentschluss kommen würde: Kein weiterer Druck zum Austritt. Einige Personen in meinem Leben versuchten, mich aus der EBG rauszuziehen, mit aller Macht und Gewalt. Meine Mutter, mein Vater, meine Schwester, meine Grosseltern, Tanten, sie alle hatten Mühe damit. Meine restliche Familie sicher auch, nur sagten diese nichts. Zum Glück. Als dann auch die letzten aufhörten, mich irgendwie vom Gegenteil der EBG-Predigten zu überzeugen, und niemand mehr mir verbat, irgendwo hin zu gehen (wobei ich die Verbote sowieso nicht berücksichtigte, sicher nicht ganz im Sinn des fünften Gebots und Epheser 6, was die EBG-Prediger aber auch nicht störte), dann war ich bereit. Das Bedürfnis auszutreten kam nie, während alle mich versuchten rauszuholen, während alle Witze machten, während alle gegen die EBG feuerten. Dies versteigerte nur meinen EBG-Eifer und motivierte mich, noch gläubiger, noch «standhafter im Glauben», noch «religiöser» zu werden. Als dies abliess, fehlte mir eine der Motivationen. Plus, ich erhielt das Gefühl, meine Familie würde jetzt keine dummen Witze schiessen und mich nicht herablassend betrachten, wenn ich austreten würde, sondern sie würden mich akzeptieren, wie sie mich in der EBG akzeptierten (oder tolerierten). Das war ein wichtiger Punkt beim Supportsystem. In meinem damaligen Supportsystem gab es weitere Mängel, einige Freunde, die sich als nicht-Freunde herausgestellt hatten, aber alles in allem war es ein funktionierendes System, und viele gehören auch heute weiterhin dazu. Ich hatte mich über die Sommerferien mal wieder über alles «entleert» – ich erzählte einem neuen Teil des neuen Supportsystems das, was mich immer noch belastete, aus meinem Leben vor der EBG. Rückblickend war dies wohl meine Strategie, Vertrauen aufzubauen: einfach mal alles loswerden und schauen, was passiert. Ich begann, nicht mehr an die Versammlungen zu gehen. Nach nicht allzu langer Zeit hörte ich von Samira: «Warum warst du nicht an den letzten Versammlungen?» Ich weiss, sie meinte es nicht böse. Ich war in diesem Augenblick etwas (negativ) überrascht. Ich hatte ein bis zweimal gefehlt, und während sie mich natürlich durchaus fragen konnte, fühlte ich mich bedrängt. Ich fühlte mich, als würde sie mich dafür verurteilen, und als wäre es zwingend notwendig, immer zu gehen. Fakt ist, ich hatte keine Lust, an die Versammlungen zu gehen, und ging also nicht. Die Frage aber führte zu einer eher negativen Anschauung der EBG, weil es sich nicht mehr freiwillig, sondern gezwungen anfühlte. Ich war und bin kein Fan vom Zwingen, für mich gibt es nur freiwillig oder gar nicht. Ich entschloss, nicht mehr an den Versammlungen teilzunehmen, da ich ansonsten mit einer Fragelawine überflutet werden würde, und kam zeitgleich zum Schluss, die EBG zu verlassen. Da die EBG sowieso keine vertragliche Mitgliedschaft hatte, sondern einfach «Mitglied ist, wer sich als Mitglied sieht», war das Austreten auf der rechtlichen Basis in dem Sinne nicht möglich. Ich wollte aber auch nicht allen Kontakt abbrechen, wie es ein halbes Jahr vor mir die Familie einer anderen Freundin gemacht hatte. Das war erst gerade kürzlich passiert, und ich hatte gemerkt, wie verzweifelt alle versuchten, die Familie zurückzuholen, wie sie beteten. Eine Freundin, nennen wir sie Nina, hatte sogar Zitteranfälle. Ihr ging es damals überhaupt nicht gut, und die Unsicherheit half nicht. Therapie war sowieso nicht erlaubt, oder: «nicht empfohlen». Ich entschied, allen klar mitzuteilen: Ab sofort komme ich nicht mehr. Ich gehöre nicht mehr zu euch. Als ich dies meiner Mutter mitteilte, weinte sie vor lauter Freude. Sie weinte heftig und lange. Kurz nach meinem Entschluss fingen meine psychosomatischen Symptome an: Ich hatte zehn Wochen lang richtige Bauchschmerzattacken. Nach etwa vier Wochen Bauchschmerzen meldete ich mich für einen Tag krank und verschickte mein sorgfältig vorbereitetes SMS an eine sorgfältig durchdachte Selektion von Menschen. Samira, Nina, Prediger Philipp, aber auch Ramona, die an der Bekehrung dabei war, waren hierbei die aufzählendwertesten. Ich kommunizierte, dass es mir zu «dogmatisch» sei, und dass ich weiterhin an Gott glauben würde – was ich auch wollte. Nina reagierte nicht gut darauf: Einen Monat lang schickte sie mir nichts anderes als Bibelverse. Ich wusste, ihr ging es gar nicht gut – wie vor einem halben Jahr schon – aber mein Entscheid war gefällt, und kein Bibelvers würde dies ändern. Prediger Philipp schrieb mir eine Mail, die ich noch habe. Darin war ein Satz, der mich tief verletzte, und der dazu führte, dass ich jetzt gar keinen Kontakt mehr mit ihm habe oder möchte: «Wir haben dich sehr geliebt, wie unsere eigene Tochter.» Dazu kam noch: «dass dir die EBG zu dogmatisch ist, überrascht uns, hast du doch nie etwas davon erwähnt» (bewusst nicht, da ich meine Zweifel eben nicht loswerden wollte, und es auch lange kein Problem war), und «hast du dies denn auch mit Gott besprochen?». Ramona antwortete nicht. Sie sprach vermutlich mit Samiras Mutter darüber. Als ich sie ein paar Jahre später wieder sah, teilte ich ihr eher offen – und auf Nachfrage – mit, dass ich ganz aus dem Glauben gegangen war. Da weinte sie. Es ist schmerzhaft, Personen zum Weinen zu bringen, vor allem die, welche einen eigentlich immer unterstützt haben, und die eben einfach zufällig sehr «gläubig» sind. Vor Samiras Reaktion hatte ich am meisten Angst. Sie war trotz allem eine gute Freundin, ich wollte mit ihr Kontakt behalten. Ich wollte weiterhin befreundet sein, aber ich hatte Angst, dass sie wie Nina entscheiden würde, nichts mehr mit mir zu tun zu haben. Ich hatte enorme Angst davor, verletzt zu werden. Also sprach ich sie darauf an, und ihre sehr direkte Antwort war: «Ich war vor der EBG mit dir befreundet, ich war während der EBG mit dir befreundet, nur weil du jetzt ausgetreten bist, bleibe ich trotzdem mit dir befreundet.» Da fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Meine Freundschaft mit Samira bleibt bis heute, und bei Themen, die wir unterschiedlich sehen (beispielsweise, ob Homosexualität jetzt sündhaft, gut oder schlecht ist, auch wenn ich dort eine sehr öffentliche Meinung habe), reden wir einfach nicht drüber. Es gibt genügende spannendere Themen, die man besprechen kann. Mit Nina habe ich keinen Kontakt mehr. Wir hatten noch ein paar Mal Kontakt nach dem Bibelversdilemma, bis wir uns irgendwann treffen wollten, sie einen Tag vor dem Treffen dann doch absagte, und ich fand, das war mir zu spontan. Ihre Begründung interpretierte ich als «tut mir leid, ich will gar nichts mit dir zu tun haben». Später fand ich heraus, dass sie einfach nicht mit mir über LGBTQI+-Themen sprechen wollte. Das wäre das geringste Problem gewesen, schliesslich schaffte ich es mit Samira auch, nicht darüber zu sprechen. Ich habe diese Erfahrung einer Freundin mitgeteilt, deren Bekannte begann, mit ihr den Kontakt abzubrechen, weil sie mit Frauen zusammen war, und möchte dies jetzt an die Öffentlichkeit tragen: Es gibt religiöse Personen, die homosexuelle Beziehungen akzeptieren oder zumindest tolerieren, auch wenn sie Homosexualität als Sünde betrachten, und es gibt solche, die es gar nicht akzeptieren. Ob man weiter befreundet sein kann, hängt von der Person und nicht der Religion ab.

Heute mag ich auch dank meiner politischen Aktivität eher laut über LGBTQI+-Themen sprechen und Geschlecht und Sexualität nicht mehr so eng sehen wie früher, aber es war ein riesiger Prozess. Als ich aus der EBG austrat, wusste ich, dass ich ein Problem mit (ausgelebter) Homosexualität hatte. Ich lernte neue Freunde kennen, und einzelne begannen, sich zu outen. Ich wollte sie akzeptieren, aber ich schaffte es nicht. Wenigstens beschwerte ich mich nicht offen darüber – ich bin nicht sicher, ob sie damals wussten, wie homophob ich war. Vielleicht schon, und ich merkte es einfach nicht. Ich hatte zur EBG-Zeit mal mit meiner Klasse über Homosexualität diskutiert, und es waren ich und der andere EBG-ler gegen den Rest der Klasse, wobei 4 Personen (ein Viertel, wenn ich’s richtig im Kopf habe) sagten «sie dürfen zusammen sein, aber keine Kinder adoptieren». Von dem her: gut möglich, dass ein paar Kommentare kamen. Insgesamt arbeitete ich aber an meiner Homophobie, und sagte mir selbst immer wieder «nein, es ist okay, wenn er schwul ist. Er darf das. Er darf mit Männern schlafen.» Ich konfrontierte mich mit Bildern von homosexuellen Paaren und sagte mir selbst «ja, das ist gut. Es ist richtig. Sie dürfen sich gegenseitig lieben.» Ich holte mein Neues Testament mit interlinear-Übersetzung Griechisch-Deutsch und jagte nach den Versen, in denen stand, Homosexualität sei falsch. Fünf fand ich. Zwei im 3. Moses, die ich dem Grund «Hygiene» zuordnete. Zwei in den Briefen, die ich der Pädophilie zuordnete (auch wenn das heute wohl noch umstritten ist). Und der einzige Vers, den ich heute noch ernst nehme bei dieser Diskussion: Römer 1, 26-27. Auch der einzige, in dem (lesbische) Frauen erwähnt werden. Das Problem aber war Römer 2, 1: «Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.» Kurz: Richten ist falsch. Ich fand einen Artikel von homosexuellen Christen, die darüber sprachen, dass Kapitel 1 dazu da war, den Leser zum Gedanken «Ja, diese Menschen sündigen wirklich!» zu bewegen, und Kapitel 2 dann dieses Urteilen verurteilte, und das bis zum erlösenden «darum ist Jesus für uns gestorben» in Kapitel 3, 25. Ja, dass theologisch oder religionswissenschaftlich Gebildete jetzt stunden-, wenn nicht wochenlang über den Römerbrief diskutieren könnten, ist mir bewusst. Mir reichte das, um weitermachen zu können. Es kann einen Gott geben, der Homosexuelle akzeptiert, also kann ich das auch. Ich wollte das Konzept oder die Person «Gott» nicht aus meinem Leben streichen, und wenn es keinen Gott geben könnte, der Homosexuelle akzeptiert, hätte ich mich entscheiden müssen. Das wäre härter gewesen. Viele Personen in einer solchen Situation wechseln die Freikirche – ich wurde auch von einer Freundin, die meinen Text erhielt, gefragt, wo ich jetzt hinginge – oder glauben gar nicht mehr an Gott. Ich sah vor allem letzteres, im Internet. Menschen, die ihre Sekte verliessen, und dann gar nicht mehr an einen Gott glauben konnten. Was ich auch verstand, aber es fiel mir schwer. Andere Freikirchen mochte ich nicht – die EBG hat sich immer sehr bewusst distanziert, und diese Distanz blieb, bis ich mich aktiv dafür entschied, andere Freikirchen etwas lockerer zu sehen. Das dauerte aber um einiges länger als der Entscheid, Homosexuelle zu akzeptieren. Und so landete ich in einer Situation, in der ich unabhängig vom Glauben aktiv all meine Werte, nach einer späteren rechten Phase auch meine xenophobischen, islamophobischen und ganz allgemein ausländerfeindlichen Ansichten, ablegte und alles neu überdachte. Was wollte ich glauben, was wollte ich akzeptieren, was nicht? Ich entschied, grundsätzlich keine Meinung zu vertreten, bis ich Grund für eine Meinung hatte. Das ging natürlich nicht, denn ich habe weiterhin viele antrainierte Vorurteile, denen ich mir immer wieder bewusstwerde. Erst jetzt, einige Jahre später, fällt mir auf, was für Werte ich alle aus der Zeit früher weiterhin vertrete und nie überdachte, auch wenn ich meinungslos sein wollte. Aber unabhängig davon: Die Entscheidung, jetzt aktiv mein eigenes Weltbild und meine eigene Wertvorstellung zu erschaffen, war wichtig. Ich wollte mich nicht von Gruppe zu Gruppe, Kirche zu Kirche schmeissen lassen, wie es auch heute bei so vielen Austritten geschieht, sondern erst ein Weltbild und dann eine passende Gruppe finden. Das ist ein Prozess, der anhielt und weiterhin anhält, und vermutlich auch noch lange anhalten wird. Das erste halbe Jahr war brutal, von Selbstzweifeln, Selbsthass und viel Belastung geprägt, und ich dachte, ich müsste eine Klasse wiederholen, weil ich das ganze Schuljahr emotional weg war und nicht einmal wusste, was meine Notenlage war. Musste ich zum Glück nicht, sicher auch, weil meine Lehrpersonen verständnisvoll waren und ich nicht viel lernen musste, um genügende Noten zu schreiben (dafür aber keine besonders guten). Aber mein Weltanschauungsprozess geht weiter, und das ist in Ordnung so. Ich will keine absolute Wahrheit mehr. Ich hatte eine, und musste sie verwerfen. Diese Erfahrung reicht einmal, ich will mich in keine neue absolute Wahrheit verheddern, und die dann erneut und die nächste danach erneut verwerfen, bis mein ganzes Leben vorbei ist. Für mich will ich nur noch relative Wahrheiten, die nicht verworfen, sondern angepasst werden können.

Erzählungen aus der Zeit

Das Hauptthema bei den jungen Leuten: Sex

Wie auch bei allen anderen Pubertierenden war auch in der EBG Sex und Liebe ein Thema. Eben einfach auf eine andere Art. Kurz nach meinem Beitritt in die EBG begann ich, einen «faire Liebe»-Kurs zu machen. Ich erhielt per Post jeweils ein Heftchen, in welchem geschrieben wurde, was Liebe ausmacht, und was Gott will (oder «wolle»). Die Aufgaben im Heftchen beantwortete ich jeweils – natürlich immer gut, weil ich gut in schulischen Sachen bin, und am Ende eines Heftchens Fragen zum Text im Heftchen beantworten war nicht das Anspruchsvollste meiner schulischen Karriere – und freute mich darüber. Ich hatte auch eine Unmenge an Büchern, in denen es um Liebe ging. Es ging darum, sich rein zu halten, damit man bei Gottes gewähltem Ehepartner dann ohne schlechtes Gewissen ein weisses Kleid – ein Reinheit, also Jungfräulichkeit symbolisierendes Kleid – zur Hochzeit tragen konnte. Während auch andere, modernere Gemeinden diesen Ansatz vertreten, und der «faire Liebe»-Kurs wohl auch für verschiedene Gemeinden nutzbar ist, fällt bei der EBG der klare Abstand zwischen Mädchen und Jungen, Männern und Frauen auf. Bei anderen Freikirchen umarmen sich die Jugendlichen untereinander, sitzen zusammen auf einem Sofa, treffen sich vielleicht sogar zu zweit, lange bevor sie zusammen sind oder überhaupt zusammenkommen. Nicht in der EBG. Kontakt mit einem Jungen war nur dann «erlaubt», wenn es in einer Gruppe war. Es wurde empfohlen, Jungs über die Gruppendynamik kennenzulernen: Wie verhält er sich in der Gruppe, was macht er genau? Wie ehrt er im Gemeindeleben Gott? So klang die Empfehlung. Ob Jugendliche dies auch so machten, ist eine andere Frage. Als ich bei meiner UK-Tante zu Besuch war, erzählte ihr Sohn von seiner Freundin (die er, meines Wissens, unterdessen geheiratet hat – man darf sich aber in dieser Phase noch trennen, wenn es wirklich nicht passt. Vielleicht hat er sich auch getrennt, aber verheiratet ist er jetzt sicher). Er hatte irgendwie ihre Nummer erhalten, und «plötzlich» tauchte ihr Profilbild bei ihm auf. Vielleicht hatte sie ja die Einstellungen geändert. Er fragte also einen Freund, ob er bei dieser Nummer das Profilbild sähe. Dieser sah es nicht, also wusste er: Sie hat irgendwie seine Nummer erhalten und ihn eingespeichert. Als er das erzählte, merkte meine UK-Tante an, dass dies überhaupt kein Vorbild für die jungen Leute am Tisch (ich glaube, Samira oder Nina waren auch dabei) sei. Dabei lachte sie, so schlimm kann es also nicht gewesen sein. Es war noch früh, in den Zeiten, als WhatsApp in der EBG noch sehr umstritten war, und wenn man überlegt, wie jung doch alle noch waren, erstaunt das Gespräch weniger. Etwas unterhaltsam ist es dennoch: Klingt mehr nach einem Gespräch zwischen zwei Teenies, das man zufällig im Zug überhört, statt nach einer konservativ-christlichen Gruppierung und mehreren Erwachsenen. Gefehlt hätten nur noch Jugendwörter und Anglizismen.

Die EBG predigt, wie viele andere, «keinen Sex vor der Ehe», und lehnt jegliche Form der Sexualität vor der Eheschliessung zwischen Mann und Frau ab. Dazu gehört auch das Masturbieren, der Konsum von Pornographie (ob via Film oder Text, auch wenn ersteres eher erwähnt wurde), alles Homosexuelle, alles, was mehr als die beiden miteinander verheirateten Ehepartner beinhaltet – nur weiss ich nicht, wie «wild» ein verheiratetes Ehepaar sein darf. Ich erhielt einmal ein (älteres) Buch, in dem drinstand, dass ein Ehepaar vor dem Sex beten soll und Gott um seinen Segen sowie, wenn ein Kind entstehen sollte, um dessen Gesundheit beten soll. Die Vorstellung, in Gottes Anwesenheit Sex zu haben, mag die wenigsten begeistern, und ich weiss nicht, ob es in der EBG wirklich so gehandhabt wurde. Den anderen Tipp, so viele Kinder zuzulassen, wie ihnen per Gottes Gnade zustand (nämlich ohne Verhütung einfach raushauen, bis der Körper nicht mehr kann), befolgten zumindest einige Familien. Bei jüngeren Ehepaaren bleiben aber die Kinder teils für einige Jahre aus, und da ist es gut möglich, dass dieser Tipp nicht befolgt wird.

Die Regelung, erst verheiratet Sex zu haben, führt natürlich dazu, dass junge Erwachsene sehr schnell heiraten. Grundsätzlich ist es so, dass man sich erst kennenlernt (nicht auf Dates! Nicht allein in dieser Phase). Man erkundigt sich bei der Person, den eigenen Eltern und den Eltern dieser Person, ob diese einverstanden sind, ich weiss aber nicht, in welcher exakten Reihenfolge das Erkundigen geht. Auf jeden Fall: Sobald zwei Personen offiziell zusammen sind, betrachtet man sie grundsätzlich als zukünftiges Ehepaar. Es gibt keine kurzfristigen Beziehungen – auch wenn ich ehrlich gesagt nicht verstehe, warum man das Label «Mein Freund» braucht für etwas, das nicht langfristig beabsichtigt wird. Wenn man einfach etwas mit jemandem anfangen will, aber nur kurz- oder mittelfristig, muss man ja nicht gleich zusammenkommen? Es gibt viele Labels, gibt es kein passenderes? Vielleicht ist diese Überlegung auch eines meiner EBG-Überbleibsel. Wer weiss. Auf jeden Fall: In der EBG gibt es langfristige Beziehungen, die immer auf Ehe auslaufen. Man darf aber, ehe man sich verlobt, auch noch sich trennen – wenn man merkt, nein, es passt doch nicht. Natürlich «probiert» man keinen Sex, sondern es geht um das alltägliche Zusammenleben. Man geht vielleicht zu zweit wandern, aber schläft sicher nicht im selben Bett (oder Zimmer). Sobald man seine Tests durchgeführt hat und das notwendige Geld (und natürlich die Libido) beisammen hat, geht es an die Verlobung, in welcher das gemeinsame Leben als Ehepaar vorbereitet wird, die Hochzeit geplant, und so weiter. Was genau in welche Phase kommt, ob beispielsweise «wie wollen wir unsere Kinder erziehen» in die Zusammen oder die Verlobungsphase kommt, hängt wohl vom Paar ab. Ab der Hochzeit geht die Post ab: Man darf alles, auch den Ehering schön vorzeigen, und mit den Kindern, die mal sehr schnell, mal erst nach einiger Zeit aufkommen, den christlichen Alltag bestreiten.

Dass christliche Paare so schnell heiraten, um ins Bett zu kommen, ist natürlich nicht etwas, das überrascht. Und darum wurde auch immer aktiv geraten, sich solche Dinge sehr gut zu überlegen, bei anderen die Meinungen zu dieser Person einholen (um sich nicht verblenden zu lassen) und sich ausserdem nicht auf irgendwelche Männer einzulassen. Zum Beispiel Männer, die einfach nur vor der Hochzeit Sex wollten und einen dann fallen liessen wie eine heisse Kartoffel. Oder die heirateten, einfach nur, damit sie mit der schönen Frau Sex haben konnten. Beides passiert sicherlich genügend häufig, und das aktive Anlügen der ernstmeinenden, aufrichtigen Frauen ist auch ein Grund, warum ich diesen Männern einfach am liebsten eine zusammengerollte Zeitung mit viel Schwung über den Kopf gehen lassen möchte.

Ausserdem gibt es, neben einigen Geschichten, wie schlimm die Beziehung werde, wenn man die andere Person «zu früh dran lässt», und dem älteren Buch, das ich las, auch einige weitere spannende Tipps, von denen wir jeweils hörten.

Einer dieser Tipps beinhaltete das genaue Planen, wie weit was ging, wo die Grenze war, und so weiter. Die Planung würde sich auf den Hochzeitstag beziehen, heisst: Er fängt vielleicht ein Jahr vor geplanter Hochzeit an. Das erste, das man darf, wäre dann vielleicht Händchenhalten. Ein Vierteljahr später die erste Umarmung – bei der EBG umarmen sich Jugendliche unterschiedlichen Geschlechts nicht, im Gegensatz zu vielen anderen Freikirchen -, und ein halbes Jahr vor der Hochzeit vielleicht sogar ein Kuss. Vielleicht sollte der aber auch der Hochzeit vorenthalten bleiben, also erst mal ein Kuss auf die Wange. Wer etwas lockerer drauf ist, lässt vielleicht sogar ein gewisses Befummeln vor der Hochzeit zu, welches graduell vor der Hochzeit steigen darf und mit dem Höhepunkt des «richtigen Sex» in der Hochzeitsnacht endet. Das ist dann aber schon sehr liberal.

Abgesehen davon, dass meine Familie gar nicht begeistert war von der Vorstellung, dass ihre jugendliche Tochter erst in der Hochzeitsnacht Sex haben wollte – meine Eltern sind da nicht sehr konservativ und der reformatorischen Auffassung, es ist wichtig, erst zu wissen, ob es physisch passt -, gab es noch eine andere Hürde. Wen würde ich denn heiraten? Anfangs war es klar. Natürlich meinen Schwarm. Er würde seine Bildung, ich meine absolvieren, dann würden wir heiraten, 8 Kinder kriegen und ein friedlicher, christlicher Haushalt sein. Er würde arbeiten, ich würde christliche Bücher schreiben, Kinder und Haushalt übernehmen (obwohl ich bei letzterem wirklich nicht verstehe, wie ich mich damit abfinden konnte). Eben das, was ich mir bei meinen EBG-Freunden vorstellte und selbst nicht hatte. Auch wenn es natürlich unrealistisch war, aber das war mir dort nicht klar. Dummerweise trat der Schwarm aus (zwar in eine andere Freikirche, aber das war uns damals unklar). Ich hatte also niemanden mehr, über den ich «happy married life»-Fantasien haben konnten. Wen würde ich jetzt heiraten? Ich kannte all die Jungs nicht. Die, welche ich besser kannte, waren so bekannt, dass auch schon viele andere für sie schwärmten. Natürlich könnte ich mir auch später einen Ehemann holen, es war sowieso zu früh, aber ich hatte in meinem Kopf immer ein «Zielobjekt», ein Junge, über den ich tagträumen würde (ging bei Mädchen aus ersichtlichen Gründen, Homophobie, nicht, auch wenn wir oft scherzten «ach, wenn du nur ein Mann wärst!»). Abgesehen davon gab es ein anderes Problem: Meine Familie. Sie waren nicht bekehrt, ungläubig. Und wenn ich es bis 18 nicht geschafft hätte, sie zu bekehren? Würden Männer dann nicht mit mir zusammen sein wollen, weil es eben kein christliches Happy Married Life geben würde, da ja schliesslich die weltlichen Grosseltern unserer Kinder einen schlechten Einfluss auf sie sein könnten? Wie viele Männer wären wohl davon abgeschreckt worden, wenn klar gewesen wäre, dass mich zu heiraten bedeutete, die ungläubigen Eltern um meine Hand anzuhalten, und wenn sie zustimmten, was ich bei meinen Eltern irgendwie bezweifle – naja, ich hätte es sowieso gemacht, wenn es dazu gekommen wäre – dann auch die Kinder in gläubigem Haushalt mit ungläubigen Grosseltern grosszuziehen? Das war ein Problem. Ich wusste auch nicht, mit welchem Typen im Kopf ich die missionarischen Fantasien ausleben soll. Es ging dennoch eine Weile, bis ich mich von der EBG verabschiedete, aber wenn mein Schwarm geblieben wäre, dann wäre ich vermutlich auch etwas länger dortgeblieben. Wie viel länger, weiss ich nicht, vielleicht ein halbes Jahr oder 3 Jahre (bis ich 18 war) länger. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nie dort heiratete – oder mich verlobte. Die Leute sind sympathisch und aufrichtig in ihrem Glauben, aber die Möglichkeit zum Weggehen ist eben signifikant eingeschränkt, wenn man hineingeheiratet hat.

Ein Brief an meine Familie

Während meiner EBG-Zeit litten meine Familie und ich stark, beide auf unsere Art, und wir sagten wohl beide einiges, das andere verletzte. Die Zeit war belastend und ich erfuhr bei weitem mehr (emotionale) Unterstützung vonseiten der EBG als vonseiten meiner Familie. Wenn ich könnte, würde ich den folgenden Brief in die Vergangenheit senden:

Liebe Eltern, liebe Geschwister, liebe Verwandte

Ihr macht euch alle sehr viele Sorgen um mich, und ich schätze es, wie wichtig ich euch bin, und wie wichtig es euch ist, dass es mir gut geht. Die EBG hat mich fasziniert, und ich beschäftige mich zurzeit mit ihren Lehren. Mit den Leuten fühle ich mich wohl. Das heisst aber nicht, dass ich «für immer an die Sekte verloren» bin. Ich werde mich jetzt ein wenig damit auseinandersetzen, sicherlich einen Teil meiner Jugend damit verbringen, und wenn es mir irgendwann nicht mehr passen sollte, werde ich einfach austreten. Zurzeit seid ihr alle krampfhaft daran, mich herauszuziehen. Mein zukünftiges Ich schätzt zwar eure Liebe, aber weiss: Das bringt nichts. Jedes Ziehen, jedes Kämpfen, jedes Diskutieren motiviert mich dazu, mich noch mehr mit der Lehre in der EBG zu beschäftigen. Das heisst aber nicht, dass ihr mich komplett aufgeben müsst. Ich brauche einfach meine Zeit, zu meiner eigenen Schlussfolgerung zu kommen. Euer Ansatz ist kontraproduktiv; vielleicht hätte ich die ca. 100 Bücher nicht gelesen, wenn ich nicht genügend lernen wollte, um euch zu zeigen, dass der EBG-Weg der richtige Weg ist, und wenn ihr nicht die ganze Zeit Kritik gefeuert hättet, gegen die ich mich verteidigen musste. Vielleicht wäre ich früher auf die Idee gekommen, dass ich von der EBG oberflächliche Antworten lerne, aber diese meine Probleme nicht wirklich lösen. Vielleicht wäre ich früher ausgestiegen. Vielleicht aber auch nicht. Für euch der beste Weg wäre es, mich weiterhin als Tochter, Schwester, Enkelin und Nichte zu behandeln, und einfach nicht über religiöse Themen zu sprechen. Ihr könntet mir über allerlei anderes erzählen, oder mich zu anderem ausquetschen, keine Gelegenheit geben, über die EBG zu sprechen, und wenn ich dann doch dazu komme, einfach nicken und das Thema wechseln. Besonders wichtig ist, dass ihr nicht mit mir diskutiert. Ich freue mich über die Diskussion, aber mein Ziel ist, euch zu bekehren. Euer Ziel ist es, mich dort rauszuholen. Beides wird am Ende der Diskussion nicht eintreten, und uns nur weiter auseinanderreissen. Wenn ihr wollt, dass ich austrete, lasst mich meinen eigenen Weg finden und zeigt mir, dass ihr mich mit oder ohne EBG als Person seht. Ich weiss nicht, wie häufig wir über Nicht-Religiöses gesprochen haben, als ich dort war. Ich glaube, nicht sehr oft. Ich hatte selten das Gefühl, dass ihr mich unterstützt, auch wenn ihr es auf eure Art versucht hat. Die emotionale Unterstützung, die ich brauchte, erfuhr ich nur vonseiten der EBG. Ich weiss, es schmerzt euch, dies zu hören, darum betone ich: Seid für mich da, ohne über die EBG oder Gott oder Jesus zu sprechen. Fragt mich aus über Französischgrammatik oder den Turnunterricht. Zeigt mir, dass ihr mich unterstützt, auch wenn wir aktuell religiöse Differenzen haben. Wenn ihr wollt, dass ich austrete, muss das Nachhaken loslassen, muss das Diskutieren aufhören, muss der Schmerz, den ihr verspürt, mir gegenüber verstummen, damit ich ihn nicht mehr als Aggression werten kann, und mich dagegen verteidigen will. Nur wenn ich keinen Druck von aussen spüre, werde ich den von innen wahrnehmen. Nur wenn ich draussen ein Supportnetzwerk habe, kann ich mich vom Druck hinausschieben lassen. Ich weiss, es kostet euch Überwindung, einfach nichts zu sagen – aber es ist leider jetzt gerade eure einzige Option, wenn ihr wollt, dass ich langfristig austrete.

Irgendwann habt ihr es gemerkt. Euer Druck hat nachgelassen, und es gab nur noch selten einen dummen Witz, über «kein Sex vor der Ehe», oder wie häufig Personen «Jesus» sagen. Das half. Und dann habe ich gemerkt, die EBG passt mir gar nicht. Es ist zu viel, was man soll oder nicht soll. Und dann ging es eine Weile, und ich trat aus. Ihr habt mir nichts vorgeworfen, ihr habt keine Kommentare gemacht à la «eben, ich hab’s dir ja gesagt». Ihr wart einfach froh, dass es jetzt vorbei ist. Das war schön.

Liebe Eltern, Geschwister, Partner, Angehörige, Verwandte und Bekannte anderer Familien, bitte lernt von den Fehlern meiner Familie. Auch eure Kinder, Geschwister, Enkel, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel, Partner und Angehörige brauchen euch in ihrem Supportnetzwerk. Auch sie brauchen keinen Druck von aussen, um den von innen wahrzunehmen. Auch sie brauchen ein Netz, das sie auffängt, wenn sie von ihrer Gruppe austreten. Auch sie brauchen soziale Kontakte, mit denen sie nicht über die Religion, sondern den restlichen Teil ihres Lebens sprechen, egal wie wichtig Religion in ihrem aktuellen Weltbild ist. Und wenn ihr am Schluss nur über das Wetter sprecht. Zeigt euren Familienmitgliedern und euren Bekannten, dass sie in Zeiten der Not auf euch zählen können, auch wenn ihr nicht an ihrer Religion interessiert seid. Zeigt ihnen, dass ihr sie wieder zurück ausserhalb der Religion aufnehmen könnt, ohne ihnen Vorwände und Beschwerden an den Kopf zu schiessen. In der EBG hiess es immer, wir «harrrrren des Herrn», warten, bis der Herr kommt, egal, wie hart es ist. In diesem Fall wartet ihr nicht auf den Herrn, sondern auf eure Familienmitglieder, auf eure Bekannten. Das «Ausharrrrrren» liegt nun bei euch. Alles andere ist kontraproduktiv. Ich glaube an eure Liebe gegenüber eurer Familie, und vertraue darauf, dass ihr ein Supportnetzwerk bilden könnt, wie sie es brauchen.

Die Schulzeit

Eine wichtige Rolle in dieser Zeit spielte auch meine Schule, sowohl die Klasse als auch das Verhalten der Lehrpersonen, und der Schule als Institut. In der Sekundarstufe gab es genügende Mitschüler:innen, die dumme Witze schossen («bist du in der Sek…..te?», damit man schön auf die Pause reinfällt), dumme Kommentare machten, aber einige hatten Verwandte in der EBG. Diese blieben nett und machten keine dummen Witze, und verteidigten mich gegenüber anderen. Ich schätzte das sehr, und bei ihnen ging es auch, nicht nur über Jesus zu sprechen (schliesslich kannten sie das Evangelium schon und es lag nicht in meiner Verantwortung). Im Gymnasium war es schwieriger. Nicht nur kannte ich niemanden, ich war auch nicht besonders talentiert darin, Freundschaften aufzubauen. In dem Sinne war das noch Neuland für mich. Trotzdem blieben einige Personen mir gegenüber nett, auch wenn ich ganz klar «die Komische» war, und waren so ein wichtiger Bestandteil meines entstehenden Supportnetzwerkes. Ungünstigerweise nahmen wir im Religions-/Ethikunterricht (für alle obligatorisch) – neben Buddhismus und Hinduismus – Sekten durch. Für mich nicht optimal, da ich mir schon in der Sek viele dummen Witze anhören musste, und ich war bestrebt, die EBG als nicht-Sekte darzustellen. Gelang mir vermutlich weniger. Der damalige Lehrer hat wohl sein Bestes gegeben, irgendwie mit mir im Unterricht zu sprechen. Manchmal frage ich mich, ob es sinnvoll gewesen wäre, wenn er mal in meiner Abwesenheit über meine Gruppe gesprochen hätte. Es ist aber gut möglich, dass ich konsequent nie gefehlt habe, damit er eben nicht mit der Klasse über mich sprechen konnte. Auch etwas, das mir blieb, war das Sprechen über den Buddhismus. Jemand in meiner Klasse stammte ursprünglich aus dem Tibet und war buddhistisch. Der Lehrer fragte, wie sie den Glauben sähe, und sie erklärte, ihre Eltern sagten, Buddhismus sei wie ein Fluss. «Du kannst dich dagegen wehren oder mitgehen, aber du bleibst immer auf dem Fluss», hiess es (in etwa). Das kam bei mir nicht sehr gut an. Schliesslich waren alle Religionen ausserhalb von meinem Gott falsch. Dass jemand einfach dahinsass und sagte, ihre Religion sei die richtige, obwohl es gar nicht meine war – die wirklich richtige -, das war schwierig. Erst verspürte ich das Bedürfnis, mit ihr zu diskutieren, tat es aber nicht. Ich weiss nicht mehr, was ich alles überlegte. Aber dass jemand einer falschen Religion so selbstsicher behauptete, dass ihre richtig war? Ah, wobei, meine war richtig, weil ich und viele andere bereits Gottes Wunder und Gegenwart erlebt hatten. Ja, das musste es sein. Sehr gut, mein Gott existiert also doch. Und ihrer nicht, weil sie ja nicht von persönlichen Erlebnissen erzählte. Andere persönliche Erlebnisse mit anderen Göttern oder Göttinnen waren ja vom Teufel und nicht vom wahren Gott.

Wichtiger als einzelne Anekdoten war das generelle Verhalten anderer Lehrpersonen. Eine Lehrperson, C., wollte mich unbedingt aus der EBG hinausziehen. Wie auch meiner Familie gelang es ihr überhaupt nicht und ich wechselte am Schluss das betroffene Fach, um ihre Kommentare nicht mehr zu hören. Die Lehrpersonen, zu denen ich wechselte, ignorierten meine Weltanschauung komplett und machten einfach gar keine Kommentare dazu. Das war super. Besonders war es bei meinem Biolehrer: Wir nahmen die Evolution durch, und auch wenn ich aus heutiger Sicht rückblickend merke, dass er durchaus ein paar Kommentare «schoss», fühlte ich mich nie besonders bedrängt. Ich mochte ihn am Anfang einfach gar nicht, weil er die ganze Zeit über die – bekanntlich falsche – Evolution sprach. Einmal nach dem Unterricht drückte ich im Flyer in die Hand – Flyer, die gegen die Evolution argumentierten. Natürlich christlich geprägt. Er nahm diese entgegen und kam nie wieder darauf zurück. Damals hatte ich die Hoffnung, er würde mir seine Antworten mitteilen, damit ich die Gegenargumente kannte und neue Argumente bei den Predigern herausfinden konnte. Jetzt bin ich froh, dass er die Flyer einfach entgegengenommen hat. Vermutlich hat er sie direkt weggeschmissen. Eine Klassenkameradin, die bei den Siebenten-Tags-Adventisten war, vielleicht noch ist, nutzte mein Flyer-Überreichen und fragte den Biolehrer: «Warum macht sich der Mensch selbst zum Affen?», ich glaube, mein Biolehrer beliess es dabei, einfach kurz darüber zu sprechen, dass der Mensch nicht vom Affen abstammt, sondern einen gemeinsamen Vorfahren hat, und redete dann über Fachkollegen, die ebenfalls an Gott glaubten. Er verstand es überhaupt nicht, aber fand es spannend, dass diese gleichzeitig forschen und doch an die Schöpfung glauben konnten. In diesem Gespräch kam er mir sehr nett vor und ich hörte auf, ihn als «bösen Evolutionstheoretiker», der unbedingt Rettung durch Jesus braucht, zu betrachten. Ab dann war es nur noch mein Biolehrer. Ich hatte ihm die Flyer gegeben, meine Arbeit war getan. Jetzt war Gottes Zeit zu wirken. Eine weitere wichtige Lehrperson war mein damaliger Klassenlehrer, der eine Weile für mich da war – ich war effektiv ein Chaos, nur schon wegen meiner ganzen Familien-EBG-Situation – und der irgendwann entschied, dass meine Situation seinen Kompetenzbereich überschritt, und mich zur Schulpsychologin sendete. Die half mir weiter, indem sie einerseits meinen Glauben einfach mal akzeptierte und mit meiner Situation an sich arbeitete, und andererseits, mit ihrem bereits erwähnten Kommentar: «Ich finde es schade, wenn jemand, der so jung wie Sie ist, sich bereits so stark einschränkt in seiner Weltanschauung.» Noch wichtiger als die einzelnen Lehrpersonen war aber die Schule selbst. Nachdem ich aus der EBG austrat, ging es mir anfangs noch schlechter als während den EBG-Zeiten. Nicht nur wegen dem Bauchweh, sondern auch, weil ich effektiv meine ganze eigene Welt auf den Kopf gestellt hatte, ein riesiges soziales Netzwerk, das mich immer unterstützt hatte – natürlich unter bedingter Liebe – verloren hatte, und mich irgendwie erneut im Leben finden musste. Es gab einige sichtbare Entscheidungen, die ich traf: Ich schnitt meine Haare auf etwa die Hälfte der Länge, die sie waren, es war also direkt sichtbar, ich wechselte vom Tragen der Röcke auf Hosen, die zu Reaktionen im Sinne von «oooh, sie hat Beine» und, im Falle meines Bruders, zu einem etwas ungefilterten «Du bist ja gar nicht fett!» führten, und ich wechselte mein Fach erneut, zurück zu C., da sie ja jetzt nicht mehr Druck ausüben würde. Gleichzeitig überlegte ich mir, doch statt der Matura eine Lehre zu machen. Es hatte sich so viel in meinem Leben geändert, dass eine weitere Änderung fast mehr passen würde. Prorektorat und Kollegium waren informiert und warteten auf meinen Entscheid. Ich entschied mich dann aber, doch nicht zu wechseln. Während des Unterrichts war ich selten ganz dabei. Mal dachte ich über meine Freundinnen nach, die ich so verloren hatte. Mal dachte ich über Gott nach, oder über die Welt. Dann mal über die Bibel, über meine internalisierte Homophobie, die EBG selbst. Meine Schule wusste aber, was los war, und ich glaube, die Lehrpersonen nahmen auch im Unterricht grossteilig Rücksicht darauf. Heisst auch: Wenn ich mal eine ganze Lektion gar nicht am Unterricht teilnahm und einfach in die «Leere» starrte, akzeptierten sie es und versuchten mich nicht zur Beteiligung zu motivieren (oder zu zwingen). Ein wenig sind meine Noten damals vermutlich schon gesunken, ich hatte am Ende des Schuljahres keine Ahnung mehr, was für einen Notenschnitt ich hatte. Einige Lehrpersonen kommentierten den Austritt sogar, die meisten positiv, oder sie fragten nach, was ich jetzt glaubte. Beispielsweise meine Ethiklehrerin, die im Grunde genommen meine Entscheidung, sowohl auszutreten als auch die Haare zu schneiden als mutig wahrnahm, aber auch der Deutschlehrer, der es beeindruckend fand, dass ich nicht direkt atheistisch wurde. Zudem der Klassenlehrer, der mir geholfen hatte, der sagte, ich müsse jetzt einfach aufpassen, nicht in die andere Richtung zu rutschen. Was er damit meinte, weiss ich nicht, ich nahm es aber als Hinweis, mich nicht weiter mit Satanismus zu beschäftigen (der ehrlich gesagt sowieso ein wenig beängstigend war, besonders wenn man gerade aus der EBG rauskam). Ich weiss nicht, ob mein Austritt möglich gewesen wäre, wenn die Schule die etwas spezielle Situation nicht berücksichtigt hätte. Vielleicht wäre ich bei einer anderen Schule geflogen und hätte so viel Verzweiflung erlebt, dass ich wieder bei der EBG gelandet wäre. Ich bin meiner Schulleitung für ihr beeindruckendes Verständnis auf jeden Fall enorm dankbar und hoffe, dass auch andere Schulen davon lernen können.

Musikalische Bildung(svarianz)

Ich wuchs in einer eher musikalischen Familie auf. Nach dem üblichen Blockflötenunterricht ging es zur Altflöte, in der Freizeit manchmal ein Geklimper auf dem Klavier, das die halbe Familie spielt(e). Dann, als ich mit der Altflöte aufhörte, hiess es: «Und, welches Instrument willst du jetzt spielen?» Ich entschied mich für das Schlagzeug, etwa vier Jahre lang. Dann kam ich in die EBG. Eines Tages teilte man mir mit: Schlagzeug solle man gar nicht spielen. Es werde für Rockmusik gebraucht, und die ist satanisch. Sehr problematisch, da das Musikjahr erst gerade begonnen hatte und man nicht mitten im Jahr abbrechen konnte. Ich versuchte also einfach, möglichst wenig zu spielen, und nutzte die Zeit, um bei meinem Schlagzeuglehrer einfach über mein Leben zu sprechen, so eine «spontane Therapiesitzung». Hauptsache, nicht die teuflische Musik selbst betreiben. Mein Schlagzeuglehrer akzeptierte das einfach, ohne gross nachzufragen, was denn los war. Auch mein plötzliches Auftreten im Rock ignorierte er geflissentlich, und machte höchstens Witze darüber, weil es beim Schlagzeug ein wenig unhandlich ist, mit Rock aufzutreten. Stattdessen redete er mit mir. Ich wechselte dann auf Geige. Sie sagte auch nichts zu meiner Kleidung oder meinem Wecker, der Ende Lektion losratterte («Jisas, yu holim hain blong mi» – Jesus, du hältst meine Hand), und akzeptierte es einfach. Geigen spielen durfte ich in dem Sinne ja – es war ja kein «Rockmusikinstrument», also musste ich auch nicht versuchen, das Spielen selbst zu vermeiden. Für konsequentes Üben kann ich aber keinen Ratschlag geben, da fehlt mir die Disziplin. An den Versammlungen gab es zwar keine Orgeln, aber dafür anderweitige musikalische Untermalung. Wer konnte, brachte sein Instrument und spielte während den Liedern mit statt zu singen. Einige wählten bewusst das Klavier, da es am Versammlungsort keines hatte und sie somit nicht vorspielen mussten. Auch am UK spielten UK-Absolventinnen und UK-Absolventen auf ihren jeweiligen Instrumenten etwas vor. Dort gab es dann ein Klavier, oder man brachte das eigene Instrument mit.

In meiner Familie hörten wir viel Musik: Rock ‘n’ Roll, Blues, Volksmusik, klassische Musik, und so weiter. Wir sangen auch viel. Ich selbst hörte allerlei, bis auf Techno und Goa, sehr gern auch Metal. Dann kam ich in die EBG. Die Hälfte dieser Musik durfte ich plötzlich nicht mehr hören. Volksmusik konnte ich noch teils hören, das machte ich aber sowieso seltener, Rock und Metal gar nicht mehr. Der Lieblingskomponist meiner Grossmutter, der freimaurerische Mozart, fiel weg, sowie der antisemitische Wagner (der mir persönlich aber nie sehr am Herzen lag). Wenigstens Beethoven, mein Lieblingskomponist, ging noch. Ich gab mein Bestes, keine solche Musik zu hören, und suchte christliche Lieder. Die Hälfte davon hatte Schlagzeug, also: satanisch. Bei einigen fiel es mir gar nicht auf, sondern Samira machte mich darauf aufmerksam. Wie viele christliche Lieder Schlagzeug haben! Glücklicherweise gab es aufgezeichnete Versammlungen, ein Paar zeichnete ihre Ortsversammlungen jeweils auf. Die CDs verschenkten sie dann. Meine Überlegung war, einfach die Lieder in einer separaten Playlist auf dem PC zu speichern. Die könnte ich dann hören. Musik zu hören, das war essenziell. Wenn alles, das ich kannte, satanisch war, musste ich eben das Unsatanische, das Göttliche finden. Da hatte ich allerdings mein nächstes Problem: Die Lieder auf den CDs waren zwar göttlich, nur leider die Stimmen nicht. Es gab immer wieder Töne, die komplett verpasst wurden, besonders die hohen. Ich bin zwar nicht selbst hochgebildet in der Musik, mein Gehör reichte auch beim Geigenspielen nicht, um die Geige selbst zu stimmen (das machte meine Geigenlehrerin), aber mit meinem gewissen Grundverständnis vom Treffen der Töne war das Zuhören schmerzhaft. Ich versuchte, mich selbst davon abzubringen, so stark über andere Personen zu urteilen, und dachte «Komm, sie singen aus ihrer Liebe zu Gott so laut. Schätz es, statt sie für ihre Stimmen zu verurteilen.» Die Lieder wirklich so häufig zu hören, wie ich wollte, um mein Bedürfnis nach Musik zu stillen, konnte ich trotzdem nicht. Und so schaffte ich es nicht, gar keine satanische Musik zu hören. Mal ein wenig Metal, ganz allein zuhause mit Kopfhörern, damit es meine Familie ja nicht merkte und mir Doppelmoral vorwarf. Mal bei meinen Grosseltern, die sowieso nur klassische Musik und den einen Popsong vor dem Morgenquiz im Radio hörten, einfach der Musik vom Radio zuhören und nicht darüber nachdenken, ob es jetzt Wagner, Mozart oder sonst jemand war. Da fühlte ich mich jedes Mal schlecht und bat Gott um Vergebung. Aufhören konnte ich trotzdem nicht. Auch Gott nahm dieses Bedürfnis nicht weg. Etwas enttäuschend, kann er doch eigentlich alles.

«Die Zeit könnte man auch besser nutzen»

Auf einer der CDs, die ich in Biberist auf einer Konferenz kostenlos empfangen habe, predigte Philipp über das sinnvolle Nutzen der Zeit. Unsere Zeit hier auf Erden ist limitiert. Die nach dem Tod nicht mehr. Was sind schon 70 Jahre Leben geniessen, wenn die Ewigkeit so viel länger ist? Nutzen wir diese Zeit sinnvoll. Es gibt nicht für alles Regeln, aber es gibt Graubereiche, und in diesen Graubereichen sollen wir uns die Frage stellen: Bringt dies das Reich Gottes weiter? Ja, mein Musikhören und Sims (Computerspiel) spielen brachten das Reich Gottes nicht weiter, nur schon, weil Sims nicht mal eine Religion hatten. Ansonsten hätte ich die Verbreitung des Christentums wenigstens auf Sims nachspielen können. Also setzte ich ein System auf: Für jedes Mal, dass ich Sims spielte (was ja nicht verboten war, aber eben eine Zeitverschwendung), würde ich 5 Kapitel aus der Bibel lesen. Dann fühlte ich mich weniger schlecht. Je nach «Missetat» würde ich eine andere Zahl von Kapiteln lesen, ich habe irgendwo eine Liste erstellt. Die Bibel las ich sowieso fast schon zu häufig: Morgens vor der Schule las ich ein Kapitel aus dem Neuen Testament, abends drei aus dem Alten. Das zog ich ein Jahr lang durch, dann konnte ich nicht mehr. Ich redete mit meiner Bekannten Ramona, die bei meiner Bekehrung anwesend war, darüber. Die EBG-Frauen telefonierten häufig mit mir, sicherlich auch, um mir mehr Sicherheit und Unterstützung im Glauben zu geben, da ich die vonseiten meiner «ungläubigen» Familie ja nicht hatte, und sie beteten immer mit mir am Telefon. Ich erzählte ihr, wie müde ich war, wenn ich lesen wollte, und dass ich es nicht mehr schaffte, so viel zu lesen. Sie war nicht überrascht. «Ich war beeindruckt, dass du so viel liest. Aber mehr als ein Jahr hält man das nicht durch.» Es war wohl doch nicht schlimm, wenn ich nicht jeden Tag 4 Kapitel lesen konnte. Vor allem, da einige ja wirklich lange waren, und andere langweilig. Das Lesen der Bibel hielt an – ich brachte sie sogar zur Schule, und las in den Pausen darin. Schliesslich soll man die Zeit sinnvoll nutzen, und ich wusste sowieso nicht, wie man am besten mit anderen spricht, vor allem, wenn ich nicht die ganze Zeit über Jesus sprechen konnte. Eigentlich erstaunlich, dass einige meiner Klasse sich dann doch mir gegenüber aufgewärmt hatten. Das sinnvolle Nutzen der Zeit hielt an, Sonntag war Gott gewidmet, den Rest der Woche lernte ich für die Schule, und jedes Mal, wenn ich irgendwas hatte, betete ich. Ich empfahl sogar meiner Grossmutter, zu Gott zu beten, damit er ihr beim Reissverschluss annähen hilft. Sie fand, er könne das doch nicht, hätte keine Ahnung von Reissverschlüssen, ich fand, nein, Gott kann und weiss alles. Dann weiss er auch, wie man einen Reissverschluss annäht. Ob die EBG diesen Schluss unterstützt, ist eine andere Frage. Dass ich meine Zeit immer besser nutzen hätte können, war mir von Anfang an klar, aber ich hatte die Energie nicht, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich die Energie für Gott nicht hatte. Das teilte ich aber niemandem mit, da ich mich sowieso schon schlecht fühlte. Ja, was ich alles machen hätte sollen: Die älteren Menschen der Gemeinde besuchen, Bibelverse auswendig lernen, bei mir zuhause «evangelisieren». Lieber lernte ich eine neue Sprache. Die hätte ich vielleicht bei der Auslandsmission brauchen können, aber wen könnte ich dort missionieren, wenn ich es bei meiner eigenen Familie schon nicht schaffte?

Der feste Baum

In einem dieser Telefonate verglich meine UK-Tante mich mit einem Baum. Einer, der ganz allein auf der Wiese steht. Die anderen Bäume, beispielsweise EBG-Kinder, waren Bäume im Wald. Sie wuchsen auf, umgeben von anderen Bäumen, geschützt vor dem Wind der Welt. Ich war ganz allein auf der Wiese, und ganz allein dem Wind ausgestellt. Sie erklärte mir, das mache mich stark: mich im Glauben verwurzeln, während der Wind versuchte, mich umzukippen, mich zu entwurzeln. Vielleicht kann ich diese Analogie umwandeln, um Angehörigen und Bekannten weiterzuhelfen: Das Verwurzeln im Glauben ist nur notwendig, wenn der Wind weht, und der Boden das einzige ist, das den Baum hält. Wenn der Baum um sich einen anderen Schutz hat, Schutz vor anderen bösen Winden, oder etwas, das ihn aufrecht hält, wie es manche jungen Bäume haben, dann braucht er keinen Glauben. Dann kann er im schlimmsten Fall ausgegraben werden. Bei einer riesigen Eiche ist das schwieriger als einem kleinen, jungen Baum, und in meinem Fall wäre ich noch am ehesten ein junger Baum gewesen, der sich entwurzeln liess, sobald er den begrenzt hilfreichen Nährboden gesehen hatte. Der Vergleich hinkt natürlich enorm, und meine Forstwirtschaftskenntnisse beschränken sich auf ein «nicht zu viele Bäume auf zu engem Raum, weil sie sich sonst gegenseitig Nahrung wegnehmen». Aber es ist ja schliesslich nur ein Vergleich.

Die Beerdigungsrede und der maximale missionarische Fokus

Eines Tages starb jemand der örtlichen EBG-Gemeinde. Sie war eine nette alte Frau, und ihre Urenkel waren in meinem Alter. Anscheinend hatte sie meine Urgrossmutter, die lange vor meiner Geburt verstarb, gekannt. Das machte sie mir gegenüber gleich sympathischer, und ich vertraute ihr, auch wenn mein Vater sachlich festhielt, dass seine Grossmutter «nie gross rausging». Die EBG mietete also die reformierte Kirche meines Heimatsorts, und ich kam an die Beerdigung. Klassenkameraden dort zu sehen war durchaus merkwürdig, vor allem, weil ich im Gegensatz zu ihnen nicht mit ihr verwandt war, aber ich kannte sie ja dennoch. Sie wurde also beerdigt – nicht kremiert, das ist in der EBG wichtig – und wir verschoben uns in die Kirche. Ich würde früher gehen müssen, also sass ich zuhinterst. Prediger Philipp begann. Die Beerdigung war gar nicht wie alle anderen Beerdigungen, bei denen ich jemals war. Bei den anderen ging es um die verstorbene Person, ihr Leben, was sie alles erreicht hatte, ihre Liebsten. Bei dieser Beerdigung ging es um die Bekehrung der Angehörigen der verstorbenen Person. Ein wenig nervte es mich, dass die Beerdigung so sein würde. Ich empfand es den Trauernden gegenüber als respektlos. Ich konnte mir vorstellen, dass die Verstorbene damit zufrieden war, dass sie auch wollte, dass ihre Angehörigen zum Glauben finden würden, vielleicht sogar Philipp danach gefragt hatte. Aber so ganz geheuer war es mir nicht. Rückblickend fällt mir auf, wie häufig ich zwei gegensätzliche Emotionen gleichzeitig hatte. Ich wollte schon, dass die Anwesenden bekehrt würden, aber es war aus meiner Sicht nicht die passende Gelegenheit. Das gesagt habend, eine passendere Gelegenheit mit grösserem Publikum und anfälligeren mentalen Zuständen gab es vermutlich nicht. Prediger Philipp wirkte nie so, als würde er bewusst anfällige Personen ansprechen. Niemand in der EBG wirkte so. Alle waren aufrichtig lebende Christinnen und Christen, die eben leider einfach nicht so weit dachten, dass sie merkten, hey, unser Verhalten ist etwas manipulativ. Auch ihr übertriebenes Geschenkegeben kann ohne Weiteres als Love Bombing interpretiert werden. Niemand machte es bewusst, alle machten es aus aufrichtiger Liebe gegenüber Jesus, aber es dachte auch niemand, dass es etwas Schlechtes wäre, wenn Leute so zu Jesus finden würden. Im Sinne von: Leuten ein schlechtes Gewissen machen, indem wir sie überhäufen, ganz nach dem Römerbrief («feurige Kohlen auf dem Haupt des Feindes sammeln») ist in Ordnung, solange sie zu Jesus finden. Ich war froh, dass ich früher gehen musste. Ich war mit der Beerdigung überhaupt nicht zufrieden, obwohl ich mir selbst sagte, dass es «schon okay und in Gottes Sinne» war. Als meine Mutter mir erzählte, dass sich einige darüber beschwert hatten, und dass auch sie die Augen der EBG-Vorsingenden als glasig empfand, sagte ich nichts. Ich war auch enttäuscht, und ich hatte es nicht in mir, meiner Mutter das zu sagen, was ich mir selbst einzureden versuchte. Vielleicht war auch das eine Enttäuschung, die es brauchte, um am Ende auszutreten.

Die Flüchtlingswelle im Jahr 2015, und der Islam

In dieser Zeit merkte man an den Predigten und Versammlungen schnell, welche Prediger und Männer welche politischen Überzeugungen in Bezug auf Migration hatten. Einige sprachen über die Flüchtlinge als drohende islamische Invasion, die unser christliches Land auf den Kopf stellen würden (durchaus mit angstmacherischer Argumentation), andere sprachen über die Flüchtlingslager als zu missionierende Orte. «Schaut euch die Zeugen Jehovas an! Sie gehen schon jetzt dorthin und sprechen mit den Flüchtlingen, um sie zu sich zu holen. Als Christen sollten wir dasselbe machen.» So klang es etwa aus dem linkeren Lager, wobei es nennenswert ist, dass die Zeugen Jehovas nicht ganz als «christlich» gesehen wurden. Der erste Ansatz, die Angstmacherei, war definitiv verbreiteter, oder vielleicht kam es mir auch nur so vor, weil auch Samiras Familie einen ähnlichen Ansatz vertrat. Ich weiss noch, wie ich im zarten Alter von 14 panische Angst vor einer islamischen Invasion hatte, und der felsenfesten Auffassung war, dass diese in den nächsten zwei bis drei Monaten (!) stattfinden würde. Die EBG bot aber einen Ansatz an, damit besser umzugehen. Wir lernten also mehr über den Islam, damit wir eine bessere Argumentationsbasis hatten, um Muslime zum Christentum zu bewegen. Tatsächlich erhielt ich ein paar Blätter, auf welchem sie versuchten, den Islam zusammenzufassen: die fünf Säulen, die relevant waren, Jesus als Prophet statt als Gotteskind, und nicht sehr viel Freude über die christliche Trinität oder den heiligen Geist. Einmal während unserer allmonatlichen Jugendgruppe las uns ein Prediger ein Teil des Qur’ans vor, in welchem es um die Befruchtung Marias (durch einen Mann, der mit ihr Sex hatte, nicht ganz wie in der Bibel), und die Geburt Jesu (oder Isas) ging. Etwas ironisch, in einer so konservativ-christlichen Gemeinde mehr über den Islam zu lernen, aber das Ganze war ja gekoppelt mit Informationen, wie wir denn Muslime am besten zum christlichen Glauben führten. Eines der Blätter verfügte über eine ganze Übersicht von Argumenten, die Muslime gegenüber Christen verwendeten (das lasse ich jetzt mal bewusst nicht gegendert), und die passende, christliche Antwort darauf. Ich organisierte mir auch ein Buch eines Christen, der sich intensiv mit dem Islam beschäftigt hatte, welches kostenlos verschenkt wurde. Ich weiss nicht mehr ganz, wie es heisst, aber eine seiner Hauptaussagen war: «Circa 60-70% des Qur’ans ist einfach die Geschichte der Bibel, aber verzerrt wiedergegeben.» Ich war erstaunt, dass Muslime bei solchen Aussagen kein Drama um ihr heiliges Buch machten, aber ich fand (um einiges) später heraus, dass Muslime eben dasselbe über die Bibel sagen. Dann ist es ja auch egal. Irgendwann beruhigte sich diese Angst vor der islamischen Invasion in den Versammlungen auch, nur hatte ich diese bereits internalisiert. Auch nach EBG-Austritt hatte ich eine «rechte Phase», in der ich sehr viel entsprechenden Inhalt konsumierte. Es war nicht die einzige Mentalität, die ich entweder während der EBG erworben oder durch die EBG verstärkt hatte. Dazu kam noch die internalisierte Homophobie, die durch die EBG verstärkt wurde, die internalisierte Transphobie, die Erwartung an christliches Handeln – schliesslich musste ich möglichst sündenfrei handeln, da ich ja bekehrt war, und meiner Familie ein gutes Leben vorleben musste, und dies blieb auch später als Erwartung an vorbildliches Handeln –, dann noch die Überlegung, dass Frauen «selbst schuld» waren, wenn sie einen Übergriff erfuhren… kurz, es waren viele Überlegungen, die Menschen immer noch haben, und die ich auch ohne EBG aufgrund meiner Kindheit hatte, die aber durch die EBG stark verstärkt wurden und vielleicht nicht so extrem geworden wären, wenn ich nie dort gewesen wäre. Wer weiss. Solche Überzeugungen loszuwerden ist anstrengend und ich werde vermutlich auch bis Ende meines Lebens daran arbeiten müssen. Geht aber in Ordnung, dann habe ich auch im schlimmsten Fall was zu tun.

Dazu darf erwähnt werden, dass politisches Engagement in der EBG grundsätzlich abgelehnt wird. Bei den allermeisten Abstimmungen, bei denen man sich als gewähltes Gremiumsmitglied beteiligen kann, sind biblische Werte eben nicht vertretbar, weil die Bibel sich nicht zu diesen Fällen äussert. Beispielsweise bei einer Abstimmung über ein Parkhaus: Wo will man hier «biblische Werte» einbinden? Die Bibel äussert sich nirgends dazu. Als Christ bezweckt man mehr, indem man einfach mehr Personen missioniert, ein Zeugnis ist, und ganz viel betet.

Hexerei!, Geister und Satanisches, oder: Harry Potter

Die EBG vertrat durchaus die Auffassung, dass es viel Satanisches gab. Neben einem sehr ausführlichen Buch über Hexen, die für ihre Rituale Leichen ausgruben, gab es auch eine Geschichte eines Mannes, der mit anderen einen Suizidpakt geschlossen habe. Pokémon sowie Harry Potter waren ebenfalls satanisch. Das alles musste entfernt werden. So kam es dazu, dass ich alle meine Harry Potter Bücher – was, ungefähr, alle damals veröffentlichten Bücher beinhaltete – wegwarf. Aus heutiger Sicht bin ich von der Autorin und der Buchserie auch nicht mehr so begeistert, aber damals war es etwas heftiger, und aus komplett anderen Gründen. Ursprünglich wollten wir die Bücher verbrennen, ein Gemeindemitglied, R., teilte mir aber mit, dass Bücher einen merkwürdigen Rauch auslösten, wenn sie verbrannt wurden, sodass wir sie einfach wegwarfen. Anscheinend hatten sie auch mal einen (muslimischen) Gebetsteppich weggeworfen. Meine homöopathischen Medikamente gegen Heuschnupfen etc., die ehrlich gesagt sowieso nicht viel gebracht hatten, musste ich auch wegwerfen, weil ja bei der homöopathischen Verarbeitung dieser Medikamente satanische «Gebete» gesungen wurden. Homöopathie enthielt also, gemäss EBG, sehr viele satanische Elemente. Sonst noch wegzuwerfen gab es nicht mehr viel, mein Schlagzeug hätte ich nicht aus dem Haus gebracht und meine Mutter hätte es auch nie weggegeben. Wenn ich schon erwachsen gewesen wäre und beispielsweise enorm viele Mozart-CDs hatte, wäre es etwas anderes gewesen; dann hätte ich die irgendwann auch alle weggeschmissen, oder mich dazu gedrungen gefühlt. Herauszufinden, welche Elemente alles satanisch sind, das war einer der grössten Herausforderungen in der EBG. Auch die «Satanic Panic», die einige Zeit vor meiner Geburt, wohl in den 90ern, geschah, war in der EBG noch spürbar. Mit der erneut aufkommenden satanischen Panik dürfte auch in der EBG das Thema wieder relevanter sein. Da WhatsApp und Instagram lange «nicht empfohlen» waren, und auch der PC nur ein Arbeitsgerät und nichts anderes sein soll, fehlte zu meiner Zeit auch das notwendige Verständnis, wie vertrauenswürdig welche Medien seien. Das wurde dann aber präsentiert als: «40-60% dessen, was die Medien berichten, stimmt nicht. Nur die Bibel stimmt zu 100%». Dann gab es aber Personen, die Medienberichte des Postillon (einer Satiriker-Zeitschrift) glaubten. Und so kann ich mir gut vorstellen, dass bibeltreue Christinnen und Christen auch heute noch eher schnell anfangen, Sachen zu glauben, die eben ihrem grundsätzlichen Verständnis und Weltbild entsprechen, wie eben beispielsweise die neu erwachende «Satanic Panic». Schliesslich muss man auf dem Laufenden bleiben, was man alles konsumieren darf, oder sich dann eben grossteilig zurückziehen und gar nichts mehr konsumieren, was einem nicht von anderen Christen empfohlen wird. Ich habe noch einige Jahre nach meiner EBG-Zeit gemerkt, wie leichtgläubig ich war. Sicher eine kindliche Charaktereigenschaft, die aber durch die EBG verstärkt wurde, und auch bei den Erwachsenen dort noch immer sehr präsent ist, solange die Information ins Weltbild passt. Eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungstheorien beobachtete ich auch nach meiner EBG-Zeit noch. Kritisches Auseinandersetzen ist etwas, in dem ich im Studium am meisten Energie investieren muss, damit nicht mein Default-Mode von «alles, was steht, stimmt» übernimmt. Wenigstens ist es bereits viel besser als damals.

Jugendgruppen und Rederecht der Frauen

Einmal im Monat, am dritten Samstag des Monats, fanden Jugendgruppen statt. Dorthin fuhr ich jeweils mit Samira und den restlichen Bündner Jugendlichen. Häufig gingen wir nach Birrwil, aber seit meinem Austritt finden dort wohl keine Jugendgruppen mehr statt – der Raum wurde zu eng. Diese Gruppen waren angenehm und ich wurde immer als «’s Angi», das übrigens aus einem ungläubigen Elternhaus dennoch zu Gott gefunden hatte, vorgestellt. Die Jugendgruppen wurden bereits im Voraus mit dem dazugehörigen Thema via E-Mail angekündigt, und erfreuten sich immer vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Für die jungen Erwachsenen war dies auch ein beliebter Ort, um potenzielle Heiratspartner zu beobachten und kennenzulernen, ohne allein sein zu müssen. Wir standen in den Pausen häufig draussen und redeten, spielten Ping-Pong oder Fangis, wie das Jugendliche eben machen. Ja, wenn nicht immer das beobachtende Auge der anderen, dass man auch ja den Rock nicht versehentlich zu stark lüpfte und einen Einblick darunter gewährte, und das Aufpassen, dass man sich dann nicht doch zu unvorbildlich verhielt, dann wäre das auch eine meiner schönsten EBG-Erfahrungen. In der Jugendgruppe zählten wir häufig auch Gebetsanliegen auf, wenn beispielsweise jemand krank war, oder auch für meine Familie wurde gebetet. Gebet läuft so ab: Wir sammelten erst Anliegen, und als es keine mehr gab, bogen sich alle auf dem Stuhl (in einer «ehrenden», untergebenden Haltung), falteten die Hände und jemand begann – zufällig – zu sprechen, und zu beten. Das Gebet war nicht auf die Männer beschränkt, und viele Frauen beteten. Nach Ende des Gebets sagten wir Amen, teils auch, wenn alle Gebete gesprochen waren. Wir lernten, nur «Amen» zu sagen, wenn wir es auch wirklich so sahen. Wir beteten damals auch besonders häufig für T., die damals vor kurzer Zeit aus der EBG ausgetreten war und die jetzt «in der Welt» lebte. Aus diesem Grund vermute ich, dass für mich ebenfalls oft gebetet wurde. Was sich die Neuen wohl dachten, als sie hörten, «beten wir fürs Angi, dass sie wieder zu Gott findet»? Vielleicht «wer ist das?», wie ich, oder «oh nein, wie kann man sich vom Evangelium abwenden? Hoffentlich findet sie wieder zu Gott». Vielleicht hatte man sie auch informiert, wer das war.

Die Jugendgruppen, kurz JG, gern aber «IG» genannt, waren auch einer der wenigen Situationen, in welchen Frauen sich äussern durften. Einmal gab es sogar eine Diskussion darüber, ob Frauen auch dort etwas sagen dürften. Damit meine ich nicht, dass sie predigen würden, sondern ob sie nur schon Fragen stellen dürfen, ob sie Zeugnis ablegen dürfen, nur während der JG. Dabei traute ich mich natürlich nicht, etwas zu sagen – was auch? Ich war ja aus einer ungläubigen Familie. Und eine Freundin bat mich explizit, nicht zur Diskussion beizutragen. Ich hätte durchaus eine für mich damals typische Aussage gemacht, eine Frage gestellt, und mir wäre offiziell vermutlich noch schnell vergeben worden. Aber «böse Zungen», wie man so schön sagt, gibt es eben nicht nur in der Welt, sondern auch in der EBG. Und es wäre sicher schön gelästert worden. Wir hatten eine einzige Frau, die wirklich darum kämpfte, das Rederecht zu behalten. Sie tat mir enorm leid. An der Diskussion beteiligten sich sonst nur Männer, die stark dagegen waren. Alle anderen Frauen waren still. Ich fühlte mich enorm unwohl. Ich konnte nichts sagen, schliesslich war ich nicht wie die anderen in einem «gläubigen Haushalt» aufgewachsen. Aber alle anderen, jede einzelne von ihnen, die doch etwas sagen hätte können, die doch ihre Schwester im Glauben unterstützen hätte können, blieb still und sah zu. Es brach mir regelrecht das Herz. Rückblickend finde ich es immer noch enorm mutig von dieser einen Frau, ihre Meinung so klar, ohne Unterstützung und trotz solcher Opposition vertreten zu haben. Die Position der EBG-Frau liegt nicht im Meinungsäussern, und im Vergleich zu den Männern hatte sie automatisch weniger Erfahrung. Und doch machte sie es super. Ich glaube, ich habe sie als Vorbild abgespeichert, auch wenn ich mich überhaupt nicht mehr an ihren Namen erinnern kann.

«Intelligenz»: Kein Argument gegen religiöse oder fundamentalistische Gruppierungen

Meine Verwandten sagten häufig, dass ich zu intelligent wäre für die EBG. Als Erwachsene wären mir vielleicht Sachen aufgefallen, die mich vom Beitritt abgehalten hätten – vielleicht, vielleicht auch nicht – aber nach meinem Verständnis trat ich der EBG bei, eben genau weil ich (angeblich) so intelligent war – angeblich, weil ich mich ungern selbst als intelligent bezeichne(te). Tatsächlich wollte ich meine Intelligenz voll ausnutzen. Ich wollte alles über die Bibel lernen, um die Wissenschaftsmenschen von ihr überzeugen zu können. Ich wollte alles über Gott lernen. Ich sog auf, was die EBG vor mich legte, als wäre ich ein Schwamm. Die christlichen Bücher reichten eine gute Zeit als Ersatz zu meinem «über Gott und die Welt philosophieren», und als intellektuelle Stimulierung. Ausserdem ging ich noch zur Schule – auch intellektuelle Stimulierung – und lernte meine Sprachen, las die Bibel auf andere Sprachen (wenn auch sehr langsam), betete in seltenen Fällen auch auf andere Sprachen. Ich liebe Sprachen, und das Lernen neuer Sprachen, das Kennenlernen anderer Kulturen. Wenn ich in der EBG geblieben wäre, dann würde ich wohl heute irgendwo im Ausland auf Mission sein. Punkt ist: Ein intellektuelles Bedürfnis kann man zumindest zeitweise mit der Literatur der Gruppe sättigen. Wenn man Literatur konsumieren darf.

Dank meinem übertriebenen Lesedurst erhielt ich tatsächlich noch viel mehr Bücher von Bekannten, sodass ich zuhause zum Zeitpunkt meines Ausstiegs etwa 36 Bücher der EBG-Zeit hatte, die aufeinander aufgestellt ungefähr einen Meter Höhe hatten. Meine Mutter schmiss diese leider alle weg, weil ich sie im Gang liess (mein Zimmer war ein Chaos). Einige der Bücher handelten von „Woher wissen wir, dass wir in der Endzeit leben“, zu „Warum ist XY satanisch“, natürlich noch die missionarischen „Wilhelm Busch“-Bücher, die ich früh erhielt, die autobiografischen von Fritz Berger (Begründer der ganzen EBV-Geschichte, aus dem Jahr 1906 mit dem Freien Blauen Kreuz), ein Buch über eine Missionarin in China – Oma Han, wenn ich mich richtig erinnere -, ein Buch über verschiedenste christliche Personen, und so weiter. Die hatte ich alle gelesen. Man stelle sich vor, einen Meter Bücher in zwei Jahren, plus die Bibel, plus die Bücher der Ortsgemeindebibliothek, die ich wieder zurückgab, plus andere Bücher, die ich zurückgab. Mein intellektuelles Bedürfnis wurde einige Zeit – etwa 1.5 Jahre, bis ich alle gelesen hatte – so gestillt.

Eine ewige Diskussion: Welche Apps, Spiele, Bücher sind okay, welche nicht?

Als ich der EBG beitrat, hatte ich noch WhatsApp. Wie eben alle anderen in meinem Alter. Auch Instagram, Snapchat, das Übliche. (TikTok kam erst später, als ich bereits mehrere Jahre ausgetreten war.) Das deinstallierte ich im Verlauf der EBG-Zeit alles. Während der EBG-Zeit auf meinem Handy war: Die Bibel (auf Deutsch), die Bibel auf Tok Pisin (Pidgin von Papua Neu Guinea), die Bibel auf andere Sprachen. Bibellesen auf dem Handy wurde zwar abgelehnt, aber ich machte das auch nicht für meine tägliche Andacht, sondern um kurz Dinge nachzuschauen und um Sprachen zu lernen, auch wenn der Wortschatz dort noch zu hoch für mich war. Ausserdem weitere Apps zum Sprachen lernen. Apps wie Clash of Clans (das ich aber erst nach der Zeit entdeckte, gab es das überhaupt im Jahr 2015 schon?) oder Subway Surfer konnte man vergessen. Die waren unnütz, schlimmstenfalls schädlich. Anders-religiöse Apps gingen natürlich auch nicht, und okkult geprägte Apps (wie Hogwarts Mystery, das es dort mit Sicherheit noch nicht gab), auch gar nicht. Ja, es war ein Kampf, die richtigen Apps im Playstore zu finden. Irgendeinen satanischen Haken hatten die meisten. Eine Zeit lang hatte ich auch noch ein «Gebetsapp», bei welchem jeweils Verse gepostet wurden, man die Bibel lesen konnte, und vorgebetet wurde. Heisst: Statt selbst zu beten, hörte ich einem Betenden zu. Meine Kopfhörer gingen einmal, während ich ein solches Gebet hörte, kaputt. Das nervte mich erst. Ich erzählte Ramona – nicht wegen den Kopfhörern, sondern einfach so – von der App und sie fand diese gar nicht gut. Dieser Christen-vereinheitlichende Ansatz sei Teil, eine neue Weltordnung zu schaffen, und stamme vom Teufel. Ausserdem: Wenn wir beten, sprechen wir mit Gott. Das ist eine eigene Beziehung, die wir selbst pflegen müssen. Ansonsten höre ich nur anderen Personen bei ihrer Beziehung zu. Diese Ansicht leuchtete mir ein und ich deinstallierte die App zackig. Dass die Kopfhörer kaputt gingen, war also ein Zeichen Gottes. Spiele, die erlaubt waren, gehörten zum selben Grundkonzept: Hat es einen satanischen Haken, und gibt es nichts Besseres, das man tun könnte? Klar satanische Dinge, die andere Götter behandelten, oder gewalttätig waren (also, beispielsweise Egoshooters), die waren logisch nicht erlaubt. Alles, was irgendwie Mythologie beinhaltete, auch nicht. Sims, ein Spiel, das ich seit lange vor der EBG konstant immer wieder spiele, das war erlaubt, aber nicht besonders sinnvoll. War mir egal, ich brauchte die Flucht in eine alternative Umgebung. Dort war nur mühsam, dass ich lange Kleider suchen musste, die den Frauen passten, weil sie ja den Regeln entsprechen mussten. Bei anderen Spielen gilt wohl dasselbe. Sobald es ein Suchtpotenzial gibt, einen satanischen Haken hat (Beispiel: die Firma gibt andere, klar satanische Spiele heraus, oder der CEO ist als satanisch klassifizierbar, beispielsweise, weil er bei Scientology ist), wird strikt und mit Nachdruck davon abgeraten. Wenn es einfach nicht nützlich ist, also kein Spiel, um Französischvokabular (oder so) zu lernen, dann stellt sich einfach die Frage, ob man mit der Zeit wirklich nichts Besseres tun könnte. Die Grundregel ist unterdessen klar und gilt auch für Bücher. Es gab viele christliche Bücher und ich las sie alle durch. Zumindest die, welche es in meine Hände schafften. Alle anderen Bücher, nein. Eben. Harry Potter wurde weggeworfen, alles Mystische und Unrealistische hätte ich wohl auch wegwerfen sollen, wenn es nicht meiner Schwester (deren gesamtes Büchergestell ich wohl schon durchgelesen hatte) gehört hätte. Sachbücher sind Sachbücher und können natürlich gelesen werden – bei Büchern über die Evolution wird es eventuell heikel -, aber wenn man schon liest, warum nicht gleich die Bibel oder Bücher, die über die Bibel reden?

Ja, ich las so gerne, ich versuchte mich selbst immer wieder am Schreiben. Vor der EBG ging es in Richtung «Kinderbücher über spannende Kindererlebnisse» – wie die Fünf Freunde -, beim Lesen von Hanni und Nanni Internatsgeschichten, und irgendwann begannen Fantasy-Elemente. Ich liebte die Bücher, welche die reale und die «fantastische» Welt vermischten. Sie gaben eine Ausflucht in eine alternative Umgebung. Mein grösstes Problem beim Schreiben war immer, dass es mir bei meinen Charakteren zu fest weh tat, wenn es ihnen weh tat. Ich wollte kein Leiden erschaffen, ich wollte eine ideale Welt (oder heile Welt) erschaffen, in die ich fliehen konnte. Nein, vor der EBG gings mir auch nicht gut, auch wenn ich äusserlich einiges hatte. Ausserdem spielte ich in «RPGs» mit. Damit meine ich die eher seltene Verwendung von Role Play Games («Rollenspiele»), im Sinne von: textbasiert. Wir hatten ein Forum, in welchem wir unseren Charakter selbst erschufen, und in welchem wir dann als unser Charakter «spielten». Wir schrieben im Grunde genommen miteinander eine Geschichte, bei welcher jeder Schreibende seine eigenen Charaktere bespielte. Aus dem Harry-Potter-inspirierten Forum klinkte ich mich aus – ohne meinen Account zu löschen, ich glaube, ich vergass oder ignorierte einfach die Existenz der ganzen Webseite – als ich in die EBG kam.

Während der EBG war das Schreiben erneut schwierig. Ich wollte schreiben, aber Realität mit Fantasy-Elementen fiel weg. Da war noch Realität mit Gotteselementen, aber wie sollte ich über erfundene Geschehnisse Gott loben können? Das wäre ja heuchlerisch, schliesslich ist es nicht passiert. Und Bibelanalyse ging nicht, ich war erstens weiblich und zweitens nicht ausreichend gebildet (wie auch, mit 14). Es blieb wenig übrig. Ich müsste über reale Erlebnisse schreiben. Nur welche? Sehr viele gab es nicht, die ich kannte, und von denen ich nicht bereits in einem Buch gelesen hatte. Meine UK-Tante schlug vor, eine Biografie zu schreiben. Ich begann also, über mein Leben zu schreiben. Das hielt nicht lange an, denn die Erinnerung an die Zeit vor der EBG, in der ich litt und die bis dort nie therapeutisch diskutiert wurde, war eben zu schmerzhaft, als dass ich darüber etwas schreiben hätte können. Es blieb mir nichts anderes übrig: Es gab nichts zu schreiben. Höchstens meinen Alltag. Ich würde warten müssen, bis sich mehrere Dinge ergaben, ich aus dem Elternhaus raus war, sowas. Beim Austritt konnte ich schreiben. Und wie ich schrieb! Eine Freundin kommentierte, wie schnell ich am PC tippte. Ich war einfach froh, endlich wieder schreiben und denken zu können, ohne mich von der EBG und der Bibel eingeengt zu fühlen. Eine Geschichte habe ich bisher nicht geschafft. Aber vielleicht wird eine Biografie doch das erste, das ich publiziere. «Christlich» wird es ganz sicher nicht, das weiss ich schon jetzt.

Feurige Kohlen auf dem Haupt des Feindes!

Im Freifach Französisch (Bündnerland! Wir haben keinen obligatorischen Französisch-, dafür obligatorischen Italienischunterricht) gingen wir jeweils für eine Woche im Frühjahr in die Romandie. Das erste Mal dabei waren unter anderem eine Freundin, die später auch mit mir den UK machen sollte, als auch zwei Begleitpersonen, die zufällig Zeugen Jehovas waren. Das zweite Mal war ich bereits in der EBG, und dazu noch die einzige, irgendwie gläubige. Ich nahm natürlich meine Bibel mit und las jeweils darin. Es war noch zu Zeiten des vier-Kapitel-pro-Tag-Regimes (selbst auferlegt, um sie zeiteffizient zu lesen), und wir teilten unser Zimmer in der Jugendherberge zu viert. Es war nicht sehr optimal, denn wir hatten verschiedene Differenzen in der Gruppe. Und so telefonierte ich mit Ramona, erzählte ihr, dass es gar nicht gut lief, und sie überlegte und meinte, ich solle mich nicht für das Verhalten rächen, sondern umgekehrt: Heisse Kohlen auf ihren Köpfen sammeln. Ganz nach Römer 12, 19 – 21, Lutherbibel 2017 (was sie mir auch vorlas): « Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‘Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.’ Vielmehr, ‘wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln’ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem». Und so empfahl sie mir, «Schöggeli» zu kaufen und ihnen auf das Kissen zu legen. Ich traute mich nicht, das zu machen, aber ich gab mir Mühe, nett zu bleiben. Das mit den Schokoladen machte ich tatsächlich einmal, ich legte Schokoladentafeln in die Briefkästen einzelner, denen ich lange verschiedenes vorgeworfen hatte (wie gesagt, meine Primarschulzeit war nicht ganz optimal). Ob die wohl je herausgefunden haben, warum sie plötzlich Schokolade im Milchkasten hatten?

Der Versammlungsverlauf

Die Versammlung lief immer etwa ähnlich ab, nämlich so: Wir kamen hinein, begrüssten alle anderen Anwesenden mit Händeschütteln und Namen und einigen kurzen Gesprächen, dann gingen wir im kleinen Versammlungslokal (das so klein war, dass wir bereits beim Begrüssen in Gang und dem existierenden nicht-Versammlungs-Zimmer kaum aneinander vorbeikamen) in den Raum, in welchem wir jeweils unsere Predigten hörten. Der Raum war dicht gestuhlt und die Uhr, die irgendwann mal hing, nur nicht in meinem Sichtfeld (vielleicht besser, wenn es eine Uhr hat, möchte ich immer wieder drauf sehen, wäre nicht gut angekommen). Der Prediger stellte sich jeweils hinter dem Pültchen auf und wir setzten uns auf die hölzernen Stühle. In einer anderen Raumecke war ein hölzernes Kreuz – natürlich ohne Jesus, schliesslich ist er auferstanden, wie wir über die katholische Kirche witzelten – und an der Tür hing ein Kästchen für die Kollekte. Ebenfalls hölzern, aber vom Stil her vergleichbar mit dem Kästchen, das ich aus der reformierten Kirche kannte. Rechteckig, mit schmalem Schlitz oben fürs Geld. Einwerfen würde man so, dass andere es möglichst nicht sahen, beispielsweise während alle die anderen begrüssten, gingen ältere Frauen, die teils auch aus gesundheitlichen Gründen so bald wie möglich wieder sitzen wollten, direkt ins Versammlungszimmerchen, warfen ihren Zehnten (nicht erzwungen oder gemessen oder gezeigt, aber meistens so gehandhabt) ein und setzten sich. Wir begrüssten sie dann, während sie sassen, und setzten uns selbst. Bei uns hatten wir eine Familie von Querflötern – heisst, 3 von 6 Personen spielten die Querflöte – und sie begleiteten unseren Gesang jeweils. Es ging ziemlich schnell ans Singen, wir setzten uns und wünschten Lieder, eins nach dem anderen, und die Querflöten begleiteten uns. Ein Klavier hatten wir keines, dafür war es auch viel zu eng im Raum. Ich glaube, einige meiner Bekannten werteten dies als Vorteil, als sie entschieden, das Klavier – statt ein anderes Instrument – zu lernen. Wir sangen also aus unserem Liederbüchlein „Singet fröhlich Gott“, das ehemalige EBV-Liederbüchlein mit Refrains à la „Vorwärts im Krieg, vorwärts zum Siege oder Tod, steht treu zur Blut- und Kreuzesfahn“ (ich habe die Melodie immer noch im Kopf). Nach einigen Liedern gab es eine Begrüssung, dann das Gebet. Beim Gebet nannte die begrüssende Person jeweils Anliegen, wie beispielsweise eine gute und lehrreiche Predigt, viel Konzentration, und natürlich Lob und Dank. Wir beugten uns also alle, in einer demütig-ehrenden Position, auf dem Stuhl, falteten die Hände und schlossen, sicherlich grösstenteils, die Augen. Dann begannen einfach zufällig Personen aus der Gemeinde zu beten, wie es in der EBG üblich war (und weiterhin ist). Bei Gebeten, denen wir voll und ganz zustimmten, sagten wir „Amen“, bei den anderen entsprechend nicht. Einmal hatten wir einen Prediger, der darüber sprach, wie wichtig es ist, nur „Amen“ zu sagen, wenn wir es auch wirklich meinen, und seitdem ziehe ich das durch. „Amen“ heisst schliesslich „so sei es“, und warum sollte ich das sagen, wenn ich denke, „so ist es sicher nicht“? Nachdem etwa drei Personen beteten – Frauen, Männer, wer will, knapp mehr als die Hälfte männlich – sangen wir erneut und dann begann die Predigt. Er nannte erst das Kapitel oder den Auszug aus der Bibel (nicht zwingend ein ganzes Kapitel), über was wir diskutieren würden, wir schlugen alle in unserer Bibel nach, und lasen es gemeinsam. Bei den Bibelversionen gibt es bei der EBG, im Gegensatz zu den meisten Freikirchen, Restriktionen: Nur die Schlachter 2000, oder Lutherbibeln. Alle anderen waren zu modern, zu zeitgenössisch, und somit zu weit weg vom wahren Wort Gottes. So richtig fiel mir der Unterschied erst nach Austritt auf, als wir im Ethikunterricht das Hohelied der Liebe (aus dem Alten Testament, etwa in der Mitte der Bibel) in einer moderneren Übersetzung lasen.  Plötzlich bedeuteten die Wörter gar nicht mehr das, was ich ursprünglich dachte. Wenn ich mal wieder die Bibel voll durchlesen sollte, dann sicherlich mit einer neuen Übersetzung und, im Idealfall, mit ernsthafter historisch-kontextualisierter Recherche. Die Bibel nicht für das bare Wort Gottes, von ihm über die Jahre geschützt, zu halten, die Bibel im Kontext von historischen, kulturellen, linguistischen Ereignissen und Aspekten zu lesen, das gehört(e) nicht zur EBG, wie es auch nicht zu vielen anderen Freikirchen gehört. Auch wenn einige da extremer sind als andere. Wir lasen also gemeinsam den Auszug, und dann ging der Prediger diesen chronologisch durch. Das war angenehm, denn da mein Sichtfeld auf die Uhr verborgen war, ich nicht am Handy sein wollte (Bibellesen auf dem Handy wird abgelehnt, auch wenn ich zeitweise mehrere Bibel-Apps hatte), und auch nicht konstant Samira nach der Uhrzeit fragen wollte, konnte ich einfach die verbleibende Zeit anhand der Stelle im Text messen. Der Prediger stellte oftmals interaktiv Fragen, beispielsweise nach Verlauf einer biblischen Geschichte, manchmal auch einen Bibelvers teilweise vorlas und wir aus Reflex den Bibelvers beendeten (illustrativ, Prediger „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen,“ und die Gemeinde: „der Name des Herrn sei gelobt“, aus Hiob 1, 21). Dann erläuterte er gern den Kontext des Bibelverses, manchmal den historischen, manchmal den Kontext zu anderen Büchern und Kapiteln in der Bibel. Manchmal sprach er auch über ein bestimmtes Wort, teilte mit, wie das Wort ursprünglich auch übersetzt werden könnte, oder wofür es gebraucht wurde. Und dann gab es häufig auch anekdotische Ergänzungen, wie er Gott erlebte, oder wie er eine Geschichte hörte. Meine Grossmutter beklagte sich einst, dass die Predigt in der EBG (die sie ja für meinen UK einmal hörte) einfach keine Predigt war, sondern nur jemand, der dahinsteht und redet, was ihm so einfällt. Damals verteidigte ich mich stark dagegen, schliesslich gab es den roten Faden im Rahmen des Bibelauszugs, auch bekannt als „Predigttext“. Aber heute verstehe ich sie. Die Art, wie EBG-Prediger predigen, steht nicht nur in einem Kontrast zur reformierten Kirche, sondern auch zu anderen Freikirchen. Auch andere Freikirchen bauen ihre Predigt auf wie die reformierte, mit einem Thema statt einem Predigttext, und sie unterstützen das Thema dann mit Bibelversen, statt einfach einen Text zu nehmen und darüber zu referieren. Ob viel Bibelwissen in der EBG eher vorausgesetzt wird als in der reformierten Kirche? Ich denke schon. Dafür sind die Predigten der reformierten aber logischer für Personen, die es nicht sehr gut kennen. In der EBG würde die Predigt von Sündenfall und Notwendigkeit zur Bekehrung handeln, wenn man unbekehrt geht, und der Prediger dies weiss. Sobald der Predigttext vorbei ist – was meistens gegen Ende knapp wurde, weil die ersten paar Verse enorm viel Aufmerksamkeit erhielten – würden wir beispielsweise singen, dann Zeugnisse ablegen können (wenn die Zeit reichte), wobei natürlich eher Männer Zeugnisse ablegten, und zum Schluss erneut beten, gleich wie am Anfang, und erneut singen. Dann wäre die Versammlung in dem Sinne vorbei und alle würden entweder noch einen Moment bleiben und sprechen oder direkt nach Hause fahren. Nur an einem Tag war es anders, am 4. Sonntag in der Woche. Dort gab es nämlich Zvieri (die Versammlungen begannen um 14 Uhr und dauerten bis 15 Uhr, damit die Prediger genügend Zeit hätten, ins Bündnerland und natürlich zurück zu fahren). Wir sassen gemeinsam im anderen Raum an den grossen Tisch und assen die Backwaren, während wir uns austauschten. Im selben Raum, in dem wir jeweils assen, fand – wenn notwendig – eine Sonntagsschule statt, und es gab ein Bücherregal mit Büchern, die ich meines Wissens eher früh durchgelesen hatte. Ich nenne sie „Ortsgemeindebibliothek“, auch wenn es nicht ausreichend Bücher für eine Bibliothek gab. Nachdem Zvieri oder Versammlung vorbei waren, verabschiedeten wir uns – mit Handschütteln und Namen – und gingen nach Hause. Manchmal ging ich zu Samira nach Hause, um den friedlichen Sonntag noch etwas länger zu geniessen, und natürlich, um mit meinen Freundinnen Zeit zu verbringen. Wenn ich nach Hause ging, brauchte ich meistens Ruhe – ich hatte eine schnell leere Sozialbatterie, die zwar heute besser, aber immer noch nicht unendlich ist – und erhielt diese nicht, denn meine Eltern waren erst mal nicht sehr glücklich, dass ihre Tochter wieder „bei der Sekte“ gewesen war. Und so kam es, dass ich nicht lange nach der Versammlung, in der ich mit anderen über das christliche Leben sprach, nach Hause kam und eher schnell mit meinen Eltern zu streiten begann. Ich weiss nicht, wie gut es für wen nachvollziehbar ist, die Belastung, die meine Familie und ich teilten, und die uns gleichzeitig trennte. Wenn ich erwachsen gewesen wäre, dann wäre ich eiskalt ausgezogen und hätte bei den Predigern oder einer anderen Familie oder eben alleine gewohnt. Ich war aber zu jung dafür, und so musste ich irgendwie durchhalten. In einem jugendlich-hormonell und emotional-belasteten Kontext ging das aber nicht sehr gut, und etwa jedes Gespräch, das irgendwie in Richtung EBG begann, eskalierte, egal, wer den Auslöser fallen liess. Bis es keine Eskalationen mehr gab. Aber dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis ich die EBG wieder verliess.

Ein unerlaubtes Zeugnis in der Versammlung

Bernard, jüngerer Familienvater und Prediger, kam zu uns und predigte. Vor allem darüber, wie grossartig Gott ist, und dass er unsere Gebete erhört. Ich weiss nicht mehr, über welche Verse er genau sprach, aber ich entschied mich dazu, eine Geschichte aus meinem Leben zu erzählen, auch bekannt als «Zeugnis ablegen», wie Gott meine Gebete erhörte. Es war eine belanglose Geschichte, eine Kleinigkeit – ich erzählte in unserer gemütlich-familiären Versammlung, wie ich einmal ein Marmeladenglas nicht aufbekam, Gott bat, mir Kraft zu schenken, und es dann sofort klappte. Vielleicht fast zu belanglos, als dass ich Gott um Kraft bitten hätte sollen, aber ich lernte, Gott immer zu kontaktieren, wenn ich ihn brauchte (und auch sonst! Eine gesunde Beziehung braucht mehr Kommunikation als nur «hilf mir, bitte»), und ich brauchte eben Hilfe beim Öffnen des Glases. Und so erzählte ich die Geschichte, meine Bekannten, also praktisch die ganze Gemeinde, grinsten mich an, denn so eine Geschichte ist – oder war – eben typisch für mich, «typisch Angi». Nach der Versammlung nahm mich eine Freundin beiseite und meinte, das sei unpassend gewesen, ich hätte es ihnen besser nach der Versammlung erzählt. Frauen sollen in der Versammlung ja nicht sprechen. Mein Zeugnis hätte ich nicht ablegen dürfen, auch wenn es in dieser Versammlung ging, weil ja alle mich kannten und es mir niemand böse nehmen würde. Aber in einer anderen Versammlung wäre ein solches Zeugnis wohl gar nicht gut angekommen.

Die anderen Frauen

Wir waren so einige junge Frauen, die grösstenteils in «gläubigem» Elternhaus aufwuchsen, und was die meisten von uns erlebt hatten (oder: ich weiss spontan von keiner Frau, die nicht auch darunter litt), war Mobbing. Einerseits sehe ich es ein, die Mädchen trugen Röcke, zusammengebundene Haare, und natürlich auch ein übertrieben anständiges Oberteil. Da hatten die Jungs mehr Glück, auch wenn es einzelne (bereits bekehrte) Männer störte, dass sie nicht so offensichtlich christlich sein konnten wie die Frauen. Andererseits: Es machte die Sache schlimmer. Wir lernten, dass Christen verfolgt werden, und auch wenn unsere Glaubensgeschwister in anderen Ländern an Leib und Leben bedroht sind – was wir nicht sind, zumindest nicht jetzt – so mussten wir doch den Spott der anderen hören. Ja, Spott ist ein Wort, das (Ex-)EBG-Mitglieder gut kennen. Was man als Mädchen lernt, ist, das Leiden auszuhalten – oder auszuharren – und irgendwie damit umzugehen, dass die Ungläubigen eben solche Spötter sind. Man lernt, mit den dummen Blicken im Zug umzugehen, die dummen Kommentare zu ignorieren, und man lernt, dass man fürs Folgen von Gott eben leiden muss. Ich sprach viel mit den anderen, und es war einfach klar, dass wir alle in der Primarschule gelitten hatten. Ich frage mich, wie stark uns dieses Leiden – im Gegensatz zu den Männern, die sicher auch ihre eigenen Probleme hatten – prägte. Ich frage mich, ob wir unseren Glaubenstest früher als die Jungs begannen, weil wir dem Spott früher ausgesetzt waren. Und ob das ein Grund ist, warum mehr Frauen, die ich kenne, aus solchen Gemeinden austreten. Ich meine, man überlege sich: Wir wussten, unsere Rolle war in allererster Linie, Gott zu dienen. Dann hatten wir die beiden Optionen, zu heiraten und (so einige) Kinder zu produzieren, oder eben allein zu bleiben. Eine Karriere in der Gemeinde war unvorstellbar, eine Frau darf weder leiten noch lehren. Höchstens noch die Mission, also allein oder mit einem (Ehe-)Mann in ein fremdes Land um in einer fremden Kultur und einer fremden Sprache fremde Leute zum eigenen Gott zu bringen, das wäre möglich. Aber schon ein wenig beängstigend. Man konnte sich also entscheiden, Mutter zu werden, ohne Kinder den Rest des Lebens zu arbeiten und so gut wie möglich zu versuchen, Gott zu verherrlichen, das Risiko der Mission auf sich nehmen, oder – austreten. Ich habe sicherlich mit mehr Frauen als Männern zu tun gehabt, und ich erhielt den Eindruck, dass Frauen viel eher austreten. Warum auch nicht? Ich würde sagen, Mädchen leiden grundsätzlich mehr als Jungs. Ja, Männer müssen ins Militär, und ich weiss nicht, wie es ist, wenn man als Christ irgendwo hingeht, wo Menschen so durchmischt sind wie im Militär, und wo man vielleicht so einige unchristliche Witze macht und hört. Aber trotz Dienstpflicht müssen sie nicht unbedingt ins Militär, es gibt genügende Männer, die bewusst etwas anderes machen, ob Zivildienst oder Zivilschutz oder den Betrag zahlen. Viele Alternativen sind es nicht, aber es gibt Alternativen. Aber dieses halbe oder ganze Jahr ist etwas, das die Kindheit der Mädchen, die auf den ersten Blick als Verspottungsobjekt erwählt wurden, eben nicht ausgleichen kann. Und wenn die Mädchen dann erwachsen und Frauen sind, haben sie in der Gemeinde, unter der sie mehr litten, einfach nichts zu sagen. Klar, die Männer nehmen sie – ab einem gewissen Alter – eher ernst, besonders, wenn sie verheiratet, Prediger und Älteste sind. Natürlich sind es aber dennoch immer noch Personen, die weniger gebildet sind. Ehrlich gesagt erhielt ich immer den Eindruck, dass Männer eher auf Frauen herabschauten, zumindest im Thema der Bibelauslegung. Weniger bei den Predigern, viel eher bei den nicht-predigenden. Vielleicht verspürten sie auch Druck, dass sie viel lernen mussten, um ihre Frauen zu lehren. Besonders viel Respekt gegenüber Frauen verspürte ich vonseiten der gesamten Gemeinde, auch den Frauen selbst, aber nicht.

Ein kleines Schlusswort

Es gab neben all dem Leid natürlich auch schöne Erlebnisse, gute Erfahrungen, an die ich mich gern erinnere. Ich habe enorm viel gelernt, auch über mich selbst (auch wenn die grösste Lernkurve eher mit dem Austritt begann). Aber die Freiheit, die ich jetzt habe, mich von keinem Buch und keiner Lehre einschränken zu lassen und zu glauben, was ich glauben möchte, ohne jeglichen Zwang, das ist dann doch etwas, das ich nie wieder aufgeben möchte. Ich hoffe, dass ich für den Rest meines Lebens so frei bleiben kann, und achte sorgfältig darauf, mich nicht mehr von irgendwelchen Absolutismen einfangen zu lassen.

Angela Heldstab, 11.08.2023

Lexikoneintrag EBG

Ehemaliges EBG-Mitglied besucht Konferenz der Evangelischen Bibelgemeinde (EBG)

Hintergrund und Einladung

Als ich im Jahr 2016 die Evangelische Bibelgemeinde EBG verliess, vermutete ich, dass ich die durch die EBG kennengelernten Menschen aus anderen Ecken der Schweiz wohl (gar) nicht mehr sehen würde. Ich besuchte die Konferenzen ja nicht mehr. Mit einigen hatte ich dennoch weiterhin Kontakt, wenn auch selten und stockig, mit sehr wenigen regelmässig. Und so kam es, dass ich dieses Jahr via SMS von meiner Bekannten an den UK-Abschluss eingeladen wurde. Der UK-Abschluss (Unterweisungskurs-Abschluss, gleich einer Konfirmation am Ende des Konfirmationslagers) ist eine der drei Feierlichkeiten («Konferenzen») im Jahr, in welchem alle EBG-Mitglieder, die können, am selben Ort zusammenkommen. Die anderen zwei Konferenzen sind an Ostern und am Buss- und Bettag, an Weihnachten gibt es bewusst keine. Ich entschied also zu gehen, einerseits, weil ich wissen wollte, wie ich die EBG jetzt, sieben Jahre später, wahrnehmen würde, und andererseits natürlich für Relinfo. Einige Bekannte äusserten ihre Sorge, dass ich dann wieder hineingezogen würde, aber: Ich war 13, als ich in die EBG kam. Wenn ich so lange danach immer noch so beeinflussbar wäre, würde ich vermutlich jetzt weder politisch aktiv sein noch studieren, sondern wäre weit weg auf Mission, vielleicht schon mit Kindern, vielleicht noch ledig. Zu meiner persönlichen Unterstützung nahm ich aber dennoch meinen Partner mit, der selbst keinen freikirchlichen Hintergrund hat. Auch, weil er die EBG so sicher anders sehen würde als ich und ein zweites Paar Augen immer gut ist.

Erste Eindrücke des Altbekannten

Ich ging also an den UK-Abschluss und fuhr mit Partner und mit zwei Freundinnen, die weiterhin die EBG besuchen und mit denen ich die Freundschaft trotz Austritt aufrechterhalten konnte, nach Hägendorf, wo neuerdings die Konferenzen stattfinden. Es fand effektiv in einer Mehrzweckturnhalle statt. Das war ein wenig merkwürdig. Der mir bekannte Versammlungsort in Biberist hatte zwar einige Bilder von Jazz-Spielenden, was natürlich «satanisch» war, aber wenigstens fühlte er sich konferenzartiger an. Die Turnhalle in Hägendorf, genannt «Raiffeisen-Arena», fühlte sich mehr nach Sport und Wettbewerb als nach Gott und Bibel an. Wir gingen in die «Raiffeisen-Arena» und meine Freundinnen begrüssten allerlei Leute, die ich selbst nicht kannte. Irgendwie hatte ich im Kopf, dass EBG-Mitglieder grundsätzlich offen sind und «ansaugen», sobald sie jemanden sehen, der ihnen unbekannt ist. Das mag bei den Ortsgemeinden zutreffen, aber bei der Konferenz fühlte ich mich mehr, als wäre ich in ihren «Safer Space» eingedrungen. Mich begrüssten nur die, welche ich bereits seit «damals» kannte. Die anderen guckten mich schräg an und redeten weiter mit meinen Freundinnen. Jene, die ich kannte, waren vor allem überrascht, mich zu sehen, natürlich mit Ausnahme von der, welche mich eingeladen hatte. Ihr hatte ich vergessen, rechtzeitig vom Kommen zu erzählen, und sie erfuhr es dann am Morgen der Konferenz. Es war sehr typisch, die Freude, mich zu sehen, das bekannte «so schön!» und die Frage «geits?», im breitesten Berner Dialekt. Im Verlauf des Tages fragte ich mich, wie ich früher darauf antwortete, denn an diesem Tag war ich nach etwa dem dritten Mal bereits unterfordert und fragte mich, was sie hören wollten. Zudem fiel mir auf: Die Menschen sahen alle plötzlich älter aus – gut, es war auch 7 Jahre her, seit ich sie das letzte Mal gesehen hätte – und die Mütter, die waren plötzlich müde. Mir wäre es früher nie aufgefallen, aber die einzigen Mütter, die nicht müde aussahen, waren jene mit erst einem Kind oder die, deren Eltern dabei waren, die also «grosselterliche Unterstützung» hatten. Alle anderen sahen so ermüdet aus, dass ich mir Sorgen um sie zu machen begann. Ui. Zum Glück war ich ausgetreten, bevor ich selbst eine Reihe an Kindern produziert hatte. Durchschnittlich waren es sechs Kinder pro Familie, wie mein Partner schätzte. Das ist einfach zu viel, besonders ohne Grosseltern. Aber die EBG zirkuliert Kleider durch die Reihen, sodass die Eltern der jüngsten Jugendlichen ihre Kleider an andere Familien weiterschenken.

Wir setzten uns also auf die aufgereihten Stühle – leider unbequem – und ich richtete mich ein, holte Bibel, Schreibzeug und Notizblock hervor, wie meine Freundin zwei Sitze weiter, bei der ich es damals einfach kopierte. Diesmal fühlte ich mich weniger merkwürdig, da ja noch jemand Notizen machte, nur meinem Partner war ziemlich sofort langweilig.

Die Musik

Wir sangen, immer noch aus dem gleichen Buch wie damals, aber es sah schicker aus. Mir wurde damals ein Liederbuch geschenkt, in welchem noch der Evangelische Brüderverein, Vorläufer der Gemeinde für Christus, von der die EBG sich aufgrund der Modernisierung abgespalten hatte, als Gemeinde aufgeführt war. In den schickeren Konferenzliederbüchern stand aber die Evangelische Bibelgemeinde als Gemeinde. Soweit alles altbekannt, nur: Es gab plötzlich einen Männerchor. Ich erkundigte mich also, seit wann es einen Männerchor gab, und fand heraus, dass dieser extra für diesen Zweck geformt wurde. Der Chor klang wirklich gut, viel besser als die Gemeinde. Vielleicht auch, weil ich bei Frauenstimmen öfters höre, dass es mit den Tönen nicht ganz klappt. Natürlich darf auch gesagt werden, dass viel zu viele Lieder einfach zu hoch nach oben gehen, und eingesungen mit korrekter Position (stehend) gesungen werden müssen, damit man anständig raufkommt. Ich versuchte natürlich auch mein Bestes, mit nach oben zu kommen, aber das war quasi unmöglich, auch, weil mir die Übung fehlt. Alle anderen Frauen versuchten es bei den hohen Tönen ebenfalls, aber gelungenen Gesang auf dieser Höhe hörte ich nicht. Ich gebe den Liedern und den Personen, die ohne Rücksicht auf anständiges Aufwärmen die Lieder wählen, die Schuld daran. 

Die Vormittagskonferenz

Meinem Partner, der mich netterweise begleitete, hatte ich angekündigt, dass in erster Linie erklärt würde, was am UK alles gut lief, und für die Gebete gedankt würde. Und das war tatsächlich eines der ersten Dinge, die passierten: Es wurde gedankt. Unterhaltsam fand ich, dass der Mitteilende, Christoph Sardi, ein Prediger, auch meinte «Ihr habt jetzt Grund zu danken» – im Sinne, ihr habt gebeten, Gott hat geschenkt, jetzt könnt ihr danken. Nach den Mitteilungen standen die zehn UK-Absolvent:innen auf und rezitierten Teile des Psalms 139. Dieser würde der Bibeltext für die Predigt danach sein. Ich hatte damals auch den UK absolviert und wir lernten damals Psalm 91 auswendig, nur waren wir so schlecht, dass es nur wenige schafften. Bei uns stand jemand und wir lasen einfach seine Lippen. Da auch dieses Mal ein Prediger vor ihnen stand, erahnte ich, dass auch dieses Mal er den Vers mitsprach, damit sie im Notfall ablesen konnten. Ausserdem war das sinnvoll, um gleichzeitig zu sprechen, was die Gruppe gut machte. Aber nur 10 Absolvierende? Bei uns, im Jahr 2015, waren es 8 Mädchen und etwa gleich viele Jungs, dieses Jahr waren es 7 Mädchen und 3 Jungs. Vielleicht landete ich auch einfach in einem jahrgangsstarken UK.

Die Predigt hielt Peter Zaugg, der auch meinerzeit den UK mitleitete, und einst in Papua Neu Guinea (PNG) mit seiner Frau missionierte. Er sprach darüber, dass Gott allwissend sei, und es kristallisierten sich zwei Aspekte dieser Allwissenheit: Entweder es ist super, weil Gott ja sowieso alles weiss und man sich auf ihn verlassen kann, weil es Sicherheit gibt, oder es ist gar nicht super, weil das ja auch heisst, dass er all die Sünden kennt, und das einengt. Während seiner Predigt schrien einige Babys und weinten einige Kinder, denn obwohl es einen Hüteort gab, waren ein paar Kinder weiterhin im Konferenzsaal (oder der Turnhalle). Er liess sich nicht beirren und sprach weiter, einfach lauter. Nicht lange in die Predigt hinein beugte sich mein Partner zu mir und kommentierte: «Gute Redner haben sie nicht». Naja, ich kannte die EBG nicht anders, aber nach kurzem Nachdenken musste ich ihm zustimmen. Rhetorisch ist die EBG nicht gut. Und das galt für jeden Redner an diesem Tag, mit einer einzigen Ausnahme: Der Mann, Vater eines UK-Absolventen, der später auf Französisch ein Zeugnis ablegte. Der war rhetorisch gut. Die Übersetzung des Zeugnisses dann schon wieder nicht. Und Französischkenntnisse haben EBG-Mitglieder nicht überdurchschnittlich im Vergleich zum Rest der Deutschschweiz. Aber wenigstens etwas.

«Der Bruder» und wie es nicht weitergehen konnte

Nachdem der UK ein Lied namens «einer, der die Gnade fand» sangen (nicht besonders gut, weil es wieder viel zu hoch war), erhielten sie alle ihren Vers. Das läuft ab wie bei einer kirchlichen Konfirmation: Man wird aufgerufen, der Vers wird vorgelesen, und einen in die Hand gedrückt, oder eben dann später in die Hand gedrückt, wenn es logistische Komplikationen gibt. Es kamen zwei Aufsätze zum Thema «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe». Ich musste damals auch einen Aufsatz schreiben. Ich wollte erst über das 5. Gebot oder Gottes Schöpfung schreiben, und produzierte dann irgendetwas chaotisches, auf das ich selbst nicht stolz war. Dann meinte jemand der Leitenden, es wäre viel spannender, wenn ich über das Thema «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe» schreiben würde. Schliesslich war ich ja aus ungläubigem Elternhaus. Nach dieser UK-Konferenz verstehe ich, dass es bei ungläubigen Elternhäusern spannender ist. Ich hatte das Gefühl, jede Person hatte denselben Verlauf. Sie waren allesamt in «gläubigem» Elternhaus aufgewachsen und wussten schon früh, dass vieles falsch und sündhaft war. Mehrere der Vorlesenden schrieben «ich wusste / mir war klar, dass es so nicht weitergehen konnte». Und dann nahmen sie Kontakt auf mit einem «Bruder» und «durften sich bekehren». Nicht lange danach fielen sie wieder in die Sünde. Und dann nahmen sie wieder Kontakt auf mit einem «Bruder» und «durften sich bekehren». Für mich als Person, die auch immer wieder sündigte und sich enorm schlecht fühlte und konstant Busse tat, nur ohne «Bruder», war es merkwürdig zu hören, dass andere sich mehrfach bekehrten. Aber die Tatsache, dass ich zuhause nie Angst vor Gott hatte, weil ich nie von Dingen wie der Entrückung oder der Hölle (höchstens als veraltetes katholisches Konzept) hörte, mag auch dazu beigetragen zu haben. Ich weiss noch, wie neidisch ich war, dass die anderen in einem gläubigen Elternhaus aufwachsen durften – und ich nicht – aber heute bin ich unendlich froh.

Ausserdem fiel mir diesmal auf, wie häufig man wirklich noch über «Brüder» und «Geschwister» sprach. Ich fand es damals toll, eine so riesige Familie zu haben, dass alle Personen, die meinen Glauben teilten, meine «Geschwister» waren. Wer wünscht sich nicht, dass die beste Freundin auch eine Schwester sein kann? Aber so dazusitzen, wenn man selbst nicht mehr glaubt, oder mal sicher nicht an dasselbe, und zu hören, wie 16-jährige über «den Bruder» sprechen…das war merkwürdig. Ich verstehe jetzt viel besser, warum sich meine Mutter immer über die «Brüder» lustig machte. Irgendwie muss man mit dieser Bizarrheit umgehen.

Andere Aufsätze handelten vom 8. Gebot – du sollst nicht stehlen – und davon, was Gebet bedeutet. Die Vorlesende erklärte, es ginge beim Gebet darum, still zu werden, Gott sprechen zu lassen (idealerweise durch auswendig gelernte Bibelverse, die einen zufällig in den Kopf «ploppen»), dass Gebet das Atmen der Seele sei, und man solle beten, damit man Kraft hätte, anderen von Jesus weiterzuerzählen. Öffentliche Gebete sollen kurz, klar, deutlich sein. Kein Anliegen zu gross, keines zu klein. Das erinnerte mich daran, wie ich früher meiner Grossmutter empfahl, Gott fürs Annähen eines Reissverschlusses um Hilfe zu bitten. Es war schön zu sehen, dass die EBG das offensichtlich unterstützen würde.

Rhetorik und Logik – Fremdwörter, aber in der EBG noch mehr

Dann gab es ein Lied, das von Männerchor und UK gemeinsam gesungen wurde, und Philipp Grossenbacher, der auch damals schon den UK geleitet hatte, ehemaliger PNG-Missionar und 13-facher Grossvater, predigte weiter. Er redete weiter über Psalm 139, und gab einen Rückblick über den UK. Philipp erzählte, wie sie gemeinsam die Schöpfung angeschaut hätten, dann den Sündenfall, die Erbsünde – alles, was wir auch lernten, nämlich dass wir alle von Geburt an sündhaft sind. Philipps Lieblingsbeispiel war damals: «Was ist das Erste, was ein Kind macht, wenn es zur Welt kommt? Es schreit! Was ist das Erste, was es sagt? ‘Nein’». Als Kind, das nach der Geburt nicht geschrien, sondern gelächelt hat – gemäss meiner Mutter, die dabei war – fühlte ich mich von diesem Beispiel nie besonders betroffen. Aber das Grundkonzept galt für mich natürlich trotzdem. Philipp sprach weiter, über die 10 Gebote, die wir alle übertreten hatten, besonders nach der neutestamentlichen Auslegung («Ehebruch im Herzen»), und dann elaborierte er über die Sünde und über das Gericht. «Klassisch Philipp», dachte ich, «spricht mehr über Sünde und Gericht als über Gnade und Freiheit». Er erklärte, wir hätten vor dem lebendigen Gott gesündigt – was ich lustig fand, gibt es tote Götter? Die sind doch unsterblich? – und führte dann aus, dass gewisse Personen eben an gar keinen Gott glaubten. Ob es einen gäbe? «Wir werden’s sehen…aber dann ist’s zu spät». Besonders logisch fand ich diese Erklärung nicht, aber sie war auch nicht untypisch. Die EBG macht gern ein wenig Angst, den Leuten, die noch unbekehrt sind, oder die zu stark wieder in die Welt gerutscht sind. Ich gehöre sicher zu der zweiten Gruppe dazu. Nach langem Sprechen über Sünde und Gericht kam es: die Erlösung durch Jesus. Für etwas, das so erlösend sein sollte, war Philipps «Delivery» kalt. Und es ging weiter mit den Themen, die sie im UK besprochen hatten: Das Gebet, das Unser-Vater, die Neutestamentliche Gemeinde, die mal als Braut, mal als Schafherde, mal als Tempel dargestellt wurde, die Taufe (und deren Bedeutung), das Abendmahl, die Entrückung, das tausendjährige Reich, das Endgericht, und die Ewigkeit. Also kurz: Die gesamte, grundsätzliche Lehre, welche die EBG vertritt. Einfach alles, in zwei Wochen gepackt. Aber das war nicht alles, es ging weiter: Umgang mit Geld, was wir auch ansahen, Medien, Suchtverhalten, Freizeitbeschäftigungen, Freunden, Gruppendruck, so modernere Dinge. Die wir aber auch alle angeschaut hatten im Jahr 2015. Wenn sie dasselbe lehrten wie damals: Wir sollen immer versuchen, Gott zu ehren, auch in den Freizeitbeschäftigungen, uns nicht Gruppendruck beugen, keine Suchten entwickeln, den Medien grundsätzlich nicht vertrauen und uns ganz sicher nicht verschulden. Wenigstens Teile davon kann ich noch heute vertreten. Philipp erklärte, dass sie die Gebete der Gemeinde gespürt hätten, dass Gott auch beim Wetter geholfen hätte – es war angenehm kühl – und erklärte, dass niemand einen aus Gottes Hand hinausholen könnte. Kein Geschöpf könne uns von Gott scheiden, weil ja alles ausser Gott «Geschöpf» sei (weil Gott es ja «geschöpft», eigentlich geschaffen, hatte – solche Fokusse auf die Wortbildung sind beliebt in der EBG). Ich, als ehemaliges EBG-Mitglied, fand das unterhaltsam. Es hiess in den ersten paar Büchern der Bibel nie, dass es keine anderen Götter gäbe, nur, dass man sie nicht anbeten solle. Und dass Gott diese nicht geschaffen hätte, war ja auch klar, denn wenn schon, müsste er nicht mit ihnen konkurrieren. Aber das ist natürlich auch einfach meine Bibelauslegung. Der Rückblick war vorbei, es gab ein Angebot, dass wir uns bekehren oder um Gebete bitten dürften, und dann kam ein Musikstück der UK-Absolvierenden, mit einem Cello, zwei akustischen Gitarren (zu meinem grossen Erstaunen), und einer Geige. Auch wir durften damals auf unseren Instrumenten etwas vorspielen, nur hatte ich bis dort vor allem Schlagzeug gespielt, und das ging natürlich nicht. Dass sie aber Gitarre spielten, war für mich neu. Es ging weiter und der französischsprachige Vater eines UK-Absolventen legte sein Zeugnis ab, rhetorisch gut. Die Übersetzung war klar merkwürdig, denn sie hatten jemanden gebeten, dessen Muttersprache klar Französisch war, und eigentlich empfiehlt man, auf die eigene Muttersprache zu übersetzen. Der Vater sprach darüber, wie die UK-Absolvent:innen nun die Waffenrüstung aus Epheser 6 brauchten, um in den Glaubenskampf, der nach UK eintreten würde, zu treten, um bereit zu sein, wenn der Feind angriff. Ein wenig heimelig war es schon. Die Vorstellung, dass Satan einen jederzeit angreifen kann und man immer seine Bibel – das Schwert – braucht, um sich wehren zu können. Dann wurde gebetet, dass Gott uns bewahren möge, und eine gute Mittagspause schenken möge – wo ich sehr erleichtert war, dass schon jetzt Mittag war – und es gab erneut einen «Bekehrungsaufruf». Heisst: Sie sagten, wer wolle, dürfe auf sie zukommen und mit ihnen sprechen. «Heute noch ist Gnadenzeit», hiess es und ich freute mich, dass es jetzt – kostenloses – Essen gab, nämlich Sandwiches.

Ein kleiner, aber gerechtfertigter Schock und das Ablegen alter Ängste

Wir begrüssten also weiterhin alle, die zu uns kamen, und ich musste ein bis zweimal während der Pause meinen Partner allein lassen, wobei ich mich ein wenig sorgte, dass er dann «missioniert» werden würde. Nicht, dass er darauf anspringen würde. Aber die Vorstellung ist dennoch unangenehm. Wir hatten Glück, und er wurde nur von einer meiner guten Bekannten angesprochen, die mitbekommen hatte, dass er «zu mir» gehörte, und die ihn freudig begrüsste. Ein Prediger, vor dem ich früher immer Angst hatte, weil er sehr forsch war in seiner Art – fast schon militärisch, aber ohne den Machtkampf, einfach forsch – begrüsste mich auch. Er war plötzlich nicht mehr so beängstigend, jetzt war er einfach alt. Verständlich, seine ältesten Kinder waren schon verheiratet, als ich die Familie kennenlernte, und jetzt sind alle verheiratet, aber trotzdem: Zu wissen, dass ich spätestens jetzt keine Angst mehr vor ihm haben musste, das war angenehm. Dass er rhetorisch nicht mehr so imponierte wie früher, als ich keine Ahnung von Rhetorik hatte und mich einfach von ihm einschüchtern liess, half natürlich. Natürlich sah ich auch jene, die ich seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte, beispielsweise die drei, mit denen ich seit UK kaum noch Kontakt hatte. Nur zwei, mit denen ich den UK absolviert hatte, sah ich nicht: beide waren schon lange ausgetreten, eine kurz vor, die andere nicht lange nach mir. Eine, mit der ich unschön auseinandergegangen war, begrüsste mich, als wäre nichts gewesen, wie man das eben als Erwachsene so macht. Es fühlte sich dennoch komplett falsch an. Eine andere, mit der ich nie gross zu tun hatte, freute sich auch, mich zu sehen, was für mich weder falsch noch richtig war, und mich mehr überraschte, weil ich sie als «moderner» im Kopf hatte und erwartet hätte, dass sie schon lange ausgetreten wäre. Und die dritte, deren Hochzeit ich (bewusst) verpasste, nachdem sie mich jahrelang nur an Versammlungen und Gottesdienste statt zum Zeit-Verbringen, wie man es als Jugendliche macht, einlud, trug ihren Ring mit viel Freude und Stolz. Dann gab es noch eine, mit der ich mich damals super verstand, bei der es auch kein Drama gab, aber auch nicht viel Kontakt (sie schreibt durchschnittlich alle zwei Monate oder seltener zurück). Bei den Gesprächen mit allen verschiedenen Mit-UK-Absolventinnen des Jahres 2015 fiel mir vor allem eines auf: Wir haben nichts, aber auch gar nichts (mehr) gemeinsam. Ohne den Glauben teile ich mit ihnen nur die gemeinsame Vergangenheit und so natürlich auch die Erinnerung an das UK-Lager, in dem sie mich vor allem husten hörten (Lungenentzündung). Aber ohne den Glauben gab es die Verbindung eben nicht mehr, oder sie war zu gering. Es war zumindest nicht mehr dasselbe. Das ist zwar irgendwie logisch und verständlich, denn es war der Grund, warum ich sie kennenlernte, und unsere Beziehung fusste auf gemeinsamem Verständnis von Jesus, und wir hatten uns alle entwickelt, seit wir (rund) 16 waren, ich natürlich in eine komplett andere Richtung als sie. Es war aber gleichzeitig auch sehr schockierend. Mir wurde erneut klar, wie bedingt die Liebe und Unterstützung, die ich damals erfuhr, wirklich war, und wie stark das Supportnetzwerk der EBG damals eine andere Person, mit der ich mich heute nicht mehr identifizieren kann, unterstützte. Ich hatte den Verlust schon beim Austritt mühselig versucht einzuordnen, aber so klar zu merken, dass der Verlust komplett gerechtfertigt war und mit meiner Persönlichkeit langfristig notwendig, somit unvermeidbar, war ein anderes, neues Level, und ein neuer Schock. Die Freundinnen, mit denen ich angereist war, die waren schon vor der EBG meine Freundinnen, und auch wenn ich sicher bin – besonders nach diesem Tag -, dass sie weiterhin wollen, dass ich wieder in die EBG komme, kann und konnte ich trotzdem weiterhin mit ihnen befreundet sein. Aber die anderen? Es «funkt» nicht mehr. Die Gefahr, dass ich mich wieder so verändere, um hineinzupassen, ist definitiv sehr gering.

Und so verbrachte ich meine Mittagspause damit, den jüngsten Sohn einer grösseren Familie für seinen älteren Bruder zu halten – ich hatte ihn als 16-jährigen in Erinnerung und jetzt war er plötzlich 24 und verheiratet – meinem Partner die ganzen Beziehungen und Verwandtschaften zu erklären, und festzustellen, wie fern ich den durchschnittlichen Menschen dort unterdessen war. Und natürlich damit, mein Sandwich und dann mein Dessert zu essen, und alle aufliegende Literatur einzusammeln. Gewisse Dinge ändern sich eben doch nicht.

Gott und die Zeit

Nach der Mittagspause ging es weiter. Es wurde erneut etwa zwanzig Minuten vor offiziellem Beginn gesungen bis zum Beginn, dann kam ein Musikstück der Absolvierenden – zwei Querflöten und ein Klavier, leider nicht so sicher wie am Morgen, und das Klavier musste offensichtlich mehrmals auf die Querflöten warten, aber es sind auch erst 16-jährige – und es kam erneut eine Einleitung, diesmal von Philipp Grossenbacher, und ein Gebet. Dort fiel mir wieder auf, dass Personen gern als «Brüder» bezeichnen und bezeichnet werden. Die UK-Absolvierenden rezitierten einen anderen Teil des Psalms 139, und Christoph Sardi predigte. Er sprach darüber, wie Jesus eine neue Kreatur aus Menschen macht («Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden!», 2. Korinther 5, 17 aus Schlachter 2000), und sprach darüber, dass einen der Teufel versucht – ich notierte mir diesen Teil der Predigt zusammenfassend als «Verteufelung des Teufels» – und dass man (ziemlich sofort) sündige, wenn man nicht wachsam sei. Man müsse ausharren, ein weiteres, in der EBG beliebtes Wort. Christoph bezog sich in seiner Predigt nicht nur auf den Bibeltext – Psalm 139, 13-16 – sondern auch auf gesungene Lieder, und diverse andere Bibelverse. Es war etwas chaotisch, aber ich kannte es ja. Die Struktur war ganz typisch: Ein Bibeltext wird chronologisch erläutert, es wird anekdotisch erzählt, ergänzt, andere Bibelverse werden genannt. Christoph erklärte, Gott hätte uns wunderbar gemacht, wir sollen Gott dafür danken, «und wenn du älter wirst», zählte dann auf, was plötzlich alles schmerzen und stören könnte, und endete diesen Teil mit «dank ihm trotzdem». Dann erzählte er noch eine Geschichte eines anderen Predigers – den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte – der Gott als Kind einmal bat, ihm sich zu zeigen, am nächsten Tag verschlafen hatte, voller Stress in die Schule ging und dann merkte, dass alle anderen auch noch draussen waren. Der Kamin hätte geraucht und man hätte nicht hineingehen können. Er hatte verschlafen, aber es war niemandem aufgefallen. Abgesehen von der schönen Geschichte erstaunte es mich, dass ein Prediger die Geschichte eines anderen Predigers erzählte. Durfte er das? Ist der andere in der Zwischenzeit gestorben? (Oder «nach Hause gegangen», wie man in der EBG sagt.) Nicht dass ich wüsste, denn niemand machte einen entsprechenden Kommentar. Aber jetzt weiss ich, woher ich mein Verständnis von Zeit habe: Gott ist zeitunabhängig, und somit könnte ich morgen für gestern beten. Beispielsweise, wenn ich nicht mehr wusste, ob ich etwas eingepackt hatte. Ich betete einfach «Gott, bitte lass es mich eingepackt haben», und dann tauchte es meistens auf.

Weitere Aufsätze und eine harte Meinung

Es ging weiter mit dem nächsten UK-Lied und drei Aufsätzen, zu den Themen «Wunder der Schöpfung», «Wer ist Gott» und «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe». Einer der Jugendlichen erklärte, dass der Grund dafür, dass wir keine Bilder von Gott machen durften, war, da es ihn in «seiner Herrlichkeit verkleinern» würde. Und die Dreieinigkeit, die könnten wir nicht verstehen, solange wir Menschen wären. Gott zeige sich einfach auf drei verschiedene Arten. Der Aufsatz über die eigene Wiedergeburt war wieder bekannt, es ging wieder darum «wenn ich so weitermache…» und es wurde sich mehrmals bekehrt.

Und dann möchte ich noch ein hartes Urteil über die Aufsätze des gesamten Tages fällen: Ich weiss, es sind 16-jährige, mit unterschiedlichen Bildungsgraden und unterschiedlichem schulischen Engagement, aber die Aufsätze waren weder gut noch schön vorgelesen. Die wenigen, welche schön vorgelesen wurden, waren rhetorisch oder logisch nicht besonders gut. Aber nach dieser Konferenz kann ich es niemandem vorwerfen, in der EBG keine Logik zu lernen. Ich erhielt nicht den Eindruck, dass die Predigten besonders logisch geprägt waren. Und man kann nichts lernen, das man nicht mitkriegt. Das gesagt habend, zurückdenkend empfand ich den französischen Aufsatz als besten, vielleicht, weil er wirklich der Beste war, vielleicht auch, weil ich bei Sprachen, die nicht meine Muttersprache sind, geringere Anforderungen habe. Vielleicht sind die französischen Redner auch einfach besser.

Der Elefant in Psalm 139: Die Abtreibung

Es gab erneut ein Musikstück, eine Anekdote auf – breitestem – Berndeutsch, und eine nicht enorm subtile Anspielung auf den Wert des «ungeborenen Lebens». Ich weiss natürlich, wie die EBG zu Abtreibungen steht, und ich war bereits überrascht, wie wenig wir über das «ungeborene Leben» hörten, wo Psalm 139 mit seinem Vers 13 «Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.» (Lutherbibel 2017) eine beliebte Grundlage sein dürfte. Die Abtreibungsreferenz kam da, als der Prediger ein weisses Blatt hochhob und uns fragte, ob wir das Blatt sähen («ja»), und ob wir denn auch den schwarzen Punkt sähen («nein»). So klein sei ein Embryo in der 5. Woche, und schon da habe Gott es gesehen, und alle seine Tage gezählt. Also kurz für alle, die nicht mitgekommen sind: Wenn Gott es sieht und die Tage gezählt und den Plan für das Kind ausgelegt, hat der Mensch kein Recht, sich da einzumischen und das Kind vorzeitig zu entfernen. Dass ein allwissender Gott wohl auch weiss, wann jemand abtreiben würde, und dies bei seiner allwissenden Planung selbstverständlich berücksichtigen kann, wurde nicht erwähnt. Das wäre vielleicht auch zu viel erwartet von einer Gemeinde mit durchschnittlich sechs Kindern pro Familie.

Der Prediger, dessen Name ich leider nicht kannte (und mir nicht merken konnte), sprach am Ende seiner Ausführung darüber, dass wir unsere Gaben für Gott einsetzen sollten. Das führte mich zu meiner alten Frage: Was ist «meine Gabe»? Wer weiss, vielleicht will Gott, dass ich über christliche Gemeinden schreibe. Das wäre «gäbig», denn das mache ich gern. Ob der Prediger das auch gemeint hatte? Wer weiss.

Der Schluss und der andere Elefant im Psalm 139

Es gab erneut ein Musikstück, der Männerchor und der UK sangen ein anderes Lied zusammen, und die letzten Verse des Psalms wurden genannt. Was den ganzen Tag lang auch nicht ansatzweise erwähnt wurde, obwohl der ganze Rest des Psalms durchgenommen wurde, waren die folgenden Verse: « Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! Denn voller Tücke reden sie von dir, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.» (Lutherbibel 2017, Psalm 139, Verse 19 – 22). Ich hatte mich nämlich schon den ganzen Tag gefragt, wie sie diese Verse christlich einordnen würden, wenn doch Gottes Wort 1:1 verstanden werden muss. Nach dieser enttäuschenden Feststellung sprach noch ein Missionar, der in der Schweiz in den Ferien und sonst in Madagaskar ist, der erklärte, «wir» Christen seien berufen zu leuchten, wie es im Matthäus 5, 13-15 steht, und dass wir im Alltag Gott treu sein sollen. Wir sollen für Jesus herausstechen, was als weibliches EBG-Mitglied – was ich als ehemaliges bestätigen kann – sehr einfach ist: Man braucht sich nur entsprechend zu kleiden, zu jeder Tages- und Nachtzeit ausser im Sportunterricht und wenn man im See badet, und schon fällt man auf und sticht «für Jesus» heraus. Der Missionar meinte «Gott geht mit: Du bist niemals allein», dann wurde gesungen, gebetet, die letzten Mitteilungen verkündigt und dann war es – endlich – fertig. Der Sauerstoffmangel in der Halle war unterdessen genügend gross, dass ich während dem Gebet kurz aufhörte, das Sprechen wahrzunehmen, und plötzlich dachte, es wäre schon vorbei. Zum Glück sass ich nur auf, statt sehr offensichtlich «Amen» in der Mitte des Gebets zu brüllen. Aber als wir dann endlich gehen konnten, war ich sehr erleichtert. Wir gönnten uns noch ein wenig Zvieri, ich begrüsste noch die paar Leute, die ich noch nicht gesehen hatte, und dann machten wir uns schnell auf unsere Verabschiedungsrunde. Die war kürzer als erwartet, denn eine Bekanntschaft redete so lange mit mir und meinem Partner, dass dieses Gespräch erst zu Ende war, als meine Freundinnen ihre gesamte Runde bereits gedreht hatten. Ich wollte aber mehr nach Hause als jetzt noch alle suchen, und so gingen wir.

Als meine Freundinnen mich zuhause abluden und weiterfuhren, merkte ich, dass sie meine Anwesenheit in der EBG vermissten. Die meisten Frauen in unserem Alter waren lange verheiratet, und beide hatten andere Prioritäten, als einen Typen zu heiraten. Der Sozialkreis war entsprechend: Entweder man verbringt Zeit mit den grosselterlichen Erwachsenen, oder man verbringt Zeit mit den kleinen Kindern. Andere Personen in meinem Alter sah ich, neben den anderen UK-lern, wenige. An diesem Tag nahm ich ein klares Fazit mit nach Hause: Ich bin unendlich froh, dass ich nicht mehr dazugehöre.

Angela Heldstab, 03.08.2023

Lexikoneintrag EBG

Der Ursprung meiner Abspaltung: Ex-EBG-Mitglied besucht GfC

Hintergrund und erster Vergleich

Als ich im Jahr 2014 der EBG «beitrat», hiess es, sie hätten sich von der Gemeinde für Christus, kurz GfC, abgespalten, weil diese «zu modern» geworden sei. Als Beispiele nannten sie, dass Frauen nun die Haare offen oder kurz tragen könnten, und auch Hosen erlaubt wären. Während das die modernen Lesenden aus dem Jahr 2023 (oder zukünftige Lesende aus anderen Jahren) überraschen oder gar schockieren dürfte, möchte ich kurz anmerken, dass dies zwar in der EBG nicht verboten, aber doch mit Nachdruck nicht empfohlen wurde. Auch von Schmuck (und natürlich Makeup) wurde abgeraten. Die GfC selbst stammt aus dem Evangelischen Brüderverein EBV, eine Freikirche, in der alles, wie eben was genau anzuziehen war, geregelt wurde. Im Reformprozess, der in den 2000er Jahren stattfand, schüttelte die GfC diese Regeln ab und symbolisierte das Abwerfen alter Regeln mit einem Namenswechsel. Aber wie stark hat sich die GfC wirklich modernisiert? Im Gegensatz zur EBG hat sie bereits eine eigene Webseite, die tatsächlich auch geupdatet wird, und die nicht so nichtssagend ist wie die EBG-Webseite, die irgendwo zwischen 2014 und 2016 für ein halbes Jahr online war. Ausserdem ist sie Mitglied beim Dachverband freikirchen.ch – seit letztem Jahr, zuvor waren sie «Beobachter» -, was bei der EBG unvorstellbar wäre. Die Modernisierung der GfC nachvollziehen scheint nur möglich, wenn man sich im Klaren ist, wie konservativ der Vorgänger Evangelischer Brüderverein EBV, und die konservative Abspaltung Evangelische Bibelgemeinde EBG sind. Und doch: Wie anders ist die GfC? Dafür wollte ich sie besuchen.

Die ersten zwei Versuche und ein nettes Paar

Bei meinem ersten Versuch, den GfC zu besuchen, stand ich zuerst in Zürich um 09:28, zwei Minuten vor Beginn, vor verschlossener Tür. «Heute ist kein Gottesdienst», hiess es. «Na toll», dachte ich und schaute nach, ob denn heute sonst irgendwo Gottesdienst wäre. Wetzikon habe um 13:45, also ging ich im Rahmen eines zweiten Versuchs dort hin. Erneut: Verschlossene Türen. Ich hatte die Webseite extra noch überprüft, aber irgendwas war los bei der GfC. Die Frage sollte sich um etwa 13:46 lösen, als ein Auto auf den GfC-Wetzikon-Parkplatz kam. Eine ältere Frau stieg aus und erkundigte sich, aus welchem Grund ich da wäre. Sie erzählte mir, dass heute die jährliche Konferenz in Steffisburg stattfände, und zudem ein neuer Gemeindeleiter eingesegnet werde. Am Morgen habe es in Wetzikon einen Livestream gegeben, aber die beiden hätten ihn aus persönlichen Gründen verpasst – und vergessen, dass es am Morgen war -, und so fuhren sie doch sicherheitshalber zur Gemeinde, um das Haus verschlossen und mich verwirrt vorzufinden. Sie versicherte mir, dass dies ein absoluter Ausnahmefall war. Dass ich genau dieses Mal Pech hatte, fand ich nicht schlimm. Ich redete lange mit ihr und erzählte ihr von meiner EBG-Zeit, aber nicht von Relinfo. Tatsächlich war es wirklich angenehm, mit ihr so lange zu sprechen. Es half, die Zeit – und mein Leiden – in der EBG aus einer neuen Perspektive zu sehen. Besonders, weil sie immer noch genügend konservativ schien. Jemand einer modernen Kirche hätte vielleicht nicht so viel Verständnis oder Einsicht gehabt, besonders, weil der enorme Konservatismus der EBG schwierig fassbar und schwierig erklärbar ist. Ich war doch noch nicht erwachsen und es dürfte einiges gegeben haben, das über meinen Kopf flog. Natürlich darf auch angemerkt werden, dass die Spaltung der Gemeinden nicht aufgrund von grossen theologischen Differenzen, sondern aufgrund von Reformen im Alltagsleben stattfand. Die beiden fuhren mich tatsächlich noch nach Hause und gingen in der Nähe spazieren. Sie versicherten mir zudem, dass der Gottesdienst nächste Woche stattfinden würde, und so stellte ich mich darauf ein, diesen zu besuchen.

Infiltration: ein Schlagzeug

Beim dritten Versuch klappte es dann. Ich war viel zu früh dort und entdeckte zwei Männer, einen, den ich als Prediger, und einen, den ich als «Gemeindemitglied mit möglichen administrativen Aufgaben» klassifizierte. Die beiden schienen im Gespräch vertieft zu sein und ich wollte nicht stören, aber beschloss dann doch, einzutreten. Das Gemeindemitglied bestätigte, dass sie sich nicht in einer Privatrunde befänden, und stellte sich beim Händeschütteln vor. Der Prediger stellte sich ebenfalls vor – als Beat (Strässler) – und erklärte mir, dass er erst gedacht hätte, ich sei ein Teil der Gemeinde. «Ich bin nicht von hier», fügte er hinzu und da wusste ich, dass auch die GfC noch dasselbe Rotationsprinzip verfolgte wie die EBG. Ein wenig stolz auf die gelungene «Infiltration» war ich schon, denn ich hatte bewusst ein Rock angezogen und die Haare zu einem Zopf gebunden. Klassisch EBG. Im Gegensatz zur EBG aber stand ein Schlagzeug auf der Bühne. Ein Schlagzeug bei der EBG ist unvorstellbar, ich musste ja damals mit dem Spielen aufhören, weil es zu «satanisch» war. Das Schlagzeug wurde zwar aktuell nicht gebraucht, nur eine akustische Gitarre, aber auch das fällt als Unterschied auf. In der EBG spielten Personen Klavier, Geige, Cello, Querflöte, auch Harfe, aber jemand, den ich kenne, hörte mit der E-Gitarre auf, um auf Klavier zu wechseln. Dies, obwohl eine akustische Gitarre vielleicht näher daran gewesen wäre. Ja, die Gitarrenspielenden der EBG meiner Zeit kann ich an einer Faust abzählen, ich kenne nämlich niemanden.

Eine kleine (Gross)Familie und ein Spion

Der Raum war gemütlich, eher klein, aber mit familiärer Atmosphäre. Die Stühle waren gepolstert, und hinten lagen Gesangbücher. Ich holte mir also ein Gesangbuch und blätterte darin. Das Buch selbst war neu, und während ich viele Lieder nicht kannte, fielen ein paar auf. Besonders die, in denen mehrmals «Jesus» gesungen wird. Das ehemalige EBV- und aktuelle EBG-Liederbüchlein, das ich habe, führt aber Lieder, die etwas heikler sind. Als illustratives Beispiel, der Refrain eines dieser Lieder, der geht wie folgt: «Vorwärts im Krieg, vorwärts zum Siege oder Tod, steht treu zur Blut- und Kreuzesfahn» (Anmerkung für nicht-konservativ-christliche Personen: Hier geht es um den Glaubenskampf, oder Glaubens-«krieg», wenn man es genau nimmt. Militärische Aspekte ignorieren wir am besten). Dieses Lied oder ähnliche fand ich im GfC-Buch nicht, was mich nicht störte. Der Raum füllte sich langsam und ich schüttelte alle Hände, wie ich es aus der EBG kannte. Wer fragte, dem sagte ich, ich sei auf Besuch da. Das Paar, das ich letzte Woche kennengelernt hatte, tauchte auch auf und die Frau schien erfreut, dass ich dort war. Sie schüttelte meine Hand und flüsterte, sie sässe hinten hin, damit die andere Frau, die dort sass, nicht allein sein würde. «Jööö», dachte ich und lächelte innerlich. Viele Personen kamen an diesem Tag nicht – wir waren fünfzehn, wenn ich mich nicht verzählt habe -, aber es darf auch kommentiert werden, dass Sommerferien waren, manche Leute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in die Kirche – oder den Gottesdienst – kommen, und natürlich war so schönes Wetter, dass ich es niemandem übelnehmen hätte können, lieber am See oder draussen zu sein als an einem Gottesdienst. Ausserdem ergab sich dadurch eine für mich sehr angenehme Atmosphäre.

Wunschkonzert und Amen

Die Struktur des Gottesdiensts war mir altbekannt. Es war genau wie bei der EBG, nur dass wir bei der EBG in meiner kleinen Gemeinde damals selten eine «Moderation» hatten. Bei grösseren Versammlungen mag das der Fall gewesen sein. Im Gespräch zwischen Prediger und Gemeindemitglied meinte letzterer aber, dass sie auch ohne Moderation können. Diesmal gab es aber eine, und es wurden einige einleitende Worte gesprochen, einige Bibelverse (alle aus dem Neuen Testament) genannt, und dann wurde gesungen – wobei wir ein Lied wünschen durften – und gebetet. Ein Lied wünschen zu dürfen, dies kenne ich aus der EBG. Das Schlimmste (oder Beste) war es, wenn unsere Gruppe von Jugendlichen gerade ein neues Lied für sich entdeckt hatte, und dies dann jedes Mal zu singen wünschte. Das wirklich immer Schlimmste war, dass einige der ersten gewünschten Lieder aber viel zu hoch begannen. Auch beim GfC wurde nicht eingesungen, das erste vorgeschlagene Lied wäre angenehm gewesen, aber war leider unbekannt, und das zweite vorgeschlagene Lied fing eben zu hoch an. Naja, man kann nicht alles haben. Wir beteten, gleich wie bei der EBG. Heisst: Es waren nicht Prediger und Moderator, sondern alle sassen hin, falteten die Hände, und jemand begann zu sprechen und betete, dann sprach die nächste Person, und dann die dritte. Dieser Gebetsstil ist mir aus der EBG bekannt und, sicherlich auch wegen der Familiarität, viel sympathischer als zwei Moderatoren, die auf der Bühne stehen und im Scheinwerferlicht beten. Bei der GfC fiel mir eins auf: Ich konnte bei jedem einzelnen Gebet «Amen» sagen. Ich sage grundsätzlich nur Amen, wenn ich mit wirklich allem einverstanden sein kann, und so ist es eine Weile her, seit ich das letzte Mal «Amen» gesagt habe. Aber den ganzen GfC-Gottesdienst durch fand ich keinen Grund, nicht Amen zu sagen. Somit ist es die erste für Relinfo besuchte Gemeinde, die konsequent meine «Amens» erhielt.

«Jesus!», und die Schlange starb

Die Predigt selbst handelte von Psalm 142, ein Gebet von David, als er sich in der Höhle vor Saul (der ihn umbringen wollte, da er fürchtete, selbst von ihm umgebracht zu werden), versteckte. Dabei auffällig – und wieder sehr EBG-mässig – war, wie stark Beat mit den Anwesenden interagierte. Er fragte, wie hell es denn in dieser Höhle sein hätte können, und wie laut David sein hätte können, während Saul, der ihn verfolgte, unwissentlich in derselben Höhle war. Nicht sehr, ansonsten hätte es wohl keinen König David gegeben. Im Psalm steht aber «ich schreie mit meiner Stimme», was David dort nicht machen hätte können. Der Verlauf der Predigt war durchaus derselbe wie bei der EBG: Der Predigttext wurde gelesen, dann wurde Vers um Vers erläutert, interpretiert, und anekdotisch untermalt. Vorteil bei der EBG war immer, wenn ich langsam nicht mehr sitzen wollte, konnte ich einfach schauen, wie weit wir im Text bereits waren, und einschätzen, wie lange es noch gehen würde. In diesem Fall war die Predigt nicht zu langwierig, aber es ist eben doch praktisch, eine solche «inhaltliche Uhr» zu haben. Beat sprach darüber, was geschieht, wenn wir «in unserem Herzen» Gott loben, und fragte die Runde, ob es denn die unsichtbare Welt (Engel, Dämonen, und, nennenswerterweise: der Teufel) auch hörten, wenn wir im Herzen singen würden. Die meisten sagten ja, und er widersprach dem, während er kommentierte, dass andere Meinungen in Ordnung seien. Zum Beleg erzählte er von einer Geschichte, die er kurz nach Erzählen über seine damalige Missionstätigkeit in Papua Neu Guinea (kurz PNG) – ein beliebtes Missionsziel der GfC, an dem viele meiner EBG-Bekannten zu EBV-Zeiten auch missioniert hatten – erwähnte. In PNG habe die unsichtbare Welt einen anderen Stellenwert als hier in der Schweiz. Anhand dessen, was ich in der EBG hörte, konnte ich dem nur zustimmen, auch wenn ich selbst nie in PNG war. Und so erzählte er die Geschichte eines Mannes – aber aus Indien, wobei ich den Wechsel von PNG auf Indien nicht merkte -, dem gesagt wurde, wenn er in einer misslichen Lage sei, soll er den Namen «Jesus» aussprechen. Und der Mann kam in eine missliche Lage, eine Schlange türmte sich nämlich vor ihm auf und er dachte, sein Leben sei vorbei. In dem Moment fiel ihm ein, Jesus zu sagen, und, hier inszenierte Beat ein wenig und stotterte (bewusst): «JJjjjj……esus». Bei diesem halb gestotterten Wort lief mir ein Schauer, nicht über den Rücken, sondern übers Gesicht, dann den ganzen Kopf und die Schultern. Als hätte mir jemand Wasser ins Gesicht geschüttet, aber ohne meinen Atem einzuschränken. Ich bin sicherlich jemand, die sich schnell auf solche Suggestionen einlässt, und doch fiel mir auf, wie es (mir) in dieser Gemeinde – die solche Erlebnisse nicht einmal predigt! – einfach so passierte, während Gemeinden mit grösserem Fokus auf den Heiligen Geist auf Musik zurückfallen mussten, um ähnliche Erlebnisse (bei mir) zu erzeugen. Dass mir die GfC sympathisch und familiär, aber nicht zu familiär war, und dies entsprechende Erlebnisse begünstigten könnte, muss aber angemerkt werden. Beat betonte, dass das laute Bekennen der Schlüssel zum Erfolg wäre, denn die Schlange fiel hinunter. Ich bin nicht mehr sicher, aber ich glaube, sie starb auch gleich.

Der Punkt der Predigt

Der Prediger nannte den Hauptgedanken seiner heutigen Predigt, nämlich: «Formulierst du ganz klar vor Gott, wie du dich fühlst? Sagst du Gott ganz klar, was du brauchst?» Den Ansatz der offenen Kommunikation gegenüber Gott war sowohl sympathisch als auch bekannt. Wenn man genügend reflektiert über seine Gefühle sprechen kann, um sie Gott mitzuteilen, kann dies auch in Beziehungen mit anderen Menschen helfen. Beat kommentierte auch «Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet», wie es im Jakobus 4, 2 steht. Dabei ist aber nennenswert, dass er dem Wohlstandsevangelium bewusst widersprach. Zu sagen «Gott, jetzt wandle ich schon dreissig Jahre mit dir und bin immer noch kein Millionär» sei unpassend, denn das sei nicht Gottes Plan. Ausserdem erzählte er die Geschichte des verlorenen Sohnes, der nach Hause kam und für den ein Fest gefeiert wurde, wobei der daheimgebliebene Sohn gar nicht erfreut darüber war. Ich bin nicht mehr ganz sicher, wo die Geschichte hineinpasste, aber ich mag die Geschichte. Zur Frage, ob wir Gott ganz klar kommunizierten, was wir denn wollten, nannte er eine Liste, die in etwa so ging: «Will ich frei sein von Neid, Eifersucht, […], oder von modernen Sünden, wie Pornographie, oder…anderes.» Dass er hier nur Pornographie als moderne Sünde, zusätzlich zu den (weiterhin existieren) «älteren» Sünden nannte, fand ich einerseits unterhaltsam und andererseits spannend. Die Verteufelung von Pornographie ist mir nichts Neues, aber dass er nichts anderes nannte, das erstaunte mich.

Ein vorbildlicher Grossvater und eine Gebetsliste

Am Ende der Predigt erzählte er noch von seinem Grossvater, der, moderner ausgedrückt, cool war, aber auf eine christliche Art. Eben ein Vorbild – Beats Vorbild, wie er erzählte -, jemand, zu dem man aufguckt, und dazu noch bescheiden. Jemand ging zu ihm und wollte sich von ihm heilen lassen (durch Gebet), da sie von anderen gehört hatte, dass der Grossvater sie durch Gebet geheilt habe. Jemand anderes sei auch zu ihm gegangen, aber nicht, um sich vom Grossvater heilen zu lassen, sondern weil der Grossvater Ältester war und in der Bibel steht, man solle zu den Ältesten gehen, und sie um Gebet bitten. Differenz: Eine legte ihr Vertrauen auf den Menschen, und wurde nicht geheilt, die andere legte das Vertrauen auf Gott und wurde geheilt. Wie ich später feststellen würde, führt die GfC auch heute noch das Ältestengebet auf Nachfrage der Kranken durch, aber mit der klaren Botschaft, dass Gott Heilung schenkt oder nicht schenkt, und sie nur ein Glaubensgebet halten. Fazit der Predigt war, dass klare Gebetsziele verfolgt werden sollten. Ein wenig unterhaltsam finde ich dies schon. Ich stelle mir vor, Gebetsziele in kurz-, mittel- und langfristig aufzulisten, jede Woche über die kurzfristigen, jeden Monat die mittelfristigen, und jedes Jahr die langfristigen zu besprechen. Es würde mich persönlich vermutlich glücklich machen, die ganze Zeit neue Listen aufzusetzen, aber die Vorstellung ist doch unterhaltsam, wenn sich die Gemeinde regelmässig trifft und eine Liste von Zielen aufsetzt. Das war aber nicht Beats Idee und ist nur meine eigene Weiterführung eines Gedankens seiner Predigt. Beat betonte zum Schluss auch, die Gemeinde solle «gemeinsam eins sein», und dann gebe Gott.

Ein Outing, und ein Vergleich

Nach der Predigt ging es weiter mit Gesang – wir durften wieder wählen – und Gebet – wer wollte, sprach. Wir empfingen den Segen und der Gottesdienst endete, doch es gab noch Zvieri. Ich erzählte also Beat von meinem Kommen – genau genommen erzählte ich den freikirchenkompatiblen Grund – und, weil es mir fast zu sympathisch war, informierte ich ihn auch, dass der zweite Grund für mein Kommen das Schreiben eines Berichts für Relinfo war. Da bedankte er sich fürs «Outen» und beantwortete während dem Zvieri und auf der Zugfahrt – wo wir in die gleiche Richtung fuhren – meine Fragen zu den Unterschieden GfC und EBG. Dabei meinte er, man verstehe die Gemeinde nicht, wenn man nur einmal komme. Das mag für alle Gemeinden gelten, aber ich muss sie ja nicht voll und ganz verstehen, um eine erste Einschätzung darzubringen. Als erstes Fazit kann ich sagen: Die im ersten Abschnitt genannten Aspekte, die wie anderes – beispielsweise die korrekte Kleidung in jeder Lebenssituation – anno dazumal vom EBV hart durchgeregelt wurden, die sind in der GfC nicht mehr. Die Mädchen trugen Kleider und Hosen, offene Haare, selbst Schmuck, auch wenn mir letzteres erst gar nicht auffiel (Beat machte mich darauf aufmerksam). Dass ältere Frauen, die vermutlich schon lange vor den Reformen in der GfC waren, sich an die Kleiderordnung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Die Kinder, deren Vater Beat und mich netterweise zum Bahnhof fuhr, diskutierten sogar darüber, ob es «Nauruto» oder «Naruto» heisst (es ist «Naruto»). Bei diesem Anime ist in der EBG wieder eine Verteufelung vorstellbar – Pokémon wurde ähnlich verteufelt -, und hier diskutierten Kinder einfach vorbehaltslos und ohne Kommentar der Erwachsenen über etwas, das, wie ich vermute, in der EBG auf merkwürdige Blicke stossen würde. Im späteren Gespräch mit Beat stellte ich fest, dass sie dies auch nicht wollten. Eltern sollen einfach genau hinsehen, was ihre Kinder anschauen, aber die GfC will bewusst keine Gesetze mehr.

Geistesgaben

Spannend war Beats Antwort, als ich ihn fragte, wie sie zu Geistesgaben stünden. Er antwortete dazu, dass sie glaubten, dass die Geistesgaben, die in der Bibel vorzufinden waren, existierten. Heisst: Sie glauben daran, dass Geistesgaben existieren, und dass Gott diese so verteile, wie er will, mit Verweis auf 1. Korinther 12, 11, Lutherbibel 2017: «Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will.» Hier verfolgt die EBG eine andere Interpretation, nämlich (sinngemäss) «wir leben in der Endzeit, und es steht, in der Endzeit werden die Geistesgaben verstummen, also gibt es sie heute nicht mehr».

Ein weiteres Gespräch

Ich fand den Gottesdienst der GfC sehr angenehm, sowohl wegen der Familiarität, aber besonders auch, weil Themen wie Homosexualität, trans Identitäten und Abtreibungen weder erwähnt noch verteufelt wurden. Gleichzeitig ergab sich aber doch die Frage, was denn die Position der GfC dazu ist. Und so kam es, dass ich nicht lange danach Beat kontaktierte und ihm meine Fragen am Telefon stellte. Klar wurde schnell, dass er keine detaillierten Auskünfte geben wollte – und mir auch bestätigte, dass er bewusst schwammig blieb -, und doch möchte ich gern schreiben, was er mir mitteilte.

Die Brenner: Homosexualität, trans Identität, und Abtreibungen

In erster Linie betonte Beat bei der Frage nach Homosexualität, dass die GfC offen für alle sei. Wer kommen will, wird willkommen geheissen. Gleichzeitig predigen sie aber auch «biblische Werte». Wer genau in welcher Situation wie genau reagiere, könne er nicht sagen. Ich fragte also, was er machen würde, wenn jemand, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, sich taufen lassen würde. Würde er diese Person taufen? Er antwortete darauf sehr entschieden, dass dies nicht Kriterium für die Taufe wäre. Kriterium sei, dass diese Person an Jesus glaube und sich zu ihm bekenne. Auf weiteres Nachbohren erklärte er mir, dass die Person all ihre Lebensbereiche Jesus unterstellt haben würde. Er betonte bereits hier, dass die Gesetzlichkeit, die uns beiden bekannt ist – mir aus der EBG, ihm aus dem EBV – nicht etwas ist, das die GfC vertreten will, und dass jede Person selbst von Christus geführt werden soll. Auch betonte Beat, dass er sein eigenes Kind oder Enkelkind unabhängig von seinem Lebensstil lieben und nicht verstossen würde. Ausserdem beruhe eine gesunde Beziehung auf mehr Kommunikation, man spräche ja nicht nur über eine Sache, sondern über tausend verschiedene. Zumindest, eben: in einer gesunden Beziehung. Bei den Konversionstherapien (die er immer «Konversationstherapien» nannte) kommentierte Beat, dass diese von gewissen Medien enorm thematisiert worden waren, und dass sie eine solche Therapie, wie sie in diesen Medien dargestellt werde, entschieden nicht anbieten oder unterstützen würden, oder dies jemals getan hätten. Es entspräche auch nicht ihrem Verständnis. Wer eine Veränderung im eigenen Leben wünsche, der könne Gott darum bitten. Aber es basiere auf reiner Freiwilligkeit und sie möchten weder Druck noch Zwang ausüben.

Ich fragte weiter und erkundigte mich nach ihrer Einstellung gegenüber trans Identitäten. Da fragte Beat nach, was genau ich meinte, und ich verwendete erneut das Beispiel des eigenen Kindes oder Enkelkindes, wenn sich dieses bei ihm outen würde und ihm erklärte, dass es sich nicht mit dem Geschlecht identifiziere, in dem es geboren wurde. Seine erste Reaktion darauf war, dass er die Gefühle anderer Personen respektieren möchte, und dass diese die Freiheit haben sollen, Veränderungen durchzuführen, auch wenn er selbst diese nicht vertrete. Ob er die neuen Pronomen dann auch wirklich verwenden würde, blieb für mich unklar. Was er aber kritisch sähe, sei eine Beeinflussung von Minderjährigen. Mit dem Gefühlschaos und den ständigen ändernden Meinungen, die bei Jugendlichen durchaus auftreten, wäre ein solcher Einfluss «zum trans sein» für ihn nicht vertretbar. Ich möchte hier durchaus anmerken, dass eine Geschlechtsumwandlung immer noch genügend strikt geregelt ist, dass man sie nicht einfach spontan im Vorbeilaufen organisieren könnte. Viele meiner Bekannten mussten regelrecht darum kämpfen, was ihnen viel Energie nahm.

Die Frage nach Abtreibung und deren Legalität beantwortete Beat, ohne eine halbe Sekunde zu zögern, mit «Wir sind klar fürs Leben». In der Schweiz ist es legal, und dies würden sie respektieren sowie die Freiheit anderer Personen, selbst abzutreiben.

Drama bei der Abspaltung?

Ich erkundigte mich nach der Abspaltung der EBG, und ob es «Differenzen» – als euphemistisches Wort für Streit – gegeben hätte. Beat war Gemeindeleiter – Präsident der GfC– zur Zeit der Reformen, der Namensänderung, und als die EBG sich abspaltete. Er erzählte mir, dass sie Differenzen hatten, aber eben nur im wörtlichen Sinne: Sonst hätte es auch keine Abspaltung gegeben. Die beiden Gemeinden hätten die Abspaltung friedlich geregelt, es fielen keine bösen oder lauten Worte, und die Differenzen scheinen primär aufs Gesetzliche ausgelegt zu sein. Ich stellte mir dabei vor, wie meine EBG-Bekannten mit Beat und anderen GfClern an einen Tisch sassen, vor und nach der Diskussion gemeinsam beteten, jeder mit der Bibel auf dem Tisch und, wenn es eine Diskussion gab, teils auch in der Bibel nachgeblättert wurde. Es war leider nicht so, aber sie seien an einem Tisch gesessen und hätten respektvoll, wenn auch angespannt, diskutiert, wie sie was machen wollten. Interessant fand ich, dass das ehemalige GfC-Lokal in Wetzikon an die EBG überging, und die GfC sich ein neues Lokal suchen musste. Beat erklärte mir, dass es bei diesem Lokal schnell klargeworden wäre: Der Vermieter besuchte die EBG und kündigte der GfC. Dies akzeptierte die GfC. Die EBG kaufte ihnen das Inventar ab, und Beat erzählte, dass die GfC auch den Mietzins, den sie üblicherweise noch länger hätten zahlen müssen, nicht mehr zahlen müssten. Nach den exakten rechtlichen Bedingungen erkundigte ich mich nicht. Ich fand es aber doch spannend, wie es ablief. Ausserdem, so erzählte mir Beat, sähe er sowieso EBG-Bekannte am Samstag. Das Konfirmationslager-Equivalent, das bei ihnen «Unterweisung(skurs)» heisst, ende, und sie hätten doch bei vielen Familien noch Verwandte in der EBG. Ich bin ja mal gespannt, ob ich später von der EBG was zur GfC höre.

Biblische Freiheit

Die nächste Frage bezog sich auf die Kinderliteratur mit Fantasyelementen. In der EBG war das klar nicht akzeptiert, meine Harry Potter Bücher musste ich damals wegwerfen. Beat betonte wieder, dass sie bewusst nicht gesetzlich wären, und dass sie Eltern ermunterten, genau hinzusehen, was ihre Kinder konsumieren. Hier galt wieder die Freiheit jeder Person. Die Entwicklung des Kindes sei zu berücksichtigen, was ja bei Filmen mit Altersangaben, wie beispielsweise «grusligen» Filmen, bereits ein Stück weit gemacht würde. Neben der bewusst schwammig gehaltenen Antwort gab es nur eines, das er klar kommunizierte: Okkultes sei in seinem Ursprung ganz klar gegen Gott. Dabei ist nennenswert, dass er nicht alles ansatzweise Okkulte in diese Ecke stellte.

Während der Beantwortung meiner Frage holte Beat seine Bibel und entschuldigte sich kurz dafür, dass es eben die Lutherversion (mit Luthervokabular) war. Ich verwende hier die Lutherbibel 2017. Er las vor, aus Galater 5, Vers 13: «Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.» und bezog sich auf 1. Korinther 6, Vers 12 (wo ich aber, wie Beat meinte, noch weiterlesen soll): «Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.» Ich merkte, dass er dieses Konzept schon von Anfang an meinte, jedes Mal, wenn er kommentierte, dass die Fragen sehr gesetzlich seien.

Beat fügte auch an, wer Sünde predige, müsse auch christliche Freiheit predigen können. Er betonte die Wichtigkeit dieser christlichen Freiheit, und dass die Gesetzlichkeit, die uns beiden, wenn auch auf eine etwas andere Art, durchaus bekannt ist, zwar gut gemeint ist, aber nur zu Leid und Not geführt habe. Das kann ich bestätigen: Wenn man für jede einzelne Situation seines Lebens eine Regel hat, dann wird einen irgendwann mal schwindlig. Besonders, wenn man niemanden zuhause hat, der es einem sagt, sondern nur von anderen darauf aufmerksam gemacht wird. Und auch wenn man jemanden hat: An alles halten kann man sich nie. Und dann leidet man an der «Regelverletzung». Ich verstehe, wie die GfC sich sehr bewusst von diesem Ansatz distanzieren will. Mich hat es auch immer belastet.

Der EBV stammt ursprünglich aus dem Blauen Kreuz, wo Prediger Fritz Berger sich vom Blauen Kreuz abspaltete und den Evangelischen Brüderverein, erst «Freies Blaues Kreuz des Kantons Bern», gründete. Berger war einst alkoholsüchtig, und so blieb der EBV lange sehr alkoholfeindlich. Die GfC verfolgt diesen Ansatz nicht mehr und erklärt, dass Alkohol zu trinken grundsätzlich nicht sündig ist. Wer aber merkt, dass er in eine Sucht gerät, dem würde Beat – wenn diese süchtige Person auf ihn zukommt – Alkoholabstinenz empfehlen. Beat selbst ist und war abstinent, was er auch in der Predigt erzählte.

Ein Fazit

Mein Eindruck ist, dass die GfC in ihrer Vergangenheit sehr viele Erfahrungen damit gemacht hat, was passiert, wenn man so viele Regeln hat und so klar definiert, was inwiefern wie stark sündhaft ist. Davon will sie sich jetzt, auch im Rahmen der Modernisierung, klar distanzieren. Sie glauben nur an das, was klar in der Bibel steht, und alles andere möchten sie nicht definieren. Dabei würde ich diesen Ansatz wie folgt in einem Beispiel darstellen: In der Bibel steht nicht explizit, ob ein schwuler Mann in gleichgeschlechtlicher Beziehung sich taufen lassen darf, oder eben nicht. Also sagt die GfC auch nicht, dass es nicht erlaubt wäre. Was nicht geregelt ist, das wird den einzelnen Personen und Gottes Führung überlassen. Ich denke, das ist auch ein Grund, warum mir persönlich die GfC so sympathisch ist, auch wenn ich viele Grundeinstellungen der Gemeindebasis vermutlich nicht mehr teile. Wer sich die Finger an einem Gesetz (nicht juristisch gemeint) verbrennt, wie ich es auch erlebt habe, der schätzt eine bewusste Distanz zum Gesetzlichen mehr als einfach weniger Gesetze.

Angela Heldstab, 26.07.2023

Lexikoneintrag GfC

Ex-EBG-Mitglied besucht konservative Endzeit-Gemeinde Mitternachtsruf

Das Thema des Gottesdienstes war angekündigt als «Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse – Teil 1». Ich las also erst mal Genesis 3, und fragte mich, wie stark es heute heissen würde «Eva ass vom Baum», im Rahmen eines sexistischen «die Frau ist an allem schuld».

Als ich in Dübendorf an der Tramhaltestelle ausstieg und – nach kurzem Überprüfen auf Google Maps – in Richtung Mitternachtsruf lief, erhielt ich schnell den Eindruck, dass die Gemeinde irgendwie doch grösser war als ursprünglich angenommen. Es waren nicht mehr viele Personen auf der Strasse, doch jemand stand mit Leuchtrohr dort, um den Autos den Weg zu zeigen. Beim Herumschauen merkte ich, dass das Gebiet «Mitternachtsruf» auch nicht einfach eine Halle umfasst, sondern dass die offizielle Adresse Ringwiesenstrasse 12A eher das Büro beinhaltet, während es daneben ein Seniorenzentrum – mit Büchertisch – und ein Gebäude für Gottesdienste gab. Das Gottesdienstgebäude, auf welchem «Evangelische Gemeinde Mitternachtsruf» stand, heisst offiziell «Zionshalle». Nur schon die Tatsache, dass die Halle wirklich Zionshalle heisst, reicht, um zu wissen, dass diese Gemeinde sehr israelfokussiert ist. Das ergibt auch Sinn, berufen sich Endzeitler häufig auf die Gründung des Staates Israel als einen der entscheidendsten Wendepunkte in der «sind wir in der Endzeit und wie bald kommt Jesus»-Frage. Und der Mitternachtsruf ist besonders bekannt für seinen Fokus auf der Endzeit. Auf der Treppe zur Halle waren einige junge Erwachsene, vermutlich etwa in meinem Alter und älter (zwischen 20 und 30). Vor der Tür standen zwei Männer, die alle begrüssten. Einem sagte fast niemand hallo – er stand eben nicht so «im Weg» wie der andere – und er tat mir etwas leid, weil er einfach dem anderen beim Händeschütteln zuschauen musste, und so erbarmte ich mich und ging zu ihm, um ihm auch die Hand zu schütteln. Dem anderen musste ich sie dann auch schütteln, weil er eben «im Weg» stand, und einfach vorbeizulaufen wäre zu gemein. Erste Hürde geschafft. Ich betrat die Halle und war erst mal erschlagen von der Menge der Personen. Die ersten zehn Reihen waren gefüllt – mit was, 15 oder mehr Personen pro Reihe? Die restlichen Reihen waren ebenfalls gesund gefüllt, nach hinten liess es nach. Ich zählte nicht und suchte mir einen friedlichen Platz etwas weiter hinten, wo die jungen Erwachsenen eher hingingen, aber 200 Personen waren es bestimmt. Und das an einem schönen Sonntag, mitten in den Sommerferien. Vorne spielte eine Musikgruppe. Christlicher Gesang, eine Querflöte, zwei Geigen, und ein Klavier. Diese würden uns auch während dem Gottesdienst jeweils begleiten. Das war angenehm, denn während dem Gottesdienst gab es zwar keine Noten zum Gesang, aber die Sängerin war genügend laut – mit dem Mikrofon – und sicher in der Melodie, sodass es keine Verwirrung gab.

Eine Einleitung – erquickend oder ermüdend?

Der Gottesdienst wurde eingeleitet mit einer Begrüssung und Freude darüber, dass es trotz Urlaubszeit doch noch einige geschafft hätten, aufzutauchen. Als einleitendes Thema verwendete der Moderator Oppenheimer, der Film über einen Chemiker, der an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war. Diesen Film und die damit zusammenhängende Geschichte verwendete er zur Beschreibung der Menschen, die immer weiter von Gott abfielen. «Und wo diese Gottlosigkeit ihren Ursprung hat, das hören wir heute von Thomas Lieth», sagte der Moderator. Nur schon, wie er das Wort «Gottlosigkeit» sagte. Es war betont, intensiv, fast schon hasserfüllt. Bevor wir aber noch mehr über diese gottlosen Menschen hören mussten – oder durften – wurde gebetet. Der Moderator übergab die Verantwortung des Gottesdiensts im Gebet an Gott, indem er betete «Ich befehle dir diesen Gottesdienst an». Der Wortgebrauch ist mir durchaus von der Evangelischen Bibelgemeinde EBG, meiner alten, konservativen Freikirche, bekannt, aber doch sehr antiquiert. Auch das Wort «erquicken» verwendete er, als hätte er es neu für sich entdeckt. Heisst: Konstant. Ich fühlte mich weniger erquickt und mehr ermüdet, nur schon nach dieser Einleitung. Glücklicherweise sangen wir aber erst ein Lied, bevor es weiterging. Das Lied war angenehm zu singen, vom Stil her Kirchenlied, vom Text her fast mehr Fokus auf Jesus als in Landeskirchen üblich. Die «Band» spielte dazu. Dann gab es noch mehr einleitende Worte, in denen allen möglichen anderen Predigern gedacht wurde, ein Bericht über ein gut vollendetes Sommerlager, an dem gar nichts zu bemängeln gewesen sei, was am Gebet der Gemeinde gelegen hätte, und einige Termine. Darunter: «Arabischer Treff», ein Treffen für arabisch sprechende Christen, mit dem Thema: «Wie spreche ich mit meinen muslimischen Freunden über das Evangelium?». Dann erneut ein Lied («was verlangt der Herr», aber die einzige Antwort im Lied war «ich will ihm alles geben»), und dann noch mehr Mitteilungen. Eine Einladung zu einer Hochzeit für die ganze Gemeinde, was ich schonmal fragwürdig fand – wer lädt über 200 Personen der Gemeinde an die Hochzeit ein? Kommt das nicht viel zu teuer? Oder wird das anderweitig kompensiert? – und ein Frauen- und Generationenabend namens «Ich und die Welt», was für konservativ-stämmige Personen wie mich dann doch sehr aussagekräftig ist. «Die Welt», das ist nicht einfach alles hier, sondern das ist die sündhafte, gottlose Welt, in der die Christen so viel Personen wie möglich missionieren müssen. Anhand des Fokus auf die Gottlosigkeit bereits in der Einleitung dürfte diese Ansicht der Welt dann doch auf den Mitternachtsruf zutreffen. Ein Musical, «De Schatz im Acker», würde auch stattfinden, und man solle doch seine Bekannten einladen. Es müsse live gesehen werden, um die missionarische Botschaft weiterzubringen. Ja, ich hoffe, ich werde nicht eingeladen, wir hatten noch nicht einmal Beginn der Predigt erreicht und ich war schon da müde vom Mitternachtsruf. Ein ganzes Musical? Nett gemeint, aber nein danke. Nach Ansage, wofür die Kollekte sei – die Mission in Bolivien – kam kurz nach dem Lied «Herr, sei mir nah» auch endlich die Predigt näher.

Der Moderator nannte den heutigen Predigttext (Genesis 2, Vers 4-17), und kommentierte, dass wir nun hören würden, welche «Botschaft Gottes» dem Prediger «auf das Herz gelegt wurde». Es wurde gebetet, wir sollten erquickt werden, und alles Störende sollte weggenommen werden. Dieses Gebet funktionierte im Gegensatz zum Sommercamp-Gebet leider nicht, denn jemand schüttelte (unabsichtlich) die ganze Zeit meine Stuhlreihe, wohl indem er auf den Boden «stampfte» (das besonders bei Personen mit ADHS verbreitete Beinzappeln, das niemand kontrollieren kann) und hörte erst nach meinem mehrfachen subtilen Umdrehen damit auf, um später wieder anzufangen. Und: einmal ging irgendwo ein Handy los. Das wäre ja nicht schlimm gewesen, und ich dachte mir tatsächlich, ja, das kommt davon, wenn man sich zu viel aufs eigene Gebet einbildet. Der Prediger trat also zum Rednerpult und begann, über Adam und Eva und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu sprechen. Mein erster Eindruck seiner Stimme? Eine absolute Hörbuchstimme. Ich hätte schwören können (wenn ich denn schwören würde), ihn bereits einmal in einem dieser christlichen Hörbücher meiner Freunde in der EBG gehört zu haben.

Eine zerrissene Gesellschaft

Thomas Lieth sprach über ein Prinzip des Gehorsams, denn es könne keine grenzenlose Freiheit geben, die friedlich sei, darum brauche es Regeln und Rücksichtnahme. «Wenn jeder seine Rechte einfordert […], wird die Gesellschaft zerrissen.» Wer wohl seine Rechte nicht haben darf? Der christliche Prediger da vorn? Der stereotypisch heterosexuelle, alte, weisse cis Mann, der Thomas Lieth zu sein scheint? Oder darf er die Rechte haben und dafür alle anderen nicht, weil sonst wird die Gesellschaft zerrissen? Darf er wählen, wer die Rechte hat? Anscheinend schon, denn was alles falsch sei, davon sprach er später. Einleitend aber erzählte Lieth, dass Regeln Konsequenzen brauchen, ansonsten sei der Gesetzgeber unglaubwürdig und überflüssig. Interessant war auch, wie häufig die Gemeinde über seine Aussagen und Witze lachte. Nicht sehr nett formuliert verstehe ich es in dieser inhaltlich trostlosen Kirche, dass man wenigstens ein wenig lachen möchte. Die Predigt war nämlich voll von einem Menschenbild, in dem der Mensch nichts, aber auch gar nichts Gutes tun kann. Der Mensch, der könne nur Gutes meinen, aber nicht Gutes tun, und er könne nicht Böses lassen, so sagte es Thomas Lieth. Da ich am selben Tag auf meinem Weg bereits einer nicht sehr IT-affinen Frau mit den Zugverbindungen, und auch schon im Rahmen meines Lebens anderen Personen effektiv geholfen hatte, fragte ich mich, wer denn entscheidet, was gut ist und was nicht. Wird die Frau jetzt verdammt, nur weil sie diesen Zug genommen hat? Wobei, da ich ja angeblich nicht imstande bin, Gutes zu tun, hätte ich ihr wohl anscheinend genau gleich viel Gutes getan, indem ich sie einfach ignoriert hätte. Schliesslich kann ich, als Mensch, das Böse ja anscheinend nicht lassen.

Der böse Sündenfall

Lieth erzählte, wie alles Sündige vor dem Sündenfall «unbekannt» war. Und wie er erzählte: Melodisch wunderbar. Es ging in etwa so: «Neid? UNBEKANNT, Völlerei? UNBEKANNT». Wie aus dem Hörbuch. Ich konnte es aber doch irgendwie nicht ganz ernst nehmen. Es grenzte zu stark ans Theatralische. Kurz nachdem er angefangen hatte, dieses perfekte Paradies, von dem weder Adam noch Eva wussten, dass es sich um ein perfektes Paradies handelte – wie auch? Sie kannten nichts anderes -, zu beschreiben, ersehnte ich mich nach der Erlösung von dieser Qual. Es würde aber noch genügend Zeit brauchen. Ich machte mir noch einige Gedanken zum Anfang von Genesis selbst. Es ist durchaus anzumerken, dass die Art, in welcher über Gott gesprochen wird, stark polytheistisch geprägt ist. Erstens mal gibt es die zwei widersprüchlichen Schöpfungsmythen aus Genesis 1 und Genesis 2, dann kommt Gott und spaziert im Garten, um nackte Eva und nackten Adam versteckt vorzufinden. Und dann sagt er, der Mensch sei wie «wir» geworden. Wer denn? Wohl nicht den dreieinigen Gott, der nur noch über «mich» spricht? Die häufigste Ausrede ist das literarische «Wir» als Zeichen von «grosser Macht», und dass Gott herumspaziert, ist eben, weil damals noch Gemeinschaft mit Gott möglich war. Heute ist es unvorstellbar, aber an allem ist der Sündenfall schuld. Woran auch sonst. Meistens ist auch noch Eva mehr schuld als Adam, auch wenn der genauso gut nein hätte sagen können. Über das regte ich mich aber nicht das erste Mal beim Mitternachtsruf auf, also lassen wir dieses Thema besser.

«Künstliche Intelligenz» – ein Schlagwort für Menschen, die nicht wissen, was es ist

Der Prediger fuhr fort und erklärte, wie Gott eben Menschen mit freiem Willen wollte, denn schliesslich wolle er keinen Roboter, der einfach «gehorsam» Befehle ausführte. Und so sagte Thomas Lieth: «Gott hat eben keine künstliche Intelligenz, sondern eine lebendige Intelligenz geschaffen!» Dies unterhielt die Gemeinde bestens, stiess aber auf einen ungünstigen Punkt bei mir. Ich studiere Computerlinguistik, und künstliche Intelligenz, wie sie funktioniert, wie wir damit arbeiten, was Risikofaktoren und ethische Aspekte sind, und noch einige weitere Punkte sind essenzielle Bestandteile meines Studiums. Meinen Bekannten zuzuhören, was sie denken, was künstliche Intelligenz beinhalte, ist mal unterhaltsam, mal anstrengend, besonders, wenn sie so tun, als wüssten sie es. Und dann steht der Hörbuchprediger da und erzählt von künstlicher Intelligenz, als wäre es einfach eine Liste von Regeln. Eine Liste von klar definierten Regeln an einen PC geben, ein sogenanntes «Skript» schreiben, beispielsweise mittels einer Programmiersprache wie – in unserem Fall – Python, um beispielsweise einen Text zu verarbeiten, das ist einfach. Gemütlich. Sobald man die Logik und die Programmiersprache drin hat, geht das innerhalb von kürzester Zeit. Aber Künstliche Intelligenz? Das ist komplizierter.

Ein kurzer Exkurs

Ich versuche es hier, möglichst nachvollziehbar darzustellen, möchte aber darauf aufmerksam machen, dass eine solche Erklärung nie ganz vollständig ist. In erster Linie verwenden wir maschinelles Lernen, wobei wir ein Modell trainieren (= das Lernen), welches später verwendet wird. Dabei handelt es immer sich um einen primär mathematischen Prozess, und bei der Computerlinguistik selbst liegt der Fokus auf der Sprachverarbeitung. Wörter werden dabei in Vektoren, also eine Reihe von Zahlen, umgewandelt, wobei diese Vektoren den Kontext, in welchem die Wörter auftauchen, thematisieren. Wörter, die häufig im selben Kontext auftauchen, haben ähnlichere Vektoren – was man ja auch ausrechnen kann – als Wörter, die nie im selben Kontext auftreten. Diese Vektoren verwendet man dann als «Input» in einer (durchaus sehr, sehr langen) mathematischen Funktion, um beim «Output», also dem finalen Ausrechnen der Funktion, andere Vektoren, die ebenfalls Wörter darstellen, zu erhalten. Die Funktion selbst ist in ihrer einfachsten Form, beim einfachsten Training, eine lineare Funktion: f(x) = y = ax + b. Die Konstanten a und b werden beim Training geändert – ein Hauptteil des Trainings – und bleiben dafür bei der Anwendung konstant. Natürlich wird die lineare Funktion in ihrer einfachen Form nur zum Illustrieren der Prozesse verwenden, realistisch sind die Funktionen komplizierter. Der Output der Funktion sollte möglichst nahe am idealen Output, den der Mensch vorgibt, sein. Wenn der Output beispielsweise 20 sein soll, und x = 3 ist, dann müssen a und b so verändert werden, dass y möglichst 20 ist (zum Beispiel a=5 und b=5). Und das jetzt mehrmals. Wie bei einem linearen Gleichungssystem, nur für zehntausende von Fällen, und somit auch nur noch Annäherungen. Für alle kann es nie stimmen, und so ist eine 100%-Übereinstimmung ist dabei nie zu erwarten. Ab 80% sind wir schon gut dran, ab 90% sehr gut. Ein solcher Ansatz wird beispielsweise beim maschinellen Übersetzen, also DeepL, verwendet. Dabei kommen die Wörter aus dem Input und die Wörter aus dem Output aus einem, üblicherweise sehr grossen, Datensatz der beiden Sprachen, von denen wir übersetzen möchten. Natürlich gibt es noch sehr viele weitere Faktoren zu berücksichtigen, aber das sprengt den Exkurs dann wirklich. Sprachmodelle wie ChatGPT funktionieren ebenfalls mathematisch und mit riesigen Datensätzen, aber mit viel grösserem Fokus auf Statistik. Dort wird gezählt, wie häufig ein Wort unter welchen Umständen vorkommt, diese Häufigkeiten werden in ein «statistisches Modell» umgewandelt, und dieses statistische Modell generiert dann, basierend auf Statistik, einen neuen Satz. Das Trainieren hier beruht auf dem Ausrechnen all dieser Wahrscheinlichkeiten. Dabei essenziell ist der Satz von Bayes, der die Wahrscheinlichkeit beschreibt, dass ein Ereignis eintritt, unter der Bedingung, dass ein anderes Ereignis eingetreten sei. Also: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf das Wort «Jesus» direkt «Christus» folgt? Mit diesen Wahrscheinlichkeiten erstellen wir ein Sprachmodell.

Ganz kurz zusammengefasst: Maschinelles Lernen und die damit verbundene künstliche Intelligenz ist alles in allem reine Mathematik, aber weil die Datensätze nicht exakt sind, da eben alles ausserhalb der exakten Wissenschaften nicht exakt ist, kann die Mathematik auch nicht immer das exakt Gewünschte oder «Richtige» ausrechnen. Unsere Modelle irgendwie so zu manipulieren und anzupassen, dass es möglichst nahe drankommt, ist einer der Ansätze. Ausserdem benötigen wir einen genügend grossen Datensatz, der aber auch noch brauchbar sein muss. Weil kein Datensatz perfekt ist, muss aufgeräumt werden, und was man berücksichtigen will und was nicht, muss auch entschieden werden. Oder wie man ein trainiertes Modell, das aber beispielsweise unbeabsichtigt rassistisch wurde – weil der Datensatz rassistisch war und es niemand merkte, weil er zu gross war – ändert. Das sind alles Themen, die nicht mit ein paar simplen Regeln geklärt werden können, wie wir ein Skript «debuggen», also von Fehlern und ungewünschten Nebeneffekten befreien können. Zum Training selbst benötigen wir ausserdem einen Computer, der ausreichend leistungsfähig ist. Und trotz aller Massnahmen wissen wir doch nicht, ob wir am Ende das erhalten, was wir wollten. Die Funktion ist zu kompliziert, die Vektoren zu unterschiedlich, die Modelle zu vielfältig, als dass man alles genau ausrechnen und nachvollziehen könnte. KI und die damit verbundene Mathematik mögen sehr viel tun können und nicht sehr menschlich sein – abgesehen vom Irren -, aber ein «Gehorsamsroboter» ist das auf keinen Fall. Ja, wenn Künstliche Intelligenz so einfach wäre, wie Thomas Lieth es dargestellt hatte… dann wären mein Studium und die ganze Forschung zwar signifikant einfacher, aber bemerkenswerterweise wohl auch langweiliger. Der Unterschied zwischen Skripts und künstlicher Intelligenz ist vielen Personen unbekannt, was ja nicht schlimm ist, solange sie nicht so tun, als wüssten sie, was künstliche Intelligenz ist.

Eine theologische Diskussion? Wie satanisch!

Die Predigt wechselte dann vom ungehorsamen Menschen zum Fokus auf Liebe und Vertrauen. Mit Liebe wurde Gottes Liebe dem Menschen gegenüber und mit Vertrauen ein blindes Vertrauen der Menschen Gott gegenüber gemeint. Mit der Erklärung, dass Satan Gottes Wort in Kapitel 3 infrage stellte, kam Lieth zum Schluss, dass Menschen nie das Wort Gottes in Frage stellen sollten. Ja, wir sollen sein «wie ein Kind, das sich liebenden Eltern unterstellt». Seit wann machen Kinder das? Die einzigen Kinder, die genau das tun, was ihre Eltern wollen, sind wohl die, welche die Bestrafung fürchten. Oder die, welche zufälligerweise sowieso das tun wollen, was ihre Eltern auch wollen. Und die eigenen Eltern in Frage stellen ist wohl auch kein neues Konzept. Vielleicht hätte er angeben müssen, wie alt das Kind genau sein sollte, denn ein Kind macht doch einige Phasen durch in seiner Entwicklung. Vielleicht gibt es ja eine «Gehorsamkeitsphase» (wohl kaum). Und Lieth sprach weiter und je mehr er sprach, desto mehr hörte ich «Wenn Gott jemanden sendet, der die Bibel infrage stellt, dann ist das ein Test von Satan.» Spannend war, wie er kommentierte, dass Eva Gottes Wort falsch wiedergab, sie sagte nämlich zu Satan, man dürfe weder die Frucht essen noch sie berühren. Im Kapitel vorher hatte Gott aber zu Adam gesagt, man dürfe sie nicht essen – von Berühren war keine Rede. Soweit konnte ich Lieth zustimmen, meine Bibel sagte dasselbe. Allerdings: Dass Gott es auch Eva gesagt hätte, kam nirgends in der Geschichte vor. Dass hier vielleicht sogar Adam Gottes Wort verdreht hätte, auf die Idee kam Lieth gar nicht. Nein, Eva war schuld. Sie hätte Gott direkt fragen sollen, so erklärt Lieth, wenn sie Zweifel hätte, und nicht Satan zuhören (wobei sie meiner Einschätzung nach eher erst mal die Frucht berührte, sah, dass sie nicht starb, obwohl es hiess, sie würde sofort sterben, und dann entschied, sie zu essen). Schliesslich hätte sich Eva auf eine, wie Lieth es nennt, «theologische Diskussion» eingelassen. Im Moment, als er das sagte, war mir klar: Diese Gemeinde predigt, keine Zweifel zu haben, Zweifel sofort zu beseitigen, und jedes kritische Wort direkt auszublenden, damit es dem eigenen Glauben nicht schade. Dass Zweifel einem Glauben guttun können, darüber wurde nicht gesprochen. Ein theologisches Bild, das keine Kritik aushalten kann, ist vielleicht auch einfach zu schwach, um auf den eigenen Füssen zu stehen. Kennzeichnend war auch, wie Lieth sagte, das erste Wort, das Satan (die Schlange) spräche, wäre eine Lüge. Das stimmt nicht, denn es handelt sich dabei um eine Frage. Eine Frage kann suggestiv sein, aber sie ist keine Lüge, denn es handelt sich dabei nicht um eine Aussage. Ich weiss nicht, was mich mehr enttäuscht: zu wissen, dass solche Kritik direkt abgeblockt werden würde, oder die Tatsache, dass ich so Offensichtliches dann doch noch ausschreiben muss, um es klar zu stellen.

Ist es wirklich so gemeint?

Es ging weiter mit einer Runde von Fragen, ob Gott gewisse Bibelstellen wirklich so gemeint habe. Die Beispiele? «Praktizierende Homosexualität, keinen Sex vor der Ehe, dass Gott Mann und Frau geschaffen hat». Kurz: Ein homosexuelles Paar ist sündig, Sex vor der Ehe sowieso, und dass Gott «Mann und Frau» geschaffen hat, bedeutet übersetzt, dass er keine trans Personen geschaffen hätte. Und Lieth fragte (rhetorisch): «Soll Gott gesagt, und es so gemeint haben?» Ja, das Nicht-Akzeptieren und Nicht-Tolerieren von anderen ist offensichtlich so wichtig, dass es gar nicht infrage gestellt werden darf. Die Liebe, die Menschen gemäss Gebot der Nächstenliebe haben sollten, war im Mitternachtsruf gar nicht zu spüren. Satan stelle Gott als Lügner dar, er sage «glaub doch nicht alles, was da geschrieben steht». Dass Eva und Adam einfach neugierig waren, kann ich ihnen nicht vorwerfen. Lieths Beispiel aber kann ich ihm vorwerfen. Er beschrieb den Grund für das Essen als «Gier nach mehr». Meines Wissens dürfte eine unberechtigte Gier, also eine Gier nach etwas, das man nicht hat, aber auch nicht braucht, durchaus als sündig klassifiziert werden. Vor allem mit den Beispielen «Neid» und «Völlerei», die ja angeblich vor Sündenfall gar nicht existiert hätten. Irgendwie stand der Prediger da und erklärte einerseits, dass es gar keine Sünde gab vor dem Sündenfall, aber gleichzeitig gab es dann doch die Sünde der Gier, die den Menschen in den Fall brachte. War da jetzt Sünde oder nicht? Ist Neugier die schlimmste Sünde? Schliesslich hat sie das ganze Sündengefälle ausgelöst. Und wenn sie, bevor sie vom Baum assen, nicht gut und böse unterscheiden konnten, wie hätten sie wissen sollen, dass eine Regelverletzung eben nicht gut, sondern böse ist? Auch Kinder lernen, dass Handlungen Konsequenzen haben, und wenn das eben ihre erste Handlung war, und sie nie lernten, dass es Konsequenzen gab, ist es wohl verwerflich zu behaupten, dass sie von Grund auf böse seien. Aber nicht nur die Gier nach mehr sei das Problem (gewesen), wie Lieth erklärte, sondern der «grenzenlose Hochmut, Gott sein zu können». Denn wer Gott ist, der braucht keinen Gott. Sagt man zumindest im Monotheismus. Im Polytheismus sind mehrere Götter doch vereinbar. Dann begann eine wunderschöne Auflistung von Dingen, was die Welt macht und was sie erntet. Dabei waren: «Man lehrt Evolution und erntet der Stärkere gewinnt» (wobei die Schwachen heute mit der Lehre der Evolutionstheorie stärker geschützt werden als im Mittelalter, wo man an eine Schöpfung in sechs Tagen glaubte), «Sie wollen das Klima schützen und töten die Kinder im Leib der Mutter» (was herzlich wenig miteinander zu tun hat und einfach ein politisches Statement ist), «sie sprechen über Toleranz und dulden keine zweite Meinung». Ja, das nennt man das «Toleranzparadox». Wer tolerant ist, der ist Intoleranten gegenüber intolerant. Die Tolerierten haben dabei nichts, worüber sie sich beklagen könnten, aber die Intoleranten schon – sie werden nicht toleriert. Kurz: Wessen Meinung es ist, dass jemand keine Existenzberechtigung verdient, den toleriere ich nicht. Existieren zu dürfen und seine Identität frei zu finden ist nicht dasselbe wie anderen Personen dies abzusprechen. Eines schränkt niemanden ein, das andere schon. Auch schön: «Sie reden über Menschenrechte und missachten Gottes Recht». Sie stellen Menschenrechte infrage. Eine Grundlage für unsere Gesellschaft heute. Eine Bewegung, die unabhängig ihres Ursprungs mehr Nächstenliebe in sich vereint als die ganze evangelische Gemeinde «Mitternachtsruf». Die Bibel lesen sie anscheinend wirklich nur dort, wo es ihnen gerade passt. Ob sie wohl auch was gegen Amnesty und andere Menschenrechtsorganisationen haben, die eben ohne missionarische Ziele Menschen helfen? Ist es Gottes Recht, dass Menschen nur aus physischen Notlagen befreit werden dürfen, wenn sie dafür bekehrt werden? Was genau versucht der Mitternachtsruf, den Menschenrechten abzusprechen?

Die Predigt endete mit der Aussage, der Mensch könne schliesslich nichts Gutes tun, und: «Geh zu Jesus. Dann bist du nicht wie Gott, aber zuhause.» Bei Jesus vielleicht schon, aber nicht in dieser Kirche. Den barmherzigen und liebenden Gott aus dem Neuen Testament konnte ich in diesem Gottesdienst nirgendwo wiedererkennen.

Es gab wieder ein Gebet nach der Predigt, dann sangen wir «Amazing Grace» mit deutschem Text, und dann war es vorbei. Ich packte meine Sachen und bemerkte, wie andere Personen meiner Stuhlreihe darauf warteten, dass ich fertig würde. Ich machte mich aus dem Weg und stellte mich in die andere Reihe, um alles schön in meiner Tasche zu versorgen. Die drei Männer, die während dem Gottesdienst hinter mir sassen (und dank denen ich schönen Gesang von hinten hörte, auch wenn sie nicht ganz alles trafen), betrachteten mich meiner Auffassung nach ein wenig zu lange. Vielleicht bin ich auch eitel, aber ich erhielt doch auch bei anderen Frauen den Eindruck, dass diese und andere Männer sie etwas länger angeschaut hätten als notwendig wäre, um zu erkennen, ob diese Person bekannt ist und man ihr «Hallo» sagen sollte. Und der Blick war zu genau und zu forschend, als dass es einfach darum gegangen wäre, dumm reinzuschauen, weil man eben sonst nichts anzuschauen hat. Dass die Gemeinde als Ort, potenzielle Partner kennenzulernen, dient, ist nichts Neues, das gab es schon vor hundert Jahren – aber gerade so offensichtlich war es bei anderen christlichen Gemeinden, die ich bereits besucht hatte, dann doch nicht. Ist der Mitternachtsruf etwa weniger Kirche und mehr Datingportal für konservative Christen?

Angela Heldstab, 25.07.2023

Lexikoneintrag Mitternachtsruf

Tagung zu Verschwörungsdenken, Esoterik und Conspirituality an der Universität Basel

Als ich mich am Morgen der Tagung auf den Weg nach Basel machte, war ich darauf vorbereitet vor allem mehr über das Thema Verschwörungsmythen und Esoterik zu erfahren, um auch neue Erkenntnisse der Wissenschaft bei Relinfo einfliessen zu lassen. Doch es würden 8 Stunden sein, die mich lehrten, wie viel ich noch über Verschwörungsdenkende, Esoterik und Conspirituality (einem Wortspiel mit Conspiracy, also Verschwörung, und Spirituality) lernen kann. Die Tagung wurde im Rahmen der SNF-Projekte Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im ‚postfaktischen‘ Zeitalter“ und „Contentious Non-Compliance with Pandemic Response“ geführt. Durch die Covid-19 Pandemie wurde der Blick des Projekts auch auf Coronaleugner*innen oder Coronaskeptiker*innen geworfen. 

Ziel der Tagung war es durch die Forschung über Verschwörungsdenkende die Lücken zwischen Spiritualität, Verschwörungsmythen, Esoterik und im Weiteren auch zu Religion zu schliessen. Dies führte auf eine wilde aber auch spannende Achterbahnfahrt durch verschiedenste Vorträge. Es gab Präsentationen zu Studien, welche eher den geschichtlichen Hintergrund von Esoterik und Verschwörung erleuchteten, über Mythen und Entzauberung als gemeinsames, dann gab es aber auch Vorträge, welche mehr auf den Hintergrund eines Verschwörungsgläubigen eingingen und so auch Erfahrungen und Charaktereigenschaften miteinbezogen.

Covid-19 als Auftakt zu neuen Studien über Verschwörungsdenkende

Die Covid-19 Pandemie war für das oben genannte SNF-Projekt ein Weg, mehr über Verschwörungsdenkende herauszufinden. In einem Vortrag über „das Verhältnis von Autoritarismus, Verschwörungsmentalität und Aberglaube“ wurde zuerst erklärt, dass Aberglaube und Verschwörungsmythen einen Container für realitätsverleugnende Anschauungen bieten. Wenn wir an die Slogans von verschiedensten Coronaskeptikerinnen zurückschauen, können wir dem zustimmen. Auf der Webseite „back2normal.ch“ sind noch einige ihrer „Fakten“ aufgeführt, wie beispielsweise „Keine asymptomatische Übertragungen (Studie mit 10 Mio Probanden) –> Maskenpflicht sinnlos“. Diese Aussage lehnt klar die von der Mehrheitsgesellschaft anerkannten wissenschaftlichen Resultate während der Coronapandemie ab und kann zu einer ausgereiften Verschwörungstheorie führen.

Wissenschaftlich betrachtet sind verschwörungstheoretische Elemente in Krisenzeiten dominanter. Oft ist hinter Krisen, wie bei der Coronapandemie beispielweise, auch keine Sinnhaftigkeit zu erkennen, welche eine Krise vielleicht erträglicher machen würde.

Verschwörungsmythen bieten daher Feinbilder. Aggressionen und Ängste werden so ausgelagert, dass das eigene Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird und es zu einer Entschärfung der inneren Konfliktlage führt. Dabei hilft ein Satz den Verschwörungsverbreitenden besonders: „Ich bin kein Spezialist, aber wir müssen auch keine Spezialisten sein, wir brauchen einfach gesunden Menschenverstand.“ Mit diesem Satz wird einem die „Erlaubnis“ erteilt sich auch ohne wissenschaftliche Grundlage, sondern mit dem eigenen gesunden Verstand, eine Meinung zu bilden und gleichzeitig bietet einem das „wir“ in diesem Satz eine Gemeinschaft von Gleichdenkenden an. Dies wiederum bestärkt die Haltung von „wir“ gegen „sie“. Oft wird eine „Wahrheit-in-einem-selbst“- und „Hilf-dir-Selbst“-Einstellung gepflegt. Die Verschwörungsdenkenden erhalten dann eine sogenannte „Schiefheilungsdynamik“. 

Diese Punkte wurden bei einer psychoanalytischen und sozialpsychologischen Studie von Markus Brunner und seinem Team hervorgehoben. Die Studie, welche Interviews mit Verschwörungsdenkenden beinhaltet, zeigt auch auf, dass durch eine verschwörungstheoretische Erklärung oftmals schmerzhaften Erfahrungen einen Sinn gegeben werden können. 

„Hör auf dein Herz, es sagt dir, dass etwas nicht stimmt.“

Als dieses Zitat am Anfang der Tagung an die Leinwand projiziert wurde, dachte ich es würde als Beispiel für eine esoterische Haltung fungieren. Als Person, welche eher rational unterwegs ist, habe ich mir schon oft vorgenommen mehr auf mein Herz zu hören – so  überladen das auch klingen mag. Doch die Vortragenden wiesen darauf hin, dass dieses Zitat oft von Verschwörungsdenkenden benutzt wurde, um ihre Verschwörungsmythen zu untermauern. Heisst das, wenn man auf das eigene Herz hört, dass man dann gleich anfälliger dafür ist, ein oder eine Verschwörungsanhänger*in zu werden?

Bei Relinfo werden einige Merkmale von Verschwörungsdenkenden und -theorien aufgezeigt. Dazu gehört, dass Verschwörungsdenkende zwischen Gut und Böse differenzieren, eigene Gesundheitstipps verbreiten, welche sich von wissenschaftsbasierter Medizin abgrenzen oder dass sie für schwere Situationen scheinbar ein simples Rezept haben. Zu Verschwörungstheorien gehört auch, dass sie oft auf intuitiven und nicht wissenschaftlichen Grundlagen stehen. Es werden rationale Zugänge gelegt, welche aber abgrenzend zu anerkannten Wissensbeständen fungieren. Zudem gehört bei Verschwörungsdenkenden oft die Haltung dazu, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles seine Gründe hat und alles miteinander verbunden ist. So sind Verschwörungsgläubige Teil eines inneren geheimen Wissens.

Als Teil dieser Tagung, in der Verschwörungsdenken und Esoterik zusammen angeschaut wurde, komme ich nicht umhin zu erkennen, dass viele dieser oben genannten Merkmale sicher auch auf Esoterik zutreffen würden. Und wenn man nach der Namensherkunft von Esoterik sucht, findet man heraus, dass Esoterik vom altgriechischen Wort esoterikós (dt. innerlich) kommt, was so viel wie dem inneren Bereich zugehörig heissen kann. Auch diesen Ausdruck könnte man bei Verschwörungsanhängern anwenden. So führte dies unweigerlich zu meiner Frage: Was ist der Unterschied von Verschwörungsdenken und Esoterik? Gibt es diesen überhaupt? 

Verschwörungstheorie vs Esoterik 

Beim nächsten Vortrag zum Thema „Mythen der Entzauberung“ wurde mir, wie ich dachte, sogleich eine Antwort auf diese Frage gegeben. „In der Verschwörungstheorie ist das Geheimnis böse. In der Esoterik ist das Geheimnis gut.“ Diese Antwort war für mich einfach und gut nachvollziehbar. Aber sobald ich mich mit dieser Unterscheidung abgefunden hatte, kam der nächste Satz des Vortragenden, nämlich: „Aber so einfach ist das natürlich nicht.“

Daraufhin gab es einen kurzen Ausflug in die Geschichte. Zu einem deutschen Esoteriker und Künstler: Joseph Beuys. Dieser hatte seinen Einfluss vor allem in der deutschen Nachkriegszeit. Sein Bezug zu einer Art Schamanismus und zu Esoterik ist in seiner Kunst unvermeidbar anzutreffen. Ein Indiz dafür ist, dass er anscheinend echtes Tierblut und -fett für „geistige und seelische Kräfte“ in seiner Kunst verwendete. Als Schüler von Rudolf Steiner wurde er auch von dessen Lehren beinflusst. 

Rudolf Steiner vertrat die Ansicht, dass wir hier auf der Erde der Verzauberung seien und dass eines Tages ein Prozess der Entzauberung kommen werde, wodurch man dann aus eigener Kraft in die kosmologischen Welten und deren Wissen kommen könne. Das Ziel, welches die Menschheit anstreben sollte, war das Wegräumen der Entfremdung und des Misstrauens gegenüber dem Übersinnlichen, sodass eine Entzauberung stattfinden könne.

Beuys nahm die Theorie Steiners der Verzauberung und Entzauberung der Welt auf und verbreitete zusätzlich sogar die Ansicht, dass der Faschismus des zweiten Weltkrieges ein von Amerika kommendes Phänomen war. Er glaubte, dass Deutschland und die Deutschen quasi von Amerika verzaubert wurde und dies zum Faschismus in Deutschland führte. Somit liege die Schuld des zweiten Weltkrieges bei den Amerikanern. *Dasgoetheanum.com

Wie man sieht, vereinigt Joseph Beuys als anerkannter Esoteriker auch Verschwörungsmythen in sich.  Es zeigt, dass es nicht entweder Verschwörungstheorie oder Esoterik sein muss.  Dies wiederum lenkt die Diskussion weiter, dass sich in einer Person verschiedene Ausprägungen von Verschwörungsdenken, Esoterik und – hier würde ich nun auch den nächsten Begriff neu hinzufügen – Spiritualität vereinen können. 

Die 6 Typen der Verschwörungsdenkenden 

In einer Studie zum „Verhältnis von Autoritarismus, Verschwörungsmentalität und Aberglaube“ wurden an der Universität Leipzig 6 Typen von Verschwörungsdenkenden ausarbeitet. Eigentlich sollte eine Studie und ihre Ergebnisse nicht ohne Kontext angeschaut werden und schon gar nicht veröffentlicht werden. Ich war zwar an dieser Tagung und habe kleine Einblicke in verschiedene laufende Studien erhalten, aber ich habe die Studien nicht eingehend gelesen oder studiert und so ist es mir nicht möglich ausführlich auf diese Studien einzugehen. Sie wurde jedoch im November 2022 unter dem Titel „Autoritäre Dynamik in unsicheren Zeiten – Neue Herausforderungen – alte Reaktionen?“ veröffentlicht.

Die Studie zeigt für mich vor allem auf, dass es nicht DEN Verschwörungsgläubigen gibt und dass nicht alle Verschwörungsdenkende in einen Topf zu werfen sind. Sie zeigt, dass verschiedene Verschwörungsgläubige auf unterschiedliche Weise mit Verschwörungsmythen umgehen.

Die Probanden wurden mittels einer Umfrage den 6 Typen zugeteilt. Dabei wurden fünf bestimmte Merkmale und deren Ausprägungen in der Person angeschaut. Diese fünf Merkmale haben ihre eigenen Definitionen und wurden sorgfältig bestimmt.  Zu den fünf Merkmalen gehören Aberglaube, Verschwörungsmentalität, autoritäre Aggression, autoritäre Unterwürfigkeit und Konventionalismus. Die 6 ausgearbeiteten Typen sind: 1. Die externen Rechten, 2. Die Radikalisierbaren, 3. Die Unscheinbaren, 4. Die Besorgten, 5. Die Autoritären und 6. Die Pluralisten. Die ersten drei Typen haben gemeinsam, dass die Merkmale autoritäre Aggression, autoritäre Unterwürfigkeit und Konventionalismus stärker ausgeprägt waren und dies zeigt, dass sie eine eher klassische Verschwörungsmentalität besitzen, während die letzteren drei Typen eher zu Conspirituality neigen, da das Merkmal des Aberglaubens dominanter ist. 

Ausflug nach Aotearoa

Weiter oben habe ich erwähnt, dass Verschwörungsmythen vor allem in Krisenzeiten stärker verbreitet sind, da sie Feinbilder bieten können. Was ist, wenn die Feindbilder schon vor einer Krise und vor einer Verschwörungstheorie existierten und Verschwörungsmythen als Folge dieser Feindbilder entstehen? 

In Aotearoa oder Neuseeland gab es während der Coronapandemie, wie in vielen anderen Ländern, Demonstrationen gegen die Coronastrategie der Regierung. Unter den Demonstranten befanden sich ebenfalls viele eher jüngere Maori. Natürlich kann man nicht verallgemeinernd sagen, dass alle Maori Coronaskeptiker gewesen waren, da viele Maori die Massnahmen begrüssten. Die in der Studie aufgeworfene Frage war jedoch: Sind die Maori, welche in der Vergangenheit und auch Gegenwart noch immer systematische Diskriminierung erfahren, anfälliger auf Verschwörungsmythen, die den Staat zum Feindbild machen?

Die Studie läuft noch immer. Dabei wird untersucht, ob die Erfahrung von systematischer Diskriminierung ein allgemeines Misstrauen auf Regierungen oder Autoritäten gibt, welche dann in Krisenzeiten auch stärker zum Vorschein kommen können. Verschwörungsmythen können als Bewältigungsstrategien zu systematischer Ungleichheit genutzt werden.

Da die Maroi systematische Ungleichheit erfahren und somit die Feindbilder schon existieren, würde es verständlich sein, wenn zu diesen Feindbildern in Krisenzeiten auch Verschwörungsmythen einfließen, welche ihre Feinbilder verstärken. Verschwörungsmythen bieten in diesen Fällen also ein Gegennarrativ zu systematischer Diskriminierung. Um die These repräsentativ zu machen, wäre es sinnvoll auch in anderen Ländern, wo bestimmte Minderheiten systematischer Diskriminierung unterliegen, zu forschen.

Conspirituality als Ausweg 

Oben habe ich über mehrere Blickwinkel versucht aufzuführen, dass es verschiedene Arten und Ausprägungen von Verschwörungsdenkenden gibt: Erstens, Verschwörungsmyhten, welche Feindbilder bieten, um den eigenen Ängsten oder Aggressionen ein Ventil zu geben. Zweitens, Joseph Beuys, der Verschwörung und Esoterik in sich vereint. Drittens, eine Studie zu 6 Typen von Verschwörungsdenkenden. Zuletzt, schmerzhafte Erfahrungen mit systematischer Diskriminierung, welche Verschwörungsmythen einen Platz geben. 

Trotzdem werden Verschwörungsdenkende oft alle zusammen in einen Topf geworfen und als irrational und realitätsfremd betitelt. Coronaskeptiker werden gleichgestellt mit Vertreter dunkler Mächte welche das Blut von Kindern trinken, um sich zu verjüngern. Verschwörungsdenkende werden entweder belächelt oder gefürchtet. 

Im Begriff Conspirituality sehe ich einen Ausweg aus dem negativ konnotierten Konzept des einen Verschwörungsdenkenden.  Conspirituality vereint Conspiracy, also Verschwörung, und Spirituality. Unter Spiritualität wird oft eine Offenheit und ein Interesse für das wissenschaftlich Unerklärliche verstanden. Vielleicht können mit der Kombination von Verschwörung und Spiritualität die negativen Stereotypen über Verschwörungsdenkende entgegengewirkt werden.

Auch die Wissenschaft interessiert sich für den Begriff der Conspirituality. In der Tagung wurde der Begriff nicht nur mit Verschwörungsmythen, sondern auch mit Esoterik und Religion verbunden. So ergibt sich esoteric conspirituality, Christian conspirituality und New Age conspirituality. Was all diese gemeinsam haben ist das Intuitive, also auch das „Hören auf das Herz“, das teleologische Denken, also mehr zweckbestimmtes als ursachenbestimmtes Denken und das holistische Denken.

Mein Fazit aus der Tagung ist, dass Esoterik, Verschwörungsmentalität und Spiritualität nicht so klar voneinander zu trennen sind. Die verschiedenen Typen und Hintergründe von Verschwörungsdenkenden zeigen dies auch auf. Conspirituality als neuer Begriff würde dazu einladen, sich über eine Denkweise zu informieren und sich danach eine Meinung dazu zu bilden, anstatt sie – gleich  einem Vorurteil – sofort als  schlimme Verschwörung abzutun. Auf der anderen Seite sollte sie gefährliche Verschwörungsmythen nicht verharmlosen. Conspirituality hat eine Chance verdient sich auf diese Gratwanderung zu begeben.

Alysejah Huber, 18. Juli 2023

Ein nicht so schmaler Weg auf Abwegen – ein ehemaliges Mitglied der EBG besucht das ICF

Vor meinem Besuch wusste ich bereits, dass das ICF etwas konservativer ist, als es sich gibt. Nach meinem Besuch und etwas Googeln bin ich aber doch schockiert, und möchte hier warnen: Dieser Artikel enthält einiges, das emotional bewegen könnte. Besonders nennenswert sind Homophobie und Transphobie und die Ablehnung von Abtreibungen.

Ein Konzertbesuch

Kaum hatte ich «The Hall» und die davorstehenden Besuchenden erblickt, kam ein erstes Konzertgefühl hoch. Ein mittelgut besuchtes Konzert, aber dennoch ein Konzert. Ich war so im Konzertgefühl, dass ich beim Eintreten kurz Panik kriegte, weil ich kein Ticket hatte, bis mir einfiel, dass es sich hierbei ja um einen Gottesdienst – Verzeihung, eine «Celebration» – handelte. Ich bewegte mich also in die Halle, in welcher bereits enorm laute Beats zu hören waren, und andere anstanden, um in den Reihen nach zu rutschen. Die Musik dröhnte in meinen Ohren und ich hätte am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder weggelaufen. In christlichen Gemeinden habe ich vermehrt die Erfahrung gemacht, dass, wer eine einzelne Person sieht, sich zu ihr gesellt, um niemanden allein zu lassen. Sogar gewisse Konzertbesuchende sind ähnlich drauf. Von dieser Mentalität war im ICF aber wenig zu spüren: Die Menschen neben mir waren zwar nett, aber eine Einbindung ins Gespräch, wie in vielen anderen Gemeinden, fand nicht statt.

Zu Beginn der «Celebration» sangen wir einige Lieder. Anfangs war es mir immer noch zu laut, aber ich entschied mich dazu, mich darauf einzulassen. Ab dem zweiten Lied begannen ICF-Besuchende, ihre Arme in die Lüfte zu erheben. Einige erhoben beide Arme, andere nur einen – meistens den rechten. Es meinte sicher niemand so – hoffe ich -, aber wer mit dem ganzen Lichterspektakel nur Silhouetten sieht, die die rechte Hand zur Decke emporstrecken, muss zweimal schauen, um sicherzugehen, dass es sich dabei nicht um den römischen Gruss handelt. An dieser Stelle möchte ich ICF-ler:innen ermuntern, doch immer beide Arme zu verwenden, um Missverständnisse zu vermeiden. Meines Wissens werden die Arme erhoben, wenn man sich besonders erfüllt vom Heiligen Geist fühlt. Ich selbst verspürte den erwarteten «heiligen Geist», der im Rahmen eines kalten Schauers über meinen Rücken lief, drei Mal: zweimal als das Schlagzeug immer lauter und intensiver wurde, und einmal, als die Band mehr als laut genug spielte, um das «Jesus, chum!»-Geschrei des Publikums zu übertönen. Die Moderatoren hatten darum gebeten, um Jesus zur Rückkehr anzufeuern, doch trotz lautem Spiel und Gebrüll tauchte Jesus nicht auf. Vielleicht hätten wir noch lauter schreien müssen. Solche und ähnliche Erlebnisse mit anderen «Heiliger Geist»-Erfahrungen, die ich aus meiner Freikirchenzeit kenne, zu vergleichen, führt mich zu einer ersten Schlussfolgerung: Wer ein christliches Konzert macht, was ICF Celebrations für mich sind, und das Erlebnis auf den Heiligen Geist schiebt, hat wohl nicht ganz verstanden, dass solche Erlebnisse auch bei ganz und gar nicht christlichen Konzerten stattfinden können. Ob es dort wohl auch der Heilige Geist ist?

Geld für Sport: Das ICF als Alternative zum Gym

Die ersten Lieder waren irgendwann fertig, und die Moderatoren kamen auf die Bühne, um über ein Camp zu sprechen, gemeinsam für eine gute Zeit zu beten, und dann im Anschluss Geld dafür zu erbitten. Einige vor mir Sitzende sendeten ihnen sogar Geld, doch der Topf, der in meinen zwei Sitzreihen herumgegeben wurde, blieb leer. Da war ich froh darüber, schliesslich soll das Spenden an die Kirche – oder «Church», beim ICF – nicht öffentlich sein. Im ICF hatte ich schon ganz andere Erfahrungen gemacht, aber damals war auch Leo Bigger anwesend, vielleicht musste man ihn dort beeindrucken. Bei dieser «Celebration» machten wir ausserdem etwas Sport: Wir mussten andauernd wieder aufstehen, und uns setzen, und aufstehen und uns setzen. Mal fürs Gebet, mal für das Singen, mal für das Vorlesen eines Psalms, für welches ein Bandmitglied sein Smartphone aus der Hosentasche zog und nach dem Lesen eine Weile brauchte, um die Hosentasche wieder zu finden (was alles schön auf dem Hintergrund gezeigt wurde). Das Gebet der Moderation als solches zu klassifizieren fiel mir schwer. Der Raum war zu inszeniert, als dass ich es nicht einfach als Show interpretieren hätte können. Vom ehrfürchtigen, bewundernden Beten, das ich kenne, war nichts zu spüren, zumindest nicht von der Bühne. Um mich Sitzende schienen im Verlauf der «Celebration» um Einiges aufrichtiger zu beten, ohne eine grosse Show daraus zu machen.

Während der ganzen Moderation blieb eins gleich: Die Band spielte im Hintergrund weiter. Ich bin kein Fan, wenn Musik spielt und gleichzeitig gesprochen wird; entscheidet euch für eines, oder singt gleich mit. Wenigstens hörte die Band kurz vor der Predigt auf. Rückblickend hätte ich lieber noch mehr Lieder anstelle von der Predigt gehört.

«Hallo Vater», Tschüss Abtreibung

Nach langem Leiden meinerseits begann die Predigt. Die Moderation kommentierte, wir sollen «Hallo Vater» sagen, denn heute ging es darum: um Gott, den Vater. Von allen Predigten, die ich gehört habe, war eine Predigt über Gott, den Vater, eher selten, und so nahm es mich wunder, worüber er denn sprechen würde. Predigen würde Dominic Haab, auf YouTube bekannt als «Dom Haab». Gefragt habe ihn Leo Bigger, Senior Pastor und Mitgründer des ICF, ob er denn an diesem Sonntag predigen könne. Sympathisch an Dominic war eines: Er verwendete viele Bibelverse während seiner Predigt, anfangs aus mehreren Übersetzungen, dann nur noch «Neues Leben». Das würde aber das einzig Positive an diesem Mann bleiben, jedenfalls für den Teil seiner Person, den ich an diesem Abend kennenlernen durfte. Er sprach darüber, was Gott, der Vater, war, und nannte etwa die folgenden drei Punkte: Gott sagt «Ja» zur Schöpfung, er freut sich, wenn er barmherzig sein kann, und er hat uns alle gern. Für mich waren die letzten beiden Punkte relativ nah beieinander, und es fühlte sich mehr an, als hätte er einfach eine Liste mit drei Punkten gewollt. Das wird in allen möglichen Rhetorikkursen auch gern empfohlen. Sein konstantes «Verstahsch?!»-Nachfragen wird hingegen nicht empfohlen. Dominic, ein Bauer, begann also, über das «Ja» von Gott zu seiner Schöpfung zu sprechen, und verwendete zwei Beispiele: seinen Mais, auf den er sehr stolz sei, und ein Kalb, das wohl an diesem Tag geboren wurde. Sein Mais war wohl in kurzer Zeit bereits durchgebrochen. Grund dafür waren nicht die Wetterkonditionen oder irgendwelche anderen messbaren Faktoren, sondern das «Ja» Gottes zu seiner Schöpfung. Dominic brüllte vor Freude an seinem Mais in sein Mikrofon und meine bereits gereizten Ohren schmerzten bei jedem Wort noch mehr. Der brüllende Prediger lief auf und ab, und der Kameramensch versuchte sein Bestes, um ihm möglichst gut zu folgen. Es war fast schon unterhaltsam, zuzuschauen, wie die Kamera ihm zwar folgte, dann aber zu weit schwenkte, oder zu spät zu schwenken begann, weil sich Dominic so unvorhersagbar bewegte. Die Geschichte des Kalbs war aber aussagekräftiger, denn Dominic erzählte, wie er vor einigen Monaten auf dem Ultraschallbild nur «das Herz» des Kalbes gesehen hätte, dass Gott «Ja» zur Schöpfung (des Kalbes) sagte, und so das Kalb geboren wurde. Klar ist bei dieser Message eines: Wenn Gott «Ja» zu deiner Schwangerschaft sagt, heisst das «Nein» zur Abtreibung, und somit auch «Nein» zur Wahl, abtreiben zu können. Ein nicht sehr moderner Standpunkt in einer Kirche, die sich enorm modern anmalt. Das «Herz auf dem Ultraschall» erinnert auch an die «Heartbeat Bill» in Georgia, die verlangt, dass Abtreibungen ab dem ersten Herzschlag illegal sein sollen. Ein «messbarer» Herzschlag beginne angeblich etwa 6 Wochen nach Beginn der Schwangerschaft, also ungefähr 4 Wochen nach Befruchtung bei einem 28-Tage-Zyklus. Wichtig ist hierbei zu wissen: Eine Schwangerschaft beginnt nicht bei Befruchtung, sondern bei Beginn der letzten Menstruationsblutung. Diese Information wird bei der Abtreibungsdiskussion gerne aussen vorgelassen, und sie dabei im Hinterkopf zu behalten ist entsprechend umso wichtiger. Eine Abtreibung vor diesem Zeitpunkt vorzunehmen ist zwar möglich, aber die wenigsten Frauen führen eine Abtreibung durch, wenn sie einmal ihre Tage nicht haben. Es wirkt aber ganz und gar so, als würde Dominic eine Regelung nicht ablehnen, in welcher es schwierig ist, abtreiben zu können.

Die Megachurch ICF und der schmale Weg

Dominic sprach bei seiner Predigt darüber, wie der christliche Weg ein «schmaler Weg» ist, und «nur wenige gehen ihn». Ich sah mich im Raum um. Das ICF, das reihenweise Jugendliche hineinlockt, das seinen Aufbau von den Megachurches in den USA abguckt, das sich «cool» und «modern» gibt, um «in» zu sein. Diese «Church» behauptet, den schmalen Weg zu vertreten? Nicht mal «konservativ» machen sie richtig. Als ich mit 15 aus der viel konservativeren EBG austrat, hatte ich zwei Jahre wahrhaftig schmaler Weg hinter mir. Modern wollte dort niemand sein, nicht mal moderne Musik. ICF-Lieder, wie ich sie an diesem Abend hörte, wurden als satanisch bezeichnet, denn Satan kleide sich in Lügen und Täuschungen. In der EBG sah man selbst das Bibellesen auf dem Handy als modern und falsch an. Scheidung war gar kein Thema, auch in Missbrauchsfällen wie häuslicher Gewalt nicht, und erneut heiraten schon gar nicht. In der EBG gibt es zudem eine strikte Umsetzung der Kleiderordnung, es wird zwischen «Frauenkleidung» und «Männerkleidung» unterschieden, und beide haben sich «bescheiden» anzuziehen. Frauen haben zudem lange Haare und eine «Kopfbedeckung» oder spezifische Frisuren (Hauptsache, nicht offen) zu tragen, und Männer den Hut auszuziehen, wenn sie beteten, und kurze Haare zu tragen. Wenn ich mich daran erinnere, wie bewusst uncool und gottesfürchtig ich damals war, wie stark ich auf alles Mögliche verzichtete – oder es versuchte -, dann ist ein ICF, das «den schmalen Weg» gehen will, für mich nichts mehr als ein schlechter Witz.

Ja zur Schöpfung, Nein zur Homosexualität: Das Perfekte im Widersprüchlichen

Dominic erklärte aber, was denn am Weg so schmal sein könnte – nachdem er sich über die teuflischen Mächte aufregte, leider zu unklar, um einen Inhalt ausser «der Teufel ist böse» zu entnehmen. Und er zählte auf und begann mit: «Nicht jeder wird sagen «wow, mega cool, dass du Jesus folgst!»», und er sprach weiter und erklärte: «Nicht jeder wird Freude haben, wenn du sagst «es gibt nur zwei Geschlechter, Mann und Frau», nicht jeder wird begeistert sein, wenn du sagst «Sexualität ist etwas Wunderbares – zwischen Mann und Frau!»». Nein, da ist nicht jeder begeistert, besonders die ehemalige Freikirchlerin, die dir zuhört und deine Behauptung «Das wirst du nicht oft hören, aber es steht in der Bibel!» als wahlweises Annehmen von spezifischen Regeln und Ablehnen anderer – aus derselben Bibel! Demselben Buch! Selbes Kapitel! – Regeln einzuschätzen weiss. Ich bin froh, dass es Gemeinden gibt, die sich dafür entscheiden, die Bibel ganzheitlich in ihrer Zeit einzuordnen. Solche, die nicht nur einzelne Verse, die nicht passen, als «Zeugen ihrer Zeit» einschätzen, und andere dann als «immer wahr» betiteln, sondern konsequent modern und zeitgemäss sind in ihrer Bibelinterpretation.

Nach Dominics offener Homophobie und Transphobie bat er uns, uns zu Gott zu bekennen – eine Bekehrung ohne Prediger, spannend! Er kommentierte, dass diese, deren Eltern sie in ihrem Glauben «blockierten», ihnen heute vor dem Gehen vergeben sollen. Ich wusste und sah, dass viele Jugendliche da waren, und der Gedanke, dass ihre Eltern zuhause waren und sich um ihr Kind Sorgen machten, traf mich. Ich war ja auch mal eines dieser Kinder, und an diesem Tag war die Predigt besonders anstrengend, da sie enorm politisch war. Der Einfluss, den eine Kirche auf Jugendliche haben kann, ist beträchtlich, aber sie müssen die Ironie selbst bemerken. Sie müssen selbst merken, wie konservativ das ICF wurde. Das Blockieren der Eltern ermuntert nur den weiteren Besuch. Aber eines beeindruckte mich. Als Dominic so offen homophob und transphob war, blieb der Raum still. Die ganze Zeit gab es Personen, die «Ja!» und «Amen!» riefen, doch bei dieser Aussage war es ruhig.

Dominic verschwand und wir sangen erneut ein Lied. Der Text war einfach und enorm repetitiv, und bestand grösstenteils aus: «You are perfect in all of your ways» (wobei damit Gott gemeint ist), «It’s who you are» und «It’s who I am», und: «And I’m loved by you». Aussagekräftig war auch der fünfte Teil «You’re a good, good father». Ich stand da, sang mit, und dachte mir: «Wie kann ein Vater, ob Gott oder Mensch, perfekt und gut sein, wenn er zwar ‘Ja zur Schöpfung’ sagt, aber ‘Nein zur Homosexualität’?» Ein perfekter Vater, der in allem, was er macht, perfekt ist, der uns liebt, und der Ja dazu sagt, wer wir sind – der kann nicht homophob und transphob sein. Ein Vater, der sagt «alle meine Kinder sind liebenswürdig, und ich bejahe sie alle in ihrer Identität», der bejaht auch die Homosexualität, die trans Identität, die Freiheit des eigenen Kindes. Wer das nicht macht, dem kann nicht nachgesagt werden, dass er «perfekt» wäre, oder dass er uns so, wie wir sind, so, wie wir geschöpft wurden, liebt. Besonders, wenn er uns selbst so geschöpft hat, was im Falle von Gott, dem Vater, zutrifft.

Ich hoffe, dass Dominics vier Kinder hetero und cis (nicht trans) sind, damit sie nicht erfahren müssen, wie es ist, vom eigenen Vater nicht voll und ganz akzeptiert zu werden, sondern nur, solange sie in sein Weltbild passen. Und sollten sie doch nicht hetero und cis sein, dann hoffe ich, dass Dominic lernt, sie dennoch voll und ganz zu akzeptieren und zu lieben.

Als das letzte Lied gesungen war und die Menschenmasse sich zum «Hangout» bewegte, lief ich erleichtert hinaus aus dieser Halle, weg vom ICF, das für mich keine «Church» und keine Heimat anbieten kann. Die Lieder waren schön, die Mitglieder wirken aufrichtig in ihrem Glauben, doch die «Church» als solches? Nein danke. Lieber konsequent und aufrichtig modern als dieses semi-religiöse Getue.

Ein weiterer Schock

Am Tag darauf informierte ich mich ein wenig mehr darüber, wer denn Dominic genau ist. Das Finden schmerzte: Dominic ist nicht nur im öffentlichen Gottesdienst homophob, transphob und gegen Abtreibungen, sondern auch auf seiner Facebook-Seite. Zu Zeiten Coronas vertrat er ausserdem die Verschwörungstheorie, dass der Covid19-Impfstoff aus abgetriebenen Embryos hergestellt wurde.

«Die Bibel ist klar» – ein fehlendes Bibelverständnis

Auch transphob ist Dominic ganz öffentlich. Er postete am 28. März dieses Jahres ein – meines Wissens älteres – Bild, auf welchem steht: «A biological male just won Miss Nevada […] The prettiest woman in all of Nevada is a man.» Hierbei ist mit dem Begriff «biologischer Mann» nicht etwa die Geschlechtsidentität gemeint, sondern die (vermuteten) Chromosomen. Die schönste Frau in Nevada ist eben eine trans Frau, und Dominic findet das offensichtlich ganz schlimm. Er liess es aber nicht dabei, einfach das Bild zu posten, sondern setzte die Tags «crazy times», «truth wins» und «stay in the light» – und den Bibelvers Matthäus 19, 4. Worum geht es in Matthäus 19, 4? «Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau», wie es in der Lutherbibel 2017 heisst. Dieser Vers ist herrlich schön aus dem Kontext gerissen, denn in Matthäus 19, 3 fragen die Pharisäer Jesus, ob es denn erlaubt sei, dass ein Mann sich aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheide. Jesu Antwort ist bekannt: Nein, es sei denn, wegen Ehebruch. Nicht eine Position, die das ICF vertritt. Und von der Bibel her leider auch kein Beweis, dass trans Personen «unchristlich» seien oder dass die Identität nicht gottgewollt sein kann, sondern nur ein Kommentar zur heterosexuellen Ehe(scheidung). Kann Dominic die Bibel wirklich so gut lesen, wie er es darstellt? Wenn das der einzige biblische «Beweis» gegen trans Personen ist, dann wird der Kampf für die transphoben Christen gar nicht einfach. Diesen Vers verwendet er lustigerweise mehrfach, um zu «beweisen», dass es «nur zwei Geschlechter» gäbe. Ganz interessant ist auch sein Post, in welchem er schreibt, es sei zu spät, seine Kinder mit dem «gender nonsense» zu «brainwashen». Seine Kinder sind alle noch im Primarschulalter, nicht ein Alter, in dem sich die meisten mit Geschlechtsidentitäten auseinandersetzen. Er hat möglicherweise aber bereits mit ihnen darüber gesprochen, vermutlich auf eine Weise, bei welcher man bereits anhand der verwendeten Sprache die Meinung hören kann. «Biological man» wird niemand sagen, der oder die trans Personen in ihrer Identität akzeptiert. Auch Dominics Vorschlag «Just have a quick look between your legs» hilft nicht: In erster Linie wissen wir, dass es so einige Personen gibt, die Intersex zur Welt kamen. Als Bauer müsste Dominic wissen, dass nicht jedes Geschöpf, zu dessen Geburt Gott «Ja» gesagt hat, auch klar dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Gott hat also auch zu Intersex «Ja» gesagt, und somit «Ja» zu Personen, die nicht in den binären Geschlechterrahmen passen. Ausserdem wissen wir, dass es eine Geschlechtsidentität unabhängig von der äusserlichen Erscheinung gibt, weil jemand eine andere Identität hatte als «zwischen den Beinen» vorzufinden war. Auch die Geschlechtsidentität gehört zu Gottes Schöpfung, auch dazu hat er «Ja» gesagt. Warum fällt es Dominic wohl so schwer, einfach zu akzeptieren, dass die Welt sich eben nicht darum dreht, was zwischen den Beinen vorzufinden ist?

Homophobe Aussagen trifft er wenigstens nur einmal, zumindest anhand dessen, was ich gesehen habe. Am Tag der Abstimmung über Ehe für alle schrieb er: «Ehe zwischen Mann und Frau ist viel mehr als Papier, Status, Emotionen und Gefühle.» Was da wohl noch dazu kommt? Kinder? Liebe? «Gottes Segen», der wohl ihm und ähnlich Glaubenden vorbehalten ist? Was haben er und seine Frau, das ein homosexuelles Paar nicht haben kann? Selbst homosexuelle Paare können homophob sein, daran kann es nicht liegen. Und anderen Menschen abzusprechen, dass sie sich lieben, ist nicht etwas, das ein «Christ» machen sollte.

Dominic als Vater: ein schmerzhaftes Missbrauchspotential

Dominic erzählte, wie er einen 7-jährigen Sohn habe, der «ganz mutig» im Fussballtraining auch zu den grossen Kindern renne, um ihnen den Ball wegzunehmen. Auf Dominics Lob, wie mutig das sei, sagte der Kleine «Aber ich muss ja gar keine Angst haben, Jesus ist ja bei mir». Unendlich süss, und das war auch im Publikum zu hören. Dominic wirkt wie ein guter Vater und wie ein Vorbild, doch leider habe ich seine Facebook-Page einen Tag nach der Predigt angeschaut. Ein Fehler, wenn man Dominic als guten Vater und als Vorbild sehen will. Er postet unglaublich viele Bilder seiner Familie und seiner vier (!) kleinen Kinder. Diese Bilder sind für alle öffentlich. Man braucht nicht etwa mit ihm befreundet zu sein – wobei das bei seinen über 3500 Freunden wohl nicht schwierig wäre -, nein, man sieht direkt die ganzen Bilder. Nur auf Facebook eingeloggt sein muss man. Ich finde es bereits enorm grenzwertig, Bilder von Kindern ins Internet zu stellen, ganz allgemein, egal, was dazu sonst noch alles steht. Es verletzt die Rechte der Kinder, vor allem, da sie noch nicht fähig sind, selbstständig zu urteilen, ob Bilder von ihnen im Internet zu landen haben oder nicht. Für manche Bilder werden sich die Kinder, sobald sie «Teenies» sind, wohl schämen, und sich wünschen, dass es nie hochgeladen wurde. Bilder von Personen, die noch nicht fähig sind, ihre Einwilligung zu erteilen, im Internet zu verbreiten, ist ganz klar eine Verletzung der Privatsphäre und der Rechte dieser Personen. Ein Vater, der sich dafür lobt, das «Ungeborene» zu schützen, hat ebenso die bereits geborenen Kinder zu schützen.

Auch wichtig: Das Internet vergisst nicht. Was einmal hochgeladen ist, das bleibt. Und wenn man es löscht, ist es doch auf irgendeinem Server im Backup enthalten.

Es gibt aber noch einen anderen Faktor, nämlich den Aspekt des Missbrauchs: Seit Aufkommen von Deepfakes fällt es Pädophilen und Kindesmissbrauchenden ganz und gar nicht mehr schwer, von einem Bild eines Kindes ein Deepfake zur eigenen Freude zu erstellen, und Eltern haben die Verantwortung, ihre Kinder so gut wie möglich davor zu schützen. Das ist aber nicht das Schlimmste: Auf einigen Bildern tragen seine Kinder keine Kleider, zumindest nicht am Oberkörper. Auf einem anderen Bild sitzt seine kleine Tochter lachend dort, das Gemüse auf dem Teller bildet einen Phallus. «Aufklärung im Gange», steht bei der Bildbeschreibung. Und solche Bilder stellt ein ICF-Prediger ohne jegliche Restriktionen ins Internet? Das ICF mag selbst (vielleicht) aktuell keine Übergriffe verzeichnen, aber eine Statistik schützt nicht vor der Zukunft. Nicht nur Internet-Pädophile und Internet-Kindesmissbrauchende können sich an seinen Kindern ergötzen. Auch Pädophile und Kindesmissbrauchende, die irgendwo in der Nähe seines Hofes – dessen Adresse im Internet prangt – wohnen, könnten sich an seinen Kindern vergreifen. Sportclub, Alter, Gesicht, Name – ein gefundenes Fressen für jemanden, der Informationen zu Kindern will. Ich hoffe ehrlich und aufrichtig, dass seine Kinder niemals Opfer werden. Sie hätten es ihrem Vater zu so einigen Teilen vorzuwerfen. Vielleicht schafft er es noch, zu Sinnen zu kommen und seine Kinder anständig zu schützen, bevor etwas passiert. Das Internet geht es nichts an, wie alt seine Tochter ist, wo sein Sohn Fussball spielt, und wie früh seine Kinder Aufklärung erhalten. Hoffentlich hat er ihnen im Rahmen des Aufklärungsunterrichts auch mitgeteilt, dass sie Grenzen haben dürfen, dass ihr Körper ihnen gehört – auch wenn das bei Abtreibungsgegnern eine heikle Sache ist – und dass sie es ihm auf jeden Fall mitteilen dürfen, wenn jemand ihre Grenzen überschreitet. Wir wissen aus mehr als genug Fällen, dass starker und aufrichtiger Glaube nicht vor Missbrauch schützt. Kinder müssen besser geschützt werden.

Politik? Auf die Bühne!

Aber auch Politik macht vor Dominics Haushalt nicht Halt – obwohl die Bibel sagt, man solle sich der Regierung und den Obrigkeiten unterordnen. Nicht nur Magdalena Martullo-Blocher, sondern auch ein Botschafter aus Belarus habe ihn schon einmal besucht, wenn man den Posts Glauben schenken darf. Wie rechts braucht man zu sein, um letzteres stolz auf Facebook zu posten? Über die «bösen Linken und Grünen» regt er sich häufig auf, da anscheinend diese daran schuld sind, dass zurzeit in der Politik alles bergab geht. Er kommentiert, wie der «Links-Grüne Wahnsinn Millionen von Menschen in den Ruin treibt», und schiebt die Schuld der Strommangellage auf die Linke und Grüne Politik. Wie Schweizer Politik funktioniert, nämlich mit mehrheitsfähigen Kompromissen, scheint zumindest Dominic unklar zu sein. Jemanden, der sich so klar zur politischen Landschaft äussert, auf die Bühne vor leicht beeinflussbare, junge Leute zu stellen, ist eine Entscheidung, die mehr als genug über Leo Bigger, der Dominic um die Predigt bat, aussagt.

Die Facebook-Seite beinhaltet wenigstens nicht allzu viel Homophobie. Sie ist zu beschäftigt mit Kühen (und deren Euter), Fleisch, seiner Familie, den ganz schlimmen trans Personen und der bösen Links-Grünen Politik.

Angela Heldstab, 18.07.2023

Lexikoneintrag ICF Movement