Ex-EBG-Mitglied besucht konservative Endzeit-Gemeinde Mitternachtsruf

Das Thema des Gottesdienstes war angekündigt als «Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse – Teil 1». Ich las also erst mal Genesis 3, und fragte mich, wie stark es heute heissen würde «Eva ass vom Baum», im Rahmen eines sexistischen «die Frau ist an allem schuld».

Als ich in Dübendorf an der Tramhaltestelle ausstieg und – nach kurzem Überprüfen auf Google Maps – in Richtung Mitternachtsruf lief, erhielt ich schnell den Eindruck, dass die Gemeinde irgendwie doch grösser war als ursprünglich angenommen. Es waren nicht mehr viele Personen auf der Strasse, doch jemand stand mit Leuchtrohr dort, um den Autos den Weg zu zeigen. Beim Herumschauen merkte ich, dass das Gebiet «Mitternachtsruf» auch nicht einfach eine Halle umfasst, sondern dass die offizielle Adresse Ringwiesenstrasse 12A eher das Büro beinhaltet, während es daneben ein Seniorenzentrum – mit Büchertisch – und ein Gebäude für Gottesdienste gab. Das Gottesdienstgebäude, auf welchem «Evangelische Gemeinde Mitternachtsruf» stand, heisst offiziell «Zionshalle». Nur schon die Tatsache, dass die Halle wirklich Zionshalle heisst, reicht, um zu wissen, dass diese Gemeinde sehr israelfokussiert ist. Das ergibt auch Sinn, berufen sich Endzeitler häufig auf die Gründung des Staates Israel als einen der entscheidendsten Wendepunkte in der «sind wir in der Endzeit und wie bald kommt Jesus»-Frage. Und der Mitternachtsruf ist besonders bekannt für seinen Fokus auf der Endzeit. Auf der Treppe zur Halle waren einige junge Erwachsene, vermutlich etwa in meinem Alter und älter (zwischen 20 und 30). Vor der Tür standen zwei Männer, die alle begrüssten. Einem sagte fast niemand hallo – er stand eben nicht so «im Weg» wie der andere – und er tat mir etwas leid, weil er einfach dem anderen beim Händeschütteln zuschauen musste, und so erbarmte ich mich und ging zu ihm, um ihm auch die Hand zu schütteln. Dem anderen musste ich sie dann auch schütteln, weil er eben «im Weg» stand, und einfach vorbeizulaufen wäre zu gemein. Erste Hürde geschafft. Ich betrat die Halle und war erst mal erschlagen von der Menge der Personen. Die ersten zehn Reihen waren gefüllt – mit was, 15 oder mehr Personen pro Reihe? Die restlichen Reihen waren ebenfalls gesund gefüllt, nach hinten liess es nach. Ich zählte nicht und suchte mir einen friedlichen Platz etwas weiter hinten, wo die jungen Erwachsenen eher hingingen, aber 200 Personen waren es bestimmt. Und das an einem schönen Sonntag, mitten in den Sommerferien. Vorne spielte eine Musikgruppe. Christlicher Gesang, eine Querflöte, zwei Geigen, und ein Klavier. Diese würden uns auch während dem Gottesdienst jeweils begleiten. Das war angenehm, denn während dem Gottesdienst gab es zwar keine Noten zum Gesang, aber die Sängerin war genügend laut – mit dem Mikrofon – und sicher in der Melodie, sodass es keine Verwirrung gab.

Eine Einleitung – erquickend oder ermüdend?

Der Gottesdienst wurde eingeleitet mit einer Begrüssung und Freude darüber, dass es trotz Urlaubszeit doch noch einige geschafft hätten, aufzutauchen. Als einleitendes Thema verwendete der Moderator Oppenheimer, der Film über einen Chemiker, der an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war. Diesen Film und die damit zusammenhängende Geschichte verwendete er zur Beschreibung der Menschen, die immer weiter von Gott abfielen. «Und wo diese Gottlosigkeit ihren Ursprung hat, das hören wir heute von Thomas Lieth», sagte der Moderator. Nur schon, wie er das Wort «Gottlosigkeit» sagte. Es war betont, intensiv, fast schon hasserfüllt. Bevor wir aber noch mehr über diese gottlosen Menschen hören mussten – oder durften – wurde gebetet. Der Moderator übergab die Verantwortung des Gottesdiensts im Gebet an Gott, indem er betete «Ich befehle dir diesen Gottesdienst an». Der Wortgebrauch ist mir durchaus von der Evangelischen Bibelgemeinde EBG, meiner alten, konservativen Freikirche, bekannt, aber doch sehr antiquiert. Auch das Wort «erquicken» verwendete er, als hätte er es neu für sich entdeckt. Heisst: Konstant. Ich fühlte mich weniger erquickt und mehr ermüdet, nur schon nach dieser Einleitung. Glücklicherweise sangen wir aber erst ein Lied, bevor es weiterging. Das Lied war angenehm zu singen, vom Stil her Kirchenlied, vom Text her fast mehr Fokus auf Jesus als in Landeskirchen üblich. Die «Band» spielte dazu. Dann gab es noch mehr einleitende Worte, in denen allen möglichen anderen Predigern gedacht wurde, ein Bericht über ein gut vollendetes Sommerlager, an dem gar nichts zu bemängeln gewesen sei, was am Gebet der Gemeinde gelegen hätte, und einige Termine. Darunter: «Arabischer Treff», ein Treffen für arabisch sprechende Christen, mit dem Thema: «Wie spreche ich mit meinen muslimischen Freunden über das Evangelium?». Dann erneut ein Lied («was verlangt der Herr», aber die einzige Antwort im Lied war «ich will ihm alles geben»), und dann noch mehr Mitteilungen. Eine Einladung zu einer Hochzeit für die ganze Gemeinde, was ich schonmal fragwürdig fand – wer lädt über 200 Personen der Gemeinde an die Hochzeit ein? Kommt das nicht viel zu teuer? Oder wird das anderweitig kompensiert? – und ein Frauen- und Generationenabend namens «Ich und die Welt», was für konservativ-stämmige Personen wie mich dann doch sehr aussagekräftig ist. «Die Welt», das ist nicht einfach alles hier, sondern das ist die sündhafte, gottlose Welt, in der die Christen so viel Personen wie möglich missionieren müssen. Anhand des Fokus auf die Gottlosigkeit bereits in der Einleitung dürfte diese Ansicht der Welt dann doch auf den Mitternachtsruf zutreffen. Ein Musical, «De Schatz im Acker», würde auch stattfinden, und man solle doch seine Bekannten einladen. Es müsse live gesehen werden, um die missionarische Botschaft weiterzubringen. Ja, ich hoffe, ich werde nicht eingeladen, wir hatten noch nicht einmal Beginn der Predigt erreicht und ich war schon da müde vom Mitternachtsruf. Ein ganzes Musical? Nett gemeint, aber nein danke. Nach Ansage, wofür die Kollekte sei – die Mission in Bolivien – kam kurz nach dem Lied «Herr, sei mir nah» auch endlich die Predigt näher.

Der Moderator nannte den heutigen Predigttext (Genesis 2, Vers 4-17), und kommentierte, dass wir nun hören würden, welche «Botschaft Gottes» dem Prediger «auf das Herz gelegt wurde». Es wurde gebetet, wir sollten erquickt werden, und alles Störende sollte weggenommen werden. Dieses Gebet funktionierte im Gegensatz zum Sommercamp-Gebet leider nicht, denn jemand schüttelte (unabsichtlich) die ganze Zeit meine Stuhlreihe, wohl indem er auf den Boden «stampfte» (das besonders bei Personen mit ADHS verbreitete Beinzappeln, das niemand kontrollieren kann) und hörte erst nach meinem mehrfachen subtilen Umdrehen damit auf, um später wieder anzufangen. Und: einmal ging irgendwo ein Handy los. Das wäre ja nicht schlimm gewesen, und ich dachte mir tatsächlich, ja, das kommt davon, wenn man sich zu viel aufs eigene Gebet einbildet. Der Prediger trat also zum Rednerpult und begann, über Adam und Eva und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu sprechen. Mein erster Eindruck seiner Stimme? Eine absolute Hörbuchstimme. Ich hätte schwören können (wenn ich denn schwören würde), ihn bereits einmal in einem dieser christlichen Hörbücher meiner Freunde in der EBG gehört zu haben.

Eine zerrissene Gesellschaft

Thomas Lieth sprach über ein Prinzip des Gehorsams, denn es könne keine grenzenlose Freiheit geben, die friedlich sei, darum brauche es Regeln und Rücksichtnahme. «Wenn jeder seine Rechte einfordert […], wird die Gesellschaft zerrissen.» Wer wohl seine Rechte nicht haben darf? Der christliche Prediger da vorn? Der stereotypisch heterosexuelle, alte, weisse cis Mann, der Thomas Lieth zu sein scheint? Oder darf er die Rechte haben und dafür alle anderen nicht, weil sonst wird die Gesellschaft zerrissen? Darf er wählen, wer die Rechte hat? Anscheinend schon, denn was alles falsch sei, davon sprach er später. Einleitend aber erzählte Lieth, dass Regeln Konsequenzen brauchen, ansonsten sei der Gesetzgeber unglaubwürdig und überflüssig. Interessant war auch, wie häufig die Gemeinde über seine Aussagen und Witze lachte. Nicht sehr nett formuliert verstehe ich es in dieser inhaltlich trostlosen Kirche, dass man wenigstens ein wenig lachen möchte. Die Predigt war nämlich voll von einem Menschenbild, in dem der Mensch nichts, aber auch gar nichts Gutes tun kann. Der Mensch, der könne nur Gutes meinen, aber nicht Gutes tun, und er könne nicht Böses lassen, so sagte es Thomas Lieth. Da ich am selben Tag auf meinem Weg bereits einer nicht sehr IT-affinen Frau mit den Zugverbindungen, und auch schon im Rahmen meines Lebens anderen Personen effektiv geholfen hatte, fragte ich mich, wer denn entscheidet, was gut ist und was nicht. Wird die Frau jetzt verdammt, nur weil sie diesen Zug genommen hat? Wobei, da ich ja angeblich nicht imstande bin, Gutes zu tun, hätte ich ihr wohl anscheinend genau gleich viel Gutes getan, indem ich sie einfach ignoriert hätte. Schliesslich kann ich, als Mensch, das Böse ja anscheinend nicht lassen.

Der böse Sündenfall

Lieth erzählte, wie alles Sündige vor dem Sündenfall «unbekannt» war. Und wie er erzählte: Melodisch wunderbar. Es ging in etwa so: «Neid? UNBEKANNT, Völlerei? UNBEKANNT». Wie aus dem Hörbuch. Ich konnte es aber doch irgendwie nicht ganz ernst nehmen. Es grenzte zu stark ans Theatralische. Kurz nachdem er angefangen hatte, dieses perfekte Paradies, von dem weder Adam noch Eva wussten, dass es sich um ein perfektes Paradies handelte – wie auch? Sie kannten nichts anderes -, zu beschreiben, ersehnte ich mich nach der Erlösung von dieser Qual. Es würde aber noch genügend Zeit brauchen. Ich machte mir noch einige Gedanken zum Anfang von Genesis selbst. Es ist durchaus anzumerken, dass die Art, in welcher über Gott gesprochen wird, stark polytheistisch geprägt ist. Erstens mal gibt es die zwei widersprüchlichen Schöpfungsmythen aus Genesis 1 und Genesis 2, dann kommt Gott und spaziert im Garten, um nackte Eva und nackten Adam versteckt vorzufinden. Und dann sagt er, der Mensch sei wie «wir» geworden. Wer denn? Wohl nicht den dreieinigen Gott, der nur noch über «mich» spricht? Die häufigste Ausrede ist das literarische «Wir» als Zeichen von «grosser Macht», und dass Gott herumspaziert, ist eben, weil damals noch Gemeinschaft mit Gott möglich war. Heute ist es unvorstellbar, aber an allem ist der Sündenfall schuld. Woran auch sonst. Meistens ist auch noch Eva mehr schuld als Adam, auch wenn der genauso gut nein hätte sagen können. Über das regte ich mich aber nicht das erste Mal beim Mitternachtsruf auf, also lassen wir dieses Thema besser.

«Künstliche Intelligenz» – ein Schlagwort für Menschen, die nicht wissen, was es ist

Der Prediger fuhr fort und erklärte, wie Gott eben Menschen mit freiem Willen wollte, denn schliesslich wolle er keinen Roboter, der einfach «gehorsam» Befehle ausführte. Und so sagte Thomas Lieth: «Gott hat eben keine künstliche Intelligenz, sondern eine lebendige Intelligenz geschaffen!» Dies unterhielt die Gemeinde bestens, stiess aber auf einen ungünstigen Punkt bei mir. Ich studiere Computerlinguistik, und künstliche Intelligenz, wie sie funktioniert, wie wir damit arbeiten, was Risikofaktoren und ethische Aspekte sind, und noch einige weitere Punkte sind essenzielle Bestandteile meines Studiums. Meinen Bekannten zuzuhören, was sie denken, was künstliche Intelligenz beinhalte, ist mal unterhaltsam, mal anstrengend, besonders, wenn sie so tun, als wüssten sie es. Und dann steht der Hörbuchprediger da und erzählt von künstlicher Intelligenz, als wäre es einfach eine Liste von Regeln. Eine Liste von klar definierten Regeln an einen PC geben, ein sogenanntes «Skript» schreiben, beispielsweise mittels einer Programmiersprache wie – in unserem Fall – Python, um beispielsweise einen Text zu verarbeiten, das ist einfach. Gemütlich. Sobald man die Logik und die Programmiersprache drin hat, geht das innerhalb von kürzester Zeit. Aber Künstliche Intelligenz? Das ist komplizierter.

Ein kurzer Exkurs

Ich versuche es hier, möglichst nachvollziehbar darzustellen, möchte aber darauf aufmerksam machen, dass eine solche Erklärung nie ganz vollständig ist. In erster Linie verwenden wir maschinelles Lernen, wobei wir ein Modell trainieren (= das Lernen), welches später verwendet wird. Dabei handelt es immer sich um einen primär mathematischen Prozess, und bei der Computerlinguistik selbst liegt der Fokus auf der Sprachverarbeitung. Wörter werden dabei in Vektoren, also eine Reihe von Zahlen, umgewandelt, wobei diese Vektoren den Kontext, in welchem die Wörter auftauchen, thematisieren. Wörter, die häufig im selben Kontext auftauchen, haben ähnlichere Vektoren – was man ja auch ausrechnen kann – als Wörter, die nie im selben Kontext auftreten. Diese Vektoren verwendet man dann als «Input» in einer (durchaus sehr, sehr langen) mathematischen Funktion, um beim «Output», also dem finalen Ausrechnen der Funktion, andere Vektoren, die ebenfalls Wörter darstellen, zu erhalten. Die Funktion selbst ist in ihrer einfachsten Form, beim einfachsten Training, eine lineare Funktion: f(x) = y = ax + b. Die Konstanten a und b werden beim Training geändert – ein Hauptteil des Trainings – und bleiben dafür bei der Anwendung konstant. Natürlich wird die lineare Funktion in ihrer einfachen Form nur zum Illustrieren der Prozesse verwenden, realistisch sind die Funktionen komplizierter. Der Output der Funktion sollte möglichst nahe am idealen Output, den der Mensch vorgibt, sein. Wenn der Output beispielsweise 20 sein soll, und x = 3 ist, dann müssen a und b so verändert werden, dass y möglichst 20 ist (zum Beispiel a=5 und b=5). Und das jetzt mehrmals. Wie bei einem linearen Gleichungssystem, nur für zehntausende von Fällen, und somit auch nur noch Annäherungen. Für alle kann es nie stimmen, und so ist eine 100%-Übereinstimmung ist dabei nie zu erwarten. Ab 80% sind wir schon gut dran, ab 90% sehr gut. Ein solcher Ansatz wird beispielsweise beim maschinellen Übersetzen, also DeepL, verwendet. Dabei kommen die Wörter aus dem Input und die Wörter aus dem Output aus einem, üblicherweise sehr grossen, Datensatz der beiden Sprachen, von denen wir übersetzen möchten. Natürlich gibt es noch sehr viele weitere Faktoren zu berücksichtigen, aber das sprengt den Exkurs dann wirklich. Sprachmodelle wie ChatGPT funktionieren ebenfalls mathematisch und mit riesigen Datensätzen, aber mit viel grösserem Fokus auf Statistik. Dort wird gezählt, wie häufig ein Wort unter welchen Umständen vorkommt, diese Häufigkeiten werden in ein «statistisches Modell» umgewandelt, und dieses statistische Modell generiert dann, basierend auf Statistik, einen neuen Satz. Das Trainieren hier beruht auf dem Ausrechnen all dieser Wahrscheinlichkeiten. Dabei essenziell ist der Satz von Bayes, der die Wahrscheinlichkeit beschreibt, dass ein Ereignis eintritt, unter der Bedingung, dass ein anderes Ereignis eingetreten sei. Also: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf das Wort «Jesus» direkt «Christus» folgt? Mit diesen Wahrscheinlichkeiten erstellen wir ein Sprachmodell.

Ganz kurz zusammengefasst: Maschinelles Lernen und die damit verbundene künstliche Intelligenz ist alles in allem reine Mathematik, aber weil die Datensätze nicht exakt sind, da eben alles ausserhalb der exakten Wissenschaften nicht exakt ist, kann die Mathematik auch nicht immer das exakt Gewünschte oder «Richtige» ausrechnen. Unsere Modelle irgendwie so zu manipulieren und anzupassen, dass es möglichst nahe drankommt, ist einer der Ansätze. Ausserdem benötigen wir einen genügend grossen Datensatz, der aber auch noch brauchbar sein muss. Weil kein Datensatz perfekt ist, muss aufgeräumt werden, und was man berücksichtigen will und was nicht, muss auch entschieden werden. Oder wie man ein trainiertes Modell, das aber beispielsweise unbeabsichtigt rassistisch wurde – weil der Datensatz rassistisch war und es niemand merkte, weil er zu gross war – ändert. Das sind alles Themen, die nicht mit ein paar simplen Regeln geklärt werden können, wie wir ein Skript «debuggen», also von Fehlern und ungewünschten Nebeneffekten befreien können. Zum Training selbst benötigen wir ausserdem einen Computer, der ausreichend leistungsfähig ist. Und trotz aller Massnahmen wissen wir doch nicht, ob wir am Ende das erhalten, was wir wollten. Die Funktion ist zu kompliziert, die Vektoren zu unterschiedlich, die Modelle zu vielfältig, als dass man alles genau ausrechnen und nachvollziehen könnte. KI und die damit verbundene Mathematik mögen sehr viel tun können und nicht sehr menschlich sein – abgesehen vom Irren -, aber ein «Gehorsamsroboter» ist das auf keinen Fall. Ja, wenn Künstliche Intelligenz so einfach wäre, wie Thomas Lieth es dargestellt hatte… dann wären mein Studium und die ganze Forschung zwar signifikant einfacher, aber bemerkenswerterweise wohl auch langweiliger. Der Unterschied zwischen Skripts und künstlicher Intelligenz ist vielen Personen unbekannt, was ja nicht schlimm ist, solange sie nicht so tun, als wüssten sie, was künstliche Intelligenz ist.

Eine theologische Diskussion? Wie satanisch!

Die Predigt wechselte dann vom ungehorsamen Menschen zum Fokus auf Liebe und Vertrauen. Mit Liebe wurde Gottes Liebe dem Menschen gegenüber und mit Vertrauen ein blindes Vertrauen der Menschen Gott gegenüber gemeint. Mit der Erklärung, dass Satan Gottes Wort in Kapitel 3 infrage stellte, kam Lieth zum Schluss, dass Menschen nie das Wort Gottes in Frage stellen sollten. Ja, wir sollen sein «wie ein Kind, das sich liebenden Eltern unterstellt». Seit wann machen Kinder das? Die einzigen Kinder, die genau das tun, was ihre Eltern wollen, sind wohl die, welche die Bestrafung fürchten. Oder die, welche zufälligerweise sowieso das tun wollen, was ihre Eltern auch wollen. Und die eigenen Eltern in Frage stellen ist wohl auch kein neues Konzept. Vielleicht hätte er angeben müssen, wie alt das Kind genau sein sollte, denn ein Kind macht doch einige Phasen durch in seiner Entwicklung. Vielleicht gibt es ja eine «Gehorsamkeitsphase» (wohl kaum). Und Lieth sprach weiter und je mehr er sprach, desto mehr hörte ich «Wenn Gott jemanden sendet, der die Bibel infrage stellt, dann ist das ein Test von Satan.» Spannend war, wie er kommentierte, dass Eva Gottes Wort falsch wiedergab, sie sagte nämlich zu Satan, man dürfe weder die Frucht essen noch sie berühren. Im Kapitel vorher hatte Gott aber zu Adam gesagt, man dürfe sie nicht essen – von Berühren war keine Rede. Soweit konnte ich Lieth zustimmen, meine Bibel sagte dasselbe. Allerdings: Dass Gott es auch Eva gesagt hätte, kam nirgends in der Geschichte vor. Dass hier vielleicht sogar Adam Gottes Wort verdreht hätte, auf die Idee kam Lieth gar nicht. Nein, Eva war schuld. Sie hätte Gott direkt fragen sollen, so erklärt Lieth, wenn sie Zweifel hätte, und nicht Satan zuhören (wobei sie meiner Einschätzung nach eher erst mal die Frucht berührte, sah, dass sie nicht starb, obwohl es hiess, sie würde sofort sterben, und dann entschied, sie zu essen). Schliesslich hätte sich Eva auf eine, wie Lieth es nennt, «theologische Diskussion» eingelassen. Im Moment, als er das sagte, war mir klar: Diese Gemeinde predigt, keine Zweifel zu haben, Zweifel sofort zu beseitigen, und jedes kritische Wort direkt auszublenden, damit es dem eigenen Glauben nicht schade. Dass Zweifel einem Glauben guttun können, darüber wurde nicht gesprochen. Ein theologisches Bild, das keine Kritik aushalten kann, ist vielleicht auch einfach zu schwach, um auf den eigenen Füssen zu stehen. Kennzeichnend war auch, wie Lieth sagte, das erste Wort, das Satan (die Schlange) spräche, wäre eine Lüge. Das stimmt nicht, denn es handelt sich dabei um eine Frage. Eine Frage kann suggestiv sein, aber sie ist keine Lüge, denn es handelt sich dabei nicht um eine Aussage. Ich weiss nicht, was mich mehr enttäuscht: zu wissen, dass solche Kritik direkt abgeblockt werden würde, oder die Tatsache, dass ich so Offensichtliches dann doch noch ausschreiben muss, um es klar zu stellen.

Ist es wirklich so gemeint?

Es ging weiter mit einer Runde von Fragen, ob Gott gewisse Bibelstellen wirklich so gemeint habe. Die Beispiele? «Praktizierende Homosexualität, keinen Sex vor der Ehe, dass Gott Mann und Frau geschaffen hat». Kurz: Ein homosexuelles Paar ist sündig, Sex vor der Ehe sowieso, und dass Gott «Mann und Frau» geschaffen hat, bedeutet übersetzt, dass er keine trans Personen geschaffen hätte. Und Lieth fragte (rhetorisch): «Soll Gott gesagt, und es so gemeint haben?» Ja, das Nicht-Akzeptieren und Nicht-Tolerieren von anderen ist offensichtlich so wichtig, dass es gar nicht infrage gestellt werden darf. Die Liebe, die Menschen gemäss Gebot der Nächstenliebe haben sollten, war im Mitternachtsruf gar nicht zu spüren. Satan stelle Gott als Lügner dar, er sage «glaub doch nicht alles, was da geschrieben steht». Dass Eva und Adam einfach neugierig waren, kann ich ihnen nicht vorwerfen. Lieths Beispiel aber kann ich ihm vorwerfen. Er beschrieb den Grund für das Essen als «Gier nach mehr». Meines Wissens dürfte eine unberechtigte Gier, also eine Gier nach etwas, das man nicht hat, aber auch nicht braucht, durchaus als sündig klassifiziert werden. Vor allem mit den Beispielen «Neid» und «Völlerei», die ja angeblich vor Sündenfall gar nicht existiert hätten. Irgendwie stand der Prediger da und erklärte einerseits, dass es gar keine Sünde gab vor dem Sündenfall, aber gleichzeitig gab es dann doch die Sünde der Gier, die den Menschen in den Fall brachte. War da jetzt Sünde oder nicht? Ist Neugier die schlimmste Sünde? Schliesslich hat sie das ganze Sündengefälle ausgelöst. Und wenn sie, bevor sie vom Baum assen, nicht gut und böse unterscheiden konnten, wie hätten sie wissen sollen, dass eine Regelverletzung eben nicht gut, sondern böse ist? Auch Kinder lernen, dass Handlungen Konsequenzen haben, und wenn das eben ihre erste Handlung war, und sie nie lernten, dass es Konsequenzen gab, ist es wohl verwerflich zu behaupten, dass sie von Grund auf böse seien. Aber nicht nur die Gier nach mehr sei das Problem (gewesen), wie Lieth erklärte, sondern der «grenzenlose Hochmut, Gott sein zu können». Denn wer Gott ist, der braucht keinen Gott. Sagt man zumindest im Monotheismus. Im Polytheismus sind mehrere Götter doch vereinbar. Dann begann eine wunderschöne Auflistung von Dingen, was die Welt macht und was sie erntet. Dabei waren: «Man lehrt Evolution und erntet der Stärkere gewinnt» (wobei die Schwachen heute mit der Lehre der Evolutionstheorie stärker geschützt werden als im Mittelalter, wo man an eine Schöpfung in sechs Tagen glaubte), «Sie wollen das Klima schützen und töten die Kinder im Leib der Mutter» (was herzlich wenig miteinander zu tun hat und einfach ein politisches Statement ist), «sie sprechen über Toleranz und dulden keine zweite Meinung». Ja, das nennt man das «Toleranzparadox». Wer tolerant ist, der ist Intoleranten gegenüber intolerant. Die Tolerierten haben dabei nichts, worüber sie sich beklagen könnten, aber die Intoleranten schon – sie werden nicht toleriert. Kurz: Wessen Meinung es ist, dass jemand keine Existenzberechtigung verdient, den toleriere ich nicht. Existieren zu dürfen und seine Identität frei zu finden ist nicht dasselbe wie anderen Personen dies abzusprechen. Eines schränkt niemanden ein, das andere schon. Auch schön: «Sie reden über Menschenrechte und missachten Gottes Recht». Sie stellen Menschenrechte infrage. Eine Grundlage für unsere Gesellschaft heute. Eine Bewegung, die unabhängig ihres Ursprungs mehr Nächstenliebe in sich vereint als die ganze evangelische Gemeinde «Mitternachtsruf». Die Bibel lesen sie anscheinend wirklich nur dort, wo es ihnen gerade passt. Ob sie wohl auch was gegen Amnesty und andere Menschenrechtsorganisationen haben, die eben ohne missionarische Ziele Menschen helfen? Ist es Gottes Recht, dass Menschen nur aus physischen Notlagen befreit werden dürfen, wenn sie dafür bekehrt werden? Was genau versucht der Mitternachtsruf, den Menschenrechten abzusprechen?

Die Predigt endete mit der Aussage, der Mensch könne schliesslich nichts Gutes tun, und: «Geh zu Jesus. Dann bist du nicht wie Gott, aber zuhause.» Bei Jesus vielleicht schon, aber nicht in dieser Kirche. Den barmherzigen und liebenden Gott aus dem Neuen Testament konnte ich in diesem Gottesdienst nirgendwo wiedererkennen.

Es gab wieder ein Gebet nach der Predigt, dann sangen wir «Amazing Grace» mit deutschem Text, und dann war es vorbei. Ich packte meine Sachen und bemerkte, wie andere Personen meiner Stuhlreihe darauf warteten, dass ich fertig würde. Ich machte mich aus dem Weg und stellte mich in die andere Reihe, um alles schön in meiner Tasche zu versorgen. Die drei Männer, die während dem Gottesdienst hinter mir sassen (und dank denen ich schönen Gesang von hinten hörte, auch wenn sie nicht ganz alles trafen), betrachteten mich meiner Auffassung nach ein wenig zu lange. Vielleicht bin ich auch eitel, aber ich erhielt doch auch bei anderen Frauen den Eindruck, dass diese und andere Männer sie etwas länger angeschaut hätten als notwendig wäre, um zu erkennen, ob diese Person bekannt ist und man ihr «Hallo» sagen sollte. Und der Blick war zu genau und zu forschend, als dass es einfach darum gegangen wäre, dumm reinzuschauen, weil man eben sonst nichts anzuschauen hat. Dass die Gemeinde als Ort, potenzielle Partner kennenzulernen, dient, ist nichts Neues, das gab es schon vor hundert Jahren – aber gerade so offensichtlich war es bei anderen christlichen Gemeinden, die ich bereits besucht hatte, dann doch nicht. Ist der Mitternachtsruf etwa weniger Kirche und mehr Datingportal für konservative Christen?

Angela Heldstab, 25.07.2023

Lexikoneintrag Mitternachtsruf

Tagung zu Verschwörungsdenken, Esoterik und Conspirituality an der Universität Basel

Als ich mich am Morgen der Tagung auf den Weg nach Basel machte, war ich darauf vorbereitet vor allem mehr über das Thema Verschwörungsmythen und Esoterik zu erfahren, um auch neue Erkenntnisse der Wissenschaft bei Relinfo einfliessen zu lassen. Doch es würden 8 Stunden sein, die mich lehrten, wie viel ich noch über Verschwörungsdenkende, Esoterik und Conspirituality (einem Wortspiel mit Conspiracy, also Verschwörung, und Spirituality) lernen kann. Die Tagung wurde im Rahmen der SNF-Projekte Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im ‚postfaktischen‘ Zeitalter“ und „Contentious Non-Compliance with Pandemic Response“ geführt. Durch die Covid-19 Pandemie wurde der Blick des Projekts auch auf Coronaleugner*innen oder Coronaskeptiker*innen geworfen. 

Ziel der Tagung war es durch die Forschung über Verschwörungsdenkende die Lücken zwischen Spiritualität, Verschwörungsmythen, Esoterik und im Weiteren auch zu Religion zu schliessen. Dies führte auf eine wilde aber auch spannende Achterbahnfahrt durch verschiedenste Vorträge. Es gab Präsentationen zu Studien, welche eher den geschichtlichen Hintergrund von Esoterik und Verschwörung erleuchteten, über Mythen und Entzauberung als gemeinsames, dann gab es aber auch Vorträge, welche mehr auf den Hintergrund eines Verschwörungsgläubigen eingingen und so auch Erfahrungen und Charaktereigenschaften miteinbezogen.

Covid-19 als Auftakt zu neuen Studien über Verschwörungsdenkende

Die Covid-19 Pandemie war für das oben genannte SNF-Projekt ein Weg, mehr über Verschwörungsdenkende herauszufinden. In einem Vortrag über „das Verhältnis von Autoritarismus, Verschwörungsmentalität und Aberglaube“ wurde zuerst erklärt, dass Aberglaube und Verschwörungsmythen einen Container für realitätsverleugnende Anschauungen bieten. Wenn wir an die Slogans von verschiedensten Coronaskeptikerinnen zurückschauen, können wir dem zustimmen. Auf der Webseite „back2normal.ch“ sind noch einige ihrer „Fakten“ aufgeführt, wie beispielsweise „Keine asymptomatische Übertragungen (Studie mit 10 Mio Probanden) –> Maskenpflicht sinnlos“. Diese Aussage lehnt klar die von der Mehrheitsgesellschaft anerkannten wissenschaftlichen Resultate während der Coronapandemie ab und kann zu einer ausgereiften Verschwörungstheorie führen.

Wissenschaftlich betrachtet sind verschwörungstheoretische Elemente in Krisenzeiten dominanter. Oft ist hinter Krisen, wie bei der Coronapandemie beispielweise, auch keine Sinnhaftigkeit zu erkennen, welche eine Krise vielleicht erträglicher machen würde.

Verschwörungsmythen bieten daher Feinbilder. Aggressionen und Ängste werden so ausgelagert, dass das eigene Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird und es zu einer Entschärfung der inneren Konfliktlage führt. Dabei hilft ein Satz den Verschwörungsverbreitenden besonders: „Ich bin kein Spezialist, aber wir müssen auch keine Spezialisten sein, wir brauchen einfach gesunden Menschenverstand.“ Mit diesem Satz wird einem die „Erlaubnis“ erteilt sich auch ohne wissenschaftliche Grundlage, sondern mit dem eigenen gesunden Verstand, eine Meinung zu bilden und gleichzeitig bietet einem das „wir“ in diesem Satz eine Gemeinschaft von Gleichdenkenden an. Dies wiederum bestärkt die Haltung von „wir“ gegen „sie“. Oft wird eine „Wahrheit-in-einem-selbst“- und „Hilf-dir-Selbst“-Einstellung gepflegt. Die Verschwörungsdenkenden erhalten dann eine sogenannte „Schiefheilungsdynamik“. 

Diese Punkte wurden bei einer psychoanalytischen und sozialpsychologischen Studie von Markus Brunner und seinem Team hervorgehoben. Die Studie, welche Interviews mit Verschwörungsdenkenden beinhaltet, zeigt auch auf, dass durch eine verschwörungstheoretische Erklärung oftmals schmerzhaften Erfahrungen einen Sinn gegeben werden können. 

„Hör auf dein Herz, es sagt dir, dass etwas nicht stimmt.“

Als dieses Zitat am Anfang der Tagung an die Leinwand projiziert wurde, dachte ich es würde als Beispiel für eine esoterische Haltung fungieren. Als Person, welche eher rational unterwegs ist, habe ich mir schon oft vorgenommen mehr auf mein Herz zu hören – so  überladen das auch klingen mag. Doch die Vortragenden wiesen darauf hin, dass dieses Zitat oft von Verschwörungsdenkenden benutzt wurde, um ihre Verschwörungsmythen zu untermauern. Heisst das, wenn man auf das eigene Herz hört, dass man dann gleich anfälliger dafür ist, ein oder eine Verschwörungsanhänger*in zu werden?

Bei Relinfo werden einige Merkmale von Verschwörungsdenkenden und -theorien aufgezeigt. Dazu gehört, dass Verschwörungsdenkende zwischen Gut und Böse differenzieren, eigene Gesundheitstipps verbreiten, welche sich von wissenschaftsbasierter Medizin abgrenzen oder dass sie für schwere Situationen scheinbar ein simples Rezept haben. Zu Verschwörungstheorien gehört auch, dass sie oft auf intuitiven und nicht wissenschaftlichen Grundlagen stehen. Es werden rationale Zugänge gelegt, welche aber abgrenzend zu anerkannten Wissensbeständen fungieren. Zudem gehört bei Verschwörungsdenkenden oft die Haltung dazu, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles seine Gründe hat und alles miteinander verbunden ist. So sind Verschwörungsgläubige Teil eines inneren geheimen Wissens.

Als Teil dieser Tagung, in der Verschwörungsdenken und Esoterik zusammen angeschaut wurde, komme ich nicht umhin zu erkennen, dass viele dieser oben genannten Merkmale sicher auch auf Esoterik zutreffen würden. Und wenn man nach der Namensherkunft von Esoterik sucht, findet man heraus, dass Esoterik vom altgriechischen Wort esoterikós (dt. innerlich) kommt, was so viel wie dem inneren Bereich zugehörig heissen kann. Auch diesen Ausdruck könnte man bei Verschwörungsanhängern anwenden. So führte dies unweigerlich zu meiner Frage: Was ist der Unterschied von Verschwörungsdenken und Esoterik? Gibt es diesen überhaupt? 

Verschwörungstheorie vs Esoterik 

Beim nächsten Vortrag zum Thema „Mythen der Entzauberung“ wurde mir, wie ich dachte, sogleich eine Antwort auf diese Frage gegeben. „In der Verschwörungstheorie ist das Geheimnis böse. In der Esoterik ist das Geheimnis gut.“ Diese Antwort war für mich einfach und gut nachvollziehbar. Aber sobald ich mich mit dieser Unterscheidung abgefunden hatte, kam der nächste Satz des Vortragenden, nämlich: „Aber so einfach ist das natürlich nicht.“

Daraufhin gab es einen kurzen Ausflug in die Geschichte. Zu einem deutschen Esoteriker und Künstler: Joseph Beuys. Dieser hatte seinen Einfluss vor allem in der deutschen Nachkriegszeit. Sein Bezug zu einer Art Schamanismus und zu Esoterik ist in seiner Kunst unvermeidbar anzutreffen. Ein Indiz dafür ist, dass er anscheinend echtes Tierblut und -fett für „geistige und seelische Kräfte“ in seiner Kunst verwendete. Als Schüler von Rudolf Steiner wurde er auch von dessen Lehren beinflusst. 

Rudolf Steiner vertrat die Ansicht, dass wir hier auf der Erde der Verzauberung seien und dass eines Tages ein Prozess der Entzauberung kommen werde, wodurch man dann aus eigener Kraft in die kosmologischen Welten und deren Wissen kommen könne. Das Ziel, welches die Menschheit anstreben sollte, war das Wegräumen der Entfremdung und des Misstrauens gegenüber dem Übersinnlichen, sodass eine Entzauberung stattfinden könne.

Beuys nahm die Theorie Steiners der Verzauberung und Entzauberung der Welt auf und verbreitete zusätzlich sogar die Ansicht, dass der Faschismus des zweiten Weltkrieges ein von Amerika kommendes Phänomen war. Er glaubte, dass Deutschland und die Deutschen quasi von Amerika verzaubert wurde und dies zum Faschismus in Deutschland führte. Somit liege die Schuld des zweiten Weltkrieges bei den Amerikanern. *Dasgoetheanum.com

Wie man sieht, vereinigt Joseph Beuys als anerkannter Esoteriker auch Verschwörungsmythen in sich.  Es zeigt, dass es nicht entweder Verschwörungstheorie oder Esoterik sein muss.  Dies wiederum lenkt die Diskussion weiter, dass sich in einer Person verschiedene Ausprägungen von Verschwörungsdenken, Esoterik und – hier würde ich nun auch den nächsten Begriff neu hinzufügen – Spiritualität vereinen können. 

Die 6 Typen der Verschwörungsdenkenden 

In einer Studie zum „Verhältnis von Autoritarismus, Verschwörungsmentalität und Aberglaube“ wurden an der Universität Leipzig 6 Typen von Verschwörungsdenkenden ausarbeitet. Eigentlich sollte eine Studie und ihre Ergebnisse nicht ohne Kontext angeschaut werden und schon gar nicht veröffentlicht werden. Ich war zwar an dieser Tagung und habe kleine Einblicke in verschiedene laufende Studien erhalten, aber ich habe die Studien nicht eingehend gelesen oder studiert und so ist es mir nicht möglich ausführlich auf diese Studien einzugehen. Sie wurde jedoch im November 2022 unter dem Titel „Autoritäre Dynamik in unsicheren Zeiten – Neue Herausforderungen – alte Reaktionen?“ veröffentlicht.

Die Studie zeigt für mich vor allem auf, dass es nicht DEN Verschwörungsgläubigen gibt und dass nicht alle Verschwörungsdenkende in einen Topf zu werfen sind. Sie zeigt, dass verschiedene Verschwörungsgläubige auf unterschiedliche Weise mit Verschwörungsmythen umgehen.

Die Probanden wurden mittels einer Umfrage den 6 Typen zugeteilt. Dabei wurden fünf bestimmte Merkmale und deren Ausprägungen in der Person angeschaut. Diese fünf Merkmale haben ihre eigenen Definitionen und wurden sorgfältig bestimmt.  Zu den fünf Merkmalen gehören Aberglaube, Verschwörungsmentalität, autoritäre Aggression, autoritäre Unterwürfigkeit und Konventionalismus. Die 6 ausgearbeiteten Typen sind: 1. Die externen Rechten, 2. Die Radikalisierbaren, 3. Die Unscheinbaren, 4. Die Besorgten, 5. Die Autoritären und 6. Die Pluralisten. Die ersten drei Typen haben gemeinsam, dass die Merkmale autoritäre Aggression, autoritäre Unterwürfigkeit und Konventionalismus stärker ausgeprägt waren und dies zeigt, dass sie eine eher klassische Verschwörungsmentalität besitzen, während die letzteren drei Typen eher zu Conspirituality neigen, da das Merkmal des Aberglaubens dominanter ist. 

Ausflug nach Aotearoa

Weiter oben habe ich erwähnt, dass Verschwörungsmythen vor allem in Krisenzeiten stärker verbreitet sind, da sie Feinbilder bieten können. Was ist, wenn die Feindbilder schon vor einer Krise und vor einer Verschwörungstheorie existierten und Verschwörungsmythen als Folge dieser Feindbilder entstehen? 

In Aotearoa oder Neuseeland gab es während der Coronapandemie, wie in vielen anderen Ländern, Demonstrationen gegen die Coronastrategie der Regierung. Unter den Demonstranten befanden sich ebenfalls viele eher jüngere Maori. Natürlich kann man nicht verallgemeinernd sagen, dass alle Maori Coronaskeptiker gewesen waren, da viele Maori die Massnahmen begrüssten. Die in der Studie aufgeworfene Frage war jedoch: Sind die Maori, welche in der Vergangenheit und auch Gegenwart noch immer systematische Diskriminierung erfahren, anfälliger auf Verschwörungsmythen, die den Staat zum Feindbild machen?

Die Studie läuft noch immer. Dabei wird untersucht, ob die Erfahrung von systematischer Diskriminierung ein allgemeines Misstrauen auf Regierungen oder Autoritäten gibt, welche dann in Krisenzeiten auch stärker zum Vorschein kommen können. Verschwörungsmythen können als Bewältigungsstrategien zu systematischer Ungleichheit genutzt werden.

Da die Maroi systematische Ungleichheit erfahren und somit die Feindbilder schon existieren, würde es verständlich sein, wenn zu diesen Feindbildern in Krisenzeiten auch Verschwörungsmythen einfließen, welche ihre Feinbilder verstärken. Verschwörungsmythen bieten in diesen Fällen also ein Gegennarrativ zu systematischer Diskriminierung. Um die These repräsentativ zu machen, wäre es sinnvoll auch in anderen Ländern, wo bestimmte Minderheiten systematischer Diskriminierung unterliegen, zu forschen.

Conspirituality als Ausweg 

Oben habe ich über mehrere Blickwinkel versucht aufzuführen, dass es verschiedene Arten und Ausprägungen von Verschwörungsdenkenden gibt: Erstens, Verschwörungsmyhten, welche Feindbilder bieten, um den eigenen Ängsten oder Aggressionen ein Ventil zu geben. Zweitens, Joseph Beuys, der Verschwörung und Esoterik in sich vereint. Drittens, eine Studie zu 6 Typen von Verschwörungsdenkenden. Zuletzt, schmerzhafte Erfahrungen mit systematischer Diskriminierung, welche Verschwörungsmythen einen Platz geben. 

Trotzdem werden Verschwörungsdenkende oft alle zusammen in einen Topf geworfen und als irrational und realitätsfremd betitelt. Coronaskeptiker werden gleichgestellt mit Vertreter dunkler Mächte welche das Blut von Kindern trinken, um sich zu verjüngern. Verschwörungsdenkende werden entweder belächelt oder gefürchtet. 

Im Begriff Conspirituality sehe ich einen Ausweg aus dem negativ konnotierten Konzept des einen Verschwörungsdenkenden.  Conspirituality vereint Conspiracy, also Verschwörung, und Spirituality. Unter Spiritualität wird oft eine Offenheit und ein Interesse für das wissenschaftlich Unerklärliche verstanden. Vielleicht können mit der Kombination von Verschwörung und Spiritualität die negativen Stereotypen über Verschwörungsdenkende entgegengewirkt werden.

Auch die Wissenschaft interessiert sich für den Begriff der Conspirituality. In der Tagung wurde der Begriff nicht nur mit Verschwörungsmythen, sondern auch mit Esoterik und Religion verbunden. So ergibt sich esoteric conspirituality, Christian conspirituality und New Age conspirituality. Was all diese gemeinsam haben ist das Intuitive, also auch das „Hören auf das Herz“, das teleologische Denken, also mehr zweckbestimmtes als ursachenbestimmtes Denken und das holistische Denken.

Mein Fazit aus der Tagung ist, dass Esoterik, Verschwörungsmentalität und Spiritualität nicht so klar voneinander zu trennen sind. Die verschiedenen Typen und Hintergründe von Verschwörungsdenkenden zeigen dies auch auf. Conspirituality als neuer Begriff würde dazu einladen, sich über eine Denkweise zu informieren und sich danach eine Meinung dazu zu bilden, anstatt sie – gleich  einem Vorurteil – sofort als  schlimme Verschwörung abzutun. Auf der anderen Seite sollte sie gefährliche Verschwörungsmythen nicht verharmlosen. Conspirituality hat eine Chance verdient sich auf diese Gratwanderung zu begeben.

Alysejah Huber, 18. Juli 2023

Ein nicht so schmaler Weg auf Abwegen – ein ehemaliges Mitglied der EBG besucht das ICF

Vor meinem Besuch wusste ich bereits, dass das ICF etwas konservativer ist, als es sich gibt. Nach meinem Besuch und etwas Googeln bin ich aber doch schockiert, und möchte hier warnen: Dieser Artikel enthält einiges, das emotional bewegen könnte. Besonders nennenswert sind Homophobie und Transphobie und die Ablehnung von Abtreibungen.

Ein Konzertbesuch

Kaum hatte ich «The Hall» und die davorstehenden Besuchenden erblickt, kam ein erstes Konzertgefühl hoch. Ein mittelgut besuchtes Konzert, aber dennoch ein Konzert. Ich war so im Konzertgefühl, dass ich beim Eintreten kurz Panik kriegte, weil ich kein Ticket hatte, bis mir einfiel, dass es sich hierbei ja um einen Gottesdienst – Verzeihung, eine «Celebration» – handelte. Ich bewegte mich also in die Halle, in welcher bereits enorm laute Beats zu hören waren, und andere anstanden, um in den Reihen nach zu rutschen. Die Musik dröhnte in meinen Ohren und ich hätte am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder weggelaufen. In christlichen Gemeinden habe ich vermehrt die Erfahrung gemacht, dass, wer eine einzelne Person sieht, sich zu ihr gesellt, um niemanden allein zu lassen. Sogar gewisse Konzertbesuchende sind ähnlich drauf. Von dieser Mentalität war im ICF aber wenig zu spüren: Die Menschen neben mir waren zwar nett, aber eine Einbindung ins Gespräch, wie in vielen anderen Gemeinden, fand nicht statt.

Zu Beginn der «Celebration» sangen wir einige Lieder. Anfangs war es mir immer noch zu laut, aber ich entschied mich dazu, mich darauf einzulassen. Ab dem zweiten Lied begannen ICF-Besuchende, ihre Arme in die Lüfte zu erheben. Einige erhoben beide Arme, andere nur einen – meistens den rechten. Es meinte sicher niemand so – hoffe ich -, aber wer mit dem ganzen Lichterspektakel nur Silhouetten sieht, die die rechte Hand zur Decke emporstrecken, muss zweimal schauen, um sicherzugehen, dass es sich dabei nicht um den römischen Gruss handelt. An dieser Stelle möchte ich ICF-ler:innen ermuntern, doch immer beide Arme zu verwenden, um Missverständnisse zu vermeiden. Meines Wissens werden die Arme erhoben, wenn man sich besonders erfüllt vom Heiligen Geist fühlt. Ich selbst verspürte den erwarteten «heiligen Geist», der im Rahmen eines kalten Schauers über meinen Rücken lief, drei Mal: zweimal als das Schlagzeug immer lauter und intensiver wurde, und einmal, als die Band mehr als laut genug spielte, um das «Jesus, chum!»-Geschrei des Publikums zu übertönen. Die Moderatoren hatten darum gebeten, um Jesus zur Rückkehr anzufeuern, doch trotz lautem Spiel und Gebrüll tauchte Jesus nicht auf. Vielleicht hätten wir noch lauter schreien müssen. Solche und ähnliche Erlebnisse mit anderen «Heiliger Geist»-Erfahrungen, die ich aus meiner Freikirchenzeit kenne, zu vergleichen, führt mich zu einer ersten Schlussfolgerung: Wer ein christliches Konzert macht, was ICF Celebrations für mich sind, und das Erlebnis auf den Heiligen Geist schiebt, hat wohl nicht ganz verstanden, dass solche Erlebnisse auch bei ganz und gar nicht christlichen Konzerten stattfinden können. Ob es dort wohl auch der Heilige Geist ist?

Geld für Sport: Das ICF als Alternative zum Gym

Die ersten Lieder waren irgendwann fertig, und die Moderatoren kamen auf die Bühne, um über ein Camp zu sprechen, gemeinsam für eine gute Zeit zu beten, und dann im Anschluss Geld dafür zu erbitten. Einige vor mir Sitzende sendeten ihnen sogar Geld, doch der Topf, der in meinen zwei Sitzreihen herumgegeben wurde, blieb leer. Da war ich froh darüber, schliesslich soll das Spenden an die Kirche – oder «Church», beim ICF – nicht öffentlich sein. Im ICF hatte ich schon ganz andere Erfahrungen gemacht, aber damals war auch Leo Bigger anwesend, vielleicht musste man ihn dort beeindrucken. Bei dieser «Celebration» machten wir ausserdem etwas Sport: Wir mussten andauernd wieder aufstehen, und uns setzen, und aufstehen und uns setzen. Mal fürs Gebet, mal für das Singen, mal für das Vorlesen eines Psalms, für welches ein Bandmitglied sein Smartphone aus der Hosentasche zog und nach dem Lesen eine Weile brauchte, um die Hosentasche wieder zu finden (was alles schön auf dem Hintergrund gezeigt wurde). Das Gebet der Moderation als solches zu klassifizieren fiel mir schwer. Der Raum war zu inszeniert, als dass ich es nicht einfach als Show interpretieren hätte können. Vom ehrfürchtigen, bewundernden Beten, das ich kenne, war nichts zu spüren, zumindest nicht von der Bühne. Um mich Sitzende schienen im Verlauf der «Celebration» um Einiges aufrichtiger zu beten, ohne eine grosse Show daraus zu machen.

Während der ganzen Moderation blieb eins gleich: Die Band spielte im Hintergrund weiter. Ich bin kein Fan, wenn Musik spielt und gleichzeitig gesprochen wird; entscheidet euch für eines, oder singt gleich mit. Wenigstens hörte die Band kurz vor der Predigt auf. Rückblickend hätte ich lieber noch mehr Lieder anstelle von der Predigt gehört.

«Hallo Vater», Tschüss Abtreibung

Nach langem Leiden meinerseits begann die Predigt. Die Moderation kommentierte, wir sollen «Hallo Vater» sagen, denn heute ging es darum: um Gott, den Vater. Von allen Predigten, die ich gehört habe, war eine Predigt über Gott, den Vater, eher selten, und so nahm es mich wunder, worüber er denn sprechen würde. Predigen würde Dominic Haab, auf YouTube bekannt als «Dom Haab». Gefragt habe ihn Leo Bigger, Senior Pastor und Mitgründer des ICF, ob er denn an diesem Sonntag predigen könne. Sympathisch an Dominic war eines: Er verwendete viele Bibelverse während seiner Predigt, anfangs aus mehreren Übersetzungen, dann nur noch «Neues Leben». Das würde aber das einzig Positive an diesem Mann bleiben, jedenfalls für den Teil seiner Person, den ich an diesem Abend kennenlernen durfte. Er sprach darüber, was Gott, der Vater, war, und nannte etwa die folgenden drei Punkte: Gott sagt «Ja» zur Schöpfung, er freut sich, wenn er barmherzig sein kann, und er hat uns alle gern. Für mich waren die letzten beiden Punkte relativ nah beieinander, und es fühlte sich mehr an, als hätte er einfach eine Liste mit drei Punkten gewollt. Das wird in allen möglichen Rhetorikkursen auch gern empfohlen. Sein konstantes «Verstahsch?!»-Nachfragen wird hingegen nicht empfohlen. Dominic, ein Bauer, begann also, über das «Ja» von Gott zu seiner Schöpfung zu sprechen, und verwendete zwei Beispiele: seinen Mais, auf den er sehr stolz sei, und ein Kalb, das wohl an diesem Tag geboren wurde. Sein Mais war wohl in kurzer Zeit bereits durchgebrochen. Grund dafür waren nicht die Wetterkonditionen oder irgendwelche anderen messbaren Faktoren, sondern das «Ja» Gottes zu seiner Schöpfung. Dominic brüllte vor Freude an seinem Mais in sein Mikrofon und meine bereits gereizten Ohren schmerzten bei jedem Wort noch mehr. Der brüllende Prediger lief auf und ab, und der Kameramensch versuchte sein Bestes, um ihm möglichst gut zu folgen. Es war fast schon unterhaltsam, zuzuschauen, wie die Kamera ihm zwar folgte, dann aber zu weit schwenkte, oder zu spät zu schwenken begann, weil sich Dominic so unvorhersagbar bewegte. Die Geschichte des Kalbs war aber aussagekräftiger, denn Dominic erzählte, wie er vor einigen Monaten auf dem Ultraschallbild nur «das Herz» des Kalbes gesehen hätte, dass Gott «Ja» zur Schöpfung (des Kalbes) sagte, und so das Kalb geboren wurde. Klar ist bei dieser Message eines: Wenn Gott «Ja» zu deiner Schwangerschaft sagt, heisst das «Nein» zur Abtreibung, und somit auch «Nein» zur Wahl, abtreiben zu können. Ein nicht sehr moderner Standpunkt in einer Kirche, die sich enorm modern anmalt. Das «Herz auf dem Ultraschall» erinnert auch an die «Heartbeat Bill» in Georgia, die verlangt, dass Abtreibungen ab dem ersten Herzschlag illegal sein sollen. Ein «messbarer» Herzschlag beginne angeblich etwa 6 Wochen nach Beginn der Schwangerschaft, also ungefähr 4 Wochen nach Befruchtung bei einem 28-Tage-Zyklus. Wichtig ist hierbei zu wissen: Eine Schwangerschaft beginnt nicht bei Befruchtung, sondern bei Beginn der letzten Menstruationsblutung. Diese Information wird bei der Abtreibungsdiskussion gerne aussen vorgelassen, und sie dabei im Hinterkopf zu behalten ist entsprechend umso wichtiger. Eine Abtreibung vor diesem Zeitpunkt vorzunehmen ist zwar möglich, aber die wenigsten Frauen führen eine Abtreibung durch, wenn sie einmal ihre Tage nicht haben. Es wirkt aber ganz und gar so, als würde Dominic eine Regelung nicht ablehnen, in welcher es schwierig ist, abtreiben zu können.

Die Megachurch ICF und der schmale Weg

Dominic sprach bei seiner Predigt darüber, wie der christliche Weg ein «schmaler Weg» ist, und «nur wenige gehen ihn». Ich sah mich im Raum um. Das ICF, das reihenweise Jugendliche hineinlockt, das seinen Aufbau von den Megachurches in den USA abguckt, das sich «cool» und «modern» gibt, um «in» zu sein. Diese «Church» behauptet, den schmalen Weg zu vertreten? Nicht mal «konservativ» machen sie richtig. Als ich mit 15 aus der viel konservativeren EBG austrat, hatte ich zwei Jahre wahrhaftig schmaler Weg hinter mir. Modern wollte dort niemand sein, nicht mal moderne Musik. ICF-Lieder, wie ich sie an diesem Abend hörte, wurden als satanisch bezeichnet, denn Satan kleide sich in Lügen und Täuschungen. In der EBG sah man selbst das Bibellesen auf dem Handy als modern und falsch an. Scheidung war gar kein Thema, auch in Missbrauchsfällen wie häuslicher Gewalt nicht, und erneut heiraten schon gar nicht. In der EBG gibt es zudem eine strikte Umsetzung der Kleiderordnung, es wird zwischen «Frauenkleidung» und «Männerkleidung» unterschieden, und beide haben sich «bescheiden» anzuziehen. Frauen haben zudem lange Haare und eine «Kopfbedeckung» oder spezifische Frisuren (Hauptsache, nicht offen) zu tragen, und Männer den Hut auszuziehen, wenn sie beteten, und kurze Haare zu tragen. Wenn ich mich daran erinnere, wie bewusst uncool und gottesfürchtig ich damals war, wie stark ich auf alles Mögliche verzichtete – oder es versuchte -, dann ist ein ICF, das «den schmalen Weg» gehen will, für mich nichts mehr als ein schlechter Witz.

Ja zur Schöpfung, Nein zur Homosexualität: Das Perfekte im Widersprüchlichen

Dominic erklärte aber, was denn am Weg so schmal sein könnte – nachdem er sich über die teuflischen Mächte aufregte, leider zu unklar, um einen Inhalt ausser «der Teufel ist böse» zu entnehmen. Und er zählte auf und begann mit: «Nicht jeder wird sagen «wow, mega cool, dass du Jesus folgst!»», und er sprach weiter und erklärte: «Nicht jeder wird Freude haben, wenn du sagst «es gibt nur zwei Geschlechter, Mann und Frau», nicht jeder wird begeistert sein, wenn du sagst «Sexualität ist etwas Wunderbares – zwischen Mann und Frau!»». Nein, da ist nicht jeder begeistert, besonders die ehemalige Freikirchlerin, die dir zuhört und deine Behauptung «Das wirst du nicht oft hören, aber es steht in der Bibel!» als wahlweises Annehmen von spezifischen Regeln und Ablehnen anderer – aus derselben Bibel! Demselben Buch! Selbes Kapitel! – Regeln einzuschätzen weiss. Ich bin froh, dass es Gemeinden gibt, die sich dafür entscheiden, die Bibel ganzheitlich in ihrer Zeit einzuordnen. Solche, die nicht nur einzelne Verse, die nicht passen, als «Zeugen ihrer Zeit» einschätzen, und andere dann als «immer wahr» betiteln, sondern konsequent modern und zeitgemäss sind in ihrer Bibelinterpretation.

Nach Dominics offener Homophobie und Transphobie bat er uns, uns zu Gott zu bekennen – eine Bekehrung ohne Prediger, spannend! Er kommentierte, dass diese, deren Eltern sie in ihrem Glauben «blockierten», ihnen heute vor dem Gehen vergeben sollen. Ich wusste und sah, dass viele Jugendliche da waren, und der Gedanke, dass ihre Eltern zuhause waren und sich um ihr Kind Sorgen machten, traf mich. Ich war ja auch mal eines dieser Kinder, und an diesem Tag war die Predigt besonders anstrengend, da sie enorm politisch war. Der Einfluss, den eine Kirche auf Jugendliche haben kann, ist beträchtlich, aber sie müssen die Ironie selbst bemerken. Sie müssen selbst merken, wie konservativ das ICF wurde. Das Blockieren der Eltern ermuntert nur den weiteren Besuch. Aber eines beeindruckte mich. Als Dominic so offen homophob und transphob war, blieb der Raum still. Die ganze Zeit gab es Personen, die «Ja!» und «Amen!» riefen, doch bei dieser Aussage war es ruhig.

Dominic verschwand und wir sangen erneut ein Lied. Der Text war einfach und enorm repetitiv, und bestand grösstenteils aus: «You are perfect in all of your ways» (wobei damit Gott gemeint ist), «It’s who you are» und «It’s who I am», und: «And I’m loved by you». Aussagekräftig war auch der fünfte Teil «You’re a good, good father». Ich stand da, sang mit, und dachte mir: «Wie kann ein Vater, ob Gott oder Mensch, perfekt und gut sein, wenn er zwar ‘Ja zur Schöpfung’ sagt, aber ‘Nein zur Homosexualität’?» Ein perfekter Vater, der in allem, was er macht, perfekt ist, der uns liebt, und der Ja dazu sagt, wer wir sind – der kann nicht homophob und transphob sein. Ein Vater, der sagt «alle meine Kinder sind liebenswürdig, und ich bejahe sie alle in ihrer Identität», der bejaht auch die Homosexualität, die trans Identität, die Freiheit des eigenen Kindes. Wer das nicht macht, dem kann nicht nachgesagt werden, dass er «perfekt» wäre, oder dass er uns so, wie wir sind, so, wie wir geschöpft wurden, liebt. Besonders, wenn er uns selbst so geschöpft hat, was im Falle von Gott, dem Vater, zutrifft.

Ich hoffe, dass Dominics vier Kinder hetero und cis (nicht trans) sind, damit sie nicht erfahren müssen, wie es ist, vom eigenen Vater nicht voll und ganz akzeptiert zu werden, sondern nur, solange sie in sein Weltbild passen. Und sollten sie doch nicht hetero und cis sein, dann hoffe ich, dass Dominic lernt, sie dennoch voll und ganz zu akzeptieren und zu lieben.

Als das letzte Lied gesungen war und die Menschenmasse sich zum «Hangout» bewegte, lief ich erleichtert hinaus aus dieser Halle, weg vom ICF, das für mich keine «Church» und keine Heimat anbieten kann. Die Lieder waren schön, die Mitglieder wirken aufrichtig in ihrem Glauben, doch die «Church» als solches? Nein danke. Lieber konsequent und aufrichtig modern als dieses semi-religiöse Getue.

Ein weiterer Schock

Am Tag darauf informierte ich mich ein wenig mehr darüber, wer denn Dominic genau ist. Das Finden schmerzte: Dominic ist nicht nur im öffentlichen Gottesdienst homophob, transphob und gegen Abtreibungen, sondern auch auf seiner Facebook-Seite. Zu Zeiten Coronas vertrat er ausserdem die Verschwörungstheorie, dass der Covid19-Impfstoff aus abgetriebenen Embryos hergestellt wurde.

«Die Bibel ist klar» – ein fehlendes Bibelverständnis

Auch transphob ist Dominic ganz öffentlich. Er postete am 28. März dieses Jahres ein – meines Wissens älteres – Bild, auf welchem steht: «A biological male just won Miss Nevada […] The prettiest woman in all of Nevada is a man.» Hierbei ist mit dem Begriff «biologischer Mann» nicht etwa die Geschlechtsidentität gemeint, sondern die (vermuteten) Chromosomen. Die schönste Frau in Nevada ist eben eine trans Frau, und Dominic findet das offensichtlich ganz schlimm. Er liess es aber nicht dabei, einfach das Bild zu posten, sondern setzte die Tags «crazy times», «truth wins» und «stay in the light» – und den Bibelvers Matthäus 19, 4. Worum geht es in Matthäus 19, 4? «Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau», wie es in der Lutherbibel 2017 heisst. Dieser Vers ist herrlich schön aus dem Kontext gerissen, denn in Matthäus 19, 3 fragen die Pharisäer Jesus, ob es denn erlaubt sei, dass ein Mann sich aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheide. Jesu Antwort ist bekannt: Nein, es sei denn, wegen Ehebruch. Nicht eine Position, die das ICF vertritt. Und von der Bibel her leider auch kein Beweis, dass trans Personen «unchristlich» seien oder dass die Identität nicht gottgewollt sein kann, sondern nur ein Kommentar zur heterosexuellen Ehe(scheidung). Kann Dominic die Bibel wirklich so gut lesen, wie er es darstellt? Wenn das der einzige biblische «Beweis» gegen trans Personen ist, dann wird der Kampf für die transphoben Christen gar nicht einfach. Diesen Vers verwendet er lustigerweise mehrfach, um zu «beweisen», dass es «nur zwei Geschlechter» gäbe. Ganz interessant ist auch sein Post, in welchem er schreibt, es sei zu spät, seine Kinder mit dem «gender nonsense» zu «brainwashen». Seine Kinder sind alle noch im Primarschulalter, nicht ein Alter, in dem sich die meisten mit Geschlechtsidentitäten auseinandersetzen. Er hat möglicherweise aber bereits mit ihnen darüber gesprochen, vermutlich auf eine Weise, bei welcher man bereits anhand der verwendeten Sprache die Meinung hören kann. «Biological man» wird niemand sagen, der oder die trans Personen in ihrer Identität akzeptiert. Auch Dominics Vorschlag «Just have a quick look between your legs» hilft nicht: In erster Linie wissen wir, dass es so einige Personen gibt, die Intersex zur Welt kamen. Als Bauer müsste Dominic wissen, dass nicht jedes Geschöpf, zu dessen Geburt Gott «Ja» gesagt hat, auch klar dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Gott hat also auch zu Intersex «Ja» gesagt, und somit «Ja» zu Personen, die nicht in den binären Geschlechterrahmen passen. Ausserdem wissen wir, dass es eine Geschlechtsidentität unabhängig von der äusserlichen Erscheinung gibt, weil jemand eine andere Identität hatte als «zwischen den Beinen» vorzufinden war. Auch die Geschlechtsidentität gehört zu Gottes Schöpfung, auch dazu hat er «Ja» gesagt. Warum fällt es Dominic wohl so schwer, einfach zu akzeptieren, dass die Welt sich eben nicht darum dreht, was zwischen den Beinen vorzufinden ist?

Homophobe Aussagen trifft er wenigstens nur einmal, zumindest anhand dessen, was ich gesehen habe. Am Tag der Abstimmung über Ehe für alle schrieb er: «Ehe zwischen Mann und Frau ist viel mehr als Papier, Status, Emotionen und Gefühle.» Was da wohl noch dazu kommt? Kinder? Liebe? «Gottes Segen», der wohl ihm und ähnlich Glaubenden vorbehalten ist? Was haben er und seine Frau, das ein homosexuelles Paar nicht haben kann? Selbst homosexuelle Paare können homophob sein, daran kann es nicht liegen. Und anderen Menschen abzusprechen, dass sie sich lieben, ist nicht etwas, das ein «Christ» machen sollte.

Dominic als Vater: ein schmerzhaftes Missbrauchspotential

Dominic erzählte, wie er einen 7-jährigen Sohn habe, der «ganz mutig» im Fussballtraining auch zu den grossen Kindern renne, um ihnen den Ball wegzunehmen. Auf Dominics Lob, wie mutig das sei, sagte der Kleine «Aber ich muss ja gar keine Angst haben, Jesus ist ja bei mir». Unendlich süss, und das war auch im Publikum zu hören. Dominic wirkt wie ein guter Vater und wie ein Vorbild, doch leider habe ich seine Facebook-Page einen Tag nach der Predigt angeschaut. Ein Fehler, wenn man Dominic als guten Vater und als Vorbild sehen will. Er postet unglaublich viele Bilder seiner Familie und seiner vier (!) kleinen Kinder. Diese Bilder sind für alle öffentlich. Man braucht nicht etwa mit ihm befreundet zu sein – wobei das bei seinen über 3500 Freunden wohl nicht schwierig wäre -, nein, man sieht direkt die ganzen Bilder. Nur auf Facebook eingeloggt sein muss man. Ich finde es bereits enorm grenzwertig, Bilder von Kindern ins Internet zu stellen, ganz allgemein, egal, was dazu sonst noch alles steht. Es verletzt die Rechte der Kinder, vor allem, da sie noch nicht fähig sind, selbstständig zu urteilen, ob Bilder von ihnen im Internet zu landen haben oder nicht. Für manche Bilder werden sich die Kinder, sobald sie «Teenies» sind, wohl schämen, und sich wünschen, dass es nie hochgeladen wurde. Bilder von Personen, die noch nicht fähig sind, ihre Einwilligung zu erteilen, im Internet zu verbreiten, ist ganz klar eine Verletzung der Privatsphäre und der Rechte dieser Personen. Ein Vater, der sich dafür lobt, das «Ungeborene» zu schützen, hat ebenso die bereits geborenen Kinder zu schützen.

Auch wichtig: Das Internet vergisst nicht. Was einmal hochgeladen ist, das bleibt. Und wenn man es löscht, ist es doch auf irgendeinem Server im Backup enthalten.

Es gibt aber noch einen anderen Faktor, nämlich den Aspekt des Missbrauchs: Seit Aufkommen von Deepfakes fällt es Pädophilen und Kindesmissbrauchenden ganz und gar nicht mehr schwer, von einem Bild eines Kindes ein Deepfake zur eigenen Freude zu erstellen, und Eltern haben die Verantwortung, ihre Kinder so gut wie möglich davor zu schützen. Das ist aber nicht das Schlimmste: Auf einigen Bildern tragen seine Kinder keine Kleider, zumindest nicht am Oberkörper. Auf einem anderen Bild sitzt seine kleine Tochter lachend dort, das Gemüse auf dem Teller bildet einen Phallus. «Aufklärung im Gange», steht bei der Bildbeschreibung. Und solche Bilder stellt ein ICF-Prediger ohne jegliche Restriktionen ins Internet? Das ICF mag selbst (vielleicht) aktuell keine Übergriffe verzeichnen, aber eine Statistik schützt nicht vor der Zukunft. Nicht nur Internet-Pädophile und Internet-Kindesmissbrauchende können sich an seinen Kindern ergötzen. Auch Pädophile und Kindesmissbrauchende, die irgendwo in der Nähe seines Hofes – dessen Adresse im Internet prangt – wohnen, könnten sich an seinen Kindern vergreifen. Sportclub, Alter, Gesicht, Name – ein gefundenes Fressen für jemanden, der Informationen zu Kindern will. Ich hoffe ehrlich und aufrichtig, dass seine Kinder niemals Opfer werden. Sie hätten es ihrem Vater zu so einigen Teilen vorzuwerfen. Vielleicht schafft er es noch, zu Sinnen zu kommen und seine Kinder anständig zu schützen, bevor etwas passiert. Das Internet geht es nichts an, wie alt seine Tochter ist, wo sein Sohn Fussball spielt, und wie früh seine Kinder Aufklärung erhalten. Hoffentlich hat er ihnen im Rahmen des Aufklärungsunterrichts auch mitgeteilt, dass sie Grenzen haben dürfen, dass ihr Körper ihnen gehört – auch wenn das bei Abtreibungsgegnern eine heikle Sache ist – und dass sie es ihm auf jeden Fall mitteilen dürfen, wenn jemand ihre Grenzen überschreitet. Wir wissen aus mehr als genug Fällen, dass starker und aufrichtiger Glaube nicht vor Missbrauch schützt. Kinder müssen besser geschützt werden.

Politik? Auf die Bühne!

Aber auch Politik macht vor Dominics Haushalt nicht Halt – obwohl die Bibel sagt, man solle sich der Regierung und den Obrigkeiten unterordnen. Nicht nur Magdalena Martullo-Blocher, sondern auch ein Botschafter aus Belarus habe ihn schon einmal besucht, wenn man den Posts Glauben schenken darf. Wie rechts braucht man zu sein, um letzteres stolz auf Facebook zu posten? Über die «bösen Linken und Grünen» regt er sich häufig auf, da anscheinend diese daran schuld sind, dass zurzeit in der Politik alles bergab geht. Er kommentiert, wie der «Links-Grüne Wahnsinn Millionen von Menschen in den Ruin treibt», und schiebt die Schuld der Strommangellage auf die Linke und Grüne Politik. Wie Schweizer Politik funktioniert, nämlich mit mehrheitsfähigen Kompromissen, scheint zumindest Dominic unklar zu sein. Jemanden, der sich so klar zur politischen Landschaft äussert, auf die Bühne vor leicht beeinflussbare, junge Leute zu stellen, ist eine Entscheidung, die mehr als genug über Leo Bigger, der Dominic um die Predigt bat, aussagt.

Die Facebook-Seite beinhaltet wenigstens nicht allzu viel Homophobie. Sie ist zu beschäftigt mit Kühen (und deren Euter), Fleisch, seiner Familie, den ganz schlimmen trans Personen und der bösen Links-Grünen Politik.

Angela Heldstab, 18.07.2023

Lexikoneintrag ICF Movement

Faith Jones: Ungehorsam. Wie ich der Sekte meiner Familie entkam

Buchbesprechung von Faith Jones: Ungehorsam. Wie ich der Sekte meiner Familie entkam, HarperCollins, Hamburg 2023

Die folgende Buchbesprechung diskutiert den Erfahrungsbericht von Faith Jones aus der Gemeinschaft Children of God, später The Family International. Faith Jones hat in ihrer Kindheit und Jugend, wie jedes andere Kind, das bei den Children of God aufwuchs, massivsten Missbrauch erlebt, von dem im Folgenden auch die Rede sein wird.

Die Autorin: Faith Jones

The Family International oder auch Children of God wurden 1968 in Kalifornien gegründet von David Brandt Berg und seinen Kindern Deborah, Aaron, Faithy und Hosea. Letzterer ist Faith Jones` Vater.

Das Buch

Eine (nicht ganz so) kurze Chronik der Children of God

Faith Jones schriebt, ihr Vater sei Evangelist in der vierten Generation. Bereits dessen Urgrossvater sei Baptistenprediger, später Anführer der Disciples of Christ, gewesen und seine Grossmutter Virginia war die erste weibliche evangelikale Radiopredigerin in den USA. Virginia hatte einen schweren Unfall nach der Geburt ihres ersten Kindes Hjalmar Jr., bekannte sich zu ihrem Glauben an Gott und sei auf wundersame Weise geheilt worden. Sie und ihr Mann Hjalmar Berg predigten dies und wurden darauf von den Disciples of Christ ausgeschlossen. Virginia und Hjalmer traten der Christian and Missionary Alliance bei und bekamen zwei weitere Kinder, Virginia und am 18. Februar 1919 Faiths Grossvater David. Später ging David mit seiner Mutter Virginia auf Prediger-Tour durch die USA.

1941 wurde David in die Armee eingezogen, erkrankte aber noch während der Ausbildung schwer an einer Lungenentzündung. Die Ärzte hätten ihm keine grossen Überlebenschancen gegeben, doch David hätte Gott geschworen sein Leben in seinen Dienst zu stellen und wie seine Mutter sei er darauf sofort auf wundersame Weise geheilt worden. Wegen eines Herzleidens schied er aus dem Militärdienst aus und arbeitete wieder als Assistent seiner Mutter. Auf Tour in Kalifornien traf er Jane Miller und heiratete sie heimlich 1944. Sie bekamen ihr erstes Kind Deborah 1946 und Aaron 1948. David Berg wurde dann zum Prediger ernannt in einer Gemeinde voller Spannungen zwischen weissen Südstaatlern, Ureinwohnern und Mexikanern. David predigte einen christlichen Kommunismus, der die Probleme nur verschärfte. Daraufhin wurde David entlassen und zoig nun mit seiner Familie als Wanderprediger umher. 1949 wurde Faiths Vater Hosea geboren und auch seine Schwester Faithy. Die Familie zog zu Davids Eltern und 1951 soll David eine Offenbarung erhalten haben auf Missionierungstour zu gehen, wozu er die Jordan Missionary School besuchte. Danach eröffnete David eine Zweigstelle in Miami. Wegen seiner aggressiven Predigten hetzten ihm die anderen Kirchengemeinden irgendwann die Polizei auf den Hals und die Familie zog fort. Hosea war damals in der 8. Klasse und würde von nun an nie wieder in die Schule gehen. Zurück in Texas begannen Hosea und seine Geschwister auf Geheiss vor allem ihrer Grossmutter Virginia Hippies zu bekehren. David überzeugte viele davon, dass die Endzeit nahe sei und sie alles aufgeben sollen, um Missionare zu werden.

1968 starb Virginia Berg und David wurde noch radikaler in seinen Ansichten und Aufforderungen an seine stets wachsende Jüngerschaft. Zu dieser Zeit begann David eine Affaire mit Karen Zerby, die damals Anfang 20 war und auch zu ihm und seiner Familie in deren Wohnwagen. Wegen negativen Schlagzeilen zog die ganze Familie mit ihren Jüngern bald nach Arizona, um dort gleich wieder auf der Strasse zu missionieren. David bestimmte, dass die Leiter dieser Missionsteams verheiratete Ehepaare sein sollten und so heirate 1969 der zwanzigjährige Hosea neunzehnjährige Esther, eine der frühesten Anhängerinnen seines Vaters.
Ein Journalist nannte die Gruppe «Children of God». David gefiel der Name, übernahm ihn und nannte sich fortan Moses David, nach dem Propheten Moses. Seine Jünger sollten sich auch neue biblische Namen geben, so wurde seine Ehefrau Jane zu Eve und seine andere Frau Karen zu Maria. Auf der Suche nach einer Heimat für den wachsenden Zug von Jüngern, liess David sich 1970 auf der Ranch, der Jordan Missionary School, in Texas nieder. David sendete immer wieder Missionstrupps in ganz Amerika aus, um neue Mitglieder zu rekrutieren.

Hosea lernte Faith`s Mutter Ruthie kennen, als er schon 2 Jahre mit Ester verheiratet war und bereits einen Sohn namens Nehi hatte. Ruthie`s Vater war Militärpilot und Ruthie arbeitete später als Tänzerin in New York, bevor sie anfing Drogen zu nehmen und in eine Hippie-Kommune zog. 1971 trat sie den Childern of God bei. Ruthie`s Vater, sowie andere Eltern von Neueinsteigern, waren besorgt und beschuldigten David ihre Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Daraufhin soll David gesagt haben, Amerika hätte seine Chance vertan und plante nun Missionen auf der ganzen Welt. David erklärte das Gebot keinen Sex vor der Ehe zu haben als veraltet, mit der Begründung «Liebe deinen Nächsten» sei das wichtigste Gebot und so sollen die Jünger frei mit jedem Sex haben können mit dem sie wollen. Faithy, Hosea, Esther und brachen kurz darauf zur Mission nach Europa auf und liessen Faith`s Halbbrüder Nehi und Hobo in den USA zurück. Ruthie heiratete kurz vor ihrer eigenen Entsendung nach Europa einen ihr völlig fremden Mann. Die Ehe scheiterte allerdings bereits nach 3 Monaten und Ruthie ging zu Faithy um als Sekretärin für sie zu arbeiten. Hosea und Esther holten ihre beiden Söhne Nehi und Hobo zu sich nach Paris und bekamen in den folgenden 3 Jahren die Zwillinge Josh und Caleb, sowie Aaron und zum Schluss noch Mary.

David Berg flüchtete vor den Strafverfolgungsbehörden bald aus Amerika und kommunizierte fortan schriftlich mit den meisten seiner Jünger. Er warnte, dass Amerika bald bestraft werden würde und viele seiner Jünger liessen sich in anderen Teilen der Welt nieder. Bald darauf verkündete David seinen Jüngern, dass die traditionelle Ehe egoistisch sei und die Männer ihre Ehefrauen miteinander teilen sollten. So entstand dann auch das «flirty fishing» auf Teneriffa bei dem Frauen angehalten wurden mit bevorzugt reichen Männern Sex zu haben, um sie dann von David Bergs Botschaft zu überzeugen.
Nach dem seine erste Fraue Eve (Jane) sich einen neuen Partner gesucht hatte und David Maria zu seiner offiziellen Frau nahm, gebar diese 1975 den Thronerben Davidito. Noch im selben Jahr besuchte David mit seiner Royal Family den revolutionären Oberst Muammar al-Gaddafi in Libyen. David befahl damals Ruthie nun seinen Sohn Hosea zu lieben und seine zweite Frau zu werden. Zurück in Teneriffa wurden viele Frauen wegen Prostitution verhaftet und David und Maria flüchteten nach Barcelona. Zu dieser zeit wurde Faith in Hongkong geboren und ihr Vater Hosea, seine erste Frau Esther und seine anderen sechs Kinder zogen ebenfalls dorthin. Schon 1978 zogen alle gemeinsam nach Macau. Noch im selben Jahr löste David seine Führungsriege auf und liess neue wählen. Er benannte seine Bewegung in «The Family of Love» um und lockerte die Zügel für seine Mitglieder. Durch den Verlust ihrer Vormachtstellung verliessen viele Führungsmitglieder die Gruppe, so auch Eve. Faith`s Vater und dessen Frau Esther wurden von David 1980 aus der Führungsriege ausgeschlossen, die bis dahin noch die Druckerei der Mo-Briefe geleitet hatten. Nach einer Welle der negativen Presse und Anschuldigungen wegen Prostitution zog Faith`s Familie nach Hac Sa um, einem kleinen Dorf am entlegensten Ende von Macau.

Kindheit

Das Leben in Hac Sa

Als Faith vier Jahre alt war floh ihre Familie von Macau nach Hac Sa. Ihr Vater erklärte ihr damals, dass böse Menschen sie verfolgen würden, um sie davon abzuhalten Gottes Werk zu tun. Als einzig wahre Jünger Gottes würden die Mächte des Teufels sie bedrohen. Dort lebte die ganze Familie in ärmlichen Verhältnissen, abgeschnitten von allen Annehmlichkeiten der Stadt. Faith und ihre Geschwister mussten in den ersten Wochen in Hac Sa die Vorzeigefamilie spielen, immer höflich lächeln und im Dorf Müll aufsammeln.

Als eine andere Familie der Family International zu Besuch kam, erklärte Faith, dass sie alle Erwachsenen Auntie (Tante) und Uncle (Onkel) nennen musste. Sie seien alle eine grosse Familie und so durften auch alle Erwachsenen alle Kinder züchtigen und schlagen. Damals war Faiths Leben komplett durchgeplant. Jeden Morgen nach dem Frühstück wurde für zwei Stunden eine Andacht gehalten, mit Lobliedern, Gebeten, Bibel- und Mo-Brief-Lesungen. Danach folgte die Hausarbeit, Joyful Job Time (JJT), dazu manchmal Unterricht. Gefolgt vom Mittagessen, einer Stunde Ruhezeit, der Nachmittagsarbeit, Sport und einer Dusche. Nach dem Abendessen gab es eine Stunde Familienzeit bevor alle in ihre Zimmer gehen mussten um zu Beten oder in der Bibel zu lesen.

Sexualität

Schon in ihrer Kindheit war Sex für Faith allgegenwärtig. Frauen wurden dazu angehalten sich so wenig wie möglich zu kleiden, je nach dem was in den jeweiligen Ländern noch erlaubt war. «Sex ist unser Dienst an Gott. Sex zu verweigern gilt als unnachgiebig und egoistisch, dem Willen Gottes ungehorsam. Und von uns wird absoluter Gehorsam erwartet.» (Jones, 2023: 68) Schon mit drei Jahren bekam Faith Bilder von Menschen die Sex hatten zum Ausmalen. Sie bekam damals auch mit wie ihre Mutter zusammen mit anderen Frauen zum Flirty Fishing nach Macau gehen musste, um dort Männer mit Sex zu locken und sie als Gönner zu gewinnen. Frauen durften sich dem Flirty Fishing nicht verweigern, konnten sich jedoch aussuchen mit wem sie es tun wollten, wenn die Führung ihnen nicht befahl mit jemand bestimmten zu schlafen. Faith erinnerte sich daran, wie ihre Mutter manchmal weinte, wenn sie mit einem unattraktiven «Fisch» schlafen musste, denn verweigern durfte sie sich ihm nicht.

Mo behauptete ihm seien immer wieder verführerische himmlische Frauen erschienen, die ihn dazu anhielten die Welt zu missionieren und zu erretten. In den Mo-Briefen forderte er Mädchen und Frauen dazu auf aufreizend zu tanzen und Videos davon an ihn zu schicken. Faith musste mit drei Jahren das erste Mal bei so einem Video mitmachen, bedeckt nur mit durchsichtigen Tüchern. Bei der zweiten Aufnahme ist Faith sechs Jahre alt und noch zu jung um an der anschliessenden «Sharing Time» teilzunehmen. Dabei werden alle Erwachsenen und die Mädchen und Jungen ab einsetzen der Pubertät, ungefähr mit 10 Jahren, dazu angehalten miteinander freien Sex zu haben. Denn in den Mo-Briefen stand, dass der Teufel Sex hassen würde. «Im Gesetz der Liebe gibt es keine Beeinträchtigungen in Bezug auf Verwandtschaft oder Alter.» (Jones, 2023: 115)

Mit 6 Jahren musste Faith das erste Mal einem erwachsenen Mann bei der Masturbation unterstützen. Von da an versuchte sie die Männer zu meiden und sich unter den anderen Kindern vor ihnen zu verstecken, was nicht immer gelang.

Als viele der Kinder der Family International zu Teenagern wurden mussten diese Fragebögen ausfüllen und es kam heraus, dass sich diese durch Sex mit Erwachsenen traumatisiert fühlten. So wurden an alle erwachsenen Briefe verschickt, in denen sie dazu aufgefordert wurden keinen Sex mehr mit Minderjährigen zu haben. In den meisten Ländern war das 15 oder 16 Jahre. Sex unter Kindern war aber weiterhin kein Problem. Faith war 10 Jahre alt bei dieser Neuerung und erleichtert, da sie furchtbar Angst gehabt hatte mit 12 Jahren Sex mit einem erwachsenen Mann haben zu müssen. Doch schon kurz darauf wurde sie von einem erwachsenen Mann zu einem Zungenkuss gezwungen. Verweigerung war nicht möglich, so sollte sie ja Gottes Liebe zeigen. Etwa ein halbes Jahr später vergriff sich auch ein anderer Mann an ihr.

Als Faith 11 Jahre alt war gab es eine Änderung in ihrem Tagesablauf. Nun waren viele Jugendliche in ihrem Zuhause und alle Mädchen wurden einmal pro Woche einem Jungen zugeteilt mit dem sie dann Sex haben sollten. Auch Faith wurde einem Vierzehnjährigen zugeteilt, den sie mit den Händen befriedigen musste.

Bildung

Faith schrieb, dass zwar rein theoretisch Männer und Frauen einander gleichgestellt waren, die Realität jedoch ganz anders aussah. Geleitet wurde fast alles von Männern und die Frauen kümmerten sich um Haushalt und Kinder. Als sie in Hac Sa lebten kam auch ein Betreuer namens Uncle Michael dazu, der den Kindern Heimunterricht erteilte. Im Allgemeinen bekam Faith damals keine besonders gute Schulbildung, ihre Geschwister lernten Lesen, Schreiben und Rechnen, aber alles nur auf Grundschulniveau. Der Hauptteil der Bildung beruhte auf der Bibel und den Mo-Briefen.

Mehr und mehr Familien zogen nach Hac Sa und so wurde die Schule und der Unterricht für Faith und ihre Geschwister ausgebaut. Gelehrt wurde, was im Childcare Handbook stand, dem offiziellen Lehrbuch der Family. Dies beinhaltete die Schöpfungsgeschichte, Mathematik (Einmaleins, Division und etwas Geometrie für Jungen), Wissenschaft und Biologie beginnend mit der Schöpfung und einer langen Widerlegung der Evolution.

Bestrafungen

Faith erzählte von Anfang an, wie sie ihren Vater fürchtete. Sie beschreibt seine unberechenbare Art und die brutalen Strafen, die auf jeden kleinsten Ungehorsam folgten. «All das ist darauf ausgelegt, den grösstmöglichen Schmerz zuzufügen, ohne uns tatsächlich zu verletzen. Das nennt er «gottesfürchtige Kindererziehung».» (Jones, 2023: 87) Über Ohrfeigen, Schläge mit Stöcken, fieses Zwicken in Arme und Nacken berichtet Faith. Wenn sie nicht zu Hause waren in einem Restaurant, habe ihr Vater die ungehorsamen Kinder gezwungen Tabasco Sauce zu essen.
Auch Faiths Mutter bestrafte sie ab und zu selbst, indem sie ihr den Mund mit Seife auswusch. Meistens rief sie jedoch Faiths Vater zu Hilfe.

Medizin

Wenn jemand in der Familie krank wurde, durften sie nicht ins Krankenhaus gehen. Stadtessen wurde für den Kranken gebetet und er wurde gesalbt, sowie mit allerlei alternativer Medizin behandelt. Faith wurde gesagt, die Medikamente der Systemärzte würden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit töten. Als alle Kinder Madenwürmer bekamen, wurden sie gezwungen drei Tage lang nur Kokosnüsse zu essen, das sollte die Würmer abtöten. Als die Kinder danach immer noch Würmer hatten bekamen sie dann doch Medikamente aus der Apotheke und ihre Eltern waren überzeugt, dass ihr Glaube nicht stark genug gewesen sei.

Geld

Die Kinder mussten in Macau an verschiedensten Orten auftreten, singen und tanzen, um Menschen für Jesus zu begeistern und allem voran Geld zu sammeln. Faith und ihre Geschwister mussten alles geben, immer lächeln, immer freundlich, auch wenn Fremde sie umarmten oder mit ihnen auf Fotos posieren wollten. Fehltritte wurden Zuhause vom Vater hart bestraft. Allgemein war es Faith und den anderen Mitgliedern nicht erlaubt irgendeinen «System»-Job anzunehmen. Finanzieren sollten sie sich ausschliesslich von Spenden, um nur für Gott zu leben.

Kontrolle

Jeden Monat mussten Faiths Familie, wie die anderen Mitglieder, 10% ihrer Spendeneinnahmen zusammen mit einem Bericht über Mitgliederzahlen und die Missionsarbeit an sogenannte «World Services» schicken. Diese Verwaltungseinheiten wurden streng geheim gehalten und wer einen Bericht nicht abgab, der wurde exkommuniziert.

Faith spricht auch die allgemeinen Strafen für Mitglieder der Family an. Ihr Grossvater Mo, hätte alle immer augenblicklich gelobt oder öffentlich getadelt, was dazu führte, dass alle sehr bemüht waren absolut gehorsam zu sein. Jeder sollte seine Sünden stets selbst zugeben und gleich gestehen, bevor andere ihn verraten konnten. Die Mitglieder wurden auch dazu angehalten jede kleinste Sünde der anderen zu melden, sonst würden sie sich selbst versündigen.

Einmal im Jahr fand ein Treffen aller Family-Homes in der asiatisch-pazifischen Region statt, das General Area Fellowship. Dort mussten alle Mitglieder hingehen, es wurden Berichte ausgetauscht, aber auch Entscheidungen diskutiert. Eigentlich sollten Home-Schäfer gewählt werden, doch Faiths Eltern waren durch ihre Blutsverwandtschaft mit Mo, die unangefochtenen Führer. Auf Basis der Mo-Briefe legten Faiths Eltern fest, wie die Mitglieder was zu tun hatten, von Alkoholkonsum, über genehmigte Filme, bis hin zu der Art wie Kleidung zu waschen war. Alles wurde von ihnen diktiert.

«Die Home-Schäfer müssen den Gebiets-Schäfern Bericht erstatten, die wiederum den Landes- oder Regions-Schäfern berichten, und immer so weiter die Hierarchieleiter hinauf.» (Jones, 2023: 112)

Geburt

Als Faith erfuhr, dass sie bald eine kleine Schwester bekommen würde, war sie überglücklich. Diese Freude wich jedoch teilweise, als sie und ihre Geschwister bei der Geburt dabei sein mussten. Ihre Eltern wollten, dass sie alle genau zuschauten, während ihre Mutter Ruthie das kleine Geschwisterchen entband. Die neugeborene Amy war eigentlich nur Faiths Halbschwester, denn ihr Vater war der Fisch von Faiths Mutter. Solche Kinder, die durch Flirty Fishing entstanden waren, wurden «Jesus-Baby» genannt und galten als besonderen Segen für die Familie.

Bücher

Als Faith etwa 8 Jahre alt war, liebte sie die Geschichten von Heaven`s Girl, einer Superheldin aus einem Kinderbuch, geschrieben von ihrem Grossvater Mo. Es ging um eine fünfzehnjährige, in eine durchsichtige Toga gekleidet, die in der Zukunft lebte. Dort wurde sie von einer Truppe antichristlicher Soldaten gefangen genommen. Während diese sie vergewaltigten, flüsterte sie ihnen Botschaften von Jesus ins Ohr. Die Superheldin überlebt auch eine Löwengrube und bekehrt die Soldaten, die ihr dann als Jünger folgen. Es gab viele Geschichten von Heaven`s Girl in denen sie Sex nutzte, um zu überleben und dieselben Wunder wie Moses vollbrachte.

Offiziell waren nur genehmigte Bücher der Family International erlaubt. Doch eines Tages als Faith etwa 10 Jahre alt war fand sie eine Ausgabe von “Der geheime Garten”. Daraufhin ging sie zu anderen Eltern der Family und las dort noch mehr. Sie wollte sich in diesen Fantasiewelten verlieren und ihrer Realität entfliehen.

Die Endzeit

Faith wurde beigebracht, dass die Endzeit bereits 1986 begonnen hatte. Ihr Grossvater Mo prophezeite, dass Jesus 1993 wiederkehren würde. Deshalb sei auch Geld, Besitz oder Altersvorsorge komplett unnötig. Es gab viele Spekulationen über den Antichristen und seit Beginn der “Trübsal” trafen immer mehr Mo-Briefe ein die auf Ereignisse in den Medien hinwiesen, welche die Herrschaft des Antichristen zeigen würden. Faith und alle anderen Mitglieder waren immer bereit für das Ende, für Naturkatastrophen und Krieg, der unweigerlich bald kommen würde, wenn der Antichrist sich offenbarte und die Weltherrschaft an sich riss. So hatten sie alle eine Fluchttasche immer bereit und übten manchmal mitten in der Nacht die Flucht.

Teenagerjahre

Teen Home

Als Faith 10 Jahre alt war wurde aus ihrem Zuhause in Hac Sa ein Teen Home gemacht und Jugendliche untergebracht, die zuvor in den Philippinen gelebt hatten. Das hiess, dass nun viele ”Sexgelage” stattfanden, sowie Talentabende bei dem die jugendlichen Mädchen Striptease vorführten. Mit der Ankunft von Faiths Tante Faithy änderten sich dann auch die Regeln und alle, auch Faith, bekamen einen Buddy zugeteilt, dem sie niemals von der Seite weichen durften. So mussten sie sich gegenseitig überwachen und Verstösse sofort melden.

Thailand

Faith bekam einen kleinen Bruder namens Jondy als sie gerade 11 Jahre alt war und musste sich von da an um ihn kümmern. Ihr Vater wurde zu dieser Zeit mit ihren beiden ältesten Brüdern nach Japan geschickt. Kurz darauf wird auch ihre Mutter versetzt und Faith bleibt mit Jondy zurück, blieb aber nur wenige Monate weg. Danach zog Faith mit ihrer Mutter, sowie Amy uns Jondy nach Thailand. Dort herrschte eine militärische Atmosphäre und Faith wurde zu den Kindern geschickt, nicht mehr wie in Macau zu den Teens. Als Faith dagegen protestierte wurde sie zu einem Monat Schweigen verurteilt, das nur kurz für ihren Zwölften Geburtstag ausgesetzt wurde.

Faiths Mutter ging es in Thailand immer schlechter und eines Tages nahm sie Faith und ihre Geschwister und rannte einfach davon. Sie hatte grosse Angst, dass die Family ihr Faith, Amy und Jondy wegnehmen würden. Doch weil sie kein Geld hatten kehrten sie dann doch zum Home zurück. Bald darauf zogen die drei nach Amerika um dort in einem Trailer zu leben und zu missionieren.

USA

Die Ankunft in den USA war nicht gerade erfreulich für Faith, ihre Mutter und ihre Geschwister. Niemand war so wirklich informiert, dass sie kommen würden und es gab einiges Chaos, bis sie schliesslich nach Atlanta kamen und auch Faith´s Grossmutter mütterlicherseits besuchen konnten. Faith mochte ihre Tante Madeline auf Anhieb, auch wenn diese ihrer Mutter vorwarf in einer Sekte zu sein und den Kindern ein normales Leben vorzuenthalten. Richtig begeistert war Faith jedoch von der Geschirrspülmaschine ihrer Tante, etwas, dass sie in den Family Homes nie kennengelernt hatte. Doch schon bald zog Faith mit Mutter und Geschwistern in einem alten Camper los, um zu missionieren. Doch die Eindrücke, die Faith in einem “Systemleben” bei ihrem Grossvater sammeln konnte, liessen sie nicht ganz los. Über Winter blieben sie in Atlanta, aber fest aufnehmen wollte kein einziges Family Home die kleine Familie, alle wiesen sie ab. Wegen neuen Regeln wurden Faith und ihre Familie zu Mitgliedern zweiter Klasse herabgestuft, zu “Unterstützern”, weil sie nicht in einem Home lebten. Nun musste Faith auf der Strasse betteln gehen, indem sie vorgab Geld für gemeinnützige Projekte zu sammeln. Um nicht zu verhungern schlossen sie sich einer anderen Familie an, die herumreist. Doch der Vater zwang Faith´s Mutter mit ihm Sex zu haben und kontrolliert sie alle. Weshalb die kleine Familie sich von den anderen trennte und wieder zu Faith´s Grossmutter ging.

Das Leben im «System»

Faith`s Mutter musste sich einen Job suchen und die Kinder nun in die Schule gehen. Schnell konnte Faith sich damit arrangieren, schrieb gute Noten und verschlang so viele Bücher wie sie nur konnte. Doch schon nach einem halben Jahr kam ihr Vater unerwartet in die USA und nahm Faith wieder mit nach Macau zur Family.

Hac Sa und doch ist alles anders

Wieder zurück in Macau war nichts mehr wie es war. Alle vertrauten Menschen waren weg, fast alle Tiere verkauft und das Haus verwahrlost. Schnell brachte die fünfköpfige Familie alles wieder in Ordnung und verdienten ihr Geld von da an mit Reitunterricht. Doch durch die Erlebnisse war der Glauben der ganzen Familie an die Family gebrochen und Faith`s Eltern wollten nicht mehr einfach alles von der Führungsriege akzeptieren. Bücher konnte Faith trotz ihres Umzugs noch lesen, da ihre Grossmutter immer wieder Pakete schickte. Auch ihr Vater hatte sich verändert und als Faith 14 Jahre alt war lebten sie ein ruhiges Leben in Macau, die Regeln der Family nur halb befolgend. Ihr Vater war während seines Aufenthalts in Japan 2 Jahre lang isoliert und gebrochen worden, was ihn zu einem anderen Menschen gemacht hatte, der ruhig und gelassen war und seine Kinder nicht mit Gewalt bestrafte. Auch Faiths Mutter hatte sich verändert und wollt nie mehr komplett von der Family abhängig sein, so wollte sie selbst einen College-Abschluss machen und erlaubte Faith einen High School-Abschluss anzustreben.

Das erste Mal und ab nach Japan

Als Faith 15 Jahre alt war, zogen zwei Mädchen im selben Alter zu ihr nach Hac Sa. Gemeinsam schlichen sie sich nachts aus dem Haus um Jungen zu treffen. Faith erlebte ihren ersten Sex mit einem 20 Jahre alten Jungen. Gut waren ihre Erfahrungen nicht, es tat einfach nur weh. Danach erzählte ihr ihre Mutter, wie sie früher vergewaltigt worden war. Faith fühlte sich unwohl, musste aber schon bald entscheiden, ob sie exkommuniziert werden wollte oder nach Japan umziehen.
Als sie 16 war reiste sie in ein Teen Home in Japan. Dort tat Faith sich schwer wieder ein braves Mitglied der Family zu sein, vermisste sie doch ihre Freiheiten. Sie konnte nun nicht mehr über ihr Leben bestimmen, jedoch fand sie eine neue Freundin namens Joy, durch die sie sich nicht ganz verloren fühlte.

Nachdem sie von Joy verraten wurde stürzte sich Faith ins Bibelstudium, doch wenn sie zu viele Fragen stellte wurde ihr vorgeworfen an Gott zu zweifeln. Immerhin hatte Faith in Japan die Möglichkeit einige ihrer Geschwister wiederzusehen und als sie 17 war durfte sie mit ihren Eltern in die USA, machte dort sogar ihren High School Abschluss.

Erwachsen

Ein Prinz in Russland

Als Faiths Grossvater Mo starb übernahm Maria die Leitung der Family, was nicht allen passte. Faith war vor allem wütend, dass ihr Grossvater sie ihr ganzes Leben lang ignoriert hatte. Nun sollte sie sich einen guten Mann suchen, wie die anderen Teenager. Aber Faith konnte nichts und niemanden mehr lieben und zwang sich mit einem Jungen zu gehen. Von ihr wurde bald erwartet sich zu verloben, doch fand sie einen Ausweg und begab sich auf eine neue Mission in Russland. Dort traf Faith auf ihre Brüder Nehi und Caleb, die dort mit ihren Familien lebten. Ganz unverhofft begegnete sie in Moskau auch Davidito, der ungefähr gleich alt war wie sie selbst. Ihr Leben lang hatte sie ihn für seine Vorrangstellung in der Family beneidet, doch nun hatte sie Mitleid mit ihm. Er war ein trauriger junger Mann, dem es nur selten erlaubt war mit gleichaltrigen in Kontakt zu treten.

Kasachstan

Faith musste wegen des Ablaufenden Visum von Russland nach Kasachstan umziehen. Dort wurde sie mit der bitteren Kälte und der Armut in dem ehemaligen Sowjetstaat konfrontiert. Dort wurde sie gezwungen mit einem jungen Mann zu schlafen, nachdem sie bestraft worden war, weil sie sich ihm nicht freiwillig hingeben wollte. Später verliebte sie sich in einen anderen Mann, der jedoch bald darauf nach Moskau geschickt wurde und wieder mit seiner Exfreundin zusammengekommen war. Faith wollte nur noch weg aus Kasachstan und bald bot sich ihr die Gelegenheit für eine Mission in China.

China – Freiheit und Leid

In China konnte Faith wieder mehr Freiheiten geniessen und lebte dort mit ihren Eltern und anderen, die sie bereits aus ihrer Kindheit in Hac Sa kannte. Da Missionsarbeit in China verboten war mussten sie verdeckt operieren. Faiths Mutter arbeitete als Englischlehrerin und Faith selbst, zusammen mit ihren Kindheitsfreunden Patrick, Ching-Ching und Sophia, durfte die Universität besuchen. Als Faith 21 war, rief ihre Grossmutter überraschend an und nahm ihre Enkelin mit auf eine Reise durch Europa. Die letzte Nacht verbrachte sie alleine in einem Family Home in England, wo ein junger Mann sie vergewaltigte. Aus Angst bestraft zu werden behielt sie alles für sich, doch innerlich war sie gebrochen und allein. Mit 22 führ sie dann mit einer Gruppe junger Leute nach Peking, wo sie einen Freund von der Uni wiedertraf. Nach einem Kuss fühlte sie sich jedoch so schuldig, dass sie sich selbst an die Gebietsschäfer verpetzte. Diese schickten sie zur Rehabilitierung nach Taiwan, wo ihr Bruder Josh sie abholte.

Taiwan – Depression und neue Hoffnung

Nach einiger Zeit in einem Family Home ging Faith aushilfsweise zur Familie ihres Bruders, wo sie eines der schlimmsten Erdbeben Tawians miterleben musst. Nach den Aufräumarbeiten konnte sie in ein Home für junge Erwachsene ziehen, wo sie wieder mit Männern Sex haben musste, mit denen sie nicht wollte. Sie begann immer mehr die Family und ihre Taten zu hinterfragen, ihr ganzes Leben kam ihre so sinnlos vor. Zum ersten Mal überlegte Faith sich ernsthaft die Family zu verlassen. Immer mehr wuchs ihre Sehnsucht zu studieren, weswegen sie furchtbare Schuldgefühle plagen, neben einer schlimmen Depression. Doch irgendwann wollte sie einfach nicht mehr im Elend gefangen sein.
«Ich fasse endlich einen Entschluss. Ich. Bin. Durch.
Ich werde mein Leben selbst in die Hand nehmen.
Nur wenige Minuten zuvor hat sich das noch wie ein unmöglicher Schritt angefühlt, aber sobald ich die Entscheidung getroffen habe, die Family zu verlassen und zu studieren, verfliegt die Depression.
Zum ersten Mal in meinem Leben handle ich nach meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen.» (Jones, 2023: 367)

Ein beschissener Abschied aus der Family

Faith teilte ihren Entschluss die Family zu verlassen den Schäfern und auch ihrem Vater mit. Ihre Eltern waren mittlerweile getrennt, konnten ihr finanziell aber nicht helfen. Ihr Vater half ihre einen Job in Macau zu bekommen und so flog sie dorthin. Bevor sie jedoch zum Flughafen kam wurde sie zum Abschied aus Tawain und der Family ein weiteres Mal von einem älteren Mann der Family vergewaltigt. «Der körperliche und seelische Schmerz macht mir eines klar: Ich komme nie mehr wieder zurück.» (Jones, 2023: 374)

Frei von der Family?

Von Macau nach Kalifornien

Faith erreichte Macau im Jahr 2000 und konnte dank der Kontakte ihres Vaters in einem Casino als Englischlehrerin arbeiten und bei einer Witwe ein Zimmer mieten. Das Leben alleine ausserhalb der Family war für Faith nicht leicht, als sie krank war kümmerte sich niemand um sie und als sie sich einen Ventilator ihrer Vermieterin lieh wurde sie als Diebin beschimpft.
Nach einem heissen Sommer in Macau hatte Faith genug Geld zusammen und flog in die USA. Dort besuchte sie der Reihe nach ihre Verwandten und kam schlussendliche bei ihrer Tante mütterlicherseits in Kalifornien unter. Da ihr Heimunterricht von den Universitäten nicht anerkannt wurde, musste Faith zuerst ans Community College und nebenbei als Barkeeperin arbeiten. Nun musste sie sich damit beschäftigen wer sie eigentlich war, was sie mit ihrem Leben machen wollte und an was sie glauben möchte. Langsam wurden ihr all die Ungerechtigkeiten mit denen sie in der Family aufgewachsen war bewusst. Faith wollte alles aufholen, was sie bisher verpasst hatte. Ehrgeizig arbeitete sie auf ihre Ziele hin und wurde bald Managerin eines Bistro und zog mit einer Freundin zusammen. Nach einem Jahr zahlte sich ihre harte Arbeit aus und Faith wurde an der Georgetown University in Washington D.C. angenommen.

Studentenleben

In der Universität lernt Faith eine ganz neue Seite von Amerika kennen, dass ihr Leben lang als «Hure Babylon» bezeichnet wurde. Sie traf viele junge, idealistische Menschen, welche die Welt wirklich zu einem besseren Ort machen wollten. Ausserdem lernte Faith, dass es nicht immer eine einzige Wahrheit gibt oder eine Autorität, die diese Wahrheit vermittelt. Sie musste auch lernen, dass die Bibel nicht so fehlerfrei war, wie die Family ihr weismachen wollte. Faith arbeitete hart und unablässig, um im Studium mitzuhalten und nebenbei genug Geld zum leben zu verdienen. Ihr wurde bewusst, dass trotz all der Strapazen in ihrem Leben, sie doch dadurch gelernt hatte hart zu arbeiten, zielstrebig zu sein und beharrlich.

Die Entdeckung eines Traumas

Auf der Universität lernte Faith Rob kennen. Er war beim Militär und arbeitete beim Justizministerium. Durch ihn lernte sie, dass Sex nicht weh tun sollte und sie konnte ihren eigenen Körper besser verstehen. Irgendwann erzählte sie ihm die ganze Geschichte über die Family und ihre Erlebnisse. Rob war schockiert und wütend. Erst jetzt erkannte Faith wie schrecklich ihre Erlebnisse in der Family wirklich waren und wie weit entfernt von allem was richtig ist. Doch auch von Rob musste sie sich irgendwann lösen, so war er doch ebenfalls ein autoritärer Gläubiger der Siebenten-Tags-Adventisten.

Daviditos Ende

Es war überall in den Medien. Davidito, der Prinz der Family, hatte seine Nanny erstochen und sich danach selbst erschossen. In einem Video veröffentlichte er harte Anschuldigungen gegen seine Eltern und die ganze Family, erzählte von seinem lebenslangen Missbrauch. Das war für Faith schockierend und erleuchtend zugleich. Nun wurde ihr erst richtig bewusst wie sie seit ihrer Geburt vergewaltigt und missbraucht wurde, ihrer Kindheit beraubt. Sie konnte nicht verstehen, wie ihre Eltern ihr das hatten antun können. Faith war innerlich aufgewühlt und trotzdem schaffte sie den Abschluss an der Universität mit summa cum laude.

Traumabewältigung

Nach ihrem Abschluss ging Faith nach Kalifornien an die Berkley School of Law. Das Jurastudium war eine rein rationale Entscheidung, trotzdem fand Faith gefallen daran. Nach dem Abschluss bekam sie einen gut bezahlten Job in Los Angeles und nach einiger Zeit wurde sie nach Hongkong versetzt. Faith wechselte 2012 zu einer kleinen Kanzlei in Kalifornien und machte sich 2018 im Gesellschaftsrecht selbständig. So begann Faith sich intensiver mit sich selbst zu beschäftigen und erkannte die emotionalen Mauern, die sie durch die Traumata in ihrem Leben errichtet hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie sich öffnen musste um zu heilen. 10 Jahre nach dem Austritt aus der Family sahen auch ihre Eltern ihre Fehler ein und entschuldigten sich bei ihren Kindern für das, was sie ihnen angetan hatten. Faith und ihre Mutter kamen sich nach langer Zeit wieder näher und begannen miteinander über ihre Traumata zu sprechen und ihre Taktiken zur Heilung. Die Family zerfiel langsam und einige von Faiths Geschwistern traten aus, andere blieben. Faith wusste nun, wie wichtig es war seine eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen und sich bewusst zu entscheiden aus ihrem Trauma etwas Gutes zu machen.

«Ich gehöre mir»

20 Jahre nach ihrem Austritt aus der Family, mit 41 Jahren, war Faith bereit ihre Geschichte in der Öffentlichkeit zu erzählen. Sie hatte sich intensiv mit den Mechanismen der Family und den Manipulationen auseinander gesetzt und wollte ihre Erkenntnisse teilen. Sie war nun davon überzeugt, dass der Körper eines Menschen dessen Eigentum war und dieses Recht konnte ihm niemals angesprochen werden. Diebstahl bleibt Diebstahl und genau so bleibt Vergewaltigung auch Vergewaltigung und es gibt keine Entschuldigung dafür. Der Kern von Faiths Erkenntnissen war «individuelle Freiheit, ohne die anderen zu missachten». (Jones, 2023: 439) Jeder Mensch hat das Recht auf seinen Körper, seine Arbeit, seine Ideen. Niemals sollte eine Person dazu gezwungen werden, ob durch Gewalt, durch Manipulation oder Druck, eine seiner individuellen Freiheiten aufzugeben.

Kommentar

Bereits im ersten Kapitel war eine gewisse Angst der Kinder ihrem Vater Hosea gegenüber spürbar. Die Kinder konnten niemandem vertrauen, weder einander noch den erwachsenen, nichteinmal den eigenen Eltern. Die Angst ist in Faiths Erzählungen fast immer präsent, die Angst vor dem Ende der Welt und der Verfolgung durch das System, aber auch die Angst vor Bestrafung und vor sexuellem Missbrauch. Faith beschreibt teilweise auch den einigermassen normalen Familienalltag, die Beziehungen zu ihren Geschwistern, Spass mit Freunden und auch liebevolle Momente. Das alles wird jedoch überschattet von immer mal wieder Vorkommenden für Kinder vollkommen unangemessener Literatur oder auch sexuellen Übergriffen und brutalen Strafen.

Sex war in Faiths Kindheit überall gegenwärtig und sie selbst spielte auch damit als sie erst vier Jahre alt war. Sie beschreibt wie Frauen in The Family sexualisiert wurden und sich dabei niemals einem Mann der Sex mit ihnen wollte verweigern durfte. Denn das wäre gegen Gottes Wille gewesen. Doch klar handelt es sich bei all dem um Vergewaltigung und Missbrauch.

Es ist auch von den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs der Family von Seiten der Behörden die Rede und davon, dass Faith glaubte das seien alles Lügen. Sie dachte Kinder zu vernachlässigen, ihnen die Knochen zu brechen oder sie halb verhungern zu lassen sei Kindesmissbrauch, nicht jedoch was sie erfahren hatte. Die Menschen in der Family waren so manipuliert worden, dass sie glaubten, sie würden das richtige tun. Dabei bleiben erzwungene sexuelle Handlungen immer Vergewaltigungen und somit eine Straftat.

Faith beschreibt auch wie ihre Mutter ihr erzählte, wie sie vergewaltigt wurde. Die Family hätte Vergewaltigung nie als besonders schlimm angesehen und Frauen sollten es einfach über sich ergehen lassen, sich fügen, dann wäre es ja gar nicht so schlimm. Eine komplett unangebrachte, gewaltverherrlichende, frauenfeindliche Ansicht!

Selbst zu denken war offenbar in der Family International unerwünscht und wurde den Mitgliedern auf brutalste Weise ausgetrieben. Faith wurde körperlich und seelisch von Geburt an missbraucht und gebrochen. Zu Recht gilt die Family International als eine der schlimmsten Religionsgemeinschaften die in der Schweiz zu finden sind.

Literaturverzeichnis
Jones, Faith (2023): Ungehorsam. Wie ich der Sekte meiner Familie entkam, HarperCollins: Hamburg.

Jasmin Schneider 2023

Lexikoneintrag The Family International

Bekim Ahmeti – der neue Stern im Universum des Positiven Denkens?

Wer ist Bekim?

Bekim Ahmeti vertritt ein holistisches Weltbild und präsentiert sich als jemand, der Personen bei der Manifestation unterstützt. Manifestieren bedeutet, sich etwas, das man möchte, klar vorzustellen, damit es dann vom Universum «geliefert» wird. Jemand, der beispielsweise eine Lohnerhöhung will, stellt sich vielleicht das Gespräch mit den Vorgesetzten oder einen Brief mit der gewünschten Lohnanpassung vor, wobei die Vorstellung so stark sein soll, dass man sich davon überzeugt, dass es passiert. Sobald dies der Fall ist, erhält man es vom Universum. Über Bekims Ansatz zu diesem Thema geht es in diesem Text. Bekim kam als 14-jähriger das erste Mal in Kontakt mit Spiritualität, hatte mit 19 ein Burnout und absolvierte sowohl ein Handelsdiplom als auch mehrere Weiterbildungen, unter anderem bei der Akademie für Naturheilkunde. Er hat zwei Unternehmen, die im Handelsregister eingetragen sind: eine, die sich mit Coaching beschäftigt, und eine andere, die sich mit dem Vertrieb von Waren beschäftigt.

Ich fand ihn, als ich nach Manifestation suchte, klickte mich auf seiner Webseite etwas durch und sah dann, dass ein kostenloses Webinar stattfinden würde. Da sah ich, dass heute wohl «nur noch 1 Platz» frei war. Ich schrieb mich also direkt ein und nahm am Webinar teil. Später würde ich feststellen, dass es sich bei diesem Webinar um eine gut inszenierte Aufnahme handelte. Dass «nur noch 1 Platz» frei war, ist wohl als einer der vielen Marketingtricks, von denen ich später erzähle, zu betrachten.

«Jeder macht ein Webinar, um etwas zu verkaufen»

Bekim erklärt anfangs, dass er heute alle Informationen komprimiert darstellen wird, und es sich bei diesem «Deep-Dive-Seminar» um Grundlagen halte, die man immer anwenden könne. Das Webinar sei ein «Deep Dive Workshop» für «tiefe Heilung», und Bekim wolle uns die Tür aufmachen. Wie es im Verlauf des Webinars kommen soll, ist die Tür vor allem zu seinen Produkten. Er stellt sich von Anfang an als jemand dar, den diesen Personen hilft, die es immer noch nicht geschafft haben, richtig zu manifestieren. Im ersten Teil spricht er darüber, wie einfach seine Methode sei, dass sie schon jederzeit vor unserer Nase war. Dann sagt er «Jeder macht einfach ein Webinar, um irgendwas zu verkaufen», regt sich ein wenig darüber auf und betont dann, dass das Webinar eigenständig sei, und Personen, die es nicht wertschätzen, sollen hinausgehen – damit sie nicht anderen Leuten den Platz wegnehmen. Was bei einer Aufnahme ja sowieso fragwürdig ist. Ein Urteil muss ich bereits jetzt fällen: Bekim ist gut darin, sich als beliebter Mann darzustellen. Vielleicht ist das ja auch eine Manifestationsmethode. Im Verlauf des Webinars, heisst, nachdem er eine Weile schon ausführte, erklärt er, er sei nicht hier, um uns «Honig um den Mund zu schmieren», und: «Jetzt kann sich dein Verstand auch konzentrieren», da wir ja vorher Angst haben könnten, dass jetzt sein Verkaufsargument käme. Damit hat er recht, ich habe nämlich schon die ganze Zeit auf sein Produkt gewartet. Dann kommt er damit hervor: Es handelt sich um ein Bonus-Bündel, sein «Back-to-basics»-Paket, wie ich später herausfinden sollte.

Ein «Safe Space»

Der Chat ist so eingestellt, dass wir automatische Nachrichten von Bekim erhalten, aber nicht die Nachrichten anderer sehen können. Bekim erklärte, dies sei dazu da, dass wir uns sicher fühlen konnten, und um einen «Safe Space» zu schaffen, ich stelle aber im Verlauf des Webinars fest, dass es einfach nur ein Trick war, Leute glauben zu lassen, dass es wirklich live passiert. Wenn niemand etwas schreibt und alle das sehen, müsste Bekim ja darauf reagieren, dass nichts steht, und uns zum Schreiben motivieren – was eine Aufnahme natürlich nicht kann. Nach dem Chat-Safe Space will Bekim auch «in uns» einen Safe Space schaffen. Wir sitzen da, und er spricht darüber, wie wir unseren eigenen Körper wahrnehmen sollen, aus einer Beobachtungsperspektive, ohne Werten und mit Akzeptieren von allen Emotionen und Gedanken. Eine Meditationstechnik namens «Achtsamkeit», die mir durchaus bekannt ist und auch von einigen Fachpersonen empfohlen wird, und die ich sympathisch finde, weil sie nicht in die «positiv denken!!»-Richtung geht. Dann geht es aber weiter und es heisst, wir sollen jetzt alles, was wir wahrnehmen, in eine riesige Bubble packen, und die so weit wegtun, wie sie gehen kann. Das ist ein neues Addendum an die alte Technik. Anstatt nun einfach die Emotionen wahrzunehmen, schieben wir sie weg und denken darüber nach, warum wir hier seien, was unsere «Erlösung» sei (was auch immer das heissen mag) und was unsere Herausforderungen seien. Das alles dürfen wir dann im Chat schreiben, und ich habe natürlich nichts geschrieben – ich war damit beschäftigt, mir seine Fragen aufzuschreiben, und gross zum Nachdenken reicht die Zeit dann nicht. 

«Bullshit stories» und Bekims Regisseurstuhl

Bekims Vorschlag, statt Handlungen, Gefühle, Gedanken und Glaubenssätze zu modifizieren einfach nur die Erinnerungen an die Erfahrungen zu ändern, präsentiert er als den grossen Durchbruch. Wir seien Regisseure und ändern die Verknüpfungen, die es im Unterbewusstsein gäbe. Dafür hat er extra einen Regisseurstuhl und empfiehlt auch uns ein entsprechendes «heiliges» Örtchen. Auch die Frage, was sei, wenn wir uns nicht erinnern können, löst er – indem er kommentiert, nur weil wir uns nicht dran erinnern können, kann es unser Bewusstsein. Und wenn es nicht komme, dann brauchen wir es nicht – da nur «zu uns fliesse», was wir brauchen. Viel mehr spricht er aber nicht darüber, das wäre vielleicht kostenpflichtig. Um möglichst zeiteffizient vorzugehen, reiche es, wenn wir «nur» die Kindheit heilen. Schliesslich gäbe es «Hauptträger», und wenn wir diese finden und korrekt behandeln, gehen all unsere kleinen Probleme mit weg. Eine seiner Aussagen war, wie alles in unserem Leben nur Symptome seien, auch körperliche – dass unsere Realität nur ein Spiegel unseres Lebens sei, und wir diese somit nur «kreierten». «Ab heute gibt es keine Probleme mehr! Statt zu jammern, feierst du es», mit der Wahl, diesen «Mangel zu glauben», oder alternativ «Verantwortung zu übernehmen». Anstatt also zu sagen, «ah ja, Schulden sind schön» gehe es darum zu sagen, «ups, ich habe das verursacht! Will ich das? Nein!», denn der einzige Grund für Mangel und Unglück sei, dass wir diese «bullshit stories» glauben, dass wir an diese «Unwahrheiten» glauben. Die einzige logische Wahrheit sei, dass wir «grenzenlos / Energie / vollkommen /…» sind, und alles andere eine Lüge und eine Illusion.

Auffällig ist sein Fokus auf «geiles Leben» und «das Leben macht Spass». Ich bin zwar nicht dagegen, dass Menschen ihr Leben geniessen sollen, aber ich denke, mit 28 Jahren darf der Fokus nicht mehr darauf liegen, wie das Leben möglichst «geil» und «spasshaft» ist. Auf seinen Folien verwendete er konstant Listen mit drei Punkten, nur leider macht dies ab irgendeinem Punkt keinen Sinn mehr, da es sich wirklich nicht mehr um eine Liste handelt.  

Die Energie – alles eins oder doch nicht?

Bekim verwendet sehr häufig den Film «The Secret» als Beispiel. Den habe ich nie gesehen, und netterweise erklärt er kurz, worum es da ging, nämlich um das Gesetz der Anziehung. Dagegen hält er sein Gesetz der Energie. Die drei Aspekte dessen sind die folgenden: «Alles ist Energie», «es ist nur eine Energie», und «Du bist das Universum! Dein Sein bestimmt, nicht Dein Tun!». Dieses Konzept käme auch im zweiten Buch der Autorin von «The Secret» vor. Er kommentiert dann auch, sehr elegant: «Armut bringt dich auch nicht weiter», dass Arme gerne motzen, und dass wir den ganzen Tag eine gute Ausstrahlung haben sollten, nicht einfach 15 Minuten am Tag «positiv denken».

Zu Bekims «Gesetz der Energie» gehört, dass alle Energie eines ist, und es keine gute oder schlechte Energie gäbe. Gleichzeitig spricht er darüber, wie einige Leute trotz positiven Denkens «Scheisse ausstrahlen», und dass er nur Menschen wolle, die «all-in» gehen, damit eine «geile Energie» da sei. Offensichtlich ist Energie doch nicht immer ganz dasselbe?

«Selbst schuld» – ein Manifestationsproblem

Aus Sicht des Gesetzes der Anziehung kann argumentiert werden, beispielsweise ein Übergriff habe nur stattgefunden, da jemand es «manifestiert» hatte. Dies führt zu einer Schuldzuweisung und kann Personen enorm belasten. Dies wird vom Gesetz der Energie nicht gelöst, was mich so lange beschäftigt hat, dass ich mich dazu überwunden habe, es erst in den Chat zu schreiben und dann mit Bekim über sein Formular Kontakt aufzunehmen. Ich verwende also das Beispiel von sexuellen Übergriffen und frage ihn, ob denn Menschen daran selbst schuld wären, da sie es ja «manifestiert» haben, und ob man dabei die Erinnerung mit seiner Methode einfach überschreiben soll. Er sendet mir eine Antwort als Videobotschaft, die knapp 15 Minuten dauert, und in der er meint, die Frage sei enorm wichtig und er wolle sich die Zeit nehmen, diese Frage nun so zu beantworten.

Bekim meint hierbei, dass genau die «Schuldzuweisung» das Problem sei, da man hierbei die Macht, nämlich die Schöpfermacht, weggäbe. Die Erfahrung würde so zu einer Story, die man sich selbst erzählt, über die man sich identifiziert, und durch die man leidet. Bekim führt dann aus, wie man in diesem Fall mit der IIIMM-Methode vorgehen soll. Bei allem, was passiere, soll man «einen Schritt zurück» gehen, analysieren, was passiert ist, ohne Bewertung. Er bezieht sich wieder auf das Gesetz der Energie: «alles ist eins, darum gibt es keine Bewertung und kein Gut und Schlecht». Sein Ansatz, wenn jemand ihm vorwirft, schlechte und potenziell traumatisierende Erfahrungen «klein zu machen», lautet, schön zusammengefasst, «ich mach’s nicht klein, aber auch nicht gross». Es sei wichtig, den Schritt Abstand zu nehmen und die Situation «von aussen» zu sehen. Es gehe nicht darum, was passierte, sondern was man fühle. Man müsse auf die Emotionen schauen, und dabei wirklich: hinschauen. Die Verantwortung, von der er spricht, ist wohl nicht etwa Verantwortung als Schuld, sondern Verantwortung, die eigenen Emotionen «radikal ehrlich» wahrzunehmen. Soweit klingt es wieder plausibel, die eigenen Emotionen ehrlich wahrzunehmen, was er wieder ablöst mit: «Wir heilen es auf tiefster Ebene durch Liebe». Diese Liebe, so betont er, kommt von uns selbst – wir müssten uns selbst die notwendige Liebe schenken, die notwendige Aufmerksamkeit. Und dann, sobald wir radikal hingeschaut haben, und die «Belastung lösen», ist es «nicht mehr in deiner Frequenz enthalten, und das spiegelt sich dann nicht in deinem Leben.»

Das Manifestieren in der Bibel

Nach einer Aufstehübung (mit der linken Hand das rechte Knie berühren, während man das rechte Bein hebt), erklärt er «ab heute ist leiden eine Entscheidung», und dann tauchen wir (erneut?) ein in die Materie. An diesem Punkt dauert das Webinar schon gut 1.5 Stunden, und es ist gefühlt das dritte Mal, dass er über ein Eintauchen spricht. Er gibt uns eine vierteilige Manifestierungsanleitung. Wir sollen uns fragen, was wir wollen, wie unser perfekter Alltag aussieht, welches Gefühl dahinter stehe, und wie wir dieses leben können. Die Liste klingt auch sympathisch ohne den Manifestierungsaspekt, und ist sicherlich besser als das Ziel «Ferrari kaufen». Sich zu fragen, wie man sich fühlen will, halte ich für eine bessere Idee als einfach eine Geschenkliste zu schreiben und warten, bis das Universum «liefert». Auch sein Vorschlag, nicht «Ja» zu sagen, wenn man «Nein» meint, uns treu zu bleiben und immer in uns hinein zu spüren, was gerade «stimmig» war, sind Ansätze, die ich durchaus vertreten kann.

Bekim macht auch einen (hier passenden) Bibelvergleich. Er sagt, es werde behauptet, dass in der Bibel stehen würde: «wenn man darum betet, dann wird man es erhalten» – es stehe aber eigentlich, und da muss er kurz nachdenken, weil er «nicht so religiös» sei: «Glaubt daran, dass ihr erhaltet, dann wird es kommen». Damit bezieht er sich vermutlich auf Matthäus 7, 7.

Der IIIMM-Prozess, sein täglich Brot

Bekims zweiter, wichtigster Teil ist der IIIMM-Prozess, in welchem es um Interrupt («Drama unterbrechen»), Immerse («Eintauchen in den Ursprung»), Iterate (Prozess wiederholen), Metamorphose, und Manifestieren geht. Über diesen spricht er eine Weile, und erklärt dabei einige Aspekte davon. Sein Fokus liegt darauf, den «wahren Ursprung» zu finden und die ursprüngliche Belastung zu «lösen».

Ich denke, das Webinar reicht nicht, um diesen Prozess genügend zu kennen und ihn ausführen zu können, doch Bekim erklärt, dass er uns gern beim Umsetzen seiner Methode unterstützt. Er kommentiert, dass alles Wissen, das er im Seminar kommuniziert, «sein täglich Brot» sei – ob er weiss, dass das eigentlich eher für «Arbeit, mit der man sein Geld verdient» steht? Bei seiner Ausführung wirkt er etwas genervt und erklärt, dass es sich hierbei nicht um «einen scheiss Verkaufstrick» handle, und dass er uns genauso feiere, wenn wir es ohne Hilfe schaffen.

Nach etwa zwei Stunden kommt es zu einem Abschluss. Leider nicht des Webinars. Ab diesem Punkt, etwa in der Hälfte des Webinars, so mein Eindruck, beginnt seine sehr ausführliche Werbung.

Seine Marketing-Skills

Gegen Ende seines eigentlichen Webinars – dessen Inhalt gefühlt in einer halben Stunde verpackt war – findet noch eine einstündige Ausführung über seines «Back2Basics»-Pakets aus, mit welchem wir seine Methoden kennenlernen würden und seinen Support hätten. Um nicht auch noch Werbung dafür zu machen, komme ich direkt zum wichtigen, nämlich den Preisen. Im Paket enthalten sind verschiedene Inhalte, beispielsweise seine IIIMM-Methode (2240 Euro), aber auch die Q&A-Sessions (999 Euro), und noch einiges anderes, und das alles sei «nur» 499 Euro, auch in Raten zahlbar. Er erklärt, dass er selbst mehr als 70’000 Euro investiert hat, und uns alles jetzt «so viel günstiger» anbietet. Bekim folgt auf jeden Fall diversen Marketingtricks und, wenn der Einstieg ins Marketingwesen nicht so schwierig wäre, hätte er vielleicht sogar eine Karriere darin.

Nicht nur das Webinar ist voll mit Marketing, sondern auch seine Webseite. Wer sie öffnet, wird direkt eine Nachricht à la «Hans be.stellte ein bestimmtes Produkt» sehen. Damit wird der Eindruck erweckt, dass die Webseite beliebt ist, was wiederum zum Kaufen motiviert. Mir persönlich ist unklar, ob die Kunden wirklich jetzt gerade diese Produkte kaufen, oder ob diese Nachrichten einfach automatisch generiert werden, um Beliebtheit zu simulieren. Es steht allerdings jeweils, wann sie diese bestellt haben, und das Aufpoppen hört nach ein wenig Zeit auf, und so ist es zumindest möglich, dass es sich hierbei nicht nur um eine generierte Nachricht, sondern um eine korrekte Meldung handelt. Um das auszuprobieren, müsste ich etwas kaufen, und da bin ich zugegebenermassen weniger motiviert. Da er aber durchaus engagiert scheint und seine Webseite beim Googeln nach «Manifestieren» schnell auftaucht, zumindest bei mir, kann ich mir vorstellen, dass andere Menschen ebenso schnell auf die Webseite stossen und sich durch diese Marketingskills beeindrucken lassen.

Die Q&A am Ende des Webinars

Über seinen Kurs sagt Bekim, das Schlimmste, was mit seiner – mächtigsten Methode – passieren könne, sei, dass es länger als 30 Tage ginge. Und das sei überhaupt nicht schlimm. Auf die Frage «Funktioniert die IIIMM-Methode bei mir?» erhalten wir ein schlichtes «Wenn du sie anwendest». Eine weitere Frage, die ich spannend finde, war «Was ist, wenn Personen sich verschulden, weil sie deinen Kurs buchen wollen?». Da kommentiert er «Wenn du willst, dann findest du einen Weg», und regt sich auf, dass er es absichtlich so günstig mache, und er bei seinen Schulden auch immer eine Lösung gefunden hätte. Wenn es aber gar nicht ginge, dann sollen wir erst seinen Kurs «money love» buchen. Den Kurs empfiehlt er auch später, bei der Frage zum IIIMM-Prozess: «gibt es eine Garantie? …. Eine Geld-zurück-Garantie?». Seine direkte Antwort darauf: «Ah. Okay. Schönes Thema. Ganz klares Nein.» Sein Kurs «money love» sei aus genau diesem Grund mit der Geld-Zurück-Garantie. In diesem Sinne ist sein Vorschlag sicherlich gut, die Frage ist natürlich, wie viel man mit dem «money love»-Kurs anfangen kann. Aber dort kriegt man natürlich sein Geld zurück, wenn man innerhalb der geforderten Zeit danach verlangt.

Ein Fazit

Insgesamt im Webinar hatte ich den Eindruck, Bekim hat talentiert esoterisch konnotierte Wörter verwendet und eine «immer funktionierende» Lösung vorgeschlagen, die vermutlich nicht immer funktioniert, sondern nur, wenn man «bereit ist, sie zu verstehen und voll umzusetzen» – damit auch ja ein Türchen offenbleibt. Spannend ist auch, wie er seine Notizen überprüft. Immer wieder, wenn er eine Geschichte über eine Freundin oder «The Secret» erzählt, frage ich mich, was wirklich sein geistiges Eigentum ist, und was er einfach nur zusammengefasst hat – intuitiv fühlt es sich mehr an wie ein Webinar, in welchem er viel, das er lernte, zusammenfasst. Gleichzeitig sagt er, andere hätten ihn kopiert, was natürlich schwierig zu beurteilen ist. Mit diesem Webinar wolle er einen Samen in uns pflanzen, wobei er bei der Wortwahl anfängt zu lachen und ergänzt: «nicht im zweideutigen Bereich», damit wir uns eines Tages denken würden «ah! Stimmt!». Wer weiss, vielleicht kommt dieser Tag bei mir ja auch irgendwann. Einige seiner Methoden wirken sogar sympathisch, nur: Personen zu betreuen, während sie ihre Traumata bearbeiten, finde ich schwierig, wenn man keine therapeutische Ausbildung hat.

Angela Heldstab, 12.07.2023

Lexikoneintrag Bekim Ahmeti

Ein Besuch eines ehemaligen EBG-Mitglieds in der Freien Kirche Uster

Einige Erwartungen und Hypothesen

Die FKU liegt nicht weit von meinem Wohnort und ich fragte mich, wie die Menschen dort so sind. Also entschied ich mich, einen ihrer Gottesdienste zu besuchen, und machte mich am Sonntag um 9:24, damit ich auch ja nicht zu früh in den Gottesdienst um 9:30 ankam, auf den Weg in die Kirche. Ich befürchtete, dass ich zum Grund meines Kommens ausgefragt würde und wollte dies vermeiden.

Das Thema des Gottesdiensts war angekündigt als «Mit Freude die Ziellinie erreichen», und der Predigttext als Hebräer 12, 1-3. Ich dachte mir bei dieser Wortwahl schon, es gehe dabei um die Entrückung und das zweite Kommen von Jesus – Themen, von welchen ich schon so häufig hörte, dass es für mich nicht viel andere Optionen gab. Beim Verwenden des Hebräerbriefs war ich etwas überrascht, geht es doch dort eher darum, im Glauben weiterzukämpfen, was ja nichts mit der Entrückung zu tun hat. Zudem erwähnt er nicht sehr viel Freude, ausser, je nach Bibelübersetzung, die Vorfreude. Aber Ziellinie kann bekanntlich für allerlei stehen, und hier stand sie wohl doch nicht für die Entrückung, sondern einfach «das Ende». 

Als ich dann knapp vor Gottesdienstbeginn in die kleine Kirche am Aabach ankam, war der Raum bereits gut gefüllt, sowohl von älteren als auch von jüngeren Erwachsenen, und ich entschied mich, direkt auf die Empore zu gehen. Ein klarer Dresscode schien nicht vorhanden zu sein, einzelne waren eher elegant gekleidet, andere fast schon sportlich – letzteres besonders bei den jungen Erwachsenen. Ein Fokus auf «Bescheidenheit» fiel mir nicht auf, höchstens beim Ausschnitt, ich sah nämlich keine beträchtlichen. Beim Begrüssen jeder Person, die mir zufällig über den Weg lief, wie dies in so Gemeinden üblich ist, wurde ich von allen angestrahlt. Das war nicht weiter erstaunlich und ich kenne es von anderen Freikirchen. Etwas unangenehm war es mir aber dann doch. Zum Glück war ich so knapp vor Gottesdienstbeginn dort und musste nur den paar anderen, späteren die Hand schütteln.

Die Webseite der Freien Kirche Uster nennt «Mission» als einen für sie wichtigen Fokus. Entsprechend betrat ich den Gottesdienst mit der innerlichen Frage, wie stark ich hier dieses Bedürfnis nach Mission verspüren würde – im Sinne von, wie stark Gemeindemitglieder und der Prediger anfangen würden, mich zu ihrem Glauben zu bekehren, oder dies zumindest zu versuchen. Ich war mir bereits gewöhnt, dass in anderen Freikirchen ab Besuch einer neuen, vermutlich unbekehrten Person der ganze Gottesdienst nur von der Sündhaftigkeit der Menschen und der Notwendigkeit der Bekehrung handelten.

Tipps und Tricks zum Nicht-Austreten

In der Einleitung des Gottesdiensts, die diesmal ein Mann machte, fand ich heraus, dass ich wohl im Taufgottesdienst gelandet war. Ich wusste, dass im Juli einer stattfinden würde, war mir aber nicht bewusst, dass es genau jetzt war. In einer Taufpredigt würden wohl kaum missionarische Elemente, die zur Sündenbusse und Bekehrung aufrufen, vorkommen, und es blieb tatsächlich dabei, dass bis Ende Gottesdienst die «ungläubigen» Personen (gemäss FKU: Personen, welche noch nicht den Weg mit Jesus gehen) nur im Gebet erwähnt wurden. Im Gottesdienst ging es stattdessen um «Tipps und Tricks», im Glauben zu bleiben und nicht aus der Kirche auszutreten. Da ja auch die reformierte Kirche genügende Austritte zu verzeichnen hat, war ich sehr gespannt auf diese Aspekte und vergass dabei, dass ich mich gerade in einer Freikirche befand. Stefan Hardmeier, der aktuelle Prediger, listete mit teilweiser Unterstützung des Predigttexts im Hebräerbrief vier Aspekte auf: Gemeinschaft mit anderen Christen, Vorbild der älteren, «erfahreneren» Christen, das Überwinden von Sünden, und das Aufsehen zu Jesus. Und in diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich ja hier in einer Freikirche war. In der reformierten Kirche würde es wohl nicht reichen. Ob mich diese vier Punkte damals vom Austreten aus einer konservativeren Freikirche abgehalten hätten? Ich bezweifle es, gab ich doch mein Bestes, um alle vier bereits zu erreichen. Auch die «geistlichen Abkürzungen», die Menschen letzten Endes zum Austritt zu verleiten schienen, waren mir bekannt. Zu wenig Bibellesen, zu wenig Gebet, und zu wenig Gemeinschaft durch Gottesdienstbesuch, wobei letzteres notwendig war für die «Ermutigung und Korrektur». Ermutigung ist ja selbsterklärend, aber wie stark wird hier korrigiert? Das ist wohl schwierig einzuschätzen. Ein «Ermahnen vor der Gemeinde» kann genauso gut als «Blossstellen vor versammeltem Bekanntenkreis» beschrieben werden, egal, wie gut es gemeint wird. Wenn eine solche «Korrektur» unter vier Augen geschieht, ist es zumindest nur etwas unangenehm und für andere Menschen nicht (zwingend) ersichtlich.

Die Zukunft des Schlagzeugs

Einige typische Eigenschaften, die mir auffielen, war das Sprechen über Jesus als «unser Herr Jesus», die absolute Absenz des Genderns – nicht einmal nur maskulin und feminin, sondern alles im generischen Maskulinum – und, die Aussage, die ein Taufgehilfe tätigte: «Unser Herz ist böse.» Diese Aussage habe ich tatsächlich noch nie so gehört, und ich war genügend überrascht über so eine Wortwahl. Dass Menschen sündig sind, wird in Freikirchen nicht infrage gestellt. Aber ein böses Herz?

Typisch für «modernere» Freikirchen wurde der Gottesdienst von einer Power-Point-Präsentation untermalt. Dabei leider auch typisch: Das Anzeigen der Liedtexte ohne jegliche Noten. Ich weiss, Notenlesen können nicht alle, und das muss auch nicht so sein. Aber ich wüsste gern, wie das Lied notentechnisch in etwa aussieht, statt nur auf die beiden Mikrofontragenden zu hören und denen nachzusingen. Es gab auch einige Stellen, bei welchen der Rhythmus des Liedes auch für diese beiden unklar war, und die Gemeinde konnte nicht dem folgen, wo nichts war. Die allgemeine musikalische Untermalung war angenehm, es gab ein Klavier, jemanden mit einer Panflöte, und in der Ecke stand noch ein – diesmal nicht genutztes – Schlagzeug. Dort spielt anscheinend, wenn jemand spielt, auch ein über 70-jähriger Mann Schlagzeug. Es hätten sich wohl einzelne ein wenig darüber beklagt, dass es heute weniger rhythmisch war, aber wenn kein Schlagzeuger und keine Schlagzeugerin vorhanden ist, dann wird es schwierig. Wer wohl einst das Schlagzeug übernehmen wird?

«Sexuelle Unmoral»

Auch ganz klassisch war dann natürlich noch das Sprechen über «sexuelle Unmoral». Dieses Wort hört sich angenehm breit an, bezieht sich aber grundsätzlich auf alles, was nicht Sexualität im Rahmen einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau (idealerweise christlich) betrifft. Wie anzüglich man sich kleiden darf und inwiefern eine Frau schuldig ist, wenn sie einen Mann durch ihre Kleidung «verführt», wurde nicht erwähnt, und mit dem nicht vorhandenen Dresscode scheint auch nicht enorm viel Wert darauf gelegt zu werden. Auch was genau Sexualität alles beinhaltet, kann ein wenig gedreht und gewendet werden, was eben gerade passt. Klar ist: Sex vor der Ehe, Sex mit mehr als nur dem Ehepartner (gleichzeitig), Sex mit Gleichgeschlechtlichen, das alles ist sicher sündhaft, egal, wer alles einverstanden ist. Gott und «sein Wille» ja nicht.

Weder Bibel noch Notizen: Was ist los?

Von meiner freikirchlichen Zeit bin ich es mir gewöhnt, mir während des Gottesdiensts Notizen zu machen, und behalte dies auch in der reformierten Kirche, wenn möglich, bei. In der FKU schien es aber niemand zu machen, was vielleicht daran lag, dass sie ihre Gottesdienste jeweils aufzeichnen. Aus meinem Unileben weiss ich, dass die Aufnahmen sowieso niemand schaut, der schon anwesend war, auch wenn man es sich vornimmt, und fragte mich, ob es hier gleich sein könnte. Ein wenig schräg fühlte ich mich schon. Aber vielleicht erhielten Gemeindemitglieder die Power-Point-Präsentationen ja und konnten die dann nochmals eigenständig durchklicken. Die Bibel zu Hand hatte auch niemand, oder vielleicht sah ich diese einfach nicht, da ich ja auf der Empore war. Ein Gottesdienst von Gläubigen, ohne dass sie in der Bibel jeweils nach dem Vers suchten? Eine Eingrenzung der verwendbaren oder eine Empfehlung für die Bibelversion besteht nicht, Prediger Stefan Hardmeier wählte die Elberfelderübersetzung für diesen Gottesdienst, da sie eben am besten passe – und über einen «Wettlauf» spräche. Er wollte mit seiner Predigt ein Vergleich zum Ausdauerjogging schaffen, was für mich durchaus passte. Ansonsten verwenden sie allerlei, auf den Folien waren vor allem Schlachter 2000-Verse zu finden, was in meiner konservativen Gemeinde noch akzeptierte Verse waren.

Predigende Frauen? Die im Gottesdienst sprechen (dürfen)? Ein Kulturschock.

In den Taufbekenntnissen sprachen drei Leute, unter anderem eine Frau. Ich fragte mich also: Welche Positionen und Erlaubnisse haben Frauen in dieser Gemeinde? Dürfen sie Zeugnis ablegen, predigen? Ich erkundigte mich bei Stefan Hardmeier, dem Prediger. Es gibt organisatorisch zwei Gremien, der Vereinsvorstand, der etwa zur Hälfte aus Frauen besteht, und die Gemeindeleitung, der «Ältestenrat», der bewusst nur aus Männern besteht. Die Frau darf sich also grundsätzlich einbringen. Auch Zeugnis abzulegen ist erlaubt, und wird von Frauen auch während des Gottesdiensts häufiger gemacht als von Männern, wenn die Zeit bleibt. Die Einleitungen werden wohl auch häufiger von Frauen als von Männern gemacht und scheint diesmal nur ausnahmsweise ein Mann gewesen zu sein. Predigen tun sie nur, wenn sonst kein Mann kann oder will, im Sinne von: grundsätzlich ja, aber Männer bevorzugt. Selbst die Position der Frau als Mutter erstaunte mich: Mütter hätten nicht etwa zuhause zu bleiben und auf die Kinder aufzupassen, sondern auch ein Hausmann mit berufstätiger Frau sei eine Option. Da mische sich die Gemeinde weniger ein. Nur tägliche Krippenbetreuung sei gar nicht in ihrem Sinne, ein- bis zweimal die Woche gehe aber noch, wenn es denn nicht anders klappen kann. Die weibliche Position ist also bei ihnen nicht so stark wie in der reformierten Kirche, aber doch stärker als in anderen Gemeinden. Die Gemeinde scheint sich bewusst zu sein, dass Frauen doch auch etwas sagen möchten, und die Frauen dort scheinen sich ebenfalls wohl zu fühlen. Eine Bekannte bezeichnete die Frauen in der FKU gar als «emanzipiert». Aber ganz dieselben Rechte wie die Männer haben sie doch nicht. Auch nicht auf Events: Der «Manneträff» geschieht etwa alle zwei Monate, während der «Ladies Brunch» nur einmal im Herbst stattfindet. Vielleicht sind natürlich Frauen auch einfach besser darin, sich untereinander zu vernetzen, ohne einen solchen Event zu brauchen.

Die Taufe der Erwachsenen aus «gläubigen» Familien

Auffällig in den drei Bekenntnissen war auch, dass alle über sich selbst sagten, sie seien in einer «gläubigen» Familie aufgewachsen, und sie seien sehr dankbar dafür. Diese Aussagen waren mir schon sehr bekannt, und ich war damals etwas neidisch auf die anderen Kinder, die – ganz im Gegensatz zu mir – bereits in eine «gläubige» Familie geboren wurden. Heute bin ich froh, dass ich nicht in einer Freikirche gross geworden bin. Auch ihre Taufe machten sie nicht nur aus Liebe oder zur Bekennung, sondern, wie zwei der drei sagten, aus «Gehorsam zu Gott». Einer, der seine Taufe schon um einiges aufgeschoben hatte, erzählte, wie ein Bekannter mit ihm «über die Taufe sprach» und er sich dann dazu entschied, sie endlich zu machen. Ich kenne natürlich das Gefühl, wenn jemand mit einem über etwas «spricht», und fragte mich, was genau ihn dann überzeugt hatte. Er führte aber – verständlicherweise – nicht weiter aus. Eine Taufe ist schliesslich ein Bekenntnis zu Gott, und ein Gespräch mit einem Freund muss ja nicht ein Zwang sein.

Für die Taufe selbst gingen wir an den Aabach, einen Fluss, der mitten durch Uster fliesst. Am See fand wohl bereits eine andere Taufe statt, und der Weg wäre auch zu weit gewesen, um kurz zum See und wieder zurück zu gehen. Die drei hatten sich also wassertauglich umgezogen, alle mit weissen T-Shirts – vielleicht bewusst? – und wateten nacheinander ins Wasser. Der Prediger fragte jeden, ob sie an eine exakte Liste von Dingen – wie eben den dreieinigen Gott, Jesu Tod und Auferstehung, etc. – glaubten, und sobald sie sagten «Ja, ich glaube», kreuzten sie die Arme vor der Brust und liessen sich von Prediger und dem Taufgehilfen ins Wasser tauchen. Sie wurden natürlich direkt wieder hinausgenommen, komplett nass, und erhielten beim Auftauchen erst Applaus, dann ein «Gott segne ihn/sie»-Gesang der Gemeinde. Nach dem Taufen informierte ich den Prediger, dass ich einen Bericht für Relinfo schreibe, und noch einige Fragen hätte. Es ist tatsächlich schon länger her, seit ich das letzte Mal wegen «ein paar Fragen» mit einem Prediger sprach, und das Gefühl war entsprechend nostalgisch. Er zog sich aber erst um, also ging ich zu meinen Bekannten in ihr «Kafi nach dem Gottesdienst».

Christen auf Mission in der Gemeinde

Dort erzählte ich einem meiner Bekannten von meiner freikirchlichen Erfahrung, und dass ich für Relinfo da war. Er fragte also, wie es mit meinem Glauben im Moment aussähe. Um den Bericht nicht unnötig zu verlängern: Mein Glaube ist nicht sehr freikirchenkompatibel, und ich hätte ihn natürlich anlügen können, um Zeit zu sparen. Das war mir aber dann zu blöd und ich informierte ihn möglichst zeiteffizient. Er und meine andere Bekannte begannen also mit etwas, das sich wie ein «Missionierungsauftrag» ihrerseits anfühlte. Sie stellten zwar Fragen, aber bei vielen Fragen musste ich innerlich – teils auch äusserlich – etwas lachen, weil sie mir einfach so bekannt vorkamen. Einer der beiden tätigte die Aussage, dass die Bibel als einzige Schrift eine konsequente Geschichte erzählte und andere Schriften voller Widersprüche waren, und als ich ihn informierte, dass auch die Bibel Widersprüche beinhaltete, kam von der anderen Person die Frage, ob ich denn die Unterschiede zwischen Altem und Neuem Testament meine. Darüber hatte ich vor mehr als 8 Jahren mal in einem konservativ-freikirchlichen Gottesdienst eine Predigt angehört, also informierte ich sie, dass mir der Grund dafür durchaus bekannt war. Ich beschäftige mich aber ungern mit genauen Diskussionspunkten, um mit glaubenden Menschen zu diskutieren – es nützt sowieso nichts – und schlug die fortführende Frage, was ich denn genau meine, aus. Sie vertraten auch die Meinung, dass die Bibel als Gottes Wort bewahrt wurde. Als ich persönlich in meiner Jugend herausfinden musste, dass die Bibel sich ursprünglich mit dem Urchristentum weiterentwickelte, und Kirchengeschichte wohl wichtig wäre, um das alles nachzuvollziehen, war ich enttäuscht, und wollte mich also auf diese Diskussion auch nicht einlassen. Etwas unterhaltsam war es aber schon. Mit meinem Hintergrund, den sie ja durchaus kannten, könnte man ja sagen, ich kenne das Evangelium, und ich kenne die ganzen Argumente. Ich diskutierte sie ja mit meiner Familie, sogar meinem Biolehrer. Mich brachte es damals nicht vom Glauben ab, und meine Familie ebenso wenig zum Glauben. Der Biolehrer tat damals das einzig richtige und blockte die Diskussion ab, also versuchte ich es auch hier, indem ich sie informierte, dass mir das Evangelium bekannt war, und ich einen Zugang zu Gott wieder alleine finden müsste, wenn es denn so kommen würde. Ich fühlte mich in diesem Moment etwa bedrängt, und mein Abblocken war gar nicht erfolgreich, da sie dann kommentierten, ich solle doch die Bibel mal für mich alleine lesen. Was ich ja noch nie gemacht hatte, damals, als ich sie vollständig durchlas. Ich nahm beide nicht als böswillig wahr – sie sind eben beide überzeugt davon, dass der Mensch sündig ist, dass er Jesus als Retter braucht, um nicht ewig im Elend zu sein. Für Christen, die eine vergleichbare Überzeugung haben, ist der Missionierungsversuch teilweise sogar ein Zeichen von Liebe. Ich würde mich aber geliebter fühlen, wenn meine Grenzen respektiert würden, und wenn man mich nach klarem Ausformulieren meiner Stellung nicht zum Christentum zu argumentieren versuchte. Vielleicht hätte ich einfach «Stop» sagen sollen, wie es Kinder machen, oder das Thema komplett wechseln müssen. Wie es scheint, waren die beiden aber im Vergleich zur restlichen Gemeinde doch sehr missionarisch tätig. Bei anderen Gemeindemitgliedern, so erzählte mir der Prediger, würde er sich teilweise doch etwas mehr missionarischen Ansatz erwünschen. Ich persönlich bin ja froh, dass nicht die ganze Gemeinde so missionsfokussiert ist, ein Besuch dort wäre ansonsten viel anstrengender. Irgendwann hatte der Prediger sich umgezogen und tauchte wieder auf, um mich von meinem Leiden zu erlösen, oder alternativ: um über meine Fragen zu sprechen.

Ja zu Jesus als «freie Wahl»?

Ich setzte mich also mit ihm in ihr Kaffee draussen, in welchem sie jeweils unter der Woche für ein bis zwei Nachmittage offen hatten, und holte meine Notizen hervor. Ich stellte mich vor und erklärte meinen Hintergrund, dass ich in einer doch sehr konservativen Gemeinde war und jetzt für Relinfo schrieb. Im Rückblick hätte ich diesen Hintergrund vielleicht kurz auslassen können, bis er danach fragte, da mir ja die ganzen freikirchlichen Begriffe nicht fremd sind. Ich quetschte ihn also aus, zu ihrer Auffassung bezüglich Entrückung, zweites Kommen von Jesus, der Endzeit, Geistesgaben und der Wiedergeburt. Diese Begriffe sind alle unten erklärt, für alle, die keinen Hintergrund in Freikirchen haben. Die FKU spricht, teilweise zum Murren einiger Gemeindemitglieder, selten über die Entrückung und das zweite Kommen von Jesu, und Prediger Stefan Hardmeier gab mir gegenüber offen zu, dass er häufiger darüber sprechen könne. Er sei aber auch kein «Endzeitspezialist», und müsste sich zu allen drei Themen mehr einlesen. Sein Fokus liegt, so erzählt er mir, darauf, bei seiner Gemeinde die «Vorfreude» auf den Himmel zu wecken – was mit seiner Predigt inhaltlich übereinstimmt – und weniger einen «Zwang» auszulösen, wie ich es von meiner Zeit kenne. Er erzählt mir von der Geschichte der FKU, wie sie sich von der reformierten Kirche abspalteten, weil ein Pfarrer sagte, Jesus sei nicht leiblich auferstanden, dass sie wegen einer Änderung im Kantonsgesetz den Status als Minorität verloren, und dass sie jetzt eine «freie Freikirche» wären; voll und ganz. Sie sind zwar noch mit anderen Gemeinden in der evangelischen Allianz und tauschen sich auch mit den Leitungen der anderen Freikirchen Usters aus, aber sie nehmen sich als frei war. Im Vergleich zu meiner Erfahrung sind sie zumindest freier, es sind weniger Sachen, die «sündhaft» sind, die Religion wird nicht so extrem ausgelebt, und Unbekehrte verspüren wohl nicht so einen Druck, sich endlich zu bekehren. Wie sich dies im Gemeindeleben äussert, können unbekehrte Jugendliche aber vielleicht besser beurteilen als ich als Besucherin. Hardmeiers Beschrieb, dass er lieber Menschen hineinzog als hineinstiess, schien mir zwar sympathisch, ich fragte mich dann aber schon, ob es nicht ein Zwang war, wenn man denn glaubt, dass es die ewige Verdammnis gab. Da dachte er etwas nach, murmelte vor sich hin und meinte dann «ja, da hast du recht. Hier gibt es nur zwei Optionen.» Die ewige Verdammnis oder das ewige Leben. Eine schöne Auswahl, aber doch auch im freikirchlichen Raum verbreitet. Notwendig für das ewige Leben sind Bekehrung und Wiedergeburt, die FKU glaubt also auch an eine Wiedergeburt, und akzeptiert grundsätzlich Geistesgaben. In den Gottesdiensten gäbe es einfach keinen Platz dafür, aber wer es zuhause machen wolle, könne das. Ausserdem gäbe es ja die pfingstliche Gemeinde, die ganz in der Nähe war, bei der die Geistesgaben wohl eher noch Platz im Gottesdienst fänden, und zu der man ja bei Bedarf gehen könne.

Der Teufel und der Exorzismus

Neben diesen grossen Themenblöcken war auch die «sichtbare» und die «unsichtbare» Welt ein Thema, vor allem, weil alle Taufenden bei ihrem Zeugnis erklärten, dass sie dieses Bekenntnis vor beiden, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, ablegten. Ich fragte den Prediger, was für sie denn alles zur unsichtbaren Welt gehöre, mal neben dem dreieinigen Gott und dem Teufel. Dazu gehören für sie Dämonen, Engel, natürlich eben auch der Teufel. Die Nachfrage zu Exorzismen schien er mit der fast schon mittelalterlichen Ausübung zu vergleichen und verneinte es, erwähnte aber, wer ein Anliegen hätte, könne zu ihnen – zum Ältestenrat, auch Gemeindeleitung genannt – gehen und um Gebet bitten.

Homosexuelle, Bisexuelle und die, die beides sind

Ich fragte Stefan auch, wie sie als Gemeinde zur LGBTQI+-Community standen. Das Akronym schien schon zu viel zu sein, denn Stefan bezog sich jeweils auf ein Buchstabensalat à la «LGDT…I» oder sprach einfach von den «homo- oder bisexuellen, oder die, die beides sind». Das reichte schonmal, um die Grundakzeptanz und das vorhandene Wissen einzuschätzen. Ihre Position ist klar: Sie betrachten das «Ausleben» von Homosexualität als sündig, wer aber schwul sei und nicht mit Männern, oder nur mit der eigenen Ehefrau Sex hätte, das wäre dennoch in Ordnung. Im Sinne vom heute beliebten: love the sinner, hate the sin (liebe den Sünder, hasse die Sünde). Grundproblem ist dabei natürlich, dass der Mensch doch von Anfang an als Sünder dargestellt wird. Es scheint fast, als wäre Homosexualität eine grössere Sünde als anderes. Dies wird, auch bei der FKU und Stefan Hardmeier, gern abgeschwächt mit «ah, aber andere Sünden sind genauso schlimm! Beispielsweise Geldgier, und anderes». Geldgier und Homosexualität ist wohl nicht ähnlich angeboren, aber das hält Freikirchen nicht davon ab, sie bei solchen Gesprächen gleichzusetzen. Ja, ausserehelicher Sex und Geldgier, die genauso genetisch bedingt sind wie Homosexualität. Tatsächlich erzählte er mir aber, dass sie dieses Thema in der Gemeinde besprochen hätten, und dass sie eine Kultur des Willkommenheissens fördern wollten. Er kommentierte aber direkt im Anschluss, dass ein gleichgeschlechtliches Paar sich vielleicht in dieser Gemeinde nicht wohlfühlen würde. Ich kann mir schon vorstellen, dass all die strahlenden Gemeindemitglieder sichtliche Irritation auf ihrem Gesicht zeigen, vielleicht sogar nachfragen würden, wenn sie ein händchenhaltendes gleichgeschlechtliches Paar sähen. Andere Gemeinden und Organisationen, wie der Zwischenraum oder die reformierte Kirche Zürich wären da offener. Dabei zählt er aber nur wenige auf und stellt die FKU eher als Durchschnitt statt als Ausnahme dar, ganz in Ignoranz anderer Freikirchen, die da auch offener sind. Er kenne Christen, die lebten in einer homosexuellen Partnerschaft, obwohl sie nach der Bibel die Überzeugung haben, dass sie es nicht sollten. Doch sie schaffen es nicht, «ihre Triebe nicht auszuleben», wie er es formuliert. Zudem betonte er, dass dies immer noch besser sei als jemand, der dann die ganze Zeit Ehebruch beginge – oder eben viele verschiedene Männer gleichzeitig hatte. Das sei, sagte er, vor allem bei schwulen Männern häufig der Fall, nämlich dass sie oft mit anderen Männern ausserhalb ihrer Beziehung Sex hätten und den Partner somit betrogen. Davon habe ich auch schon gehört, nur leider kann ich mir gut vorstellen, dass die heterosexuellen Paare da wirklich nicht besser sind. Die homosexuellen Paare diskutieren die Option einer offenen Beziehung aber sicher häufiger als heterosexuelle Paare. Aus Sicht von «Gott» oder gewisser Bibelinterpretation sind offene Beziehungen aber auch nicht erlaubt, wenn solche Gemeinden überhaupt wissen, worum es bei diesem Konzept geht. Ich fragte ihn, ob er denn ein homosexuelles Paar trauen oder taufen würde, und er dachte eine Weile darüber nach. Dann meinte er «nein, das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren». Ja, ein Trauungsentscheid obliegt dem einzelnen Pfarrer, ich persönlich würde mich ehrlich gesagt auch nicht gern von einem homophoben Pfarrer trauen lassen, egal, wen ich heiratete. Stefan Hardmeier würde somit nur homosexuelle Personen taufen oder trauen, die ihre Homosexualität nicht «auslebten», wie auch immer dies mit einer Identität möglich ist.

Konversionstherapie gewünscht?

Ich fragte ihn dann auch, wie er reagieren würde, wenn sein eigenes Kind – er hat vier davon – sich bei ihm outen würde. Besonders überrascht hat mich an seiner Antwort, dass er da tatsächlich auch schon darüber nachdachte. Es scheint fast, als würde die Idee, dass Sexualität angeboren ist, in der Gemeinde doch langsam Fuss fassen. Davon wurde ich enttäuscht, als er über einen Christen zu sprechen begann, der wohl «mit einer Belastung» (in diesem Kontext wohl ein Trauma) sich als schwul identifizierte, dann durch Gebet und Glauben die Belastung – und das Schwulsein – ablegte und nun mit einer Frau verheiratet war und Kinder hatte. Ja, Bisexualität, nämlich sowohl Frauen als auch Männer (sexuell) attraktiv finden zu können, das scheint im Raum der FKU doch noch ein Fremdwort zu sein. Man könne auch «beten», und wenn jemand sie um ein Gebet bitte, dann beteten sie gerne für diese Person. Auch als ich in nach den umstrittenen Konversionstherapien fragte, verneinte er zwar die Unterstützung derer, fand aber auch, das «Ablegen» dieses «Auslebens» könne nur über langjähriges Beten gemacht werden, und nicht mit einem einzelnen Gebet. Seine Überzeugung ist: «Wenn jemand Veränderung wünscht, führt der Weg über Therapie, Gebet kann diesen langen Prozess unterstützen. Doch längst nicht alle homosexuell Empfindenden erfahren eine Veränderung darin, obwohl gewünscht.» Für mich klingt das eher danach, dass er Konversionstherapien unterstützt, solange diese genügend Gebet und «christliche Ansätze», beispielsweise biblische Schwerpunkte, enthalten. Zumindest würde er seine Kinder nicht aus dem Haus schiessen, und zu ihrer Trauung gehen, auch wenn er sie – sofern sie es «auslebten» – nicht taufen oder trauen würde. Er betonte hier auch, dass das «Rausschmeissen» von Kindern ganz und gar nicht christlich war, und dass er seine Kinder immer lieben würde. Wenigstens das absolute Minimum, alles andere wäre darunter.

Das «Bestätigen» der «Geschlechtsidentität» in der FKU

Trotz des «T» in LGBTQI+ sprach er nur über Homosexualität und Bisexualität, und erzählte mir erst auf erneute Nachfrage von ihrer Haltung gegenüber trans Identitäten. Sie «bestätigen Jugendliche» in ihrer «Geschlechtsidentität», was ich fälschlicherweise und wohl aus Gewohnheit erst als Bestätigung der trans Identität interpretierte. Übersetzt heisst es aber, sie versuchen, für Männer und Frauen ein Bild zu schaffen, was ist ein Mann, was ist eine Frau? Mit diesem sollen die Jugendlichen, die ja auch viele körperliche Änderungen durchgingen, vor allem Mädchen, mehr Halt und Orientierung finden. Da wechselte er das Thema sehr schnell auf die Horrorgeschichten, von denen ich oben schrieb. Spannenderweise erwähnte er auch die Personen, die sich weder mit dem einen noch dem anderen identifizieren konnten – nicht-binäre Personen. Bei diesen meinte er, sie würden beten, dass sich die Personen dann doch irgendwie wohlfühlen konnten. Ich denke zwar, nicht-binäre Personen fühlen sich grundsätzlich in ihrer Identität wohl und dafür weniger in solchen Gemeinden, aber das geht wohl in eine andere Richtung.

Im Gegensatz zur Homosexualität scheint auch weniger Offenheit und «Akzeptanz», wenn man es überhaupt so nennen kann, für trans Personen da zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass die ganzen Einzelfälle häufiger diskutiert werden als die grosse Mehrheit der zufriedenen trans Personen. Die nicht mit dem Körper gekoppelte Geschlechtsidentität scheint bei ihnen mit dem Körper verwechselt zu werden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich trans Personen auch nur ansatzweise in dieser Gemeinde wohlfühlen könnten.

Christliche Transphobie (und meine Meinung dazu)

Auch zu trans Personen erzählte er mir einige Horrorgeschichten. Ein Mädchen, das sich nicht in ihrem sich ändernden Körper wohlfühlte, und die Brüste wegoperieren liess. Eine halbe Klasse, die sich «plötzlich so fühlten». Personen, die das Ändern bereuten. Alles Horrorgeschichten, die – trotz statistischer Seltenheit – gern in solchen Kreisen geteilt werden. Wie schwierig es in der Schweiz für trans Personen lange war, um überhaupt etwas zu machen, wie stark trans Personen heute noch leiden, wie selten das Detransitioning (Zurück-Ändern) ist, und dass es vor allem bei den Personen geschieht, deren Umfeld sie trotz allem nicht akzeptiert: Nein, das gibt es in den Kreisen nicht. Es gibt nur die armen Jugendlichen, die wegen einer kurzen Aufklärung im Schulunterricht plötzlich alle auch trans sein wollen, es gibt nur diese teuflische Macht, die diese Kinder belastet und dazu verführt, jetzt auch trans zu sein, weil es eben gerade in Mode ist. «Früher gab es das ja auch nicht», erklärt mir Hardmeier. «Doch, schon», dachte ich und entschied ich mich wiederum dagegen, dies mit ihm zu diskutieren. Ja, ich dachte, die Verführungen des Teufels machten wenigstens Spass, wie es immer in diesen Kreisen behauptet wird, aber was trans Personen heute noch durchzugehen haben, das wünsche ich niemandem.

Fazit

Ich kann die FKU somit nur Personen empfehlen, die ebenfalls schon dieselben Auffassungen haben, und die ihre Kinder, wenn sie solche wollen, entsprechend erziehen wollen. Wer eine Familie gründen will, die Homosexualität und trans Identitäten mehr akzeptiert, ist bei der FKU am falschen Ort. Auch die Mission (was für mich persönlich ein imperialistisches Überbleibsel eines europäischen, hochmütigen Selbstbildes ist) kann ein heikler Punkt sein. Abgesehen davon – für mich beides sehr wichtige Faktoren – ist die FKU grundsätzlich angenehm. Sie leben ihren Glauben aufrecht aus und gehen einigermassen mit der Zeit, während sie gleichzeitig versuchen, diese mit der Bibel möglichst zu vereinen. Das klappt sicherlich nicht ganz und es wäre somit wohl auch möglich, die Homosexualität nicht mehr so zu verteufeln, aber zumindest haben die Frauen in der Gemeinde mehr zu sagen als in einigen anderen christlichen Gruppierungen.

Freikirchenglossar:

Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus

Wiedergeburt: Wenn der heilige Geist im Menschen «ankommt»

Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung

Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»

Ungläubig: selten verwendetes Wort für Personen, die nicht «bibeltreu» an Gott glauben; häufiger: Personen, die in der Welt leben oder Personen, die ohne Jesus leben

Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half

Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.

2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, häufig sind sie gleichzeitig. Jesus komme dann als «Richter».

Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.

Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc.

Predigttext Hebräer 12, 1-3 nach Elberfelderbibel (in diesem Gottesdienst verwendet):

1 Deshalb lasst nun auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, jede Bürde und die ⟨uns so⟩ leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausdauer laufen den vor uns liegenden Wettlauf, 2 indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet und in euren Seelen ermattet!

Angela Heldstab, 11.07.2023

Lexikoneintrag Freie Kirche Uster FKU
Lexikoneintrag Evangelische Bibelgemeinde EBG

Kongress im Volkshaus – Die Vision des Guten und das Manifest der neuen Erde

Als wir um kurz vor 10:00 Uhr am Volkshaus in Zürich eintreffen, scheinen wir zu den letzten zu gehören. Menschen in Batik-Blusen umringen uns, die Stimmung ist aufgeregt. Es ist ein grosser Tag für die Esoterik-Community der Deutschschweiz: Heute wird im Volkshaus derjenige Kongress abgehalten, der in den vergangenen Wochen zu einem Medienwirbel geführt hat. Der Kongress, der sich «die Vision des Guten» und «das Manifest der neuen Erde» auf die Fahne geschrieben hat, lädt kritischen Medienberichten zum Trotz zum wohligen Beisammensein ein. Dass dieser mitunter als «dubiose Veranstaltung» bezeichnet wurde, bei der «Scharlatane ein und aus gehen»[1], scheint die Anwesenden wenig zu interessieren. Gute Stimmung macht sich breit, als die Hallen des Theatersaals im Volkshaus gefüllt werden. Wenn man die Gäste des Kongresses betrachtet, die erwartungsvoll auf die Bühne sehen, kann man sich kaum vorstellen, dass sogar eine Petition gegen die Veranstaltung gestartet worden war. Diese hatte beträchtlich zum Medienwirbel beigetragen: Linke Kreise starteten «Reclaim Volkshaus – keine Bühne für Antisemit*innen»[2] und erreichten kurz vor dem Beginn der Veranstaltung 3.398 von 4.000 geforderten Stimmen[3].

Kritik an Verschwörungserzählungen

Die Gründe für die heftige Kritik an der Veranstaltung sind vielfältig. Zum Beispiel treten bei dem Kongress diverse Rednerinnen und Redner auf, die Verschwörungserzählungen verbreiten und sich mitunter nicht von rechtsradikalen Akteuren abgrenzen. Dazu gehören unter anderem Christina von Dreien, die von einer Manipulation unserer Welt durch «Reptiloide» ausgeht, oder auch Ricardo Leppe, der mit den bekanntlich verschwörungstheoretischen Büchern der «Anastasia-Reihe» sowie der «Neuen Germanischen Medizin» liebäugelt. Letzterer wurde wegen einigen seiner Äusserungen vom Volkshaus ausgeladen. Auf seinem Youtube-Kanal «Wissen schafft Freiheit» findet man nun eine Stellungnahme, in der er sich teilweise von den ihn betreffenden Vorwürfen distanziert[4].

Wer jedoch weiterhin willkommen ist, ist Daniele Ganser, eines der ganz grossen Gesichter der Szene. Wir werden später feststellen: Das hat seinen Grund.

Das Manifest der neuen Erde

Nun handelt es sich bei dem Kongress nicht um eine willkürliche Zusammenstellung esoterischer und verschwörungsaffiner Redner, sondern das Ganze hat einen Zweck. Besprochen werden soll vorrangig «Das Manifest der Neuen Erde», ein Konzept einer «besseren» Welt, in Buchform festgehalten von Catharina Roland und Corinne Tâche-Berther alias Coco Tache.

Gedacht für den Zeitpunkt nach einem möglichen Zusammenbruch der aktuellen weltpolitischen Strukturen, erklärt das «Manifest» eine aus ihrer Sicht spirituellere und ökologischere Form des Zusammenlebens. Bei der Veranstaltung im Volkshaus sind einige Akteure dabei, die im zukünftigen «Weisenrat» sitzen werden, dem exekutive Funktionen zukommen sollen. Es wird also interessant zu erfahren, welches Weltbild die Menschen haben, die zukünftig solch wichtige Ämter begleiten sollen.

Eröffnungszeremonie

Wir setzen uns an den Rand des Theatersaals, von wo aus wir eine gute Sicht auf das Publikum haben, das mehrheitlich im Altersspektrum über 50 anzusiedeln ist. Zudem zeigt sich auf den ersten Blick eine ungleiche Verteilung der Geschlechter. Der weibliche Anteil der Anwesenden dürfte circa 75 Prozent ausmachen. Schätzungsweise füllen knapp 1000 Personen den Theatersaal.

Als Coco Tache und Priska Broese zusammen mit einigen Rednern und Rednerinnen die Bühne betreten, fällt schallender Applaus. Sogar die ersten Standing Ovations lassen sich beobachten, als sich die Runde auf der Bühne verneigt. Thomas Schmelzer, der Moderator des Kongresses, ergreift das Wort. Er sehe sich selbst in der Rolle eines Reiseleiters, der durch die verschiedenen Programmpunkte führe. Es wird von einer grossen Familie gesprochen, die heute anwesend sei – das Publikum kann sich kaum halten. Die eigentliche Zeremonie leiten Priska Broese und Coco Tache. Sie berichten von einer neuen Zeit, die bereits angebrochen sei. Dies sei auch schon überfällig, denn wir alle hätten vergessen, wer wir sind. Wie viele andere Sätze an diesem Tag, wird nicht näher erläutert, was damit genau gemeint ist. Es folgt eine einführende Anekdote über einen Kondor, der wir schwer folgen können. Überliefert sei diese Geschichte von einer Maya-Ältesten, die Priska auf Telegram kontaktiert haben soll. Das erstaunt, denn typischerweise sind Kondore in der Inka-, und nicht in der Maya-Mythologie zu finden. Schliesslich kamen und kommen in Gegenden, in denen historische und heutige Maya leben, keine Kondore vor. Während wir uns gedanklich mit Fragen zu Vogelmythologie befassen, sind Priska und Coco schon bei dem Zwischenresümee ihres Vortrags angekommen: Heute soll etwas Grosses geschehen, gemeinsam mit diversen Geistführern und selbstverständlich Jesus Christus.

Eine politische Botschaft zu Beginn

Die Rednerinnen und Reder stehen aufgereiht auf der Bühne, während Coco und Priska weiter auf die Geschichte mit dem Kondor eingehen. Sie setzen ihn zu unserem Erstaunen mit einem Adler gleich – obwohl es sich bei Kondoren um Geier handelt. Einen Kondor als Adler zu bezeichnen hat allerdings den Vorteil, dass eine gute Überleitung zum Neugermanentum erfolgen kann. Der Adler war nämlich in der Mystik der Germanen für die Bewachung des Weltenbaums Yggdrasil zuständig und stehe, laut Priska und Coco, somit sowohl für «die kosmische Ordnung» als auch für Souveränität. Als hätte Coco auf ein Stichwort gewartet, platzt sie heraus: «Und wir hoffen, dass wir weiterhin neutral bleiben!». Die Menge klatscht und jubelt, alle hängen den beiden Vortragenden an den Lippen.

Männer und Frauen – Vereint in der Trennung?

Trotz der nicht zu leugnenden Begeisterung des Publikums verzichten Priska und Coco nicht darauf, das Geschehen interaktiv zu gestalten. So werden zunächst die Männer gebeten, sich zu erheben und einen Ton von sich zu geben, worauf hin ein tiefes «Ohh» durch den Saal wandert. Wenig verwunderlich sollen im Anschluss die Damen aufstehen, die analog ein – etwas höheres – «Ohh» von sich geben. Passend zu der der geschlechtertreuen Aufteilung des interaktiven Moments, meldet sich die Künstlerin Aurelia Wasser zu Wort, die sich auch auf der Bühne befindet. Eigentlich stellt sie ihre Skulpturen aus Kristallglas vor, deren ungefähr 20 Zentimeter grosse Fotografien man im Volkshaus zu einem Preis von circa 250 Franken erwerben kann. Sie erklärt, dass Männer und Frauen an ihren ursprünglichen «Platz» zurückkehren sollen; dahin, wo sie hingehören. So könnte männliche und weibliche Energie verschmelzen. Priska schliesst sich wenig später dem Thema an und verlautbart: Uns sei nicht mehr klar, was Mann-Sein und Frau-Sein bedeute. Man hätte deswegen Mühe, herauszufinden, wie weit man beim anderen Geschlecht gehen könne. Sie lädt die Anwesenden dazu ein, sich beim Kongress nicht zu zieren – es seien schon an anderen Events, bei denen sie teilnahm, romantische Beziehungen entstanden. Das würde dann auch ganz im Sinn der Maya-Ältesten sein, die eine zeitnahe Verschmelzung von männlicher und weiblicher Energie vorhergesehen habe. Es ist spannend: Während offensichtlich der Wunsch nach etwas Gemeinsamem, gar einer Verschmelzung herrscht, wird im gleichen Atemzug von einer Rückkehr an ursprüngliche Plätze gesprochen – einer klaren Trennung von männlich und weiblich. Wir fragen uns, ob die Anwesenden nicht schon viel näher an der von ihnen erhofften Vereinigung wären, wenn sie weniger auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern pochen würden.

Christina von Dreien  

Nachdem Priska und Coco fast eineinhalb Stunden leidenschaftlich vorgetragen haben, steht nach einer kurzen Pause der Auftritt von Christina von Dreien an. Nicola Good soll während der ersten paar Minuten ihres Auftritts anwesend sein, danach werde Christina alleine Fragen beantworten. Es wirkt wie ein elterlicher Begleitprozess beim Zahnarzt, als das genaue Vorgehen erklärt wird. Mit dabei ist wieder der «Reiseführer» Thomas Schmelzer, der die beiden interviewt. Nicola erzählt die in weiten Zügen bekannte Geschichte des Kennenlernens zwischen ihr und Christina. Nachdem sie eine mit Fügung und Manifestation gespickte Version davon berichtet hatte, wie sie Christinas Buch als Hörbuch einsprach und sie sich so kennenlernten, verabschiedet sie sich.

Elitarismus im Schafspelz

Als Christina mit Schmelzer zurückbleibt, wird ihre kindliche Ausstrahlung noch deutlicher als sonst. Sie sitzt auf einem Sessel, von dem aus ihre Füsse nicht bis zum Boden reichen. Wenn wir sie nicht kennen würden, würden wir einen Teenager vor uns vermuten und keine 22-jährige Frau. Wer jedoch meint, dass ihre leise, hohe Stimme und ihre zurückhaltende, infantile Art dem Inhalt ihrer Aussagen gleichkommen, täuscht sich gewaltig. Christina trennt Menschen im Interview durchgängig in diejenigen, die noch nicht «weit» oder «offen» genug sind, um Zusammenhänge zu verstehen, die sie bereits durchblickt habe, von den «erwachten». So postuliert sie, dass manche Menschen mit höheren Schwingungen, die zum Aufstieg unserer Erde in die fünfte Dimension nötig seien, nicht umgehen könnten. Sie sagt: «Es gibt Menschen, die wachen auf und andere, die werden immer aufgewickelt». Dieses Narrativ setzt sich fort, als Schmelzer schildert, die Pandemie sei für einige Menschen als ein «Aufwachen» erlebt worden. Er fragt Christina, ob die Menschen somit in ihrem Bewusstsein weitergekommen seien. Als Christina mit «Nicht alle Menschen.» antwortet, lacht der ganze Saal. Man kann sich der aus den Auftritten resultierenden Stimmung nicht entziehen, bei der die spirituell erwachten den politisch verklärten gegenübergestellt werden.

Weltpolitik auf esoterisch

Es bleibt jedoch keinesfalls bei diffusen Andeutungen und Stimmungsbildern. Christina erklärt wörtlich, dass die Menschheit von manipulativen Wesen versklavt sei. Wir haben uns bereits daran gewöhnt, dass bei solchen Aussagen kein Raunen durch den Saal geht – für die Anwesenden ist es längst zur Normalität geworden, sich derart in ihrer Freiheit beraubt zu fühlen, dass eine «Versklavung» durch höhere Mächte wenig abwegig erscheint.

Schmelzer knüpft im Anschluss an das Gefühl des betrogen seins an: Man wisse ja, dass sich die Zirbeldrüse durch die Einnahme von Fluorid, welches unter anderem in fast jeder Zahnpasta enthalten ist, verkleinere. Er fragt sich, ob es sich bei solchen Dingen um Zufall oder einen bösen Plan handle. Dieses, für Verschwörungsfans typische Vorgehen, «nur Fragen zu stellen», werden wir später noch speziell bei Daniele Ganser beobachten können, der sich das Einverleiben dieser Technik zur Aufgabe gemacht hat.

Im Gespräch zwischen Christina von Dreien und Thomas Schmelzer wird häufig zwischen harmlosem und problematischem gewechselt, mal widmet man sich Tierwohl, ein Ander mal dem Ukraine-Krieg. Um gegen letzteren anzugehen, müssten alle Menschen ihre Liebe senden. Wenn dies nicht funktioniere, müsse man sich fragen, ob gewisse am Krieg beteiligte Mächte gar keinen Frieden wollen.

Gegenmobilisierung der unauffälligen Art

Wir verlassen den Auftritt Christinas wenige Minuten früher, um darauf vorbereitet zu sein, was uns vor der Tür erwartet. Die Antifa kündigte nämlich eine Gegenmobilisierung an – als Antwort auf die trotz Protesten stattfindende Veranstaltung im Volkshaus. Auf Instagram kann man lesen, dass alles mitgebracht werden soll, was Lärm macht. Auch 20 Minuten berichten über die geplante Gegendemo. Als wir also um 13:00 Uhr den Saal verlassen, rechnen wir mit einer Horde von Demonstrierenden. Wir verlassen das Gebäude und entdecken ein grosses Nichts. Die Einsatzfahrzeuge der Polizei, die bereits am Morgen vor dem Volkshaus standen, sind immer noch da – aber keine Demonstrierenden weit und breit. Später werden wir erfahren, dass gegen 12 Uhr, als sich alle Teilnehmenden des Kongresses wohlig im Innern des Volkshauses befanden, circa 50 Demonstrierende anwesend waren.

Ein Lied für Ricardo Leppe

Nach der Mittagspause hält Mathias Forster einen Vortrag, der sich der Bedeutung von Pfingsten widmen soll. Zuvor erscheint jedoch Ute Ulrich, die vor jedem Vortrag des Kongresses ein Lied singt. Während es beim letzten Auftritt um Vertrauen ging, singt sie sich nun in die Offensive: Das Lied handelt von zu hohem Leistungsdruck in Schulen, davon, dass man sich mehr auf seine Intuition verlassen sollte und von einer Abkehr vom «Notenzwang». Im Refrain resümiert sie:

«Ein neues Schulsystem, ein neues Schulsystem, wirf doch das alte Denken über Bord.»

Die Menschen im Saal beginnen zu tanzen und als Ute Ulrich erklärt, dass das Lied dem ausgeladenen Ricardo Leppe gewidmet ist, sind Jubelrufe zu hören.

Umweltmetaphern und Spaltung

Die von Ute Ulrich in Hochstimmung katapultierte Menge hört nun aufmerksam Mathias Forster zu, dem Geschäftsführer der Bio-Stiftung Schweiz. Entgegen unserer Erwartung erzählt er nicht von biologischer Landwirtschaft der «neuen Erde», sondern lässt sich von Pfingsten inspirieren. Er referiert über den schöpferischen Urbeginn, der seiner Ansicht nach nichts mit dem Urknall zu tun habe. Schnell befindet er sich jedoch thematisch in der Gegenwart. Der rote Faden des Vortrags befindet sich weniger im Pfingstthema, sondern mehr in der Auseinandersetzung mit dem Dualismus zwischen Gut und Böse.

Das Böse sei letztendlich nur ein Widerstand, an dem man sich reiben könne, sodass gutes entsteht. Es ist klar, dass wir wieder beim Thema Corona angekommen sind. So sagt er, dass man heutzutage Andersdenkende gerne auf einen Scheiterhaufen werfen würde. Und obwohl es gut sei, dass dies nicht möglich ist, gebe es auch andere Methoden, Menschen an den Pranger zu stellen. Es sei klar, dass das «Neue» nicht das «Alte» bekämpfe, sondern andersrum das «Alte» das «Neue». So kryptisch diese Aussagen auch scheinen mögen, sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Menschen im Saal sind gebannt und saugen die Worte Forsters auf. Dazu trägt auch seine anschauliche Erzählweise bei. Er bedient sich an Natur-Metaphern wie der des Schmetterlings, der aus seinem Kokon ausbricht. In diesem Zusammenhang erklärt er, dass man niemandem dabei helfen könne, «aufzuwachen». Denn der Prozess sei vergleichbar mit dem eines Schmetterlings: Wenn man diesen während seiner Entwicklungszeit aus dem Kokon befreie, würde er sterben. Er entwickle erst beim Befreiungsprozess die Kraft, anschliessend als Schmetterling zu leben. Es entsteht wieder einmal an diesem Tag der Eindruck, dass die Anwesenden von sich als missverstandene Erwachte denken, die alle anderen in ihrer Naivität oder gar rückschrittlichen Entwicklung bedauern.

Zudem wird das Selbstbild des Publikums als kämpferische Andersdenkende bestärkt, als Forster von einer «Monokultur des Denkens» spricht. Wegen dieser sende die Natur von sich aus «Schädlinge», die bekämpft würden – und zwar mit Gift.

Eiche rustikal

Da Nicola Good bis jetzt nur einen kurzen Auftritt hatte, wird sie nun einzeln von Thomas Schmelzer interviewt. Dieser fragt sie zu Beginn, was man sich denn unter der «Vision des Guten» vorstellen könne. Ausweichend antwortet Good, dass man sich dazu erst mal fragen müsse, was «gut» bedeute. Es gebe schliesslich Menschen, die unter «gut» den «Great Reset», eine Abtreibung bis zum neunten Schwangerschaftsmonat oder die Verwandlung des Menschen in Maschinen verstünden. Einschränkend fügt sie hinzu, dass trotzdem alle Menschen den göttlichen Funken in sich trügen. Man unterscheide sich einfach dahingehend, wie sehr der Funke nach aussen durchscheinen kann. Um ihren Punkt deutlicher zu machen, beschreibt sie den Funken als Glühbirne und die Hüllen der Menschen als Lampenschirme. Während einige einen zarten Schirm hätten, der viel Licht durchlasse, bestehe der Schirm bei anderen aus «Eiche rustikal». Die Menge jubelt.

Der Mann des Tages

Unter tosendem Applaus betritt der letzte Redner des Tages die Bühne. Daniele Ganser, einer der bekanntesten Protagonisten der verschwörungsideologischen Szene im deutschsprachigen Raum, wurde von der Menge gebannt erwartet. Der gutsitzende Anzug, den er modern mit weissen Sneakern kombiniert, verleiht ihm einen professionellen Glanz, den andere Rednerinnen und Redner vermissen. Dennoch wird sich der Eindruck erhärten, dass sich Gansers Weltbild kaum von dem der Gäste sowie dem der anderen Rednerinnen und Redner abgrenzt. Wir dürfen jedoch in der nächsten Stunde sein Alleinstellungsmerkmal beobachten: Das Talent, die von ihm kritisierten Techniken von Meinungsmache und Manipulation selbst anzuwenden.

Aus alt mach neu: Die anderen und wir

Daniele Ganser knüpft inhaltlich er dort an, wo seine Vorgängerinnen und Vorgänger aufgehört haben – nämlich bei der Unterscheidung in «Wir» und «die Anderen». Allerdings dreht er, unterstützt von einer professionellen Powerpoint-Präsentation, den Spiess um und verzichtet vordergründig auf eine Hetze gegen andere. Stattdessen diskutiert er die sogenannte «In & Out Theorie». Damit meint Ganser das Prinzip der Eigen- und Fremdgruppe und der dazugehörigen Sympathien bzw. Antipathien, welche angeblich Mord, Totschlag, Krieg, Hexenverfolgung und zu guter Letzt die Diffamierung Ungeimpfter während der Pandemie erklären. Die Unterscheidung in ein «Wir» und in eine andere Gruppe, meist mit Negativem assoziiert, führe zwangsläufig zu Konflikten. Ganser schreckt bei seiner Darstellung nicht vor harten Themen zurück. Der Holocaust, die Anschläge des 11. September oder die Corona-Pandemie, immer gehe es um eine Unterscheidung in Eigen- und Fremdgruppe. Neben dieser offenkundigen vereinfachten Anwendung eines sozialpsychologischen Konstrukts, geht Ganser mit seiner nächsten Behauptung noch einen Schritt weiter: Wer «Inside» und wer «Outside» sei, werde massgeblich von Medien bestimmt. Ganser porträtiert «die Medien» hier nicht als Beeinflusserinnen von Meinungsprozessen, sondern wirft ihnen vielmehr vor, kalkuliert und böswillig bestimmte Gruppen herabzusetzen und so einen Meinungsbildungsprozess der Bevölkerung gänzlich zu manipulieren.

Fehler in Medien – ihr wahres Gesicht?

Um den Eindruck einer manipulativen Presse entstehen zu lassen, zählt Ganser Beispiele für Verfehlungen und Lügen von bekannten Zeitungen, aber auch von Regierungen auf. Relativ zu Beginn seines Vortrags berichtet Ganser von einem im Spiegel publizierten Text namens «Die letzte Zeugin» aus dem Jahr 2018. Der Autor, Claas Relotius, erzählt von einem Besuch in den USA, bei dem er eine Zeugin zu dem Fall eines Serienmörders interviewt. Ganser pickt sich einen Auszug aus dem Text heraus und zeigt sich entrüstet über die dort vorhandenen Formulierungen. So leitet er aus dem Teilsatz « […] der Mann mit teigigem Gesicht […]» einen Ausschluss des beschriebenen Mannes aus der «Menschheitsfamilie» ab. Weshalb sonst, würde man solche Formulierungen wählen, um jemanden zu beschreiben? Gansers Vorgehen erstaunt uns. Er wählt vollkommen normale Stilmittel aus und verleiht ihnen einen taktischen Charakter.  Es stellt sich die Frage, was die Zuhörerschaft in Zukunft denken wird, wenn sie Reportagen liest. Werden wertende Adjektive ausreichen, um journalistische Texte als unseriös und manipulativ zu verstehen?

Im nächsten Schritt erzählt Ganser von dem zweiten, weitaus grösseren Problem des Spiegel-Artikels. Der Autor des Textes, Claas Relotius, wurde dafür bekannt, sich eine Vielzahl an Reportagen vollständig ausgedacht zu haben, so auch den Text «Die letzte Zeugin»[5]. Der kontrovers diskutierte Fall löste selbstverständlich Fragen nach systematischen Problemen grosser Medienhäuser aus. Das unbestritten groteske Vorgehen des Journalists Claas Relotius mündete in einer Debatte über die Glaubwürdigkeit anerkannter Zeitschriften und führte zu internen, sowie externen Untersuchungen. Der Spiegel führte als Reaktion ein Gremium ein, bei dem Hinweise auf ähnliche Vorgehensweisen anonym untersucht werden können. Das lässt Ganser in seiner Schilderung jedoch aus. Er weist lediglich abermals darauf hin, dass man getäuscht werde und manchmal der Schwindel eben auffliege.

Gegnerisches Repertoire

Ganser präsentiert selektiv Fehler von Medienschaffenden und erreicht so, ein Narrativ entstehen zu lassen, welches Medien plump formuliert als «Lügenpresse» dastehen lässt. Er verzichtet allerdings auf derartige Formulierungen und macht stattdessen auf universale Wirkprinzipien aufmerksam, an denen sich Medien bedienen würden, um uns zu beeinflussen. Ein bekanntes Prinzip beschreibt er als «Neuro-Prinzip» des Lernens. Ich frage mich, welches Lernprinzip denn nichts mit Nervenzellen zu tun hat, aber bevor ich den Gedankengang vertiefen kann, erläutert Ganser schon, was er damit meint. Es gehe um die Entstehung neuronaler «Autobahnen» im Gehirn, wenn Inhalte sich für uns wiederholen. Dass Wiederholung zu Lernen und stärkeren assoziativen Verknüpfungen im Gehirn beiträgt, kann man also auch so formulieren. Spannend ist, was Ganser aus dieser Erkenntnis macht. Er behauptet, dass Medien gezielt so oft Aussagen wiederholen, bis man sich gar nicht mehr dagegen wehren könne, sie zu glauben. Wir müssen schmunzeln. Ganser blendet nämlich fast gebetsmühlenartig nach jedem von ihm präsentierten Beispiel eine Folie ein, auf der steht: «Die Leserinnen und Leser wurden getäuscht.». Er scheint wohl kein Problem damit zu haben, das rhetorische Repertoire der feindbildlich dargestellten Medien für seine eigenen Zwecke zu nutzen.

Tipps und Tricks

Für diejenigen, die sich nun fragen, wie man der permanenten Manipulation entgegentreten kann, hat Daniele Ganser einige Tipps parat. Zunächst mal solle man nicht jeden Tag Nachrichten konsumieren. Offline sei das neue Bio, sagt Ganser und der Saal bebt vor Begeisterung. Er führt aus, dass es nicht von Nöten sei, sich über alle Themen en Detail zu informieren. In der Podiumsdiskussion wird er sagen, man solle mithilfe von Achtsamkeitstechniken versuchen, die für sich wirklich wichtigen Themen zu erspüren. Er wende diese auch an, damit er sich von dem Übel der Welt distanzieren könne. Um sich vor der Täuschung durch Medien zu schützen, müsse man jedoch auch üben, eine Täuschung überhaupt erst zu erkennen. Auf uns wirkt das als Widerspruch: Wenn ich doch Nachrichten meide, wie soll ich dann deren Inhalte so gut verstehen, dass ich Falsches von Wahrem trennen kann? Darauf hat Ganser eine Antwort: Man solle in sich rein hören und sich fragen, ob sich das Gesagte für einen plausibel oder als Lüge anfühlt. Ihm muss klar sein, dass er damit bei dem esoterischen Publikum ins Schwarze trifft, denn Intuition hat in der spirituellen Bewegung einen hohen, wenn nicht sogar den höchsten Stellenwert. Dass Ganser kein Freund des täglichen Zeitungslesens ist, wird von seiner Kritik an der Negativität in Berichterstattungen unterstrichen, die mitunter dazu führe, dass «man gar nicht mehr auf dieser Welt leben möchte». Offen bleibt bei dieser Aussage, ob das, was im ersten Moment als suizidale Tendenz interpretiert werden kann, am Ende vielleicht «nur» die Brücke zum Manifest der neuen Erde ist.

Ganser verlässt unter ausnahmslosen Standing Ovations die Bühne. Uns geht nach seinem Auftritt eine Phrase nicht aus dem Kopf: «Jenen, die sagen, man solle nicht alles glauben, glauben sie alles.»

Ein Kongress der Erwachten

Den krönenden Abschluss des Tages soll eine Podiumsdiskussion bilden, zu deren Zweck sich nun Patrick Pedrazzoli, Dieter Boers, Mathias Forster, Robin Kaiser, Nicola Good, Anke Evertz und Daniele Ganser auf der Bühne versammeln. Mit dabei ist homas Schmelzer, der die Diskussion moderiert. Es stellt sich allerdings schnell heraus, dass vergleichsweise wenig diskutiert und dafür umso mehr referiert wird. Daniele Ganser vertieft sich noch einmal in seine Achtsamkeitspraxis und verrät, dass er in Wahrheit auch eine «Spirit Soul» sei. Dieter Boers spricht von elektromagnetischen Feldern und dem «Energiespektrum des neuronalen Verbunds». Robin Kaiser erklärt, dass es noch einen weiten Weg bis zu Erleuchtung gebe und Nicola Good betont, dass es wichtig sei «das Unmögliche zu denken». Insgesamt entsteht weniger der Eindruck, dass man hier eine neue Art des Zusammenlebens bespricht. Vielmehr scheint sich jeder einzelne Protagonist darauf zu beschränken, sein spezielles Interesse dem Publikum näher zu bringen. Insofern wird beim letzten Programmpunkt des Tages deutlich, was sich zuvor abgezeichnet hatte: Als gemeinsamer Nenner findet sich nur, dass man auf die noch nicht «Erwachten» hinabblickt und sich ihnen entgegenstellt.

Julia Sulzmann, 9. Juni 2023

Anmerkungen

[1] Beck, R. (2023). Dubiose Veranstaltung: Wo die Scharlatane ein und aus gehen. WOZ. Verfügbar unter: https://www.woz.ch/2313/dubiose-veranstaltung/wo-die-scharlatane-ein-und-aus-gehen/!BPJMGSE9G8FG

[2] https://act.campax.org/petitions/reclaimvolkshaus-keine-buhne-fur-antisemit-innen-kein-geschaft-mit-braunen-esoteriker-innen

[3] Beispielsweise: Mark, Y. & Krähenbühl, D. (2023). Heftige Kritik an «Esoterik- und Verschwörungstheorienkongress im Volkshaus». 20 Minuten. Verfügbar unter: https://www.20min.ch/story/keine-buehne-fuer-antisemiten-kein-geschaeft-mit-braunen-esoterikern-939461014618

[4] Leppe, R. Hetzjagd in den Medien – Vorwürfe über Rassismus, Antisemitismus und mehr – klare Antworten! Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=PAIgvd_Wsoo

[5] Der Fall Relotius. Verfügbar unter: https://www.spiegel.de/thema/der_fall_claas_relotius/

Lexikoneinträge

Christina von Dreien

Daniele Ganser

Manifest der neuen Erde

Nicola Good

Thomas Schmelzer

Relinfo zu Besuch bei Scientology Zürich

Als wir an der verlassenen Bushaltestelle im Industriegebiet von Volketswil ankommen, wissen wir noch nicht, dass uns eine Reise erwartet. Eine Reise in eine andere Welt – die Welt der Scientology Kirche Zürich. Das Relinfo Team wurde eingeladen, sich die neuen Räumlichkeiten der Gemeinschaft anzusehen. Im Dezember 2020 zog die Kirche um, scheinbar wurden die alten Hallen für neue Zwecke abgerissen. So streifen wir jetzt durch das riesige Industriegebiet, in dem nichts erahnen lässt, dass hier eine hochumstrittene Glaubensgemeinschaft aktiv ist.

Rentner statt Rebellen?

Scientology, einst gigantische Psycho-Sekte, hat heute mit Mitgliederschwund zu kämpfen. Grund dafür ist unter anderem, dass fast jeder die Gemeinschaft kennt. Auf YouTube findet man unzählige Dokumentationen über die Psychotricks der Gemeinschaft. Auch die Geheimdienst-ähnlichen Zustände in Clearwater (Florida) sind gut belegt. Zudem gelten die erkenntnistheoretischen und psychologischen Ideen L. Ron Hubbards längst als überholt. Der Umzug erscheint in diesem Sinn als Analogie der Entwicklung: Die ehemals jungen, dynamischen Städter der 80er und 90er Jahre sind nun mit Kleinwägen unterwegs ins Industriegebiet. Der Umgang sei gemütlicher geworden, bestätigt Stettler, als wir ihn später auf diese Entwicklung ansprechen. Während man sich früher in hitzige Diskussionen habe verstricken lassen, nehme man heute vieles gelassener.

Verstecktes Revier

Google Maps führt uns zu einem riesigen Gebäude, in dem mehrere Firmen sitzen. Erst wenige Meter vor dem Eingang entdecken wir ein Schild, das uns verrät: Wir sind auf der richtigen Route. Zwischen einer Steuerberatungsfirma und einer Organisation für Behindertensport befindet sich die Aufschrift: «Scientology. Dianetik». Wir brauchen ein wenig, um den Eingang zu finden. Glücklicherweise holt uns Jürg Stettler persönlich ab. Der Präsident der Gemeinschaft, auf dessen Einladung hin wir nun den Eingang des Zentrums betreten, ist ein freundlicher Mann. Er führt uns zu der Empfangsdame, die unsere Körpertemperatur misst und unsere Namen notiert.

Zeitreise

Als wir unsere Jacken ablegen, blicken wir uns zum ersten Mal richtig um. Das grosse Gewerbebüro, das eine Glaubensgemeinschaft beheimatet, versprüht den Charme der 90er Jahre. Dunkle Teppichböden und bunte Bücher von L. Ron Hubbard begleiten uns durch die Räume. Man entdeckt kaum Computer. Stattdessen finden sich allerlei andere interessante Geräte. So hängt sich neben einem «Materialien-Guide» – einer riesigen Stellwand mit chronologischer Auflistung von Hubbards Werken – ein unscheinbar wirkender Bildschirm. Mit ihm verknüpft sind grosse Kopfhörer.  Wir erfahren, dass man dort aus einer Mediathek Vorträge von Hubbard anhören kann. Der Touchscreen des Bildschirms erinnert an die Smartphones der ersten Generation – man muss einen leichten Druck ausüben, damit etwas passiert.

Der Alltag von Scientology Zürich

Stettler führt uns geduldig durch alle Räume der Gemeinschaft. Es herrscht reges Treiben, insgesamt sollen 100 Mitarbeitende in Volketswil tätig sein. Es scheint, als wären alle von ihnen anwesend. Uns wird zugelächelt, wenn man uns sieht. Die überschwängliche Freundlichkeit passt zu dem Bild, das man von Scientologen hat: Das Streben nach Perfektion und Selbstoptimierung, welches insbesondere viele Prominente in den Bann der Gemeinschaft gezogen hat. Andere, die gerade Kurse zu besuchen scheinen, bemerken uns erst gar nicht. Sie arbeiten allein oder in Gruppen. Vertieft in den Stoff, den Hubbard mehrheitlich vor mehr als 50 Jahren erstellte. Stettler erklärt uns, dass dies prinzipiell die Hauptaktivität einer Mitgliedschaft bei Scientology darstelle. Man besuche Kurse und bilde sich selbstständig weiter. Mittlerweile sei auch vieles online möglich. Inhaltlich gehe es um grundlegende Fragen wie Ethik, man finde aber auch neue Denkanstösse und Inspirationen für bestimmte Lebensweisen.

Selbstoptimierung der ersten Stunde

Eine der prekären Kontroversen um Scientology klammert Stettler in diesem Zusammenhang aus. Die Kurse sind nicht nur banales Freizeitprogramm: Sie ermöglichen, die «Brücke zur völligen Freiheit» zu erklimmen. Zu hohen Preisen wohlgemerkt – um die Stufe «OT-8» zu erreichen, benötigt man mehrere hundert Tausend Franken. Man könnte sagen: Hubbard bediente sich an dem menschlichen Bedürfnis nach Unantastbarkeit bereits in einer Zeit, in der Selbstoptimierungs-Coaches noch nicht modern waren. Stettler selbst habe die Stufe «OT-5» erreicht und so circa 100.000 Franken für seine Entwicklung ausgegeben.

Das ewige Warten

Wir werden von Stettler durch die langen Gänge geführt. Er redet viel und schnell, wir stellen immer mal wieder Fragen, auf die er freundlich antwortet. Später stellt sich heraus, dass er solche Führungen öfter gibt. In einem langen Gang spähen wir zu unserer rechten Seite in ein offenes Büro hinein. Neben der Tür ist das Namensschild des Inhabers angebracht: «L. Ron Hubbard». So ist es Tradition bei Scientology. In jeder Org muss es ein Büro für Hubbard geben – gedacht für den Tag, an dem er zurückkehrt. In Gold Base (Kalifornien) ist sogar eine Villa für Hubbard gebaut worden. Als wir Stettler auf die verbundene Reinkarnationslehre ansprechen, winkt er ab. Jeder könne hier glauben was er wolle, aber manche stellen es sich so vor. Es wirkt, als wolle er bewusst nicht den Eindruck vermitteln, dass alle Scientologen tatsächlich an eine physische Rückkehr Hubbards glauben. Er scheint sich der Wirkung der Vorstellungen von Scientology auf Aussenstehende sehr bewusst zu sein.

Beratung, das neue Auditing?

Dieses Bewusstsein dafür, dass manches für Aussenstehende seltsam oder zweifelhaft erscheint, wird besonders bei Stettlers Präsentation des Auditing-Raums deutlich. Er stellt diesen als Raum für «Beratungen» vor. Nur durch unser Vorwissen sehen wir auf den ersten Blick, dass in diesem Raum das für Scientology typische «Auditing» durchgeführt wird. Auf der Mitte des den Raum füllenden Tischs steht ein Gerät, das sogenannte E-Meter. Dieses soll erkennen, welche Themen Menschen vom Zustand «Clear» zurückhalten. Die Erreichung dieses Zustands ist die Grundvoraussetzung zur Erklimmung der «Brücke der vollkommenen Freiheit». Wir stellen Stettler die sich für uns aufdrängende Frage danach, wie denn nun das Auditing mittels E-Meter funktioniert. Wir erhalten eine ausweichende Antwort. Das Gerät spüre einfach, welche Themen die Menschen beschäftigen und schlage dann aus. Deshalb sei es auch so wichtig, so viele Themen wie möglich anzusprechen, um die entsprechenden Punkte zu finden. Wir dürfen das E-Meter selbst ausprobieren. Stettler bittet uns, an etwas zu denken, dass uns emotional beschäftigt. Siehe da, das E-Meter schlägt aus. Was Stettler nicht weiss: Meine Kollegin setzt gerade keinesfalls die Kraft ihrer Gedanken ein. Die beiden Metallgriffe des E-Meters werden von ihr einfach etwas fester gedrückt. So schafft sie es – vielleicht zu Stettlers Erstaunen – das E-Meter immer gleich stark ausschlagen zu lassen.

Alte Technik, neues Marketing

Neben der zweifelhaften Wirkung des E-Meters bestehen folgenreiche Kontroversen rund um das Auditing. Es geht hierbei zum einen um die pseudotherapeutische Repetition belastender Ereignisse, die so oft erzählt werden sollen, bis sie keinen Einfluss mehr auf einen haben. Diese möglicherweise das Gegenteil bewirkende Technik stellt Stettler abgemildert so dar, als dass es beim Auditing lediglich um das konstruktive Besprechen schwieriger Lebensinhalte gehe. Von sich aus versucht er, den anderen Skandal vorwegzunehmen, der das Auditing bei Scientology umgibt. Er erzählt, dass die Informationen, die bei der «Beratung» zu Tage treten, zwar aufgezeichnet würden, aber strengster Geheimhaltung unterlägen. Der Umgang mit den persönlichen Erzählungen sei vergleichbar mit der beim Beichtgeheimnis und der ärztlichen, respektive psychotherapeutischen Schweigepflicht. Er scheint bewusst die zahlreichen Vorwürfe von Austeigerinnen und Aussteigern ausklammern zu wollen, die Scientology beschuldigen, mit den sensiblen Informationen des Auditings unter Druck gesetzt worden zu sein.

Saunieren im Büro

Wir werden von Stettler in den Saunabereich der Org gebracht. Bei Scientology muss ein regelrechtes Reinigungsritual absolviert werden: Stundenlange Saunagänge sollen Rückstände von Drogen und Umweltgiften entfernen. Interessant ist, dass man sich ganz dem US-amerikanischen Sauna-Prinzip verschrieben zu haben scheint, ohne Kleidung geht es nicht. Es spannend, den Saunabereich zu begutachten. Er gleicht weniger einem Wellnessbereich und mehr einer Sportumkleide, in der jedoch ein grosses Gemälde hängt. Die Brücke zur völligen Freiheit ist hierauf bildlich dargestellt. Über ihr schweben Heissluftballons, die die Wappen der Schweizer Kantone tragen. Am Ende der Brücke sitzt Helvetia, die Identifikationsfigur der Eidgenossenschaft. Im Hintergrund leuchtet das Symbol für OT, das mit dem spirituell übergeordneten Status von Scientologen im Zusammenhang steht. Selbstverständlich haben wir nicht die Deutungshoheit über das Gemälde. Jedoch kann man sich der Botschaft des Gemäldes kaum entziehen: Das Ideal von einem «Clear Switzerland» schlägt einem geradezu entgehen. Stettler hingegen erwähnt beiläufig, das Bild habe keine besondere Bedeutung.

Gegenseitige Fragerunde

Zum Ende unseres Besuchs setzen wir uns mit Stettler und Jacqueline Ceriani in das Wartezimmer für die «Beratungsgespräche».  Es stellt sich heraus, dass nicht nur wir Fragen haben. Stettler ist sehr interessiert an der Struktur von Relinfo, an den Arbeitspensen der Mitarbeitenden und an unseren persönlichen Geschichten. Er kommt besonders dann auf die Arbeit unserer Stelle zurück, wenn wir ihn auf den Mitgliederschwund von Scientology ansprechen. Stettler gerät das einzige Mal in Rage, als er betont, dass es keinesfalls einen Schwund von Mitgliedern zu beklagen gebe. Natürlich würden die Leute älter, aber es kämen auch immer wieder neue dazu. Insgesamt gebe es in der Schweiz circa 5000 Mitglieder, die mehr oder weniger aktiv seien.

Wolf im Schafspelz?

Insgesamt verbringen wir einen netten und unterhaltsamen Nachmittag bei einer der grössten Psychosekten der Welt. Stettler ist ein zuvorkommender und sympathischer Mann, dem seine Gemeinschaft am Herzen liegt. Er betont – naturgegeben – die Vorteile von Scientology und lässt kontroverses weg. Interessant ist, wie sehr die Glaubensinhalte der Gemeinschaft in den Hintergrund gerückt werden. Es geht in unseren Gesprächen betont wenig um beispielsweise Reinkarnation, dafür umso mehr um Persönlichkeitsentwicklung. Man könnte meinen, dass der Eindruck einer Auswahl an Produkten entstehen soll, die Scientology anbietet und an denen sich jeder nach seiner Fasson bedienen kann. Dies steht im krassen Kontrast zu dem, was Austeigerinnen und Aussteiger berichten: Druck mithilfe der beim Auditing erfahrenen Geheimnisse, hohe finanzielle Investitionen und vieles mehr. Unabhängig davon, wie sich Scientology uns gegenüber präsentiert, eins ist sicher: Man kennt die Skandale der hochumstrittenen Gemeinschaft und wer Informationen benötigt, wird ganz sicher fündig.

Julia Sulzmann, 31.05.2023

Das liebestrunkene Paradies auf Erden – 25 Tage Onlinekurs mit Christina von Dreien

Vom 01. bis zum 30. Januar 2023 fand der vom Begegnungszentrum «Die Quelle» realisierte Onlinekurs «Erinnerung ans Paradies» mit Christina von Dreien statt. Für 146.62 CHF konnte man sich den gesamten Monat lang durch insgesamt 25 Module durchklicken sowie am Ende des Kurses zusätzlich an einem einstündigen Live-Stream teilnehmen, bei welchem Christina Fragen von Zuschauer:innen beantwortete. Eine dieser Zuschauerinnen war ich.

An ihrem Aussehen und Auftreten hat sich, verglichen zu meiner Teilnahme am «Love Stream 8» vor zwei Jahren, kaum etwas verändert: Man begegnet einer scheu wirkenden Frau, die immer wieder nach den richtigen Worten sucht und peinlich berührt lacht, wenn ihr eine Aussage nicht gelingt. Für viele der Zuschauer:innen und Anhänger:innen mag ebendiese befangene, kindliche Erscheinung ansprechend sein, in mir löste sie eher Befremdung aus. Ob dies von ihr bewusst inszeniert wird, um sich als eine Art ewig jugendliche «Botschafterin» zu verkaufen, oder ob es sich dabei tatsächlich um ihre natürliche Ausdrucksweise handelt, bleibt weiterhin unklar.

Die Quelle – The Source AG

Ohne Kontext keine Bedeutung – worum handelt es sich bei «Die Quelle»? Nachdem Patric Pedrazzoli von verschiedenen spirituellen Lehrern und Heilern aus unterschiedlichen Ländern «eine breite Ausbildung erfahren durfte», gründete er am 06. Mai 2006 in Bern zusammen mit seinem Vater, Hansjörg Weyermann, sowie einem weiteren Freund das Seminarzentrum «Die Quelle». Dieses fungiert heute als Sammelbecken für spirituelle Anlässe jeglicher Art – über 3.000 Seminare, Vorträge, Ausbildungen und Konzerte soll das Zentrum allein in den letzten Jahren organisiert und durchgeführt haben.[1]

Was die dahinterstehende Vision des Seminarzentrums betrifft, so erklärt Pedrazzoli in einem kurzen YouTube-Video, dass «Die Quelle»

[e]in Zentrum [sein soll], [welches] viele Menschen dazu einlädt, die auf der Suche sind, nach dem Sinn des Lebens, nach `wer bin ich wirklich`, oder haben körperliche Probleme, geistige Themen, die sie beschäftigen, Philosophie und noch vieles, vieles mehr.

Die Vision der Quelle ist für mich so, dass wir viele Referenten und Referentinnen einladen, das ist für mich wie ein riesengrosses Orchester. Und wir holen viele Menschen daher, die an und für sich Profis sind auf ihrem Instrument, ihre Leidenschaft durch dieses Instrument zeigen können und es auch lernen, weitergeben. Dass viele Menschen hierher in die Quelle kommen können und verschiedene Instrumente spielen dürfen und herausfinden, `welches ist meines`, oder `welche zwei oder drei sind meines`.[2]

Die von Pedrazzoli angesprochenen Referent:innen sind mitunter dafür verantwortlich, dass der Plattform ein Ruf vorauseilt: Man könne sie als einen Querschnitt der esoterischen und verschwörungstheoretischen Szene der Schweiz bezeichnen. Beispielsweise findet am 27. und 28. Mai diesen Jahres der Kongress «Vision des Guten und das Manifest der Neuen Erde» statt, in dessen Rahmen nebst Christina von Dreien und ihrer Managerin Nicola Good auch Personen wie Daniele Ganser oder Ricardo Leppe auftreten sollen[3]. In linken Kreisen regte sich Protest, dass im traditionsreichen Zürcher Volkshaus ein solcher Kongress stattfinden soll. Unter dem Titel «Reclaim Volkshaus» läuft eine Petition, die zur Absage der Veranstaltung aufruft. Die 4000 angestrebten Unterschriften wurden fast erreicht.[4] Die Veranstalter reagierten auf den gesellschaftlichen Druck und luden eine der problematischsten Figuren der Veranstaltung aus: Ricardo Leppe.[5]

Dieser steht dem Verein «Wissen schafft Freiheit» als Präsident vor. Bereitgestellt werden dort alternativ-komplementäre Lernmethoden und -angebote. Dabei zeichnen sich Leppes Lerninhalte im Spezifischen und der Verein im Allgemeinen durch eine fehlende wissenschaftliche Grundlage, eine Hinwendung zu Verschwörungstheorien sowie zur Schetinin-Pädagogik und einer Ablehnung evidenzbasierter Medizin aus.[6] Auch andere Gäste, die bisher wie geplant auftreten sollen, wird die Verbreitung von Verschwörungstheorien nachgesagt. Dazu gehört Daniele Ganser, der insbesondere aufgrund seiner öffentlichen Anzweiflung der offiziellen Version der Terroranschlägen vom 11. September 2011 kritisiert wird. Eine solch verschwörungstheoretische Tendenz lässt sich ebenfalls in seinen Büchern finden, so zum Beispiel, wenn er die USA beschuldigt, hinter dem Putsch in der Ukraine zu stecken oder wenn er hinter dem Anschlag auf Charlie Hebdo einen Legitimationsversuch für einen Krieg gegen muslimische Länder sieht.[7]

Im virtuellen Vorlesungssaal

Christina von Dreien wird auch als Referentin bei «Die Quelle» auftreten, um eine Utopie einer friedvollen, fast schon liebestrunkenen Welt vorzustellen, die sich die Referenten wünschen. Hinter dem «Manifest der neuen Erde», welches das Überthema des Kongresses darstellt, steckt allerdings nicht nur Liebe, sondern ein Plan für eine Parallelgesellschaft. Es überrascht nicht, dass einige der Referent:innen wichtige Positionen in der Staatsform der «neuen Zeit» einnehmen sollen.

In ihrem 25 Tage langen Onlinekurs macht sie die Vision einer neuen Welt gar zu einem der Kernthemen und erklärt bereits in einem kurzen Video auf der Anmeldungsseite:

Wenn wir Menschen wieder mit unserer Liebe in Kontakt kommen, dann erschaffen wir automatisch ein Paradies auf der Erde. Und wenn Menschen eine heile Welt möchten und diesen Wunsch haben, dann kann das nur daherkommen, dass wir das schon mal erlebt haben, dass wir diese Information in unseren Zellen drin haben.

[…] die Erde selbst, die kann sich auch noch an dieses Paradies erinnern, weil sie will ja so oder so aufsteigen. Und die Frage ist einfach, welche Menschen möchten das auch. Wir sind ja multidimensional und Menschen, wenn sie die ganze DNA wieder aktiviert haben, so, wie das Mal am Anfang gewesen war, dann können sie ja eigentlich dieses reine, göttliche Bewusstsein haben. Menschen sind ja eigentlich Menschenengel. Ich bin ja hier inkarniert, weil ich ja mehr Bewusstsein hier hinbringen möchte und viele andere Menschen, die sind ja auch aus diesem Grund hier. Darum ist ja auch jeder einzelne Mensch so wichtig.

Was den Aufbau des Kurses betrifft, so erhielt man nach erfolgter Bezahlung einen Link mit Zugang zum umfangreichen Kursmaterial zugeschickt. Dieses bestand aus jeweils 10 bis 15 Minuten langen Videos, welche ab dem 01. Januar 2023 über einen Zeitraum von einem Monat täglich auf der «Quelle»-Homepage freigeschaltet wurden. Als Häppchen aufbereitet und geordnet nach Themen wie «Wir und die Anderen», «Blick ins Paradies», «Lichtkörper und geistige Heimat», «Über das Sterben und Inkarnieren» sowie «Am Ende kommt alles gut», führte Christina die Teilnehmer:innen Video für Video in ihr eigenes Weltbild ein, indem sie in einer Art Q&A-Format auf eingeblendete Fragen einging. Dass sie dabei allein in den 25 «Lektionen» zu sehen war, wunderte mich, so sah man sie in der Vergangenheit meist im Doppelpack mit Nicola Good, der eine Rolle als Christinas «Ersatzmutter» nachgesagt wird. Good nahm bei öffentlichen Auftritten und Videos die Zügel in die Hand und lenkte das Gespräch. Manchmal gab sie sogar längere eigene Ideen preis.

Ausserirdische als Schöpfer der Menschheit

Meine Kursteilnahme begann also damit, dass ich mich in meinem stillen Kämmerchen durch ungefähr fünf Stunden Videomaterial durchklickte, wobei es mir aufgrund Christinas Sprechtempo um einiges länger vorgekommen ist. Es folgen einige nennenswerte Ausschnitte:

Gestützt auf die Reptiloiden-Verschwörungstheorie des Briten David Icke, behauptet Christina im sechsten Modul «Wir und die anderen», dass sich seit mehreren tausend Jahren Ausserirdische auf der Welt inkarniert hätten. Diese liessen sich nach «Rasse» (Aussehen) sowie «feinstofflicher» oder physischer Manifestation voneinander unterscheiden. Zwar gebe es auch solche, die zur Beobachtung der Menschen den Planeten in Raumschiffen umkreisen oder sich anderswo in unserem Sonnensystem aufhalten, die allermeisten «ausserirdischen Rassen» befänden sich jedoch aus diversen Gründen auf oder unter der Erdoberfläche in einem «Hohlraum». An dieser Stelle des Moduls kommt Christina auf die Evolutionstheorie zu sprechen und erzählt den Teilnehmer:innen, in der Schule habe sie ebendieses Thema immer zum Lachen gebracht. Schliesslich seien die Menschen nicht «aus dem Meer gekommen», sondern in Wahrheit von den ausserirdischen Wesen erschaffen worden.

Liebe als Allheilmittel

Doch die Entstehungsgeschichte des Menschen ist nicht die einzige Theorie, von der Christina nichts hält. Das Modul «Blick ins Paradies» thematisiert die «kollektive Erschaffung des Paradieses auf Erden». Um ein Paradies auf Erden zu etablieren, sieht Christina es generell als notwendig an, dass die Menschen nicht nach Theorien oder Gesetzen handeln, sondern nach Gefühlen: «Um das Paradies zu schaffen und alle momentanen Probleme zu lösen, brauchen wir keinen ausgetüftelten Lösungsplan, sondern wir müssen einfach in Liebe handeln und uns immer wieder bewusst machen, welches Ziel wir verfolgen».

Wie genau ihre Vision des irdischen Paradieses aussieht, konnte Christina dabei nicht sagen. Nicht nur gäbe es dafür keine Worte – die Menschen seien auch zu sehr an den «momentanen Zustand der Erde» und entsprechend zu wenig an die «Schwingungen» eines solchen Paradieses gewöhnt. Deshalb sei es gar unmöglich, das Paradies zu erfassen. Das Einzige, so Christina weiter, über was sie sich diesbezüglich sicher sei, ist das kommende harmonische Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen. Denn angesichts dessen, dass Liebe «das Gefühl ist, welches das Leben schön macht und fördert und nicht etwas ist, das Leben zerstört», würde es für den liebenden Menschen keinen Grund für Krieg, Fleischkonsum oder die Ausbeutung der Natur geben. Schuld am Übel der Welt seien andere, die Christina wechselnd benannt werden.

Der Live-Stream

Dann, am 30. Januar diesen Jahres um 19.00 Uhr, fand die Zoom-Sitzung als Abschluss des Kurses statt, an dem insgesamt 238 Teilnehmer:innen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Spanien und Thailand dabei waren. Unter Berücksichtigung der teilweise ausgeschalteten Kameras, schätze ich die Altersspanne der Partizipierenden auf Mitte 20 bis 60, wobei auch vereinzelt Familien mit Kleinkindern zu sehen waren. Genau wie in den 25 «Lektionen», war Nicola Good auch an diesem Event nicht anwesend, dafür wurde die Session von Joelle Hodler von «Die Quelle» moderiert. Sie las die im Vorhinein eingereichten oder dann während der Sitzung im Chat gestellten Fragen vor und forderte Christina bei unklaren Antworten zu weiteren Erläuterungen auf.

Dauerbrenner Corona

Vor dem Hintergrund aktuell verbreiteter Annahmen in der Esoterikszene war es kaum verwunderlich, dass sich viele der Anliegen um das Thema Covid-19 drehten. So wurde von einem Teilnehmer die folgende Frage gestellt: «Können Impfstoffe von einer Person auf andere übertragen werden durch bspw. die Benutzung desselben Geschirrs oder auch von geimpften Tieren auf Menschen durch bspw. den Verzehr des Fleisches?». Christina bejahte und merkte an, dass es «auf der physischen Ebene Dinge gibt, die man machen und nehmen kann», um die Wirkstoffe der Impfung wieder zu neutralisieren. Auf der «feinstofflichen Ebene» wiederum, müsse man «energetisch an sich arbeiten» und sich «wiederholt bewusst mit der eigenen Seele verbinden», um die durch die Impfung entstandenen «energetischen Blockaden» wieder lösen zu können.

Die obengenannte Frage basiert auf der Annahme des sogenannten «Sheddings», eine wissenschaftlich nicht haltbare Behauptung über das Coronavirus und die angewendeten Impfstoffe – mit angeblich gefährlichen Konsequenzen. Dabei hegen besonders Impfskeptiker:innen die Angst, in der Nähe von bereits geimpften Personen Krankheitssymptome zu entwickeln. Laut der Falschbehauptung würden Letztere nämlich in den ersten Wochen nach der Impfung «virale Spike-Proteine» produzieren, welche dann über Hautkontakt, Ausatmen oder Husten an ungeimpfte Personen weitergegeben werden und genannte Symptome wie Kopfschmerzen, Ausschläge oder Übelkeit verursachen.[8]

Eine gemeinsame Basis

Mit den allermeisten Fragen vonseiten des Publikums sowie Christinas Antworten konnte ich nichts anfangen. Als aber jemand gegen Ende anmerkte, bei Christinas Ausführungen häufiger in einen schläfrigen Zustand zu verfallen, fühlte ich mich dann doch verstanden und klinkte ich mich mit einem Schmunzeln aus dem Zoom-Meeting aus.

Asia Petrino, 17.05.2023

Fussnoten:

[1] Schmuck, Peter (2022): Die Quelle in Bern – Europas Seminarzentrum für Potentialentfaltung und Spiritualität, Zukunftskommunen, online: https://zukunftskommunen.de/blog/die-quelle-in-bern-europas-seminarzentrum-fuer-potentialentfaltung-und-spiritualitaet/, [16.02.2023]

[2] Patric Pedrazzoli (2019): Was ist die Vision der Quelle, Die Quelle, YouTube, online: https://www.youtube.com/watch?v=SifVuK16kMo&t=1s, [16.02.2023]

[3] Die Quelle (o.V.) (o.D.): Kongress «Vision des Guten und das Manifest der Neuen Erde», online: https://die-quelle.ch/tc-events/kongress-die-vision-des-guten-zusammen-fuer-eine-bessere-welt/, [16.02.2023]

[4] 3350 Stimmen. Stand: 17.05.2023. https://act.campax.org/petitions/reclaimvolkshaus-keine-buhne-fur-antisemit-innen-kein-geschaft-mit-braunen-esoteriker-innen

[5] Tagesanzeiger. «Umstrittener Redner darf nicht in Zürich auftreten». https://www.tagesanzeiger.ch/umstrittener-redner-darf-nicht-in-zuerich-auftreten-143292514622

[6] Relinfo (o.V.) (o.D.): Wissen schafft Freiheit, online: https://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/wissen-schafft-freiheit/, [16.02.2023]

[7] Relinfo (o.V.) (o.D.): Daniele Ganser, online: https://www.relinfo.ch/lexikon/themen/verschwoerungstheorien/daniele-ganser/, [16.02.2023]

[8] Heigl, Jana (2021): «Impfstoff-Shedding»: Die Angst vor dem Kontakt zu Geimpften, online: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/fr-f-impfstoff-shedding-die-angst-vor-dem-kontakt-zu-geimpften,SdE76lT, [15.05.2023]

Die innere Ruhe finden – Besuch des Freitagsgebets der Marburger Moschee

Ein grau verziertes Minarett und blaue Bruchglasfenster

Die Moschee in Marburg ist ein moderner Bau, schlicht in weiss und schwarz gehalten mit einem Minarett, eingefasst in ein Netz aus grauen Verzierungen. Auf dem Vorplatz steht ein Kunstwerk, welches die fünf Säulen des Islams repräsentieren soll. Als ich am Freitagnachmittag eintreffe, sind noch nicht viele Menschen in der Moschee. Über eine Treppe gelange ich in das obere Stockwerk, wo sich der Frauenbereich befindet. Ich ziehe meine Schuhe aus und betrete den Gebetsraum. Einige Frauen und Kinder sind bereits da, beachten mich aber nicht weiter. So setze ich mich ganz hinten an die Wand gelehnt auf den Boden und lasse den Raum auf mich wirken. Es ist hell und freundlich, die Wände sind in einem schlichten weiss gehalten. Durch die blauen Bruchglasfenster dringt sanftes Licht in den Raum und die Farben spiegeln sich im blau gemusterten Teppich wieder.

Adhan, der Gebetsruf

Einige Frauen beten in der Mitte des Raumes, die meisten sitzen jedoch an die Wand gelehnt auf dem Boden wie ich. Manche unterhalten sich miteinander auf Deutsch oder Arabisch, andere lesen im Koran. Die Frauen tragen ganz unterschiedliche Kopftuch-Stile, viele davon sehr modisch. „Allahu Akbar„. Vom Männerbereich unter mir erklingt der Adhan, der Gebetsruf, und mehr Frauen strömen zu dem melodischen Ruf in den Raum. Einige davon tragen kein Kopftuch und nehmen sich Röcke oder Gebetskleider aus einer Truhe am hinteren Ende des Raumes. Trotz der weiterhin sprechenden Kinder entsteht eine fast mystische Stimmung durch den gesangsartigen Gebetsruf.

Arabische Predigt und herumtollende Kinder

Die Frauen bleiben sitzen, als der Imam einige Gebete zu sprechen beginnt. Ich kann nicht verstehen was er sagt, alles ist auf arabisch und der Mann spricht sehr schnell ohne Luft zu holen. Die meisten Frauen sind nun still, nur die Kleinkinder rennen weiter herum und ein kleines Baby weint bitterlich. Zwei kleine Jungen stehen ganz vorne am gläsernen Galeriegeländer, drücken ihre Hände ans Glas und blicken auf den Imam und die Männer herunter. Weitere Frauen kommen herein, als mir die junge Frau neben mir sagt, der Imam erzähle etwas von der Schlacht von Uhud. Unbeirrt rattert der Imam seine Predigt ab, während sich einige Frauen unterhalten, die Kinder herumtollen und eine Frau ihren Lippenstift nachzieht.

Die innere Ruhe als Geschenk Gottes

Unvermittelt wechselt der Imam in seiner Predigt auf Deutsch. In einem enormen Tempo spricht er von der inneren Ruhe, die Allah den Gläubigen geschenkt hatte. In der Not sah Gott, was in den Herzen der Gläubigen war, und sandte ihnen innere Ruhe in ihre Herzen hinab. Diese Gelassenheit half ihnen bei der Auswanderung von Mekka nach Medina und so würde Gott allen Gläubigen in schweren Zeiten innere Ruhe senden. Dies sei ein grosses Geschenk und je mehr Schwierigkeiten ein Mensch habe, desto mehr innere Ruhe würde dieser von Gott erhalten. Nach dem Kummer sei die innere Gelassenheit eine Belohnung und eine Art der Stärkung zugleich. Denn nur wer innerlich ruhig sei, könne gute Entscheidungen treffen.

Die drei Säulen der inneren Ruhe

Die drei Säulen der inneren Ruhe seien dabei Licht, Kraft und Liebe. Diese drei müssten aus dem Herzen kommen, welches erfüllt von Wahrhaftigkeit und Wissen sein solle. Doch wie können wir diese Dinge erreichen? Dazu bedürfe es Selbstabrechnung, Freundlichkeit und das Bewusstsein von Gottes Anwesenheit. Man solle seine Absichten und Taten hinterfragen und sein Verhalten stetig verbessern, um so nach dem Guten zu streben. Dabei sollten die Menschen freundlich miteinander sein, denn wie wir andere Menschen behandeln, würde unser Herz beeinflussen. Unfreundlichkeit und Kaltherzigkeit würden das Herz verderben. Den Menschen sollte bewusst sein, dass Gott in allem präsent sei und uns genau sehen würde – bei allem was wir tun.

Ein frecher kleiner Wirbelwind

Der Imam spricht weiter, jedoch bekomme ich den nächsten Teil nicht genau mit. Ein kleines Mädchen, vielleicht knapp zwei Jahre alt, steht plötzlich vor mir in ihren rosaroten Latzhosen, mit wilden braunen Locken auf ihrem kleinen Kopf. Sie packt meinen Bleistift, mit dem ich gerade Notizen mache, und will damit davonrennen. Sanft sage ich Nein und die Mutter sieht mich entschuldigend an, als das freche kleine Ding schnell wieder davon rennt. Ohne meinen Stift natürlich. Das Mädchen versucht noch zwei weitere Male meinen Stift zu stibizen, bevor sie endgültig aufgibt. Statdessen luchst sie einem kleinen Jungen seinen Ball ab und rennt wie ein kleiner Wirbelwind durch den Raum.

Richtige Entscheidungen und zweiter Gebetsruf

Ich versuche den Faden wiederaufzunehmen und der Predigt des Imams zu folgen. Er spricht davon, dass wir standhaft bleiben sollten und auf Gott vertrauen. Egal in welcher Not wir auch sein mögen, innere Ruhe sei unabdingbar, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ohne Luft zu holen, geht die deutsche Predigt in ein arabisches Gebet über, gefolgt von einem erneuten Gebetsruf. Nun erheben sich die Frauen und strömen im vorderen Teil des Raumes zum gemeinsamen Gebet zusammen. Nur wenige bleiben mit mir an der Wand sitzen und schauen zu. Vielleicht wollten sie oder durften sie im Moment nicht beten. Beispielsweise darf eine Frau während der Menstruation nicht am gemeinsamen Gebet teilnehmen.

Magische Stimmung und Kinderlieder

Als die Frauen Seite an Seite stehen und einige Kinder noch immer herumlaufen, beginnt der Vorbeter zu rezitieren. Die Art der Rezitation ist schwer zu beschreiben und hat nichts mit den einschläfernden Lesungen in der Kirche zu tun, die ich sonst gewohnt war. Der Vorbeter singt mehr als er sprach und es entsteht eine fast magische Stimmung im Raum. Die Frauen antworten zwischendurch mit einem „Amin“ und verändern ihre Gebetshaltungen alle gemeinsam. Die betenden Frauen und die gesangsartige Rezitation des Vorbeters, die voller Inbrunst durch den Raum hallt, haben etwas sehr Bewegendes an sich. Durchbrochen wird diese Stimmung allerdings von einigen Kindern, die auf einem Handy ein Kinderlied hören und von anderen, die wild durch die betenden Frauen rennen.

Meine innere Ruhe finden

Als der Vorbeter endet, murmeln die Frauen ein paar Worte vor sich hin, bevor einige von ihnen aufstehen und nach draussen strömen. Andere bleiben noch und sprechen zusätzliche Gebete. Viele gehen auch auf einander zu, unterhalten sich und sammeln ihre Kinder ein. Ich selbst bleibe noch einen kurzen Moment sitzen und versuche diese innere Ruhe zu spüren, von der der Imam gesprochen hatte. Vielleicht liegt es an der Stimmung im Raum oder an der wunderschönen Rezitation des Vorbeters, aber ein bisschen innere Gelassenheit kann ich wirklich fühlen.

Die Überschwemmung des Vorplatzes

Also stehe ich auf, gehe hinaus, ziehe meine Schuhe an und trete ins Treppenhaus. Ich erstarre einen Moment, als ich aus dem Fenster sehe und die Masse an Menschen vor der Moschee erblickte. In dem abgetrennten Frauenbereich war mir gar nicht klar gewesen, wie voll die Moschee eigentlich war. Viele Männer, darunter auch viele junge Leute, drängen sich auf dem Vorplatz der Moschee zwischen dem Eingang und den fünf Säulen des Islams. Einige machen sich bereits auf den Weg zu ihren Autos oder gehen zu Fuss, andere bleiben und sprechen miteinander. So viele junge Menschen hatte ich selten in Kirchen angetroffen.

Ein Lernraum mit Panoramablick

Ich reisse meinen Blick von den Menschen draussen los und gehe weiter die Treppe hinauf. Dort möchte ich mir noch die anderen Räume der Moschee anschauen, lasse dann aber den obersten Stock mit Studentenwohnungen weg. Einen Stock über dem Frauenbereich befindet sich eine kleine Bibliothek mit Lernraum für Schüler und Studenten. Von dort gibt es einen wunderbaren Ausblick auf die Altstadt und das Schloss von Marburg. Damit endet auch mein Nachmittag in der Moschee voller neuer Eindrücke und ich mache mich auf den Weg nach Hause.

Jasmin Schneider, 17.05.2023