60 Jahre Relinfo

Relinfo wurde im November 1963 von Pfr. Dr. theol. Oswald Eggenberger begründet, damals noch unter dem Namen «Evangelische Orientierungsstelle: Kirche, Sondergruppen, religiöse Bewegungen». Oswald Eggenberger erblickte am 4. August 1923 das Licht der Welt in Schwanden GL, wo sein gleichnamiger Vater Oswald Eggenberger (1890-1959) als Pfarrer wirkte. Im Jahr 1931 wechselte Oswald Eggenberger Senior ins Pfarramt von Speicher AR, wo Oswald Junior die Primarschule besuchte. Anschliessend absolvierte Oswald das Gymnasium an der Kantonsschule Trogen AR und studierte dann Theologie in Zürich, Basel und Genf. Im Jahr 1984 machte Oswald Eggenberger sein Vikariat in der Kirchgemeinde Thalwil und empfing im Jahr darauf seine Ordination.

Die erste Pfarrstelle bezog Oswald Eggenberger in Davos-Frauenkirch und Davos-Glaris; die damals überschaubare Berggemeinde ermöglichte es Oswald Eggenberger, neben dem Pfarramt an seiner Dissertation zu arbeiten, die einem konfessionskundlichen Thema gewidmet war: «Die Neuapostolischen. Ihre Geschichte und Lehre. Ein Beitrag zur Kirchenkunde der Gegenwart», erschienen im Jahr 1951. Zwei Jahre darauf wechselte der frischgebackene Dr. theol. von der Landschaft Davos an den Zürichsee und wurde Pfarrhelfer, zehn Jahre später Pfarrer in Richterswil ZH.

Sekten und problematische Gemeinschaften

Neben seiner Tätigkeit als Pfarrhelfer in Richterswil fand Oswald Eggenberger Zeit, sich weiterhin mit konfessionskundlichen Fragestellungen zu beschäftigen, und setzte sich mit den damals geläufigen Sektenbegriffen auseinander, dem religionssoziologischen von der Sekte als radikaler Kleingruppe, dem traditionell römisch-katholischen von der Sekte als Abspaltung und dem traditionell protestantischen von der Sekte als Gemeinschaft, die zur Bibel hinzu weitere Offenbarung(en) kennt. Letzterer Sektenbegriff wurde von Oswald Eggenbergers Vorgänger als Kirchen- und Sektenexperte auf dem Platz Zürich, Prof. Fritz Blanke (1900-1967), auf die einprägsame und für Jahrzehnte die Diskussion dominierende Formel gebracht: «Sekte = Bibel und …». Oswald Eggenberger setzte diesen formalen Sektendefinitionen eine inhaltliche entgegen, wie er sie im Schlusssatz seiner im Jahr 1955 erschienenen Schrift «Wie beurteilt man eine Sekte?» formulierte: «Demgegenüber dringt die biblisch-theologische Beurteilungsart tiefer, bis auf das Wesen, bis in den Wesenskern, um im Blick auf diesen Kern ihr Urteil zu finden. Damit ist der Weg gezeigt: Von der Bibel ausgehend ist theologisch beiderlei, Lehr- und Lebensgestalt der Sondergruppe zu beleuchten» (s.27).

Gründung von Relinfo

Im Jahr 1961 zog Oswald Eggenberger ins Zürcher Oberland weiter, indem er das Pfarramt in Mönchaltorf ZH übernahm. Dort wurde ein neues Pfarrhaus erbaut, das reichlich Platz bot für die im November 1963 begründete Evangelische Orientierungsstelle.

Das Informationsblatt

Erste Handlung der neu gegründeten Orientierungsstelle war die Herausgabe der ersten Nummer des Informationsblattes im November 1963. Auf dem Titelblatt wurden die Motive zur Gründung der Stelle aufgeführt, verfasst von Fritz Blanke «Zum Geleit»: «Es ist noch nicht lange her, dass man in kirchlichen Kreisen einfach zwischen Landeskirche und Sekte unterschieden hat. Heute können wir nicht mehr in diesem allzu bequemen Schema denken. Die Vielfalt der Aeusserungen religiösen Gemeinschaftslebens ist dafür zu reichhaltig. Neben Landeskirche und Sekte gibt es noch die Freikirchen, die Erweckungskreise, die Bruderschaften, die Weltanschauungsvereine und andere Gruppierungen. Die Zahl dieser Richtungen mehrt sich von Jahr zu Jahr. Ein Ueberblick wird zunehmend schwieriger.» Zum Ende seines Geleitwortes greift Fritz Blanke den Beurteilungsrahmen auf, den Oswald Eggenberger in seiner Schrift aus dem Jahr 1955 angedacht hat: «Das ‹Informationsblatt› will nicht bloss über neue und alte Gruppenbildungen unterrichten, sondern es will diese Bildungen immer zugleich an der Botschaft, die uns Christus gebracht hat, messen. Damit ist eine sachliche, gerechte Beurteilung gewährleistet.»

Oswald Eggenbergers Bezugsrahmen

Trotz dieser biblisch-theologischen Zielsetzung beschrieb Oswald Eggenberger Gemeinschaften vorwiegend religionskundlich in ihrer Geschichte und in der Nähe und Distanz zu ihrem Umfeld. Deutlich wurde Oswald Eggenberger da, wo Gemeinschaften faktenwidrig argumentierten. Ein wichtiges Thema war für Oswald Eggenberger auch der Umgang der Kirchen und Gemeinschaften miteinander. Ansprüche, den allein wahren Glauben zu vertreten, wurden offengelegt, so in einem Text über Wim Malgo, den Gründer des «Mitternachtsrufs», der sich auch heute noch in seiner mittlerweile etwas verstaubt wirkenden Zionshalle bei Dübendorf trifft: «Zusammen mit dem nicht fehlenden Sendungsbewusstsein ergibt sich das Bild eines fundamentalistischen Erweckungspredigers, der eine gewisse Anziehungskraft ausübt. … Wim Malgo, der nominell der Zürcher Kirche angehört, praktisch aber ganz für sich arbeitet, hat gegenüber den Kirchen verschiedene Bedenken. Sehr scharf lehnt er die Oekumene ab. Er scheint allerdings ihre Art und Absicht gar nicht richtig zu kennen; denn er sieht und bekämpft in der Oekumene den Beginn einer Einheitskirche, sogar mit Einschluss oder unter Führung Roms, was indessen keineswegs mit den Tatsachen übereinstimmt. Wim Malgos Nein richtet sich weiter gegen den theologischen Freisinn und nicht weniger bestimmt gegen jede Theologie, die mit seiner eigenen nicht übereinstimmt» (Informationsblatt Nr. 3, Mai 1964, s. 20).

Vorausschauende Beschreibungen

Zunehmend fanden auch Auswirkungen auf die Mitglieder Beachtung, etwa beim damals populären amerikanischen Heilungsprediger Tommy Lee Osborn (1923-2013): «Dem unvoreingenommenen Beobachter macht es Mühe, alle Angaben in den Schriften Osborns ernst zu nehmen. Dass grosse Menschenmengen zusammenströmen und viele Kranke hinzugebracht werden, ist allerdings kaum anzuzweifeln. … Schwere Bedenken müssen im Blick auf die Krankenheilungen erhoben werden. Wenn von zahllosen Heilungen sozusagen aller möglichen Krankheiten berichtet wird, so ist dreierlei zu beachten: Als erstes kann man nicht abschätzen, wie weit Propaganda und tatsächliche Heilungen auseinandergehen. Zweitens lässt sich auch die Menge der Kranken nicht zählen, die tief enttäuscht und in ihrem Glauben irre gemacht zurückgelassen werden. Drittens erweist sich die Heilungsart Osborns nicht als biblisch. Dass trotzdem in gewissem Umfang Heilungen vorkommen, durch Suggestivwirkungen oder persönliche Einwirkungen, ändert an der erwähnten Kritik nichts!» (Informationsblatt August 1965, s. 58)

Der «Eggenberger»

Schon in den ersten Jahren seiner Orientierungsstelle nahm es Oswald Eggenberger in die Hand, die religiöse Szene der Schweiz lexikalisch zu beschreiben. Im Jahr 1969 war es soweit, dass die Resultate publiziert werden konnten, als erste Auflage von Oswald Eggenbergers später legendärem Handbuch «Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen». Ziel des Verfassers war explizit eine vollständige Erfassung aller in der Schweiz tätigen Organisationen: «Alle bekannten Kirchen, Gemeinden und Vereinigungen werden genannt und durch knappe geschichtliche Ausführungen, Hinweise auf die Gemeindeordnung und eine kurze Zusammenfassung der Glaubensanschauungen beschrieben. Statistische Angaben und Adressen ergänzen die Darstellung der einzelnen Kirchen und Gemeinden».

Insgesamt 236 unterschiedliche Gemeinschaften hat Oswald Eggenberger in der ersten Ausgabe seines Handbuchs erfasst. Die christlichen Kirchen wurden alphabetisch aufgelistet von «Die Alt-katholischen Kirchen» bis zu «Waldenser-Kirche». Darauf folgten die «Sondergruppen», von «Adventisten» bis «Zeugen Jehovas». Unter die «Sondergruppen» zählte Oswald Eggenberger auch die pfingstlichen Freikirchen und Verbände, z.B. die Schweizerische Pfingstmission, wogegen nichtpfingstliche Freikirchen unter den Kirchen aufgeführt waren. Das dritte Kapitel bildeten die «Ausserchristliche Religionen», wieder alphabetisch von «Buddhistische Strömungen und Vereinigungen» bis «Yoga-Vereinigungen und Yoga-Schulen». Als nächstes kamen unter der Überschrift «Synkretismus und neue Gnosis» Organisationen, die heute eher unter dem Titel «Theosophie und Esoterik» aufgelistet würden, von «Anthroposophie» bis «Werner Zimmermann», ein früher Schweizer Esoteriker aus Ringgenberg BE. Es folgten «Spiritistische und spiritualistische Versammlungen», darunter die «Geistige Loge» in Zürich, in welcher Uriella das Channeln lernte, die «Geistige Vereinigung Methernitha» von Paul Baumann alias «Vatti», der wenige Jahre darauf wegen Missbrauchs von Minderjährigen ins Gefängnis ging, und «Paul Kuhn», der später die St. Michaelsvereinigung in Dozwil gründen sollte. Das Handbuch schloss mit «Freireligiöse und freigeistige Vereinigungen» und «Verschiedene».

Dass eine vollständige Erfassung aller religiösen Gemeinschaften zeitgebunden ist und in Teilen schneller Veraltung ausgesetzt sein könnte, war Oswald Eggenberger klar: «Ausführungen und Zahlen entsprechen den heutigen Verhältnissen. …Die grösste der in diesem Buch erwähnten Kirchen zählt viele Millionen Mitglieder; die kleinste der beschriebenen Vereinigungen umfasst eine einzige Versammlung. Die älteste der Gemeinden hat eine jahrtausendlange Geschichte; die jüngste ist eben erst gegründet worden, und es muss sich erst zeigen, ob sie Bestand haben wird» (Eggenberger 1969, s. 1f.).

Umzug nach Zürich-Wollishofen

Im Jahr 1972 wechselte Oswald Eggenberger vom Zürcher Oberland in die Stadt Zürich, er wurde Pfarrer in Zürich-Wollishofen. Damit war sein dortiges Pfarrhaus Auf der Egg 9 der neue Standort der Orientierungsstelle. Zeit für seine Arbeit an Informationsblatt und Handbuch gewährte ihm damals der Zürcher Kirchenrat, indem Oswald Eggenberger vom Konfirmationsunterricht freigestellt wurde. In der Wollishofer Zeit aktualisierte und ergänzte Oswald Eggenberger die Daten fürs Handbuch und gab 1978 dessen zweite Ausgabe heraus, die nun 263 unterschiedliche Gemeinschaften aufführte.

Weitere Auflagen des Handbuchs

Weitere Auflagen des Handbuchs folgten in immer kürzeren Abständen und in jeweils grösserem Umfang, die dritte Auflage 1983 mit 322 Gemeinschaften, die vierte 1986 mit 351 Einträgen und die fünfte 1990 mit 378 Einträgen. Ab der dritten Auflage wurden die einzelnen Organisationen innerhalb der Religionen nicht mehr alphabetisch, sondern nach ihren Konfessionen und Traditionen und deren jeweiligen Alter geordnet aufgelistet, wodurch die historischen und konfessionskundlichen Bezüge der einzelnen Gemeinschaften verdeutlicht wurden.

Unruhiger Ruhestand

Im Jahr 1988, zwei Jahre nach der vierten Auflage seines Handbuches mit 351 Einträgen, wurde Oswald Eggenberger pensioniert und wechselte vom Pfarrhaus Auf der Egg 9 an die Frohalpstrasse 77, ebenfalls in Zürich Wollishofen, wo der Standort der Orientierungsstelle für die nächsten Jahre sein sollte. In dieser Zeit edierte Oswald Eggenberger im Jahr 1990 die fünfte Auflage mit 378 Einträgen.

Auf Ende 1992 hin, nach dreissig Jahren der Leitung der Orientierungsstelle, gab Oswald Eggenberger diese ab an Prof. Georg Schmid, damals in Greifensee. Oswald Eggenberger besorgte noch die sechste Auflage des Handbuchs im Jahr 1994 mit 380 Einträgen, die aber eine wenig veränderte Variante der fünften Auflage war. Nachher zog sich Oswald Eggenberger aus der Informationsarbeit zurück. Er starb am 21. Februar 2003.

Neue Leitung

Neuer Leiter von Relinfo wurde Prof. Dr. theol. Georg Schmid. Georg Schmid wurde am 21. Juni 1940 in Chur geboren, besuchte da Primar- und Kantonsschule und studierte dann Theologie und Religionswissenschaft in Zürich, Basel, Rom und in Alexandria, Virginia, USA. Ab 1965 wirkte er als Pfarrer in Trimmis und Haldenstein und verfasste in dieser Zeit seine Dissertation: «Interessant und heilig. Auf dem Weg zur integralen Religionswissenschaft». Im Jahr 1970 wechselte er nach Chur, wo er Religionslehrer am damaligen Bündner Lehrerseminar wurde. Im Jahr 1979 habilitierte Georg Schmid an der Universität Zürich mit der Schrift: «Principles of Integral Science of Religion». Darauf erhielt er einen Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät Zürich für eine Veranstaltung pro Semester mit Schwerpunkt Asiatische Religionen und Neue Religiöse Bewegungen. Im Lauf der Jahre las Georg Schmid über Hinduismus, Buddhismus, Mystik, Neue Religiöse Bewegungen, New Age, Esoterik und Okkultismus.  Im Jahr 1986 wechselte Georg Schmid als Pfarrer nach Greifensee.

In dieser Zeit verfasste Georg Schmid im Rahmen seines Lehrauftrags an der Universität Zürich verschiedene Werke zu aktuellen spirituellen Trends, so «Die Mystik der Weltreligionen», 1990, und «Im Dschungel der neuen Religiosität», 1992.

Ende der Achtzigerjahre und in den Neunzigerjahren bestand von Kirchgemeinden und Pfarreien ein hoher Bedarf an Vorträgen zu den Themen «Neue Religiöse Bewegungen», «Sekten», «New Age» und «Esoterik», den Oswald Eggenberger immer weniger abdecken konnte, worauf Georg Schmid einsprang und die Vortragstätigkeit der Orientierungsstelle weitgehend übernahm. So war es nur folgerichtig, dass Oswald Eggenberger die Orientierungsstelle auf den Jahresbeginn 1993 an Georg Schmid abgab. 1993 und 1994 war Relinfo im Pfarrhaus Im Baumgarten 24 in Greifensee zu Hause, ab 1995 im historischen Pfarrhaus Im Städli 79 in Greifensee.

Sektendramen und ihre Folgen

Die Sektendramen um die Branch Davidians in Waco 1993, den Ordre du Temple Solaire OTS in Cheiry und Salvan 1994, sowie in Verclos bei Grenoble 1995, um die Gemeinschaft Aum Shinrikyo des Shoko Asahara in Tokyo 1995 und um die UFO-Gruppe Heaven’s Gate in Rancho Santa Fe, Kalifornien 1997 führten zu einem starken Anstieg der Anfragen bei der Orientierungsstelle und zu einem hohen Bedarf an Informationen zum Thema Sekten. In dieser Situation präzisierte Relinfo per Jahresbeginn 1997 die eigene Bezeichnung. Die mittlerweile etwas unklar wirkenden Begriffe «Orientierungsstelle» und «Sondergruppen» wurden ersetzt, und die Benennung der Stelle neu gefasst als «Evangelische Informationsstelle: Kirchen – Sekten – Religionen».

Pioniere im Internet

Bereits im Jahr 1997, als weltweit zweite Infostelle zu Kirchen – Sekten – Religionen, richtete die Informationsstelle eine Website ein, damals noch als Unterseite der Website der Reformierten Kirche Kanton Zürich mit der Adresse www.ref.ch/zh/infoksr. Im Jahr 2000 wurde für die Website eine neue Domain gesucht, wobei das bisherige Kürzel «infoksr» wenig sprechend schien. So wurde schliesslich für die Variante www.relinfo.ch entschieden, welche das Ziel der Information über Religionen zum Ausdruck bringen sollte. Zuerst war angedacht, dass die Benennung «Relinfo» strikte auf die Domain der Website beschränkt werden sollte, woran sich die Vertretenden von Relinfo auch hielten, doch das Publikum setzte «Relinfo» zusehends als (Über-)Name der Infostelle ein.

Breitere Finanzierung

Für den Aufbau der Website hilfreich war die Tatsache, dass die Finanzierung der Informationsstelle in den Neunzigerjahren durch die Reformierte Kirche Kanton Zürich und durch die in der Deutschschweizer Kirchenkonferenz zusammengeschlossenen reformierten Kirchen der Deutschschweiz auf eine breitere Basis gestellt wurde. Dies ermöglichte es, weitere Mitarbeitende einzustellen, vornehmlich Studierende von Theologie, Religionswissenschaft und Psychologie, die teilzeitlich neben ihrem Studium für die Infostelle arbeiteten, Gemeinschaften recherchierten und Infotexte verfassten. Bis heute steuern Studierende einen wesentlichen Teil der Recherchen von Relinfo bei und ermöglichen damit den steten Ausbau unserer Website.

Umzug nach Rüti ZH

Auf die Pensionierung von Georg Schmid als Pfarrer von Greifensee im Januar 2004 hin suchte Relinfo eine neue Adresse, und fand sie in der Gestalt der Liegenschaft Wettsteinweg 9 in Rüti ZH. Die Liegenschaft gehörte damals der Heilsarmee und beherbergte das ehemalige Korps Rüti, das zusammen mit anderen Korps zum Korps Zürcher Oberland mit Sitz in Uster fusioniert wurde. Mit ihrer Lage in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Rüti ZH und ihrem Annex-Gebäude, das die ehemalige Kapelle der Heilsarmee enthielt, schien die Liegenschaft sehr geeignet. Im Herbst 2003 zog die Infostelle nach Rüti um, wo sie auch heute noch domiziliert ist. Es handelt sich mittlerweile um denjenigen Standort, den Relinfo in seiner Geschichte am längsten innehatte.

Letzte Auflage des Handbuchs

Im Herbst 2003 erschien auch die siebente und letzte Auflage des Handbuchs «Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen», nun unter dem Titel «Die Kirchen – Sekten – Religionen», betreut durch Prof. Georg Schmid und seinen Sohn Georg O. Schmid, der seit Anfang 1993 als Mitarbeiter der Infostelle wirkte. Das Handbuch wies nun 492 Einträge unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften auf.

Workshop für junge Menschen

Seit dem Jahr 2008 bietet Relinfo einen Workshop zum Themenkreis Sekten, problematische Bewegungen und Okkultismus an, der in einem Einstieg anhand von ein zwei aktuellen Gemeinschaften die typischen Merkmale problematischer Organisationen zeigt. Anschliessend können sich die jungen Menschen eine Gemeinschaft oder Bewegung aussuchen, die sie besonders interessiert, und diese in einer von vier ganz unterschiedlichen Arbeitsformen vertiefen. In der Schlussrunde präsentieren die jungen Leute ihre Resultate, zudem werden Rückfragen beantwortet. Dieser Workshop wurde in den vergangenen fünfzehn Jahren immer wieder aktualisiert, indem neu auftretende Gemeinschaften aufgenommen und weniger relevant gewordene weggelassen wurden.

Verein Relinfo

Auf Jahresbeginn 2014 hin übernahm der Verein Relinfo, der 2012 begründet wurde, die Verantwortung für die Informationsstelle, dies im Auftrag der Deutschschweizer Kirchenkonferenz KIKO, welche Relinfo massgeblich finanziert. Leiter der Stelle wurde Georg O. Schmid, geboren 1966.

Neues Corporate Design

Im Jahr 2016 ermöglichte ein Zusatzbeitrag der Kirchenkonferenz KIKO die Neugestaltung des Corporate Designs, das in Teilen (z.B. beim Informationsblatt) noch auf die Zeit von Oswald Eggenberger zurückging, z.T. von Mitarbeitenden geschaffen wurde (Website, Jahresbericht). Mit der Neugestaltung beauftragt wurde die Firma filmreif. Sie kreierte den neuen grafischen Auftritt mit dem charakteristischen Farbbalken, der für die Vielfalt der Religionen in der Schweiz steht. Nun wurde auch der Name Relinfo offiziell, als «Relinfo – Evangelische Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen».

Online-Lexikon statt Handbuch

Im gleichen Zug wurde unsere Website, die im Jahr 2000 noch von einem Mitarbeiter in reinem HTML programmiert wurde, neu designt und in WordPress veröffentlicht, sodass die Grafik zeitgemäss aussieht und Aktualisierungen deutlich erleichtert werden. Die neue Website schuf Platz für das Online-Lexikon, das die Einträge der 7. Auflage des Handbuchs in aktualisierter und deutlich vermehrter Form aufnimmt. Zählte das Handbuch im Jahr 2003 429 Einträge, sind es im Online-Lexikon unter www.relinfo.ch zurzeit 1’110. Damit ist das Online-Lexikon von Relinfo das umfangreichste Verzeichnis religiöser und weltanschaulicher Gemeinschaften und Bewegungen in deutscher Sprache.

Stellvertretende Leitung

Während Jahrzehnten verfügte Relinfo zwar über einen Leiter, nicht jedoch über eine reguläre stellvertretende Leitung. Eine solche wurde nur situativ und punktuell benannt. Im November 2021 entschied der Vorstand des Vereins Relinfo, dass diese ad-hoc-Struktur nicht mehr zeitgemäss ist, und beschloss deshalb, die Position der stellvertretenden Leitung auf Dauer einzurichten. Erste stellvertretende Leiterin nach diesem Entscheid wurde Louisa Bernet, B.A. Religionswissenschaft, geboren 1997. Louisa Bernet arbeitete schon seit Januar 2020 als Mitarbeiterin bei Relinfo, verliess die Stelle aber Ende August 2022, um eine neue Ausbildung zu beginnen. Seit September 2022 ist Julia Sulzmann, B.Sc. Psychologie, geboren 1998, als stellvertretende Leiterin tätig.

Ein Christbaumbrand mit Folgen

Am 2. Januar 2022 zerstörte ein Christbaumbrand im Annex-Gebäude den Gruppenraum von Relinfo samt dem Material für die Workshops und einem Teil des Archivs. Dank zahlreicher Spenden konnte das Material für die Workshops wieder zusammengestellt werden. Das ausgebrannte Gebäude wurde inzwischen abgetragen, und ein Neubau befindet sich in Konstruktion. In diesem wird Relinfo eine Kompakt-Anlage für die inzwischen auf 36’500 Titel angewachsene Dokumentation erhalten.

Von der evangelischen zur kirchlichen Fachstelle

Über lange Zeit ihrer Geschichte war Relinfo die evangelische Partnerstelle der in den Achtzigerjahren begründeten katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen», die von Kaplan Joachim Müller (1953 – 2007) geleitet wurde. Seit dem Jahr 2010 wurde diese Stelle nicht mehr besetzt, sodass die katholische Kirche in der Schweiz über keine spezialisierte Beratungsstelle für Fragen zu problematischen Gemeinschaften mehr verfügte. Seit 2019 wird nun Relinfo von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich und von Katholisch Stadt Zürich mitunterstützt. Um diese erfreuliche Entwicklung zu verdeutlichen, gibt sich Relinfo ab dem 1. Januar 2024 einen neuen Namen: «Relinfo – Kirchliche Fachstelle Religionen, Sekten, Weltanschauungen».

Georg O. Schmid, Dezember 2023

Das Haus der Religionen – kulturelle Co-Existenzen im Hinblick auf aktuelle weltpolitische Geschehnisse

Das Haus der Religionen ist das einzige Mehrreligionen Haus in der Schweiz und steht so nicht nur für einen religionstheologischen Pluralismus, sondern auch eine interreligiöse Gastfreundschaft. Das Zweite geschieht über das Restaurant Vanakam, wo am Mittag aussschliesslich koscher-ayurvedisches Essen angeboten wird. Im Haus der Religionen wird die Verantwortung über die Repräsentation der Religionen den verschiedenen Vereinen, die dort ihre sakralen Räume haben, übergeben. So steht die Entscheidungsmacht bei den Religionsvertretern. Im Haus der Religionen haben der Förderverein Alevitische Kultur, der Inter-Buddhistische Verein, der Verein Kirche im Haus der Religionen, der tamilische Verein Saivanerikoodam und der Muslimische Verein Bern sakralen Räume. Vertreten aber ohne eigene Räumlichkeiten sind die Schweizer Bahá’i Gemeinde, die Jüdische Gemeinde Bern und die Sikh Gemeinde Gurudwara Sahib Switzerland. Ich habe die Führung am 18. November 2023 zusammen mit meiner Mutter und etwa dreißig anderen Personen im Alter zwischen 15 und 70 besucht und würde so eine Führung allen empfehlen, die noch nicht dort waren.

Wichtigkeit von interreligiösen Konzepten

Wenn wir die weltpolitische Lage zum jetzigen Zeitpunkt beachten, ist der Grundsatz des Hauses der Religionen fast schon utopisch und doch ist das, was es repräsentiert umso wichtiger. Multireligiöse Konzepte nehmen in Bezug zu heutigen Geschehnissen einen wichtigen Stellenwert ein, da sie zeigen, dass religiöse Co-Existenzen möglich sind. Der religionstheologische Pluralismus des Hauses der Religionen zielt darauf ab, allen vertretenen Religionen einen gleichwertigen Vorrang zu geben. Der Dialog zwischen den Religionen zelebriert so Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Dies steht in einem Gegensatz zum House of One in Berlin – wo aber dennoch eine Art der religiösen Co-Existenz gelebt wird. Das House of One in Berlin dient als multireligiöses Gebetshaus für die drei abrahamischen Religionen. Dort wird vor allem auf die gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam fokussiert, wodurch die Unterschiede zwischen den Religionen mehr vernachlässigt werden. Eine weitere Möglichkeit einer interreligiösen Praxis zeigt die Kirchenmoschee in Hamburg auf, deren Räumlichkeiten Inter- und Transreligiös sind. Dies weil die ehemalige Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde. Von außen sieht das Gebäude also aus wie eine Kirche, mit einem kleinen aber wichtigen Detail, dem arabischen Schriftzug «اللە» (Allah), auf dem Kirchenturm, wo früher das Kreuz thronte. Die Geschichte des Gebäudes als ehemalige Kirche ist wichtig und wird auch an den sorgfältig ausgewählten Suren an den Wänden und den bewahrten christlichen Fenstern ersichtlich.

Obwohl die Initiative für ein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» in Bern erstmals von Christian Jaquet von der Imagestudie Bern und von Harmut Haas von der Herrnhuter Gemeinschaft gekommen ist, gibt es vordergründig keine asymmetrische Entscheidungsmacht im Dialog zwischen den Religionen. Auch ein Synkretismus also eine Vermischung zwischen den religiösen Vereinen wird im Haus der Religionen nicht gelebt. Vielleicht kann man auch behaupten, dass nicht einmal innerhalb einer Religion unter den verschiedenen Auslegungen ein Synkretismus angestrebt wird, sondern auch dort mehr auf Pluralismus gesetzt wird. Dies ist an der schlichten Einrichtung mehrerer sakralen Räume ersichtlich, mit dem Prinzip, dass spezifische Einrichtungsgegenstände für die jeweiligen Gemeinschaften mobil hingestellt und wieder entfernt werden können.

Interbuddhismus

Besonders sichtbar ist dies in den Räumen des Inter-Buddhistischen Vereins. Wir werden von Frau Graf, welche die Führung leitet, in die Räumlichkeiten des Buddhismus geführt und dort von einer Vertreterin des Sozialen Buddhismus begrüsst. Neben den ersichtlichen Eindrücken, fällt mir auch der Geruch eines Räucherstäbchens auf, das im Hauptraum brennt. Die Buddhistin erklärt uns, dass die Buddhafigur am Eingang den lehrenden Buddha darstellen sollte und die Figur im Hauptraum den meditierenden Buddha.
Es gibt zwei Räume, der erste Raum dient dem Empfang und beinhaltet eine Küche und eine kleine Bibliothek, der zweite Raum, welches auch als Hauptraum fungiert, wird für die Meditation genutzt und ist sehr schlicht gehalten. Der grosse meditierende Buddha sitzt ganz vorne an der Wand. Vor ihm befinden sich runde orange Kissen, die sorgfältig in mehreren Reihen angeordnet sind. An der linken Wand befindet sich ein Bild eines Mönchs und an der rechten Wand steht ein Möbel, das verschiedene rituelle und dekorierende Objekte beinhaltet, die für die verschiedenen buddhistischen Gemeinschaften jeweils hervorgenommen werden können. Sonst schmückt wenig den Raum. Es fühlt sich so an, als sei jeder einzelne Gegenstand mit Bedacht und mit Intention platziert worden. Anders sieht es im Vorraum aus: Eine Vitrine gefüllt mit vielen verschiedenen Glücksbuddhas, farbige 3D-Bilder von Szenen aus dem Leben Buddhas, buddhistische Gegenstände auf dem Fenstersims, Bücher, Flyer und Pinnwände mit Informationen oder Anlässen.

Bei den Christen und Aleviten wäscht die eine Hand die andere

Auch bei den christlichen und alevitischen Räumen steht eine Schlichtheit im Vordergrund. Bei den christlichen Räumen aus dem gleichen Grund wie bei den buddhistischen. Leider können wir die Kirche nicht besuchen, da die Kirche im Moment genutzt wird, um Stille und Schweigen zu üben. Die Kirche und die alevitische Dergâh befinden sich beide im 1. Stock. Während des Baus konnten der Förderverein Alevitische Kultur und der Verein Kirche im Haus gegenseitig voneinander profitieren. Da, wie die Mitarbeiterin des Hauses der Religionen erzählt, der Förderverein für Alevitische Kultur Knowhow über das Bodenlegen verfügte und Mitglieder hatte, welche Bodenleger waren, hatte der Verein in der Kirche den Boden verlegt. Zum Dank oder als Gegenzug hatte der Verein Kirche im Haus der Religionen dem Förderverein einen Architekten zur Verfügung gestellt, der die Räume zu ihren Wünschen konstruieren konnte.

Die Dergâh wirkt fast leer. Unwissende Augen könnten den Raum für einen Mietraum für Workshops oder andere Anlässe halten. Doch die Derga birgt einige religiöse Hinweise. Die Wände sind in einer hellen lehmähnlichen Farbe gestrichen, welche leicht mit einem warmen Beige zu verwechseln sind. Nimmt man die Wände näher in Augenschein, fällt einem auf, dass es keine Kanten gibt, die Kanten des Raumes wurden abgerundet, was an die Lehmhöhlen erinnern soll, wo die Aleviten ihre geheimen Zusammenkünfte halten mussten, da ihr Glaube verboten war. (In der Türkei ist ihre Situation auch heute noch heikel.) In die Wände wurden 12 grössere Nischen und mehrere kleinere Nischen eingearbeitet. Frau Graf meint, auf Nachfrage, wozu diese dienen, dass die Antwort variieren kann. Für die einen stehen die 12 Nischen für 12 Dichter, für die anderen stehen sie für 12 Imame. Frau Graf erwähnt, dass das Alevitentum keine Buchreligion sei, sondern dass die Religion lange mündlich über Gesänge und Gedichte überliefert wurde. Gesang, Musik und Tanz sei sowieso sehr wichtig für die Aleviten. Dies wird durch das einzige Bild, das an der vorderen Wand hängt, auch betont. Das Bild ist schwungvoll und zeigt im Kreis tanzende um sich drehende Figuren. Da die vier Elemente auch wichtig für den alevitischen Glauben sind, werden auch diese im Bild repräsentiert. Zudem steht vorne rechts neben dem Bild eine Feuerschale, welche Kerzen beinhaltet, da ja kein grosses Feuer gemacht werden kann. Nun sieht man hier die gleiche Sorgfalt und bestimmte Intention mit der der Raum konzipiert wurde, die man auch in den buddhistischen Räumen fühlen kann.

Rituelle Waschung in der Moschee

«Mit den Schuhen nicht auf den roten Teppich stehen!», dies wird uns regelrecht eingetrichtert bevor wir uns zu den muslimischen Räumlichkeiten aufmachen. Aus hygienischen Gründen ziehen wir vor der Moschee die Schuhe aus und legen sie in die dafür vorgesehen Fächer. In dem ganzen Prozedere müssen wir aufpassen, dass wir nicht auf den roten Teppich vor den Schuhregalen stehen. Neben dem Eingang zur Mosche gibt es einen kleinen Raum, der für die Waschung vor dem Betreten der Mosche vorgesehen ist. Dieser sei für die Männer gedacht und im ersten Stock gibt es auch einen für die Frauen, welche oben auf der Empore beten. Die Moschee ist im Vergleich zu den buddhistischen und alevitischen Räumen fast schon prunkvoll eingerichtet. Der ganze Boden ist mit einem schönen roten mit Ornamenten verzierter Teppich ausgelegt. Nebst dem Teppich, fällt einem gleich zu Beginn auch der riesige Kronleuchter auf, der von der Decke bis über die Mitte der Höhe des Raumes hängt. Gleich darunter ist auch das augenscheinliche Zentrum des Raumes. Auge in Auge schauen sich nun das grosse rundliche Mandala auf dem Teppich und der Kronleuchter gegenüber an. Zudem ist der Raum mit Mandalas und Suren, welche an die Wände gemalt worden sind geschmückt. Als gefragt wird, auf welche Sprachen die Gebete und Predigten durchgeführt werden, rezitiert Frau Graf den früheren Imam, der meinte: Predigten werden «Arabisch in der Sprache des Korans, Albanisch in der Sprache der Besucher und Deutsch in der heimischen Sprache der Moschee» durchgeführt. Gebete werden jedoch ausschliesslich auf Arabisch durchgeführt.

Frau Graf erläutert zudem, dass der Imam, nachdem bekanntgeworden ist, dass in dieser Moschee Zwangsehen durchgeführt wurden, die Verantwortung dafür übernommen habe und zurückgetreten sei. Das Präsidium des eigenständigen Muslimischen Vereins Bern ging danach an die nächste Generation über. Das Haus der Religionen hat daraufhin einen klaren Code of Conduct eingeführt, der unter anderem das Vorgehen und die Dokumentation bei religiösen Eheschliessungen klar regelt. So können zum Beispiel im gesamten Haus der Religionen nur Hochzeiten durchgeführt werden, wenn das Paar ihre zivilstandesamtliche Ehe vorzeigen kann.

Gerüche, Geschmäcker und Geräusche im Hinduistischen Tempel

Wir ziehen die Schuhe wieder an, aber nicht für lange, und werden von der ruhigen Moschee zum belebten Hindutempel geführt. Schon von aussen hören wir Musik und als wir die Türe öffnen, schlägt uns der Geruch von Weihrauch und tamilischen Essen entgegen. Als wir die Schuhe ausgezogen haben, dürfen wir den Hindutempel betreten. Es findet gerade eine Prozession statt, in der eine goldige Kuh von Gläubigen umzingelt im Uhrzeigersinn von Altar zu Altar geführt wird. Im Gegensatz zu der Stille, der Schlichtheit und der Besonnenheit der anderen Räume, wirkt der Hindutempel nahezu schallend, bunt und lebendig. Die vier Instrumentalisten, welche von Südindien angereist sind, begleiten die gegenwärtig laufende Prozession musikalisch mit zwei Trommeln und dem Nadaswaram, einem indischen Blasinstrument. Da wir nicht lange stören wollen, umrunden wir den Hauptaltar in der Mitte schnellstens auch im Uhrzeigersinn. Die Götterfiguren in den Altären werden im Moment von sanften Vorhängen bedeckt und wir werden ausdrücklich darum gebeten, den Respekt zu wahren und nicht hinter die Vorhänge zu blicken.

Als wir wieder draussen sind, erklärt uns Frau Graf, dass Hindutempel normalerweise von aussen umrundbar sein sollten, da diese Prozessionen um den Tempel eine wichtige rituelle Funktion für Hinduisten darstellen würde. Das Haus der Religionen grenze aber auf der einen Seite an die Gleise, wodurch diese Bedingung nicht erfüllbar gewesen sei. Durch zwei Eingänge in der Tiefgarage jedoch, kann die Prozessionen, welche den Tempel umrunden sollten unterirdisch stattfinden. Gleichzeitig sollte ein Hindutempel direkten Kontakt mit der Erde haben auf der er steht, daran konnten sie sich jedoch aufgrund der eben genannten Tiefgarage auch nicht halten. Um diese Bedingungen dennoch auf die ein oder andere Art zu erfüllen, wurde ein mit Erde gefülltes Rohr in die Säule im Hindutempel gestellt, das bis durch die Tiefgarage reicht und dort mit der Erde in Kontakt gerät.
Speziell am Verein Saivanerikoodam ist, dass sie einen reformierten Leitsatz im Tempel führen, der alle Menschen willkommen heisst. Gleichzeitig dürfen auch Frauen in diesem Tempel zu Priesterinnen geweiht werden.

Die verschiedenen Konfessionen und Überzeugungen im Haus der Religionen

Vielen Leuten sind die stark unterschiedlichen Dogmen innerhalb einer Religion nicht so bewusst. Und genau dies wird im Haus der Religionen deutlich. Der Dialog der Kulturen findet nicht nur zwischen den verschiedenen grossen Religionen statt, sondern wird auch innerhalb der Religionen geführt. Dies ist evident an der Einrichtung der verschiedenen sakralen Räume.  Frau Graf hat uns informiert, dass es innerhalb des Hinduismus sogar grössere Unterschiede zwischen den verschiedene Konfessionen gäbe als zwischen dem Glauben der Muslime, Christen und Juden. Durch die Führung wurde aufgezeigt, dass nicht Synkretismus zwischen und innerhalb der Religionen, sondern religionstheologischen Pluralismus angestrebt wird. Im Haus der Religionen treffen also unzählige Welten aufeinander, die zusammen unter ein Dach geholt werden und unter diesen findet ein Dialog statt, der Verständnis und Respekt voraussetzt und dasselbe auch befördert.

Alysejah Huber, November 2023

Haus der Religionen – Dialog der Kulturen Bern – Relinfo.ch

Haus der Religionen – Dialog der Kulturen – Begegnungsstätte der Religionen und ein Ort des Dialogs der Kulturen in Bern (haus-der-religionen.ch)

Schöpfung nach dem Sündenfall? – Bericht zur Konferenz «Wohl Gemacht» in Kehrsatz

Am 20. Oktober durfte ich den Beginn der zwei-tägigen Konferenz von «Wort + Wissen» zum Thema «Wohl gemacht» oder in den Worten vom Referenten Markus Widenmeyer «Das geplante Universum» besuchen. In den beiden Vorträgen, die ich mitangehört habe, sollte Gott als Schöpfer hinter allem auf Erden identifiziert werden.

Ich bin mit der Erwartung nach Kehrsatz angereist, dass ich in einem Seminarraum mit ca. 50 Personen sitzen werde, so ähnlich wie ich es bei der Tagung zu Verschwörungsdenken in Basel erlebt habe. Doch schon am Bahnhof Kehrsatz Nord werde ich mit dem ersten Hinweis konfrontiert, dass das eine eher grössere Veranstaltung sein könnte. Denn dort wird vor mir eine Kehrsatzerin nach mehr Parkplätzen gefragt. Auf der anderen Strassenseite stehen Personen in Leuchtwesten, die die herankommenden Autos lotsen. Als ich ums Eck des neuen Gebäudes der Neutestamentlichen Gemeinde komme, erblicke ich eine Schlange, die sich vor zwei Pavillons vor dem Eingang gebildet hat. Nun bin ich mir sicher, dass ich den Anlass völlig unterschätzt habe.

Ich werde sehr freundlich empfangen, bekomme ein Bändeli, wie ich es von Festivals kenne, und darf mich in das Gebäude begeben. Mir fällt sofort die angenehme Atmosphäre auf, die mich den Laufe des Abends begleiten wird. Im Saal sind ca. 200 Personen, ich werde von allen Seiten nett angelächelt und spüren deren Motivation für diesen Abend. Ich setze mich neben eine jüngere Frau, die, so merke ich bald, zum Organisationskomitee gehört. Der Anlass wird von der Neutestamentlichen Gemeinde Bern getragen und ist für alle Teilnehmenden kostenlos. So auch das Abendessen. Von allen Personen, welche ich diesen Abend treffen werde, schlägt mir ehrliches Interesse entgegen.

Evolution – so sicher wie die Kugelgestalt der Erde?

Als ich den Empfangsraum betreten habe und mir die Flyer angeschaut habe, ist mir dieser Titel ins Auge gestochen. Dieser Flyer von «Wort + Wissen», welcher vier «Arten von Evolutionsbeweisen» auf kreationistische Weisen kritisch beleuchten will, hat gleich den Ton des Abends angegeben: Die Kritik an der Naturwissenschaft. Doch was bedeutet für sie so sicher wie die Kugelgestalt der Erde? Ich meine, wir haben alle wahrscheinlich schon von den Flat earthers oder auf Deutsch den Flacherdler gehört. Das heisst, nicht einmal die Erde als Kugel ist ein allgemein akzeptierter Fakt.  Ich frage mich: Gibt es überhaupt noch irgendetwas, das so sicher ist, wie es uns der Titel des Flyers Weise machen will? Dadurch, dass sie mit diesem Titel die Reaktion «Ah, Fragezeichen! Heisst das, die Evolution ist nicht so sicher wie die Kugelgestalt der Erde?» hervorrufen wollen, haben sie bei mir durch ihre Titelwahl eher die Reaktion hervorgerufen, sie auf eine Wellenlinie mit den Flacherdler zu stellen.

In meinem letzten Bericht habe ich mich mit den verschiedenen Arten von Verschwörungsdenken auseinandergesetzt. Es fällt auf, dass Kreationisten einige Gemeinsamkeiten mit Verschwörungstheorien teilen. Unter anderem, dass sie oft auf intuitiven und nicht wissenschaftlichen Grundlagen stehen. Es werden rationale Zugänge gelegt, welche aber abgrenzend zu anerkannten Wissensbeständen fungieren. Zudem gehört bei Verschwörungsdenkenden oft die Haltung dazu, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles seine Gründe hat und alles miteinander verbunden ist. So sind Verschwörungstheoretiker Teil eines inneren geheimen Wissens. (Aus dem Bericht Tagung zu Verschwörungsdenken, Esoterik und Conspirituality an der Universität Basel, Huber, 18. Juli 2023). Diese Gemeinsamkeiten können erklären helfen, dass manche Kreationisten eine Tendenz zu Verschwörungstheorien aufweisen, wie dies z.B. im Magazin «factum» deutlich wird, welches kreationistische und verschwörungstheoretische Texte in bunter Mischung publiziert.

«Spinnen 8-Beinige Seidenkünstlerinnen»

Obwohl ich erwähnt habe, dass der Ton dieses Abends durch die evolutionskritische Auseinandersetzung von «Wort + Wissen» angegeben wurde, möchte ich noch einen anderen Ton erwähnen, der ab und zu erklingt, und zwar der des Lobpreisens von Gott. Die Begrüssung  wurde mit einem Halleluja quittiert: «Wenn alles klar ist … Halleluja!» Und auch in den beiden Vorträgen wird die Allmächtigkeit Gottes auf verschiedene Arten betont.

Als Harald Binder, Chemiker von Beruf, die Bühne betritt, möchte er zuerst auf einen Fehler im Titel hinweisen und wechselt ihn von Seidenkünstler zu Seidenkünstlerinnen. Nicht etwa aus gender-politischen Gründen, sondern schlichtweg deshalb, weil die meisten Spinnen weiblich sind. Um die Arachnophoben zu warnen, gibt er eine Triggerwarnung, dass in seinem Vortrag Bilder von Spinnen gezeigt werden. Gleichzeitig fordert er sie auf, diesen Abend als Chance zu sehen, diese Phobie zu überwinden. Was mich angeht: Ich bin den Spinnen grundsätzlich gleichgültig eingestellt. Doch ich muss zugeben, dass mich der Vortrag letztendlich dazu gebracht hat, eine Faszination für Spinnen zu entwickeln.

«Wort + Wissen» steht laut Binder bewusst auf diese Art und Weise. Erstens stellt das Plus gleichzeitig auch ein Kreuz dar, was auf den christlichen Glauben hinweist. Zweitens, ist die Reihenfolge – zuerst Wort und dann Wissen – auch die Absicht der Studiengemeinschaft. Denn sie wollen auf der Grundlage des «Wortes» also der Bibel, die Wissenschaft beleuchten. In dieser Prämisse werden in den beiden Vorträgen auch Naturwissenschaftler*innen vor allem immer wieder angefochten.

Harald Binder ist Chemiker, also Naturwissenschaftler, betont jedoch, dass er kein Spezialist für Spinnen ist. Als Chemiker ist er jedoch fasziniert von Spinnen und ihren verschiedenen Arten von Seidenfäden, die sie produzieren können. Die Fähigkeiten, die diverse Spinnen besitzen, werden im Vortrag anhand vieler verschiedenen Beispiele aufgezeigt, dabei kann Binder nicht anders als Gottes Hand in deren Kreation immer wieder zu loben. Doch wie er von Gott beeindruckt ist, so ist er auch von einigen naturwissenschaftlichen Befunden zu Spinnen fast angeekelt. Da diese Gottes Hand in der Erschaffung der Spinnen nicht sehen wollen.

In einem Beispiel erwähnt er die Jagdmethode der Bola Spinne, welche den Duftstoff einer weiblichen Motte aussendet, um so männliche Motten anzulocken, die dann in ihrem Netz landen. An diesem Beispiel erwähnt er, dass doch irgendjemand dieser Spinne das Geheimrezept des Duftstoffes der Motte verraten haben müsse, und verweist so auf Gott als Schöpfer hinter einem geplanten Universum. In anderen Worten, die Spinne hat nicht durch die Evolution, welche gezeigt hat, dass der Duftstoff einer weiblichen Motte als Anlockmittel funktioniert, diese Jagdmethode entwickelt, sondern sie hat diese Fähigkeit von Gott erhalten. Unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Betrachtung von Spinnen, möchte Binder so aufzeigen, dass Gott hinter den verschiedenen Arten von Spinnen steckt.

Gleichzeitig kritisiert er aber auch naturwissenschaftliche Befunde. Unter dem Folientitel «Spinnen können auch Farbe» zeigt er eine farbenfrohe Spinne aus Australien, welche ihre Farben bei der Balz nutzt. Dies solle beweisen, dass Spinnen also nicht nur hell-dunkel sehen, wie das von der Wissenschaft verbreitet wird, sondern dass zumindest diese Art von Spinne farbig sehen könne. Da ich mich nicht mit Spinnen auskenne, wurde mir durch diese Aussage impliziert, dass normalerweise also verbreitet ist, dass Spinnen vor allem hell-dunkel sehen. Doch eine kurze Googlesuche hat mich belehrt, dass schon seit einigen Jahren naturwissenschaftlich bekannt ist, dass nicht alle Spinnen farbenblind sind. Somit ist die Kritik an die Naturwissenschaftler in diesem Fall nichtig. Hier frage ich mich, ob Binder als Naturwissenschaftler eine veraltete Annahme vertritt oder ob er sich dessen bewusst ist, sie aber aus argumentativen Gründen für seinen Vortrag nicht aufnimmt. Beides wäre scharf zu kritisieren.

Naturwissenschaft diffamieren

Harald Binder erwähnt in seinem Vortrag, wie Naturwissenschaften funktionieren. Dabei benutzt er das Wort Naturwissenschaft und Wissenschaft als Synonym. In erster Linie erläutert Binder, dass der Anspruch der Objektivität in der Wissenschaft eigentlich nicht möglich ist, da man immer von einem bestimmten gewählten Standpunkt aus arbeitet. Dies sei den Naturwissenschaftler*innen zum Teil nicht immer bewusst, da sie in diese Arbeitsweisen oder im Naturalismus trainiert wurden. Die Methoden, die in der Wissenschaft benutzt werden, bringen bestimmte Konsequenzen mit sich. Obwohl er das nicht klar erläutert, glaube ich, dass er damit meint, dass man mit den Methoden der Naturwissenschaft den göttlichen Interventionen oder dem Übernatürlichen keinen Raum geben kann. Das übernatürliche Existiert dabei schlichtweg nicht. Was ja genau die Naturwissenschaft ausmacht. Oder anders gesagt: das macht ja genau das Übernatürliche aus. Empirische Herangehensweise sind auf rationale beobachtbare Grundlagen ausgerichtet.

Binder erklärt, dass Naturwissenschaften nur Regelhaftigkeiten untersuchen können, und aus der Regel fallende Beobachtungen werden als Ausnahme gekennzeichnet. Gott folgt jedoch keiner Regel. «[Naturwissenschaftliche] Hypothesen  sind im Grunde genommen einfach irgendwelche Ideen, da gibt es keine Kriterien.» Ich denke dieser Aussage würden Naturwissenschaftler*innen sicher widersprechen. Eine weitere Aussage Binders, die unter Naturwissenschaftler*innen ohne kreationistischen Hintergrund starke Reaktionen auslösen würde, ist folgende: «Das was dann in unsere Lehrbücher kommt, ob das wahr ist, das wissen wir gar nicht.»

Des weitern provoziert Binder mit zwei widersprüchlichen Aussagen, die, wie er sagt, dennoch zusammenpassen können. Erstens «Glaube ist unabhängig von den (Natur-)Wissenschaften!» und zweitens «Glaube und Naturwissenschaften gehören zusammen». Diese beiden Sätze fassen den Abend gut zusammen. Binder schliesst damit, dass er alle ermutigt, nicht «seine» Wissenschaft zu übernehmen, sondern durch seinen Vortrag näher zu Jesus zu finden. Was dem Ganzen ein Gefühl einer Predigt vermittelt.

Das Curriculum

«Was für ein wunderbares Curriculum» war der Titel der nächsten Präsentation. André Eggen möchte durch seinen Vortrag zeigen, dass wir um Gott zu begegnen und Gottes Fähigkeiten zu erleben nur die Natur beobachten müssten. Die Natur sei der Lebenslauf oder das Curriculum Vitae also CV von Gott. Seine Prämisse lautet: «Kein Design ohne Designer». So wie wir bei einem Auto nicht glauben, dass es durch Zufall entstanden sei oder dorthin gekommen sei, so sollten wir auch nicht bei der Natur davon ausgehen, dass sie zufällig entstanden sei also keinen Designer habe.

Eggen bringt in seiner Präsentation einige Beispiele, wie die Natur als Inspiration für viele Erfindungen der Menschen fungierte. Die Beispiele sind faszinierend und lassen mich nicht daran zweifeln, dass der Mensch viel von der Natur lernen kann. Die Absicht Eggens jedoch ist es unter anderem nicht einfach zu zeigen, wie inspirierende und wie klug die Natur ist, sondern zu zeigen, wie klug und kreativ Gott ist, da er ja hinter allem stecke.

Das geplante Universum

Obwohl ich Widenmeyers Präsentation nicht beiwohnen konnte, möchte ich dennoch auf sein Buch eingehen, das den gleichen Titel trägt. Im Buch «Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet» geht es im Grunde genommen um die naturwissenschaftliche Präzision der Erde, welche uns ermöglicht auf ihr zu leben und dass es fast unlogisch sei, hier nicht einen «höchst intelligenten Schöpfer» hinter allem zu erkennen.

Wie Harald Binder ist auch Markus Widenmeyer Chemiker. In seinem Buch fängt er mit einer schönen Allegorie an: «Stellen Sie sich vor, Sie haben Schiffbruch erlitten und treiben in einem kleinen Schlauchboot auf dem weiten Ozean. Sie haben grosse Glück und erreichen eine kleine grüne [unbewohnte] Insel. Sie gehen an Land. Dann aber stossen Sie auf ein nettes Häuschen. Genau Ihr Geschmack.  […] In einem hübschen, dekorativen Bilderrahmen (wieder Ihr Geschmack!) lesen Sie, ziemlich verblüfft, den Schriftzug: «Willkommen, [Ihr Name]!» Auf dem Tisch steht bereits […] Ihr Lieblingsessen. Auch andere Details der Einrichtung sind persönlich auf Sie zugeschnitten. […]» Mit dieser Allegorie möchte er die Feinabstimmung, mit welcher die physikalischen Eigenschaften des Universums auf unser Leben massgeschneidert sind, aufzeigen. Das Universum (oder zumindest die Erde) sei biozentrisch eingerichtet und somit sei Leben im höchsten Grad willkommen. Doch die naturgesetzliche Ordnung unserer physikalischen Realität stelle eigentlich eine statistisch äusserst unwahrscheinliche Besonderheit dar (S.28). Es sei erstaunlich, wie alle diese Naturphänomene harmonisch zusammenwirken. Die Feinabstimmung und das harmonische Zusammenwirken der Naturphänomene können nicht durch diesen unlogischen riesigen Zufall entstanden sein, die Welt oder die Natur müsse demnach das Design eines «Star-Architekten» sein (S.53-4).

In diesem Sinne erklärt Widenmeyer dann, dass es rational sei, ausserweltliche und personale Erklärungen in Betracht zu ziehen, wenn innerweltliche Erklärungen nachhaltig prinzipiell scheitern. Ich würde hier jedoch nicht sagen, dass die innerweltlichen Erklärungen scheitern, sondern, dass sie für viele Leute wahrscheinlich einfach eher unbefriedigend sind. Dies ist jedoch subjektiv. Während «Wort + Wissen» versucht durch eigene grosse Theorien und Definitionen, welche nach ihrem Massstab auch wissenschaftlich angeschaut werden sollten, ein Dogma zu setzten, welche die Existenz Gottes hinter der Schöpfung beweist, erkennen sie nicht an, dass nach einer nach naturwissenschaftlichen Methoden abgeleiteten Erklärung, die subjektive Wahrnehmung dann entscheidet, ob eine Erklärung für einen persönlich scheitert oder nicht. Wenn jedoch eine Erklärung für mich scheitert, hat das nichts damit zu tun, dass die Naturwissenschaft gescheitert ist. Mit den naturwissenschaftlichen Methoden werden beobachtbare, fassbare und empirisch nachweisbare Naturerscheinungen thematisiert.  Viele Gläubige nehmen eine nach heutiger Kenntnis wissenschaftliche Erklärung auf und würden die Lücken, die diese Erklärung nicht decken kann, mit ihrem Glauben füllen.

Übrigens gehört die Falsifizierbarkeit als Kriterium für wissenschaftliche Methoden zur Naturwissenschaft dazu. Eine Aussage ist genau dann falsifizierbar, wenn es einen Beobachtungsansatz gibt, mit dem die Aussage widerlegt werden könnte. Dieses Kriterium macht zusätzlich aus, ob eine Aussage empirisch oder nichtempirisch ist. «Wort + Wissen» lässt diesen Aspekt der Naturwissenschaft völlig aus und spricht es in ihrer Kritik nicht an. «Wort + Wissen» behauptet zudem, die Evolution sei ein allgemein akzeptierter Fakt, der von der Naturwissenschaft nicht hinterfragt wird. Obwohl dieser «allgemein akzeptierter Fakt» die Falsifizierbarkeit beinhaltet und somit eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Naturwissenschaft in Punkto Evolution auf neue Erkenntnisse kommen wird.

Die unvernünftige Logik hinter «Wort + Wissen»

Widenmeyer schreibt: «Unsere Vernunft verlangt für hochspezifische, statistisch unwahrscheinliche Muster eine klare, systematische Erklärung. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ordnung zufällig, «einfach so», ohne einen speziellen Grund vorhanden ist. Und je spezifischer und komplexer die Ordnung ist, je geringer die mit ihr verbundene statistische Wahrscheinlichkeit, desto dringlicher ist der Erklärungsbedarf.» (S.103)

Ich denke, das Buch fasst gut zusammen, worum es während der zweitägigen Konferenz eigentlich ging: Gottes Wirken hinter der Natur aufzuzeigen und die Absurdität aufzuführen, dass das Dogma des Naturalismus verhindert einen übernatürlichen Schöpfer hinter der Existenz alles Weltlichen anzuerkennen. Ich würde hier jedoch die Absurdität entgegenstellen, dass «Wort + Wissen» in einer Wissenschaft, in der die Existenz Gottes mit ihren Methoden nicht bewiesen werden kann, dennoch versucht Gott und die Naturwissenschaft miteinander zu verflechten und diese Wissenschaft dann abwertet, weil sie das nicht zulassen will oder kann. In den Naturwissenschaften ist heute klar, dass Gott mit den naturwissenschaftlichen Methoden weder beweisbar noch widerlegbar ist.

Auf der anderen Seite würde «Wort + Wissen» interessante Predigten anbieten, wenn sie sich darauf beschränken würden, Predigten durchzuführen, in denen Gottes Werk anhand der Natur gelobt wird. Doch ihr Anspruch begrenzt sich eben nicht nur darauf. Sie wollen vor allem Kritik an der Naturwissenschaft üben, dass diese nicht zulässt, die Existenz Gottes hinter der Natur zu erfassen. Was an und für sich eigentlich eine unlogische Kritik ist, da die Methoden ja genau die Naturwissenschaft ausmachen. Wie das Stichwort «übernatürlich» vom vorigen Abschnitt eigentlich schon impliziert, kann die NATURwissenschaft nicht ÜBERnatürliche Phänomene erfassen. 

Podiumsdiskussion

Bei der Podiumsdiskussion wird sehr stark sichtbar, wie männerdominiert «Wort + Wissen» ist. Am Anfang wurde erwähnt, dass über 70 Männer und Frauen an der Organisation des Abends beteiligt gewesen waren und auch die Besucher würde ich sagen sind etwa 50/50 Männer und Frauen. Das heisst, das Interesse ist bei beiden Geschlechtern vertreten. Deswegen ist mir sehr stark aufgefallen, dass das Podium aus 7 Männern, alle ca. um die 50, eher darüber, und einem jungen männlichen Moderator besteht. Bei «Wort + Wissen» gibt es nur im wissenschaftlichen Beirat eine Frau und bei «Bible et Science», wo André Eggen tätig ist, gibt es auch nur von einer Frau einen veröffentlichten Artikel. Auch wenn ich jetzt davon ausgehen würde, dass «Wort + Wissen» oder «Bible et Science» zwei Organisationen sind, die ich vertreten könnte, finde ich, dass eine fast rein männliche Belegschaft heutzutage einfach nicht mehr tragbar ist.

Nun zur Diskussion selbst. Die NTG hat den Besuchern ermöglicht während den zwei Konferenztagen ihre Fragen über einen QR-Code an das Team weiterzuleiten. Davon wurden ca. fünf Fragen behandelt. Leider konnten aus zeitlichen Gründen nicht mehr Fragen an das Podium gestellt werden.

Eine Frage ist in Bezug zu der 6-Tage Schöpfung. Waren das 6 Tage oder könnten das auch 6 Epochen gewesen sein? Roger Schönthal argumentiert so, dass, wenn in der Bibel normalerweise von Tagen die Rede ist, dann wird das auch als Tag verstanden, wieso sollten die Tage in der Schöpfungsgeschichte also plötzlich als Epochen oder Zeitintervalle angesehen werden? Eggen möchte noch eine andere Perspektive reinbringen, die mir ein bisschen trotzig vorkommt. Und zwar argumentiert er damit, dass wenn die Wissenschaft nun erklären würde, dass die Erde sehr jung sei, würde ihnen dann auch diese Frage gestellt werden? Weiter meint er, dass es nicht sein darf, dass gewisse Leute ihnen Fragen stellen, die nicht sein sollten. In dieser Antwort sehe ich eine Müdigkeit, die ihn hinsichtlich dieser Frage überkommen hat. Obwohl doch genau diese Frage, da sie ja am klarsten die Unterschiede der naturwissenschaftlichen Erklärung und der biblischen Erklärung zur Entstehung der Erde aufzeigt, für «aufgeklärte» offene Christen spannend ist.

«Die Schöpfung ist perfekt, wunderbar und einzigartig. Warum dient sie dennoch dazu andere zu fressen um selbst zu überleben? In der Tierwelt gilt oft fressen oder gefressen werden. Warum hat Gott nicht alle Tiere als Vegetarier kreiert?» Ich denke, mit dieser Frage oder einer Art davon haben die Referenten von «Wort + Wissen» sicher einige Erfahrung. Harald Binder liefert hier eine Erklärung, die wie ich behaupte mit seinem Referat über Spinnen im Widerspruch steht. Und zwar betont er nochmal, dass die Schöpfung nach biblischer Information nach 6 Tagen beendet war: «Und er sah, dass es gut war!» Diese Worte würden die Schöpfung auch als fehlerfrei darstellen. Die Schöpfung war also beendet und fehlerfrei. Nun geschah jedoch der Sündenfall, der erst den Tod und die Vergänglichkeit in die Welt brachte. Nun wurde in Binders Vortrag über Spinnen jedoch immer wieder betont, dass Gott in der Schöpfung der Spinnen eine zentrale Rolle innehatte. Beispielsweise, hat Gott der Bola Spinne den Duftstoff der weiblichen Motte eingegeben, damit sie männliche Motten im Netz einfangen kann und diese fressen kann. Hat Gott also nach seiner 6-tägigen Schöpfung und nach dem Sündenfall die Schöpfung nochmal in die Hände genommen? Und nicht nur das, hat Gott einigen Tieren verraten, wie man andere Tiere töten kann und sie somit bevorzugt? Davon würde nichts in der Bibel stehen…glaube ich.

«Für gewisse Dinge», sagt Binder, «gibt es keine Erklärungen und wir Christen sollen ehrlich sein und dies auch akzeptieren können.» Dies in Bezug zu biblischen Widersprüchen oder auch zu Widersprüchen mit ihren «naturwissenschaftlichen» Vorträgen zuzugeben, ist das eine. Doch, dass Gott im naturwissenschaftlichen Kontext genauso nicht erklärbar ist, ist das andere und das hat er nicht akzeptiert. Dies wiederum stellt die «Wort + Wissen»-Wissenschaftler in einen Widerspruch mit sich selbst.

Fazit

Obwohl der Abend bei mir oft ein ungutes Gefühl hervorbrachte – dies vor allem in Bezug auf die Kritik an die Naturwissenschaft, die ich, um es kurz zu halten mit den Stichworten «Falsifizierbarkeit» und «übernatürlich», eben nicht einsehen kann – habe ich mich durch die Atmosphäre, vor allem die Gutmütigkeit und das ehrliche Interesse der Leute an mir und meiner Arbeit, sehr wohlgefühlt. Gerne möchte ich Harald Binders Worte nochmal hervorheben, dass Christen sich selber und anderen das Leben schwerer machen als es sein müsste, weil sie glauben, dass sie jetzt die richtige Idee gefunden haben und es zu ihrem Glaubensansatz erheben. Wir sollten den Mut haben gewisse Sachen auch offen zu lassen (Podiumsdiskussion). Wie Binder das den Besuchenden nahelegen möchte, so könnte man das auch der Studiengemeinschaft «Wort und Wissen» nahelegen.

Alysejah Huber, November 2023

Links

https://www.wohl-gemacht.ch/

Alle Referate und die Podiumsdiskussion: https://www.youtube.com/@WohlGemacht/featured

Widenmeyer, Markus. 2021. Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet. Holzgerlingen: SCM Hänssler.

Lexikoneintrag Wort und Wissen: Studiengemeinschaft Wort und Wissen – Relinfo.ch

Lexikoneintrag NTG: Neutestamentliche Gemeinde Bern (NTG) – Relinfo.ch

Gesetzestreue gegen Krieg – Besuch beim Freitagsgebet der MSAZ

Ein unpersönliches Turmzimmer

Im obersten Turmzimmer der Universität Zürich gibt es einen Gemeinschaftsraum. Dorthin gingen wir gemeinsam zum Freitagsgebet der Muslim Students Association Zurich (MSAZ).

Als wir den Raum betraten, sass dort eine junge Frau an einem Tisch. Neben ihr befand sich eine kleine Küche in dem ansonsten offenen Raum. Sie stand gleich auf und fragte uns, ob wir den Raum benötigten. Sie habe hier nur zu Mittag gegessen. Da sie den Raum abschliessen wollte, gingen wir wieder hinaus und warteten vor der Tür.

Bald schon kamen einige Männer und stellten sich zu uns in den Flur. Keiner der Männer sprach uns an oder nahm überhaupt gross Notiz von uns. Einige Frauen traten ebenfalls aus der Fahrstuhltür, gingen aber in ein anderes Zimmer.

Ein verwirrendes Frauenzimmer

Ich war verunsichert, wohin ich denn nun gehen sollte, und als der Mann mit dem Schlüssel kam und alle Männer in den grösseren Raum links vom Fahrstuhl gingen, trat ich in den kleinen Raum rechts. Im Eingang dieses Raumes befand sich eine kleine Garderobe und dahinter ein Gebetsraum mit vielen Gebetsteppichen zum Ausleihen und Sitzkissen. Eine junge Frau betete bereits und zwei weitere legten ihre Sachen ab, bevor sie kichernd wieder verschwanden. Wahrscheinlich würden sie bald zurückkommen, dachte ich mir, sie mussten sicher nur noch die rituelle Waschung vollziehen. Also setzte ich mich in den kleinen Raum auf den Boden und wartete. Es war alles sehr seltsam, denn die junge Frau betete in der Mitte des Raumes und in einer Ecke sass ein Mann auf einem Kissen, zugedeckt mit seiner Jacke. Ich dachte, das sei hier der Frauengebetsraum?

Aus dem Koran – Ein gesetzestreuer Prophet

Währenddessen lief bei den Männern deutlich mehr. Sie holten die Gebetsteppiche und legten sie auf den Boden, als die zwei Frauen ebenfalls eintraten.
Ein Mann fungierte als Vorbeter und stand auf. Er hielt ein paar Blätter in der Hand und fing an zu lesen, angefangen mit Versen aus dem Koran. Zum Thema wählte er die Übereinkunft der Muslime von Mekka und Medina. Abu Sufyan ibn Harb war damals der Vertreter von Mekka und dem Stamm der Quraisch und sein Gegenpart in Medina war der Prophet Muhammad. Sie hatten eine Abmachung getroffen, wonach jeder Muslim, der aus Mekka nach Medina kam, zurückgeschickt werden sollte. Abu Sufyans Sohn Abu Jandal reiste trotzdem von Mekka nach Medina, um den Propheten Muhammad und seine Gefährten zu treffen. Muhammad schickte Abu Jandal jedoch umgehend zurück nach Mekka, so wie er es mit dessen Vater vereinbart hatte.

Alles geschieht zu deinem Besten! – Eine Predigt mit Friedensmission

Der Vorbeter meinte, dieses rechtschaffene Verhalten Muhammads sei ein gutes Vorbild auch für die Konflikte in der heutigen Welt. So könne man den Frieden zwischen Staaten, Nationen und Bündnissen bewahren. Was auch immer mit uns Menschen geschehen würde, es sei immer zu unserem Besten. Das müssten die Menschen verstehen. Dies sei der Weg, um die Realität zu akzeptieren und den Frieden in dieser Welt zu erhalten.

Ein gemeinsames Gebet ohne Gemeinschaft?

Nun erhoben sich alle zum Gebet und auch die Frauen blieben im selben Raum. Warum diese beiden mit den Männern beteten und die anderen Frauen für sich im anderen Raum, blieb unklar. Nach dem Gebet gingen die Männer und Frauen eilig in den Fahrstuhl und zurück in ihren Uni-Alltag. Während des ganzen Freitagsgebetes wurden wir von keiner einzigen Person angesprochen oder irgendwie begrüsst. Man nahm schlicht keine Notiz von uns, und so machte die MSAZ nicht den Eindruck, als wollte sie irgendwelche neuen Mitglieder gewinnen. Von einer muslimischen Studentenverbindung hatten wir deutlich mehr Gemeinschaft und Offenherzigkeit erwartet. Also gingen wir etwas enttäuscht nach Hause.  

Jasmin Schneider, November 2023

Lexikoneintrag Muslim Students Association Zurich (MSAZ)

Der goldene Schrein von Bassersdorf – Besuch im Gurudwara Sahib Zurich

Eine Farbexplosion in der Fabrikhalle

Es war ein zauberhafter Sonntagmorgen, die Sonne schien und der Weg vom Bahnhof Bassersdorf bis zum Gurudwara führte uns an einem kleinen Bach entlang. Ich war schon sehr gespannt, was ich wohl an diesem Tag erleben würde, denn in einem Gurudwara, also einem Sikh Tempel, war ich noch nie zuvor gewesen. Nach einem kurzen Spaziergang standen wir vor einem Fabrikgebäude, zum Glück kamen gerade einige andere Menschen an und so fanden wir schnell den Eingang. Dort wurden wir sehr herzlich begrüsst und uns wurde erklärt, wo wir hingehen sollten. So zogen wir unsere Schuhe aus und betraten den Gurudwara. Mein Begleiter musste sich beim Eintreten ein oranges Tuch um den Kopf binden und ich bedeckte meine Haare mit einem Schal. Wir befanden uns in einer Art Aufenthaltsraum, die Wände waren auf der unteren Hälfte blau gestrichen und oben hingen um den ganzen Raum herum Bilder, welche die Geschichte der Sikhs zeigten. Viele Krieger und Kämpfe waren darauf zu sehen, aber auch der Gründer des Sikhismus Guru Nanak. An der Decke hingen bunte Tücher, der ganze Raum war eine reine Farbexplosion. Ausserdem gab es eine offene grosse Küche mit einer Theke, wo zwei Männer bereits arbeiteten.

Der goldene Schrein

Über eine Treppe neben der Küche gelangten wir in den eigentlichen Gebetsraum. Auch hier waren die Wände bis zur Hälfte in einem hellen Blauton gestrichen, auf dem Boden lag orangener Teppich und an einem Ende des Raumes stand ein riesiger goldener Schrein. Darin befand sich das Guru Granth Sahib, das heilige Buch, zugedeckt mit einer reich verzierten grossen Decke. Vor dem Schrein war ein kleiner silberner Zaun, mit blinkenden Lichtern umwickelt und mit einer eisernen Truhe davor, die einen Schlitz zum Einwerfen von Spenden hatte. Auf dieser standen einige Symbole der Sikhs, rechts und links flankiert von Vasen mit Kunstblumen.

Halwa und Gebete

Als wir uns hinsetzten kam ein älterer Mann zu uns und gab uns etwas Halwa, eine Süssspeise aus Ölsamen und Zucker. Es schmeckte sehr gut und als wir fertig waren, begannen schon bald die ersten Gebete. Ein älterer Mann begann Gebetstexte vorzutragen, die jeweils von einem Mann und einer Frau vor einem Mikrofon, sowie den anderen Anwesenden beantwortet wurden. Die Gebete klangen etwas monoton, vorgetragen in einem alten Punjabi. Inhaltlich ging es um viele verschiedene Themen, Guru Nanak solle uns beschützen, immer bei uns bleiben und uns von unseren Feinden fernhalten. Niemand könne sich uns in den Weg stellen, Gott solle die ganze Welt glücklich machen, uns von Sünden fernhalten und uns zu Gläubigen machen.

Ungewohnte Köstlichkeiten

Ein freundlicher Mann erklärte uns, dass diese Gebete von 10:30 bis um 12 Uhr gehen würden und danach erst das eigentliche Ritual stattfindet. Wir könnten jederzeit gerne nach unten gehen, um zu frühstücken. Das taten wir sehr gerne und als wir wieder in den Aufenthaltsraum kamen, bemerkte ich erst den Bildschirm an der Wand, der den Gebetsraum mit dem Schrein zeigte. Per Lautsprecher wurden die Gebete übertragen und so setzten wir uns auf den Boden mit dem Rücken zur Wand. Ein junger Mann brachte uns schon bald zwei Teller mit Frühstück und traditionellen indischen Tee. Zu essen gab es Pakora einmal mit Kartoffeln und Gewürzen, einmal mit Brot und Ei. Zusammen mit einem scharfen Kürbis Chutney schmeckte das Frühstück für Schweizer Gaumen ungewohnt aber sehr lecker.

Zauberhafte bunte Kleider

Während wir im Aufenthaltsraum sassen, kamen immer mehr Menschen in den Gurudwara. Viele der Männer trugen Turbane und fast alle Frauen traditionelle Punjabi Kleider. Diese Hemdkleider mit Schlitzen an den Seiten, kombiniert mit weiten Hosen und einem passenden Dupatta, einem grossen Schal, der über den Kopf gelegt wird, wurden in den buntesten Farben und Mustern getragen. Die Neuankömmlinge gingen nach dem Eintreten direkt nach oben, verneigten sich vor dem Schrein, legten die Stirn auf den Boden und warfen einige Münzen in die Box. Danach richteten sie sich wieder auf und verneigten sich kurz auf jeder Seite des Schreines, bevor sie nach unten kamen um zu frühstücken. Es waren viele ältere Leute da und Familien mit Kindern.

Die Probleme der Sikhgemeinde

Neben uns setzten sich immer mehr ältere Männer hin und begannen, miteinander über die Sikhgemeinde in Bassersdorf zu sprechen und über die Probleme aller Sikhs. Das Leben in der Diaspora sei nicht einfach, da die Sikhs einander nicht richtig unterstützen würden. Den Sikhs würde es an einer internationalen Gemeinschaft fehlen. Ausserdem hätten sie Probleme, ihre nun erwachsenen Kinder in der Gemeinde zu halten. Vielen jungen Leuten würde Gurudwara und Religion nicht mehr so viel bedeuten und sie würden sich nicht mehr engagieren. Die Männer meinten, sie würden langsam alt werden und bräuchten mehr junge Menschen, um ihnen alles einmal zu übergeben. Ein Problem, dass ich schon aus vielen Kirchen und Moscheen kannte.

Von Gott vorherbestimmt

Als sich der Aufenthaltsraum langsam leerte, standen wir auch auf und gingen nach oben in den Gebetsraum. Dort setzten wir uns an eine Wand und hörten den monotonen Gebeten des älteren Mannes zu, während sich der Raum immer mehr füllte. Inhaltlich ging es in den Gebeten wieder um dieselben Themen wie zuvor, alles würde Gott gehören, niemand könne uns schaden. Gott habe alles in unserem Leben vorherbestimmt und wir hätten nur ein einziges Leben, deshalb sollten wir es nutzen. Die ganze Zeit über wechselten sich eine Frau und ein Mann ab beim Winken des Chauri, eine Art Wedel aus Federn, über dem Schrein. Dabei trugen sie eine Art weisse Stola mit blauen Verzierungen auf der Borte. Während der alte Mann die Gebete vortrug, standen zwei Personen auf und legten ihm Geld auf das kleine Rednerpult.

Gesang und Trommeln

Als die Gebete verstummt waren kam eine kleine Frau auf das kleine Podest und setzte sich vor das Rednerpult. Hinter ihr sassen zwei Kinder und neben ihr ein junger Mann mit zwei Trommeln. Sie begann ein Lied auf Punjabi zu singen und der Mann begleitete sie mit Trommelschlägen. Einige Zuhörer nahmen ihre Handys hervor und filmten, andere hatten einen Video-Anruf offen. Nachdem die Frau geendet hatte, gingen alle zurück auf ihre Plätze und die Zuhörer dankten der Frau. Sie stamme aus Thailand und könne kein Punjabi, trotzdem habe sie wunderschön gesungen. Für meine Ohren klang es etwas schief, aber so unterschiedlich sind wohl Geschmäcker.

Guru Granth Sahib

Nun begann der alte Mann hinter dem Schrein, seine Gebete zu singen, und winkte selbst mit dem Chauri. Dann stand er singend vor dem Schrein und verneigte sich tief, und alle im Raum sangen mit ihm. Der alte Mann ging wieder in den Schrein und Helfer hoben vorsichtig die Decke beiseite und enthüllten das heilige Buch, den Guru Granth Sahib. Der Mann trug in einer Art Sprechgesang den Text vor und wurde von einem Handy unterbrochen, das plötzlich anfing zu klingeln. Davon liess er sich jedoch nicht beirren und fuhr einfach fort.  Nach einem letzten Gesang wurde das Buch wieder geschlossen und zugedeckt. Zwei Männer brachten dann einige nun gesegnete Lebensmittel, die neben dem Schrein gestanden hatten, nach unten in die Küche. Dort würden sie mit den anderen Zutaten vermengt werden und so alle Speisen für das spätere Langar (Gemeinschaftmahl) gesegnet. Die Menschen erhoben sich und sangen, verneigten sich mehrfach und legten ihre Stirn auf den Boden. Es folgten weitere Gebete und Verneigungen, bevor sich alle wieder setzten.

Die Whatsappgruppe der Sikh Chamber of Commerce

Ein Mann trat hinter ein Rednerpult und machte einige Ankündigungen, wer nächstes Mal fürs Langar zuständig war, dass es kommende Woche ein Mitgliedertreffen geben würde und dankte noch einmal der thailändischen Frau für ihren Gesang. Zum Schluss dankte er allen fürs Kommen und machte Platz für den nächsten Redner.
Es war einer der älteren Männer, die wir beim Frühstück miteinander reden gehört hatten. Er sprach von den Problemen der Sikhs, dass sie nicht gut vernetzt waren und davon, dass sie hier seien, um etwas daran zu ändern. Sie seien von der Sikh Chamber of Commerce und kämen direkt aus Delhi. Ziel sie es, die Sikhs auf der ganzen Welt und vor allem auch hier in Europa miteinander zu vernetzen und sich gegenseitig finanzielle, medizinische und weitere Unterstützung zu geben. Guru Nanak hätte uns gelehrt, wie wir mit Finanzen umzugehen hätten, ausserdem sei die Demokratie in Indien auf engagierte Sikh zurückzuführen. Alle Sikhs auf der Welt wären früher einmal respektiert worden und dahin müssten wir zurückfinden. Also würden sie eine Whatsappgruppe mit allen Sikhs in der Schweiz erstellen, damit gegebenenfalls einander geholfen werden kann. Die Schweiz sei eine starke Nation, denn sie habe ein gutes Bildungssystem, ein gutes Gesundheitssystem und eine kleine Arbeitslosenquote.

Orange Schals und Halwa für alle

Den Männern aus Delhi wurden orange Schals umgehängt, und sie übergaben ein Ehrengeschenk an die Gemeinde in Bassersdorf. Auch die thailändische Sängerin bekam einen Schal und es wurden einige Fotos gemacht. Als die Männer sich wieder gesetzt hatten, rannten alle Kinder nach vorne und setzten sich auf das kleine Podest neben dem Schrein, um zu singen. Es wurde an alle Halwa und Servietten verteilt, während die Kinder etwas zögerlich sangen. Danach trat ein weiterer Mann ans Rednerpult. Er sei aus Amsterdam hierhergekommen um von den Männern aus Delhi zu lernen und ihre Idee mit in die Niederlande zu nehmen. Die Männer der Sikh Chamber of Commerce würden in viele Städte überall in Europa reisen in den nächsten zwei Wochen, um die Sikhs besser zu vereinen. Als er vom Rednerpult trat, war das Ritual zu Ende und die Menschen gingen nach unten.

Das Langar

Als wir den Aufenthaltsraum betraten, waren die meisten schon beim Essen. Wir holten tablettartige Teller aus Blech und Wasserbecher und setzten uns auf den Boden. Schnell kamen Erwachsene und Kinder mit verschiedenen Speisen vorbei und gaben uns von allem. Ich begnügte mich mit gemischtem Gemüse, das sehr scharf war, Salat mit Äpfeln, Reis und Roti, einem Fladenbrot. Es gab aber auch Daal, einen Linseneintopf, Jogurt und Kheer, eine Süssspeise aus Reis und Nüssen. Das Essen war sehr scharf aber hervorragend. Die ganze Zeit liefen Kinder zwischen den Essenden hindurch und boten Nachschub an. Keiner ging hier hungrig nach Hause oder fragte nach Geld. Es gab an der Wand einen QR-Code für Spenden, aber es wurde weder darauf hingewiesen noch irgendwie verlangt. Es schien mehr um die Gemeinschaft zu gehen, ob jemand Sikh war oder nicht, spielte dabei keine Rolle.
Ich verliess das Gurduwara mit vielen neuen Eindrücken und so satt wie noch nie nach einem Gottesdienstbesuch.

Jasmin Schneider, Oktober 2023

Lexikoneintrag Gurudwara Sahib Zurich, Bassersdorf

Lexikoneintrag Traditioneller Sikhismus

Tränen für Jesus und Applaus für Gott – Besuch bei der Momentum Church in Aarau

Am Check-In

Die Momentum Church Aarau befindet sich in einem attraktiven Neubau mit Flughafen-Flair. Im Eingang traf ich auf zwei Check-In-Schalter, wo Eltern ihre Kinder einchecken mussten. Jedes Kind erhielt eine Nummer, um bei Bedarf während des Gottesdienstes die Eltern aufrufen zu können. Der Gottesdienst selbst fand in einem Konzertsaal mit Empore statt. Um nicht zu sehr aufzufallen setzte ich mich ganz hinten neben einen Pfosten. Es waren viele Familien und ältere Leute in der Kirche und begrüssten sich herzlich. Zwei Kameramänner waren bereit für ihren Einsatz, als sich der Saal gemächlich füllte. So waren noch viele Plätze frei, als die Band auf die Bühne trat und der Pastor uns begrüsste. Egal was bei uns los sei, meinte er, wir sollten alle zuerst Gott fragen und ihm danken.

Die Tücher schwingende Tänzerin

«No other name but the name of Jesus…» so begann die Band mit ihrem ersten Song. Zum Mitsingen gab es die Texte auf der Leinwand. Die Menge klatschte aufgeregt mit, einige warfen die Hände in die Luft und wieder andere tanzten voller Freude. «… no other name is wonderful.» Nahtlos ging es zum zweiten Lied über, diesmal auf Deutsch. «Ich will dich loben…» sang die Band und wurde dabei von einer Tänzerin mit Tüchern und Fahnen begleitet. «Jesus du bist Sieger, du allein regierst» sang die Band, anscheinend so ergriffen, dass einige sogar die Augen schlossen. Zum Lied «Würdig besch nor du – Jesus» ging ein Mann, der eine Reihe vor mir stand, auf die Knie, erhob die Hände und wiegte sich andächtig.

Tränen für Jesus

Als die letzten Zeilen von «Mer erhebed dech oise König» verklungen waren, spielte die Band nur noch sanfte Hintergrundmusik und eine der Sängerinnen begann zu sprechen. Sie sagte, wir sollen uns Gott übergeben, und dass wir jetzt hier seien, wäre ein sichtbarer Act gegenüber Gott. Ihre Stimme zitterte so sehr, als würde sie jeden Moment anfangen zu weinen, während sie davon sprach, wie viel Power in diesem Raum gerade fliessen würde. Alle die Lust hatten durften dann ihre Macht ans Kreuz bringen. Viele Menschen gingen dann zu einem Kreuz, dass rechts neben der Bühne an der Wand hing, erhoben die Hände und wiegten sich ergriffen. «Würdig besch nor du – Jesus» erklang erneut von der Band. Die Szene wirkte auf mich befremdlich: das mantraartige Wiederholen des Liedtextes, die Tänzerin mit ihrem weissen Tuch und die Menschen, die sich wiegten und teilweise schluchzten und weinten.

Das Ende des Anfangs

Das Lied «Ich gebe dir mein Herz und alles was ich bin» ging nahtlos ins nächste über «Mein ganzes Leben geb ich dir». Zwischendurch wurden immer wieder Nummern von Kindern, die ihre Eltern brauchten, auf einer kleinen Tafel über den Songtexten angezeigt. Manche Menschen hatten noch immer die Hände erhoben beim Singen, oder tanzten hin und her. Eine Frau zu meiner Linken kniete und presste die Stirn auf den Boden, die Hände ausgestreckt. «Ich lasse los und vertraue dir», das Lied wurde unterbrochen von einer Sängerin, die sagte, dass Christus in ihr lebe und er auch in uns allen leben solle. Mit «I surrender my whole life to you» endete nach gut 40 Minuten der konzertmässige Auftakt des Gottesdienstes und der Pastor betrat endlich die Bühne.

Applaus für Gott

Der Pastor zeigte ein Bild mit einem leeren Vertrag darauf, und eine Frau sprach zur Gemeinde. Gott würde uns auch ein leeres Blatt zu unterschreiben geben, wir müssten ihm jedoch vertrauen, denn er habe uns erschaffen und würde uns genau kennen. Alles müssten wir hergeben für Gott. Können wir so einen Vertrag ertragen? «Amen» erklang es da aus der Menge und einige klatschten. Die Frau sprach weiter, wir sollten uns für Gott hingeben und auch füreinander hingeben. Wir sollten nun die Augen schliessen und die Worte wirken lassen. Viele Menschen um mich herum taten wie ihnen geheissen wurde und schlossen die Augen. Die Frau auf der Bühne legte eine Hand auf ihr Herz und murmelte sichtbar ergriffen etwas vor sich hin. Als sie die Augen wieder aufschlug, dankte sie Jesus und forderte einen Applaus für Gott. Die Menschen klatschten und gingen vom Kreuz zurück auf ihre Plätze. Das war eine sehr schräge Erfahrung für mich, so bin ich doch bereits seit Kindestagen in vielen Gottesdiensten gewesen, doch noch nie hatte ich Gott applaudieren sollen.

Keine Zeit für Jesus

Nun stellte uns der Pastor einen jungen Mann vor, der uns seine Geschichte erzählte. Vor etwa drei Monaten habe er angefangen, gegen sein Burnout anzukämpfen, und hätte Jesus gefragt, was denn los sei. Er sei zum Psychologen gegangen, hätte Therapien gemacht, aber sich immer noch gefragt wo Jesus sei. Er hätte wie durch ein Feuer laufen müssen, doch alleine konnte er es nicht. Dann hätte Jesus ihn auf den Arm genommen und durchs Feuer getragen. Vor dem Burnout hätte er so viel zu tun gehabt, dass er Jesus keine Zeit mehr gewidmet habe. Jetzt wisse er wieder, dass er sich auf Jesus fokussieren müsse. Ohne ihn gäbe es zu viele Sorgen und Ängste.

Die Jesus-Erscheinung

Er sei Musiker und hätte gerade ein Lied aufgenommen, als das passierte, doch Jesus sagte ihm, er solle weitermachen. Seit seiner Kindheit hatte er grosse Angst vor Wasser, doch im Musikvideo sollte er sich ins Wasser fallen lassen. Dank Jesus konnte er das und als er unter Wasser war und nach oben blickte, habe er Jesus gesehen und Frieden erlebt. Das Publikum klatschte und rief begeistert, als es diese unglaubliche Geschichte hörte. Der junge Mann erzählte weiter, dass er das Lied veröffentlicht hatte, und genau dann habe sein Therapeut ihm gesagt, er sei nun geheilt. Dankbarkeit gegenüber Gott sei der Schlüssel für alles. Wir müssten uns alle auf Jesus fokussieren und von ihm führen lassen. Von ihm würde alles kommen was wir brauchten. Nach dem «Amen» folgte grosse Zustimmung von der Gemeinde.

Livemusik für Jesus

Nun trat der Pastor wieder auf die Bühne und forderte die Menge auf, sich zu erheben für die «Proklamation». Um mich herum begannen alle mit «Jesus du besch alles…» und endeten mit «Halleluja». Danach sang der junge Mann von vorhin eines seiner Lieder auf Spanisch, in dem es darum ging, dass die Liebe von Jesus niemals enden würde. Er hatte eine schöne helle Stimme, doch leider war das Musikvideo auf dem Bildschirm nicht ganz synchron mit der Livemusik.

Ein Prophet in der Psychiatrie

Ein anderer Pastor trat nun auf: Es handelte sich um Matthias Truttmann, den Leitenden Pastor der Momentum Church. Truttmann hielt nun eine Predigt aus seiner Predigtserie zu Hesekiel. Hesekiel sei nämlich ein grosser Prophet und kurioser Typ gewesen. Als junger Mann sei er in die Verbannung nach Babylon gegangen und hätte dort in der Fremde Gottes Gegenwart vernommen. Dort hätte er die Chance gehabt, die Herzen der Babylonier mit Gottes Botschaft zu erreichen. Das hätte nur leider nicht funktioniert, da ihre Herzen verhärtet gewesen seien. Hesekiel sei dann als Strassenprediger aufgetreten. Heutzutage in Aarau wäre Hesekiel damit wahrscheinlich in der psychiatrischen Klinik in Königsfelden gelandet. Aber Gott wolle auch heute die Herzen der Menschen erreichen, damit sie Gott wieder repräsentieren würden.

Der Feind

Wir alle müssten gemäss Hesekiel 33, 7-9 das Evangelium zu den Menschen bringen, oder wir würden uns selbst schuldig machen. Hesekiel selbst sei ein Wächter für sein Volk gewesen. Der Feind würde nämlich die Menschen hassen, weil sie das Ebenbild Gottes seien. Um Gottes Platz einnehmen zu können, würde der Feind danach gieren, die Menschen zu vernichten. Doch jeder Mensch könne ein Kind Gottes sein, wenn er mit Jesus verbunden wäre, dann seien wir wahrlich ein Volk von Priestern und Wächtern wie Hesekiel. Diese Aufrufe zum Missionieren kannte ich bereits von anderen Gemeinden, trotzdem sind sie für mich immer etwas schräg.

Die Festungen des Feindes

2. Korinther 10, 4-5: «Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Absichten zerstören wir und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus.» So eine Festung könne Gutes schützen aber auch Angst oder Scham. Wie Paulus seien wir in der Lage, mit Hilfe des Heiligen Geistes Festungen des Feindes niederzureissen. Erst wenn wir den menschlichen Hochmut vernichtet hätten, würden wir sehen, was dahinter ist. Das sei nicht immer einfach, die Festungen könnten getarnt sein wie Schweizer Bunker, die als Ställe gestaltet sind. Durch Hesekiel würden wir sehen, wo Festungen im Herzen seien, um diese niederzureissen, und auch in einem Sturm Jesus repräsentieren zu können.

Matthias Truttmann sprach immer wieder vom «Feind», ohne genauer zu sagen, was gemeint war. Anscheinend spielt wohl Satan eine doch sehr präsente Rolle in der Verkündigung der Momentum Church.

Beerdigungen – ein Ort, um Kinder zu missionieren?

Der Heilige Geist sei eine mächtige Waffe. Auch wenn Menschen unsere frohe Nachricht ablehnen, das Evangelium ablehnen, würde doch der Heilige Geist in ihnen wirken und sie die Wahrheit sehen lassen. Es sei unsere eigentliche Aufgabe, auf dieser Welt den Menschen das Evangelium zu bringen, damit sie Jesus kennenlernen könnten. Truttmann erzählte, dass er erst vor kurzem eine junge Mutter hatte beerdigen müssen, und ein Grossteil der Schulklassen ihrer Kinder seien bei der Feier gewesen. Das sei genau der richtige Moment gewesen, all diese Kinder zu erreichen und ihnen Jesus Botschaft näher zu bringen. Dies schien mir ein Missbrauch der Situation und respektlos gegenüber den Hinterbliebenen zu sein? Und wie konnte er es wagen, einfach Kinder zu missionieren, die ja wohl ohne ihre Eltern dagewesen waren? Das ist für mich ein massiver Eingriff ins elterliche Recht auf religiöse Erziehung. 
Zum Abschluss der Predigt las Truttmann einige Bibelstellen vor, in denen es darum ging, was die Menschen füreinander tun sollten. Wir sollten nur zuhören und Gottes Worte wirken lassen.

Traum oder Vision

«God I look to you» spielte nun die Band ,und die Menschen wiegten sich hin und her. «Halleluja our God reigns» sangen die Menschen ergriffen, während die Tänzerin mit einem violetten Tuch über die Bühne hüpfte. Danach bedankte sich der Pastor bei allen Mitwirkenden und beim Heiligen Geist. Die Sängerin, die bereits einmal gesprochen hatte, klang erneu, als würde sie gleich weinen, als sie von einem Traum erzählte. Sie hätte von einem Wachturm geträumt mit Gewittern um die Spitze und von einer Plattform mit vielen Menschen darauf. Dies wäre der Leib Christi gewesen und seine Kirche. Dann hätte sie eine dröhnende Stimme vernommen die fragte: «Seid ihr meine Anbeter?» All die Menschen auf der Plattform hätten «Ja» geschrien und zu jedem von ihnen kam ein goldener Stab. Es war die neue Kraft und die Gegenwart Gottes für all seine Anbeter. Darauf sei die Frau aufgewacht, habe aberimmer noch Gottes Gegenwart gespürt. Sie selbst und auch die Gemeinde schienen ergriffen und ihren Traum als Vision zu deuten. Ich selbst fand jedoch, dass sie dem viel zu viel Bedeutung zumassen. So weiss ich aus eigener Erfahrung, dass man Träume beeinflussen kann und manchmal nur das sieht, was man sehen will.

Ende

Nach letzten Ankündigungen für ein Anbetungs-Treffen am Freitagabend, den sie «Ort der Hingabe» getauft hatten, war der Gottesdienst zu Ende. Die Gemeinde klatschte und ging nach draussen, um gemeinsam zu Mittag zu essen oder nach Hause zu gehen. Letzteres tat ich dann auch und machte mich durch den Kinder-Check-In auf den Weg zum Bahnhof.

Jasmin Schneider, 15. September 2023

Wer braucht schon einen Theologen? Besuch bei Tablighi Jamaat im Iman Verein Wädi

Ein heisser Gebetsraum unter dem Dach

Die Moschee und das Gebäude des Iman Vereins Wädi lag an einer Seitenstrasse nicht weit vom Bahnhof entfernt. Im unteren Stockwerk befand sich auch der Friedensrichter der Stadt Wädenswil und in den oberen Stockwerken befand sich die Moschee, je ein Stock für Männer und einen für Frauen. Vor dem Gebäude standen bereits einige junge Männer, plauderten miteinander und beachteten mich nicht weiter, als ich an ihnen vorbei ging. Eine sehr schmale und alte Holztreppe führte mich in den zweiten Stock, wo ich meine Schuhe in ein Regal auf dem Gang ablegte. Das Dachgeschoss war verwinkelt und neben einem Gebetsraum befand sich dort auch eine kleine Küche und ein kleiner Schulungsraum mit Whiteboard. Nur wenige Frauen waren bereits anwesend, so setzte ich mich auf den Boden und lehnte mich gegen die Wand. Nach und nach trafen immer mehr Frauen ein, und als der Vortrag begann, waren es am Ende 21 Frauen und ein Kind.

Es gibt immer einen dem es schlechter geht

Aus dem an einer Ecke angebrachten Lautsprecher erklang die Stimme eines Mannes vom unteren Stockwerk. Mit einem starken Akzent begann er ohne grosse Umschweife mit seinem Vortrag. Er sprach in einem Jugendslang gemischt mit arabischen Ausdrücken. Sehr ausschweifend sagte er uns, wir sollen dankbar sein gegenüber Gott. Wenn wir eine Person im Rollstuhl sehen, sollen wir Gott für unsere Beine danken, wenn wir einen Blinden sehen, sollen wir Gott für unsere Augen danken und so weiter. Jederzeit sollen wir dankbar sein für das was Gott uns gegeben hat, denn es gäbe immer Menschen die es viel schlechter hätten als wir.

Der Glaube wiegt alle Sünden auf

Das Wichtigste sei der Glaube an Gott und viele Gebete. Wenn ein Mann, der so viele Sünden begangen hat, dass sie auf 99 Schriftrollen niedergeschrieben wurden, diese Taten auf die Waagschale legen muss und auf der anderen Seite nur ein kleiner Zettel liegt, auf dem das Glaubensbekenntnis steht, dann wiegt dieses schwerer all alle seine Sünden. Denn Gott sei allmächtig und hätte alles erschaffen. Wir müssten Gott danken für seine Barmherzigkeit. Der Prediger redete unablässig, ohne jedoch auf bestimmte Koranverse zu verweisen oder zu zitieren. Er sprach einfach darauf los, ohne theologische Auseinandersetzungen und Vorüberlegungen, so schien es mir zumindest. Das ganze machte auf mich einen eher unprofessionellen Eindruck.

Islamische Mode

Interessant waren für mich auch die Frauen, die an die Wände gelehnt um mich herumsassen. Die allermeisten davon waren zwischen 20-30 Jahre alt und sehr konservativ gekleidet. Fast alle waren in lange Abayas und wallende Kleider gehüllt und die meisten trugen Kopftücher, die wie ein Zelt über ihre Schultern fiel und somit auch Brust und Rücken bedeckten. Ein paar sagten mir, sie seien Konvertitinnen, und auch sie waren konservativ gekleidet. Umso bizarrer war es für mich, als ich bemerkte, wie einige immer wieder auf ihrem Smartphone herumtippten, während der junge Mann in seinem Slang unablässig weiterredete. Er sprach davon, wie wichtig es sei, viele Bittgebete zu machen, am besten über den ganzen Tag hinweg. Viel Dua machen und Gott danken sei so wichtig, und Zakat zu zahlen, die Armenspende, wie er freundlicherweise für alle erläuterte.

Lernstunde für Frauen und Bittgebet

Irgendwann erstarb die Stimme des Mannes und die Frauen im Raum fingen an miteinander zu plaudern. Nach etwa fünf Minuten wurden sie von einer Durchsage unterbrochen, dass am Sonntag eine Lernstunde nur für Frauen stattfinden würde, wo sie Hadithe studieren würden. Wir sollten doch bitte alle «Schwestern» dazu einladen. Nach einer weiteren kurzen Pause begann der Mann ohne Vorwarnung Dua zu sprechen und die Frauen wurden abrupt still und hoben ihre Hände. Der Mann sprach ohne Punkt und Komma, leierte sein Bittgebet zuerst auf Arabisch, dann im schweizerdeutschen Slang herunter.

Als ich den Raum verlassen musste

Als das Bittgebet beendet war, erklang ein Gebetsruf aus dem Lautsprecher und die Frauen standen auf. Alle sammelten sich im hinteren Teil des Raumes fürs Gebet, warum war mir nicht ganz klar, denn so standen die Frauen dicht gedrängt an der Wand, obwohl sie eigentlich auch in der Mitte hätten stehen können. Eine junge Frau erklärte mir, dass die Frauen, die nicht beten, nun in einen anderen Raum gehen sollen, worauf ich ihr folgte. So setzte ich mich mit drei anderen Frauen in den kleinen Schulungsraum auf den Boden und wartete, bis die anderen fertiggebetet hatten. Das war neu für mich, denn in den anderen Moscheen, in denen ich bisher gewesen war, sammelten sich die betenden Frauen im vorderen Teil des Raumes, während diejenigen, die nicht beteten, einfach sitzenblieben, wo sie waren.    

Snacks and Drinks

Also sass ich nun da und sah mich im kleinen Schulungszimmer etwas um. Der Teppich hier war etwas weicher und auf dem Whiteboard an der Wand standen arabische Buchstaben. Hier wurde wohl auch Arabisch unterrichtet. In einem kleinen Regal standen diverse islamische Kinderbücher zu kaufen. Wenn die Betenden sich alle gleichzeitig auf die Knie fallen liessen, vibrierte jedes Mal der Boden des alten Gebäudes. Als das Gebet zu Ende war, kamen die Frauen nach und nach in den kleinen Schulungsraum und legten auf ein Plastiktuch auf dem Boden Chips und Kekse, sowie Wasser und Eistee. Die Frauen unterhielten sich munter miteinander und ich wurde immer wieder gefragt, woher ich denn komme, wie ich hierhergekommen sei und was ich so mache. So wurde ich direkt darauf angesprochen, wer mich denn mitgebracht hätte. Wahrscheinlich ist es üblich, dass die Mitglieder immer wieder andere Bekannte mitbringen.

Investigativer Journalismus

Da alle Frauen nun ungezwungen miteinander redeten, hatte ich die Gelegenheit, auch selbst einige Fragen zu stellen, um mehr über den Iman Verein Wädi zu erfahren. So fragte ich, wie sie denn zu dieser Moschee gekommen seien, worauf mir gesagt wurde, dass dies einmal eine Moschee des türkischen Kulturvereins gewesen sei und diese dann in eine neue Moschee in Au gezogen seien. Als ich nach ihrer eigenen Geschichte und Entstehung fragte, wichen mir alle Frauen immer wieder aus. Keine wollte mir irgendeine Antwort darauf geben. Auch als ich nachhakte, ob sie zu einer Bewegung gehören würden, hörte ich nur ausweichende Bemerkungen. So wurde immer wieder betont, sie seien ein unabhängiger Verein, hauptsächlich von Schweizern, und eine der einzigen Moscheen, die auf Schweizerdeutsch predigen würden. Sie sagten mir auch, das Durchschnittsalter betrage etwa 24 Jahre. Als ich fragte, ob sie einen Imam hätten, verneinten sie. Einen studierten Theologen würden sie nicht brauchen, und wenn schon, dann würden sie zum Imam Rachid nach Dübendorf gehen. Viel mehr konnte ich von den Anwesenden nicht erfahren.
Nachdem ich mehrmals gefragt wurde, ob ich denn wiederkommen wolle, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach Hause.

Mein Fazit

Noch auf der Heimfahrt im Zug machte ich mir so meine Gedanken über das gerade Erlebte. Der ganze Vortrag machte auf mich einen eher unprofessionellen Eindruck, was sich ja auch durch die Aussage bestätigte, dass sie keine studierten Theologen im Verein hätten. Sie fanden das anscheinend unnötig und setzen lieber auf Laien-Prediger. Der ganze Vortrag erschien mir wild zusammengewürfelt und ich vermisste klare Referenzen zu Koranstellen oder Hadithen, wie auch theologische Interpretationen. Dass es in der Gemeinschaft eigentlich nur junge Leute und keine Senioren gibt, kam mir auch seltsam vor. Normalerweise sind Moscheegemeinden, wie auch Kirchgemeinden, ein Ort wo viele ältere Leute anzutreffen sind. Auch was mir über die Moschee und den türkischen Kulturverein erzählt wurde, der «weggegangen» sei, kam mir verdächtig vor. Warum hätten sie einfach so gehen sollen?                     
Meine innere Alarmglocke meldete sich auch, als ich mehrere Personen immer wieder nach ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Bewegung gefragt hatte. Diese ausweichenden Antworten liessen in mir den Verdacht aufkommen, dass sie Order erhalten hatten, dazu nichts preis zu geben. Wenn da nichts dahinterstecken würde, hätten sie keinen Grund, so etwas zu verschweigen.    
Die Laien-Prediger, der Fokus auf das religiöse Handeln, die Jugendsprache, das Verschweigen der Geschichte, die ausweichenden Antworten zu ihrer Bewegung, all diese Eindrücke passen hervorragend zur Tablighi Jamaat.

Jasmin Schneider, 18. August 2023

Lexikoneintrag Tablighi Jamaat

Meine Zeit in der Evangelischen Bibelgemeinde EBG

Es ist eine Weile her, und dauerte von 2014 bis 2016, von 13-jährig bis 15-jährig. Es war eine verhältnismässig anstrengende Zeit, mit viel Leid und Schmerz, aber auch vielen guten Erlebnissen und neuen Menschen. Es war eine Zeit, die mich sehr geprägt hat, vermutlich am meisten geprägt von all meinen verschiedenen Phasen, die Jugendliche, so auch ich, eben durchmach(t)en.

Meine EBG-Zeit. In diesem Aussteigerbericht erzähle ich von meinen Erlebnissen, mit der Absicht, einerseits Einsicht in die Gruppe, andererseits Einsicht in eine Jugendliche, die von allein in so einer Gruppe landete, zu gewähren. Ich erzähle, was ich erlebt habe, um es zu erzählen, für mich selbst zum Schreiben und für andere zum Lesen. Es ist gut möglich, dass Gespräche nicht ganz genau so abliefen, ich habe es jeweils sinngemäss und wie ich mich daran erinnere, wiedergegeben.

Der Aussteigerbericht ist erst chronologisch, mit Erzählung über die Anwerbungsphase, meine Bekehrung, dann der nächste Meilenstein – der UK, Unterweisungskurs, quasi Konfirmationslager – und dann der Austritt. Danach kommen kürzere oder längere Erzählungen über Erfahrungen, die ich machte, von denen ich nicht mehr sagen kann, ob sie vor oder nach dem UK stattfanden, denn es ist eine Weile her. Besonders empfehlen möchte ich den Brief an meine Familie und die Schulzeit. Interessieren könnten auch die Kapitel über Frauen, über Sex, und was alles erlaubt war (und was nicht).

Besonders wichtig ist mir, dass die Lesenden (möglichst) nicht urteilen. Meinetwegen über Gruppen und Institutionen, aber nicht über Menschen. Wir haben alle, so denke ich, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, einander manchmal verletzt und mal unterstützt, ob absichtlich oder nicht.

Terminologie

Die EBG nutzt das Wort «Versammlung» für den sonntäglichen «Gottesdienst» (Begründung «man dient Gott täglich, nicht nur sonntags») und «gläubig» für Christinnen und Christen, die bekehrt sind und «bibeltreu» leben, wobei das sich eher auf das Neue Testament bezieht – sie befolgen also nicht die Regeln des Alten Testaments. Gläubig sind Menschen, die an Gott glauben, und eventuell regelmässig in einen Gottesdienst gehen, somit nicht zwingend. Ich verwende dieses Wort in meinem Bericht trotzdem für meine Familienmitglieder, da diese durchaus an Gott glauben und in ihrem Glauben aufrecht und ehrlich sind, auch wenn sie weder bekehrt noch bibeltreu sind oder sein wollen. Dann noch kurz das «Freikirchenglossar»:

Bekehrung: Sündenbusse und Bekennung zu Jesus

Wiedergeburt: Wenn der heilige Geist im Menschen «ankommt»

Taufe: Bekenntnis zu Jesus, häufig mehrere Jahre nach der Bekehrung

Gläubig: Personen, die mit Jesus leben, häufig Notwendigkeit von «Bibeltreue»

Ungläubig: selten verwendetes Wort für Personen, die nicht «bibeltreu» an Gott glauben; häufiger: Personen, die in der Welt leben oder Personen, die ohne Jesus leben

Zeugnis ablegen: Häufig vor versammelter Gemeinde geteilte Erfahrung oder geteiltes Erlebnis, in welchem einen Gott als besonders präsent vorkam oder besonders half

Entrückung: Ereignis, in welchem alle Christen plötzlich verschwinden. Umstritten ist, wann genau dies stattfindet in Relation zum zweiten Kommen von Jesus und ob sie ihre Kleider zurücklassen oder nicht.

2. Kommen von Jesus: Auch bekannt als «jüngstes Gericht». Mal ist dies 7 oder 3.5 Jahre nach der Entrückung, in der EBG ist es entschieden nicht gleichzeitig, wie in vielen anderen Gemeinden. Jesus komme dann als «Richter».

Endzeit: Der letzte Teil der Zeit, bevor Jesus das zweite Mal kommt. Seit den Aposteln, oder Jesu erstem «Gehen» sagt man, wir leben jetzt in der Endzeit, ob wir aber 2 Tage vor Jesu 2. Kommen sind oder ein drittes Mal 1000 Jahre vor dem jüngsten Gericht entfernt, ist unklar.

Geistesgaben: In Pfingstgemeinden / charismatischen Gruppen beliebte Gaben wie Zungenrede, Prophetie, Heilung etc. Die EBG spricht sich entschieden dagegen aus und erklärt, dass Geistesgaben heute nicht mehr vergeben werden.


Von der Bekehrung bis zum Austritt
Anwerbungsphase und Bekehrung

In Kontakt mit der EBG kam ich durch eine Freundin und ihre Familie – nennen wir sie Samira -, während ich die Sekundarschule besuchte. Wir gingen an die gleiche Schule und redeten immer wieder über den Glauben. Ich wuchs in einer Familie mit starker Bindung zur reformierten Kirche auf, und meine Kinderbibel war eines meiner meistgelesenen Bücher, was in meinem Fall viel heisst. Mit Samira habe ich über «Gott und die Welt», Astrologie und Harry Potter diskutiert, und ihre Mutter begann, ihr für mich eine Tasche mit «Schoggistängeli» und Bibelversen mitzugeben. Diese erhalte ich tatsächlich auch heute noch, was ich durchaus schätze. Sie luden mich öfters ein, an die Versammlung, die Sonntagsschule oder die Jugendgruppe zu kommen, was ich eigentlich etwa ein halbes Jahr lang ausschlug. Irgendwann kehrte es – ich weiss nicht, warum, aber es war in den Sommerferien. Wir redeten über Sünden und ich erzählte ihnen so einiges aus meinem Leben, was mich immer belastet hatte, und was ich nie jemandem erzählen konnte, oder das Gefühl hatte, ich könnte es nicht erzählen. Rückblickend glaube ich, das war wichtig. Ich hatte endlich eine Vertrauensperson. Die war zwar gleich alt wie ich, aber ich konnte endlich darüber reden, was mich so lange belastet hatte, was ich so lange nur «mit Gott» besprochen hatte. Rückblickend wäre ich vielleicht besser direkt in die Psychotherapie gegangen. Davon waren aber sowohl meine Eltern als auch die EBG (und damit Samiras Familie) nicht besonders begeistert. So begann ich also, die Versammlungen der EBG zu besuchen, in denen immer wieder darüber geredet wurde, dass man sich bekehren müsse. Das war mir neu. In der reformierten Kirche gibt es keine Bekehrung, höchstens die Konfirmation und ein persönliches Glaubensbekenntnis. Ich sprach also mit Samira über die Bekehrung. Ich fühlte mich durch die Versammlungen dazu gedrängt, diese zu machen, und hatte das Gefühl, es war noch viel zu früh – ich verstand zu wenig davon, was eine Bekehrung war, was sie bedeutete, wie sie ablief, und so weiter. Samira beruhigte mich. Ich weiss nicht mehr, was sie sagte, aber es ging in die Richtung «lieber jetzt als zu spät». Ihre Familie organisierte dann die ganze Bekehrung. Ich würde mich am (passenden) Buss- und Bettag, am 21. September 2014, an der Konferenz in Biberist bekehren. Es gab noch eine Diskussion, bei wem ich mich bekehren würde: entweder Philipp, dessen Frau aber eher zurückhaltend wirkte, oder Oskar, dessen Tochter sie sehr gut kannten. Am Schluss entschieden sie sich für Oskar. Ich kannte beide nicht, also war es mir egal. Die Anwesenheit einer Frau wurde mir als wichtig mitgeteilt: Man könnte sich schon ohne Drittperson bekehren, aber die Prediger wollten Kontroversen vermeiden und junge, weinende Mädchen nicht berühren. Man könne ihnen höchstens ein Taschentuch reichen. Mir gefiel das Engagement zur Vermeidung solcher Übergriffe (und solcher Übergriffsgerüchte), besonders weil meine Mutter die ganze Zeit Angst hatte, dass jemand in der EBG übergriffig werden könnte, und sich entsprechend laut (und fast schon aggressiv) Sorgen machte. Ob vor, während oder nach meiner Zeit jemals Übergriffe stattgefunden haben, kann ich nicht einschätzen. Es ist durchaus möglich, dass vor meiner Zeit mal etwas passierte, was dazu führte, dass sie diese Massnahmen einleiteten. Ich ging also an diesem Tag an die Konferenz, hatte schön eine Liste meiner «Sünden», die ich dann bekennen würde, vorbereitet, und war ziemlich nervös. Über die Mittagspause ging ich dann mit Oskar und Ramona, wie wir seine Tochter nun nennen, auf die Suche nach einem geeigneten Bekehrungsraum. Wir landeten in einem Vorraum der Waschküche, das heisst, in einem kleineren Raum, dessen Tür offen war, standen Waschmaschine und Tumbler. Ich war sowieso nervös und hatte keine Ahnung davon, was bei einer Bekehrung normal war, dass es mir wiederum egal war. Oskar war zu diesem Zeitpunkt bereits Grossvater von Ramonas Kindern, die in meinem Alter waren, und sein starker Berner Dialekt war für mich eine erste Herausforderung. Die Bekehrung lief in etwa wie folgt ab: Wir setzten uns, redeten, ich wurde gefragt, warum ich mich bekehren wolle, wir lasen gemeinsam die Bibel, Oskar redete über die Notwendigkeit, sich zu bekehren, sich zu Christus zu bekennen, und während ich nicht mehr alles weiss, blieb mir eines: Er fragte mich, warum ein Milchkrug so genannt wurde. Da verwendete er aber ein Berner Wort für den Milchkrug, das ich nicht kannte. Vielleicht war auch einfach «Miuch» ein zu neues Wort – ich wuchs ohne jegliches Berndeutsch auf. Glücklicherweise kommentierte Ramona, dass das Wort «Milchkrug» bedeute, was seine ganze Erklärung wiederum erklärte: Ein Milchkrug ist ein Milchkrug, weil Milch drin ist. Ein Christ ist ein Christ, weil Christus drin ist. Während ich als 13-jährige natürlich direkt die klassischen pubertierenden Gedanken hatte (à la «haha, sex mit jesus»), schob ich den Gedanken ganz weit nach hinten in meinem Kopf und nickte verständnisvoll (vor allem, weil ich endlich verstand, dass es um einen Milchkrug ging). Ich musste irgendwann meine Sünden bekennen, habe aber das Timing verwechselt – ich hatte schon viel zu früh mit einer Aufzählung begonnen, und als mir dann später mitgeteilt wurde, meine Sünden zu bekennen, war das Thema in meinem Kopf eigentlich abgeschlossen. Es war entsprechend anspruchsvoll, irgendwie doch noch genügende Sünden aufzuzählen. Wie ich später herausgefunden habe, reicht grundsätzlich eine einzige Sünde, um sich zu bekehren. Gar keine hat niemand, auch wenn anscheinend ein EBG-Kind dem einmal sehr nahe kam, und sie intensiv nach Sünden suchen mussten. Zudem hatte ich das Gefühl, dass Oskar von mir fast mehr Sünden erwartete, da ich ja nicht einmal in einem gläubigen Haushalt aufwuchs. Jedes Mal, wenn mir gerade nichts mehr einfiel, fühlte ich mich fast schon dazu gedrängt, mehr aufzuzählen. Zu all meinen Sünden führte er jeweils aus, was daran alles schlecht war, und bezog sich immer wieder auf die Bibel. Das war ein wenig anstrengend, denn wenn ich nicht sowieso schon gewusst hätte, dass es eine Sünde war (für die EBG), hätte ich sie gar nicht aufgezählt. Nach meinem fast schon unbeholfenen Aufzählen weiterer Sünden knieten wir auf den Boden, falteten die Hände auf dem Stuhl und beteten um Vergebung. Leider war in meinem Kopf Jesus schon für meine Sünden gestorben (was wohl der falsche Zeitpunkt an der Bekehrung war), und ich dankte ihm dafür. Da unterbrach mich Oskar im Gebet und sagte: «Tut es dir überhaupt leid?» Dieser Satz ist mir eingefahren. Ich habe einen grösseren Teil der Bekehrung nicht mehr wortgenau im Kopf, aber dieser Satz hängt mir auch 9 Jahre später noch in den Ohren. Ich erschrak in diesem Moment enorm und war kurz den Tränen nahe. Da merkte ich: falscher Zeitpunkt, um Gott zu danken. Der kam später, nachdem mir Oskar von der Rettung meines armen Sünderdaseins durch Jesus erzählte. Wie gesagt: Das war zwar nichts Neues für mich, aber ich tat zumindest so. Alles in allem war meine Bekehrung eher psychisch belastend als entlastend. Als ich – etwas später als Konferenzbeginn – wieder zu Samira und meinen Freundinnen ging, fühlte ich mich merkwürdig. Damals erzählte ich ihnen, ich glaube, ich spüre den heiligen Geist. Heute würde ich eher vermuten, dass ich wegen der emotionalen Belastung einfach zu dissoziieren begann. Irgendwie fühlte sich nichts mehr real an.

Ich wusste von vornherein, dass viele Personen an einer Bekehrung weinten, weil sie endlich Jesu Opfer und Gottes Gnade erfahren würden. Ich wuchs aber in einem gläubigen – auch wenn reformiert-geprägtem, und nicht freikirchlichem – Haushalt auf, und der Neuigkeitsgehalt dieser Nachricht lag eher tief. Während meiner Bekehrung fühlte ich mich aber immer gestresster und falscher und schlechter, sodass ich etwa ab der zweiten Hälfte Tränen in meinen Augen hatte. Ich glaube, Oskar wartete darauf. Sobald die Tränen aufkamen, schien er zufrieden und das Gespräch verlief weniger stressig. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet – es ist schwierig, in dem Alter andere Menschen so gut zu klassifizieren, und rückwirkend weiss ich nicht mehr alles. Alles in allem war meine Bekehrung gar nicht so ein «rettender Moment», das erzählte ich aber natürlich niemandem. Endlich ging es in den Versammlungen nicht mehr darum, dass wir armen Sünder uns bekehren müssen, sondern auch um andere Teile der Bibel. Da merkte ich: Sie hatten den Inhalt der Versammlung angepasst, da sie wussten, dass ich kommen würde (Samiras Familie hatte sie vermutlich informiert). Jetzt, wo ich bekehrt war, brauchten sie mich nicht mehr zu retten, also konnte ich hören, wie ich jetzt in meinem christlichen Leben sein konnte. Zur Bekehrung erhielt ich ausserdem ein Geschenk von Ramona: eine Menora (siebenteiliger Kerzenständer, der nur im Tempel angezündet werden darf) sowie die Information, dass ich erst das Johannesevangelium lesen soll, weil dies für neu Bekehrte das beste Evangelium sei. Ein wenig hatte ich in der EBG immer den Eindruck, dass sie dachten, ich hätte keine Ahnung vom christlichen Gott oder der Bibel, nur weil meine Eltern eben nicht in einer «bibeltreuen» Gruppe waren. Umso schöner war es, wenn ich in den «was passierte genau in dieser Geschichte»-Quizfragen mit gleichaltrigen EBG-Jugendlichen den Tisch komplett abräumte, weil ich meine Kinderbibel ja durchaus sehr gut kannte, und im Religionsunterricht auch ganz gut war.

Der UK und die Lungenentzündung

Der nächste Meilenstein meiner religiösen Entwicklung war der Unterweisungskurs. Hierbei handelt es sich um einen zweiwöchigen Kurs, fast schon ein «Sommerlager», in welchem ca. 16-jährige EBG-Mitglieder zwei Wochen lang mit Predigern mehr über den eigenen Glauben lernen. Ich nenne den Kurs manchmal spasseshalber «Indoktrinationskurs». Dieser Kurs ist mit einer zeitlich kürzeren Konfirmation oder Firmung zu vergleichen, bei welcher die Informationen der zweijährigen Konfirmationsunterrichts auf zwei Wochen komprimiert werden. Am Konfirmandenunterricht der reformierten Kirche nahm ich auch teil, aber zeitlich später als am UK. Samiras Familie setzte sich ein, dass ich ein wenig früher den UK absolvieren konnte, da sie merkten, dass mir Wissen fehlte, und dass ich enorm wissensdurstig war. Das lag vielleicht daran, dass ich jede Woche ein neues Buch (oder drei) aus der «Ortsgemeindebibliothek» auslehnte und alles am nächsten Sonntag gelesen zurückbrachte. Und dann war es so weit. Meine Mutter und Schwester fuhren mich an den Ort, an welchem mein UK stattfinden würde. Dabei hatte meine Schwester Hotpants (kurze, enge Hosen) an, was schon für Aufsehen und ein paar merkwürdige Blicke, wie sie mir später erzählte, sorgte. Offen beklagt hat sich niemand, man musste meiner ungläubigen Familie den wahren Glauben vorleben, damit diese sich ebenfalls bekehren würden. Zwei Wochen lang wohnte ich mit 7 anderen Mädchen im (ausreichend grossen) Haus eines Predigers. Durchaus aufregend, nur war mir am zweiten Tag schlecht. Und am fünften. Am sechsten, Tag des Fotoshootings, war ich so blass, dass wir zum (christlichen) Arzt gingen. Der merkte noch nichts und schickte mich in die Bettruhe. Am Sonntag gings mir so schlecht, dass ich nicht einmal in die Versammlung, die gemeinsam mit den Jungs besucht wurde, gehen konnte, sondern einfach schlief. Montag fanden wir raus: Lungenentzündung. So ging ich in die Geschichte ein als die, die erstens: aus einer ungläubigen Familie so jung schon die «Wahrheit» erfuhr, aber auch zweitens: am UK krank wurde, und von Gott (und den Antibiotika) geheilt wurde. Zumindest bin ich froh, dass ich bei einer Gemeinde landete, die wenigstens nicht medizinkritisch war, ansonsten hätte das unschön enden können. Wie es neulich bei Corona aussah, weiss ich nicht. Ich nahm also Antibiotika bis und mit Ende UK, vielleicht auch noch länger, ich bin nicht mehr sicher, und verpasste einen Teil des Kurses, neben einigen Halbtagen und der Sonntagsversammlung auch die Wanderung am Dienstag. Dafür las ich die Bibel fertig (mir fehlten nur noch ein paar Psalmen) und begann, «Pidgin» – Tok Pisin, die Kreolsprache in Papua Neu Guinea, kurz PNG – zu lernen. Viele EBG-Prediger und ihre Familien waren bereits in PNG, mehrere Jahre lang auf Missionierungstour. So auch Philipp, bei dem ich mich vielleicht bekehrt hätte, und Oskar, bei dem ich mich bekehrte. Die Tochter von letzterem, hier Ramona genannt, wuchs sogar in PNG auf, wie die Kinder von Philipp auch. Und wenn ich während des UKs meine Medizin nehmen sollte, rief mich die Betreuerin jeweils mit «Susa, marasin!», was übersetzt «Schwester, Medizin!» heisst. Schwester natürlich im Sinne von Glaubensschwester. Ich selbst überlegte mir zu dieser Zeit, auch mal zu missionieren, rückblickend ging es mir aber wohl eher um den Spracherwerb und das Kennenlernen neuer Kulturen, und nur sekundär um die Rettung und das Seelenheil anderer Personen. Ich betrachtete andere Götter zwar als falsch, aber eher für mich selbst als für andere Menschen. Ganz spannend bei meiner Erkrankung waren auch die verschiedenen Interpretationen, warum ich den krank geworden sei. Realistisch könnte ich mich angesteckt und der Durchzug, in dem ich das vorhergehende Wochenende war, die Erkrankung begünstigt haben. Eben irgendwas medizinisch-begründetes. Meine Mutter fand, das sei ein Zeichen, dass mein Körper sich gegen die EBG wehrte, und versuchte mich davon zu überzeugen, dass ich auf meinen Körper hören und die EBG verlassen soll. Half nicht. Die EBG fand «hm. Das könnte ein letztes Überbleibsel von Satan sein, der sich ein letztes Mal dagegen wehrt, dass sie weg von seiner Kontrolle und unter die Kontrolle von Gott kommt.» Also gab es in erster Linie ein Gespräch mit den zwei Predigern, die den UK leiteten, und der weiblichen Unterstützung und Frau einer der beiden, die mich während und nach meinem UK sehr begleitet und unterstützt hat. Sie nannte sich spasseshalber «UK-Tante», und war eine der Frauen, mit denen ich häufig intensivem Kontakt hatte, und weiterhin habe. Wir sassen zu viert da und dachten nach, was denn da sein könnte. Irgendwann entschieden die Prediger, mich mit ihr allein zu lassen, da es sich möglicherweise um ein «Frauenthema» handeln könnte, und wir sassen zu zweit da. Wie ich viel später erfahren habe, ist das Frauenthema in diesem Kontext als «Thema zu Sex und Sexualität» zu interpretieren. Ich fragte mich damals, was die Mens (in meinem Kopf das einzige «Frauenthema») mit Sünden zu tun hatte. Ich erzählte also das einzige, das mir einfiel: Mein Schwarm für einen Jungen in der EBG. Nach dem Gespräch ging es mir mental um einiges besser, da ich nicht wirklich über ihn (oder mit ihm) reden konnte. Schliesslich war ich 14 Jahre alt und weit von einer Hochzeit entfernt, und dazu noch überfordert und unerfahren mit solchen Themen. Gegen die Lungenentzündung brachte dieses Gespräch nichts, und am Sonntag, als noch nichts entdeckt war und es mir dennoch ziemlich schlecht ging – ich schlief einfach den ganzen Tag -, kamen die drei unerwartet ins Zimmer, formten einen Kreis und erklärten mir folgendes: Sie würden mich jetzt salben. In der Bibel stehe, man müsse Kranke salben. Irgendwo im Jakobus, wenn es mir richtig im Kopf ist, auch wenn es dort wohl eher um Sterbende als um 14-Jährige mit Lungenentzündung geht. Eigentlich steht, man müsse selbst die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen, aber ich war krank und sie dachten wohl, dass ich vermutlich nie davon gehört hätte, da meine Eltern ja (im Vergleich zur EBG) nicht sehr bibelorientiert leben, lasen mir den betroffenen Vers vor und erklärten die Situation. Ich stimmte zu. Sie beteten also mit mir (ich lag einfach da und versuchte, nicht einzuschlafen), und salbten mich dann mit Salböl. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wenn jemand einfach die Stirn einstreicht, während alle fast verzweifelt daneben sitzen und nicht mehr wissen, was man sonst noch machen könnte, damit ich wieder gesund werde. Fast so, als wäre ich wirklich am Sterben gewesen. Tatsächlich machte ich an irgendeinem Punkt während des Uks, aber etwas vor dieser Salbung, einen geschmackslosen Kommentar, in etwa: «ah, ich bin (fast) am sterben». Während es als Witz nicht besonders lustig ist, reagierte ein Prediger darauf mit der Frage: «Willst du denn sterben?» Was antwortet man darauf? Ich sagte nichts. Ich dachte nach. Wollte ich sterben? Ich wollte nicht mehr die ganze Zeit mit meiner Familie streiten. Ich wollte mich nicht mehr so schlecht fühlen. Die ganze Angelegenheit war enorm belastend für mich und ich erfuhr nur von Seite der EBG Unterstützung. Meine Familie feuerte immer nur gegen die EBG. Gleichzeitig wusste ich: Selbstmord kann ich nicht begehen, das wäre sündhaft, und ich könnte danach nicht um Vergebung bitten, weil ich weg wäre. Sterben müsste ich zufällig. Wollte ich sterben? Irgendwie schon. Es wäre schön, einfach aus dieser enormen Anstrengung raus. Wenn ich einfach sterben würde, dann wär’s fertig und ich hätte nicht einmal gesündigt. Wenn dann so ein Prediger raushaut «willst du sterben?», dann ist das irgendwie schmerzhaft. Und ob es psychologisch-therapeutisch der richtige Ansatz ist, weiss ich auch nicht. Aber Psychologen (und Psychiater) waren in der EBG sowieso verachtet, mit der Begründung: «die verwirren einen nur». Aus demselben Grund wurde mir von einem Theologie-Studium abgeraten: «das verwirrt einen nur (im Glauben)». Ich betrachte meine Therapie nicht als Verwirrung und wäre froh, wenn ich schon viel früher gehen hätte können; es hätte mir viel Leid erspart. Am UK selbst sprachen wir nicht darüber. Wir sprachen über die Rettung durch Jesus, dass alle Menschen unter satanischem Einfluss stehen, bis sie unter Gottes Einfluss sind, warum Rockmusik satanisch ist (unter anderem wegen dem Rhythmus), warum Tanzen schlecht ist («vertikales Ausdrücken einer horizontalen Tat», ja, es ging wieder um Sex), und so weiter. Wir hatten ausserdem den Auftrag, Psalm 91 (wenn ich mich recht entsinne) auswendig zu lernen. Ganz gelungen ist es uns nicht, ich glaube, nur ein bis zwei meiner Gruppe lernten ihn auch wirklich auswendig.

Wir erhielten alle einen Ordner, der im Preis des Kurses inbegriffen war, und arbeiteten diesen gemeinsam durch. Dabei hatten wir nicht alles, das im Ordner war, auch wirklich durchgearbeitet. Die Arbeitsblätter waren genau das, Arbeitsblätter. Auf einer der ersten Seiten ging es darum, wer unser Gott ist. Bei den leeren Zeilen schrieben wir (sinngemäss) auf «Gott, der Vater», «Jesus Christus, der Sohn», und «Der Heilige Geist». Bei jeder leeren Zeile oder Aussage stand eine Referenz zu einem (oder mehreren) Bibelvers(en), in welchem dies stand. Dann sprachen wir über den Sündenfall. Das Verlassen von Gottes Gegenwart. Ich weiss nicht, wie viel Alttestamentliches wir diskutiert haben, aber der Prediger (das Buch, etwa in der Mitte der Bibel) wurde mehrfach zitiert. Dabei im Kopf geblieben ist mir das «Haschen nach Wind» aus Prediger 1, 14. «Alles Tun, das unter der Sonne geschieht,» ist «eitel und Haschen nach Wind». Und so ist jedes Imperium, das man auf der Erde aufbaut, effektiv wertlos, denn wenn man stirbt, ist es weg. Ein Haschen nach Wind, der sowieso wegbläst. Und weil es weg sein wird, brauchen wir auch nicht danach zu streben. Der Wind kommt, wie er geht. Mit diesem Verständnis kann man sehr schnell darauf kommen, was auch unsere Schlussfolgerung war, nämlich dass das, was nach dem Tod kommt, wichtiger ist als das, was sowieso vorbeigeht. Und was nach dem Tod kommt: Wir haben die Wahl, zwischen Himmel und Hölle zu wählen. Himmel heisst, ewige Gemeinschaft mit Gott, ihn tagein, tagaus loben und preisen und ehren, Hölle heisst, ewig verbrannt werden. (In einer Versammlung hiess es einmal, vielleicht auch «ewig fallen», «ewig nicht in Gottes Gegenwart sein»). Dafür erklärte Philipp illustrativ, wie heftig das Leiden sein könne. Er zeigte auf die kürzeste Strecke im Raum, von einer Tür zur gegenüberliegenden, und fragte, ob wir es aushalten könnten, diese fünf-Sekunden-Strecke zu laufen, wenn es hier drin brennen würde. Wie stark wir leiden würden, wenn alles Feuer wäre. Die Antworten lauteten natürlich «nein, könnten wir nicht», und «sehr fest». So stark über die Hölle zu sprechen, das war mir neu. Ich hatte nur im Religionsunterricht beim ersten und zweiten Anschauen desselben Martin Luther Films (irgendwie schien den jeweiligen Lehrpersonen nicht klar zu sein, dass wir den schonmal gesehen hatten?) einen Eindruck erhalten. Und dort war die Botschaft, die ich erhielt, eher «katholische Kirche = böse, und darum ging Luther weg von dieser angstmachenden, Höllenfeuer-lehrenden Kirche». Dass die katholische Kirche nicht böse ist, weiss ich unterdessen. Und dass Luther auch nicht wegwollte, weiss ich unterdessen auch. Naja. Philipp erklärte mit seinem Beispiel eindrücklich, dass wir es keine Sekunde in dem Feuer aushalten würden. Es war fast schon Angstmacherei, und ich bin enorm froh, dass die Angst vor der Hölle für mich damals so neu war. Wenn meine Eltern auch daran geglaubt hätten, dann wäre das Trauma sicher grösser. In dem Sinne tut es mir enorm leid für meine EBG-Mitmenschen, die mit dieser Angst aufwuchsen. Ich hatte schon Angst davor, nach dem Tod zu leiden, und wollte in diesem Kontext Sicherheit, aber diese erneute Angstmacherei gegenüber etwa 16-jährigen Jugendlichen empfand ich als unpassend. Vielleicht war auch das ein Punkt, von dem ich nicht so begeistert war.

Ausserdem lernten wir, wer Satan war. Kurz: Gefallener Engel, verführte Eva, und testet uns heute. Ist bei allem möglichen (wie eben Rockmusik) drin und kann sich sehr gut verstecken, und einen einlullen. Die EBG hinterliess bei mir über die zwei Jahre einen sehr abschottenden Eindruck. Einer der Gründe war auch, um sich vor Irrlehren zu schützen. Geistesgaben, wie sie in pfingstlich-charismatischen Kirchen gelehrt werden, wurde explizit abgelehnt. Wenn Gott keine mehr sendet, wer kann ihn ausreichend imitieren, und so die Christen täuschen, um sie von Gott abzuwenden? Genau, Satan, der täuschende Teufel.

Der Tagesablauf verlief in etwa wie folgt: Wir standen auf, versammelten uns am Tisch und hielten gemeinsam eine Andacht. Heisst: Wir lasen die Bibel und beteten zu Gott. Dann assen wir Frühstück und gingen in den «Unterrichtsraum». Dort sprachen wir über das jeweilige Thema, das wir eben gerade anschauen würden, ganz im Schulunterricht-Stil. Besonders gut im Kopf geblieben sind mir all die Fliegen, die dort herumflogen, und die detaillierte Beschreibung der Hölle als ein feuriger Ort, das Haschen nach Wind und die Herrschaft des Teufels über alle, bei denen nicht Jesus herrscht. In der Mitte des Morgens gab es eine kleine Pause, dann ging es weiter, dann Mittagessen. Nachmittags machten wir erneut Unterricht. Einige Male kamen weitere Personen zu Besuch, zum Beispiel eine Frau, bei der ich überhaupt nicht mehr weiss, worüber sie sprach. Wahrscheinlich ging es um Sex, denn die Prediger waren nicht mehr im Zimmer. Ich hustete viel, wegen der Lungenentzündung, und sie schaute mich jedes Mal ein wenig genervt an. Irgendwann schickte mich meine «UK-Tante» ins Bett und erklärte der Vortragenden, dass ich krank war. Sobald die Frau herausgefunden hatte, dass ich wirklich krank war, und nicht einfach hustete, um sie zu unterbrechen (oder sonst etwas), wirkte sie um einiges verständnisvoller. Das war zumindest ein spannender Wechsel. Irgendwann war der Unterricht fertig, und wir spielten mal gemeinsam ein Spiel, dann Klavier – die Hälfte der Absolventinnen spielten damals Klavier -, dann Ping-Pong, und so weiter. Nach dem Abendessen gab es erneut eine Andacht. Wir beteten ausserdem jedes Mal vor dem Essen, vor dem Abfahren im Auto, und ganz grundsätzlich jedes Mal, wenn es irgendeinen Grund zu beten gab. Am Abschluss selbst waren zwei meiner Verwandten anwesend – die sich wohl «aufgeopfert» hatten, damit zumindest jemand ging, ich glaube, meine Mutter hätte es nicht ausgehalten – und einer der Prediger sprach darüber, wie eben auch jemand krank wurde, sie beteten und «ds Gspänli» (wenn ich mich richtig entsinne) jetzt wieder besser drauf war. Ich durfte ausserdem meinen Aufsatz vorlesen. Wir hatten alle einen Aufsatz geschrieben, und durften wählen zwischen «Wunder der Schöpfung», «Das 5. Gebot», und «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe». Ich wollte erst das erste nehmen, und dann kamen die UK-Leitenden und fanden, es wäre spannender, letzteres zu hören. Schliesslich war ich nicht aus einem gläubigen Elternhaus. Nachdem ich Jahre nach Austritt einmal wieder den UK-Abschluss besuchte, verstand ich auch warum: Der Aufsatz von Kindern aus gläubigen Elternhäusern ist enorm langweilig. Sprachlich ist es noch in Ordnung, es sind immer noch 16-jährige, aber inhaltlich: Sie bekehren sich erst als Kind, dann, nachdem sie den Eltern wieder nicht gehorcht haben, erneut als Jugendliche, dann «erfahren» sie Gottes Vergebung, aber diesmal vermutlich richtig und bleiben (bis auf Weiteres, bis zur nächsten Sünde, bis sie wieder Busse tun müssen). Die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Aufsätzen sind minim. Ich schrieb also meinen Aufsatz, mit Unterstützung der UK-Tante, und las ihn also dort vor etwa 500 Leuten, inklusive meiner Grossmutter und meiner Tante, vor. Die meisten fanden es spannend und hörten gerne zu (sicherlich auch wegen der Abwechslung). Meine Verwandten waren nicht sehr begeistert davon, dass ich sie als ungläubig darstellte (auch wenn mein Satz nicht sehr gemein formuliert war, ich schrieb einfach, dass ich «Jesus» kennenlernte dank einer Freundin, und erwähnte kein «gläubiges Elternhaus» wie die anderen). Der Text endete und ich durfte wieder hinsitzen. Im Verlauf mussten wir noch Psalm 91, den wir auswendig lernen hätten müssen, aufsagen. Ich glaube, sie stellten die, welche es weniger wussten, in die hintere Reihe, damit wir ablesen konnten, und die vorne sagten es oder taten einfach so. Ausserdem konnten wir Lippenlesen, der Prediger sprach es uns vor. Einige Absolvierenden spielten ein Stück auf ihrem jeweiligen Instrument, so auch eine Freundin von mir, die unterdessen Musik studiert. Sie hatte auch ihren Text zum Thema «Gottes Schöpfung», den ich damals super fand, vorgelesen. Ein anderes Textthema, das mir blieb, war das 6. Gebot – du sollst niemanden töten. Vorgelesen hatte es der jüngste Sohn einer Predigerfamilie (und der häufigste Schwarm unter Gleichaltrigen, wirklich jede mochte ihn. Ich hatte meinen eigenen Schwarm, aber trotzdem. Unterdessen ist er verheiratet). Er sprach darüber, wie er manchmal auch Wut gegenüber seiner Familie verspürte, so intensiv, dass er sie am liebsten umbringen würde. Gewaltfantasien sind keine Seltenheit (wirklich nicht! Solange sie nur Fantasien bleiben, sind sie auch aus psychologischer Sicht total in Ordnung), aber religiöse Gemeinschaften, die mehr Regeln aufstellen als die Bibel selbst beinhaltet (also, wie die EBG), kombinieren auch das 6. Gebot und Matthäus 5, 28: «Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat mit ihr schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen.» zu einem: «Wer jemanden ansieht, ihn zu töten, der hat ihn schon getötet in seinem Herzen.» Und so handelte der 1-2-seitige Aufsatz davon, wie er sich manchmal so über seine Familie aufregte, dass er sie am liebsten getötet hätte. Joa. Meine Verwandten waren in der Mittagspause nirgends zu sehen – sie waren in ein Restaurant geflohen – und teilten mir später mit, dass sie die Augen von allen, aber besonders uns auf der Bühne, als sehr glasig empfunden hätten. Das erstaunte mich, hatte meine UK-Tante einmal erzählt, dass sie den Kommentar erhalten habe, dass man den Heiligen Geist in den Augen sähe (oder «Gottes Wirken», ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern). War Gott…glasig?

Der UK endete ohne weitere Geschehnisse, eben, abgesehen von meinem Krankwerden. Unsere Handys wurden am Anfang entzogen, nachdem sie merkten, dass wir zu viel am Handy waren. Nur eine halbe Stunde Handy pro Tag, um unsere Verwandten zu informieren, dass es uns gut ging, etc. Ich erhielt das Handy früher zurück, damit ich mehr mit meinen Eltern telefonieren durfte, die sich sicherlich Sorgen machten. Auch einen Post-UK-Treff («UK-Weekend») schafften wir nur einmal, als es von unserer UK-Tante (mit)organisiert wurde. Meine UK-Gspänli sind unterdessen in aller Welt mit verschiedenster Kontakthäufigkeit. Ich bin ausgetreten und habe ein nicht-freikirchen-kompatibles Weltbild, Samira ist weiterhin bei der EBG dabei, eine ging zu einer «Finanzsekte» (nicht Wohlstandsevangelium, soweit ich weiss), eine hat unterdessen geheiratet, eine studiert Musik, mit einer anderen habe ich versucht, den Kontakt aufrecht zu halten und es ging einfach nicht. Eine andere ist weiterhin bei der EBG, und die letzte, die ist schon lange geflohen. Aber als ich ihr damals schrieb, dass ich austräte, antwortete sie mir, dass ich Glück hätte und dass sie froh sei, aber auch ein wenig neidisch, dass ich austreten konnte. Sie war noch eine Weile «gefangen» in der EBG, aufgrund einer komplizierten Familiensituation. Aber ich bin froh, dass sie jetzt auch rausgekommen ist.

Austrittsphase

Eine Weile vor meinem Austritt, vielleicht ein halbes Jahr, vielleicht nur ein Viertel, begann ich, nicht mehr in die Gottesdienste gehen zu wollen. An einem Punkt wünschte ich mir, meine Eltern würden es mir wieder verbieten – was ironisch war, denn anfangs ging ich sowieso, egal, ob sie es mir verbaten oder nicht. Jetzt würde ich sie sicher nicht fragen, es mir doch bitte zu verbieten. Das würde meine Glaubwürdigkeit komplett zerstören. Ich zwang mich also, weiterhin zu gehen, und fühlte mich immer eingeschränkter in der Gruppe. Es gab so viele Dinge, die so und so zu machen waren, nicht zu machen war, oder doch zu machen waren, und ich war an irgendeinem Punkt einfach zu überfordert mit allem. Es war eng, und ich fühlte mich unfrei. Ich hatte neben der EBG dank ein paar Mitschülerinnen und Mitschülern ein neues Supportsystem aufgebaut, auf welches ich mich verlassen konnte. Eines, das nicht nur über Jesus sprach und mich akzeptierte, als ich nicht wusste, über was sprechen, wenn nicht über Jesus. Ein wichtiger Auslöser hier war auch ein Gespräch mit einer Schulpsychologin, die mir vom Klassenlehrer wegen meiner emotionalen Auslastung empfohlen wurde. Da ich vorher zum Klassenlehrer ging, um mentale Unterstützung zu erhalten, konnte ich schlecht nein sagen, und ging also zu ihr. Sie brachte mir das Konzept von «Babysteps» bei (welches auch heute noch bei allem enorm wichtig ist), und traf eine Aussage, die wiederum mich traf: «Ich finde es schade, wenn jemand, der so jung wie Sie ist, sich bereits so stark einschränkt in seiner Weltanschauung.» Dies hätte nicht so eingeschnitten, wenn ich das Problem nicht auch gehabt hätte. Vor meiner EBG-Zeit dachte ich immer über Gott und die Welt, verschiedenste Interpretationen, Paralleluniversen und so weiter nach. Dass Schöpfung und Evolution kompatibel waren, gehörte zu Meinungen, die ich anfangs Primarschule äusserte (natürlich auch, weil meine Familie durchaus an Gott glaubt). In der EBG gab es nicht mehr so viel Spielraum. Plötzlich war alles definiert und ausformuliert, was zwar anfangs viel Sicherheit gab, mich aber gegen Ende zu stark einengte. Ich konnte nicht mehr über Gott und die Welt nachdenken, sondern nur noch über den EBG-Gott und die EBG-Welt. Ich spürte in meinem Kopf eine metaphorische Box: Die Box war durch die EBG definiert, und alles ausserhalb der Box war automatisch falsch. Warum über etwas nachdenken, das gemäss Bibel oder EBG sowieso falsch war? Das belastete mich. Nicht, dass ich es je jemandem gesagt hätte. Und dann sitzt die Schulpsychologin da und trifft einen wunden Punkt, vermutlich sogar unbewusst. Ich war im ersten Moment erschrocken, und dachte «ja, aber es ist die RICHTIGE Weltanschauung! Ist doch gut, dass ich sie schon so früh habe!». Ich merkte in diesem Moment, dass ich auf etwas, das mich selbst belastete, eine Antwort hatte. Ich war aber trotzdem betroffen, da es mich, trotz «richtiger Weltanschauung», störte, nicht mehr über alles nachdenken zu können. Die Antwort reichte also nicht aus, um das Problem zu lösen. Rückblickend denke ich, dies war der erste Moment, in dem ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Irgendwann später würde ich mich aktiv dagegen entscheiden, kritische Punkte bei EBG-Mitgliedern anzusprechen, weil ich meine Zweifel behalten wollte. Ich wusste: Wenn ich etwas thematisiere, lerne ich solche «Antworten» auf Aussagen, wie wir lernten, die Antwort auf «warum lässt Gott dies zu?» ist (ganz kurz zusammengefasst) «er gab den Menschen den freien Willen». Die Antworten halfen aber nur oberflächlich, fast schon als Reflex-Antworten zur Besänftigung, aber sie lösten das Problem nicht. Es brauchte noch mehr, bis ich zum Austrittsentschluss kommen würde: Kein weiterer Druck zum Austritt. Einige Personen in meinem Leben versuchten, mich aus der EBG rauszuziehen, mit aller Macht und Gewalt. Meine Mutter, mein Vater, meine Schwester, meine Grosseltern, Tanten, sie alle hatten Mühe damit. Meine restliche Familie sicher auch, nur sagten diese nichts. Zum Glück. Als dann auch die letzten aufhörten, mich irgendwie vom Gegenteil der EBG-Predigten zu überzeugen, und niemand mehr mir verbat, irgendwo hin zu gehen (wobei ich die Verbote sowieso nicht berücksichtigte, sicher nicht ganz im Sinn des fünften Gebots und Epheser 6, was die EBG-Prediger aber auch nicht störte), dann war ich bereit. Das Bedürfnis auszutreten kam nie, während alle mich versuchten rauszuholen, während alle Witze machten, während alle gegen die EBG feuerten. Dies versteigerte nur meinen EBG-Eifer und motivierte mich, noch gläubiger, noch «standhafter im Glauben», noch «religiöser» zu werden. Als dies abliess, fehlte mir eine der Motivationen. Plus, ich erhielt das Gefühl, meine Familie würde jetzt keine dummen Witze schiessen und mich nicht herablassend betrachten, wenn ich austreten würde, sondern sie würden mich akzeptieren, wie sie mich in der EBG akzeptierten (oder tolerierten). Das war ein wichtiger Punkt beim Supportsystem. In meinem damaligen Supportsystem gab es weitere Mängel, einige Freunde, die sich als nicht-Freunde herausgestellt hatten, aber alles in allem war es ein funktionierendes System, und viele gehören auch heute weiterhin dazu. Ich hatte mich über die Sommerferien mal wieder über alles «entleert» – ich erzählte einem neuen Teil des neuen Supportsystems das, was mich immer noch belastete, aus meinem Leben vor der EBG. Rückblickend war dies wohl meine Strategie, Vertrauen aufzubauen: einfach mal alles loswerden und schauen, was passiert. Ich begann, nicht mehr an die Versammlungen zu gehen. Nach nicht allzu langer Zeit hörte ich von Samira: «Warum warst du nicht an den letzten Versammlungen?» Ich weiss, sie meinte es nicht böse. Ich war in diesem Augenblick etwas (negativ) überrascht. Ich hatte ein bis zweimal gefehlt, und während sie mich natürlich durchaus fragen konnte, fühlte ich mich bedrängt. Ich fühlte mich, als würde sie mich dafür verurteilen, und als wäre es zwingend notwendig, immer zu gehen. Fakt ist, ich hatte keine Lust, an die Versammlungen zu gehen, und ging also nicht. Die Frage aber führte zu einer eher negativen Anschauung der EBG, weil es sich nicht mehr freiwillig, sondern gezwungen anfühlte. Ich war und bin kein Fan vom Zwingen, für mich gibt es nur freiwillig oder gar nicht. Ich entschloss, nicht mehr an den Versammlungen teilzunehmen, da ich ansonsten mit einer Fragelawine überflutet werden würde, und kam zeitgleich zum Schluss, die EBG zu verlassen. Da die EBG sowieso keine vertragliche Mitgliedschaft hatte, sondern einfach «Mitglied ist, wer sich als Mitglied sieht», war das Austreten auf der rechtlichen Basis in dem Sinne nicht möglich. Ich wollte aber auch nicht allen Kontakt abbrechen, wie es ein halbes Jahr vor mir die Familie einer anderen Freundin gemacht hatte. Das war erst gerade kürzlich passiert, und ich hatte gemerkt, wie verzweifelt alle versuchten, die Familie zurückzuholen, wie sie beteten. Eine Freundin, nennen wir sie Nina, hatte sogar Zitteranfälle. Ihr ging es damals überhaupt nicht gut, und die Unsicherheit half nicht. Therapie war sowieso nicht erlaubt, oder: «nicht empfohlen». Ich entschied, allen klar mitzuteilen: Ab sofort komme ich nicht mehr. Ich gehöre nicht mehr zu euch. Als ich dies meiner Mutter mitteilte, weinte sie vor lauter Freude. Sie weinte heftig und lange. Kurz nach meinem Entschluss fingen meine psychosomatischen Symptome an: Ich hatte zehn Wochen lang richtige Bauchschmerzattacken. Nach etwa vier Wochen Bauchschmerzen meldete ich mich für einen Tag krank und verschickte mein sorgfältig vorbereitetes SMS an eine sorgfältig durchdachte Selektion von Menschen. Samira, Nina, Prediger Philipp, aber auch Ramona, die an der Bekehrung dabei war, waren hierbei die aufzählendwertesten. Ich kommunizierte, dass es mir zu «dogmatisch» sei, und dass ich weiterhin an Gott glauben würde – was ich auch wollte. Nina reagierte nicht gut darauf: Einen Monat lang schickte sie mir nichts anderes als Bibelverse. Ich wusste, ihr ging es gar nicht gut – wie vor einem halben Jahr schon – aber mein Entscheid war gefällt, und kein Bibelvers würde dies ändern. Prediger Philipp schrieb mir eine Mail, die ich noch habe. Darin war ein Satz, der mich tief verletzte, und der dazu führte, dass ich jetzt gar keinen Kontakt mehr mit ihm habe oder möchte: «Wir haben dich sehr geliebt, wie unsere eigene Tochter.» Dazu kam noch: «dass dir die EBG zu dogmatisch ist, überrascht uns, hast du doch nie etwas davon erwähnt» (bewusst nicht, da ich meine Zweifel eben nicht loswerden wollte, und es auch lange kein Problem war), und «hast du dies denn auch mit Gott besprochen?». Ramona antwortete nicht. Sie sprach vermutlich mit Samiras Mutter darüber. Als ich sie ein paar Jahre später wieder sah, teilte ich ihr eher offen – und auf Nachfrage – mit, dass ich ganz aus dem Glauben gegangen war. Da weinte sie. Es ist schmerzhaft, Personen zum Weinen zu bringen, vor allem die, welche einen eigentlich immer unterstützt haben, und die eben einfach zufällig sehr «gläubig» sind. Vor Samiras Reaktion hatte ich am meisten Angst. Sie war trotz allem eine gute Freundin, ich wollte mit ihr Kontakt behalten. Ich wollte weiterhin befreundet sein, aber ich hatte Angst, dass sie wie Nina entscheiden würde, nichts mehr mit mir zu tun zu haben. Ich hatte enorme Angst davor, verletzt zu werden. Also sprach ich sie darauf an, und ihre sehr direkte Antwort war: «Ich war vor der EBG mit dir befreundet, ich war während der EBG mit dir befreundet, nur weil du jetzt ausgetreten bist, bleibe ich trotzdem mit dir befreundet.» Da fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Meine Freundschaft mit Samira bleibt bis heute, und bei Themen, die wir unterschiedlich sehen (beispielsweise, ob Homosexualität jetzt sündhaft, gut oder schlecht ist, auch wenn ich dort eine sehr öffentliche Meinung habe), reden wir einfach nicht drüber. Es gibt genügende spannendere Themen, die man besprechen kann. Mit Nina habe ich keinen Kontakt mehr. Wir hatten noch ein paar Mal Kontakt nach dem Bibelversdilemma, bis wir uns irgendwann treffen wollten, sie einen Tag vor dem Treffen dann doch absagte, und ich fand, das war mir zu spontan. Ihre Begründung interpretierte ich als «tut mir leid, ich will gar nichts mit dir zu tun haben». Später fand ich heraus, dass sie einfach nicht mit mir über LGBTQI+-Themen sprechen wollte. Das wäre das geringste Problem gewesen, schliesslich schaffte ich es mit Samira auch, nicht darüber zu sprechen. Ich habe diese Erfahrung einer Freundin mitgeteilt, deren Bekannte begann, mit ihr den Kontakt abzubrechen, weil sie mit Frauen zusammen war, und möchte dies jetzt an die Öffentlichkeit tragen: Es gibt religiöse Personen, die homosexuelle Beziehungen akzeptieren oder zumindest tolerieren, auch wenn sie Homosexualität als Sünde betrachten, und es gibt solche, die es gar nicht akzeptieren. Ob man weiter befreundet sein kann, hängt von der Person und nicht der Religion ab.

Heute mag ich auch dank meiner politischen Aktivität eher laut über LGBTQI+-Themen sprechen und Geschlecht und Sexualität nicht mehr so eng sehen wie früher, aber es war ein riesiger Prozess. Als ich aus der EBG austrat, wusste ich, dass ich ein Problem mit (ausgelebter) Homosexualität hatte. Ich lernte neue Freunde kennen, und einzelne begannen, sich zu outen. Ich wollte sie akzeptieren, aber ich schaffte es nicht. Wenigstens beschwerte ich mich nicht offen darüber – ich bin nicht sicher, ob sie damals wussten, wie homophob ich war. Vielleicht schon, und ich merkte es einfach nicht. Ich hatte zur EBG-Zeit mal mit meiner Klasse über Homosexualität diskutiert, und es waren ich und der andere EBG-ler gegen den Rest der Klasse, wobei 4 Personen (ein Viertel, wenn ich’s richtig im Kopf habe) sagten «sie dürfen zusammen sein, aber keine Kinder adoptieren». Von dem her: gut möglich, dass ein paar Kommentare kamen. Insgesamt arbeitete ich aber an meiner Homophobie, und sagte mir selbst immer wieder «nein, es ist okay, wenn er schwul ist. Er darf das. Er darf mit Männern schlafen.» Ich konfrontierte mich mit Bildern von homosexuellen Paaren und sagte mir selbst «ja, das ist gut. Es ist richtig. Sie dürfen sich gegenseitig lieben.» Ich holte mein Neues Testament mit interlinear-Übersetzung Griechisch-Deutsch und jagte nach den Versen, in denen stand, Homosexualität sei falsch. Fünf fand ich. Zwei im 3. Moses, die ich dem Grund «Hygiene» zuordnete. Zwei in den Briefen, die ich der Pädophilie zuordnete (auch wenn das heute wohl noch umstritten ist). Und der einzige Vers, den ich heute noch ernst nehme bei dieser Diskussion: Römer 1, 26-27. Auch der einzige, in dem (lesbische) Frauen erwähnt werden. Das Problem aber war Römer 2, 1: «Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.» Kurz: Richten ist falsch. Ich fand einen Artikel von homosexuellen Christen, die darüber sprachen, dass Kapitel 1 dazu da war, den Leser zum Gedanken «Ja, diese Menschen sündigen wirklich!» zu bewegen, und Kapitel 2 dann dieses Urteilen verurteilte, und das bis zum erlösenden «darum ist Jesus für uns gestorben» in Kapitel 3, 25. Ja, dass theologisch oder religionswissenschaftlich Gebildete jetzt stunden-, wenn nicht wochenlang über den Römerbrief diskutieren könnten, ist mir bewusst. Mir reichte das, um weitermachen zu können. Es kann einen Gott geben, der Homosexuelle akzeptiert, also kann ich das auch. Ich wollte das Konzept oder die Person «Gott» nicht aus meinem Leben streichen, und wenn es keinen Gott geben könnte, der Homosexuelle akzeptiert, hätte ich mich entscheiden müssen. Das wäre härter gewesen. Viele Personen in einer solchen Situation wechseln die Freikirche – ich wurde auch von einer Freundin, die meinen Text erhielt, gefragt, wo ich jetzt hinginge – oder glauben gar nicht mehr an Gott. Ich sah vor allem letzteres, im Internet. Menschen, die ihre Sekte verliessen, und dann gar nicht mehr an einen Gott glauben konnten. Was ich auch verstand, aber es fiel mir schwer. Andere Freikirchen mochte ich nicht – die EBG hat sich immer sehr bewusst distanziert, und diese Distanz blieb, bis ich mich aktiv dafür entschied, andere Freikirchen etwas lockerer zu sehen. Das dauerte aber um einiges länger als der Entscheid, Homosexuelle zu akzeptieren. Und so landete ich in einer Situation, in der ich unabhängig vom Glauben aktiv all meine Werte, nach einer späteren rechten Phase auch meine xenophobischen, islamophobischen und ganz allgemein ausländerfeindlichen Ansichten, ablegte und alles neu überdachte. Was wollte ich glauben, was wollte ich akzeptieren, was nicht? Ich entschied, grundsätzlich keine Meinung zu vertreten, bis ich Grund für eine Meinung hatte. Das ging natürlich nicht, denn ich habe weiterhin viele antrainierte Vorurteile, denen ich mir immer wieder bewusstwerde. Erst jetzt, einige Jahre später, fällt mir auf, was für Werte ich alle aus der Zeit früher weiterhin vertrete und nie überdachte, auch wenn ich meinungslos sein wollte. Aber unabhängig davon: Die Entscheidung, jetzt aktiv mein eigenes Weltbild und meine eigene Wertvorstellung zu erschaffen, war wichtig. Ich wollte mich nicht von Gruppe zu Gruppe, Kirche zu Kirche schmeissen lassen, wie es auch heute bei so vielen Austritten geschieht, sondern erst ein Weltbild und dann eine passende Gruppe finden. Das ist ein Prozess, der anhielt und weiterhin anhält, und vermutlich auch noch lange anhalten wird. Das erste halbe Jahr war brutal, von Selbstzweifeln, Selbsthass und viel Belastung geprägt, und ich dachte, ich müsste eine Klasse wiederholen, weil ich das ganze Schuljahr emotional weg war und nicht einmal wusste, was meine Notenlage war. Musste ich zum Glück nicht, sicher auch, weil meine Lehrpersonen verständnisvoll waren und ich nicht viel lernen musste, um genügende Noten zu schreiben (dafür aber keine besonders guten). Aber mein Weltanschauungsprozess geht weiter, und das ist in Ordnung so. Ich will keine absolute Wahrheit mehr. Ich hatte eine, und musste sie verwerfen. Diese Erfahrung reicht einmal, ich will mich in keine neue absolute Wahrheit verheddern, und die dann erneut und die nächste danach erneut verwerfen, bis mein ganzes Leben vorbei ist. Für mich will ich nur noch relative Wahrheiten, die nicht verworfen, sondern angepasst werden können.

Erzählungen aus der Zeit

Das Hauptthema bei den jungen Leuten: Sex

Wie auch bei allen anderen Pubertierenden war auch in der EBG Sex und Liebe ein Thema. Eben einfach auf eine andere Art. Kurz nach meinem Beitritt in die EBG begann ich, einen «faire Liebe»-Kurs zu machen. Ich erhielt per Post jeweils ein Heftchen, in welchem geschrieben wurde, was Liebe ausmacht, und was Gott will (oder «wolle»). Die Aufgaben im Heftchen beantwortete ich jeweils – natürlich immer gut, weil ich gut in schulischen Sachen bin, und am Ende eines Heftchens Fragen zum Text im Heftchen beantworten war nicht das Anspruchsvollste meiner schulischen Karriere – und freute mich darüber. Ich hatte auch eine Unmenge an Büchern, in denen es um Liebe ging. Es ging darum, sich rein zu halten, damit man bei Gottes gewähltem Ehepartner dann ohne schlechtes Gewissen ein weisses Kleid – ein Reinheit, also Jungfräulichkeit symbolisierendes Kleid – zur Hochzeit tragen konnte. Während auch andere, modernere Gemeinden diesen Ansatz vertreten, und der «faire Liebe»-Kurs wohl auch für verschiedene Gemeinden nutzbar ist, fällt bei der EBG der klare Abstand zwischen Mädchen und Jungen, Männern und Frauen auf. Bei anderen Freikirchen umarmen sich die Jugendlichen untereinander, sitzen zusammen auf einem Sofa, treffen sich vielleicht sogar zu zweit, lange bevor sie zusammen sind oder überhaupt zusammenkommen. Nicht in der EBG. Kontakt mit einem Jungen war nur dann «erlaubt», wenn es in einer Gruppe war. Es wurde empfohlen, Jungs über die Gruppendynamik kennenzulernen: Wie verhält er sich in der Gruppe, was macht er genau? Wie ehrt er im Gemeindeleben Gott? So klang die Empfehlung. Ob Jugendliche dies auch so machten, ist eine andere Frage. Als ich bei meiner UK-Tante zu Besuch war, erzählte ihr Sohn von seiner Freundin (die er, meines Wissens, unterdessen geheiratet hat – man darf sich aber in dieser Phase noch trennen, wenn es wirklich nicht passt. Vielleicht hat er sich auch getrennt, aber verheiratet ist er jetzt sicher). Er hatte irgendwie ihre Nummer erhalten, und «plötzlich» tauchte ihr Profilbild bei ihm auf. Vielleicht hatte sie ja die Einstellungen geändert. Er fragte also einen Freund, ob er bei dieser Nummer das Profilbild sähe. Dieser sah es nicht, also wusste er: Sie hat irgendwie seine Nummer erhalten und ihn eingespeichert. Als er das erzählte, merkte meine UK-Tante an, dass dies überhaupt kein Vorbild für die jungen Leute am Tisch (ich glaube, Samira oder Nina waren auch dabei) sei. Dabei lachte sie, so schlimm kann es also nicht gewesen sein. Es war noch früh, in den Zeiten, als WhatsApp in der EBG noch sehr umstritten war, und wenn man überlegt, wie jung doch alle noch waren, erstaunt das Gespräch weniger. Etwas unterhaltsam ist es dennoch: Klingt mehr nach einem Gespräch zwischen zwei Teenies, das man zufällig im Zug überhört, statt nach einer konservativ-christlichen Gruppierung und mehreren Erwachsenen. Gefehlt hätten nur noch Jugendwörter und Anglizismen.

Die EBG predigt, wie viele andere, «keinen Sex vor der Ehe», und lehnt jegliche Form der Sexualität vor der Eheschliessung zwischen Mann und Frau ab. Dazu gehört auch das Masturbieren, der Konsum von Pornographie (ob via Film oder Text, auch wenn ersteres eher erwähnt wurde), alles Homosexuelle, alles, was mehr als die beiden miteinander verheirateten Ehepartner beinhaltet – nur weiss ich nicht, wie «wild» ein verheiratetes Ehepaar sein darf. Ich erhielt einmal ein (älteres) Buch, in dem drinstand, dass ein Ehepaar vor dem Sex beten soll und Gott um seinen Segen sowie, wenn ein Kind entstehen sollte, um dessen Gesundheit beten soll. Die Vorstellung, in Gottes Anwesenheit Sex zu haben, mag die wenigsten begeistern, und ich weiss nicht, ob es in der EBG wirklich so gehandhabt wurde. Den anderen Tipp, so viele Kinder zuzulassen, wie ihnen per Gottes Gnade zustand (nämlich ohne Verhütung einfach raushauen, bis der Körper nicht mehr kann), befolgten zumindest einige Familien. Bei jüngeren Ehepaaren bleiben aber die Kinder teils für einige Jahre aus, und da ist es gut möglich, dass dieser Tipp nicht befolgt wird.

Die Regelung, erst verheiratet Sex zu haben, führt natürlich dazu, dass junge Erwachsene sehr schnell heiraten. Grundsätzlich ist es so, dass man sich erst kennenlernt (nicht auf Dates! Nicht allein in dieser Phase). Man erkundigt sich bei der Person, den eigenen Eltern und den Eltern dieser Person, ob diese einverstanden sind, ich weiss aber nicht, in welcher exakten Reihenfolge das Erkundigen geht. Auf jeden Fall: Sobald zwei Personen offiziell zusammen sind, betrachtet man sie grundsätzlich als zukünftiges Ehepaar. Es gibt keine kurzfristigen Beziehungen – auch wenn ich ehrlich gesagt nicht verstehe, warum man das Label «Mein Freund» braucht für etwas, das nicht langfristig beabsichtigt wird. Wenn man einfach etwas mit jemandem anfangen will, aber nur kurz- oder mittelfristig, muss man ja nicht gleich zusammenkommen? Es gibt viele Labels, gibt es kein passenderes? Vielleicht ist diese Überlegung auch eines meiner EBG-Überbleibsel. Wer weiss. Auf jeden Fall: In der EBG gibt es langfristige Beziehungen, die immer auf Ehe auslaufen. Man darf aber, ehe man sich verlobt, auch noch sich trennen – wenn man merkt, nein, es passt doch nicht. Natürlich «probiert» man keinen Sex, sondern es geht um das alltägliche Zusammenleben. Man geht vielleicht zu zweit wandern, aber schläft sicher nicht im selben Bett (oder Zimmer). Sobald man seine Tests durchgeführt hat und das notwendige Geld (und natürlich die Libido) beisammen hat, geht es an die Verlobung, in welcher das gemeinsame Leben als Ehepaar vorbereitet wird, die Hochzeit geplant, und so weiter. Was genau in welche Phase kommt, ob beispielsweise «wie wollen wir unsere Kinder erziehen» in die Zusammen oder die Verlobungsphase kommt, hängt wohl vom Paar ab. Ab der Hochzeit geht die Post ab: Man darf alles, auch den Ehering schön vorzeigen, und mit den Kindern, die mal sehr schnell, mal erst nach einiger Zeit aufkommen, den christlichen Alltag bestreiten.

Dass christliche Paare so schnell heiraten, um ins Bett zu kommen, ist natürlich nicht etwas, das überrascht. Und darum wurde auch immer aktiv geraten, sich solche Dinge sehr gut zu überlegen, bei anderen die Meinungen zu dieser Person einholen (um sich nicht verblenden zu lassen) und sich ausserdem nicht auf irgendwelche Männer einzulassen. Zum Beispiel Männer, die einfach nur vor der Hochzeit Sex wollten und einen dann fallen liessen wie eine heisse Kartoffel. Oder die heirateten, einfach nur, damit sie mit der schönen Frau Sex haben konnten. Beides passiert sicherlich genügend häufig, und das aktive Anlügen der ernstmeinenden, aufrichtigen Frauen ist auch ein Grund, warum ich diesen Männern einfach am liebsten eine zusammengerollte Zeitung mit viel Schwung über den Kopf gehen lassen möchte.

Ausserdem gibt es, neben einigen Geschichten, wie schlimm die Beziehung werde, wenn man die andere Person «zu früh dran lässt», und dem älteren Buch, das ich las, auch einige weitere spannende Tipps, von denen wir jeweils hörten.

Einer dieser Tipps beinhaltete das genaue Planen, wie weit was ging, wo die Grenze war, und so weiter. Die Planung würde sich auf den Hochzeitstag beziehen, heisst: Er fängt vielleicht ein Jahr vor geplanter Hochzeit an. Das erste, das man darf, wäre dann vielleicht Händchenhalten. Ein Vierteljahr später die erste Umarmung – bei der EBG umarmen sich Jugendliche unterschiedlichen Geschlechts nicht, im Gegensatz zu vielen anderen Freikirchen -, und ein halbes Jahr vor der Hochzeit vielleicht sogar ein Kuss. Vielleicht sollte der aber auch der Hochzeit vorenthalten bleiben, also erst mal ein Kuss auf die Wange. Wer etwas lockerer drauf ist, lässt vielleicht sogar ein gewisses Befummeln vor der Hochzeit zu, welches graduell vor der Hochzeit steigen darf und mit dem Höhepunkt des «richtigen Sex» in der Hochzeitsnacht endet. Das ist dann aber schon sehr liberal.

Abgesehen davon, dass meine Familie gar nicht begeistert war von der Vorstellung, dass ihre jugendliche Tochter erst in der Hochzeitsnacht Sex haben wollte – meine Eltern sind da nicht sehr konservativ und der reformatorischen Auffassung, es ist wichtig, erst zu wissen, ob es physisch passt -, gab es noch eine andere Hürde. Wen würde ich denn heiraten? Anfangs war es klar. Natürlich meinen Schwarm. Er würde seine Bildung, ich meine absolvieren, dann würden wir heiraten, 8 Kinder kriegen und ein friedlicher, christlicher Haushalt sein. Er würde arbeiten, ich würde christliche Bücher schreiben, Kinder und Haushalt übernehmen (obwohl ich bei letzterem wirklich nicht verstehe, wie ich mich damit abfinden konnte). Eben das, was ich mir bei meinen EBG-Freunden vorstellte und selbst nicht hatte. Auch wenn es natürlich unrealistisch war, aber das war mir dort nicht klar. Dummerweise trat der Schwarm aus (zwar in eine andere Freikirche, aber das war uns damals unklar). Ich hatte also niemanden mehr, über den ich «happy married life»-Fantasien haben konnten. Wen würde ich jetzt heiraten? Ich kannte all die Jungs nicht. Die, welche ich besser kannte, waren so bekannt, dass auch schon viele andere für sie schwärmten. Natürlich könnte ich mir auch später einen Ehemann holen, es war sowieso zu früh, aber ich hatte in meinem Kopf immer ein «Zielobjekt», ein Junge, über den ich tagträumen würde (ging bei Mädchen aus ersichtlichen Gründen, Homophobie, nicht, auch wenn wir oft scherzten «ach, wenn du nur ein Mann wärst!»). Abgesehen davon gab es ein anderes Problem: Meine Familie. Sie waren nicht bekehrt, ungläubig. Und wenn ich es bis 18 nicht geschafft hätte, sie zu bekehren? Würden Männer dann nicht mit mir zusammen sein wollen, weil es eben kein christliches Happy Married Life geben würde, da ja schliesslich die weltlichen Grosseltern unserer Kinder einen schlechten Einfluss auf sie sein könnten? Wie viele Männer wären wohl davon abgeschreckt worden, wenn klar gewesen wäre, dass mich zu heiraten bedeutete, die ungläubigen Eltern um meine Hand anzuhalten, und wenn sie zustimmten, was ich bei meinen Eltern irgendwie bezweifle – naja, ich hätte es sowieso gemacht, wenn es dazu gekommen wäre – dann auch die Kinder in gläubigem Haushalt mit ungläubigen Grosseltern grosszuziehen? Das war ein Problem. Ich wusste auch nicht, mit welchem Typen im Kopf ich die missionarischen Fantasien ausleben soll. Es ging dennoch eine Weile, bis ich mich von der EBG verabschiedete, aber wenn mein Schwarm geblieben wäre, dann wäre ich vermutlich auch etwas länger dortgeblieben. Wie viel länger, weiss ich nicht, vielleicht ein halbes Jahr oder 3 Jahre (bis ich 18 war) länger. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nie dort heiratete – oder mich verlobte. Die Leute sind sympathisch und aufrichtig in ihrem Glauben, aber die Möglichkeit zum Weggehen ist eben signifikant eingeschränkt, wenn man hineingeheiratet hat.

Ein Brief an meine Familie

Während meiner EBG-Zeit litten meine Familie und ich stark, beide auf unsere Art, und wir sagten wohl beide einiges, das andere verletzte. Die Zeit war belastend und ich erfuhr bei weitem mehr (emotionale) Unterstützung vonseiten der EBG als vonseiten meiner Familie. Wenn ich könnte, würde ich den folgenden Brief in die Vergangenheit senden:

Liebe Eltern, liebe Geschwister, liebe Verwandte

Ihr macht euch alle sehr viele Sorgen um mich, und ich schätze es, wie wichtig ich euch bin, und wie wichtig es euch ist, dass es mir gut geht. Die EBG hat mich fasziniert, und ich beschäftige mich zurzeit mit ihren Lehren. Mit den Leuten fühle ich mich wohl. Das heisst aber nicht, dass ich «für immer an die Sekte verloren» bin. Ich werde mich jetzt ein wenig damit auseinandersetzen, sicherlich einen Teil meiner Jugend damit verbringen, und wenn es mir irgendwann nicht mehr passen sollte, werde ich einfach austreten. Zurzeit seid ihr alle krampfhaft daran, mich herauszuziehen. Mein zukünftiges Ich schätzt zwar eure Liebe, aber weiss: Das bringt nichts. Jedes Ziehen, jedes Kämpfen, jedes Diskutieren motiviert mich dazu, mich noch mehr mit der Lehre in der EBG zu beschäftigen. Das heisst aber nicht, dass ihr mich komplett aufgeben müsst. Ich brauche einfach meine Zeit, zu meiner eigenen Schlussfolgerung zu kommen. Euer Ansatz ist kontraproduktiv; vielleicht hätte ich die ca. 100 Bücher nicht gelesen, wenn ich nicht genügend lernen wollte, um euch zu zeigen, dass der EBG-Weg der richtige Weg ist, und wenn ihr nicht die ganze Zeit Kritik gefeuert hättet, gegen die ich mich verteidigen musste. Vielleicht wäre ich früher auf die Idee gekommen, dass ich von der EBG oberflächliche Antworten lerne, aber diese meine Probleme nicht wirklich lösen. Vielleicht wäre ich früher ausgestiegen. Vielleicht aber auch nicht. Für euch der beste Weg wäre es, mich weiterhin als Tochter, Schwester, Enkelin und Nichte zu behandeln, und einfach nicht über religiöse Themen zu sprechen. Ihr könntet mir über allerlei anderes erzählen, oder mich zu anderem ausquetschen, keine Gelegenheit geben, über die EBG zu sprechen, und wenn ich dann doch dazu komme, einfach nicken und das Thema wechseln. Besonders wichtig ist, dass ihr nicht mit mir diskutiert. Ich freue mich über die Diskussion, aber mein Ziel ist, euch zu bekehren. Euer Ziel ist es, mich dort rauszuholen. Beides wird am Ende der Diskussion nicht eintreten, und uns nur weiter auseinanderreissen. Wenn ihr wollt, dass ich austrete, lasst mich meinen eigenen Weg finden und zeigt mir, dass ihr mich mit oder ohne EBG als Person seht. Ich weiss nicht, wie häufig wir über Nicht-Religiöses gesprochen haben, als ich dort war. Ich glaube, nicht sehr oft. Ich hatte selten das Gefühl, dass ihr mich unterstützt, auch wenn ihr es auf eure Art versucht hat. Die emotionale Unterstützung, die ich brauchte, erfuhr ich nur vonseiten der EBG. Ich weiss, es schmerzt euch, dies zu hören, darum betone ich: Seid für mich da, ohne über die EBG oder Gott oder Jesus zu sprechen. Fragt mich aus über Französischgrammatik oder den Turnunterricht. Zeigt mir, dass ihr mich unterstützt, auch wenn wir aktuell religiöse Differenzen haben. Wenn ihr wollt, dass ich austrete, muss das Nachhaken loslassen, muss das Diskutieren aufhören, muss der Schmerz, den ihr verspürt, mir gegenüber verstummen, damit ich ihn nicht mehr als Aggression werten kann, und mich dagegen verteidigen will. Nur wenn ich keinen Druck von aussen spüre, werde ich den von innen wahrnehmen. Nur wenn ich draussen ein Supportnetzwerk habe, kann ich mich vom Druck hinausschieben lassen. Ich weiss, es kostet euch Überwindung, einfach nichts zu sagen – aber es ist leider jetzt gerade eure einzige Option, wenn ihr wollt, dass ich langfristig austrete.

Irgendwann habt ihr es gemerkt. Euer Druck hat nachgelassen, und es gab nur noch selten einen dummen Witz, über «kein Sex vor der Ehe», oder wie häufig Personen «Jesus» sagen. Das half. Und dann habe ich gemerkt, die EBG passt mir gar nicht. Es ist zu viel, was man soll oder nicht soll. Und dann ging es eine Weile, und ich trat aus. Ihr habt mir nichts vorgeworfen, ihr habt keine Kommentare gemacht à la «eben, ich hab’s dir ja gesagt». Ihr wart einfach froh, dass es jetzt vorbei ist. Das war schön.

Liebe Eltern, Geschwister, Partner, Angehörige, Verwandte und Bekannte anderer Familien, bitte lernt von den Fehlern meiner Familie. Auch eure Kinder, Geschwister, Enkel, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel, Partner und Angehörige brauchen euch in ihrem Supportnetzwerk. Auch sie brauchen keinen Druck von aussen, um den von innen wahrzunehmen. Auch sie brauchen ein Netz, das sie auffängt, wenn sie von ihrer Gruppe austreten. Auch sie brauchen soziale Kontakte, mit denen sie nicht über die Religion, sondern den restlichen Teil ihres Lebens sprechen, egal wie wichtig Religion in ihrem aktuellen Weltbild ist. Und wenn ihr am Schluss nur über das Wetter sprecht. Zeigt euren Familienmitgliedern und euren Bekannten, dass sie in Zeiten der Not auf euch zählen können, auch wenn ihr nicht an ihrer Religion interessiert seid. Zeigt ihnen, dass ihr sie wieder zurück ausserhalb der Religion aufnehmen könnt, ohne ihnen Vorwände und Beschwerden an den Kopf zu schiessen. In der EBG hiess es immer, wir «harrrrren des Herrn», warten, bis der Herr kommt, egal, wie hart es ist. In diesem Fall wartet ihr nicht auf den Herrn, sondern auf eure Familienmitglieder, auf eure Bekannten. Das «Ausharrrrrren» liegt nun bei euch. Alles andere ist kontraproduktiv. Ich glaube an eure Liebe gegenüber eurer Familie, und vertraue darauf, dass ihr ein Supportnetzwerk bilden könnt, wie sie es brauchen.

Die Schulzeit

Eine wichtige Rolle in dieser Zeit spielte auch meine Schule, sowohl die Klasse als auch das Verhalten der Lehrpersonen, und der Schule als Institut. In der Sekundarstufe gab es genügende Mitschüler:innen, die dumme Witze schossen («bist du in der Sek…..te?», damit man schön auf die Pause reinfällt), dumme Kommentare machten, aber einige hatten Verwandte in der EBG. Diese blieben nett und machten keine dummen Witze, und verteidigten mich gegenüber anderen. Ich schätzte das sehr, und bei ihnen ging es auch, nicht nur über Jesus zu sprechen (schliesslich kannten sie das Evangelium schon und es lag nicht in meiner Verantwortung). Im Gymnasium war es schwieriger. Nicht nur kannte ich niemanden, ich war auch nicht besonders talentiert darin, Freundschaften aufzubauen. In dem Sinne war das noch Neuland für mich. Trotzdem blieben einige Personen mir gegenüber nett, auch wenn ich ganz klar «die Komische» war, und waren so ein wichtiger Bestandteil meines entstehenden Supportnetzwerkes. Ungünstigerweise nahmen wir im Religions-/Ethikunterricht (für alle obligatorisch) – neben Buddhismus und Hinduismus – Sekten durch. Für mich nicht optimal, da ich mir schon in der Sek viele dummen Witze anhören musste, und ich war bestrebt, die EBG als nicht-Sekte darzustellen. Gelang mir vermutlich weniger. Der damalige Lehrer hat wohl sein Bestes gegeben, irgendwie mit mir im Unterricht zu sprechen. Manchmal frage ich mich, ob es sinnvoll gewesen wäre, wenn er mal in meiner Abwesenheit über meine Gruppe gesprochen hätte. Es ist aber gut möglich, dass ich konsequent nie gefehlt habe, damit er eben nicht mit der Klasse über mich sprechen konnte. Auch etwas, das mir blieb, war das Sprechen über den Buddhismus. Jemand in meiner Klasse stammte ursprünglich aus dem Tibet und war buddhistisch. Der Lehrer fragte, wie sie den Glauben sähe, und sie erklärte, ihre Eltern sagten, Buddhismus sei wie ein Fluss. «Du kannst dich dagegen wehren oder mitgehen, aber du bleibst immer auf dem Fluss», hiess es (in etwa). Das kam bei mir nicht sehr gut an. Schliesslich waren alle Religionen ausserhalb von meinem Gott falsch. Dass jemand einfach dahinsass und sagte, ihre Religion sei die richtige, obwohl es gar nicht meine war – die wirklich richtige -, das war schwierig. Erst verspürte ich das Bedürfnis, mit ihr zu diskutieren, tat es aber nicht. Ich weiss nicht mehr, was ich alles überlegte. Aber dass jemand einer falschen Religion so selbstsicher behauptete, dass ihre richtig war? Ah, wobei, meine war richtig, weil ich und viele andere bereits Gottes Wunder und Gegenwart erlebt hatten. Ja, das musste es sein. Sehr gut, mein Gott existiert also doch. Und ihrer nicht, weil sie ja nicht von persönlichen Erlebnissen erzählte. Andere persönliche Erlebnisse mit anderen Göttern oder Göttinnen waren ja vom Teufel und nicht vom wahren Gott.

Wichtiger als einzelne Anekdoten war das generelle Verhalten anderer Lehrpersonen. Eine Lehrperson, C., wollte mich unbedingt aus der EBG hinausziehen. Wie auch meiner Familie gelang es ihr überhaupt nicht und ich wechselte am Schluss das betroffene Fach, um ihre Kommentare nicht mehr zu hören. Die Lehrpersonen, zu denen ich wechselte, ignorierten meine Weltanschauung komplett und machten einfach gar keine Kommentare dazu. Das war super. Besonders war es bei meinem Biolehrer: Wir nahmen die Evolution durch, und auch wenn ich aus heutiger Sicht rückblickend merke, dass er durchaus ein paar Kommentare «schoss», fühlte ich mich nie besonders bedrängt. Ich mochte ihn am Anfang einfach gar nicht, weil er die ganze Zeit über die – bekanntlich falsche – Evolution sprach. Einmal nach dem Unterricht drückte ich im Flyer in die Hand – Flyer, die gegen die Evolution argumentierten. Natürlich christlich geprägt. Er nahm diese entgegen und kam nie wieder darauf zurück. Damals hatte ich die Hoffnung, er würde mir seine Antworten mitteilen, damit ich die Gegenargumente kannte und neue Argumente bei den Predigern herausfinden konnte. Jetzt bin ich froh, dass er die Flyer einfach entgegengenommen hat. Vermutlich hat er sie direkt weggeschmissen. Eine Klassenkameradin, die bei den Siebenten-Tags-Adventisten war, vielleicht noch ist, nutzte mein Flyer-Überreichen und fragte den Biolehrer: «Warum macht sich der Mensch selbst zum Affen?», ich glaube, mein Biolehrer beliess es dabei, einfach kurz darüber zu sprechen, dass der Mensch nicht vom Affen abstammt, sondern einen gemeinsamen Vorfahren hat, und redete dann über Fachkollegen, die ebenfalls an Gott glaubten. Er verstand es überhaupt nicht, aber fand es spannend, dass diese gleichzeitig forschen und doch an die Schöpfung glauben konnten. In diesem Gespräch kam er mir sehr nett vor und ich hörte auf, ihn als «bösen Evolutionstheoretiker», der unbedingt Rettung durch Jesus braucht, zu betrachten. Ab dann war es nur noch mein Biolehrer. Ich hatte ihm die Flyer gegeben, meine Arbeit war getan. Jetzt war Gottes Zeit zu wirken. Eine weitere wichtige Lehrperson war mein damaliger Klassenlehrer, der eine Weile für mich da war – ich war effektiv ein Chaos, nur schon wegen meiner ganzen Familien-EBG-Situation – und der irgendwann entschied, dass meine Situation seinen Kompetenzbereich überschritt, und mich zur Schulpsychologin sendete. Die half mir weiter, indem sie einerseits meinen Glauben einfach mal akzeptierte und mit meiner Situation an sich arbeitete, und andererseits, mit ihrem bereits erwähnten Kommentar: «Ich finde es schade, wenn jemand, der so jung wie Sie ist, sich bereits so stark einschränkt in seiner Weltanschauung.» Noch wichtiger als die einzelnen Lehrpersonen war aber die Schule selbst. Nachdem ich aus der EBG austrat, ging es mir anfangs noch schlechter als während den EBG-Zeiten. Nicht nur wegen dem Bauchweh, sondern auch, weil ich effektiv meine ganze eigene Welt auf den Kopf gestellt hatte, ein riesiges soziales Netzwerk, das mich immer unterstützt hatte – natürlich unter bedingter Liebe – verloren hatte, und mich irgendwie erneut im Leben finden musste. Es gab einige sichtbare Entscheidungen, die ich traf: Ich schnitt meine Haare auf etwa die Hälfte der Länge, die sie waren, es war also direkt sichtbar, ich wechselte vom Tragen der Röcke auf Hosen, die zu Reaktionen im Sinne von «oooh, sie hat Beine» und, im Falle meines Bruders, zu einem etwas ungefilterten «Du bist ja gar nicht fett!» führten, und ich wechselte mein Fach erneut, zurück zu C., da sie ja jetzt nicht mehr Druck ausüben würde. Gleichzeitig überlegte ich mir, doch statt der Matura eine Lehre zu machen. Es hatte sich so viel in meinem Leben geändert, dass eine weitere Änderung fast mehr passen würde. Prorektorat und Kollegium waren informiert und warteten auf meinen Entscheid. Ich entschied mich dann aber, doch nicht zu wechseln. Während des Unterrichts war ich selten ganz dabei. Mal dachte ich über meine Freundinnen nach, die ich so verloren hatte. Mal dachte ich über Gott nach, oder über die Welt. Dann mal über die Bibel, über meine internalisierte Homophobie, die EBG selbst. Meine Schule wusste aber, was los war, und ich glaube, die Lehrpersonen nahmen auch im Unterricht grossteilig Rücksicht darauf. Heisst auch: Wenn ich mal eine ganze Lektion gar nicht am Unterricht teilnahm und einfach in die «Leere» starrte, akzeptierten sie es und versuchten mich nicht zur Beteiligung zu motivieren (oder zu zwingen). Ein wenig sind meine Noten damals vermutlich schon gesunken, ich hatte am Ende des Schuljahres keine Ahnung mehr, was für einen Notenschnitt ich hatte. Einige Lehrpersonen kommentierten den Austritt sogar, die meisten positiv, oder sie fragten nach, was ich jetzt glaubte. Beispielsweise meine Ethiklehrerin, die im Grunde genommen meine Entscheidung, sowohl auszutreten als auch die Haare zu schneiden als mutig wahrnahm, aber auch der Deutschlehrer, der es beeindruckend fand, dass ich nicht direkt atheistisch wurde. Zudem der Klassenlehrer, der mir geholfen hatte, der sagte, ich müsse jetzt einfach aufpassen, nicht in die andere Richtung zu rutschen. Was er damit meinte, weiss ich nicht, ich nahm es aber als Hinweis, mich nicht weiter mit Satanismus zu beschäftigen (der ehrlich gesagt sowieso ein wenig beängstigend war, besonders wenn man gerade aus der EBG rauskam). Ich weiss nicht, ob mein Austritt möglich gewesen wäre, wenn die Schule die etwas spezielle Situation nicht berücksichtigt hätte. Vielleicht wäre ich bei einer anderen Schule geflogen und hätte so viel Verzweiflung erlebt, dass ich wieder bei der EBG gelandet wäre. Ich bin meiner Schulleitung für ihr beeindruckendes Verständnis auf jeden Fall enorm dankbar und hoffe, dass auch andere Schulen davon lernen können.

Musikalische Bildung(svarianz)

Ich wuchs in einer eher musikalischen Familie auf. Nach dem üblichen Blockflötenunterricht ging es zur Altflöte, in der Freizeit manchmal ein Geklimper auf dem Klavier, das die halbe Familie spielt(e). Dann, als ich mit der Altflöte aufhörte, hiess es: «Und, welches Instrument willst du jetzt spielen?» Ich entschied mich für das Schlagzeug, etwa vier Jahre lang. Dann kam ich in die EBG. Eines Tages teilte man mir mit: Schlagzeug solle man gar nicht spielen. Es werde für Rockmusik gebraucht, und die ist satanisch. Sehr problematisch, da das Musikjahr erst gerade begonnen hatte und man nicht mitten im Jahr abbrechen konnte. Ich versuchte also einfach, möglichst wenig zu spielen, und nutzte die Zeit, um bei meinem Schlagzeuglehrer einfach über mein Leben zu sprechen, so eine «spontane Therapiesitzung». Hauptsache, nicht die teuflische Musik selbst betreiben. Mein Schlagzeuglehrer akzeptierte das einfach, ohne gross nachzufragen, was denn los war. Auch mein plötzliches Auftreten im Rock ignorierte er geflissentlich, und machte höchstens Witze darüber, weil es beim Schlagzeug ein wenig unhandlich ist, mit Rock aufzutreten. Stattdessen redete er mit mir. Ich wechselte dann auf Geige. Sie sagte auch nichts zu meiner Kleidung oder meinem Wecker, der Ende Lektion losratterte («Jisas, yu holim hain blong mi» – Jesus, du hältst meine Hand), und akzeptierte es einfach. Geigen spielen durfte ich in dem Sinne ja – es war ja kein «Rockmusikinstrument», also musste ich auch nicht versuchen, das Spielen selbst zu vermeiden. Für konsequentes Üben kann ich aber keinen Ratschlag geben, da fehlt mir die Disziplin. An den Versammlungen gab es zwar keine Orgeln, aber dafür anderweitige musikalische Untermalung. Wer konnte, brachte sein Instrument und spielte während den Liedern mit statt zu singen. Einige wählten bewusst das Klavier, da es am Versammlungsort keines hatte und sie somit nicht vorspielen mussten. Auch am UK spielten UK-Absolventinnen und UK-Absolventen auf ihren jeweiligen Instrumenten etwas vor. Dort gab es dann ein Klavier, oder man brachte das eigene Instrument mit.

In meiner Familie hörten wir viel Musik: Rock ‘n’ Roll, Blues, Volksmusik, klassische Musik, und so weiter. Wir sangen auch viel. Ich selbst hörte allerlei, bis auf Techno und Goa, sehr gern auch Metal. Dann kam ich in die EBG. Die Hälfte dieser Musik durfte ich plötzlich nicht mehr hören. Volksmusik konnte ich noch teils hören, das machte ich aber sowieso seltener, Rock und Metal gar nicht mehr. Der Lieblingskomponist meiner Grossmutter, der freimaurerische Mozart, fiel weg, sowie der antisemitische Wagner (der mir persönlich aber nie sehr am Herzen lag). Wenigstens Beethoven, mein Lieblingskomponist, ging noch. Ich gab mein Bestes, keine solche Musik zu hören, und suchte christliche Lieder. Die Hälfte davon hatte Schlagzeug, also: satanisch. Bei einigen fiel es mir gar nicht auf, sondern Samira machte mich darauf aufmerksam. Wie viele christliche Lieder Schlagzeug haben! Glücklicherweise gab es aufgezeichnete Versammlungen, ein Paar zeichnete ihre Ortsversammlungen jeweils auf. Die CDs verschenkten sie dann. Meine Überlegung war, einfach die Lieder in einer separaten Playlist auf dem PC zu speichern. Die könnte ich dann hören. Musik zu hören, das war essenziell. Wenn alles, das ich kannte, satanisch war, musste ich eben das Unsatanische, das Göttliche finden. Da hatte ich allerdings mein nächstes Problem: Die Lieder auf den CDs waren zwar göttlich, nur leider die Stimmen nicht. Es gab immer wieder Töne, die komplett verpasst wurden, besonders die hohen. Ich bin zwar nicht selbst hochgebildet in der Musik, mein Gehör reichte auch beim Geigenspielen nicht, um die Geige selbst zu stimmen (das machte meine Geigenlehrerin), aber mit meinem gewissen Grundverständnis vom Treffen der Töne war das Zuhören schmerzhaft. Ich versuchte, mich selbst davon abzubringen, so stark über andere Personen zu urteilen, und dachte «Komm, sie singen aus ihrer Liebe zu Gott so laut. Schätz es, statt sie für ihre Stimmen zu verurteilen.» Die Lieder wirklich so häufig zu hören, wie ich wollte, um mein Bedürfnis nach Musik zu stillen, konnte ich trotzdem nicht. Und so schaffte ich es nicht, gar keine satanische Musik zu hören. Mal ein wenig Metal, ganz allein zuhause mit Kopfhörern, damit es meine Familie ja nicht merkte und mir Doppelmoral vorwarf. Mal bei meinen Grosseltern, die sowieso nur klassische Musik und den einen Popsong vor dem Morgenquiz im Radio hörten, einfach der Musik vom Radio zuhören und nicht darüber nachdenken, ob es jetzt Wagner, Mozart oder sonst jemand war. Da fühlte ich mich jedes Mal schlecht und bat Gott um Vergebung. Aufhören konnte ich trotzdem nicht. Auch Gott nahm dieses Bedürfnis nicht weg. Etwas enttäuschend, kann er doch eigentlich alles.

«Die Zeit könnte man auch besser nutzen»

Auf einer der CDs, die ich in Biberist auf einer Konferenz kostenlos empfangen habe, predigte Philipp über das sinnvolle Nutzen der Zeit. Unsere Zeit hier auf Erden ist limitiert. Die nach dem Tod nicht mehr. Was sind schon 70 Jahre Leben geniessen, wenn die Ewigkeit so viel länger ist? Nutzen wir diese Zeit sinnvoll. Es gibt nicht für alles Regeln, aber es gibt Graubereiche, und in diesen Graubereichen sollen wir uns die Frage stellen: Bringt dies das Reich Gottes weiter? Ja, mein Musikhören und Sims (Computerspiel) spielen brachten das Reich Gottes nicht weiter, nur schon, weil Sims nicht mal eine Religion hatten. Ansonsten hätte ich die Verbreitung des Christentums wenigstens auf Sims nachspielen können. Also setzte ich ein System auf: Für jedes Mal, dass ich Sims spielte (was ja nicht verboten war, aber eben eine Zeitverschwendung), würde ich 5 Kapitel aus der Bibel lesen. Dann fühlte ich mich weniger schlecht. Je nach «Missetat» würde ich eine andere Zahl von Kapiteln lesen, ich habe irgendwo eine Liste erstellt. Die Bibel las ich sowieso fast schon zu häufig: Morgens vor der Schule las ich ein Kapitel aus dem Neuen Testament, abends drei aus dem Alten. Das zog ich ein Jahr lang durch, dann konnte ich nicht mehr. Ich redete mit meiner Bekannten Ramona, die bei meiner Bekehrung anwesend war, darüber. Die EBG-Frauen telefonierten häufig mit mir, sicherlich auch, um mir mehr Sicherheit und Unterstützung im Glauben zu geben, da ich die vonseiten meiner «ungläubigen» Familie ja nicht hatte, und sie beteten immer mit mir am Telefon. Ich erzählte ihr, wie müde ich war, wenn ich lesen wollte, und dass ich es nicht mehr schaffte, so viel zu lesen. Sie war nicht überrascht. «Ich war beeindruckt, dass du so viel liest. Aber mehr als ein Jahr hält man das nicht durch.» Es war wohl doch nicht schlimm, wenn ich nicht jeden Tag 4 Kapitel lesen konnte. Vor allem, da einige ja wirklich lange waren, und andere langweilig. Das Lesen der Bibel hielt an – ich brachte sie sogar zur Schule, und las in den Pausen darin. Schliesslich soll man die Zeit sinnvoll nutzen, und ich wusste sowieso nicht, wie man am besten mit anderen spricht, vor allem, wenn ich nicht die ganze Zeit über Jesus sprechen konnte. Eigentlich erstaunlich, dass einige meiner Klasse sich dann doch mir gegenüber aufgewärmt hatten. Das sinnvolle Nutzen der Zeit hielt an, Sonntag war Gott gewidmet, den Rest der Woche lernte ich für die Schule, und jedes Mal, wenn ich irgendwas hatte, betete ich. Ich empfahl sogar meiner Grossmutter, zu Gott zu beten, damit er ihr beim Reissverschluss annähen hilft. Sie fand, er könne das doch nicht, hätte keine Ahnung von Reissverschlüssen, ich fand, nein, Gott kann und weiss alles. Dann weiss er auch, wie man einen Reissverschluss annäht. Ob die EBG diesen Schluss unterstützt, ist eine andere Frage. Dass ich meine Zeit immer besser nutzen hätte können, war mir von Anfang an klar, aber ich hatte die Energie nicht, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich die Energie für Gott nicht hatte. Das teilte ich aber niemandem mit, da ich mich sowieso schon schlecht fühlte. Ja, was ich alles machen hätte sollen: Die älteren Menschen der Gemeinde besuchen, Bibelverse auswendig lernen, bei mir zuhause «evangelisieren». Lieber lernte ich eine neue Sprache. Die hätte ich vielleicht bei der Auslandsmission brauchen können, aber wen könnte ich dort missionieren, wenn ich es bei meiner eigenen Familie schon nicht schaffte?

Der feste Baum

In einem dieser Telefonate verglich meine UK-Tante mich mit einem Baum. Einer, der ganz allein auf der Wiese steht. Die anderen Bäume, beispielsweise EBG-Kinder, waren Bäume im Wald. Sie wuchsen auf, umgeben von anderen Bäumen, geschützt vor dem Wind der Welt. Ich war ganz allein auf der Wiese, und ganz allein dem Wind ausgestellt. Sie erklärte mir, das mache mich stark: mich im Glauben verwurzeln, während der Wind versuchte, mich umzukippen, mich zu entwurzeln. Vielleicht kann ich diese Analogie umwandeln, um Angehörigen und Bekannten weiterzuhelfen: Das Verwurzeln im Glauben ist nur notwendig, wenn der Wind weht, und der Boden das einzige ist, das den Baum hält. Wenn der Baum um sich einen anderen Schutz hat, Schutz vor anderen bösen Winden, oder etwas, das ihn aufrecht hält, wie es manche jungen Bäume haben, dann braucht er keinen Glauben. Dann kann er im schlimmsten Fall ausgegraben werden. Bei einer riesigen Eiche ist das schwieriger als einem kleinen, jungen Baum, und in meinem Fall wäre ich noch am ehesten ein junger Baum gewesen, der sich entwurzeln liess, sobald er den begrenzt hilfreichen Nährboden gesehen hatte. Der Vergleich hinkt natürlich enorm, und meine Forstwirtschaftskenntnisse beschränken sich auf ein «nicht zu viele Bäume auf zu engem Raum, weil sie sich sonst gegenseitig Nahrung wegnehmen». Aber es ist ja schliesslich nur ein Vergleich.

Die Beerdigungsrede und der maximale missionarische Fokus

Eines Tages starb jemand der örtlichen EBG-Gemeinde. Sie war eine nette alte Frau, und ihre Urenkel waren in meinem Alter. Anscheinend hatte sie meine Urgrossmutter, die lange vor meiner Geburt verstarb, gekannt. Das machte sie mir gegenüber gleich sympathischer, und ich vertraute ihr, auch wenn mein Vater sachlich festhielt, dass seine Grossmutter «nie gross rausging». Die EBG mietete also die reformierte Kirche meines Heimatsorts, und ich kam an die Beerdigung. Klassenkameraden dort zu sehen war durchaus merkwürdig, vor allem, weil ich im Gegensatz zu ihnen nicht mit ihr verwandt war, aber ich kannte sie ja dennoch. Sie wurde also beerdigt – nicht kremiert, das ist in der EBG wichtig – und wir verschoben uns in die Kirche. Ich würde früher gehen müssen, also sass ich zuhinterst. Prediger Philipp begann. Die Beerdigung war gar nicht wie alle anderen Beerdigungen, bei denen ich jemals war. Bei den anderen ging es um die verstorbene Person, ihr Leben, was sie alles erreicht hatte, ihre Liebsten. Bei dieser Beerdigung ging es um die Bekehrung der Angehörigen der verstorbenen Person. Ein wenig nervte es mich, dass die Beerdigung so sein würde. Ich empfand es den Trauernden gegenüber als respektlos. Ich konnte mir vorstellen, dass die Verstorbene damit zufrieden war, dass sie auch wollte, dass ihre Angehörigen zum Glauben finden würden, vielleicht sogar Philipp danach gefragt hatte. Aber so ganz geheuer war es mir nicht. Rückblickend fällt mir auf, wie häufig ich zwei gegensätzliche Emotionen gleichzeitig hatte. Ich wollte schon, dass die Anwesenden bekehrt würden, aber es war aus meiner Sicht nicht die passende Gelegenheit. Das gesagt habend, eine passendere Gelegenheit mit grösserem Publikum und anfälligeren mentalen Zuständen gab es vermutlich nicht. Prediger Philipp wirkte nie so, als würde er bewusst anfällige Personen ansprechen. Niemand in der EBG wirkte so. Alle waren aufrichtig lebende Christinnen und Christen, die eben leider einfach nicht so weit dachten, dass sie merkten, hey, unser Verhalten ist etwas manipulativ. Auch ihr übertriebenes Geschenkegeben kann ohne Weiteres als Love Bombing interpretiert werden. Niemand machte es bewusst, alle machten es aus aufrichtiger Liebe gegenüber Jesus, aber es dachte auch niemand, dass es etwas Schlechtes wäre, wenn Leute so zu Jesus finden würden. Im Sinne von: Leuten ein schlechtes Gewissen machen, indem wir sie überhäufen, ganz nach dem Römerbrief («feurige Kohlen auf dem Haupt des Feindes sammeln») ist in Ordnung, solange sie zu Jesus finden. Ich war froh, dass ich früher gehen musste. Ich war mit der Beerdigung überhaupt nicht zufrieden, obwohl ich mir selbst sagte, dass es «schon okay und in Gottes Sinne» war. Als meine Mutter mir erzählte, dass sich einige darüber beschwert hatten, und dass auch sie die Augen der EBG-Vorsingenden als glasig empfand, sagte ich nichts. Ich war auch enttäuscht, und ich hatte es nicht in mir, meiner Mutter das zu sagen, was ich mir selbst einzureden versuchte. Vielleicht war auch das eine Enttäuschung, die es brauchte, um am Ende auszutreten.

Die Flüchtlingswelle im Jahr 2015, und der Islam

In dieser Zeit merkte man an den Predigten und Versammlungen schnell, welche Prediger und Männer welche politischen Überzeugungen in Bezug auf Migration hatten. Einige sprachen über die Flüchtlinge als drohende islamische Invasion, die unser christliches Land auf den Kopf stellen würden (durchaus mit angstmacherischer Argumentation), andere sprachen über die Flüchtlingslager als zu missionierende Orte. «Schaut euch die Zeugen Jehovas an! Sie gehen schon jetzt dorthin und sprechen mit den Flüchtlingen, um sie zu sich zu holen. Als Christen sollten wir dasselbe machen.» So klang es etwa aus dem linkeren Lager, wobei es nennenswert ist, dass die Zeugen Jehovas nicht ganz als «christlich» gesehen wurden. Der erste Ansatz, die Angstmacherei, war definitiv verbreiteter, oder vielleicht kam es mir auch nur so vor, weil auch Samiras Familie einen ähnlichen Ansatz vertrat. Ich weiss noch, wie ich im zarten Alter von 14 panische Angst vor einer islamischen Invasion hatte, und der felsenfesten Auffassung war, dass diese in den nächsten zwei bis drei Monaten (!) stattfinden würde. Die EBG bot aber einen Ansatz an, damit besser umzugehen. Wir lernten also mehr über den Islam, damit wir eine bessere Argumentationsbasis hatten, um Muslime zum Christentum zu bewegen. Tatsächlich erhielt ich ein paar Blätter, auf welchem sie versuchten, den Islam zusammenzufassen: die fünf Säulen, die relevant waren, Jesus als Prophet statt als Gotteskind, und nicht sehr viel Freude über die christliche Trinität oder den heiligen Geist. Einmal während unserer allmonatlichen Jugendgruppe las uns ein Prediger ein Teil des Qur’ans vor, in welchem es um die Befruchtung Marias (durch einen Mann, der mit ihr Sex hatte, nicht ganz wie in der Bibel), und die Geburt Jesu (oder Isas) ging. Etwas ironisch, in einer so konservativ-christlichen Gemeinde mehr über den Islam zu lernen, aber das Ganze war ja gekoppelt mit Informationen, wie wir denn Muslime am besten zum christlichen Glauben führten. Eines der Blätter verfügte über eine ganze Übersicht von Argumenten, die Muslime gegenüber Christen verwendeten (das lasse ich jetzt mal bewusst nicht gegendert), und die passende, christliche Antwort darauf. Ich organisierte mir auch ein Buch eines Christen, der sich intensiv mit dem Islam beschäftigt hatte, welches kostenlos verschenkt wurde. Ich weiss nicht mehr ganz, wie es heisst, aber eine seiner Hauptaussagen war: «Circa 60-70% des Qur’ans ist einfach die Geschichte der Bibel, aber verzerrt wiedergegeben.» Ich war erstaunt, dass Muslime bei solchen Aussagen kein Drama um ihr heiliges Buch machten, aber ich fand (um einiges) später heraus, dass Muslime eben dasselbe über die Bibel sagen. Dann ist es ja auch egal. Irgendwann beruhigte sich diese Angst vor der islamischen Invasion in den Versammlungen auch, nur hatte ich diese bereits internalisiert. Auch nach EBG-Austritt hatte ich eine «rechte Phase», in der ich sehr viel entsprechenden Inhalt konsumierte. Es war nicht die einzige Mentalität, die ich entweder während der EBG erworben oder durch die EBG verstärkt hatte. Dazu kam noch die internalisierte Homophobie, die durch die EBG verstärkt wurde, die internalisierte Transphobie, die Erwartung an christliches Handeln – schliesslich musste ich möglichst sündenfrei handeln, da ich ja bekehrt war, und meiner Familie ein gutes Leben vorleben musste, und dies blieb auch später als Erwartung an vorbildliches Handeln –, dann noch die Überlegung, dass Frauen «selbst schuld» waren, wenn sie einen Übergriff erfuhren… kurz, es waren viele Überlegungen, die Menschen immer noch haben, und die ich auch ohne EBG aufgrund meiner Kindheit hatte, die aber durch die EBG stark verstärkt wurden und vielleicht nicht so extrem geworden wären, wenn ich nie dort gewesen wäre. Wer weiss. Solche Überzeugungen loszuwerden ist anstrengend und ich werde vermutlich auch bis Ende meines Lebens daran arbeiten müssen. Geht aber in Ordnung, dann habe ich auch im schlimmsten Fall was zu tun.

Dazu darf erwähnt werden, dass politisches Engagement in der EBG grundsätzlich abgelehnt wird. Bei den allermeisten Abstimmungen, bei denen man sich als gewähltes Gremiumsmitglied beteiligen kann, sind biblische Werte eben nicht vertretbar, weil die Bibel sich nicht zu diesen Fällen äussert. Beispielsweise bei einer Abstimmung über ein Parkhaus: Wo will man hier «biblische Werte» einbinden? Die Bibel äussert sich nirgends dazu. Als Christ bezweckt man mehr, indem man einfach mehr Personen missioniert, ein Zeugnis ist, und ganz viel betet.

Hexerei!, Geister und Satanisches, oder: Harry Potter

Die EBG vertrat durchaus die Auffassung, dass es viel Satanisches gab. Neben einem sehr ausführlichen Buch über Hexen, die für ihre Rituale Leichen ausgruben, gab es auch eine Geschichte eines Mannes, der mit anderen einen Suizidpakt geschlossen habe. Pokémon sowie Harry Potter waren ebenfalls satanisch. Das alles musste entfernt werden. So kam es dazu, dass ich alle meine Harry Potter Bücher – was, ungefähr, alle damals veröffentlichten Bücher beinhaltete – wegwarf. Aus heutiger Sicht bin ich von der Autorin und der Buchserie auch nicht mehr so begeistert, aber damals war es etwas heftiger, und aus komplett anderen Gründen. Ursprünglich wollten wir die Bücher verbrennen, ein Gemeindemitglied, R., teilte mir aber mit, dass Bücher einen merkwürdigen Rauch auslösten, wenn sie verbrannt wurden, sodass wir sie einfach wegwarfen. Anscheinend hatten sie auch mal einen (muslimischen) Gebetsteppich weggeworfen. Meine homöopathischen Medikamente gegen Heuschnupfen etc., die ehrlich gesagt sowieso nicht viel gebracht hatten, musste ich auch wegwerfen, weil ja bei der homöopathischen Verarbeitung dieser Medikamente satanische «Gebete» gesungen wurden. Homöopathie enthielt also, gemäss EBG, sehr viele satanische Elemente. Sonst noch wegzuwerfen gab es nicht mehr viel, mein Schlagzeug hätte ich nicht aus dem Haus gebracht und meine Mutter hätte es auch nie weggegeben. Wenn ich schon erwachsen gewesen wäre und beispielsweise enorm viele Mozart-CDs hatte, wäre es etwas anderes gewesen; dann hätte ich die irgendwann auch alle weggeschmissen, oder mich dazu gedrungen gefühlt. Herauszufinden, welche Elemente alles satanisch sind, das war einer der grössten Herausforderungen in der EBG. Auch die «Satanic Panic», die einige Zeit vor meiner Geburt, wohl in den 90ern, geschah, war in der EBG noch spürbar. Mit der erneut aufkommenden satanischen Panik dürfte auch in der EBG das Thema wieder relevanter sein. Da WhatsApp und Instagram lange «nicht empfohlen» waren, und auch der PC nur ein Arbeitsgerät und nichts anderes sein soll, fehlte zu meiner Zeit auch das notwendige Verständnis, wie vertrauenswürdig welche Medien seien. Das wurde dann aber präsentiert als: «40-60% dessen, was die Medien berichten, stimmt nicht. Nur die Bibel stimmt zu 100%». Dann gab es aber Personen, die Medienberichte des Postillon (einer Satiriker-Zeitschrift) glaubten. Und so kann ich mir gut vorstellen, dass bibeltreue Christinnen und Christen auch heute noch eher schnell anfangen, Sachen zu glauben, die eben ihrem grundsätzlichen Verständnis und Weltbild entsprechen, wie eben beispielsweise die neu erwachende «Satanic Panic». Schliesslich muss man auf dem Laufenden bleiben, was man alles konsumieren darf, oder sich dann eben grossteilig zurückziehen und gar nichts mehr konsumieren, was einem nicht von anderen Christen empfohlen wird. Ich habe noch einige Jahre nach meiner EBG-Zeit gemerkt, wie leichtgläubig ich war. Sicher eine kindliche Charaktereigenschaft, die aber durch die EBG verstärkt wurde, und auch bei den Erwachsenen dort noch immer sehr präsent ist, solange die Information ins Weltbild passt. Eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungstheorien beobachtete ich auch nach meiner EBG-Zeit noch. Kritisches Auseinandersetzen ist etwas, in dem ich im Studium am meisten Energie investieren muss, damit nicht mein Default-Mode von «alles, was steht, stimmt» übernimmt. Wenigstens ist es bereits viel besser als damals.

Jugendgruppen und Rederecht der Frauen

Einmal im Monat, am dritten Samstag des Monats, fanden Jugendgruppen statt. Dorthin fuhr ich jeweils mit Samira und den restlichen Bündner Jugendlichen. Häufig gingen wir nach Birrwil, aber seit meinem Austritt finden dort wohl keine Jugendgruppen mehr statt – der Raum wurde zu eng. Diese Gruppen waren angenehm und ich wurde immer als «’s Angi», das übrigens aus einem ungläubigen Elternhaus dennoch zu Gott gefunden hatte, vorgestellt. Die Jugendgruppen wurden bereits im Voraus mit dem dazugehörigen Thema via E-Mail angekündigt, und erfreuten sich immer vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Für die jungen Erwachsenen war dies auch ein beliebter Ort, um potenzielle Heiratspartner zu beobachten und kennenzulernen, ohne allein sein zu müssen. Wir standen in den Pausen häufig draussen und redeten, spielten Ping-Pong oder Fangis, wie das Jugendliche eben machen. Ja, wenn nicht immer das beobachtende Auge der anderen, dass man auch ja den Rock nicht versehentlich zu stark lüpfte und einen Einblick darunter gewährte, und das Aufpassen, dass man sich dann nicht doch zu unvorbildlich verhielt, dann wäre das auch eine meiner schönsten EBG-Erfahrungen. In der Jugendgruppe zählten wir häufig auch Gebetsanliegen auf, wenn beispielsweise jemand krank war, oder auch für meine Familie wurde gebetet. Gebet läuft so ab: Wir sammelten erst Anliegen, und als es keine mehr gab, bogen sich alle auf dem Stuhl (in einer «ehrenden», untergebenden Haltung), falteten die Hände und jemand begann – zufällig – zu sprechen, und zu beten. Das Gebet war nicht auf die Männer beschränkt, und viele Frauen beteten. Nach Ende des Gebets sagten wir Amen, teils auch, wenn alle Gebete gesprochen waren. Wir lernten, nur «Amen» zu sagen, wenn wir es auch wirklich so sahen. Wir beteten damals auch besonders häufig für T., die damals vor kurzer Zeit aus der EBG ausgetreten war und die jetzt «in der Welt» lebte. Aus diesem Grund vermute ich, dass für mich ebenfalls oft gebetet wurde. Was sich die Neuen wohl dachten, als sie hörten, «beten wir fürs Angi, dass sie wieder zu Gott findet»? Vielleicht «wer ist das?», wie ich, oder «oh nein, wie kann man sich vom Evangelium abwenden? Hoffentlich findet sie wieder zu Gott». Vielleicht hatte man sie auch informiert, wer das war.

Die Jugendgruppen, kurz JG, gern aber «IG» genannt, waren auch einer der wenigen Situationen, in welchen Frauen sich äussern durften. Einmal gab es sogar eine Diskussion darüber, ob Frauen auch dort etwas sagen dürften. Damit meine ich nicht, dass sie predigen würden, sondern ob sie nur schon Fragen stellen dürfen, ob sie Zeugnis ablegen dürfen, nur während der JG. Dabei traute ich mich natürlich nicht, etwas zu sagen – was auch? Ich war ja aus einer ungläubigen Familie. Und eine Freundin bat mich explizit, nicht zur Diskussion beizutragen. Ich hätte durchaus eine für mich damals typische Aussage gemacht, eine Frage gestellt, und mir wäre offiziell vermutlich noch schnell vergeben worden. Aber «böse Zungen», wie man so schön sagt, gibt es eben nicht nur in der Welt, sondern auch in der EBG. Und es wäre sicher schön gelästert worden. Wir hatten eine einzige Frau, die wirklich darum kämpfte, das Rederecht zu behalten. Sie tat mir enorm leid. An der Diskussion beteiligten sich sonst nur Männer, die stark dagegen waren. Alle anderen Frauen waren still. Ich fühlte mich enorm unwohl. Ich konnte nichts sagen, schliesslich war ich nicht wie die anderen in einem «gläubigen Haushalt» aufgewachsen. Aber alle anderen, jede einzelne von ihnen, die doch etwas sagen hätte können, die doch ihre Schwester im Glauben unterstützen hätte können, blieb still und sah zu. Es brach mir regelrecht das Herz. Rückblickend finde ich es immer noch enorm mutig von dieser einen Frau, ihre Meinung so klar, ohne Unterstützung und trotz solcher Opposition vertreten zu haben. Die Position der EBG-Frau liegt nicht im Meinungsäussern, und im Vergleich zu den Männern hatte sie automatisch weniger Erfahrung. Und doch machte sie es super. Ich glaube, ich habe sie als Vorbild abgespeichert, auch wenn ich mich überhaupt nicht mehr an ihren Namen erinnern kann.

«Intelligenz»: Kein Argument gegen religiöse oder fundamentalistische Gruppierungen

Meine Verwandten sagten häufig, dass ich zu intelligent wäre für die EBG. Als Erwachsene wären mir vielleicht Sachen aufgefallen, die mich vom Beitritt abgehalten hätten – vielleicht, vielleicht auch nicht – aber nach meinem Verständnis trat ich der EBG bei, eben genau weil ich (angeblich) so intelligent war – angeblich, weil ich mich ungern selbst als intelligent bezeichne(te). Tatsächlich wollte ich meine Intelligenz voll ausnutzen. Ich wollte alles über die Bibel lernen, um die Wissenschaftsmenschen von ihr überzeugen zu können. Ich wollte alles über Gott lernen. Ich sog auf, was die EBG vor mich legte, als wäre ich ein Schwamm. Die christlichen Bücher reichten eine gute Zeit als Ersatz zu meinem «über Gott und die Welt philosophieren», und als intellektuelle Stimulierung. Ausserdem ging ich noch zur Schule – auch intellektuelle Stimulierung – und lernte meine Sprachen, las die Bibel auf andere Sprachen (wenn auch sehr langsam), betete in seltenen Fällen auch auf andere Sprachen. Ich liebe Sprachen, und das Lernen neuer Sprachen, das Kennenlernen anderer Kulturen. Wenn ich in der EBG geblieben wäre, dann würde ich wohl heute irgendwo im Ausland auf Mission sein. Punkt ist: Ein intellektuelles Bedürfnis kann man zumindest zeitweise mit der Literatur der Gruppe sättigen. Wenn man Literatur konsumieren darf.

Dank meinem übertriebenen Lesedurst erhielt ich tatsächlich noch viel mehr Bücher von Bekannten, sodass ich zuhause zum Zeitpunkt meines Ausstiegs etwa 36 Bücher der EBG-Zeit hatte, die aufeinander aufgestellt ungefähr einen Meter Höhe hatten. Meine Mutter schmiss diese leider alle weg, weil ich sie im Gang liess (mein Zimmer war ein Chaos). Einige der Bücher handelten von „Woher wissen wir, dass wir in der Endzeit leben“, zu „Warum ist XY satanisch“, natürlich noch die missionarischen „Wilhelm Busch“-Bücher, die ich früh erhielt, die autobiografischen von Fritz Berger (Begründer der ganzen EBV-Geschichte, aus dem Jahr 1906 mit dem Freien Blauen Kreuz), ein Buch über eine Missionarin in China – Oma Han, wenn ich mich richtig erinnere -, ein Buch über verschiedenste christliche Personen, und so weiter. Die hatte ich alle gelesen. Man stelle sich vor, einen Meter Bücher in zwei Jahren, plus die Bibel, plus die Bücher der Ortsgemeindebibliothek, die ich wieder zurückgab, plus andere Bücher, die ich zurückgab. Mein intellektuelles Bedürfnis wurde einige Zeit – etwa 1.5 Jahre, bis ich alle gelesen hatte – so gestillt.

Eine ewige Diskussion: Welche Apps, Spiele, Bücher sind okay, welche nicht?

Als ich der EBG beitrat, hatte ich noch WhatsApp. Wie eben alle anderen in meinem Alter. Auch Instagram, Snapchat, das Übliche. (TikTok kam erst später, als ich bereits mehrere Jahre ausgetreten war.) Das deinstallierte ich im Verlauf der EBG-Zeit alles. Während der EBG-Zeit auf meinem Handy war: Die Bibel (auf Deutsch), die Bibel auf Tok Pisin (Pidgin von Papua Neu Guinea), die Bibel auf andere Sprachen. Bibellesen auf dem Handy wurde zwar abgelehnt, aber ich machte das auch nicht für meine tägliche Andacht, sondern um kurz Dinge nachzuschauen und um Sprachen zu lernen, auch wenn der Wortschatz dort noch zu hoch für mich war. Ausserdem weitere Apps zum Sprachen lernen. Apps wie Clash of Clans (das ich aber erst nach der Zeit entdeckte, gab es das überhaupt im Jahr 2015 schon?) oder Subway Surfer konnte man vergessen. Die waren unnütz, schlimmstenfalls schädlich. Anders-religiöse Apps gingen natürlich auch nicht, und okkult geprägte Apps (wie Hogwarts Mystery, das es dort mit Sicherheit noch nicht gab), auch gar nicht. Ja, es war ein Kampf, die richtigen Apps im Playstore zu finden. Irgendeinen satanischen Haken hatten die meisten. Eine Zeit lang hatte ich auch noch ein «Gebetsapp», bei welchem jeweils Verse gepostet wurden, man die Bibel lesen konnte, und vorgebetet wurde. Heisst: Statt selbst zu beten, hörte ich einem Betenden zu. Meine Kopfhörer gingen einmal, während ich ein solches Gebet hörte, kaputt. Das nervte mich erst. Ich erzählte Ramona – nicht wegen den Kopfhörern, sondern einfach so – von der App und sie fand diese gar nicht gut. Dieser Christen-vereinheitlichende Ansatz sei Teil, eine neue Weltordnung zu schaffen, und stamme vom Teufel. Ausserdem: Wenn wir beten, sprechen wir mit Gott. Das ist eine eigene Beziehung, die wir selbst pflegen müssen. Ansonsten höre ich nur anderen Personen bei ihrer Beziehung zu. Diese Ansicht leuchtete mir ein und ich deinstallierte die App zackig. Dass die Kopfhörer kaputt gingen, war also ein Zeichen Gottes. Spiele, die erlaubt waren, gehörten zum selben Grundkonzept: Hat es einen satanischen Haken, und gibt es nichts Besseres, das man tun könnte? Klar satanische Dinge, die andere Götter behandelten, oder gewalttätig waren (also, beispielsweise Egoshooters), die waren logisch nicht erlaubt. Alles, was irgendwie Mythologie beinhaltete, auch nicht. Sims, ein Spiel, das ich seit lange vor der EBG konstant immer wieder spiele, das war erlaubt, aber nicht besonders sinnvoll. War mir egal, ich brauchte die Flucht in eine alternative Umgebung. Dort war nur mühsam, dass ich lange Kleider suchen musste, die den Frauen passten, weil sie ja den Regeln entsprechen mussten. Bei anderen Spielen gilt wohl dasselbe. Sobald es ein Suchtpotenzial gibt, einen satanischen Haken hat (Beispiel: die Firma gibt andere, klar satanische Spiele heraus, oder der CEO ist als satanisch klassifizierbar, beispielsweise, weil er bei Scientology ist), wird strikt und mit Nachdruck davon abgeraten. Wenn es einfach nicht nützlich ist, also kein Spiel, um Französischvokabular (oder so) zu lernen, dann stellt sich einfach die Frage, ob man mit der Zeit wirklich nichts Besseres tun könnte. Die Grundregel ist unterdessen klar und gilt auch für Bücher. Es gab viele christliche Bücher und ich las sie alle durch. Zumindest die, welche es in meine Hände schafften. Alle anderen Bücher, nein. Eben. Harry Potter wurde weggeworfen, alles Mystische und Unrealistische hätte ich wohl auch wegwerfen sollen, wenn es nicht meiner Schwester (deren gesamtes Büchergestell ich wohl schon durchgelesen hatte) gehört hätte. Sachbücher sind Sachbücher und können natürlich gelesen werden – bei Büchern über die Evolution wird es eventuell heikel -, aber wenn man schon liest, warum nicht gleich die Bibel oder Bücher, die über die Bibel reden?

Ja, ich las so gerne, ich versuchte mich selbst immer wieder am Schreiben. Vor der EBG ging es in Richtung «Kinderbücher über spannende Kindererlebnisse» – wie die Fünf Freunde -, beim Lesen von Hanni und Nanni Internatsgeschichten, und irgendwann begannen Fantasy-Elemente. Ich liebte die Bücher, welche die reale und die «fantastische» Welt vermischten. Sie gaben eine Ausflucht in eine alternative Umgebung. Mein grösstes Problem beim Schreiben war immer, dass es mir bei meinen Charakteren zu fest weh tat, wenn es ihnen weh tat. Ich wollte kein Leiden erschaffen, ich wollte eine ideale Welt (oder heile Welt) erschaffen, in die ich fliehen konnte. Nein, vor der EBG gings mir auch nicht gut, auch wenn ich äusserlich einiges hatte. Ausserdem spielte ich in «RPGs» mit. Damit meine ich die eher seltene Verwendung von Role Play Games («Rollenspiele»), im Sinne von: textbasiert. Wir hatten ein Forum, in welchem wir unseren Charakter selbst erschufen, und in welchem wir dann als unser Charakter «spielten». Wir schrieben im Grunde genommen miteinander eine Geschichte, bei welcher jeder Schreibende seine eigenen Charaktere bespielte. Aus dem Harry-Potter-inspirierten Forum klinkte ich mich aus – ohne meinen Account zu löschen, ich glaube, ich vergass oder ignorierte einfach die Existenz der ganzen Webseite – als ich in die EBG kam.

Während der EBG war das Schreiben erneut schwierig. Ich wollte schreiben, aber Realität mit Fantasy-Elementen fiel weg. Da war noch Realität mit Gotteselementen, aber wie sollte ich über erfundene Geschehnisse Gott loben können? Das wäre ja heuchlerisch, schliesslich ist es nicht passiert. Und Bibelanalyse ging nicht, ich war erstens weiblich und zweitens nicht ausreichend gebildet (wie auch, mit 14). Es blieb wenig übrig. Ich müsste über reale Erlebnisse schreiben. Nur welche? Sehr viele gab es nicht, die ich kannte, und von denen ich nicht bereits in einem Buch gelesen hatte. Meine UK-Tante schlug vor, eine Biografie zu schreiben. Ich begann also, über mein Leben zu schreiben. Das hielt nicht lange an, denn die Erinnerung an die Zeit vor der EBG, in der ich litt und die bis dort nie therapeutisch diskutiert wurde, war eben zu schmerzhaft, als dass ich darüber etwas schreiben hätte können. Es blieb mir nichts anderes übrig: Es gab nichts zu schreiben. Höchstens meinen Alltag. Ich würde warten müssen, bis sich mehrere Dinge ergaben, ich aus dem Elternhaus raus war, sowas. Beim Austritt konnte ich schreiben. Und wie ich schrieb! Eine Freundin kommentierte, wie schnell ich am PC tippte. Ich war einfach froh, endlich wieder schreiben und denken zu können, ohne mich von der EBG und der Bibel eingeengt zu fühlen. Eine Geschichte habe ich bisher nicht geschafft. Aber vielleicht wird eine Biografie doch das erste, das ich publiziere. «Christlich» wird es ganz sicher nicht, das weiss ich schon jetzt.

Feurige Kohlen auf dem Haupt des Feindes!

Im Freifach Französisch (Bündnerland! Wir haben keinen obligatorischen Französisch-, dafür obligatorischen Italienischunterricht) gingen wir jeweils für eine Woche im Frühjahr in die Romandie. Das erste Mal dabei waren unter anderem eine Freundin, die später auch mit mir den UK machen sollte, als auch zwei Begleitpersonen, die zufällig Zeugen Jehovas waren. Das zweite Mal war ich bereits in der EBG, und dazu noch die einzige, irgendwie gläubige. Ich nahm natürlich meine Bibel mit und las jeweils darin. Es war noch zu Zeiten des vier-Kapitel-pro-Tag-Regimes (selbst auferlegt, um sie zeiteffizient zu lesen), und wir teilten unser Zimmer in der Jugendherberge zu viert. Es war nicht sehr optimal, denn wir hatten verschiedene Differenzen in der Gruppe. Und so telefonierte ich mit Ramona, erzählte ihr, dass es gar nicht gut lief, und sie überlegte und meinte, ich solle mich nicht für das Verhalten rächen, sondern umgekehrt: Heisse Kohlen auf ihren Köpfen sammeln. Ganz nach Römer 12, 19 – 21, Lutherbibel 2017 (was sie mir auch vorlas): « Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‘Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.’ Vielmehr, ‘wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln’ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem». Und so empfahl sie mir, «Schöggeli» zu kaufen und ihnen auf das Kissen zu legen. Ich traute mich nicht, das zu machen, aber ich gab mir Mühe, nett zu bleiben. Das mit den Schokoladen machte ich tatsächlich einmal, ich legte Schokoladentafeln in die Briefkästen einzelner, denen ich lange verschiedenes vorgeworfen hatte (wie gesagt, meine Primarschulzeit war nicht ganz optimal). Ob die wohl je herausgefunden haben, warum sie plötzlich Schokolade im Milchkasten hatten?

Der Versammlungsverlauf

Die Versammlung lief immer etwa ähnlich ab, nämlich so: Wir kamen hinein, begrüssten alle anderen Anwesenden mit Händeschütteln und Namen und einigen kurzen Gesprächen, dann gingen wir im kleinen Versammlungslokal (das so klein war, dass wir bereits beim Begrüssen in Gang und dem existierenden nicht-Versammlungs-Zimmer kaum aneinander vorbeikamen) in den Raum, in welchem wir jeweils unsere Predigten hörten. Der Raum war dicht gestuhlt und die Uhr, die irgendwann mal hing, nur nicht in meinem Sichtfeld (vielleicht besser, wenn es eine Uhr hat, möchte ich immer wieder drauf sehen, wäre nicht gut angekommen). Der Prediger stellte sich jeweils hinter dem Pültchen auf und wir setzten uns auf die hölzernen Stühle. In einer anderen Raumecke war ein hölzernes Kreuz – natürlich ohne Jesus, schliesslich ist er auferstanden, wie wir über die katholische Kirche witzelten – und an der Tür hing ein Kästchen für die Kollekte. Ebenfalls hölzern, aber vom Stil her vergleichbar mit dem Kästchen, das ich aus der reformierten Kirche kannte. Rechteckig, mit schmalem Schlitz oben fürs Geld. Einwerfen würde man so, dass andere es möglichst nicht sahen, beispielsweise während alle die anderen begrüssten, gingen ältere Frauen, die teils auch aus gesundheitlichen Gründen so bald wie möglich wieder sitzen wollten, direkt ins Versammlungszimmerchen, warfen ihren Zehnten (nicht erzwungen oder gemessen oder gezeigt, aber meistens so gehandhabt) ein und setzten sich. Wir begrüssten sie dann, während sie sassen, und setzten uns selbst. Bei uns hatten wir eine Familie von Querflötern – heisst, 3 von 6 Personen spielten die Querflöte – und sie begleiteten unseren Gesang jeweils. Es ging ziemlich schnell ans Singen, wir setzten uns und wünschten Lieder, eins nach dem anderen, und die Querflöten begleiteten uns. Ein Klavier hatten wir keines, dafür war es auch viel zu eng im Raum. Ich glaube, einige meiner Bekannten werteten dies als Vorteil, als sie entschieden, das Klavier – statt ein anderes Instrument – zu lernen. Wir sangen also aus unserem Liederbüchlein „Singet fröhlich Gott“, das ehemalige EBV-Liederbüchlein mit Refrains à la „Vorwärts im Krieg, vorwärts zum Siege oder Tod, steht treu zur Blut- und Kreuzesfahn“ (ich habe die Melodie immer noch im Kopf). Nach einigen Liedern gab es eine Begrüssung, dann das Gebet. Beim Gebet nannte die begrüssende Person jeweils Anliegen, wie beispielsweise eine gute und lehrreiche Predigt, viel Konzentration, und natürlich Lob und Dank. Wir beugten uns also alle, in einer demütig-ehrenden Position, auf dem Stuhl, falteten die Hände und schlossen, sicherlich grösstenteils, die Augen. Dann begannen einfach zufällig Personen aus der Gemeinde zu beten, wie es in der EBG üblich war (und weiterhin ist). Bei Gebeten, denen wir voll und ganz zustimmten, sagten wir „Amen“, bei den anderen entsprechend nicht. Einmal hatten wir einen Prediger, der darüber sprach, wie wichtig es ist, nur „Amen“ zu sagen, wenn wir es auch wirklich meinen, und seitdem ziehe ich das durch. „Amen“ heisst schliesslich „so sei es“, und warum sollte ich das sagen, wenn ich denke, „so ist es sicher nicht“? Nachdem etwa drei Personen beteten – Frauen, Männer, wer will, knapp mehr als die Hälfte männlich – sangen wir erneut und dann begann die Predigt. Er nannte erst das Kapitel oder den Auszug aus der Bibel (nicht zwingend ein ganzes Kapitel), über was wir diskutieren würden, wir schlugen alle in unserer Bibel nach, und lasen es gemeinsam. Bei den Bibelversionen gibt es bei der EBG, im Gegensatz zu den meisten Freikirchen, Restriktionen: Nur die Schlachter 2000, oder Lutherbibeln. Alle anderen waren zu modern, zu zeitgenössisch, und somit zu weit weg vom wahren Wort Gottes. So richtig fiel mir der Unterschied erst nach Austritt auf, als wir im Ethikunterricht das Hohelied der Liebe (aus dem Alten Testament, etwa in der Mitte der Bibel) in einer moderneren Übersetzung lasen.  Plötzlich bedeuteten die Wörter gar nicht mehr das, was ich ursprünglich dachte. Wenn ich mal wieder die Bibel voll durchlesen sollte, dann sicherlich mit einer neuen Übersetzung und, im Idealfall, mit ernsthafter historisch-kontextualisierter Recherche. Die Bibel nicht für das bare Wort Gottes, von ihm über die Jahre geschützt, zu halten, die Bibel im Kontext von historischen, kulturellen, linguistischen Ereignissen und Aspekten zu lesen, das gehört(e) nicht zur EBG, wie es auch nicht zu vielen anderen Freikirchen gehört. Auch wenn einige da extremer sind als andere. Wir lasen also gemeinsam den Auszug, und dann ging der Prediger diesen chronologisch durch. Das war angenehm, denn da mein Sichtfeld auf die Uhr verborgen war, ich nicht am Handy sein wollte (Bibellesen auf dem Handy wird abgelehnt, auch wenn ich zeitweise mehrere Bibel-Apps hatte), und auch nicht konstant Samira nach der Uhrzeit fragen wollte, konnte ich einfach die verbleibende Zeit anhand der Stelle im Text messen. Der Prediger stellte oftmals interaktiv Fragen, beispielsweise nach Verlauf einer biblischen Geschichte, manchmal auch einen Bibelvers teilweise vorlas und wir aus Reflex den Bibelvers beendeten (illustrativ, Prediger „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen,“ und die Gemeinde: „der Name des Herrn sei gelobt“, aus Hiob 1, 21). Dann erläuterte er gern den Kontext des Bibelverses, manchmal den historischen, manchmal den Kontext zu anderen Büchern und Kapiteln in der Bibel. Manchmal sprach er auch über ein bestimmtes Wort, teilte mit, wie das Wort ursprünglich auch übersetzt werden könnte, oder wofür es gebraucht wurde. Und dann gab es häufig auch anekdotische Ergänzungen, wie er Gott erlebte, oder wie er eine Geschichte hörte. Meine Grossmutter beklagte sich einst, dass die Predigt in der EBG (die sie ja für meinen UK einmal hörte) einfach keine Predigt war, sondern nur jemand, der dahinsteht und redet, was ihm so einfällt. Damals verteidigte ich mich stark dagegen, schliesslich gab es den roten Faden im Rahmen des Bibelauszugs, auch bekannt als „Predigttext“. Aber heute verstehe ich sie. Die Art, wie EBG-Prediger predigen, steht nicht nur in einem Kontrast zur reformierten Kirche, sondern auch zu anderen Freikirchen. Auch andere Freikirchen bauen ihre Predigt auf wie die reformierte, mit einem Thema statt einem Predigttext, und sie unterstützen das Thema dann mit Bibelversen, statt einfach einen Text zu nehmen und darüber zu referieren. Ob viel Bibelwissen in der EBG eher vorausgesetzt wird als in der reformierten Kirche? Ich denke schon. Dafür sind die Predigten der reformierten aber logischer für Personen, die es nicht sehr gut kennen. In der EBG würde die Predigt von Sündenfall und Notwendigkeit zur Bekehrung handeln, wenn man unbekehrt geht, und der Prediger dies weiss. Sobald der Predigttext vorbei ist – was meistens gegen Ende knapp wurde, weil die ersten paar Verse enorm viel Aufmerksamkeit erhielten – würden wir beispielsweise singen, dann Zeugnisse ablegen können (wenn die Zeit reichte), wobei natürlich eher Männer Zeugnisse ablegten, und zum Schluss erneut beten, gleich wie am Anfang, und erneut singen. Dann wäre die Versammlung in dem Sinne vorbei und alle würden entweder noch einen Moment bleiben und sprechen oder direkt nach Hause fahren. Nur an einem Tag war es anders, am 4. Sonntag in der Woche. Dort gab es nämlich Zvieri (die Versammlungen begannen um 14 Uhr und dauerten bis 15 Uhr, damit die Prediger genügend Zeit hätten, ins Bündnerland und natürlich zurück zu fahren). Wir sassen gemeinsam im anderen Raum an den grossen Tisch und assen die Backwaren, während wir uns austauschten. Im selben Raum, in dem wir jeweils assen, fand – wenn notwendig – eine Sonntagsschule statt, und es gab ein Bücherregal mit Büchern, die ich meines Wissens eher früh durchgelesen hatte. Ich nenne sie „Ortsgemeindebibliothek“, auch wenn es nicht ausreichend Bücher für eine Bibliothek gab. Nachdem Zvieri oder Versammlung vorbei waren, verabschiedeten wir uns – mit Handschütteln und Namen – und gingen nach Hause. Manchmal ging ich zu Samira nach Hause, um den friedlichen Sonntag noch etwas länger zu geniessen, und natürlich, um mit meinen Freundinnen Zeit zu verbringen. Wenn ich nach Hause ging, brauchte ich meistens Ruhe – ich hatte eine schnell leere Sozialbatterie, die zwar heute besser, aber immer noch nicht unendlich ist – und erhielt diese nicht, denn meine Eltern waren erst mal nicht sehr glücklich, dass ihre Tochter wieder „bei der Sekte“ gewesen war. Und so kam es, dass ich nicht lange nach der Versammlung, in der ich mit anderen über das christliche Leben sprach, nach Hause kam und eher schnell mit meinen Eltern zu streiten begann. Ich weiss nicht, wie gut es für wen nachvollziehbar ist, die Belastung, die meine Familie und ich teilten, und die uns gleichzeitig trennte. Wenn ich erwachsen gewesen wäre, dann wäre ich eiskalt ausgezogen und hätte bei den Predigern oder einer anderen Familie oder eben alleine gewohnt. Ich war aber zu jung dafür, und so musste ich irgendwie durchhalten. In einem jugendlich-hormonell und emotional-belasteten Kontext ging das aber nicht sehr gut, und etwa jedes Gespräch, das irgendwie in Richtung EBG begann, eskalierte, egal, wer den Auslöser fallen liess. Bis es keine Eskalationen mehr gab. Aber dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis ich die EBG wieder verliess.

Ein unerlaubtes Zeugnis in der Versammlung

Bernard, jüngerer Familienvater und Prediger, kam zu uns und predigte. Vor allem darüber, wie grossartig Gott ist, und dass er unsere Gebete erhört. Ich weiss nicht mehr, über welche Verse er genau sprach, aber ich entschied mich dazu, eine Geschichte aus meinem Leben zu erzählen, auch bekannt als «Zeugnis ablegen», wie Gott meine Gebete erhörte. Es war eine belanglose Geschichte, eine Kleinigkeit – ich erzählte in unserer gemütlich-familiären Versammlung, wie ich einmal ein Marmeladenglas nicht aufbekam, Gott bat, mir Kraft zu schenken, und es dann sofort klappte. Vielleicht fast zu belanglos, als dass ich Gott um Kraft bitten hätte sollen, aber ich lernte, Gott immer zu kontaktieren, wenn ich ihn brauchte (und auch sonst! Eine gesunde Beziehung braucht mehr Kommunikation als nur «hilf mir, bitte»), und ich brauchte eben Hilfe beim Öffnen des Glases. Und so erzählte ich die Geschichte, meine Bekannten, also praktisch die ganze Gemeinde, grinsten mich an, denn so eine Geschichte ist – oder war – eben typisch für mich, «typisch Angi». Nach der Versammlung nahm mich eine Freundin beiseite und meinte, das sei unpassend gewesen, ich hätte es ihnen besser nach der Versammlung erzählt. Frauen sollen in der Versammlung ja nicht sprechen. Mein Zeugnis hätte ich nicht ablegen dürfen, auch wenn es in dieser Versammlung ging, weil ja alle mich kannten und es mir niemand böse nehmen würde. Aber in einer anderen Versammlung wäre ein solches Zeugnis wohl gar nicht gut angekommen.

Die anderen Frauen

Wir waren so einige junge Frauen, die grösstenteils in «gläubigem» Elternhaus aufwuchsen, und was die meisten von uns erlebt hatten (oder: ich weiss spontan von keiner Frau, die nicht auch darunter litt), war Mobbing. Einerseits sehe ich es ein, die Mädchen trugen Röcke, zusammengebundene Haare, und natürlich auch ein übertrieben anständiges Oberteil. Da hatten die Jungs mehr Glück, auch wenn es einzelne (bereits bekehrte) Männer störte, dass sie nicht so offensichtlich christlich sein konnten wie die Frauen. Andererseits: Es machte die Sache schlimmer. Wir lernten, dass Christen verfolgt werden, und auch wenn unsere Glaubensgeschwister in anderen Ländern an Leib und Leben bedroht sind – was wir nicht sind, zumindest nicht jetzt – so mussten wir doch den Spott der anderen hören. Ja, Spott ist ein Wort, das (Ex-)EBG-Mitglieder gut kennen. Was man als Mädchen lernt, ist, das Leiden auszuhalten – oder auszuharren – und irgendwie damit umzugehen, dass die Ungläubigen eben solche Spötter sind. Man lernt, mit den dummen Blicken im Zug umzugehen, die dummen Kommentare zu ignorieren, und man lernt, dass man fürs Folgen von Gott eben leiden muss. Ich sprach viel mit den anderen, und es war einfach klar, dass wir alle in der Primarschule gelitten hatten. Ich frage mich, wie stark uns dieses Leiden – im Gegensatz zu den Männern, die sicher auch ihre eigenen Probleme hatten – prägte. Ich frage mich, ob wir unseren Glaubenstest früher als die Jungs begannen, weil wir dem Spott früher ausgesetzt waren. Und ob das ein Grund ist, warum mehr Frauen, die ich kenne, aus solchen Gemeinden austreten. Ich meine, man überlege sich: Wir wussten, unsere Rolle war in allererster Linie, Gott zu dienen. Dann hatten wir die beiden Optionen, zu heiraten und (so einige) Kinder zu produzieren, oder eben allein zu bleiben. Eine Karriere in der Gemeinde war unvorstellbar, eine Frau darf weder leiten noch lehren. Höchstens noch die Mission, also allein oder mit einem (Ehe-)Mann in ein fremdes Land um in einer fremden Kultur und einer fremden Sprache fremde Leute zum eigenen Gott zu bringen, das wäre möglich. Aber schon ein wenig beängstigend. Man konnte sich also entscheiden, Mutter zu werden, ohne Kinder den Rest des Lebens zu arbeiten und so gut wie möglich zu versuchen, Gott zu verherrlichen, das Risiko der Mission auf sich nehmen, oder – austreten. Ich habe sicherlich mit mehr Frauen als Männern zu tun gehabt, und ich erhielt den Eindruck, dass Frauen viel eher austreten. Warum auch nicht? Ich würde sagen, Mädchen leiden grundsätzlich mehr als Jungs. Ja, Männer müssen ins Militär, und ich weiss nicht, wie es ist, wenn man als Christ irgendwo hingeht, wo Menschen so durchmischt sind wie im Militär, und wo man vielleicht so einige unchristliche Witze macht und hört. Aber trotz Dienstpflicht müssen sie nicht unbedingt ins Militär, es gibt genügende Männer, die bewusst etwas anderes machen, ob Zivildienst oder Zivilschutz oder den Betrag zahlen. Viele Alternativen sind es nicht, aber es gibt Alternativen. Aber dieses halbe oder ganze Jahr ist etwas, das die Kindheit der Mädchen, die auf den ersten Blick als Verspottungsobjekt erwählt wurden, eben nicht ausgleichen kann. Und wenn die Mädchen dann erwachsen und Frauen sind, haben sie in der Gemeinde, unter der sie mehr litten, einfach nichts zu sagen. Klar, die Männer nehmen sie – ab einem gewissen Alter – eher ernst, besonders, wenn sie verheiratet, Prediger und Älteste sind. Natürlich sind es aber dennoch immer noch Personen, die weniger gebildet sind. Ehrlich gesagt erhielt ich immer den Eindruck, dass Männer eher auf Frauen herabschauten, zumindest im Thema der Bibelauslegung. Weniger bei den Predigern, viel eher bei den nicht-predigenden. Vielleicht verspürten sie auch Druck, dass sie viel lernen mussten, um ihre Frauen zu lehren. Besonders viel Respekt gegenüber Frauen verspürte ich vonseiten der gesamten Gemeinde, auch den Frauen selbst, aber nicht.

Ein kleines Schlusswort

Es gab neben all dem Leid natürlich auch schöne Erlebnisse, gute Erfahrungen, an die ich mich gern erinnere. Ich habe enorm viel gelernt, auch über mich selbst (auch wenn die grösste Lernkurve eher mit dem Austritt begann). Aber die Freiheit, die ich jetzt habe, mich von keinem Buch und keiner Lehre einschränken zu lassen und zu glauben, was ich glauben möchte, ohne jeglichen Zwang, das ist dann doch etwas, das ich nie wieder aufgeben möchte. Ich hoffe, dass ich für den Rest meines Lebens so frei bleiben kann, und achte sorgfältig darauf, mich nicht mehr von irgendwelchen Absolutismen einfangen zu lassen.

Angela Heldstab, 11.08.2023

Lexikoneintrag EBG

Ehemaliges EBG-Mitglied besucht Konferenz der Evangelischen Bibelgemeinde (EBG)

Hintergrund und Einladung

Als ich im Jahr 2016 die Evangelische Bibelgemeinde EBG verliess, vermutete ich, dass ich die durch die EBG kennengelernten Menschen aus anderen Ecken der Schweiz wohl (gar) nicht mehr sehen würde. Ich besuchte die Konferenzen ja nicht mehr. Mit einigen hatte ich dennoch weiterhin Kontakt, wenn auch selten und stockig, mit sehr wenigen regelmässig. Und so kam es, dass ich dieses Jahr via SMS von meiner Bekannten an den UK-Abschluss eingeladen wurde. Der UK-Abschluss (Unterweisungskurs-Abschluss, gleich einer Konfirmation am Ende des Konfirmationslagers) ist eine der drei Feierlichkeiten («Konferenzen») im Jahr, in welchem alle EBG-Mitglieder, die können, am selben Ort zusammenkommen. Die anderen zwei Konferenzen sind an Ostern und am Buss- und Bettag, an Weihnachten gibt es bewusst keine. Ich entschied also zu gehen, einerseits, weil ich wissen wollte, wie ich die EBG jetzt, sieben Jahre später, wahrnehmen würde, und andererseits natürlich für Relinfo. Einige Bekannte äusserten ihre Sorge, dass ich dann wieder hineingezogen würde, aber: Ich war 13, als ich in die EBG kam. Wenn ich so lange danach immer noch so beeinflussbar wäre, würde ich vermutlich jetzt weder politisch aktiv sein noch studieren, sondern wäre weit weg auf Mission, vielleicht schon mit Kindern, vielleicht noch ledig. Zu meiner persönlichen Unterstützung nahm ich aber dennoch meinen Partner mit, der selbst keinen freikirchlichen Hintergrund hat. Auch, weil er die EBG so sicher anders sehen würde als ich und ein zweites Paar Augen immer gut ist.

Erste Eindrücke des Altbekannten

Ich ging also an den UK-Abschluss und fuhr mit Partner und mit zwei Freundinnen, die weiterhin die EBG besuchen und mit denen ich die Freundschaft trotz Austritt aufrechterhalten konnte, nach Hägendorf, wo neuerdings die Konferenzen stattfinden. Es fand effektiv in einer Mehrzweckturnhalle statt. Das war ein wenig merkwürdig. Der mir bekannte Versammlungsort in Biberist hatte zwar einige Bilder von Jazz-Spielenden, was natürlich «satanisch» war, aber wenigstens fühlte er sich konferenzartiger an. Die Turnhalle in Hägendorf, genannt «Raiffeisen-Arena», fühlte sich mehr nach Sport und Wettbewerb als nach Gott und Bibel an. Wir gingen in die «Raiffeisen-Arena» und meine Freundinnen begrüssten allerlei Leute, die ich selbst nicht kannte. Irgendwie hatte ich im Kopf, dass EBG-Mitglieder grundsätzlich offen sind und «ansaugen», sobald sie jemanden sehen, der ihnen unbekannt ist. Das mag bei den Ortsgemeinden zutreffen, aber bei der Konferenz fühlte ich mich mehr, als wäre ich in ihren «Safer Space» eingedrungen. Mich begrüssten nur die, welche ich bereits seit «damals» kannte. Die anderen guckten mich schräg an und redeten weiter mit meinen Freundinnen. Jene, die ich kannte, waren vor allem überrascht, mich zu sehen, natürlich mit Ausnahme von der, welche mich eingeladen hatte. Ihr hatte ich vergessen, rechtzeitig vom Kommen zu erzählen, und sie erfuhr es dann am Morgen der Konferenz. Es war sehr typisch, die Freude, mich zu sehen, das bekannte «so schön!» und die Frage «geits?», im breitesten Berner Dialekt. Im Verlauf des Tages fragte ich mich, wie ich früher darauf antwortete, denn an diesem Tag war ich nach etwa dem dritten Mal bereits unterfordert und fragte mich, was sie hören wollten. Zudem fiel mir auf: Die Menschen sahen alle plötzlich älter aus – gut, es war auch 7 Jahre her, seit ich sie das letzte Mal gesehen hätte – und die Mütter, die waren plötzlich müde. Mir wäre es früher nie aufgefallen, aber die einzigen Mütter, die nicht müde aussahen, waren jene mit erst einem Kind oder die, deren Eltern dabei waren, die also «grosselterliche Unterstützung» hatten. Alle anderen sahen so ermüdet aus, dass ich mir Sorgen um sie zu machen begann. Ui. Zum Glück war ich ausgetreten, bevor ich selbst eine Reihe an Kindern produziert hatte. Durchschnittlich waren es sechs Kinder pro Familie, wie mein Partner schätzte. Das ist einfach zu viel, besonders ohne Grosseltern. Aber die EBG zirkuliert Kleider durch die Reihen, sodass die Eltern der jüngsten Jugendlichen ihre Kleider an andere Familien weiterschenken.

Wir setzten uns also auf die aufgereihten Stühle – leider unbequem – und ich richtete mich ein, holte Bibel, Schreibzeug und Notizblock hervor, wie meine Freundin zwei Sitze weiter, bei der ich es damals einfach kopierte. Diesmal fühlte ich mich weniger merkwürdig, da ja noch jemand Notizen machte, nur meinem Partner war ziemlich sofort langweilig.

Die Musik

Wir sangen, immer noch aus dem gleichen Buch wie damals, aber es sah schicker aus. Mir wurde damals ein Liederbuch geschenkt, in welchem noch der Evangelische Brüderverein, Vorläufer der Gemeinde für Christus, von der die EBG sich aufgrund der Modernisierung abgespalten hatte, als Gemeinde aufgeführt war. In den schickeren Konferenzliederbüchern stand aber die Evangelische Bibelgemeinde als Gemeinde. Soweit alles altbekannt, nur: Es gab plötzlich einen Männerchor. Ich erkundigte mich also, seit wann es einen Männerchor gab, und fand heraus, dass dieser extra für diesen Zweck geformt wurde. Der Chor klang wirklich gut, viel besser als die Gemeinde. Vielleicht auch, weil ich bei Frauenstimmen öfters höre, dass es mit den Tönen nicht ganz klappt. Natürlich darf auch gesagt werden, dass viel zu viele Lieder einfach zu hoch nach oben gehen, und eingesungen mit korrekter Position (stehend) gesungen werden müssen, damit man anständig raufkommt. Ich versuchte natürlich auch mein Bestes, mit nach oben zu kommen, aber das war quasi unmöglich, auch, weil mir die Übung fehlt. Alle anderen Frauen versuchten es bei den hohen Tönen ebenfalls, aber gelungenen Gesang auf dieser Höhe hörte ich nicht. Ich gebe den Liedern und den Personen, die ohne Rücksicht auf anständiges Aufwärmen die Lieder wählen, die Schuld daran. 

Die Vormittagskonferenz

Meinem Partner, der mich netterweise begleitete, hatte ich angekündigt, dass in erster Linie erklärt würde, was am UK alles gut lief, und für die Gebete gedankt würde. Und das war tatsächlich eines der ersten Dinge, die passierten: Es wurde gedankt. Unterhaltsam fand ich, dass der Mitteilende, Christoph Sardi, ein Prediger, auch meinte «Ihr habt jetzt Grund zu danken» – im Sinne, ihr habt gebeten, Gott hat geschenkt, jetzt könnt ihr danken. Nach den Mitteilungen standen die zehn UK-Absolvent:innen auf und rezitierten Teile des Psalms 139. Dieser würde der Bibeltext für die Predigt danach sein. Ich hatte damals auch den UK absolviert und wir lernten damals Psalm 91 auswendig, nur waren wir so schlecht, dass es nur wenige schafften. Bei uns stand jemand und wir lasen einfach seine Lippen. Da auch dieses Mal ein Prediger vor ihnen stand, erahnte ich, dass auch dieses Mal er den Vers mitsprach, damit sie im Notfall ablesen konnten. Ausserdem war das sinnvoll, um gleichzeitig zu sprechen, was die Gruppe gut machte. Aber nur 10 Absolvierende? Bei uns, im Jahr 2015, waren es 8 Mädchen und etwa gleich viele Jungs, dieses Jahr waren es 7 Mädchen und 3 Jungs. Vielleicht landete ich auch einfach in einem jahrgangsstarken UK.

Die Predigt hielt Peter Zaugg, der auch meinerzeit den UK mitleitete, und einst in Papua Neu Guinea (PNG) mit seiner Frau missionierte. Er sprach darüber, dass Gott allwissend sei, und es kristallisierten sich zwei Aspekte dieser Allwissenheit: Entweder es ist super, weil Gott ja sowieso alles weiss und man sich auf ihn verlassen kann, weil es Sicherheit gibt, oder es ist gar nicht super, weil das ja auch heisst, dass er all die Sünden kennt, und das einengt. Während seiner Predigt schrien einige Babys und weinten einige Kinder, denn obwohl es einen Hüteort gab, waren ein paar Kinder weiterhin im Konferenzsaal (oder der Turnhalle). Er liess sich nicht beirren und sprach weiter, einfach lauter. Nicht lange in die Predigt hinein beugte sich mein Partner zu mir und kommentierte: «Gute Redner haben sie nicht». Naja, ich kannte die EBG nicht anders, aber nach kurzem Nachdenken musste ich ihm zustimmen. Rhetorisch ist die EBG nicht gut. Und das galt für jeden Redner an diesem Tag, mit einer einzigen Ausnahme: Der Mann, Vater eines UK-Absolventen, der später auf Französisch ein Zeugnis ablegte. Der war rhetorisch gut. Die Übersetzung des Zeugnisses dann schon wieder nicht. Und Französischkenntnisse haben EBG-Mitglieder nicht überdurchschnittlich im Vergleich zum Rest der Deutschschweiz. Aber wenigstens etwas.

«Der Bruder» und wie es nicht weitergehen konnte

Nachdem der UK ein Lied namens «einer, der die Gnade fand» sangen (nicht besonders gut, weil es wieder viel zu hoch war), erhielten sie alle ihren Vers. Das läuft ab wie bei einer kirchlichen Konfirmation: Man wird aufgerufen, der Vers wird vorgelesen, und einen in die Hand gedrückt, oder eben dann später in die Hand gedrückt, wenn es logistische Komplikationen gibt. Es kamen zwei Aufsätze zum Thema «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe». Ich musste damals auch einen Aufsatz schreiben. Ich wollte erst über das 5. Gebot oder Gottes Schöpfung schreiben, und produzierte dann irgendetwas chaotisches, auf das ich selbst nicht stolz war. Dann meinte jemand der Leitenden, es wäre viel spannender, wenn ich über das Thema «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe» schreiben würde. Schliesslich war ich ja aus ungläubigem Elternhaus. Nach dieser UK-Konferenz verstehe ich, dass es bei ungläubigen Elternhäusern spannender ist. Ich hatte das Gefühl, jede Person hatte denselben Verlauf. Sie waren allesamt in «gläubigem» Elternhaus aufgewachsen und wussten schon früh, dass vieles falsch und sündhaft war. Mehrere der Vorlesenden schrieben «ich wusste / mir war klar, dass es so nicht weitergehen konnte». Und dann nahmen sie Kontakt auf mit einem «Bruder» und «durften sich bekehren». Nicht lange danach fielen sie wieder in die Sünde. Und dann nahmen sie wieder Kontakt auf mit einem «Bruder» und «durften sich bekehren». Für mich als Person, die auch immer wieder sündigte und sich enorm schlecht fühlte und konstant Busse tat, nur ohne «Bruder», war es merkwürdig zu hören, dass andere sich mehrfach bekehrten. Aber die Tatsache, dass ich zuhause nie Angst vor Gott hatte, weil ich nie von Dingen wie der Entrückung oder der Hölle (höchstens als veraltetes katholisches Konzept) hörte, mag auch dazu beigetragen zu haben. Ich weiss noch, wie neidisch ich war, dass die anderen in einem gläubigen Elternhaus aufwachsen durften – und ich nicht – aber heute bin ich unendlich froh.

Ausserdem fiel mir diesmal auf, wie häufig man wirklich noch über «Brüder» und «Geschwister» sprach. Ich fand es damals toll, eine so riesige Familie zu haben, dass alle Personen, die meinen Glauben teilten, meine «Geschwister» waren. Wer wünscht sich nicht, dass die beste Freundin auch eine Schwester sein kann? Aber so dazusitzen, wenn man selbst nicht mehr glaubt, oder mal sicher nicht an dasselbe, und zu hören, wie 16-jährige über «den Bruder» sprechen…das war merkwürdig. Ich verstehe jetzt viel besser, warum sich meine Mutter immer über die «Brüder» lustig machte. Irgendwie muss man mit dieser Bizarrheit umgehen.

Andere Aufsätze handelten vom 8. Gebot – du sollst nicht stehlen – und davon, was Gebet bedeutet. Die Vorlesende erklärte, es ginge beim Gebet darum, still zu werden, Gott sprechen zu lassen (idealerweise durch auswendig gelernte Bibelverse, die einen zufällig in den Kopf «ploppen»), dass Gebet das Atmen der Seele sei, und man solle beten, damit man Kraft hätte, anderen von Jesus weiterzuerzählen. Öffentliche Gebete sollen kurz, klar, deutlich sein. Kein Anliegen zu gross, keines zu klein. Das erinnerte mich daran, wie ich früher meiner Grossmutter empfahl, Gott fürs Annähen eines Reissverschlusses um Hilfe zu bitten. Es war schön zu sehen, dass die EBG das offensichtlich unterstützen würde.

Rhetorik und Logik – Fremdwörter, aber in der EBG noch mehr

Dann gab es ein Lied, das von Männerchor und UK gemeinsam gesungen wurde, und Philipp Grossenbacher, der auch damals schon den UK geleitet hatte, ehemaliger PNG-Missionar und 13-facher Grossvater, predigte weiter. Er redete weiter über Psalm 139, und gab einen Rückblick über den UK. Philipp erzählte, wie sie gemeinsam die Schöpfung angeschaut hätten, dann den Sündenfall, die Erbsünde – alles, was wir auch lernten, nämlich dass wir alle von Geburt an sündhaft sind. Philipps Lieblingsbeispiel war damals: «Was ist das Erste, was ein Kind macht, wenn es zur Welt kommt? Es schreit! Was ist das Erste, was es sagt? ‘Nein’». Als Kind, das nach der Geburt nicht geschrien, sondern gelächelt hat – gemäss meiner Mutter, die dabei war – fühlte ich mich von diesem Beispiel nie besonders betroffen. Aber das Grundkonzept galt für mich natürlich trotzdem. Philipp sprach weiter, über die 10 Gebote, die wir alle übertreten hatten, besonders nach der neutestamentlichen Auslegung («Ehebruch im Herzen»), und dann elaborierte er über die Sünde und über das Gericht. «Klassisch Philipp», dachte ich, «spricht mehr über Sünde und Gericht als über Gnade und Freiheit». Er erklärte, wir hätten vor dem lebendigen Gott gesündigt – was ich lustig fand, gibt es tote Götter? Die sind doch unsterblich? – und führte dann aus, dass gewisse Personen eben an gar keinen Gott glaubten. Ob es einen gäbe? «Wir werden’s sehen…aber dann ist’s zu spät». Besonders logisch fand ich diese Erklärung nicht, aber sie war auch nicht untypisch. Die EBG macht gern ein wenig Angst, den Leuten, die noch unbekehrt sind, oder die zu stark wieder in die Welt gerutscht sind. Ich gehöre sicher zu der zweiten Gruppe dazu. Nach langem Sprechen über Sünde und Gericht kam es: die Erlösung durch Jesus. Für etwas, das so erlösend sein sollte, war Philipps «Delivery» kalt. Und es ging weiter mit den Themen, die sie im UK besprochen hatten: Das Gebet, das Unser-Vater, die Neutestamentliche Gemeinde, die mal als Braut, mal als Schafherde, mal als Tempel dargestellt wurde, die Taufe (und deren Bedeutung), das Abendmahl, die Entrückung, das tausendjährige Reich, das Endgericht, und die Ewigkeit. Also kurz: Die gesamte, grundsätzliche Lehre, welche die EBG vertritt. Einfach alles, in zwei Wochen gepackt. Aber das war nicht alles, es ging weiter: Umgang mit Geld, was wir auch ansahen, Medien, Suchtverhalten, Freizeitbeschäftigungen, Freunden, Gruppendruck, so modernere Dinge. Die wir aber auch alle angeschaut hatten im Jahr 2015. Wenn sie dasselbe lehrten wie damals: Wir sollen immer versuchen, Gott zu ehren, auch in den Freizeitbeschäftigungen, uns nicht Gruppendruck beugen, keine Suchten entwickeln, den Medien grundsätzlich nicht vertrauen und uns ganz sicher nicht verschulden. Wenigstens Teile davon kann ich noch heute vertreten. Philipp erklärte, dass sie die Gebete der Gemeinde gespürt hätten, dass Gott auch beim Wetter geholfen hätte – es war angenehm kühl – und erklärte, dass niemand einen aus Gottes Hand hinausholen könnte. Kein Geschöpf könne uns von Gott scheiden, weil ja alles ausser Gott «Geschöpf» sei (weil Gott es ja «geschöpft», eigentlich geschaffen, hatte – solche Fokusse auf die Wortbildung sind beliebt in der EBG). Ich, als ehemaliges EBG-Mitglied, fand das unterhaltsam. Es hiess in den ersten paar Büchern der Bibel nie, dass es keine anderen Götter gäbe, nur, dass man sie nicht anbeten solle. Und dass Gott diese nicht geschaffen hätte, war ja auch klar, denn wenn schon, müsste er nicht mit ihnen konkurrieren. Aber das ist natürlich auch einfach meine Bibelauslegung. Der Rückblick war vorbei, es gab ein Angebot, dass wir uns bekehren oder um Gebete bitten dürften, und dann kam ein Musikstück der UK-Absolvierenden, mit einem Cello, zwei akustischen Gitarren (zu meinem grossen Erstaunen), und einer Geige. Auch wir durften damals auf unseren Instrumenten etwas vorspielen, nur hatte ich bis dort vor allem Schlagzeug gespielt, und das ging natürlich nicht. Dass sie aber Gitarre spielten, war für mich neu. Es ging weiter und der französischsprachige Vater eines UK-Absolventen legte sein Zeugnis ab, rhetorisch gut. Die Übersetzung war klar merkwürdig, denn sie hatten jemanden gebeten, dessen Muttersprache klar Französisch war, und eigentlich empfiehlt man, auf die eigene Muttersprache zu übersetzen. Der Vater sprach darüber, wie die UK-Absolvent:innen nun die Waffenrüstung aus Epheser 6 brauchten, um in den Glaubenskampf, der nach UK eintreten würde, zu treten, um bereit zu sein, wenn der Feind angriff. Ein wenig heimelig war es schon. Die Vorstellung, dass Satan einen jederzeit angreifen kann und man immer seine Bibel – das Schwert – braucht, um sich wehren zu können. Dann wurde gebetet, dass Gott uns bewahren möge, und eine gute Mittagspause schenken möge – wo ich sehr erleichtert war, dass schon jetzt Mittag war – und es gab erneut einen «Bekehrungsaufruf». Heisst: Sie sagten, wer wolle, dürfe auf sie zukommen und mit ihnen sprechen. «Heute noch ist Gnadenzeit», hiess es und ich freute mich, dass es jetzt – kostenloses – Essen gab, nämlich Sandwiches.

Ein kleiner, aber gerechtfertigter Schock und das Ablegen alter Ängste

Wir begrüssten also weiterhin alle, die zu uns kamen, und ich musste ein bis zweimal während der Pause meinen Partner allein lassen, wobei ich mich ein wenig sorgte, dass er dann «missioniert» werden würde. Nicht, dass er darauf anspringen würde. Aber die Vorstellung ist dennoch unangenehm. Wir hatten Glück, und er wurde nur von einer meiner guten Bekannten angesprochen, die mitbekommen hatte, dass er «zu mir» gehörte, und die ihn freudig begrüsste. Ein Prediger, vor dem ich früher immer Angst hatte, weil er sehr forsch war in seiner Art – fast schon militärisch, aber ohne den Machtkampf, einfach forsch – begrüsste mich auch. Er war plötzlich nicht mehr so beängstigend, jetzt war er einfach alt. Verständlich, seine ältesten Kinder waren schon verheiratet, als ich die Familie kennenlernte, und jetzt sind alle verheiratet, aber trotzdem: Zu wissen, dass ich spätestens jetzt keine Angst mehr vor ihm haben musste, das war angenehm. Dass er rhetorisch nicht mehr so imponierte wie früher, als ich keine Ahnung von Rhetorik hatte und mich einfach von ihm einschüchtern liess, half natürlich. Natürlich sah ich auch jene, die ich seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte, beispielsweise die drei, mit denen ich seit UK kaum noch Kontakt hatte. Nur zwei, mit denen ich den UK absolviert hatte, sah ich nicht: beide waren schon lange ausgetreten, eine kurz vor, die andere nicht lange nach mir. Eine, mit der ich unschön auseinandergegangen war, begrüsste mich, als wäre nichts gewesen, wie man das eben als Erwachsene so macht. Es fühlte sich dennoch komplett falsch an. Eine andere, mit der ich nie gross zu tun hatte, freute sich auch, mich zu sehen, was für mich weder falsch noch richtig war, und mich mehr überraschte, weil ich sie als «moderner» im Kopf hatte und erwartet hätte, dass sie schon lange ausgetreten wäre. Und die dritte, deren Hochzeit ich (bewusst) verpasste, nachdem sie mich jahrelang nur an Versammlungen und Gottesdienste statt zum Zeit-Verbringen, wie man es als Jugendliche macht, einlud, trug ihren Ring mit viel Freude und Stolz. Dann gab es noch eine, mit der ich mich damals super verstand, bei der es auch kein Drama gab, aber auch nicht viel Kontakt (sie schreibt durchschnittlich alle zwei Monate oder seltener zurück). Bei den Gesprächen mit allen verschiedenen Mit-UK-Absolventinnen des Jahres 2015 fiel mir vor allem eines auf: Wir haben nichts, aber auch gar nichts (mehr) gemeinsam. Ohne den Glauben teile ich mit ihnen nur die gemeinsame Vergangenheit und so natürlich auch die Erinnerung an das UK-Lager, in dem sie mich vor allem husten hörten (Lungenentzündung). Aber ohne den Glauben gab es die Verbindung eben nicht mehr, oder sie war zu gering. Es war zumindest nicht mehr dasselbe. Das ist zwar irgendwie logisch und verständlich, denn es war der Grund, warum ich sie kennenlernte, und unsere Beziehung fusste auf gemeinsamem Verständnis von Jesus, und wir hatten uns alle entwickelt, seit wir (rund) 16 waren, ich natürlich in eine komplett andere Richtung als sie. Es war aber gleichzeitig auch sehr schockierend. Mir wurde erneut klar, wie bedingt die Liebe und Unterstützung, die ich damals erfuhr, wirklich war, und wie stark das Supportnetzwerk der EBG damals eine andere Person, mit der ich mich heute nicht mehr identifizieren kann, unterstützte. Ich hatte den Verlust schon beim Austritt mühselig versucht einzuordnen, aber so klar zu merken, dass der Verlust komplett gerechtfertigt war und mit meiner Persönlichkeit langfristig notwendig, somit unvermeidbar, war ein anderes, neues Level, und ein neuer Schock. Die Freundinnen, mit denen ich angereist war, die waren schon vor der EBG meine Freundinnen, und auch wenn ich sicher bin – besonders nach diesem Tag -, dass sie weiterhin wollen, dass ich wieder in die EBG komme, kann und konnte ich trotzdem weiterhin mit ihnen befreundet sein. Aber die anderen? Es «funkt» nicht mehr. Die Gefahr, dass ich mich wieder so verändere, um hineinzupassen, ist definitiv sehr gering.

Und so verbrachte ich meine Mittagspause damit, den jüngsten Sohn einer grösseren Familie für seinen älteren Bruder zu halten – ich hatte ihn als 16-jährigen in Erinnerung und jetzt war er plötzlich 24 und verheiratet – meinem Partner die ganzen Beziehungen und Verwandtschaften zu erklären, und festzustellen, wie fern ich den durchschnittlichen Menschen dort unterdessen war. Und natürlich damit, mein Sandwich und dann mein Dessert zu essen, und alle aufliegende Literatur einzusammeln. Gewisse Dinge ändern sich eben doch nicht.

Gott und die Zeit

Nach der Mittagspause ging es weiter. Es wurde erneut etwa zwanzig Minuten vor offiziellem Beginn gesungen bis zum Beginn, dann kam ein Musikstück der Absolvierenden – zwei Querflöten und ein Klavier, leider nicht so sicher wie am Morgen, und das Klavier musste offensichtlich mehrmals auf die Querflöten warten, aber es sind auch erst 16-jährige – und es kam erneut eine Einleitung, diesmal von Philipp Grossenbacher, und ein Gebet. Dort fiel mir wieder auf, dass Personen gern als «Brüder» bezeichnen und bezeichnet werden. Die UK-Absolvierenden rezitierten einen anderen Teil des Psalms 139, und Christoph Sardi predigte. Er sprach darüber, wie Jesus eine neue Kreatur aus Menschen macht («Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden!», 2. Korinther 5, 17 aus Schlachter 2000), und sprach darüber, dass einen der Teufel versucht – ich notierte mir diesen Teil der Predigt zusammenfassend als «Verteufelung des Teufels» – und dass man (ziemlich sofort) sündige, wenn man nicht wachsam sei. Man müsse ausharren, ein weiteres, in der EBG beliebtes Wort. Christoph bezog sich in seiner Predigt nicht nur auf den Bibeltext – Psalm 139, 13-16 – sondern auch auf gesungene Lieder, und diverse andere Bibelverse. Es war etwas chaotisch, aber ich kannte es ja. Die Struktur war ganz typisch: Ein Bibeltext wird chronologisch erläutert, es wird anekdotisch erzählt, ergänzt, andere Bibelverse werden genannt. Christoph erklärte, Gott hätte uns wunderbar gemacht, wir sollen Gott dafür danken, «und wenn du älter wirst», zählte dann auf, was plötzlich alles schmerzen und stören könnte, und endete diesen Teil mit «dank ihm trotzdem». Dann erzählte er noch eine Geschichte eines anderen Predigers – den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte – der Gott als Kind einmal bat, ihm sich zu zeigen, am nächsten Tag verschlafen hatte, voller Stress in die Schule ging und dann merkte, dass alle anderen auch noch draussen waren. Der Kamin hätte geraucht und man hätte nicht hineingehen können. Er hatte verschlafen, aber es war niemandem aufgefallen. Abgesehen von der schönen Geschichte erstaunte es mich, dass ein Prediger die Geschichte eines anderen Predigers erzählte. Durfte er das? Ist der andere in der Zwischenzeit gestorben? (Oder «nach Hause gegangen», wie man in der EBG sagt.) Nicht dass ich wüsste, denn niemand machte einen entsprechenden Kommentar. Aber jetzt weiss ich, woher ich mein Verständnis von Zeit habe: Gott ist zeitunabhängig, und somit könnte ich morgen für gestern beten. Beispielsweise, wenn ich nicht mehr wusste, ob ich etwas eingepackt hatte. Ich betete einfach «Gott, bitte lass es mich eingepackt haben», und dann tauchte es meistens auf.

Weitere Aufsätze und eine harte Meinung

Es ging weiter mit dem nächsten UK-Lied und drei Aufsätzen, zu den Themen «Wunder der Schöpfung», «Wer ist Gott» und «Wie ich die Wiedergeburt erlebt habe». Einer der Jugendlichen erklärte, dass der Grund dafür, dass wir keine Bilder von Gott machen durften, war, da es ihn in «seiner Herrlichkeit verkleinern» würde. Und die Dreieinigkeit, die könnten wir nicht verstehen, solange wir Menschen wären. Gott zeige sich einfach auf drei verschiedene Arten. Der Aufsatz über die eigene Wiedergeburt war wieder bekannt, es ging wieder darum «wenn ich so weitermache…» und es wurde sich mehrmals bekehrt.

Und dann möchte ich noch ein hartes Urteil über die Aufsätze des gesamten Tages fällen: Ich weiss, es sind 16-jährige, mit unterschiedlichen Bildungsgraden und unterschiedlichem schulischen Engagement, aber die Aufsätze waren weder gut noch schön vorgelesen. Die wenigen, welche schön vorgelesen wurden, waren rhetorisch oder logisch nicht besonders gut. Aber nach dieser Konferenz kann ich es niemandem vorwerfen, in der EBG keine Logik zu lernen. Ich erhielt nicht den Eindruck, dass die Predigten besonders logisch geprägt waren. Und man kann nichts lernen, das man nicht mitkriegt. Das gesagt habend, zurückdenkend empfand ich den französischen Aufsatz als besten, vielleicht, weil er wirklich der Beste war, vielleicht auch, weil ich bei Sprachen, die nicht meine Muttersprache sind, geringere Anforderungen habe. Vielleicht sind die französischen Redner auch einfach besser.

Der Elefant in Psalm 139: Die Abtreibung

Es gab erneut ein Musikstück, eine Anekdote auf – breitestem – Berndeutsch, und eine nicht enorm subtile Anspielung auf den Wert des «ungeborenen Lebens». Ich weiss natürlich, wie die EBG zu Abtreibungen steht, und ich war bereits überrascht, wie wenig wir über das «ungeborene Leben» hörten, wo Psalm 139 mit seinem Vers 13 «Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.» (Lutherbibel 2017) eine beliebte Grundlage sein dürfte. Die Abtreibungsreferenz kam da, als der Prediger ein weisses Blatt hochhob und uns fragte, ob wir das Blatt sähen («ja»), und ob wir denn auch den schwarzen Punkt sähen («nein»). So klein sei ein Embryo in der 5. Woche, und schon da habe Gott es gesehen, und alle seine Tage gezählt. Also kurz für alle, die nicht mitgekommen sind: Wenn Gott es sieht und die Tage gezählt und den Plan für das Kind ausgelegt, hat der Mensch kein Recht, sich da einzumischen und das Kind vorzeitig zu entfernen. Dass ein allwissender Gott wohl auch weiss, wann jemand abtreiben würde, und dies bei seiner allwissenden Planung selbstverständlich berücksichtigen kann, wurde nicht erwähnt. Das wäre vielleicht auch zu viel erwartet von einer Gemeinde mit durchschnittlich sechs Kindern pro Familie.

Der Prediger, dessen Name ich leider nicht kannte (und mir nicht merken konnte), sprach am Ende seiner Ausführung darüber, dass wir unsere Gaben für Gott einsetzen sollten. Das führte mich zu meiner alten Frage: Was ist «meine Gabe»? Wer weiss, vielleicht will Gott, dass ich über christliche Gemeinden schreibe. Das wäre «gäbig», denn das mache ich gern. Ob der Prediger das auch gemeint hatte? Wer weiss.

Der Schluss und der andere Elefant im Psalm 139

Es gab erneut ein Musikstück, der Männerchor und der UK sangen ein anderes Lied zusammen, und die letzten Verse des Psalms wurden genannt. Was den ganzen Tag lang auch nicht ansatzweise erwähnt wurde, obwohl der ganze Rest des Psalms durchgenommen wurde, waren die folgenden Verse: « Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! Denn voller Tücke reden sie von dir, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.» (Lutherbibel 2017, Psalm 139, Verse 19 – 22). Ich hatte mich nämlich schon den ganzen Tag gefragt, wie sie diese Verse christlich einordnen würden, wenn doch Gottes Wort 1:1 verstanden werden muss. Nach dieser enttäuschenden Feststellung sprach noch ein Missionar, der in der Schweiz in den Ferien und sonst in Madagaskar ist, der erklärte, «wir» Christen seien berufen zu leuchten, wie es im Matthäus 5, 13-15 steht, und dass wir im Alltag Gott treu sein sollen. Wir sollen für Jesus herausstechen, was als weibliches EBG-Mitglied – was ich als ehemaliges bestätigen kann – sehr einfach ist: Man braucht sich nur entsprechend zu kleiden, zu jeder Tages- und Nachtzeit ausser im Sportunterricht und wenn man im See badet, und schon fällt man auf und sticht «für Jesus» heraus. Der Missionar meinte «Gott geht mit: Du bist niemals allein», dann wurde gesungen, gebetet, die letzten Mitteilungen verkündigt und dann war es – endlich – fertig. Der Sauerstoffmangel in der Halle war unterdessen genügend gross, dass ich während dem Gebet kurz aufhörte, das Sprechen wahrzunehmen, und plötzlich dachte, es wäre schon vorbei. Zum Glück sass ich nur auf, statt sehr offensichtlich «Amen» in der Mitte des Gebets zu brüllen. Aber als wir dann endlich gehen konnten, war ich sehr erleichtert. Wir gönnten uns noch ein wenig Zvieri, ich begrüsste noch die paar Leute, die ich noch nicht gesehen hatte, und dann machten wir uns schnell auf unsere Verabschiedungsrunde. Die war kürzer als erwartet, denn eine Bekanntschaft redete so lange mit mir und meinem Partner, dass dieses Gespräch erst zu Ende war, als meine Freundinnen ihre gesamte Runde bereits gedreht hatten. Ich wollte aber mehr nach Hause als jetzt noch alle suchen, und so gingen wir.

Als meine Freundinnen mich zuhause abluden und weiterfuhren, merkte ich, dass sie meine Anwesenheit in der EBG vermissten. Die meisten Frauen in unserem Alter waren lange verheiratet, und beide hatten andere Prioritäten, als einen Typen zu heiraten. Der Sozialkreis war entsprechend: Entweder man verbringt Zeit mit den grosselterlichen Erwachsenen, oder man verbringt Zeit mit den kleinen Kindern. Andere Personen in meinem Alter sah ich, neben den anderen UK-lern, wenige. An diesem Tag nahm ich ein klares Fazit mit nach Hause: Ich bin unendlich froh, dass ich nicht mehr dazugehöre.

Angela Heldstab, 03.08.2023

Lexikoneintrag EBG

Der Ursprung meiner Abspaltung: Ex-EBG-Mitglied besucht GfC

Hintergrund und erster Vergleich

Als ich im Jahr 2014 der EBG «beitrat», hiess es, sie hätten sich von der Gemeinde für Christus, kurz GfC, abgespalten, weil diese «zu modern» geworden sei. Als Beispiele nannten sie, dass Frauen nun die Haare offen oder kurz tragen könnten, und auch Hosen erlaubt wären. Während das die modernen Lesenden aus dem Jahr 2023 (oder zukünftige Lesende aus anderen Jahren) überraschen oder gar schockieren dürfte, möchte ich kurz anmerken, dass dies zwar in der EBG nicht verboten, aber doch mit Nachdruck nicht empfohlen wurde. Auch von Schmuck (und natürlich Makeup) wurde abgeraten. Die GfC selbst stammt aus dem Evangelischen Brüderverein EBV, eine Freikirche, in der alles, wie eben was genau anzuziehen war, geregelt wurde. Im Reformprozess, der in den 2000er Jahren stattfand, schüttelte die GfC diese Regeln ab und symbolisierte das Abwerfen alter Regeln mit einem Namenswechsel. Aber wie stark hat sich die GfC wirklich modernisiert? Im Gegensatz zur EBG hat sie bereits eine eigene Webseite, die tatsächlich auch geupdatet wird, und die nicht so nichtssagend ist wie die EBG-Webseite, die irgendwo zwischen 2014 und 2016 für ein halbes Jahr online war. Ausserdem ist sie Mitglied beim Dachverband freikirchen.ch – seit letztem Jahr, zuvor waren sie «Beobachter» -, was bei der EBG unvorstellbar wäre. Die Modernisierung der GfC nachvollziehen scheint nur möglich, wenn man sich im Klaren ist, wie konservativ der Vorgänger Evangelischer Brüderverein EBV, und die konservative Abspaltung Evangelische Bibelgemeinde EBG sind. Und doch: Wie anders ist die GfC? Dafür wollte ich sie besuchen.

Die ersten zwei Versuche und ein nettes Paar

Bei meinem ersten Versuch, den GfC zu besuchen, stand ich zuerst in Zürich um 09:28, zwei Minuten vor Beginn, vor verschlossener Tür. «Heute ist kein Gottesdienst», hiess es. «Na toll», dachte ich und schaute nach, ob denn heute sonst irgendwo Gottesdienst wäre. Wetzikon habe um 13:45, also ging ich im Rahmen eines zweiten Versuchs dort hin. Erneut: Verschlossene Türen. Ich hatte die Webseite extra noch überprüft, aber irgendwas war los bei der GfC. Die Frage sollte sich um etwa 13:46 lösen, als ein Auto auf den GfC-Wetzikon-Parkplatz kam. Eine ältere Frau stieg aus und erkundigte sich, aus welchem Grund ich da wäre. Sie erzählte mir, dass heute die jährliche Konferenz in Steffisburg stattfände, und zudem ein neuer Gemeindeleiter eingesegnet werde. Am Morgen habe es in Wetzikon einen Livestream gegeben, aber die beiden hätten ihn aus persönlichen Gründen verpasst – und vergessen, dass es am Morgen war -, und so fuhren sie doch sicherheitshalber zur Gemeinde, um das Haus verschlossen und mich verwirrt vorzufinden. Sie versicherte mir, dass dies ein absoluter Ausnahmefall war. Dass ich genau dieses Mal Pech hatte, fand ich nicht schlimm. Ich redete lange mit ihr und erzählte ihr von meiner EBG-Zeit, aber nicht von Relinfo. Tatsächlich war es wirklich angenehm, mit ihr so lange zu sprechen. Es half, die Zeit – und mein Leiden – in der EBG aus einer neuen Perspektive zu sehen. Besonders, weil sie immer noch genügend konservativ schien. Jemand einer modernen Kirche hätte vielleicht nicht so viel Verständnis oder Einsicht gehabt, besonders, weil der enorme Konservatismus der EBG schwierig fassbar und schwierig erklärbar ist. Ich war doch noch nicht erwachsen und es dürfte einiges gegeben haben, das über meinen Kopf flog. Natürlich darf auch angemerkt werden, dass die Spaltung der Gemeinden nicht aufgrund von grossen theologischen Differenzen, sondern aufgrund von Reformen im Alltagsleben stattfand. Die beiden fuhren mich tatsächlich noch nach Hause und gingen in der Nähe spazieren. Sie versicherten mir zudem, dass der Gottesdienst nächste Woche stattfinden würde, und so stellte ich mich darauf ein, diesen zu besuchen.

Infiltration: ein Schlagzeug

Beim dritten Versuch klappte es dann. Ich war viel zu früh dort und entdeckte zwei Männer, einen, den ich als Prediger, und einen, den ich als «Gemeindemitglied mit möglichen administrativen Aufgaben» klassifizierte. Die beiden schienen im Gespräch vertieft zu sein und ich wollte nicht stören, aber beschloss dann doch, einzutreten. Das Gemeindemitglied bestätigte, dass sie sich nicht in einer Privatrunde befänden, und stellte sich beim Händeschütteln vor. Der Prediger stellte sich ebenfalls vor – als Beat (Strässler) – und erklärte mir, dass er erst gedacht hätte, ich sei ein Teil der Gemeinde. «Ich bin nicht von hier», fügte er hinzu und da wusste ich, dass auch die GfC noch dasselbe Rotationsprinzip verfolgte wie die EBG. Ein wenig stolz auf die gelungene «Infiltration» war ich schon, denn ich hatte bewusst ein Rock angezogen und die Haare zu einem Zopf gebunden. Klassisch EBG. Im Gegensatz zur EBG aber stand ein Schlagzeug auf der Bühne. Ein Schlagzeug bei der EBG ist unvorstellbar, ich musste ja damals mit dem Spielen aufhören, weil es zu «satanisch» war. Das Schlagzeug wurde zwar aktuell nicht gebraucht, nur eine akustische Gitarre, aber auch das fällt als Unterschied auf. In der EBG spielten Personen Klavier, Geige, Cello, Querflöte, auch Harfe, aber jemand, den ich kenne, hörte mit der E-Gitarre auf, um auf Klavier zu wechseln. Dies, obwohl eine akustische Gitarre vielleicht näher daran gewesen wäre. Ja, die Gitarrenspielenden der EBG meiner Zeit kann ich an einer Faust abzählen, ich kenne nämlich niemanden.

Eine kleine (Gross)Familie und ein Spion

Der Raum war gemütlich, eher klein, aber mit familiärer Atmosphäre. Die Stühle waren gepolstert, und hinten lagen Gesangbücher. Ich holte mir also ein Gesangbuch und blätterte darin. Das Buch selbst war neu, und während ich viele Lieder nicht kannte, fielen ein paar auf. Besonders die, in denen mehrmals «Jesus» gesungen wird. Das ehemalige EBV- und aktuelle EBG-Liederbüchlein, das ich habe, führt aber Lieder, die etwas heikler sind. Als illustratives Beispiel, der Refrain eines dieser Lieder, der geht wie folgt: «Vorwärts im Krieg, vorwärts zum Siege oder Tod, steht treu zur Blut- und Kreuzesfahn» (Anmerkung für nicht-konservativ-christliche Personen: Hier geht es um den Glaubenskampf, oder Glaubens-«krieg», wenn man es genau nimmt. Militärische Aspekte ignorieren wir am besten). Dieses Lied oder ähnliche fand ich im GfC-Buch nicht, was mich nicht störte. Der Raum füllte sich langsam und ich schüttelte alle Hände, wie ich es aus der EBG kannte. Wer fragte, dem sagte ich, ich sei auf Besuch da. Das Paar, das ich letzte Woche kennengelernt hatte, tauchte auch auf und die Frau schien erfreut, dass ich dort war. Sie schüttelte meine Hand und flüsterte, sie sässe hinten hin, damit die andere Frau, die dort sass, nicht allein sein würde. «Jööö», dachte ich und lächelte innerlich. Viele Personen kamen an diesem Tag nicht – wir waren fünfzehn, wenn ich mich nicht verzählt habe -, aber es darf auch kommentiert werden, dass Sommerferien waren, manche Leute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in die Kirche – oder den Gottesdienst – kommen, und natürlich war so schönes Wetter, dass ich es niemandem übelnehmen hätte können, lieber am See oder draussen zu sein als an einem Gottesdienst. Ausserdem ergab sich dadurch eine für mich sehr angenehme Atmosphäre.

Wunschkonzert und Amen

Die Struktur des Gottesdiensts war mir altbekannt. Es war genau wie bei der EBG, nur dass wir bei der EBG in meiner kleinen Gemeinde damals selten eine «Moderation» hatten. Bei grösseren Versammlungen mag das der Fall gewesen sein. Im Gespräch zwischen Prediger und Gemeindemitglied meinte letzterer aber, dass sie auch ohne Moderation können. Diesmal gab es aber eine, und es wurden einige einleitende Worte gesprochen, einige Bibelverse (alle aus dem Neuen Testament) genannt, und dann wurde gesungen – wobei wir ein Lied wünschen durften – und gebetet. Ein Lied wünschen zu dürfen, dies kenne ich aus der EBG. Das Schlimmste (oder Beste) war es, wenn unsere Gruppe von Jugendlichen gerade ein neues Lied für sich entdeckt hatte, und dies dann jedes Mal zu singen wünschte. Das wirklich immer Schlimmste war, dass einige der ersten gewünschten Lieder aber viel zu hoch begannen. Auch beim GfC wurde nicht eingesungen, das erste vorgeschlagene Lied wäre angenehm gewesen, aber war leider unbekannt, und das zweite vorgeschlagene Lied fing eben zu hoch an. Naja, man kann nicht alles haben. Wir beteten, gleich wie bei der EBG. Heisst: Es waren nicht Prediger und Moderator, sondern alle sassen hin, falteten die Hände, und jemand begann zu sprechen und betete, dann sprach die nächste Person, und dann die dritte. Dieser Gebetsstil ist mir aus der EBG bekannt und, sicherlich auch wegen der Familiarität, viel sympathischer als zwei Moderatoren, die auf der Bühne stehen und im Scheinwerferlicht beten. Bei der GfC fiel mir eins auf: Ich konnte bei jedem einzelnen Gebet «Amen» sagen. Ich sage grundsätzlich nur Amen, wenn ich mit wirklich allem einverstanden sein kann, und so ist es eine Weile her, seit ich das letzte Mal «Amen» gesagt habe. Aber den ganzen GfC-Gottesdienst durch fand ich keinen Grund, nicht Amen zu sagen. Somit ist es die erste für Relinfo besuchte Gemeinde, die konsequent meine «Amens» erhielt.

«Jesus!», und die Schlange starb

Die Predigt selbst handelte von Psalm 142, ein Gebet von David, als er sich in der Höhle vor Saul (der ihn umbringen wollte, da er fürchtete, selbst von ihm umgebracht zu werden), versteckte. Dabei auffällig – und wieder sehr EBG-mässig – war, wie stark Beat mit den Anwesenden interagierte. Er fragte, wie hell es denn in dieser Höhle sein hätte können, und wie laut David sein hätte können, während Saul, der ihn verfolgte, unwissentlich in derselben Höhle war. Nicht sehr, ansonsten hätte es wohl keinen König David gegeben. Im Psalm steht aber «ich schreie mit meiner Stimme», was David dort nicht machen hätte können. Der Verlauf der Predigt war durchaus derselbe wie bei der EBG: Der Predigttext wurde gelesen, dann wurde Vers um Vers erläutert, interpretiert, und anekdotisch untermalt. Vorteil bei der EBG war immer, wenn ich langsam nicht mehr sitzen wollte, konnte ich einfach schauen, wie weit wir im Text bereits waren, und einschätzen, wie lange es noch gehen würde. In diesem Fall war die Predigt nicht zu langwierig, aber es ist eben doch praktisch, eine solche «inhaltliche Uhr» zu haben. Beat sprach darüber, was geschieht, wenn wir «in unserem Herzen» Gott loben, und fragte die Runde, ob es denn die unsichtbare Welt (Engel, Dämonen, und, nennenswerterweise: der Teufel) auch hörten, wenn wir im Herzen singen würden. Die meisten sagten ja, und er widersprach dem, während er kommentierte, dass andere Meinungen in Ordnung seien. Zum Beleg erzählte er von einer Geschichte, die er kurz nach Erzählen über seine damalige Missionstätigkeit in Papua Neu Guinea (kurz PNG) – ein beliebtes Missionsziel der GfC, an dem viele meiner EBG-Bekannten zu EBV-Zeiten auch missioniert hatten – erwähnte. In PNG habe die unsichtbare Welt einen anderen Stellenwert als hier in der Schweiz. Anhand dessen, was ich in der EBG hörte, konnte ich dem nur zustimmen, auch wenn ich selbst nie in PNG war. Und so erzählte er die Geschichte eines Mannes – aber aus Indien, wobei ich den Wechsel von PNG auf Indien nicht merkte -, dem gesagt wurde, wenn er in einer misslichen Lage sei, soll er den Namen «Jesus» aussprechen. Und der Mann kam in eine missliche Lage, eine Schlange türmte sich nämlich vor ihm auf und er dachte, sein Leben sei vorbei. In dem Moment fiel ihm ein, Jesus zu sagen, und, hier inszenierte Beat ein wenig und stotterte (bewusst): «JJjjjj……esus». Bei diesem halb gestotterten Wort lief mir ein Schauer, nicht über den Rücken, sondern übers Gesicht, dann den ganzen Kopf und die Schultern. Als hätte mir jemand Wasser ins Gesicht geschüttet, aber ohne meinen Atem einzuschränken. Ich bin sicherlich jemand, die sich schnell auf solche Suggestionen einlässt, und doch fiel mir auf, wie es (mir) in dieser Gemeinde – die solche Erlebnisse nicht einmal predigt! – einfach so passierte, während Gemeinden mit grösserem Fokus auf den Heiligen Geist auf Musik zurückfallen mussten, um ähnliche Erlebnisse (bei mir) zu erzeugen. Dass mir die GfC sympathisch und familiär, aber nicht zu familiär war, und dies entsprechende Erlebnisse begünstigten könnte, muss aber angemerkt werden. Beat betonte, dass das laute Bekennen der Schlüssel zum Erfolg wäre, denn die Schlange fiel hinunter. Ich bin nicht mehr sicher, aber ich glaube, sie starb auch gleich.

Der Punkt der Predigt

Der Prediger nannte den Hauptgedanken seiner heutigen Predigt, nämlich: «Formulierst du ganz klar vor Gott, wie du dich fühlst? Sagst du Gott ganz klar, was du brauchst?» Den Ansatz der offenen Kommunikation gegenüber Gott war sowohl sympathisch als auch bekannt. Wenn man genügend reflektiert über seine Gefühle sprechen kann, um sie Gott mitzuteilen, kann dies auch in Beziehungen mit anderen Menschen helfen. Beat kommentierte auch «Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet», wie es im Jakobus 4, 2 steht. Dabei ist aber nennenswert, dass er dem Wohlstandsevangelium bewusst widersprach. Zu sagen «Gott, jetzt wandle ich schon dreissig Jahre mit dir und bin immer noch kein Millionär» sei unpassend, denn das sei nicht Gottes Plan. Ausserdem erzählte er die Geschichte des verlorenen Sohnes, der nach Hause kam und für den ein Fest gefeiert wurde, wobei der daheimgebliebene Sohn gar nicht erfreut darüber war. Ich bin nicht mehr ganz sicher, wo die Geschichte hineinpasste, aber ich mag die Geschichte. Zur Frage, ob wir Gott ganz klar kommunizierten, was wir denn wollten, nannte er eine Liste, die in etwa so ging: «Will ich frei sein von Neid, Eifersucht, […], oder von modernen Sünden, wie Pornographie, oder…anderes.» Dass er hier nur Pornographie als moderne Sünde, zusätzlich zu den (weiterhin existieren) «älteren» Sünden nannte, fand ich einerseits unterhaltsam und andererseits spannend. Die Verteufelung von Pornographie ist mir nichts Neues, aber dass er nichts anderes nannte, das erstaunte mich.

Ein vorbildlicher Grossvater und eine Gebetsliste

Am Ende der Predigt erzählte er noch von seinem Grossvater, der, moderner ausgedrückt, cool war, aber auf eine christliche Art. Eben ein Vorbild – Beats Vorbild, wie er erzählte -, jemand, zu dem man aufguckt, und dazu noch bescheiden. Jemand ging zu ihm und wollte sich von ihm heilen lassen (durch Gebet), da sie von anderen gehört hatte, dass der Grossvater sie durch Gebet geheilt habe. Jemand anderes sei auch zu ihm gegangen, aber nicht, um sich vom Grossvater heilen zu lassen, sondern weil der Grossvater Ältester war und in der Bibel steht, man solle zu den Ältesten gehen, und sie um Gebet bitten. Differenz: Eine legte ihr Vertrauen auf den Menschen, und wurde nicht geheilt, die andere legte das Vertrauen auf Gott und wurde geheilt. Wie ich später feststellen würde, führt die GfC auch heute noch das Ältestengebet auf Nachfrage der Kranken durch, aber mit der klaren Botschaft, dass Gott Heilung schenkt oder nicht schenkt, und sie nur ein Glaubensgebet halten. Fazit der Predigt war, dass klare Gebetsziele verfolgt werden sollten. Ein wenig unterhaltsam finde ich dies schon. Ich stelle mir vor, Gebetsziele in kurz-, mittel- und langfristig aufzulisten, jede Woche über die kurzfristigen, jeden Monat die mittelfristigen, und jedes Jahr die langfristigen zu besprechen. Es würde mich persönlich vermutlich glücklich machen, die ganze Zeit neue Listen aufzusetzen, aber die Vorstellung ist doch unterhaltsam, wenn sich die Gemeinde regelmässig trifft und eine Liste von Zielen aufsetzt. Das war aber nicht Beats Idee und ist nur meine eigene Weiterführung eines Gedankens seiner Predigt. Beat betonte zum Schluss auch, die Gemeinde solle «gemeinsam eins sein», und dann gebe Gott.

Ein Outing, und ein Vergleich

Nach der Predigt ging es weiter mit Gesang – wir durften wieder wählen – und Gebet – wer wollte, sprach. Wir empfingen den Segen und der Gottesdienst endete, doch es gab noch Zvieri. Ich erzählte also Beat von meinem Kommen – genau genommen erzählte ich den freikirchenkompatiblen Grund – und, weil es mir fast zu sympathisch war, informierte ich ihn auch, dass der zweite Grund für mein Kommen das Schreiben eines Berichts für Relinfo war. Da bedankte er sich fürs «Outen» und beantwortete während dem Zvieri und auf der Zugfahrt – wo wir in die gleiche Richtung fuhren – meine Fragen zu den Unterschieden GfC und EBG. Dabei meinte er, man verstehe die Gemeinde nicht, wenn man nur einmal komme. Das mag für alle Gemeinden gelten, aber ich muss sie ja nicht voll und ganz verstehen, um eine erste Einschätzung darzubringen. Als erstes Fazit kann ich sagen: Die im ersten Abschnitt genannten Aspekte, die wie anderes – beispielsweise die korrekte Kleidung in jeder Lebenssituation – anno dazumal vom EBV hart durchgeregelt wurden, die sind in der GfC nicht mehr. Die Mädchen trugen Kleider und Hosen, offene Haare, selbst Schmuck, auch wenn mir letzteres erst gar nicht auffiel (Beat machte mich darauf aufmerksam). Dass ältere Frauen, die vermutlich schon lange vor den Reformen in der GfC waren, sich an die Kleiderordnung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Die Kinder, deren Vater Beat und mich netterweise zum Bahnhof fuhr, diskutierten sogar darüber, ob es «Nauruto» oder «Naruto» heisst (es ist «Naruto»). Bei diesem Anime ist in der EBG wieder eine Verteufelung vorstellbar – Pokémon wurde ähnlich verteufelt -, und hier diskutierten Kinder einfach vorbehaltslos und ohne Kommentar der Erwachsenen über etwas, das, wie ich vermute, in der EBG auf merkwürdige Blicke stossen würde. Im späteren Gespräch mit Beat stellte ich fest, dass sie dies auch nicht wollten. Eltern sollen einfach genau hinsehen, was ihre Kinder anschauen, aber die GfC will bewusst keine Gesetze mehr.

Geistesgaben

Spannend war Beats Antwort, als ich ihn fragte, wie sie zu Geistesgaben stünden. Er antwortete dazu, dass sie glaubten, dass die Geistesgaben, die in der Bibel vorzufinden waren, existierten. Heisst: Sie glauben daran, dass Geistesgaben existieren, und dass Gott diese so verteile, wie er will, mit Verweis auf 1. Korinther 12, 11, Lutherbibel 2017: «Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will.» Hier verfolgt die EBG eine andere Interpretation, nämlich (sinngemäss) «wir leben in der Endzeit, und es steht, in der Endzeit werden die Geistesgaben verstummen, also gibt es sie heute nicht mehr».

Ein weiteres Gespräch

Ich fand den Gottesdienst der GfC sehr angenehm, sowohl wegen der Familiarität, aber besonders auch, weil Themen wie Homosexualität, trans Identitäten und Abtreibungen weder erwähnt noch verteufelt wurden. Gleichzeitig ergab sich aber doch die Frage, was denn die Position der GfC dazu ist. Und so kam es, dass ich nicht lange danach Beat kontaktierte und ihm meine Fragen am Telefon stellte. Klar wurde schnell, dass er keine detaillierten Auskünfte geben wollte – und mir auch bestätigte, dass er bewusst schwammig blieb -, und doch möchte ich gern schreiben, was er mir mitteilte.

Die Brenner: Homosexualität, trans Identität, und Abtreibungen

In erster Linie betonte Beat bei der Frage nach Homosexualität, dass die GfC offen für alle sei. Wer kommen will, wird willkommen geheissen. Gleichzeitig predigen sie aber auch «biblische Werte». Wer genau in welcher Situation wie genau reagiere, könne er nicht sagen. Ich fragte also, was er machen würde, wenn jemand, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, sich taufen lassen würde. Würde er diese Person taufen? Er antwortete darauf sehr entschieden, dass dies nicht Kriterium für die Taufe wäre. Kriterium sei, dass diese Person an Jesus glaube und sich zu ihm bekenne. Auf weiteres Nachbohren erklärte er mir, dass die Person all ihre Lebensbereiche Jesus unterstellt haben würde. Er betonte bereits hier, dass die Gesetzlichkeit, die uns beiden bekannt ist – mir aus der EBG, ihm aus dem EBV – nicht etwas ist, das die GfC vertreten will, und dass jede Person selbst von Christus geführt werden soll. Auch betonte Beat, dass er sein eigenes Kind oder Enkelkind unabhängig von seinem Lebensstil lieben und nicht verstossen würde. Ausserdem beruhe eine gesunde Beziehung auf mehr Kommunikation, man spräche ja nicht nur über eine Sache, sondern über tausend verschiedene. Zumindest, eben: in einer gesunden Beziehung. Bei den Konversionstherapien (die er immer «Konversationstherapien» nannte) kommentierte Beat, dass diese von gewissen Medien enorm thematisiert worden waren, und dass sie eine solche Therapie, wie sie in diesen Medien dargestellt werde, entschieden nicht anbieten oder unterstützen würden, oder dies jemals getan hätten. Es entspräche auch nicht ihrem Verständnis. Wer eine Veränderung im eigenen Leben wünsche, der könne Gott darum bitten. Aber es basiere auf reiner Freiwilligkeit und sie möchten weder Druck noch Zwang ausüben.

Ich fragte weiter und erkundigte mich nach ihrer Einstellung gegenüber trans Identitäten. Da fragte Beat nach, was genau ich meinte, und ich verwendete erneut das Beispiel des eigenen Kindes oder Enkelkindes, wenn sich dieses bei ihm outen würde und ihm erklärte, dass es sich nicht mit dem Geschlecht identifiziere, in dem es geboren wurde. Seine erste Reaktion darauf war, dass er die Gefühle anderer Personen respektieren möchte, und dass diese die Freiheit haben sollen, Veränderungen durchzuführen, auch wenn er selbst diese nicht vertrete. Ob er die neuen Pronomen dann auch wirklich verwenden würde, blieb für mich unklar. Was er aber kritisch sähe, sei eine Beeinflussung von Minderjährigen. Mit dem Gefühlschaos und den ständigen ändernden Meinungen, die bei Jugendlichen durchaus auftreten, wäre ein solcher Einfluss «zum trans sein» für ihn nicht vertretbar. Ich möchte hier durchaus anmerken, dass eine Geschlechtsumwandlung immer noch genügend strikt geregelt ist, dass man sie nicht einfach spontan im Vorbeilaufen organisieren könnte. Viele meiner Bekannten mussten regelrecht darum kämpfen, was ihnen viel Energie nahm.

Die Frage nach Abtreibung und deren Legalität beantwortete Beat, ohne eine halbe Sekunde zu zögern, mit «Wir sind klar fürs Leben». In der Schweiz ist es legal, und dies würden sie respektieren sowie die Freiheit anderer Personen, selbst abzutreiben.

Drama bei der Abspaltung?

Ich erkundigte mich nach der Abspaltung der EBG, und ob es «Differenzen» – als euphemistisches Wort für Streit – gegeben hätte. Beat war Gemeindeleiter – Präsident der GfC– zur Zeit der Reformen, der Namensänderung, und als die EBG sich abspaltete. Er erzählte mir, dass sie Differenzen hatten, aber eben nur im wörtlichen Sinne: Sonst hätte es auch keine Abspaltung gegeben. Die beiden Gemeinden hätten die Abspaltung friedlich geregelt, es fielen keine bösen oder lauten Worte, und die Differenzen scheinen primär aufs Gesetzliche ausgelegt zu sein. Ich stellte mir dabei vor, wie meine EBG-Bekannten mit Beat und anderen GfClern an einen Tisch sassen, vor und nach der Diskussion gemeinsam beteten, jeder mit der Bibel auf dem Tisch und, wenn es eine Diskussion gab, teils auch in der Bibel nachgeblättert wurde. Es war leider nicht so, aber sie seien an einem Tisch gesessen und hätten respektvoll, wenn auch angespannt, diskutiert, wie sie was machen wollten. Interessant fand ich, dass das ehemalige GfC-Lokal in Wetzikon an die EBG überging, und die GfC sich ein neues Lokal suchen musste. Beat erklärte mir, dass es bei diesem Lokal schnell klargeworden wäre: Der Vermieter besuchte die EBG und kündigte der GfC. Dies akzeptierte die GfC. Die EBG kaufte ihnen das Inventar ab, und Beat erzählte, dass die GfC auch den Mietzins, den sie üblicherweise noch länger hätten zahlen müssen, nicht mehr zahlen müssten. Nach den exakten rechtlichen Bedingungen erkundigte ich mich nicht. Ich fand es aber doch spannend, wie es ablief. Ausserdem, so erzählte mir Beat, sähe er sowieso EBG-Bekannte am Samstag. Das Konfirmationslager-Equivalent, das bei ihnen «Unterweisung(skurs)» heisst, ende, und sie hätten doch bei vielen Familien noch Verwandte in der EBG. Ich bin ja mal gespannt, ob ich später von der EBG was zur GfC höre.

Biblische Freiheit

Die nächste Frage bezog sich auf die Kinderliteratur mit Fantasyelementen. In der EBG war das klar nicht akzeptiert, meine Harry Potter Bücher musste ich damals wegwerfen. Beat betonte wieder, dass sie bewusst nicht gesetzlich wären, und dass sie Eltern ermunterten, genau hinzusehen, was ihre Kinder konsumieren. Hier galt wieder die Freiheit jeder Person. Die Entwicklung des Kindes sei zu berücksichtigen, was ja bei Filmen mit Altersangaben, wie beispielsweise «grusligen» Filmen, bereits ein Stück weit gemacht würde. Neben der bewusst schwammig gehaltenen Antwort gab es nur eines, das er klar kommunizierte: Okkultes sei in seinem Ursprung ganz klar gegen Gott. Dabei ist nennenswert, dass er nicht alles ansatzweise Okkulte in diese Ecke stellte.

Während der Beantwortung meiner Frage holte Beat seine Bibel und entschuldigte sich kurz dafür, dass es eben die Lutherversion (mit Luthervokabular) war. Ich verwende hier die Lutherbibel 2017. Er las vor, aus Galater 5, Vers 13: «Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.» und bezog sich auf 1. Korinther 6, Vers 12 (wo ich aber, wie Beat meinte, noch weiterlesen soll): «Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.» Ich merkte, dass er dieses Konzept schon von Anfang an meinte, jedes Mal, wenn er kommentierte, dass die Fragen sehr gesetzlich seien.

Beat fügte auch an, wer Sünde predige, müsse auch christliche Freiheit predigen können. Er betonte die Wichtigkeit dieser christlichen Freiheit, und dass die Gesetzlichkeit, die uns beiden, wenn auch auf eine etwas andere Art, durchaus bekannt ist, zwar gut gemeint ist, aber nur zu Leid und Not geführt habe. Das kann ich bestätigen: Wenn man für jede einzelne Situation seines Lebens eine Regel hat, dann wird einen irgendwann mal schwindlig. Besonders, wenn man niemanden zuhause hat, der es einem sagt, sondern nur von anderen darauf aufmerksam gemacht wird. Und auch wenn man jemanden hat: An alles halten kann man sich nie. Und dann leidet man an der «Regelverletzung». Ich verstehe, wie die GfC sich sehr bewusst von diesem Ansatz distanzieren will. Mich hat es auch immer belastet.

Der EBV stammt ursprünglich aus dem Blauen Kreuz, wo Prediger Fritz Berger sich vom Blauen Kreuz abspaltete und den Evangelischen Brüderverein, erst «Freies Blaues Kreuz des Kantons Bern», gründete. Berger war einst alkoholsüchtig, und so blieb der EBV lange sehr alkoholfeindlich. Die GfC verfolgt diesen Ansatz nicht mehr und erklärt, dass Alkohol zu trinken grundsätzlich nicht sündig ist. Wer aber merkt, dass er in eine Sucht gerät, dem würde Beat – wenn diese süchtige Person auf ihn zukommt – Alkoholabstinenz empfehlen. Beat selbst ist und war abstinent, was er auch in der Predigt erzählte.

Ein Fazit

Mein Eindruck ist, dass die GfC in ihrer Vergangenheit sehr viele Erfahrungen damit gemacht hat, was passiert, wenn man so viele Regeln hat und so klar definiert, was inwiefern wie stark sündhaft ist. Davon will sie sich jetzt, auch im Rahmen der Modernisierung, klar distanzieren. Sie glauben nur an das, was klar in der Bibel steht, und alles andere möchten sie nicht definieren. Dabei würde ich diesen Ansatz wie folgt in einem Beispiel darstellen: In der Bibel steht nicht explizit, ob ein schwuler Mann in gleichgeschlechtlicher Beziehung sich taufen lassen darf, oder eben nicht. Also sagt die GfC auch nicht, dass es nicht erlaubt wäre. Was nicht geregelt ist, das wird den einzelnen Personen und Gottes Führung überlassen. Ich denke, das ist auch ein Grund, warum mir persönlich die GfC so sympathisch ist, auch wenn ich viele Grundeinstellungen der Gemeindebasis vermutlich nicht mehr teile. Wer sich die Finger an einem Gesetz (nicht juristisch gemeint) verbrennt, wie ich es auch erlebt habe, der schätzt eine bewusste Distanz zum Gesetzlichen mehr als einfach weniger Gesetze.

Angela Heldstab, 26.07.2023

Lexikoneintrag GfC